Fundstücke #16

Wenn ich Eines aus der Woche in die Therapiestunde hinüberretten wollte, dann war es, was ich dann doch eher fahrig herausfaserte als es stabil wie ein mittelgroßes Bäumchen in das Stück zwischen der Therapeutin und mir zu pflanzen: “Könnten Sie für uns in der Klinik anrufen und fragen, wie der Stand ist?”.

Eigentlich wollte ich nur das. Nur das. Weil ich in der ganzen Woche in einem matschigen weißen Rauschen herumgewatet bin und nichts spürte, was mich so fahrig und zwischen thematischer Superabsorbtion und völliger Depersonalisierung oszillieren ließ.
War es die Erkältung? Das “viel zu tun”? Das Warten auf Nachricht von der Klinik? Das viele “nicht allein sein”? Der Konflikt im Fotokurs?

Irgendwann hilft nur noch das systematische Ausschlussverfahren durch Stressorenabbau.
Gesund werden, anfallende Arbeiten durchstrukturieren, Klinikfrage klären, regelmäßiger reflektieren wie viel Kontakt mit wem wie lange wirklich okay ist und entsprechend regulieren, in den Fotokurs gehen und wenigstens für das Wesentliche miteinander sprechen.
Fazit dieses Vorgehens: Erleichterung
Veränderung des Befindens: Nein

Zwischendurch blitzen Paniken bis zu mir vor, die dann aber doch ohne Gesicht bleiben und genauso schnell wieder gehen, wie sie gekommen sind. Seit Kurzem bricht etwas in meinunser Leben ein, dass wir als “Täterenergie” bezeichnen, weil es nicht genug ist für ein Innen. Weil es so viel Wucht und ES ist, das es nicht einmal Gedanken zu haben scheint. Das ist etwas, dem nicht mit einer Kognition zu begegnen ist. Und zu Selbstverletzung führt.

Während die Therapeutin meine Anmerkung eigentlich selbst in der Klinik anrufen zu müssen – aber…, mit einer Hand wegwedelte und dem Freizeichen zuhörte, dachte ich, wie praktisch das ist, dass sie mit den Rosenblättern in den letzten 3 Jahren schon so oft diese “Ich weiß, ich müsste das jetzt können, aber ich kann nicht und ich hasse mich dafür und orr wieso kann ich das nie und orr ich bin so scheiße – ich werde das können, weil ich bin so orr und arrgh und – naja –” – Kreisel miteinander hatten und deshalb für uns alle immer öfter ausbleiben können.

Als ich die Praxis verließ, dachte ich darüber nach,  wie wenig mir die Fähigkeit zur Abstraktion dabei hilft Ideen zu entwickeln, wie eine Begegnung mit solchen “Täterenergien” oder auch aufblitzenden Paniken aussehen könnte.
Ich fragte mich, ob das matschige Rauschen im Innen Emotionen sind. Oder die Emotionen anderer Innens. Oder der Rand der Kognition. Oder das Ende der Worte.

Ich habe mich gefragt, ob ich Angst davor habe, in so eine Begegnung zu gehen und gemerkt: Nein. Eigentlich habe ich eher eine Furcht davor, dass es eine andere Art der Begegnung sein könnte, als die, die ich gewohnt bin: als Beobachterin – abstrakt, intellektuell, ordnend, Worte findend

In unserer Therapie gab es häufig Begegnungen, in denen sich abgesprengte Emotionen oder Innens im Status als eine Art emotionale Lawine entpuppten, die alles unter sich begruben. Und ich stand daneben. Dokumentierte das Geschehen Wort an Wort und legte Zeugnis darüber bei Therapeut_innen ab, welche die zum Teil verheerenden Auswirkungen über den Umstand der Existenz meiner Worte definierten – nicht über die Abwesenheit der Worte anderer Innens und ihrer inneren systematischen Zugehörigkeit.
Wir haben nie darauf bestanden in unserer Unterschiedlichkeit anerkannt zu werden. Als unterschiedliche Systeme. Als auch unterschiedliche Funktionssysteme.  Beziehungsweise als Teile davon.

Die moderne Technik macht Vergleiche möglicher. Wenn ich heute Menschen sage: “Ich funktioniere nach Windows Vista – wo wir hinmüssen, gibts aber nur ein DOS-11.”, verstehen mehr Menschen als noch vor 10 bis 14 Jahren, was genau mein Problem mit der Ausführung einer Begegnung im Innen ist.
Es geht dabei nicht um eine Angleichung von Fähig- und Fertigkeitenniveau – es geht um die Produktion eines passenden Emulators für ganz spezifische Ansprechbarkeit eines ganz spezifischen Bereiches dessen, was erreicht werden will.

An einer Stelle geht es auch nicht um emotionale Phobie oder willentlich steuerbare Vermeidungsimpulse. Das kann ich sagen, weil ich einerseits eine Furcht empfinde – diese sich jedoch gar nicht auf das Traumamaterial bezieht, sondern auf eine allgemeine Veränderung meines Erlebens unter Einfluss eines Innens oder einer Energie aus einem anderen (Funktions)System. Es geht um einen Selbstschutzmechanismus, der, wie in der Psychologie üblich, mit Emotionen belegt wird – meiner Ansicht nach jedoch auch mit der Neuroplastizität des traumatisierten Gehirnes zu tun hat.
Um erneut die Metapher mit den Betriebssystemen von Computern zu bemühen: Nach den ersten Computerviren hat man sich zum Einen darum bemüht diese abzuwehren (Vermeidung), zum Anderen aber auch angefangen Programme zu entwickeln, die das Betriebssystem vor unerwünschten, weil schädlichen Veränderungen schützen (sollen).

In unserem Fall sehe ich die bloße Existenz unserer unterschiedlichen Funktionssysteme, als reaktive Schutzmaßnahme im Rahmen der Möglichkeiten.
Die Option einen Teilbereich (vielleicht eine einzelne Anwendung oder einen einzelnen Order) für die kognitiven, emotionalen, allgemein bioaktiven Aspekte der Traumatisierungen bereitzustellen, ohne den Rest zu gefährden, gab es nach einer Weile vielleicht einfach nicht mehr.
Es gibt neurologische Sollbruchstellen, die in die Lage versetzen können autark von einander zu funktionieren. Das Betriebssystem muss aufgrund der ursprünglichen Konzeption von ganzheitlich verfügbaren Ressourcen jedoch zwangsläufig jeweils ein Anderes sein. Das ist meiner Folgerung aus den letzten Forschungen nach eher effektiv lebenserhaltend, als phobisch vermeidend und damit in Teilen das Dilemma der DIS und ihrer Therapie.

Denn es geht um eine Balance zwischen der Anbahnung und Reizung des traumatisierten Gehirnes eine Reorganisation und Angleichung der verschiedenen Funktionssysteme vorzunehmen, gegenüber der Aufrechterhaltung grundlegender Funktionen, welche jedoch ganz direkt an Selbsterhalt ebenjener Systeme gebunden sind.
Für mich ist das zu trennen von willentlichen Entscheidungen oder emotional aufgeladenen Überzeugungen von uns Innens.

Es ist zu einfach zu sagen, es gäbe Innens, deren Stärke die Kognition sei und deshalb präferiert benutzt und phobisch vermeidend vor traumanahem – konkret re_agierenden Innens. Es ist zu einfach, weil es verkennt, welche grundlegenden Unterschiede es in den jeweiligen Betriebssystemen gibt und welche Optionen etabliert sind, um diese zu kompensieren.

Am Abend lag ich mit dem Hund auf dem Bett und verfolgte die langsam über unserem Kopf ziehenden Seidentücherfeen.
Ich bemerkte, dass ich nicht am Ende der Worte stehe. Wo ich stehe, beginnt nur das Leben und Funktionieren von anderen als mir und das matschig durch meine Wahrnehmung fließende Rauschen ist, womit ich selbst auch wieder neu anfangen könnte.

die kernigen Haferflocken

Inmitten all der Diagnosendebatten und Auseinandersetzungen wie facettenreich Autismus ist, direkt schräg neben den Auseinandersetzungen und Diagnosedebatten um die DIS, sitze ich vor uns und starrte auf den bunten Haufen neuer Aspekte, die sich scheinbar wie von selbst vermehren.

Die Kombination DIS und Autismus ergibt in der Googlesuche irgendwie nur unbefriedigenden Quatsch bis hanebüchenen Unsinn. In den meisten Büchern zu Autismus bemerke ich das Ausblenden der Lebenskontexte der betreffenden Personen. Die maximale Fokussierung auf Fähig- und Fertigkeiten. Individuelle Wuchsrichtungen aus einem nicht benannten, nicht erkannten, nicht erfassten Grund heraus.
In den meisten Büchern zu Traumafolgestörungen tauchen behinderte Menschen und ihre Fälle nicht auf.

Dazwischen klicken kleine Glieder von Assoziationsketten in meinem Kopf ineinander und verwandeln sich in “Herr Trigger”, der an den Regalen mit unseren noch nicht verarbeiteten Erfahrungen rüttelt und mich immer wieder in Flashbacks bringt.
Ich blende die Lebenskontexte ein, in denen wir uns befanden und ich komme immer wieder an Ideen unserer eigenen Beteiligung an der Gewalt an uns. Verstehe, was wir für andere Menschen immer wieder für ein schmerzlicher Dorn sein müssen, weil wir weniger verschnörkelt, weniger diffus, weniger abstrakt agieren und sind und gleichzeitig unempfindlicher an bestimmten Stellen.

Versuch mal jemanden über etwas zu demütigen, das dieser Person völlig egal ist. Und dann fragt dich so eine Person auch noch: “Ja, und?”, weil sie dich gar nicht versteht und du gar nicht verstehen kannst, wie man denn sowas nicht verstehen kann und folglich annimmst die Person will dich reizen. Will dich ärgern. Will dich dominieren.

Ich weiß, dass es bei der Gewalt an uns nie um uns ging, sondern immer um die Täter_innen und ihr infantil egozentrisches Denken.
Ich weiß, dass es in meiner Herkunftsfamilie* ein absurdes Gemisch aus Abwertung von Intellektualität und akademischer Welt mit Stolz auf die eigene Schläue gab. Es war nie wichtig super gut in der Schule zu sein – aber Dummheit überwinden zu müssen, war eine Art Pflicht.
Für mich ist Dummheit keine Unfähigkeit oder Unfertigkeit – für mich ist Dummheit, wie Schläue (oder Klugheit) ein soziales, wie zeitabhängiges Konstrukt. Schon immer. Deshalb spreche ich auch von “dummen Leuten” und stufe das nicht als ableistisch, sondern allgemein wertend ein.

In meiner Herkunftsfamilie* konnte eine Dummheit von mir nur auf eine Unfähigkeit der Erwachsenen deuten, mir nicht klar genug gemacht zu haben, dass ich irgendetwas können bzw. “endlich kapieren” muss oder soll.
Beachtet wurde meistens, was ich kann – nie, wie ich etwas gelernt habe. Denn das hätte zwangsläufig eine Reflektion des “Unterrichtes” bedeutet und tja. Naja.

Heute sitze ich vor Blogs von autistischen Menschen und denke: “Och, das hab ich nicht. Och bei mir ist das nicht so schlimm. Mich hats ja gut getroffen…”, während ich neben mir ein Innen stehen habe, das mich daran erinnert, wie ich das in den ersten 5 DIS-Diagnosejahren auch schon immer dachte. “Och Zeitverluste hab ich nicht. Och, bei mir ist das mit den dissoziativen Erlebensweisen nicht so schlimm. Ich hab dann wohl ne Luxus-DIS” und sich dann nach und nach eröffnete, dass ich unterm Strich vielleicht 10-20 Minuten des Tages wirklich gelebt habe und den Rest nie hinterfragte, weil der einfach nicht in meinem Fokus war.
Wenn man nicht weiß, dass man über Phasen des Tages nicht da ist, dann kann man auch nicht merken, dass man nicht da ist.
Es hat gedauert bis ich merkte, dass der Luxus meines Erlebens der DIS, die Amnesie für die Amnesie war, die mich davor bewahrte in hellerlichter Panik durch die Gegend zu rennen, weil ich nicht nur “Zeitverluste” sondern massive Er_Lebensverluste habe.

Heute will ich so eine Schleife nicht fahren. Dieses Jahr werden wir 30 Jahre alt.
Ich merke, dass es nachwievor darum geht, Wissen und Erfahrungen nachzuholen, die andere Menschen in meinem Alter schon längst gemacht haben und bewusst haben könnten, würden sie darüber nachdenken müssen, wie wir.
Letzte Woche habe ich gelernt, dass man selbst kontrollieren kann, wie und wann man zur Toilette geht. Nach gut, sagen wir, 27 Jahren komme ich auf die Idee, dass ein Zeit- und Aktivitätenbasierender Plan für Körperfunktionen vielleicht eine seltsame Konstruktion sein könnte. Zing – ein Autismusding, das so gar nicht in mein Bild von mir als “eigentlich in Wahrheit gar nicht so doll betroffen” passt.

Letztens dachte ich: “Hm, du benimmst dich voll autistisch wenn du jetzt schon wieder nur diese blütenzarten Haferflocken isst.” und kaufte die kernigen.
Sie sind furchtbar. Ich hasse sie. Es ist seit 4 Tagen ein Kampfkrampf sie nicht einfach in den Garten zu schütten “für die Vögel und Mäuse”.  Ich könnte es doch sein lassen. Aber… da sind die neuen Medis. Wir müssen einen Essplan haben, weil es an unserem Appetit und Hungergefühl manipuliert. Es muss Frühstück geben. Es gehen nur Haferflocken in Jogurt zum Frühstück – warum? Weil wir nicht viel Brot vertragen und weil ich ein Bild von einem Kellogg’s Fruit Loops Ballett in einer Schüssel mit Milch habe, das unaushaltbar disharmonisch mit dem Weingeräusch eines meiner Geschwister war. Und dahinter ein Erinnern an seinen Käfiggittern rüttelt.

Ich weiß bis heute nicht wo genau “Traumavermeidung” beginnt und wo die Notwendigkeit die Welt für mich auf eine Art sicher und okay zur Interaktion zu machen mit Plänen, Sortierungen und kategorischen Ordnungen, weil ich sie sonst gar nicht erst erfassen kann und sie mir aus ihren wirr bei mir landenden Fragmenten irgendwie spontan zurecht kampfkrampfen muss.
Ich will nicht mehr kämpfen und krampfen. Und doch merke ich wie ich das tue, während ich versuche meine komischen Vermeidungsschleifen genau nicht zu machen.

Früher habe ich mich ähnlich zurecht gewiesen, wenn ich gemerkt habe, dass ich angeblich “typisch multi” – mäßige Sachen gesagt habe. Jedes Mal, wenn ich auf eine Frage geantwortet habe: “Kommt drauf an, wen man von uns fragt”, hab ich mir innerlich die Hand auf den Mund gehalten und gedacht: “Orr – TU DOCH NICH SO – du hast doch keine Ahnung, dann halt die Klappe.”. Es war ein jahrelanger Kampfkrampf bis ich verstanden habe, dass meine Antwort nach vorne im Grunde doch sagt, was ich nur sagen konnte: “Keine Ahnung”.

Ich möchte das bitte abkürzen. Dieses sich selber verorten und zurecht finden und einsortieren. Ich merke, wie sehr es mich erschöpft. Und auch wie allein ich damit bin, weil beide Diagnosen immer wieder als so wahnsinnig individuell dargestellt werden, dass ich denke: “Hm, ok wieder nichts mit dem ich mich wirklich abgleichen kann. Wieder nichts woran entlang ich mich abgrenzen könnte, außer Klischees und Stereotypen.”.

[tl, dr: mimimimi]

schwusch

Ich hatte gestern einen Schwuschtag. Schwusch – in die Stadt – Schwusch – Nähmaschine und beglaubigtes Zeugnis  abholen – Schwusch Bewerbungsunterlagen fertig machen – Schwusch – jemand Fremdem helfen, indem ich den Mund aufmache und spreche – Schwusch in einem Stoffladen stehen.

Stoff ist teuer – das Projekt hat eine klare Kostengrenze insgesamt. Deshalb haben wir uns zu zehnt in den Körper gequetscht und versucht eine Entscheidung zu treffen. Da war die die gut rechnen kann, aber das nicht glaubt und deshalb immer wieder prüft, ob sie den Stoffbedarf richtig errechnet hat. Da war der, der letztlich am Besten weiß, mit welchem Soff wir alle gut zurecht kommen, dessen Finger über die Ballenkanten glitt. Das Jemand, dessen Modell des Projektes sich vor meinen Augen um die eigene Achse drehte. Die, deren Blicke über die Muster sprangen und die, die zwischen Hinteruns und mir hin und her abglichen, was okay sein könnte und was nicht – während zwei andere die Umgebung im Blick behielten.

Und dann landeten wir in etwas, das frappierende Ähnlichkeiten mit der Teeparty des verrückten Hutmachers hatte: die cis weibliche Handarbeitsbubble, in die man herzlich hineingezerrt wird, auch dann, wenn weder cis Frau ist, noch Tee mag noch sonst irgendwelche Kapazitäten hat.
“Wie finden Sie diese Kombination?”, fragte die Person am Kassentresen mich und hielt zwei wild bedruckte Baumwollstoffe aufeinander, die eine Person, deren linke Hand auf dem Kinderwagen neben ihr ruhte, während die rechte sich gerade von den Stoffen löste, anscheinend zu kaufen überlegte. “Für eine Jungs-Babyhose – ist das doch süß, oder?”.

Selbst, wenn ich allein* im Körper bin, wären das Fragen gewesen, die so ein Krack-Schwusch in mir auslösen, weil:
– wie soll ich etwas finden, was die Frau mir doch direkt vorführt? – wenn ich nichts suchen muss, kann ich auch nichts finden
– was geht es mich an, was wer wie kombinieren möchte? – Ich mache doch meine Sachen selber, gerade, weil ich selbst alles bestimmen kann
– was zum Henker zeichnet welchen Stoff denn bitte aus um als “gut für eine Jungs-Babyhose” zu sein?
und wieso sollen Babysachen immer süß sein? Und wie geht “süß” in Kombination mit aufgedruckten Baggern und Feuerwehrautos?

Ich stand da und sagte: “Hä?”.
Weil ich super kompatibel bin mit solchen Situationen und auch sonst ein glänzendes Beispiel für intelligente Konversation.

Die Person, die mich ansprach, redete nun schwallartig auf die Person am Kinderwagen ein und es begann ein ganz eigenartiges Ballett, das sich selbst in Konventionen versicherte, noch während es sich hart darum bemühte extrem unkonventionell zu sein. Das Baby begann zu weinen, erntete einen sexistischen Spruch nach einer Ungemachsvermutung der versorgenden Person, “Jungs kriegen ja auch schneller mal kalte Füße” und plötzlich ging es um mich, die “wohl auch mal Kinder haben wird, ODER?”

Ich, die erst zum zweiten Mal überhaupt ever in so einem Laden war und eine ganze Menge Energie überhaupt schon dafür aufgebracht hatte und jetzt völlig zerfasert im Innen war, stand da und wusste wieder nicht, was zu antworten ist.
Später sagte mir meine Gemögte, dass solche Phrasen als inkludierende Gesten zu verstehen sind: “Sie wollte dich am Gespräch beteiligen.”.
Aha.

Ich wuchtete einen Ballen von dem Stoff, der zuletzt für geeignet befunden wurde, auf den Tisch und sagte: “Erstmal hätte ich gerne 1,50 mal 90 hiervon.” und klopfte mir selbst auf die Schulter.

Ich ging, ohne die Frage beantwortet zu haben und fragte mich, wie es kommt, dass ein Kinderwunsch von als Frauen kategorisierten Menschen als so selbstverständlich gilt, dass man ihn sogar an völlig fremde Personen heranträgt.
Natürlich ist mir klar, dass dies kein Moment für eine ehrliche Antwort gewesen ist. Schon gar nicht in meinem Fall – aber ich fragte mich am Ende schon, wie man sogar Stoff und seine Auswahl mit mehr als den Dingen aufladen kann, wie den Fragen und Konflikten, denen wir uns gegenüber sahen.

Ich meine: da sind die Fragen um die Produktionsbedingungen des Stoffes, der Maschine und ihrer Anteile, da sind die Marker zur Nutzung des Stoffes selbst, da sind die Aspekte der Verarbeitung und die Praktikabilität des fertigen Stückes und dann die Kosten-Nutzen-Abwägung in Zusammenhang mit dem eigenen Budget … so viele Dinge über ich viel lieber mit einem_einer Fachverkäufer_in gesprochen hätte, um eine ordentliche Entscheidung zu treffen.  Doch dann entpuppt sich diese_r als Eintrittsbegleiter_in in ein Normenland, das mich nicht einmal kennt bzw. sich fragt, ob ich eigentlich überhaupt wirklich bin, wofür es mich hält.

Nächstes Mal gehen wir jedenfalls in einen anderen Laden.
Das war mir zu schwuschig.

einer dieser Tage

Und dann sind da diese Tage, in denen man nicht dazu kommt zu merken, wie schlimm sie sind, gerade weil sie so schlimm sind. Erst als man im Bett liegt und unter dem Gewicht seiner Decken zu sich kommt, entsteht der Raum zu der Erkenntnis, dass sich vielleicht einfach noch nicht genug verändert hat, um wirklich anders werden zu können.
Und mit dem Gedanken, dass man sich selbst vielleicht noch nicht genug geändert hat, um Dinge neu und anders anzugehen, fallen die Augen zu und es beginnt ein Zustand, in dem dieser Gedanke die Herrschaft hat. “Du bist nicht okay, wie du bist.”; “Du bist nicht genug”; “Du bist falsch”; “Du musst anders sein, um die Welt ™ zu verändern”. Da greift etwas in mich hinein, reißt an etwas herum, das nicht zu mir gehört, krempelt mich auf links und klemmt meinen Kopf in eine Zange, die sich im schweißnassen Aufwachen, als die Kante zwischen Bettkante und Kommode entpuppt.

Wir verließen die Praxis unserer Therapeutin und versuchten die losen Fetzen der Stunde noch aufzufangen. Neben mir stieß ein Innen die Füße auf den Boden und sagte: “Ich hab versucht ihr zu sagen, dass ich mir nicht mehr ranholen kann, wie wir denken konnten sich Hilfe ranzuholen wär’s wert weiterzuleben.”. Ich nahm ihm die Füße ab und verlagerte die Energie des Innens in Gehgeschwindigkeit. “Sie hats nicht kapiert. Nichts von dem, was du gesagt hast, hat sie kapiert, noch von dem, was ich gesagt hab.”. Neben uns lief eine Gruppe Schulkinder durch die Straße und die kalte Wind britzelte in den Augen.

Manche Therapiestunden tragen unerwartet dazu bei Brücken in Ecken des Innens zu fühlen, zu dem wir sonst keinen Kontakt haben. Das ist unvorbereitet und spontan. Und meistens hat es Folgen, die im Nachhinein schwer nachzuvollziehen sind. Da ist plötzlich ein Innen, das sonst eher als wabernde Eminenz die Therapie oder das, was wir äußern, beeinflusst, mit mir in einem Gefühl vereint, das ich in früheren Zeiten als unbewortbar erlebt habe. Und dann ist das Ergebnis wieder so eine von diesen Wahrheiten, die sind und an deren Ende wir uns als allein am Rand der Welt empfinden.

Obwohl wir doch alle Regeln befolgt haben. Obwohl wir doch getan haben, was wir tun sollten. Obwohl wir doch mitmachen.
Nur eben leider nicht verstanden werden.
Wir versuchen uns in kürzeren Sätzen. Weniger Monolog. Wir haben uns in der Krisenstation dazu entschieden dieses kurze Denken zu kopieren. Weil: “Neue Wege – neue Methoden”. Wir wollen nicht mehr die sein, die ewig lange redet, weil sie denkt, sie wäre dann besser verständlich. Wir hören immer öfter einfach mittendrin auf. Lassen es und ziehen uns raus, wenn wir merken: “Wir greifen hier schon wieder mehr als das Gegenüber in den Besteckkasten.”.

Und genau das haben wir uns für diesen Hilfezirkus auch vorgenommen.
Immer wenn wir merken: “Ah – du hast dir 2 Löffel eingeplant, weil du heute noch einkaufen musst, weil du noch duschen aushalten können willst und, weil du noch Kraft für positive Ressourcen haben willst – und greifst jetzt schon nach dem dritten Löffel, weil die Person dir gegenüber nicht versteht.”, hören wir auf.
Erinnern uns daran, dass das Gegenüber ja auch einen Besteckkasten hat und warten. Und wissen: wir können nur warten, weil uns Menschen immer wieder so glaubhaft wie nur möglich machen wollen, dass sie uns unterstützen wollen, wann immer wir sagen: “Ich kann das nicht” oder “Ich brauche dabei/dafür Unterstützung”.
Am Ende müssen wir die Menschen beim eigenen Wort nehmen und sie damit überraschen, dass ihre Beteuerungen bei uns nicht links rein und rechts wieder raus gerauscht sind. Oder mit unserer Bereitschaft, ihnen zu glauben und krasser noch: ihnen zu vertrauen und sich darauf zu verlassen, dass sie uns die Wahrheit gesagt haben.

Vielleicht gehören wir zu den Menschen, die sich nur zu anderen hinwenden können, wenn sie hinter sich deutlich spüren, dass die Alternative das Sterben oder auch das “nicht mehr sein” ist. Was – obwohl es sehr ähnlich gelesen wird – etwas anderes ist und damit zu tun hat, dass wir schwer traumatisiert wurden.
Wir haben keine Angst vorm tot sein – wir haben Angst vorm “nicht mehr sein”, denn das ist, was die Gewalt früher so oft mit uns gemacht hat und so viel unaushaltbarer ist, als tot zu sein. Die Toten sind tot. Sie sind eben nicht “nicht mehr”.

Gestern war ein Tag, an dem wir zwei Dinge gemerkt haben:
Erstens: ein kurzer Satz wie “Ich kann das nicht” reicht nicht. Auch dann, wenn das Gegenüber – in dem Fall die Therapeutin – weiß, worum es geht, was es mit uns macht, wie groß die Belastung ist, wie massiv der Trigger ist. Es reicht auch nicht diesen Satz logischer machen zu wollen, indem man seine Umgangsoption mitteilt, die impliziert, dass man selbst nicht involviert ist – weil man es nicht kann.

Zweitens: Menschen mitzuteilen, dass man sich aus Diskussionen herauszieht, weil sie einen ganz grundlegenden Punkt der Argumentation seit einem Jahr einfach nicht kapieren, bedeutet nicht, dass man daraus auch entlassen wird (weil man genau diesen Punkt halt nicht kapiert und ergo keinen Grund sieht, die sich herausziehende Person dann auch in Ruhe zu lassen)
So der Fall im Fotokurs nach der Therapie.

Es gab wieder eine dieser Diskussionen darum, was darf Kunst, was darf Satire, was darf der Fotograf (sic!) und wo sind die Grenzen.
Da sitze ich mit 4 weißen als Männer kategorisierten Menschen in einem Raum und erlebe live mit wie die Jungen von dem Alten lernen, dass man nicht auf Kritik achten muss. “Wer nicht lacht hats nicht kapiert” und “*istisch sind immer nur die anderen aus ganz persönlichen Gründen”.
Es ist abstoßend und schlimm. Für uns. Weil Grenzen aufgeweicht und Verletzungen legitimiert werden. Es wird in Kauf genommen Gefühle zu verletzen, um sich selbst als “nicht langweilig” und “edgy” definieren zu können. Als jemand “der ja nur einen Witz machen will”. Und eben nicht auch als jemand, der missachtet, ignoriert und verletzt, weil er es kann und darf und ihm keine verbindlichen Grenzen sichtbar und einzuhalten wichtig sind – selbst dann, wenn sie aufgezeigt werden.

Für uns ist der Fotokurs nicht nur ein Sprungbrett in eine mögliche Zukunft im kreativen Bereich und eine Ergänzung zu sowieso bestehenden Ressourcen und Fähigkeiten – es geht auch um unseren Willen zur Desensibilisierung von Menschen. Wir wissen, dass wir uns an sie gewöhnen müssen, viel soziales Zeug lernen müssen und auch auszuhalten lernen müssen. Neben allem was das Handwerk “analoge Fotografie” bedeutet und von uns zu lernen wichtig ist, sind dort eben auch Menschengeräusche, Menschenwörter, Menschengerüche, Menschen, die plötzlich und unvorhersehbare Dinge tun, sagen, wollen, verlangen. Menschen, die triggern. Menschen, die überfordern. Menschen, die einfach sind und zwar ganz direkt in unserem Umfeld.
Wir wissen, dass wir da was aushalten müssen.
Die Frage ist nur: Wie viel wovon und wozu?

Für uns ist es keine Option zu sagen: “So sind sie halt – die Männer, die Jungs, die Menschen, die Lehrer, die Schüler … die Anderen”, weil das einfach zu wenig ist. Dafür kostet uns der Unterricht zu viel Geld und zu viel Kraft für Kompensationsleistungen und Aufrechterhaltung der Funktionalität. Dafür geht es uns auch einfach zu sehr viel schlechter nach solchen Diskussionen als den anderen Teilnehmenden.
Und am Ende: Wie eklig wäre es, würden wir uns selbst dazu triezen zu lernen uns zu desensibilisieren, wenn anderen Menschen ganz direkt in unserem Umfeld Gewalt angetan wird bzw. solche Gewalt als legitim bezeichnet wird?
Das ist doch nicht, wie Menschenmiteinander aussehen soll. Das ist doch nicht, womit uns beworben wird, dass sich das Weiterleben lohnt.

Wir haben den Kurs eineinhalb Stunden vor Ende verlassen.
Ich habe mich geärgert, meinem Lehrer den Brief nie zu lesen gegeben zu haben, weil ich Angst davor hatte, er würde sich bloßgestellt fühlen und sowieso gar keine Auseinandersetzung mit seinen internalisierten *ismen wollen. Vielleicht: auch gar nicht leisten können, weil er nämlich auf viele Jahre schauen müsste, in denen er Menschen verletzt hat und dachte, das wäre okay, weil er ja ein okayer Mensch ist, der niemanden verletzten wollte.

Ich will nicht immer die sein, die Menschen Dinge zeigt, die sie übersehen und aus dem Bewusstsein streichen, weil sie das können und ich genau eben nicht. In dieser Rolle ist man nämlich immer wieder die, die im besonderen Maße davon abhängig ist, wertschätzend und anerkennend behandelt zu werden. Passiert das nicht, erlebe ich Verletzung, Verlust von Privilegien und zwar ganz konkret, ganz direkt.
Und genau auch nicht, weil ich das nicht anders verdient habe – sondern, weil solche Gegenüber keine anderen Optionen nutzen sich selbst zu versichern, als eben über solche “Strafen”.

Ich merke, dass wir keine Umgangsoptionen kennen, die solche Situationen und sozialen Konstellationen befriedigend für alle auflösen. Denn befriedigend wäre für diese Gruppe nur sich keine Gedanken machen zu müssen und einfach nur zu hören: “Du bist okay – ich habe etwas Falsches gedacht/gesagt/verlangt. Hier ein Keks.”
Ich habe aber nichts Falsches gesagt/gedacht/verlangt.  Ich habe einfach nur etwas gesagt/gedacht/verlangt, das sie nicht verstehen wollen, weil sie nicht müssen und das für den Rest der Welt völlig okay so ist.

Wir haben noch 6 Termine dort. Und erwachsen und konfliktlösungsorientiert wie ich bin, plane ich uns zu jedem dieser Termine in die Dunkelkammer einzusperren und mir maximal ein “Hallo – schließt du bitte auf?” und ein “Bis nächste Woche” rauszuwürgen.
Ja.
Ich bin echt toll konstruktiv und konsequent in unserem  Plan sich irgendwie mal so richtig mit Menschen auseinanderzusetzen.

[slow clap]

immer wenn die Helfenden nachfragen …

Da sind wir nun also. Montagmittag, nach Duschen, Anziehen, Zähneputzen, Frühstück und Wohnungspräparation für das erste Arbeitsgruppentreffen des neuen Jahres und mit aller Macht versuchend, nicht an unsere eigenen Hilfekampfkrämpfe zu denken.

Am Donnerstagnachmittag hatte das Telefon geklingelt und eine Person vom Team des betreuten Wohnens in Familien sagte uns, man hätte sich im Team noch einmal besprochen, und ginge davon aus, dass der Landschaftsverband die Hilfe nicht finanzieren würde, weil wir die letzte Betreuung selbst beendet hatten.
“Siehste – das haste nu davon.” dachte ich und spürte, wie der seit der Therapiestunde gerade eine Stunde vorher eh schon unter der Hut zappelnde Puls sich zu etwas entwickelte, dass ein pfeifendes Rauschgeräusch und Hitze im Gesicht war. Die Person fragte, warum wir die Betreuung beendet hatten. Und zum mindestens vierten Mal sagten wir genau dieser Person: “Weil wir nicht entsprechend der finanzierten und benötigten Fachleistungsstunden betreut wurden und die Personen keinerlei fachliche Kompetenzen für unsere Problematiken aufgrund der komplexen Traumafolgestörung hatten.”.

Wir haben keine Haut für solche Nachfragen. Niemand muss unsere ersten Antworten gleich verarbeiten und im Kopf behalten – aber wir sagen meistens schon bei der ersten Wiederholung: “Das hier ist ein schwieriges Thema und darüber zu reden ist hart an der Belastungsgrenze.” und erwarten dann auch, dass der Gedankenschritt getan wird, sich das zu merken, um uns nicht außerordentlich oder mehr als zwangsläufig passiert, zu belasten.

Was wir oft nicht verstehen ist, wie dann doch immer wieder darüber hinweggegangen wird und das so begründet mit “Ja, aber ich muss doch nachfragen.” und schlimmer noch – gerade in diesem Fall: “Ja, aber das muss sein, damit wir ihnen gut helfen können.”.
Es ist ein verdammter Trigger für uns. Und wir sagen das. Und wir machen und tun, um uns zu halten, funktional zu bleiben. Das Atmen nicht zu vergessen, in dem ganzen Gewirr aus Räumen und Strichen vor unserem inneren Blick den Überblick zu behalten. Und dann ist dieser Kampf darum wieder nötig und unvermeidbar, weil es nicht sein kann, was wir gesagt haben. Oder weil es ja eventuell vielleicht falsch sein könnte und man da ja auch nur in unserem Sinne handeln will. Und man doch nur ganz lieb und engagiert und, weil man nur das Beste für uns will, nachfragen will.

Sie tun mir so leid diese ganzen Menschen, die ja nur helfen wollen und dann sind wir so megaempfindlich und nicht in der Lage das irgendwie besser zu verpacken, als so wie wir es tun: mit Selbstverletzungen, die uns zusammenhalten. Mit überbordenden Fachrecherchen in alle Richtungen. Mit im Kopf eingeübten Gesprächen, inklusive aller möglichen und fast unmöglichen Optionen, die eventuell vielleicht eintreten könnten. Dem Unterdrücken des Impulses bei der kleinsten Rückfrage zu schreien bis es vorbei ist.  Also alles. Bis dieser ganze quälende Prozess des “sich Hilfe ranholens” vorbei ist.

Am Donnerstag hatten wir uns entschieden, den Anruf erst einmal von uns wegzuorganisieren, damit wir nicht allein daran denken müssen, dass dort etwas ist, worum wir uns kümmern müssen. Wenn wir das nicht allein müssen, dann hat es eine Chance in seinen Spitzen soweit von uns weg dissoziiert zu werden, dass wir Frontgänger_innen den Alltag gehalten bekommen,  während die Welt wackelt.
Blöd ist nur: es bleibt nicht bei anderen Menschen. Weder bei dem Begleitermenschen noch bei unserer Therapeutin. Noch bei unserer gesetzlichen Betreuerin. Immer wieder kommen da Nachfragen und immer wieder kommen sie alle zu uns und fragen: “Wie können wir ihnen denn helfen?” oder “Was ist ihr Auftrag an mich?”. Und das ist toll. Und im Moment so viel zu viel, dass es uns zerfetzt.

Und irgendwie wird das auch bemerkt. Also: irgendwie.
Nur frage ich mich manchmal, ob bzw. wie viel nach Außen spürbar ist, wenn sie dann doch nicht damit aufhören. Wenn da dann doch immer wieder “Ja, aber…” kommt. Oder “Ja, und was genau …?”.

Wir versuchen es irgendwie so einzufädeln, dass unsere Helfer_innen bitte miteinander reden, statt uns immer wieder zu fragen, was wir genau wollen, als würde sich unsere Bedürfnislage von einem Termin zum nächsten grundlegend verändern, oder als würden sich die historischen Zusammenhänge wie durch Zauberhand verändern.

Mir ist klar, dass wir vor 5 bis 10 Jahren noch die Kraft gehabt hätten das so durchzuexerzieren. Da hätten wir erklärt und erklärt und immer wieder neu versucht klar zu machen, worum es geht und was wir für wichtig halten. Da wären wir so geschockt davon gewesen, dass jemand immer wieder fragt, was wir möchten (weil wir noch nicht gelernt haben, dass etwas zu wollen oder zu wünschen legitim ist (obwohl es um unsere Wünsche und Willen geht) und deren Job dem, so weit es geht, zu entsprechen), dass wir irgendwie irgendwas rauswürgen und das Beste hoffen. Und dann natürlich den Fehler bei uns suchen, wenn dann eine Nachfrage kommt, weil wir reden ja auch immer wie ne Sphinx mit Kartoffeln im Mund. Es ist ja immer unsere Unfähigkeit nicht ordentlich und verständlich zu sagen, was wir möchten.

Jetzt ist Montag, der 25. Januar und wären wir nicht so bekloppt uns erneut auf diesen ganzen Hilfe-Rettungs-Unterstützungswahn_Sinnszirkus einzulassen, wären wir seit drei Monaten tot.
Wir würden nicht mit jedem Tag mehr Angst vor der eigenen Courage haben und uns darüber ärgern, wie klein unsere Selbstvertretung vor solchen Übermächten wie der Klinik oder einem Landschaftsverband wirkt. Obwohl es ist, was sie doch am Ende alle wollen. Bevor jemand anderes in unserem Namen spricht und irgendwas Falsches veranlasst. Wir würden nicht in diesem Gefühlskrampf stecken zu merken: “Wir tun hier nichts Falsches – aber es fühlt sich weder leichter noch besser noch sonstwie irgendwie okay aushaltbar an – ist es vielleicht etwas Falsches?”.

Und ich würde mich nicht über mich selbst ärgern, dass ich es nicht schaffe zum Telefonhörer zu greifen und der gesetzlichen Betreuerin zu sagen: “Machen Sie bitte …”. Einfach, weil ich Angst davor habe, dass sie irgendwas nachfragt. Und wir vielleicht die nächsten drei Monate einfach nur noch schreien.

innere Kommunikation

Manchmal ist es, als würde ich in ein Gespräch hineinplatzen, das schon lange mit mir geführt wird, ohne, dass ich davon weiß. Es gibt meine Linien auf dem Boden – das gesicherte, regulierbare Wörterlabyrinth, das sich in Farben und Formen vor mir zeigt und meistens umspült ist von einem weißen Rauschen, das mich in der Regel nicht berührt.

Doch wenn wir einander begegnen, wird es fremd um mich und in meinem Denken.
Plötzlich steht dort: “Ich tue hier nichts Falsches.” und hinter ihm schimmert etwas sehr Konsistentes. Ein anderes Innen, ein festes Wissen, ein anderer Gedanke – es könnte alles mögliche sein. Oder auch nicht.

Seit ein paar Tagen betrachte ich diesen Satz und taste ihn mit meinem Herz ab. Er kommt nicht von mir, aber auch nicht nicht. Er ist fremd, aber doch vertraut.

Vom Schlauberg herunter trötet es etwas von „Bewusstwerdung und dem Wunder der Assoziation“. Irgendwo kichert jemand “Herzlich willkommen in dieser inneren Kommunikation” und ich muss vor allem allein sein, eine Serie gucken und Candy Crush Soda Saga spielen. Dinge sortieren und mich zwischen Schrank und Wand quetschen, um das eigene Atemgeräusch ertragen zu können.

Manchmal tauchen Sätze auf, machen mir Angst und lassen mich selbst zu einem weißen Rauschen werden. Und manchmal tauchen sie auf und fühlen sich gut an. Einfach so. Nicht weil sie einen schönen Ton haben oder weil sie gut schmecken, sondern, weil sie sich so gut in meine kleinen Seligkeitsinseln einfügen.

10 Becher meines Joghurts, die es ohne umzukippen zu uns nach Hause schaffen, damit ich sie ordentlich in den Kühlschrank sortieren kann.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Ein Sprung über Fußgängerzonen einrahmende Bodenplatten.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Ein köstliches Wort, das mich so warm macht, dass ich alles über es wissen will.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Das Geklacker der Tasten während ich tippe und aus_sage, wie für mich ist, was ist.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Und das ist, was mir Angst macht und mich in so einen Kampf darum bringt, mich nicht aufzulösen.

Ich höre von innerer Kommunikation bei Menschen, die viele sind, immer wieder im Zusammenhang von durchzusetzenden Imperativen.
Immer sollen “die anderen da drinnen” irgendwas machen oder nicht machen oder einsehen oder verstehen. Selten höre ich davon, wie es für “diese anderen da drinnen” ist, wenn sie etwas erreicht, was sie so sehr erschreckt, dass sie es nicht aushalten können oder aber auch so sehr verlockt und in ungesicherte Gefilde zu verleiten droht, dass es einen Konflikt gibt.

Ich brauche etwas worauf ich mich stützen kann, um diesen Satz anzunehmen und zu verinnerlichen.
Das Außen eignet sich für mich nicht als Überprüfungsinstanz – es hat immer Recht. Immer ist es mir überlegen. Das Außen ist gefährlich für mich, denn es akzeptiert mich nicht. Und das Innen hat seine ganz eigene Dynamik. Ich berühre den Satz und der Boden wackelt. Die Wände bersten auf und fluten mich mit Reizen.
Man sagt immer einfach “erinnern” dazu. Für mich ist das ein Miterleben, wie etwas stirbt, von dem ich nicht wusste, dass es einmal gelebt hat.

Am Ende bleibt mir der Umgang damit.
Atmen, sortieren und wie einen Zauberspruch über meine Überflutungserfahrung sagen “Ich habe mich an etwas erinnert”, ohne je einen Inhalt tatsächlich aufgenommen zu haben.

Vielleicht muss man “innere Kommunikation” weniger als Büchsentelefon nach innen begreifen, sondern mehr wie das Warten auf eine autokatalytische Reaktion unter stetiger Beigabe entsprechender Einbringungen, während die Reaktion als Antwort dient.

war ja klar [Abwinkgeräusch]

Heute morgen kurz nach 3 wachte ich auf und dachte: war [genervte Lücke] ja [genervte Lücke] klar [das Geräusch von durch die Luft fliegenden Armen]
War ja klar, dass es keinen Mehrwert hatte früher ins Bett zu gehen, um länger drin liegen zu können. Bevor man sich aufrafft, um den ersten Werktag 2016 genau damit zu füllen, sich um sich zu kümmern.

War ja klar, dass der Schmerz im unteren Rücken wieder kommt und bleibt und keine wie auch immer gelegte Decke unter die Kuhle in unserer Matratze irgendwie sowas wie die harte Unterlage macht, die wir Bauchschläferschweinchen brauchen. War ja klar.

Und irgendwie blieb der schale Beigeschmack von Desillusionierung und strukturierter Verwirrung hängen.
Es schneite die zweiten ordentlichen Flocken – und die erste Person, der wir das zu zwei halben Dritteln mit Kinderinnens befüllt im Schlafanzug und zerknautscht wie ein Yeti mitteilten, war einer der beiden Postboten, die immer verwirrend viel Zeit und Nettigkeit im Hausflur für uns haben. Super. War ja klar. Repräsentation matters und wir sind die letzten, die das halbwegs schaffen.

Naja und ist der Ruf erst ruiniert… torkelt es sich auch halbwegs entspannt durch die Stadt zur Neurologin, um die Einweisung zur Klinik abzuholen. An dieser Stelle hätte ich gedacht ebenfalls ein “war ja klar” in Bezug auf irgendwelche aufkommenden “Nope”- Impulse zu denken, doch sie blieben aus.

Wir fuhren in Richtung Klinik und wirrten ein bisschen umher ob der Tatsache, dass es weniger aktiven Widerstand als beklemmend ruhiges Abwinken gab. “Ach kommt – ihr werdet das schon sehen. Was soll ich noch reden. Wir haben schon alles gesagt.” – mit einem Punkt am Ende, der sie so alt und fahl macht wie den Schatten eines Jenseitigen.
Mir fällt es schwer mich an die Krise im Oktober zu erinnern. Obwohl ich die Nachricht mit der Bitte um Aufnahme in der Klinik von der Krisenstation aus geschrieben habe und noch weiß, wie verboten mir das vorkam.  Wie ich mich beeilt habe, weil ich Angst hatte, jemand käme und schlüge mir das Laptop um die Ohren. Weil ich zu dem Zeitpunkt nichts sicherer wusste, als das ich gar nichts wusste.
Ich weiß auch bis heute nicht, ob die Erinnerung an die paar Tage so fädrig sind, weil wir Medikamente bekamen, oder, weil sehr ferne andere da waren.

Jedenfalls sind etwas über 2 Monate seitdem vergangen und trotzdem mir die Angst und Not dieser Zeit manchmal noch beklemmend nahe rückt, ist sie gleichzeitig unfassbar fern. Begraben unter Vorhaben, Aufgaben, Arbeiten, den zwanzigtausend Hochzeiten, die wir mit_planen und mit_feiern wollen. Unter dem Medikament, dem Hier und Jetzt fern der Welt des Äußeren.

Der Soundtrack ist Peponi und über unserem Kopf flockt es kühle Stückchen auf die Membran zwischen uns und dem Himmel.
Als wir vor dem Gebäude stehen und den letzten Kaffee trinken, fällt mir ein, wie wir mit einem unfassbar klitzekleinen Hundewelpen unter der Jacke diese Treppen genommen haben.
Damals, bevor.
Damals, nach dem.
Damals, als.

“Na? Hab ichs dir nicht gesagt?”, fragt es mich süffisant von hinten links und schlägt die Beine übereinander, “Ihr könnt hier erarbeiten wollen, was auch immer ihr wollt. Ihr werdet wir sein und euch verlieren.”. Ich atme durch. Stürze den Kaffeerest hinunter und schaue noch einmal die Straße auf und ab, ob unsere Therapeutin kommt.
“Willkommen im Herrschaftsgebiet des fremden Blickes!”, trötet die Stimme als ich die Tür zum Foyer aufstoße, “Sie können nun aufhören zu sein.”.

“Könntest du bitte auch kurz aufhören zu sein? Ich muss mich konzentrieren”, denke ich und schließe mit dem Aufstampfen meiner Füße auf der Schmutzfangmatte, die Tür zwischen mir und ihr.
Das ist alles ein bisschen viel. Ein Christbaum mit Licht und Duft. Ein Schild neben einer Sesselgruppe auf dem steht, sie sei kein Aufenthaltsbereich. Es entspinnt sich eine tiefsinnige Grübelei, ob ein Wartebereich nicht auch eine Art Aufenthaltsbereich sei und wie subtil die Bildung urbaner Exile beginnt und überhaupt, wieso ist es hier so warm und ach… wieso können wir nicht einfach Schlitten fahren gehen.
Ich frage mich, wieso ich eigentlich ordentlich angezogen bin, wenn mein Kopfinneres am Ende doch realistischer im Knautschyetiaufzug abgebildet ist.

Mir fällt ein, wie wir noch nie wussten, was nach “zu einem Vorgesprächstermin in der Klinik ankommen” eigentlich zu tun ist. Jedes Mal hat uns einer der Verwaltungsmenschen von den Höhen unserer Gedankenberge abgepflückt und neben sich an den Schreibtisch gelegt. Zahlen, Daten, Zettel und Versicherungskarte. Kling Klang Klonk
Diesmal mit unserer Therapeutin dabei, die uns auch noch einen Jahreswunsch zuwirft und mich damit verwirrt, weil ich dachte, wir hätten unseren Neujahrswünschekram schon erledigt.

Während wir die Treppen zu dem Zimmer in dem wir unseren Termin haben hochgehen, lasse ich die Klinke der Tür hinter mir los.
Jetzt ist unsere Therapeutin da und ich habe das Gefühl weniger auf einer Glasfaser, als auf einer fußbreiten Planke zu balancieren. Es bleibt still.

Wir warten nebeneinander vor einem Leinwandbildruck, der schon vor 3 Jahren dort hing. Und immer noch besser aussähe, würde man ihn ein bisschen abschmirgeln. Es riecht nach Kaffee, ein Geburtstagslied wird gesungen. Ein Hund bellt. Draußen fällt Schnee.
Unsere Wortressourcen sind auf “Wir wollen, dass es uns besser geht” und “Es war alles zu viel” und “Aber eigentlich ist alles okay.” zusammengepresst.

Plötzlich fliegt eine ausgestreckte Hand in mein Blickfeld, die ich auch gleich mal schüttle um zu gucken, ob sie abfällt. Warum auch nicht.
Fiele sie ab könnte ich sagen “war ja klar” und hätte mehr Raum um meine Worte zu dekomprimieren.
Stattdessen werde ich zu meiner Mutter und merke den spontanen Brechreiz einer anderen. Erinnere das als Teil des Problems in der Krisenstation.
Als Teil von so vielen anderen Problemen.

Das Gespräch funktioniert dann aber gut. An einem Punkt gehe ich ein Stück zurück und verstehe die Stimme hinter mir ein bisschen mehr.
Ja, hier gibt es den Blick, den wir nicht gut ertragen können und ein Machtgefälle, das neben vielem anderen in ungute Ecken triggert. Und ja – einen Umgang, der nicht die Selbstauflösung beinhaltet, haben wir damit nicht.
“Das wird ein Sprung ins Blaue.”, sagt sie mir mitten ins Denken hinein.
”Das war das Nichtspringen von der Brücke auch.”, antworte ich.

Wir fahren nach Hause und wissen, dass eine Bedingung ist das Blog ruhen zu lassen so lange wir da sind.
Erst will ich das verstehen. Zu hause merke ich, wie wahrscheinlich total gut gemeint und dennoch übergriffig das ist. Dann merke ich, dass wir nichts dagegen tun können, außer dann eben auf eine Hilfs- und Unterstützungsoption zu verzichten. Dann merke ich wie das Inmitten brennt, weil es ist, als dürften wir nichts sagen während wir dort sind. Und wie das Dunkelbunt triumphiert über die Offensichtlichkeit mit der die Falschheit der Helfer zutage kommt.

Und ich merke, wie wenig mehr als “war ja klar” da noch in mir drin ist.
Am Ende des ersten Werktages diesen Jahres merke ich wie viel keine Kraft mehr ist um uns zu rechtfertigen, uns aus uns heraus zu beruhigen, einander miteinander zu halten, und uns irgendwie mehr als nur Raum für Worte überhaupt noch geben zu können.

Wie sehr wir am Ende diejenige sind, die alle Angebote ablehnt oder schlecht nutzt und in Wahrheit ja gar nicht will, dass es besser wird.
Was ja aber klar war.
Sind ja schließlich wir.

Wir waren ja schon immer undankbar.

“Warum ist denn niemand gekommen?”

Schlimm sind Momente, in denen mir einfällt, wie durchlässig ist, wovon man denkt: “Das hätte doch etwas verändern können.”, obwohl man weiß, dass es das nicht tat.
Da war das Moment, in dem ein Kinderinnen die Hand der Therapeutin hielt und fragte: “Wieso ist denn niemand gekommen?” und da das Moment, in dem es keine Antwort gibt, weil einfach niemand gekommen ist. Obwohl man gerufen hat. Obwohl man nicht in Stasis und doch so weich, wie ein Schluck Wasser war. Obwohl man doch tat, was man vom Polizisten, der zu Besuch im Hort war, gelernt hat: “Ruf nach Hilfe. Ruf nach jemandem.”.

Über 20 Jahre später haben wir gelernt, dass man nicht “Hilfe Hilfe” rufen sollte, wenn man Hilfe braucht, sondern “Feuer Feuer”, “Ich bring mich jetzt um” oder “Ich jag diese Kita gleich in die Luft”.
Und warum? Weil sonst niemand kommt. Weil sonst nichts passiert. Obwohl alle immer sagen: “Wenn was ist – ruf um Hilfe.”.

Man hat sich daran gewöhnt davon auszugehen, dass niemand kommt und als Stück zwischen Erklärung und Entschuldigung zu akzeptieren: “Ich wusste nicht, was ich machen sollte.”, “Ich wusste nicht, wie ich helfen kann.”, “Ich wusste nicht, dass ich gemeint war.”, “Ich wusste nicht, was da passiert.”
Das machen sich manche dann zur Lebensaufgabe. Dafür zu sorgen, dass mehr Menschen wissen, was da passiert ist. Dafür zu sorgen, dass mehr Menschen wissen, was hilft. Dafür zu sorgen, dass mehr Menschen wissen, was sie tun können und sich trauen, das auch wirklich zu tun.

Es ist so ein verführerischer Vermeidungstanz um die Antwort auf die Fragen, die sich in denen, die zu Opfern wurden, aufhängen und in quälenden Schleifen umherirren. Warum ist niemand gekommen? Warum hat das niemand von außen unterbrochen? Wie hat die Person, die mich zum Opfer machte, in mein Inneres greifen können, ohne gleichermaßen als ein Außen von mir wahrgenommen zu werden?

Während ich aus heiterem Himmel darüber weinen muss, dass niemand gekommen ist, fällt mir ein, dass ja jemand da war. Dass eine Antwort auf die Frage dieses Kinderinnens sein kann, dass die ganze Welt dachte, dass ja schon jemand da war. Dass dort schon jemand war, der verantwortlich für sein Wohlergehen war.
Und, dass das einfach das grundlegende Drama ist.
Dass zum Einen viel zu selten hinterfragt wird, was man selbst wahrnimmt und deutet und zum Anderen, einer der vielen Gesichter von Ableism ist, dass “Hilfe” genau ein äußeres Schema haben muss.
Die Person, die Hilfe braucht + die Person, die Hilfe anbietet = Hilfe = Ruhe im Karton
– passiert dies nicht, ist nicht etwa die Hilfe die falsche (oder eben gar keine) so liegt es an der Person, die Hilfe braucht. Dann heißt es, die Person hätte sie nicht angenommen oder würde sie nicht schätzen oder wäre nicht in der Lage sie anzuerkennen und zu nutzen.

Das Problem ist nicht nur, dass wer Hilfe braucht immer mindestens ein Wissen, um die eigene Hilfebedürftigkeit von außen und die Kraft, sowie die Befähigung und Berechtigung haben muss darum zu bitten und zu rufen. Das Problem ist auch die Abhängigkeit vom Außen und dessen Befähigung anerkennen zu können, wann ein Außen auch ein Innen sein kann. Wann welche Personen gleichermaßen Teil einer Not und Gewaltdynamik sein können, wie sie Teil einer Hilfe und Verantwortungsdynamik sind.

Es ist einer dieser ewig dissonanten Aspekte in mir. Meine Sicht von Täter_innen als gleichsam von der Gewalt betroffene Personen, wie die Personen, die sie zu Opfern gemacht haben. Das wird nur allzu gerne als täterloyale Irrung in meinem kaputt traumatisierten Kopf gelesen und als “Aha – die Täter_innen sind auch Opfer” zum allgemeinem Ableism an mir hinzu kompostiert.
Was wir für uns jedoch klar haben ist, dass die Betroffenheit von Gewalt einseitig betrachtet wird. Am Ende sogar einseitig auf den mit Gewalt unterworfenen Personen abgeladen wird. Und damit natürlich sowohl die Verantwortung sich Hilfe im Falle von (Verarbeitungs-)Problemen zu holen – erneut! und erneut in Abhängigkeit von einem Außen, das sich nur allzu gern hinstellt und erlernt hilflos die Arme in die Luft wirft, was man denn jetzt machen soll – genauso wie die Verantwortung oder Bürde oder so genau habe ich kein Wort dafür, zu beworten, was passiert ist.

Zwischendurch erinnert sich mein Körper, erinnert sich mein inneres Auge und mein sympathisches Nervensystem an das Ereignis über das, das Kinderinnen mit der Therapeutin hinweg geredet hat. Und ich werde wütend.
Aber weil ich irgendwie falsch verkabelt zu sein scheine, bin ich nicht wütend darüber, dass dort etwas passiert ist, das nicht okay und immer schlimm war, sondern, dass es ein so reinweißer Raum ist, in dem es passierte. Dort ist kein Wort drin. Kein einziges. Wenn ich meinen Blick hinwende, liegt dort die zarte Kette des Kinderinnens an seinem Rand. “Warum ist denn niemand gekommen?”.
Ich bin wütend, weil dort keine Worte von der anderen beteiligten Person drin sind.

Und weil ich davon ausgehen muss, dass dort auch nie eines drin auftauchen wird.
Außer natürlich wir liefern uns aus. Gehen zur Polizei, erstatten Anzeige trotz Verjährung und stellen uns wie das Sterntalermädchen unter den Mund der angezeigten Person und fangen so viele Worte wie möglich.

Diese Wortlosigkeit macht das Ereignis unprüfbar, weil es nichts gibt, woran wir uns festhalten können.
Und auch nichts woran wir uns abgrenzen können. Diese Person wird für uns vielleicht für immer ein Innen – ein mit im Er_Leben eines Ereignisses – sein, während alles und alle um uns herum zwei Außen – zwei einander passierende Ereignisse – sah.

Das ist das Drama.
Die Tragödie hingegen entsteht dort, wo meine Ideen beginnen, was die nach denen das Kinderinnen gerufen hatte, sagen könnten.
Um sich zu entschuldigen. Sich zu rechtfertigen. Um sich so fern von uns zu machen, dass nichts und niemand von uns sie je erreicht.

nur ein Was

„Und was machen Sie so Hannah?“. Ich stelle den Fingerhut mit Henkel in meiner Hand bedächtig auf die für ihn vorgesehene winzig kleine Stelle auf der absurd großen Tischplatte und lasse die Ideen in meinem Kopf an meinem Blick vorbeirauschen.

„Okay okay – keine Panik – ich bin nicht faul, ich bin nicht dumm, ich bin nur ein Was aus der Unterschicht.“, denke ich mir selbst gut zu und lasse meine Gedanken zum Panzer um das Ertappt in mir werden.
„Ich abeite als freie Autorin und Künstlerin.“, ziehe ich mir unter diesem speziellen Blick aus dem Hals und hoffe, mich wieder der Scheibe Stollen auf dem zierlichen Tellerchen vor mir widmen zu dürfen.
Mit einer Gabel in der Hand natürlich. Weil Stollen hier kein Trockenobstbrot ist, sondern Tradition.

„Aha und welcher Natur ist ihre Arbeit?“. Die Frage kommt mir irgendwie rassistisch vor und kurz merke ich, dass es an dem Begriff „entartete Kunst“ liegt, der mir vor Augen schwirrt, nachdem die in mein Denken geschüttete Frage in meinem Begreifen ankommt.
„Schreiben Sie für ein Kunstmagazin? Oder im Kulturressort?“, schiebt er seiner ersten Frage hinterher.

Ich sitze am Tisch einer Familie, die man früher wohl „Industrieellenfamilie“ genannt hätte.
Es ist ungemütlich und auf diese komplizierte Art locker, die man nur hinkriegt, wenn man völlig selbstvergessen ist. Der Nahmensch, der uns eingeladen hat, spricht vor mir: „Gibt es heute überhaupt noch Kunstmagazine?“.
„Ja, gibt es schon noch. Aber ich arbeite frei und in erster Linie um zu arbeiten und um ehrenamtliche oder gemeinnützige Gruppen zu unterstützen.“, antworte ich. Meine Haut fängt an zu brennen und ich würde das Gespräch gern zurück auf die Notwendigkeit ökologisch nachhaltiger Gartenpflege lenken.

Doch es kommt, wie es kommen muss:“Ach, das ist ja interessant. Und können Sie davon leben?“.
Ich frage mich, ob ich vielleicht weniger ein Problem mit Small Talk habe, als damit wie dieser sich in jeder Gesellschaftsschicht verändert und nach oben hin, zumindest für mich, verschlimmert.

Small Talk ist für mich kein „kleines Gespräch“. Ehrlich gesagt, ist es für mich eher so etwas wie eine konzentrierte Einheit von Dominanzgebaren verbunden mit allen dazu gehörigen Mikroaggressionen, die dazu nötig sind.
Die Höflichkeit (die sicher mal irgendwas mit einem könglichen Hof zu tun hatte) gebietet Antworten auf gestellte Fragen. Dabei ist klar, dass die jeweils sowieso dominierende Person die Fragen stellt und unhöfliches oder gar kein Antworten zur Folge hat, dass ein unangenehmes Loch in die Konvention, welche die Dominanz des Fragenden letztlich legitimiert, gerissen wird.

So wird es zum Beispiel unhöflich, wenn man private Fragen nicht oder auch ehrlich, doch nicht den Erwartungen der Person entsprechend beantwortet. Ja – „unhöflich“ und nicht „selbstfürsorglich“ oder „seine eigenen Grenzen wahrend“ oder – nun ja – „offen und ehrlich“.

Ich lenke den Blick in die Nähe seines Gesichtes und antwortete „Wie sie sehen, lebe ich.“ und zerre in meinem Gesicht herum, um ein sympathisches Lächeln hineinzugraben.
„Chapeau!“, lächelt er zurück und widmet sich wieder seinen Familienmitgliedern.

Später sitzen wir mit dem Nahmenschen im Auto auf dem Weg zurück ins Bullergeddo.
„Das hat ja wunderbar geklappt, findest du nicht?“, fragt er.
„Hattest du Sorge, ich könnte mich nicht benehmen, oder was meinst du?“.

Er druckst und schwafelt.
Ich wusste, dass die Hoffnung war, ich würde das als Unhöflichkeit wahrnehmen und nicht als Bestätigung einer Idee von mir, die so viel mehr mit meiner sozialen Herkunft zu tun hat, als mit mir selbst.
Erst daran habe ich bemerkt, dass ich gerade von einem Nahmenschen benutzt worden war.

„Ich wünsche dir alles Gute für deine Zukunft, S.“, sagte ich und schloß die Beifahrertür, ohne auf eine Reaktion zu warten.
Er öffnete das Fenster auf seiner Seite. „Ich dir -„, setzte er an, meinem Rücken zu antworten.

„Wag es ja nicht.“, sagte ich, während mein Blick dem Schlüssel auf seinem Weg ins Schloß folgte, „Sieh zu, dass du hier verschwindest.“. Ich stieß die Tür mit dem Schwung auf, den meine Ohrfeige für ihn hätte haben können und ließ sie in ihren Rahmen donnern.

Gesprächstherapie

„Irgendwie ist sie ja schon cool!“, raunt die Feuerhaarige , die sich auf meinem Scheitel abstützt und durch meine Augen auf die Therapeutin schaut, die gerade sagte, es gäbe für sie keinerlei Grund den Antrag nicht endlich los zu schicken. „Guck dir das mal an“. Das Mädchen auf meinem Kopf patscht mit der flachen Hand auf mich und unterbricht mein leichtes Dämmern.

Ich mag dieses Thema nicht. Ich schäme mich nicht, aber es ist mir peinlich so über mich und uns zu reden. Ich tue, was ich immer tue, wenn der Blick auf mich und uns als Einsmensch so konkret ist und ich weiß, dass ich ihn mit allem, was ich sage, nur noch klarer, schärfer, gezielter mache: Ich sammle die Worte und legte sie extra langsam und bewusst vor mich. Wickle sie ein und gebe sie extra langsam in mein Denken hinein. Das beruhigt mich. Macht mich dämmern und wenig berührbar von diesem Blick.

Wie eine Quecksilberlache breitet sich die Stunde vor mir aus und während viele verschiedene Innens aus meinem Gesicht hervorbrechen um ihre Brocken und Bröckchen zu dem Thema in das Gespräch zu halten, wickelt sich mir eine Wörterkette um den Hals und zieht sich in ihrer Bewegung ins Außen immer weiter zu.
Ich bleibe sitzen. Stoße meine Fingerspitzen wie Widerhaken in den Rand der Dunkelbunten. Weiß, wie sie es nie zulassen würden, dass diese Kette das Außen berührt.

Meine Haut wird kalt. Ein Puls flattert wie ein Schmetterling unter der Haut an meinem Hals. Es rauscht als stünden wir in einem Sturm, doch kein Wind berührt mich.
Und dann ist es vorbei.
Ich schaue den Schuhen der Therapeutin in ihrem Auf und Ab zu. Frage mich, ob sie mich ansieht. Frage mich, was sie sieht. Frage mich, wie wirklich das ist, worüber wir sprechen.

„Sie haben den Antrag gelesen?“, ihre Stimme wankt der Therapeutin entgegen. Unschlüssig zwischen Erleichterung und unerwartetem Grund zur Angst. „Ja. Sollte ich das nicht?“, fragt sie.
Mir werden die Worte entrissen und die Löwin schleicht sich mit ihnen durchs hohe Gras, das in unserem Kopf raschelt und rauscht wie die Brandung unter einen hohen Felsklippe.
Sie müsste antworten „Nein, aber ja.“ doch sie beißt mit geschlossenen Augen in die Wortmassen und wirft sich damit zurück ins Gespräch.

Irgendwann habe ich mein Wort. „Unaufrichtig“.
Es schmiegt sich an meine Wange. Ist so nah, dass ich es selbst zu sein scheine. Ist soviel von mir, dass es fast schade ist, es in eine Kette hängen zu müssen, um es mit der Therapeutin zu teilen.
„Ich würde umknicken, wenn sie den Antrag ablehnen.“. Ich hebe die Hand und knicke sie nach hinten. „Ich könnte das nicht durchkämpfen, wenn …“, mir geht auf halben Weg die Kraft verloren und die andere findet vor meinen Füßen Platz. „Wenn die Krankenkasse irgendwas nicht zahlen würde oder sowas ähnliches – wäre das kein Ding. Da würden wir Kraft aufbringen können, weil Sie da ja auch mit dran hängen. Aber nur für uns allein und …“
Ihre Energie fühlt sich an wie ein Gerüst um mich herum. „Und ich habe doch kein Wissen, ob man sich auf Innenkinder verlassen kann. Es fühlt sich unaufrichtig an, etwas sagen und vertreten zu müssen, dessen man sich nicht sicher ist.“.

Ich fühle mich blutleer und lasse wieder los.
Mein Wort hängt in dem Raum wie ein Bleigewicht und ich nagle es fest. Ich habe keine Kraft mehr mich weiter zu beteiligen. Bin erschöpft und kann das Ziehen im Zwerchfell nicht weiter ausblenden.
Als wir die Praxis verlassen, fällt mir auf, dass die Therapeutin mit uns umgegangen ist wie sonst auch. Obwohl sie jetzt etwas über ES und DAS DA weiß. Und zwar von uns. Obwohl sie weiß, wie wacklig meine (unsere) Überzeugung, ob der Wahrhaftigkeit dessen ist.

Wir stopfen uns die Ohren mit Kopfhörern zu und drehen „Cello-Wars“ voll auf.
Tun so, als wären wir Raumschiffrennfahrer_innen, als wir uns durch die Weihnachtsmarktbesucher_innengruppen schlängeln, ohne die Ränderplatten der Fußgängerzone zu berühren und uns von den Lichtern blenden zu lassen.Von der Straßenbahn lassen wir aufnehmen und klettern durch die blonden Dreadlocks eines Skate-Menschen vor uns.

Als wir später im Bett liegen und dem Feenreigen über unserem Kopf in seinen Bewegungen folgen, seufzt das Mädchen mit dem Feuerhaar: „Das ist alles ganz schön krasser Scheiß, ey“.