Rechte haben

“Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.”.
Das war ein Satz, den ich Anfang der 2000er auf einer Demo aufgeschnappt hatte. Artikel 3 der allgemeinen Menschenrechtserklärung.
Damals war ich 14 oder 15 Jahre alt und begann mit “politischen Leuten” abzuhängen. Sozialistischen Leuten. Klar. Alle anderen waren Nazis oder nahe dran Nazis zu sein. Wenn man 14 oder 15 Jahre alt ist und in Ostdeutschland lebt, liegt es nahe die politische Landschaft so zu sehen.

Meine Leute hatten Namen wie “Schraube” oder “Henne”, trugen das letzte Hemd und standen am Wochenende lange in der von Touristen durchflossenen Innenstadt um Unterschriften gegen Globalisierung und Kapitalismus zu sammeln. Meine Leute waren transparent und konsistent. Sie haben mir nie irgendeine Falle gestellt, mich gedemütigt oder mir Fragen unbeantwortet gelassen.
Dass die allgemeinen Menschenrechte auch etwas mit meiner Lebensrealität zu tun haben, wurde mir durch unseren Kontakt jedoch nicht zugänglich.

Wir arbeiten bis heute daran uns als Mensch anzunehmen und einzuordnen.
Das ist der Schritt, den man getan haben muss, um die Menschenrechte mit sich in Verbindung zu bringen und der Schritt, der in unserem Fall ein großer ist.
Was für manche Menschen vielleicht schwer zu verstehen ist.

Wir haben kein Bild von uns als Tier oder Alien oder haben die Idee, dass wir ein göttliches Wesen sind. Wir sind nur nicht so selbstverständlich wie die Mehrheit in dem Bewusstsein ein Mensch unter Menschen zu sein.
Wir sind nicht einmal selbstverständlich damit von Menschen umgeben zu sein. Oder Teil einer Gemeinschaft zu sein, die mehr als eine Funktion hat bzw. vertritt.

Das ist eine Traumafolgestörung und unser Strickmuster.

Es ist schwierig diesen Text zu beginnen, denn es gibt viele mögliche Anfänge.
Ich beginne deshalb mit dem Satzteil, der uns am Besten ausdrückt, was wir da erleben: “aus der Welt gefallen sein”

Diesen Satzteil habe ich aus einem Bericht einer traumatisierten Person über sich und ihr Gefühl der Abtrennung nach einer schweren Gewalterfahrung und fand seitdem immer wieder ähnliche Formulierungen.
Viele Menschen, die nicht wie wir von Anfang an mit Gewalt auf.gezogen wurden, erlebten Gewalterfahrungen als etwas Außeralltägliches. Als etwas, das aus ihrem Leben heraussticht oder hineingreift. Eine Kluft auftut oder eine Mauer aufschichtet. Für viele passiert da eine ganz klare Grenze zwischen Vorher und Nachher. Zwischen Gut und Böse. Opfer und Täter_in. Zwischen Trauma und Normal.

Die Welt, von der sie sich getrennt erleben, ist die der Selbstverständlichkeit von Leben, Freiheit und Sicherheit der eigenen Person.
Denn das ist, was Gewalterfahrungen nehmen. Das Gefühl selbstverständlich heil zu sein, teilzuhaben, mit.einander zu sein.
Für manche Menschen sind es erst Gewalterfahrungen, die Gefühle von Demut für das eigene am Leben sein anstoßen.

Und wir?
Wir sind an dem Punkt, an dem wir sehen, dass es das für uns nie gab. Das Selbstverständnis von Ganzheit,  heil sein, sich ganz und gar mit Äußerem verbunden zu fühlen.
Als Jugendliche_r hat uns angetrieben wissen zu wollen, wie Leben ist, denn es hat uns fasziniert, dass zu leben ein relativer Zustand ist.
Das ist, was Depressionen und dissoziative Zustände geben können. Die Erkenntnis, dass man auch im Leben tot sein kann. Dumpf. Leer. Taub. Nichts.

Für uns ist es bis heute nicht normal, morgens in einem Bett aufzuwachen und zu wissen, dass wir uns grundversorgen können, ohne dabei beobachtet und kontrolliert zu sein. Es ist für uns nicht normal zu wissen, dass wir leben und Dinge tun können, wenn wir das wollen (und können).
Wir haben kein “vor dem Trauma” im Leben und auf eine gewisse Art trennt uns das von viel mehr als nur einem Normal, das keine Gewalt an uns enthält.

Es gibt so etwas wie ein allgemein gültiges Universalwissen in Gesellschaften. Soziale Konsense. Mehr der weniger klare Antworten auf Elementarfragen und –probleme. Dinge, auf die sich die meisten der Menschen einigen können – selbst dann, wenn sie sie nicht aussprechen.
Die meisten Menschen wissen einfach, dass sie leben. Dass sie Schutz brauchen. Dass sie Versorgung brauchen. Dass sie Nähe und Wärme brauchen. Für die meisten Menschen sind die eigenen Bedürfnisse keine Definitionsfrage, wie sie das für uns sind.

Wir finden uns immer wieder in Fragen und Zweifeln. In Unsicherheiten über die Räume und Zeiten, in denen wir uns bewegen. Sind froh, wenn wir einen Konsens für uns allein, in und für irgendeinem Zeit_Raum er.schaffen können.
Manchmal ist es leicht sich aus diesen Zweifeln zu lösen. Zum Beispiel, wenn sich diese durch alte Gewaltwahrheiten entwickeln.
Manchmal funktioniert es aber auch nicht. Zum Beispiel, wenn uns die Welt infrage steht, weil ein Essen komisch guckt oder wir uns mal wieder inmitten eines schwarzen Lochs zwischenmenschlicher Kommunikation befinden.

Für die meisten Menschen, die wir kennen ist Menschlichkeit etwas, das sich aus einem inneren Kern durch Handeln nach Außen zeigt. Als Barmherzigkeit, Wohltätigkeit – allgemeiner: eine Versorgung und Zuwendung, die lebenserhaltend oder –nährend wirkt. Manchmal geht es aber auch um Faulheit, Opportunismus und Rücksichtslosigkeit.
Für uns ist Menschlichkeit ein Status, den wir erst durch dieses Handeln erreichen können. Wir erleben keinen urmenschlichen Kern in uns.

Menschlichkeit ist für uns also mehr Ziel als Basis.
Und das ist eine der Klüfte im Ist und Passieren, die wir spüren.

Seit der Auseinandersetzung mit Autismus und dem differenzialdiagnostischen Abfuck, der mit daran hängt, fragen wir uns, welchen Ursprung das Gefühl des ewigen Andersseins denn “eigentlich wirklich” hat und erleben eine immer wieder aufwallende Verzweiflung darüber, dass wir keine Antwort in uns selbst dazu finden können.
Denn mit Autismus wird man geboren und mit genau diesem Zeitpunkt hat vermutlich auch schon das begonnen, woraus sich die Traumata entwickelten, die wir heute aufzulösen und zu verarbeiten versuchen.

Wir haben keine Sicherheit und Konsistenz über uns selbst. Wie sollen wir sie in Verbindung mit Äußerem haben?
Woraus soll sich so das Wissen oder die Überzeugung entwickeln, verbunden und mitgemeint zu sein, wenn es zum Beispiel um so etwas wie die Menschenrechte geht?

Weiter geführt zu dem Komplex um Wiedergutmachung, Genugtuung, Recht und Gesetz.

Wir haben uns vor Jahren darüber informiert, ob ein Antrag auf Leistungen nach dem OEG (Opferentschädigungsgesetz) für uns Sinn hat.
Wie so vieles, was wir nach dem Verlassen der Herkunftsfamilie beantragt haben, war auch das nicht wirklich etwas, das wir mit uns in Verbindung gebracht haben. Es ist etwas, das uns als mit uns in Verbindung stehend aufgezeigt wurde, nachdem man wusste, dass wir Gewalt erfahren haben.

Es war das gleiche Muster, wie das, was uns ursprünglich in Therapie brachte. Die Idee, dass es nötig sei, um heil zu werden. Ein normales Leben führen zu können. Alles wieder gut zu machen. Weil wir Gewalt erfahren haben.

Immer wieder geraten wir an Menschen, die nicht uns sehen, sondern ihre Ideen von uns als jemand, di_er Gewalt erfahren hat (oder viele ist oder oder oder…).
Zum Beispiel die Idee, dass Wiedergutmachung für uns möglich ist.

Wir wissen aber nicht, was genau das meinen soll. Was genau ist denn schlecht und könnte wieder gut gemacht werden?
Könnten wir eine gute Herkunftsfamilie bekommen? Könnten wir die guten Bildungschancen wieder bekommen? Könnten wir die Schäden aus psychiatrischen Behandlungen wieder gut gemacht bekommen? Könnten wir die Schäden aus 10 Jahren Hartz 4 wieder gut gemacht bekommen? Könnten wir die Löcher im Lebenslauf durch frisch sanierte Lebensabschnitte ersetzt bekommen?

Oder geht es um uns? Sind wir das Schlechte, das passiert ist? Diesem sogenannten Menschen, als der wir von allen gesehen werden, die heute in unserem Leben sind. Sind wir der Schaden? Das Kranke, das Wiedergutzumachende?

Diffizile Frage, nicht wahr?
Man müsste uns Innens, die wir fühlen und denken, autark handeln und re_agieren, die wir Weltbilder und innere Überzeugungen haben, zur Krankheit degradieren und damit vertreten, dass der Rechtskörper, um den es bei einer juristischen Auseinandersetzung geht, nichts weiter ist als ein Fleischsack mit Krankheit drin.

Für manche Menschen ist es ein positiver Ansatz eine DIS als Ergebnis schwerer Gewalterfahrungen zu sehen. Diese Sicht folgt dem Drang nach Sinn und Kongruenz, den wir im vorletzten Artikel bereits beschrieben haben.
Im Rahmen von Opferentschädigung jedoch ist eine DIS (so sie denn anerkannt wird) ein entstandener Schaden.

Im Rahmen unseres Lebens und Seins jedoch ist es einfach nur so da.
Es ist weder die großartig tolle Selbstrettung zu der sie manche Therapeut_innen erheben, noch die zerschmetterte Seele von der all jene sprechen, die den Verletzungen dahinter mehr Gewicht geben wollen.

Wir finden uns normal. Sehen nichts schlechtes oder kaputtes in unserem Sein.
Wir sehen, dass wir heute dysfunktional sind. Heute, wo alles anders ist. Heute, wo “Danach” ist.

Für manche von uns ist genau das der Schaden. Dass heute “danach” ist. Dass es vorbei ist und so nie wieder passieren wird.
Für sie ist der Lauf der Dinge kaputt. Ihre Welt zerschmettert. Und es gibt nichts, was wir für sie in irgendeiner Form “wieder gut” machen können, denn ihre Verluste sind absolut und tiefgreifend.
Sie haben nicht nur sich selbst in Verbindung mit der Außenwelt verloren, sondern auch die Außenwelt. Die Familie*, die Familie°, die Freunde, den Sinn, die Vision und bestimmte Selbstverständlichkeiten.

Aber sowas kann man Menschen oft nicht begreiflich machen.
Wie wenig schlimm es sich auch anfühlen kann, ein Leben lang miss.be.handelt und ausgenutzt worden zu sein. Und zwar nicht, weil man sich einen Schmerz daran verbietet oder sich diesen Umstand schön redet, sondern, weil man es nicht anders kennt und als ganz üblichen Bestandteil der eigenen Existenz in sich trägt, wie andere Menschen die schönen Erfahrungen, mit denen sie aufgewachsen sind.

Wir haben den Antrag auf Leistungen nach dem OEG nie gestellt.
Genauso wie wir nie eine Anzeige erstattet haben und nicht vorhaben das je zu tun.

Das haben wir nicht getan, weil wir die Gewalt nicht in einen Kontext mit dem Strafgesetzbuch bringen können. Oder, weil wir kein Interesse daran haben, andere davor zu schützen oder zu bewahren, was uns passiert ist. Oder, weil wir glauben, dass, was uns passiert ist, eigentlich etwas Gutes und Richtiges war.
Es geht darum, dass wir sehen, dass das Eine einen Scheiß mit dem Anderen zu tun hat.

Wir würden eine Anzeige erstatten, wenn wir wüssten, dass es um Weiterentwicklung geht.
Wir würden eine Anzeige erstatten, gäbe es so etwas ein Vergebungsgesetzbuch.

Ein Gesetzbuch, das den Prozess der Vergebung regelt und jedes Interesse an Weiterentwicklung von Täter_innen, wie zu Opfern gewordenen Personen unterstützt, schützt und/oder überhaupt möglich macht.

Denn das ist, was uns fehlt.
Die Option selbst einzufordern, dass die Täter_innen sich mit ihrem Handeln bzw. dessen Folgen auseinandersetzen. Und zwar nicht auf einer Ebene der Strafen und Bußen – denn davon hat niemand mehr als Macht aus Gewalt, die ihrerseits überhaupt erst Täter_innen und Opfer er.schafft – sondern auf der Ebene, der Entwicklung zu einer Person, die selbst keine Gewalt mehr ausüben will und/oder muss, weil ihr das Bewusstsein darum, wen diese trifft und welche Folgen (für die man die Verantwortung übernehmen muss) das haben kann, nicht mehr abhanden kommt.

Zuwendungen an Personen, die zu Opfern wurden, sollten nicht nur aus Einmalzahlungen und Opferrenten bestehen. Gerade dann nicht, wenn die zu Opfer gewordenen Personen solcherlei Anträge nicht für einen gesetzlichen Opferstatus und Opferrente, sondern für gesicherte Bildungschancen, bedarfsgerechte Gesundheitsbehandlungen, gesellschaftliche Teilhabeleistungen, politisches Gewicht und Anerkennung als normaler (as in „legitimer“) Teil der Gesellschaft stellen.

Die meisten zu Opfern gewordenen Menschen, die ich kenne, haben kein oder nur sehr wenig Interesse an Rache oder Vergeltung. An Strafen oder Erniedrigung der Täter_innen. Die meisten kämpfen um ihr Weiter.Leben. Um Alltag, um Zukunft. Um sich selbst und darum, nicht immer wieder von der eigenen Geschichte eingeholt und behindert zu werden.

Wir denken uns heute manchmal, dass wir unsere Therapie von den Täter_innen zwangsbezahlt bekommen haben wollen. Unsere Assistenzbedarfe von Ihnen gedeckt haben wollen. Alles bezahlt haben wollen, was unser Hartz 4 – Regelsatz nicht abdeckt.
Wir wollen all die Optionen, die sie damals gehabt haben, umgegolten auf Optionen, aus denen wir heute wählen könnten.
Dabei geht es uns um Ausgleich. Nicht um “ausgleichende Gerechtigkeit”.
Die werden wir im Leben nicht herstellen können, denn die Gewalt kennt keine Gerechtigkeit.

Wir tragen schwer daran, die Dinge so hinnehmen zu müssen, wie sie sind. Hadern manchmal noch damit keinen Kontakt mehr zur Herkunftsfamilie zu haben und zu wissen, dass wir es sind, die sich seit 15 Jahren damit auseinandersetzen, was damals passiert ist und welche Wirkung es auf und in uns hatte – und nicht sie.

Ich könnte vor ohnmächtiger Wut aufschreien, wenn ich daran denke, was für eine lange Zeit der unnötigen Not wir durch- und überleben mussten, um dahin zu kommen, wo wir heute sind – während in unserer Familie* nachwievor die Erzählung ist, dass wir die undankbare, kranke, verrückte Tochter sind, die Behörden und Behandler_innen anlügt und von der auch sonst nichts mehr zu erwarten ist, als die Enttäuschung, die sie schon immer war.

Das ist einfach ungerecht und etwas, womit zu leben bedeutet, nichts anderes zu haben als “danach”.

Ein Danach, in dem wir zum Prozess gezwungen sind – und nicht sie.
Ein Danach, in dem wir völlig allein für uns selbst einstehen müssen, weil wir uns niemals darauf verlassen können, dass sich irgendjemand so sehr mit uns verbunden fühlt, wie es die eigene Familie idealerweise tut.

Unser Danach ist eins für das wir allein verantwortlich gemacht werden, weil wir das Davor abgelehnt haben.

Das wirkt sich auf uns bisher wie eine Strafe auf Lebenszeit aus.
Denn wir haben nichts als unser Leben selbst damit gewonnen, auszusteigen und wegzugehen.

Für uns ist das tatsächlich auch kein Gewinn, denn am Leben waren wir auch vorher. Es war ein Leben in manchmal lebensbedrohender Gewalt, ja – aber es war kein Leben mit Bittstellerbriefen, Bettelanträgen und Gekrieche um Hilfe und Unterstützung, um nicht in lebensbedrohliche Umstände zu geraten. Es war kein Leben, in dem jeder Cent zählt und auch kein Leben, in dem jede Entscheidung allein getroffen und getragen werden musste, nicht wissend, was passiert, wenn man nicht mehr kann.

Es war nicht besser. Es war nicht schlechter.
Es war anders und es war das Leben, das wir nun einmal hatten, weil wir es hatten. Einfach so.

Das Leben heute haben wir gewählt.
Und manchmal schwappt die Reue hoch. Bedauern. Trauer. Der Gedanke, dass das alles falsch ist. Eine Lüge, auf die wir reingefallen sind und die uns noch bittertief schmerzen wird.
Damit umzugehen ist nicht einfach. Und in einer Gesellschaft zu leben, die solche Gedanken und Ideen auch nicht von außen entkräftet, ist dabei nicht hilfreich. Im Gegenteil.

Häufig werden Menschen, die ihre Gewalterfahrungen mit.teilen verhöhnt und gedemütigt. Vielen wird nicht geglaubt, die meisten erfahren auf dieses Moment des Mit.Teilens erneut Gewalt, über die Relativierung und ausbleibende Anerkennung der persönlichen Auswirkungen der gemachten Erfahrungen.

Wie oft zu Opfer gewordenen Menschen der Vorwurf gemacht wird, sie würden ihre Erfahrungen nur für Aufmerksamkeit teilen, macht mich lachen und weinen zugleich. Denn was soll man bitte sonst tun, damit man später nicht gesagt bekommt, man hätte ja nie irgendwas gesagt? Oder sich dem Vorwurf entgegenstellen muss, “nur” ein schweigendes Opfer zu sein. Oder damit auseinandersetzen zu müssen, dass ja alle Menschen immer so unsicher sind, wie mit Menschen umzugehen sei, denen Schwieriges passiert ist, weil ja NIEMAND mal ENDLICH OFFEN ausspricht, wie es WIRKLICH IST.

Aber darum geht es am Ende doch wieder gar nicht.
Es geht darum, dass zu Opfern gewordene Menschen auch Zeugen und Zeugnis der Gewalt sind, der man sich so gern nicht widmen möchte, dass man sie so weit es geht ausblendet.
Sie werden aber auch zu einem Denk.mal für Unterlegenheit gemacht. Eine Erinnerung daran, dass niemand immer alles Schlechte, Schwere, Schlimme von sich fernhalten kann.

So können wir am Ende immer wieder nur sagen, dass es sich für nichts außer den eigenen Prozess lohnt, gemachte Gewalterfahrungen und Erfahrungen des Umgangs damit mit.zu.teilen. Denn: Menschen, die wahr.nehmen, was man da sagt, werden reagieren und diese Reaktionen sind nur selten, die die gut tun, helfen oder “sich lohnen”.

Wir haben selbst jetzt nach 9 Jahren der Selbstvertretung in Form des Blogs noch immer das Problem, dass die meisten Leser_innen nicht einmal begreifen, dass das hier kein Literatur-Lifestyle-fancy Kunstzeug-Roman ist, sondern ein politisches Statement, ein offenes Aussprechen, eine reale Er_Lebensrealität, die mit.geteilt wird. Manche verstehen auch nicht, dass es uns nicht darum geht, für Menschen mit DIS zu sprechen. Und immer wieder erreichen uns Fragen, die zu beantworten für uns viel zu weitreichende Verantwortungen nach sich ziehen.

Sich als jemand di_er Gewalterfahrungen gemacht hat nicht zu verstecken, sondern einfach nur da zu sein, ansprechbar zu sein und für sich und das eigene Er_Leben zu stehen, macht so viel aus und wird doch so oft nicht einmal als das wahr.genommen, was es ist. Und das ist doch krass, oder nicht?

Manchmal denken wir, dass wir uns hier verändern müssten. Denken, dass wir uns zu einer Art Entrepreneur_in für Trauma und Folgen machen müssten.
Einfach, damit es sich mehr lohnt. Auch finanziell.
Aber was wäre das dann? Das wäre der fünfigstmillardste Aufguss von Therapeut- und Mediziner_innenerkenntnis. Amateurisiertes Profitum für etwas, das nicht von oder aus uns selbst kommt, sondern aus ICD 10 und DSM 4. Geil. Much authentisch. Very insightful.
Nicht.

Das ist auch nicht, was die meisten Menschen suchen, wenn sie “Trauma” oder “Viele sein” googeln.
Die meisten suchen sich selbst oder jemanden, den_die sie kennen. Suchen Hoffnung auf Besserung, suchen Antworten auf Fragen, die sich selbst noch nicht richtig stellen können. Und so viele suchen nach Hilfe und finden doch eher unser Blog als irgendeine Stelle, die sie einfach anrufen können, um zu bekommen, was sie brauchen.

Wir können das Gesuchte mit dem, was wir hier tun, meistens in keinster Weise geben – aber mit unserer Präsenz zeigen wir an, dass sie nicht allein sind. Dass wir schon hier sind und von wo gekommen sind. Dass wir Dinge beobachten und sie gern anders hätten. Was wir worüber denken und, dass in uns mehr passiert als Elend, Not und Bedürftigkeit.

Für uns ist das viel und meistens auch genug.
Und gemessen an der Präsenz, die das Thema “Leben nach massiver Gewalt” oder “Leben nach der Missbrauchsschlagzeile” oder “Leben mit DIS” oder “Leben mit Traumafolgen nach Gewalt in der Familie” insgesamt hat, ist es ein Riesending.
Unser kleines Blog von Vielen voller Tippfehler, fehlender Satzenden und willkürlich auf die Texte gestreuselter Kommas.

Unser kleines Blog, das schon so lange da ist und bleibt und wartet und ist, wenn wir sind.
Es ist eine erhebende Erfahrung so wichtig für etwas zu sein. Wenn wir nicht wären, wäre dieser 1.241 Beiträge-Koloss nicht und das fühlt sich gut an.
Für solche Gefühle lohnt sich da zu sein.

Für das Gefühl für etwas wichtig zu sein, das dann vielleicht irgendwann für irgendjemand auch wichtig ist.

Manchmal bringt mich das Gefühl näher an Menschen.
Und dann verstehe ich, warum man allen Rechte dazu einräumt sich selbst und andere Menschen so zu erleben. So miteinander und nah.
Und warum man das sicher haben will.

Warum ich und wir uns von diesen Rechten nachwievor nicht so verbunden fühlen, wissen wir selbst noch nicht.
Vielleicht aber irgendwann.

adultistischer Ableismus und Kinderinnens

Wir haben ein Problem an dem Umgang mit Kindern.
Das macht unsere Texte über Kinderinnens oft zu einer unflauschigen Angelegenheit.
Zu Beginn schreibe ich hier über Außenkinder, um die Abgrenzung aber auch den Bezug zu Innenkindern (Kinderinnens) deutlich erkennbar vorzunehmen.

Ziemlich stark ist in uns die Ablehnung von Kindern als “die Zukunft”.
Und richtig kirre macht uns der west-wohlstandsgesellschaftliche Blick auf Kinder, in dem sie so kostbar sind, dass man sie 24/7 fördern muss, damit sie auch nur den Hauch einer Chance haben, den übersteigerten Erwartungen und Ansprüchen der Generationen vor ihnen in irgendeiner Form nachzukommen.

Kinder können ja nix. Sie sind ja immer gefährdet. Man muss sie schützen. Man muss sie bewahren. Kinder sollen die Erwachsenen mal machen lassen, damit diese ihnen “das Beste” antun können. Damit Erwachsene noch immer mehr Gründe haben, weitere Forderungen als legitimiert einfordern können.
Und selbstverständlich wissen nur Erwachsene, was genau “das Beste” eigentlich ist.

Adultismus ist das Wort dazu.

Adultismus ist ein Kind des Ableismus und gehört also zur Familie der Scheiße-ismen, die das zwischenmenschliche Miteinander unserer Gewaltkultur vollständig durchdrungen haben.
Es geht um Macht und damit auch um Gewalt.en.
Im Falle des Adultismus, geht es um die Macht bzw. die Diskriminierungen, die erwachsene (dezidiert umfänglich befähigte) Menschen über noch nicht erwachsene (also (in der Mehrheit der Fälle) aufgrund des anderen Reifegrades anders umfänglich befähigte) Menschen inne haben und ausüben.

Diese Macht bzw. diese Diskriminierung manifestiert sich in normalisierten Handlungen, gleichzeitig aber auch in Handlungen, die gesellschaftlich abgelehnt werden.
Es ist üblich Kinder einfach so zu einzuordnen und zu reglementieren, ohne sie zu fragen. Und selbst in Familien, die Wert darauf legen, dass die Kinder ihre Grenzen selbst festlegen dürfen, gibt es X Ausnahmesituationen, in denen ebenjene Grenzen aufgeweicht werden, um etwas durchzusetzen, das als “das Beste” für das Kind verstanden wird – ohne, dass das Kind ein Bestes für sich definieren kann oder darf.

An dieser Stelle will ich nicht auf “Ja, aber Kinder können doch noch gar nicht wissen/entscheiden…” eingehen. Denn: Ja mag sein, dass ich keinen Konsens mit einem einjährigen oder dreijährigen Kind über eine Impfung aushandeln kann – aber ich muss mein übergriffiges Handeln nicht damit rechtfertigen, dass ich mehr weiß oder mehr kann, als mein Kind und leugnen, dass ich an der Stelle gerade etwas entschieden habe, weil ich das konnte und wollte und sollte und vom Gesetz zugestanden auch: durfte – und das Kind nicht.
Es ist nur ehrlich und fair, wenn ich an der Stelle transparent um mein Handeln bin und so dem Kind ermögliche (im Rahmen der zu dem Zeitpunkt bestehenden Möglichkeiten) zu erkennen, was da gerade passiert ist, um selbst eine Einordnung vorzunehmen.

Für die Kinder in dieser unserer Gesellschaft gibt so wenig frühe Chancen, die Erwachsenen um sich herum und deren Handeln auch mal scheiße zu finden, ohne selbst sofort um Leib und Leben fürchten zu müssen. Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass Kinder niemals in der Lage sind ganz und gar autark zu meinen oder zu finden oder zu urteilen. Und folglich auch: zu fordern oder zu wollen.
Was im Zusammenspiel mit den wenig geschätzten Fähig- und Fertigkeiten überhaupt erst zu ebenjener Abhängigkeit vom “good will” der sozialen Umgebung führt, die allgemein mit Kindern in Zusammenhang gebracht wird.

Wie gesagt: Wir müssen nicht darüber reden, dass Kinder nicht die 20 Sahnetorten haben können, die sie gerne hätten.
Aber wir müssen darüber reden, aufgrund welcher Machtstrukturen es die erwachsenen Menschen sind, die ihnen diese Sahnetorten verwehren und was das für die Realitäten der Kinder bedeutet.

Aus Kindern, die in adultistischen Umfeldern aufwachsen, werden Erwachsene, die eine spezifische Sicht auf die eigenen Fähig- und Fertigkeiten internalisiert haben und, die sie folglich immer entlang von Autoritäten oder in Abgrenzung zu versagen/scheitern/noch nicht können, definieren.
Ein Marker dafür kann die ständige Ausrichtung auf die Zukunft der eigenen Fähig- und Fertigkeiten sein.
Ein kindliches: “Wenn ich groß bin, dann …”, kann zu einem erwachsenem: “Wenn ich meine Koch- und Backskills als Masterdiplom of the universe schriftlich mit Brief und Siegel hab, dann…”, werden.

Gleiches gilt für die Bewertung eigenen Handelns.
”Wenn Mama/Papa/Lehrer_in/Doktor_in/Richter_in/Bürgermeister_in/Bundeskanzler_in… sagt, was ich gemacht hab, war gut/schlecht, dann… ”.

Adultismus ist ein wichtiges Instrument der Kontrolle über Menschen.
Im Kontext der konkret körperbezogenen Gewalt an Kindern, kommt es so zu einer ganzen Reihe von Diskriminierungsfaktoren, die auch nach der Tat bestehen bleiben und so verhindern können, die strafbare Gewalt durch Erwachsene von der legalisierten/normalisierten Gewalt abzugrenzen.

Aus so miss.be.handelten Kindern, können folglich Erwachsene werden, die zum Einen den adultistisch-ableistischen Blick auf sich internalisiert haben, zum Anderen aber auch eine diffuse Haltung gegenüber der Frage, welches Verhalten wie übergriffig ist und welches Verhalten womit zu legitimieren oder begründen sein könnte.

In der Auseinandersetzung mit Kinderinnens haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Idee vom erwachsenen Menschen eine ist, die einem Kind immer und in jeder Situation überlegen ist. Aufgrund der jeweiligen Fähig- und Fertigkeiten.

Die Schieflage ist uns gefallen, nachdem wir die gleiche Haltung uns gegenüber von Mediziner_innen und anderen Behandler_innen erlebten, die sich uns überlegen fühlten, weil sie diverse Fähig- und Fertigkeiten, als bei uns fehlend oder “krankhaft” eingeordnet hatten.
Nachdem wir in unseren früheren Lebenskontexten festgestellt hatten, dass man uns als weniger wert einordnet, weil wir bestimmte “Leistungen” nicht erbringen konnten.

Diese Parallele mit “Ableismus” beworten zu können, ist etwas, das uns heute sehr stärkt. Denn es gibt uns ein Wort für die Dynamik selbst, ohne näher an die Personen, die so mit uns interagiert haben, herantreten zu müssen.

Mit dem Verständnis des Ableismus haben wir auch ein Werkzeug zur Erkennung von Umfeldern, in denen wir sicher sind, in denen wir wachsen und werden können. In einem Umfeld, in dem wir unsere eigenen Fähig- und Fertigkeiten entwickeln können, ist genauso viel Raum zum Versuchen, wie zum Scheitern.
In Umfeldern, wo unsere Fähig- und Fertigkeiten beobachtet werden, um anhand von Leistungs- und Beurteilungsschemata eingeordnet zu werden, gibt es weder Versuchen noch Scheitern. Dort gibt es eher “Daumen hoch” oder “Daumen runter”, wie damals in Cäsars Arena. Was einer DER Trigger für komplex traumatisierten Menschen ist.

Für einen komplex traumatisierten behinderten /Menschen/ mit Behinderungen ist letzteres Szenario also zwangsläufig wie eine durchgehende Gewalterfahrung(swiederholung).
Denn sowohl die Gegebenheiten, welche die Behinderung letztlich verursacht, als auch die Traumatisierung, die gewisse Anpassungen abverlangt (und ihrerseits zu Gegebenheiten führt, welche Behinderungen (mit)verursachen), erfordern häufig Leistungs- und Beurteilungsschemata, die anders aufgebaut sind, als jene, die an Menschen ohne diese Eigenschaften angelegt werden.

Im Ableismus ist der normale Mensch, dem man mit Respekt und unter Wahrung seiner Würde begegnet, “gesund”, “reif”, “kognitiv umfassend befähigt”, “körperlich voll funktionsfähig”.
Das “gesund”, “reif”, “kognitiv umfassend befähigt” und “körperlich voll funktionsfähig” behinderter Menschen – aber auch von Kindern – ist grundsätzlich ein anderes. Jedoch nicht, weil geforderte Leistungen auf einem anderen Weg erbracht werden – nein. Die Notwendigkeit einen anderen Weg zur Erbringung einer Leistung gehen zu müssen, ist bereits ein Ausschlusskriterium von der Norm.

Mich hat diese Erkenntnis damals schockiert. Nicht zuletzt, weil sie mir damals schon – mit 14/15, als wir zum ersten Mal in einer KJP untergebracht waren – aufzeigte, dass mir die kleine Welt, in der ich lebte, ein Ort ist, der mich wegstößt, isoliert und als noch einmal anders, als ich mich selbst anders erlebte, wegsortiert. Nur, weil meine Art mit dem umzugehen, was mir passiert war, ein anderer Weg war, als der von all den anderen tausenden Menschen, die das Gleiche jeden Tag erlebt haben.

An dieser Stelle ein kurzer Ausschwiff.
Wir haben vor Jahren einmal einen Artikel geschrieben, in dem wir sagten, dass es im “DSM-Rosenblatt” keine Krankheiten gibt, sondern nur Reaktionen.
Heute würden wir sagen, dass wir keine Krankheiten sehen, sondern Reaktionen und spezifisch begründete Wege zum Ziel.
Gesundheit ist ein ableistischer Machtbegriff. Gerade, weil in der Betrachtung dessen, was als “krank” (aber auch “behindert”) gilt, weder die Menschen als grundsätzlich variable Basis, noch ihre Er_Lebenswege als unterschiedlich begehbar anerkannt und angenommen werden.

Hinzu kommt die Problematik, dass kritische Bildung in Psychologie, Psychiatrie und Medizin so leicht zu umgehen ist.
Ans akademische Ziel kommt es sich bequemer, wenn man die eigenen (ableistischen, sexistischen, rassistischen…) Annahmen als gegeben und einzig verifizierbar etabliert.
Das heißt: wenn man sich eine Idee macht und dann nur noch nach Beweisen dafür – und nicht dagegen – sucht.
Kritische Bildung (also eine Idee zu entwickeln und alle Hinweise dafür und/oder dagegen in die Ergebnisse fließen zu lassen) könnte zu Wisssenschaftler-/Behandler_innen führen, die zu arbeitsintensiven Forschungs-/Diagnose- und Behandlungsphasen führen.
Oh Schreck.

Kapitalismus und wirtschaftlich orientierte Räume, wie Krankenhäuser und andere Orte psychiatrisch, psychologischen oder medizinischen (wissenschaftlichen) Wirkens mögen sowas gar nicht.

Aber auch der zwischenmenschliche Wettkampf um Egostreichelei und Reputation spielt eine Rolle.
Turbo-Abi mit 17/18 – im OP-Saal eine Aorta abklemmen mit 25 – tollster Retter aller Zeiten mit 35. Auf dem Klassentreffen mit 40 die Person, die reden kann, wie es vor ein paar Jahrzehnten nur 70 – 80 jährige Rentner_innen konnten. Nach dem Tod eine Institiution für Generationen sein.

Viel ist viel – viel ist aber nicht zwangsläufig “viel Gutes”.
Geschweige denn: “nicht gewaltvoll” im Sinne von “nicht diskriminierend”.
Um viele Patient_innen durchzuschleusen, muss man menschlich wie fachlich bestimmte Aspekte diskriminieren. Das geht nicht anders.
Schwierig ist jedoch, dass es dabei um Menschenleben und Individuen geht. Wenn man daran etwas abschneidet, verstößt man gegen das Prinzip weder Leid noch Schaden an seinen Patient_innen zu machen.
Und sichert sich damit selbst die Arbeit bis zum Ende der Karriere.

“Nachhaltige Gewaltwirtschaft” nennen wir das.

Wer daraus aussteigen will, muss sich selbst zurückstellen. Muss sich auf die Kernelemente des menschlichen Lebens konzentrieren. Muss in der Lage sein, seine Arbeit zu kritisieren, ohne sich selbst dabei gekränkt zu fühlen. Muss sich mit Gewalt und ihren Formen außerhalb von „schlagen, foltern und beschimpfen“ befassen. Muss sich selbst als jemand an.erkennen, di_er Gewalt ausübt, ohne in den reaktiven Täter-Opfer-Dyadismus zu verfallen.
Muss langsam bleiben.

Ausschwiff Ende.

Als mir zum ersten Mal gesagt wurde, ich hätte mich wie ein kleines Kind verhalten, ohne dass ich mich daran erinnern konnte, verfiel ich in den eigenen internalisierten Ableismus: “Ich muss mich mehr zusammenreißen. Besser funktionieren, mich besser kontrollieren, meiner Entwicklung in Richtung “erwachsen sein” stärker nachgehen.”.
Und versagte.

Ich war 16 Jahre alt, in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie und wenn ich eines nicht über mich und mein Leben hatte, dann war es Kontrolle. Und Verstehen. Und Ruhe oder Freiraum mich selbst unter nicht ableistischen Aspekten wahrzunehmen.

Die Diagnose der DIS wurde gestellt, eine Dauermedikation mit Tranquilizern wurde begonnen (diese sollte erst 5 Jahre später enden) und ich (wir) entwickelten alle möglichen Kontrolletti“krankheiten” (eine restriktive Essstörung, neue zwanghafte Anwandlungen, sehr strikte Vermeidungsmoves in der psychotherapeutischen Gesprächstherapie).

Auftauchende Innenkinder waren (sind) für mich der absolute Kontrollverlust. Die Rückmeldung von Außenstehenden darüber, eine nicht nur peinliche, sondern mitunter auch sehr demütigende Situation. Denn wo Außenkinder als nicht kompetent und bestenfalls süß (harmlos) und amüsant gelten, da gelten Kinderinnens wie eine Art Beweis für die “in Wahrheit” bestehende Inkompetenz, Harmlosigkeit und Berechtigung belächelt zu werden, einer gleichzeitig doch erwachsenen Person.

Erst als wir mit einer Therapeutin zusammenarbeiteten, die respektvoll und mit einer grundlegend offenen Haltung – trotz all der ableistischen und anderen Gewaltdynamiken um unsere gemeinsame Arbeit herum! – auf uns alle, die wir Innens in diesem einen Menschen sind, zuging, konnte sich das alles ein bisschen auflösen.
Bei ihr und auch bei der Therapeutin, die heute mit uns arbeitet, hatten wir nie das Gefühl, dass Kinderinnens nichts beitragen können. Oder ein aufreibender Quirk sind, der unnötig Zeit und Raum erfordert. Sie haben uns durch ihren Umgang vorgemacht, welche Sicht wir noch auf sie haben können und wie ein damit kongruenter Umgang aussehen kann.

Das ist so ein Aspekt, den wir oft nicht bewusst bei Behandler_innen (aber auch Verbündeten und sogar selbst Betroffenen) sehen. Es gibt einige, die Liebe und Fürsorge für Kinder(innens) “predigen”, aber Harmlosigkeit und Inkompetenz (die zu leiten/managen/kompensieren ist) dem eigenen Umgang zugrunde legen.
Also adultistische Interaktion vorleben bzw. fordern.

Dazu gehört zum Beispiel die Annahme, dass Kinderinnens nur bestimmte Dinge wollen oder brauchen könnten. Zum Beispiel spielen oder umsorgt werden.
Dazu gehören aber auch Forderungen danach, dass man nur mit erwachsenen Anteilen/Innens zu sprechen verlangt. Oder nur erwachsene Anteile/Innens zu sprechen erlaubt. Oder auf einer Station in einer Klinik verbietet, dass Kinderinnens irgendwo anders als heimlich ausnahmsweise in einzeltherapeutischen Settings sind.

Solche Forderungen sind im Kontext vom Bemühen um den effizienten und reibungslosen Klinikalltagsablauf, unter unmöglichen personellen und anderen strukturellen Gegebenheiten natürlich nachvollziehbar.
Unter dem Aspekt dessen, was Patient_innen mit so schweren Traumafolgestörungen brauchen, um von der Therapie_Zeit zu profitieren, jedoch nicht.

Im Gegenteil offenbaren solche Forderungen ein Verständnis der Dynamiken innerhalb dissoziierter Systeme, das nicht vereinbar ist mit dem, was die Diagnosen letztlich überhaupt erst definiert.
So ist das Verbot irgendwelcher Wechsel bei Menschen, die ihr ganzes Leben mit Wechseln jeder Art gerettet haben und deren Diagnose genau davon gekennzeichnet ist zu wechseln, wie das Verbot zu husten, wenn man Tuberkulose hat: irrational, sinnlos, ableistisch gesagt: strunzendumm.

Und: es reduziert die Personen selbst zur alleinigen Quelle ihrer Probleme und macht die Behandler_innen (und andere umgebende Personen) zu unbeteiligten Dritten und Räume wie Kliniken oder Praxen zu „neutralen“ Orte, die sie niemals sind und niemals werden können!

Doch gerade bei Traumafolgestörungen handelt es sich um Reaktionen auf Umfelder.
Um Anpassungsmechanismen, die nach Umfeldsveränderungen mehr oder weniger plötzlich dysfunktional sind.
In eine Klinik zu gehen bedeutet eine Umfeldveränderung.
In eine Praxis für Psychotherapie zu gehen bedeutet einen Umfeldveränderung.
In eine Selbsthilfegruppe zu gehen bedeutet einen Umfeldveränderung.
Neue Personen bedeuten eine Umfeldveränderung.

Für manche Behandler_in ist die Information, dass auch sie Akteur_innen im Leben(sabschnitt) ihrer Patient_innen sind, mehr oder weniger flash news.
Die sie von sich weisen (müssen).
Weil “professionelle Distanz”.
Statt “Anerkennung zwischenmenschlicher Beziehung in definierten Grenzen”.

Auch an der Stelle taucht manchmal wieder eine adultistisch-ableistische Grundannahme auf: “Jemand di_er als Kind so gelitten hat, dass si_er Kinderinnens entwickelt hat, braucht eine Art der Fürsorge und Nähe, wie sie im Kontext der Behandlung/Pflege unangemessen (“von mir nicht leistbar”) ist.”.

Die bei Außenkindern als notwendig anerkannte bedingungslose Globalfürsorge, wird bei Erwachsenen mit anderen Befähigungen (also Behinderungen oder Krankheiten) zu etwas, das nicht kritisch hinterfragt wird, sondern als mit oder von der Person ausgehende An_Forderung, die angenommen und/oder vorausgesetzt wird.

Das bedeutet für Menschen mit DIS, die (noch) oft zu Kinderinnens wechseln, dass sie nicht als erwachsene (befähigte) Person, die mit kindlicher Strategie auf etwas reagiert, gesehen wird, sondern als Person, die im Kern (auch) noch kindlich ist (oder schlimmer: sein will, weil sie ihr Umfeld kontrollieren oder manipulieren will).

Für uns haben sich Umfelder als hilfreich bewährt, die sich selbst als auch Wechsel/Flashback/Problem auslösende Quelle verstanden haben bzw. verstehen.
Denn ihr Umgang mit diesem Selbstverständnis liefert uns Ideen und Verhaltensblaupausen zum moderaten Umgang bzw. zur alternativen Strategieentwicklung für uns selbst.

Von Menschen, die dysfunktionales Verhalten einzig abstrafen und zu kontrollieren abverlangen, können wir auch nur lernen, unser dysfunktionales Verhalten abzustrafen und zu kontrollieren abzuverlangen.
Von Menschen, die andere Wege (als die eigenen, oder die der Mehrheit der Menschen) zum Ziel für unnormal, krankhaft, falsch, nervig … halten, können wir auch nur das übernehmen.

Von Behandler_innen wird nicht zuletzt deshalb auch ein grundsätzlich wertschätzender, anerkennender, respektvoller Blick bzw. wertschätzende, anerkennende, respektvolle Grundhaltung auf Klient_innen/Patient_innen abverlangt. Da geht es nicht darum einander zu mögen oder gut zu heißen, was die Personen jeweils tun. Da geht es darum, einander nicht zu demütigen oder herabzuwürdigen, weil man ist, wie man ist.

In einem früheren Artikel beschrieben wir Kinderinnens als eine Art innere “apokalyptische Reiter”.
Noch heute betrachten wir sie so.
Wir wissen, dass das Auftauchen eines Kinderinnens bei uns niemals für eine gute innere Gesamtverfassung spricht.
Immer geht es darum, sich (uns) so in Not und Bedrängnis oder innerer Inkongruenz zu erleben, dass ein früherer Zustand eintritt, der nur noch ganz spezifische Strategien zur Aufrechterhaltung des Lebens oder der Kommunikation – und Interaktion möglich macht.
Dieser Zustand ist es den wir mit “Kinderinnen” oder “Innenkind” bezeichnen.

Menschen, die nicht viele sind, können dazu sagen: “Ich fühle mich, als wäre ich wieder ein Kind.” – denn sie erinnern sich daran, wie es war ein Kind zu sein. Sie leben nicht mit einer umfassenden dissoziativen Amnesie für die eigene Biografie und können ihre inneren Zustände weniger fragmentiert erinnern.

Wir jedoch haben vermutlich schon als Kind dissoziiert er_lebt und erinnert. Entsprechend sind solche (erinnerten) Zustände fragmentiert und erlebt.
Durch das Zusammenspiel der fragmentarischen Wahrnehmung und immer wieder nötigen Dissoziation haben sich daraus Ich-Zustände entwickelt. Also etwas, das wir heute als “konsistentes Ich” also “Innens” bezeichnen.

Das bedeutet für uns in der therapeutischen Arbeit, dass wir uns nicht als eine Person, die in manchen Aspekten “unreif/kindlich/weniger befähigt” ist, sehen, sondern als Person, die unterschiedliche Zustände aus Zeiten der relativen Unreife/Kindlichkeit/weniger ausgeprägten Befähigung nicht kongruent und umfassend assoziiert.

Dieser Unterschied ist für uns ein wichtiger Punkt in er Therapiearbeit gewesen.
Denn lange saßen wir einem Missverständnis auf, das uns viele Jahre gekostet hat.
Man sagte uns (teilweise auch einzelnen von uns) immer wieder und wieder, wir müssten die Kinderinnens (aber natürlich auch alle anderen Innens) als Teil von uns akzeptieren und integrieren.
In unserem Verständnis bedeutete dies: Uns damit abfinden, dass wir ein fragmentierter und also immer irgendwie unfähiger, unreifer Mensch sind, der nicht in der Lage ist, jemals irgendwie kontinuierlich befähigt zu sein, wenn wir das nicht endlich mal begreifen.

Nun kann es sein, dass wir aufgrund unseres autistischen Strickmusters einfach sehr anfällig dafür sind, so fatale Missverständnisse über so unkonkrete Sprache zu entwickeln.
Daneben besteht jedoch durchaus auch die Möglichkeit, dass man sich als Behandler_in, gerade bei so diffizilen Diagnosen wie der DIS und DDNOS, die mit ihrem psychoanalytischen Überbau und der ganzen anderen Historie der Deutungshoheiten, sowieso schon immer irgendwie bedeutet, mit einem Bein in der Unglaubwürdigkeit oder dem Skandal zu stehen, lieber einmal mehr zu schwammig/waberig/unkonkret ausdrückt, als zu viel.

Auch hier wieder eine Stelle für flash news: Wo geraten werden muss, da kann falsch geraten werden – und wenn Menschen sich selbst ein Rätsel sind, dann hilft weiteres Rätselraten in 100% der Fälle nicht weiter.

Uns sind Behandler_innen, die das Rückgrat zum Fehler machen haben, in jedem Fall lieber, als “wischiwaschi irgendwie so durchschlängel-Künstler_innen”, denen das eigene Ego und die eigene Reputation am Ende wichtiger ist, als die Ergebnisse der Zusammenarbeit mit ihren Klient_innen.

Heute haben wir Kinderinnens als Marker für unseren allgemeinen Orientierungsstatus und als Informationsträger für bestimmte Strategien in unsere innere Arbeit inkludiert. Das heißt: Wir haben sie nicht als Teil von uns integriert, sondern als Teil dessen, was wir für unser (Über-) Leben zu leisten fähig sind.

Dass wir sie nicht als Teil von uns integriert haben, hat den einfachen Grund, dass wir nachwievor keinen umfassenden Ich bzw. Selbstbegriff haben, der uns alle umfasst, weil neben dem intellektuellen Erfassen von einander, noch kein emotionales/inneres/tieferes Begreifen und “natürliches” (also “unangestrengtes/unbewusstes”) Assoziieren von einander steht.

Wir sind nicht “Eine mit vielen” – wir sind “viele Eine mit vielen”. Ein Selbst haben wir nie entwickelt.
Es hat in unserem Fall also keinen Sinn, Kinderinnens als etwas zu sehen, das sich von einem Kern abgeleitet entwickelt hat und ergo zurück in diesen Kern hineinentwickeln könnte.

Unser Weg ist der, unsere Fähigkeiten jeweils miteinander zu erfassen, zu synchronisieren, miteinander kompatibel zu machen, gut zusammenarbeiten zu lassen und irgendwann vielleicht zu sehen, dass bestimmte Systeme zu einem System verschmelzen. Und dann mit einem anderen. Und dann mit einem nächsten.
Wenn sich daraus dann ein Kern entwickelt – dann können wir über die Anerkennung und Integration von Anteilen in diesen Kern sprechen.
Bis dahin besteht unser Kern aus dem Körper selbst als kleinster gemeinsamer Nenner.

Unsere Art Kinderinnens mit ihren Fähig- und Fertigkeiten in die innere Arbeit und auch Teile des Alltags zu integrieren, sieht wie folgt aus:

– wir analysieren die Situationen, in denen sie aufgetaucht sind, auf mögliche Trigger
– diese Trigger analysieren wir in der Therapie auf Missverständnisse (fehlerhafte Assoziationen traumatischen Materials, die die Ausentwicklung der Zustände zur Folge hatten, die wir heute als Kinderinnens wahrnehmen)

– wir versuchen herauszufinden, wie sie sich verhalten haben, welches Bild sie von sich und der Welt haben
– wir besprechen diese Dinge in der Therapie, um uns ihrer Perspektive anzunähern (um ihre Perspektive auf bestimmte Situationen, allgemein mitbedenken zu können, um Missverständnissen aktiv vorbeugen zu können)

– wir setzen uns mit Ableismus und Adultismus auseinander und arbeiten daran internalisierte Grundannahmen über unsere Fähig- und Fertigkeiten durch konkrete Selbsterfahrung zu revidieren oder zu ergänzen oder zu falsifizieren
– wir folgen Impulsen kindlicher Begeisterung und Neugier bzw. begleiten sie mit der Absicht sie durch unsere erwachsene Außenpräsenz (und damit auch den Rechten und Privilegien, die wir als erwachsene Person haben) zu unterstützen
(Konkreter formuliert: wenn wir merken, dass ein Kinderinnen etwas im Außen spannend findet, dann widmen wir uns dem spannenden Ding gemeinsam und ermöglichen die Auseinandersetzung damit als Person, die das auch darf – nicht weil sie erwachsen ist, sondern, weil man da etwas wahrgenommen hat, das man spannend findet)

– wir schützen unsere Kinderinnens vor adultistischen Übergriffen außenstehender Personen (“Oh wie süß ein Innenkind!”)
– wir schützen unsere Kinderinnens vor der Idee, sie wären “das Kind, dass wir nie sein durften”
– wir bieten unseren Kinderinnens Raum sich auszudrücken (in der Therapie, in der Freizeit, in Bereichen des Alltags, wo wir nur für uns funktionieren und Verantwortung tragen müssen)

– wir öffnen uns für ihre Erfahrungen, als Erfahrungen, die wir gemeinsam gemacht haben, obwohl es sich in den meisten Fällen nicht so anfühlt

Kinderinnens sind kein amüsantes Feature in Menschen, die viele sind.
In vielen Fällen sind autark nach außen agierende Kinderinnens der Grund, weshalb Menschen, die viele sind, überhaupt in psychiatrische Einrichtungen oder Psychotherapie müssen. Daran ist nichts amüsant oder niedlich.

Wir haben ein Kinderinnen, das sich tot stellt, wenn es sich (uns) zu stark von Menschen bedrängt erlebt.
Es gibt ein Kinderinnen, das Dinge erst isst, wenn sie so verfault sind, dass Maden drin rumkriechen.
Wir haben Kinderinnens, die Menschen nur anstarren und darauf warten miss.be.handelt zu werden.

Nichts daran ist süß. Keinem von ihnen hilft es betüddelt  und mit Liebe überschüttet zu werden. Sie brauchen völlig andere Räume und Wege, um sich überhaupt der Idee annähern zu können, dass ihr Er_Leben heute auch ein anderes sein könnte.
Da reicht oft auch nicht unser 10 km Waldwanderweg, auf dem wir uns einander nähern und der Welt bekannt machen.

Bei unseren Kinderinnens geht es um das 24/7 zu haltende Bewusstsein, dass sich (selbst) zu fühlen variabel und innerhalb bestimmter Grenzen von Zeit und Raum passieren kann. Dass Dinge und Erfahrungen einem_einer nicht einfach nur passieren, sondern auch selbst gemacht werden können oder selbst verhindert werden können. Dass es Kontexte gibt, in denen Verantwortung und verschiedene soziale Fertigkeiten eine Rolle spielen.
Adultistischer Ableismus verhindert jedoch genau diese Erfahrungen systematisch.

Deshalb wollen wir nicht, dass irgendjemand unsere Kinderinnens oder das was sie tun, für süß, niedlich oder harmlos hält.
Wir wollen, dass andere Menschen wissen, dass sie befähigt sind.
Dass sie Wege und Ziele kennen.
Dass sie Geschichten und Perspektiven auf den Lauf der Dinge haben.
Genauso wie wir erwachsenen Innens.

Sie haben den gleichen Respekt und den gleichen Anteil der Therapiearbeit verdient, wie wir.

 

* Text als PDF zur freien Weitergabe

fault

Später dachte ich an die Diagnose der “Anpassungsstörung” und sah mir dabei zu, wie ich die Anführungszeichen abmontierte, um sie um das Wort ‘Diagnose’ zu klemmen.

Die Anpassungsstörung ist da.
Ich bin die Störung und ihre Ursache gleichzeitig.

Anpassung ist etwas, das nur vom Außen gesehen und eingeordnet werden kann.
Anpassung ist ein Entwicklungsbegriff.
Ein Wort aus der Verhaltens_Evolution.
Niemand weiß, ob etwas oder jemand angepasst ist oder nicht. Es sei denn, man hat eine Vorstellung von angepasstem Sein und beobachtet ein Scheitern.

 

Menschen machen es sich mir gegenüber leicht.
Manche erklären das unpassende Fehlersein zur Kunst, zur Revolution, zu einem Teil des fernen Laufs der Dinge, der ach so öde und reizlos, kaum mit ihnen selbst verbunden ist.
Sie hören meine Not daran, doch halten sie für meinem Sein immanent. Nicht dem, das ich mit ihnen teile.

Und manche nutzen es für sich.
Werden von dem, worauf ich deute, was ich mit_teile und aufzeige, inspiriert und angestoßen. Sie stehen neben meinen Kämpfen und wärmen sich an der Hitze meiner Gefechte.
Ohne zu hinterfragen welche Rolle sie dabei spielen könnten.
Welche aktive Rolle sie dabei spielen könnten.
Sie denken an sich und vergessen mich.

Manchmal merke ich, wie ich nicht ernstgenommen werde und denke darüber nach, ob ich mich gekränkt oder unverstanden fühle.
Relativierung ist etwas, das meiner Not immanent ist. Klein machen. Entschärfen. Emotionalisieren. Subjektivieren. Und darüber: entwerten.
Nicht vor mir – aber vor denen, an die ich mich richte. Wenn ich mich an jemande richte.

In der Regel richte ich mich nicht mehr an konkrete Gegenüber.
Wenn ich etwas sage, spreche ich in eine diffuse Idee, die ich mir nicht konkreter wünsche.
Wenn ich etwas sage, dann sage ich es nicht, weil ich mir für mich etwas erhoffe. Sondern, weil es da ist. Und oft nicht okay. Oft ein Skandal. Oft ein Fehler.
Oft etwas, das zu ignorieren mir nicht in den Sinn kommt.
Wer ignoriert denn einen Elefanten im Wohnzimmer?

 

Ich weiß nicht mehr, warum ich mich einmal dazu entschieden hatte, mich und das, was ich sehe mit.zu_teilen.
Es gab nie einen Gewinn zu erwarten. Außer den der Gemeinsamkeit mit dem, was um mich herum ist und passiert.
Miteinander.

 

Miteinander ist für Gewinner_innen.
Nicht für Fehler.
Gewinne werden entlang von Verlusten definiert.

Mit anders sein, ist nicht_s zu gewinnen.

Weltautismustag #2

22 Monate Autismusdiagnose – was hat sich verändert?

Letztes Jahr haben wir in unserem Artikel schon vieles abgedeckt und verändert hat sich nicht viel.
Es sind jedoch Themen hinzugekommen.

Das Thema Heilung zum Beispiel.
Das Thema Selbstsicherheit, Selbst_Bewusstsein, autism empowerment.
Ableismuskritik als ableistische Praxis.
Und Autism Awareness (also das (öffentliche) Bewusstsein, um die Existenz von Autismus).

Letzteres ist mir gestern in der AG-Sitzung von Phönix noch einmal mehr ins Bewusstsein gerückt, weil wir uns über die Forschung zu Traumafolgestörungen und –therapie ausgetauscht haben.
Immer wieder erzählen wir Menschen, dass das Risiko einer (komplexen) Traumatisierung (nach Gewalterfahrungen) für behinderte Menschen exorbitant viel höher ist, als für Menschen, die nicht mit einer Behinderung leben bzw. die nicht aufgrund einer Behinderung von anderen Menschen und ihrer guten Pflege/Behandlung/Unterstützung abhängig sind.

Die Zahlen sind bekannt. Man weiß darum. Man weiß, dass es x viele traumatisierte behinderte Menschen da draußen gibt. Und doch gibt es sie nicht als übliche Patient_innengruppe in der Forschung zu Traumafolgestörungen und ihrer Therapie.

Nicht zuletzt, weil man (psychische/physische/kognitive/*) Behinderungen gerade in der Forschung als medizinische Individualabnormität betrachtet, betrachten soll, betrachten muss und deshalb nicht so gut in vorhandene Messinstrumente einbinden kann.
Was mir viel darüber sagt, wie “die wissenschaftliche Forschung™” funktioniert und mir eine düstere Prognose in die Zukunft macht.

Vor diesem Hintergrund ist das Thema “Autism Awareness” entsprechend eines, dass ich mehr in Forschung und medizinischer Praxis wünschen würde.
Denn in unserem Leben ist es so, dass die linke Hand denkt, sie weiß was sie tut und die rechte sich darauf verlässt, weil sie weder Zeit, noch sonstige Kapazitäten für Weiter- und/oder Ausbildung zum Autismus-Spektrum (im Zusammenhang mit jedweder medizinischen, psychologischen Situation) hat (haben will).

Wir stehen dazwischen und sind es gewohnt, alle unsere Symptome und Probleme mit allen Behandler_innen zu besprechen, daneben selbst zu recherchieren – und am Ende zu hoffen, dass sie unsere Lösungsversuche mit Überweisungen/Verordnungen usw. unterstützen.
Es wäre wünschenswert, wenn wir uns nicht ständig selbst zum Versuchskaninchen machen müssten und da einfach insgesamt mehr Engagement und – nunja: Awareness wäre.

Daneben haben wir durch die Erfahrungen in der Schule auch den Gedanken, dass es manchmal auch ein Weg sein könnte, das Bewusstsein dafür zu schärfen, wie sehr die Umwelt aller, auf die Fähig- und Fertigkeiten, aber auch die Bedürfnisse und Rechte nicht behinderter Menschen eingerichtet ist, bzw. wie viele Menschen nicht davon behindert werden, dass die Umwelt aller so ist, wie sie ist.
Ich stelle mir das vor wie eine Art “Norm Awareness”, die das Bewusstsein einer nicht behinderten Person für ihrem Status als solche schärft.

Denn viele Menschen, die entweder nicht behindert sind oder eher so behindert werden, dass die Kompensation leicht zu bewerkstelligen ist, halten diesen Zustand für einen allgemein gültigen. Für alle. So entsteht auch in ihrer Auseinandersetzung mit behinderten Menschen die Idee, dass diese wie nicht behinderte Menschen seien und nur ein bisschen anders funktionieren.

Es macht aber etwas mit dem Selbst- und Weltbild, wenn man permanent die Ausnahme ist, nicht mitmachen kanndarfsoll, andere Gesetze für eine_n gelten, ein wichtiger Bestandteil des eigenen Lebens der ist, sich mit Behandler_innen unterschiedlichster Professionen zu umgeben.

Und manche Behinderungen bzw. Strickmuster von Körper, Geist und Seele (zum Beispiel Autismus) machen auch ein anderes Sehen und Verstehen von dem was passiert. Es entsteht dadurch keine “andere Welt” – aber es entsteht auch keine gemeinsame Realität der Dinge.

Etwas mehr “Norm Awareness” könnte dazu beitragen, zu verstehen, wie oft die Weltsicht nichtbehinderter Menschen zur richtigen oder wahren oder echten erklärt wird und die von behinderten zum Teil einer ganz anderen Welt oder insgesamt zur falschen (korrekturbedürftigen).

Wir erleben uns in der Schule in einem Umfeld, in dem nichtbehinderte Menschen Angst davor haben einen Nachteil zu erfahren, weil uns Nachteile ausgeglichen werden, die uns durch die Behinderungen, mit denen wir leben, entstehen.
Ihr Umgang mit dieser Angst wird uns zur weiteren Behinderung im Miteinander. Die Akzeptanz und das Verständnis, das ihnen darin von außen entgegen gebracht wird, bedeutet am Ende keinen Ausgleich mehr, sondern Isolation, schlechtes Gewissen, Versteckspiele, kraftraubende Kämpfe zusätzlich zu denen, die mit dem Versuch sich zu integrieren und auszuhalten, was da passiert, entstehen.

In meiner Schule ist es nicht “Autism Awareness”, was uns helfen würde. Da bin ich mir sicher, denn mir hilft es ja auch nicht, bewusst für den Nichtautismus meiner Mitschüler_innen zu sein, um mit ihrem Verhalten mir gegenüber gut oder besser zurecht zu kommen.
Was helfen würde, wäre ein dauerhaftes (kritisches) Bewusstsein um das, was man für normal und für alle gültig und verpflichtend hält.

Kurz möchte ich noch etwas zum Thema “Heilung” in unserer Auseinandersetzung mit dem eigenen Autismus schreiben.
Nicht zuletzt, weil der Wunsch nach einer Heilung des Autismus des eigenen Kindes von manchen Eltern in letzter Zeit sehr oft verurteilt wurde.

Ich kann den Wunsch nach einer Heilung verstehen.
Wir sind bald 31 Jahre alt und denken nachwievor darüber nach, wie das wohl wäre, stellte sich doch irgendwann heraus, dass es eine Behandlung gäbe.
Zu 90% sind wir sicher, dass wir uns dem unterziehen würden. Nicht, weil wir die Normalität der anderen so richtig gut und wichtig halten – sondern, weil wir sie weder verstehen, noch fühlen, noch darin existieren.
Das ist eine Isolation. Und die ist nicht toll oder “gar nicht mal so schlimm” – sie ist Teil unseres Normal, der unberührt von jedem Aktivismus für Inklusion oder anderes Miteinander aller Menschen bleibt.

Man kann für autistische Menschen viel tun, was ihr Leben gut und erfüllend macht.
Aber ihnen die neurotypische Erfahrung der Welt und ihrer Dynamiken kann man ihnen nicht ermöglichen.
Das ist, was eine Heilung bzw. eine Behandlung mit dem Ergebnis, dass der Autismus als isoliertes Ding nicht mehr da ist, für uns unheimlich attraktiv macht.

Bei Eltern, die ihre Kinder in 24/7 Förderprogramme stecken, die ihnen Bleiche einflößen oder so strikte Diäten auferlegen, dass man von einem erheblichen Verlust der Lebensqualität ausgehen muss, geht es häufig nicht darum. Da geht es um Zwänge aus Ansprüchen, denen Eltern aller Kinder ausgesetzt werden. Um Elternangst, um Elternnot. Da geht es um Familien, die dringend Hilfe brauchen und in ihrer Überforderung anerkannt werden müssen.

Wir haben in einem Podcast von einem Vater gehört, der eine PTBS entwickelt hatte, nachdem sein Kind mit Autismus diagnostiziert wurde.
Posttraumatische Belastungssymptomatik entsteht als Reaktion auf lebensbedrohlich erlebte Stresserfahrungen, die nicht reibungslos verarbeitet werden konnten.
Wie eine Lebensrealität sein muss, in der es möglich ist so einen Stress zu erleben, weil das eigene Kind gestrickt ist, wie es ist!

Häufig bleibt die Unterstützung für solche Familien jedoch spärlich. In diese Lücke drängen sich dann Organisationen wie “Autism Speaks”, welche seit Jahren von autistischen Selbstvertreter_innen kritisiert werden.
So machen Unternehmen mit Elternnot und dem allgemein akzeptiertem Ableismus am Ende noch Profite.

Entgegen aller Unterstellungen aus der Autismus-Netzblase, halte ich es nicht für gerechtfertigt, wenn Eltern ihre Kinder quälen, weil sie auf deren Autismus nicht klarkommen.
Aber ich halte es für gerechtfertigt diesen Eltern deshalb weder den Verstand, noch die Liebe für die Kinder abzuerkennen und ihnen die Hilfe, die sie brauchen (und den Schutz, den die Kinder brauchen) zukommen zu lassen.
Oder sich alternativ (wenn man allgemeinen Respekt für andere Menschen insgesamt für überflüssiges Gutmenschentum hält) für besser von Eltern nutzbare Hilfestrukturen einzusetzen. Denn das exorbitant erhöhte Risiko behinderter Menschen Gewalt zu erfahren, beginnt für viele autistische Menschen mit dem Zeitpunkt ihrer Diagnose in der eigenen Familie.

 

 

Uns interessieren eure Gedanken zum Thema “Bewusstsein für Autismus” – aber auch anderen einzelnen Diagnosen.
Haltet ihr (am Besten als selbst damit lebende Person) solche Kampagnen für erfolgsversprechend?
Was würde sich für euch ändern, wüssten mehr Menschen von dem, womit ihr lebt und umgeht? (Vielleicht wäre das eine gute Frage für eine kleine Blogparade?)

“Bin ich schon erholt?”

Häufig bewegen wir uns auf Ebenen die wenig bis gar nicht konkret sind. Obwohl sie um das Konkrete kreisen und sich daraus ergeben.
Das fällt mir an Tagen wie heute besonders auf.

Am Freitag hatten wir einen Krampfanfall in der Schule und mussten danach allein nach Hause. In unseren Alleinhaushalt, unserm Alleinleben mit all dem allein klar kommen.
In manchen Köpfen mag das wie ein Vorwurf hallen, ist in unserem Leben aber einfacher Fakt, der je nach Umstand mal gut, mal schlecht, mal schlimm, mal genau richtig, manchmal auch perfekt ist.

Wir wissen, was wir nach einem Anfall tun müssen und welche Ressourcen wir brauchen, um uns zu erholen.
Worin wir allerdings noch nicht sehr geübt sind ist, zu spüren, wann wir wirklich wieder fit sind und wann wir uns das nur einreden, weil wir dem eigenen Entsprechungswünschen nach außen nachgeben (wollen können (müssen))

Erholung, Ausruhen, Kraft tanken, das ist in unserem Alltag schon so lange eine Aktivität, dass wir das Gefühl für den Zustand selbst noch gar nicht näher betrachtet haben.
Wir gehen nach der Schule nicht 7 km wandern – wir machen bilaterale Stimulation, um die Verarbeitung der Reizüberflutung zu unterstützen.
Wir basteln nicht das ganze Wochenende, weil es so toll unanstrengend ist – wir basteln das ganze Wochenende, weil wir an unserer Frustrationstoleranz und Feinmotorik arbeiten müssen (und natürlich auch ganz gern einfach Dinge erschaffen).

“Bin ich schon erholt?”, das habe ich mich heute morgen gefragt und dann gemerkt, dass ich nicht weiß, wie sich das eigentlich anfühlt. “Erholt”.
Da stelle ich mir einen Zustand vor, in dem ich gar nicht weiß wohin mit meiner Kraft und Energie. Oder zumindest einen Zustand, in dem ich mich zu Dingen motivieren kann, ohne, dass die Belohnung fürs Schaffen dessen extra viel Zeit im Bett ist.

Ich kenne Zustände von Dauerstrom. Posttraumatischem Hyperarousel.
Ein Zustand, in dem ich auch nie weiß wohin mit all meiner Energie und Kraft – gleichzeitig jedoch auch nicht wirklich fähig bin, irgendetwas Konstruktives zu tun. Schon gar nicht über längeren Zeitraum. Der Hyperarousel ist dann eben doch nur ein Erregungszustand und kein allgemeines Energielevel.

Früher – also letztes Jahr um diese Zeit – haben wir uns mehr Tage Ruhe zugestanden, um uns von Anfällen zu erholen. Jetzt sind wir unsicher.
Da spielt auch die Klinikerfahrung letztes Jahr mit hinein.
Dort hatten wir jeden Tag hinzugehen und uns überfordern zu lassen, obwohl offensichtlich war, was es mit und an uns macht. Und wir habens passieren lassen, weil wir (vielleicht auch fälschlicherweise) annahmen, man wüsste, was der (therapeutisch) sinnvollste Umgang damit ist.
Das Klinikding ist für uns nachwievor nicht aufgelöst und gut. Wir wissen nachwievor nicht, was hinter den Anfällen steht, ob wir da etwas auflösen müssen, oder ob das Fallen und Krampfen einfach unsere Art des Meltdowns ist.

Ungünstig.
Aber Realität.

Realität, mit der wir heute irgendwie umgehen müssen und in der wir all die Facetten des Alleinlebens spüren.
Wir allein sind verantwortlich für das, was wir entscheiden. Das ist nicht schlimm. Manchmal macht es uns Angst, aber grundsätzlich denke ich, können wir diese Verantwortung gut tragen.
Wir sind aber auch allein in der Frage, woran wir uns in den Entscheidungsfindungen orientieren sollen. Und das ist schwierig.

Wenn es um unser Leben geht, scheuen wir inzwischen das laxe Trial and Error, das wir vor ein paar Jahren noch gewagt haben, weil es für unser Gefühl ständig um Leben und Tod ging.
Heute ist das nicht mehr so sehr der Fall.
Heute geht es um Gegenwart und Zukunft – was manchmal genauso viel Angst, Sorge, Unterlegenheits- bzw. Überforderungsgefühle, aber auch Kämpfergeist und Aber will!-Trotz auslöst, aber dann doch ein ganz anderes Level ist.

Heute wollen wir eher sicher gehen.
Abschätzen. Prüfen. Nachdenken. Nachspüren.
Erst mal schauen, ob und was genau wir wann wie wo und wofür anfangen. Erst einmal alle Konsequenzen für Scheitern und Versagen klar haben, um dann ganz langsam zu testen, ob es geht.
Nach Möglichkeit ohne Angst zu haben oder eine Angst wegdrücken zu müssen.

Angst wegdrücken kostet nämlich Energie.
Überhaupt alles kostet Energie. Logisch eigentlich – und doch fürchte ich, haben wir lange “Energie” mit “Erregung auf Anschlag” verwechselt und tun das zuweilen heute noch.

“Bin ich schon erholt?” ist damit eigentlich auch keine Frage nach Motivation oder Bereitschaft zur Schule zu gehen und sich dem auszusetzen, was uns dort jeden Tag erwartet. Eigentlich ist es mehr die Frage danach, was wir alles wegdrücken müssen, um dort sein zu können und ein bestimmtes Level der Präsenz zu halten – und wie viel wir von dort wegdrücken müssen, wenn wir am Abend in die Traumatherapiestunde gehen und wie viel wir von widerum all dem wegdrücken müssen, wenn wir dann zu Hause sind und “Erholung machen”.

Interessanterweise ist Hausarbeit und Tüddelkram im Moment das, was am meisten zur Erholung beiträgt. Was auch nochmal vor Augen führt, wie wenig wir Carearbeit wert_schätzen. Denn obwohl wir merken, wie gut es uns tut und wie viel weniger anstrengend einfach alles für uns ist, wenn wir frische Kleidung, eine saubere Wohnumgebung – und sowas Profanes wie eine Haarlänge, die nicht stört – haben, kümmern wir uns in letzter Zeit viel zu wenig darum. Um genauer zu sein: nur ums Nötigste.

Wir pfeifen auf dem letzten Loch und rangieren mit einem Akku auf 25%. Manchmal weil wir denken: “Ach, wir haben schon mit weniger…”, manchmal, weil wir denken “Ja, aber das geht doch allen so…” (obwohl wir keinerlei Ahnung davon haben, wie es anderen mit ihren Akkus so geht) und aber auch, weil wir die Welt als einen rücksichtslosen, ja sogar gnadenlos vorwärtsströmenden Lauf der Dinge sehen, der es immer und immer von uns abverlangt weiterzumachen – ganz egal aus welcher Ressource heraus. Ob nun aus tollster Erholungsphase oder Todesangst.

Das Schlimme ist, dass das stimmt. Wenngleich vielleicht nicht ganz so brutal und gnadenlos wie das in uns etabliert ist. Aus Gründen.
Aber alles geht weiter und wir müssen Schritt halten, wenn wir Schritt halten wollen.
Natürlich können wir uns auch dagegen entscheiden. Natürlich können wir uns treiben lassen, loslassen und zurück in das, was wir vor der Ausbildung hatten.
Das hatte aber keine Zukunft.

Gerade denke ich, dass wir die Ausbildung vielleicht auch nur deshalb unbedingt so dringend schaffen wollen.
Wegen der Bildungslüge mit Zukunftsversprechen zum Einen, ja – aber auch wegen des Effekts den dieses Bildungs- und Zukunftsstreben auf uns hat.

Das Leben mit Traumafolgestörungen und Traumafolgen an sich, ist für uns sehr lange eins gewesen, das nur dieses Verschwimmen von Früher und Jetzt hatte. Das war kein “weniger leben” oder so – aber es war begrenzt und damit auch irgendwie eher statisch inmitten dieses großen Stroms der Dinge, die sich immer ändern und immer entwickeln.

Jetzt ist da Früher und Jetzt und Morgen und Übermorgen und in ein paar Jahren und so viele “Wir könnten auch…” und “Vielleicht machen wir …” ’s mehr, als wir uns selbst in den Phasen, in denen wir wer weiß was für große Höhenflüge hatten, als realistisch machbar vorstellen konnten.

Vorstellungen und Hoffnungen sind wie Trockenschwimmübungen. Manchmal. Wenn man sie sich ganz konkret machen kann.
Ich glaube, unsere Ausbildung ist unser Trockenübungsraum. Irgendwie.

Vielleicht müssen wir uns die Frage auch grundsätzlich anders stellen.
Nicht “Bin ich schon erholt?”, sondern “Sind wir wenig genug angestrengt?” oder „Was strengt uns gerade alles an?“.

Auf diese Frage fällt mir nämlich viel mehr auf, welche Kraftfresser wir sinnigerweise entfernen sollten.
Vielleicht ist das ja ein guter Schritt.

„Ausbildung inklusive“ Episode 8 – es läuft schief

Donnerstage.

Donnerstage sind nach Mittwochen inzwischen der schlimmste Tag.
Und der beste Tag.

Die Mittwoche vergehen unter dem schlechten Gewissen einer eigenmächtig entschiedenen Fehlstunde. Schlimm genug, dass wir das selbst entscheiden mussten und auch das ganze Schuljahr über so entscheiden werden müssen.  Denn wir können es nicht aushalten mit der ganzen Klasse zusammen in die Werkstatt gequetscht zu arbeiten. Geht nicht. Haben wir versucht, endete mit Weinkrampf auf dem Schulklo.

Apropos – das Schulklo. Scheinbar unser neuer Pausenraum. Weil es sich da gut heulen, trockenlegen und allein sein lässt, wo niemand länger als nötig bleibt.
Vielleicht bedienen wir ein Klischee, wenn wir das so aufschreiben.
Mir egal – es ist wie es ist und wäre anders, wäre anders möglich.
Ist es aber im Moment nicht.

Vor allem Mittwochs nicht.
Morgens die Werkstattstunde, die uns fehlt und die wir in dem Fach aber eigentlich dringend bräuchten, denn wir brauchen länger als die anderen. Nach meiner Schätzung ist die Klasse nächste Woche fertig – unser Werkstück erst zu einem Drittel. Inmitten von Menschen für die Schule ein Leistungswettbewerb ist, eine Niederlage, die immer wieder Anlass für “nicht so gemeinte” Kränkungen sind.  (Again: für uns ist es nachwievor unnachvollziehbar, was die Intensionen anderer an unseren Gefühlen verändern soll.)

Danach gehts entweder zum Buchbinden (was toll ist) oder zum Arbeiten mit InDesign. An einem Mac.
Also einem Betriebssystem, das wir nicht kennen. Es ist ein Fest.
Ein Fest so toll wie Leichenschmaus mit Todesfall.

Danach: Politik.
In den letzten Wochen sehr gruppenarbeitslastig durch Unterricht von einem Referendar. Der Arme. Muss den ganzen Quatsch für eine Zielgruppe üben, die er – zumindest durch unsere Anwesenheit in der Klasse – gar nicht vor sich hat.
Wir können oft nicht gut teilnehmen und wenn, dann saugt es uns bis zum Letzten aus. Und ich merke das.
Wie ich schrumpfe, einreiße, zerreiße und in dem Krach versickere, auch wenn ich noch so viel trinke, mich kümmere und tue und mache.
Zusammen mit dem sozialen Konflikt und dem daraus entstehenden Isolationsgefühlen ist es einfach nur schlimm.
Aufm Schulklo in graues Klopapier heulen-schlimm.

Und auf so einen tollen Tag folgt der Donnerstag.
Der um halb 8 anfängt und zwar mit der Informatik zu Webdesign. Spannendes Zeug. Allerdings im Vorlesungsstil. Nur,  dass diese Vorlesung wie ein unberechenbares Quiz gestaltet ist und man nie weiß, ob die gestellte Frage rhetorisch oder ernsthaft gemeint ist.
Es ist viel und über meinem Arbeitsplatz flirrt seit 3 Wochen die Leuchtstoffröhre. Schaltet man dort das Deckenlicht aus, sitzen wir im Dunkeln, denn Fenster ohne Blende machen eine ganze Rechnerreihe unbenutzbar, weil man nichts mehr auf den Bildschirmen erkennt.

Danach wirds schön.
Highlight der Woche. Motor durch dieses Schuljahr. Insel in all dem Scheiß.
Die Freistunde, die wir durch die Abwahl des Religionsunterrichtes gewonnen haben. Wenn Klassenarbeiten anstehen, üben wir in der Zeit dafür.
Doch im Moment scheißen wir darauf und es ist gut so.
Statt in dem miefigen Raum zu sitzen, dürfen wir nämlich mit der halben Parallelklasse zusammen nochmal an einem Buchbinden-Unterricht teilnehmen.

Und es ist schön. Es tut uns gut.
Obwohl wir an dem Geheimnis auch schwer tragen und wissen, was für ein Glück wir da haben.
Und daneben steht, dass wir eine Not daran haben, dass nicht alle haben können, was wir da haben. Dass wir uns Sorgen darüber machen, uns vor der Lehrerin nicht als würdig für diese Möglichkeit zu erweisen.

Mit all dem sind wir alleine.
Wie wir mit allen anderen kleinen und großen Gewissenskonflikten an der Schule alleine sind.

Bekommen wir Ausnahmen von der Schulalltagsregel um teilnehmen zu können, dann sollen wir nicht weiter drüber reden – Unmut bei den Schüler_innen
Brauchen wir Hilfe müssen wir das offenlegen und sagen – was immer stört und manchmal nervt – ergo: Unmut bei den Schüler_innen
Fragen wir viel nach, weil die Kommunikation missverständlich ist, sorgen wir für – richtig: Unmut bei den Schüler_innen

Das sollen wir verstehen, weil: die haben Pubertät und wir ne Behinderung.

Das klingt hart und fühlt sich auch so an. Wie harte Scheiße, die einem wo man geht und steht, macht und tut und sich bemüht, vor die Füße geworfen und auf die Nase gebunden wird.
Denn ja: natürlich haben alle ihre Bedürfnisse.
Aber unsere Bedarfe zielen darauf ab, überhaupt gut teilhaben zu können – nicht besser teilhaben zu können, als alle anderen – es ergibt keinen Sinn unsere Bedarfe mit denen der Mitschüler_innen 1:1 gleichzusetzen.

Jedenfalls.
Nach der Oase des Donnerstag kommt der Aufprall. Mathematik.
Ich habs schon mal geschrieben: für uns haben Wörter eine andere Struktur als Zahlen – wir sind schnell aus abstrakten Kontexten rausverwirrbar, wenn jemand konkrete Beispiele benutzt um diese Abstraktion zu erklären.
In Mathe verlieren wir den inhaltlichen Anschluss in aller Regel so nach 5 bis 10 Minuten. Die restlichen 80- 85 Minuten, die diese Veranstaltung hat, sind Kampf um Verstehen und Begreifen. So aktiv wir können. Nicht, weil wir das so unbedingt wissen wollen, sondern, weil es ein Hauptfach ist und wir insgesamt auf dem Zeugnis weder eine Sport- noch eine Religionsnote haben, um mittelprächtige Leistungen im Schnitt auszugleichen.

Die Hauptarbeit und der Grund für unsere relativ guten Noten waren und sind stundenlanges Selbstlernen und üben zu Hause.
Das Problem: irgendwann kriegt man Heimarbeit und Schularbeit nicht mehr übereinander.
Die Irritation wird dem Unterricht immanent. Alles, was es dann noch braucht, um richtig abzuschmieren, liefert unser momentaner Schulalltag frei Haus: unruhige Klasse, noch wenig erfahrene Lehrer_in, die Auflagen rund um Schüler_innenunmut, Pubertät und diese Kleinigkeit, die wir so im Gepäck haben.

Es ist zum Kotzen.
Und zum Heulen.
Überwiegend zum Heulen.

Vor ein paar Tagen dachte ich noch, wie unterschätzt es ist, Inklusion herzustellen, wenn man sie vorher noch nie gelebt hat.
Es liegt unter anderem daran, dass man behinderte Menschen nachwievor zu Menschen mit “speziellen Bedürfnissen” erklärt, “die aber eigentlich ganz leicht zu händeln sind (wenn man nur will)”.
Don’t get me wrong – in vielen Fällen ist das auch so. Aber eben doch nicht immer und schon gar nicht in allen Kontexten.

Die echte Inklusion ist das Ergebnis einer allgemeinen und strukturellen Anerkennung der Behindertenbewegung als Bürgerrechts bzw. Menschenrechtsbewegung.
Es reicht nicht eine Rampe aufzustellen oder wie in unserem Fall zu erlauben, dass NakNak* bei uns sein darf und wir insgesamt hier und da nachteilsausgleichende Ausnahmen gewährt bekommen. Das ist Bedürfnismanagment. So geht man mit Spezialsituationen um.
Man stellt damit aber keine neue Normalität her. Im Gegenteil.

Wenn es schief geht – und bei uns geht es seit ein paar Wochen schon schief – landet alle Verantwortung fürs erfolgreiche Miteinander bei uns. Denn es fordert von uns eine spezielle Dankbarkeit, Geduld, Erklärungs- und Rechtfertigungsbereitschaft und zwar immer für alle und alles.
Wer kann das denn leisten?
Niemand.

Aber wir tragen das. Und wir tragen das alleine.
Wir haben nicht erwartet, dass es einfach wird. Auch nicht, dass es reibungslos wird.
Wir haben aber vor allem nicht erwartet, mit so vielem allein bleiben zu müssen.

Wir haben noch immer keinen Fahrdienst. Der Nachteilsausgleich ist noch immer nicht offiziell beantragt.
Der Begleitermensch schlägt eine I-Kraft vor – wir haben Angst das alles nicht zu packen.

Und morgen klingelt der Wecker wieder um 5 Uhr 15.

Fehler

Manchmal muss man mit sich ins Gericht gehen. Sich auf den Pott setzen. Erklärungen aus dem Inneren einfordern.
Manchmal muss man streng mit sich sein.

Mir wird oft gesagt, ich wäre immer zu streng mit mir. Perfektionistisch. Zu anspruchsvoll.
Blabla – wer hört das denn nicht über sich, wenn es um Enttäuschung vor dem eigenen Versagen geht.
Für mich ist es üblich zu hören, ich würde zu viel verlangen, erwarten, wollen. Dabei ist nicht mein Anspruch das Problem. Jedenfalls nicht meins.
Mein Problem ist das Versagen. Der Fehler. Das Nichtentsprechen.
Vor allem dann, wenn ich die Aus.Wirkungen dessen nicht erfassen und be.greifen kann.

Meine letzte Woche stand unter dem Thema der Fehler, des Versagens und der Menschen, die darauf für mich unverständlich, manchmal sogar irrational, reagieren.

Ich habe einen Mathenachschreibtest abbrechen müssen.
Eine kleine Verwirrung über eine Aufgabenstellung schubste mich ins Blackout, wo es außer Angstschweiß und Beklemmung nichts mehr gab. Der Schultag hatte grade begonnen, ein anderer Test stand noch an – ich musste abbrechen und die 20 Punkte sausen lassen. Es half nichts. Obwohl ich wollte und wusste, dass ich kann. Nur nicht so. Nur nicht zu diesem Zeitpunkt.
Mein Versagen wäre keines gewesen, wären Tests wie dieser nicht das erste Mittel der Wahl.

Es ist kein Problem die Punkte nachzuarbeiten.
Es ist jedoch ein Problem die Punkte anders als die anderen in meiner Klasse nachzuarbeiten.

Mein Versagen, mein Fehler ist, andere Wege zum gleichen Ziel gehen zu müssen.
Und zwar tatsächlich: zu müssen.
Denn ich krampfe, wo Vielviel und Überanstrengung mich fallen lassen.
Und die anderen nicht.

Ich bin streng mit mir und erwarte von mir immer das Beste, was ich geben kann.
Ich merke den Preis, den das hat.
Ich merke aber auch das Ergebnis.

Ich wäre nicht an dieser Schule, hätte ich allem “Ach, das musst du doch nicht…” und jedem “Nach allem, was du durchgemacht hast…” nachgegeben.
Wäre ich noch so weich und zart mit mir, wie zu einem früherem Zeitpunkt, hätte ich nie wieder gesprochen. Hätte ich  nie wieder dieses Schlachtfeld menschlicher Interaktion betreten.
Hätte ich keine Ansprüche an mich, wäre ich noch immer die Patientin auf deren Kosten sich profiliert und selbst versichert wird.
Würde ich nichts von mir verlangen, wäre ich seit Jahren tot.

Mit dem Selbstanspruch ist es jedoch so eine Sache.
Weil ich mich beanspruche, mich immer wieder heraus.fordere und niemals leichtfertig an eine Sache herangehe, bin ich auch nie unbeansprucht, ungefordert und leichtfertig. Ich bin ernst und ange.streng.t.
Wo ich bin, da gibt es den lockerleichten Spaß nicht oft. Ich bin unbequem. Selbst dann, wenn ich nichts tue.

Ich stehe anderen Menschen oft nicht so zur Verfügung, wie sie es von anderen Menschen gewohnt sind. Man kann nicht viel von mir verlangen, denn ich verlange oft schon genug von mir. Man kann nicht viel von mir einfordern, denn ich habe oft nur noch mir ungenügend erscheinende Reste zu geben.

In dieser Woche hatte ich auch einen Streit mit Mitschüler_innen, weil ich einer Forderung von ihnen nicht nachkommen konnte.
Und auch nicht wollte.

Dabei…
Ja – dabei können sie es nicht wissen. Und verstehen.
Niemand kann es wissen und verstehen.
Niemand ist ich. Niemand teilt meinunser Er_Leben als uns, die wir sind, in diesem Lauf der Dinge, wo es das Ergebnis aller geleisteten Anstrengungen ist, am Schul- und sonstigem Alltag teilzunehmen.

Und doch.
Ich habe die Idee, dass sie keine Anforderungen an sich stellen. Dass sie nichts von sich selbst fordern. Aus Gründen, klar. Die denke ich mit.
Aber da denke ich auch, wie tragisch das ist.
Wie junge Menschen nicht mehr dazu kommen, sich selbst ernst zunehmen, das eigene Leben und den eigenen Erfolg ernst zu nehmen und von sich selbst abzufordern, weil die ganze Welt 24/7 von ihnen fordert zu funktionieren. Lieb zu sein, brav zu sein – nicht der Fehler sondern, die Lösung zu sein.
Vielleicht auch: die Er_Lösung zu sein.
Denn Kinder sind ja die Zukunft.

Da denke ich, wie gut ich es habe. Denn von mir erwartet niemand mehr irgendwas.
Ich bin schon rausgefallen, weggefallen, am Boden gelandet und egal was ich tue- es ist die nette inspirierende Kür, nach verkackter Leistungsgesellschaftspflicht.
Egal, was ich tue, es ist etwas anderes als das, was alle machen.

Wir leiden darunter.
Aber das ist nun einmal so.
Wir hättens ja auch besser machen können. Damals.
Wenn wir gekonnt hätten.

Konnten wir aber nicht.
Passiert.
Muss man mit umgehen.
Leben ist, Fehler zu nehmen und als Weggabelung im Lauf der Dinge anzuerkennen.

So kann man manchmal nur noch neben allen anderen herlaufen.
Oder – so wie wir nun schon seit Wochen – neben ihnen stehen, ohne in Kontakt zu kommen.
Obwohl man möchte.

die traumatisierte böse Königin

Vorgestern habe ich angefangen “Once upon a time” zu schauen. Eine Serie, in der Märchenfiguren, durch einen Fluch der bösen Königin, als Menschen in einer Stadt der Menschenwelt leben und nicht erinnern, wer sie eigentlich sind.

Üblicherweise finde ich böse Königinnen gar nicht mal so böse. In der Regel sind sie alleinstehende/verstoßene/ausgegrenzte Frauen, deren einzige Idee von Respekt und daraus hervorgehend Macht es ist, dass alle Angst vor ihnen haben. Es sind häufig so freie Frauen, dass sie über weite Teile des Lebens einsam sind und sich mehr oder weniger in Ersatzhandlungen oder Ersatzgegenübern verlieren.
Eine böse Königin lebt kein erfülltes Leben. Im besten Fall lebt sie eines, in dem sie gefürchtet wird, bis sie jemand durch den Tod davon erlöst.

So auch in der Serie. Wobei ich noch nicht weiß, ob sie stirbt. Das werden wir ja sehen. Vielleicht muss sie auch nur emotional ein bisschen sterben, um dann mit neuem Mindset aus diesem Sterben hervorzugehen.
Egal – das ist nicht, was ich aufschreiben will.

Aufschreiben will ich, dass mir Parallelen aufgefallen sind, die mich darin stärken, weiter zu tun, was ich für richtig halte. Egal, wie oft die bösen Königinnen in meinem Leben in mich hineintreten, um mir zu sagen, dass ich weggehen soll. Dass ich nicht gut genug bin für das, was ich tue oder tun möchte. Dass ich allgemein und grundsätzlich nicht genug bin.

Böse Königinnen machen keine Entwicklung, denn ihr Denken und Sein ist statisch. Es kann keine Veränderung geben, weder in sich noch in ihrem Bild von der Welt und ihren Gegenübern darin. Böse Königinnen haben Angst vor dem Schmerz, der damit einhergeht. Todesangst.
Sie können keine Verbündeten haben, die ihnen wirklich bedingungslosen Schutz, bedingungslose Fürsorge, bedingungslose Loyalität gewähren, denn im Zweifel sind es ihre engsten Verbündeten, die für sie zum Teil der mächtigsten Waffe gegenüber jenen Feinden, die ihr am meisten Angst machen, werden müssen.

So muss die böse Königin in der Serie, ihren Vater – den einzigen echten (im Sinne von “natürlich gewachsenen”) Verbündeten in ihrem Leben – töten und Haare von ihren anderen Verbündeten benutzen, um diesen Fluch auszusprechen.

Eine böse Königin zur Verbündeten zu haben, kann das eigene Leben bequemer machen. Vielleicht gibt es sogar Schutzaspekte und aufrichtige Gesten der Verbundenheit. Aber doch weiß man, dass das nur so lange auch so bleibt, wie die Königin keine Feinde (und damit auch: keine Angst) hat.
Alles muss so bleiben wie es ist – sonst wird es gefährlich.

In der Serie greift die Protagonistin zu den lauteren Mitteln, die allen Menschen frei zur Verfügung stehen, jedoch nicht von allen auch genutzt werden, weil sie samt und sonders von der bösen Königin ausgehebelt werden können (und oft auch werden).
Die Protagonistin bleibt. Sucht Alternativen und bleibt dabei zu tun, was sie tun möchte, weil es ihr richtig und wichtig erscheint. Sie tut es nicht, weil die Königin das nicht möchte oder weil es ihr eine Befriedigung verschafft zu sehen, wie die Königin ins Rotieren kommt.
Es geht ihr nicht um die Königin, sondern um sich selbst und die eigenen Themen und Werte.

Mir gefällt, wie deutlich wird, dass die Protagonistin kein Mensch ist, der nie Fehler gemacht hat oder einen ausschließlich liebenswerten/“guten“ Charakter hat.
Das bestärkt mich noch mehr, dran zu bleiben, weil es mit dem Klischee bricht, dass nur grundgute Menschen in der Lage sind, Gutes zu tun oder zu wünschen.
Es bricht auch mit der Mär vom guten Handeln zur Aufbesserung des eigenen Seins.

Ich bin in den letzten paar Jahren davon abgekommen die Kraft dafür aufzubringen, anderen Menschen das immer wieder über uns zu sagen.
Wir bekommen inzwischen so viele Emails am Tag von Menschen, für die wir etwas so Gutes getan haben, dass sie uns zu einer besseren Person v.erklären, als wir sind – aber nicht immer schaffen wir es allen einzeln zu schreiben: “Hey – wir haben vielleicht etwas Gutes für dich getan – aber besser als andere sind wir deshalb nicht.”.

Manchmal denke ich auch, dass es nicht unsere Verantwortung ist, die Menschen daran zu erinnern. Wir sind nicht hauptverantwortlich dafür, was andere Menschen von uns denken oder für wie gut oder schlecht sie uns halten.
Wofür wir die Verantwortung tragen sind die Dinge, die wir tun. Und wenn wir sie für gut und richtig halten, sie sich aber für jemanden nicht so auswirken, dann müssen wir sehen, wie wir darauf reagieren, statt uns damit aufzuhalten, ob uns dieser Umstand schlechter oder weniger wert macht.

Wir sind nicht gut in der Performance vom guten, perfekten Menschen.
Wir erleben uns meistens nicht einmal als Mensch. Allein das macht uns und unser Denken, Wirken und Schaffen zu etwas, das – zumindest in dem, wo wir uns so einordnen und positionieren – niemand anderen im Zentrum hat, als uns selbst.
Vielleicht ist das eine Traumafolge, vielleicht ist es aber auch das, was Autismus am Ende ist.

Es kommt häufig vor, das Menschen, die von Anbeginn ihres Lebens erfahren falsch und ungewollt zu sein, sich selbst als den Ursprung allen Übels in jeder Situation wahrnehmen. Perfiderweise oft nicht einmal so, dass sie bewusst denken: “Ich bin so schlecht, deshalb…”, sondern, dass jede (Konflikt-)Situationsanalyse mit “Ich…” beginnt und nicht mit “Wir…” (wenn ein Gegenüber involviert ist).

Es kommt aber genauso häufig vor, dass Menschen, die über lange Zeit zu viel ertragen mussten, alles und alle um sie herum als den Ursprung allen Übels in jeder späteren Situation wahrnehmen. Auch da gibt es meist nicht diesen Gedanken: “Ich leide so sehr, weil mir niemand hilft (weil…)”, sondern viel mehr den Anreiz jede_n mit Vorwürfen und Ansprüchen zu überschütten, di_er zufällig nicht tut, was gebraucht wird.

Über die Serie habe ich gesehen, dass die böse Königin so ein Muster hat. Sie selbst ist in Ordnung – es ist ihr Umfeld, dass ihr nicht genug hilft, nicht genug für sie da ist – ihr einfach nie genug ist und auch nie genug sein kann, denn sie selbst weiß, dass es nichts gibt, das je aufwiegen kann, was ihr fehlt.

Über die Serie habe ich aber auch unser Muster gesehen. Wir befassen uns nicht genug mit dem Umfeld, in dem wir leben, um so differenziert, wie man das in manchen Situationen tun sollte, einschätzen zu können, ob es ein okayes Umfeld ist oder nicht – denn im Zweifel wissen wir vor uns selbst schon viel sicherer und klarer, dass wir sowieso nicht dazugehören, weil wir einfach so ganz grundsätzlich nicht passen, nicht genug sind, kein Mensch sind, nicht wie andere sind – und sowieso einfach schon immer irgendwo ganz fern von allem passieren. Selbst dann, wenn es nicht um Konfliktsituationen geht.

In beiden Mustern geht es um die Abwesenheit bedingungsloser Bindungen. Um das ständige Ausbalancieren zwischen Einsamkeit und Frei_von_heit, zwischen Autonomie zur Sicherung des eigenen Überlebens und einer Abhängigkeit von einem Umfeld, das jederzeit als Bedrohung des eigenen Lebens wahrgenommen wird.

Wir haben uns inzwischen darin arrangiert, dass es keine bedingungslosen Bindungen für uns gibt. Für uns sind Menschen immer mit Anstrengung verknüpft, die uns auch immer etwas kostet. Das heißt, dass es von unserer Seite aus auch vielleicht nie möglich sein wird, so ganz und gar bedingungslos verbindlich zu sein, wie es Menschen uns gegenüber vielleicht schaffen und heute bereits sind.

Doch das hält uns nicht mehr so davon ab, uns mit Menschen zu umgeben, Umfelder verändern oder gestalten zu wollen, wie noch vor ein paar Jahren.
Wir machen unser Ding. Und unser Ding ist Wörter sammeln, um uns und unsere Er_Lebens_Erfahrungen auszudrücken.
Nicht, weil wir ihnen oder uns selbst eine besondere Bedeutung beimessen, sondern, weil sie da sind.

Und wenn etwas ist, dann ist es.
Auch wenn es stört und nervt und falsch ist und nicht genug ist und böse Königinnen zur Weißglut treibt.
Auch dann.

„Ausbildung inklusive“, Episode 7: „von Schüler_innenschwund und bewusstem Lernen“

“Seit Beginn des Schuljahres haben wir 4 Schüler_innen verloren.”, leitet unsere Klassenlehrerin ein Gespräch über Fehlzeiten, Entschuldigungsformularien und mögliche Konsequenzen  ein.
Es klingt, als wären wir im Krieg, oder unsere Klasse ein nicht sorgfältig beladenes Vehikel, das auf der Fahrt zum Abschluss, mal hier und mal da etwas verloren hat.
Abgelenkt von dem Häufchen falsch sortierter Wörter, sitze ich dort und bleibe auf Abstand mit meiner Angst vor den eigenen Fehlzeiten und ihren Aus_Wirkungen.

Es sind nicht viele. Schon gar nicht unentschuldigte. Aber doch – ich fehle häufig und damit fehlt mir Unterrichtstoff.
Mir fehlt die Inhaltwiederholungszeit, die Zeit zur Anwendung und Übung bereits bekannter Inhalte. Mir fehlen die Wortketten der Lehrer_innen, die sie im Unterricht auslegen und später von mir auf Test- und Klausurenzettel kopiert haben wollen.

Wenn ich lerne, dann tue ich es anders als in Seminaren zu Lernstrategien vorgeschlagen. Wenn ich mir Stoff selbst aneigne, dann tue ich das auf eine schwer mit dem Unterricht in der Schule in Einklang zu bringende Art.
Ich lerne nicht auswendig, ich lerne nicht intuitiv – mir “passiert” das Lernen neuer Inhalte nicht.
Und das ist von weitreichender Konsequenz dafür, wie ich vom Unterricht profitieren kann.

Diese Woche fand ich einen guten Vergleich dafür, wie es für mich ist – das Lernen, das Sprechen, die Interaktion mit anderen Menschen und so manches einander missverstehen.
Es war in einem Moment, in dem meine Englischlehrerin mich entstressen wollte, nachdem ich 2 Wochen gefehlt hatte. Sie sagte etwas, das schon die Deutschlehrerin und viele andere Menschen, die meine Texte lesen, zuvor oft gesagt hatten: “Du hast so ein gutes Sprachgefühl…(mach dir mal keine Sorgen um deine Noten im Unterricht)”.

Das Problem: Ich habe kein gutes Sprachgefühl – ich habe ein gutes Gefühl für Muster und Systematik

Für mich funktioniert Sprache wie eine schier unendlich große Steinsammlung.
Lesen und Gespräche anderer Menschen anzuhören, ist für mich wie Steine sammeln.
Es gibt schöne Steine, es gibt scharfkantige. Es gibt Brocken, es gibt Kiesel. Es gibt Steinlawinen, es gibt Schotterflächen.

Das Schreiben von Texten ist meine Art der Sortage. Mein eigenes Muster – manchmal auch das Herzeigen meiner eigenen Steinsammlung.
Manchmal bin ich mutig und spiele mit Rhythmus und Metaphern und lege Worte aus bis zu 5 verschiedenen Sammlungen zu einem mehr oder weniger harmonischen, schönen, passenden Bild zusammen.
So blogge ich. So schreibe ich Phantasiegeschichten, Gedichte und Texte, die in anderen Menschen ganze Panoramen entstehen lassen.

Doch für mich sind es Steine.
Also: konkrete Gegenstände. Werkzeuge. Hilfsmittel.

Menschen mit echtem* Sprachgefühl und intuitivem Spracherwerb können diesen Aspekt vielleicht in Teilen nachvollziehen – würden daneben aber vermutlich immer auch sagen: “Ja, aber Worte sind doch auch noch SO VIEL mehr!”.
Dieses “so viel mehr” habe ich bis heute nicht gänzlich erfasst. Wohl aber, habe ich eine Sammlung von Worten aus den Versuchen anderer Menschen, die mir genau das zu vermitteln versuchten.

Worte und Sprache sind für mich auch nicht gekoppelt an Stimme und Körper (einzige Ausnahme: Gesang und Poetry Slams)
Natürlich höre ich Betonungen und Zwischentöne – natürlich registriere ich Gesten und Gebärden – aber die Worte dazwischen werden schwer aufnehmbar für mich, wenn ich sie auch mit einsammle.

Dass die Wortwahl von Menschen auch von ihrer Klassenzugehörigkeit und ihrer sozialen Umwelt bestimmt wird – dass es Kontexte mit ganz eigener Sprachkonstruktion gibt, war für mich eine der größten Entdeckungen in den letzten Jahren.
Die Architektur der Lüge, des Witzes, der Spannung, der Vermittlung verschiedener Standpunkte und Kontexte – für mich passiert sie immer davon losgelöst.
Ich kann akademisch sprechen und schreiben, weil ich aus meiner Sammlung von akademisch sprechenden und schreibenden Menschen schöpfe – nicht, weil ich umgeben von Akademiker_innen eine akademische Ausbildung erfahren habe.

Wenn ich mit solchen Menschen zu tun habe, wähle ich diese Sammlung, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass sie so am wenigsten anstrengend für mich mit mir kommunizieren – nicht, weil ich diese Art der Sprache für richtig, wichtig, gut befinde oder mich selbst über meinen eigentlichen Status erhöhen will.
Jedoch sagen Menschen einander genau das auch, wenn sie auf diese Art miteinander sprechen.
Ein Umstand, den ich in seiner Bedeutung für mich und die Art wie ich verstanden und als Person bewertet werde, tatsächlich erst vor wenigen Jahren wirklich begriff.

Und an dieser Stelle wird Unterricht für mich schwierig.
Schulunterricht sollte eine sachliche Informationsvermittlung sein – ist es aber nicht.
“Natürlich nicht!”, sagt der neurotypische Mensch. “Das wär ja stinklangweilig!”.
Menschen, die nicht von Gebärden und Gesten, von Beispielen aus einem anderen Lebensbereich (für mich: aus einer anderen Sammlung), Nebengeräuschen jeder Art und dem Druck, den es eben macht, wenn man weiß, dass alles Gesagte verstanden und später unter Beweis gestellt werden muss, abgelenkt werden, haben in der Folge so enorm viel mehr Raum für Langeweile, dass diese in ihrem Auftreten nur logisch erscheint.

So entwickeln sich die Lehrmethoden auch immer mehr zu Gruppen- und Projektarbeiten, zu Unterricht zum Anfassen, zu Mediennutzungseinheiten und an unserer Schule auch: weg von Hausaufgaben.
Es wird immer schwieriger für meine Mitschüler_innen mir nach einer Stunde zu sagen, was sie gelernt haben – denn sie haben sehr viel gemacht und das Lernen ist ihnen dabei unbewusst passiert.

Als ich zur Grundschule ging (im Ostdeutschland der 90er Jahre), kam ich immer mit Hausaufgaben aus der Schule.
So hatte ich jeden Nachmittag einen Anlass, die über den Schultag an mich geklammerten Wörtersammlungen  loszulassen und zu sortieren. So konnte ich lernen, welche Worte wohin (zu welchem Lehrer (und damit: zu welchem Fach, welcher Tageszeit, welchem gewünschten Verhalten)) gehören und so hatte ich eine Chance mir herzuleiten, welche Sammlung welches Ding bzw. welchen Kontext beschreibt und damit eine Chance darauf, den Transfer zur Anwendung zu schaffen – obwohl um mich herum gequatscht, geraschelt, verwirrendes Zeug getan wurde.

Heute merke ich, wie wichtig so sortierte Sammlungen für mich sind. Habe ich keine, oder ist die, die ich habe, nicht auf dem neusten Stand, habe ich keinerlei Möglichkeit zu verstehen, was wir wieso wozu gerade tun, was ich selbst tun soll, was von mir erwartet wird, welche Worte und Inhalte relevant sind.
So fange ich an wahllos nach allem zu grapschen, was ich finde – was jedoch bei Gruppen- und Projektarbeiten zum Beispiel, zu 95% keinerlei Hinweise für mich enthält, welche Sammlung jetzt heranzuziehen ist.
Und das ist unheimlich anstrengend.

Ich komme durch diesen Energieverlust schnell in Stress, reagiere darauf mit Dissoziation und verliere dadurch Zeit (Stichwort: dissoziative Amnesie, andere Menschen erleben so etwas, nach schweren Autounfällen oder Momenten der akuten Lebensgefahr – you get the idea of my Stresslevel an der Stelle).
Mein Persönlichkeits-Zustand verändert sich. Alles in mir schaltet auf hart sein, festhalten, durchhalten, aktiv nach allem greifen was fassbar ist – für Lehrer_innen sieht das aus wie “aktive Mitarbeit” und Himmel!, was hab ich für ein Glück, dass das in die Noten mit einfließt.

Doch meine “aktive Mitarbeit” ist ein Kampf um Verstehen und Begreifen. Es ist ein bewusstes Handeln, das nur deshalb aktiv wirkt, weil meine Art zu lernen eine aktive im Sinne von: “sehr bewusste” ist. Und das lernen Lehrer_innen für Regelschulen nicht als übliche Form des Lernens im Unterricht – sondern als Form der Prüfungsvorbereitung oder der Hausaufgaben, wenn die Schüler_innen sich bewusst und in Eigenregie mit dem Stoff beschäftigen oder als Verhalten von stark intrinsisch motivierten Schüler_innen. Also als etwas, das eher wenig mit den Lehrenden oder den Fähig- und Fertigkeiten der Schüler_innen bzw. deren Lernverhaltenskonstruktion zu tun hat.

Der Begleitermensch zitiert in unseren Gesprächen über die Schule häufig aus internationalen Studien, die sagen, dass autistische Schüler_innen mindestens den doppelten Energieaufwand haben, um zu lernen.
Ich kann mir nicht vorstellen, was von meinem Lernen anders sein müsste, damit Schule an sich nur noch halb so anstrengend für mich ist, wie jetzt.

Manchmal denke ich, wenn meine Angst nicht mehr so stark wäre, würde es sicher leichter. Manchmal denke ich, wenn ich weniger verwirrt wäre, wäre es leichter. Und immer öfter merke ich, dass es schon viel erleichtern würde, würden Schein und Sein nicht erst über Inkongruenz als zwei eigenständige Dinge betrachtet. Es gibt viele Dinge, die Menschen unbewusst und intuitiv machen. Doch das heißt nicht, dass sie nicht auch bewusst und gezielt gemacht werden können. (Gleiches gilt anders herum.)

Ich kann mich seit Beginn der Berufsausbildung immer häufiger als jemand wahrnehmen, die_r Menschen irritiert, weil der Einsatz bzw. das Aus_Wirken von bewusstem und unbewusstem Re_Agieren teilweise grundlegend anders passiert. Und während ich keinen Schmerz daran habe, mich zum Zwecke des Verstandenwerdens auch zu erklären, gibt es durchaus die Momente, in denen Menschen durch diese Erklärungen merken, wie wenig aktiv, bewusst, kontrolliert und vielleicht: selbstbestimmt im Sinn von “das mache ich mit Absicht aus diesen und jenen Gründen”, sie in ihrem ganz üblichen Funktionieren sind.

Manchen tut das weh. Manche sind irritiert und doch auch fasziniert von dieser Entdeckung eigener Ränder. Und manche reagieren mit nebulöser Furcht aus Überforderungsgefühlen heraus.

Doch immer geht es weiter. Gnadenlos schnarrt der Klingelton aus dem Lautsprecher im Klassenraum. Unbarmherzig drängeln Lehrplan, Schulbürokratie und Bildungspolitik unser aller Lebensrealität durch das Stück gemeinsamen Laufs der Dinge.

Und manchmal verliert man dabei Schüler_innen.

“Ausbildung inklusive”, Episode 6 – die erste Halbzeit

Und da ist es also: das erste Halbjahreszeugnis seit 2008

Wir sind zufrieden mit den Ergebnissen, wissen aber auch, wo wir ein „sehr gut“ hätten erreichen können, wenn wir seltener gefehlt hätten.
Wie das immer so ist.

Mir ist bei der Gelegenheit eingefallen, dass wir darüber schreiben wollten, was uns im Moment gut hilft, in der Schule zu sein und zu arbeiten.

1.  NakNak*.
Es gibt nach wie vor jeden Tag Situationen, in denen wir gerade so am Nervenzusammenbruch entlang schlittern, weil einfach alles zu laut, zu viel, sehr kraftintensiv ist. Sie hält uns sehr in der Waage in diesen Momenten. Manchmal, weil wir sie anfassen und auf dem Schoß haben können, manchmal, weil ihre Anwesenheit eine Verantwortungsübernahme von uns erfordert, die sehr stabil in uns verankert ist. Es gab bisher nur einmal die Situation, dass ich jemand anderes bitten musste sie zu halten. Das war kurz vor einem Anfall in der Pausenhalle.

2. der individuell angepasste Gehörschutz.
Wir hätten uns schon viel viel früher trauen sollen, uns so etwas zu wünschen und zu besorgen – diese Ohrstöpsel helfen uns so sehr!

Zu Beginn des Schuljahrs haben wir noch auf die Variante zurückgegriffen mit der wir Bus- und Bahnfahrten geschafft haben, nämlich die In-Ear-Kopfhörer, manchmal mit Musik drauf, meistens ohne. Nach kurzer Zeit in der Schule jedoch zeigten sie sich als wenig nützlich und wir gingen zu „Kind“ um uns beraten zu lassen. Dort kauften wir ein Paar „Party Plugs“ von Alpine, die gut geschützt haben, jedoch nach zwei, drei Stunden immer wieder aus den Ohren rutschten.
Danach stiegen wir um auf den angepassten Gehörschutz.
Das bedeutete, dass ein Abdruck von den Gehörgängen genommen werden musste, was nicht wehgetan hat, aber wirklich unausweichlich unangenehm war.

Zuerst wird ein kleines Stück Schwamm oder Watte an einem Faden sehr tief in den Gehörgang eingeführt und darauf kommt die Abdruckmasse, bis sie ausgehärtet ist.

die Masse im Ohr

ein hellblaues Stück Kunststoff mit gelbem Schwammstückchen drauf
der Kunststoffabdruck von unserem Gehörgang

 

Aus diesem Abdruck werden die Otoplastiken gefertigt.
Man kann sie wie wir in einer Farbe bekommen, oder durchsichtig. Eingefügt werden unterschiedlich starke Filter. Es gibt auch welche mit denen man schwimmen gehen kann.

 

grüne Otoplastiken von hinten
die fertigen Stücke von hinten

 

grüne Otoplastik von der Seite
die fertigen Stücke von der Seite

 

Unsere filtern PC- und Beamerrauschen, Leuchtstoffröhren-, Maus- und Tastaturgeräusche, Jackenraschel- und Papierraschelgeräusche zu 90 bis 100 % weg, aber auch herannahende Schritte, ruhige, leise Stimmen und andere subtile Geräusche in dem Frequenzbereich. Alles Dinge, auf die sich üblicherweise unsere Aufmerksamkeit richtet, um die Selbstorientierung zu ermöglichen. Man kann sich also vielleicht schon denken, dass die Umstellung und Gewöhnungszeit alles andere als einfach für uns war.
Normale zimmerlaute Gespräche werden nur etwas gedämpft.

In der ersten Woche gab es eine große Überforderung, aber schon in der Woche darauf war sie nur noch mittelgroß. Inzwischen schwankt sie zwischen leicht bis mittel, denn auch für NakNak* funktionieren wir durch den Hörschutz anders als sonst. Auch sie muss neu mit uns ins Teamwork hineinfinden.

Den Hörschutz tragen wir am Tag zwischen 6 und 8 Stunden am Stück. Länger sollte man ihn nicht tragen und länger könnten wir es auch nicht ertragen. Sie sind zwar angenehm im Tragegefühl, jedoch ist da auch immer ein wenig Unterdruck, der sie an ihrem Platz hält und nach einer Weile auch ein leichtes Dauerunbehagen am/im Kopf.

Im Unterricht ermöglichen sie uns eine völlig neue, gute Konzentration im Klassenzimmer.
Wir schaffen inzwischen sogar auch schriftliche Aufgaben, obwohl/während andere Schüler_innen da sind quatschen. Diese Woche hat sogar eine Einzelarbeit geklappt, während die anderen in Gruppen gearbeitet haben. Alles Dinge, die uns früher völlig leergesaugt haben und unheimlich viel Nacharbeiten erforderten.

3. die Absprachen, die wir mit den Lehrer_innen treffen konnten.

Wir dürfen zum Beispiel 5 Minuten früher gehen und später kommen, um Kruschelphasen zu überspringen, in denen alle Mitlernenden gleichzeitig in ihren Taschen kramen, Bänke rücken und Ähnliches.

Da wir den Religionsunterricht abgewählt haben, haben wir eine Freistunde, die wir für uns allein in einem Raum gestalten können. Das ist bisher immer eine perfekte „so richtig in Arbeitsschwung komm“-Stunde für uns gewesen, weil uns niemand gestört hat und wir uns die Aufgaben je nach Bedarf überlegen konnten. Bei Problemen können wir andere Lehrer_innen im Haus ansprechen. Bisher hatten wir aber nie Probleme – wir sind da ja schließlich allein 😉

Alle Absprachen hat uns die Klassenlehrerin sogar noch laminiert und gegeben, falls wir eine Vertretungsstunde haben und die Person noch nicht Bescheid weiß.

4.  der neue Arbeitsplatz, den wir uns in den Ferien gebaut hatten.

Inzwischen haben wir viel darüber verstanden, wie Orientierung, Konzentration und Lernen für uns besser funktioniert.
Also haben wir uns von unserem „für jede Tätigkeit einen anderen Tisch“-Modell verabschiedet und einen Platz für 4 Tätigkeiten eingerichtet.

Der Arbeitsplatz besteht jetzt aus einer Küchenarbeitsplatte (2x1m) und einem Regal mit mehreren Fächern. Da wir jetzt alles mit unserem Zeug befüllt haben und Notizen mit unseren Daten überall hängen, hier mal nur eine Skizze:

Skizze des Regal mit vielen Fächern und des Schreibtischs
der neue Arbeitsbereich

 

Für uns funktioniert es prima, jedoch auch nicht fehlerlos.
Da wir unsere Ordner nach Tagen sortieren, sind veränderte Stundenpläne oder andere Außerplanmäßigkeiten ein Problem.
Das sind sie sowieso schon immer, aber das System kann nichts machen, dass es leichter fällt. Deshalb werden wir unsere Ordner ab diesem Halbjahr nicht mehr nach den Wochentagen ordnen.

Und: an belasteten Tagen können wir den Platz gar nicht nutzen, weil er uns überreizt.
Einer der Gründe, weshalb wir jetzt noch froh sind, nicht gleich alle anderen Tische abgegeben zu haben.

5. YouTube.

  • Der großartige Kanal “How to ADHD” von Jessica, die neben vielen Videos über und zu ADHS, auch eine sehr hilfreiche Playlist zum Thema Selbstorganisation hat
  • Der inzwischen schon über YouTube hinaus bekannte Mathe-Kanal von Daniel Jung
  • viele verschiedene Videos von User_innen zu Funktionen von InDesign, Photoshop und Illustrator

und die englischsprachigen Kanäle, die wir uns als ganz übliche tägliche Sprachübung jeden Tag zur Entspannung ansehen,
zum Beispiel:
ask a mortician (Themenkreis Bestattungskultur, selbstbestimmte Trauer, deathpositivity)
trich journal (Themenkreis Trichotillomanie)
the art of photography (Themenkreis Fotografie als Kunst)
exploring alternatives (Themenkreis tiny houses und andere alternative Wohnformen)
Polly Samuel (aka „Donna Williams“, Autismus, Asperger und verschiedene Divergenzen. Da sie bald an Krebs versterben wird, aktuell viel Liebe, Leben, Innigkeit.)

6.  unsere Helfer_innen und Unterstützer_innen.

Ohne euch und euren Zuspruch würden wir manche Tage nicht schaffen und aus manchen Tagen nicht so heil herauskommen, wie wir es im letzten halben Jahr geschafft haben.

Danke euch <3

 

 

* Die ersten Episoden „Ausbildung inklusive“ findest du hier
Eine Audioversion dieses Textes können wir derzeit nicht leisten.
Wir danken für dein Verständnis.