“Warum ist denn niemand gekommen?”

Schlimm sind Momente, in denen mir einfällt, wie durchlässig ist, wovon man denkt: “Das hätte doch etwas verändern können.”, obwohl man weiß, dass es das nicht tat.
Da war das Moment, in dem ein Kinderinnen die Hand der Therapeutin hielt und fragte: “Wieso ist denn niemand gekommen?” und da das Moment, in dem es keine Antwort gibt, weil einfach niemand gekommen ist. Obwohl man gerufen hat. Obwohl man nicht in Stasis und doch so weich, wie ein Schluck Wasser war. Obwohl man doch tat, was man vom Polizisten, der zu Besuch im Hort war, gelernt hat: “Ruf nach Hilfe. Ruf nach jemandem.”.

Über 20 Jahre später haben wir gelernt, dass man nicht “Hilfe Hilfe” rufen sollte, wenn man Hilfe braucht, sondern “Feuer Feuer”, “Ich bring mich jetzt um” oder “Ich jag diese Kita gleich in die Luft”.
Und warum? Weil sonst niemand kommt. Weil sonst nichts passiert. Obwohl alle immer sagen: “Wenn was ist – ruf um Hilfe.”.

Man hat sich daran gewöhnt davon auszugehen, dass niemand kommt und als Stück zwischen Erklärung und Entschuldigung zu akzeptieren: “Ich wusste nicht, was ich machen sollte.”, “Ich wusste nicht, wie ich helfen kann.”, “Ich wusste nicht, dass ich gemeint war.”, “Ich wusste nicht, was da passiert.”
Das machen sich manche dann zur Lebensaufgabe. Dafür zu sorgen, dass mehr Menschen wissen, was da passiert ist. Dafür zu sorgen, dass mehr Menschen wissen, was hilft. Dafür zu sorgen, dass mehr Menschen wissen, was sie tun können und sich trauen, das auch wirklich zu tun.

Es ist so ein verführerischer Vermeidungstanz um die Antwort auf die Fragen, die sich in denen, die zu Opfern wurden, aufhängen und in quälenden Schleifen umherirren. Warum ist niemand gekommen? Warum hat das niemand von außen unterbrochen? Wie hat die Person, die mich zum Opfer machte, in mein Inneres greifen können, ohne gleichermaßen als ein Außen von mir wahrgenommen zu werden?

Während ich aus heiterem Himmel darüber weinen muss, dass niemand gekommen ist, fällt mir ein, dass ja jemand da war. Dass eine Antwort auf die Frage dieses Kinderinnens sein kann, dass die ganze Welt dachte, dass ja schon jemand da war. Dass dort schon jemand war, der verantwortlich für sein Wohlergehen war.
Und, dass das einfach das grundlegende Drama ist.
Dass zum Einen viel zu selten hinterfragt wird, was man selbst wahrnimmt und deutet und zum Anderen, einer der vielen Gesichter von Ableism ist, dass “Hilfe” genau ein äußeres Schema haben muss.
Die Person, die Hilfe braucht + die Person, die Hilfe anbietet = Hilfe = Ruhe im Karton
– passiert dies nicht, ist nicht etwa die Hilfe die falsche (oder eben gar keine) so liegt es an der Person, die Hilfe braucht. Dann heißt es, die Person hätte sie nicht angenommen oder würde sie nicht schätzen oder wäre nicht in der Lage sie anzuerkennen und zu nutzen.

Das Problem ist nicht nur, dass wer Hilfe braucht immer mindestens ein Wissen, um die eigene Hilfebedürftigkeit von außen und die Kraft, sowie die Befähigung und Berechtigung haben muss darum zu bitten und zu rufen. Das Problem ist auch die Abhängigkeit vom Außen und dessen Befähigung anerkennen zu können, wann ein Außen auch ein Innen sein kann. Wann welche Personen gleichermaßen Teil einer Not und Gewaltdynamik sein können, wie sie Teil einer Hilfe und Verantwortungsdynamik sind.

Es ist einer dieser ewig dissonanten Aspekte in mir. Meine Sicht von Täter_innen als gleichsam von der Gewalt betroffene Personen, wie die Personen, die sie zu Opfern gemacht haben. Das wird nur allzu gerne als täterloyale Irrung in meinem kaputt traumatisierten Kopf gelesen und als “Aha – die Täter_innen sind auch Opfer” zum allgemeinem Ableism an mir hinzu kompostiert.
Was wir für uns jedoch klar haben ist, dass die Betroffenheit von Gewalt einseitig betrachtet wird. Am Ende sogar einseitig auf den mit Gewalt unterworfenen Personen abgeladen wird. Und damit natürlich sowohl die Verantwortung sich Hilfe im Falle von (Verarbeitungs-)Problemen zu holen – erneut! und erneut in Abhängigkeit von einem Außen, das sich nur allzu gern hinstellt und erlernt hilflos die Arme in die Luft wirft, was man denn jetzt machen soll – genauso wie die Verantwortung oder Bürde oder so genau habe ich kein Wort dafür, zu beworten, was passiert ist.

Zwischendurch erinnert sich mein Körper, erinnert sich mein inneres Auge und mein sympathisches Nervensystem an das Ereignis über das, das Kinderinnen mit der Therapeutin hinweg geredet hat. Und ich werde wütend.
Aber weil ich irgendwie falsch verkabelt zu sein scheine, bin ich nicht wütend darüber, dass dort etwas passiert ist, das nicht okay und immer schlimm war, sondern, dass es ein so reinweißer Raum ist, in dem es passierte. Dort ist kein Wort drin. Kein einziges. Wenn ich meinen Blick hinwende, liegt dort die zarte Kette des Kinderinnens an seinem Rand. “Warum ist denn niemand gekommen?”.
Ich bin wütend, weil dort keine Worte von der anderen beteiligten Person drin sind.

Und weil ich davon ausgehen muss, dass dort auch nie eines drin auftauchen wird.
Außer natürlich wir liefern uns aus. Gehen zur Polizei, erstatten Anzeige trotz Verjährung und stellen uns wie das Sterntalermädchen unter den Mund der angezeigten Person und fangen so viele Worte wie möglich.

Diese Wortlosigkeit macht das Ereignis unprüfbar, weil es nichts gibt, woran wir uns festhalten können.
Und auch nichts woran wir uns abgrenzen können. Diese Person wird für uns vielleicht für immer ein Innen – ein mit im Er_Leben eines Ereignisses – sein, während alles und alle um uns herum zwei Außen – zwei einander passierende Ereignisse – sah.

Das ist das Drama.
Die Tragödie hingegen entsteht dort, wo meine Ideen beginnen, was die nach denen das Kinderinnen gerufen hatte, sagen könnten.
Um sich zu entschuldigen. Sich zu rechtfertigen. Um sich so fern von uns zu machen, dass nichts und niemand von uns sie je erreicht.

Fundstücke #14

ES war nie okay
ES war immer schlimm

In Wahrheit ist nie irgendetwas vorbei. Oder zu Ende.
In Wahrheit ist es so, dass die Zeit so viele Huckel, Kluften und Falten hat, das die Idee vom linearen Hintereinanderher absurd und haltlos erscheinen muss.

Natürlich kann ich Aktionen und Abläufe wie  Perlen auf eine Schnur hängen und so tun, als seien die Kreise, die die Uhrzeiger immer neu aufs Zifferblatt malen, die alles ordnende Konstante. Doch welchen Raum soll diese Zeitperlenkette einnehmen, wenn nicht den des subjektiven Empfindens?
Woran entlang passiert Entwicklung und was, wenn nicht Entwicklung ist Zeit und Raum als erfahrbares Stück Weltlichkeit?

Die Welt und ihr Lauf der Dinge sind mehr als ein reißender Fluss, bestehend aus vielen einzelnen Wellen. Viel mehr ist die Welt der Fluss und die einzelnen Wellen sind die Myriaden Tropfen, die zu Selbst und Wahrhaftigkeit zu werden versuchen, noch bevor sie sich verlieren im endlosen Sein und Werden.

In Wahrheit
ist im Inmitten.

Rückblick #2

Ein bisschen ratlos halte ich dieses triefende, durchlöchert und zerfetzte letzte Jahr in meinen Händen und merke wie mein Blick zwischen betrachten und wahr_nehmen hastige, zuweilen panische Haken schlägt.

“Wir haben viel geschafft.”, sage ich mir mechanisch. Fast wie unsere Bundesregierung. Obwohl die braune Scheiße durch Deutschlands Innenstädte quoll.
Häuser brennen. Menschen ihre Leben riskieren. Trotz der Scheiße.
Trotz all dieser braunen Scheiße.

Im Jahr 2015 sah ich das Foto vom ertrunkenen Aylan Kurdi und fing an zu weinen. Vor Scham. Vor Trauer. Vor Wut um die Ohnmacht, die Ignoranz, all die Ego’s, die um ihretwillen, die Leben von Millionen von Menschen ausliefern.
Und was habe ich getan?
Kleider gesammelt. Gespendet. Werbung gemacht. Vereine unterstützt. Und zwischendurch geheult. Weil kein einziger Tag verging und bis heute vergeht, ohne, dass sich Meldungen über weitere hundert ertrunkener Menschen im Mittelmeer mit Meldungen von brennenden Geflüchtetenunterkünften abwechseln.

Man kann nicht alle retten. Man kann sich aber dafür einsetzen, dass niemand mehr gerettet werden muss.
Denke ich.

Und wundere und erschrecke mich, wie fast hinterhältig anmutend unsere Politik jeden einzelnen Terroranschlag weiter ausnutzt, um mehr und mehr Überwachung zu legitimieren. Bereits jetzt sind wir alle in unseren Grundrechten beschnitten und vielleicht ist das die erbärmlichst mögliche Art, die das deutsche Angstvolk in Sachen “Gleichheit aller Menschen” dieses Jahr geschafft hat.
Vielleicht habe ich aber auch irgendeine gute politische Entwicklung verpasst.

Das kann sein, denn ich war beschäftigt. Mit Angst haben. Traurig und wütend sein. Mit politischem und sozialem Diskurs. Mit uns und dem neuen Wort für unser Denken. Damit, Menschen an Krisen, Not, Gewalt zu verlieren und in Zeiten der Krise, Not und Gewalt als Unterstützer_innen und Wegbegleiter_innen zu gewinnen.
Ich musste verdauen, was für eine tolle Jugendliche wir mal waren und woher sie kommt, die spontane Bereitschaft in Tränen auszubrechen, wann immer wir erfahren, dass Menschen ihre Flucht nicht überlebt haben. Wie wir.

Wir haben uns getraut an der Musik- und Kunstschule ein Vorstudium anzufangen. Und es auf das eine Fach zu reduzieren, das für uns am barrierenärmsten ist. “Inklusion – ja aber…”, ist ein Satzanfang von dort und vielleicht haben mir wenige Umfelder, in denen wir uns 2015 bewegt haben, die furchtbar selbstverständlich hingenommene kognitive Dissonanz, Unwissenheit und Ignoranz der sogenannten “Mitte der Gesellschaft” krasser aufgezeigt als dieses.

Neben dem Umstand einfach nicht zu diesem Teil der Gesellschaft dazu zugehören. Auch wenn diese Menschen mit Nachdruck in der Stimme sagen: “Ja aber du bist doch hier! Bist du denn jetzt ausgeschlossen?” und damit eine Art Mimikry an mir veranstalten, die ihnen abgrundtief peinlich wäre, wäre ihnen klar, was sie da tun.

“Arme dumme privilegierte Arschnasen.”, habe ich oft gedacht in diesem Jahr. Immer dann wenn jemand meinte, es wäre nötig gendersensible Sprache und Umgangsformen lächerlich zu machen. Immer dann, wenn jemand meinte empowernde Initiativen von diskriminierten und minorisierten Personen(gruppen) untergraben zu dürfen.
Vielleicht mache ich das auch weiterhin. Bis mir eine Alternative einfällt, die nicht idealistisch aber sinnlos ist.

Stichwort Idealismus.
Fiel nach dem ersten Austausch- und Vernetzungstreffen zum Nachwachshaus. Interessant, wie man zu solchen Rückmeldungen kommt. Dann irgendwann.
Lustig, wie Menschen vergessen, dass Idealismus ist, was wir als eine der positiven Ressourcen unbegrenzt für dieses Projekt haben.
Während andere Ressourcen nachwievor unmöglich zu erschließen sind. Vermutlich auch noch länger.

Auch wenn unsere Langzeithaterin und sicher auch andere Menschen denken, wir bekämen ja “dauernd was zugesteckt” und “wir uns ja auch jederzeit weiter durchschnorren können”, haben wir 2015 über mehrere Monate von <100€  gelebt. Weil das war, was übrig blieb von diesem “viel zu aktiv für unsere Krankheit” sein.
”Fuck you, du dumme kleingeistige Arschwarze.” hab ich irgendwann gedacht. Und merke selbst jetzt im Niederschreiben des Gedanken, wie schal der Geschmack von Beleidigungen am Ende ist.

Unsere Arbeitsgruppe gibt es aber. Immer noch. Trotz allem. Und wir haben viel geschafft.
Und Raul hat uns ermutigt. Das macht mich froh und lässt uns hoffen, 2016 noch mehr Idealist_innen zu treffen, die mitarbeiten wollen.
Wir haben sogar ne Webseite. Hust.

Apropos Webseite.
Das Blog von Vielen.  Wir wollten die 1000 Artikel in diesem Jahr schaffen.
Sind dann leider suizidal gewesen. Und irgendwie geblieben. Viele Worte gabs da nicht mehr. Am Ende gar keine mehr.
Suizid ist eine Wahl. Das ist auch der Titel des am meisten aufgerufenen Artikels in diesem Jahr.

Wir haben uns für das Leben entschieden. Das weiter, aber nicht ohne Unterschied zu vorher, leben. So lange bis wir nichts mehr lernen wollen oder gelernt haben, warum wir nur verlieren können. Win-Win könnte man sagen.

Das Podcast ist auch ein Win. Aber darüber wollen wir nicht schreiben. Wir möchten niemandem weh tun. Nicht mehr jedenfalls.
Als schon passiert.

Ein anderes Win waren die Handvoll Artikel, die wir bei der Mädchenmannschaft veröffentlichen durften.
Die zart anklopfenden Emails, die ihre warmen Wogen um unser Herz fließen lassen und die wir beantworten durften.
Wie wir es geschafft haben. Und schaffen.
Die Gespräche beim Inklusionscamp. Bei allen Tagungen, Konferenzen, Veranstaltungen, Versammlungen und Treffen, denen wir in diesem Jahr beiwohnen durften. Als Speakerin, als Teilnehmende, als Teilgebende. Als Fremde. Als Hannah.
Als wir.

Nun rappelt und zappelt 2016 in seinem Versteck vor sich hin.
Darüber schreibe ich später.

Gesprächstherapie

„Irgendwie ist sie ja schon cool!“, raunt die Feuerhaarige , die sich auf meinem Scheitel abstützt und durch meine Augen auf die Therapeutin schaut, die gerade sagte, es gäbe für sie keinerlei Grund den Antrag nicht endlich los zu schicken. „Guck dir das mal an“. Das Mädchen auf meinem Kopf patscht mit der flachen Hand auf mich und unterbricht mein leichtes Dämmern.

Ich mag dieses Thema nicht. Ich schäme mich nicht, aber es ist mir peinlich so über mich und uns zu reden. Ich tue, was ich immer tue, wenn der Blick auf mich und uns als Einsmensch so konkret ist und ich weiß, dass ich ihn mit allem, was ich sage, nur noch klarer, schärfer, gezielter mache: Ich sammle die Worte und legte sie extra langsam und bewusst vor mich. Wickle sie ein und gebe sie extra langsam in mein Denken hinein. Das beruhigt mich. Macht mich dämmern und wenig berührbar von diesem Blick.

Wie eine Quecksilberlache breitet sich die Stunde vor mir aus und während viele verschiedene Innens aus meinem Gesicht hervorbrechen um ihre Brocken und Bröckchen zu dem Thema in das Gespräch zu halten, wickelt sich mir eine Wörterkette um den Hals und zieht sich in ihrer Bewegung ins Außen immer weiter zu.
Ich bleibe sitzen. Stoße meine Fingerspitzen wie Widerhaken in den Rand der Dunkelbunten. Weiß, wie sie es nie zulassen würden, dass diese Kette das Außen berührt.

Meine Haut wird kalt. Ein Puls flattert wie ein Schmetterling unter der Haut an meinem Hals. Es rauscht als stünden wir in einem Sturm, doch kein Wind berührt mich.
Und dann ist es vorbei.
Ich schaue den Schuhen der Therapeutin in ihrem Auf und Ab zu. Frage mich, ob sie mich ansieht. Frage mich, was sie sieht. Frage mich, wie wirklich das ist, worüber wir sprechen.

„Sie haben den Antrag gelesen?“, ihre Stimme wankt der Therapeutin entgegen. Unschlüssig zwischen Erleichterung und unerwartetem Grund zur Angst. „Ja. Sollte ich das nicht?“, fragt sie.
Mir werden die Worte entrissen und die Löwin schleicht sich mit ihnen durchs hohe Gras, das in unserem Kopf raschelt und rauscht wie die Brandung unter einen hohen Felsklippe.
Sie müsste antworten „Nein, aber ja.“ doch sie beißt mit geschlossenen Augen in die Wortmassen und wirft sich damit zurück ins Gespräch.

Irgendwann habe ich mein Wort. „Unaufrichtig“.
Es schmiegt sich an meine Wange. Ist so nah, dass ich es selbst zu sein scheine. Ist soviel von mir, dass es fast schade ist, es in eine Kette hängen zu müssen, um es mit der Therapeutin zu teilen.
„Ich würde umknicken, wenn sie den Antrag ablehnen.“. Ich hebe die Hand und knicke sie nach hinten. „Ich könnte das nicht durchkämpfen, wenn …“, mir geht auf halben Weg die Kraft verloren und die andere findet vor meinen Füßen Platz. „Wenn die Krankenkasse irgendwas nicht zahlen würde oder sowas ähnliches – wäre das kein Ding. Da würden wir Kraft aufbringen können, weil Sie da ja auch mit dran hängen. Aber nur für uns allein und …“
Ihre Energie fühlt sich an wie ein Gerüst um mich herum. „Und ich habe doch kein Wissen, ob man sich auf Innenkinder verlassen kann. Es fühlt sich unaufrichtig an, etwas sagen und vertreten zu müssen, dessen man sich nicht sicher ist.“.

Ich fühle mich blutleer und lasse wieder los.
Mein Wort hängt in dem Raum wie ein Bleigewicht und ich nagle es fest. Ich habe keine Kraft mehr mich weiter zu beteiligen. Bin erschöpft und kann das Ziehen im Zwerchfell nicht weiter ausblenden.
Als wir die Praxis verlassen, fällt mir auf, dass die Therapeutin mit uns umgegangen ist wie sonst auch. Obwohl sie jetzt etwas über ES und DAS DA weiß. Und zwar von uns. Obwohl sie weiß, wie wacklig meine (unsere) Überzeugung, ob der Wahrhaftigkeit dessen ist.

Wir stopfen uns die Ohren mit Kopfhörern zu und drehen „Cello-Wars“ voll auf.
Tun so, als wären wir Raumschiffrennfahrer_innen, als wir uns durch die Weihnachtsmarktbesucher_innengruppen schlängeln, ohne die Ränderplatten der Fußgängerzone zu berühren und uns von den Lichtern blenden zu lassen.Von der Straßenbahn lassen wir aufnehmen und klettern durch die blonden Dreadlocks eines Skate-Menschen vor uns.

Als wir später im Bett liegen und dem Feenreigen über unserem Kopf in seinen Bewegungen folgen, seufzt das Mädchen mit dem Feuerhaar: „Das ist alles ganz schön krasser Scheiß, ey“.

an einem “Alles ist möglich-Tag”…

… klingelt der Wecker nicht zur üblichen Zeit und das drei Mal hintereinander, damit sich auch wirklich alles im Kopf daran erinnert, dass heute alles anders ist als sonst.

Widerwillig lässt sie den Donnerstagsplan los und stellt sich unter die Dusche. Nimmt uns vielleicht als Spur im Rauschen des Wassers wahr, kann uns vielleicht sogar hören, wie wir ihr sagen, dass sie nicht allein ist. Dass auch dieser „alles-ist-möglich-Tag“ bedeutet, dass wir uns so eng wie es nur geht nach vorn stellen und niemand etwas allein aushalten, abfangen, tragen, stemmen, fühlen, wahr_nehmen muss.

Wir entscheiden 2 Minuten vor dem Verlassen der Wohnung, dass NakNak* uns nicht begleiten wird. Nicht zum Gespräch über das betreute Wohnen in Familien und auch nicht zur Therapie danach. Weil sie so süß eingekringelt auf ihrem Platz liegt und aus müden Knopfaugen guckt, als wir sie noch einmal anschauen.
Und, weil es vielleicht doch zu viel “alles ist möglich” ist, wenn sie mit uns im Therapiezimmer ist. Und, weil wir überwiegend wir allein sein müssen, wenn es um unsere vielleicht zukünftige Betreuung geht.

Die Sonne geht in einem kräftigen altrosa-grau auf. “Shabby chic” denke ich und erinnere mich an unsere letzte Nachbarin, die mich dafür bezahlt hatte ihre Möbel weiß und elfenbeinfarben zu lackieren und dann abzuschmirgeln.
Damals. Vor über 3 Jahren. Als wir noch betreut wurden und soweit am Rand der Stadt wohnten, dass das Internet seinen Platz als einziges Verbindungsstück zu anderen Köpfen bekam.

Es ist halb 9 und wir entscheiden uns für einen Kaffee vom Bäcker. 1,89€ für eine bittere Brühe, deren gratis beigelegter Plastikbecher und Plastikdeckel und Plastiksahnepöttchen und das Plastikumrührstäbchen wahrscheinlich bald im Bauch einer Meeresschildkröte oder Pelikans wieder auffindbar sind. Wir diskutieren auf dem Weg zur Verwaltungsstelle über Plastik aus Maisstärke und schlimme Bodenerosionen durch den massenhaften Anbau von Mais, während sie überlegt, dass Popcorn auch mal wieder lecker wäre und genüsslich das Plastikumrührstäbchen ablutscht.

Wir kennen das Büro. Vor 7 oder 8 Jahren standen wir dort schon mal und dachten Wunder was wie erwachsen wir seien, dass wir aus der Jugendhilfe in die Hilfen für junge Erwachsene wechselten. Und eine unserer Gemochten bis heute kennenlernten.
Sachte fliegen Erinnerungsfetzen an die letzten Botschaften Befehle von Täter_innen an uns vorbei. Die Erinnerungen an NakNak*s wundergut flauschiges Welpenfisselfell und die Zeit mit ihr, zwei Katzen, einer Mäuse- und einer Guppyzucht und ihrem Problem draußen in der städtischen Hölle ihr Geschäft zu machen.
Wie viel wir damals noch geraucht haben. Wie schlimm alles damals noch war und doch so viel besser als alles vorher.

Eine freundliche Person spricht mit ihr über das betreute Wohnen in Familien.
Wir wissen schon alles und dann und wann berühren wir ihre Schulter um ihr zu signalisieren, dass sie aufhören kann, die auf sie einströmenden Wörter abzufangen. Wir erwarten Fragen zu uns und unserem Hilfebedarf. Erwarten die schlimmste aller Fragen, die jemand, der uns Hilfen zukommen lassen möchte, stellen kann: “Was wünschen Sie sich?”.

Die Frage kommt und wir drehen eine Vermeidungsschleife bis die Person die Frage als beantwortet denkt, obwohl sie das nicht ist.

Wir verabschieden uns mit einem zweiten ekelhaften Kaffee und einer zweiten Zahnschmerztablette im Bauch und einem Fragebogen zur individuellen Betreuung und Begleitung im betreuten Wohnen in Familien. Ein bisschen schwankend unter dem Gewicht einiger Kinderinnens und deren Schmerz.

Wir entscheiden uns die Sonnenseiten der Straßen zu benutzen. Entscheiden uns für den köstlich langen Bergabzebastreifen, er entlang eines großen Parkplatzes verläuft und streicheln eine weiche schwarze Labradormischlingshündin an der Straßenbahnhaltestelle.

“Ich glaube, dass wir eine gute Familie für Sie finden”, hat die Person gesagt und vielleicht gibt es wenig, das uns so unvermittelt umkrempeln kann, wie so ein Satz, der all die positive Belegung des Begriffes “Familie” im Ton hat.
Wir bedauern sie, diese Menschen, die versuchen uns damit zu zeigen, dass wir auf einem guten und tatsächlich auch gangbaren Weg sind. Sein könnten.
Wir bedauern sie, diese Menschen, deren kostbares Geschenk einer Familie wir nur ratlos anschauen und mit Roman- oder Fernsehinhalten abgleichen können.

Während wir eine halbe Stunde verbummeln, spielen wir mit einer gefundenen Feder. Betrachten die perlmuttartigen Schimmer der feinen Lamellen im Sonnenlicht und balancieren auf dem Kiel dazwischen umher.
Ein Kleines wedelt mit der Feder in der Luft herum spürt den Widerstand wie ein leichtes Pochen in den Fingerspitzen. Wir sind abgeschirmt von allem und fast nicht mehr da. Einfach so. An einem “alles ist möglich-Tag” kann man mitunter auch einfach mal so verwabern und im kalten Streichelwind, der über Federkiele weht, verschwinden.

Unsere Therapeutin hat vor ein paar Wochen beschlossen, dass wir jetzt eine Weile Tee trinken und wir haben noch immer kein so wirklich passendes Regal dafür gefunden.
Entsprechend grabscht sie blindlinks in unsere Bäuche, Rücken, Schultergelenke um an ein Wort für ein Gefühl, um das sie sich nicht sicher ist zu kommen. Sagt am Ende, sie glaubt traurig zu sein.
“Verstehen Sie das?” fragt die Therapeutin. “Nein.”, antwortet sie.

“Was würden Sie gern tun?”, fragt die Therapeutin. “Ich würde gerne weinen und was essen und dann eine Schmerztablette nehmen und dann…” und dann verheddern sich ihre Außenworte mit den Trümmern der einstürzenden Worttürme links und rechts und unserem ungeordnetem Aufbranden.
5 Minuten später essen wir einen überraschend ekelhaften Jogurt und eine beruhigend nette Banane. In dem Zimmer von unserer Therapeutin. Weil ja zum Glück “alles-ist-möglich-Tag” ist. Nur Anlass – kein Grund zur Panik.

Auch nicht, als ein Kinderinnen ihr sagt, dass es lieber bei ihr oder bei einer Gemögten oder dem Menschen wohnen würde, als in einer “Familie”. Und Familie*.

Auch nicht als da jemand sitzt, den wir bisher für körperlos hielten.

Wir laufen am Ende doch er_leichter_ter als vorher nach Hause und hopsen von Bratwurstduftwolke zu gebrannte Mandelndunst. Lassen Tauben den Vortritt und trampeln mit Absicht auf die Linien zwischen den Mustersteinen, die die Fußgängerzone einrahmen.
Beobachten wie sich die Weichen der Straßenbahn verstellen und warten zwischen zwei silbernen Bodenlinien. In all dem Menschenkrach wollen wir dann doch nicht auf unseren Einzelsitzplatz am Fenster verzichten.

Sie zittert etwas und wundert sich noch ein bisschen. Betastet das eigene Herz und versucht “Traurigkeit” unter den Fingerspitzen zu emp_finden.

Zu Hause wartet NakNak* auf uns und drückt ihren Nüschel in unseren Bauch, als wir unseren Nüschel auf ihren Kopf drücken.
Wir geikeln zwischen den Sonnenstrahlen und ihrer restlichen Wärme herum, kitzeln Grashalme und krabbeln von Gänseblümchenblüte zu Gänseblümchenblüte. Veratmen Erinnerungen an Familie*, an Es und DAS DA, legen die ausgeatmeten Eiterbröckchen dieser Wunden in die geheimen Wortloskatakomben. Aus den Augen aus dem Sinn.

Die nächste Station ist unsere Neurologin. Zwei wichtige Zettel und ein Stand der Dinge.
Weil “alles ist möglich-Tag” ist schaffen wir es um eine Verordnung für Ergotherapie zu bitten, die Einweisung für die Klinik zu regeln UND auch noch alle vorgestrickten Wörterketten zu sagen ohne uns zu verheddern, obwohl NakNak* neben uns sitzt und sich vorher im Wartezimmer in einen schrecklich hungrigen Gierlappen verwandelt hat.

Als wir in den Kreativmarkt gehen und NakNak* sich zum zweiten Mal auf die falsche Seite setzt, merken wir auch deutlich, wie lange es her ist, dass wir sie auch unter Menschen und inmitten von vielen Menschen als unsere Assistenz dabei hatten. Wie oft da die Angst ist unangenehm aufzufallen, dem komischen angesprochen werden, dem Ganzen „für ein Wesen außerhalb auch noch verantwortlich sein“, wir uns nicht gewachsen fühlen. Wie oft wir uns behindert haben, um keine Behindertensperenzchen von anderen abzuverlangen.

Langsam geht die Kraft zur Neige und wir machen nur noch eine Ehrenrunde durch den Park. Dort gibt es einen Schwarm mit winzig kleinen Vögelchen, die ganz wunderbar niedlich qwitschermiepen. Und zwei Hündinnen, die gerne mit NakNak* über die Wiesen flitzen. Und Sonnenstrahlen, die uns einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn kitzeln, bevor sie sich mit Abenddämmerung zudecken.
Wir haben “Görpower-Toni”- Karten von der Post abgeholt. Auf dem Weg dorthin eine orange-weiße Katze wie einen Stein auf dem Fußabtreter eines Haus sitzen sehen.

Die Welt zittert in ihren Fugen.
Wir telefonieren mit Renée und finden unser letztes gemeinsames Podcast ein bisschen gut und freuen uns darüber, dass eine zuhörende Person schon etwas recherchiert hat.

Und dann fangen wir an unseren Tag zu erzählen.
Wer hätte denn ahnen können, dass wir den schaffen?

Es wäre doch alles möglich gewesen!

Fundstücke #10

In knapp 2 Stunden sprechen wir mit einem Facharzt. Wieso eigentlich habe ich schon wieder vergessen. Beziehungsweise hat sich das Wieso in einen Haufen weiß-rauschender Wolken eingegraben und wird sich mir irgendwann von ganz allein als etwas präsentieren, das nie weg war und über meine Verwirrung lacht.

In meinem Kopf wirbeln die Erinnerungen durcheinander und beklemmen mich. Hinter mir sitzt A. die überlegt, ob sie sich von der Therapeutin die Versicherung holen kann, dass diese ihr auch dann noch glaubt, dass sie ES nicht wollte, würde ES sich wiederholen.
Ich habe gelernt mit den Bildern der Erinnerungen von anderen Innens umzugehen. A.’s Bauchschmerzen sind aber keine Bilder.
Ich atme als würde ich in den Wehen liegen und muss dabei aufpassen, nicht darüber irgendwelche anderen anzutriggern. Dieses Aufpassen ist ein Auslöser für all das Aufpassen, das dann doch nie gereicht – nie geschützt, nie bewahrt hat.

Ich komme mir vor wie ein panisches Pferd auf einem Drahtseil das über einer Klippe gespannt ist.

In den letzten Tagen habe ich viel übers viele sein nachgedacht und gesprochen und viel erklärt. Ich habe viel darüber gesprochen wie normal so ein 24/7 Umgang mit Gefühlen von existenzieller Bedrohung für mich und uns allgemein ist, aber selten lasse ich dabei zu, Beispiele dafür aufzubringen.
Ich will Menschen mit der Gewalt, die uns passiert ist verschonen und gleichzeitig aber erzählen, dass Dinge geschehen sind, die im Innen bis heute andauern oder sich anfühlen, als sei es gerade gestern, vor fünf, vier, drei, zwei Stunden gewesen.

Manchmal ist es unwirklich und lässt sich auch nicht gut zusammen bringen.
Es ist A. die von einem unserer früheren Therapeuten misshandelt wurde – nicht ich. Es war A.’s Körper – nicht meiner.
Paradoxerweise kann ich ihren Bauchschmerz aber als etwas empfinden, was auch mit mir zu tun hat. Ihr Schmerz im Heute ist auch mein Schmerz im Heute. Doch die Verletzung, die ihn letztlich verursacht hat, ist nicht meine.

Manchmal denke ich, dass wir uns nur deshalb auf neue Therapeut_innen und Begleiter_innen einlassen konnten und können, weil es diese Unterbrechung in der Schmerzevolution gab. Doch in Momenten wie diesem jetzt merke ich, dass meine Idee von A.’s Schmerz diese Unterbrechung selbst ist.
Ich bin so nah an ihrem Erinnern und starr sein dran, dass ich jederzeit meinen Kopf in ihren hineinstecken könnte, wie in ein Denkarium in Harry Potter.

Ich weiß aber nicht, ob ich ihn auch wieder heraus bekäme. Die Angst ist ihre Angst zu spüren. Obwohl ich nicht einmal weiß, ob sie wirklich Angst hatte, oder ob nicht andere Empfindungen sie dominiert haben. Ich weiß eigentlich gar nichts darüber was damals in ihr vorgegangen ist. Was heute – außer, dass andere denken könnten, sie hätte das gewollt – in ihr darüber vorgeht.
Wir dachten, sie würde auf Nimmerwiedersehen im Innen verschwinden, würden wir es schaffen, dass A. unsere Therapeutin nicht mehr mit dem Menschen gleichsetzt, der an ihr zum Täter wurde.
Das hat aber nicht geklappt.

Nachwievor wird sie von dem Umstand neuer Helfer_innen, neuer Therapeut_innen, neuer Personen, die uns sagen, dass sie uns helfen möchten so weit nach vorn gezerrt, dass wir Bauchschmerzen bekommen und Atemübungen brauchen, um nicht in Sterbeangst zu rutschen.

Ich muss jetzt los.
Trotz allem.

Betreuung

Nur noch 11 ein halb Tage bis zum Termin beim Betreuungsdienst der Wahl.
Getriggert ist inzwischen so ziemlich fast alles und wie Unkraut es so an sich hat, schießt das Zeugs im Kopf in alle Richtungen.

Es ist ein Moloch, den wir da vor uns sehen und das nicht, weil unsere Erfahrungen alle eher so semi bis grotte mit Aspekten von zart glitzerndem Wow waren.
Sondern, weil Betreuungen immer zwischen Kontexten der Wohlfahrt, wahrhaftiger Selbstlosigkeit, des schieren Kapitalismus und Not auf vielen Ebenen passieren.

Auf Flyern lachen die Menschen immer. Oder lächeln. Es gibt gegliederte Texte, frische Farben, samtweißen Hintergrund und fast sind selbst die Paragraphen am Ende der letzten Seite nicht schlimm.
Mit Beginn der Arbeitsgruppe “das Nachwachshaus” und im Verlauf unserer Krise haben wir eine ganze Menge von diesen Flyern angesehen und gelesen. Im Laufe des Jahres und mit zunehmendem Engagement in Sachen “Inklusion als Menschenrecht”, konnten wir uns diese Flyer aber auch mehr und mehr dekodieren und in einen Kontext mit unseren eigenen Wahrnehmungen und Einschätzungen in Bezug auf geschehene Betreuungen (und all die geschehenen Nichtbetreuungen) bringen.

Vor uns kann kein sozialpädagogisch arbeitender Mensch mehr stehen und sagen: “Ja aber…” oder “Was erwartest du denn?” und anderes reflexhaftes Derailing anbringen.
Sorry – not sorry.

So, wie wir lange vor der Krise schon darüber schrieben, dass keine einzige Form der Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun, kontextlos passiert, so schreiben wir nun über Betreuungen als einen Aspekt der Gewaltenverteilungen und ihren Aus-Ein-Mit-Wirkmechanismen.
Die Wohlfahrt und ihr gesamtes System gehört zu einem Teil der Gewalt, die Menschen mit Behinderungen/Behinderte, Arme, Kranke, Unterstützungs- und Hilfebedürftige jeden Tag erfahren und gegen den sich zu wehren praktisch unmöglich für sie ist, ohne sich selbst einer sehr existenziellen Gefahr auszusetzen.

Klar könnte ich in eine Kommune irgendwo auf dem Land ziehen und schauen, ob meine Probleme sich von veganer Lebensweise, frischer Luft und absoluter Abschottung vom Rest der Welt verbessern. Für manche Menschen kann das ein Ding sein.
Für mich aber nicht. Und wieso sollte ich als Person, die sowieso schon unglücklich mit dem ständigen Außenseiter_in sein ist, außergerechnet als totale Aussteiger_in glücklich sein?

Um klar zu sein: ich suche keine Hilfen, die weder institutionalisiert sind, noch komplett außerhalb kapitalistischer Kontexte passieren. Wir leben im Kapitalismus und wir leben in einem System, das Strukturen eher anerkennt als fluide Existenzen. Deshalb ist der Mensch allein hier ja so wenig wert.
Aber, ich möchte nicht von Menschen betreut und unterstützt werden, die selbst, (und nicht zuletzt auch wegen der Arbeit an/mit mir) zu Personen werden, die Hilfe und Unterstützung brauchen, um am Leben sein zu können.

Ich möchte das zum Einen nicht, weil ich das für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit halte und zum Anderen, weil ich mich entwickeln möchte. Vielleicht auch an Beispielen und Vorbildern entlang.
Heimlich ist das ein Wunsch. Okay. Vielleicht ein naiver. Obwohl eigentlich nein. Die Glitzeraspekte von selbst den semihilfreichen Betreuungen, die wir so hatten, waren Menschen, die etwas an sich hatten/haben, das wir (bis heute) nicht verstehen und deshalb zu ergründen versuchen: die mochten uns und wollten uns helfen, weil “einfach so”.

Für uns ist das wie ein Ding, das aus dem Weltraum kommt.
Nicht, weil wir das gar nicht kennen, dass Menschen uns sagen, sie mögen uns – viel mehr, weil die meisten Menschen, die uns sagen, sie würden uns mögen, uns in Wahrheit einfach genau nur so lange mögen, wie ihre Vorstellungen und Erwartungen an uns erfüllt sind.
Wir sind so schlecht darin Erwartungen zu erfüllen. Vor allem, wenn die Menschen nicht einmal reflektieren, dass sie welche an uns haben oder herantragen. Dann merken sie oft nicht einmal, dass wir sie enttäuscht haben – dann merken sie nur, dass wir anstrengend, unverständlich, zeit-nerven-kraft-intensiv im Umgang sind.

Gerade Letzteres tut uns immer wieder weh zu merken. Und auch deshalb sind wir inkompatibel mit ambulantem betreuten Wohnen.
Da heißt es im Hilfeplangespräch, dass man sich in Ruhe um alles kümmert und sich auseinandersetzt und dann macht.
Am Ende sieht die Realität dann so aus, dass die Klientin vor mir einen Amtstermin hatte, der – konnte man ja nicht ahnen – länger dauerte – für mich also bedeutet 20-30 Minuten weniger Zeit mit der betreuenden Person zu haben, weil sie nach mir noch schnell einen Klienten vom Bahnhof drei Dörfer weiter abholen muss und der da ja nun nicht so lange warten soll (was er dann aber doch muss, weil ich nervigerweise vielleicht doch noch ein Problem geklärt haben muss, das schon seit fünf vorherigen Terminen geklärt werden will, die furioserweise alle ähnlich gequetscht und zeitlich ultraeng aussahen).

Klar seufzen Betreuende vor mir auf und sagen mir, dass sie schon viel Zeug heute hatten und grad ne Migräne anrollt und Fußschmerzen und das Auto ist ja auch fast kaputt und so ein langer Tag noch heute…
Na klar tun sie das. Weil sie Menschen sind und keine Maschinen.
Aber die Erwartung ist eine Reaktion von mir.

In meiner letzten ambulanten Betreuung hatte ich den Standartreaktionsspruch auf das “Uff- ist alles ganz schön viel” von meiner ehemaligen Therapeutin kopiert und blindlinks abgespult, während hinter mir natürlich alles durcheinander getriggert herumpurzelte und sich überlegte, wie man die Probleme, die eigentlich in aller Ruhe mit den betreuenden Personen angeguckt werden sollten, selbst klärt.

Ich hab mich dafür geschämt, als ich das gemerkt hab. Ich mag selbst keine vorgefertigten Sätze hören und mache das dann in solchen Situationen.
Warum? Weil ich überfordert bin. Weil ich keine Kraftreserven dafür habe Menschen individuell mit Lautsprache zu berieseln. Weil die soziale Interaktion schon total viel Kraft kostet. Weil sich den Problemen, bei deren Lösung ich Hilfe und/oder Unterstützung brauche, zu stellen Kraft zieht.
Weil es bei meinen Problemen immer und immer wieder um handfeste existenzielle Absicherungen bzw. den Verlust dessen dreht.

Wir haben die ambulante Betreuung verlassen, weil wir gemerkt haben, dass wir diese Kraft nicht mehr aufbringen konnten.
Muss man sich mal überlegen – eine Hilfe ablehnen, weil man keine Kraft für sie hat.
In anderer Menschen Leben würde das bedeuten, sich mehr Hilfen ranzuholen.

Aber dann – mehr Hilfen ranholen. Mehr einfordern, als eine Person, die eh schon immer zu viel ist. Zu viel kognitiver Aufwand. Zu viel Zeit-Kraft-Energiefraß.
Obwohl sie doch auch super alles allein geschafft hat. Weil sie das ja doch gar nicht anders wollte.

Am Ende ist es halt dieser Dreh, der uns vor ein paar Wochen das Genick gebrochen hat.
Die Erkenntnis, dass wir Marathon laufen und eigentlich einen Rollstuhl bräuchten. Das ist ein mieser Schlag in den Bauch und doch irgendwie typisch für unsere Reflektion und permanente Dekonstruktion der Blicke anderer auf uns. Wir sind nicht zimperlich oder die Art Person, die sich die netten Aspekte von Reflektion auf sich herauspickt und die bitteren Stücke liegen lässt.
Wir suchen die bitteren Stücke, weil sie in der Regel wahrhaftiger sind. Schmerz ist ehrlich. Schmerz ist unbestechlich. Schon immer gewesen.
Menschen, die uns weh tun, erleben wir als ehrlicher und sehr viel offener, als Menschen, die immer nur Honig für uns haben.

Leider sind Menschen, die uns weh tun, häufig auch selbstsüchtige Arschlöcher oder von Täter_innenintrojekten angestochene Hörnchen und deshalb nicht besonders geeignet für uns im täglichen Kontakt.

Und damit sind wir wieder bei den dauerlächelnden Prospektgesichtern für Betreuungsanbieter.

Es gibt die Angst in so einer furchtbar netten Umgebung zu landen, in der wir die einzige Person sind, die Kritik übt, Dinge kritisch betrachtet, Negatives auch offen kritisiert.
Es gibt die Angst wieder reinzufallen auf irgendein Lächelgesicht und Versprechen auf entspanntere Aussichten, die dann doch nie kommen.
Und es gibt die Erinnerungen, die heute noch einmal auf einen anderen Boden fallen. Heute turnen teilweise 12-13-14 jährige Innens in unserem (Schul/Bildungs-) Alltag herum  und ich merke, wie wir Rosenblätter anfangen sie zu merken. Was es ausmacht, wenn Worte wie “Es gibt eine Bekleidungspauschale und Verpflegungsgeld…” fallen. Das ist kein Teil unserer Jugend, der verarbeitet ist.

Wir wissen nicht, wie man sich betreuen lässt.
Wir wissen nur, wie es ist betreut zu werden und sich kaputt zu machen, während man versucht die Betreuenden zu entlasten und sie möglichst nicht mit der Hölle in einem drin in Berührung kommen zu lassen.

Wir schauen gerade nach einer Alternative zum stationären Wohnen in einer Wohngruppe.
Also denken wir gerade allen Ernstes darüber nach, uns irgendwie mehr als 4-6 Stunden pro Woche mit Menschen in Kontakt zu bringen. Und zur Berufsschule zu gehen. Gleichzeitig.
Wir.

Like: wirklich wir oder ein frisch aufgekeimter Blob irgendwo am Rande des Temporallappens?
Im Moment fühlt es sich für mich an, wie parasuizidale Ideen. Ernsthaft.

Es fühlt sich an, als würden wir uns mit der Umsetzung dieser Idee von Hilfe und Unterstützung an eine Art Suizid bringen, den keiner außen merken würde, weil wir ja gut versorgt wären und so.
Es ist auch eine ähnlich einsame Entscheidung.

Oder?

der Antrag

Der Antrag hat 14 Seiten und gilt nicht als Sonderform eines juristischen Schuldspruches benannter Täter_innen. Bei Bewilligung gibt es keinen Grund zur Annahme andere Sozialleistungen würden gekürzt.
Warum zum Henker liegt dann das Zeug hier noch rum und schaut mich jedes Mal vorwurfsvoll an?

Weil es der Antrag auf Leistungen aus dem Fonds für Opfer von sexuellem Missbrauch im familiärem Umfeld ist.
Und wir nie ein Opfer von sexuellem Missbrauch waren. Weil wir mit unserem Hartz 4 doch total gut versorgt sind. Und so.
Weil es eine erschlichene geklaute böswillig abgequetschte Geldmasse in unsere raffgierigen Pfoten wäre. Erlogen und betrogen und auf Kosten der wahrhaftigen Opfer, die ihr Leben lang nie um irgendwas gebeten haben, weil sie sich nichts zugestehen können. Weil sie sich im Gegensatz zu uns nie herausnehmen würden sich Hilfen, Unterstützungen oder schlicht Schönes und Angenehmes zu zugestehen. Weil alle außer mir zurückhaltende, liebliche Unschuldslämmchenopfer sind.

Ja, im letzten Teil sprechen gerade unsere Langzeithaterin*/stalkerin*, diverse Täter_innenintrojekte und die allgemeine Opferfeindlichkeit unserer Gesellschaft, die in meinem Kopf herumlaufen und immer genau dann losquaken, wenn ich einen Krankenhausbericht kopieren, diverse Kostenvoranschläge einholen und darüber nachdenken will, wie ich damit umgehe auf eine Entscheidung des Fonds zu warten.

Wenn man sich mit dem FSM auseinandersetzt steht dort überall, man solle sich eine Berater_in suchen und das mit ihm_ihr zusammen machen.
Wir haben das versucht. Und dann gemerkt: “Okay, nein, wir sind hier gar nicht bei uns, sondern bei erratenen Erwartungen von einem Gegenüber.”. Also haben wir uns den Antrag selbst ausgedruckt und ausgefüllt. Und auch das Erinnern alleine ausgehalten und die Nacht danach allein mit uns verbracht.
Das Schreiben zur Seite gelegt und uns gesagt, dass wir nicht mehr darüber nachdenken müssen, was dort drin steht. Dass wir jetzt einfach nur noch daran denken müssen, Kostenvoranschläge einzuholen und Klinikberichte zu kopieren.

Unsere Therapeutin ist im Urlaub. Wir haben Arbeiten zu erledigen und nebenbei warten wir darauf, ob das mit der Berufsausbildung mit Assistenzhund an der Berufsschule klappen könnte. Daneben kommen Geschenke von der Wunschliste hier an und alles was wir tun, ist die Luft anzuhalten, auszuhalten, zu warten und zu gucken, wann der Hass auf uns wieder so weit abgeflaut ist, dass aus dem “unverdienten unnötigen Scheiß” das Kleinod einer Freude wird, das uns leichter durch das “nach dem verhinderten Suizid” trägt. Ja, das ist immer noch nicht durch. Mich machts fertig so fertig zu sein.

Der Antrag liegt auf dem Schreibtisch und faucht mich an. Wieso will ich den denn wegschicken, wenn ich eigentlich nur eine Wippemöwe am Fenster und ein buntes Mobile über dem Kopf brauche, um immer wieder im Menschenbett einzuschlafen? Nach 15 Jahren endlich mal wieder eine nicht invasive Einschlafmethode zu haben ist doch genug. Was will ich denn noch mehr?!

Ich weiß es natürlich nicht, aber oft wird uns sehr viel mehr Belastbarkeit und Abgeklärtheit über die eigene frühere Opferschaft zugetraut, als da ist. Als würden wir allen, die es hören (und allen die es nicht hören) wollen, davon erzählen, was uns passiert ist. Als würden wir seit Jahren halt einfach nur darauf warten, dass uns Menschen den Kopf streicheln, weil sie wissen, was für furchtbare Dinge wir erlebt haben.
Als würden wir hier keine klaren politischen Kontexte und sich daraus ergebende Notwendigkeiten formulieren. Als würden wir nicht etwas tun, dass uns als Beispiel nimmt, statt über Menschen und ihre Lebensrealitäten zu sprechen, die wir weder kennen noch leben.

Ja, vielleicht ist das verwechselbar mit einer reinen Bauchnabelshow. Und ja, es gibt die Möglichkeit, dass wir eine Rampensau sind, die mit so Themen wie Hartz 4, Behinderung, Gewalt- und Traumafolgen voll den Applaus kriegt und sich darüber ein Entitlement auf Belohnung wie solche Hilfeleistungen erlaubt.
Kennt man ja so Opferstars, die alles geschenkt bekommen, weil sie so öffentlich leiden wie wir.
Man kennt ja die Gesellschaft, die sich vom Leid anderer Menschen total hinreißen lässt zu Ehrenamt und Spendenaufkommen.

Ups – jetzt bin ich schon wieder zwischen Zynismus und Zyankali – sorry.

Aber nun ja – so ist das eben.
Während es bei meinem Antrag auf Geldleistungen aus dem Fond – wie auch bei jedem Antrag auf Therapiekostenübernahme bei der Krankenkasse – wie auch bei jedem Antrag auf Asylgeld – wie bei jedem anderen Antrag auf Geld auf Grundlage des Sozialgesetzbuch, das es in Deutschland nicht ohne Grund gibt –  um (soziale) Hilfen in Form von Geld geht, so geht es in jedem Hinterfragen dessen darum, wer was haben darf.
Nicht darum, wer was braucht.

Die Einen sagen, sie wollen, dass von ihren Steuern nur die bekommen sollen, die es sich verdient haben. Möglichst natürlich was sie als “sich verdient” bewerten. So jemand wie ich, die nie so gebuckelt hat, wie sie, die hat natürlich nichts verdient. Ist ja klar.
Die Anderen sagen, sie wollen hier niemanden durchfüttern, wer nicht wirklich am verhungern ist. Als sei es nur der Hunger, der das Problem ist.
Die Nächsten kennen “die Systembetrüger_innen”™, die nicht jeden Job annehmen, weil sie faule, ungebildete Säcke sind, die lieber rauchen und Chips essen, als Starbucksklos zu putzen oder stundenlang eine Entertaste zu drücken, um am Ende 50€ mehr auf dem Konto zu haben. Und natürlich die Wirtschaftsflüchtlinge und Z-Wort-Leute , die mehr Geld in den Arsch geschenkt bekommen, als andere, weil sie diebische Elstern sind.

Ja. Das nennt man auch Rassismus, Ableism und Wohlstandsflausen, die Kapitalismus nicht als tödlich einstufen.

Es wäre so schön, wäre ich eine Person, die es nicht nötig hat um Unterstützungen zu bitten.
Wenn das alles einfach echte Anstellerei und Opfermasche wäre. Dann hätte ich viele Nöte nämlich nicht. Dann würden mich so Täter_innenintrojekte und die Langzeithassperson weder so treffen, noch so daran behindern, mich, wie alle anderen Menschen auch, einfach darum zu kümmern gut über die Runden zu kommen, wie sie es eben tun: langanhaltend, gründlich und immer und immer und immer wieder – egal, was ich wie wo warum tue oder auch nicht tue.

Ich fühle mich davon unter Druck gesetzt. Empfinde es so, als müsste ich noch mehr Rechtfertigungen für Geschenke an mich und Spenden für meine Projekte finden und aufsagen. Aber mehr Rechtfertigung als “Ich finde es schön zu erleben, wenn Menschen mir Dinge schenken und Unterstützungen zukommen lassen, ohne dafür etwas von mir zu verlangen” hab ich nicht.
Ich finds einfach nur schön. Dass das geht. Also auch. Neben ganz viel schlimmen Dingen, die gehen.

Ich spüre Zeitdruck hinter dem Antrag. Bis Ende April muss der dort eingereicht sein.
Und ich weiß nicht mal, ob ich morgen auch noch leben will. Oder, ob ich in zwei drei Stunden oder Tagen oder Wochen aufhören kann zu denken: “Ich bin kein Missbrauchsopfer – nie gewesen. Ich bin total okay. Mir ist nie irgendwas passiert. Alles ist eingebildet. In Wahrheit ist das hier alles nur ein Teil meiner Psychose. Oder meines tief im Hirn angewachsenen Tumors.”.

Ich merke, wie groß die Wahrheit anderer Leute vor mir steht. Mal wieder.
Was und wer ich bin. Was mir zusteht und was nicht, entscheiden nicht meine Bedürfnisse, sondern die Bewertungen anderer von dem, was sie von mir zu wissen glauben und zu denken erlauben, ohne je etwas davon zu hinterfragen.

Und weiß, dass das alles nur so in mir wirken kann, weil es irgendwann mal keine andere Wahl gab das zu überstehen, als es selbst in meinen Kopf zu lassen.

Tse aber klar – ich brauch keine Hilfe.
Meine Not ist selbst gewählt.

Meine armen Unterstützer_innen. Denken das wär anders.
Arme Irre.

Momente

Oft kommt es ja nicht vor, dass ich mich bei Personen, die mich und mein Tun für scheiße und falsch halten, für irgendwas bedanken könnte– aber heute kann ich da mal eine Ausnahme machen, weil ich an meinen Aufruf erinnert wurde, ob es jemanden gibt, der Interesse daran hat mich gegen eine meinen Möglichkeiten entsprechende Dienstleistung bzw. ein Produkt von mir, zu unterstützen zum Inklusionscamp in Hamburg zu können.

Geplant war mit den Sommers zusammen hin zu fahren und erstmals eine Episode zu produzieren, in denen es um Inklusion und Behinderung geht. Das sollte fast ein klitzebisschen wie Radio werden. Hach. Aber das war eh ne blöde Idee, weil redaktionelle Inhalte der Impressumspflicht unterliegen. Und tja.
Ist ja dann auch eh alles kaputt gegangen.

Aber es gab damals eine Einzelperson, die uns genug Geld zur Verfügung stellen konnte,  damit wir hinfahren konnten.
Die “Gegenleistung” sollte ein Moment sein. Ein Moment in Hamburg, ein Moment im Camp.
Das fand ich zu schön um es wegzuschmeißen, nur weil es, als es dann soweit war, bedeutet hat, allein in Hamburg unterwegs zu sein. Nach einer Diagnose, die uns zerrissen hat, nach einem Kontaktabriss, der nicht nur schmerzhaft, sondern allgemein mit überfordernden Emotionen wie handfesten Problemen rund um Viele-Sein einherging. Nach so viel Schmerz, der es nie bis hier ins Blog geschafft hat, sondern immer wieder in massive Selbstverletzungen.

Wir fuhren also zum Camp mit einer Idee zu einer Session und all den Gefühlen, die mit zu unserem “anderen Hannah C Rosenblatt-Leben” gehören.
Irgendwie ist es eben doch ein anderes Leben, das mit dieser Rolle , innerhalb derer man sich vor anderen Menschen sprechend befindet und auf eine Art “an” sein muss, wie man sie im Alltag schlicht nie ist, verknüpft ist.
Man hat eine Visitenkarte, ein kleines Portfolio und ansonsten nur seinen mit allem möglichen vollgestopften Kopf und spürt wie groß das Gefälle zwischen den Zuhörenden und einem selbst ist. In dem Moment, in dem es still wird, ist alles Erbrechen, sich aufschneiden, den Kopf gegen die Wand knallen, das Bluten und Rotz aus dem Kopf quellen spüren weg. Das gibt es nicht mehr. Man ist sauber, gefasst, kühl, von sich distanziert. Das ist eine dieser Ebenen, in denen man depersonalisiert ist und über sich selbst spricht und so tut als wäre es jemand anders.

Und daneben schlackert die Panik, dass man sich vertut, nicht die aktuellsten Zahlen hat, einen Satz sagt, der sich widerspricht. Dass man wirr ist. Dass man unverständlich spricht. Dass jemand aufsteht und einen ausschimpft. Dass man im Außen das “Kritik”inferno erlebt, das man im Innen hat.

Im Barcamp durften wir eine Ahnung davon bekommen, wie das ist, wenn diese Panik sich einen Stuhl suchen darf, weil sie ein total okayer Teil ist.
Barcamps haben es an sich eine Veranstaltung zu sein, bei der es das Gefälle zwischen Sprechenden und Hörenden nicht in der Form zu geben braucht. Alle sind Teilgebende – wer sein Thema nicht als Session anbietet, der wird es nicht in der Veranstaltung haben. Wer sich Dinge anhört, die nicht gefallen, di_er hört Dinge, die nicht gefallen, weil sich nicht für etwas anderes entschieden wurde.

Das Team hinter dem Inklusionscamp war total freundlich und offen, was ich auch schön fand.
Manchmal kommt man ja doch in Versuchung diejenigen, die eine Veranstaltung auf die Beine stellen irgendwie zu othern – ich hab das an mir nicht festgestellt und fand das schön.

Vom Camp selbst gibt es inzwischen übrigens eine Dokumentation und hier und da kommt noch was über den Twitteraccount.
Ich hoffe sehr, es kann ein zweites Inklusionscamp geben. Dann vielleicht mit einem weniger auf inklusives Lernen gerichteten Schwerpunkt und mehr auf inklusiven Alltag und wie die individuellen Wege und Vorstellungen so sind.

Wir haben uns dagegen entschieden im Camp zu fotografieren, weil wir zu viele Menschen hätten ansprechen müssen und das nicht leisten konnten.
Aber wir haben den Sonnenaufgang von der Dachterrasse der Jugendherberge an der Horner Rennbahn aus fotografieren dürfen.
(Die Story dahinter, die auch den desaströsen Aspekt der Heimfahrt vielleicht etwas mehr verdeutlicht: Wir schliefen in einem 6er-Zimmer so gg 23 Uhr ein und wachten gg 1? oder 2? Uhr morgens auf – und hatten dann Angst, wenn wir einschlafen würden, würden wir den Wecker um 4 nicht mehr hören, weil die Rennbahn doch ein ganzes Eck (und ein Verkehrsproblem) weiter weg vom Camp war.
Wir uns also hin und hergewälzt, wie die ganzen wirrschlimmen Gedanken und Probleme jener Zeit und dann irgendwann um 4 aus dem Schnarchezimmer raus. Der Nachtportier hatte uns dann gefragt wos hingehen wird und wir so: “Och wir suchen uns jetzt nen hohen Punkt und gucken mal, ob wir noch den Sonnenaufgang kriegen.” – ohne den blassesten Schimmer, wo ein solcher sein könnte selbstverständlich – Fotos machen Rosenblätterstyle … ähem
Der hat uns dann jedenfalls auf die Dachterrasse gelassen, wo wir dann ohne Stativ und entsprechende Objektive mit der analogen Kamera gearbeitet haben.
Es war arschkalt – aber toll.
Auch so einer dieser Momente …)

ein waagerechtes Farbfoto von einem Sonnenaufgang - unteres Viertel im Dunklen, durchzogen von weißen Nebellinien in Hellem rot-lila-weiß, im Vietel darüber ein Gelb in mehreren Facetten um die Sonne von der nur wenig zu sehen ist, im Viertel darüber eine kleine Linie von einem Düsenflieger, im Viertel darüber nur noch blau-lila Himmel

Ein anderer Moment war am Hamburger Hauptbahnhof. All die Freiwilligen, die geflüchteten Menschen helfen.
“Mein G’tt.”
Das hab ich die meiste Zeit gedacht, wenn ich wieder jemanden mit Neonweste durchs Gewühl drängen sah – im Schlepptau ein Grüppchen mit Kinderkarre, Kleinkindern auf dem Arm und dieser einen Angst im Gesicht, die irgendwie nach den Worten kommt.
Ich bin dankbar, dass es die Helfenden gibt. Ich kann diese Art der Unterstützung nicht leisten. Weiß aus meiner Art der Hilfe- und Unterstützung von Menschen, dass es mehr abverlangt, als Gerenne und Übersetzung. Sehr viel mehr.

Ein Moment war auch jemandem die Hand zu halten, den man eigentlich – irgendwie – nicht kennt und doch nah ist.
Ich glaube, dass war der “der Moment”, den wir aus Hamburg damals mitgenommen haben.

Wir haben an allem, was mit dem Inklusionscamp zusammenhing, viel Wertvolles gelernt.
1) es ist legitim und okay, wenn man sich Sponsoren der eigenen freien Arbeit auch über Twitter sucht
2) Inklusive(re) Veranstaltungen sind machbar – das Camp ist uns selbst ein gutes Vorbild dafür
3) ein Stativ ist nie “zu schwer/zu sperrig/unnötig” um es auf Reisen mitzunehmen
4) auch die, die man für Profis hält, lernen jeden Tag
5) jedes Mitdenken von Personen, die anders sind, als man selbst, ist das, was man “inklusives Denken” nennen kann
6) Hannah C. Rosenblatt kann auch mal genau mitten in einer Gruppe sein, ohne unangenehm anders zu sein