wenn man lebt, kann man lernen

Es ist Mittwoch und gestern haben wir uns aus der hiesigen Psychiatrie entlassen lassen.
Noch fließen Medikamente durch den Körper, die machen, das sich die Finger-, Zehen- und Zungenspitze taub anfühlen und wir uns tatsächlich einen Timer stellen müssen, damit wir uns selbst Schritt für Schritt durch den Prozess des “aufs-Klo-gehens” und “Nahrung* bereitens” zu hieven erinnern, wie einen nassen Mehlsack durch Treibsand.

Wir sind nachwievor so betrübt wie das Meerwasser vor Fukushima. Aber die Zeit zum nächsten Workshop, die Zeit zum nächsten Fotokurs, die Zeit zum nächsten Podcast ist nicht mehr so lang, dass der Gedanke, man könne sich ja bis dahin umbringen, damit es weniger lang dauert, keinen Raum mehr finden kann. Zu voll gestapelt ist der Kopf bereits wieder mit Folien, die zu füllen sind, mit Fachliteratur, die aufzufrischen ist, mit dem dicken Panzer, den wir brauchen, um zurecht zu kommen.

Heute morgen wachten wir mit Fieber und Husten auf und freuten uns darüber.
Offensichtlich hat uns etwas in der letzten Woche gut getan und psychophysisch soweit entlastet, dass sich der Körper neben allem auch ein Fieber zu leisten in der Lage sieht. Vielleicht war es der Schritt NakNak* vorrübergehend in Obhut von jemandem zu geben. Vielleicht war es der viele Schlaf. Vielleicht das psychische Einknicken und stückweise Runterbrechen auf das, was hinter uns funktionierenden Rosenblättern als rudimentäre(re) Schleife immer mitläuft. Vielleicht aber auch die Erfahrung, dass die Therapeutin solidarisch bleiben konnte, der Mensch (rätselhafterweise) irgendwie jeden Tag? für uns da war und wie noch immer verlässlich ist, womit man seine (Klein-) (Kinder-) Jugendzeit überstanden hat.

Wir haben aus den Tagen im Krankenhaus die Einsicht mitgenommen, dass wir wahrscheinlich nie eines der ungehörten kindlichen Gewaltopfer waren, sehr wohl aber eines der unverstandenen und mit (trotz der) besten Intensionen miss_be_handelten.
Menschen brauchen mehr als stereotype Schablonen um Schlüsse egal welcher Art aus dem Verhalten und Beworten anderer Menschen zu ziehen. Sie brauchen Zeit. Sie brauchen direkten Kontakt. Sie brauchen eine Routine miteinander, um individuelle Normen/Muster_Schablonen zu kreieren.
Und genau das ist es, was von Geburt an misshandelte Menschen zum Verhängnis wird. Denn: es gibt kein Vorher und kein Nachher.

Wir haben verstanden, dass wir diesen Teil unserer Traumatisierungen hier über das Blog wenn nicht reinszenieren, so doch Raum dazu übriglassen und zwar über die Kommentarfunktion und die vielleicht nicht häufig genug geforderte Reflektion derer, die sich an uns richten.
Entsprechend schließen wir die Kommentare hier bis auf weiteres und erleben das als gleichzeitig schade, wie wichtig.

Einerseits gab es hier nie eine Flut von Kommentaren – andererseits gibt es hier jede Woche mindestens einen übergriffig wie unangebrachten Rat_Schlag, verbale Verletzungen und immer wieder auch Kommentare von Menschen, die geflissentlich übersehen, dass das Blog von Vielen in über 900 Artikeln bereits vieles von dem was als fehlend angemerkt wird, besprochen hat.
Es wird gern vergessen, dass wir gerade 29 Jahre alt sind und unsere konkreten zwischenmenschlichen Gewalterfahrungen im Rahmen organisierter Gewalt gerade einmal 8 Jahre her sind.
Wir sind keine Person, die durch ihre Traumafolgestörungen aus scheinbar geordneten Bahnen gefallen ist.
Wir leben, wachsen, entwickeln uns. Über das Blog tun wir das quasi in aller Öffentlichkeit– und sind gleichzeitig noch so weit davon entfernt, uns selbst erfassen und halten bzw. tragen zu können.

Heute morgen habe ich gespürt, wie viel von unserem Alltag in Krisenzeiten wie jetzt von einem völlig fremden inneren System getragen wird und ganz ehrlich: nach inzwischen 13 Jahren unter der Diagnose der dissoziativen Identitätsstruktur war und ist das das Letzte mit dem ich gerechnet hätte.
Dabei ist es so logisch: Man kann nicht bewusst für Dinge sein, die unbewusst sind bzw. die unbewusst im Sinne von “in einem dissoziativem/dissoziiertem Zustand” getan werden.

Je näher wir an Routinen und geordnete Bahnen kommen, desto mehr bricht auf und in sich zusammen, weil immer weniger Energie in Dissoziation, als in Assoziationen am eigenen Sein fließt. In diesem Jahr haben uns die Aufnahme des Vorstudiums an der Kunstschule, das Hineinfuchsen in die Rolle eines Wissen vermittelnden Menschen, der bestätigte Verdacht des auch autistisch seins, einen erheblichen Schritt näher an das, was man “geordnete Bahnen” nennen könnte, gebracht.
Genauso wie die Erkenntnis weder Inklusionspüppi noch feminist riotgrrrl zu sein. Weder Freundin noch Feindin zu sein. Weder Mann noch Frau zu sein. Im stetigen Zweifel ein Mensch zu sein. Nicht zu sein, was andere in und an dem sehen, zu sehen glauben, was ist und als Schluss ins eigene Bild von “Hannah C. Rosenblatt” hineinmeißeln, ohne sich selbst, ob der eigenen Fähig- und Fertigkeiten als Meißelnde_r zu hinterfragen.

Wir haben uns, obwohl nachwievor depressiv, instabil und in einigermaßen desolatem Zustand entlassen _müssen_ , weil uns das von außen unreflektierte Unverstanden sein, in einen Zustand triggert, der über “dysfunktional” hinaus geht und nicht kompensierbar war.
Wenn die, die einem helfen wollen/sollen/möchten nicht verstehen können/müssen/sollen, dass sie nicht verstanden werden und nicht verstehen, dass ihnen genau das gesagt wird, dann ist es vielleicht, wenn nicht das überhaupt grundlegende Drama der Irren ™, so doch auf jeden Fall unser ganz persönliches.

Wir denken darüber nach, in wie weit der Autismus und auch unser viele sein – zu allererst aber doch unser in Gewalt aufgewachsen sein, uns zu einem Menschen macht, der Unterstützungen und Hilfen jeder Art, nicht ohne Erklärungen und grundlegendes Verständnis ihrer inneren Mechanik anzunehmen in der Lage ist.
Wo beginnt eigentlich der Wunsch nach dem Verstehen der Hilfe und wo geht es viel mehr um ein so tief verwurzeltes Misstrauen in die menschliche Spezies, dass wir uns ausgeliefert und dem Tode nahe fühlen, sobald wir nicht mehr verstehen, was warum und wie genau passiert?
Und was ist es, was da wie eine Sirene meine Innenansicht benebelnd schreit, in dem, was wir “das Inmitten” nennen, ohne selbst konkret zu wissen, was wir damit meinen?

Mir ist heute eingefallen, dass wir nicht für Menschen schreiben und doch immer versucht haben für das Verständnis von Menschen zu schreiben.
Ein anderes Innen lehnte sich zu mir und legte eine Erinnerung dazu.
“Ich kann jetzt noch nicht sterben, weil ich noch nicht verstanden habe, wie die Menschen funktionieren.”.
Das hatte die 16 jährige „Darkcloud“ ihrer Lehrerin anvertraut. In einem dieser nahen Momente. Damals. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie, als alles – zumindest äußerlich – noch tausend Mal schlimmer war, als heute.

Heute steht in unserer Nicht-Suizidvereinbarung: “Grund für die Bindung [an den Vertrag] = Wörter/ Kommunikation finden [mit Therapeutin, dem Menschen, der Begleitenden]” und als vielleicht das “rosenblattsche inner perpetuum mobile” die Erinnerung “Wenn wir den Vertrag brechen, werden wir nichts mehr lernen (finden) können”.

Vielleicht ist es also gut, wie wichtig, wie lebensrettend, dass wir uns dem Unverständnis der Menschen hier immer wieder ausgeliefert haben.
Vielleicht hätten wir die Teilchen so nicht verbinden können.
Vielleicht, lapidar gesagt, mussten wir halt 8 Jahre auf die Fresse fliegen, Rat_Schläge einstecken und an unserer Fähigkeit der Kommunikation ver_zweifeln bis wirs endlich kapiert haben.

Man lernt halt nie aus.
Wenn man lebt.

das awkward-eiskalte Herz

Ob ich traurig bin, weiß nicht.
Wütend? Keine Ahnung.

Ich dachte lange, meine Unsicherheit in Bezug auf mein emotionales Empfinden, hinge damit zusammen, dass ich es immer dissoziiere oder, dass ich ein intellektualisierender Mensch bin. So sage ich erst, dass ich traurig bin, ich wenn ich die Situation auf Marker für Traurigkeit untersucht habe. Ich benenne meinen schnellen Puls und das Ziehen im Zwerchfell, erst dann als Wut, wenn ich eine Ungerechtigkeit, einen Wortbruch oder sinnlose Zerstörung wahrgenommen habe. Beschämung und Demütigung berührt mich, weil ich die Umstände, die mich beschämen in aller Regel nicht verändern kann, was mich ohnmächtig macht, was wiederum ein allgemeiner Marker für Verzweiflung und Wut ist.
Spontan in mir auftauchend habe ich das nicht auf diese Art.
Meine spontanen Empfindungen sind “Thiiii” oder “Gnah” oder “Hrgm” oder “Oharr”. Je nach Melodie sortiere ich sie dann in eventuelle Wut, Trauer, Unwohlsein oder Fröhlichkeit und prüfe darauf hin meine Umgebung.

Im Moment frage ich mich, ob ich nicht vielleicht doch eine Art eiskaltes Herz bin.
Ich benutze Menschen. Das ist nichts Neues und die Menschen, die mit mir arbeiten, wissen das. Manche glauben mir das nicht und sind gekränkt, wenn sie irgendwann feststellen, dass ich sie nicht angelogen habe, weil sie mir aus ihrer Kränkung heraus nicht mehr vorwerfen können, ich hätte sie angelogen und glauben lassen, es wäre mir ausschließlich um sie gegangen.
Niemand mit der_dem wir näher zu tun haben, hat von uns noch nicht gehört, dass wir komisch mit Menschen sind. Dass wir uns als Freundin nicht eignen und, dass wir sie vergessen, wenn wir nicht regelmäßig mit ihnen zu tun haben.

Und dazu kommt, dass uns nicht geglaubt wird, wenn wir sagen, dass uns die Menschen selbst in aller Regel egal* sind, weil sie allein uns nicht reizen.  Es gibt viele Dinge um Menschen herum, die uns reizen und beschäftigen, weil wir sie nicht verstehen, oder wir die Lässigkeit mit der sich manche Menschen auch mit unsinnigstem Zeug befassen nicht nachvollziehen können zum Beispiel.
Es gibt auch viele Dynamiken, die uns nicht gefallen und die wir für die Menschen gerne verändern, weil wir Handlungsoptionen sehen. Aber wären diese Dinge, um die Menschen herum nicht da, würden wir uns nicht mit ihnen befassen.

Ich habe eine Idee von der Kränkung, die damit einhergeht zu wissen, dass es mir im Kontakt nicht um den Menschen selbst geht, kann sie aber gleichsam nicht nachvollziehen. Gerade dann nicht, wenn ich von Anfang an sage, dass es so ist. Solche Kränkungen sind nicht rational genug für mich.

Vor ein paar Monaten haben wir gemerkt, dass wir uns an die Therapeutin gebunden haben. Dass unser Zutrauen zu ihr eine Ebene hat, die fremd ist.
Da hatten wir zum ersten Mal reflektiert, dass unsere noch am Einfachsten funktionierenden Beziehungen die zu unseren Therapeut_innen waren, weil die beiderseitige Be_Nutzung immanent ist. Wir brauchen uns nicht daran aufreiben Angst davor zu haben, dass wir die Therapeutin vergessen, weil sie sich schon auch mal selbst um den Kontakt zu uns bemühen wird. Wir brauchen keine Angst davor haben, dass eine Kränkung von uns in ihr auf eine Art vor sich hin wirkt, dass sie uns wegtreten muss, weil sie so etwas an sich zu reflektieren und zu kompensieren geübt ist.
Unsere Therapeutin braucht uns nicht und die einzige Dynamik, die uns um sie als Mensch herum reizt,  ist ihre Arbeit an/mit uns.

Ich denke, dass unsere Performance mit Menschen umzugehen zu wenig einbezieht, auf irrationales und radikal destruktives Handeln einzugehen.
Da gibt es nur das Schockdissoziieren, das uns den Moment überstehen lässt und reaktives Erfassen der Gesamtlage mit allen Komponenten, Dynamiken und inneren Mechaniken. Man streitet sich nicht gern mit mir, weil ich das, was ich sehe, meistens auch noch mitteile, weil ich in aller Regel das Moment verpasse, an dem meine Schilderungen als von den Menschen selbst losgelöst angehört werden können.
Ehrlich gesagt habe ich diesen Punkt noch nie erwischt und werde ihn vermutlich auch nie erwischen, weil radikal destruktiv handelnde Personen in einem irrationalen Modus sind, der keine Kapazitäten für mein – nun ja – intellektuelles Geschwafel  detailliertes Erklären meiner Sicht der Dinge, übrig lässt. Aber eine andere Art der Reaktion ist schlicht (noch) nicht in unserem Repertoire.

Klar schimpfen wir auch mal zurück, aber befriedigend ist das eher selten, weil ich meistens schon noch merke, was ich da für einen Quatsch sage.
Hat man sich eigentlich mal Gedanken darüber gemacht, warum ausgerechnet “Arschloch” beleidigen soll? Eigentlich ist es doch ein sehr wichtiges Körperteil – alle sollten froh sein eins zu haben und sich das Wort vielleicht eher in einem anerkennenden und wohlwollenden Kontext sagen.

Wir haben uns gestern überlegt, dass wir in Zukunft mit Dingen beleidigen könnten, die wirklich nicht toll sind. Sowas wie “Du Wurst mit 4 E-Stoffen drin!” oder “Du Sackgasse ohne Wendemöglichkeit!” Aber da merke ich wieder, wie wenig meine Sicht der Dinge passt. Niemand würde sich so beschämt fühlen wie ich, würde si_er von mir damit beleidigt.

Und dann ist da ja noch Versöhnung und Verzeihen. Oder Buße und Erbarmen.
Ich habe meistens keinen Anlass dazu, weil ich in so ziemlich allen Konflikten eher eine ganze Palette von logischen Folgen sehe (wenn ich sie denn sehen darf in einer Aussprache oder einer gemeinsamen Reflektion), als eine Palette von Schuldaspekten, derer man sich durch Buße, Sühne oder Entschuldigung entledigen muss. Schuld ist heutzutage reichlich irrational, wenn man sich außerhalb juristischer oder religiöser Kontexte bewegt.
Meine These: In Wahrheit weiß heute niemand mehr wirklich was Schuld ist und hält die verzerrte Kopie eines wahrhaft schuldhaften Aktes einer anderen Person für Schuld.
Die Irrationalität beginnt einfach schon genau damit, Schuld trotzdem zu benutzen. Auch wenn man eigentlich nicht weiß, was das ist und es keinerlei konkreten Konsequenzrahmen im Zivilleben dafür gibt. Wer mit Schuld arbeitet, macht sich zum Richter und das ist Gewalt. Wer sich in Schuldgefühlen wähnt, eröffnet eine Falle für jeden Mitmenschen über sich zu richten, ob die Menschen das wollen oder nicht. Auch das ist Gewalt.

Wir schweben nach Konflikten immer etwas desorientiert herum, weil wir uns nicht mit Schuldgefühlen oder Buße tun beschäftigen. Es gibt keinen Grund sich zu entschuldigen, denn Schuld können wir nicht sehen. Es gibt keinen Grund zur Trauer, denn wirklich verloren hat man nichts. Es gibt keinen Grund zur Wut, denn ohnmächtig im Schock sind wir ja nicht geblieben.

Eigentlich gibt es nur die Option zu merken:
“Ja Hannah, du bist ein wirklich awkwarder Mensch”.
Und das ist ja nun nicht wirklich neu.

Hm.

Es geht weiter. Alternativen sind gefunden, Wege werden gegangen, um sie irgendwann als Weg bezeichnen zu können.
Das Multiple lässt sich nicht aufhalten. Es windet sich entlang von Brüchen, fasert sich auf und umhüllt die Lücken mit zarten Strängen eines Ich.

Nichts ist so tragfähig wie das Ich in Menschen, die sich selbst haben retten müssen.
Menschen mit dissoziativer Identitätsstruktur gehen öfter Jahre verloren, Lebensqualitäten und Erfahrungen jeder Art flöten, weil sie selbst in der Reflektion einzig das spezifisch produzierte Ich über ihren Brüchen sehen können.

Ich bin schuld. Ich bin falsch.
Hätte ich, würde ich, könnte ich

So bekannt die eigene Awkwardness ist, so bekannt ist die Dynamik.
Es ist die Straße mit dem Loch, in das wir schon so oft hineingefallen sind.
Und die wir nun von der anderen Straße aus betrachten.

wenn etwas ist

Und dann steht da die 16 jährige “darkcloud” und soll wählen, wo gar nichts zu wählen ist.
Soll frei entscheiden, obwohl sie unfrei ist und keine Entscheidung von ihr tragbar ist.
Sie soll leben. Sie soll sich nicht verletzen. Sie soll was sagen. Sie soll etwas verstehen wollen. Sie soll sich gut fühlen. Sie soll nach innen hören, ob jemand mithört.

“Ich weiß noch, dass es mich ewig beschäftigt hat, ob man das Hören der anderen hören kann. “

Der Ton ist grässlich, das Bild unscharf. Die Spannung unerträglich.
Selbst 13 Jahre später schafft sie es, sich über das Videomaterial um meine Brust zu legen und mir den Atem zu nehmen.

Während ich ausatme und ein Stoppsignal nach vorne gebe, drehe ich mich nach innen.
An den Rändern murmelt es und im Inmitten weint es.
Das Rauschen des Tons und die Spannung verleiten mich dazu, vom Innen wegzutreiben und kurz bin ich dankbar für den Fersensporn mit dem wir an dem Tag schon 20 Kilometer gelaufen sind.

Ich merke an der Seite einen Flashback und beschließe das Ende des Versuchs.
Mit Traumakonfrontation habe ich nicht gerechnet, obwohl mir schleierhaft ist, warum eigentlich nicht.

Als wir in die milde Sommerwärme hinaus treten, wähle ich eine schlichte Mustermusik und lasse S. allein in der fremden Stadt.
In den letzten Wochen habe ich verstanden, dass ich ihn nie hören werde. Er ist nonverbal und spricht mit Bildern. Wenn er kann, schreibt er.
Darauf muss man erst mal kommen.

Als wir an Wasser vorbeikommen setze ich mich ins Gras und wiege das Telefon in der Hand. Ich möchte mehrsam sein. Mich verbinden. Ich möchte mitteilen, dass es weh tut. Ich möchte Erleichterung.  Am Ende spreche ich mit einer Viele-Gemögten und wähle dann die Telefonnummer der Therapeutin.

Über uns kreist ein Vogelschwarm. Ab und an quakt eine Ente.
Und die Welt dreht sich weiter.

Niemand wusste, dass “darkcloud”, M. und die anderen, sogar auf dem Klinikgelände von Tätern angesprochen wurden. So sagt es die Therapeutin, die damals mit ihnen gesprochen hatte und die Gesprächsaufzeichnungen heute für uns zugänglich gemacht hat. “Die hatten ja alle keine Ahnung, wie gefährdet ihr noch wart.”, sagt sie und ich frage mich, ob sie Ahnung hätten haben können.
Ich glaube, wir hätten mehr äußern können, wenn wir nicht hätten frei drauflos sprechen müssen. Wir haben noch nie einfach nur Substantive benutzt oder angedeutet und uns darauf verlassen, dass die Menschen, denen wir sie übermitteln verstehen, welche Wörter darin sind. Wir kommunizieren nicht symbolisch.

Wir essen wildgepflückte Brombeeren und schauen dem Wasser beim Fließen zu. Ich lasse die gesehenen Bilder an mir vorbeiziehen und betrachte mein Mitleid. Die Personen, die versuchen zu helfen, zu versichern, zu beruhigen und das Mädchen in schwarz, das einzelne Worte nach vorn scriptet und sich Antworten abkämpft, noch während es in Todesangst und allgemeiner Desorientierung ist. Ruhig auf einem Stuhl sitzend.

Ich verstehe noch einmal mehr, warum es Helfer_innen schwer fällt anzuerkennen, dass Situationen, in denen sie ihre Arbeit so gut machen, wie sie es können, traumatisch auf die Personen wirken können, denen sie helfen wollen.
Man sieht es nicht. Es gibt keine Schreie, kein Blut, keine Zerstörung. Es gibt nur eine sich langsam zersetzende innere Konsistenz bei gleichzeitiger Anpassung.

Ich erinnere mich daran, dass irgendwann jemand sagte, M. sei tot. C und C wären jetzt an ihrer Stelle da. Leider weiß ich nicht, ob das verstanden wurde. Ob klar war, dass es einen massiven Bruch gegeben haben musste, wie er nur aufgrund von toxischem Stress zustande kommt.
Noch während wir in der Klinik waren – dann ohne Täterkontakte. Ich weiß nicht, ob das jemals irgendwie als Idee im Raum stand: “Könnten wir “die sechszehnjährige E.” mit dem, was wir implizit verlangen, so massiv überfordern, dass es für ihr Gehirn die gleichen Auswirkungen hat, wie es die Überforderungen  durch absichtliche physische und psychische Verletzung der Täter_innen hatten?”.
Wo steht der Diskurs der Fachwelt um die Frage wie freiwillig Kinder und Jugendliche eigentlich in eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung einwilligen können? Welche Definition von Konsens liegt dem zugrunde?
Wie freiwillig waren wir dort und lauschten nach einem Hören der anderen, wenn die Wahl war, zurück in ein Heim für geistig und körperlich behinderte Menschen mitten in den Wallakutten zu ziehen, wo es immer wieder zu Übergriffen von Täter_innen kam oder sich das Leben zu nehmen? Ist “das kleinere Übel mit Hoffnungsschimmer”, nicht eben doch auch ein Übel?

Aus C. und C. sind später die Rosenblätter hervorgegangen. Also auch ich.
Ich mag über die eineinhalb Jahre Klinikzeit nicht sagen, sie hätten nichts gebracht.
Das stimmt nicht.
Aber wir hätten etwas anderes gebraucht.

In einem Utopia wäre die DIS-Diagnose, genau wie die Autismus-Diagnose, spätestens in der zweiten Klinik gestellt worden. Da waren wir 15 Jahre alt und hatten erst 5 Suizidversuche hinter uns.
Es hätte eine Pflegefamilie oder eine Kleinstwohngruppe gegeben, die sich mit einem 1:1 Betreuungsschlüssel um uns kümmern konnte. Wir wären auf eine integrative Gesamtschule gekommen und hätten jeden Schulabschluss machen können, den unsere Leistungsfähigkeit hergibt. Wir hätten kompetente Traumatherapie bekommen durch Therapeut_innen, die nicht an uns lernen, sondern mit uns.
In einem Utopia wäre es uns erspart geblieben von Hilfemaßnahmen auf eine Art traumatisiert zu werden, die ein spezifisches Funktionssystem für Therapie hervorbringt.

In einem Utopia hätten wir nicht jahrelang gedacht, wir wären ein schweigsames Opfer.
In einem Utopia hätte man unser Sagen gehört.

Ich stehe auf und laufe zum Bahnhof.
S. gefällt die Musik und die kleinen Wasserfontänen auf dem Vorplatz. Er deutet auf das im Sonnenlicht glitzernde Wasserspiel und lächelt selig.

Der Gedanke: “Wenn etwas ist, dann muss man sich damit auseinandersetzen.”, zieht durch mein Denken.
Ich schreibe das Inhaltsverzeichnis für unser Buch nieder.

Verbindungen

Die Therapiestunde endete mit einem Flächenbrand, der unterm Scheitel begann, sich über einen Krampfanfall auf den gesamten Körper verteilte und bis in den späten Abend unterm Denken schwelte.

Menschen verstehen nicht, wenn wir versuchen zu vermitteln, wie schwer Sprache wird, wenn es uns nicht gut geht. Die wenigsten wissen, dass wir in Krisen seit Jahren das Fingeralphabet und einzelne Grundgebärden nutzen, um zu kommunizieren. Die meisten wissen, dass wir Menschen meiden, wenn wir nicht sprechen können. Die meisten denken, wir wären dann lieber allein. Niemand denkt daran, dass die Kluft des Missverstehens zwischen uns auch ein Grund ist.

Dass es der Weg zu Worten ist, der alles erschwert, wenn wir zwischen Erinnern und Nachspüren stehen und auf Impulse aus dem Heute reagieren sollen, haben wir gestern verstanden.

Das Hier und Heute verlangt nach Reaktionen, die bestimmte Formen haben muss. Der Mindeststandart sind Lautsprache und Blickkontakt. Ist das nicht gegeben, wird geraten und nachgefragt. Wird mit jeder Frage eine Palette von optional gemeinten Räumen eröffnet, von denen einer zu wählen ist. Exakt einer führt zielgenau zu dem Verstehen, das gebraucht wird – die anderen schließen dieses Verstehen nicht aus, führen aber zu weiteren Fragen mit neuen Räumen und Wegen, die zu gehen sind. Auch dann, wenn man keine Kraft dazu hat.
Hier kommt die Zeit <—-> Kraft –Dynamik dazu.
Je mehr Kraft wir in ein Hier und Heute pumpen müssen, damit es uns versteht, desto weniger schaffen wir es dauerhafte Belastungen zu kompensieren. Wie zum Beispiel überflutende Körpererinnerungen, Pseudohalluzinationen, den Drang die Satzbausteine rauszuwerfen, die mit am wenigsten Anstrengung zu greifen sind, den Impuls das zu Sagende nicht mehr zu kontrollieren oder schlicht Dinge zu tun, die uns entlasten, aber im Hier und Heute nicht okay sind (selbstverletzendes oder spezifisch selbstansprechendes Verhalten).

Es hätte uns gut getan, real verletzungsbedingte Schmerzen zu haben oder im komplett Dunklen oder Stillen oder Eingeengten zu sein.
Paradoxerweise hätte es uns wahrscheinlich am Besten geholfen, zurück zu einem “normalen” Reiz-Reaktionsmuster zu finden, wäre die Gewalt, die für uns neben dem Jetzt passierte, das Jetzt gewesen.

Wir haben Anfang dieser Woche unser Podcast “Viele-Sein” mit den Sommers aufgenommen (wird bald veröffentlicht) und dabei auch darüber gesprochen, dass durch den Ausstieg ein Faktor in unserem Leben wegfiel, der vieles in uns zusammengehalten hat: die Gewalt.
Nach gestern und im Zusammenhang mit den Überlegungen um die Autismusdiagnostik denke ich auch: die Reize und die Eindeutigkeit, die mit der Gewalt einhergingen.

Manchmal blende ich (erwachsenes Alltagsinnen) aus, wie auch aufgefasert frühere Gewalt schon auf uns eingewirkt hat. Wir wurden misshandelt – aber das war nicht immer das, was einen Leidensdruck auslöst. Manchmal kommt der Leidensdruck eher aus einem Bedauern des gegenseitigen Missverstehens oder anderen Dynamiken, die nicht dazu führen, verbunden zu sein.
Dazu gehörte schon früher auch: die Un_Logik von Gewalt zu durchschauen, eine Idee von Opportunismus als Faktor von Gruppengewalt zu haben, loyal sein zu wollen, aber andere Kontexte nicht ausblenden zu können – zusammengefasst vielleicht: das eigene Denken nicht unterdrücken zu _können_  obwohl man doch sehr möchte und merkt, dass die dominierenden Personen das doch auch so gern möchten.

Zwischenmenschliche Gewalt gilt als zusammenhängend mit Trennung. Wenn jemand jemandem Gewalt antut, dann muss eine Trennung her. Separation gilt als (einziger) Weg des Umgangs. Stichwort: Alle in den Knast (in Therapie/ Psychiatrie/Rettungseinrichtung/helfende Hände)
Manchmal frage ich mich, ob von uns erwartet wird, vor allem deshalb unter der Gewalt auch im Nachhinein zu leiden, weil es moralisch schlimm ist, Gewalt erfahren zu haben und moralisch schlimm ist, Gewalt auszuüben.

Für mich ergibt sich aus diesem moralischen Anspruch, die Trennung zum Leiden darunter, dass sie nicht mehr so passiert, wie ich mit ihr umgehen kann und ein Verbot, Dinge als quälend, schlimm, (gewaltvoll) zu empfinden, die für andere Menschen einfach so damit einhergehen ein Leiden lindern zu wollen.

In meinem Erleben war es ein Kraftaufwand bis an den Rand der Therapeutin zu sagen: “Wäre ich jetzt zu Hause, würde ich einen Krankenwagen anrufen.” – ich weiß nichts mehr von dem, was danach geschehen ist, außer einem zerreißenden Impuls aus dem Nicht-IchWir nach dem anderem.
Fragen, Berührungen, Entscheidungen, Geräusche, Licht, verwirrende (Decken-) Muster in einem Vielzuviel, das keinen Kontext mehr hatte und nicht mit mir zu verbinden war. Ich konnte mich nicht mehr verbinden und gleichzeitig mich selbst nicht berühren.
Im Bericht aus dem Krankenhaus wurde daraus “Lichtempfindlichkeit – eventuell liegt eine Migräne vor”.
Meine Versuche mich ausdrücken verwandelten sich in “psychomotorische Unruhe”.

3

18.32 Uhr, 4 Stunden nach dem Anfall und der Gabe von Schmerzmitteln und einem leicht sedierenden Mittel gegen Übelkeit später, saßen wir mit unserer Therapeutin unter einer Raumdecke mit  reiz-voll-em Muster im Foyer der städtischen Psychiatrie.
Es waren inzwischen 4 Stunden voller Missverstehen und überbordenden Versuchen und Fehlschlägen der Kommunikation vergangen.
Patient_innen liefen an uns vorbei. Gesprächsfetzen, Rufe und das Geräusch der automatischen Schiebetür durchdrangen die Halle.
Wir hatten zuletzt in der Praxis der Therapeutin einen Schluck Wasser zu uns genommen und zuletzt vor über 24 Stunden etwas gegessen.

Wessen Denken fing langsam wieder an, im üblichen Rahmen zu funktionieren?
Genau.

Wir wissen, dass man nicht oder nicht viel hätte anders machen können und das ist auch nicht, worüber wir jetzt nachdenken. Uns wird ja gern gesagt, wir sollen sagen, was man hätte anders machen sollen, weil man zu gern missversteht (verstehen muss/will), warum wir solche Ereignisse hier mit_teilen.
Ich teile sie, weil ich möchte, dass Menschen verstehen, wie es uns ging, während die Helfenden um uns herum, ihr Bestes taten ein Leiden zu lindern, das sie in uns vermuteten. Ich möchte auf das trennende – das auf uns sehr ähnlich wie erlebte Gewalt  wirkende – Missverstehen hinweisen, das dazu führte, dass wir uns sehr viel länger gequält haben, als vielleicht unumgänglich gewesen wäre.

Ich möchte ausdrücken, dass wir uns tatsächlich tief gequält haben und am Ende wieder unsere Anpassungsfähigkeiten an Zustände körperlicher wie psychischer Erschöpfung, dazu führten, Kontakt mit dem Außerhalb aufnehmen zu können, wie es das Außerhalb braucht, um zu verstehen.
Es ging uns nicht besser – wir sind einfach nur in eine andere Art Notzustand gekommen, der weniger am Sprechen und am Weg zur Lautsprache behinderte.
Das ist ein Unterschied, den ich versuche sichtbar zu machen, weil ich davon überzeugt bin, dass es vielen Vielen schon so ergangen ist, die sich dann aber nicht zu äußern trauen (können), dass es ihnen unter den Worten noch immer nicht “okay” geht.

Als wir noch einmal Stunden später in unserem Käfig lagen und Wasser aus einer Flasche durch einen Strohhalm trinken konnten, konnten wir endlich auch NakNak* spüren und uns darüber auch im erinnernden Innen mit dem Hier und Heute verbinden. Es war dunkel, still und so eng, dass wir uns nicht frei bewegen konnten.
Es war wieder okay.
Endlich.

brachial sein üben

Und in den Worten an die Psychotherapeut_innen, die Autist_innen behandeln steht: “Nehmen Sie ihre Klient_in ruhig wörtlich” und hätte ich nicht ein längst leer geweintes Menschenköpfchen würde ich auch diese Seite volltropfen.

“Weil kann man nicht ändern diese scheiß was sie sagen ist unser Leben. Für uns ist wichtig, dass sie wissen und nicht vergessen, wir leben mit Furcht und Angst, mit Überforderung und Erinnern. Immer wenn wir sagen und versichern davon (egal wer, egal wie) sie machen ein Thema und reden eine Ebene davon.  Aber das ist nicht alles. Das ist nicht fertig und wird nicht fertig. Man kann nicht verstehen was man MACHEN soll oder könnte, wenn sie sagen nur „Sie fühlen…“, „Sie denken…“.
Merken sie nicht Unterschied von Verständnis und jemanden verstehen lassen?
Sie lassen uns nicht verstehen. Sie lassen uns verstanden.
Da wo wir stehen lassen sie uns und sagen: „Ich habe Verständnis für sie.“
Das ist schön jemand hat etwas für uns – aber es ist egal für was ist und wo wir stehen“

Wir räumen in der Wohnung herum und schmeißen Dinge weg.
Es gibt zuviel Zeug in unserer Wohnung, in unserem Leben, das uns anstarrt und uns suggeriert,  es gäbe eine Wahrheit, die unserem Erleben und Äußern widerspricht.
Wir werden aber nicht mehr in eine weiterführende Schule gehen. Wir werden aber keine Kinder bekommen, denen wir unsere mitgenommene Baby Born Puppe vererben werden. Wir werden aber H. nie wieder als Gemögte haben. Wir werden aber keine Klassenkamerad_innen aus der Heimatstadt mehr treffen. Wir werden aber nie wieder Klavier spielen. Wir werden aber nie Gitarre spielen lernen. Wir werden aber keine geklebten Puzzles an die Wand hängen. Wir werden aber nie die Fähigkeit bekommen unsere früheren Kunsttherapiesachen zu besprechen. Wir werden aber nie wieder unter 55kg wiegen.

Wir dachten, dass man das so macht. Dass es nicht genug ist, wenn wir die Dinge tun, die wir tun, weil wir sie tun wollen und können. Immer muss irgendwo ein verborgener Wunsch sein – irgendwo muss eine versteckte allumfassende Wahrheit sein, die wir nur nicht mitkriegen, weil wir nicht ganz dicht sind. Oder sie nicht kennen sollen. Weil frühere Gewaltopfer haben sowas.
Wir haben soviel Zeug aufgehoben von dem wir dachten, es wäre später vielleicht mal wichtig.

“Als Option doch gut zu wissen, weil man weiß ja nie und in Wahrheit möchte man es doch auch. In Wahrheit geht man doch davon aus, dass es ein Morgen und ein sicheres Bald gibt und man sich dafür alle Optionen offen halten will.
Du denkst jetzt es ist sinnentleerter Mist, weil du dich jetzt halt aus dem Leben, der Welt, dem Allem rausgerissen und entfremdet fühlst – aber in Wahrheit… aber in ein paar Jahren…”.

In Wahrheit bleibt es sinnentleerter Mist, weil er das schon damals war und man auf eine Wahrheit wartet, die nicht die eigene ist.

Wir werden nie eine Wohnung haben, die wir zum Wohnen benutzen, bis wir nicht verstanden haben, was “Wohnen” eigentlich ist.
Ich habe die besten Ideen, wenn ich mich verletze. Vielleicht weil ich mich in dem Moment auf vielen Ebenen berühre und dabei so roh bin, wie das Innen, das unserer Therapeutin geschrieben hat.

Und sie denken vielleicht ist Traumadummheit weil man will nach Hause ans Meer wo man freie Blick hat und nicht wie hier überall Berg und eng und laut und Leute die ungefragt anreden. Sie denken vielleicht ist Traumadummheit man will ein Baby sein, das erlaubt gar nichts muss oder soll und trotzdem nicht sterben muss – aber vielleicht sind wir nie eigentlich weiter gewachsen als Baby und später einfach eine dressierte Äffchen geworden.
Vielleicht sie haben vergessen, Innens sind Kunststückchen für dass man nicht stirbt.

Menschen machen Wahrheiten, wo sie kein Wissen haben.
Sie wissen nicht, dass wir sie nicht verstehen.
Deshalb glauben sie uns nicht.

Wir üben brachial sein.
Die brachiale Veräußerung, die vor 13 Jahren noch in einer Fünfpunktfixierung und Diazepamspritzen endete.

später

“Vielleicht hätte ich einfach schreien sollen.”, denke ich, während ich in meiner Jacke verschwinde und mir wünsche, die Zeit könnte sich genau jetzt einmal um sich selbst drehen und mich erneut ausspucken.
Nochmal neu einen Therapietermin haben. Sagen, wann das Thema beendet sein kann. Sagen, wann ein Punkt irrelevant ist und beiseite bleiben kann. Sagen, wenn Zuhör-Spiegel-Fragen falsch sind.

“Ich weiß nicht genau – wie oft wurde aus diesem Körper geäußert, dass es zu viel ist?”, frage ich mich und langsam kommt mir ein tieferes Verstehen vieler Suizidversuche früher in den Sinn. Und die Dokumentation über das Sterben in Deutschland. Da war diese Frau, die sich mit einem Drahtbügel an ihrem Kleiderschrank erdrosselhängt hatte. “Ich kann nicht mehr”, hatte sie auf einem Zettel hinterlassen.

Neben mir stakst M. und lässt Tabletten durch ihre Finger rollen. Neben ihr schranzt A. einen “Song” vor sich hin und fragt alle paar Minuten, wieso er nicht endlich eine rauchen kann. Ich denke daran, dass das Blog von Vielen inzwischen aus 895 Artikeln besteht. “Das ist ein bisschen mehr als nur ein Zettel, auf dem nicht genug Platz für Gründe und Er-Klärungsversuche ist.”, denke ich bei mir.
Nach vorne mache ich Motivationsreden. “Immerhin versteht sie meine Gefühle. Wer braucht ein Verstehen von Gedanken, wenn man sich die Hucke vollhauen kann mit Verständnis für Gefühle?!”. Irgendjemand knallt mir eine und ich schwanke ein bisschen.

Mir wird schlecht. Folgerichtig gehe ich in den Kreativmarkt und kaufe einen Ösenstanzer. A. will “ne Kippe” und ich denke darüber nach, ein Päckchen Tabak zu kaufen. Wieder klatscht eine Hand auf mein Gesicht. Ich denke an mein Werkstück und komme mir lächerlich vor. Als wäre es wichtig, wie ich Dinge sehe.

“Ich könnte auch einfach heulend zusammenbrechen. Mitten in der Stadt. Tre Drama. Ich schmeiße mich einfach in eine Pfütze und bleibe für immer liegen.”. Ich wandere durch den Gedankengang und schnalze mit der Zunge. “Hm seltsame Blüten kann Verzweifeln mitunter schon treiben”.
Das Kind auf meinem Arm wird schwer und ich hieve es auf die andere Seite. „Übernächste Woche, okay? Ich habs verkackt, aber ich könnte vielleicht in 14 Tagen…“.

M. bleibt stehen und legt den Kopf in den Nacken. Betrachtet die Wolkenränder, lässt mein Heulen nach hinten abfließen.
“Vielleicht sagen wir einfach nicht mehr, dass es zu viel ist? Vielleicht reden wir einfach wieder nur so?”, C. versucht mich durch ihre Wimpern hindurch zu sehen und legt den Kopf schief.

“Ich will meine Zeit da nicht mit Reden verbringen. Ich will was sagen.”, antworte ich und merke wie sich meine Tränendrüsen schon wieder zusammenziehen.
”Aber wenn sie nicht versteht, was du sagen willst, dann hat es … äääääh exaktamente NULL Sinn und dann könntest du es auch einfach nicht sagen.”, er schreitet seine Worte ab und begutachtet sie, “Was bedeutet: Ein Gespräch mit einer beliebigen anderen Person hätte das gleiche Ergebnis.”.

Es fängt an zu regnen.
Zwei Wochen sind ein langer Raum.

Fundstücke #7

Mir fallen nach und nach diese Momente ein.
Das eine Mal, in dem mir mein Vater etwas unterstellte, das ich nicht getan hatte und er sagte: “Du wirst ja ganz rot im Gesicht – guck mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede – du lügst doch!” und meine abgrundtiefe Wut über seine Dummheit, sein anmaßendes Deuten, den Umstand, dass er mich einfach umklatschen kann, obwohl er unrecht hat.
Dass man schon mal rot im Gesicht werden kann, wenn man wütend ist, bringt einem jeder Bugs Bunny – Cartoon bei. Ich verstand nicht, wieso es scheinbar nur diese Option für ihn gab. Wieso war denn das einzig mögliche in seinem Denken über mich, dass ich eine miese lügende Person bin?
Und meine Verkrampfung in dem Moment. Diese eine seelische Gesamtstarre, die verhindert, dass man auseinanderfällt.

Im Moment wache ich ständig aus solchen Fetzen auf.
Ob es Erinnerungsprozesse sind, die davon angetickt werden, weil ich oft darüber nachdenke, welche Schwierigkeiten ich früher schon hatte und wie damit umgegangen wurde, weiß ich nicht genau.
Aber, es sind mehrere Ebenen und die Parallelen sind enorm.

Mir ist etwas eingefallen, das schon Lundy Bancroft in “Why does he do that?” formuliert hatte.
Wenn Menschen Gewalt ausüben, dann geht es um ihr Denken. Ihre Bewertungen und Perspektiven auf bestimmte Dynamiken, Personen (Dynamiken-Dynamiken in Fleisch gegossen) und weniger darum, welche Handlungsoptionen sie außer der Körperverletzung, Demütigung etc. haben.  Sie können (wollen, müssen) diese nicht sehen, wenn ihr Blick ihnen vermittelt im Recht zu sein oder/und in irgendeinem Aspekt von einer anderen Person bedroht zu werden.
Es geht darum, dass sie etwas als Bedrohung (Störung) bewerten und nicht sehen können (wollen, müssen), dass es nicht so ist bzw. von der anderen Person nicht als solche intendiert ist.
Unterstützt und antrainiert wird so eine Perspektive vor allem bei weißen, cismännlichen Personen. Wer alles hat, muss auch alles verteidigen. Die Spannung (der Zwang, die Wahrscheinlichkeit) zu einer Perspektive, die gewaltvolles Agieren rechtfertigt oder logisch erscheinen lässt, ist bei privilegierten Personen höher.

Daneben gibt es das Lernen. Wenn man immer wieder von jemandem umgeklatscht wird und nicht versteht, warum eigentlich (weil man die Perspektive nicht teilt; weil man nicht gleichsam privilegiert ist; weil man keinen Fehler an sich empfindet;  weil man weiß, dass man in anderen Kontexten anders behandelt werden würde etc. etc. etc.), dann übernimmt man mehr oder weniger diffus bis klar, die Gründe (das, was von der Perspektive der gewaltvoll agierenden Person nach außen tritt) und ermöglicht sich damit einen Hebel über den auch neurologische (Schein-)Verarbeitung passieren kann.

Es ist nicht zwingend, Täter_innenansichten auf sich zu übernehmen. Aber es gibt den Überlebenstrieb und der umfasst eben auch, sein Innenleben zusammenzuhalten und sich deshalb Dinge auch nur scheinbar logisch begreiflich zu machen.  Am Ende kommen dann so Selbstansichten wie, dass man einfach grottendämlich ist, nie was richtig macht, hässlich ist, man plump ist, zu nichts zu gebrauchen ist, immer lügt, nie macht, was alle anderen machen… dass man falsch ist. Dass man ein Fehler ist und deshalb immer wieder korrigiert werden muss. Und mit diesen Selbstansichten kommt auch das Potenzial, in jeder anderen Person, die einem früheren Ich gleicht, so umzugehen, wie mit einem selbst umgegangen wurde. Und das muss nicht einmal bedeuten zuzuschlagen.

Mir ist eine kleine digitale Armbanduhr eingefallen.
Rosa/Lila mit schwarzem Karomuster. Plastikfantastik. Ich spielte damit herum, mein Vater nahm sie mir weg, weil wir essen sollten. Er warf sie in eine Salatschüssel. Sie war kaputt. Sie war für mich im Wortnäpfchen “kaputt”/”falsch”, weil er unruhig wurde und mich anmeckerte. Ich begann zu weinen, weil ich nicht verstand – aber doch genau wusste, dass er dieses Nichtverstehen nicht verstehen würde – erst recht nicht, wenn er schon unruhig und laut ist.
Ich kann mich nicht erinnern, ob ich die Uhr danach überhaupt nochmal in der Hand hatte. Sie verschwand einfach. In meiner Fantasie blieb sie da. Bis ich mir selbst irgendwann in die Hand biss und damit eine Art inneres Dekret erließ, dass eine Zeigeruhr der Ersatz sein muss, weil meine Umgebung es als Ersatz sieht.
Ich musste ihre Sicht auf dieses Objekt annehmen und zwang mich selbst mit Gewalt dazu, weil ich etwas anderes vielleicht noch nicht gelernt hatte.

Ich bin bis heute eher Fan von Mechanik als Elektronik. Eine mechanische Uhr hätte man reparieren können. Ich hätte den Fehler – den Schaden erfassen und begreifen können. Mein Vater hätte nicht unruhig werden und sich freimeckern müssen.

Wenn ich so über meine Eltern rede – mit einem “müssen” im Satz – gibt es Impulse in Menschenstimmen, weil man meine Berücksichtigung ihrer Perspektive als etwas nimmt, das mit Rechtfertigung oder Entschuldigung einher geht. Ich will aber weder rechtfertigen noch entschuldigen, ich will mich befassen und die vollständige Logik bzw. das, was für mich eine vollständige Logik ist, äußern.
Das ist etwas, das meine Eltern nicht tun. Das ist, was auch manche meiner Verbündeten, Helfer_innen und Gemögten nicht tun. Weil sie es nicht müssen. Und manche auch: nicht können.

Es wird nie ein Ende geben, wenn ich Dynamiken ausblende. Es wird dieses Ende vor allem in mir drin nicht geben.
Meine Täter_innenintrojekte sind nicht alle ehemals kleine Kinder, die vor Angst schlotternd eine Boshaftigkeit nach der anderen rausspucken. Meine Täter_innenintrojekte brüllen mich auch an, ich soll sie gefälligst angucken, wenn ich mit ihnen rede. Sie brüllen, ich soll tun, was man mir gesagt hat. Sie schubsen mich, wenn ich träume, disse, in Details krabble und staune. Die zerren an mir herum und sagen, wie der Rest der Welt, dass ich unpassend handle, denke, fühle… bin. Und bis heute nehme ich sie wahr und verstehe nicht, was sie von mir wollen. Bis heute verstehe ich nicht, warum sie wollen, was sie wollen und wozu das nützen soll. Denn eigentlich geht es nur um sie. Um ihr Denken und auf mich drauf schauen, obwohl sie mir egal wären, wären nicht sie diejenigen, die mich umklatschen können, wollen, müssen.

Wir teilen uns einen Raum, aber bedeutet das zwangläufig, dass wir uns einander teilen müssen?

In all den Auseinandersetzungen von Menschen, die von der eigenen Familie misshandelt wurden, gibt es diese Annahme einer Verbundenheit, die über den physischen und sozialen Raum hinausgeht und auf diese Annahme werden Konstruktionen gebaut, die diesen Raum logisch machen sollen, es aber nicht tun. Zumindest nicht für mich, weshalb ich heute oft in Ausstiegsgedanken und Zweifeln anderer Menschen sitze und mich frage, wieso die Emotionen, die mit der Herkunftsfamilie einhergehen so viel mehr Raum einnehmen, als bei uns damals die Überlegungen, wo man schläft, isst, trinkt, wie die Alltagsgestaltung und der eigene Lauf der Dinge geschehen soll. Wir fanden es schade aus diesem Raum zu gehen, weil er ja viel auch Klarheit und bestimmte Ebenen von Logik hatte. Aber wir sind nicht gegangen um jemandem eins auszuwischen oder auf eine Art zu bestrafen oder ähnliches. Dass man unser Verhalten so lesen könnte, merkten wir erst als wir mit Menschen darüber redeten, dass wir gegangen waren.
Vor uns selbst gingen wir, weil es das Wissen gab, dort auf lange Sicht zu sterben. Wir mussten gehen. Punkt.

Noch leichter war es, als klar war, dass wir in illegale Dynamiken eingebunden waren und im Grunde unhinterfragt Dinge taten, die eigentlich fremde Personen von uns verlangten.
Für uns standen in dem Moment keine moralischen Fragen im Raum oder ähnliches. Auf eine Art hatte es mehr Gefühle von vorweg genommener Scham und dem Wissen, dass Menschen nicht verstehen, welcher Hebel in einem da benutzt wurde. Selbst Personen, die von sich behaupten, sich auszukennen, verstehen das nicht. Sie nehmen einfach an, dass es der Hebel wäre, von dem sie bei anderen gehört/gelesen haben.

Und ich sitze da, beiße mir in die Hand und erlasse das Dekret mich an die 50 min Therapiezeit zu halten, anstatt zu versuchen es zu erklären und mich der Scham auszusetzen. Ich möchte nicht für so naiv und dumm gehalten werden, wie es unser Verhalten damals vermuten lassen könnte.

Ich weiß nicht, ob die Menschen, die sich schon lange mit traumatisierten Menschen und ihren Verarbeitungswegen auseinandersetzen, merken, welche Norm sie definieren, auch dann, wenn sie genau versuchen das nicht zu tun.
Als eine grundlegende Voraussetzung für Traumatisierungen gilt noch immer auch die Überforderung einer Person ihre Liebe für eine Person mit ihrem Hass, ihrer Ablehnung, ihrer Wut, ihrer Zärtlichkeit etc. etc. etc. zusammenzubringen.
Bis jetzt habe ich noch keine Publikation lesen können, in der die Problematik formuliert wird, sein Bewusstsein (seine Kognition?) für verschiedene Dynamiken, die mit (scheinbar) willkürlichen Emotionen und sozialen Rollen belegt werden, zusammenzuhalten.
So lese ich immer wieder von Kindern, die sich Liebe (im Sinne von Bedürfnisbefriedigung) wünschen und den Schmerz der Zurückweisung (im Sinne von “Bedürfnisse werden fehlinterpretiert/unbefriedigt/verdreht/missbraucht etc.)  als massiv zer-ver-störend erlebten und nicht verarbeiten konnten, nicht zuletzt, weil ihnen der Ausdruck verwehrt wurde – und nicht von Kindern, die sich fragen, ob es Liebe ist, wenn sie umarmt werden – es ihnen aber doch irgendwie weh tut und das doch eigentlich aber genau nicht Liebe sein soll – und die genau wegen ihres Ausdrucks dieses Konflikts misshandelt werden.

Ich nenne das heute “diese typische Alltagsgewalt”, die so ganz neben anderen Kontexten steht und eigentlich jeden Tag statt gefunden hat.
In der Öffentlichkeit. Im Grunde durch jede Person, die eine Dimension meines Raumes berührt hat.
Wenn ich heute sage, dass mein Leben schwierig ist (war), weil es einen Zustand permanenter Überforderungen bedeutet (hat), wird es schnell übersetzt mit: “es gab keine Misshandlungspausen” = “chronische Traumatisierungen” = “komplexe/schwere/tiefgreifende Schäden”.
Es wird normiert innerhalb von etwas, das es gibt, um einen bestimmten Bereich außerhalb der Norm zu definieren.

Gewaltvoller Alltag ist aber kein Norm-abweichungs-bereich.
Alltagsgewalt ist Alltag, ist alle Tage mit Gewalt voll.

Elternmord

Wir sitzen in der Küche und neben unserem Gespräch, hopst die Nacht unterm Fenster entlang.
Der Mensch sagt: “Man könnte es auseinanderklamüsern und einen Anfang finden.”. Seine Hände bewegen sich von einander weg. Eröffnen ein symbolisches Feld in das unsere Entwicklung und unsere familiäre Interaktion hineinpassen soll.

Das Inmitten pulsiert und vielleicht weine ich am Rand des Außen, weil es so herzzerreißend ist.
So ein Wunsch, ein Interesse – so ein Moment, in dem man doch nur eine Frage hat und die doch nur beantwortet haben möchte – so ein Moment, in dem man doch nur verstehen möchte, so ein Moment ist zu zart für das, worum es geht.

“Es geht ja nicht um Schuld. Hier wird niemand gerichtet.”, so etwas sagen Psycholog_innen in jedem Elterngespräch ums krankbeklopptkaputtgespielte Kind und in meiner Familie hat das nie funktioniert. Wie soll das generell auch funktionieren, wenn Eltern – egal, ob sie ihr Kind absichtlich oder aus eigener Unerfahrenheit, Not, Ohnmacht, Impulsivität, eigenen unverarbeiteten Traumatisierungen heraus misshandeln oder nicht – sich gar nicht im Wunsch nach Verstehen auf genau der Ebene der Objektivität bewegen können.
Der Anspruch nicht in Schuld-Unschuld- Dualismen zu agieren,  blendet innere Dynamiken und den sozialen Kontext in dem Menschen leben, aus.

Gespräche ums Selbst und Sein, passieren nicht in luftleeren Räumen.
Kein Gespräch ist ohne Bezug.

Es wäre spannend, wären Menschen Objekte, deren Entwicklung man anhand von Etappen und Ereignissen systematisieren kann.
Es wäre so praktisch, dass man es er/begreifen kann, könnte man menschliche Entwicklung innerhalb von Mikrokosmen beschreiben und analysieren, wie Schimmelwachstum in einer Petrischale.
Menschen sind aber nicht so. Schon gar nicht sind Familien so. Und Misshandlungsfamilien haben, zumindest ist das meine Idee, jeweils so spezifische Dynamiken zwischen und an jeder einzelnen Interaktion, das von einer systemischen Multiplizität gesprochen werden könnte. Dass man am Ende sagen könnte: Misshandlungsfamilien sind in einer rhizomatischen Dynamiken-Dynamik verhaftet, die zu beobachten nur dann überhaupt praktisch möglich ist, wenn man selbst in ihr lebt. Doch diese Beobachtungen daraus heraus zu formulieren wäre aufgrund ebenjener Beteiligung nicht mehr möglich, weil es Teil der Dynamik ist, genau dies nicht zu tun bzw. dazu nicht befähigt zu werden.

Das ist, was Schweigegebote und die Misshandlungsfamilie als abgeschlossenen Raum im Raum im Raum schwer bewortbar macht.
Das Ende der Äußerung kann sein einen Aspekt einer Dynamik zu transportieren: “Was zu Hause passiert, bleibt zu Hause.” – also ein Schweigegebot sichtbar zu machen. Dem Beobachter von außen bleibt aber der Weg zu dieser Dynamik verborgen und die Dynamiken, die genau dieses Ende benötigen, um das Gesamtsystem (den Raum mit seinen Dimensionen) aufrecht zu erhalten.
Die Reflektion tötet am Ende die Misshandlungsfamilie bzw. bringt sie in existenzielle Gefahren.  Am Ende gibt es Abstoßung.

Und irgendwann gibt es eine Person, die mit fast 29 Jahren in ihrer Küche sitzt und überlegt, ob das Gegenüber verstehen könnte, wenn sie sagt:
“Du kannst nicht mit meiner Familie sprechen, weil ich sie ermordet habe. Ermorden musste, damit ich über sie nachdenken konnte. Damit ich meiner Therapeutin überhaupt die Fetzen meiner Erinnerungen mitzuteilen wagen kann.”.
Es ist Teil des So-tun-als-ob-Spiels, das Teil einer inneren Dynamiken-Dynamik ist, die unsichtbar blieb, weil Abstoßung ein heimlicher Akt ist.

Aussteiger_innen sollen heroische Selbstretter_innen sein, die die Gewalt an sich erkannt haben und etwas Besseres für sich  wollen.
Sie sollen selbstbestimmt sein und eine Linie ziehen – eine Entscheidung treffen und diese verteidigen.
Aussteiger_innen morden nicht. Sie gehen einfach weg und korrigieren den Blick zurück von sich aus nach vorne.

Wäre Abstoßung nicht heimlich, gäbe es noch andere Stereotypen.

Ich habe meine Eltern getötet und halte bis heute ihre Leichen in meinen Armen.
Analysiere, seziere, bedenke etwas, das diese Welt schon längst verlassen hat und mich nicht mehr braucht, um sich am Leben zu erhalten.
Das ist nicht, was in den schlauen Büchern zu Ausstieg aus gewaltvollen Kontexten steht, aber es ist auch ein Aussteigen, dass es mir ermöglicht hat nicht zu verharren und meine Therapiemöglichkeiten zu nutzen.

Es ist die Maxime: “Es ist vorbei”, es ist die Erleichterung über die Wertung des eigenen Wortes, der eigenen Er-Lebensrealität – das So-tun-als-ob-Spiels der Psychologie, das einen Raum ohne Kontext ermöglichen will, um Probleme und ihre Lösungen zu erdenken.
In Bezug auf Gewalt funktioniert das nicht, weil Gewalt immer und immer und immer selbstbestätigend ist und eben auch in einem leeren Raum existiert, allein schon in dem Umstand, dass es den Raum gibt bzw. geben muss und kann.

Wenn man Gewalt in einen Raum steckt, steckt man Schuld, Scham, Schmerz automatisch mit dazu und muss zwangsläufig reduzieren, um etwas zu sehen, dem man sich soweit widmen kann, dass man es verstehen bis begreifen kann. Doch es wird – es muss – dann unvollständig sein und am Ende unbefriedigend, sinnlos, verrauchte Energie. Das Gefühl, den eigenen zarten Wunsch nach Verstehen unter etwas schwerem, großen – überforderndem Irgendwas erschlagen zu fühlen.

Als wir eine Jugendliche waren, sahen wir dieses überfordernde Ding, über viele Psycholog_innen in Elterngesprächen rollen und bekamen immer wieder zu spüren, dass “Abgrenzung” an der Stelle bedeutet, dieses Ding auf uns abzulegen, weil es ja sowieso schon mit uns zu tun hatte.
Und als Teil der Dynamiken-Dynamik sind wir darunter nicht dekompensiert, eben, weil wir ein Teil davon waren.

Heute wirft man mir gerne vor Sackgassen-Situationen zu kreieren.
Man mag es nicht, wenn ich Dynamiken innerhalb von Dynamiken aufzeige und zeige, dass Gewalt = Gewalt ist und nichts weiter.

Man möchte gerne glauben, da gäbe es Wege und Mittel, wenn nur der Raum frei genug ist.
Man möchte gerne glauben, dass dieses Moment des Verstehenwollens als harmlos gesehen werden kann.

Und ich lasse sie ihre Vermeidungstänze machen.
Weil ich weiß, wie wichtig sie sind, um sich am Leben und Glauben zu erhalten.

danach

“Hm, wollte ich am Ende eigentlich nicht eher fragen, ob sie uns jetzt anders sieht?”, frage ich mich und betrachte das rote Ampelfigürchen auf der anderen Straßenseite.  “Vor allens hast du vergessn zu fragen, ob sie uns jetz trotzden noch gern hat”, denkt es durch meinen Hinterkopf hindurch.

Die Ampel schaltet, ich zupfe ihm am Denken. Er stößt das Rad an und rollt über die Straße.
Während er und sein Begleiter sich bemühen, nicht im warmen Gegenwind zu versinken, drehe ich mich um.
“Das habe ich nicht vergessen. Die Frage ist irrelevant.”. Das Mädchen schüttelt den Kopf. “Stimmt nich.”, schiebt es hervor, “Es ists megaobersuperwichtig!”.

“Äh ja.”, ein Innen mit gekräuselter Stirn stützt sich auf den Kopf des Kinderinnens und wackelt mit seinen Fingern vor dessen Augen herum.  “Voll wichtig. Ph. Voll peinlich!”. Es fuchtelt mit den Armen durch meine Konzentration und ich merke, wie sich meine Ränder auflösen.

Ich verlasse die beiden und setze mich in den Fahrradkorb.
Der Wind streichelt mich und einen Moment lang bin ich gar nicht da.

Wir warten erneut vor einer Ampel und ich denke an Abendbrotgespräche.
Meine Mutter fragte, wie es im Kindergarten war. Mein Geschwist konnte nichts erzählen. Später verstand sie, dass es erzählen konnte, was es zu essen gab, wenn sie es aufzählte.
“Kartoffeln, Reis, Nudeln oder Suppe? Gemüse oder Fleisch? Pudding, Jogurt oder Obst?”.
Ich weiß nicht mehr, was ich auf die Frage antwortete. Ob sie mir gestellt wurde.

Ich denke darüber nach, ob das Erinnern daran, etwas verändern würde. Denke, dass es vielleicht diese Dinge sind, die Menschen, wenn sie in einer Familie erwachsen werden, einfach wissen, weil sie manche Geschichten und Begebenheiten immer wieder mal hören.

Was ich am Klarsten von dem, was ich in meinen Eltern bewegt habe, erinnere ist:
1) die Frage, ob mir klar ist, was ich ihnen mit meiner “Krankheit” antue
2) “Wir wussten ja nicht, ob wir dich am nächsten Morgen tot im Bett finden würden”

Er streckt die Hand aus, um sie durch einen Busch, dessen belaubte Äste auf den Weg ragen, gleiten zu lassen.

Ich glaube, meine Eltern sind sehr hilflose Menschen gewesen. Vielleicht sind sie es heute weniger, weil die Probleme, bei denen sie Hilfe – gute umfängliche Hilfe – gebraucht hätten, von ihnen wegkompensiert sind.

Die Kleine baumelt kopfüber in meine Gedanken hinein.
”Kannst ruhig weinen, wenn du willst. Is oke.”. Sie schaut einem Reiher hinterher, der über uns hinweg durch die Luft gleitet.

Ich überlege und merke, dass ich nicht weinen will.
Ich will eine Familie. Eine äußere Mehrsamkeit  zum erwachsen werden. Zum Aushalten des Umstandes erwachsen zu sein und doch noch immer weiter zu wachsen.

“Du willsts, dass dich jemand auch gern hat und bei dir is, ne?”, sie piekst mit ihrem Finger auf meinen Kopf und setzt sich dann neben mich.
Wir halten unsere Gesichter in den Fahrtwind und hören seinem wohligen Brummen zu.

“Bisschen is das schon wie Familie, wenn man weiß, da sinds welche Leute draußen, die haben einen gern.”. Sie hebt eine Augenbraue und öffnet sich vor mir, bis ich ihr Herz sehen kann.

“Wenn du willst, frage ich sie nächste Woche, ob sie uns trotzdem noch gern hat.”.
Sie lächelt und hält mir ihre Hand hin.

viele sein erklären

~ Fortsetzung ~

“Und wann hast du gemerkt, dass du in der Pflicht bist alle Menschen mit DIS zu repräsentieren?”

Ich weiß gar nicht mehr genau, wann das zum ersten Mal in einem Gespräch zwischen unserer Gemögten und uns aufkam und was der Auslöser war.
Dass ich das nicht mehr weiß, macht mir klar, dass es für uns bei dem Thema Projektion und Anspruch an uns um mehr geht, als nur das übliche Problem, das Blogger_innen (und *ist_innen allgemein) haben.

Immer wenn ich mit der DIS sichtbar wurde, gerade in Jugendhilfeeinrichtungen oder Betreuungen, manchmal auch bei Mediziner_innen, Beratungsstellen und Praxen für Psychotherapie, gab es die große Unwissenheit. Man sollte es nicht glauben, aber bis heute wissen Mediziner_innen nur selten mehr über Traumafolgestörungen* als das, was unter dem Begriff der PTBS benannt wird.
Bis heute ist es nicht selbstverständlich, dass es in Frauenberatungsstellen mehr als eine oder zwei Berater_innen gibt, die Kenntnis von dissoziativen Störungen als Traumafolge haben.
Mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen zu tun zu haben, ist den meisten Erzieher_innen in der Jugendhilfe klar, doch was dies in Bezug auf ihre Arbeit bedeuten muss und worin sich diese Besonderheiten begründen, wissen die wenigsten. Ähnliches gilt für Eingliederungshilfen für Erwachsene.

Wir haben heute eine so glatt geschliffene Art die DIS zu erklären, weil wir jahrelang oft nichts anderes als unbezahlte Aufklärungsarbeit gemacht haben, die nicht als solche anerkannt wurde, sondern oft genug auch unter “die Bekloppte reden lassen” einsortiert wurde.
Dass wir dort etwas taten, was weder in unserer Verantwortung lag, noch etwas ist, wofür sich manche Behandler_innen richtig was bezahlen lassen (und dabei oft auch noch weit weniger wirklich begreifbar machen), war uns nicht klar.

Dass es aber auch Auswirkungen auf den Blick auf uns als glaubhafte, wahrhaft multiple Person haben würde, wussten wir ebenfalls nicht und vergessen das auch heute oft.

Es gibt die Diskrepanz zwischen den Worten, die man für seine Umwelt- und Selbstwahrnehmung hat und dem, was man davon wie nach außen für andere sichtbar (findbar) ist.
Wenn ich sage, dass ich depersonalisiere oder derealisiere (das sind die Artikel im Blog, die immer wieder so klingen, als würde ich eine Geschichte schreiben), dann merkt es das Außen nicht unbedingt. Vielleicht sieht man eine motorische Fahrigkeit, bemerkt Schwierigkeiten mit der Sprache, bemerkt, dass es verzögertes Reagieren gibt – doch all das geht nicht zwangsläufig miteinander einher.

Und dann gibt es da die Problematik, dass die Diagnosebeschreibung oft auch das eine oder andere (unausgesprochene) Vergabegebot unter BehandlerInnen begründen.
Das heißt, wenn ein creepy Sherlock auf mich zukommt, 20 Minuten mit mir zu tun hat und mein Sein anhand der Diagnosekriterien seziert, wird si:er nicht immer zu 100% Übereinstimmungen finden.
Solche Personen blenden dann oft auch unsere Entwicklung und ihre Folgen aus.
Es ist kein Anzeichen von einer Nicht-DIS, wenn man nach 13 Jahren DIS- Diagnose irgendwann aufhört, die Diagnose an sich so in Zweifel zu ziehen, wie man das noch tat, als sie frisch war bzw. wie man das noch tat, als man begriff, was sie impliziert.
Es ist auch kein Anzeichen einer Nicht-DIS, wenn man nicht für jede umstehende Person offensichtliche Wechsel des Seins hat. (Genauso wenig ist es ein Anzeichen einer DIS solche Wechsel zu haben.)

Hinzukommen Faktoren wie der, dass es kaum Diagnosen gibt, deren Symptome nicht auch Schnittmengen haben können mit anderen Diagnosen. Wir sehen das ja an den Bereichen, in denen unsere Symptome auch als spezifisch für einen bestehenden Autismus betrachtet werden können. Und wir sehen das an Dingen, wie der chronischen Essstörung, der chronischen Depression und den Schlafstörungen, die ebenfalls verschiedene Folgen und Auswirkungen mit sich bringen.

Eine unserer Jugendhilfebetreuer_innen war Bulimikerin (recovered) und hat jedes andere unserer Probleme ausgeblendet, weil sie nur die Essstörung und ihre Folgen wirklich begriffen hat. Viele traumatisierte Kinder und Jugendliche entwickeln Essstörungen (und andere Süchte).
Ich kann über diese Herangehens- und Arbeitsweise der Betreuerin also gar nicht sagen, sie hätte Scheiße gebaut – sehr wohl aber kann ich sagen (und tue das auch), dass sie die grundlegende Struktur unserer Selbst- und Umweltwahrnehmung ausgeblendet hat, was am Ende für uns bedeutete, nicht die Hilfe (und Ansprache) zu erfahren, die wir gebraucht hätten.

Das Schlimme ist: Uns war das damals nicht so klar und als wir das klar hatten, sind wir auf das ewige Professions-sorry-gesülze reingefallen. Das bedeutet, wir haben sie aus ihrer (den Leistungsträger aus seiner) Verantwortung genommen, weil uns immer wieder gesagt wurde, unser Sein wäre so krank, dass sich da nur Ärzt_innen WIRKLICH RICHTIG GUT drum kümmern können. Und Psycholog_innen. Wenns denn sein muss.
“Ein_e ganz normale_n 08/15 Erzieher_in kann das ja gar nicht stemmen das Thema und das kann man ja auch nicht erwarten, dass die sich jetzt noch extra hier wegen einem Fall fortbilden… “, das ist so der Tenor unserer Betreuungen gewesen.

Das Problem ist natürlich: unser Recht fachlich kompetent betreut zu werden wurde nicht gewahrt.
Das Problem ist aber auch: es hat ja trotzdem gut geklappt

Ja, das ist wirklich ein Problem, denn: nur weil ich aus der Sache insofern heil raus bin, als dass ich nicht in eine Klinik musste oder tatsächlich verstorben bin, heißt es nicht, dass da gute Arbeit an und mit mir passiert ist.

In der Eingliederungshilfe, die wir zuletzt in Anspruch genommen haben, gab es eine fertige Erzieherin, die fortgebildet war und eine, die gerade eine fertige Erzieherin wurde, die fortgebildet war. Das macht zwei über eine “Krankheit” näher informierte Betreuungspersonen. Nicht: zwei kompetente, supervidierte, kontinuierlich weitergebildete, im Team vernetzte, gut für sich sorgen könnende Fachkräfte.

Es läuft für diese beiden Personen so, wie es für viele läuft, die etwas wissen, was die Kollegen nicht wissen können, weil nur eine oder zwei Personen des Teams die Fortbildung vom Arbeitgeber finanziert bekommen: sie kriegen die entsprechenden Fälle zugeschoben und wenn sie sich nicht abgrenzen können, sich verantwortlich für die Menschenleben hinter der Diagnose fühlen oder (das gibts auch) sie nur noch die Arbeit mit Personen, die mit dieser Diagnose gelabelt sind, erfüllend finden, dann übernehmen sie diese Fälle natürlich.
Und betreuen am Ende vielleicht ausschließlich Menschen mit DIS. Was unterm Strich und tatsächlich zu oft im Scherz gesagt bedeutet: Gruppenbetreuung bei jedem Termin.

Es bildet sich in der Folge gerne mal eine Betreuungsrandgruppe.
“Du und deine Multis… (ihr wollt immer ne Extrawurst/ ihr seid doch beide nicht mehr ganz dicht/ die verändern dich total (zum Negativen – ich will nichts mehr mit dir zu tun haben)… )”, das wird dann schnell zum üblichen Ton.
Das Ergebnis sind Betreuer_innen, die in ihrem Team keinen Rückhalt erleben, die sich nicht trauen Urlaub zu nehmen, in Ruhe Krankheiten auszukurieren, die sich für ihre Betreuten aufopfern und die irgendwann nach 20 – 30 Jahren, bei Mindestlohn und verweigertem Streikrecht verbrennen und chronisch krank bis arbeitsunfähig bis selbst eine Betreuung, eine Therapie brauchen.

Und die Multiplen? Sind die dumm und merken das nicht? Nein. Natürlich nicht. Sie wurschteln sich zurecht, weil ihre “Krankheit” sie dazu befähigt das zu können. Am Ende einer Betreuungszeit gibt es immer die Möglichkeit zu sagen: “Na es war schwierig, aber das hat ja geklappt.”.
Die nachfolgende Person mit DIS übernimmt in der Folge ein Erbe, das sie vielleicht aufgrund früherer Betreuungen schon kennt und eigentlich loswerden wollte: nämlich den Anspruch, dass es schon klappen können muss, weil es ja bei allen Menschen mit DIS, die vorher da waren auch geklappt hat.

Für uns war ein wichtiger Schritt uns nicht mehr herzugeben für diese Dynamik.
Wir sind aus der Betreuung raus, statt zu versuchen auf Fort- und Weiterbildungen unserer Betreuer_innen zu bestehen und suchten nach einer Psychotherapeutin, die erfahren ist, aber noch keine 20 30 40 Jahre mit Menschen mit DIS arbeitet.

Es hat sich für uns gelohnt offen zu sein. Wir leben in einer Stadt, die auf vielen Ebenen gut für uns ist. Hier gibt es viele offen nicht heterosexuell lebende Menschen, es gibt viele Menschen, die den Begriff “Inklusion” nicht als feschen Sozialaufwertungbutton auf sich kleben haben, es gibt eine bunte Frauenrechtsbewegung und das Thema “Trauma” wurde und wird hier bis heute an entsprechenden Stellen diskutiert.
Natürlich haben auch wir lange nach einer Therapeutin gesucht, aber die Absagen, die wir erhielten (und die wir erteilten) basierten aber nur in 2 von 27 Fällen auf dem Umstand, dass die Personen absolut keine Ahnung von Traumafolgen hatten.

Wir sind mit einer Attitüde in die Gespräche reingegangen, die jede_n Diagnosezweifler_in darin bestätigt hätten, dass wir eine Hysterikerin (eine Fakerin) sind, die ein “diagnose passing” (also: von den Behandler_innen in dem Glauben gelassen werden, man würde diese eine Krankheit behandeln) erhalten hatte.
Für uns ist es ein Problem, dass wir an uns bemerkt haben: es gibt diese permanenten Notlösungen, weil einfach niemand sagen will, er oder sie hätte Ahnung von dem viele sein einer jeden einzelnen Person, letztlich aber doch so handeln muss.

So passiert es eben auch, dass ich hier als Bloggerin* die betroffen ist, so schnell zum Vorzeigemulti gemacht werde, obwohl ich schon die Bezeichnung “Multi” zum Kotzen finde. So kommt auch der Anspruch an mich zustande, “den Multis” doch gefälligst nicht zu schaden, indem ich bestimmte Haltungen vertrete, die für mich gut und wichtig sind. Etwa die Haltung, nach der es einfach keine inneren Terminpläne und Wechsel geben kann, oder die Haltung, dass (die meisten) Innenkinder am sichersten in der Therapie sind – und nicht im Alltag eines erwachsenen Menschen.

Ich gehöre auch nicht zu denen, die sagen: “Ja viele sein ist bei jeder Person anders” – paradoxerweise ist das für mich nicht so. Ich habe aber auch noch keine Worte dafür, was denn genau wie bei allen, die viele sind, gleich sei und ich will mich in der Hinsicht auch nicht festnageln lassen.
Überhaupt: immer wieder diese Intensionen mich als Einsmensch auf irgendwas festnageln zu wollen, weil ich etwas für die Öffentlichkeit zugänglich ausgedrückt habe.

Ich ermutige immer wieder sich bitte gerne selbst ein Blog zu schreiben, sich selbst in Worte zu bringen und sei es, das man damit beginnt auf meine Texte zu antworten, ihnen etwas hinzuzufügen, eine Gegenrede zu formulieren. Verdammte Axt- mich vollnölen und mit Forderungen zu überschütten ist so leicht, sich analog über unsere Texte und uns als Person zu beschweren und das immer schön damit zu garnieren, dass wir ja höchstwahrscheinlich gar nicht viele sind, weil man ja viel behaupten kann in diesem Internet und weil es ja gar nicht möglich sein, was wir hier alles von uns unserer Lebensrealität erzählen BLABLABLA – aber selbst den Arsch hoch zu kriegen und sich auszudrücken, sich selbst mal zu reflektieren und zu gucken: “Hm ist das denn bei mir anders und wenn ja wie?” oder “Was denke ich eigentlich über XY?” oder “Wie ist das viele sein/multipel sein/Opfer gewesen sein/ mein eigenes Sosein eigentlich für mich?”, das ist dann, aus welchen Gründen genau, nicht möglich oder zu viel … Verantwortung?

Ich habe als Jugendliche vor Betreuer_innen, die keine Ahnung hatten, bereits die Verantwortung übernehmen müssen, für jeden nach uns folgenden Menschen mit DIS zu sprechen. Es ist so klar, dass, weil die Hilfen so beschissen sind, aber alles gut ging, der nächste Mensch wieder vor dem gleichen Ding steht, wenn ich nicht das Maul aufmache oder mich aus der Nummer rauswinde und vertrete, viele sein wäre so individuell, dass man da halt eigentlich gar nichts zu sagen kann und sich auch auf nichts verlassen kann und ach überhaupt man weiß es ja nie so genau und Festlegungen gehen nicht.

Bullshit ist das. Richtig bequemer Bullshit, der einfach immer wieder dazu führt, dass keine Entwicklung passiert.
Es gibt immer noch Menschen, die sich einen sekundären Krankheitsgewinn von einer DIS vorstellen können und sich genau in dieses “Man weiß es halt nicht genau” hineinbegeben.
Ich finde es wichtig öffentlich sichtbar zu vertreten, dass (frühere) Opferschaft absolut 0 Gewinn mit sich bringt.

[Fußnote: jede Unterstützung, die wir von Leser_innen hier erhalten, all die Geschenke und Geldspenden, erhalten wir vielleicht, weil klar ist, dass wir benachteiligt sind. Vielleicht auch aus Mitleid. Vielleicht mochten sich auch Schenker_innen frei machen. Vielleicht aber, ist es einfach mal die Bezahlung, die wir nicht als Gehalt auf unser Konto bekommen, weil wir jede Woche um die 5000 Wörter schreiben und uns offen angreifbar machen, damit andere Menschen, die viele sind, die queer sind, die Opfer geworden sind; die einfach gerne hier lesen, in Worte und Ideen kommen.
Soll es geben. Vielleicht gibts das für mich – psst: ich weiß ganz sicher, dass das so ist]

Wir finden es wichtig, dass die DIS auch auf die Art besprochen und betrachtet werden kann, wie wir das jetzt machen.
Für uns ist es nicht mehr wichtig, dass Mediziner_innen uns gesund machen, weil unser Konzept von Gesundheit und Krankheit ein anderes ist, als das, was immer und unbedingt die Medizin braucht. Das geht für uns nicht mit einer Abwertung der Personen einher, für die das so ist und wir haben das sehr oft schon klar gemacht.
Für uns ist unsere Therapeutin die Person, die sich unserem inneren Chaos widmet und uns dabei begleitet, (unter)stützt es sowohl zu verstehen/begreifen und es zu sortieren ohne es zu normen. Sie ist nicht die, die uns heil macht, repariert oder uns beibringt, wie wir zu sein haben. Sie ist unsere Prozessbegleitung- nicht unsere Dompteurin.

Wir sind fertig damit unserem Umfeld zu erklären, was viele sein ist.
Gerne erklären wir das noch Menschen, die gar keine Ahnung haben. Aber nicht mehr hier im Blog, nicht mehr in unserem Privatleben als ein Mensch, der sich gut um sich kümmern möchte und der sich entwickeln will.

Wir denken oft, dass die Traumatherapieszene endlich ihren Scheiß zusammenkriegen muss und damit aufhören muss, die Leiden der Behandelten zu individualisieren, was bedeutet: dieses Leiden außerhalb (sozial)politischer Kontexte zu erfassen und zu verorten. Es muss einen Diskurs geben, in dem Lösungen gefunden werden, jeder Person einkommens-“rasse”-klasse-alters-zeit- unabhängig die Verarbeitung von Traumatisierungen zu ermöglichen und nicht den tausendsten darüber, wie und ob und nach welcher Schule und wie zertifiziert und nach wessen Lehre und wer mit wem und wo gabs mal Zwist und BLABLABLA innerhalb von episch unnötigen Diskussionen mit der Politik™ darum, was wann wie wo und ab wann überhaupt.

(Achtung ich verwende jetzt ein kollektives Wir – niemand muss sich davon angesprochen fühlen)
Wir Betroffenen müssen aber genau unseren Scheiß zusammenkriegen. Wir sind aus Gründen von Hilfesystemen abhängig – das bedeutet aber nicht, dass wir alles darin auch hinnehmen müssen, weil das ja nun einmal so ist.
Wir dürfen uns dafür einsetzen, dass unsere Betreuer_innen vernünftig fort- und ausgebildet, bezahlt und berechtigt werden. Wir dürfen uns dafür einsetzen, dass unsere Therapeut_innen nicht mehr von Gutachter_innen angekackt werden. Wir dürfen dafür kämpfen, auch dann noch als leidend und belastet und what ever gesehen und anerkannt werden, wenn wir nicht mehr tun, was diesem Stereotyp entspricht.
Wir dürfen jemand sein der viele ist – und nicht so viele, dass wir niemand sind.

Wir brauchen keine Verantwortung übernehmen, die nicht unsere ist – wir dürfen verlangen, dass die Gesellschaft, die mit dafür gesorgt hat, dass wir viele sind, den Arsch hoch kriegt und Gutmachung an uns versucht.

Wir dürfen aufhören zu glauben, weil eine Person, die viele ist, etwas für sich geltendes sagt, sei die eigene Selbstwahrnehmung des viele seins falsch.
Wir sind – es gibt uns und wir sind die Einzigen, die das konkret und richtig für uns beworten können.

Es geht darum aufzuhören sich einzelne „Viele“ rauszusuchen und als Statt-selbst-Sprecherinnen zu wählen. Wir können das und wir dürfen verlangen, dass andere zuhören und begreifen.

Ihr* braucht keine H. C. Rosenblatt, die euch Wörter gibt. Ihr könnt sie nehmen, weil sie da sind und das ist okay. Ihr könnt aber auch eigene Wörter suchen, finden und nutzen. Sie sind genauso richtig.

~ Fortsetzung folgt ~