„Wie erträgst/managst du das mit dem, dass es heute in der Realität keine Bedeutung mehr hat, aber die Gefühle trotzdem da sind?“ Das fragt overme unter meinem letzten Beitrag. Vielleicht ist meine Antwort interessant für andere.
Liebe*r overme,
ich habe heute die Haltung, dass es in der Realität Bedeutung hat, aber eine zeitverzögerte und deshalb eine andere als früher.
Du schreibst von Angst, Überforderung und Ohnmachtsgefühlen in einer Situation, in der es unpassend erscheint, sich so zu fühlen. Das muss man sich mal genauer anschauen. Denn: Was ist daran das Problem? Dass es unpassend erscheint oder dass es sich so anfühlt?
Bei mir ist das Thema, dass es von außen unpassend oder nicht nachvollziehbar erscheint, wie ich mich fühle ein massiver Trigger zu jüngeren Inneren. Deshalb bin ich sehr vorsichtig damit, wem ich mein Empfinden mitteile. Dabei achte ich dann auch darauf, genau zu wissen, was ich empfinde und wieso. Also, ob ich das fühle oder andere Innere; ob ich auf etwas Aktuelles (was passiert ist oder was ich gedacht, verstanden, überlegt, erfahren habe) reagiere oder ob ich Innere merke, die auf etwas reagieren, dass sie aus „ihrer Zeitlinie“ heraus (wieder)erkennen.
Diese Auseinandersetzung ist meine Art, „einen Fuß in die Tür zu kriegen“.
Das ist ja eine sehr „kopfische Herangehensweise“. Da geht es erst einmal nicht darum, ob ich da etwas Richtiges oder Falsches fühle und ob das angemessen ist oder nicht, sondern um eine Art Faktensammlung. Ich fühle mich sicherer mit meinen Gefühlen, wenn ich eine Art allgemeine Nachvollziehbarkeit für mich herstellen kann. Also – selbst wenn es komplett absurd erscheint, was ich empfinde, fühle ich mich schon sicherer, wenn ich verstehe, wieso. Und da brauche ich dann nicht die ganze Kette wissen (also zum Beispiel woran sich Innere erinnert fühlen oder wer jetzt konkret was befürchtet oder so), sondern es reicht mir zu wissen: „Ah, da habe ich (haben Innere) dieses gedacht oder wiedererkannt oder verwechselt oder für mich ist das so und so, deshalb ist da jetzt dieses Gefühl …“. Weil auch damit ja schon ein bisschen Dissoziation überbrückt wird. Die Gefühle bekommen damit einen Kontext und sind nicht so komplett isoliert, einfach da und „Tja, hier bitte schön, jetzt mal klarkommen“-mäßig überrumpelnd.
Ich notiere mir größere oder wiederkehrende Überrumpelungen auch – das gehört zu meiner Erforschung der Struktur der Dissoziation. Für mich kommts oft unzusammenhängend und chaotisch, aber in Wahrheit gibt es wirklich immer und in Bezug auf jedes Innen oder Thema ganz gut nachvollziehbare Reaktionsketten. Die kann ich schneller finden, je mehr Informationen ich habe.
Naja und wenn ich mich sicherer fühle, weil ich die Lage überschauen kann, dann mache ich die Dinge ängstlich. Weil zwar die auslösende Situation vorbei ist, aber die aktuelle ja läuft. Dann gehe ich halt ängstlich mit dem Hund raus und probiere aus, was ich noch an Gefühlen provozieren kann.
Ich bin zum Beispiel gut darin, mich mit meiner Ängstlichkeit des Todes zu nerven 😅 Das ist ein schmaler Grat zur Abwertung der Ängstlichkeit, aber einer, der aus Kompetenzbewusstsein kommt. Ich weiß ja, dass ich auch nicht ängstlich sein könnte in der Situation. Dass ich bestimmte Dinge kann. Mir fällt es leichter mich aus Genervtheit daran zu erinnern, als aus so einem Klangschalen-Meditations-Wir konzentrieren uns jetzt mal ganz auf unsere Stärken-Ding.
Und ich bringe Offensichtlichkeiten nach innen. „Jetzt mache dieses und jenes so und so, denn ich bin so und so, kann dies und das …“, „Zu Hause wartet X auf mich und macht wahrscheinlich gerade dies und das … Da werde ich dieses und jenes tun, denn Y wartet darauf, weil wir in diesem und jenen Zusammenhang miteinander stehen …“ Ehrlich gesagt, verschwindet die Ängstlichkeit dann früher oder später einfach. Auch ohne, dass ich sie gezielt angegangen bin. Mir hilft meistens viel mehr, wenn ich mich einfach nur versichere und nicht die ganze Zeit schaue: „Ist die Angst jetzt weg? Ist sie weniger? Wie fühlt sie sich jetzt an? Was merke ich noch davon?“
Das ist auch so ein Punkt, der aber auch nicht so einfach abzuhaken ist, richtig?
Weil man ja irgendwie auch weiß: Es wäre manchmal schon auch gut, wenn man sich kümmern würde. Oder das beachten. Angst ist ja meistens ein total wichtiger Anzeiger. Niemand hat einfach so Angst. Und Innere, die Angst haben – herzzerreißend. Da will man ja tüddeln. Die sollen ja wissen, dass alles gut ist.
Aber das gehört zum Punkt der versetzten Zeit.
Indem ich mich sehr auf meine Alltagsrealität konzentriere, verändere ich auch das, was diese Inneren von meiner Zeit wahrnehmen können. Und ob ich nun aktiv mitkriege, was sie neu erfahren oder nicht, ist für mich akut nicht so relevant. Ich muss solche Momente nicht nutzen, um die Tiefenwanderung in meine Kindheitserinnerungen zu machen. Ich kann – aber oft genug bringt mir das gar nichts, weil ich dann eh nur auf Fragmente treffe, die ungeordnet sind. Würde ich mich dann noch damit befassen, kann ich meinen Tag abhaken und die nächste Therapiestunde gleich mit, weil ich dann erstmal sortieren und ordnen muss – statt die Themen zu bearbeiten, die diese Sortage nicht erfordern (und mir eigentlich mehr helfen, meine Lebensqualität so weit zu verbessern, dass ich Kraft und Kapazitäten bekomme, um Fragmente zu sortieren und mich mit Erinnerungen zu befassen).
Wenn mein Alltag und meine Investition in die Reorientierung oder „Gefühlsauflösung“ bis Tagesende nicht geholfen haben, mich aus traumareaktiver Angst oder anderen emotionalen Flashbacks zu holen, dann gehe ich in die körperliche Betüddelung oder schaue, ob ich mich gegenüber meinem Partner öffnen kann. Also ob ich es abkann, von ihm umarmt zu werden, damit Innere eine Umarmung aus dem Heute in ihr Früher kriegen können.
Manchmal reicht mir aber auch schon einfach warm zu duschen oder mein Gesicht mit einem Waschlappen zu waschen. Oder meine Haare nochmal zu kämmen. Oder, wenn ich fühle, dass ich die ganze Zeit gegen eine bestimmte Körperhaltung zum Selbstschutz angekämpft habe, gehe ich kurz in die Haltung, lasse das Gefühl durchlaufen (ohne es weiter anzugucken oder zu analysieren) und gehe ganz bewusst wieder raus. Durchatmen, strecken, Geschirrspüler ausräumen, Quatsch wegräumen, Müll wegbringen.
Wir Rosenblätter haben krass viel Lebens- und Therapiezeit daran verloren, uns gegenseitig Druck darüber aufzubauen, diese „Gefühlswackler“ oder „Zuordnungsfehler in der Einschätzung der Gegenwart“ gefälligst zu verstecken, weil ja gar nicht real passiert (ist), worauf wir als Körper reagieren.
Weil das ja Symptome sind. Und ja eh auch alles schon vorbei. 🤪
Aber da hat auch ein Realitätsabgleich geholfen: Es gibt ja genug Leute, die auch sowas erleben und nie im Leben auf die Idee kämen, das wäre irgendwie krank oder komplett daneben.
Menschen lernen aus Erfahrung. Menschen leben lange. Da kommen viele Erfahrungen zusammen – die kann man jawohl auch mal verwechseln? Wer bestimmt denn, welche Gefühle worauf wie angemessen sind? Wenn ich etwas traurig finde, worüber sich jemand anderes totlacht – kommt dann die Gefühlspolizei und regelt? Nee – da kommt immer nur mein Erfahrungsschatz mit den Erwartungen und Konventionen, die ich bisher erlebt habe ins Spiel. Und mein erwachsener Erfahrungsschatz kann in der Situation, die du geschildert hast, passender sein als mein kindlicher oder jugendlicher. Muss manchmal mal nicht – aber meistens dann doch. Der ist einfach aktueller und passender zu den Lebensumständen jetzt.
Overme, ich hoffe, dass etwas für dicheuch dabei war.
Vielleicht mögen andere Leserinnen ja unten in den Kommentaren teilen, was für sie hilfreich ist.