„besser helfen“

Schnell zur Bewertung einer Situation zu kommen, ist überlebenswichtig. Niemand überlebt akute Bedrohungslagen durch Tiefenanalyse. Doch abstrakte Themen wie Helfen, Fürsorge, Miteinander sein können nur außerhalb von akuter Bedrohungslage konstruktiv bewegt werden.
Das ist Trauma 101: Wenn was brennt, trinken wir keinen Tee, sondern schütten ihn auf die Flammen. – Wenn der Brand gelöscht ist, trinken wir erstmal was, um uns zu erholen.
Wenn eins von beidem nicht oder nicht vollständig möglich ist, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer Traumatisierung, weil der natürliche Mechanismus der Stressreaktion bzw. -verarbeitung gestört wurde.

In der Interaktion zwischen Helfenden und (in der Kindheit) komplex traumatisierten Menschen entstehen manchmal reaktive Dynamiken.
Da ist die eine Seite mit komplex traumatisierten Menschen, die nach Triggern, die so unbewusst und subtil sind, dass sie überhaupt nicht eingeordnet werden können, in einem Bindungsschrei feststecken. Sie rufen nach Hilfe, setzen Himmel und Hölle in Bewegung, um nicht allein zu sein. Sie fordern und wollen, wünschen und bitten. Sind bereit, einfach alles zu tun, um ihr Leben zu retten – denn so fühlt es sich an. Als ob ihr Leben in akuter Gefahr ist.

Und da ist die andere Seite mit Helfenden, die über die Dauer dieses „Geschreis“ verzweifeln, weil sie einfach weder die Ursache finden noch beheben können; weil nichts von dem, was sie machen, keine Ressource, die sie aufbringen, zu helfen scheint und die Belastung kein absehbares Ende hat. Und: Weil sich zu erholen nach 8-Stunden-Schicht mit unvorhersehbar nötiger Überstundenzahl und eigenen Alltagsthemen praktisch unmöglich ist. Diese Leute kommen Tag für Tag/Termin für Termin mit einer leeren Teetasse in ein brennendes Haus.
So stellt es sich jedenfalls dar.

Solche Konstellationen führen zu den Dynamiken von Helfergewalt, über die ich hier bereits oft geschrieben und in Workshops und Vorträgen gesprochen habe.
Für beide Seiten geht es um alles oder nichts – beide Seiten werden so aktiviert, dass sie schnelle Bewertungen vornehmen, um handlungsfähig zu bleiben oder wenigstens die Illusion/das Gefühl davon aufbauen zu können.

Helfende, die sich in so einem Moment fragen „Wie kann ich besser helfen?“ haben oft noch nicht realisiert, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit leider noch gar nicht helfen.
Weil sie noch gar nicht helfen können.
Die Grundlage für Hilfe in so einer Situation ist die Fähigkeit zu erkennen, dass weder das Haus brennt noch die_r Klient_in in akuter Lebensgefahr ist. Und jede Möglichkeit nutzen und anwenden zu können, um Erholungsphasen traumabewusst anzubahnen, zu begleiten und abzusichern und zu integrieren. Sowohl für sich selbst als auch die_n Klient_in.

Klient_innen im „Bindungsschrei-Loop“ bewerten ihre Situation traumalogisch.
„Niemand ist für mich da/Ich bin allein“, „Ich kann nichts machen“, „Nichts hilft“, „Es wird nie enden“ ⇾ „Und deshalb werde ich sterben.“ Der Trigger ist in ihrem Bewertungsprozess gewissermaßen eingebaut. Der erste Auslöser hatte vielleicht noch etwas mit der Beziehung zu den Helfer_innen zu tun oder mit einem äußeren Umstand. Doch nach einer Weile wird der Einordnungsversuch zum Trigger-Perpetuum-Mobile, weil jeder Gedankengang mit der Bewertung der Lage als akut bedrohlich endet und entsprechend traumareaktives Wahr.nehmen, Denken und Handeln aktiviert.

Kommt man als helfende Person nun dazu und sagt: „Hey, du siehst das alles ganz falsch …“ fügt man eventuell das nächste triggernde Element hinzu: Das Absprechen der eigenen Wahrnehmung/ Verunsicherung durch Umdeutung von Außen
Und die nächste Runde geht los bei der_m Klient_in – und damit auch für die helfende Person, wenn die komplex traumatisierte Person etwa noch selbst- und/oder fremdschädigende Bewältigungsstrategien hat.
Helfer_innen, die ihren Auftrag gegenüber komplex traumatisierten Menschen vordergründig darin sehen, sie von der Wunderbarkeit des Lebens, ihrer Person oder anderen Dingen zu überzeugen, können so jahrelang anhaltende Loops mit ihren Klient*innen erzeugen, ohne jemals geholfen zu haben. Obwohl sie immer da waren. Immer alles gegeben haben. Immer alles möglich gemacht haben.

Traumalogik ist brutal.
Aus meiner Innensicht als komplex traumatisierte Person beschreibe ich sie als genauso tief und umfassend beruhigend wie ängstigend. Es gibt kaum eine andere Keule, die mich so weit aus mir raus wie in mich hinein schlagen kann. Bin ich darin aktiviert, ist es bis heute mit gezielter Anstrengung verbunden, sie zu reflektieren, zu prüfen, zu hinterfragen, abzugleichen.
Nun ist es mit Traumalogik aber nicht so wie mit Alltagslogiken, die sich aus vielen kleinen Aspekten und Wahrscheinlichkeiten entlang sozialer Bedingungen, Tageszeiten, Zustandsoptionen einzelner Elemente zusammensetzen und mehr oder weniger orchestral funktionieren.
Traumalogik ist 1 oder 0 und egal welche Seite man wählt, wird die gesamte Selbst- und Umweltwahrnehmung verzerrt zu dem, was man als in der Kindheit komplex traumatisierter Mensch am sichersten und einfachsten einordnen kann: eine potenziell lebensbedrohliche Umgebung
Eine Umgebung, in der man sich auf nichts und niemanden verlassen kann. Eine Umgebung, in der nichts ist, wie es scheint. Eine Umgebung, in der man um jeden Preis (wenigstens das Gefühl von) Handlungsfähigkeit aufrechterhalten muss.

Und das alles, ohne dass man sich dessen selbst bewusst sein kann. Denn das bereits in der Kindheit komplex traumatisierte Gehirn hat dafür Strukturen angelegt, als es noch keine oder nur wenig ausentwickelte Einordnungsfähig- und -fertigkeiten gab.
„Am Anfang war das Wort“ trifft für diese Personengruppe also nicht zu. Sprechen ist Miteinander. Bewertung (1 oder 0) ist überleben. Überleben ist Leben. Leben gewinnt immer.

Etwas von so umfassender Relevanz wie Traumalogik ist extrem energieaufwändig.
Diese Energie wird an anderen Stellen eingespart.  Der Selbstfürsorge-Skill kann komplett abgeschnitten sein. Funktionen, über die man im Alltag nicht nachdenken muss, werden plötzlich unmöglich. Der Miteinander-Modus kann massiv zusammenschrumpfen. Zum Beispiel auf den Bindungsschrei.
An dem Punkt ist es unerlässlich als helfende Person zu begreifen, dass die_r Klient_in gewissermaßen durchgehend und mit aller Kraft sendet – ohne die Antworten vollständig und richtig empfangen und einordnen zu können. Das hat nichts mit der Beziehungsqualität zu tun, nichts mit dem Vertrauen und nichts mit der emotionalen Bewertung der Person.

Es kann etwas damit zu tun haben, dass die_r Klient_in:

  • eventuell noch nicht weiß, wie das ist, wenn jemand (angemessen) auf den Bindungsschrei antwortet und wiederum mit Angst reagiert bzw. getriggert wird von der Antwort
  • eventuell noch nicht geübt darin ist, sozial angemessen auf Reaktionen von außen hin zu handeln
  • eventuell eine ganz spezifische Antwort erwartet (und davon abweichende Antworten nicht übersetzen kann)
  • am Ende der Kraft ist und der Kollaps kurz bevorsteht (oder bereits passiert ist)
  • der Auslöser in realen, chronisch stressenden Lebensumständen liegt (keine sichere Unterkunft, Finanzlage, soziale Sicherheit, dauerhaft überfordernde Ansprüche)

Die Herausforderung in so einer Situation besteht also nicht nur darin, „richtig zu reagieren“, sondern auch noch darin, dass jedes Reagieren gleichzeitig richtig und gut – und belastend und triggernd (und dadurch schnell als „falsch und schlecht“ eingeordnet) sein kann. Oder dass der Auslöser etwas mit Umständen zu tun hat, die nicht „weggetröstet“ oder „wegentspannt“ werden können, sondern ganz konkrete Zusammenarbeit erfordert. Es also gar nicht um Miteinander, sondern um Füreinander geht.
„Besser helfen“ ist zu diesem Zeitpunkt ein unerreichbares Ziel.

*

Ich verstehe, dass Menschen, die auch ich in diesem Text als „Helfende“ benenne, in ihrem Handeln immer Hilfe verkörpert sehen – beziehungsweise den Auftrag haben, ihr Handeln immer nur im Zusammenhang mit Hilfe zu sehen. Niemand geht in eine Hilfeeinrichtung, um Blumenerde zu kaufen oder die Haare gemacht zu bekommen. Andererseits kann Blumenerde zu kaufen und das Haar gemacht zu haben eine große Hilfe sein. Was also Hilfe ist, ist nicht in jedem Fall davon definiert, was der Beruf oder das Berufsbild oder die Stellenausschreibung als solche vorsieht.
Deshalb gibt es ja so etwas wie den „klient_innenzentrierten Ansatz“.

Menschen mit DIS, also i. d. R. frühkindlich komplex traumatisierte Menschen, benötigen diesen Ansatz in jedem Kontext von Hilfe, Begleitung, Betreuung, Unterstützung, Assistenz insofern als dass ihre Fähig- und Fertigkeiten der Ausgangspunkt sein müssen.
Viele Menschen mit DIS haben ein enorm uneinheitliches und sich zuweilen auch (scheinbar) widersprechendes Fähig- und Fertigkeitenprofil. Die gleiche Person, die nach einer Meinungsverschiedenheit über Kaffee einen emotionalen Zusammenbruch erlebt, bei dem sie das Verhältnis aufkündigt, alle Absprachen fahren lässt und sich dann verletzt, weil sie sich fühlt, als hätte sie niemanden auf der Welt und ihr Leben so nicht aushalten kann – die gleiche Person kann keine 10 Minuten später zur Schule/Arbeit gehen und Leistung bringen. Kann andere Menschen versorgen. Kann der Mittelpunkt einer Party sein. Und beides ist gleichzeitig wahr.
Allerdings aufgrund unterschiedlicher Funktionsmodi.

Ein Konflikt mit anderen Menschen aktiviert das Bindungssystem. Schule oder Arbeit kann das Kampf- oder Fluchtsystem aktivieren. Dass die Person also auch direkt nach dem absoluten Crash zur Arbeit geht oder etwas tut, von dem sie unter anderen Umständen sagen würde, dass sie es nicht kann, bedeutet nicht, dass die Person „nicht weiß, was in ihr steckt“ oder lügt oder „es sich in der Krankenrolle bequem macht“. Sondern, dass sie es im mittleren Erregungslevel nicht kann – aber wenn sie bzw. ihr Körper sich in Lebensgefahr wähnt schon.
„Klient_innenzentriert“ zu begleiten würde in so einem Moment also bedeuten, dass man (gemeinsam) registriert, wahr.nimmt, sammelt (und in der Traumatherapie bespricht) wann ein_e Klient_in etwas „geschafft hat“ und in welchem Modus. So lassen sich wertvolle Informationen darüber generieren, was wie viel Kraft kostet. Es ist keine neue Erkenntnis, dass Menschen, die sich in Lebensgefahr wähnen, weit über sich hinaus wachsen. Es kann aber eine wichtige Erkenntnis für ein Helfer_in-Klient_in-Team sein, wie viele Aktivitäten, die für die Mehrheit der Menschen zum normalen, mittelschweren Alltag gehören, von der_m Klient_in nur dann überhaupt möglich werden, wenn sie_r sich bedroht fühlt bzw. in einer Schutzreaktion steckt. Also im Überlebensmodus ist.

Meiner Erfahrung nach kommt man als Team kaum anders auch an den Punkt zu akzeptieren, dass Todesangst und Überlebenskampf auch in der Begleitung ohne Täter_innenkontakt und Gewalt oder chronisch traumatisierende Lebensumstände relevante Alltagsbestandteile sind.
Die_r Klient_in braucht diese Akzeptanz, um die eigene innere Mechanik begreifen zu können, um von einer Traumatherapie, wie sie in Deutschland überwiegend durchgeführt und kassenfinanziert wird, profitieren zu können.
Die_r Helfer_in braucht diese Akzeptanz, um sich selbst aus der Dynamik von Bindungstraumareaktion herausnehmen zu können und die gleichzeitige Wahrheit von (scheinbar) widersprüchlichen Verhaltensweisen annehmen zu können.

Die Zusammenarbeit muss also zu einem gewissen Maß immer darin bestehen, ein gemeinsames Wissen darüber zu haben, worauf – also auf welche Fähig- und Fertigkeiten – sich sowohl Klient_in als auch Helfer_in beziehen, wenn Handlungsvorschläge, Lösungsideen oder Anforderungen besprochen werden.

Wenn „Bindungsschrei-Loops“ etwas sind, das immer wieder passiert, es ist etwa eine Möglichkeit, die_n Klient_in in eine Umgebung zu bringen, in der immer „Schrei-Beantwortung“ gewährleistet ist. Zukunftsfähiger und Selbstbestimmung wahrend ist es jedoch, die_n Klient_in dazu zu befähigen, sich selbst zu regulieren und damit in die Lage zu versetzen, die Antworten, die auf „den ersten Pieps vor dem ausgewachsenen Schrei“ kommen, zu verstehen.
Das wiederum erfordert einen durch und durch stabilen Lebensraum. Immer vorhersehbare, nachvollziehbare Prozesse. Kenntnis und Sicherheit über alle Handlungsmöglichkeiten bei Abweichung. Klare Zuständigkeiten über Aufgaben, die mit der Sicherung und Gestaltung des Kontaktes und der Lebensumstände zu tun haben. Verbindlichkeit und Verantwortungsübernahme zu jedem Zeitpunkt.
Und das, während die Strukturen sind, wie sie sind: ein permanenter Trigger an Bindungstraumata, weil sie voller Bedingungen stecken, die nie sicher und für immer auch erfüllt werden können. Die Hilfe, die man also mal gewährt bekommt, bekommt man nie für immer.
Sie dennoch anzunehmen, sich einzulassen und auf ihre Wirkung zu vertrauen, ist ein unfassbar großer Ver/Zutrauensvorschuss. Den muss ein Mensch aufbringen, der unter Umständen nie zuvor im Leben die Erfahrung gemacht hat, dass so etwas überhaupt im Ansatz eine gute Idee sein könnte.
Auch dieser Umstand kann als empfindlicher Triggerpunkt während jedes einzelnen Kontaktes berührt werden. Egal, wie lange die Betreuung/Begleitung/Hilfe schon läuft. Egal, wie gut das Verhältnis ist. Egal, was für tolle, liebe, nette Menschen, die Helfenden sind. Und auch egal, wie gut die Hilfe prinzipiell ist. Hat sie Bedingungen, ist sie nicht zweifellos sicher.

„Besser helfen“ ist also auch unter den strukturellen Gegebenheiten nur mit einer Abwärtsbewertung erreichbar: Besser als nichts – was wiederum zu vielen weiteren ungünstigen Folgeannahmen und Haltungen führen kann.
Dabei ist das wichtigste doch das Helfen – die antragende, kompensierende Zuwendung zu anderen Menschen – das, worum es geht. Die Möglichkeit, die Realität, dass da eben nicht nichts und niemand ist.

Am Anfang jedes Lebens steht der Kontakt.
Dann kommt der Austausch.
Dann die Entwicklung.

Jeden einzelnen dieser Schritte muss man als Mensch im übertragenen Sinn kennen und können lernen. Bei Menschen, die sicher gebunden aufgewachsen sind, hat diese Phase früher und anders eingesetzt als bei Menschen, die ohne diese Sicherheit groß wurden – aber die Möglichkeit zum Kontakt besteht immer und bringt immer Potenzial mit sich, diesen Lernprozess durchzumachen.
Und das ist, was Hilfe generell wichtig und wertvoll macht.
Der Kontakt.

ent.täuschte Freund_innenschaften

Seit Sookie nicht mehr lebt, erkunde ich eine Einsamkeit, die mir sehr vertraut und gleichzeitig wieder neu ist.
Das ist insgesamt schwieriges Terrain, denn ich bin nicht mehr allein und das, was mich einsam macht, ist den nicht autistischen Menschen in meinem Leben kaum zu vermitteln.

Ich muss mich vor ihren schnellen Schlüssen in Acht nehmen. Aufpassen, dass sie nicht annehmen, ich würde sie meinen. Prüfen, ob sie annehmen könnten, ich fühlte mich zu Unrecht abgelehnt. Oder nur deshalb nicht gewollt, weil mich schon meine Eltern eigentlich nicht wollten.
Diese Art des ungeprüften fixen Schlussfolgerns in sozialen Fragen kenne ich von mir nicht. Auch nicht, wie unbewusst diese Urteile und Gedanken bei ihnen aufkommen. Es ist mir ein Rätsel, wie sie nicht erst überlegen, analysieren und prüfen müssen und wollen.

Es gab nach Sookies Tod einen Moment, in dem ich gemerkt habe: Wenn ich nicht allen meinen Freund_innen die gleiche Nachricht geschickt hätte, wüssten sie es nicht und hätten es vermutlich erst in einem Moment erfahren, in dem sie mehr als ein „Oh, das wusste ich nicht“ kaum einbringen würden. Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre später.
Ich hatte eine Teilverstreuung geplant. Alle Leute in der Stadt, die ich nur durch Sookies Präsenz im Leben hatte, sollten kommen. Der Termin ist geplatzt. Von 7 Menschen hat einer zurückgefragt, wann denn der neue Termin sein würde. Wie es mir inzwischen geht. Wie ich zurechtkomme, jetzt, wo so vieles anders ist.
Von den anderen kam keine Nachricht. Kein Anruf. Nichts.

Der Aufprall hat mich in einer verletzlichen Phase erwischt und einen weiteren Trauerprozess nach sich gezogen. Ich fühle mich in sehr alten Traumawahrheiten bestätigt und erlebe immer wieder auch, wie in mir das große Orchester der Beschämung, der Abwertung und Ewigkeitsannahmen spielt.
Alle Kontakte sind auf dem Prüfstand und es sieht nicht gut aus. Spaßfreund_innenschaften habe ich gar keine. Kontakte für Krisentalk und Selbstfindung einige. Ein Mal im Jahr treffe ich die Leute, mit denen ich mich verbunden fühle, weil ich ihre Podcasts höre und Trööts lese. Und der Rest sind Projekt- oder Themenbekanntschaften. Wir arbeiten miteinander.
Der neurotypische Schnellschluss aus so einer Aufzählung ist, dass ich das zu schwarz sehe. Dass ich die Kontakte abwerte, weil ich mich gerade abwerte. Meine Einschätzung hingegen kommt aus 2 Monaten Analyse, Prüfung und Abwägung. Einer genauen Gegenüberstellung von Quantität und Qualität, Wünschen und Realität. Es ist verletzend, wenn das einfach weggewischt wird zugunsten einer Spielart von „Du machst es dir selber schwer/Du nimmst das alles ganz falsch wahr – in Wahrheit …“

Was ich initial sehr oft falsch wahrnehme, ist die Art Kontakt, die ich mit anderen Menschen habe. Vor allem, wenn sie nicht von Konflikten geprägt, sondern immer freundlich und grundsätzlich nicht unbefriedigend sind. Wer mich nicht schlägt oder beschimpft, ist im Grunde schon ein_e Freund_in für mich. Also fast. Ich muss dann natürlich gucken, dass wir uns oft treffen, damit ich die Person lesen lernen kann, um sie sicher von anderen unterscheiden zu können. Ich muss mir ihre Hobbys und Themen merken, mich dafür interessieren und dazu einlesen, damit mich Gespräche dazu weder verwirren noch überraschen. Und dann muss ich natürlich immer gucken, dass ich immer möglichst angenehm für die Person bin – vor allem, wenn sie Freund_innen hat, die ich über sie_ihn kennenlernen könnte. Naja und dann passiert das schon irgendwie mit der Freund_innenschaft, ne? Ne?
Ja, nein. Natürlich nicht. Aber bei anderen Menschen passiert es eben doch ziemlich genau so. IRGENDWIE.
Außer bei mir.

Bei mir ist es immer so, dass ich mich bemühe und in verschiedene Stadien der Überzeugung einer Freund_innenschaft komme, aus der ich an mehr oder weniger relevanten Punkten meines Lebens mehr oder weniger krass verletzend ent.täuscht werde. Menschen, denen ich mich sehr nah fühle, zum Beispiel, weil ich seit Jahren ihre Krisenbegleitung bin, haben dann irgendwann eine ganz gute Phase und melden sich überhaupt nicht mehr. Oder erwähnen beiläufig, was sie alles mit anderen Menschen erleben und unternehmen – während sie mich nie danach gefragt haben, ob wir das miteinander machen wollen. Mit anderen arbeite ich über lange Zeit an super empfindlichen Themen in komplexer Art und Weise – doch jede Einladung zu mir nach Hause, jedes Angebot für gemeinsame Zeit, die nicht von Schwere und Komplexität geprägt ist, wird ausgeschlagen. Manche sind immer für mich da, wenn es mir so schlecht geht, dass ich Suizidgedanken habe, haben aber absolut kein Interesse an Kontakt, wenn es ihnen nicht gut geht oder mir einfach gut. Auch in diesen Kontakten gibt es keine Leichtigkeit, keine umfassende, runde, ausgewogene Ausgeglichenheit, was Kraftaufwand und Gewinn am Kontakt betrifft.
Und wie viele Kontakte habe ich mit Menschen, die sich immer vornehmen, sich bei mir zu melden, es aber nicht schaffen. Es sind zwei. Zwei Menschen, die mir so so wichtig sind, dass ich diese Verletzung hinnehme und immer wieder damit beruhige, dass Komplextrauma und ADHS in ihre Lebensrealität gehört. Und es richtig schön ist, wenn wir dann endlich den Kontakt schaffen.

Meine erste Ent.täuschung dieser Art erlebte ich mit 13. Kinder- und Jugendpsychiatrie, Gruppentherapie. Wir sollten über unseren körperlichen Abstand darstellen, wie wir unseren emotionalen Abstand zueinander wahrnehmen. Wer am Ende allein in einer Ecke stand und sich vorher mitten in die Gruppe, teils sogar sehr nah an Einzelne gestellt hatte, war ich. Die Beschämung und den Kommentar der Krankenschwester, die diese Gruppe geleitet hat, habe ich nie vergessen und im Laufe meines Lebens in verschiedenen Formen immer wieder gehört. Vor allem von Menschen, die mich überheblich oder intellektuell bedrohlich erlebt haben. Solche Momente eignen sich einfach hervorragend, um sich stark und überlegen zu fühlen. Gemocht und befreundet zu werden, ist in solchen Momenten nicht einfach nur ein Grundbedürfnis, sondern eine Ressource. Es wird zur Quelle von Macht.
Und während die meisten neurotypischen Menschen nicht einmal genau wissen, wie sie dazu kommen, wissen sie jedoch ganz deutlich, dass ich nicht mal nah dran bin. Und die Schnellschusserklärung dafür ist von je her, dass irgendwas an mir persönlich nicht stimmt. Ob Klassenkamerad_innen oder frühere Therapeut_innen, ob Leute in der aktivistischen Bubble oder aus der Selbsthilfeszene – selbst mein Partner sagt: „Naja du bist halt auch …“
Was diesen drei Auslassungspunkten folgt, ist nie schmeichelhaft. Nie nicht verletzend. Nie etwas, das ich unterlassen oder ändern kann. Es ist immer mein Autismus bzw. das Fehlen dessen, was Brit Wilzcek den „sozialen Autopiloten“ [1] nennt.

Eine neue Entwicklung habe ich jedoch bei meiner neuen Arbeitsstelle.
Da fühle ich mich in einen sozialen Nimbus aufgenommen, in dem Kontakt ist, was es ist: Kontakt. Freund_innenschaften und soziales Kapital spielen keine Rolle und das ist sehr angenehm.
Ich habe aber auch eine wachsame Stimme in mir, die mir sehr deutlich aufzeigt, dass ich bei der Arbeit überwiegend mit Autist_innen zu tun habe. Dass das eine Sonderwelt sein könnte, die zerstört wird, sobald sie nicht mehr gebraucht wird, als unwirtschaftlich gilt oder anders wertlos für andere (neurotypische) Menschen.
Ich kann mich da wohlfühlen – aber.

Ich kann nicht davon ausgehen, dass diese eine spezifische Einsamkeit, die sich aus der Kluft zwischen mir und nicht autistischen Menschen ergibt, irgendwann kein Teil meines Lebens mehr ist.
Das macht mich sehr traurig und führt zu einem ständigen Arbeitsaufwand für mich. Denn ja, den Mut nicht zu verlieren, die Hoffnung nicht aufzugeben, Freude an dem zu empfinden, was sich an Kontakten ergibt und was diese Kontakte dann jeweils für mich ermöglichen, ist Arbeit. Es ist unfassbar harte, zehrende Arbeit, Freude an einem Leben zu haben, das mit so einem unlösbaren Dilemma einhergeht und so viel Verletzungspotenzial hat.
Und sie wird nicht leichter, je besser ich sie benennen, verstehen und in ihrer Wirkung kommunizieren kann.
Zumindest im Moment nicht.

[1] Stimmen – Brit Wilczek | Teil 2
| Sozialer Autopilot, 3. Ebene und Wahrnehmung
| https://www.youtube.com/watch?v=Dz19jH1jk2s

gute Chancen auf Zahnshit

Vielleicht ist es ein Zahn. Unbemerkt verstorben in meinem Mund, entzündet meinen Gesichtsnerv reizend. Totenruhe neu interpretiert. Lang wirke das Modernde.

Gegen 1 kann ich es nicht mehr aushalten. Mein Nerv ist ruhig, der Zahn nicht. Mir ist schwindelig vom Schmerzmittel, es ist Montagnacht, mein Inneres summt. Am Sonntagmorgen hatte ich meine Sachen schon gepackt. Mein Magen, mein Bauch, mein Kopf, mein Gesicht, alles tat weh. Und dann nicht mehr so stark. Wir fuhren nicht ins Krankenhaus, sondern tranken lauwarmen Kamillentee zu zimmerwarmem Haferbrei. Schauten einen Film von 1985 und schliefen mitten am Tag 6 Stunden durch.
Die Wahrscheinlichkeit am Wochenende an einen Bereitschaftsarzt zu geraten, der die Gesamtlage falsch einschätzt, erschien zu groß. Mein Partner, dessen heftiges Bluthusten aus der kranken Lunge, initial für „aus dem Mund kommend“ gehalten wurde und ich, die_r bei egal welchem Notfall auch immer eine Psychodiagnose mit auf dem Zettel stehen hat, haben damit so unsere Erfahrungen. Und es ging gut.
Bis 1 Uhr morgens.

Ich begann nach dem zahnärztlichen Notdienst zu suchen. Ging runter, um meinen Partner zu wecken. Der war noch wach und schnell genauso verwirrt wie ich. Denn so einfach ist das mit der notfallmäßigen Versorgung mitten in der Nacht nicht. Schon gar nicht für Zähne, das offenbar allgemein zu vernachlässigende Spezialorgan des menschlichen Körpers. So kam es, dass wir um dreiviertel 2 vor einer dunklen Praxis standen und lernten, dass der Notdienst, der von Samstag um 8 Uhr bis Montag 8 Uhr zuständig war, in Wahrheit nur am Samstag von 10 bis 12 Uhr Patient_innen behandelte. Wie auch die Praxis, die für die Stadt Notdienst hatte.
Wir lernten außerdem, dass „Zähne nachts immer schwierig ist“. Und dass uns die 116 117 nur bestätigen konnte, dass eine Vorstellung beim Arzt dringlich angeraten sei – aber niemanden in ganz Niedersachsen vermitteln konnte.

Knapp – ganz ganz knapp – wirklich um Haaresbreite – entging ich einer wutbürgerlichen Empörungsentladung. Mein Partner blieb ruhig, konnte nicht glauben, dass das jetzt wirklich nicht zu lösen sei. Er googelte für Bremen, ich dachte an die anstehende Krankenhausreform, die die Versorgung von kranken Menschen verbessern soll, indem weniger Versorgungsangebot gemacht wird. Dann googelte er für Nordrheinwestfalen und ich nach dem Gefahrenpotenzial von dem Medikamentenmix, den ich bis zum nächsten Morgen noch einnehmen könnte.
Ich entschied, dass ich eine akute Magenruptur schon rechtzeitig mitkriegen und Ohnmachten, Leber- und Nierenüberbelastung überleben würde. Wir fuhren also nach Hause, um die nächsten 3 Stunden, bis wir uns auf den Weg zu meiner Zahnärztin machen könnten, zu überstehen.

Tatsächlich bin ich eingeschlafen. Ein Bett mit verstellbarem Kopfteil – Gold.
Als ich den Lattenrost damals gekauft habe, hatte ich an Schmerztage gedacht, an denen ich vom Bett aus arbeiten muss – nicht an Erstickungsängste und die Notwendigkeit, nicht so viel Blutdruck auf meine Zähne auszuüben. Trotzdem – gut, dass ich ihn habe. Er hat auch in dieser Situation sehr geholfen.

5 Uhr morgens fuhren wir los. Um 7 öffnet die Praxis. 120 km Hoppellandstraße, Bundesstraße, Autobahn. Erst im Dunklen, dann im Dunkelblauen, bald im Hellgrauen, besprenkelt mit immer mehr Beleuchtungspunkten. Ich strenge mich an, mit meinem Partner zu sprechen. Er soll nicht müde werden, sich gut mit mir fühlen. Ich möchte, dass er merkt, dass er das nicht wirklich umsonst macht, obwohl er es nicht-autistisch betrachtet, komplett umsonst macht. Denn natürlich hätten wir auch bis um 7 schlafen und dann wieder zu der Dorfpraxis fahren können, die wir in 10 Minuten mit dem Auto erreichen. Aber um 7 Uhr morgens hat auch meine Zahnärztin auf. Die weiß, dass ich eine konkrete Ansprache brauche, wenn ich Schmerzen habe, übernächtigt bin und Medikamente intus habe. Die weiß, dass sie mir schon mit Kleinigkeiten sofort Todesangst macht, die ganz real sind, in meinem Körper wirken und die Behandlung traumatisch werden lassen kann. Die weiß, dass ich bei ihr bin, weil ihre Behandlung in meinen Abwägungen darüber, was der effizienteste und am wenigsten belastende Weg ist, das Problem, das Unwohlsein, die Krankheit anzugehen.

Abwägungen wie diese sind vor allem in dem Umfang für nicht-autistische, nicht traumatisierte, nicht chronisch kranke Menschen oft nicht 1 zu 1 nachvollziehbar. Und ich habe das internalisiert. Meine Grundannahme in solchen Situationen ist bis heute: Ich stelle mich an, mache mich besonders, ich mache unnötige Umstände, ich überstrapaziere die Güte anderer Menschen, ich muss entsprechend ganz besonders dankbar, lieb, demütig sein. Alles organisieren, alles fürs Wohlbefinden derer tun, die mir helfen. Das ist das Mindeste und in Wahrheit – ganz unter uns – nicht im Ansatz genug.
Und diese Grundannahme ist generell. Betrifft also auch meinen Partner, meine Freund_innen, meine Therapeutin – alle. Immer. Und weil ich weiß, dass manche von ihnen davon verletzt sind, weil sie ja aus ihrer Sicht immer nur Gutes für mich wollen und vielleicht auch nie (bewusst) so über mich gedacht haben, habe ich auch ein schlechtes Gewissen darüber. Und weiß gleichzeitig doch sehr sicher: Diese Grundannahme ist so wenig falsch wie richtig.
Leider. Es ist einfach verflixt mit mir, meiner komischen Merkwürdigkeit m Autismus und dieser Traumasache. Das Generelle sitzt nie da, wo die stets Generalisierenden es erwarten und das Konkrete bestimmt das Konkretisierende, nämlich mich. Schwierig schwierig.

Zum Glück habe ich schon viele selbstbestimmte Entscheidungen treffen und absichern können.
Meine Freundin K. teilt Räume ihres Wohnraums mit mir, wenn ich in der Stadt bin. So kann ich sie an Therapietagen besuchen, bei ihr arbeiten und übernachten, wenn ich für die Arbeit noch weiter wegfahren muss. Und wir, mein Partner und ich können bei ihr auf ein Bett fallen, wenn wir um 7 Uhr morgens nach 2 Stunden Fahrt erfahren, dass wir erst um 11 in die Praxis können.
Nicht aufzuwiegen dieses doppelte eternal Glücksgold in life.

Der Termin selbst bringt nur einen Verdacht, noch keine ganz feste Sicherheit darüber, was den Nerv initial gereizt hat. Aber die Chancen stehen gut auf Zahnshit.
Mir wäre das ganz lieb, denn ich habe prinzipiell lieber lösbare Probleme bekannter Größe, als kompliziert bis unlösbare Probleme unbekannter Größe.
Nun beginnen wir also eine Antibiose und haben das Ziehen der Nervleiche im Zahn geplant.
Derweil betrachte ich im Stillen den Spaten, mit dem ich auch diesen Zyklus für meine Erschwangerung begraben muss und versuche meine Enttäuschung mit Rationalisierung zu lindern. Es soll einfach auch diesmal nicht sein. Irgendwas Gutes findet sich schon noch daran. Irgendwie. Bald. Hoffentlich.
Das wär schön.

Autismus und Bindung #3 /fin

Als ich erfuhr, dass meine Eltern meine Kassettenkiste weggeworfen haben, brach mir das Herz. Ich trauere bis heute um meine Sammlung und habe öfter über diesen Verlust geweint, als um den Umstand meine Familie verlassen zu müssen.
Meine Familie war mir nicht egal. Ist sie bis heute nicht.
Aber emotional, physisch wie psychisch sicher gebunden war ich an meine Sammlung und die Beschäftigung mit ihr.

Mein Geschwist hat Ähnliches erlebt. Es hatte als Baby ein Plüschtier geschenkt bekommen. 4 Jahre später war es von unseren Eltern zur Keimschleuder erklärt und ebenfalls in den Müll geworfen worden. Mein Geschwist war so unglücklich und wirr, dass meine Eltern es wieder herausfischen mussten. Wenn ich mich recht erinnere, war dieses Plüschtier auch noch da, als ich wegging. Säuberlich im Bett aufgereiht wie alle anderen Stofftiere, die mein Geschwist besaß.

Anekdoten wie diese können viele Eltern autistischer Kinder berichten. Manchmal schwingt in diesen Erzählungen eine Kränkung mit. Warum ist dieses olle nutzlose Ding so viel wichtiger für mein Kind als ich? Warum wählt es lieber die Beschäftigung damit als mit mir? Hat mein Kind mich nicht lieb? Merkt es denn überhaupt nicht, wie sehr ich es liebe? Unsere Liebe (unsere Ver.Bindung) ist doch viel wichtiger/wertvoller als dieser Gegenstand (dieses Thema).

Konfrontiert mit solchen Fragen, vor allem in einer engeren Beziehung mit anderen Menschen, fühlte ich mich früher oft als Psychopath. Als eiskaltes Herz. Monster. Als jemand, die_r anderer Menschen Gefühle für sich ausnutzt. Denn an meinen Bindungstendenzen hat sich bis heute nicht viel verändert.
Ich habe heute durch die Traumatherapie nicht mehr so viel grundlegende Angst vor Menschen und habe dadurch mehr Kraft und Interesse dafür, auch welche kennenzulernen und etwas mit ihnen zu erleben. Aber wirklich einfach so gern und unangestrengt ist das bis heute nicht.

Ich muss mir die Erfassung der Menschen als individuelle Menschen erarbeiten.
Bis ich jemandem sicher Stimme und Körper zuordnen kann, dauert es. Es ist leichter für mich Orte/Umgebungen mit Menschen zu assoziieren, weil sie diese Orte (und wie ich darin funktionieren muss) beeinflussen. So sind für mich zum Beispiel die Lehrer_innen in der Schule in erster Linie gleich wichtig wie Zettel und Stift, Tafel und Kreide – egal ob sie lieb mit mir sind oder nicht. Bevor ich sie nicht als individuelle, frei bewegliche Komponente „im Kopf zusammen bekommen habe“ sind sie für mich ein Teil des Systems „Schule“ und für mich daher nicht anders relevant als Zettel und Stift, Tafel oder Kreide.

Ich muss Arbeit investieren, um andere Menschen lesen und verstehen, begreifen und nachvollziehen zu können. Selbst wenn ich einen Menschen „im Kopf zusammen habe“ muss ich die individuelle Kommunikation in doppelter Übersetzungsarbeit leisten. Ich muss lernen, wie „sarkastisch“, „freundlich“, „lustig“, „ernst“ und so weiter bei dieser Person aussieht, klingt, riecht – und einüben, wie ich damit gut umgehen kann. Und zwar möglichst so, dass die Person sich nicht wie das Projekt fühlt, das sie für mich aber de facto ist.

Ich muss mir erarbeiten, was wir wann und wie miteinander machen können.
Unbewortete Grenzen kommen dabei ins Spiel. Darf ich meine Fahrlehrerin bitten, Pirouetten zu drehen, damit ich ihrem Rock beim Schwingen zusehen kann? Darf ich meinen Partner dazu drängen, mindestens zwei Mal täglich mit mir „Flügelschlag“ zu spielen? Kann ich die ganze Therapiestunde über mit meiner Kreiselsammlung spielen und die Therapeutin macht das mit dem Reden? Was – wir fahren nicht so oft in die Waschanlage, wie man gern in der Waschanlage sein möchte, sondern so oft, wie das Auto anders nicht mehr zu reinigen ist?
Was ich gern mache und sehe, erlebe und fühle, weicht von den Präferenzen andere Menschen doch erheblich ab und bietet häufig Anlass dazu, mich merkwürdig zu finden oder eigene Grenzen berührt zu fühlen. Da Konsens zu finden geht gar nicht ohne Arbeit.

Und ich muss mir erarbeiten, diese ganzen Vorarbeiten so gut zu schaffen, dass es nicht so anstrengend ist und ich meine eigenen Gefühle und Gedanken im Kontakt wahrnehmen und äußern, teilen und reflektieren kann.

Von außen sieht meine Kontaktanbahnung und das Halten dessen nicht unbedingt nach Arbeit aus. Meine dissoziative Identitätsstruktur verdeckt das meiste davon – auch vor mir selbst! Aber es ist da und ich wusste das auch schon immer auf eine gewisse Weise.
Dass ich in Anbetracht dessen sehr viel leichter in Ver.Bindung mit Tieren und Dingen gehe, ist wohl für alle logisch. Doch wichtig – besonders für die Menschen in meinem Leben, die das jetzt hier lesen – ist, dass es nur leichter ist. Nicht wichtiger. Nicht bedeutsamer.

Die Ver.Bindungen zu Menschen, die ich aufgebaut habe, sind mir wichtig. Ich habe mich zu dem Kontakt und also auch für die Arbeit daran entschieden und sehr viel Energie dafür aufgebracht.
Und natürlich geht auch das einher mit Schattenseiten.

Manche Menschen wissen nicht und werden vielleicht auch nie begreifen, wie viel Arbeit von mir in die Kontaktaufnahme und -gestaltung geht. Sie nehmen es als selbstverständlich hin und vergessen zuweilen selbst etwas in den Kontakt einzubringen. Oder sie kommunizieren mir nicht eindeutig, wie sie den Kontakt gestalten wollen. Dann verletzen sie mich damit, dass sie mir bestimmte große Ereignisse in ihrem Leben einfach nicht erzählen oder mich in schwierigen Lebensphasen ausschließen.
Manche Menschen nutzen meine Treue und Loyalität auch einfach aus. Wieder andere nutzen mein Wissen und meine Bereitschaft zur intensiven emotionalen Carearbeit für andere Menschen aus. Auch damit muss ich mir mehr oder weniger mühevoll einen Umgang erarbeiten.

Meine Kassetten waren nie so anstrengend.
Selbst die schwierigsten Phasen mit Sookie waren leichter.

Autismus und Ver.Bindung #2

Bindung ist ein Ergebnis von Kommunikation.
Von guter Kommunikation, von schlechter Kommunikation. Von Kommunikation, die mit beliebigem Adjektiv beschrieben werden kann. Egal, wie kommuniziert wird, es wird immer eine Ver.Bindung hergestellt. Auf Basis dessen werden die verschiedenen Kommunikationskanäle trainiert und ausgestaltet. Die Bindung, die Kinder mit ihrer Familie aufbauen, gilt als der erste Entwicklungsraum dafür. Man weiß, wie wichtig stabile Beziehungen zu Menschen sind, welche die Grundbedürfnisse der Kinder an.er.kennen und sie dabei begleiten, sie erfüllt zu bekommen. Wie wichtig es ist, dass die Gefühle von Kindern auch von außen wahrgenommen, eingeordnet und begleitet werden. Wie wichtig es noch bis in die Jugendzeit ist, beim Prozessieren bestimmter Erfahrungen und Gefühle unterstützt zu sein.

Bindung und Bindungsstörungen werden entsprechend häufig im Kontext von (früher) Kindheit und (komplexem) Trauma besprochen. Es gibt sehr viele Forschungsergebnisse zu den schwerwiegenden Folgen von Vernachlässigung und Bindungsstörungen. Und sehr viel Text zu Autismus als Bindungsstörung. Vor allem viel misogynen Text. Denn als erste und in den Leben vieler Menschen einzige Bezugsperson für Kinder galt die Mutter. Bis heute hält sich das Bild vom reinen, intuitiv richtigen Mutterinstinkt, der dafür sorgt, dass eine Person ganz einfach aus sich selbst heraus einem Kind ganz und gar gerecht werden kann. Und das mit Leichtigkeit, denn natürliche Reflexe und Instinkte, sind keine Arbeit. Nichts, was man bewusst und aktiv erlernen oder trainieren muss. Nichts, was auch etwas vom Kind oder dem sozialen Umfeld erfordert.

Ich weiß nicht und werde vermutlich auch nie erfahren, wie ich als Kind war. Als Erwachsene kann ich heute nur mutmaßen und von den Erinnerungen, die ich inzwischen an meine Kindheit habe, rückschließen. Im Wissen, um meine Traumawahrheiten, muss ich dabei auch darauf achten, mich nicht störungsverantwortlich zu machen. Ver.Bindung erfordert Kommunikation. Kommunikation erfordert Sender und Empfänger in Kongruenz. Die gleiche Wellenlänge sozusagen. Und die Fähigkeit, die eigene Wellenlänge auf das Gegenüber anpassen zu können.

Ich erinnere mich sehr deutlich daran, wie relevant der Satz „Das hab ich nicht gehört“ oder „Ich hab dich nicht gehört“ in meiner Kindheit war. Meine Eltern haben mich oft ohrenärztlich untersuchen lassen. Mein Gehör war jedoch in Ordnung. Heute kenne ich die ICD 10 Nummer F 80.20, die Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung [AVWS]. Heute verstehe ich, welche Annahmen andere Menschen allein aufgrund meiner Schreib- und Sprechfertigkeiten (Hyperlexie) hatten.
Und, dass sie falsch waren, ohne, dass ich irgendetwas hätte tun können, um sie zu berichtigen. Ich konnte sehr schnell sehr gut lesen und schreiben – und Worte sehr gut aussprechen – hatte aber ein unterdurchschnittliches Bedeutungsverständnis. Ein unvorstellbarer, nicht nachvollziehbarer Widerspruch für viele Menschen. Man verstand mich als clever, aufmerksam und sehr gezielt in allem, was ich als Sender_in ausgab. Niemand hatte eine Ahnung davon, wie sehr meine Kommunikation auf bloßer Wiedergabe ich-fremder Inhalte beruhte. Was nicht bedeutet hat, dass meine Kommunikation selbst auch ich-fremd war. Ich wusste, dass ich, um mit anderen verbunden zu sein, etwas sagen und auf das reagieren musste, was sie sagten. Und ich wusste, dass es relevant ist, was man, wem wann wie sagt. Die lautsprachliche Kommunikation war damit schon damals das Puzzle, das ich bis heute in jedem Kontakt zusammenbringen muss. Und auch ganz gut kann, denn mein Wort-(bildliches) Gedächtnis ist durch das viele Lesen seit meiner Kindheit umfang- und abwechslungsreich.

Als ich in der Grundschule mit Hörspielkassetten in Kontakt kam, trainierte ich unwissentlich auch meine auditive Wahrnehmung. Meine Kassetten waren das Spezialinteresse, das man bei mir übersah. Während mein autistisches Geschwist über Straßenbahnhaltestellen, Mülltonnen und Pokémon referierte und Plüschtiere im Bett aufreihte, sammelte ich Kassetten nach Verlag und Sprecher_innen und konnte jede einzelne mitsprechen, bevor ich ihren Inhalt auch verstand. Die Kassetten wurden mir das Hilfsmittel zur Barrierenüberwindung, wie es schriftliche Kommunikation bis heute für mich ist.
Die Kassettengespräche konnte ich so oft anhören, wie ich sie brauchte. Da bei einem Hörspiel immer auch mitgedacht wird, dass die Hörenden die Umstände eines Gespräches nicht aus der Körpersprache und der (sozialen) Umgebung schließen können, werden diese Aspekte explizit genannt oder beschrieben. Das war für mich, als würden im Hörspiel die „Störgeräusche“, die in meinem Lebensalltag immer wieder dazu führten, dass ich zum Beispiel meine Eltern „nicht hören konnte“, einfach ausgeschaltet sein. So kam ich in die Lage, Inhalte auch kontextuell zu begreifen und nicht nur wie eine Art Schnellfeuer aus Geräusch und Anspruch in einer Umgebung voller verschiedener Reizschnellfeuer und Ansprüche an die Reaktion darauf.

Als ich sehr klein war, hatte ich diese Hilfsmittel noch nicht. Die Wahrnehmungswelt in der ich er_lebte, stelle ich mir heute als zwangsläufig chronisch stressend, chronisch überfordernd vor. Die verbindende Kommunikation mit anderen Menschen als praktisch unmöglich. Ich nehme an, dass ich eventuell nie einen Unterschied „sehen“ konnte zwischen absichtsvoller Misshandlung und liebevoller Zuwendung.
Überhaupt zu verstehen, was gerade vorgeht – in welchem Kontext ich und das aktuelle Geschehen, in das ich involviert bin, passiert – ist bis heute die Herausforderung, mit der ich (wie andere Autist_innen auch) zu kämpfen habe. Und an der ich weitaus häufiger scheitere, als man es mir anmerkt, geschweige denn zutraut.

Das Ausmaß an Anstrengung, die mit der Kompensation dieser sogenannten „Kontextblindheit“ einhergeht, ist enorm. Das Ausmaß der Überlegenheit von Menschen, die damit keine Schwierigkeiten haben, ebenfalls. Ich bin darauf angewiesen, immer die Kraft dafür zu haben, Erlebtes und Erfahrenes analytisch zu prozessieren. Häufig als „overthinking“ missverstanden, ist es meine einzige Chance zum Selbstschutz und zur Anpassung im Kontakt mit anderen Menschen und gleichzeitig das Verhalten, das mir am häufigsten als Grund für meine psychische Belastung vorgehalten wurde.
Da der Kontext die Kommunikation zwischen Menschen maßgeblich bestimmt, gehen meine Kontaktschwierigkeiten, meine Ver.Bindungsprobleme mit anderen, entsprechend weit über Themen wie Vertrauen, einander mögen und die richtigen Worte im richtigen Moment hinaus.

Tieren hingehen, ist der Kontext oft weniger wichtig. Entsprechend viel leichter fällt es mir, mit ihnen in Kontakt zu gehen und in Ver.Bindung zu sein. Selbst wenn sie mich sensorisch überreizen oder der Kontext über unseren Kontakt hinaus diese Ver.Bindung nicht unterstützt. Um einen Hund zu verstehen, brauche ich mich nicht im Geringsten anstrengen. Ich weiß, dass Straßen scheiße laut und chaotisch unübersichtlich sind. Ich fühls – ein Hund muss mir das nicht erst signalisieren. Genauer gesagt weiß ich genau, welche Signale ich an einer Straße von einem Hund erwarten kann, um in der Annahme bestätigt oder korrigiert zu werden, wie der Hund den Moment erlebt.
Die Mischung aus „wenig Anstrengung“ und häufiger Kongruenz der Empfindungen in Alltagssituationen hat es mir sehr leicht gemacht, eine Ver.Bindung zu meiner Assistenzhündin aufzubauen und diese in ihrer Ausbildung und unserem gemeinsamen Alltag zu gestalten.
Mit ihr im Leben war es leicht für mich, mich generell mit der Welt und im Potenzial mit anderen Menschen verbunden zu fühlen. Jetzt, wo sie gestorben ist, habe ich diese Verbundenheitsgefühle nicht mehr.

Autismus und Ver.Bindung #1

Ein Alien zu sein, kam mir nie in den Sinn. Die Idee, auf dem falschen Planeten zu leben, erscheint mir bis heute merkwürdig. Jeder Planet, den ich kenne, wäre nicht bewohnbar für mich. Alle Planeten, die ich nicht kenne, sind so weit entfernt, dass meine Phantasie nicht reicht, um mir eine Geschichte zu dem Umstand meiner Anwesenheit auf der Erde zu erzählen. Als was wäre ich hier gelandet? Als Ausgestoßene_r oder Verlorene_r? Als Wander_in oder als Geflüchtete_r?
Manchmal wäre ich lieber ein Alien als ein Mensch, der sich fremd fühlt. Was damit zu tun hat, dass ein Alien zu sein für mich bedeutet, der Norm menschlicher Existenz entsagen zu können. Niemand weiß wirklich, wie Aliens sind. Man weiß nur, dass sie nicht sein können wie Menschen.

Möglicherweise kein Mensch zu sein, ist hingegen etwas, das mich schon lange begleitet. Eine Idee, eine Annahme, eine Er_Lebenswahrheit, die sich durch mich hindurchzieht und alle Innens mitberührt. Niemand von uns bezeichnet sich mit der Überzeugung, geboren aus täglich bestätigter Sicherheit, als Mensch.
Ja, da ist viel Traumawahrheit dabei. Aber nicht nur. Nicht einmal überwiegend.

Im Moment von Gewalt ist die eigene Menschlichkeit für mich immer die Schwäche gewesen, die ich nicht überwinden oder verstecken konnte. Der Grund, weshalb es weh getan hat, war meine Menschlichkeit. Der Grund, weshalb ich weinen, schreien, es nicht aushalten … es überleben musste, war meine Menschlichkeit. Der Grund, weshalb ich das alles konnte, war meine Menschlichkeit.

Im Moment des Lebens ist es der permanente Disconnect, das ständig zu berichtigende Mismatch mit anderen, das mich immer wieder so grundlegend in meinem Zugehörigkeitsgefühl zu Menschen verunsichert. Schon mein ganzes Leben lang. Egal, wo. Egal, worum es geht. Egal, welcher Kontext. Zeitraum. Ort.
Die Einsamkeit, die sich daraus ergibt, geht weit über ein ständiges Gefühl des Missverstanden seins oder Ungesehen seins hinaus, das so viele andere Menschen auch im Leben haben. Mit beidem könnte ich umgehen. Nicht gern. Natürlich nicht. Aber letztlich es ist leichter sich verständlich und sichtbar zu machen als sich miteinander in einer Weise zu verbinden, die jene Art der Zugehörigkeitsgefühle auslöst, die ich gern hätte. Die ich mit Sookie empfinden konnte.

Ich fühle mich der Erde zugehörig, weil ihre Pflanzen und Tiere, ihre Objekte und Phänomene mein Bindungspunkt sind. Auf einer Wiese voller Leben bin ich kein Fremdkörper. Im Wind, im Wasser, im Sand, im Licht stehend, kann ich mich so gleichzeitig mit dem Leben fühlen, dass meine Form und Funktion kein relevanter Aspekt ist. Ich habe in mir einen Modus, in dem ich so sein und bleiben könnte. Einfach so da, meinen Bedürfnissen folgend, im ständigen gegenseitigen Kontakt mit dem direkten Ummichherum.
Das ist kein traumanaher Zustand. Kein „reines, pures Innenkind, das mir das Schöne am Leben zeigt“. Kein dissoziatives Nirvana oder „mein wahres Ich“. Es ist ein Selbstzustand, den ich wie so viele meiner Macken und Gefährlichkeiten unterdrücke, um das Leben unter Menschen nicht merkwürdig oder abstoßend zu gestalten. Damit sie sich mit mir verbinden. Wollen. Können. Damit sie mich nicht verletzen, weil sie annehmen, sie wären unbedeutsam für mich. Ich sei emotional kalt. Würde sowieso nichts spüren.

Diesen Zustand zu unterdrücken, hatte ich als Kind überhaupt nicht und als Jugendliche_r noch nicht durchgehend drauf. Als Sookie da war, brauchte ich ihn nicht unterdrücken, weil unser Kontakt praktisch auf ihm basierte.
Jetzt merke ich das Gewicht, die Anstrengung dessen sehr deutlich. Merke, dass dieser Zustand immer auch damit zu tun hat, etwas zu prozessieren und in mir zu integrieren. Und dass ich ihn nur noch beim Schreiben ganz natürlich zulasse. Wenn ich allein bin, meinen totalen Gehörschutz trage und die absolute Kontrolle über die Gerüche und Texturen des Zimmers habe. Wenn es nur noch meine Fingerspitzen und Gedanken sind, die Verbindung herstellen.

Skill Regression

Das klingt wie ein langsamer Prozess. Jeden Tag ein bisschen weniger Skill. Tatsächlich aber ist es jeden Tag ein weiterer Skill, eine weitere Fähig- oder Fertigkeit, die ich nicht mehr zuverlässig abrufen kann. Die mich einfach verlässt und vielleicht, vielleicht aber auch nicht, wiederkommt.

Dazu gehören sichtbare Dinge – ich fahre im Moment so Auto, als hätte ich erst eine Fahrstunde gehabt – die sich aus dem Verschwinden unsichtbarer Dinge ergeben – ich komme mit der Reizverarbeitung nicht hinterher. Kann meine sozialen und meine Verhaltens-Skripte weder schnell genug aussuchen, noch prüfen, noch sicher mit der aktuellen Kommunikation und Situation in Einklang bringen.
Ich bin im Moment überwiegend wieder auf dem Stand der selbstleeren Reflexantworten aus der allgemeinen Satzbausteinkiste, sobald ein bislang nicht näher definierter Punkt überschritten ist. Und wann der überschritten ist, entscheidet der Punkt von sich aus.
Wieder prozessiere ich die Situationen und Gespräche des Tages mit stundenlanger, manchmal tagelanger Verspätung.

Ich kann keine Probleme lösen, weil ich die geistige Zusammenstellung der dazugehörenden Komponenten und Möglichkeiten nicht hinbekomme. Stellt mir jemand eine Wie-Frage, leert sich mein Denken, statt dass sich das für mich eher übliche Gedankengebäude aufbaut, in dem ich mich sonst bewege. Je nach Dringlichkeit der Frage breitet sich die Leere bis ins Sprechenkönnen aus und ich komme nicht einmal mehr an meine Phrasenkiste heran. Da ist einfach nichts mehr.

Skill Regression kenne ich bisher nur aus massiven depressiven Episoden.
So empfinde ich mich aber gerade nicht. Ich fühle mich nicht erschöpft und auch nicht depressiv.
Eher verwirrt und ängstlich. Isoliert auch. Mir ist oft langweilig, aber meine offenen Arbeiten sind zu schwer.

Mein Auto ist schon seit Wochen in der Werkstatt. Schwimmen oder ausgedehnte Spaziergänge sind entsprechend abhängig davon, wie ich das Angebot meines Partners mich immer zu fahren, in Einklang bringen kann mit seinem Wunsch nach Ausschlafen und nicht lange auf ich warten müssen. Das ist eine Wie-Frage. Ich schaffe es nicht, sie zu lösen. Mein Partner gibt mir keine Vorgaben, um meine Freiheit nicht einzugrenzen. Also passiert gar nichts. Die Häute in unserem Haushalt sind zu dünn für Streit darüber, wie belastend Strukturlosigkeit für mich ist. Und jedem Streit folgt eine Wie-Frage.

Ich würde gern den Begleitermenschen kontaktieren. Aber mit dem bin ich im Konflikt, weil wir immer nur Kontakt haben, wenn es mir schlecht geht und es sich zunehmend, wie ein Mitleidskontakt anfühlt. Auch wenn er vielleicht keins empfindet. Für mich entsteht dennoch die immer empfangende Rolle und die möchte ich nicht haben.
Jetzt wäre es gut, wenn ich einfach nur empfangen müsste. Aber es würde auch diese Rolle stärken.
Wie-Frage von the horizon, also passiert gar nichts.

Ich versuche mich selber damit zu trösten, dass es noch nicht so schlimm ist, dass ich nicht ständig nach außen so zerfalle, wie ich es innerlich bin. Als die neue Fahrlehrerin zum Beispiel dachte, es wäre eine gute Idee mich mit einem anderen Auto als sonst üben zu lassen. Als die neue Fahrlehrerin in dem neuen Auto passiv-aggressiv auf ihre Enttäuschung über mein schlechtes Fahren reagierte. Als ich in der Fahrstunde eine Panikattacke bekam, weil ich tatsächlich schon vor mir sah, dass sie mir wehtun würde. Als mein Partner nach dieser Fahrstunde sagte, ich sollte es abhaken. Als ich nach Hause kam und Sookie tatsächlich immer noch tot war.

Es ist ein Trost, von dem ich weiß, dass er mich nicht wirklich tröstet, sondern nur versichert.
Aber hey – wenigstens das?

der Meltdown in der Fahrstunde

„Eine schwierige Seite von Selbsterkenntnis ist, dass sie nicht alle teilen. Nur weil man selbst etwas über sich verstanden hat, haben das nicht auch alle anderen.“ Mit diesem Gedanken verließ ich die Schwimmhalle und lief zum Auto. Darin hatte ich anderthalb Stunden zuvor mit meiner Therapeutin telefoniert, nachdem ich meinen ersten öffentlichen Meltdown seit 2016 hatte. Während meiner vorletzten Fahrschulstunde vor der Prüfung.

*

Es ist schwierig offen damit zu sein, dass ich „so etwas“ habe. Meltdowns. Oder, wie es andere Menschen nennen: Ausraster. Nervenzusammenbrüche. Durchdrehen. Keine Beherrschung über mich. Es gibt viele Aspekte in meinem Leben, in denen Kontrollverlust eine Rolle spielt und jeder davon ist belegt mit Scham und einer sich darunter kristallisierenden Schicht Selbsthass.

Ein Meltdown ist scheiße. Es ist scheiße für alle um mich herum, wenn er passiert, weil er passiert – nicht wegen all der Dinge, die dazu führen, dass er passiert. Die sind nämlich immer mein Problem. Mein ganz persönliches, mein hochindividuelles Problem. So wird es mir jedenfalls oft von den direkt Betroffenen gerahmt. Klar, die hatten ja Angst. Vor mir. Vor dem Unbekannten. Die waren ja überfordert. Mit mir. Dem Unbekannten. Den Konsequenzen. Den unbekannten. Sie erleben sich nicht als Teil der Umstände, die zum Meltdown geführt haben, warum sollten sie also annehmen, sie hätten etwas damit zu tun?

Im schlimmsten Fall wollten sie mir nichts Böses, wollten nur helfen. Das ist für mich wirklich der allerschlimmste aller Fälle. Denn Menschen, die aus guten Absichten heraus handeln, können manchmal nicht annehmen, dass ihre Handlung vielleicht nicht gut ist.
Menschen können ihre guten Absichten nur mit viel Nähe vermitteln. Man muss einander sehr nahe stehen, um sich gegenseitig so wahrzunehmen und zu erleben, dass die Absichten eine relevante Rolle spielen. Menschen, die davon ausgehen, dass ich erkennen könnte, wie gut sie mir gegenüber eingestellt sind, gehen auch von dieser Nähe aus. Dieser gegenseitigen Perspektive, diesem gegenseitigen Verstehen. So nah komme ich Menschen in der Regel aber nicht, denn es kostet mich enorm viel Kraft. Die ich auch nicht lange aufbringen und halten kann. Die Absichten anderer Menschen werden dadurch zu Anmerkungen zur Übersetzung – nicht zum Rahmen der Grundhandlung, bildlich gesagt. Eine Lebensrealität, die die meisten Menschen einfach nicht teilen. Nicht verstehen.

Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich der einzige Mensch, der sich diese Annahmen aktiv denkt, aktiv im Bewusstsein hält, aktiv in die möglichen Antworten, Reaktionen und Optionen der Interaktion einarbeitet. Der einzige Mensch mit einem inneren Regal voller Skriptphrasen für Menschen, die es gut mit mir meinen und von mir via Sprache vermittelt bekommen müssen: „Ich weiß, dass du es gut mit mir meinst.“ Gerade nach einem Meltdown im sozialen Nahraum denke ich das und muss aufpassen, nicht in die Strudel jugendlicher Verzweiflungspaniken zu geraten. Dadrin denke ich nämlich auch, dass das nie aufhört. Dass ich gefährlich bin, mich fernhalten sollte. Dieses Vorhaben von Kontakt lassen sollte. Dass ich es nicht verdient habe, nach all den Chancen zuvor. Dass es ich es in Wahrheit vielleicht auch nie verdient, sondern immer nur geklaut habe. Dass ich nie genug bin und immer zu viel.

Dass ein Meltdown mir passiert wie ihnen, erleben die von mir oft überraschend und schmerzlich getroffenen Menschen nicht. Dass ich erst im Nachhinein und das nach einigen Stunden Analyse und Durcherzählen der Situation, selbst weiß, was die Anzeichen waren (und das eigentlich nur, wenn es um Situationen geht, die nicht zu weit von meinem Alltagsgeschehen weg sind) – und dies nicht bedeutet, dass ich den nächsten Meltdown abwenden kann – entspricht einfach nicht der Er_Lebensrealität der meisten Menschen.
Weil ich die Quelle ihrer Überforderung bin, weil ich ihre Wahrnehmung der Situation bestimmt habe, nehmen sie an, ich hätte über mich bestimmen können. Das ist ein Irrtum. Aber den Täter*innen Tätigen spricht man so etwas nicht gern zu. Ohnmacht. Angst. Hilflosigkeit. Vor sich selbst. Denn würde man das tun, dann würde das Schuldkonzept nicht mehr funktionieren. Verantwortung wäre schwieriger zu klären. Wieder.Gutmachung und Reparation müsste ein gegenseitiger Prozess sein. Alle wären Teil des Vorhers, des Geschehens und des Nachhers.

Ich habe zuletzt als Jugendliche auch andere Menschen im Meltdown verletzt. Bevor sich mehrere Erwachsene auf mich draufgeworfen haben, um mich mein Verhalten zu unter.brechen.
Inzwischen passieren die meisten meiner Meltdowns unsichtbar. Vor dem Computer, bei der Arbeit, manchmal im Laden, manchmal am Bahnhof. Deswegen unterscheide ich zwischen dem „öffentlichen Meltdown“ und „den anderen“.
Heute verletze ich mich nur noch selbst, denn eine erwachsene Person, die schreit, wird nicht angefasst. Ich kann mich selbst regulieren. Auch mit Selbstverletzung. Eine erwachsene Person, die man abstoßend, gruselig, gewaltvoll, ängstigend findet, lässt man alleine, um sich selbst zu schützen. Auch wenn es bedeutet, mich in einem schlimmen Zustand gewissermaßen zu verlassen, ist das für mich das Beste.
Wer mich in so einem Moment anders einordnet – sagen wir frech, enttäuschend unvernünftig, uneinsichtig, „in Wahrheit ganz kontrolliert/ganz bewusst um die Umstände“, narzisstisch motiviert, den eigenen Vorteil abzuringen – redet in der Regel weiter auf mich ein, kommt möglicherweise noch körperlich auf mich zu und/oder begrenzt meine Möglichkeiten mich zu bewegen oder die Situation zu beeinflussen. Diese Menschen merken nicht, dass sie mich in dem Moment sensorisch fluten und so gewissermaßen foltern. Meine Grenzen nicht nur berühren, sondern komplett ignorieren. Dass sie mir eine Einsicht abzwingen wollen, die ich nicht habe oder falsch finde. Dass sie ein Verhalten von mir fordern verlangen, das meinem Willen und mir zuwiderläuft. Sie meinen es nur gut. Oder haben Recht. In ihrer Logik, ihrer Wahrnehmung des Moments bin ich das Problem, weil ich ihre Hilfe, ihre Annäherung abwehre, mit der doch wieder alles gut werden könnte.

*

Es fällt mir schwer, aber ich habe einen aushaltbaren Punkt gefunden, seit ich meine „Zusammenbruch-Symptomatik“ als „Not-Aus“, das aktiviert wird, weil ich mich zu lange nicht traue, das „Stopp-Aus“ oder gar das „Ich fühle mich nicht mehr gut-Aus“ zu aktivieren, einordne. Niemand hat die Kontrolle, über das körpereigene „Not-Aus“. Darin bin ich anderen Menschen gleich. Alle Menschen haben so einen Punkt. Nur die Wege dahin sind unterschiedlich und unterschiedlich beeinflussbar.

Mein Wissen um mich und meine „Not-Aus“-Symptomatik hilft mir, eine Grenze zu anderen Menschen zu ziehen. Ob „nicht sprechen“, „nicht fühlen“, Krampfanfälle, Shutdowns oder Meltdowns – sie haben nichts mit den Personen um mich herum zu tun. Ich erlebe diese Symptome nicht, wegen der Leute und deren reiner Personality. Die Symptome sind keine sozialen Botschaften. Sie sind Körperreaktionen auf extremen Stress. Die Leute können es mir nur leichter oder schwerer machen, damit umzugehen. Und leider machen es sich Menschen, die einander nicht gut (genug) verstehen, ziemlich zuverlässig schwerer.
Und je älter ich werde, desto schwerer fällt es anderen Menschen, überhaupt in Betracht zu ziehen, dass ich mich nicht immer „zusammenhalten kann“. Die Lebenserfahrung ist ja eigentlich, dass man immer weniger von Dingen überrascht, erschreckt, erfreut, aufgeregt, empört, überanstrengt, überreizt … wird. Bei mir ist das scheinbar nicht so. Nicht wirklich. Eher habe ich manchmal den Eindruck, dass ich nach wie vor viele Situationen wie ganz neue Situationen erlebe. So, als ob ich sie noch nie zuvor erlebt hätte. Was ich ja – außer in dem äußert unwahrscheinlichen Fall, dass ich in einer Zeitschleife festhänge, in der doch alles exakt gleich wiederholt wird – auch wirklich so nie zuvor erlebt habe. Die wenigsten Situationen sind genau gleich. Es ist immer etwas anders. Entsprechend ist mein Stresslevel einfach immer etwas erhöht. Denn wo eine Abweichung ist, ist die zweite, dritte, vierte in der Regel nicht weit. Und auf jede reagiere ich gewissermaßen.

Seit Jahrzehnten lasse ich Menschen mit der Aufzählung von Abweichungen in Ruhe. Ich teile meine Beobachtungen nicht mehr. Lasse mir nicht anmerken, ob sie mich beunruhigen oder erfreuen. Ich habe in Kliniken trainiert, sie passieren und ohne Urteil ziehen zu lassen – bis ich gemerkt habe, dass ich das nur kann, wenn ich depersonalisiert bin. Ich habe verstanden, dass die meisten nicht-autistischen Menschen Abweichungen nicht von Unterschieden trennen und generell einfach mit sehr viel mehr Unschärfe zurechtkommen können als ich.
Ich schaffe viel Anpassungsleistung durch die Hinnahme und Kompensation dieser Umstände. Aber auch ein Gefühl falscher Sicherheit bei anderen im Kontakt mit mir. Ein Grund, weshalb Menschen von meinen Meltdowns und anderen Kontrollverlusten überrascht werden. Sie kommen für sie unerwartet. Aus heiterem Himmel. Sie haben keine Chance auf meine Selbsteinsicht und so auch nie auf mein Verständnis für die Dinge, die ich erlebe.
Andererseits wollen sie sie auch gar nicht haben. Sie können damit ja im überwiegenden Teil ihres Lebens gar nichts anfangen. Wozu also drum bemühen? Ich würde sie andersherum vermutlich auch nicht haben wollen, wäre ich nicht ständig und in allen Aspekten mit ihnen konfrontiert.

*

Zwei Dinge waren in dem Gespräch im Auto vor der Schwimmhalle passiert. Zwei hilfreiche Dinge.

Meine Therapeutin hat uns zu unserer Verletzung befragt. Ich war aus dem Fahrschulauto gestiegen und hatte mit der flachen Hand gegen eine Metallkonstruktion geschlagen. Das Hämatom ist etwa 2 2-Euro-Stücke groß und drückt auf die Sehnen vom kleinen und dem Ringfinger der Hand. Es tat immer noch weh und wurde im Inneren vor allem als Strafe gerahmt.
Das Interesse meiner Therapeutin hat das beendet. Eine Strafwunde wird nicht beachtet. Eine verdiente Verletzung nicht ver.sorgt. Böse Mädchen werden nicht gefragt, obs (noch) wehtut.

Außerdem hat sie jemandem, die_r es hören musste, gesagt, dass sie nicht glaubt, dass diese Situation mit mehr Anstrengung abzuwenden gewesen sei.
Für mich war das im Kontakt mit ihr versichernd – für das Innen erlösend. Mit diesem Gefühl von sozialer Klarheit in dem Kontakt, entstand genug Kraft und Sicherheitsgefühl bei mir, um mich in die lösungsorientierte Kommunikation mit der Fahrschule einzubringen. Ich konnte von missachteten Grenzen und verlorenem Vertrauen in den Fahrlehrer sprechen und akzeptieren, dass er um sich selbst kreist in seiner Überraschung und Überforderung. Durch die Versicherung meiner Therapeutin wurde der Kontakt zum Fahrlehrer (und der Fahrschulchefin) nicht zur einzigen Quelle von Wahrheit über die Situation. Ich wurde auch von jemandem gehört und das verlief nicht im Stummen, Uneindeutigen ohne jede Bedeutung.
Die Grenze zwischen den anderen Menschen und mir war wieder hergestellt, es entstand ein Gefühl von Ordnung und Klarheit. Wir haben eine Lösung gefunden, wie wir die letzte Fahrstunde vor der Prüfung machen und wann der Fahrlehrer und ich uns wiedersehen, um darüber zu sprechen. Wir werden uns vermutlich beide entschuldigen, ein Eis essen und wieder versichert darüber sein, dass wir einander wirklich nie Böses wollten. Und mit dieser Feststellung von Offensichtlichkeiten werden wir, befriedigt über die Bestätigung unserer Wünsche an die soziale Umwelt, auseinandergehen.

das Helferding

„Aus jeder Therapie nimmt man etwas mit“, dachte ich im Zug nach Hause „Aus jeder.“
Während die feuchtgrünen Felder und Wiesen am Fenster vorbeiglitten, dachte ich an unser erstes „Mami-Ding“ und daran, was für ein verkorkstes Scheißding das insgesamt war. Kinder- und Jugendpsychiatrie, halb von zu Hause weg, halb mittendrin. 3 Suizidversuche überstanden, den 4. schon in Planung, gerade entlassen, aber doch noch zu Gesprächen mit der Psychologin hinbestellt.

Sie war klein, hatte dunkle Haare und Augen. Sie hatte nichts Blendendes an sich, nichts Überforderndes. Die Gespräche waren ruhig, auch wenn sie es nicht sein konnten. Und irgendwann wollten sie nicht mehr von da weg. Wollten immer nur noch da sein. In dieser Ruhe, dieser Anwesenheit, die nichts überreizte, niemanden überforderte. Vielleicht ginge das? Vielleicht könnten sie für immer bei ihr bleiben? Sie waren ja eh nicht gewollt zu Hause. Aber bei ihr waren sie ja immer willkommen.
Alles wäre besser, wenn sie ihre Mutter wäre.

Ich spürte R.s Druck im Oberkörper, während ich mir ihre Erinnerungen daran ansah. „Alles wäre besser gewesen, wenn wir damals jemanden gehabt hätten, die_r uns im Leben willkommen geheißen hätte.“ Sie verkrampfte und drehte sich aus unserem Kontakt.
Ich weiß aber auch so, wie es weiterging.
Jemand hatte es der Psychologin gesagt und sofort bereut. Einerseits, weil der Verrat gegenüber der Familie* so ungeheuerlich war, dass er von den Dunkelbunten sofort bestraft wurde und andererseits weil die Psychologin sich abgrenzte und keine Termine mehr anbot. „Nichts gewonnen – alles verloren“, sagte Z. deren vibrierender Puls halb in meinem verschwand. „Ab da gings nur noch bergab.“

Bergab, das klingt, als wären sie damals noch auf einem gewissen Niveau gewesen. Hätten nicht schon die Arme zerschnitten, die Schullaufbahn kaputt, die Familienbande zerfetzt, den Glauben an ein lebenswertes Leben zerstört gehabt. Aber es stimmt irgendwie doch. Sie konnten nicht mehr so tun als ob. Diese so kraftgebende Fähigkeit haben sie verloren. Sie konnten sich selbst nichts mehr vormachen. Sich keine Idee mehr von einem Kontakt machen, der etwas zum Besseren verändern könnte.
Also haben sie es nicht mehr gemacht.
R. hatte sich in ihrer Abwehr bestätigt gefühlt, Z. keinen Kontakt mehr nach Außen. Das ganze System wurde von dem, was sich in der Zeit praktisch wie von selbst entwickelte, überschrieben. Heim- und Klinikablauf förderliches Funktionieren während Täter*innen zufriedenzustellen waren, war wichtiger. Ob als Klapsleiche oder Jugendliche_r, die_r einfach immer gut mitmacht, um gut mitzumachen, weil das Leben ja erstmal aus nichts anderem mehr bestand, war keine Wahl, die sie getroffen und auch nicht gelebt haben.

Ich schaute mir noch ein Mal die Liste der unausgesprochenen Dinge zur Psychotherapie an. Die hatte ich zusammengetragen, weil wir in unserer Therapie besprachen, wie wir woran arbeiten können in der nächsten Zeit. Die Krankenkassenstunden sind verbraucht, wir warten und hoffen auf den FSM.

Wir haben feste Positionen für die Psychotherapie und den Kontakt mit der Therapeutin.
Eine davon war bis vor einigen Monaten noch, dass wir solche unausgesprochenen Dinge nicht aussprechen. Egal, ob wir seit 12 Wochen oder 12 Jahren mit jemandem in Kontakt sind.
„Es ist gefährlich – man verliert einfach zu viel, wenn man solche Dinge sagt.“, das war Z.s Argument, als wir uns damit befasst hatten, ob wir diese Liste wirklich machen und mit der Therapeutin teilen. „Wenn wir heute etwas verlieren, ist das nicht so umfassend wie früher“, argumentierte ich – die gut schnacken hat, weil sie ja eh keine Ahnung hat, wie R. sich ganz richtig und gewohnt frustrierend einbrachte.
Ich habe es dann doch gemacht. Schließlich sind wir nicht nur wegen all der Dinge, die uns gesagt wurden, sondern auch wegen all der Dinge, die nie gesagt wurden in Traumatherapie.

Unsere Positionen haben fast alle etwas mit Performance, mit Kommunikation und Interaktion zu tun.
Keine davon zwingt unser Gegenüber zu etwas, alle beziehen sich auf uns und das, was wir zulassen können. Wir leben nicht nach Schweigegeboten und unterliegen auch keinen Redeverboten – aber wir schützen uns vor Verletzungen und Gefahren, die durch Transparenz entstehen.
Schon das zu teilen war schwierig. Obwohl es so logisch ist. Und überhaupt kein Geheimnis oder etwas, das sonst wie überraschend für unsere Therapeutin oder irgendwen sein dürfte. Aber mit dem Aussprechen wird nicht nur unsere Position sichtbar, sondern auch die Angst und die Nichtbereitschaft dafür, Verletzungen hinnehmen zu müssen. Der Umstand, dass wir etwas wollen, aber nicht … so.
Nicht so wie A., die sich von einem Behandler hat missbrauchen lassen, wie Z., die sich von einer Behandlerin hat wegstoßen lassen, wie ich, die sich nie gegen die Fehlannahmen und Falschbehandlungen von Behandler_innen gewehrt hat – immer mit der Traumawahrheit im Kopf, es gehöre dazu, dass es weh tut. So sei es nun mal. Dieses Leben. Als Patientin, als Geholfene, als Empfänger_in, die froh sein kann.

So viel von unserem Behandlungsweg war in sich traumatisierend schmerzhaft und so viel von dem motivierenden Selfcaresprech, der mir mitunter begegnet, setzt gewissermaßen eine Bereitschaft zum Schmerz voraus. Therapie soll nicht schön sein. Angenehm. Die soll weh tun, die soll mich von meinen Illusionen runterholen, egal welcher Natur sie sind. Die soll mir alle möglichen irrigen Annahmen klarmachen und mir helfen, zu neuen Ansichten zu kommen.
In all dem ist die Beziehungsebene zu meiner jetzigen Behandlerin aber nie als Teil der Beziehungsgeschichte betrachtet, die ich mit früheren Behandler_innen hatte.
Wir konnten gut in die gemeinsame Arbeit einsteigen und drinbleiben, weil wir keine zwischenmenschliche Beziehung aufgebaut haben. Sie war und wird von uns immer wieder dahingehend gedacht, dass sie Teil des Raumes ist. In gewisser Weise also eine Art Möbel, das zur Interaktion und Kommunikation fähig ist – aber nicht zur Verletzung. Sobald wir damit konfrontiert werden, dass sie ein Mensch ist, kommen wir in Stress. Weil Menschen einfach zur Verletzung fähig und wir damit in Gefahr sind.
Diese Realität weit genug zu verdrängen und sich dennoch zu öffnen für die Arbeit ist herausfordernd und ich glaube so auch nur möglich mit einer dissoziativen Störung.

Nun ist das Ziel aber die Dissoziation in meinem Leben weitgehend zu entstören.
Ich muss schauen, auch jetzt noch, nach der ganzen Arbeit und allem, ob die Dissoziation meiner Therapeutin nicht doch langsam auch eher störend, als hilfreich ist.

Getriggert.sein

„Aufgewühlt“, das Wort brachte mein Partner ein, als ich ihm sagte, was in mir vorging. Ja, „aufgewühlt“, das kam diesem Gefühl nahe. Blubbernder, wälzender Treibsand, der mich in ein unendlich dumpfleeres Blaugraugrün ziehen würde, wenn ich ihn nicht bald verlasse.

Mir gefällt es, wenn ich neue passendere Worte unter den Bedeutungsschirm „getriggert“ schieben kann. Denn was soll das denn eigentlich sein „getriggert“? Doch immer nur „angestoßen“, „berührt“, „ausgelöst“ … und – „angefasst“ im unangenehm nahen, wahrhaften Wortsinne.
Ich aber war verwirrt, uneindeutig, innerlich hin- und hergeschoben zwischen Er.innern und Er.wachsen. Wusste, dass der Text, den ich lektorierte, nicht deshalb triggerte, weil er Vergewaltigung zum Thema hatte, sondern, weil ich vergewaltigt worden bin und seine Inhalte meine harte Alltagsschutzschale berührten.
Eine auslösende Berührung, das ist ein Trigger. Die Triggerreaktion ist alles danach.

„Ich bin getriggert“ wollte und will ich auch heute nicht sagen. Ich bin nie getriggert. Ich bin nie die Reaktion auf einen Trigger. Ich bin das Ergebnis einer Trigger.reaktion – in meinem Selbstempfinden aufgrund der DIS und selbst das eigentlich nur gewissermaßen – aber „getriggert“ ist kein Adjektiv für mich.
Es ist ein diffuser Begriff, genutzt als soziales Adjektiv. Gemacht nur, um anderen zu sagen, dass man gerade „was mit Trauma hat“, aber nicht, was. Eine widersprüchlich anziehend abstoßende Kommunikation.

In mir waren mehrere Prozesse ausgelöst worden.
Vor dem Tag, an dem ich den Vergewaltigungstext bearbeitete, hatte ich in dem Buch „Ist das okay?“ gelesen. Ein Kinderfachbuch zum Thema des sogenannten „sexuellen Missbrauchs“. Darin gibt es Texte und Fragen, die man sich offenbar selbst irgendwie beantworten muss. Wie, dahinter bin ich bislang nicht gekommen. Die Antworten stehen nicht im Text. Oder ich habe die Texte nicht verstanden. Oder mir fehlen bestimmte Eckpunkte im Grenzverständnis. Oder ich habe dieses Buch lesend zeitweise keinen Zugang zu meinem erwachsenen Grenzverständnis, weil mein kindliches Grenzverständnis irritiert, verwirrt … aufgewühlt … berührt und aktiviert wird. Vom Thema. Vom erinnernden Thema.

Der feste Boden unter den Füßen meines Gemütes war also schon in Bewegung. Oder – weniger so formuliert, als wäre mein Gemüt ein eigenständiges Wesen, das sich meiner Kontrolle entzieht, was es mir leichter machen würde, mich in der Traumawahrheit zu bestätigen, dass ich eh nie Einfluss auf mein Empfinden (oder irgendwas sonst) habe –
Ich war bereits in einem geistigen Prozess von Verarbeitung, von Neuordnung, von Konfliktbewusstsein und – lösung.ssuche. Logisch, dass meine Alltagsschutzschale nicht die 100 % meiner Energie bekam. Sie war nicht so stabil, ich war nicht so stabil. Ich war nicht mehr hart und starr – sicher wie ein Leuchtturm im Sturm oder Grundmauern in der Erde – sondern in Bewegung ohne Plan, Struktur, Halt, Anfang, Ende. Eine Bewegung, die von Natur aus sehr viel Ähnlichkeit mit dem todesängstlichen Greifen ins Leere, dem Schreien in globale Stille, dem Leiden ohne absehbares Ende des Traumas hat.
„Ich bin getriggert“, sagt überhaupt nichts über diese Bewegungen aus. Nichts über die mühevolle Konzentration in die Ruhe hinein, die man im Umgang mit dem mentalen Treibsand des Traumaerinnerns braucht. Das so viel anstrengendere ruhig in die Luft Reinatmen, statt in sie hineinzuschnappen. Nichts über das Misstrauen gegenüber den eigenen Gedanken zur Situation, das einerseits zwingend nötig ist, um Traumawahrheiten zu erkennen und andererseits ohnehin schon immer so sehr da war, dass man eigentlich nie weiß, welcher Gedanke nun richtig ist und welcher nicht.

„Getriggertsein“ bedeutet für zu viele Menschen zu viele unterschiedliche Dinge. Es ist keine zuverlässige, keine konkrete, sichere Zustandsbeschreibung. Der Begriff kann nur der Zuordnung dienen. Und auch das nur in sozialen Kontexten, in denen ein kongruentes Verständnis vom Zuordnungsrahmen besteht.
In einer Welt, in der der Begriff des Triggers aber beliebig und willkürlich genutzt wird, kann er eigentlich nur der eigenen inneren Ordnung zuträglich sein. Er kann helfen, eine erste Grundordnung vorzunehmen. „Hier das Okaysein, hier das Getriggertsein, dort das Happysein.“ Oder: „Hier das Freundinsein, hier das Getriggertsein, dort das Richtigsein.“
Geben wenige zu, aber ja, hier deute ich an, dass „Getriggertsein“ auch eine soziale Rolle bekommen kann. So etwas passiert und viele schauen verächtlich darauf, weil sie es gleichsetzen mit einer Opferidentität. Die man als Opfer aus Gründen des Ableismus niemals entwickeln, haben oder verkörpern soll – obwohl genau das in dem Prozess der Bewegung, der Verarbeitung einer Berührung (von einem Trigger) mit den Menschen passiert, ob sie wollen oder nicht.
Für mich ist die innere Ordnung wichtig. Auch meine innere Zu.ordnung.
Deshalb schätze ich es, wenn mir neue Worte zur Beschreibung angeboten werden. Wie „aufgewühlt“.

Ich meine – wie großartig ist, dass man Dinge auch mit vielen Worten eingrenzen und konkretisieren kann? Wie schön, dass es nie nur des EINEN Zauberwortes bedarf, um zu vermitteln, auszudrücken und durch das Sprechen auch zu verkörpern, was man aus.sagen will? Wie gut, dass man nicht auf bloße Substantivierungen des Traumasprechs setzen muss, um traumabedingte Belastungen sichtbar zu machen.
Man denkt so oft, dass man besondere Worte für diese besonderen (diese besonders schlimmen, unangenehmen, peinlichen, unfasslich, unendlich erscheinenden) Gefühle, Gedanken und Erfahrungen wählen muss, aber das stimmt überhaupt nicht. Man muss nur die finden, die passen und die, die verstanden werden.
Und anerkennen, dass das manchmal nicht die gleichen sind.