Atem.Not

Gestern war einer dieser Tage, an denen sich die Luft zu einer feucht warmen Masse verdichtet und über Stunden versucht ein Gewitter zu werden.
Und gestern war der Tag, an dem wir den ersten schlimmeren Asthmaanfall seit Jahren hatten.

Wir sind nicht besonders kompetent mit diesem Teil unseres Heuschnupfens. Hatten jahrelang weder so heftige Symptome wie dieses Jahr, noch solche Probleme mit der Atmung, dass wir mehr als ein Spray und ruhiges, auf Entspannung orientiertes Ein- und Ausatmen brauchten.

Wir hatten uns gestern entschieden unsere übliche Fahrradstrecke zu fahren. Immerhin wollen wir bald zu unserer Radtour ans Meer aufbrechen und da wird das Wetter auch nicht immer toll und angenehm sein.
Nach der Hälfte der Strecke kommt eine lange Steigung – und mit jedem Meter weiter rauf kam weniger Luft, dafür aber mehr Schleim aus dem Oberkörper heraus. Ich stieg ab, nahm die Arme über den Kopf und wusste nicht, was ich machen soll. Außer warten, Kinderinnens verpacken, atmen, das Spray benutzen und Wasser nachschütten, um besser husten zu können.

Mir kam das ehrlich gesagt ziemlich wenig vor, denn so richtig wieder gut wurde es nicht. Wurde es auch über Stunden nicht.

Nach einer Viertelstunde hatte ich nicht mehr das Gefühl gegen Schleim anzuatmen und konnte auch (langsamer und achtsamer als vorher) wieder aufs Fahrrad steigen, aber das untergründige Gefühl von Rastlosigkeit, ängstlicher Unruhe, (Luft)Not, ein flirrendes Zittern unter der Haut, Hustenreiz und eine seltsame Spannung im Brustkorb selbst, blieben bis zum späten Abend bestehen.

Es gewitterte dann irgendwann auch endlich und die Luft wurde kühler, aber erleichtert hat es uns die Atmung nicht.

Atemtechniken sind für uns ein wesentlicher Bestandteil der Selbstregulierung im Alltag. Es gibt so viele Dinge, die uns ängstigen, erschrecken und auseinanderfallen lassen, das wir uns auf den eigenen Atem als sicher immer verfügbares Werkzeug verlassen. Mit jedem tiefen Einatmen begleiten wir die Luft in den Körper hinein und verwenden verschiedene Bilder, um uns zu sichern und in Raum und Zeit zu orientieren. Mit jedem langen Ausatmen lassen wir Anspannungen und Schmerzen ablösen und bringen Erinnerungen und Not auf Distanz.
Diesen Umgang als nicht so sicher anwendbar zu wissen, bringt uns dann doch ziemlich aus der Fassung.

Gestern recherchierte ich nach Tipps von anderen Asthmatiker_innen, wie sie mit ihren Schwierigkeiten umgehen.
Die guten Ergebnisse dieser Recherche waren zu merken, dass wir nicht viel mehr als das Wenige, was wir getan haben, hätten tun können – die schlechten Ergebnisse waren, dass man allgemein nicht viel mehr tun kann, als das, was wir getan haben.

Eine andere Reflektion war: wir brauchen im Moment unheimlich viel Beruhigung und Versicherung von außen – verstehen aber beruhigend gemeint Gesagtes von anderen Menschen als Aufforderung als beunruhigend Wahrgenommenes nicht weiter als beunruhigend wahrzunehmen.
Wieder stehen sich Intension des anderen Menschen und Inhalt der Worte für uns als unüberwindbar widersprüchlich gegenüber und wirken damit – ja, was auch sonst: beunruhigend, ängstigend, verwirrend, verunsichernd auf uns.

Geholfen hat es letztlich, dass wir uns sehr früh ins Bett gelegt haben – in der Position, die als den Brustkorb dehnend auf dieser Webseite gezeigt wird – und über die Betrachtung der kleinen aufsteigenden Blasen in unserem Schlüsselanhänger einzuschlafen.

Nächste Woche haben wir einen Termin bei unserer Hausärztin.

Missverständnisse und ihre Folgen

Es ist 2:40 Uhr.
Ich liege in unserer Schleiereulenhöhle, schaue auf die fluoreszierenden Sterne und höre dem Innen zu.

Wo es immer schreit und weint, schreit und weint es. Wo es immer Lösungen sucht, flackerflirrsirrsummen Wort-und Wissenscluster. Wo es nach Eindrücken greift, stinkt es nach Angstschweiß und wo ich bin, das ist es schmerzensstill wie im Auge eines Tornados.

Jemand von uns sagte, dass man klagen können müsste. Mehr als wehklagen, mehr als selbstbefreiend und selbstregulierend klagen. Man müsste strukturell klagen können. Auf Schmerzensgeld, Entschädigungen für entstandenes Leid und wirtschaftlichen Schaden, Wiedergutmachungsleistungen nach seelischen Verletzungen und Verletzung der Menschenrechte.
Allein die Möglichkeit das zu können – die Wahl darum zu haben, für sich auf struktureller Ebene eintreten zu können, würde für manche von uns einen erheblichen Unterschied bedeuten und die Situation erträglicher gestalten.

Man müsste es nicht einfach hinnehmen durch den verspäteten Aufnahmetermin in der Klinik, dann eben Dinge abgesagt zu haben, die Geldeinnahmen bedeutet hätten und jetzt vieles einfacher aussehen lassen würden. Man müsste nicht einfach hinnehmen, dass man uns behandelt hat, wie jemand di_er ganz die eigene Krankheit ist, statt ein Jemand, das seit 16 Jahren in der inhaltlichen Auseinandersetzung und dem Umgang mit dem eigenen als Krankheit bezeichneten Zustand ist. Man müsste das fachlich inkompetente Eingreifen in unsere zukünftigen Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten nicht hinnehmen.

Man müsste einfach nicht gezwungen sein, sich demütigen und kränken, behindern und verletzen lassen zu müssen. Von anderen Menschen. Erneut.
Und erneut ohne wie auch immer gelagerte Konsequenzen für diese Menschen.

Hintergund dieses Wunsches, war ein gestern angekommener Arztbrief von der Klinik, in dem in den Diagnosen stand wir hätten eine „dissoziative Identitätsstörung bei narzisstischer Persönlichkeitsstruktur“,  Asperger-Syndrom … , bla bla – der ganze Rest.
Nachdem wir mit den Kränkungsgefühlen, die mit dem Begreifen der Annahme der Gegenüber, dass es sich bei uns um a) eine Person mit Persönlichkeit und darauf fußend b) eine Person, die sich selbst so großartig macht, dass ihr alles Äußere irrelevant bis nieder(er) erscheint, weil sie ein inexistentes Selbstwertgefühl hat, handelt, fertig waren, klackerten Verständnisprozesse wie Dominosteinketten durch uns hindurch.

Plötzlich ergab alles Sinn. Die Verweigerung uns zuzuhören und ernst zunehmen. Die Vermeidung sich anzuhören, was genau wir für Schwierigkeiten aufgrund welcher Umstände und eigenen Reaktionen hatten. Der Entzug der Möglichkeit individuelle Lösungswege der Integration in die Therapieangebotsstrukturen für uns zu finden.
Wenn man denkt, jemand erhebt sich mit seinen Äußerungen oder macht sich wichtiger, als si_er ist, mit dem, was si_er sagt – ja sicher verhält man sich dann genau so, wie sich unsere Behandler_innen uns gegenüber verhalten haben.

Und wir dachten die ganzen 3 Wochen, wir müssten nur immer deutlicher und verständlicher sagen, was genau unsere Probleme sind.

Alice im Wunderlandszene, in der sich Alice seufzend an die Stirn greift
Alice im Wunderlandszene, in der sich Alice seufzend an die Stirn greift

Weil man uns immer wieder sagte, wir sollen mit diesen Menschen zusammenarbeiten, weil wir ja schließlich etwas von ihnen wollten.

Meryl Streep, die sich an die Stirn greift
Meryl Streep, die sich an die Stirn greift

Weil es für uns so ein üblicher Bestandteil der Interaktion mit anderen Menschen ist, weil wir verschiedene Behinderungen erleben.

Cäpt'n Picard, der sich an die Stirn greift
Cäpt’n Picard, der sich an die Stirn greift

Weil wir in dieser Klinik nie zuvor die Erfahrung gemacht haben, nicht gehört und verstanden zu werden.

weißer Mann*, der sich an die Stirn greift
weißer Mann*, der sich an die Stirn greift

Weil wir dachten, wir hätten in diesen Menschen viele Gegenüber, die daran interessiert sind uns gemäß unserem Auftrag an sie zu unterstützen und zu helfen.

einem weißen Mann*, der seinen Kopf mit beiden Händen hält, greifen zwei zusätzliche Hände an die Stirn
einem weißen Mann*, der seinen Kopf mit beiden Händen hält, greifen zwei zusätzliche Hände an die Stirn

 

Das Dilemma an so einer, wie der Begleitermensch sagt “Narzissmuskeule” ist: die absolut sichergestellte Abwertung aller Äußerungen, Einwendungen und Reaktionen, die von einer als narzisstisch bezeichneten Person kommen.
Das ist, wenn kein Narzissmus vorliegt, die absolute Unterwerfung einer Person unter die Deutungshoheit einer anderen und damit Gewalt.
So ein Umgang, wie der den wir erfahren haben wirkt sich damit auch zwangsläufig als genau so aus, wie wir es empfunden und auch gegenüber diesen Personen zurückgemeldet haben: ignorant und grausam.

Am Ende dieses Tages, in der Nacht zum nächsten Tag rastete die Erkenntnis bei uns ein, erneut Helfergewalt erfahren zu haben und genau nichts – aber auch gar nichts weiter tun zu können, als es aufzuschreiben, unser von uns dokumentiertes Handeln in der Situation auf zukünftig veränderbare Anteile zu prüfen und als die Gewalterfahrung abzulegen, die sie für uns war.

Selbstverständlich werden wir mit unserer Therapeutin darüber sprechen. Werden mit unserem schlauen Aspergerbuch unterm Arm in die Praxis gehen und ihr hoffentlich klar machen können, dass wir ihre Unterstützung dabei brauchen, diesen Arztbrief korrigieren zu lassen, weil er uns so, wie er jetzt ist, die Autismusförderung, die wir zum Schaffen der Berufsausbildung, zur effektiveren Nutzung ebenjener ambulanten Therapie und zur Anbahnung von so etwas wie Lebensqualität durch soziale Teilhabe brauchen, zerschießen kann (und aufgrund diverser Faktoren sogar relativ wahrscheinlich auch: wird).
Das ist eine Ebene, die wir können. Unter Aufwendung von viel psychischer Dissoziationsleistung, aber durch genug Erfahrungen geübt.

Die andere Ebene ist die Berührung eines wunden Punktes von uns.
Die ewige Frage danach, wer wir denn nun sind. Ob wir so etwas eine Persönlichkeit haben, oder nicht. Wie wir auf andere Menschen wirken und wie viel dieser Außenwirkung dafür verantwortlich ist und vielleicht schon unser ganzes Leben lang war, Gewalt zu erfahren.
Also: Waren wir vielleicht schon immer so ein Arschlochwesen, das man nur treten, schlagen, halbtot vergewaltigen kann, weil es so ein mieser Charakter, ein unangenehmer Störfaktor, ein unaushaltbares Irgendwas ist?

Machen wir unser Leben lang schon etwas, dass so logisch den Kontakt zu anderen Menschen für uns immer wieder ganz zwangsläufig in Gewalt an uns verwandelt?
Und kriegen wir genau das nicht mit, weil wir zu dissoziativ funktionieren, um das überhaupt jemals selbstständig verändern zu können?

Wir haben diese Fragen schon lange als typisch für in rape culture sozialisierte Menschen, die zwischenmenschliche Gewalt erfahren haben, erkannt und akzeptiert. Haben genauso lange die Antworten in uns parat, die uns sagen, dass wir selbst, wenn wir die schlimmsten, gemeinsten, bösesten Menschen auf der Welt wären, die Gewalt an uns nicht gerechtfertigt wäre.
Und dennoch sind sie da und wirken. Und tun weh, wenn passiert, was uns gerade passiert.

Wir haben 4 Jahre daran gekaut die DIS als psychische Entwicklungsform zu akzeptieren, die den Großteil der bestehenden Persönlicheitstheorien in ihrer Anwendung ausschließt. Haben noch 2 weitere Jahre für die Trauer um einen Normalitätsfakor (nämlich den eine (Kern oder Ursprungs) Persönlichkeit zu haben) gebraucht und konnten erst dann damit beginnen das als gegeben anzunehmen, was uns von einander in der Innenarbeit begegnet.

Jetzt kauen wir seit der Autismusdiagnostik an der Anerkennung eines weiteren in uns liegenden Faktors, der eine Persönlichkeitsentwicklung erschwert bzw. spezifisch beeinflusst haben wird und fühlen uns zunehmend einer guten Prognose beraubt.

Bisher haben wir weder Literatur, noch valide Fallbeispiele noch theoretische Modelle zur angemessenen Traumatherapie von autistischen Menschen mit DIS (oder andersherum hochdissoziativen Autist_innen) gefunden. Wir sehen uns vor einer Zukunft der Hilfen und Unterstützungen, die sich immer wieder durch so grundlegende Missverständnisse aufgrund von menschlichem Versagen und fachlichen Inkompetenzen auszeichnen wird, wie jetzt während der 3 Klinikwochen geschehen.
Also: Helfergewalterfahrungen, denen wir weder präventiv noch im Nachhinein mit so etwas wie Entschädigungsforderungen und als legitim verankerten Anspruch auf Wiedergutmachungen für erlittenen Schmerz begegnen können.
Zeigt mir mal bitte, wo genau hier der Opferbonus, das Behindertenspecial, der Ego-Keks, auf den ich mich selbstverherrlichen kann, ist.
Vielleicht würde das schon reichen, zu ertragen, was hier gelaufen ist.

Es ist 4:34 Uhr, als ich das letzte Mal auf die Uhr schaue und mein Gesicht an das Fell von NakNak lege, um mich von ihren Atembewegungen in den Schlaf hinein und weg von der Not streicheln zu lassen. Ich höre ein Weinen und merke irgendwann, dass ich mich selbst höre.

Und dann ist es morgens und ich stehe auf einer Wiese circa 8 Kilometer von unserer Wohnung entfernt.

innere Tode

Sie führt den Bleistift rasch übers Papier auf dem Schoß und schaut mich an.
“Und wenn es wieder passiert?”
Ihre Stimme klingt ruhig, aber ich bemerke das Rot in der Frage und sehe, dass sie sich an etwas erinnert, das lange vor mir passiert ist.

“Was ist denn passiert?”, frage ich, obwohl ich es gar nicht wissen will.
Sie antwortet, dass sie schon einmal so eine innere Landkarte mit Namen angefangen hat. Atmet ein, macht einen weiteren schnellen Strich und sagt: “Und dann bin ich gestorben.”.

Der Satz schlägt auf und kullert in das leere Rund zwischen uns.

“Aber du bist nicht wirklich gestorben, richtig?”, frage ich. “Du bist ja jetzt da.”. Sie nickt. “Aber trotzdem. Vielleicht passiert es wieder.”.

Ich weiß nicht, was ich ihr sagen könnte.
Ärgere mich schon wieder diesen Prozess nicht in der Klinik durchmachen zu können. Werde wütend, weil wir allein in eine Innenarbeit gehen und zwar durch äußere Vereinbarungen gesichert sind, aber keinen gleichermaßen gesicherten Beistand für die inneren Chaosherde haben. Dass wir einfach genau keine Helfer_innen haben, die schon vor 10, 12, 14, 15 Jahren innere Tode von Innens miterlebt haben und uns heute sagen könnten, worauf wir achten könnten. Was vermeiden. Wen unterstützen. Wann nachfragen lohnt und wann es eine Krise provoziert.

Unsere Therapeutin hatte sich gefragt, ob es uns überfordert dann doch jetzt einfach in die Erstellung einer aktuellen inneren Landkarte zu gehen. Und vermutlich hatte sie genau oder einen ähnlichen, wie unseren Gedanken: “Ja – nein – keine Ahnung – aber, ohne irgendeinen Anfang, gehts nicht weiter.”

Ich schaue dem Innen weiter zu und merke, wie sich mein Zwerchfell unter den erahnbaren Ausmaßen zusammen zieht.
„Ich will das alles nicht. Nicht so. Nicht so wie es ist, weil es anders nicht geht.“.
Ich denke das so oft, dass ich den Faden verliere und erst verzögert merke, dass ich es laut ins Telefon sage. “Ich will keine Herz-OP ohne Abitur, Studium, chirurgische Megaausbildung und 20.000 Simulationen bei milliardenschwerer  Fehlerhaftpflichtversicherung  hinlegen müssen, nur weil sich die studierte Task Force of Psychotrauma verweigert und lieber Blinddärme aus Leichen popelt.”, schiebe ich nach, weil ich den Vergleich gut finde und mir das auszusprechen plötzlich wichtiger ist, als irgendeine Prüfung des Raumes, in den ich das hineinsage.

Unsere Gemögte lacht.
“Hast du Angst?”, fragt sie. “Ja.”, sage ich und weine das Weinen von jemandem vor mir einfach weiter. “Wovor?”, fragt sie.

“Ich hab keine Ahnung”, sage ich. Und ertrinke in der Panik eines anderen Innens.

auf Hoch_Tour

“Ich habe keine Angst daran zu verbrennen.”, dachte ich und stemmte meine Füße gegen die Fahrradpedale.
Den Berg, auf dem das Bullergeddo steht, rauf, ohne dem Aufjaulen der Beinmuskulatur mehr als zufriedenes Nicken zu widmen.

“Ich … habe … keine …”, eine Amsel segelte vor mir flach über die Straße und landete am Rinnstein, “Angst.”.
10 Kilometer später, habe ich wirklich keine Angst mehr. Genieße den Schmerz im Oberkörper, in den Händen, in den Beinen.

Ich merke, wie wunderbar ich mir einen Schnitt von dem wummernden Pochen im Hals bis zum Bauchnabel vorstelle und untersuche die Vorstellung auf ihre Konsistenz. Als sie mir durch die Finger rinnt, rede ich auf mich ein, wie sehr ich alles im Griff habe. Meine Pläne, meine Termine, meine Aufgaben und Frei_Zeiten.
Ich sage sie mir auf und trete weiter in die Pedale.

Irgendwas am Rad quietscht und stört mich. Macht mich unruhig und schmeckt nach Kapern. Als ich den MP3-Player einschalte, vermischt sich der Geschmack mit dem, was die Musik mit sich bringt. Meine Gedanken wickeln sich die Idee, wie gut es wäre im eigenen warmen Blut zu liegen. Warm weich weit. Ein bisschen flüssig, aber eigentlich auch wie Gelee. Ein bisschen eklig, aber so warm wie ich selbst.
Zwischen meinen Schulterblättern rinnt ein Schweißtropfen herunter.

Ich biege ab und steuere direkt auf die längste und letzte Steigung der Runde zu. Hoffe, dass der dritte Gang schnell einrastet und hinter mir niemand irgendein Überholmanöver versucht.

Als ich oben bin, drückt mir der ungeschickt umher polternde Puls den Hals so eng zusammen, dass ich meine Angst wieder spüre. Ich bin zu erschöpft für eine Selbstbeschwörung. Ich lasse los und stehe da und weine und atme und denke, wie erbärmlich bescheuert das alles ist. Will meine Rasierklingen haben. Will einfach schnell alles in Ordnung bringen. Will abschneiden, was schief gelaufen ist. Will das kaputte Stück abschneiden und ein heiles nachwachsen lassen.

Steige dann aber zurück aufs Rad. Erinnere mich daran, wofür wir jeden Tag mehr und mehr Kilometer zu fahren versuchen.
Ich atme durch und fahre weiter.

Es wär so viel bescheuert erbärmlicher so zu tun, als könnten Dinge nicht auch schief gehen und trotzdem irgendwie heil weiterwachsen.

es gibt einen Termin

In 4 Wochen ist der Aufnahmetermin in der Klinik und ich glaube, dass ich jetzt fertig mit meinem Erschrecken und Teilen meines Ärgers darüber bin.

Mein Ärger rührt daher, dass unsere Jahresplanung einen freien Mai zum bis-ans-Meer-fahren hatte und jetzt natürlich nicht mehr. Mein Ärger rührt daher, dass wir mit einer Aufnahme “Ende Februar/Anfang März” geplant hatten und Aufträge abgelehnt haben, an denen wir hätten Geld verdienen können. Um ohne Geldkummer in die Planung des freien Mai gehen zu können. Zum Beispiel.
Mein Ärger rührt daher, dass ich mich, trotz allen Wissens und aller Vorbereitung über den Umstand erschrecke, dass es jetzt einen Termin gibt.

Ich fühle mich eingesperrt in diesen Termin. Habe das Gefühl, trotz aller Möglichkeit, nicht ablehnen zu dürfen. Geschweige denn zu können. Ich kenne so viele, denen es akuter schlecht geht als uns. Weiß von so vielen, die weniger verkorkst für die Hilfe- und Heilungsindustrie sind, als wir.
Und merke wie so eine Hassenergie in mir über diesen Vergleich mit anderen Menschen hochwallt.

Die Therapeutin fragte, ob ich dort überhaupt hin will und ich weiß selbst nicht mehr, was ich ihr geantwortet hab. Jetzt, wo ich fertig mit meinen Gefühlen bin, denke ich, dass ich einfach nicht will, was ich fürchte, was alle dort in dieser Klinik, die Therapeutin, unsere Gemögten und Gemochten glauben, was ich will.
Dass ich nicht will, was ich befürchte, was ich wollen muss. Oder widerspruchslos akzeptieren.

Ich will dieses Moment nicht, das wir in der Krisenstation hatten. Wir haben so lange durchgehalten unsere psychische Dekompensation über die neue Diagnose und ihre Implikationen zu managen, dass wir nicht mal mehr für das Heilungsprogramm dieser Station noch Kraft hatten. Da war keine Kraft mehr sich vor Therapieansätzen zu schützen, die unser Vielesein ausblenden und die allgemein fragile Selbst- und Umweltwahrnehmung, die dahinter steht.
Ich konnte mich nicht dagegen wehren mehr Medikamente zu bekommen, als wirklich nötig waren. Wir konnten uns selbst nicht mehr einbringen in das, was auf der Station als Hilfsangebot gilt.

Ich war an der Entscheidung für den Antrag zur Aufnahme in der Klinik insofern beteiligt, als, dass ich unter dem Vorbehalt zustimme, dass ich die Zustimmung zurückziehe, wenn ich den Eindruck habe, dass wir uns dort behandeln lassen sollen, anstatt, dass wir die Möglichkeiten, die es dort eben so gibt, nutzen können und dort jemanden haben, der uns dabei unterstützt zu reflektieren, was jeweils dabei mit uns passiert.

Wenn man sich die Informationstexte und Behandlungsrahmen der Hilfe-und Heilungsindustriestandorte so durchliest, dann sollte man denken, meine Vorbehalte hätten keine richtige Grundlage. Überall geht es um Eigenverantwortung der Patient_innen oder auch darum, “den Kranken zu helfen, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen”.
Der Punkt ist: Wir haben unser Leben schon selbst in der Hand. Wir leben schon eigenverantwortlich.
Und “krank” waren wir nie. Als “krank” müssen wir uns bezeichnen lassen, damit unser Leiden an der (Selbst- und Umwelt-Wahrnehmungs-)Qualität unseres eigenverantwortlichen Lebens nach schweren Gewalterfahrungen bis ins junge Erwachsenenleben hinein, anerkannt wird und wir um Unterstützung, die vielleicht auch Hilfe werden kann, über die gegebenen Strukturen auch gewährbar bitten können.

Ja – nein – leicht und einfach ist das alles nicht.
Leicht haben sich andere Innens das mal gemacht. Früher. Als wir 14 Jahre alt waren und wütend auf die Heilerinquisition der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die uns einfach gar nicht geholfen hat. Heute weiß ich ja, wie genau nicht einfach man Jugendliche unterstützen und schützen kann, wenn im Hintergrund organisierte Gewalt passiert.
Aber damals war das wichtig. Die waren scheiße und fertig. Böse Nichthelden! Mimimi.

Und heute – so viele tausend Grenzverletzungen durch Nichthelferheld_innen, die uns doch so gerne retten wollten oder wenigstens dabei sein wollten, wenn wir uns selbst retten, damit sie von sich sagen können, sie hätten auch einen Anteil dessen gehabt – bin ich das Innen, das alles komplizierter macht, als es ist. Angeblich.
Und natürlich, weil ich ja ein Innen bin, das in einer traumatischen Situation entstanden ist: hochgradig reaktiv und traumaperspektivisch. Zu deutsch: nicht so ganz orientiert und auf der Höhe der Zeit – also: nicht so ganz zu gebrauchen, wenn es um “vernünftige Auseinandersetzung mit diversen Themen des Hier und Jetzt” geht.
Das ist jetzt natürlich eine wilde Spekulation von mir. Weil gesagt hat mir das nie jemand. Nur gezeigt. Und zwar immer wieder. Indem man relativiert, was ich sage, oder jeden Aspekt, den ich aus einer Situation wahrnehme auf mich und meine Wahrnehmung(squalität) allein herunter individualisiert – das Problem der Situation zu genau einzig meinem Problem allein erklärt. Und damit am Ende genau mich und meine Wahrnehmung zu dem Problem macht.

Erste Klasse “kognitive Verhaltenstherapie” – “denke anders – handle anders”. Man möchte mich so gern davon überzeugen, dass Hilfe super ist, weil sie hilft – und das ja ist, was ich will. Angeblich.
Doch was ich will, habe ich in Bezug auf “Hilfe” noch nie gesagt. Ich spreche immer wieder von Unterstützung und Begleitung, von Möglichkeiten sich überhaupt erst einmal anzunähern an das, was ist, um zu prüfen, was eigentlich werden kann. Was vielleicht auch anders werden kann.

Die Annahmen und Ideen, die Menschen von meiner Idee von Unterstützung haben, poltern meistens unbesehen genau darüber hinweg. “Ja ja schon verstanden – sie wollen also aus ihrem Elend gerettet werden- alles klar – hier Ergo – hier Imagination – Einzelsitzungen zweiter Stock rechts – Mittag um 12 – Entlassung in 4 bis 6 Wochen – hier Ihre Tagesration Tavor – ruhen Sie sich jetzt mal aus – Doktor kommt gleich.”.

Und dazu kommt noch die  Kleinigkeit wegen des öffentlich selbstvertretenden Schreibens über das Leben mit DIS und dem Leben an sich, zu einer Person mit DIS, die Öffentlichkeitsarbeit macht, erklärt zu werden. Mit allen Konsequenzen, die das hat. Wie zum Beispiel der, dass wir immer wieder von vorn erklären müssen, dass wir für uns und unsere Ideen und Intensionen allein schreiben. Dass wir erklären müssen, dass wir nicht auf Du-und-Du mit den Heilungshelfer_innen der DIS-Szene sind. Dass wir schon schrieben, als noch niemand das Blog von Vielen mitlas und auch dann noch schreiben, wenn niemand mehr mitlesen möchte.
Die wenigsten Menschen wissen, was ein Blog ist, und viele, die es wissen, denken an Blogs, in denen Produkte platziert oder heilungsindustrielle Interessen weiterverarbeitet werden. Die meisten Menschen stellen sich uns wie eine geübte Selbstdarstellerin mit viel Kraft und Chuzpe für 50 Kerle vor und wir sind die, die das aushalten müssen. Egal, ob wir das können oder nicht.

Ich sehe an der Klinikaufnahme eines dieser Abgrenzungs- und Rechtfertigungsgespräche hängen, die wir in der Therapie führen müssen, wenn unsere Therapeutin einen ihrer (eher seltenen aber wenn dann) wilden “Und was bedeutet das jetzt?”-Ausfälle hat und sich völlig an uns vorbei in irgendwelchen Annahmen verfranst.
Ich will keine Kapazitäten für die Richtigstellung des äußeren Blicks auf uns freimachen müssen. Ich will, dass unsere Kraft für uns allein sein kann. Wenigstens für diesen Zeitraum in der Klinik.

Für mich gibt es nicht viel Anlass zu glauben, dass uns das wirklich gewährt wird. Ich hab nur Anlass zu Annahme, dass ich selbst auch falsche Annahmen habe, die ich überprüfen muss, bevor ich diesem Aufenthalt wirklich zustimmen kann. Immerhin sind gut 6 Jahre seit dem letzten Aufenthalt dort vergangen und wir haben viel für uns erarbeitet.

Aber, wenn sich meine Annahmen bestätigen, muss ich davon ausgehen, dass das alles zu meinem persönlichstindividuellen Privatproblem gemacht wird. Und nicht zu einem Problem, das sich nur niemand außer mir anguckt. Und entsprechend damit umgehen muss.
Egal, ob ich das kann oder nicht. Egal, ob ich das aushalte oder nicht.

K.

“Hör doch auf mir helfen zu wollen!”, beendete sie das Gespräch mit unserer Gemögten und besiegelte es mit dem Ausschalten des Handys. Ihr Puls flatterte unter der Haut und ein Jemand schleuderte den rechten Arm mit aller Wucht gegen die Backsteinwand neben ihr.

Es ist halb 2 Uhr nachts und sie noch immer damit beschäftigt sich von der Therapie und den ausgelösten Gefühlen runterzuregulieren.
Während sie sich mit dem Rücken gegen die Kellerwand stemmt und ein Paket tiefgefrorenes Fleisch an den geprellten Handrücken hält, schaut sie auf die alten Fahrräder, den verdreckten Fahrradanhänger, den Sperrmüll, den selbstgebauten Hörnchenkäfig, die letzten nie geöffneten Umzugskartons.

Ich merke, wie sie dagegen ankämpft zu weinen oder die unwillkürlichen Laute von sich zu geben, die Menschen so von sich geben, wenn sie etwas loslassen, das sie bedrückt. Von Schlauberg tropft der Impuls herunter das bestehende Adrenalinlevel zu nutzen. Sie atmet durch, putzt sich die Nase und trägt das Fahrrad vors Haus. Wir ziehen sie an und klemmen ihr den Helm auf den wirren Kopf.
Meine Flügel halten ihre Hände auf dem Lenker und sie rast los.

Wir hören ein Käuzchen und erschrecken einen Hasen als wir durch die Gegend fahren bis die Kälte des Fahrtwindes in der Lunge sticht.
Die untrainierten Beinmuskeln fühlen sich an wie heiße Metallteile. Es regnet.

“Merkst du dich eigentlich?”, frage ich sie und betrachte fasziniert, wie sie sich durch ihre eiserne Haut allein zusammenhält. “Ach.”, antwortet sie und scheucht mich aus ihrem Denken.
“Ich will nicht, dass ‘es mich gibt’.”… “Ich will nicht ‘da sein’.” … “Ich will ‘mich’ nicht merken.” … “Ich will nicht.” … “Ich will nicht, dass es ‘mich’ gibt.” … “Ich will nicht angeguckt werden.” … “Ich will nicht ‘da sein’.”

Wir steigen vom Rad und setzen sie auf eine Parkbank. Langsam kriecht die nasse Kälte von der Kleidung auf die Haut und lässt sie schaudern. Wir warten bis sie zittert und mehr und mehr Worte sie aus ihrem Denkkreisel heraustreten lassen.

Die ersten Vogelstimmen sind zu hören, als wir mit einer Wärmflasche unter allen Decken und Gewichten, die wir finden konnten, in unserem Bett liegen.
“Ich will DAS DA einfach nicht. Klar?”, denkt sie in das Rund zwischen sich und allem. “Klar.”, antworte ich und fühle sie in meine Federn rieseln wie feiner Strandsand.

inside Panik

Von Ende 2002 bis Anfang 2004 waren wir Patientin in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Beziehungsweise: einer Fachklinik für Psychotherapie und Psychosomatik. Für Kinder und Jugendliche.
Manches war gut, manches nicht. Manches war hilfreich, manches nicht.

Gestern Abend habe ich mich daran erinnert, wie wir zu der Zeit Menschen verletzt haben, wenn sie uns in Panik oder Flashbacks angefasst haben. Ich spreche gerade von richtig heftigen Verletzungen – nicht nur den blauen Flecken, die man halt mal kriegt, wenn man es mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, die Probleme haben ihre Affekte zu regulieren.

Ich habe mich daran erinnert, weil uns der Schulleiter gestern Nachmittag in der Dunkelkammer eingesperrt hat. vermutlich, weil er vergessen hat, dass wir noch darin gearbeitet haben. Es kam zu einer Panikattacke und einem Flashback. Einem Klinikflashback. Einem Flashback in ebenjene Zeit zwischen 2002 und 2004, in der wir umgeben von Menschen eingesperrt waren, ohne zu wissen, ob es überhaupt etwas bringt an die Tür zu klopfen, wie wir es gestern taten. Ohne immer wirklich klar zu haben, ob die Tür unseretwegen oder wegen einer anderen Person geschlossen war.

Eine Lehrerin auf der Etage hat unser Klopfen gehört und die Tür geöffnet.
Und unseren Arm gestreichelt um uns zu trösten und zu beruhigen.
Für mich hat es sich angefühlt als würde jedes Streichen ihrer Hand auf unserem Arm eine Hautschicht wegätzen. Es war eine überbordende Schmerzempfindung und im Innen krachte das heulende Monster gegen seine Käfiggitter bis sein Raum einstürzte und es unter den Trümmern begrub.

Mein Blick nach innen wurde weiß rauschend und giftstill.
Funktionsmodus. Alltagsdissoziation. NakNak* an der Leine, die um unsere Hüfte gelegt war und Renée am Telefon als Anker ins Heute.

Ich entschied mich für das freundliche Auflösungsmodul. Lächeln, nicken, lose bis unverbindliche Wortketten an das Gegenüber geben, sich aus der Berührung winden und zuhören. Trösten und beruhigen, damit sie aufhört mich trösten zu wollen. Aufhört mich mit Worten zu überschütten, deren Inhalte mir wie Reiskörner durchs Begreifen rutschen.

Ich ging in unseren Alltag zurück. Fotografierte eine stachelige Pflanze im Abendlicht. Wäre gern selbst die stachelige Pflanze gewesen.

Am Abend dachte ich, dass ich auch gern wieder das heulende Monster in unserem Leben hätte. Weil es unseren, meinen, seinen Schmerz an so einer Situation so viel klarer und unmissverständlicher zeigt. Weil es so viel klarer definierbar macht, was okay ist und was problematisch.
Und weil es unsere Probleme deutlicher markiert. Unser Sein in bestimmten Kontexten. Und auch eine Option dessen, wie wir re_agieren könnten. Eine Option, wie wir auch sein könnten.

Der Mensch, der uns eingeschlossen hat wird sich leicht sagen können, die Konsequenzen seines unbedachten Handelns wären ja nicht dramatisch oder schlimm oder problematisch, weil „sonst würden wir ja was sagen oder machen“. Etwas, das er merkt und ernst nimmt.
So ein freundliches Auflösungmodul ist er gewohnt. Das macht in seinem Kosmos nichts weiter. Es gilt als “Nicht weiter relevant.”, “Nicht weiter auffällig.”, “Kann man unbesehen an sich vorbei ziehen lassen.”.
Wäre das Monster durch mich hindurch geprescht wie früher, hätte es “einen ernsten Zwischenfall mit einer psychisch kranken Schülerin” gegeben. Natürlich hätten sich dann auch eine Zillion Vorurteile bestätigt und die Wahrscheinlichkeit, dass wir so ernst genommen werden, wie wir es uns wünschen würden, wäre genauso hoch wie jetzt. Aber Raum für einen Zweifel daran, dass diese Situation für uns dramatisch, schlimm, problematisch war, hätte es nicht mehr gegeben.

Wir haben solche Anwandlungen nicht oft. Es ist selten, dass wir uns wünschen andere Menschen könnten direkt wahr- und aufnehmen, wie Dinge für uns sind oder auch, wie sich Situationen für uns darstellen und was sie in uns auslösen. Für uns ist es in der Regel eher angsteinflößend und negativ triggernd, wenn Menschen uns sehen und lesen können. Auch das eine Folge von Erfahrungen sadistischer Gewalt. Für uns gilt es nachwievor als gefährlich, wenn Menschen uns sehen oder uns zwingen uns ansehen zu lassen. Für uns gilt “gesehen werden” noch immer in weiten Teilen als “durchschaut werden” (= ausgenutzt, reingelegt, in der eigenen Wahrnehmung verdreht gedeutet werden) und damit auch von jemandem geistig und/oder emotional an sich gerissen oder auch vereinnahmt zu werden.

Aber wenn man uns helfen oder unterstützen möchte und wir merken, dass das ein aufrichtiger Wunsch ist von einer Person wie dieser Lehrerin zum Beispiel, oder auch Behandler- und Begleiter_innen, dann wünschen wir uns immer öfter in den letzten Jahren, dass sie sehen können, wenn sie uns mit ihren Hilfeversuchen ganz konkret weh tun, uns überfordern und manchmal auch schlicht dabei stören uns selbst zu helfen.
Damit sie, wenn sie das wissen, anders versuchen uns zu helfen und/oder zu unterstützen.

Deshalb habe ich gestern bei Twitter noch ein kurzes “Alternativ-How-To” für Außenstehende bei Panikattacken geschrieben:

– Panikattacke/Angst = Sicherheitsgefühl nötig, Sprache schwer
(Panik und viele Angstattacken auch, passieren in einem Teil des Gehirns das fern von (Laut)Sprache ist. Viele Menschen in Panikattacken können nicht sprechen und kommen in zusätzlichen Stress, wenn Worte von ihnen verlangt werden. Neurologisch ist es (nach derzeitigem Wissenstand) unmöglich dem nachzukommen! Kommunikation mit Gesten, Gebärden, Zeichen, Symbolen ist oft viel einfacher und zielführender)

– ruhig bleiben
(Diskussionen darüber, was die Person denn hat (was in ihrer Anwesenheit schon mal nicht so eine respektvolle und achtsame Nummer ist)  und, dass man das kennt, weil XY in der Familie hatte das auch mal und all das Blablabla, weil man unsicher ist und Angst hat irgendwas kaputt zu machen – stop it! – nutz die Energie für andere Dinge, wie …)

– sagen, dass die Lage beobachtet wird —> „Ich sehe dich – ich sehe, dass du Angst hast – ich sehe deine Zeichen mir zu sagen, was dir hilft.“
(Konzentriere dich darauf und nur auf diese Situation. Du kannst nichts kaputt machen, denn der Person geht es schon schlecht.)

– In Panikmomenten gilt das konkrete Hier und Jetzt – reagiere auf das konkrete Hier und Jetzt – schick Gaffer und Stresser weg, sorge für ruhige Umgebung
(Für uns sind in solchen Momenten alle Reizkanäle auf – jedes Geräusch, jede Berührung, jede sichtbare Bewegung und Unruhe tut uns dann weh – je weniger passiert, desto besser. Wenn jemand uns abnimmt auf konkrete äußere Gefahren für uns zu achten, schließen wir die Augen und halten uns selbst die Ohren zu, um uns diese ruhige Umgebung zu schaffen und hören damit wieder auf, wenn es geht.)

– frag, ob Körperkontakt ok ist oder gebraucht wird. Halte dich seitlich von der Person – überfrachte sie nicht mit Worten, Forderungen u.ä.
(seitlich zu stehen ist für uns gut, weil ein Fluchtweg sichtbar offen bleibt und weil es für uns angenehmer ist Menschen peripher wahrzunehmen – wir trauen uns dann auch eher ihre Worte und Forderungen auszublenden – gerade, weil wir sie in Panik noch ein Level mehr als üblich nicht verstehen und adäquat reagieren können und uns das verwirrt und beunruhigt und stresst und genau das überhaupt nicht hilfreich ist)

– Panikattacken haben einen Anfang und ein Ende – betrachte dich als Begleiter_in der Person bis zum Ende der Panikattacke
(bitte bitte bitte denk nicht du könntest mit irgendwas eine Panikattacke beenden und die betroffene Person aus “ihrer Not retten” – das wär toll, wenn das ginge, dient aber nur dir selbst. Es ist gut für euch beide, wenn du einfach nur da bist. Durch so eine Erfahrung bzw. Empfindung allein zu gehen wäre schlimmer. Du bist nicht allein, weil die betroffene Person da ist und die betroffene Person ist nicht allein, weil du da bist. Auch wenn ihr nicht das Gleiche empfindet, geht ihr beide durch die gleiche Erfahrung. Miteinander. Das macht viel aus.)

– Ist die Attacke vorbei, ist sie vorbei. Zeit sich dem Alltag wieder langsam zu nähern. Die Person entscheidet, wie dieser aussehen soll!
(Ich habe eine Pflanze fotografiert, bin durch die Stadt nach Hause gegangen und habe Entscheidungen getroffen, die mir gut getan haben. Andere Menschen hätten mich vielleicht in ein Taxi gesetzt und ins sichere Zuhause verfrachtet, wo ich dann mit der aufgestauten Körperenergie (Panik setzt manchmal eine Menge Zeug frei, damit der Körper schnell fit für Flucht oder Kampf ist) gewesen wäre und irgendwann zu dissen angefangen hätte, weil es für den Körper noch nicht als “vorbei” abreagiert und sortiert war. )

– sprecht darüber, was geholfen hat und was nicht. Aber erst nachdem genug Zeit war darüber nachzudenken
(Ich finde es schlimm, wenn ich direkt nach so einem Erlebnis nochmal daran denken soll. Manchmal müssen wir auch erst Schamgefühle vor anderen Menschen überwinden oder auch beruhigt über die soziale Verbindung sein, bevor wir darüber reden können. Und sehr oft müssen die Menschen, die bei uns waren, wenn wir eine Panikattacken oder auch einen Flashback hatten, sortieren was da war und wie sie sich währenddessen gefühlt haben, weil sie sonst ihre Gefühle mit uns verstricken und das fürs Miteinander ungünstig ist.)

nur eine weitere Facette früheren Horrors

Ich stelle es mir genau so vor.
Da ist eine Idee. Eine Fantasie. Und irgendwie kommt man in ihren Bann. Verknüpft Gefühle mit ihr. Baut sie sich aus und malt sie sich schön an. Wie ein Haus, das eines der schönsten Zuhauses werden soll, das man sich vorstellen kann. Und dann vergisst man, dass es eine Idee ist. Eine Fantasie, die gut in dem Knochengehäuse zwischen den Ohren aufgehoben ist und dort ihr schönstes Zuhause haben kann, solange sie nicht weh tut.

Ich stelle mir vor, wie Menschen, die zu Opfern wurden irgendwann erleben, was wir gerade erleben und dann vergessen, dass es nur einen sicheren Ort dafür gibt. Das Kopfinnere. Am besten die Stelle, an der sich nichts lange hält, weil alles immer gleich neu verarbeitet wird.
Ich stelle mir, wie Menschen erleben, was wir gerade erleben und zu Täter_innen werden, weil ihr Kopfinneres keine solche Stelle hat. Weil sie nicht gebraucht wird. Weil es keine Impulse gibt, sie zu etablieren. Etwa durch eine Psychotherapie. Oder einen anderen Prozess der Reflektion und Transformation.

Wir erleben Gewaltideen. Beziehungsweise: Wir Rosenblätter erleben, wie etwas neben uns tritt, das Gewaltideen hat. Und sich unsere Alltagsgegenstände, Alltagsgedanken, Alltagsschmerzen, Alltagserbsenmomente zum Baumaterial dafür nimmt.
Aber unsere Alltagsangst verschmäht. Unser Erschrecken über diese Ideen. Unsere Furcht plötzlich an den Punkt gelangt zu sein, an dem wir von der netten Multiplen aus der Nachbarschaft zu einer psychopathologisch monströsen Horrorfilmfigur gerieten.

Auf der anderen Seite haben wir natürlich über Täter_innenintrojekte gelesen. Wissen natürlich, dass kein Mensch solche Gewaltexzesse wir wir sie erlebten übersteht und dann nie wieder mit Fragmenten, Ideen, Bildern, Szenarien ähnlicher bis gleicher Art konfrontiert ist.
Nur dachten wir bisher unsere Konfrontation damit würde nie die Form verändern, sondern immer hübsch begrenzt auf die Räume innerhalb “unkontrolliertes Erinnern” (also Flashbacks, Intrusionen, Bildererleben, Gedankenschleifen, Pseudohalluzinationen) bleiben und damit auch begrenzt auf genau einen Ort und genau einen Zeitraum: “unser Kopfinneres” und “Früher im Jetzt”.

Durch das Einbeziehen unseres Alltagskosmos erscheinen uns diese Ideen nicht im Raum “Früher im Jetzt”, sondern in “Früher und Jetzt”. Als hätte es die letzten Jahre nie gegeben und wenn doch, dann ohne den Kern dessen zu berühren, was dort passiert.

Was uns in unseren Ego-Ich-kann-meine-Welt-nur-allein-retten-Verpisst-euch-alle-Trips früher oft zum Verhängnis wurde, könnte uns nun vielleicht auch an dieser Stelle passieren. Ein Innen oder mehrere? oder, wenn wir bei unserem Wort “Täter_innenenergie” bleiben wollen, könnte nach außen agieren, als hätte es die letzten Jahre nie gegeben und hätte ergo keinerlei Bindung an das, womit wir uns hingegen inzwischen relativ fest und stabil verbunden fühlen.

So könnte es entstehen, das Multimördermärchen, das in der Mehrheit der Krimis, Thriller und Horrorfilme, in denen Menschen mit DIS oder DDNOS als Täter_innen auftauchen, erzählt wird. Genau so.

Wir haben unserer Therapeutin eine Nachricht geschrieben. Wir schreiben jetzt darüber. Öffentlich.
Und brechen damit aus unserer Angst hervor in Todesangst zu geraten. Stumm und starr vor dem Innen zu werden, nur weil es auf eine Art nach unserem Heute greift, ohne es als solches zu identifizieren oder als solches anzuerkennen.
Vielleicht auch: ohne es als solches identifizieren oder anerkennen zu können.

Wir kennen Innens, die nach unserem Heute greifen und nicht damit umgehen können. Wir kennen das schon und wir haben das schon oft regulieren können.
Es ist eigentlich nichts Neues.
Eigentlich.

Es ist nur eine weitere Facette früheren Horrors.
Eine, die anders weh tut, als die anderen.

gute Sätze

Vielleicht war es die beste Idee, die uns bisher je gekommen ist, wenn wir darüber nachdenken mussten, was uns hilft, wenn wir mit unseren Aktivitäten zur Selbsthilfe nicht weiterkommen.

Die Frage: Was genau soll sich warum verändern? Worum genau geht es?

Wir haben irgendwann gemerkt, dass die ersten Kognitionen in schwierigen Zuständen die gleichen Kognitionen sind, die es in einer traumatischen Situation gab: Es soll aufhören. Bitte mach, das es aufhört. Jemand soll machen, dass es aufhört. Ich kann nicht mehr. Ich bin ausgeliefert.
In der Reihenfolge.

Wir haben aufgehört “Es soll aufhören” als Erstes festzuhalten, nur weil es ein klarer und fester Gedanke und Wille  inmitten von Ohrensausen, Flirren vor den Augen, einem Puls der mit seinem Wummern den Hals verengt und diesen Wahrheiten, die die Sprache verschlagen, ist.
“Es soll aufhören” ist ein Reflex. Sinnlos, wie die Arme schützend vor den Kopf zu heben und die inneren Stahlwände zuknallen zu lassen, wenn nur ein Erinnern an eine Bedrohung passiert.

“Es soll nicht mehr weh tun.” ist ein guter Satz.
Weil man sich fragen muss, was denn weh tut. Und ob es das wirklich tut. Und wenn ja, was die konkrete Lage ist. Was genau ist da, jetzt und hier, wo es weh tut?

”Es soll mich nicht mehr ängstigen.”, ist ein guter Satz.
Weil man sich fragen muss, wovor man Angst hat. Oder Furcht. Und dann kann man ein Rechenspiel machen. Eine riesengroße Wahrscheinlichkeitenmatrix kann man sich dann bauen. Und ist erstmal beschäftigt. Weil Rechnen hinter der Stirn passiert und Furcht in der unteren Mitte des Kopfinneren.

“Es soll nicht mehr verwirrend/verunsichernd sein.”, ist ein guter Satz.
Weil man sich erinnern kann, dass alles einen Anfang und ein Ende hat. Und hatte.
Dass die Welt ein Oben und ein Unten kennt, ein Gestern und ein Heute.

Irgendwann kam die Idee auf, von der Therapeutin versichert zu werden, ohne, dass wir länger mit ihr telefonieren oder um einen Krisentermin bitten müssen. Es entstand das Vorgehen, ihr einen Stein zu geben und ihn in der darauf folgenden Stunde wieder abzuholen.
Wir rufen an, sagen, dass wir das gern tun würden, sie sagt, wann das geht und wir fahren entsprechend los. Durch die bekannte Stadt, vorbei an bekannten Geschäften, umgeben von vielen kleinen Alltagswundern. Gehen zur Praxis, klingeln und sagen “Hallo”. Geben ihr den Eulenstein, sagen “Tschüss” und gehen durch den bekannten Wald zurück nach Hause. Wir atmen, wir teilen unsere Blicke und wuchern mit jeder vergehenden Minute mehr zurück in die Sicherheit des Augenblicks.
Weil sie uns sagen würde, wäre das Heute kaputt. Sie wäre nicht da, gäbe es das Jetzt nicht. Die Stadt würde anders aussehen, wäre es nicht diese Stadt.
Den Wald gibt es nur hier.

Es war die perfekte Idee um dem schlimmsten guten Satz zu begegnen.
“Ich will nicht allein sein mit dem Horror (nicht sicher zu wissen, ob er je aufgehört hat).”

Babythemen

Der Frühling naht, die Babythemen nehmen zu. Und die Diätwerbung auch.

In den letzten Wochen denke ich selbst öfter darüber nach, eine Planung für die nächsten 3 bis 5 Jahre zu machen. Weil ich mir diesmal wirklich Hoffnungen auf den Ausbildungsplatz mache. Und merke, wie sich diese Hoffnung auf eine Gastfamilie und die Therapie überträgt.
Wenn ich nicht gerade Angst habe, dass das alles wirklich klappen könnte und entsprechende Ressourcen von mir abverlangt, dann denke ich mir, wie das laufen könnte.

Wir gehen 3 Jahre zur Schule und können dann richtig gute Sachen machen, mit denen wir Geld verdienen können. Dann ist NakNak* 10 Jahre alt und vielleicht nicht mehr “Border Collie-aktiv” sondern “normaler Hund- aktiv”.
Ich könnte über eine Schwangerschaft nachdenken. Über ein über 9 Monate in mir wachsendes Organ, das ich gebäre und dann als “Baby” bezeichne. Dann begänne ein neuer Alltag, der sich über verschiedene Entwicklungsdekaden des Babys verändert und der wiederum von uns Ressourcen abverlangt, denen wir uns hoffentlich bewusst bleiben können.
Während all dem wird sich die Rolle unseres Seins und unserer Traumatisierung verändern. Und vielleicht denke ich deshalb genau jetzt gerade darüber nach.

Im Moment muss die Traumatisierung für vieles herhalten, was wir nicht können oder schaffen. Oft geht es darum die Traumatisierung als das zu erkennen, was macht, dass sowohl die Dinge die uns schaden, weil wir sie nicht verhindern (Selbstverletzung, Essstörung, diverse soziale Schwierigkeiten), als auch die Dinge, die uns schaden, weil wir sie nicht verhindern können (Arbeitsunfähigkeit im Sinne von Unfähigkeit in derzeit gegebenen Strukturen arbeiten zu können und deshalb auf Hartz 4 angewiesen zu sein) passieren.
Dabei ist es seltenst wirklich die Traumatisierung, die unsere Schwierigkeiten begründet, sondern unsere Versuche damit in einem spezifischen sozialen Kontext umzugehen.

Wenn man ein Kind gebiert, wird man zu einer Mutter und damit in eine soziale Rolle gedrückt, in der eine bestehende Traumatisierung und jedweder Umgang damit a) nur falsch und b) nur unzureichend sein kann. Weil Mütter allgemein in so ziemlich allem was sie tun in erster Linie als a) (auch) falsch und b) nur unzureichend gelten.
Obwohl und gleichzeitig gerade weil sie a) für alles rund um das Kind, sich selbst und ihren sozialen Kosmos (allein)verantwortlich sind und b) einem in aller Regel nur durch Kritik gestalteten Rahmen von den Erwartungen um das erfahren, was als “ausreichend” gilt.

Mutterschaft ist eine der sozialen Rollen, die man getrost als schizophren bezeichnen kann, ohne eine unangebrachte Pathologisierung vorzunehmen.
In unserer westlichen Gesellschaft ist Mutterschaft selten und dadurch etwas, das von Anfang an als etwas gilt, dass es zu perfektionieren und optimieren gilt. Und genau dort beginnt bereits die Arbeit daran Menschenkörper und ihre Arbeit am Wachstum eines Fötus zu kritisieren.

Wie oft lese ich in Foren von schwangeren Personen, die bei einem der tausend Checks und Tests und Untersuchungen im Hoheitsgebiet der Gynäkologie vom zu kleinen oder zu großen Fötus hören, von vielleicht nicht normgerechten Nackenfalten und so vielem mehr. Und dann sind da noch die ganzen Zahlen, die mit dem eigenen Blut in die Plasteröhrchen fließen, die vielleicht hier und da zu hoch oder zu niedrig, in den wenigstens Fällen aber einfach okay sind.
Und dann die Geburt. Unter der viele Menschen überwiegend Angst haben und nur wenige schlichte Neugier und Aufregung darüber, wie sie es schaffen mit der Herausforderung umzugehen.
Und dann die Menschen, die sich nie wohl fühlen können, weil sie permanent misgendert werden. Weil sie keine Frau sind und es doch niemanden schert, denn Schwangerschaft gilt als “Frauensache”.

Ich glaube, dass Schwanger- und Mutterschaft etwas ist, das, so wie es gerade behandelt wird, zu Gefühlen von „sich selbst fremd und fern sein“ führen kann und deshalb zwangsläufig zu etwas werden muss, dass sich unkontrolliert und fremdbestimmt anfühlt.
Und, weil es diese Abwertung bestehender ganz eigener Fähigkeit- und Fertigkeiten, wie Ressourcen gibt, auch noch das Gefühl, dass es eine stetige Kontrolle, Kritik und permanente Selbstoptimierung braucht, um überhaupt irgendwas annähernd in Richtung “okay” zu Stande zu kriegen.
Wie viele zu Eltern gewordene Menschen finden sich 10 Jahre später wieder in einer mittelgroßen Wohnung, in einem mittelsicheren Leben, in einem mittelständischem Bürgerleben und sagen: “Ich habe das nie gewollt.” – ohne sich gleichermaßen trauen zu können dem noch anzustellen: “Ich habe das aber gebraucht und ich brauche das auch jetzt um mich wieder neu zu entdecken.“

Ich schiebe meinen Kinderwunsch und meine Gedanken über das Leben in 3-5 Jahren nicht auf mein Alter und auf Hormone. Ich schiebe es auf mein Gefühl von mehr Sicherheit und mehr Nähe zur üblichen Norm, wenn ich mit einem Ein- und einem Auskommen rechnen kann.
Ich schiebe es darauf, dass ich in meiner Vorstellung mehr Optionen auf selbstbestimmte Entscheidungen habe, in denen ich mich von außen versichern lassen kann.
Wenn und falls ich das überhaupt möchte.
Und ich schiebe es darauf, zu wissen wie Wahnsinn funktioniert und wie wenig dieser in mir allein verankert ist, selbst wenn mir die ganze Welt das Gegenteil sagt.

Da ist ja nämlich auch noch die Idee vom Irre-sein als virulentes und vererbbares Ereignis.
Der Gedanke, eine psychische Belastung der Mutter übertrüge sich immer und in jedem Fall automatisch auf das Kind. Was übrigens ein sehr praktischer Gedanke ist, wenn man a) Kinder als hilflose durch und durch inkompetente und zum Selbstschutz unfähige Wesen betrachtet (sie in ihren Fähig- und Fertigkeiten also komplett missachtet und ignoriert) und b) die Mutter als mächtige Trägerin einer malignen Energie sehen will (noch jemand ohne Hexenassoziation?)

Und natürlich, wie immer, die Idee, dass eine Krankheit immer nur einen Hauptwohnsitz hat.
Es gibt zu wenig die sozialen Kontexte anerkennende Haltungen gegenüber Belastungen jeder Art. Ein Symptom ist noch keine Krankheit und nicht jede Krankheit zeigt sich in Symptomen an denen, die ein Leiden formulieren.

Wir leiden wie gesagt nicht unter der DIS. Wir leiden an den Traumaverarbeitungsversuchen unseres Gehirns, weil sie unser Er_Leben dysfunktional machen. Und darauf reagieren wir. Und so gestaltet sich unser Sein.
Es ist der Gestaltung des Seins anderer Menschen so so so ähnlich.

Es macht mich den Gedanken und Wünschen anderer Menschen so ähnlich.
Ich denke über eine Schwangerschaft nach, weil ich das gerne möchte. Ganz egoistisch. Weil ich neugierig bin, wie das so ist Mutter von einem lebenden Kind zu sein und die Entwicklung eines Menschen ganz direkt miterleben zu dürfen bis ich sterbe oder dieser Mensch stirbt. Oder ich es nicht mehr miterleben soll oder kann. Oder.

Die gesamte westliche Kultur um Mutterschaft ist nicht auf Menschen wie uns ausgelegt. Der ganze Zirkus in pastell und Schulddynamik meint uns nicht. Natürlich wird er nach uns greifen und natürlich gehen wir durch die gleichen Episoden wie ganz viele zu Müttern erklärte Menschen vor uns.
Aber wir haben nicht den Angstgegner “Schuld”, “Wahnsinn” oder “Isolation”.
Wir haben nur Angst vor der Angst.
Und wissen wie sehr uns das privilegiert.

Vielleicht ist das am Ende der einzige Unterschied, den die Traumatisierungen begründen.
Wir sind schon durch mit Schuld, Wahnsinn und Isolation.
Irgendwie.

Ich weiß es nicht.
Aber ich muss es ja auch noch nicht wissen. Im Moment kann ich einfach noch jede Menge Unkraut denken und in meine Fantasien mulchen.

(und noch mindestens 3 Wochen auf Rückmeldung zur Bewerbung warten T-T)