die Narzissmuskrise und andere dramatikalische Furchtbarkeiten

Das Blöde ist, dass man, wenn man Trost braucht und ihn nicht in Dingen bzw. Aktivitäten findet, gibt es nur noch die Möglichkeit sich mit seinem Bedürfnis an Menschen zu richten.
Seit 3 Tagen denke ich darüber nach, für welchen Menschen außer der Therapeutin genug Kraft da ist, um um Trost zu bitten. Ungeachtet der Möglichkeit nicht bittend, sondern (unangebracht viel) fordernd zu wirken und es wieder nicht zu merken. Ungeachtet der Möglichkeit zu wirken, als wäre ich aus Gründen der Abwertung anderer Menschen egozentrisch und wäre auf ein individuelles Komfortextra aus und auch das nicht rechtzeitig zu merken, um klar und verständlich genug zu kommunizieren, dass dem nicht so ist.

Die Therapeutin hatte gefragt, ob wir jetzt eine Narzissmuskrise hätten, nachdem ein Innen sagte, dass das Niederschreiben der Namen der Anderen (also das Erstellen einer aktuellen inneren Landkarte) nicht leicht fällt, es das aber nicht sagt, damit die Therapeutin ihr huldigt, weil es doch etwas geschafft hat.
Für die Therapeutin ist das alles kein Ding. Wir reden mit ihr auch nicht weiter darüber, weil es zu viel Raum einnimmt, den wir für andere Arbeiten brauchen – und weil wir es uns im Moment nicht leisten könnten zu merken, wo ihre Grenzen sind, unsere inneren Dramen und Nöte in ihrer Wucht und Komplexität für uns zu begreifen.
Die Therapeutin leitet aus dem Narzissmusding ab, dass wir etwas für uns eingefordert haben und findet das gut.
Soll sie es gut finden.

Das hilft uns nicht, unser Kämpfen als so zermürbend wahrgenommen zu wissen, wie wir es empfinden, aber was wissen wir denn schon, wie sie irgendwas sieht oder versteht oder empfindet. Wie immer warten wir darauf, dass sie irgendwann etwas sagt, was uns Aufschlüsse darüber gibt, oder fragen nach, wenn wir einen Kraftschwuschmoment haben.
Und selbst dann brauchen wir dieses Wissen letztlich ja auch nur wieder dafür, um zu wissen, was mit ihr zu besprechen lohnt und was nicht, weil sie es entweder gut genug begreift, um mit uns daran arbeiten zu können oder weil sie es nicht begreift und uns damit in eine Situation bringt, die Kraft zieht, verunsichert und ein neues Drama eröffnet, weil es den Grund für unser Miteinander berührt und eventuell in Frage stellt.

Ich würde auch nicht sagen, dass wir eine Narzissmuskrise haben. Aber wir sind verunsichert und merken, dass wir anfangen uns zurückzunehmen. Anrufe meiden, Kontakte aufschieben, Gespräche unterlassen. Es ist ein neuer Filter über den Möglichkeiten, wie man uns beurteilen, einschätzen, wie wir auf andere Menschen wirken könnten, wenn wir tun, was wir tun, wie wir es tun – und wir merken sehr bewusst wie blind und hilflos wir dem Mechanismus dahinter gegenüber stehen.

Der Begleitermensch hatte über die Narzissmuskeule sinngemäß gesagt, einem autistischen Menschen narzisstische Persönlichkeitsstrukturen zu unterstellen, sei wie einer blinden Person vorzuwerfen, dass sie nicht sehen kann.
Das kommt meinem Gefühl sehr nah, bis auf den Vorwurfcharakter. Für mich fühlt es sich mehr wie eine Warnung an alle Menschen in unserem Leben und Behandlungen an, sich besser bloß nicht mit uns zu umgeben, uns zu beachten, uns ernst zu nehmen, in dem was wir über uns erzählen und als für und an uns und unserem Sein als wichtig zu beachten einfordern.

Diese Kliniktherapeutin hatte “ja keine Ahnung vom Bloggen” und  „Internet”, weiß ja nicht, was für Kommentare und Emails wir so zu lesen bekommen, hatte ja keine Zeit (oder richtiger: hatte gar nicht erst danach gefragt) wie unser Leben und Funktionieren denn so ist. Was wir so machen und warum wir das tun. Sie hat ja keine Ahnung wie vielen Menschen und Innens sie ein Wort in die Hand gibt, uns und unser Tun weiter zu entwerten und umzudeuten, als sie es sowieso schon tun, um uns zu verletzen, zu demütigen, zu entmutigen und in den eigenen Überzeugungen zu verunsichern.

Wir schaffen es nicht mehr, Menschen immer wieder neu zu erklären, dass wir bloggen, weil wir Sprech- und Kommunikationsprobleme haben. Dass wir bloggen, um Menschen vermitteln zu können, was wir ihnen gegenüber nicht aussprechen können, weil wir verstanden haben, dass Monologe zu führen eine “böse Mädchen-Sache” und also falsch ist. Dass wir bloggen, weil wir das Gefühl haben, im Netz weniger stark sozial aufgeladenen Raum einzunehmen und Spuren in einer Stofflichkeit zu hinterlassen, der sich andere Menschen nur widmen können – jedoch nie müssen. Wir schaffen es nicht mehr, Menschen zu erklären, dass wir uns hier nicht präsentieren, sondern einfach präsent sind und bleiben möchten. Und wir haben keine Kraft dafür, Menschen zu beweisen, dass wir Dinge nicht in Abhängigkeit der in anderen Menschen passierenden Prozesse tun, weil wir diese entweder gar nicht erst merken oder überfordert sind, wenn wir sie merken.

Wir waren mal viel kräftiger an dieser Stelle. Haben uns ausgiebig gerechtfertigt, haben uns entschuldigt, haben erklärt und zu vermitteln versucht. Jedes Mal, wenn jemand schrieb, er würde uns gerne geben, was wir als fehlend oder nötig beschrieben haben, haben wir uns nach vorn entschuldigt und nach innen geschämt. Es war ein Fortschritt für uns anzuerkennen, dass wir nie zu 100% beeinflussen können, welche Impulse wie bei Menschen, die sich unseren Texten widmen, ankommen und welche Reaktionen auslösen. Also gab es dann die Amazonwunschliste, das Flattr- und das Speakerinnenprofil, den ‘gefällt mir- Button’ unter den Texten. Und das Gefühl sich für die Reaktionen anderer Menschen weder rechtfertigen noch, sich sozial daran zu beteiligen zu müssen, außer natürlich seine Empfindungen mit.zu.teilen, wenn sie empfunden wurden.
Jetzt ist die Unsicherheit wieder da. Wir beuten andere Menschen aus. Wollen nur Anerkennung unserer Großartigkeit. Tun nichts ohne das Ziel mindestens zu hören, dass wir toll sind. Wir entwerten andere Menschen, damit niemand merkt, wie niedrig unser Selbstwertgefühl ist. Was wir sagen, ist nicht vertrauenswürdig.

In der Logik geht es weiter bis an die Stelle, an der wir im Juni 2012 standen.
Den Moment in dem “Hannah (C. Rosenblatt)” als eigenes Innen entstand, weil wir mit niemandem mehr okay sprechen und noch weniger okay etwas sagen konnten. Keine Kontakte mehr (aus)halten konnten und in einem seelischen Flächenbrand ertranken, der sich aus genau solchen Verunsicherungen, Unklarheiten, strukturellen Ungesichertheiten und damals noch weniger als heute bewussten Unfähigkeiten entzündet hatte.
Unsere Therapeutin sagte, sie hielte unseren Bruch damals für eine Reaktion auf die Verwicklungen mit der Begleitungstherapeutin und dem verkackten Übergang zu der Therapeutin, die uns zu behandeln abgelehnt hatte, weil wir bürokratisch abhängig von der Familie* waren (und von Rechtswegen eigentlich auch heute noch sind). Sie sagte, wir wären so verletzt von der Begleitertherapeutin gewesen, dass wir die Beziehung und ihren Wert außer acht gelassen hätten.
Auch so ein Nichtbegreifen unserer Therapeutin, das uns weh tut, weil da etwas nicht miterfasst wird, was die Dramatik für uns damals hat entstehen lassen.

Aber natürlich ist es einfacher von einer zutiefst in ihrem als großartig und unfehlbar definierten Selbstbild gekränkten Patient_in auszugehen, als von einer Person, die innerhalb von 3 Wochen alles verliert, worauf sie sich stützen konnte, daraufhin völlig dekompensiert und dann von ihrer Ex-Begleitungstherapeutin hört: “Ich sehe, dass sie überfordert sind und das tut mir leid”, aber genau keinerlei stützende, tröstende, perspektiveneröffende, verbindende Emotion oder allgemeiner: Reaktion an sich feststellt.
Die Begleitungstherapeutin denkt wahrscheinlich bis heute, dass wir einfach ein selbstgerechtes und unversöhnliches Wesen haben – nicht zuletzt, weil wir zu feige sind und viel zu viel Angst vor dem inneren Emotionsbumerang haben, ihr zu sagen, dass wir ihre Entschuldigung durchaus gehört und angenommen haben (sie also als Person und die Zeit mit ihr völlig außer Frage als wertvoll, wichtig und gut abgespeichert ist) – uns aber dennoch mehr geholfen gewesen wäre, das nach innen auch als etabliert zu halten, hätte sie uns auf irgendeine Art die Hand gehalten, okayer durch die Suche nach einer neuen und anderen Therapeutin als ihr zu kommen.
Ganz profan, ganz simpel und bindungsbasierend. Wir hätten uns dafür weder sehen noch hören müssen – ein einfaches: “Wenn sie Angst haben, überfordert werden, unsicher sind, können Sie sich bei mir melden, ich bin da.”, hätte gereicht um uns stabil zu halten. Das blieb aber aus. Und bis heute haben wir ihr nicht gesagt, dass wir überfordert damit waren zu merken, dass wir sie unheimlich dringend gebraucht haben und keine Möglichkeit gefunden haben, ihr das zu sagen, ohne den Drang zu fühlen, sich suizidieren zu müssen.

Wir haben dieses eine letzte Gespräch über die letzten 4 Jahre immer wieder mal, vor allem, wenn wir darüber nachgedacht haben, noch einmal in die Klinik, in der sie arbeitet, zu gehen, Wort für Wort auseinanderseziert – sie hat es nicht gesagt. Sie hat sich entschuldigt und uns mit einer implizierten Schulddynamik, die wir nicht einmal verstanden haben, in der Hand alleine gelassen. Zu einem Zeitpunkt, an dem wir zum ersten Mal in unseren ganzen Leben als ausgestiegenes Ex-Opfer nicht betreut wurden, Körpergeburtstagszeit war, ein Umzug in eine Wohnung ohne Strom, Heizung und Telefonanschluss passiert war und der einzige sonstige Kontakt in unserem Leben ein sozialer und wichtiger, aber auch gewaltvoller war.
Wie man sieht: extrem viel Anlass dazu, sich von einer Therapeutin, die vergessen hat uns standesgemäß zu huldigen und zu flauschen, gekränkt zu sein. [Sarkasmus]

Bei uns rastete die innere Wahrheit ein, dass wir Menschen mit uns verschonen sollten. Dass wir Menschen erst dann wieder berühren dürfen, wenn wir anders, besser, richtiger, vielleicht auch irgendwie: weniger multipel sind.
Wir formulierten das als Therapieziel und als Agenda: Rauskriegen, wie wir sein müssen und unser eigenes Sein modulieren müssen, damit es okay ist und das dann machen.

Und dann kam unsere Therapeutin und irgendwie sind wir mitten in der Auseinandersetzung der Anerkennung des Vieleseins, der Gewalterfahrungen, inneren Wahrheiten und äußeren Entsprechungen gelandet.
Was sich nach immerhin schon bald 3 Jahren und einigen Monaten, als wichtig und hilfreich herausgestellt hat, aber dann doch herzlich wenig damit zu tun hatte, wie okay wir und unser Wirken in unserer sozialen Umgebung sind. Wir hatten ja keine – beziehungsweise haben wir eine, die sich aus für uns emotional unnachvollziehbaren und deshalb intellektuell erklärten Gründen an uns geheftet hat.
Um keinen der Menschen in unserem Leben haben wir uns aktiv bemüht oder gezielt Dinge getan von denen wir dachten: “Wenn ich xy tue, dann mag mich die Person bestimmt und will ganz viel mit mir zu tun haben. Das ist voll okay sowas zu machen, weil ich bin es ja wert/so macht man das eben/meine Gefährlichkeit/Bösartigkeit/Monstrosität ist ja weggezaubert/ich bin ja keine Zumutung/ich bin so großartig, wer würde denn nichts mit mir zu tun haben wollen?!.”

Als wir zuletzt dachten, es wäre wichtig etwas zu tun, damit jemand uns weiter mag und deshalb unsere Not glaubt und uns deshalb tröstet und bei uns bleibt bis es okay ist, haben wir der Begleitungstherapeutin geschrieben, dass die andere Therapeutin uns nicht behandeln will und wir sie sprechen möchten.
Das war ein Versuch, er ist gründlich schief gegangen und wir haben es danach nicht wieder versucht.
Für uns ist “ich tue xy, damit mich jemand mag (oder irgendeine andere bestimmte Einstellung zu uns hat)” eine soziale “heiße Herdplatte – Erfahrung”.

Wir merken die Emotionen und Intensionen anderer Menschen nicht, wenn sie sie uns nicht sagen. Aber wir haben damals versucht etwas zu tun, was genau diese Fähigkeit zu haben erfordert hätte, ohne zu zu merken, dass sie uns fehlt, weil wir sie nie hatten.

Und heute merken wir es.
Denken einerseits: Hey super – weniger Alltagsdissoziation, mehr Verstehen des eigenen Funktionierens und Re_Agierens und begreifen aber andererseits, wie umfassend beschissen komplex diffizil schwierig die Ausgangssituation ist, aus der heraus wir mit dem Lauf der Dinge und den Menschen um uns herum in Kontakt und Miteinander gehen wollen.

Heute merken wir, dass wir einen Großteil unseres Alltags damit verbringen andere Menschen wie Naturkatastrophen und andere unbelebte Unvorhersehbarkeiten an uns vorbei zu jonglieren und gleichzeitig schwere Gefühle wie Einsamkeit, Trostlosigkeit, Haltlosigkeit zu empfinden, die überwiegend, jedoch nicht immer und zuverlässig durch vorhersehbare Naturgesetze und Laufesdinge zu lösen sind.

Diese Narzissmuskiste erschwert das.
Ich merke, dass wir genau jetzt einen Menschen brauchen, der uns tröstet und in der Unverändertheit der Dinge versichert. Und gleichzeitig merke ich, den Erinnerungsschmerz jeder sozialen “heiße Herdplatte – Erfahrung”, neben der Gefahr Kontakte zu zerstören oder als in Zerstörung inbegriffen zu empfinden, weil ich zu dumm bin weil ich mich nicht auf etwas in mir verlassen kann, das mich warnt, wenn ich die Zerstörung selbst verursache.
Etwa, weil ich und die anderen anders auf andere Menschen wirken, als wir sind. Weil wir tun, was wir tun, wie wir es tun.

Ich merke wie mir ein Etwas in den Nacken atemstockt.
Weiß, dass es glaubt, alles was es tut sei falsch, weil es für alles, was es je getan hat (und je getan haben soll) verletzt wurde.
Weiß, ich sollte ihm jetzt sagen, dass wir 2016 haben und uns heute niemand mehr für das was wir tun, verletzt. Ich weiß, ich sollte ihm sagen, dass es vorbei ist.

Aber das ist es nicht.

Missverständnisse und ihre Folgen

Es ist 2:40 Uhr.
Ich liege in unserer Schleiereulenhöhle, schaue auf die fluoreszierenden Sterne und höre dem Innen zu.

Wo es immer schreit und weint, schreit und weint es. Wo es immer Lösungen sucht, flackerflirrsirrsummen Wort-und Wissenscluster. Wo es nach Eindrücken greift, stinkt es nach Angstschweiß und wo ich bin, das ist es schmerzensstill wie im Auge eines Tornados.

Jemand von uns sagte, dass man klagen können müsste. Mehr als wehklagen, mehr als selbstbefreiend und selbstregulierend klagen. Man müsste strukturell klagen können. Auf Schmerzensgeld, Entschädigungen für entstandenes Leid und wirtschaftlichen Schaden, Wiedergutmachungsleistungen nach seelischen Verletzungen und Verletzung der Menschenrechte.
Allein die Möglichkeit das zu können – die Wahl darum zu haben, für sich auf struktureller Ebene eintreten zu können, würde für manche von uns einen erheblichen Unterschied bedeuten und die Situation erträglicher gestalten.

Man müsste es nicht einfach hinnehmen durch den verspäteten Aufnahmetermin in der Klinik, dann eben Dinge abgesagt zu haben, die Geldeinnahmen bedeutet hätten und jetzt vieles einfacher aussehen lassen würden. Man müsste nicht einfach hinnehmen, dass man uns behandelt hat, wie jemand di_er ganz die eigene Krankheit ist, statt ein Jemand, das seit 16 Jahren in der inhaltlichen Auseinandersetzung und dem Umgang mit dem eigenen als Krankheit bezeichneten Zustand ist. Man müsste das fachlich inkompetente Eingreifen in unsere zukünftigen Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten nicht hinnehmen.

Man müsste einfach nicht gezwungen sein, sich demütigen und kränken, behindern und verletzen lassen zu müssen. Von anderen Menschen. Erneut.
Und erneut ohne wie auch immer gelagerte Konsequenzen für diese Menschen.

Hintergund dieses Wunsches, war ein gestern angekommener Arztbrief von der Klinik, in dem in den Diagnosen stand wir hätten eine „dissoziative Identitätsstörung bei narzisstischer Persönlichkeitsstruktur“,  Asperger-Syndrom … , bla bla – der ganze Rest.
Nachdem wir mit den Kränkungsgefühlen, die mit dem Begreifen der Annahme der Gegenüber, dass es sich bei uns um a) eine Person mit Persönlichkeit und darauf fußend b) eine Person, die sich selbst so großartig macht, dass ihr alles Äußere irrelevant bis nieder(er) erscheint, weil sie ein inexistentes Selbstwertgefühl hat, handelt, fertig waren, klackerten Verständnisprozesse wie Dominosteinketten durch uns hindurch.

Plötzlich ergab alles Sinn. Die Verweigerung uns zuzuhören und ernst zunehmen. Die Vermeidung sich anzuhören, was genau wir für Schwierigkeiten aufgrund welcher Umstände und eigenen Reaktionen hatten. Der Entzug der Möglichkeit individuelle Lösungswege der Integration in die Therapieangebotsstrukturen für uns zu finden.
Wenn man denkt, jemand erhebt sich mit seinen Äußerungen oder macht sich wichtiger, als si_er ist, mit dem, was si_er sagt – ja sicher verhält man sich dann genau so, wie sich unsere Behandler_innen uns gegenüber verhalten haben.

Und wir dachten die ganzen 3 Wochen, wir müssten nur immer deutlicher und verständlicher sagen, was genau unsere Probleme sind.

Alice im Wunderlandszene, in der sich Alice seufzend an die Stirn greift
Alice im Wunderlandszene, in der sich Alice seufzend an die Stirn greift

Weil man uns immer wieder sagte, wir sollen mit diesen Menschen zusammenarbeiten, weil wir ja schließlich etwas von ihnen wollten.

Meryl Streep, die sich an die Stirn greift
Meryl Streep, die sich an die Stirn greift

Weil es für uns so ein üblicher Bestandteil der Interaktion mit anderen Menschen ist, weil wir verschiedene Behinderungen erleben.

Cäpt'n Picard, der sich an die Stirn greift
Cäpt’n Picard, der sich an die Stirn greift

Weil wir in dieser Klinik nie zuvor die Erfahrung gemacht haben, nicht gehört und verstanden zu werden.

weißer Mann*, der sich an die Stirn greift
weißer Mann*, der sich an die Stirn greift

Weil wir dachten, wir hätten in diesen Menschen viele Gegenüber, die daran interessiert sind uns gemäß unserem Auftrag an sie zu unterstützen und zu helfen.

einem weißen Mann*, der seinen Kopf mit beiden Händen hält, greifen zwei zusätzliche Hände an die Stirn
einem weißen Mann*, der seinen Kopf mit beiden Händen hält, greifen zwei zusätzliche Hände an die Stirn

 

Das Dilemma an so einer, wie der Begleitermensch sagt “Narzissmuskeule” ist: die absolut sichergestellte Abwertung aller Äußerungen, Einwendungen und Reaktionen, die von einer als narzisstisch bezeichneten Person kommen.
Das ist, wenn kein Narzissmus vorliegt, die absolute Unterwerfung einer Person unter die Deutungshoheit einer anderen und damit Gewalt.
So ein Umgang, wie der den wir erfahren haben wirkt sich damit auch zwangsläufig als genau so aus, wie wir es empfunden und auch gegenüber diesen Personen zurückgemeldet haben: ignorant und grausam.

Am Ende dieses Tages, in der Nacht zum nächsten Tag rastete die Erkenntnis bei uns ein, erneut Helfergewalt erfahren zu haben und genau nichts – aber auch gar nichts weiter tun zu können, als es aufzuschreiben, unser von uns dokumentiertes Handeln in der Situation auf zukünftig veränderbare Anteile zu prüfen und als die Gewalterfahrung abzulegen, die sie für uns war.

Selbstverständlich werden wir mit unserer Therapeutin darüber sprechen. Werden mit unserem schlauen Aspergerbuch unterm Arm in die Praxis gehen und ihr hoffentlich klar machen können, dass wir ihre Unterstützung dabei brauchen, diesen Arztbrief korrigieren zu lassen, weil er uns so, wie er jetzt ist, die Autismusförderung, die wir zum Schaffen der Berufsausbildung, zur effektiveren Nutzung ebenjener ambulanten Therapie und zur Anbahnung von so etwas wie Lebensqualität durch soziale Teilhabe brauchen, zerschießen kann (und aufgrund diverser Faktoren sogar relativ wahrscheinlich auch: wird).
Das ist eine Ebene, die wir können. Unter Aufwendung von viel psychischer Dissoziationsleistung, aber durch genug Erfahrungen geübt.

Die andere Ebene ist die Berührung eines wunden Punktes von uns.
Die ewige Frage danach, wer wir denn nun sind. Ob wir so etwas eine Persönlichkeit haben, oder nicht. Wie wir auf andere Menschen wirken und wie viel dieser Außenwirkung dafür verantwortlich ist und vielleicht schon unser ganzes Leben lang war, Gewalt zu erfahren.
Also: Waren wir vielleicht schon immer so ein Arschlochwesen, das man nur treten, schlagen, halbtot vergewaltigen kann, weil es so ein mieser Charakter, ein unangenehmer Störfaktor, ein unaushaltbares Irgendwas ist?

Machen wir unser Leben lang schon etwas, dass so logisch den Kontakt zu anderen Menschen für uns immer wieder ganz zwangsläufig in Gewalt an uns verwandelt?
Und kriegen wir genau das nicht mit, weil wir zu dissoziativ funktionieren, um das überhaupt jemals selbstständig verändern zu können?

Wir haben diese Fragen schon lange als typisch für in rape culture sozialisierte Menschen, die zwischenmenschliche Gewalt erfahren haben, erkannt und akzeptiert. Haben genauso lange die Antworten in uns parat, die uns sagen, dass wir selbst, wenn wir die schlimmsten, gemeinsten, bösesten Menschen auf der Welt wären, die Gewalt an uns nicht gerechtfertigt wäre.
Und dennoch sind sie da und wirken. Und tun weh, wenn passiert, was uns gerade passiert.

Wir haben 4 Jahre daran gekaut die DIS als psychische Entwicklungsform zu akzeptieren, die den Großteil der bestehenden Persönlicheitstheorien in ihrer Anwendung ausschließt. Haben noch 2 weitere Jahre für die Trauer um einen Normalitätsfakor (nämlich den eine (Kern oder Ursprungs) Persönlichkeit zu haben) gebraucht und konnten erst dann damit beginnen das als gegeben anzunehmen, was uns von einander in der Innenarbeit begegnet.

Jetzt kauen wir seit der Autismusdiagnostik an der Anerkennung eines weiteren in uns liegenden Faktors, der eine Persönlichkeitsentwicklung erschwert bzw. spezifisch beeinflusst haben wird und fühlen uns zunehmend einer guten Prognose beraubt.

Bisher haben wir weder Literatur, noch valide Fallbeispiele noch theoretische Modelle zur angemessenen Traumatherapie von autistischen Menschen mit DIS (oder andersherum hochdissoziativen Autist_innen) gefunden. Wir sehen uns vor einer Zukunft der Hilfen und Unterstützungen, die sich immer wieder durch so grundlegende Missverständnisse aufgrund von menschlichem Versagen und fachlichen Inkompetenzen auszeichnen wird, wie jetzt während der 3 Klinikwochen geschehen.
Also: Helfergewalterfahrungen, denen wir weder präventiv noch im Nachhinein mit so etwas wie Entschädigungsforderungen und als legitim verankerten Anspruch auf Wiedergutmachungen für erlittenen Schmerz begegnen können.
Zeigt mir mal bitte, wo genau hier der Opferbonus, das Behindertenspecial, der Ego-Keks, auf den ich mich selbstverherrlichen kann, ist.
Vielleicht würde das schon reichen, zu ertragen, was hier gelaufen ist.

Es ist 4:34 Uhr, als ich das letzte Mal auf die Uhr schaue und mein Gesicht an das Fell von NakNak lege, um mich von ihren Atembewegungen in den Schlaf hinein und weg von der Not streicheln zu lassen. Ich höre ein Weinen und merke irgendwann, dass ich mich selbst höre.

Und dann ist es morgens und ich stehe auf einer Wiese circa 8 Kilometer von unserer Wohnung entfernt.

Es ist alles noch da

Vorhin, in den letzten Schwingungen des Spontankontaktes mit der Therapeutin, die wir gedenken “unsere Therapeutin” zu nennen, fiel mir auf, wie üblich es jetzt weiter geht.
Mit NakNak* rausgehen – nur entspannter. Abendessenszutaten einkaufen – nur entspannter. Bloggen – nur ohne den Beigeschmack etwas Verbotenes zu tun. Ins Bett gehen und schlafen – nur ohne vorher einen Wecker zu stellen.

Alles ist noch da. Alles funktioniert noch.
Voll krass.

Weil, eigentlich müsste doch alles in Scherben sein. Schließlich hat man uns aufgegeben und weggeworfen. Schließlich ist man in der Klinik zu der Erkenntnis gekommen, dass man mit uns kein Arbeitsbündnis geschafft hat (und dadurch offensichtlich automatisch zu dem Schluss, dass sich das auch niemals je ever überhaupt je hätte eventuell vielleicht mal noch entwickeln können, wenn man uns und unserer Entwicklung Zeit gibt – weil Zeit ist Geld und Geld gibts ja von den Krankenkassen nie genug und darum kämpfen mag man nicht mehr,weil aus Gründen und Selfcare. Muss man ja auch verstehen – ) und uns entlassen hat.

Tatsächlich sind wir nicht in Scherben. Aber es ist ein bisschen was kaputt gegangen, das weniger mit uns, als mit dem zu tun hat, was wir so tun und weshalb wir es tun.
Unsere Loyalität gegenüber dieser Klinik und manch ihrer Akteur_innen hat einen weiteren derben Spalt in sich und bringt uns in tiefer greifende Zweifel und Konflikte über unsere Haltung, die wir nach außen vertreten.
Etwa dann, wenn mal wieder eine Email kommt, welche Klinik es ist und welche anderen wir empfehlen können. Oder dann, wenn es um Behandlungsansätze und unsere Erfahrungen damit geht. Oder dann, wenn jemand ähnlich verletzt, gekränkt und Teilen angebrochen, wie wir aus dieser Klinik herauskommt und hofft mit uns jetzt doch mal so richtig über “diese bescheuerten Therapeut_innen” oder “diese scheiß Klinik” herzuziehen.

Wir sind nicht so. Und wir waren auch nie so.
Obwohl wir von einem Therapeuten sexuell misshandelt wurden, in Kinder- und Jugendpsychiatrien fehl- bis miss_be_handelt wurden, von Dutzenden Therapeut_innen und Kliniksystemen verachtet, dressiert und verkorkst wurden, waren wir nie die Person, die anfängt gewaltvoll auf diese Personen zu reagieren oder gegen sie zu agieren.
Wir haben nie jemanden angezeigt. Wir haben uns nie gewehrt. Wir haben nie Schmerzensgelder oder Entschädigungen aufgrund von Falschbehandlungen oder Falschdiagnosen verlangt. Obwohl wir schwere Schäden davon getragen haben und diese bis heute nachwirken.

Wir haben nur immer wieder aufs Neue gehofft, man würde sehen, wie groß ist, was wir Behandler_innen in die Hände legen, wenn wir sie um die Hilfe bitten, die sie anbieten bzw. als von ihnen als leistbar anbieten
Immer ein bisschen weniger, aber doch: in Hoffnung

Es ist eines dieser großen Geheimnisse und Rätsel für uns, wonach Menschen bemessen, wann was wie genau für sie ist. Wie genau Menschen eigentlich abzirkeln, ob und wenn ja, was genau sie eigentlich von dem erfassen, begreifen und verstanden sein lassen, was sie wahrnehmen.
Manche Menschen nehmen diese Rätselhaftigkeit für uns ernst und öffnen sich für uns. Sie machen sich für uns ein bisschen leichter lesbar. Ein bisschen einfacher für uns. Sie machen sich barrierefreier für uns.
Manche, weil sie genau das als Teil ihrer Arbeit inkludieren und fachlich kompetent genug sind, zu wissen und begriffen zu haben, dass gerade komplex traumatisierte Menschen (gut lesbare und dadurch) abschätzbare und verlässliche Gegenüber brauchen, um in Kontakt gehen zu können, der eine konstruktive Arbeitsbeziehung zur Folge haben soll. Manche, weil sie uns irgendwie sympathisch finden und wollen, dass wir sie auch sympathisch finden. Manche, weil sie uns etwas schenken wollen. Manche, weil sie merken, wie sehr wir uns daran aufrauchen sie zu verstehen und Mitleid haben.

Und manche nehmen diese Rätselhaftigkeit nicht ernst. Verstehen das Problem nicht. Stehen vor ihrer kognitiven Dissonanz und kriegen unser Auftreten nicht zusammen mit dem rabenschwarzen Loch der Not, die sich logischerweise aus solchen Rätselhaftigkeiten ergeben. Für manche Menschen wirken wir vielleicht (sehr wahrscheinlich) nicht glaubhaft oder aufrichtig in diesem, so fühlt es sich jedenfalls für mich an: Geständnis von Rätseln, Unwissen, Unsicherheit, Angst und Not daran.

Und manche Menschen sind einfach ignorant. Nicht bei uns, sondern hauptsächlich bei sich und dem Oben und Unten, das sie davon befreit, sich damit zu befassen, wie problematisch ihre Ignoranz ist.
Der Begleitermensch nannte das “Therapeutendünkel” und ich nenne es das logische Ergebnis aus wer weiß wie vielen Kämpfen mit kranken Kassen, Gutachterbullshit, fachlichen Querelen und dieser einen Prise Überheblichkeit, die mit Deutungsmacht einhergeht. Wer sich nicht stellen muss, weil es auch anders geht, tut es nicht. Wer hunderte Patient_innengesichter und –geschichten an sich vorüberziehen sieht, ohne sich je für mehr als diese eine Episode ihres Lebens mit_verantwortlich fühlen zu müssen oder zu sollen, der kann fallen lassen, was verwirrt, irritiert, weh tut, stört.

Wir hätten allen Grund wütend zu sein oder aggressiv aus Gefühlen von Verletzung.
Tatsächlich aber haben wir gerade den Impuls, Mitleid mit den Menschen in diesem Klinikapparat zu haben.

Mitleid ist eine Form der Gewalt. Vielleicht eine der schlimmsten.
Denn auch sie entwürdigt, entmündigt, entmachtet. Negiert jede Form des eigenen Willens und Wollens, löscht jede Idee von eigenen Fähig- und Fertigkeiten eines Individuums aus.
Wer Mitleid hat, sagt, dass eine Person keine andere Wahl hat. Nicht anders kann (hier: “kann” als Fähigkeit gedacht) und das ganz sicher schlimm für diese Person ist. So schlimm, dass sie leidet.

Mitleid gilt häufig noch als etwas, das wichtig ist, weil es mit Mitempfinden oder Verständnis verwechselt wird.
Wir haben aber weder Verständnis dafür, wie die Entscheidung “der Klinik™” zustande gekommen ist, noch können wir irgendetwas mehr erfühlen als die Idee einer ängstlich vermeidenden Haltung uns gegenüber bzw. dessen, was wir repräsentieren (was auch immer das wohl sein mag)

Wir ermahnen uns, uns die gewaltvolle Struktur “Klinik” als Teil verschiedener gewaltvoller Strukturen (wie “Psychopathologie”und “Gesundheitssystem”) innerhalb der allgemein bestehenden Gewaltkultur unserer Gesellschaft, nicht als die gleiche unveränderbare und unkritisierbare Grundlage anzunehmen, wie diese Menschen, sondern ihnen die Verantwortung über die Stützung und das eigene Profitieren an diesen Strukturen zu überlassen. Denn da wurden Entscheidungen getroffen. Da wurde und wird etwas getragen, das, neben vielen eher positiven Eigenschaften, auch als toxisch, gewaltvoll und menschenverachtend anzuerkennen nicht schwer ist, wenn man sich damit so brachial kritisch auseinandersetzt wie es die aufrichtige Auseinandersetzung mit jedem Aspekt des menschlichen Seins und Wirkens erfordert.

Ja, wir intellektualisieren. So sind wir. Wir tun das nicht, weil uns das so schön aus Schmerz, Verletzung, Trauer und Not bringt und uns in irgendeiner Form ermächtigt. Wir tun das, weil wir das tun. Ganz schnörkellos und ohne tiefere Bedeutung, als die, die es für uns hat: Kontext (für unseren Schmerz, unsere Verletzung, Trauer und Not).

An unsere Schnörkellosigkeit muss man sich gewöhnen. Dafür braucht man Zeit, Kraft, Mut zum Irrtum und den Wunsch zu verstehen.
Das geht in jedem Rahmen und egal, wie gut oder schlecht wir uns in diesen Rahmen hineinoperieren können.

Was unser Arbeitsbündnis nicht hat zustande kommen lassen, war ein einziges grundfestes Missverständnis, das man nicht glauben will.
Weil so viele tausend erdeutete Ideen und Fehlannahmen über uns als Person und unser Re_Agieren so viel besser gepasst haben, um uns und unsere Behandlung zu vermeiden.

Als Patient_in kann man nicht beides leisten: sich selbst und seine Behandler_innen davon überzeugen, dass es sich wirklich lohnt.
Dass diese Doppelbelastung nun ein Ende hat, darum sind wir froh.

Was bleibt sind vermehrte Zweifel, ob wir unsere Engagements für komplex traumatisierte Menschen überhaupt noch jemals unter Einbeziehung von behandelnden Menschen fortführen wollen. Offensichtlich wäre vieles einfacher gewesen, wären wir nicht der Mensch hinter “Hannah C. Rosenblatt”.
Andererseits denke ich, dass unsere nervig irritierende Schnörkelosigkeit ist, was dieser eingeschworenen Traumabubble hier und da fehlt.

Wer weiß.
Erstmal einfach weiter im Text.

Podcast schneiden, Nachwachshausumfrage bewerben, die 321 Emails aus der Klinikzeit lesen und beantworten, eine gute Sonnencreme finden und die erste Miniradtour vor der Großen planen.

Es ist alles noch da.

Wände streicheln oder: Wissen ist Kontext

Ich habe am Wochenende stundenlang Wände angestrichen (“Wände gestreichelt”) und die köstliche Kombination aus Streichgeräusch und Cellomusik in meinem Mund hin und her bewegt.

Was unseren Gemochten, die wir gedenken zukünftig “Freunde” zu nennen, eine nervig lästige Arbeit war, die sie lange vor sich herschoben, war uns ein stundenlanges Schwelgen in Erbsenmoment und endlichem Vakuum. Endlich, weil klar war, dass wir irgendwann fertig sein werden – Vakuum, weil wir in weiten Teilen nicht in der Arbeit waren, sondern irgendwo dort, wo wir so mit uns sind, dass wir diesen Zustand als Idee der Ein.s.igkeit bezeichnen.
Dafür sind Erbsenmomente gut. Um uns an diese Idee zu bringen. Uns in einen Raum zu erweitern, der irgendwo zwischen den Rändern von “assoziiert” und “dissoziiert” ist, doch nie bleibt.

Meditation? Trance?
Oder ein Reflex des Gehirns äußere Monotonie mit innerem Budenzauber zu füllen?

Wir mögen diesen Zustand.
Deshalb streichen wir gerne, laufen lange (langweilige Hunderunden), fahren vorzugsweise Fahrrad, drehen Kreisel, drehen uns selbst, sortieren, symetrietesieren.
Ich fühle mich dann sicher. Die Welt ist mir dann ein guter Ort, weil sie sowas kann und uns in dem Zustand kaum noch hat.

Was andere Menschen so an uns nervt, reizt, stört, als ungewöhnlich und nicht einfach im Kontakt wahrnehmen lässt, sind die tausend scheinbar offensichtlichen Fragen und In-Fragestellungen, die aus heraus kullern. Selbst Menschen, die wache, kritische, neugierige Menschen mögen, mögen es nicht an Grenzen des eigenen Wissens und Erklären.Könnens geführt zu werden. Das ist so, weil es eine kaputte Haltung zu Unwissen und Unerklärbarkeit gibt.
Für viele Menschen ist Wissen gleich Macht. Für uns ist Wissen gleich Kontext.

Kontext ist Orientierung. Kontext ist das Oben und Unten, das für so viele Menschen ganz selbstverständlich da ist, nie infrage steht, nie tückisch, erschreckend, unerträglich wirkt. Kontext ist, von wo wir uns in immer weiteren Kreisen entfernen und so die Menschen mit ihrer Welt von uns befreien können.

Wir sind ein Mensch, der aufwacht und um Kontext ringt. An manchen Tagen vielleicht auch einzig, um sich aus allem entfernen zu können, weil nicht aushaltbar ist, was ist und war und vielleicht auch immer sein wird.
Und das ist, was für uns den Kern unserer dissoziativen Identitätsstruktur darstellt und das Drama um die Autismusdiagnose erklärt.

Ich bin nie sicher, ob ich die Nacht, den Morgen, die Mittagszeit, den Abend überlebe. Ob ich die ganz alltäglichen Handlungen wie Aufstehen, Zähne putzen, sich waschen, die Kaffeemaschine anmachen, mit NakNak* rausgehen usw usw usw überhaupt erinnere. Wer mich kennt und wer nicht, ob und wenn ja wessen Tagesplan und Tagesplan B, C oder D dem Lauf der Dinge standhält, ob meine Haut schmerzt, als würde sie verbrennen oder mich eine überbordende Schmerz-Reiz-Reaktion zerfetzt– das ist Zufall für mich. Immer und immer und immer wieder. Schon immer.

Und immer wieder ist es entweder die weiße Wattewand oder das tiefschwarze All zwischen mir und der Welt, was mich beruhigt und aus dem Kämpfen entlässt. Immer wieder ist es der letzte, äußerste Rand dessen, was ein Mensch empfinden kann, der uns verortet und mir den gröbsten aller Kontexte produziert: Ich (bin)

Neulich blieb von einem Wortschwall, der an uns gerichtet war, der Satz “Sie machen immer alles mit dem Kopf.” bei mir kleben.
Es klang wie ein Vorwurf. Die Kenntnis eines Defizits.
Und nicht wie die Anerkennung eines von uns autonom steuerbaren Handelns, uns irgendwie zu orientieren. Uns selbst zu sichern. Uns selbst zu verorten. Diese Welt für uns er.greifbar zu machen. Kontakt herzustellen, den wir er.tragen und pflegen, gestalten und entwickeln können.

Vielleicht haben wir keine Intuition oder diesen einen special emotionalen Punkt innerer Sicherheit um das Bewusstsein des Selbst.seins, der immer wieder über diverse Therapieansätze anzusprechen versucht wird.
Sehr wohl aber haben wir Massen von Wissensclustern im Kopf, deren Anwesenheit für uns niemals je infrage stand oder fehlte oder uns im Stich gelassen hat. Sicher ist das kein Ausgleich für eine Ebene des menschlichen sich-selbst-bewusst-seins, doch ganz sicher ist es weder Defizit oder etwas, das uns daran hindert, am Leben teilhaben zu können.

Es macht unsere Art das Leben auszuhalten und immer weiter zu versuchen es zu be.leben, einfach nur sehr viel anders, als das sehr vieler anderer Menschen, die versuchen das Leben auszuhalten und immer weiter zu versuchen es zu be.leben.
Nicht mehr, nicht weniger.

den Versuch wert

Wir hatten keinen guten Tag, waren circa 3 Löffelkästen über unsere Grenzen hinaus und nicht gefasst darauf, dass die Therapeutin Dinge wie “Das Leben ist voller Kompromisse” und “Sie müssen wissen, was es ihnen wert ist in der Klinik zu sein”, sagen würde.

Ich hatte keine Kraft für den Hinweis darauf, dass “einen Kompromiss eingehen” eigentlich soviel bedeutet wie “beide Seiten haben Anteil an der Lösung” und “beide Seiten haben etwas davon”. Ich hatte nur noch Kraft einen dieser inneren Giftpfeile abzufangen, der Schimpfworte und eine bittere Wahrheit auf sich geladen hatte. Die Wahrheit nämlich, dass unsere Kompromisse in aller Regel als gegeben betrachtet werden. Die Wahrheit nämlich, dass unser Leben voller mistig nerviger bis wirklich Kraft und Selbst zerfressender Barrieren, an so vielen Stellen Kompromisse, Zurücktreten, Schweigen, Aushalten und Durchziehen bedeutet und das genau niemand sieht, der es nicht weiß.

Ich rede hier nicht von Dingen wie “Gah scheiße – immer muss man nett und freundlich sein – nie darf man motzen.” oder “Mäh – nie darf anderen auf die Nase hauen – immer nur muss man konstruktiv sein.” oder “Mimimi – nie darf ich machen, was ich will.”.

Ich rede hier von Dingen, die für uns schwierig sind und die wir trotzdem tun,

weil sie den Versuch wert sind.

Das machen wir jeden Tag und wir sind okay damit. Irgendwie ist das einfach unsere Art diese Sache mit dem Leben leben zu probieren, daran zu scheitern und es dann nochmal neu zu probieren usw usw usw.
Es wird jedoch schwierig, wenn wir das Gefühl haben nicht in dem gesehen zu werden, was wir da eigentlich dieser Welt, dem Leben und den Dingen in ihm drin, an Bereitschaft uns zu widmen, entgegen bringen
Wenn der Preis, den wir dafür zahlen, vergessen wird und die Kraft, die wir daran verlieren und dann eben nicht mit in dieses Leben und seine Gestaltung hineingeben können, als “verborgen tief in uns drin” verortet wird und nicht als “darauf verschossen überhaupt irgendwo zu sein und das auszuhalten, ohne zu im- oder explodieren”.

Wir hatten ein Stille-Post-Missverständnis was die Versorgung von NakNak* während der Klinikzeit angeht (heute geklärt – alles gut).
Für uns ist es ein hoher Preis auf ihre Anwesenheit dort zu verzichten und worum es dabei geht, versuche ich immer an dem Beispiel der Blindenhunde zu erklären, wenn jemand fragt, wie denn eine blinde Person in so einer Klinik zurecht kommen sollte, ohne Blindenführhund.

Blindenführhunde gelten oft als durch andere Menschen ersetzbar. Das heißt: auf die Selbstbestimmung einer blinden oder sehbeeinträchtigen Person wird direkt geschissen – soll sie halt einen Stock benutzen (was nicht für alle blinden oder sehbeeinträchtigen Menschen geht) oder sich führen lassen (also abhängig sein und sich einer evtl. fremden Person anvertrauen).
Es ist an der Stelle der Barrierenkompensation, die sich durch Blindheit oder eingeschränktes Sehen ergeben, also essentiell, dass sich die behinderte Person anderen Menschen anvertrauen und mit ihnen kommunizieren kann, wo sie hin will, was sie haben will und so weiter.

NakNak* ist eine Assistenzhündin, die spezielle Aufgaben für uns erfüllt und die auch nur von ihr erfüllbar sind.
Andere Menschen merken uns nicht an, wann wir so überreizt sind, dass ein Anfall direkt bevor steht. Andere Menschen merken uns nicht an, wie viel Verunsicherung, Angst, Verwirrung, Unklarheit und Überforderung sie bei uns auslösen (meist ja nicht mal dann, wenn wir es ihnen sagen). Andere Menschen merken uns nicht an, wann wir desorientiert im Raum sind und uns selbst nicht mehr verorten können. Und ach – so viel mehr.

Andere Menschen brauchen von uns immer immer immer mehr, als das einfache Reiz-Reaktionsmuster, an dem wir uns in unserem täglichen Leben entlang arbeiten, um halbwegs stabil und reagibel zu sein.
Unser Hund braucht ein Signal oder ein Handzeichen oder die spezifische Körperspannung, die wir haben, bevor ein Anfall uns umhaut, um zu wissen, was wir von ihr brauchen und was wann wie geht.
Wir müssen ihr nichts begründen. Wir müssen ihr nichts “beweisen” oder “ihr offensichtlich machen/zeigen”, dass wir irgendwas wirklich brauchen oder möchten. Wir müssen nicht “bitte bitte machen” und wir müssen auch nicht “danke” sagen. Sie hat gelernt auf Reize zu reagieren und fertig – den ganzen Sozialschmodder, den ein Mensch an ihrer Stelle bräuchte, braucht sie nicht – und wir sind entlastet von einem dieser tausend Löffelfresser im Alltag – denn was ein Mensch braucht, um uns gegenüber so gut gestellt zu sein, dass er uns hilft, müssten wir aus Schwällen von Worten herausraten oder wild bis strategisch drauflos versuchen. (Und all das noch genau bevor die traumabedingten Probleme mit zwischenmenschlichem Kontakt beginnen!)

Es ist kein Kompromiss zu sagen: Okay, wir versuchen es ohne sie.
Es ist eine runtergeschluckte Alltagsdiskriminierung und die Ansage an uns nach innen, dass wir mit unserer Kraft so sparsam wie nur irgendmöglich umgehen müssen, weil wir neben der Kleinigkeit “teilstationäre Klinikzeit” (und ihre Implikationen) auch noch “Barrierenkompensation Level 100” schaffen müssen.

Wir erwarten schon lange nicht mehr, dass sich Institutionen und Behörden endlich einmal mehr damit auseinandersetzen, wie barrierefrei sie überhaupt sind und welchen Stellenwert die Selbstbestimmung aller Menschen, die dort ein- und ausgehen hat. Für uns ist inzwischen total klar, dass Institutionen und Behörden dazu gezwungen werden müssen, die Hilfen und Hilfsmittel behinderter Menschen mit Brillen, Fahrstühlen und Sprachdolmetschern gleichzustellen.

Aber wir erwarten, dass nicht von uns erwartet wird so zu tun, als wäre auf das wichtigste Hilfsmittel in unserem Leben zu verzichten, ein Kompromiss.
Das ist es nicht. War es nie. Ist es nie.

Ich habe in den letzten beiden Tagen gemerkt, wie viel bewusster wir in den letzten Jahren dafür geworden sind, wo unsere Kraftgrenzen sind, was wir wie lange aushalten können und wann wir welche Art der Pause und Ruhe brauchen.
Und heute Abend merke ich auch deutlicher denn je, wie gut uns die DIS in all den Jahren davor geschützt hat, unter dem zusammenzubrechen, was “der ganz normale* Lauf der Dinge” für so viele Menschen bedeutet.
“Der normale Lauf der Dinge für die Mehrheit der Menschen” ist einer, dem wir nur mit einer DIS oder anderen wie auch immer gelagerten Abwehr- und Schutzstrategien begegnen konnten, weil er nicht für Menschen, wie uns gemacht/gedacht ist.

Die Therapeutin hatte versucht uns klar zu machen, dass es unsere Entscheidung sei festzulegen, wie viel uns dieser Versuch mit der Klinik kostet und wir haben nachwievor keine Antwort darauf, denn eigentlich ist unsere Entscheidung eine andere.
Wir müssen für uns festlegen, wie viel von unserer Substanz es kosten darf/soll/muss, auf etwas hinzuarbeiten, von dem wir bisher immer eher legendenartig gehört haben (you know diese Zauberwolke aus: “gutes/okayes Leben”, “aushaltbar_sein”, “mit sich irgendwie okay sein”, “mit dem, was man erlebt hat irgendwie okay sein”).

Ich finde das bitter.
Aber den Versuch kann es ja trotzdem wert sein.
Oder “auch wert sein”.

Fundstücke #20

Nächste Woche Montag ist der Aufnahmetermin in der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
Gestern holte ich den dazu nötigen Krankenhauseinweisungsschein und den Bericht der psychiatrischen Station ab, in der wir vor einem halben Jahr waren.

“Ph, ein halbes Jahr”, denke ich, “dann kanns mir ja nu nicht mehr soooo schlecht gehen. Wenn ich was Ernsthaftes hätte, dann hätte ich das halbe Jahr gar nicht geschafft.”.
Das denke ich, weil das gerne so hätte. Weil mich das in meinen Gedanken um den eigenen Zustand beruhigt und in Einklang zu bringen ist mit dem Gefühl, die Einzige zu sein, die sich bewegt, was verändern will, das Okaye halten und das Nichtokaye auf zu-Okayem-Entwickelbarkeit prüfen will.

Wie schon geschrieben, gehören wir zu den Menschen, die mehr Zeug tun und schaffen, je schlechter es ihnen geht. Uns beruhigt es, wenn wir mit unseren Intrusionen und anderen unkontrollierbaren Momenten nicht ohne äußeren Rahmen sein müssen. Wenn die Welt ein Oben und Unten hat, weil es etwas gibt, das einen Anfang und ein von uns (mit) zu gestaltendes Ende hat.

Kontrolle hat aber ihren Preis. Wir wirken zuweilen lieblos, kalt, unnahbar, wenig mitschwingend, strikt intellektuell und wenn wir das im Zusammenhang mit einem Moment der Kraftlosigkeit oder einem allgemeinen “Es geht mir nicht gut” erklären, dann wirkt es unglaubwürdig oder konstruiert.
Meistens, weil wir irgendeinen uns noch nicht bekannten Kommunikationsfehler machen. Manchmal vielleicht aber auch, weil man uns mitunter einfach “böse” oder “nicht so toll, wie alle immer denken, weil…” braucht.

In den vergangenen 6 Monaten haben wir viel Zeit damit verbracht zu bemerken, was für ein schwieriger Kontakt wir sind. Wie schwer es für außenstehende Menschen sein muss, mit uns umzugehen. Wie anspruchsvoll und fremd wirken muss, was wir vertreten und formulieren.
Es gab so viele Momente, in denen wiederkehrend gleiche Schwierigkeiten ohne jeden Filter bis zu uns Rosenblätter vorgedrungen sind, dass die Lage in ihrer Quintessenz nicht als verändert im Vergleich zu vor 6 Monaten erscheint.

Das bedeutet nicht, dass wir noch immer akut suizidal sind und uns aktiv darüber Gedanken machen, unser Leben zu beenden. Aber es bedeutet, dass wir bewusst spüren und uns bewusst damit auseinandersetzen, dass eine Ursache für die Auseinandersetzung mit dem Aufhören, dem “es einfach sein lassen” und dem “einfach loslassen”, nachwievor besteht und es keine Wege gibt sie zu umgehen.

Gestern habe ich also die Sachen für die Klinik abgeholt.
Zu Hause las ich dann in dem Bericht und dachte darüber nach, wie widersinnig es ist, von Mediziner_innen und Psycholog_innen beobachtet zu werden, als wäre ich ein von gesellschaftlichem und sozialem Kontext losgelöstes Individuum, während ich selbige um Unterstützung dabei ersuche, mich in den bestehenden gesellschaftlichen und sozialen Kontexten besser und/oder anders zurecht zu finden.

Etwas später dachte ich, wie widersinnig es ist mit Menschen, die unsere Behinderungen nicht als wahrhaft und aktiv mit in den Kontakt hineinspielend anerkennen, an inklusiven Projekten zu arbeiten, über unser Sein zu reden oder sich zu wünschen, sie würden sich eventuell mit uns bewegen.

Warum machen wir nur immer wieder so widersinnigen Quatsch?
Weil wir hoffnungslos leicht reinzulegen sind. Denke ich. Weil wir alles kontrollieren können, außer die Impulse, die von dem Wunsch kommen, dass sich Dinge verändern und nicht so (unaushaltbar) schwerschwierigschlimm sind, wie jetzt.
Weil sie nicht abzutöten ist – diese beknackte scheiß Hoffnung auf Erlösung, Loslassen, atmen und okay damit sein.

Man kriegt so viel verbogen und verdreht in sich, um zurecht zu kommen, sich am Leben zu halten und irgendwie immer weiter zu machen. Mit all dem Gift, das die Gewalt in uns reingepumpt hat, kommen wir klar – leben mit einer vielleicht bis zum Ende unseres Seins toxisch strahlenden Mülldeponie unter hunderten Schichten des Könnens, Machens, Wünschens und Wollens.
Aber mit dem einen Bereich, in dem es möglich ist zu glauben, statt zu wissen, handeln wir uns immer wieder Probleme ein.

Wir arbeiten viel mit Glauben, weil wir unsere Reaktionsentscheidungen nicht auf Wissen oder dem Eindruck des Wissens fällen. Wenn Menschen mit uns sprechen, dann sagen sie uns hunderte Dinge gleichzeitig, meinen aber vielleicht nur eins oder zwei. Wir raten. Orakeln und puzzeln und zupfen dann das hervor, wovon wir glauben, dass dies die Dinge sind, die sie meinen.

Wir haben uns lange eingebildet, dass wir gut in diesem Ratespiel sind, weil wir in den gewaltvollen Kontexten unserer Lebenszeit häufig gut geraten haben und das einfach gut können mussten, um nicht in den emotionalen Reaktionen auf das Bewusstsein der eigenen absoluten Auslieferung zu ertrinken.
Inzwischen haben wir bewusst, dass wir einfach Glück hatten und keinesfalls irgendwelche besonders entwickelten Fähigkeiten, die uns special beim Überleben geholfen haben.

Gewalt überlebt man, oder nicht. So einfach ist das. So einfach, schlicht und bitterkalt ist diese Realität der Gewaltopfer und die Vergangenheit der zu Opfern gewordenen.

Nur, ob das mit dem Leben genauso ist, weiß man nicht.
Leben muss man leben, um es über_leben zu können.

Und wie genau das geht, ohne dass wir Schaden nehmen, wissen wir noch immer nicht.

ein anderes Problem am Märchen vom “funktional (multipel) sein”

Die Paulines schrieben einen Artikel dazu, wie schwierig es für sie ist, in ihrer inneren Zerrissenheit gesehen zu werden, wenn sie funktional wirken bzw. so eingeschätzt werden.

Für  uns gibt es diesen Konflikt in der Form nicht. Vielleicht, weil wir nie als funktional eingeschätzt werden, sondern eher als kompetent, kritisch unnahbar, wenig empfindlich. Kurz: “Total kaputt  – aber irgendwie läufts halt.”. Wie genau wir eingeschätzt werden, wissen wir aber nicht. Wir bekommen solche Rückmeldungen nicht – oder, wenn doch, dann so, dass wir sie nicht als solche wahrnehmen.  Vielleicht doch auch ein Segen, so ein Kommunikationsmurksi zu sein – wer weiß.

Anyway – das Thema “Mimimi immer bin ich so funktional – wie schlecht es mir geht, sieht niemand” taucht immer wieder mal auf und ich habe darauf immer wieder den gleichen Reaktionspfad: “Dann sag den Leuten, dass es dir schlecht geht und sei so funktional, wie du eben bist”.
Funktionalität ist für viele Viele ein Produkt ihrer Dissoziationsleistungen und nur selten ein Produkt dessen, was sie leisten, weil sie es leisten können. Manche sagen “trotz dem, wie es ihnen geht”, während wir von uns immer wieder sagen würden “weil es uns so geht, wie es uns geht”.

Wir werden produktiver, je schlechter es uns geht, weil wir uns strikter reglementieren, je schlechter es uns geht. Menschen, die nah an uns dran sind, merken das auch. Wir reden dann mehr von Tagesplänen, Essensplänen, Strukturen im Alltag und daran, wie viel Zeit wir für die soziale Interaktion mit ihnen freimachen.
Unsere Funktionalität erstreckt sich dann völlig auf den Selbsterhalt und den Erhalt der bestehenden Projekte, Vorhaben und Sozialkontakte.

Wenn es uns gut geht, dissoziieren wir häufiger die Anstrengung des Selbsterhalts und anderer Dinge und stecken mehr Kraft in den Ausbau und die Weiterentwicklung bestimmter Dinge. Eine Falle dabei: manchmal dissoziieren wir dabei auch, dass es so etwas wie ein “uns allen im Innen geht es super gut” noch gar nicht für uns gibt und provozieren damit am Ende schnell einen Bumerang, der uns in die Kniekehlen fliegt.

Unser Problem ist selten zu äußern, dass es uns nicht gut geht, wir in uns unklar sind und uns nicht stimmig mit dem Außen erleben – schwieriger ist für uns die Anerkennung unserer Art der Funktionalität. Für viele Menschen ist es keine Funktionalität sich selbst nicht umzubringen, weil eine akute Verzweiflungswelle nach der anderen von innen nach vorne rollt und man für eine Weile denkt, das würde nie wieder aufhören.  Genauso wenig, wie es zu Funktionalität gezählt wird, sich selbst auszuhalten.
Als funktional gilt man häufig für Dinge, die das Außen als innerhalb einer Funktionalität erkennbar markiert.
“Aha – die Person arbeitet und ist damit erfolgreich = die Person ist funktional”
”Aha – die Person ist in einer geschlossenen Einrichtung, weil sie sich selbst zerstört = die Person ist nicht funktional”

Neuer Kontext an der Stelle, der sich für uns aufgetan hat: “Aha – die Person hockt nicht schaukelnd in einer Ecke und zählt auf den Boden gefallene Streichhölzer mit einem Blick = hochfunktional autistisch = also eigentlich gar nicht autistisch = also eigentlich wie ich = dann kann ich ja das Gleiche von ihr abverlangen, wie ich von mir abverlangt erlebe”
im Vergleich zu: “Aha – die Person macht keine creepy Sachen wie in Kindersprache lispelnd in der U-Bahn zu sitzen oder durch einen anderen spektakulären Persönlichkeits/Innenwechsel auffällig zu wirken = sich hochfunktional dissoziierend/multipel = also eigentlich gar nicht unter Dissoziation leidend/nicht multipel = dann ist ja keine Rücksichtnahme/Mitbedenken, dieser Problematik erforderlich”

Der Punkt ist: häufig ist “funktional” zu sein als “problemfrei” zu sein internalisiert. Als “allen äußeren Ansprüchen gerecht werden zu können”.
Die Idee der Funktionalität bewegt sich folglich häufig auch reichlich nah an einem Punkt, an dem man sich aufgefordert fühlen kann, sich selbst völlig aufgeben zu müssen, um eine Entsprechungschance zu haben.

Deshalb pochen wir immer wieder darauf, dass Menschen mit uns sprechen, wenn wir gemeinsame Projekte starten oder sonst wie miteinander zu tun haben.
Wenn sie uns nicht sagen, was sie gerade können und was nicht – wenn sie uns verschweigen, was sie von uns erwarten, weil sie es von sich selbst auch erwarten – wenn sie ihre internalisierten Vorstellungen von Funktionalität auf eine Stufe mit Selbstaufgabe und maximaler Dissoziation eigener innerer Dynamiken und Konflikte stellen, dann werden wir zwangsläufig zu einem Instrument ihrer Selbstaufgabe und manchmal auch ihrer Reinszenierung von erlittener Gewalt.

Wir haben in den letzten Tagen erst wieder erfahren, wie soziotoxisch solche nicht barrierefrei kommunizierten Ideen von Fremdwahrnehmung und als notwendig eingeschätzte Funktionalitätsperformance wirken und wie wichtig es ist, sowas an sich zu reflektieren und darüber in Kontakt zu gehen.
Während wir denken, dass es wichtig ist, seine sozialen Kontakte auch dafür zu nutzen, sowas auch zu üben, um sie gut und regelmäßig weiter entwickeln zu lassen, merken wir, dass gerade Menschen, deren äußere Performance einer durch andere Instanzen definierten Funktionalität hochgradig existenziell eingestuft wird, einen Scheiß auf unseren Kontakt geben.
Anders formuliert: sie hängen die Funktionalität, die der Arbeitgeber, die Peergroup, die für diverse Dinge substanziell wichtig ist, höher als das, was wir ihnen bieten können. Ihr wisst schon – so Kleinigkeiten wie den Blick auf das Selbst, das vor eben diesem Arbeitsgeber und dieser Peergroup keinen Platz haben kann und die Anerkennung des täglichen Kampfs um Selbsterhalt und all das.

Wir glauben nicht, dass das absichtlich passiert. Soviel Gedankenfokus sind wir diesen Menschen nicht wert. Aber es passiert und wir merken, dass es häufig damit zu tun hat, dass es zu schön ist, um wahr zu sein. Um geglaubt und angenommen zu werden.
Wie kann das denn sein, dass jemand keine Vorwürfe macht, sondern wirklich nur sagen will, was gesagt wird? Geht ja gar nicht – MUSS eine Falle sein. MUSS eine Lüge sein. MUSS naiv und dumm sein. DARF also abgewertet und weggeschmissen werden (weil: übt man ja fleißig in der Therapie – Abgrenzung!11!!1)

Inzwischen versuchen wir, unsere Kontakte zu nach außen als funktional bezeichneten Menschen zu reduzieren bzw. auf genau dieser Ebene zu belassen: der Funktionalität, an der sie sich zumindest zweitweise gern festhalten, um sich darin zu bestärken, dass sie nicht wertlos, faul, dumm, krank, behindert und kaputt sind (,wie all jene, von denen sie sich so sehr abgrenzen müssen, vor lauter Angst, das könnte auf sie abfärben).

Und daneben versuchen wir mit unserem Selbstlob offen zu sein. Versuchen sichtbar zu machen, welche Leistungen für uns Leistungen sind und welches Funktionieren für uns Funktionalität ist.
Wir versuchen nicht nur zu sagen: “Ich bestimme selbst” – wir bestimmen und bewerten unser Wirken auch wirklich selbst.
Wie gesagt – vielleicht kriegen wir Fremdbeurteilungen einfach nicht mit, weil wir so schlecht darin sind, sowas aus dem Verhalten und unachtsamer (oder ausbleibender) Kommunikation anderer Menschen zu dekodieren und erfahren deshalb nicht die gleichen Verunsicherungsfaktoren, wie andere Menschen. Trotzdem ist ja von außen sichtbar, dass es grundsätzlich möglich ist das zu tun, ohne, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt.

Nachwievor denke ich: Wenn man möchte, dass Dinge gesehen werden, dann muss man sie sichtbar machen. Und zwar so, dass andere Personen sie auch sehen können.

Ob das dann dazu führt, dass die Reaktion eintritt, die man sich wünscht oder für sich braucht, ist dann die nächste Frage. Auch darauf kann man sich nicht verlassen. Aber wenn man vor lauter Angst, es könnte eine falsche oder schwierig auszuhaltende Reaktion kommen, gleich die Sichtbarmachung des Problems oder einer Gesamtkonstitution ausbleiben lässt, dann ist das Problem nicht, dass Funktionalität als so viel toller gilt, sondern, dass nur die Funktionalität sichtbar gemacht wird.

was ‘unsere Leute’ wissen sollten

Und manchmal geht es gar nicht darum, wie dringend ich verstanden und gesehen werden möchte, sondern darum, dass ich das Moment verpasse, in dem ich meinen Impuls übergehe, zu akzeptieren, wie dringend mein gegenüber mich und das, was ich sichtbar mache, ein_fach, simpel und leicht braucht.

Unsere täglichen Über.Belastungen sind für mich so üblich, dass ich die Menschen vergesse, deren größte Nähe zu großen, komplexen Problemen, der Kontakt mit mir ist. Manchmal und mit zunehmendem Kontakt zu anderen Menschen mehr, vergesse ich, dass es für sie ein großer Schritt aus einem Kosmos, in dem grundlegend alles als okay, einigermaßen heil, ausreichend gesund und genügend sicher wahr.genommen wird, ist, mit uns in Kontakt zu kommen.

Früher hatte ich das noch bewusster als in der letzten Zeit und habe Menschen in der Folge gemieden oder mich ihrer Sphären entsprechend angepasst.
Heute merke ich an vielen Stellen, welche Folgen so eine “aber eigentlich ist ja grundlegend alles heil und okay” – Haltung hat und bin konfrontativer. Will nicht hinnehmen, wie sich der Großteil der Menschen vor der Auseinandersetzung mit durchaus und bereits in der eigenen privaten Praxis veränderbaren Problemen, scheut oder verschließt. Will nicht akzeptieren, wie viele Menschen sich für etablierte Floskeln entscheiden, auch und teilweise sogar obwohl sie wissen, welche Aussagen sie damit auch treffen, obwohl sie sie eigentlich ablehnen.
Ich will nicht akzeptieren, wie viele Missstände by the way im täglichen Lauf hingenommen werden, weil jede noch kleine Veränderung zur Zumutung mutiert. Zu diesem einen großen Schritt in einen Kosmos hinein, in dem die persönliche , als heil und okay wahrgenommene Grundlage, schlicht nicht mehr da ist bzw. durch die etablierten kulturellen Praxen als inexistent erscheinen.

Andererseits ist es für diese Menschen eben doch manchmal eine Zumutung. Eine Überforderung. Eine Belastung, die man nicht halten kann, auch, wenn man sich grundsätzlich dazu bereit erklärt hat, sie auf sich zu nehmen.
Ich verpasse das Moment schnell, weil ich schneller bin in der Erfassung und Verarbeitung all dessen, was ist. Bis Menschen verstanden haben, was ich alles mitbedenke und worauf meine Formulierung einer Problem- oder Konfliktlage basiert, bin ich schon längst in dem Prozess der Verarbeitung des Gefühls unverstanden, ungesehen zu sein. Und manchmal eben auch des Eindrucks, umgeben von Menschen zu sein, die einfach keinerlei Resonanzboden für eine gemeinsame  oder einander verstehende Kommunikation bieten, oder dem, von Menschen umgeben zu sein, die plump drauflos raten und von sich auf mich und uns schließen und das für Gegenseitigkeit halten.

Ich nehme mir oft vor langsamer zu machen. Atmen, denken, warten, Gedankenstopp.
Leider bedeutet “Gedankenstopp” bei mir noch immer “dissoziieren”, weil es denkt, wie es denken kann – egal, ob ich das bewusst halten will oder nicht.
Dabei ist der günstige Verlauf noch der, dass, wann immer ich mir sage: “Stopp ”, mein Denken die 100 Shades of “Stopp” mit all ihren Auswirkungen, eventuellen Bedeutungen in diversen (allen) Kontexten und Fragen, die sich an diesem Umstand generell entlang befinden (like: Müssen sich Tiere –> Reptilien –> [neurologischer Aufbau und erforschte Befähigungen von Reptilien] eigentlich auch in ihrer Verarbeitungsgeschwindigkeit stoppen oder verhindert ihre neurologische Befähigung dies?) bearbeitet.
Die ungünstige Variante ist, dass ich irgendwo an eine Gedankenstelle komme, die etwas Unverarbeitetes (also Traumainhalte) negativ angetriggert und mich komplett aus dem Kontakt reißt und das ist leider genau die Variante, die ich und wir am Tag mehrfach erleben.

Und ja, das bedeutet auch, dass ganz übliche Missverständnisse oder Momente, in denen man einander erst einmal auf eine Ebene bringen muss, bei uns Wechsel auslösen und damit sogar unmöglich machen, dass manche Innens (so wie ich) überhaupt je erleben, wie sich ein Konflikt oder eine schwierige Situation in eine Gegenseitigkeit oder ein thematisches Verbundensein auflösen.

Wenn man ein bisschen was übers Vielesein weiß, dann weiß man auch, dass wir Innens jeweils andere Fertig- und Fähigkeiten haben und oft auch von sich sagen: “Mein Leben ist ein ganz anderes als das der anderen.”. Vielleicht hilft meine Beschreibung solcher Kommunikationsprobleme und ihrer Folgen ein bisschen besser zu verstehen, wie es zu dieser Aussage kommt.
In meinem Kosmos gibt es Zillionen ungeklärter Konflikte, in denen ich nicht gesehen werde und mit dem Gefühl zurückbleibe, eine Lösung sei immer irre wichtig – aber nie von mir machbar, denn ich habe nie erlebt, wie sich etwas, das ich aufzeige, in gegenseitigem Verstehen löst.

Mein Kosmos ist damit auch grundlegend nicht heil und okay und auch: nicht veränderbar.
Denn auch diese Erfahrung fehlt mir. Ich bin immer wieder damit konfrontiert, dass Menschen sich dazu entscheiden diesen meinen Kosmos aus ganz unterschiedlichen Motivationen heraus zu betreten und wieder daraus zu verschwinden, aber mit mir zusammen einen gemeinsamen zu bilden funktioniert nicht.
Ich kann nicht einmal bewerten, wie das für mich ist, denn erfahren habe ich das noch nicht. Aber meine Vorstellung davon, wie es wäre gemeinsam zu sein, ist schön. Immerhin schön genug, dass ich diese Erfahrung gerne mal machen möchte.

Manchmal spüre ich die Anstrengung des Gegenübers und nehme mir vor, es in Ruhe zu lassen. Ich mache mich selbst weg und verschließe mich vor der Person. Dann gehe ich aus dem Kontakt und nehme den Konflikt mit. Ich ordne ihn mein Bild davon, wie die Welt und das Miteinander für mich funktioniert und vielleicht, durch die mir durchgehend bewussten Wiederholungen bestärkt, auch immer nur laufen kann.

Und will all diejenigen beißen, die mir erzählen, wie grundlegend okay und heil doch alles eigentlich ist.
Wenn sie beim nächsten Mal über mich stolpern.

Was sollen denn die Leute denken?

Wann immer ich auf Menschen treffe, passiert es, dass ich merke: da gibt es ein Paralleluniversum. Da gibt es ein Wertesystem, eine Einordnung dessen, was ich transportiere, eine Falle, in die ich hineintappe, egal wie zart, überlegt, vorsichtig, respektvoll, anerkennend, lieb und artig ich meine social awkward Elefantenfüße in den Kontakt halte.

Wann immer ich gegen eine falsche Einordnung angehe, gelte ich als “wehrhaft”, “aggressiv”, “störrisch”, “zickig”, “launisch”, “motzig”, “aufmüpfig”, “mutig”, “unbeugsam” oder ein anderes Innen als “monologisierend”, “intellektuell zu anspruchsvoll”, “haarspalterisch”, “kleinlich”, “anstrengend”, “viel” oder ein anderes Innen als “komisch”, “awkward”, “offensichtlich behindert”, “bedrückt”, “dissoziativ (bzw. als “sich in die Dissoziation flüchtend”), “unsozial”, “einzelgängerisch”.

Es hilft nicht und tröstet auch nicht zu wissen, dass andere Menschen meine Inhalte nicht “falsch” einordnen, sondern “anders (als ich)”. Im Gegenteil. Tatsächlich gibt es mir das Gefühl ohnmächtig und handlungsunfähig zu sein, denn was genau ich tun muss, damit Menschen mit mir gleichermaßen einordnen, was wir einander mitteilen, weiß ich nicht und wusste ich noch nie.
Was ich tue ist, dass ich immer wieder sage, dass nicht stimmt, wie mich andere Menschen einordnen. Und dann merke ich, dass die Menschen nicht verstehen, warum für mich wichtig ist, dass sie mich richtig einordnen.

99% aller Gespräche, die ich mit Menschen führe, haben etwas mit Hilfen und Unterstützung zu tun. Mit Zusammen.Arbeit und entsprechenden gegenseitigen Abhängigkeiten. Ich bin das Innen, das unsere Therapeutin als “starkes Innen, das den schwachen Innens helfen kann, weil es ja so stark (wehrhaft, aufmüpfig, mutig…) ist” eingeordnet hat.
Ich bin das Innen, vor dem andere Menschen sich fürchten oder Angst haben, weil ich es selten bis nie akzeptiere, wenn meine Probleme und Konflikte auf mich allein individualisiert werden und ich die Menschen in ihrem Anteil daran zur Mit.Verantwortung ziehe. Niemand mag mich, weil si_er sieht und versteht, wie Dinge und Momente auf mich wirken – die meisten nehmen mich hin, weil sie am Ende etwas davon haben und ich nicht das einzige Innen in diesem Einsmensch bin.

Die Konsequenz ist, dass ich überfordert und überladen werde. Immer wieder. Und damit auch immer wieder in Erinnern und Auftauchen im Alltag getriggert werde. Ich weiß nicht, was genau ich tun muss oder kann, um das zu unterbrechen. Denn, das was ich denke, was ich tun kann, tue ich. Mit inexistentem Erfolg.

Noch immer fragt die Therapeutin nach mir, wenn es einem Innen nicht sehr gut geht, ein Alltagsproblem zu klären ist oder die Idee da ist, dass es funktionales Re_Agieren braucht.
Noch immer sagen mir Menschen, ich würde Dinge falsch einordnen oder, wenn sie sich bemühen aus dem Wertungsbias rauszugehen, “anders” einordnen und “aber, eigentlich …”.

Am Ende merke ich immer öfter, wie ich in einem Kontakt stehe und Risse in mir selbst fühle, weil von all dem, was ich sage, genau nicht eingeordnet wird: “Hier gibt es ein Missverständnis. Hier gibt es ein gegenseitig falsches Einordnen. Stopp. Bitte Stopp.”.
Manchmal denke ich, dass das nicht gehört wird und manchmal merke ich, wie es als Dominanzgeste von mir eingeordnet wird, wenn ich es ganz platt durchziehe und nämlich ein Thema, eine Auseinandersetzung, einen Konflikt beende. “Aha, jetzt hab ich sie am Arsch – jetzt hat sie keinen Bock mehr zu reden. So Kindergarten, ey!”

Das sollen die Leute natürlich nicht von mir denken. Ich habe kein Interesse daran Recht zu haben, die Bestimmerin von allem zu sein oder, dass mir nur nach dem Sinn gesprochen wird. Solche Ebenen sind mir egal, weil sie für die Dinge, die mich und uns so allgemein beschäftigen keine Rolle spielen.
Sehr wohl aber spielen sie für andere Menschen eine Rolle, denn diese Ebenen bestimmen offensichtlich sehr maßgebend mit, wie was von wem eingeordnet wird.

Sitzt ein Huschi in der Therapie und sagt: “Stopp” oder verbröckelt unter einer Dissoziation, gilt es nicht als Akt des Versuchs die Situation (oder die Therapeutin dominierend) zu bestimmen (jedenfalls nicht bei unserer Therapeutin und auch nicht bei anderen Menschen in unserem Umfeld). Aber wenn ich das sage, als anscheinend normal funktionierendes Alltagsinnen, dann aber auf jeden Fall.
Mein Stopp gilt als ein anderes, als eines von einem anderen Innen und das hat nichts damit zu tun, dass ich selbst ein anderes Innen bin, als das andere. Wir werden nur jeweils anders eingeordnet. Und zwar von Außenstehenden.

Manchmal merke ich, wie ich in die getriggerte Schleife hineinkomme, in der ich nur denke: “Nein Stopp Ich will das nicht” und merke, wie ich überhaupt gar nichts weiter aufnehmen – gleichzeitig aber auch nicht herausbringen könnte.
Ich merke selbst, wie ich in so einem Moment nur darauf warte, dass es aufhört und meine Gefühle kompensiere, indem ich aktiv gegen die Einordnung des Gegenübers angehe. Ich weiß, dass ich in solchen Momenten will, dass die Leute hauptsächlich aufhören irgendwas von mir zu denken. Ich will weg sein – ich will raus aus ihrem be.denken sein – will verschwunden und unsichtbar sein – aber statt mich aufzulösen, werde ich immer fester ins Bewusstsein gekettet. Ich kriege meinen Durst, sehe diese eine Wand und merke, wie die Haut allein das Fleisch um mich herum zusammenhält. Und kann genau nichts dagegen tun oder sagen oder machen, dass ein anderer Mensch entsprechend seiner falschen Schlüsse einordnet, was mit mir ist und was bedeutet, was ich sage.

Ich merke, wie die Menschen in unserem Leben diese meine – ja Qual, ich will es nicht anders nennen, denn für mich ist es quälend und schrecklich – für einen Teil von uns halten und so einordnen. Für viele Menschen “bin ich halt so” oder “habe eben manchmal solche Momente, in denen es nervig und anstrengend ist mit uns zu tun zu haben”.
Für sie ist es nicht das Miterleben eines Flashbacks und schon gar keine Zeugenschaft meines Wiedererlebens einer Traumatisierung, die mich zur Folge hatte.

Und ja. Das ist bitter. Traurig. Schlimm. Ich empfinde mich unsichtbar in meinem Schmerz. Vielleicht auch ungehört in meinem Schmerz. Obwohl ich ihn äußere. Obwohl ich ihn nicht verberge. Obwohl ich transparent damit umgehe und immer wieder sage, was ich wie wahrnehme.
Aber ich tue es mit den falschen Botschaften. Auf meine Worte achtet man nicht. Worauf stattdessen geachtet wird, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, was genau ich wie anders kommunizieren muss. Muss ich mehr lächeln? Muss ich bestimmte Handgesten machen? Muss ich meine Körperhaltung irgendwie anders machen? Muss ich die Tonlage meiner Stimme anders machen? Oder muss ich einfach nur nicht ich sein? Ist das das ganze Geheimnis? Dass man sich einfach nur verstellen muss und ein so-tu-als-ob-Spiel veranstaltet, damit die Leute denken, was man selbst denkt?

Ist das Geheimnis des Verstanden werdens dann am Ende nicht einfach nur Manipulation? Wie echt ist ein gegenseitiges Verstehen, wenn ich gemacht habe, dass jemand denkt, was ich denke?

Was würden die Leute denken, wenn ich ihnen sage, dass ich sie mittels bestimmter Veränderungen meiner Kommunikationskanäle dazu gebracht habe, mich zu verstehen? Wie berechtigt wäre dann meine Sicht auf mich als jemand, die kein Interesse daran hat, die Einordnungen anderer Menschen zu dominieren bzw. zu bestimmen?

Weltautismustag #1

In verschiedenen Städten gibt es heute Veranstaltungen, bei denen über Autismus aufgeklärt wird und Austauschmöglichkeiten bestehen.
Wer nicht hingeht, sind wir.

Wir sind nach inzwischen 10 Monaten mit der nachwievor neuen Diagnose eher überfordert und darum herum gewirrt, als klar, selbst-sicher und orientiert.
Ich weiß nicht, ob ich über uns sagen kannwill “Ich bin Autist_in” – weiß nicht, ob ich das, was die Diagnose benennt, als Teil von Identität betrachten kannwill.
Denn, well, was meint das denn in Bezug auf uns?
Unsere andere Diagnose heißt “dissoziative Identitätsstruktur” und jeder strukturelle Huckel auf der Identitätsplattform ist ein Innen, ein Teil des ES oder DAS DA, eine Energie, eine Seele.
Autismus ist mehr Strickmuster – Identitätseigenschaft vielleicht. Oder Seinseigenschaft. Vielleicht auch Wahrnehmungs-DNA.
Der Autismus macht vielleicht auch, wer oder was wir sind – ist aber nicht, wer oder was wir sind.

Wir sind noch immer mit dem Bitternis beschäftigt, wie so wahnsinnig viele kompetente Pädagog_innen, Psycholog_innen, Psychiater_innen und Mediziner_innen übersehen konnten, dass bei uns ein Autismus vorliegt.
Es ist dem Bitternis ähnlich, wie so viele Menschen die Gewalt in unserem Leben übersehen konnten.

In vielen anderen Szenarien, etwa, wenn wir ein absolut unauffälliges, weil gut angepasstes Menschenwesen gewesen wären, das viele Freunde hatte, ein geradliniges Leben in die 30er geführt hätten – okay okay dann: okay.
Aber nicht mit dem Wort- und Wissensschatz, den wir schon als Vorschulkind hatten. Nicht mit den Intelligenztestergebnissen. Nicht mit einem Geschwist, bei dem ein Autismus bereits diagnostiziert wurde. Nicht mit über x Berichten von x Psycholog_innen und x Klinikaufenthalten noch vor Erreichen der Volljährigkeit. Nicht bei den sozialen Problemen und dieser Art der Einsamkeit als einzig durchgängige Konstante. Nicht nach all den diagnostischen Stunts, die an uns vollführt wurden.

Zwischendurch bin ich froh darum, überwiegend die Bitterkeit zu fühlen und nicht den unfassbar weiten Abgrund aus Trauer und Verzweiflung, der darunter aufklafft. Die Bitterkeit schützt mich davor, von all diesen kleinen Erinnerungsfragmenten an eine Kindheit voller mehr oder weniger großer Miss- und Unverständnisse mit mehr oder weniger furchtbaren Konsequenzen, überflutet zu werden.
Sie schützt mich vor dem Gedanken: “Es hat sich nichts verändert.” und dem logischen Schluss “Es ist nicht vorbei” (—> alles was die Traumatherapie der letzten 13-14 Jahre sagt, ist falsch)

Seit der Diagnose erweitert sich unser Blick auf die Probleme von uns als Einsmensch. Erweitert sich das Bewusstsein darum, dass wir tatsächlich eine behinderte Person sind, obwohl unser Umfeld immer wieder auf unsere Fähig-und Fertigkeiten pocht, als würde ihr Vorhandensein einen Schutz davor bieten.

Eine Angewohnheit übrigens, die auch andere autistische Menschen haben und fleißig in Austausch und Diskurse jeder Art streuen. So endete dann auch unser Versuch, sich in einem Forum für Menschen mit Asperger-Syndrom auszutauschen. Leidvergleiche und Rechtfertigung vor anderen Menschen über die eigenen Empfindungen und Schwierigkeiten – das ist nichts, was uns hilft, die Diagnose als Wort für unsere Probleme anzunehmen, geschweige denn mit den Problemen umzugehen.

Überhaupt tue ich mich schwer mit der autistischen Netzblase.
Viele machen sich derzeit stark gegen eine “Therapie” mit dem Kürzel “ABA” und manche hetzen deshalb gegen kritisieren im Zuge dessen gerade den größten deutschen Förderer von Projekten für Menschen mit Behinderungen, die “Aktion Mensch”.
Daneben teilen einige ihre Erfahrungen und manche versuchen Autismus inkludierend Tipps und Tricks zur Selbst_Hilfe zu sammeln.
Die meisten konzentrieren sich nicht auf autistische Menschen als eigenständige Individuen, sondern als Teil einer Gruppe, die für die Argumentation hergenommen wird. Häufig geht es darum, nichtautistischen Menschen etwas über autistische Menschen zu erzählen und das “Aufklärung” zu nennen.
Selbstvertretung, um der Selbstvertretung für alle willen, erlebe ich als selten.

Ich kann an keiner Stelle des Diskurses partizipieren und rede mir ein, es auch gar nicht zu wollen, damit es nicht so schmerzlich ist.
Denn, was ich merke ist, dass diese Menschen keine Amnesien für sich und ihren Alltag haben. Manche dissoziieren auch – doch nicht in dem Umfang wie wir. Sie können sich und ihr Leben halbwegs zusammenhalten, während meines einfach durch mein Denken und Wahr.nehmen hindurchnebelt und halbseidene Fäden an verschiedenen Eckpunkten hängenbleiben.

Ich habe außerdem kein Interesse daran, ein_e Aufklärer_in zu sein – ich würde lieber Erklärer_in sein. Wenn überhaupt. Irgendwann. Vielleicht.

Derzeit fühle ich mich schuldig, wenn ich Fach.Bücher von bestimmten Menschen lese, weil diese auch ABA unterstützen oder zumindest nicht offen dagegen angehen. Ich fühle mich schuldig, wenn ich mich glücklich über unsere Hochbegabung schätze und merke, wie groß ihr Anteil an unseren Kompensationsfähigkeiten ist. Ich fühle mich unsolidarisch und schlecht, wenn ich Stereotypen und Vorurteile über autistische Menschen in meinem eigenen Kopf nicht jeden Tag und immer, sondern nur hier und da aktiv dekonstruiere. Ich schäme mich dafür, wann immer ich denke: “Ja, du bist eine special autistische Snowflake – ich kommentiere das jetzt hier mal nicht weiter”.

“Die autistische Community im Netz”™ ist mein persönliches Mich-schlecht-fühl-Erziehungs-ABA.
Ich habe noch keinen Platz für mich gefunden und denke, dass sich das vielleicht auch nicht ändert.

Zum Weltautismustag wünsche ich mir Eltern in die Zukunft, die sich trauen dürfen, ihre autistischen Kinder und das Leben mit ihnen, so zu nehmen, wie es kommt. Ich wünsche mir autistische Eltern, die mit ihren autistischen Kindern so leben dürfen, wie es für sie als Familie okay zu leben ist. Ich wünsche mir autistische Helfer_innen und Therapierende, die offen mit ihrem Sein umgehen dürfen. Ich wünsche mir die Möglichkeit die Diagnostik des Autismus von Psychopathologie zu emanzipieren und als üblichen Standard in die Kindesentwicklungsdokumentation zu integrieren. Ich wünsche mir die Installation von Hilfe-und Unterstützungsangeboten für autistische Menschen jeden Alters und jeden Fähig-und Fertigkeitenlevels.
Ich wünsche mir, dass Menschen klar wird, dass sie gewaltvoll agieren, wenn sie normative Ansprüche, in welcher Form auch immer, als zwangsläufig oder unabdingbar zu erfüllen, vertreten.

Als Letztes:  Es macht mich ungeheuer traurig anerkennen zu müssen, das bestimmte Dinge für uns vielleicht immer schwierig sein werden.
Ich möchte lernen mich vor dem Trost anderer Menschen vor diesem Umstand zu schützen. Ich möchte, dass es mich nicht mehr umwirft, wann immer Menschen versuchen mir zu sagen, wie sehr man sich an die unterschiedlichsten Herausforderungen gewöhnen kann, um sich und mich zu ermutigen oder zu trösten.