Worte, Wege, Wertschätzung

Für uns wird im Moment mehr und mehr klar, dass wir mit etwas umgehen, das viele andere Menschen nicht von sich kennen zum Einen und zum Anderen auch nicht bemerken, wenn sie mit uns zu tun haben.
Eine der aktuellen Situationen ist ein Kommunikationsproblem mit unserer gesetzlichen Betreuerin, aufgrund von genau dem Umstand, dass unsere Belastungsfaktoren weder offensichtlich sichtbar (physisch) noch in dem Ausmaß denkbar sind, wie wir sie erleben.
Um einen groben Einblick zu geben, habe ich folgende Grafik angefertigt.

Das “sehen” wir, wenn uns jemand anspricht, ohne, dass wir uns auf ein Gespräch vorbereiten konnten (Standbild):
Wie geht es dir
Manchmal sprechen wir von “dem Faden”, den wir sehen, wenn Menschen mit uns sprechen oder schreiben davon, dass wir “Wörter sehen”.
Der Faden – das soll der gesprenkelte Streifen in der Mitte symbolisieren – die Worte haben in der Regel die Farbe der Umgebungsgeräusche, die Farbintensität nimmt zu, wenn es sich um ein “Raumwort” handelt. Also ein Wort, das viele Bedeutungen oder Verknüpfungen hat.
Als “Umgebungsgeräusch” bezeichnen wir das Surren von Mehrfachsteckdosen, genauso wie Baustellenkrach, Gespräche anderer Menschen und die Geräusche, die entstehen, wenn sie sich bewegen. Menschengespräche “sehen” wir als Wörter – Geräusche als farbige Nebelschwaden.

Ich glaube heute, dass wir Wörter sehen (weil wir Geräusche “sehen” im ersten Schritt, doch im zweiten), weil sie unser Spezialinteresse sind, seit wir denken können (heißt in unserem Fall: egal welches Innen wie viel biografische Amnesie mitbringt: dass Wörter unheimlich anziehend und attraktiv sind, erleben wir alle – wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung. Für manche geht es um Phonetik, für manche um die Bedeutung und für wieder andere sind sie mehr wie Werkzeuge, die zu sammeln sich lohnt.
Als Schema haben wir inzwischen herausgefunden, dass die Bedeutung und die Anwendungsgebiete der Wörter an Relevanz zunimmt, je traumaferner das Innen ist. Wir erklären uns dies damit, dass Wörter bzw. Sprache allgemein in Verbindung mit sozialer Interaktion stehen und traumaferne(re) Innens in der Regel für diesen Part zuständig sind.

Das Wort für diese Wahrnehmung heißt “Synästhesie”.
Das bedeutet soviel wie “gekoppelte Wahrnehmung” und in unserem Fall: “scheiß schwere Arbeit, die nötig ist, um mit Menschen verbal zu kommunizieren und uns außerhalb der eigenen Wohnung/ohne Lärmschutz zu bewegen”.

Wir wissen nicht, inwiefern die frühe und dauerhafte Behandlung mit verschiedensten, bis heute nicht an Jugendlichen unter 18 Jahren erforschten, Psychopharmaka in unserer frühen Jugend dazu beigetragen haben, die Wahrnehmung von gehörten Wörtern zu verstärken.
Doch verstärkt hat sich diese Wahrnehmung während der Pubertät auf jeden Fall. Als Kind haben wir sehr gern Hörspiele gehört (und sie gehortet wie Süßigkeiten) und erlebten dabei eher pastellbunte Nebelschwaden – heute erleben wir klassische Kinderhörspiele (gerade auch, wenn wir uns nicht vorbereiten, eines anzuhören) wie ein unaushaltbares Neongeflacker mit Stacheln, die hinter die Augen stechen.
Eine andere Synästhesie ist während der Pubertät aber abgeklungen. Nämlich die räumliche Wahrnehmung von Wörtern. Das ist heute noch da, doch viel weniger stark und vereinnahmend.

Wir leben mit dieser Wahrnehmung schon unser ganzes Leben und kompensieren sie entsprechend lange auch schon. Nie haben wir darüber nachgedacht, wie belastet wir uns davon fühlen dürfen oder wie legitim wir die Anstrengung der Kompensationsvorgänge einstufen dürfen. Denn genauso lange, wie wir diese Wahrnehmung haben, erleben wir andere Menschen für die das Sprechen mit und das Anhören von anderen Menschen ein scheinbar vollkommen automatisch intuitiver (sozial unabdingbarer) Prozess ist.

Die meisten Menschen, die wir kennen, denken wohl darüber nach, wie sie worüber wann wo mit wem sprechen – doch niemand von ihnen muss darüber nachdenken, wie genau sie das tun. Was genau sie sagen. Für sie gibt es eine unbewortbare Verbindung zwischen dem, was sie ausdrücken/sagen wollen und den Worten, Sätzen und Phrasen, die sie dazu verwenden – selbst dann, wenn sie überhaupt nicht aussprechen, was sie sagen wollen.

Die meisten Menschen schmeißen mit Massen von unkonkretem Wörterspam um sich und haben nur in seltenen Momenten einen echten Anlass dazu, anders zu kommunizieren. Es ist nicht schlimm, dass sie das tun – Sprache ist ein sehr vielfältig einsetzbares Werkzeug – doch es ist schlimm, wenn sie trotz unserer Rückmeldungen keine Modulation vornehmen oder sich damit auseinandersetzen, wie gut sie von uns zu verstehen sind.

Das Problem ist er normative Anspruch basierend auf der eigenen Wahrnehmungserfahrung von Sprache. Das Problem ist Ableism. Das Problem ist die Limitierung von Ressourcen.

Wir beschweren uns immer wieder darüber, dass unsere Helfer_innen und Behandler_innen zu wenig Zeit für uns haben. Das tun wir nicht, weil wir es so toll finden, viel Raum einzunehmen oder keinen Begriff davon haben, dass Hilfe/Unterstützung und Behandlungen nur innerhalb eines fremddefinierten Rahmens erlaubt/möglich/bezahlt/*** ist, sondern, weil wir Zeit brauchen, um eine Kommunikation gehen zu können, in der wir nicht in ein Optionen-Wähl-Rate-Cluster zu rutschen, sondern, um uns ganz direkt um das Ding kümmern können, um das es geht.
Wörterspam “sieht” für uns nämlich auch genau so aus. Selbst dann, wenn wir uns vorbereiten und in einer völlig umgebungsgeräuscharmen Räumlichkeit befinden. Wir müssen heraussuchen, was gemeint ist oder gemeint sein könnte und daneben eine Art Dauerscan-Checkliste laufen lassen, ob das, was wir für gemeint halten, überhaupt Sinn ergibt in dem Kontext, den wir annehmen/erraten/kennen.

Wenn wir in einer Behandlungs- oder Unterstützungssituation auch noch in Erinnerungen getriggert werden, raten wir (aus Gründen)  in der Regel drauf los und sprechen in Satzbausteinen oder Floskeln.
Der Inhalt dessen, was die andere Person sagt, kommt in einer Explosion von unwillkürlich hinzuassoziierten Wörterbereichen und  über das Hören “gesehene” Wortklumpen und –brocken an, die unterm Strich keinerlei Zugangsmöglichkeiten zu inhaltlichem Verständnis für uns bieten. (Da passiert also eine Überschneidung aus “das sehe ich , weil ich es höre” und “das sehe ich, weil ich mir ein Bild von einer möglichen Bedeutung und Antwort und all deren Alternativen mache”)

Und was passiert nach außen?
Wir werden als funktional wahrgenommen (weil wir sprechen und das nicht sonderlich auffällig) und in der Regel kommt niemand auf die Idee, ob wir überhaupt begriffen haben, was uns gesagt wurde.

Wir jedoch wissen das und kommen unter Druck. Wir kompensieren unsere Unwissenheit und vor allem das Gefühl von Unsicherheit, Unverbundenheit, allein mit einem Problem zu sein und darüber getriggerte Todesängste mit Recherchen („Wissen fressen“).
Und natürlich auch immer wieder damit, dass wir auf Hilfe verzichten, weil sie uns zu viel Energie wegfrisst, die auch in die Teilhabe an der Problemlösung selbst fließen könnte.

Eine Barriere für uns ist, dass wir andere Wege zu Kommunikation und sprachlichem Ausdruck haben, als die meisten Menschen, mit denen wir zu tun haben. Wir werden entlang der für die Mehrheit der Menschen passenden Parameter eingeschätzt. Dazu gehört auch der Umfang und die über äußere Veränderungen abgeleitete Effektivität des Sprachvermögens bzw. des Wortschatzes. In unserem Fall wird schnell vernachlässigt, wie kongruent Wortnutzung und Inhalt für uns erscheint; wie tief unser Verständnis und Begreifen dessen ist, was die andere Person geäußert hat und wie gut oder schlecht wir uns über die verbale Kommunikation allein, mit anderen Menschen emotional/geistig verbinden können.

Eine weitere Barriere ist, dass wir nie sagen können “bei uns passiert etwas anders, als bei der Mehrheit der Menschen”, ohne, dass wir für eingebildet, arrogant oder selbstverliebt gehalten werden oder uns dieser Annahme ausgesetzt sehen.
Ich habe es noch nie erlebt, dass uns jemand auf so eine Aussage hin trösten wollte, was die für mich logischst nachvollziehbare Idee wäre. Denn schließlich ziehen wir mit “Wir sind anders, als die Mehrheit der Menschen” auch einen Kreis um das Ausmaß unserer Einsamkeit.

Zuweilen frage ich mich, ob wir uns weniger einsam wähnen würden, hätten wir Wörtern und Sprache nie so viel Aufmerksamkeit geschenkt, wie wir es damals taten und bis heute tun, weil es eine hassliebende Angewohnheit geworden ist.
Für die meisten Menschen hat Sprache etwas mit Zugehörigkeit und Miteinander zu tun, mit Zuwendung zu anderen Menschen und der Widmung, der man der Welt zukommen lässt. Wer nicht spricht, gilt in der Regel als antisozial, weniger menschlich, unkontrollierbar, uneinschätzbar, gefährlich, fremd, unnahbar, wird als „krank“, “geistig behindert”, rundum defizitär wahrgenommen bzw. bewertet, was unseren Sprachknall so auch zu etwas werden lässt, das wir als Überlebenstrick angewandt haben und bis heute anwenden.

Donna Williams hatte in einem Film über sich einmal gesagt, dass man in Filmen über Autist_innen permanent kompensierende Autist_innen (also autistische Menschen, die wedeln, schaukeln etc., weil sie überreizt sind und sich zu regulieren versuchen) sieht und genau das dazu führt, dass neurotypische/nicht autistische Menschen nie ein “wirkliches” Bild davon haben, wie diese Autist_innen sind. Als Individuen, als Menschen, als nahbare, durchaus sich selbst kontrollierende Personen, die in Kontakt mit der Welt und den Menschen darin sind, auch wenn sie nicht sprechen.

Für uns ergibt sich daraus die Notwendigkeit klar zu machen, wie wir angesprochen werden müssen, wenn man wirklich Zugang zu uns finden möchte und ein ehrliches Interesse daran hat, von uns verstanden zu werden und mitgeteilte Informationen zu begreifen.
Dazu gehört auch etwas, das Amythest Schaber öfter in ihrer YouTube-Serie “ask an autistic” sagte, nämlich bereits wertzuschätzen, dass wir überhaupt in verbale Kommunikation gehen, obwohl sie für uns weder intuitiv, noch als Verbindungselement zu anderen Menschen dient bzw. als solches empfunden wird.

Wir haben das noch nie von Menschen eingefordert, denn wir selbst haben den Mehrheitsmaßstab noch immer nicht von uns weggenommen. Zum Einen, weil wir nicht privilegiert genug sind und noch eine ganze Weile davon abhängig sein werden, dass andere Menschen uns ganz leicht für einen Menschen wie sich selbst halten und zum Anderen, weil wir noch keine bzw. nur sehr wenig Lebensqualitätserfahrung gemacht haben, in der die permanente Kompensation von Barrieren keine oder eine wesentlich kleinere Rolle spielt.

Wir wissen noch zu wenig über uns in dem Zustand, in dem alles weniger schwer und zehrend ist. Und wissen folglich auch nicht, ob sich das Kämpfen, das so mancher Forderung folgt, überhaupt lohnt und wenn ja, ob wir das verdient haben, ob wir das dürfen, ob wir selbst dann noch okay sind, wenn wir dann vielleicht nicht mehr im Mehrheitsschutzgebiet verortbar sind.

Was wir wissen ist, dass es barrierenärmer für uns geht, auch ohne etwas zu fordern, das Menschen völlig fremde und neue Wege zu gehen abverlangt.

So komme ich zu der zweiten groben Grafik.
Das “sehen” wir, wenn wir uns auf einen Kontakt mit einer anderen Person vorbereiten konnten (Standbild):
Wie geht es dir vorbereitet
Wir wissen, dass unsere Assistenzhündin NakNak* uns bereits durch ihre Anwesenheit und ihre Toleranz, sich von uns wann auch immer berühren zu lassen, auf eine Art fokussiert und in Kontakt mit der Welt und den Menschen darin bringt, die uns nicht in der Präsenz flirren und flackern lässt. Ist NakNak* da, sind wir da. Sind wir da, ist der Weg in die Lautsprache so viel vereinfachter, dass unsere Arbeit mit dem Wortschatzwerkzeugkasten um bis zu 50%  weniger kraftraubend ist.

Wir wissen, dass wir sozial sehr davon profitieren, uns nonverbal auszudrücken und schriftlich zu kommunizieren.
Wir wissen, dass wir unsere psychische Stabilität erhalten können, wenn Informationen zu einer Problemsachlage einem Schema folgend mitgeteilt werden (Wie war die Lage? – Wie ist die Lage jetzt? – Was ist tun (in einer Aufzählung konkreter Handlungsanweisungen)? – Welche Personen sind wofür ansprechbar? – Was sind die Marker für die Lösung des Problems?).
Wir wissen, dass wir uns sicherer fühlen, wenn Menschen kontinuierlich absehbar in direkten Kontakt mit uns gehen. (feste Termine, konkret terminierte Anrufe etc.)

Wir wissen aber auch, dass die wenigsten begreifen, dass unser “Profit” darin besteht, eine Barriere kompensieren zu können und nur so überhaupt erst teilhaben können und involviert zu sein.
Wenn wir uns NakNak* an unsere Seite wünschen, tun wir das nicht, weil mit Hund einfach alles toller ist. Wenn wir uns jede Woche einen festen Termin zur Besprechung des aktuellen Stands unserer Belange wünschen, dann tun wir das nicht, weil wir den Menschen so nett finden oder glauben, dass jede Woche etwas Neues passiert. Wenn wir uns eine klare Ansage zum Zeitpunkt eines Anrufs wünschen, dann tun wir das nicht, weil wir Lust an der Kontrolle anderer Menschen empfinden. Wenn wir darum bitten, Hintergrundbeschallung auszuschalten, Stecker aus der Steckdose zu ziehen, uns nicht am naheliegensten, sondern am stillsten Ort zu treffen, dann tun wir das nicht, weil wir gerade “hypersensibles Pflänzchen” spielen. Wenn wir in einem Gespräch viele Verständnisfragen stellen, dann tun wir das nicht, um das Gespräch möglichst umständlich zu machen.

Wir haben dieses Begreifen von anderen Menschen nie eingefordert, sondern immer nur gewünscht. Und das noch nicht einmal seit immer, sondern auch erst, seit wir verstanden haben, wie alleinsam wir sind, wenn niemand bemerkt, wie selbstverständlich/automatisiert/abgezwungenermaßen wir uns an ein soziales Miteinander anpassen, in dem wir mit unserem Wahrnehmen weder anerkannt, noch bedacht, noch gewertschätzt werden.

Wann immer wir momentan ein Kommunikationsproblem haben und an seiner Auflösung scheitern, kann ich nicht mehr anders, als zu bemerken, als wie viel zu hoher Anspruch an uns kommuniziert wird, was wir jeden Tag seit nun über 30 Jahren ohne Wenn und Aber leisten, ohne viel mehr Anreiz als die Sicherung des eigenen Überlebens zu haben.
Wir sehen wohl, wie nah dort der Gedanke: “Mimimi – das ist aber ungerecht” liegt und doch haben wir den nicht. Wir erleben viel mehr die abnehmende Bereitschaft weiterhin mit Menschen zu sprechen, die kein Interesse daran haben zu überlegen, ob ihre Haltung uns gegenüber vereinbar damit ist, selbst so behandelt werden zu wollen, wie man andere behandelt.

Vielleicht wollen wir mit unseren täglichen Leistungen plötzlich auch gewertschätzt werden, obwohl das für uns noch nie im Kontext mit anderen Menschen wichtig war und kaum jemand diese Leistung als überhaupt wertschätzbar wahrnimmt.

Fundstücke #31

“Ich bin es so müde, leid und weh.”, denke ich und öffne ein anderes Fenster auf meinem Laptop, als das des Mailprogramms, um der Idee der Therapeutin nachzukommen, eine Nachricht an die gesetzliche Betreuerin zu schreiben.

Ich bin so nah dran die Kontrolle zu verlieren. Mich zu verlieren. Den Plan zu verlieren. Die Linie, für die wir uns vor so vielen Monaten entschieden haben und trotz alle dem und alle dem nicht abgewichen sind, aus den Augen zu verlieren und zu vergessen, warum wir uns gegen den Tod entschieden haben. Warum wir uns für die Therapie, die Forschungsreise in unseren inneren Kosmos hinein entschieden haben.

Es ist August und wir sind keine Hartz 4 –Empfängerin mehr.
In 3 Wochen startet die schulische Berufsausbildung und wir haben noch keinen positiven Bafög-Bescheid erhalten.

Wir haben kein Geld und der Antrag für Geld liegt in der Stadt der Herkunftsfamilie. Wo man sich um Datenschutz bemüht, wie man unserer gesetzlichen Betreuerin versichert. Die das glaubt, denn sie hatte ja noch nie einen Fall in dem so obskure Dinge wie bei uns gelaufen sind.
Nun hat sie diesen Fall und weiß es nicht einmal. Weiß nicht, wie greifbar das für uns ist. Weiß nicht, was es für uns bedeutet, wenn sie uns erzählt, was man ja alles erstmal noch mit den Eltern besprechen muss, damit dieser Antrag durchgeht – obwohl wir absichtlich einen Antrag auf elternunabhängiges Bafög gestellt haben. Absichtlich in unserer Stadt. Absichtlich mit genau den Begründungen, die wir hinzugefügt haben.

Ich bin es so müde immer wieder die Erste zu sein, die man ans Messer liefert, um zu prüfen, wie scharf es denn tatsächlich ist. Wie weh es denn tatsächlich tut. Wie leid es hinterher tun muss, diesen Fehler begangen zu haben.

Nach 15 Jahren Verwaltungsobjekt-sein wissen wir, wie Behörden funktionieren. Wie einfach und simpel das System dieses Gewaltausübungsapparats gestrickt ist.
Man kann uns nicht mehr betreuen oder verwalten, ohne, dass wir wissen und fühlen, dass und in welchem Ausmaß wir entmenschlicht werden.
Man kann uns nicht mehr sagen, dass manche Dinge einfach nicht passieren können.
Man kann an uns keinen schlechten Job mehr machen, ohne, dass wir das merken und entsprechend beantworten.

Ich bin es so weh, mich für meinen Selbsterhalt schämen zu müssen, damit andere ihre Vorgehens- und Umgangsweisen mit uns und vielen anderen Menschen als natürlicher, gerechtfertigter, richtiger und wichtiger sehen können.

Es tut mir leid um mich, um uns, um das, was wir geschafft haben, wenn ich den Krieg gegen die Zweifel an der Richtigkeit des Kontaktabbruchs, des Ausstiegs, all den ausgetragenen Kämpfen miteinander, zu verlieren drohe, weil es mehr Anlass dazu gibt (Mit-)Täter_innenwahrheiten bestätigt zu sehen, als eigene.

Ich will die Verwaltungsvorgänge, die die Schutzbelange von Menschen, die zu Opfern von Gewalt in der Herkunftsfamilie wurden, umfänglich berücksichtigen.
Ich will die generelle Erlaubnis zur Einzelfallentscheidung für Menschen, die zu Opfern von Gewalt in der Herkunftsfamilie wurden.
Ich will das komplette, permanent aktualisierte Handbuch mit dem Leitfaden für Menschen, die zu Opfern von Gewalt in ihrer Herkunfts- oder eigenen Familie wurden, um sich an jedem Ort und in jeder – wirklich jeder! – Notlage sichern und versorgen zu können.

Ich bin es müde – ich bin es leid – ich bin es weh, immer wieder aus eigener Betroffenheit heraus solche Forderungen zu stellen, als sei ich die Einzige, für die das relevant ist. Als sei ich die Einzige, in deren Leben geschehen ist, was geschehen ist und überlebt wurde.

Ich bin es müde, leid und weh so hilflos, ausgeliefert und ohnmächtig darauf hoffen zu müssen, dass uns niemand aus Versehen umbringt, nachdem wir so hart um so viel Lebenszeit für uns gekämpft haben.

Ich bin es müde, leid und weh, als immerwährend letzten Schluss zu haben, dass man eine Existenz, wie meine, tot einfach unkomplizierter verwalten kann.

in ein Damals gehen

Ich hatte es schwieriger in Erinnerung.

Sich Innens annähern, die wie Gatschklumpen in diesem quecksilbrigen Brei aus “Irgendwas war da mal … ganz früher … oder so? … irgendwie…”, der manchmal an meine Füße schwappt, sind.
Irgendwo in der Erinnerung stehen und wie ein Zaungast sein, dem die Handlung aus dem eigentlichen Publikum zugeflüstert und die Szenerie von kleinen Schauern über den Rücken herangetragen wird.
Einen bestialischen Schmerz auffangen, ohne ihn zu berühren und in der Bewegung zu einem Echo verwandeln. Von 100 auf 80 auf 60 auf 40 auf 20 auf 10  runter zu regeln.

Sowas.

Das habe ich zuletzt vor 12 Jahren gemacht. Als ich aus Versehen erinnerte, wie schmerzhaft mein Durst war und wie viel schmerzhafter das Trinken von Wasser aus einem Glas. Damals.
Ich trat neben mich in diesem Damals und nutzte meinen komisch schmerzreaktiven Atem als Wind, der den Schmerz in ein Echo ins Heute verwandelt. Im Außen machte ich eine Bewegung mit der Hand, um dem Echo eine Richtung von mir weg zugeben.

Es war gut und wichtig für mich diese Verwandlung allein zu machen und in die Auseinandersetzung zu gehen, ohne jemandem von meinem Durst zu erzählen oder meinen Raum teilen zu müssen.
Aber es war schwer.

Ich hatte keine Idee, keinen Plan, keine Richtung außer “weg” von dem, was der Flashback übrig ließ, wenn ich ein Glas in der Hand hatte. Ich hatte nicht den Wunsch mit jemandem darüber zu reden. Erlebte meine Erinnerung so inmittend, dass ich keinen anderen Menschen in der Nähe, keine anderen Gedanken als meine, und selbst davon nicht mal alle, daran hätte ertragen können.
Ich ging alleine durch die Schleifen aus Überflutung bis ich das Moment fand, in dem ich den Schmerz kommen sehen konnte. Ich ging alleine durch die Verzweiflung, die sich auftat, als ich merkte, dass ich ihn nicht ungeschehen machen kann. Ich ging alleine durch die Not an dem Gefühl der bitterklebrigen Angst vor Wasser an meinem Mund, obwohl es DER EINE Gedanke war, der mich hat nach Feuchtigkeit suchen lassen. Damals wie heute noch manchmal.
Es hat quälend lange Wochen gedauert, bis ich in die Idee kam, eine Beobachterposition einzunehmen. Ein “so tun als ob Spiel” zu versuchen, obwohl es mir als Selbstbeschiss klar war. Den Schmerz kommen zu lassen, meinen komisch schmerzreaktiven Atem zu spüren und in das Geschehen mit dieser einen Windbewegung hineinzugreifen – und sonst gar nichts. Keine Schutzbewegung, keine Gedanken oder Worte, die mir lieber gewesen wären – damals wie damals wie heute.

Damals vor 12 Jahren, waren wir noch 17 bald 18 Jahre alt und sich an seinen Erinnerungen und dem Umgang damit, so zu quälen, war noch normal. Wir machten Vermeidungstänze über Vermeidungstänze und umfächerten diese mit einem waberigen Wörternetz nach außen, das im Innen keine Entsprechung hatte.
Das ist heute nicht grundlegend anders und doch kaum noch zu vergleichen.

NakNak*s Anblick an dem Morgen im Zelt hatte ein Erinnern ausgelöst, das ich zu dem Zeitpunkt nur über einen Impuls von einem Kinderinnen bemerkte und mit einem weiteren Punkt auf meinem Handlungsablaufplan beantwortete: “Ich kümmere mich darum, dass wir uns darum kümmern können.”
Kinderinnens sollen sich in solchen Dingen auf mich verlassen. Das habe ich mir (und manche anderen Frontgänger_innen) irgendwann als Kompromiss überlegt, weil ich es bis heute nicht schaffe, genug Kraft für sie und ihre Erinnerungen, in mir und meinem Sein aufzubringen, aber manche Menschen in unserem Leben dies schaffen.

An dem Morgen, an dem NakNak*s Krankheitsanzeichen unübersehbar waren, schrieb ich der Therapeutin eine Nachricht, telefonierte mit dem Begleitermensch, drehte mich aus den Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen des Innen heraus und legte meine gesamte Energie in die Fahrt nach Papenburg.
Als wir, viele Stunden später, zu Hause waren, legten wir NakNak* auf ihren Platz und klemmten das erinnernde Kinderinnen über die Druckwelle hinter sich. Wie ein Korken im Hals einer Sektflasche, den man zusätzlich mit einem Sicherungskorb aus Aluminium an seinem Platz hält. Dieser Sicherungskorb bestand aus den Armen von Innens, die die Berührung dieses Kinderinnens aushalten können und keine Alltagsfunktionen haben. In schlauen Büchern heißen solche Innens “innere Helfer” – in uns sind es “Innens, die gerade helfen können”

[diffiziles Wortspiel? Mag sein – ist aber wichtig. “Innere Helfer” limitiert ganze Innens auf eine Helferrolle, was eine unlogische Idee ist, wenn man alle Innens mit allem was und wer und wie sie sind, kennenlernen, annehmen und mit ihnen interagieren will.]

In den nächsten Tagen bis zum mit der Therapeutin verabredeten Termin, taten wir nichts weiter, als das Hier und Jetzt zu halten, uns gut zu versorgen und das allgemeine Anstrengungslevel niedrig zu halten. Wir taten, was uns entlastete. Gaben verschiedenen Innens einen Anteil von Zeit und Raum, um sich auszudrücken, sich zu entlasten, die Situation so aushaltbar wie möglich für sich zu machen.

[Wenn sich manche Innens entlasten, kann das bedeuten, dass sie Dinge im Außen tun, die heute eigentlich nicht mehr nötig sind oder andere Innens wiederum in unkontrollierte Erinnerungsprozesse stoßen. Wir haben inzwischen genug innere Kommunikation um grobe Impulse zu spüren (und genug Therapieerfahrung, um darüber nicht auszuklinken) und versuchen entsprechend unsere Umgebung so zu gestalten, dass die Wahlmöglichkeiten um eigenes Agieren im Heute für alle Innens kontinuierlich und sicher zugänglich sind. (Unabhängig davon, ob sie  auch alle diese Wahlmöglichkeiten sofort bewusst wahrnehmen oder als solche einordnen können. Der Unterschied passiert durch das ganz konkrete Vorhandensein der Möglichkeit!
Zu spüren, dass sich ein Innen für etwas entscheidet, das es gut kennt und deshalb als entlastend erlebt, ist etwas völlig Anderes, als nur wahrzunehmen, dass es etwas tut, wozu es eventuell früher einmal gezwungen war und es deshalb auch heute noch tut oder tun will ™ oder möchte ™ und, wenn man ganz ehrlich ist und sich ein bisschen reindenkt, auch keine so richtig wirklich greifbare andere Wahl hat, oder miterleben kann oder annehmen kann.]

Wir nennen Termine für dieses Kinderinnen “F.-Stunden” und haben uns dafür ein Schema überlegt, weil das meistens Stunden sind, in denen Zugänge zu desorientierten Innens zu finden versucht und manchmal auch gefunden wird. Manchmal geht es aber auch darum, sich bereits gefundenen Innens zuzuwenden und Möglichkeiten der Reorientierung zu finden.
Heißt: es geht um schwierige Themen, die Kraft und Widmung erfordern.
Das sind keine Stunden (mehr), in die wir reingehen und uns sagen: “Ja, mal gucken was kommt.”, weil wir heimlich doch drauf hoffen, dann doch irgendwie nichts damit zu tun haben und es vielleicht hinterher nicht mal richtig zu erinnern.
Letztlich haben wir nämlich immer etwas davon mitbekommen – und sei es ein ferner, ganz diffuser Nachhall, der uns dann im Alltag völlig verunsicherte, belastete und nach und nach ganz subtil destabilisierte, was erneute Symptomschleifen zur Folge hatte und dann am Ende genau gar keine Erleichterung und Verarbeitung oder eine stabile Verbindung für andere Innens ins Heute zur Folge hatte.

So sehen wir Frontgänger_innen im Moment unsere Aufgabe nach innen: Wir sind dafür da, damit andere Innens eine kontinuierlich sichere, offene, stabile Linie von Außen (Heute) zu uns (als Körper, der existiert) zu sich (als Sein, das (manchmal noch im Damals, im Früher, im Nichts, im Inmitten … etc.) ist) haben können.
Wir machen unseren Einsmensch-Alltag, verbinden uns mit dem Heute, Hier und Jetzt, sichern uns, versorgen uns, machen Gemögte, Bekannte, Freund_innen und arbeiten an guten Linien, Lücken und Nischen für das Innen.
Eine mit der Therapeutin verabredete “F.-Stunde” bedeutet für uns entsprechend vorher immer:

– die Prüfung der allgemeinen Fähigkeit zu so einer Stunde (“Wie ist die körperliche Verfassung?”, “Haben wir genug Nerven dafür?”, “Fühlen wir uns sicher?”)
– keine akuten Probleme mit Behörden, die wir alleine lösen müssen
– keine akuten sozialen Probleme mit Gemögten und Herzmenschen, die Kinderinnens verunsichern oder akut triggern
– es wird (mindestens am Tag vorher, dem Tag selbst und dem Tag danach) genug gegessen, getrunken, geschlafen
– keine zwingend nötigen anderen Termine an dem Tag (und evtl. den Tagen danach)
– die Wohnung ist aufgeräumt und übersichtlich
– Essen für den Tag (und die Tage danach) ist vorgekocht oder es gibt genug Zutaten für “ein Löffel-Rezepte”
– es gibt einen Zeitraum für bilaterale Stimulation an dem Tag (z.B. laufen, Rad fahren, (mit NakNak*) spazieren gehen)
– da wir auf “F.-Stunden” in der Regel mit Fieber reagieren und nach der Bewegungszeit (etwa 1 Stunde) erstmal schlafen müssen, stellen wir uns meist schon vorher alles ans Bett, was wir in greifbarer Nähe brauchen könnten: Telefon, Laptop, Bücher, Lavendelöl, Kreisel, eine Flasche Wasser, verschieden dicke und schwere Decken, verschiedene Stifte und einen Schreibblock
– wir erlauben uns inzwischen auch so lange nicht zu sprechen, bis es von Innens, die das gut einschätzen können, das Okay gibt, wieder Energie  in Lautsprache zu geben
– wir legen uns die Sätze zurecht, mit denen wir die Therapeutin um Dinge bitten, die wir eventuell von ihr brauchen
– wir packen unseren Erbsenmomentbeutel  in den Rucksack
– stecken uns Geld für ein Taxi ein, für den Fall, dass wir zu erschöpft sind, um allein nach Hause zu kommen

– wir erarbeiten uns die Basis der “F.-Stunde”:

  • Welche Verbindungen können wir für den Zeitraum der Stunde ganz stabil eingehen (und wieder auflösen), welche sind eher nicht so stabil und welche Verbindungen könnten uns destabilisieren?
  • Haben wir bereits in früheren Therapien an diesem Damals gearbeitet?
    Wenn ja: welche Verbindungen waren damals stabil und welche eher nicht?
  • Gibt es Impulse, Ideen, Gefühle, Erinnerungen(splitter), die uns Hinweise geben, welches Thema das Innen oder das Stück Damals hat (als Überbegriff, damit wir in der Stunde nicht ziellos umhermäandern, sondern um F. herum stabil bleiben, um zu unter.stützen und zu begleiten)?

Und dann bleibt nur noch, dieses Gefühl gut gewappnet und gesichert zu sein, bis in die Praxisräume getragen zu bekommen und in der Stunde selbst auch nicht zu verlieren. Je sicherer wir uns mit uns selbst, mit dem Thema und dem Vorhaben fühlen, desto leichter ist es, eine Verbindung zur Therapeutin zu halten, während F. oder ein anderes nicht im Alltag wirkendes Innen (aus anderen Systemen als unserem) mit ihr spricht.

“Verbindung halten” meint dann nicht immer unbedingt, dass wir sie hören oder sehen oder fühlen oder riechen – meistens ist das eher so, dass wir uns und sie im Therapiezimmer wähnen und dieses Wähnen einfach nicht loslassen oder vergessen oder ausplätschern lassen (dissoziieren).
Das ist so, als würde man Gähnen oder Niesen unterdrücken, aber gleichzeitig doch ein bisschen von dem machen, was Gähnen oder Niesen macht – denn letztlich dissoziieren wir ja doch, wenn wir uns dafür aufmachen, dass F. mit der Therapeutin spricht oder auch ganz übernimmt. Aber – um in dem Vergleich zu bleiben – wenn wir ganz loslassen (ganz niesen oder gähnen), sind wir nicht mehr “da” und haben keinen Gedanken (an die Therapeutin, das Heute, die Stunde, uns selbst)  sondern nur noch F. und das, was dieses Kinderinnen mitbringt, denkt, fühlt, weiß und wähnt.

Wenn sie miteinander sprechen, trägt F. die Fragen und Sätze von der Therapeutin in den Bereich ganz direkt um sich herum und bringt ihn in Bewegung. Wir merken das manchmal als Impulse, aber manchmal auch als Gedanken oder Bilder.
Weil wir (gesprochene) Wörter sehen, sehen wir meistens auch, wie sich durch das Sprechen mit der Therapeutin für F. (und uns) (Wortbedeutungs-)Räume eröffnen, die ohne die Bewegung nicht zugänglich waren (und es später, wenn die Stunde zu Ende ist, häufig auch erneut nicht sind).

Wird die Bewegung mehr, gibt es oft so etwas wie einen Schmelzpunkt oder Point of Dissoziation – und das ist eigentlich das einzige Moment, in dem wir tatsächlich gefragt sind. Nicht inhaltlich und auch nicht emotional – das liegt alles bei F. – wir sind eher gefragt, dass sie dann nicht erneut dissoziiert (“schmilzt”), weil sie die Bewegung (das Erinnern, die Resonanz von den Innens, Jemanden, Etwas.en, Seins und Ists … um sich herum) nicht aus.halten kann.
Die Verbindungen, die wir uns vor der Stunde erarbeitet haben (und der Therapeutin soweit, wie das okay war, gesagt haben) legen wir dann an die Punkte an, die wir entweder von der Therapeutin gesagt bekommen oder als am stärksten in Bewegung sehen.

Dann müssen wir selbst aufpassen, dass wir nicht an diesen “Schmelzpunkt” kommen, weil es sich bei diesen bewegten Stellen schlicht mal immer um Wahrnehmugsgranatensplitter von traumatischen Erfahrungen oder um Innens, Jemande, Etwas.e, Seins und Ists … handelt, die F. dissoziiert hat und, die nicht in unserem Heute orientiert sind. Also, deren Jetzt für uns völlig fremd, überbordend schrecklich und schnell auch so überfordernd ist, dass wir die Verbindung zur Therapeutin nicht halten können.

Während der Verabredung zur letzten “F.-Stunde” hatte die Therapeutin gesagt, F. würde manchmal an ihrem Bein sitzen und die Hand halten.
Nach einem Peinlichkeitsvermeidungstanz um den von mir gewitterten Klischeeschmalz abzuschütteln, dachte ich dann, wie eigentlich doch auch logisch das ist, wenn F. die Hand der Therapeutin hält, denn: Wenn sich um das eigene Ich alles bewegt und alles Mögliche hochspült, braucht man einen Anker und wir anderen Innens bilden den (noch) nicht für sie – wir wirken viel mehr wie Wellenbrecher, Leuchttürme, Bojen und Fähren im Innen. Die Verbindung nach Außen ist durch die Hand und den Kontakt am Bein der Therapeutin gegeben.
Das ist ähnlich wie unsere Strategie mit dem Band, das die Therapeutin an einem Ende hält und wir am anderen – nur physisch konkreter in der Rückmeldung.

Meistens erfahren wir in “F.-Stunden” von Gewalt, die für F. irgendwie zum Alltag gehörte. Die vom Sprechen über das, was F. mit der Therapeutin zu teilen bereit war, herausgelösten Innens, schieben wir in eine Mischung aus Imagination und Dissoziation, in der es nur um die Information geht, dass ES vorbei ist und DAS DA so in der Form nicht mehr passiert.
Meistens ist es das Stück im Innen, in dem wir unsere Erfahrungen mit dem Heute als erwachsene Person, die mehr selbstbestimmte Entscheidungen treffen kann, sicherer ist, besser versorgt ist, weniger einsam ist und viel mehr Anlass für Mut und Zutrauen hat, als sie es früher, als das Jetzt dieser Innens war, hatte, speichern und für uns bewahren.
So entsteht eine zarte gemeinsame Verbindung (die man sich hier in dem Schema als Linie in der Mitte vorstellen muss):
Ich hatte in Bezug auf “F.-Stunden” und “F.-Themen” oft eher das Gefühl, immer rangepfiffen zu werden, wenn es zu kippen drohte oder sich die Therapeutin wünschte, dass F.  oder ein rausgespültes Innen in Angst oder Not, meinen kraftvoll taktlosen Charme eines mittleren Eisenbahnunglücks spüren, um eine Verbindung zum Heute aufgehen zu lassen.

Das funktioniert manchmal innerhalb “meines Systems” – aber noch nicht außerhalb. Mir sehr ferne Innens aus einem anderen System (also einem inneren dissoziierten Funktionscluster) über mich ans Heute bringen zu wollen ist, als wolle man eine lückenhaft geschriebene Appleanwendung mit einer nur teilweise gut arbeitenden Windowsanwendung zusammenbringen, um ein Ergebnis auf einem Linux-Rechner zu erhalten. Also ziemlich unmöglich.

Dann spürten wir eine Weile nach der Stunde, dass von der verabredeten “F.-Stunde” ein Etwas übrig geblieben war und wir hatten uns in der folgenden Woche überlegt, wie wir dem begegnen können.
Wir hatten Grund zu Annahme, dass ich eine in einem Aspekt ähnliche Erfahrung mit diesem Etwas teile, diesen aber im Gegensatz zu dem Etwas überstanden habe, zeitlich und räumlich orientiert bin, mit der Therapeutin sprechen kann – und schon einmal direkt in ein Damals hineingegriffen habe, um etwas im Heute zu erleichtern bzw. zu verändern.

Wir haben also unser Schema angewandt. Haben die Therapeutin gebeten, sich leicht schräg rechts neben uns zu stellen, während wir fast auf unserem üblichen Platz standen. Sollte ich in den Reflex kommen, mich aus dem Damals herauszudrehen, würde ich sie mit hoher Wahrscheinlichkeit noch sehen und mich besser halten können, da sie als Person ein fester Heute-Marker ist.
Ich ging in Verbindung mit anderen Innens in das Damals hinein und wie gesagt: ich hatte es schwieriger in Erinnerung
Dichter. Drängender. Schwerer an die eigenen Gedanken zu kommen.

So in Verbindung und dem Gefühl, mir dieses Moment von Widmung leisten zu können, weil alles andere gerade nicht meine Aufmerksamkeit brauchte, war es nur die Belastung mit dem, was ich von dem Damals sah, den Impulsen, die von einem versprengten Kinddunkelbunt kamen und die Kommunikation mit der Therapeutin.

Im Nachhinein kommt es mir vor als hätte ich meine Belastungsfaktoren hin und her jongliert. Das Kinderdunkelbunt pulste immer wieder in mich hinein und schwappte bis in mein Fühlen, obwohl ich mich von ihm zu entfernen versuchte, um nicht von unserem Vorhaben abzukommen. Die Therapeutin und ich kamen überein, dass es wohl nicht orientiert ist und einen Rahmen braucht. Ich sah keine andere Übersetzung von “Rahmen” ein, als “Halt” und den Link zu F. und dem Händchen halten mit der Therapeutin.
Ich schob das Kinderdunkelbunt in meine linke Hand und legte sie auf die rechte Hand der Therapeutin. Dort konnte es erstmal bleiben. Bei mir (und in meiner Verantwortung irgendwie) aber irgendwie auch bei der Therapeutin und damit im Heute, in dem ich mich gut auskenne.

Wir versorgten das Etwas und ich legte im Verlauf meine rechte Hand in die linke Hand der Therapeutin, um das konkrete Haltgefühl von dort in das Damals einzubringen.

[Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: wäre es um ein Innen gegangen (also ein ganzes Ich mit Name, Sprache, mehr als schwammiges Restbewusstsein um das eigene am-Leben-sein), hätte es den Kontakt über die Hände der Therapeutin nicht gebraucht – da hätten Wörter genug Konsistenz mit sich gebracht.]

Ich regelte die Schmerzen des Etwas herunter, drehte meine rechte Hand in der Hand der Therapeutin herum und sagte etwas, worüber ich mich am Abend dann nachträglich fast irgendwie erschreckte, obwohl es mir in dem Moment einfach so richtig vorkam, wie der Lauf der Dinge: “Hm, okay – ich halt mich mal grad an Ihnen fest.”.

Ich griff in das Damals und bewegte den Schmerz in eine Richtung, die passend erschien. Wir bewegten das Etwas in den Bereich der Heutemarkersammlung und verkapselten das Kinderdunkelbunt in der gewohnten eigenen Sicht der Dinge, neben der, die die Worte der Therapeutin aufzeigte.
Wir lösten die Verbindung der Hände und setzten uns hin. Ich trank etwas und wir sprachen über das Geschehene drüber bis ins Heute.

Es gab einen Aspekt, mit dem ich nicht gerechnet hatte und an den wir allgemein nicht gedacht hatten:
das “Es geht um mich”-Paradox

Was wir “viele sein” nennen, besteht physisch nicht. Kein Mensch hat jemals viele andere Menschen in sich. Einzige Ausnahme: schwangere Menschen, die ihre Embryos/Föten als Menschen betrachten.
Wir sind ein Mensch, der sich selbst so fremd und fern ist (dessen Selbstwahrnehmung so dissoziiert ist), dass eigene Persönlichkeitsanteile und Seinszustände, als so fremd und fern erscheinen, dass sie wie andere Ich’s wahrgenommen werden und in unserem Fall (bei dem eine tertiäre Dissoziation (DIS) vorliegt) auch auf autonomen Funktionsbereichen (inneren Systemen) basierend, mit der Umwelt inter_re_agieren.
Mein Grundproblem ist also nicht, dass ich mich als “wir” denke oder mich manchmal fremd empfinde, sondern, dass ich, wir, als Einsmensch in unterschiedlich dissoziativen/dissoziierten Zuständen unterschiedlich inter_re_agieren, wechselnde Fähigkeitenniveaus haben, dissoziative Störungen unterschiedlich gut kompensieren können und unterschiedlich weit von einander dissoziierte Funktionsbereiche im Leben haben, was alles jeweils mit unterschiedlicher Selbstwahrnehmung, Selbsterfahrung, Selbst_Bewusstsein, Selbstbild und darüber auch entstehende Konzepte von der Welt, dem Lauf der Dinge und anderen Menschen, einher geht.

Wenn ich mich einem Stück Damals zuwende, das ich nicht gelebt habe (also für das ich eine dissoziative Amnesie habe), habe ich zeitgleich so wenig Verbindung zu diesem Bereich, dass ich nie das Gefühl habe, wir würden über etwas sprechen, das mich betrifft.
Das ist, wenn man es sich so anschaut, zwar ganz offensichtlich – grell blinkend mit Leuchtschildern umrandet – unlogisch – aber eben doch, was ich einfach so empfinde.

Ich hatte in der Stunde, während wir uns dem verbliebenem Etwas gewidmet haben, bis zu dem Punkt, an dem mir das Kinddunkelbunt seinen Fuß ins Bewusstsein stampfte und wütend über die Versorgung durch uns brüllte: “Das bin aber nicht ich!”, nicht das Gefühl in einem Damals zu stehen, das eines von mir war.
Ganz klar ging es diesem Kinddunkelbunt um irgendeinen anderen Kontext als den, an dem wir gerade waren und auch um einen, den ich nicht nachvollziehen konnte – deshalb war es gut, es in meine linke Hand zu schieben und diese in die Hand der Therapeutin zu legen – aber der Satz war da und fand in mir einen Resonanzraum, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn hatte.

Mir passiert Dissoziation in der Regel einfach. Es gibt zwar Momente, in denen ich sie leichter zulassen oder abbrechen kann, doch die Trennung selbst beginnt aus Reflexen heraus, die mir meist nicht spontan bewusst sind.
Es ist also kein üblicher Teil meiner Gedanken mit etwas verbunden oder von etwas getrennt zu sein, sondern eher, dass ich auf etwas reagiere, das für mich da ist . So etwa die Aufgabe, sich um ein Etwas im Innen zu kümmern, indem wir, in Begleitung der Therapeutin, in ein Damals hineingehen.

Auf den Ausruf des Kinddunkelbunt, hatte ich in dem Moment zuerst geantwortet: “Ja, ich auch nich – komma klar – stör mich nich”, (weil ich das so gut kann – dieses “geduldig und freundlich mit Kinderinnens umgehen” *hust*).
Doch die Interaktion mit der Therapeutin wirkte später wie eine Hauptstraße, die in einem Kreisverkehr endete. Sie und ich waren fest verbunden, doch ich war auch in Bewegung und so war sie auch in Verbindung mit dem Etwas, den Innens, die mit mir in das Damals hineingegangen waren und dem Kinddunkelbunt.

Der Satz “Das bin aber nicht ich” blieb in mir als Element wie ein Fremdkörper hängen.
Jetzt, wo ich diese Erfahrung hier aufschreibe, habe ich die Idee, dass es das tat, weil es mir im ersten Gedanken ganz klar und logisch erschien, im zweiten Gedanken jedoch, in dem ich eine erwachsene Person im Heute, Hier und Jetzt bin, die sich seit inzwischen 13 Jahren mit der Thematik “Trauma und Dissoziation” beschäftigt und kognitiv völlig klar und bewusst hat, dass diese innere Überzeugung/Wahrheit eine ist, die ganz typisch für eine dissoziative Kluft in der Selbst_Wahrnehmung ist, aber genauso klar und unlogisch bewusst ist.

Während der Therapiestunde sagte ich der Therapeutin, dass das bei mir hängen geblieben ist, blieb aber an der Stelle stehen, an der beide Wahrheiten nebeneinander klar und okay sind. Einmal, weil die Stunde um und wir insgesamt ziemlich erschöpft waren und einmal, weil ich mir nicht schlüssig darum bin, was ich an der Stelle tun oder fühlen oder denken soll oder was überhaupt dort passieren kann.

Wir fuhren eine schöne Strecke mit dem Rad nach Hause und wickelten uns in das Heute, in dem es eine wieder quietschfidele NakNak*, freie und sichere Zugänge zur Versorgung von Grundbedürfnissen und einige Optionen auf Erbsenmomente und andere Er_Lebenserfahrungen gibt.

Und daneben auch die Wahlmöglichkeit, wie schwer oder leicht man sich manches darin macht.

“nur”

Vielleicht war es eine Frage der Zeit. Vielleicht war es ein logischer Zwang. Vielleicht ist es ausgleichende Gerechtigkeit.

Nach ein paar Tagen, in denen wir uns NakNak* wieder und einander im Innen in kleinen Sprossen angenähert haben und alles danach aussah, als müssten wir nur warten, verwässerten mir Zeit, Raum und Lauf der Dinge.
Wir waren verabredet, hatten einen Plan und das Letzte was ich sicher weiß ist, dass wir einkaufen gegangen waren.
Dann starb ich einen Tod bei dem mir alle Luft aus dem Brustkorb gestoßen wurde und schaue 21 Stunden später einem Zug am Bahnhof Leer hinterher. Ich bin und bin nicht. Alles ist okay, es ist nur weit weg, seltsam schmerzlich und außerhalb von Zeit und Raum. Dann öffne ich unseren Briefkasten. Weil wir so nach Hause kommen. Immer. NakNak* ausziehen, schütteln lassen, Keks, aufschließen, Briefkasten prüfen, Treppen hoch, Leine und Geschirr an den Haken hängen, Wohnung aufschließen, NakNak* trinkt was und geht auf ihren Platz, während wir die Schuhe ausziehen und ins Regal stellen.
Wenn die Tür hinter uns zu ist, dann sind wir da.

Wenn die Tür hinter uns zu geht, sind wir sicher.
So dachten wir jedenfalls in den letzten paar Jahren. Beziehungsweise – dachten wir irgendwann nicht mehr, denn so läuft das, wenn man sich sicher fühlt. Man hat nicht mehr die Angst, die eine_n dazu bringt, sich zu vergegenwärtigen wie gefährdet man tatsächlich ist.

Ich öffnete die Post von unserer gesetzlichen Betreuerin und spürte direkt, wie sich meine Ränder erneut aufzuweichen begannen.
Unser Bafög-Antrag entwickelt sich derzeit in einen unsere Sicherheit massiv gefährdenden Selbstläufer, während unsere gesetzliche Betreuerin in ihrem Schreiben klingt, als hätten wir ihr nie jemals irgendwas von unserer Ausstiegszeit, unseren Versuchen so abgetrennt wie möglich zu unserer Herkunftsfamilie* zu sein oder den Wünschen in den nächsten Jahren eine komplette Anonymisierung vornehmen zu lassen. (Es klingt aber nur so – im Kontakt ist ihr der Umfang des Problems durchaus klar)
Der geänderte Klinikbericht lässt eine Einstellung uns gegenüber durchblicken, die uns an einer Stelle erschreckt und an einer anderen Stelle angewidert abstößt.

Erneut stehe ich nach einem Tag, der für viele andere Menschen nicht einmal im Ansatz nachfühlbar ist, mit einem Stoß Papier in der Hand und fühle mich maximal ausgeliefert, allein, ohnmächtig und schutzlos. Erneut. Schon wieder. Again. Again. Again.
Obwohl OBWOHL und trotz alle dem und alle dem

Ich spreche der Therapeutin auf die Mailbox. Schreibe ihr später, dass sie nicht anrufen braucht und merke noch später, dass ich auf meinen Standardsatz zurückgegriffen habe: “Ich komme schon klar.”.
Ich rufe den Begleitermenschen an und versuche mich in eine Form zu bringen, bis er zurückrufen kann.

Mit dem Begleitermenschen über unsere bürokratische Hölle of the doom zu reden ist neu und ok. Wir verabschieden uns und ich habe einen Handlungsablaufplan für den nächsten Tag. Und das Gefühl, dass jemand mein Drama daran auf der allgemeinen Ebene verstanden hat.
Wie das ist, die Person zu sein, die alles wissen soll, weil sie alles wissen muss, denn es geht ja um sie, doch genau das nicht tut, weil ihre Situation so komplex, so vereinzelfallt und unklar ist, dass es nicht geht.
Am Ende glaube ich sogar, dass er der Einzige ist, der verstanden hat, dass wir uns genau deshalb für eine gesetzliche Betreuung entschieden haben. Während unsere gesetzliche Betreuerin von sich sagt, sie sähe sich nur als bessere Sekretärin für uns und damit erneut das Kernproblem und seine Aufbereitung bei uns lässt, dessentwegen wir sie brauchen.

Gegen Mitternacht liege ich in einer Lavendelwolke im Bett und merke, dass ich weine, ohne zu weinen.
Da ist kein Gedanke daran wie ungerecht doch die Welt zu uns ist, oder wie gemein das ist, dass es für uns erneut so scheint, als ginge es für uns einfach nie ohne Extraschleifen, missachtete Kommunikationsprobleme und diesen einen Schmerz – da ist einfach nur der Gedanke: “Aber ich hab doch gesagt…”

Ich habe gesagt, was gefährlich für uns ist und warum.
Ich habe gesagt, was in der Klinik schwierig ist und warum.
Ich habe gesagt, was genau ich von Menschen, die mir ihre Hilfe anbieten, möchte und warum.
Ich habe gesagt, was wir leisten können und warum wir was brauchen, um das auch zu können.
Ich habe gesagt, was ich denke und warum.
Ich habe gesagt, was ich fühle und warum.

Ich suche die Verantwortung für das Versagen der Kommunikation zwischen mir und anderen Menschen nachwievor bei uns allein und komme in einen Zwiespalt, sobald mir andere Menschen, wie der Begleitermensch sagen, dass zu einem Gespräch immer mindestens zwei Personen gehören. Dass andere Personen andere Dinge verstehen können, als die die man sagt und, dass es immer wieder darum geht zueinander zu finden, wenn eine Person sagt, dass sie missverstanden wurde.
Der Knaller ist, dass er das für jedes Gespräch meint. Auch für Gespräche zwischen “kranken” und “behandelnden” Menschen und Gespräche zwischen Menschen, die einen Hilfsauftrag an andere Menschen haben.

Wieder berühre ich das Moment, in dem ich darauf beharren will, dass die Behandler_innen in der Klinik ein bereits vor unserer Aufnahme bestehendes Mindset von uns hatten (und haben) und wir hätten sagen, machen, sein können, was und wie auch immer, um das Ergebnis zu kriegen, mit dem wir jetzt, mit all seinen inneren und äußeren Konsequenzen, die wir für uns im Leben haben, zurecht kommen müssen.
In diesem Moment geht es nicht um Schuld – es geht um Gewalt im Sinne einer Macht-Ohnmacht-Dynamik, aus der wir nicht können, weil wir ohnmächtig sind und diese Menschen nicht müssen (nicht einmal müssen wollen), weil sie bereits (definitions- und deutungs)mächtig sind.

Wieder sehe ich uns in einem Moment, in dem ich darüber verzweifle, dass es für die Gefahrenlage von Menschen, die Opfer organsierter Gewalt wurden, weder Gespür noch Sinn noch Gedanken gibt. Wie wenig es braucht, um jemandem mit einem einzigen Beschluss, einer einzigen Fehleinschätzung, von “den Umständen entsprechend sicher” zu “Gefahr für Leib und Leben” zu schubsen.
Es brauchte in unserem Fall nur zu wenig Kapazitäten und den Wunsch nach weniger Arbeit, weniger Aufwand, weniger Beunruhigung. Mehr nicht.

In unserem Fall hat es übrigens auch nie mehr als das gebraucht. Die Verwaltung unseres Lebens war einfach immer schon ein bürokratischer Höllenschlund aus Zuständigkeiten, Einzelfallentscheidung und special Überschneidungen und nie hatte jemand genug Kapazitäten sich Klarheit zu beschaffen. Durch die Bank weg hat man in den letzten 15 Jahren das Gießkannenprinzip angewandt und einzig uns damit immer wieder vom Regen in die Traufe geschickt.
Trotz der Einblicke, die wir bisher in die Arbeit von in einer Behörde arbeitenden, sozialpädagogisch betreuenden und psycho_therapeutisch behandelnden Menschen haben durften, sind wir nicht bereit, die immer wieder eingenommene und uns vermittelte Opfer-der-Bürokratie/des Konzepts/der Klinik/Einrichtungs(hierarchie/geschichte/teams)-Position anzuerkennen.

Und seit dem Erlebnis in der Klinik gehen wir auch davon aus, dass an vielen Stellen von reaktivem Nihilismus ausgegangen werden muss, wo man auf den ersten Blick Unwissenheit oder Unbewusstheit vermutet oder eine Entwicklung zum Negativen™ aufgrund gleichsam schwerwiegenden Erfahrungen (mit dem bürokratischen/konzeptionellen/zwischenmenschlichen (Team) System).
“Reaktiver Nihilismus” meint an dieser Stelle nichts weiter als: “Nee – also XY machen wir jetzt hier nicht – weil wir darin keinen Nutzen (für uns) sehen (egal, ob die Klient_innen oder deren Angehörige oder Helfer_innen davon profitieren könnten).”, nachdem es Schwierigkeiten, Kränkungen, mehr Aufwand als sonst gab.
(Im Schreiben denke ich gerade, dass die Annahme eines reaktivem Nihilismus noch halbwegs moderat ist – ich könnte schließlich auch von absurd irrationaler Ignoranz, Selbstherrlichkeit oder NARZISSMUS ^^ ausgehen. Aber da endet dann doch der Einblick und das Verstehen der Umstände und entsprechend pfeifen wir uns davon zurück, um fair zu bleiben.)

Das Ding ist: Bürokratie und Konzept ist kein Körper und kein eigener Geist
Weder das Eine noch das Andere, ist in der Lage sich weiterzuentwickeln oder anzupassen, wenn nicht Menschen sie weiterentwickeln und anpassen. Dazu gehört nervenaufreibendes Prozessieren, schwere Arbeit, harte Entscheidungen und selbstlose Reflektion – also richtig unbequeme Tätigkeiten, die weh tun, für die sich niemand bedankt und die einem im Fall des Falls nicht einmal selbst irgendwann oder jemals selbst etwas nutzt oder einbringt.

Wir sind die Letzten, die Menschen dafür verurteilen das nicht leisten zu können oder zu wollen. Aber wir sind auch die Letzten geworden, die Menschen, die uns damit schaden und gefährden, die Hand auf die Schulter legen und sagen: “Ist schon okay so.”.
Diese Zeiten sind vorbei.

Sie sind vorbei, weil wir selbst das immer wieder bei Helfer_innen gemacht haben. Wir schluckten unsere Not runter und sagten ihnen: “Ist schon okay so. Ich bin einfach ein schwerer/komplexer Fall. Schonen Sie ruhig ihre Kräfte für sich und jemand, di_er Ihren Einsatz wirklich wert erscheint. Ja, Sie müssen nicht für mich leiden, indem Sie irgendwas machen, das ihrer Haltung zu mir/dem Konzept der Klinik/den Richtlinien ihrer Institution widerspricht – bitte nein – Sie müssen Ihren Job nicht zu 100 unbefriedigenden unbeliebt machenden Prozenten machen – 40 für Sie erfüllende, sie beliebt lassende und auch noch gut schlafen lassende Prozent sind immerhin auch Anlass immer weiter zu machen und noch ganz vielen mehr Menschen als mir zu helfen.”.

Wir haben heute die Haltung, dass wir anerkennen, dass so ein Job als Psychotherapeutin in einer Klinik oder als Sozialpädagogin in einer Einrichtung oder als Behörden-Johnny irgendwo Anträge abzustempeln, kein einfacher Job ist, der seine spezifischen Spuren in den Seelen der Menschen, die sie machen hinterlässt. Aber es ist ein Job, der gewählt wurde. Ein Job, der bezahlt wird. Ein Job, der gewisse Leistungen schlicht mal abverlangt. Ein Job, der auch Teil des Systems ist, unter dem man leiden kann, vor dem man sich ohnmächtig fühlt und das dennoch nie so unabänderlich ist, wie es erscheint, weil man verdammt noch mal selbst das System mitgestalten kann und meiner Ansicht nach auch sollte.

Auch ein Grund von uns die ambulante Betreuung aufzuhören – ständig hat man sich mit uns über die Bedingungen gesprochen, die ach so nervig, ach so umständlich, ach so irre an den Realitäten vorbei gingen. In den letzten zwei Betreuungsjahren verging kein Termin, an dem wir nicht da standen und die Hand auf die Schulter einer Betreuer_in gelegt haben, um zu sagen: “Ist schon okay so (kannst früher aus dem Termin mit mir, um mal mehr Zeit mit deinem Kind zu haben/brauchst dich nicht tiefer mit mir befassen/brauchst dich nicht mit meinem Kram belasten…)”

Um einem Missverstandenwerden vorzubeugen: Wir glauben nicht, dass solche Gesten und Handlungen falsch sind. Für uns war es mitunter sogar hilfreich und wertvoll zu merken, dass unsere Betreuer_innen und Helfer_innen auch Kram haben und wir nur einen Anteil ihres Lebens mit ihnen teilen – aber:
Wir waren im frei gewählten, bezahlten, leistungsbezogenen Anteil ihres Lebens.
Wir hatten nur deshalb miteinander zu tun, weil sie an und mit uns eine Leistung erbringen sollten und dieser Aspekt ging nach und nach völlig unter. Zum Einen, weil wir Probleme damit haben Hilfen anzunehmen und zum Anderen, weil es anstrengend, problematisch und was weiß ich nicht noch alles war und ist, uns passende und ausreichende Hilfen zu organisieren.

Es ist leicht für diese Menschen den Kopf zu senken und zu vertreten, dass wir einfach einer dieser Fälle sind, für die es kein Netz gibt. Schulterzucken, Demut spielen und exakt was nicht tun? Genau: ein Netz machen oder helfen ein Netz zu stricken
Passivität und demütige Systemkonformität wird belohnt. Entlohnt sogar. Aktivität im Sinne derer, denen man Hilfe zugesichert hat, nicht, denn dafür gibts keine Abrechnungsnummer, keine Hast-fein-gemacht-Kekse vom System und am Ende hat man da vielleicht nicht mal irgendwas special super mega Gutes für eine_n Klient_in erschaffen, sondern “nur” das gleiche Niveau wie das, auf dem alle anderen™ sind. “Nur” eine kleine Entlastung. “Nur” eine kleine Insel des Okayen. “Nur” ein Moment des Durchatmens. Etwas, wovon “nur” diese Klient_innen etwas haben.

Gestern Abend hatte ich auch den Gedanken, dass unsere Lage auch deshalb immer wieder so ist, wie sie ist, weil in unserer Gesellschaft, in unserer Kultur vieles limitiert ist – obwohl es keinerlei praktischen Nutzen außer Machtausübung hat.
Das ist, was mich an “mein Arzt glaubt nicht an rituelle Gewalt”, an “der OEG-Gutachter glaubt nicht an organisierte Gewalt”, an “meine Krankenkassengutachterin glaubt nicht an komplexe Traumatisierungen” schon immer so kirre macht, weil es verdammt nochmal nicht darum geht, was jemand glaubt oder nicht glaubt, sondern darum, dass diese Leute ihren Job beschissen machen, weil sie ihre Annahmen nicht zu überprüfen und evtl. zu revidieren bereit sind (genauso wie Behandler_innen, Verbündete und Helfer_innen mitunter nicht dazu bereit sind, weil ihnen Ideen von großen weltweiten Netzen des organisierten Horrors besser ins Weltbild passen, als selbstunsichere Klient_innen, die Gewaltgeschichten erfinden oder fantasieren, um sich der Behandlung sicherer zu fühlen – gibts selten – gibt es aber und ist wichtig zu prüfen, so schmerzhaft, kränkend und verunsichernd das nun einmal ist).

Die Limitierung beginnt oft schon der Frage, wer was wann wie viel haben darf und endet in der vorweggenommenen Prävention von Gültigkeit für alle.
Begrenzt wird wer wann wie geschützt wird. Begrenzt wird Hilfe, genauso wie die Definition dessen, was Hilfe letztlich ist.
Nicht, dass plötzlich alle kommen und das Gleiche wollen. Nicht, dass plötzlich ALLE kommen. Wer soll das denn bezahlen? Wer soll das denn leisten? Was würde denn dann passieren?

Ja – was genau würde passieren, wenn es uns einfach gut geht?
Was würde passieren, wenn wir einfach nur kriegen, was wir uns wünschen und es uns einfach nur gut geht. Oder sagen wir: besser als jetzt?
Würde es irgendwas beweisen oder für andere verändern, was schlecht oder falsch ist? Würde das automatisch bedeuten, dass dann “alle kommen” und verlangen, dass es ihnen gut oder besser als jetzt geht? Was genau wäre daran schlimm oder falsch oder schlecht für alle, wenn es allen gut oder besser als jetzt geht?
WAS
ZUM
FICK
sollte denn daran so schlimm, schlecht, falsch sein, dass man es mit aller Macht verhindern muss?

Bling bling – da ist der Grund auch schon: Macht
Jene, die darüber bestimmen, wer was wann wie viel erhält, würden nicht mehr mit der Gießkanne umher gehen können, wenn tausende Leute um Wasser bitten (weil es völlig okay ist, sowas Basales wie Wasser zu wollen, weil  man Wasser zum Leben braucht) – sie müssten Wasserhähne, Swimmingpools, Strandzugänge freigeben, die es gibt, jedoch nur limitiert zugänglich sind.

Vor Behörden, die unser Leben verwalten haben wir diese Haltung inzwischen auf jeden Fall. Wir haben Hartz 4 nicht gewählt und haben nie aufgehört nach Wegen in eine Ausbildung oder passende Arbeitsstellen zu suchen. Wir haben nie um mehr gebeten als darum, dem Mindeststandard entsprechend versorgt und abgesichert zu sein und haben selbst darum immer wieder kämpfen müssen. Einfach nur, weil man über Bürokratie schlicht alles limitieren kann, was einen Menschen und sein Leben betrifft. Aus keinem anderen Grund haben wir die letzten paar Jahre so unter Geldnot und Armut gelitten, obwohl wir immer wieder weit über unsere Grenzen hinaus gearbeitet haben.
Deshalb haben wir unseren Sachbearbeiter_innen nie auf den Tisch gekackt, wenn mal wieder was gestrichen, gekürzt, ein- oder abgezogen wurde – sondern immer nur dann, wenn sie so getan haben, als wäre das ein Naturgesetz und keine strukturelle Gewalt, die sie da als ganz neutral objektive Figuren an uns weiterleiten.

Genauso machen wir das jetzt mit den Menschen in der Klinik und der gesetzlichen Betreuung.
Es gibt keinen Grund, sich nicht zu reflektieren, sich auf Voreingenommenheit und falsche Annahmen uns gegenüber zu prüfen – keinen einzigen, außer den, fest davon überzeugt zu sein, im Recht und unfehlbar zu sein, aufgrund einer eigenen Objektivität, Professionalität, Berufs- und Lebenserfahrung, was eine doch zweifelhafte Grundlage darstellen dürfte, da auch diese nur beinhaltet sich selbst die Macht über die Situation zu sichern, indem man sich selbst zum Maßstab macht.

Ich habe dazu neulich erst einen guten TED-Talk gesehen.

Irgendwann heute morgen dachte ich, dass ich vielleicht genau deshalb weinte. Weil es so viel mehr für sich zu erhalten und zu gewinnen gibt, wenn man uns ausgrenzt, unsere Worte ignoriert, den Wahrheitsgehalt dessen, was wir äußern, negiert und uns irgendwie einfach möglichst irgendwohin los wird, als wenn man sich wirklich ernsthaft und offen mit dem auseinandersetzt, wer wir sind und was wir mitbringen.

Das ist so ein Moment in dem sich eine innere Wahrheit bestätigt, nach der wir und alles, was von uns kommt = schlecht und wertlos ist und eine Logik des Geschehens eröffnet, wonach es auch nur so für uns laufen kann, wie es im Moment läuft: absurd, irre, schlimm, schmerzhaft, aufreibend, überfordernd und wir uns nur so fühlen können, wie wir uns fühlen: ausgeliefert, ohnmächtig, wütend, verständnislos, in Todesangst

obwohl es nur ein paar Seiten Papier,  ein paar fremde Personen und unser kleines Leben ist, um das es hier geht.

“Nur”.
Weil ich schon damit klar komme.
Klarkommen muss, egal, ob es wahr ist, oder nicht.

das Kleine im Großen, das “ein Blog von Vielen” heißt

Seit Donnerstagabend sind wir wieder zu Hause und bewegen uns in einem seltsamen Gemisch aus Warten, Halten, Rauschen und Rieseln.

NakNak* liegt die meiste Zeit in ihren safe spaces und schläft. Manchmal atmet sie schnell und seit die Tierärztin sagte, dass das bedeuten kann, dass sie Schmerzen hat, machen wir uns hart und versuchen uns gegen den Selbsthass zu entscheiden. Schließlich haben wir ihre Schmerzen zu verantworten. Wir hätten sie nicht aufschneiden, ausweiden und wieder zunähen lassen müssen. Wir hätten nur auf unserer Entscheidung gegen Notoperationen beharren müssen. Dann wäre sie jetzt tot und hätte nie wieder Schmerzen.
Wir hätten nur stärker sein müssen. Nach diesen chaotisch aufreibenden 11 Tagen Radtour, in dem Druck des Moments und dem Druck, den wir allgemein im Leben und Wirken haben.

Wir sind lange genug in Therapie um zu sehen, was für ein überhöhter Anspruch das ist. Wir waren stark und wir waren stark genug. Die Situation hätte sich auch noch ganz viel schlimmer, ganz viel schmerzhafter, ganz viel traumanäher, sowohl für uns als auch den Hund, entwickeln können.
Aber “hätte würde wenn” funktioniert für uns nicht als Trost oder Beruhigung oder als Mittel zum Zweck sich selbst aufzurichten. Wenn wir schon bei “hätte würde wenn” wären, dann wäre NakNak* nie krank geworden und wir hätten uns in Ruhe mit dem Thema Kastration/Sterilisation auseinandersetzen können.

Das hatten wir ja schon angefangen, weil wir ihre Begleitung in der Schule während der Läufigkeit als schwierig betrachtet hatten. Aber wir waren für uns auch klar, dass dieser Hund niemals irgendein Organ(system) an uns und unseren Lebensstil verlieren soll.
Die Gebärmutterentzündung gehört zu den üblich möglichen Erkrankungen von intakten Hündinnen. In einer anderen Version von “hätte würde wenn”, hätte sie eine entwickelt, als wir zu Hause waren, wo wir unserem Tierarzt sagen können: “Keine OP – bitte erst konventionell behandeln – wir brauchen Zeit eine OP finanziell zu stemmen”.

In jedem anderen  Wunsch-“hätte würde wenn”, wäre Zeit gewesen, um selbstbestimmt zu entscheiden und selbstbestimmt abzuwägen, welche Entscheidung am Besten tragbar oder wenigstens aus_haltbar ist.
Solche Notfall-Überrumpelungs-Jetzt-gleich-sofort-muss-etwas-(anderes als geplant)-entschieden-werden-Momente überfordern uns auf mehreren Ebenen. Da geht es dann im ersten Schritt um das Leben oder den Tod des Hundes und uns als awkward Aliens, die niemals je dieses inbrünstige (Tier)Lebensschutzdogma vertreten haben, jedes Leben um jeden Preis zu retten. Für uns wäre es auch möglich gewesen, NakNak* in dem Wissen um 7 ein halb bestmöglich gelebte Leben gehen zu lassen und den Wert dieser miteinander verbrachten Jahre anzuerkennen.

Im zweiten Schritt der Überforderung geht es um den Blick anderer in unsere Zukunft und auf uns im Jetzt. Die Annahmen von Außen über unser Jetzt, sind schon fast witzig irre weit weg von dem, was tatsächlich ist, einfach, weil sich die wenigsten vorstellen und glauben können, wie wir finanziell, emotional, geistig unsere Monate überstehen.

Ohne die Unterstützung von anderen Menschen sitzen wir ab dem 15. eines jeden Monats ohne Geld da. Und das schon seit gut 2 Jahren und sehr wohl im Wissen des Amtes – wird ja grad auch gerne gestreut, wir würden unsere finanziellen Unterstützungen nicht dem Amt melden. Vielleicht, weil man ein selbstgerechtes Menschlein voller Hass ist – vielleicht, weil man nicht weiß, dass man auch in Hartz 4 durchaus eine Summe im Monat bekommen und behalten darf. Und das trotzdem noch weniger als Hartz bedeuten kann.

Wir kaufen NakNak*s Fleisch und Leckerchen, bezahlen unsere Raten und Rechnungen und dann ist Ende. Es gibt keine “unnötige Ausgabe, die man sich für eine Ratenzahlung sparen kann” – wie der Tierarzt, der NakNak* operierte, vorschlug. “Dann zahlen sie einfach 50€ im Monat, dann sind sie in XY Monaten damit durch”. Wie sich diese XY vielen Monate für uns und den operierten Hund entwickelt hätten, war dabei egal. 50€ im Monat könnte der Stromabschlag sein. Oder einmal NakNak*futter und einmal TelefonInternetvertrag. Oder zweieinhalb Wochen Lebens- und Hygienemittel für uns. Oder zwei ausbleibende Ratenzahlungen, auf die bei Aufschub noch Zinsen oben drauf kommen.

Immer wieder stehen wir vor solchen Menschen und wissen nicht, wo genau wir anfangen sollen zu erklären, dass wir uns nicht davor drücken, es unbequem zu haben. Mal einen Monat irgendwie zur Tafel oder zum Foodsharing gehen zu müssen. Mal irgendwie Ratenzahlungen aufschieben zu müssen.
Wir sind damit überfordert, Menschen erklären zu müssen, dass Armut in Deutschland nicht bedeutet, hungern und dursten zu müssen, sondern vielmehr um ein Leben zu rudern, dessen Qualität fragwürdig ist, ohne auch nur einen verdammten Meter weit zu kommen, wenn einem niemand von außen hilft.

Dazu: die Behinderungen, die wir im Leben haben. Ich weiß nicht, wann endlich mal alle Menschen kapiert haben, dass das “Aufgrund dieser und jener Behinderung kann ich XY nicht leisten/fällt mir XY schwer” einer behinderten Person, nicht übersetzbar ist mit: “Ich habe keinen Bock auf XY” oder “Diese und jene Behinderung muss weg, dann kann ich das machen – aber du kannst sie nicht wegmachen – Ätschibätsch, musst du jetzt XY machen”

Wenn wir sagen, dass es uns aufgrund unserer Behinderungen im Leben schwer fällt sich um einen operierten Hund zu kümmern, dann bedeutet das: “Aufgrund unserer Behinderungen im Leben fällt es uns schwer, uns um einen operierten Hund zu kümmern.”.
Das bedeutet nicht, dass wir keinen Bock darauf haben oder NakNak* tot sehen wollten, weil wir sie im operierten Zustand nicht gebrauchen können. Es geht einfach darum, dass wir für ihre Versorgung die Kraftreserven  bemühen müssten, die wir schon eine Weile nicht mehr haben.

Unter anderem auch, weil wir uns seit Jahren daran aufrauchen niemals diesem Kackscheißklischee vom inaktiven Hartz-4-“Kunden” zu entsprechen oder irgendwelchen Multimythen oder anderen Tropes um Menschen, die zu Opfern wurden, zu entsprechen.
Nicht, weil das an uns herangetragen wurde. Nicht, weil wir das Gefühl haben, irgendjemand würde uns so sehen. Um unsere mehr als 40 Stunden-Woche für ehrenamtliche, unbezahlte, manchmal auch öffentlichkeitswirksame Arbeit zu stemmen, reicht es, uns zu sagen, das würde für jemanden/etwas gut sein. Reicht es aber auch, uns zu fragen, ob wir glauben, wir hätten Spenden, Geschenke und andere Unterstützungen überhaupt verdient.

Weil nein: wir haben das nie verdient. Natürlich nicht. Denn das sind ja nur wir.  Wir sind irgendne kaputte fast 30 jährige, die in ihrem sozialer Wohnungsbaubullergeddo sitzt und ins Internet schreibt, dass Dinge scheiße laufen, dass sie sich scheiße fühlt, dass sie sich wünscht mit weniger Scheiße umgehen zu müssen. Wir sind nicht mehr und wollten auch nie mehr darstellen.
Wir leiden darunter, nicht aus unserem Kopf zu bekommen, dass wir mehr sein müssten, um freundliche/okaye Zuwendung von anderen Menschen verdient zu haben. Weil wir inzwischen selbst sehen, in was für eine zehrende Spirale wir darüber kommen und wie wenig wir diese überhaupt bedienen können.
Und wofür denn eigentlich? Für etwas, das wir selbst so oft und so viel geben, wie wir können, ohne je in Frage zu stellen, wer was wann wie viel verdient hat. Natürlich machen wir das nicht mit Geld und auch nicht immer mit Sachgütern, aber wir machen das mit Zeit, mit Kraft, freundlicher Wärme und geistiger Zuwendung und mit all dem, was wir Menschen an die Hand geben, wenn sie uns um Rat fragen.

Während der ganzen Fahrradtour spürten wir immer wieder, wie wir von unseren eigenen Bedürfnissen überfordert sind und wie abhängig wir davon sind, uns in Umgebungen aufzuhalten, die allein durch ihre Gestaltung darauf hinweisen, dass alle anderen Menschen diese Bedürfnisse auch haben, damit wir uns diese überhaupt zugestehen können bzw. uns daran erinnern, dass man sich um sie kümmern muss.
Das fängt dabei an, dass wir (trotz mancher Glückstreffer, in denen wir es selbst erinnern) weiterhin unseren Timer brauchen, um aufs Klo zu gehen, geht da weiter, dass wir einen Essplan brauchen, um überhaupt Gedanken an Essen/Nahrung zu haben (und dann an die Arbeit gehen können uns darüber zu einigen, wie okay das ist) und endet irgendwo zwischen “wie müde ist schlafmüde?” und der Frage, wo jetzt genau diese Prellung, jener blaue Fleck und welche Schramme herkommt.
Und inmitten von all dem schwappt unser Kopf umher und produziert Gedanken, Ideen, Analysen und macht, was wird, was uns letzten Endes in den letzten zwei-drei Jahren den Arsch gerettet hat, weil es Menschen berührt, hält, trägt, unterstützt, obwohl es nur für und nur wegen uns da ist.

Es geht um Glück. Um Zufall.
Und darum, wie wenig das Eine mit dem Anderen zu tun haben kann.

Wir fühlen uns mit diesem ganzen Mist so oft so schrecklich alleine.
Und doch stehen über tausend Menschen hinter uns und helfen auf ihre Art und Weise, wenn wir sie um Hilfe bitten.
Wir merken nicht, ob wir am Leben sind, wenn wir morgens aufwachen, aber unterdrücken immer noch 24/7 vor Schmerzen zu schreien.
Wir sind arm, geben aber dennoch Geld für Dinge, die andere nicht haben können.

Das sind alles Widersprüche, die uns selbst völlig kirre machen, wann immer wir versuchen da irgendein anderes Muster als Glück, Zufall, Privileg hineinzubringen. Aber so ist es und so ist es weder leicht, noch gut aushaltbar. Es raucht auf. Es tut weh. Es macht so unfassbar müde. Weil nichts davon zuverlässig immer da ist. Sichere Beständigkeit haben wir nicht. Grund zur Ruhe, zum Innehalten, einfach nur mal ein zwei drei vier Monate ohne Angst, Sorge, ohne irgendeinen dieser Tritte in die Kniekehlen haben wir nicht – völlig scheiß egal, was wir wie wann wo entscheiden.

Während der Narzissmuskrise haben wir verstanden, wie eng schräge (Selbst)Ansprüche an Omnipotenz zur Lösung und Befriedung von allem und allen in der Umgebung an internalisierte Überhöhungsdinger konstruiert werden.
Heißt: so viele Menschen, die zu Opfern wurden, hören ihr ganzes Leben, sie seien schuld an allem oder erhalten fremde Label für sich (reminder: gelabelt wird das Fremde (Falsche/Böse/Schlechte/Kranke) und nicht das “Normale” (Richtige/Gute/Gesunde) ) oder werden über das definiert, was sie machen (oder nicht machen), dass sie irgendwann die Idee bekommen, sie müssten dem allem gerecht werden können, sonst würde man ihnen das ja nicht ständig antragen. Und: selbstverständlich können sie das auch! Denn niemand würde ja je etwas von jemandem verlangen, dass si_er nicht kann!

Für uns ist klar, dass wir in unserem Blog massiv überschätzt und überidealisiert werden, genauso wie wir verhöhnt und abgewertet werden.
Wir wissen, dass nichts von dem, was wir hier schreiben oder mit_teilen einfach nur als gegeben betrachtet wird. In den letzten Jahren wurden wir zum Vorbild, zur Inspiration, zur Unterhaltung genommen, zur Stellvertreterin verklärt und mit genau diesem Anspruch einer Omnipotenz überfordert, den wir nur allzu gut kennen.

Die Diskrepanz zu dem, was in unserem Er_Leben passiert ist manchmal so groß, dass wir uns fragen, ob das alles überhaupt passiert.
Wie ist es miteinander in Einklang zu bringen, wenn hier Texte so viel Wärme aus dem Innen transportieren, so viel geistige Haltung, sozialpolitischer Aktivismus sichtbar wird und es aber allein unterwegs zu einem Ding wird, die Körperfunktionen nicht zu vergessen, das Sprechen nicht zu verlernen, diese ganzen tausend Muskeln im Gesicht zu bewegen, wenn ein anderes Gesicht vor einem ist.

Und wann haben wir eigentlich aufgehört, darauf zu bestehen, dass nicht alles, was widersprüchlich wirkt, überhaupt widersprüchlich ist?
Wir waren schon an dem Punkt anzuerkennen, dass Viele zu sein einer Logik folgt, die multilinear ist und deshalb widersprüchlich logisch wie linear vielschichtig ist.

Wir haben den Punkt verpasst, an dem wir okay sind mit unserem ganzen Scheiß gleichzeitig und obwohl und trotzdem und trotz alle dem und alle dem. Wir haben ihn verpasst und vielleicht auch unbemerkt aufgegeben, für Versuche von Anpassung, für Versuche von Angleichung, um besser zu erklären, worum es uns geht. Wir haben versucht uns zu erklären, um eine Dynamik zu durchbrechen, die nichts mit uns zu tun hat, sondern mit den Vorstellungen anderer darüber, wer wir sind und was wir wollen und machen.

Vorstellungen von unserem Jetzt, Vorstellungen von dem, was wir “eigentlich sagen”, Vorstellungen um die Diskrepanz zwischen Wirkung und Sein, On – und Offlinepräsenz.

Wenn wir versuchen etwas Positives für uns aus den letzten Tagen zu ziehen, dann ist es nicht das verdammte Glückzufallsprivileg finanziell entlasteter zu sein, die Chance völlig fremden Menschen einen einfacheren Start in einen neuen Lebensabschnitt verdanken zu dürfen, statt wie in den Jahren zuvor, irgendeiner Behörde – nein, es ist die Möglichkeit zur Chance auch aufhören zu können.

Je mehr Menschen hier gelesen haben, desto übergriffiger wurden die Kommentare. Je mehr Menschen hier gelesen haben, desto mehr Erklärungsbedarfe gab es. Alles ist gewachsen und, dass es so weit über uns drüber gewachsen ist, dass wir anfangen mussten, uns selbst mit jedem neuen Artikel aus dem Dickicht von Anspruch und Fehlannahmen herauszuschälen, haben wir erst gemerkt, als wir nach 11 Tagen des Bewusstwerdens um die Krassheit der Diskrepanz zwischen Annahmen und Ist, vor so einem arrogant anmaßendem Menschen standen, der seine aufmunternden Klischeeaufheiterungssprüchlein genauso gut als Kommentar unter einen Artikel von uns hätte posten können – und sich genau nichts veränderte, als wir versuchten dagegen anzugehen.

Ich weiß nicht, ob sich jemand vorstellen kann, was das für eine Erfahrung ist, wenn man merkt, wie wenig es auch im Gegenüber verändert, wenn man versucht sich gegen solche Menschen bzw. solches Verhalten zu wehren oder zu schützen. Wie wenig es reicht, zu erklären, “nein” zu sagen, “die Perspektive auf sich geradezurücken”. Jene, die zwischenmenschliche Gewalt erfahren haben, brauchen sich sowas nicht vorstellen. Die kennen das ganz genau.

“Wir haben euch nichts zu bieten, außer unsere Worte und das, was sie in euch machen.”, war ein Satz, den wir aus dem Artikel gestrichen hatten, in dem wir um eure Unterstützung bei der Geldspendensammlung baten.
Weil das so einer dieser Sätze ist, der uns so sichtbar macht, dass es uns selbst ängstigt.
Das Eingeständnis der eigenen Begrenztheit. Das Eingeständnis nicht höher, weiter, schneller, besser … nichts mehr zu können, als das was man jetzt gerade kann. Es ist eine Art Kapitulation ohne weiße Fahne. Es ist eine Autobahn, deren Ende in eine Wiese hineinbröckelt.
Eine Entschuldigung im Vorraus, weil man mitbedenkt, wie genau gar nicht man bedienen kann (und nie bedienen konnte), was vielleicht und sehr wahrscheinlich an eine_n herangetragen wird.

Das Kleine in dem Riesending, das ein Blog von Vielen heißt.
Und wir.

Wir haben es herausgestrichen, weil wir so fest in der Annahme waren, man dürfe uns nie so nackt, so wenig wie wir nun einmal sind, wahrnehmen. Weil wir das so gewohnt sind, uns zu schützen, noch während wir etwas tun, was uns gut tut, uns hilft und nur für und nur wegen uns ist.

Nach 8 Jahren „ein Blog von Vielen“ sind wir also erneut an dem Punkt, uns selbst in diesem Projekt zurückzuerobern.

Fundstücke #30

NakNak* bekam eine Infusion und ich setzte mich neben die anderen auf die Bank vor der Tierarztpraxis. Sie drängten ihre Wahrnehmung um den Hals der Wasserflasche, wie eine Herde Gnus am Wasserloch und stürzten sich die Flüssigkeit hinein.
Was das für ein erbärmlicher Haufen ist, denke ich immer wieder. “Schwacher erbärmlicher unfähiger Haufen.”

Ich rechnete kurz durch, wie viel ich in den kommenden 7 Stunden bekommen könnte. Wieviel Zeit ich daran verlieren würde, herauszufinden, wo in dieser Stadt der Ort ist, an dem das geht.
“Lass stecken.”, sagte eine und schwenkte die Flasche in der Hand. “Ist das Risiko nicht wert.”. Sie verschwand wieder in dieser saufenden Masse und ließ mir nur den Gedanken da, dass es keine Fähigkeit ist zu tun, was ich tun würde.

Am Abend saßen sie auf der Matratze ihrer Höhle und streichelten NakNak*.
“Habt ihrs bezahlt?”, fragte ich. “Ein Jemand.”, antwortete eine.

“Und das ist was anderes, wa? Heuchler!”, dachte ich und wandte mich ab. “Ich hätte das ganz allein geschafft.”, dachte ich. “Ich hätte einfach –” – “Du hättest einfach so getan, als hätte sich nie irgendwas geändert, ne? Du hättest deinen – unseren Arsch verkauft und tausend andere Gründe dafür gefunden, als den, dass dir buchstäblich alles lieber ist, als irgendwen mit irgendwas von uns erbärmlichen Haufen zu belästigen, richtig? Mädel – wir haben 2016! Komma klar ey – es nervt mich SO AN, wie so Leute wie du immer genau dann rausgekrochen kommen und denken, sie wärn Wunder was zu was fähig, was wir nicht hinkriegen, wenn es um so Sachen geht, wo so VÖLLIG außer Frage steht, dass wir Hilfe von anderen brauchen.
Was du willst ist keine Fähigkeit – das ist ne Fertigkeit. Du und die hinter dir haben das mal gelernt. Euch hat das jemand bei ge bracht. Du musstest das können. Wo sindn wir da die Heuchler, wenn du nichmal sowas klarkriegst?!”

Die Tage vergehen. Sie halten ein Kinderinnen wie einen Korken über eine Scheißeexplosion und geben sich ein High Five, als NakNak* das erste Mal scheißt. Jemand schreibt Scheiße. Irgendetwas frisst Scheiße und ich denke, dass ich froh bin, dass mir jemand überhaupt irgendwas mal beigebracht hat.

Ich hätt ja auch SO enden können.
Als unfähiger Haufen Scheiße.

mein Kram–dein Kram

Andere Menschen haben Sozialleben. Andere Menschen haben Termine. Andere Menschen haben ihren Kram, in dem wir hineinpassen müssen.
Wir haben nie Kram. Wir haben Ansprüche und Forderungen und davon viele. Meistens überzogene oder falsche.

Und dann haben wir zunehmend und absehbar selbst auch noch Kram, in den andere Menschen hineinpassen sollen und wollen. Und, dass das so ist, wurde nun auch der Therapeutin klar. Wird auch so langsam anderen Menschen klar, die mit uns arbeiten wollen und uns immer wieder absagen, vertrösten unsere Ablaufpläne verschieben, was ihnen sehr leid tut, aber klar total verständlich ist, denn unser Kram ist anderer Kram, als der anderer Leute.

Leute, die arbeiten. Leute, die analoges Sozialleben haben. Leute, die in unsichtbare unbewortbare Kontexte eingebunden sind, die wir unbesehen als so unveränderbar anzunehmen haben, wie es von uns verlangt wird, damit wir ihnen weiter in den Kram passen dürfen.

Die Erkenntnis ein Verwaltungsobjekt zu sein ist eine schmerzliche.
Wir werden in Terminkalender notiert und wieder daraus herausgestrichen, wenn es nicht mehr passt – egal, warum wir dort drin standen. Um unser Leben geht es in irgendwelchen Leistungsanträgen, die genauso wahrscheinlich abgelehnt, wie bewilligt werden können. Einfach, weil das geht.

Mir ist wichtig an der Stelle zu sagen, dass uns das nicht kränkt oder wir das Gefühl haben weniger wert zu sein oder abgewertet zu werden.
Es ängstigt uns einfach nur zu Tode und, dass dieser Umstand weder mitbedacht noch berücksichtigt wird, ist, was ich schwierig empfinde.

Und worüber ich mich zunehmend ärgere. Denn unsere kleine soziale Welt scheint zu glauben, dass wir durch den Wind sind, weil sich mit der Ausbildung alles verändert und wir Angst vor irgendeiner diffusen Veränderung haben.
Ja klar, beunruhigt uns die Größe der Veränderung. Ja klar, haben wir Angst zu versagen. Ja klar, haben wir bewusst, dass es sich um einen neuen Lebensabschnitt handelt. Viel schlimmer ist jedoch, dass wir nicht wissen, wie allein und wie belastet wir in dieser Zeit sein werden und welche Kompensationsmöglichkeiten es für uns geben wird, denn wir wissen noch nicht, wie gut wir unseren Leuten dann noch in den Kram passen.

Werden wir weiter einmal in der Woche an unserem gewohnten Platz mit unserer Therapeutin arbeiten können?
Werden wir es irgendwann überhaupt mal je schaffen, mehr als das seltsam verbindlich-unverbindliche Ding mit dem Begleitermenschen zu haben?
Werden wir noch die Kraft haben, 4 bis 5 Mal in der Woche mit Renée zu telefonieren?
Werden wir noch die Nerven für unsere Unterstützer_innen haben?

Werden wir noch die Kraft haben, so lieb zu euch allen zu sein, damit ihr euch die Zeit, Kraft und den Raum freinehmt, um euch unserem Kram unseren Forderungen und Ansprüchen zu widmen?

Ich merke häufig, wie das, was wir als unsere Dinge formulieren mit angenommenen Emotionen aufgeladen wird, wenn das Thema aufkommt.
Wie dann aus solchen Fragen, wie den oben formulierten, ein “Ausdruck innerer kindlicher Not oder Verunsicherung” wird. Oder sowas wie: “sie fühlt sich zu wenig beachtet.” oder schlicht: “Ja, sie muss ja jetzt auch noch irgendwas wollen, weil unser Miteinander sonst auch keine Grundlage hätte”.
Manchmal spielt ein Gefühl nicht mit etwas gesehen zu sein, auch tatsächlich da hinein – am Ende geht es mir bzw. uns bei diesen Fragen aber nicht um ein Gefühl, sondern um Realitäten, die wir verzweifelt einzuschätzen versuchen, aber daran scheitern, weil uns alle flauschen, statt irgendwie für Klarheit zu sorgen.

Was nutzt mir denn ein Tröste-“Das-wird-schon-alles-werden” mit Händchenhalten von der Therapeutin jetzt, wenn ich damit rechnen muss, dass ich in zwei Monaten von ihr höre: “Ja also – das passt jetzt alles irgendwie nicht mehr. Hm – aber Sie sind ja eine starke Frau – Sie kommen schon klar.”.

Ich kann auch überhaupt nicht einschätzen, ob und wie und wofür genau wir den Begleitermenschen dann noch treffen. Vielleicht um uns nicht aufzugeben nur, weil grad unsere Therapie zu Ende gegangen ist, weil wir ja so dringend „großes Mädchen, das eine Berufsausbildung anfängt“, spielen mussten.

Wir haben so wenig Erfahrungen mit  dem selbstbestimmten Leben allgemein und längeren sozialen Kontakten, die nicht für die Zeit mit uns bezahlt werden, dass wir nicht wissen, wie oft man sich treffen oder hören muss, damit der Kontakt okay ist. Wir wissen nicht, wie wir unsere Kraft fürs Telefonieren mit Renée freimachen müssen. Nicht als Pflicht, sondern als schlichte regelmäßige Pflege.

Bis heute haben wir nicht so recht verstanden, warum Menschen überhaupt den Wunsch haben uns in dem Blog und unserem Arbeiten zu unterstützen, aber sie tuns und wir freuen uns darüber und versuchen immer weiter, immer mehr zu machen, damit niemand das Gefühl hat, es wäre alles umsonst gewesen, wir hätten das nicht gut genutzt oder nur Quatsch mit dem Geld, der Zeit, den Hilfen angestellt. Aber was ist, wenn klar wird, dass es nie um ein Extra ging? Was, wenn allen wirklich endlich klar wird, dass sie uns auf “Normalnull” geholfen haben und da gar nichts weiter hintersteht, als eine Person, die wirklich so ist und denkt, wie sie das von sich sagt? Was, wenn auch nur eine_r von euch uns jemals trifft und wir sind gerade zu gestresst, zu vereinnahmt von uns und unserem Kram unseren Ansprüchen und Forderungen, um auf eine Not, ein Gefühl, einen Wunsch, einen Bedarf nicht angemessen zu reagieren? Was wird, wenn uns niemand mehr unter_stützt?

Das sind Dinge, die wir uns fragen und auf die wir keine Antwort finden, die uns Handlungsabläufe bereitstellt, außer dem, einfach zu sagen, dass diese Fragestellungen da sind. Nicht, weil wir uns ängstlich zitternd Sorgen machen. Nicht, weil wir Sozialflausch wollen und grad dringend haben müssen. Sondern, weil wir nicht wissen, was wir machen sollen und jede Person, der wir das sagen mit einem Haufen Sozialflausch ankommt. Das hat wirklich was von Betäubung und Dämpfung – und wir kommen nicht dahinter, ob unser Umfeld das vielleicht einfach braucht – vielleicht braucht man uns gerade ganz unbesorgt und mit allem einfach mal leiser und weggedämpft, weil wir unbemerkt schon wieder irgendwas in den Menschen anticken, was sie selbst beunruhigt – oder, ob wir grad zu unfähig sind, irgendwelche für alle anderen Menschen total klaren und deshalb nicht beworteten Abläufe zu sehen und umzusetzen.

Ich weiß, dass das jetzt hier genau eines dieser krassen und allein für uns wirklich schrecklichen Missverständnisse ist.
Und ich weiß, wie oft in unserem Leben genau sowas zu schlimmen Entwicklungen für uns geführt hat, gerade weil niemand kapiert hat, worum es uns ging. So eine Todesangst kommt nicht einfach aus dem Nichts und sie ist auch nicht einfach so triggerbar. Aber sie ist ausblendbar, wenn man nicht mitbedenkt oder vielleicht auch nie darüber nachgedacht hat, wie das eigentlich genau jeweils für uns war und ist, an bestimmten Punkten einfach ganz grundlegend anders als viele andere Menschen in der gleichen Situation, abhängig davon zu sein, richtig verstanden zu werden, um nicht retraumatisiert zu werden.

Diese ganzen unsichtbaren Gewalterfahrungen, die nie mit blauen Flecken einher gingen, sind irre schnell aus dem Fokus. Gerade im Helfersystem geht das unheimlich fix. Aus Gründen, die aufzuschreiben schon wieder einen Roman entstehen lassen würde.

Ich denke im Moment oft: “Tut uns das bitte nicht an. Bitte diesmal nicht – diesmal bitte nur einen Lebensbereich im Ablauf verändern und nicht gleich wieder alles.” und denke, dass es gut ist, das ganz bewusst zu bemerken. Weil mir immer sicherer bewusst wird, dass wir wahrscheinlich nur deshalb so viele Alltagssysteme haben, weil genau diese Lebensabschnittsveränderungen bei uns immer wieder ganz global gewirkt haben.

Jedes Mal, wenn wir jemandem oder etwas nicht mehr in den Kram passen, werden wir special, sonder, extra nach außen und auf eine Art unpassend, die bedeutet, dass wir allein und damit hilflos, ungestützt/ungehalten/fassungslos zurückbleiben.
Nicht immer ist das schlecht – um zu gucken, ob man alleine Fahrrad fahren kann, muss man die Stützräder irgendwann auch mal abnehmen.
Aber im Moment haben wir dafür keine Kapazität und keine Bereitschaft. Und vielleicht auch nicht den Lebenswillen, der sowas mit inkludiert. Vielleicht müssten wir den haben. Vielleicht sollten wir den haben, wenn wir denn so wahnsinnig erwachsen und fähig sein wollen. Aber ich merke, dass das eine dieser Grenzen ist, die etwas brechen und spalten würden, würden wir darüber gehen. Erneut.

Um die Metapher zu nutzen: Ich merke zunehmend, wie oft wir uns auf die Fresse packen, merke, wie anders unser Fahrrad funktioniert und wie anders wir lernen überhaupt darauf zu fahren, wenn wir allein in unserem Alltag sind – wir sind noch nicht soweit unsere Stützräder abzunehmen. Wir sind noch nicht mal soweit darüber nachzudenken, wie das wäre, ohne welche zu fahren. Wir sind noch damit beschäftigt, drauf klar zu kommen, dass wir uns so oft auf die Fresse packen, OBWOHL welche dran sind und, dass das offenbar von außen nicht wahrnehmbar ist.
Die Stützräder abzunehmen, würde uns im Prozess unterbrechen und den Fokus verschieben. Es würde ein anderes Funktionieren erfordern, um zu überleben.
Und was macht ein DIS-Gehirn vor solchen Anforderungen?
Eben.

Ich weiß noch nicht, wie wir das lösen, im Innen sortieren und wie gut wir es schaffen, uns von diesem Angstfeld zu distanzieren in den nächsten 3~ 4 Wochen, während wir unterwegs sind. Aber immer mehr denke ich, dass es gut ist, dann jetzt auch endlich bald aufzubrechen.
Montagmorgen.
Weil wir Sonntag nicht wollen und uns für Samstag wegen des Pitti-Drama’s zu spät um eine Radfahrkarte in der Bahn gekümmert haben.

Naja.
[very professional Geräusch]

Fundstücke #29

Am Ende des Dienstags lag mir die Gesamtsituation in kleinen Scherbenhäufchen zu Füßen.

Hier der Umstand in einer allgemeinen Dauerüberforderung, da der Komplex “behindert sein – behindert werden”, dort Erinnerungsstürme, die, in bunte Gläser gefüllt, meine Idee von dem Kinderleben, das wir ich die eine große Kleine von uns, vermutlich gehabt haben könnte, ergänzen und da all das, wohinein wir uns bewegen wollen.

Am Montagabend verkeilte sich das Hinterrad von Pitti im Rahmen, als wir einen Berg hinab rollten. Die Pedale klacken in jeder Drehung.
Seit Wochen und Monaten schraube ich an diesem Fahrrad herum und tausche wilde Pfandflaschen gegen Ersatzteile. Ich war, nein, bin so frustriert, dass es kein Ende nimmt. Am Dienstag bin ich also erneut in die Werkstatt und befestigte das Hinterrad. Das Klacken in den Pedalen, käme sicher von den Gängen, sagt der Typ in der Werkstatt.
Bis Mittwoch hatte ich drei Bücher und ein Wiki über Fahrradreparaturen gelesen und war mir sicher, dass es das Tretlager ist. Bin mir sicher, dass es das ist.
Ein Teil, das hochbeansprucht und bei einem so gebrauchten Rad wie Pitti ganz normal nach einem halben – dreiviertel Jahr hin ist. So ging ich dann heute in die Werkstatt.
Und dann scheitert die Nummer daran, dass der Typ nicht glaubt, dass es das ist.

Und ich? Wurde das Mädel für das er mich zu halten scheint und sah zu, dass ich das Hinterrad (das sich auf dem Weg zur Werkstatt erneut im Rahmen verkeilt hatte) erneut und diesmal mit aller Macht festschraube, um wieder zu verschwinden.

Ich bin meine Inkonsistenz so leid. Meine nicht kontinuierlich abrufbare Kraft, die sich in Dinge verpulvert, die nichts mit den Dingen zu tun hat, die ich machen will oder soll oder muss, sondern mit den Menschen darum herum, diesem scheiß Krach, den ganzen Bedeutungen und Symboliken, die sie alle überall und immer machen, diesen Erklärungen, die immer und überall nötig sind, all dem – ich bin es so leid.
Ich will weg_laufen. Will nicht mehr da sein.
Nicht jetzt. Nicht mehr. Nicht so. Weil darum. Und nicht, weil X und Y und Z. Einfach so. Nicht, weil ich alles schlimm finde. Nicht, weil mich alle nerven. Nicht, weil ich so furchtbar leide, weil ich so eine verkrachte Existenz bin. Es ist einfach nur viel. Viel zu viel. Auf einmal, auf zweimal, auf dreimal viel zu viel von allem.

Nicht von dir. Nicht von dir und nein auch nicht von dir. Ihr seid alle toll und ich bin froh, wenn ich euch merke. Wenn ihr da seid, wo ich euch vermute, wenn ihr bleibt, weil ihr nicht gehen wollt.

Ich will nur nicht bleiben, wo ich bin.
Ich brauche eine Veränderung. Eine radikale Veränderung. Radikaler als eine Glatze oder eine umgestellte Wohnung. Krasser als ein Beziehungsende und konstruktiver als eine depressive Episode. Die Radtour soll sie machen. Ganz begrenzt im Außen und ganz offen nach innen.
Natürlich fahren wir trotz dem Pitti jetzt diesen Schaden hat. Ich habe eine professionelle Werkstatt angerufen und hoffe einfach, dass Amanda und Willi, die beiden an Killefitschäden verstorbenen Schrotträder verrechenbar sind mit der Rechnung. Wenn es wirklich das Tretlager ist, kriegen wir das hin.

Es ist nur der Plan, der kaputt geht und das Stück Welt_Raum_Zeit, das damit für mich zu einem unheimlich kräftezehrendem Loch wird, weil es unsere Pläne sind, die uns sagen, was wann wie wo mit wem und weshalb eigentlich. Es geht um Sinnerfüllung. Darum, nicht den Kopf, die Kontrolle, den Willen zum Leben zu verlieren. Etwas zu haben, was, wenn es schon nicht Kraft und Kontrolle ergibt, so doch wenigstens Sinn.

Es ergibt so wenig von dem Sinn, was mir begegnet. So viele Dinge, die ich mich frage, kann ich mir beantworten ~ lassen, doch die Antwort findet keine Richtigkeit im Lauf der Dinge. Alles ist wie es ist, aber nicht immer so, wie man sich das vorstellt, in der Praxis anders als in der Theorie und überhaupt, muss man ja auch nicht alles immer so nehmen, wie es irgendwo steht.
“Ja, was denn nun?”, denke ich und drehe und wende mich, meine Sicht, meine Ideen und merke, wie diese Drehung zum Kreisen wird bis ich den Anschluss verliere und erstarre.

Wie Dienstagnachmittag, als wir mit dem Begleitermenschen und der gesetzlichen Betreuung über Hilfen und ihre Anträge sprachen.
Ich bin erstarrt und zu etwas verdampft, das 15 ist und Tränen, Fuchteln und falsche Entscheidungen auf ihrem Weg nach Außen abfängt. Erneut. Obwohl und trotz dem, wir das kennen. Es ist nicht neu. Es ist kein neuer Schmerz. Es ist einfach der Schmerz, die Angst, die Verwirrung, die Not, die man nicht haben darf, weil man ja gerade schon mit Menschen ist, die sich um Hilfen kümmern.
Diese vielen Extras und Sonderlösungen, die special für Behinderte, Kranke, Bedürftige da sind, um “allen anderen” das Gefühl zu geben, es, dieses Elend, das sie mit dieser Lebensrealität verbinden, ohne sie je erfahren zu haben, sei kontrollierbar.

Was ich sehe ist, wie lange wir schon erwachsen spielen, weil wir in jedem solcher Gespräche das Gefühl haben, einen Luxus zu ergaunern – irgendetwas special super sondergutes zu brauchen, das nur nach sorgfältigster Abwägung gewährt wird – obwohl wir es brauchen, weil wir es brauchen.
Nicht weil X, nicht weil Y, nicht weil Z, sondern, weil wir wirklich und echt ein behinderter Mensch sind, der braucht, ohne zu wollen. Der soll ohne zu müssen, weil es nicht darum geht, was mit ihm ist oder wird, sondern darum, dass jede_r soll aber nicht alle müssen müssen.

Was ich sehe, ist für mich völlig verwirrend und doch ein festgezurrter Bestandteil unserer letzten 15 Lebensjahre.
Einerseits sieht man unsere Probleme und Behinderungen – andererseits sollen wir klar kommen. Will uns niemand reinreden. Sollen wir entscheiden, was wir überhaupt nicht tragen können. Müssen wir aushalten, was andere überhaupt anzufassen sich verweigern würden.
Niemand will uns klein machen, aber wie groß wir sind, ist nie geklärt worden.

Ich hab Angst vor der Frage danach. Angst vor der Antwort.
Ich will sie nicht hören. Ich will sie nicht denken.

Ich will Sinn. Ich will einen Sinn, für den ich bleiben kann.

Aufarbeitung

War ich wie ein Stein ins Bett gefallen, so rumpelten wir als Schottermasse kurze Zeit später wieder heraus.

”Aufarbeitung”, dachte ich später, als ich meine Hände unter dem kalten Wasserschwall aus der Leitung betrachtete. “Verarbeitung”, dachte ich, als mich dann doch übergeben musste und es nicht zur Toilette geschafft hatte.
“Ich weiß doch auch nicht.”, dachte ich, als ich überlegte, ob mir ein anderer Mensch jetzt gut täte.

Als ich noch geraucht habe, hätte ich mich ans Fenster gestellt und erst der Glut in meiner Hand und dann dem Rauch aus meinem Mund zugesehen. Ich hätte mich in dem Anblick verloren, hätte entspannt und wäre seltsam befriedigt wieder zurück ins Bett gegangen. Ich hätte meine Mutter vor Augen gehabt, wie sie auf dem Balkon steht und auf den Platz vor unserem Wohnkomplex hinunterschaut, als wäre sie eine desinteressierte Königin.

Jetzt stehe ich am Fenster und denke an meine Mutter und könnte kotzen, wenn ich noch etwas anderes als Gallebitter in mir hätte.

“Hasst deine Mutter dich?” hatte ich die Freundin ein paar Stunden zuvor gefragt und sie hatte geantwortet “Ja. Ich glaube, ja.”. Und ich dachte, wie schön es für sie ist, auf so eine Frage so eine klare Idee zu haben.

Ich öffne das Küchenfenster und stelle mir einen Stuhl davor. Nehme NakNak* auf den Schoß und warte darauf, dass mich die regennasse Sommerkälte frösteln lässt.
Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt an Kindern” war so ein Tagesstartthema und die Frage, warum eigentlich andere Leute als ich diese Aufarbeitung machen wollen und von was zu was die Gewalt an Kindern aufgearbeitet werden soll. Was soll das Ergebnis einer Aufarbeitung sein?  Wie kann etwas, das mir passierte, von anderen aufgearbeitet werden?

Ich denke an meine Mutter und an Dinge, die sie getan hat. Sowas wie: mir aus dem Bad zuzurufen, ich hätte irgendwas falsch gemacht und ich solle nur warten bis mein Vater nach Hause kommt. Erst Jahre später hatte ich verstanden, dass auf meinen Vater zu warten nie war, was sie von mir erwartete, um einen Fehler zu berichtigen oder zu entschuldigen. Erst heute bekomme ich eine Ahnung davon, was für eine permanente Enttäuschung ich für meine Eltern gewesen sein muss und warum mir die Verletzungen, die sie uns zugefügt haben immer so kontextlos, unbegründet und ziellos erschienen.

Ich suche einen Hass von ihr auf mich und finde nur einen eigenen Wutkummer um diese Frau, die nie kapiert hat, was für eine infernalische Verwirrung sie mit allem stiftete, was sie an mich heran trug. Die vermutlich zusammen mit meinem Vater nie darüber nachgedacht hatte, was genau wir eigentlich verstehen, wenn zwischen einem Fehler und einer Strafe viele Stunden und Welten liegen. Überhaupt nie darüber nachgedacht haben, was mit uns genau in dem Moment ist – sondern immer ausgerichtet auf das, was aus uns werden soll, gedacht, geplant, hingearbeitet haben.

Langsam krabbelt die Kälte von draußen über meine Haut und ich lasse etwas los.
Wie wir nicht mal “richtig” darunter gelitten haben, dass uns in der eigenen Familie Schmerzen zugefügt wurden, die die Entwicklung des Vieleseins begünstigt haben. Wie wir bis heute nicht darunter leiden, dass das passiert ist, sondern vielmehr Not daran haben, es nicht zu verstehen, sondern nur mehr und mehr dieser toxischen Missverständnisse finden.
Ein Panel in dem Comic “Schattenspringer” hatte unser Problem gut auf den Punkt gebracht: “Willst du mir eine Information oder eine Emotion mitteilen?”.
Noch immer wissen wir nicht, was an der Gewalt an uns von uns aufzuarbeiten sein kann, weil wir nicht wissen, ob sie das getan haben, weil sie bestimmte Gefühle hatten – emotional angefeuerte Intensionen, wie zum Beispiel Hass oder Wut darüber, dass es uns gibt oder, dass wir waren, wie, wer oder was wir waren oder ob es einfach nur der Wunsch nach einem besseren Morgen, an dem alles gut sein würde, war, den sie anders nicht zu erfüllen sahen.

Wir hätten doch dabei geholfen, das zu erreichen. Da wäre doch nie nötig gewesen uns weh zu tun oder uns zu zwingen. Dazu hätte man uns das doch nur erklären müssen. Wir haben doch damals den Golfkrieg im Fernsehen gesehen, haben doch die Hungernden von Somalia gesehen. Wir haben doch gewusst, dass in dieser Welt viele Dinge passieren, die nicht mit einem Morgen, das besser sein soll, zu vereinen sind.

Üblicherweise sind uns die emotionalen Intensionen anderer Menschen nicht so präsent, was dazu führt, dass unsere Bewertung von Handlungen an der Handlung selbst bzw. dem, was sie auslöst, orientiert. Es würde uns nicht sonderlich fertig machen zu erkennen, dass sie uns gehasst haben oder geliebt, oder ob sie ungeduldig waren oder was auch immer. Es tut ja einfach immer weh von einem Elter (oder anderen Menschen allgemein) verletzt zu werden und sich nicht davor schützen zu können – egal, mit welcher Absicht sie es getan haben.
Aber wenn wir ihre Gefühle bzw. ihre emotionalen Intensionen gekannt hätten, wäre da heute mehr Material als “Es ist passiert und ich weiß nicht warum.”.

NakNak* leckt an meiner Hand und draußen beginnen die ersten Vögel zu zwitschern.
Mir ist kalt und ich bin leerentspannt geweint.

Ich schließe das Fenster und schaue auf das angekippte Wohnzimmerfenster der Nachbarin mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung.

Fundstücke #27

Da ist der “autistic pride”-Day und ein paar Artikel über die Stärken von Autist_innen.
Und diese vertraute Verwirrung zwischen “Ja, Stärke – ich kann das – das ist, was ich von mir kenne” und “Nein, Schwäche – das ist eine “böse Mädchen”-Sache – niemand mag das”. Das unschlüssige Erstarren zwischen der Erkenntnis zu sein und dem Erinnern an die Gefühle unerwünscht zu sein. Falsch zu sein.

Das “pride”-Ding kann ich nicht mit Stolz verbinden. Mag das nicht mit Stolz verbinden.
Sich nicht für etwas zu schämen oder wegen etwas beschämen lassen zu wollen, bedeutet für mich nicht zwangsläufig mir einen Stolz oder eine stolze Re_Präsentation meiner Selbst aneignen zu müssen.
Es bedeutet für mich anzuerkennen, dass es falsch ist mich zu beschämen, weil es mir weh tut. Es bedeutet, dass ich anerkenne, dass es Menschen gibt, die mich beschämen und beschämt haben, weil sie es können und konnten.
Es bedeutet, dass der 18. Juni ein Tag ist, an dem man darauf aufmerksam macht, dass die autistische Art zu sein, etwas ist, weshalb man beschämt, ausgegrenzt, verletzt, abgewertet, behindert wird, weil das geht.

 

 

Ich las den Text bei Something Autrageous und dachte darüber nach, was uns diese sogenannten “Vorzüge” je gebracht haben.
Überforderung. Man traut uns mehr zu als wir können. Man traut uns Dinge zu, für die wir Wörter, aber keine Handlungsabläufe im Kopf haben.
Man steht als Lehrer_in, als Elter, als Erzieher_in, als Mediziner_in, als Helfer_in, als Therapeut_in, als anderer Mensch vor uns und fragt mit dieser einen Delle im Faden, was denn jetzt plötzlich unser Problem ist. Fragt und versteht nicht. Und versteht nicht und versteht nicht und versteht nicht. Und versteht nicht, dass man nicht versteht.
Und wie das weh tut.
Wie man sich auf den Boden schmeißen, sich den Kopf auf den Boden schlagen will, um etwas anderes zu hören, als das Quietschen der Nacken-Kopfbereichmuskulatur unter der Anspannung. Wie man seinen Frust rausschreien will. Zuschlagen, tot schlagen, still schlagen will.
Und dann implodiert. Und sagt: “Is schon gut.” und sich wochenlang der intellektuellen Analyse von Fehlern, Dynamiken, Ursache und Wirkung widmet, um es wenigstens selbst zu verstehen.

Der Begleitermensch ist der erste Mensch, der uns gesagt hat, er würde unsere Ehrlichkeit und Direktheit schätzen und mögen. Ich glaube, dass noch mehr Menschen in unserem Leben das auch tun – halte das aber häufig für ein Ergebnis der Entscheidung nicht gekränkt sein zu wollen. Oder schlicht, sich nicht mit uns anzulegen, weil klar ist, dass wir auch im Streit ehrlich und vielleicht nicht nur kränkend, sondern auch tief verletzend ehrlich sind.
Man kann es “ehrlich und direkt” nennen, man kann es aber auch “schonungslos und brutal” nennen. Rücksichtslos. Erbarmungslos.
Es erfordert Kraft und vieles mehr diese unsere Eigenschaft, als Einsmensch immer als positive Ehrlichkeit in Verbindung mit Aufrichtigkeit aufzufassen. Wenn man die Kraft nicht hat, hält man uns für arrogant, narzisstisch, eingebildet, ignorant, bösartig und behandelt uns entsprechend. Mit allen Konsequenzen, die das hat.
Und auch schon immer für uns hatte.

Forscher schreibt in seinem Text vom “stärkenorientierten Blick” und ich denke: “Na – nee – das mach ich mal lieber nicht.”, weil ich, jedes Mal wenn ich da nach Außen mache, arrogant wirke und jedes Mal, wenn ich das nach Innen mache, Erinnerungen hochkommen.

Ein stärkenorientierter Blick führt zu der Idee, dass wir hart arbeiten würden.
Weil wir viel, oft und gut schreiben. Fotos machen. Bilder. Töne. Dinge.
“Wir arbeiten nicht hart – wir langweilen uns nur produktiver als andere.”, schrieb neulich jemand uns darüber.
Würden wir uns für Fahrpläne so interessieren wie für Wörter, Linien, Klänge und Wunder, käme man nicht auf die Idee, wir würden hart arbeiten und würden entsprechend verdienen, dass wir finanziell unterstützt oder beschenkt werden. Man würde uns gängeln wie unser Geschwist, doch endlich was Sinnvolles zu tun. Man würde noch anders genervt auf rosenblattsche Monologien reagieren und wahrscheinlich wären wir schon in der Pubertät mit ASS diagnostiziert worden.

Wir benutzen gesammelte Wörter, wo andere frei sprechen. Labern, sabbeln, babbeln, quatschen… Wir legen Wörterpuzzle, wenn wir Sachtexte schreiben und gatschen Wortmodder auf Wortklänge, wenn wir kreativ schreiben.
Das Tippen von Blogartikeln ist copy-paste. Das Kopfbild vom Wort wird um zum Bild auf dem Bildschirm.
Ist das harte Arbeit? Hm.

Ich finde es gut, dass wir das können und fühle mich ein bisschen special, nachdem ich nun weiß, dass das nicht bei allen Menschen auch so ist.
Würde aber dennoch eher sagen, dass unser Wörterding eine Spezialinteressenfähigfertigkeit ist.
Bin überhaupt unsicher, ob wir vielleicht nur deshalb Wörter sammeln, weil wir sie eh dauernd vor Augen haben, wenn um uns herum geredet wird. Frage mich, ob unser WörterBilderKlängesammeln (und Dinge daraus machen) weniger Spezialinteresse, als kompensatorisches Verhalten ist, das zufällig sozial anerkannt ist.

Frage mich, warum ich zur Stärke erklären soll, rausgefunden zu haben, wie ich mich unter Menschen, die keine Wörter und Klänge sehen, keine Oberflächen schmecken und für mich schmerzhafte Geräusche überhören können, zurechtfinden, einbringen, bei Verstand und Hoffnung halten kann.
Ich gehe davon aus, dass alle Menschen tun würden, was wir tun, würden sie empfinden, spüren, wahr.nehmen, was wir empfinden, spüren, wahr.nehmen.

Es ist mir nicht so klar, wie autistisches Sein – vielleicht generell wie auch immer definierte Arten des Seins – überhaupt in einem Stärke-Schwäche-Dyadismus betrachtet werden will, wenn man sich letztlich dafür aussprechen möchte, in diesem Sein akzeptiert zu werden, anerkannt und angenommen zu werden.

Klarnetaut schreibt von Eigenschaften, die für Arbeitgeber_innen interessant sein könnten.
Ich frage mich, ob ich irgendwann mal in einer Medienagentur vorspreche und damit argumentiere, das mein anstrengendes Sozialverhalten, häufige Fehlzeiten, die Diskomforte, die mit meiner hundischen Assistenz einhergehen und mein Hang zu, na sagen wir ruhig “speziellen Arten der Problemlösung”, voll ausgeglichen wird durch mein special WörterBilderKlänge-Ding.
Ich gedenke nicht, das jemals zu tun. Nicht, weil ich mich dafür schäme oder befürchte deshalb beschämt zu werden, sondern, weil es einfach scheiße nochmal echt anstrengend und aufreibend und nervig und schmerzhaft sein kann auf Dauer mit uns zu arbeiten oder allgemein: Zeit zu verbringen, und es kein beruflicher Erfolg der Welt wert ist das zu ertragen.

Das ist, was ich häufig als Barriere im Kopf von Menschen, die nicht oder anders kompensierbar behindert sind, erlebe – das Ausblenden des Umstandes, dass wir immer so sind. Und nicht nur wenn wir mal einen schlechten/guten/anstrengenden/stressigen Tag haben.
Wir sind jeden Tag autistisch. Jeden Tag traumatisiert. Jeden Tag hoch dissoziativ.
Wir sind wirklich jeden verdammten Tag im Jahr ein behinderter Mensch.

Ich glaube nicht, dass wir damit nur eine Belastung sind. Wir sind damit aber auch nicht nur ein Gewinn und ich halte es für wichtig an der Stelle auch Arbeitgeber_innen und Ausbilder_innen ehrlich gegenüber zu sein, damit überhaupt realistische Perspektiven für ein Miteinander entwickelt werden können.

Hobbithexe hat ihren Ausbildungsplatz bekommen, weil die Ausbildenden auch an Menschen mit Behinderungen gedacht haben. Weil sie auch etwas über Autismus wussten.

Auch.
“Auch” ist, was ich betonen will.
Ich halte unsere Spezialfähigfertigkeit für eine gute Ergänzung um Dinge zu erarbeiten, Probleme zu lösen und erfolgreich darin zu sein.
Schließlich halte ich die Spezialfähigfertigkeiten anderer Menschen ebenfalls für eine gute Ergänzung, um Dinge zu erarbeiten, Probleme zu lösen und erfolgreich darin zu sein.