schwanger gehen

Ich denke darüber nach, einen Brief zu schreiben.
Dann sitze ich an meinem Tisch. Neben mir steht mein Kaffee. Und alles verschwimmt.

Ich spiele Runde um Runde Candy Crush. Trinke einen Schluck. Beantworte Emails. Recherchiere für einen anderen Text. Stunden später möchte der Hund raus. Wir gehen in den Wald. Ich laufe hinter uns her und versuche jeden verlorenen Gedanken einzufangen.
Dann essen wir. Fressen wir. Überfressen wir uns bis sich der Bauch vorwölbt und die Schwangerschaft mit diesem Thema nach außen tritt. Dann weint jemand. Dann kotzt jemand. Dann sitze ich vor meinem Laptop und fische in der Kotze nach den Worten, die in meinen Brief hinein könnten.
Ich spiele Soda Saga. Spiele Candy Crush. Spiele social bei Twitter. Bearbeite Fotos. Fresse. Kotze. Heule.
Entdecke auf der Uhr die Nacht.

Ich verschließe meine Augen und warte auf den Schlaf. Denke an Sex und lache mich aus. Warte.
Denke an nichts. Verschwimme im Nichts und warte auf mein Aufwachen.

Liebe Mutti. Mami. Mama. Mam. Mutter. Frau. S.
Hallo, ich bin verrückt schon gewusst?
hello hello hello long time no see special new informations hello hello hello

“Wie sag ichs meiner Mutter?” ist so ein Satz aus der “unerwartet schwanger/HIV positiv/Erwartung enttäuscht” – Ecke.

Mein Kaffee ist kalt und ich breche in Tränen aus, weil ich aufgewacht bin, ohne es zu merken.
Der Kühlschrank brummt, die Kaffeemaschine klickt und röchelt, der Laptop summbrrrrtbrummt und das Telefon siept. Das Blut in meinen Ohren spielt weißes Rauschen und ich betrachte die Worträume in meinem Kopf.
Sie sind zu groß für das Außen. Zu viel.

Hast du zufällig schon früher gewusst, dass ich autistisch bin? Hast du zufällig deshalb

Das Zeitmädchen setzt sich neben mich und starrt mich durch seine weißen Augen an.
“Sie wird das nicht verstehen. Egal, was du schreibst.”.
Es fällt in sich zusammen. Ist wieder weg.

“Warum willst du das überhaupt aufschreiben? Am Ende steht für Außenstehende wieder nur: “Ich bin anders als andere. Ich bin besonders.”. Das hat keinen Wert für uns.”. M. schaut auf meine Finger und klopft unter ihr Kinn. Das Geräusch poltert durch das Rauschen und zieht eine Linie zwischen Wohnungslärm und Kopfkrach.

“Ich möchte ihr sagen, dass besonders sein scheiße ist. Dass es das für uns schon immer war und immernoch ist. Dass wir es Last empfinden, weil so viele Menschen mit einem Besonderssein immer und immer und immer Erwartungen an uns stellen, die wir immer und immer und immer enttäuschen. Ich möchte Leuten eine reinhauen, die sich für wertlos halten, weil sie nicht besonderisiert werden.
Und ich möchte eine Antwort auf die Frage, ob es vielleicht nie möglich war uns nicht zu miss-be-handeln. Ich muss wissen, ob wir heute wären, auch wenn sie uns nicht geschlagen, gedemütigt, ausgenutzt hätten. Ich muss wissen, ob – wenn ich schon ganz ganz früher normal gewesen wäre – vielleicht die Versuchung geringer gewesen wäre, sich an Menschen zu wenden, die davon profitieren.”, antworte ich und drücke die Worte an meine Brust.

“Du möchtest wissen, ob du etwas hättest richtig machen können.”. Seine Stimme schiebt sich unter mir her. “Herzchen – das hatten wir alles schon.  Etwas richtig machen, gabs damals nicht als Option. Nie. Wir hätten das normalste Kind der Welt sein können und das wäre noch falsch gewesen.”. Er berührt seine Lippen. Löst sich wieder auf.

“Du wirst nicht von ihr bekommen, was du brauchst. Sie kann das nicht. Niemand kann das. Wir sind jetzt allein damit und werden das für immer sein.”, sagt sie. “Wenn du dagegen ankämpfst, tut es weh.”. Sie hebt einen Flügel für mich und lässt mich in ihren Federn sitzen. “Wenn du loslässt, dann können wir uns davon entfernen. Wir nehmen Abstand davon und lassen es wo es ist. Wir können jederzeit wieder hier hin zurück. Nichts wird sich verändern.”.

Ich kann nicht loslassen.
Ich spiele. Fresse. Kotze. Wache. Warte.
Liebe Mutti. Mami. Mama. Mam. Mutter. Frau. S.

Jemand malt mich, um Abstand zu mir zu bekommen.
Mich loszulassen.
Mich zu verlassen.

Es wäre schön, wenn ich meiner Mutter eine unerwartete Schwangerschaft mitteilen könnte.
Das wäre so normal für mein Alter, mein Geschlecht, mein Das,waswäre,wenn.

wn

Dienstag

Eichhörnchen2

Wir wanderten durch Kreuzberg und betrachteten ein Gesicht.
Dann fuhren wir nach Marzahn und betrachteten ein Kind, das nicht verstehen kann, wie es noch woanders fast ganz genauso aussehen kann, wie zu Hause.

#5

Vielleicht war es der wichtigste Gedanke zu dem Termin mit unserer Therapeutin und dem Menschen, der den Test auf Autismus anmitbeifür uns gemacht hatte:
“Ich weiß nicht, was  ich nicht kann”

J. hatte ihn hinter meinem Sein hervorrinnen lassen und ihr Gesicht abgewendet. Ich hatte ihn in das Notizheft aufgenommen. Vielleicht, weil ich etwas zum Festhalten brauchte. Vielleicht, weil mir Erinnern durchs Denken rauschte.
Dieses dumpfe Pochen, das man hat, wenn man weiß, dass es einen Termin gibt, in dem es um einen selbst geht. Der trockene Mund, die feuchten Hände, die Furcht vor einem Fehler, von dem man nicht immer sofort weiß, dass er einer ist.

Normalerwiese versorgen wir die Jugendlichen, die darunter leiden, dass wir noch immer Hilfen in Anspruch nehmen, noch immer in psychologischen/psychotherapeutischen Kontexten sind, noch immer wieder potenziell mit einem Bein in dieser spezifischen Pseudofreiwilligkeit stehen.
Wir erinnern an unsere Volljährigkeit, die Mündigkeit, unser juristisches Wissen.
Daran, dass es vorbei ist.
Manchmal brauchen wir eine semipermeable Membran für sie.

Diesmal entschieden wir uns dagegen.
Es hat etwas mit Traumaarbeit und Aufarbeitung zu tun. Und damit etwas loszulassen.

1.2

„Wissen sie – wir haben hier zwei Schienen. Da ist einmal die Traumaschiene, nach der wir nur ein Trauma nach dem anderen verarbeiten müssen, damit es uns besser geht. Und da ist die Autismusschiene. Die Annahme, dass da schon immer etwas war, was unser Leben beeinträchtigt, unabhängig von dem, was uns passiert ist.”, sage ich und fühle mich sicher auf der Linie, die ich durch meine Worte hindurch laufe.
Ich erzähle von einem Text in dem eine Person davon berichtet, wie Menschen so gequält werden, dass sie autistisch werden. Sage, dass es mich verunsichert, schon wieder mit der so schlimm beliebten Theorie der systematisch folternden Vereinigung aus dem Dunklen konfrontiert zu sein, die alles kann.
Sogar Autist_innen machen.

Der Mensch erklärt, dass es Verhaltenweisen gibt, die autistisch aussehen. Dass Autismus aber nicht nur das Verhalten, sondern auch die Denkmuster betrifft.

J. sitzt neben mir auf einem der Stühle und zittert.
Einen Moment lang denke ich darüber nach, ob sie es aushalten könnte, wenn ich nach außen trage, was sie quält.

Ich denke sie mit und lasse ihr Platz, um durch meine Fragen nach dem, was wir als erreichbare Lebensqualität neu einzuordnen versuchen, mitzugehen.
Es ist etwas zwischen Novum und modifizierter Krisis das zu tun.
Ich rede und meine Gedanken werden der Puls der Jugendlichen hinter mir, die auf ein Moment von Schuldzuweisung, Motivationsohrfeige und professioneller Demütigung warten und dabei vergessen zu atmen.

“Bis sich die Suizidversuche häuften, hatten wir noch ehrliche Diagnosen, die eigentlich nur sagen: “Dieses Mädchen ist durchgeknallt”. Dann kamen die Diagnosen “Psychose” und “Schizophrenie” dazu und alles wurde schlimm.”. Ich lasse die Bilder ankommen und zu einem weißen Rauschen hinter meinen Augen werden. Einen Moment lang streift mich die Frage: “Warum haben wir eigentlich nie unsere Qualen dieser Zeit so herausgebrüllt, wie wir es damals mit jedem Suizidversuch getan hatten?”.
Ich betrachte das Wasserglas vor  mir und ziehe seine Rillen nach. “Die DIS-Diagnose veränderte viel, weil sie nicht nur über meine Symptome konstruiert ist, sondern auch über die Annahme, dass das Umfeld an meinem Leiden beteiligt gewesen sein muss.”.
Während ich rede, stehe ich neben einer Fixierungsszene, die 12 Jahre her ist und spüre gleichzeitig doch den Druck der 4 Menschen auf diesem einen – meinem – Körper. Das Kind auf meinem Arm wird grau und macht sich weich.  Es flirrt in sich.

“Beide Diagnosen – DIS und Autismus – machen etwas rund. “.

J. weint und ich schalte mich kurz ab.
Ich möchte sie trösten, obwohl sie ein Jemand in uns in den letzten 3 Jahren fast täglich misshandelt. Aber sie ist schon leer. Egal, was ich ihr vermittle, es wird sie nicht berühren, weil sie in sich nur Rauschen ist.

Wir sprechen über Kommunikationsmittel, – wege und –möglichkeiten und das macht mich froh. Jetzt fühlt es sich erwachsen an.
Jetzt ist es gut, dass unsere Therapeutin konkret da ist und ich Dinge sagen und fragen kann, mit einem Menschen daneben, der Übersetzungshilfe geben kann. Es gibt ein paar Ideen, die wir praktisch umsetzen können.
Es bedeutet am Ende, dass wir uns unsere Kommunikationsmittel selbst machen müssen.
Vielleicht auch, dass wir die Wörter, unsere Schutzräume und Trennungslinien, ab und zu verlassen.

Ich gebe die Frage nach innen, ob und wie okay eine Ergotherapie wäre.
Betrachte mich selbst und frage mich, woher meine Bereitschaft dazu kommt. Bin ein bisschen beschämt, als ich merke, dass es an der Arbeitsbeziehung mit der Therapeutin liegt.  Werde von links angeknufft und höre einen hingeflapsten Kommentar “Du bist halt immer so loyal ey.”.

Während der Termin sein Ende findet, betrachte ich unsere Therapeutin und denke an ein Telefongespräch, dass sie mit J. hatte, bei dem sie im Urin des von ihr misshandelten Innens lag und in den Hörer weinte, was denn aus ihr werden sollte.
“Wir finden etwas für dich.”, hatte die Therapeutin gesagt und während J. das nicht glauben kann, stütze ich mich am Ende vielleicht einzig darauf.

Auf den Umstand, dass wir auf dem Weg sind uns auf vielen Ebenen nach- und neu zu entwickeln, um uns dazu zu befähigen, etwas für uns zu finden und halten zu können. Ich merke, dass ich etwas von ihrem Umgang mit uns, auf uns und unsere Un_Fähigkeiten übertrage.
Ernsthafte Widmung.

später

“Vielleicht hätte ich einfach schreien sollen.”, denke ich, während ich in meiner Jacke verschwinde und mir wünsche, die Zeit könnte sich genau jetzt einmal um sich selbst drehen und mich erneut ausspucken.
Nochmal neu einen Therapietermin haben. Sagen, wann das Thema beendet sein kann. Sagen, wann ein Punkt irrelevant ist und beiseite bleiben kann. Sagen, wenn Zuhör-Spiegel-Fragen falsch sind.

“Ich weiß nicht genau – wie oft wurde aus diesem Körper geäußert, dass es zu viel ist?”, frage ich mich und langsam kommt mir ein tieferes Verstehen vieler Suizidversuche früher in den Sinn. Und die Dokumentation über das Sterben in Deutschland. Da war diese Frau, die sich mit einem Drahtbügel an ihrem Kleiderschrank erdrosselhängt hatte. “Ich kann nicht mehr”, hatte sie auf einem Zettel hinterlassen.

Neben mir stakst M. und lässt Tabletten durch ihre Finger rollen. Neben ihr schranzt A. einen “Song” vor sich hin und fragt alle paar Minuten, wieso er nicht endlich eine rauchen kann. Ich denke daran, dass das Blog von Vielen inzwischen aus 895 Artikeln besteht. “Das ist ein bisschen mehr als nur ein Zettel, auf dem nicht genug Platz für Gründe und Er-Klärungsversuche ist.”, denke ich bei mir.
Nach vorne mache ich Motivationsreden. “Immerhin versteht sie meine Gefühle. Wer braucht ein Verstehen von Gedanken, wenn man sich die Hucke vollhauen kann mit Verständnis für Gefühle?!”. Irgendjemand knallt mir eine und ich schwanke ein bisschen.

Mir wird schlecht. Folgerichtig gehe ich in den Kreativmarkt und kaufe einen Ösenstanzer. A. will “ne Kippe” und ich denke darüber nach, ein Päckchen Tabak zu kaufen. Wieder klatscht eine Hand auf mein Gesicht. Ich denke an mein Werkstück und komme mir lächerlich vor. Als wäre es wichtig, wie ich Dinge sehe.

“Ich könnte auch einfach heulend zusammenbrechen. Mitten in der Stadt. Tre Drama. Ich schmeiße mich einfach in eine Pfütze und bleibe für immer liegen.”. Ich wandere durch den Gedankengang und schnalze mit der Zunge. “Hm seltsame Blüten kann Verzweifeln mitunter schon treiben”.
Das Kind auf meinem Arm wird schwer und ich hieve es auf die andere Seite. „Übernächste Woche, okay? Ich habs verkackt, aber ich könnte vielleicht in 14 Tagen…“.

M. bleibt stehen und legt den Kopf in den Nacken. Betrachtet die Wolkenränder, lässt mein Heulen nach hinten abfließen.
“Vielleicht sagen wir einfach nicht mehr, dass es zu viel ist? Vielleicht reden wir einfach wieder nur so?”, C. versucht mich durch ihre Wimpern hindurch zu sehen und legt den Kopf schief.

“Ich will meine Zeit da nicht mit Reden verbringen. Ich will was sagen.”, antworte ich und merke wie sich meine Tränendrüsen schon wieder zusammenziehen.
”Aber wenn sie nicht versteht, was du sagen willst, dann hat es … äääääh exaktamente NULL Sinn und dann könntest du es auch einfach nicht sagen.”, er schreitet seine Worte ab und begutachtet sie, “Was bedeutet: Ein Gespräch mit einer beliebigen anderen Person hätte das gleiche Ergebnis.”.

Es fängt an zu regnen.
Zwei Wochen sind ein langer Raum.

danach

“Hm, wollte ich am Ende eigentlich nicht eher fragen, ob sie uns jetzt anders sieht?”, frage ich mich und betrachte das rote Ampelfigürchen auf der anderen Straßenseite.  “Vor allens hast du vergessn zu fragen, ob sie uns jetz trotzden noch gern hat”, denkt es durch meinen Hinterkopf hindurch.

Die Ampel schaltet, ich zupfe ihm am Denken. Er stößt das Rad an und rollt über die Straße.
Während er und sein Begleiter sich bemühen, nicht im warmen Gegenwind zu versinken, drehe ich mich um.
“Das habe ich nicht vergessen. Die Frage ist irrelevant.”. Das Mädchen schüttelt den Kopf. “Stimmt nich.”, schiebt es hervor, “Es ists megaobersuperwichtig!”.

“Äh ja.”, ein Innen mit gekräuselter Stirn stützt sich auf den Kopf des Kinderinnens und wackelt mit seinen Fingern vor dessen Augen herum.  “Voll wichtig. Ph. Voll peinlich!”. Es fuchtelt mit den Armen durch meine Konzentration und ich merke, wie sich meine Ränder auflösen.

Ich verlasse die beiden und setze mich in den Fahrradkorb.
Der Wind streichelt mich und einen Moment lang bin ich gar nicht da.

Wir warten erneut vor einer Ampel und ich denke an Abendbrotgespräche.
Meine Mutter fragte, wie es im Kindergarten war. Mein Geschwist konnte nichts erzählen. Später verstand sie, dass es erzählen konnte, was es zu essen gab, wenn sie es aufzählte.
“Kartoffeln, Reis, Nudeln oder Suppe? Gemüse oder Fleisch? Pudding, Jogurt oder Obst?”.
Ich weiß nicht mehr, was ich auf die Frage antwortete. Ob sie mir gestellt wurde.

Ich denke darüber nach, ob das Erinnern daran, etwas verändern würde. Denke, dass es vielleicht diese Dinge sind, die Menschen, wenn sie in einer Familie erwachsen werden, einfach wissen, weil sie manche Geschichten und Begebenheiten immer wieder mal hören.

Was ich am Klarsten von dem, was ich in meinen Eltern bewegt habe, erinnere ist:
1) die Frage, ob mir klar ist, was ich ihnen mit meiner “Krankheit” antue
2) “Wir wussten ja nicht, ob wir dich am nächsten Morgen tot im Bett finden würden”

Er streckt die Hand aus, um sie durch einen Busch, dessen belaubte Äste auf den Weg ragen, gleiten zu lassen.

Ich glaube, meine Eltern sind sehr hilflose Menschen gewesen. Vielleicht sind sie es heute weniger, weil die Probleme, bei denen sie Hilfe – gute umfängliche Hilfe – gebraucht hätten, von ihnen wegkompensiert sind.

Die Kleine baumelt kopfüber in meine Gedanken hinein.
”Kannst ruhig weinen, wenn du willst. Is oke.”. Sie schaut einem Reiher hinterher, der über uns hinweg durch die Luft gleitet.

Ich überlege und merke, dass ich nicht weinen will.
Ich will eine Familie. Eine äußere Mehrsamkeit  zum erwachsen werden. Zum Aushalten des Umstandes erwachsen zu sein und doch noch immer weiter zu wachsen.

“Du willsts, dass dich jemand auch gern hat und bei dir is, ne?”, sie piekst mit ihrem Finger auf meinen Kopf und setzt sich dann neben mich.
Wir halten unsere Gesichter in den Fahrtwind und hören seinem wohligen Brummen zu.

“Bisschen is das schon wie Familie, wenn man weiß, da sinds welche Leute draußen, die haben einen gern.”. Sie hebt eine Augenbraue und öffnet sich vor mir, bis ich ihr Herz sehen kann.

“Wenn du willst, frage ich sie nächste Woche, ob sie uns trotzdem noch gern hat.”.
Sie lächelt und hält mir ihre Hand hin.

Aufräumen

Manchmal ist Aufräumen eine Option.
Leben, das bedeutet ein wogendes Meer und irgendwo sammelt sich immer etwas, das man Treibgut nennt, doch heimlich als wichtige Schätze behandelt.

Ein, zwei Notenblätter hier, ein zwei Kompositionen da.
Ein Übungsheft fürs Piano, eins für die Gitarre.
Ich habe nie ein Instrument gespielt.
Aber.

Ein noch nicht entwickelter Farbfilm auf einer Spule. 4 Fototaschen mit Daten zwischen 1995 und 2002.
Eingefangene Bildergeschichten aus einem fernen, fremden Leben.
Man muss sie behalten, weil ihr Verlust das Herz zerreißen würde.
Auch, wenn man sie nie öffnet.
Weil.

Die Hände werden rau und staubklebrig.
Kopien, Flyer, Berichte, liebe Grüße an E.
Alle falsch adressiert.
Außer der kleine Schlüsselanhängerbär.
Der ist von Oma.

“Packst du unsere Sachen?”, fragt sie und zupft an meinem linken Sehnerv.
Sie legt den Kopf schief. “Willst du weglaufen?”.

“Nein.”, antworte ich, “Ich erleichtere uns nur ein bisschen”.

Wir stehen zur Trauerfeier vor den Mülltonnen und stellen uns vor, wie der feine Nieselregen das Weinen ist, zu dem ich im Moment nicht komme.

Aufräumen ist eine Option, wenn ein Neuanfang nicht geht.

Chancen

Es sind ganz junge Füße, die mich durch die kalte Dunkelheit zu dieser Musik- und Kunstschule tragen. Ich merke das an dem Schwung im Schritt. An der Musik in meinen Ohren. An diesem ganz zarten Glimmen unterm Sternum. An dieser Fragenschleife: “Und dann darf ich das lernen? Also so richtig lernen? Und dann darf ich da was machen? Und dann ist das richtig echt? Und dann…”. An den großen Augen, deren Iris mich fast verschlucken.

Wir bekommen über 80% Rabatt, weil wir von Grundsicherung leben. Der Kurs geht, wenn alles klappt, 12 Monate. Am Ende könnten wir eine Mappe haben. So eine Richtige. Nicht so eine peinliche: “Ach nett, Sie machen also kleine süße Zeichnungen in ihrer Freizeit.” – Mappe, wie wir sie jetzt haben.
Es ist eine Chance.
Wenn sie uns vom Jobcenter als solche anerkannt wird und davor bewahrt, Bewerbungstrainings oder andere Maßnahmen machen zu müssen. Denn arbeitsfähig in dem Sinne sind wir inzwischen wieder. Maximal 4 Stunden am Tag – davon 3 am Stück. Die 4 te geht für den Weg hin und zurück drauf.
Die 4 Stunden, die uns noch zur “normalen Arbeitsfähigkeit” fehlen, die brauchen wir dann zu Hause, um die vorangegangenen 20 Stunden zu be.greifen, in den Mund zu stecken und nochmal zu essen.

Ist halt so. Wir haben die 50% im Schwerbehindertenausweis nicht, weil das Foto von 2004 darin so schön ist.
2004 da hatte das Innen, das sich zwischen die Mütter und Klein.Kinder setzte, um im Schulgewusel anzukommen und die Lautstärke mit den Haarspitzen zu erfühlen, das letzte Mal über eine Zukunft als um des Begreifens Willen lernende Person nachgedacht.
Jetzt krabbeln ihm Kinder mit Kekskrümeln auf den Kullerbäuchen um die Füße herum und könnten aus ihm selbst gekommen sein.

Der Leiter des Kunstbereichs ist nicht sehr angetan von den Zeichnungen. Er mag so gern lieber abstrakte Kunst, dass er uns markiert, wann die Kurse für figürliches Zeichnen sind. Das Innen zittert. Drückt sich die Wunschäußerung raus, alle Kurse des Angebots einmal zu probieren. Er reagiert nicht. Springt auf ehemalige Schüler_Innen zu, die zu Besuch kommen.
Der Leiter der Fotografiekurse kommt an den Tisch. Auf dem Bildschirm ist unser Fotoblog zu sehen.
Das Kinderinnen, das die Fotos macht, schiebt sich zaghaft zwischen das junge Innen, mich, den Schatten der Anderen und das Heute, das plötzlich so viele Gesterns gleichzeitig ist.

“Die Motive sind mir zu lieblich, aber dein Auge ist gut. Die Aufteilung, die Gestaltung, die Farben. Sehr gut. Du hast das drauf. Oh hier die Langzeitbelichtung – sehr sehr schön …” Er scrollt und ich frage das Kinderinnen, ob ich ihn etwas fragen soll. Oder, ob es ihm etwas zu den Fotos sagen möchte. Ob es Fragen zu seinem Kurs hat. Ob es den probieren möchte. Ich frage das mit der Generalschlüsselfrage: “Ist er ein Mensch*?” alles gleichzeitig und mein kleines Herz nickt eifrig. “Hier – niemand macht sich die Mühe so nah an die Wasseroberfläche zu gehen, um so etwas zu fotografieren- das ist sehr gut”, sagt er und erzählt dann, das man sich Kameras ausleihen kann, um bestimmte Dinge zu probieren. Manches von dem, was unsere Kompaktautomatikknipse nicht kann.

Das kleine Herz zappelt unter meinen Federn umher und strampelt sich heraus. Steht mit offenem Mund hinter den Augen und fuchtelt mit den Armen. Meine Wörter legen sich um seine Bewegung und klumpen aus dem Uns heraus. Der Leiter des Fotokurses hört zu. Schaut auf die Fotos. In unser Gesicht. Lächelt seine Augen zu einer dicken Linie zwischen vielen kleinen.

Dann verabschieden wir uns von ihm und folgen dem Kunstleiter durch die Ateliers.
Unser Schritt ist eckig geworden.
Wir sehen junge Menschen. Teenager. Kunst, die uns gnadenlos die Inspiration ins Hirn pumpt und an etwas zerrt, dem immer – dem seit mehr als 13 Jahren ein “hätte” oder “wäre” oder “wenn” vorausgeht.

Ich erinnere, was eines der anderen Herzen in der Therapiestunde aus sich herausstachelte: “Wenn ich nur länger durchgehalten hätte. Wenn ich nicht krank geworden wäre.”, und einfach nicht weiß, dass es in dieser Welt des Heute damit sagt: “Wenn ich die Gewalt, den Schmerz, die Qual, die Not, die Folter, die Ausbeutung nur länger durchgehalten hätte. Wenn ich keine (psychiatrische) Hilfe bekommen hätte.”.
Ich weiß: Es hat auch Recht.
Auf eine dieser perversen Arten, wie sie nur das Leben hervorbringen kann, hat es recht. Wenn wir nur bis zum Abitur durchgehalten hätten. Wir hatten die Chance singen, tanzen, Kunst machen und vieles mehr zu lernen. Wir hätten so viel mehr lernen können als das Notwendigste für Überleben und Realschulabschluss.

Wir kennen diese “Eigentlich wollen wir ja keine Elite sein”- Gymnasiumattitüde, die dann doch Markenkleidung trägt und Privat- oder Kursunterricht, wie den, den wir hier gerade mit unserer Besichtigung stören, erhalten kann. Neben Schüler_Innennachhilfe und Taschengeld, um am Wochenende ins Kino zu gehen.
Wir haben nicht dort reinpassen können und mussten das auch nie.
Aber da war die Chance.
Und wir haben sie nicht genutzt.
Warum auch immer.
Egal wie nachvollziehbar die Entscheidung war, wegzugehen und einen anderen Weg zu wählen.
Die Chance blieb ungenutzt und sie wird nie wiederkommen.

Unser Rundgang endet in einem Raum, in dem die Kurse für figürliches Zeichnen stattfinden. Es gibt einen Leuchttisch und die roten Haare des Innens lecken ihre Hitze bereits wieder in alle Richtungen. Mit einem Leuchttisch, kann es Trickfilmbilder besser zeichnen.
Wir fühlen uns durch den Raum, in dem viele Teenager sitzen, miteinander reden und uns verstohlen anschauen.
Mein Blick fällt auf das Grafiktablett eines der jungen Menschen dort.

Das Teil kostet neu über 800€. Frau Rosenblatt sabbert das Gerät seit der ersten Version durch das Internet an und fühlt jedes Mal den Schmerz des Wissens, dass es mehr kostet als das, was sie zum Leben vom Staat erhält. Weil das ihr Leben in einem Monat kosten darf.
Und dann liegt es einfach da.
Achtlos neben Wassergläsern abgelegt und mit Aufklebern verziert.
Es kostet so viel wie 100 Monate Kunstkurs für eine Hartz 4 Behinderte mit Splitter-Ich.
Würde der Kurs soviel kosten, wie es der Staat für Bildungsausgaben unter Hartz 4 vorsieht: 533 Monate.

Es liegt dort rum und würde es aufstehen und uns sagen: “Siehste- das haste nu davon!” – es wäre nur logisch.

Im Flur vor dem Raum liegt eine braune Labradorhündin und schläft mit dem Gesicht zwischen den Pfoten.
Wir tauschen Floskeln mit dem Kunstleiter und torkeln mit unseren Eindrücken im Kopf in die Kälte hinein.

Ich denke an den Artikel zum 10 jährigen Bestehen der Hartz 4 Gesetze, den wir uns seit Wochen aus dem Herzen rausschreiben wollen und daran, dass so viele Menschen von unserer Armut erfahren und dennoch denken, es hätte für uns jemals ein
“vor Hartz 4” gegeben. Ein “vor der Armut”. Ein “bevor es alles schwierig wurde”. Oder zumindest so mit uns sprechen.
Vielleicht, weil es so normal ist, dass jede_r mal ein “Früher war alles besser” hatte.

Wir hatten das nicht.
Wir hatten nur Chancen.
Und die haben wir nicht genutzt.

Weil wir statt auf ein Über.Morgen hinzuleben, ein Heute erkämpfen mussten.

Wir haben kein greifbares “wenn es vorbei ist”. Keine realistische Vorstellung, wie das Morgen nach dem Überleben, nach der Armut, wie das Ende des Hoffens erreicht werden kann. Wir wissen nur: das Bedürfnis der Therapeutin, der Welt, den Augen, die auf uns drauf schauen zu sagen, dass es in unserem Leben eine strukturell produzierte und aufrecht gehaltene Todesangst gibt, die für andere Menschen einfach nur “Hartz 4” heißt – das wird morgen wieder überlebt sein.

Genau wie alle Gewalt, Schmerz, Qual, Not, Folter und Ausbeutung, die wir überlebt haben bis wir 21 Jahre alt waren.

 

 

draußen

“Es ists so lange wie wir gar nicht hier waren”, sie spricht mit gespitzten Lippen und einem Hauch Wundern in der Stimme. “Dabei ist es schön hier… Ne?”.
Sie läuft langsam, mit den Füßen und Fingerspitzen tastend durch das erste Herbstlaub an unserem Platz. Sie atmet ein und fährt mit der Videokamera dicht vor dem Gesicht über die Rillen des langsam verwesenden Baumstammes, auf den wir uns setzen, wenn wir hier sind.

Ich würde sie gerne verstehen. Glaube ich.
Erst dachte ich, sie wäre eines der Innens, das von einem Geschehen übrig ist. Manche Innenkinder sind so entstanden. Dann ist etwas gebrochen und sie blieben zurück. Manche wie Krümel aus der Bruchstelle und manche wie ein Keks, der nie gegessen wurde, dessen Präsenz aber wichtig war.

Sie ist nicht so.
Eigentlich ist sie dysfunktional und im Alltag, im Leben, das wir heute leben, deplatziert. Zumindest, wenn es um Kontakt mit anderen Menschen geht oder darum selbstbestimmt zu leben.
Als 28 Jahre alte Person.
Und doch vergeht kein Tag, ohne, dass ich sie spüre oder, dass sie am Rand meiner Bewusstseinsfetzen klebt wie Honig. Süß und nahrhaft – klebrig und untrennbar.
Wie Wahrnehmungskotze von Bewusstseinsbienen.

“Weißt, was ich mal will? Ich will ehrlich auch mal so ein Gleiterfliegen machen.”, sie lächelt in den Himmel, wo zwei Mäusebussarde auf der Jagd auf dem sachten Oktoberwind gleiten. Sie zoomt aus dem Anblick heraus. “Weißt, wo einer, der das gut kann, so alles Wichtige macht und wo ich wie eine Babyraupe in einen Rucksack bin an seinen Bauch. Und dann hopsen wir einen riesigen Berg runter und gleiten wundergut über ein Tal drüber.”.

Hat sie gerade gejauchzt?
Hallo peinlich?
Ich schaue mich um. Sehe nur Schemen durch ihre Augen.

Ich verstehe auch den Körper nicht. Schon gar nicht, wenn sie ihn benutzt. Das ist jedes Mal, als würde sie sich ein Menschenkostüm anziehen, das viel zu groß ist. Manchmal merke ich so einen ganz dumpf dröhnend brüllenden Schmerz, der wie Fasern in Tweedstoff mit ihr verwoben ist und wundere mich, dass sie das nur dann äußert, wenn sie jemand fragt.
Warum muss man sie eigentlich immer alles fragen?
Sie ist eine Schnasselliese und eine ganze Zeit dachte ich, dass das genau ihre Spezialität ist: Machen, dass Menschen nett sind. Menschen glücklich machen. Menschen freundlich machen. Menschen manipulieren, um sich selbst abzusichern.

“Und wenn wir dann so gleiten, dann sitzts vielleicht auch ein Kindchen im Wald und guckt in den Himmel. Und dann sieht es uns und freut sich. Und dann winkt es zu uns hin vielleicht.”. Sie hebt die freie Hand und winkt den Greifvögeln über uns zu.
Sie lächelt und krault NakNak* hinter einem Ohr.

“Wir sind kein Kindchen mehr, F..”.
Ich weiß gar nicht, wieso ich das sage.
Es ist, was TherapeutInnen* immer wieder sagen. Blablabla Orientierung blablabla Selbstwahrnehmung blablabla Realitäten blablabla Norm blablabla aber eigentlich tut es ihr nur weh. Ist eine Erinnerung an die 13 Jahre, die ihr fehlen und das große Beben der Welten als wir ausgestiegen sind.
Ich merke, dass sie schluckt während sie mit ihrem Ersatzauge Fotos macht.
“Tschuldigung. Eigentlich wollte ich nur sagen, dass ich erwachsen bin. Dass ich kein Kindchen bin.”, ich halte ihr meine Hand hin und versuche sie zu sehen. “Aber du bist eins und das ist okay.”.

Sie kräuselt mein Gesicht in Wogen und Wellen. Dreht sich um. Löst sich auf.
Lässt ihre Augen auf dem Baumstamm liegen.

Perspektive 1

Dass das Mädchen sich die Augen zuhält und hart macht, hatte er gemerkt.
Aber er ist ein Junge, den niemand sieht. Ist ja ein Frauenkörper und damit muss man sich abfinden.
In Wahrheit ist er also vom Mädchen eingebildet. Muss man sich mit abfinden.
Hart werden und sich ab- weg- einfach woanders finden. Wer nur eingebildet ist, der merkt nichts was wirklich ist.
Auch wenn alle sehen, dass sie nichts sehen.

Die Dynamik um den Körper, erinnert mich an junge Menschen, die mit Stöckchen auf Quallen einstechen.
Es gibt keinen Laut, kein Blut, keine Bewegung vom Tier. Es wird entweder im Sterben noch gequält oder als Leichnam zerfetzt. Die Handlung hat oft keinen weiteren Sinn als den der Neugierbefriedigung. Wenn man noch nichts über Reizleitung, Tod und Ethik weiß und vielleicht nicht in der Lage oder Willens ist, dies auf eine Qualle zu übertragen, dann sieht man die Brutalität der Handlung nicht. Die Gewalt.
Es wird klar, in welcher Beziehung so abstrakte Überlegungen zu konkreten Situationen oder Lebewesen stehen und von welchem Status aus sie konstruiert wurden.

Für uns gibt es ein neues “normal”, das uns schleichend zerfetzt. Jedes Mal neu durchbohrt und macht, was es eben immer macht: Irgendwo macht sich ein Innen hart, um die Qual einfach irgendwie an sich und um sich ziehen zu lassen, während ein anderes daneben steht und den Wellenbrecher für die FrontgängerInnen* macht.
Manchmal auch ohne es zu wissen und darin anerkannt zu werden.
Manchmal, weil man es  nicht weiß und manchmal, weil viele Teekannen gleichzeitig pfeifen und die Verbindung nicht sichtbar ist.

“Ich bin ein unsichtbarer Kämpfer. In Wahrheit bin ich Batman oder so. “
Er wünscht sich eine Maske und ein Cape.
Jemand schminkt das Gesicht.
”Besser als gar nix”, denkt er.

Würde es weh tun, würde es brennen, stechen, jucken, dann wäre es das normal mit dem wir 28 Jahre gelebt haben.
Es gäbe keinen Grund zu Verunsicherungen, der mit uns zu tun hat. Die ganze Welt kann das für komisch, schlimm, schlecht, falsch halten, es würde nichts daran ändern, dass es für uns üblich ist. Es ist normal für uns, diejenige zu sein, zu der man hinkonstruieren muss. Wir haben uns nicht in Abgrenzung zu anderen Menschen und ihren Empfindungen und Normen entwickelt. Solche Privilegien zu leben, war uns einfach nicht möglich. Wir haben uns erlebt, als wir uns erlebten. Wir haben uns benannt, als wir Namen hatten. Wir haben gefühlt als wir fühlen konnten.
Wir sind nicht, weil andere Menschen sind. Wir sind, weil wir sein durften und haben das, anders als viele andere Menschen, nie vergessen dürfen. Können. Sollen.

Er beobachtet das kleine Auge an der Kamera, während die Frau redet und seinen Augapfel im Kopf bewegt.
Seine Anstrengung fließt in schmalen Rinnen die Schläfen herab.

Wie lange bleibt diese Unüblichkeit bestehen? Wie lange muss man Schmerzfreiheit aushalten bis jemand erlaubt das eigene normal an sich zu nehmen?
Wie lange muss man diese fremde Konstruktion auf sich anwenden, obwohl sie keinen Bezug hat?
Es ist dann doch nicht nur die Abwesenheit von Schmerz an einem Körper, der von niemandem als sein Körper betrachtet wird, sondern auch das Wissen, dass einerseits immer nur über diesen Körper wahrgenommen werden kann und andererseits darüber immer wieder Konstruktionen passieren, die nichts mit dem eigenen, zu  mehreren, gelebt (worden) sein zu tun hat. 

Er spürt, wie sein Rücken warm wird und sich hinter ihm die Konturen des anderen verdichten.
An dem Bein des Mannes hinter ihm stützt er sich ab und atmet durch.
”Alles cool Kleiner. Hat voll gedauert bis ichs gecheckt hab, sorry.”. Sie nehmen einander an die Hand und bilden die Blase, in der die Frau das Normal des Fremden leben kann.

Fortsetzung folgt