Sehr geehrte Frau Rosenblatt,

Sie haben sich zur Aufnahme in den oben genannten Bildungsgang angemeldet. Aufgrund der von Ihnen vorgelegten Unterlagen und des Ergebnisses des Nachweises der fachlichen Eignung können wir Ihnen unter dem Vorbehalt sich gegebenenfalls ändernder schulrechtlicher oder schulorganisatorischer Rahmenvorgaben und unter der Voraussetzung, dass Sie uns bis zum 11.4.2016 (Posteingang) die beiliegende verbindliche Zusage zurücksenden,
eine Aufnahme zum Schuljahr 2016/17 bestätigen.

gif einer Person, die sich selbst ein „High Five“ gibt

 

 

https://twitter.com/theRosenblatts/status/710481673213898752

inside Panik

Von Ende 2002 bis Anfang 2004 waren wir Patientin in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Beziehungsweise: einer Fachklinik für Psychotherapie und Psychosomatik. Für Kinder und Jugendliche.
Manches war gut, manches nicht. Manches war hilfreich, manches nicht.

Gestern Abend habe ich mich daran erinnert, wie wir zu der Zeit Menschen verletzt haben, wenn sie uns in Panik oder Flashbacks angefasst haben. Ich spreche gerade von richtig heftigen Verletzungen – nicht nur den blauen Flecken, die man halt mal kriegt, wenn man es mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, die Probleme haben ihre Affekte zu regulieren.

Ich habe mich daran erinnert, weil uns der Schulleiter gestern Nachmittag in der Dunkelkammer eingesperrt hat. vermutlich, weil er vergessen hat, dass wir noch darin gearbeitet haben. Es kam zu einer Panikattacke und einem Flashback. Einem Klinikflashback. Einem Flashback in ebenjene Zeit zwischen 2002 und 2004, in der wir umgeben von Menschen eingesperrt waren, ohne zu wissen, ob es überhaupt etwas bringt an die Tür zu klopfen, wie wir es gestern taten. Ohne immer wirklich klar zu haben, ob die Tür unseretwegen oder wegen einer anderen Person geschlossen war.

Eine Lehrerin auf der Etage hat unser Klopfen gehört und die Tür geöffnet.
Und unseren Arm gestreichelt um uns zu trösten und zu beruhigen.
Für mich hat es sich angefühlt als würde jedes Streichen ihrer Hand auf unserem Arm eine Hautschicht wegätzen. Es war eine überbordende Schmerzempfindung und im Innen krachte das heulende Monster gegen seine Käfiggitter bis sein Raum einstürzte und es unter den Trümmern begrub.

Mein Blick nach innen wurde weiß rauschend und giftstill.
Funktionsmodus. Alltagsdissoziation. NakNak* an der Leine, die um unsere Hüfte gelegt war und Renée am Telefon als Anker ins Heute.

Ich entschied mich für das freundliche Auflösungsmodul. Lächeln, nicken, lose bis unverbindliche Wortketten an das Gegenüber geben, sich aus der Berührung winden und zuhören. Trösten und beruhigen, damit sie aufhört mich trösten zu wollen. Aufhört mich mit Worten zu überschütten, deren Inhalte mir wie Reiskörner durchs Begreifen rutschen.

Ich ging in unseren Alltag zurück. Fotografierte eine stachelige Pflanze im Abendlicht. Wäre gern selbst die stachelige Pflanze gewesen.

Am Abend dachte ich, dass ich auch gern wieder das heulende Monster in unserem Leben hätte. Weil es unseren, meinen, seinen Schmerz an so einer Situation so viel klarer und unmissverständlicher zeigt. Weil es so viel klarer definierbar macht, was okay ist und was problematisch.
Und weil es unsere Probleme deutlicher markiert. Unser Sein in bestimmten Kontexten. Und auch eine Option dessen, wie wir re_agieren könnten. Eine Option, wie wir auch sein könnten.

Der Mensch, der uns eingeschlossen hat wird sich leicht sagen können, die Konsequenzen seines unbedachten Handelns wären ja nicht dramatisch oder schlimm oder problematisch, weil „sonst würden wir ja was sagen oder machen“. Etwas, das er merkt und ernst nimmt.
So ein freundliches Auflösungmodul ist er gewohnt. Das macht in seinem Kosmos nichts weiter. Es gilt als “Nicht weiter relevant.”, “Nicht weiter auffällig.”, “Kann man unbesehen an sich vorbei ziehen lassen.”.
Wäre das Monster durch mich hindurch geprescht wie früher, hätte es “einen ernsten Zwischenfall mit einer psychisch kranken Schülerin” gegeben. Natürlich hätten sich dann auch eine Zillion Vorurteile bestätigt und die Wahrscheinlichkeit, dass wir so ernst genommen werden, wie wir es uns wünschen würden, wäre genauso hoch wie jetzt. Aber Raum für einen Zweifel daran, dass diese Situation für uns dramatisch, schlimm, problematisch war, hätte es nicht mehr gegeben.

Wir haben solche Anwandlungen nicht oft. Es ist selten, dass wir uns wünschen andere Menschen könnten direkt wahr- und aufnehmen, wie Dinge für uns sind oder auch, wie sich Situationen für uns darstellen und was sie in uns auslösen. Für uns ist es in der Regel eher angsteinflößend und negativ triggernd, wenn Menschen uns sehen und lesen können. Auch das eine Folge von Erfahrungen sadistischer Gewalt. Für uns gilt es nachwievor als gefährlich, wenn Menschen uns sehen oder uns zwingen uns ansehen zu lassen. Für uns gilt “gesehen werden” noch immer in weiten Teilen als “durchschaut werden” (= ausgenutzt, reingelegt, in der eigenen Wahrnehmung verdreht gedeutet werden) und damit auch von jemandem geistig und/oder emotional an sich gerissen oder auch vereinnahmt zu werden.

Aber wenn man uns helfen oder unterstützen möchte und wir merken, dass das ein aufrichtiger Wunsch ist von einer Person wie dieser Lehrerin zum Beispiel, oder auch Behandler- und Begleiter_innen, dann wünschen wir uns immer öfter in den letzten Jahren, dass sie sehen können, wenn sie uns mit ihren Hilfeversuchen ganz konkret weh tun, uns überfordern und manchmal auch schlicht dabei stören uns selbst zu helfen.
Damit sie, wenn sie das wissen, anders versuchen uns zu helfen und/oder zu unterstützen.

Deshalb habe ich gestern bei Twitter noch ein kurzes “Alternativ-How-To” für Außenstehende bei Panikattacken geschrieben:

– Panikattacke/Angst = Sicherheitsgefühl nötig, Sprache schwer
(Panik und viele Angstattacken auch, passieren in einem Teil des Gehirns das fern von (Laut)Sprache ist. Viele Menschen in Panikattacken können nicht sprechen und kommen in zusätzlichen Stress, wenn Worte von ihnen verlangt werden. Neurologisch ist es (nach derzeitigem Wissenstand) unmöglich dem nachzukommen! Kommunikation mit Gesten, Gebärden, Zeichen, Symbolen ist oft viel einfacher und zielführender)

– ruhig bleiben
(Diskussionen darüber, was die Person denn hat (was in ihrer Anwesenheit schon mal nicht so eine respektvolle und achtsame Nummer ist)  und, dass man das kennt, weil XY in der Familie hatte das auch mal und all das Blablabla, weil man unsicher ist und Angst hat irgendwas kaputt zu machen – stop it! – nutz die Energie für andere Dinge, wie …)

– sagen, dass die Lage beobachtet wird —> „Ich sehe dich – ich sehe, dass du Angst hast – ich sehe deine Zeichen mir zu sagen, was dir hilft.“
(Konzentriere dich darauf und nur auf diese Situation. Du kannst nichts kaputt machen, denn der Person geht es schon schlecht.)

– In Panikmomenten gilt das konkrete Hier und Jetzt – reagiere auf das konkrete Hier und Jetzt – schick Gaffer und Stresser weg, sorge für ruhige Umgebung
(Für uns sind in solchen Momenten alle Reizkanäle auf – jedes Geräusch, jede Berührung, jede sichtbare Bewegung und Unruhe tut uns dann weh – je weniger passiert, desto besser. Wenn jemand uns abnimmt auf konkrete äußere Gefahren für uns zu achten, schließen wir die Augen und halten uns selbst die Ohren zu, um uns diese ruhige Umgebung zu schaffen und hören damit wieder auf, wenn es geht.)

– frag, ob Körperkontakt ok ist oder gebraucht wird. Halte dich seitlich von der Person – überfrachte sie nicht mit Worten, Forderungen u.ä.
(seitlich zu stehen ist für uns gut, weil ein Fluchtweg sichtbar offen bleibt und weil es für uns angenehmer ist Menschen peripher wahrzunehmen – wir trauen uns dann auch eher ihre Worte und Forderungen auszublenden – gerade, weil wir sie in Panik noch ein Level mehr als üblich nicht verstehen und adäquat reagieren können und uns das verwirrt und beunruhigt und stresst und genau das überhaupt nicht hilfreich ist)

– Panikattacken haben einen Anfang und ein Ende – betrachte dich als Begleiter_in der Person bis zum Ende der Panikattacke
(bitte bitte bitte denk nicht du könntest mit irgendwas eine Panikattacke beenden und die betroffene Person aus “ihrer Not retten” – das wär toll, wenn das ginge, dient aber nur dir selbst. Es ist gut für euch beide, wenn du einfach nur da bist. Durch so eine Erfahrung bzw. Empfindung allein zu gehen wäre schlimmer. Du bist nicht allein, weil die betroffene Person da ist und die betroffene Person ist nicht allein, weil du da bist. Auch wenn ihr nicht das Gleiche empfindet, geht ihr beide durch die gleiche Erfahrung. Miteinander. Das macht viel aus.)

– Ist die Attacke vorbei, ist sie vorbei. Zeit sich dem Alltag wieder langsam zu nähern. Die Person entscheidet, wie dieser aussehen soll!
(Ich habe eine Pflanze fotografiert, bin durch die Stadt nach Hause gegangen und habe Entscheidungen getroffen, die mir gut getan haben. Andere Menschen hätten mich vielleicht in ein Taxi gesetzt und ins sichere Zuhause verfrachtet, wo ich dann mit der aufgestauten Körperenergie (Panik setzt manchmal eine Menge Zeug frei, damit der Körper schnell fit für Flucht oder Kampf ist) gewesen wäre und irgendwann zu dissen angefangen hätte, weil es für den Körper noch nicht als “vorbei” abreagiert und sortiert war. )

– sprecht darüber, was geholfen hat und was nicht. Aber erst nachdem genug Zeit war darüber nachzudenken
(Ich finde es schlimm, wenn ich direkt nach so einem Erlebnis nochmal daran denken soll. Manchmal müssen wir auch erst Schamgefühle vor anderen Menschen überwinden oder auch beruhigt über die soziale Verbindung sein, bevor wir darüber reden können. Und sehr oft müssen die Menschen, die bei uns waren, wenn wir eine Panikattacken oder auch einen Flashback hatten, sortieren was da war und wie sie sich währenddessen gefühlt haben, weil sie sonst ihre Gefühle mit uns verstricken und das fürs Miteinander ungünstig ist.)

das Warten auf Post und das Ende des Fotokurses

Inzwischen schaue ich drei Mal am Tag in den Briefkasten.
Weil ich einen Brief erwarte, in dem steht, wann wir in der Klinik anfangen können. Und weil ich einen großen braunen Umschlag mit drei Obelix-Briefmarken erwarte, in dem steht, ob wir den Ausbildungsplatz bekommen. Oder nicht.

Zwischendurch bemerke ich, dass ich nicht darauf warte, weil es so gute Möglichkeiten sind. Oder, weil wir uns schon so lange bemühen einen Ausbildungsplatz zu bekommen oder, weil wir schon viel zu lange versuchen unser Selbst_Hilfenmanagment ambulant bis allein zu stemmen.
Sondern, weil es dem Fotokurs und dem damit einhergehenden wöchentlichen Tief ein Ende absehbar machen würde.

Würde morgen der Klinikbrief kommen, wäre klar, dass wir schauen müssen, die Dunkelkammer zu nutzen, wann es für uns am besten passt und schaffbar ist – sehr wahrscheinlich wäre dies dann nicht der Donnerstagabend, sondern ein Dienstagvormittag. Oder so. Höchstwahrscheinlich würden wir auf jeden Fall mittelelegant und halbseiden ehrlich begründen können, weshalb wir Donnerstags nachmittags bis abends nicht mehr in der Gruppe dabei sein können.

Würde morgen der Ausbildungsplatzbrief kommen wüssten wir: “Diese eine letzte Ausstellung noch und dann Tschüss.”. Weil wir danach in unseren MenschenReizexilmonat gingen um Kraft zu tanken, uns zu sortieren und nur für das Sein zu sein versuchen. Bevor sich alles verändert und wir vielleicht vergessen, wie das ist.
Auf jeden Fall wüssten wir: es gibt eine neue Quelle für Wissen und wir können noch einmal neu mit Menschen anfangen – diesmal anders. Anders offen, anders darauf bestehend, dass zugehört und begriffen wird, anders begleitet, anders wissend, welches System von uns dort auftaucht und ganz eigene Probleme wahrnimmt.

In Bezug auf die Kunstschule haben wir das nicht gemacht. Und jetzt – ein Jahr nach dem Anfang dort – fällt uns das alles vor die Füße und wandelt sich in eine Belastung, die wir tragen müssen.
Und natürlich denke ich heute: “Das war absehbar.”
Es war vor allem von uns schon ganz ganz ganz zu Anfang beim Informationsgespräch und anschauen der Räumlichkeiten von uns abgesehen und befürchtet. Aber niemand in der Schule hat uns angehört und wenn dann auf die Art wie man sie kennt: „Schlagwort –> ah ja weiß ich – brauchst gar nicht weiter reden.“

Wir wollten aber weiter reden. Wir haben weiterreden müssen, denn was wir zu sagen hatten und begreifbar machen wollten, hatte nichts damit zu tun, dass diese Personen etwas tun sollten – hätten sie begriffen, hätten sie von ganz allein etwas getan – egal, ob und was wir wollten.
Niemand mit Aufsichtspflicht und Verantwortung für Schüler_innen sagt einer solchen mit Krampfanfällen, sie soll sich einfach in die Abstellkammer begeben, wenn sie einen ruhigen, geschützten Raum braucht. Niemand – außer der Leiter des Fachbereichs “Kunst” an dieser Schule, der von dem was ich ihm sagte offensichtlich nur “Raum” (“kein Unterrichtsraum”) gehört hatte, als ich ihm mitzuteilen versuchte, wie man gemeinsam mit dem Risikofaktor “Krampfanfall” umgehen kann.

Im Fotokurs lief es ähnlich – nur auf einer inhaltlichen Ebene.
Es gibt Dinge in dieser Fotografieecke, die verstehen wir nicht – und zwar nicht, weil wir nicht verstehen, welche Unterschiede es jeweils in den Arbeitsergebnissen gibt, sondern weil die unterschiedlichen Aufladungen dessen nicht verständlich für uns sind.
In unserem Kurs gibt es viele Schüler_innen, die sich unheimlich angezogen fühlen von Fotos mit Menschen drin oder Dingen, die Menschen darstellen sollen und dann entsteht für sie ganz offensichtlich für eine Geschichte und Gefühle und Gedanken und Symbole und was weiß ich – mega starke Aussagen jedenfalls, die ich nicht sehe. Entsprechend der Mengenlogik geht es im Kurs entsprechend oft genau darum. Menschen. Menschensachen. Gesellschaft. Gesellschaftskritik und was darf Kunst an welcher Stelle.

Wir reden viel und schauen unserem Lehrer zu, wie er nebenbei irgendwas irgendwie in Lightroom macht, ohne, dass der Kontext oder seine Intension uns das zu zeigen klar wird. Er sagt “Ich will euch das mal zeigen” und dann macht er irgendwas. Und wir schauen und sehen, was er zeigt. Punkt.
Wir werden dabei unruhig. Das System der anderen zerbröckelt, weil sie keinen Anhaltspunkt finden. Nicht wissen, was ihr Auftrag ist – sehr wohl aber wissen, dass es den Lehrer traurig, wütend, frustriert macht, wenn man als Schüler_in irgendwelchen Quatsch macht, der nicht weiterbringt (auch wenn man meistens nicht einmal weiß, wohin oder zu was genau irgendwas von den Schülersachen führen soll).
Für uns ist das zu dem Moment geworden, in dem wir merken, dass wir Rosenblätter ja in der Schule sind. Innersystemische Alltagsfeuerwehr seit inzwischen vielen Jahren und bewusst um einige Kommunikationsquirks, die es immer wieder zu lösen gilt – meist in Abwesenheit allen Wissens darum, wie das gehen kann.

Unsere Kommunikationsquirks machen uns zu einem anstrengenden Gegenüber und wir wissen das. Man kann uns nicht einfach sagen, dass wir ne blöde Kuh sind, wenn man uns beleidigen will, weil wir uns viel mehr an der Unterstellung eine Kuh zu sein und dem Ding, dass Menschen Tiere irgendwie immer für Negativbezeichnungen benutzen, aufhalten, als an einer Verletzung daran so bezeichnet zu werden.
Schlimmer noch – wenn man sich mit uns streitet oder allgemein: auseinandersetzt, dann wollen wir das auch noch immer verstehen und teilen unsere Analysen der Situation und ihrer Faktoren mit.

Man kann sich mit uns nur konstruktiv streiten oder für konsequente Ablehnung entscheiden – muss diese dann aber auch als von uns zur Begründung zeranalsysiert ertragen.
Schlimm, ne? Ja – vor allem für uns. Weil die meisten Menschen nicht so streiten, kennen sie das nicht. Die meisten Menschen wollen einander im Konflikt verletzen, damit ihre komischen Schuld und Entschuldzeremonien danach noch einen Sinn und Berechtigung haben – auch dann, wenn sie nicht verstanden werden.
Ja – großes Outing – wir haben den Sinn von Entschuldigungen mit all ihren Facetten bis heute irgendwie nicht verstanden. Entsprechend inflationär gehen wir mit Entschuldigungsfloskeln um und schütten sie einfach in jede eventuelle Fehlerlücke hinein. Wie Beton, der die sozial konstruierte Situation stabil machen hilft.

Doch zurück zum Fotokurs.
Unser Lehrer bedenkt für uns ganz offensichtlich permanent Dinge und Gegebenheiten, die uns schleierhaft sind und verlangt von uns Schüler_innen, dass wir ihm folgen. Aber natürlich immer eigene Dinge denken und machen. Da wir in aller Regel nicht wissen, was er denkt oder meint, wenn er irgendetwas verlangt, wissen wir natürlich erst recht nicht, wann genau wir eigentlich etwas anderes (eigenes) denken und meinen als er.
Und um das Ganze noch ein bisschen schwieriger zu machen, macht er sich auch nicht transparent, sondern definiert sich selbst entlang dessen, was wir einbringen – durch Kritik, Missachtung oder Ergänzungen, die meistens keine sofort erkennbare Verbindung haben.

Daneben will man in der Schule ja alles offen halten – bloß keinen Druck – keinen Stress – keine Vorgaben – alles soll fließen und alles soll möglich sein. Das Problem dabei: wenn alles möglich sein soll, dann muss es auch die Bereitschaft geben für alles offen zu sein – auch für die Möglichkeit, dass es Menschen überfordert so arbeiten zu sollen und für die Möglichkeit, dass man einander nicht erfassen kann, weil man nicht weiß, was verlässlich ist, weil es eben nicht “fließt”, sondern “steht”.

Wir fotografieren Natur. Muster. Details. Die Perfektion des Ist.
Unser Schluss nach einem Jahr Kunstschule ist: das ist keine ver_wert_bare Sache, weil es niemand versteht.
Wir reden nicht über natürliche Perfektion und die Frage in welcher Beziehung diese zu Ästhetik und Kunst steht – wir reden darüber, wie man “Gesellschaftskritik” in einem Foto rüber bringen kann, damit das auch jeder (sigh!) versteht.
Die Frage, warum man Bilder wie versteht oder eben auch nicht versteht, bleibt völlig außen vor und macht es für uns unmöglich in irgendeiner Form in Kontakt mit unserem Lehrer oder unseren Mitschüler_innen zu kommen.

Letzten Donnerstag wurde mir klar, dass wir – sollten wir noch länger so in dem Kurs bleiben oder an dieser Schule allgemein – komplett im Labor verschwinden würden und damit zu genau der Einzelgängerin mit ausgefallenem Arbeiten werden, die wir nie werden wollten. Gerade auch nach der Autismusdiagnose und all den Klischees, die wir selbst verinnerlicht haben und nicht entsprechen wollen.

Und während wir damit kämpfen, die Menschen in unserem Fotokurs nicht zu verstehen und damit nicht verstanden zu werden und darüber ausgeschlossen zu sein von allem, was der Kurs zu Stande bringen will, ist das vom Lehrer gewählte Thema zur Ausstellung: “Inklusion”.
Eine Serie mit Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren im Stockfotografie-Style.
Während wir im letzten halben Jahr lernten unsere analoge Kamera zu bedienen, Bilder nicht mehr unbeabsichtigt über- oder unterzubelichten, die Filme selbst zu entwickeln und abzuziehen. Wir haben gelernt wie wir Motive konstruieren und mittels Blendeneinstellung beeinflussen können.
Neben einem Fotokurs her, der uns mehr und mehr verwirrt, traurig und isoliert zurückließ und sich nicht mit analoger (Natur)Fotografie befasste.

Die Ausstellung ist Ende April.
Unserer Lehrer bekommt Druck vom Leiter endlich Ansagen zu machen, wie viele Bilder vom Kurs stammen werden.
Und jetzt trägt er den Druck weiter und tut so, als hätten wir nie irgendwas gemacht. Er missachtet, dass er uns im letzten halben Jahr missachtet hat. Und wundert sich darüber, dass wir auf seine Inklusionsideen und die Idee ausgerechnet Katastrophenselfies “auf die Spitze zu treiben und Gesellschaftskritik zu machen” reagieren, wie wir reagieren: mit Verweigerung

Der Kurs ist von ca. 20-25 Schüler_innen auf 3-5 geschrumpft.
Wir waren immer da. Haben zugehört, uns verletzen lassen, uns in die Dunkelkammer zurückgezogen und gearbeitet. Wir waren da, als die neue Diagnose uns zerschossen hat und wir waren da, nachdem wir uns wegen einer suizidalen Krise in die Psychiatrie haben einweisen lassen.

Von dem lichten Moment in der Woche, in der wir uns der Welt widmen ist der Kurs zu etwas geworden, wofür wir bezahlen. Mit Geld, mit Zeit, mit Kraft, mit Haut.
Wir gehen nach Hause und weinen uns die Verwirrung, die Anstrengung und den Frust raus. Analysieren, zweifeln, suchen DEN EINEN Fehler in der Kommunikation und werden nicht fündig. Und erst als wir durch ein Gespräch mit dem Begleitermenschen merken, wie nachvollziehbar das alles ist, kommen wir für uns an die Frage, ob es sich überhaupt lohnt noch einmal zu versuchen in ein klärendes Gespräch mit dem Lehrer zu gehen.

Würde die Post kommen, wäre die Frage für uns beantwortet.
Für einen Monat könnten wir das halten die komische Hannah zu sein, die komische Fotos macht, die keiner versteht und irgendwie zu gar nichts passen, was alle anderen machen. Für einen Monat könnten wir das halten die anstrengende Hannah zu sein, die den Kurs mit ihren Nachfragen nervig anstrengend tiefgründig und politisch macht. Für einen Monat könnten wir uns auf ein Ziel fokussieren und allen Schmerz drum rum ausblenden.

Ein anderes Fotokurs-Kunstkursangebot in der Stadt können wir uns nicht leisten. Werden wir an der Berufsschule nicht genommen, werden wir uns verbessern müssen. Dann müssten wir mehr Zeit in der Kunstschule verbringen. Und dann müssten wir darauf bestehen angehört und verstanden zu werden. Dann kämen wir um ein mehr oder weniger konfrontatives Gespräch, das auch Forderungen enthält, nicht herum.

Außer, wir lassen es einfach ganz und machen alleine weiter.
Was eine traurige Bilanz nach einem Jahr regelmäßigen Offlinekontakts mit Menschen und ihrer Welt wäre.

Fundstücke #17

Da ist die Idee, dass es innerhalb einer Zeitfalte nichts gibt.
Weißes, neblig weiches Nichts und davon ganz viel.
Lauf der Dinge-Nichts. Rauschen, das kommt und geht.
Ist, das kommt und geht, ohne je das eigene Innen berührt zu haben.

Manchmal denke ich, dass es ist, als würden wir Steine im Innen niederlegen, wenn wir uns einander nähern wollen.
Ja, als wären unsere Worte kleine Gedenksteine und Mitbedenksteine, die wir an einen Punkt in unserem Innen legen, den wir aus Rücksichtnahme und Willen zum Bewusstsein beachten doch, aus Angst selbst hineinzufallen, nie berühren.

Als es um sie ging, ging es lange nicht um sie, sondern um das, was sie tut.
Das erste Wort, das wir an ihren Rand legten war: “Selbstverletzung”.
Das erste Kämpfen ging um Furcht. Furcht vor Kontrollverlust. Furcht vor dem Urteilen und Werten der Therapeutin. Furcht, vor dem Moment, in dem die Forderung nach einem Ende dieser Verletzungen das kleine Sprechzimmer sprengen würde, weil wir ihr nicht nachkommen konnten.

Wir protokollierten ihr Handeln. Wir beurteilten und bewerteten es. Wir legten “Selbst-Folter”, “Not”, “nötig”, “Reaktion” an die Stelle, wo es biss und krampfte, wann immer wir uns mit der Wahrheit zu verbinden versuchten, es könnte sich um ein Erinnern handeln. Oder ein Innen, das in einem Heute ist, das für uns nur ein weißes neblig weiches Nichtsrauschen ist.
Immer liefen wir auf der perlmuttlila Linie von “Heute”, zu “Begleiterin”, zum Rauschen und wieder zurück.

In den letzten Jahren haben wir immer wieder Worte an diese Stelle gelegt bis wir an Konsistenz stießen und spürten, wo sie anfängt und unsere eigenen Worte enden. Wo unsere Worte beginnen und die der Rosenblätter. Und die der anderen. Und die der ganz anderen. Und, die derer, die nie ein Wort halten können. Bis wir sie auf eine Art wahrnehmen konnten, die man “sehen” nennt, aber doch mehr „spüren“ ist.

Sie einigten sich darauf sich zu widmen. Mehr als nur Worte zu finden, sie an sie heranzutragen und liegen zu lassen. Es war ein Moment, in dem jemand fragte: “Wieso legen wir eigentlich immer Wörter da hin, aber sie gibts nie selber welche, sondern macht nur Dummtüch?”.

Wir begannen Worte zu fordern. Mit dieser Begründung. Und erlebten eine Weile, in der die Vereinbarung auf ein Verletzungslevel, das wir selbst noch gut versorgen konnten als fast über Bord geworfen erlebten. Und nicht verstanden, warum es diesen Rückschritt gab.
Das Warum begann wie ein Knöterich die Worte um sie herum zu überwuchern. Im letzten halben Jahr widmeten wir uns nicht ihr, sondern einem Warumgestrüpp, das gefundene Worte unter sich zu begraben drohte.
Neben all den anderen Kämpfen in diesen unseren unterschiedlichen Leben.s_Läufen der Dinge.

Gestern hat jemand in ihr Denken geschaut. Sie standen auf der perlmuttlila Linie und hielten einen Faden an dessen Ende die Therapeutin saß.
Das Jemand trug Worte von innen nach außen und legte sie dort ab, wo die Fragen der Therapeutin hinführten. Bis es den Faden verlor und das Rauschen eines längst vergangenen Lauf der Dinge uns trennte.

Am Abend schrieb es in unser Heft: “Da ist ein Erinnern an Gewalt passiert und ich stand daneben. Es ist eine Wiederholung. Sie hat etwas wiederholt – und ich habe etwas wiederholt. Sie die Gewalt und ich das Beobachten von genau solchen Situationen. […]
Ich sehe sie jetzt in “Beruhigung” neben etwas, das mich irgendwie be_rührt: “Kontakt”.”

Heute morgen brodelte der Wasserkocher.
Und zum ersten Mal seit Jahren war da nur der Gedanke, vorsichtig zu sein.
Um sich nicht zu verletzen.

Offenheit mit eigenen Opferschaftserfahrungen als emanzipatorische Umgangsentscheidung

Neulich stolperte ich über eine Auseinandersetzung, in der es um ‘Opferpositionen’ und ihre Rolle im emanzipatorischen bzw. feministischen Diskurs ging.

Da wir nun einmal ein Opfer von Gewalt wurden, sind solche Auseinandersetzungen für uns schwierig und letztlich gehen wir vorsichtshalber immer erst einmal davon aus, dass unsere Verletzlichkeit an der Stelle schnell zu Gefühlen führen, die wir nicht hätten, wären wir nicht so konkret betroffen. Das bedeutet: Wir als früheres Opfer hören Personen, die über Opfer und zu Opfern gewordene Personen sprechen zu und ziehen von unseren reaktiv auftretenden Emotionen ein Drittel bis die Hälfte ab.

Denn wir haben gelernt: “Wenn andere über Opfer oder zu Opfern gewordene Personen reden, hast du als ehemaliges Opfer
a) die Klappe zu halten , weil du
b) keine objektive/vernünftige/fachliche/professionelle/richtige Ansicht dazu haben kannst, weil du
c) selbst mal Opfer warst und damit im Falle einer Äußerung
d) ganz eigene subjektive/unvernünftige/unsachliche/falsche Ziele mit jeder Aussage verfolgst, was ergo
e) bedeutet: man muss/braucht/sollte dir sowieso und überhaupt weder zuhören noch deine Worte ernstnehmen, anerkennen und als glaubhaft einstufen, falls doch etwas von dir zu vernehmen ist.”

Ich habe erkannt, dass es sich hierbei um Gewalt und Diskriminierung aufgrund von Vorurteilen und Ergebnissen gelebter Gewaltkultur handelt.
Ich habe aber auch erkannt, dass diese Art der Gewalt so alltäglich und verinnerlicht ist, dass viele Menschen dies nicht merken und entsprechend anerkennen.

Diese Erkenntnisse haben wir uns also so einsortiert, dass wir selbst uns die Hälfte der eigenen Gefühle als unangemessen und falsch abschneiden. Um sie uns dann in einem angemessenen Setting wieder zu erlauben, was uns in der Regel einige Stunden Tage kostet und letztlich dazu führt, dass wir uns nur noch sehr selten mit solchen Auseinandersetzungen befassen.

Wenn in dieser verbliebenen Hälfte eine Empfindung ist von der ich glaube, dass sie, wenn ich sie gut begründe und klar markiere, dass ich davon ausgehe mich vielleicht auch zu irren (weil ich ja weiß: “reaktiv” ≠ “durchdacht und reflektiert” ergo “nicht konstruktiv”), von meinem Gegenüber nachvollziehbar ist, teile ich sie mit.

Und weil ich abwäge zwischen “Anstrengung ein komisches Versteckspiel um die eigene konkrete Betroffenheit + Anstrengung mit einer anderen Person über ein Thema zu sprechen, von dem ich selbst konkret betroffen bin” vs. “Anstrengung mit einer anderen Person zu einem Thema zu sprechen, von dem ich selbst konkret betroffen bin allein” – wähle ich ich oft eher den Weg der Offenheit.

Das bedeutet nicht: “Hey ich bin total offen damit zum Opfer geworden zu sein – ich hab das nämlich alles schon total verarbeitet und kann da jederzeit und mit allen drüber reden”, sondern: “Hey – das hier wird für mich zu schwer, wenn ich nebenbei auch noch was verbergen muss. Also: ich bin konkret betroffen – ich wurde selbst zum Opfer. Das ist ein  Teil des Hintergrundes meiner Argumentation.”.

Für mich ist es wichtig, dass dies für mein Gegenüber klar ist und anerkannt wird.
Und gäbe es eine weitere Verbreitung gegenseitiger und bedingungsloser Annahme und Respekt, würde es andere Menschen weitaus weniger verwirren, erschrecken – und misstrauisch machen, gäbe es auch kein Problem an meiner Vorgehensweise.

Offener Umgang mit eigener Opferschaft bedeutet für viele Menschen eine Wendung im Diskurs, die etwas von ihnen verlangt. Es gibt keine allgemeine Haltung nach der die Erwähnung eigener Opferschaft genau keine weitere Reaktion notwendig macht. Kaum jemand erwähnt die eigene Opferschaft im ganz üblichen Gespräch und niemand erklärt ein Gespräch, in dem auch Opferschaftserfahrungen vorkamen, als eines der üblichen, die man halt so hat.
Und genau das ist das Problem.

Das große Schweigen über Gewalterfahrungen, das immer wieder erwähnt wird, gibt es meiner Meinung nach nicht.
Es gibt ein Schweigen, wenn es darum geht etwas zu erreichen. Etwa in Kontexten der juristischen und polizeilichen Strafverfolgung. Doch das ist kein Schweigen über Gewalterfahrung – das ist ein Schweigen über Opferschaftserfahrungen innerhalb eines Machtkontextes, der sich auf genau zwei Positionen konzentriert: Opfer und Täter_innen und diese unterschiedlich bewertet bzw. beurteilt.

Wir haben diese Dichotomie im Alltag, in der Sprache und auch in den Diskursen, entlang derer sich zu positionieren und auch zu kultivieren versucht wird. Dies erschwert Opferschaft(erfahrungen) als einen allgemein möglichen Hintergrund einer Person im Diskurs anzuerkennen ohne reaktive Bewertungen und Imperative folgen lassen zu müssen.
Das ist der Punkt weshalb es opferfeindliche Begriffe wie “Opferabo”, “Opferperformance” oder die Formulierung “die Opferkarte spielen” gibt, die transportieren, dass Opferschaft etwas ist, das etwas zur Folge hat bzw. darauf abzielt zu etwas benutzt zu werden, das jemandem etwas bringt. Positive Aufmerksamkeit zum Beispiel. Oder Mitleid. Oder weniger strenge Beurteilungen und Bewertungen von Fehlern. Mehr Flausch.

Ich erlebe durch meinen offenen Umgang mit der eigenen Opferschaft in der Regel nervig umständliche Furchtsamkeit, allgemeine Umgangsunsicherheit, den Wunsch stellvertretend etwas gut für mich zu machen, derailing, Leidvergleiche und oben beschriebene Absprache von Verstand, Vernunft, Berechtigung mich weiterhin zu äußern.
Nichts davon ist etwas, womit ich gut umgehen kann und nichts davon ist etwas, das mir gut gefällt oder gut tut. Aber alles davon gehört zu verinnerlichter Gewaltkultur und hat genau nichts mit mir und meiner Opferschaftserfahrung zu tun.

Ich kann Menschen die Furcht vor Kontakt (Teilhabe, Zeugenschaft – also Mitkenntnis und daraus auch Mitverantwortung in einem weiteren und zukünftigen gemeinsamen Kontext) nicht nehmen, wenn der Umgang einzig unüblich ist. Wenn es immer special irgendwas bedeutungsvolles hat, dann kann es nicht üblich werden und dann kann es in den Köpfen und Erwartungen der Menschen, mit denen ich zu tun habe, auch nie zu etwas werden, das im Zusammenhang mit anderen Menschen, die ihre eigenen Opferschaftserfahrungen transparent machen, nicht mehr als etwas gilt, das synonym mit “die Person will jetzt was von mir” ist.

Es gibt Menschen, die zu Opfern wurden, für die es ein Weg ist Menschen schonungslos zu behandeln, wenn es um die alltägliche Realität von Gewalt geht.
In meinem social media – Kosmos begegnen mir immer wieder mal Personen, die es für wichtig und angemessen halten Gewalterfahrungen in allen möglichen Details zu schildern um niemanden zu verschonen, so wie sie selbst nicht verschont wurden.
Für mich ist das eine Form Gewalt weiterzutragen und kein inhaltlicher Diskursbeitrag. Leider ist es nicht üblich offen als zu Opfern gewordene Menschen auftretende Personen auf gewaltvolles Handeln aufmerksam zu machen. Schon gar nicht gibt es genug etablierte Praxen anzuerkennen und zu verinnerlichen, dass eigene Gewalterfahrungen nicht davor schützen selbst Gewalt auszuüben.

Gänzlich außen vor bleibt im derzeitigen Diskurs die Zeug_innenschaft und die Auswirkungen dessen sind fatal, denn häufig gelten Zeug_innen als gar nicht betroffen von der Gewalt, die in ihrem Beisein geschehen ist oder von der sie erfahren haben. Und wo keine Betroffenheit zugestanden wird, da wird neben einem Leiden unter Belastungsreaktionen auch abgesprochen, eine Mitverantwortung oder Mitbeteiligung oder noch schlichter formuliert: Teilhabe an dem Geschehen zu haben und/oder empfinden zu können.
Durch die Ignoranz von Zeug_innenschaft als wichtiger Bestandteil des Miteinander (auch und gerade im Fall von Gewalt im Sinne einer Schädigung) wird ignoriert, dass es eine Mitbeteiligung gibt, die neben “das gute zu flauschende Opfer” und “die bösen zu hassenden Täter_innen” steht.

Viele Zeug_innen wollen nichts mit der Gewalt zu tun haben. Manche, weil sie sich nicht der Mitverantwortung stellen wollen. Manche, weil sie selbst ihre Zeug_innenschaft nicht reflektieren. Manche, weil sie keinen Anhaltspunkt für die Relevanz dessen finden können.
Die meisten Zeug_innen halten sich selbst für irrelevant, weil sie innerhalb der offiziellen Dichotomie zur Klärung von Opfer-Täter_innenschaft im juristischen Kontext keine relevante Rolle innehaben.

Für uns sind Zeug_innen hingegen sehr wichtig. Unsere Therapeutin ist für uns neben ihrer Rolle als unsere Begleiterin in unserem Auseinandersetzungsprozess auch eine Zeugin für ebenjenen Prozess geworden. Wir sprechen mit ihr über unsere Gewalterfahrungen und damit wird sie automatisch auch zur Zeugin.
Durch ihre Zeuginnenschaft (unabhängig davon, ob sie uns in unserer Opfer- oder Täter_innenschaft bestätigt oder negiert!) wird die geteilte Erfahrung zu etwas, das tatsächlich war. Sie wird zu etwas, das nicht zu leugnen, nicht zu ignorieren und deshalb auch zu verarbeiten ist.

Letztlich ist es ihre Zeug_innenschaft, die uns selbst davon entlässt eine Bewertung oder reaktive Beurteilung unserer Rolle überhaupt vornehmen zu müssen. In dem Moment, in dem wir die Gewalterfahrung miteinander teilen (bzw. wir sie ihr mit_teilen) entsteht für uns ein Raum gemeinsamer Betroffenheit bzw. ein Raum, in dem wir spüren, dass wir über ein gemeinsames Wissen um eine Erfahrung miteinander verbunden sind. Darüber treten für uns ganz konkrete Umgangsfragen in den Vordergrund, die durch wertungs- und urteilszentrierte Diskurse häufig eher unnötig verzerrt und gestört werden.

Unsere Gemögten, Gemochten und Bekannten sind ihrerseits aber auch wichtige Zeug_innen für uns. Auch mit ihnen teilen wir gemeinsame Kenntnis von Opferschafts- und/oder Gewalterfahrungen (aber natürlich auch vielen anderen Erfahrungen!) und erleben uns darüber miteinander verbunden.
Auch hier entstehen Umgangsfragen, die letztlich sehr gut auch in emanzipatorische Diskurse einfließen.

Ich möchte nicht, dass das Mitteilen meiner Erfahrungen dazu führt, dass sich andere Menschen unfrei in ihren Entscheidungen und Wahlmöglichkeiten fühlen, nur weil wir miteinander verbunden sind. Eine Auffassung der Zeug_innenschaft an der Stelle ist genau deshalb auch hilfreich, gerade, weil sie von der beurteilenden oder wertenden Instanz entbunden sind.

Wir möchten auch nicht, dass unsere Mitmenschen bewerten oder beurteilen, was wir erlebt haben. Weder die Erfahrungen selbst, noch unseren Umgang damit, denn letztlich sind wir die Person, die diese Erfahrungen gemacht hat und mit den Konsequenzen leben muss. Egal, ob bezeugt oder nicht. Egal, ob bewertet oder nicht. Egal, ob beurteilt oder nicht. Egal, ob als wahrhaft anerkannt oder nicht.

Unsere Offenheit mit unserer früheren Opferschaft ist, neben ganz schlichten Versuchen die eigenen Kräfte zu schonen, also eine auch emanzipatorische Umgangsentscheidung.
Wir erwarten keine Rücksicht, keinen Flausch, keine milden Urteile. Wir erwarten, dass unser Erfahrungshintergrund mitbedacht und anerkannt wird – unabhängig von Täter-Opfer-Dichotomie und anderer gewaltkultureller Praxis.
Wir hoffen, dass Zeug_innenschaft etabliert wird. Wir hoffen auf Verbindung und Miteinander.

Wir wollen einen Diskurs, der sich endlich den Umgangsfragen widmet.
Unsere Offenheit ist ein erster Schritt darauf zu.

vom Luxus über #armeLeuteessen zu fantasieren

Selbstversuche und Sozialexperimente – es gibt wenig mehr, das als Missachtung wie eine Ohrfeige auf konkret betroffene Menschen wirken kann.

Da ist das “einen Tag im Rollstuhl”-Experiment, von Menschen, die keinen Rollstuhl benötigen, um sich selbstbestimmt von A nach B zu bewegen, genauso unangebracht, wie der “eine Woche obdachlos”-Selbsterfahrungstrip von Menschen, die ein Obdach haben.
Es ist unangebracht, weil die sinnhaftere Variante ein “Ich höre den konkret betroffenen Menschen zu, die mir etwas über ihre Lebensrealität erzählen”-Experiment wäre, das bis heute noch viel zu wenig Medienmachende wagen.

Aktuell gibt einen Selbstversuch im Magazin “Biorama” für nachhaltigen Lebensstil.
Nachhaltig befeuert werden in diesem Selbstversuch vor allem Stereotype und Vorurteile. Schlagwortartige Phrasen werden recycled, um konkret Betroffenen die eigenen Argumente und Er_Lebensrealitäten abzusprechen und umzudeuten. Man will nicht glauben, dass Armut mehr sein könnte, als eine Frage des Geldes, des Bildungshintergrundes oder der allgemeinen kognitiv geprägten Entscheidungsfindung. Darum setzt sich nun also ein Mensch hin, gibt sich ein Budget für seine Mahlzeiten und hält das für den richtigen Weg sich Fragen nach Luxus zu stellen.

Der Mensch mit Gehalt denkt, Armut wäre das Gegenteil von Luxus beziehungsweise, Armut bedeute weniger davon.
Manchmal frage ich mich schon, wo solche Gedanken herkommen und brauche dann doch nicht lange für eine Idee. Ich merke ja selbst, wo mein Luxus beginnt. Er beginnt bei 2€ für Artikel, die ich nicht essen kann und 2,50€ bei Artikeln, die ich essen kann.
Luxus ist für mich (in Hartz 4 seit seiner Einführung) also eine Farbfilmentwicklung und ein Saint Albray-Käse.

Menschen mit mehr Geld kommt das traurig vor und ich empfinde das als eine Form von Missachtung meiner Luxusgefühle. Es fühlt sich an, als wäre mein Luxus peinlich oder falsch. Oder eben – so wie ich selbst für diese Gesellschaft – minder_wertig.

Der Selbstversuch im Biorama-Magazin zielt auf “bio ist aber so teuer” ab. Und schafft es nicht dann einfach bei dieser Frage zu bleiben und sich mit dem Geschäft hinter biologisch nachhaltiger Landwirtschaft zu beschäftigen. Nein – da muss noch “das echte Leben” mit rein.
“Teuer”, das gilt noch immer als ein zwangsläufig für arme bzw. einzig selbstversorgend wirtschaftende Haushalte auftauchendes Thema und wird in dem Experiment erneut aufbereitet.

Biologisch nachhaltig angebaute bzw. produzierte Lebensmittel zu konsumieren ist tatsächlich keine Frage des Geldes – es ist eine Frage des Konsums und damit eine Frage, die weit über akut verfügbare Mittel hinaus geht.
Ein Tweet, der sich lobend über den Selbstversuch unter #armeLeuteessen äußerte, rechnete einen Fertigjogurt zu 49 Cent gegen ein Glas Jogurt mit Zucker und Früchten auf das 51 Cent kam.
Als würde niemand auf Hartz 4 nicht darüber nachdenken, direkt 2 Jogurtbecher zu je 19 Cent kaufen, weil si_er dann 2 Jogurts hat und 11 bis 13 Cent spart. Also fast den Wert eines dritten Jogurts.

Der Selbstversuch ist Quatsch, weil die Personen kein Hungermanagment hat, das dem einer Person mit Mindestbudget nahe kommt. Man denkt natürlich auch als arme Person über Qualität nach. Natürlich kauft man lieber ausgesuchte Zutaten und möglichst ausgewogenes Zeug ein – aber wenn man Hunger hat, hat man Hunger und dann passiert etwas im Denken, das sich auf schnell verfügbare Masse, die nach irgendwas schmeckt, konzentriert.

Sich auf den eigenen Selbstwert zu berufen und zu argumentieren, man sei mehr wert als die Tüte Konservierungsstoffe mit Geschmacksverstärkern und angenehmer Konsistenz zu 99 Cent, hält niemand sehr viel länger, als einen Selbstversuche-Zeitraum mit einem selbst bestimmten Anfang und einem jederzeit absehbaren Ende, durch.

Hartz 4 funktioniert nicht so klar begrenzt. Vor allem nicht, wenn man zu den mehrfachdiskriminierten Personen gehört und “einen bezahlten Job finden” ein Synonym für “Sechser im Lotto” ist. Die durchschnittliche Zeit in Hartz 4 sind derzeit 4 Jahre. Tendenz steigend.
Hartz 4 ist eine Akutlösung. Und Akutlösungen sind nie nachhaltig. Nie.
Ein Beispiel:
Das erste Jahr Hartz 4.
Du bist jetzt mehr zu Hause als vorher. Du verbrauchst mehr Strom und heizt nun auch tagsüber. Dir kommt eine Energiekostennachzahlung ins Haus und darauf folgend passiert die erste Ratenzahlung abzüglich deiner Mindestsicherung.
Vielleicht (sehr wahrscheinlich) musstest du gerade noch umziehen, weil dein Wohngeld(zuschuss) nicht ausreichte. Umziehen ist teuer und dabei geht auch noch ein Möbel kaputt. Die Waschmaschine macht seitdem komische Geräusche und irgendwie riecht die Kleidung eklig. Es stellt sich heraus: ein Schimmel zerstört die Fasern – du musst alles ersetzen. Und deine neu bezogene Wohnung von Schimmelsporen befreien, die sich hinter dem Kleiderschrank bereits in aller Pracht zusammentun.
Es beginnt ein Gerangel mit der Wohnungsbaugenossenschaft, wer jetzt den Schimmel entfernen muss und währenddessen haucht die Waschmaschine mit einem heftigen Wasserschaden über die beiden Wohnungen unter deiner, ihr Leben aus.
Du stinkst und fühlst dich permanent unwohl. Deine Wohnung ist ein Quell von Stress, weil du nicht weißt, wie du die Kohle aufbringen sollst, alles auf ein übliches Level zu bringen.

Da du Hartzi bist und dein gesellschaftliches Ansehen irgendwo zwischen 0 und Mitleidsblinddarm im sozialen Gefüge rangiert, bist du aller Wahrscheinlichkeit nach allein mit der ganzen Scheiße. Du hast Stress. Tiefen Überlebensstress, weil deine ganze Situation deinem Neandertalergehirnteil zubrüllt, dass du existenziell gefährdet bist.
Das ist kein Stress, an den du aus deinem Arbeits- oder Schulleben vor ein-zwei Jahren gewöhnt warst und innerhalb dieser Sozialbezüge auch angemessen regulieren konntest. Das ist die Art Stress, die dich krank und hungrig macht.
Und zwar richtig hungrig.
Kohlehydrate-Salz-und-Fett-hungrig. Mehr-ist-mehr-hungrig.
Damit du eine Überlebenschance hast.

Gedanken an sportliche bzw. allgemein außerhäusige Aktivitäten versickern dort, wo die Mitglieds- und/oder Teilnahmebeiträge anfangen und die Ideen um nachhaltige produzierte Lebensmittel erstrecken sich auf die Frage, wie viele Tage 3 Liter Eintopf reichen.
Die Zeit, die man mit Kochen und dem stundenlangen Durchsuchen der Super_Märkte der Umgebung nach günstigen frischen und biologisch angebauten Lebensmitteln verbringen könnte, geht dann doch dafür drauf sich selbst irgendwie bei Verstand und Hoffnung zu halten. Sei es durch Eskapismus in Aktivitäten, die akut kostenlos sind (und ja – das ist dann eben auch Fernsehen, Facebookspiele spielen und was man sonst Hartzis gerne mal als einzige Beschäftigung unterstellt) oder die organisatorische Kompensation der Armutslücken: (Mini)Jobbeschaffung, Kinderbetreuung(sorganisation), Behördenkrempel, Beschaffung nötiger Gegenstände und Güter.

Der Selbstversucher von “Biorama” denkt, er landet im Restaurant, weil er so wenig Zeit zum Kochen hat – nicht etwa, weil er dort landen kann.
Ein Hartzi hat sein Brot mit Thermoskanne im Rucksack oder nimmt sich für 1€ einen Burger von McDonalds mit. Je nachdem was grad geht. Die meisten essen schlicht nie außerhalb. Die haben einfach Hunger bis sie wieder zu Hause sind.

Armut (in Deutschland) bedeutet “mit Geld rangieren” – nicht “kein Geld haben”. Auf Bioprodukte zu verzichten kann den schlichten Grund haben, dass es für weniger Geld mehr Masse gibt und der aktuelle Rangierplan viel Masse braucht.
Ich kenne arme Menschen, die sich bio-vegan-ernähren. Ich kenne arme Familien, wo es über Wochen jeden Tag die 49 Cent-Tütensuppe für die Eltern gab, damit die (Klein)Kinder im Haushalt frisches Obst und Gemüse, aber auch Geburtstagsgeschenke, Schulsachen, Kleidung, Musikunterricht… Bausteine für eine gute Zukunft bekommen konnten. Ich kenne arme Menschen wie mich, die neben der Armut auch noch Essstörungen, Unverträglichkeiten und seelische Belastungen jonglieren müssen.
Nachhaltiger Konsum funktioniert für “die armen Menschen” oft nicht, weil das Hier und Jetzt der Kampf ist, den sie überstehen müssen.
Ein gutes, ökologisch biologisch super mega tolles nachhaltiges Leben konzentriert sich auf ein Morgen, das man erst dann erahnen und planen kann, wenn man nicht mehr um seine Existenz kämpfen muss.

Aber ja – wenn man so wenig darum kämpfen muss, das einem vor lauter Langeweile nichts mehr einfällt, als Konsumselbstversuche zu veranstalten, statt sich aktiv gegen Armut und Benachteiligung armer Menschen einzusetzen, kann man schon mal so einen Quatsch anfangen.
Nachhaltig in Bezug auf den Wunsch nach einer guten Zukunft für alle Menschen ist das nur leider genau nicht.

[tl,dr: Selbstversuche wie #armeLeuteessen möchten bestimmte Menschen(gruppen) motivieren, Konsumentscheidung für sich zu begründen bzw. bestimmte Argumente bestimmter Menschen nicht gelten zu lassen, ohne zu hinterfragen, auf welcher Grundlage welche Entscheidungen getroffen werden. Das ist missachtende Kackscheiße und nicht nachhaltig.]

nur eine weitere Facette früheren Horrors

Ich stelle es mir genau so vor.
Da ist eine Idee. Eine Fantasie. Und irgendwie kommt man in ihren Bann. Verknüpft Gefühle mit ihr. Baut sie sich aus und malt sie sich schön an. Wie ein Haus, das eines der schönsten Zuhauses werden soll, das man sich vorstellen kann. Und dann vergisst man, dass es eine Idee ist. Eine Fantasie, die gut in dem Knochengehäuse zwischen den Ohren aufgehoben ist und dort ihr schönstes Zuhause haben kann, solange sie nicht weh tut.

Ich stelle mir vor, wie Menschen, die zu Opfern wurden irgendwann erleben, was wir gerade erleben und dann vergessen, dass es nur einen sicheren Ort dafür gibt. Das Kopfinnere. Am besten die Stelle, an der sich nichts lange hält, weil alles immer gleich neu verarbeitet wird.
Ich stelle mir, wie Menschen erleben, was wir gerade erleben und zu Täter_innen werden, weil ihr Kopfinneres keine solche Stelle hat. Weil sie nicht gebraucht wird. Weil es keine Impulse gibt, sie zu etablieren. Etwa durch eine Psychotherapie. Oder einen anderen Prozess der Reflektion und Transformation.

Wir erleben Gewaltideen. Beziehungsweise: Wir Rosenblätter erleben, wie etwas neben uns tritt, das Gewaltideen hat. Und sich unsere Alltagsgegenstände, Alltagsgedanken, Alltagsschmerzen, Alltagserbsenmomente zum Baumaterial dafür nimmt.
Aber unsere Alltagsangst verschmäht. Unser Erschrecken über diese Ideen. Unsere Furcht plötzlich an den Punkt gelangt zu sein, an dem wir von der netten Multiplen aus der Nachbarschaft zu einer psychopathologisch monströsen Horrorfilmfigur gerieten.

Auf der anderen Seite haben wir natürlich über Täter_innenintrojekte gelesen. Wissen natürlich, dass kein Mensch solche Gewaltexzesse wir wir sie erlebten übersteht und dann nie wieder mit Fragmenten, Ideen, Bildern, Szenarien ähnlicher bis gleicher Art konfrontiert ist.
Nur dachten wir bisher unsere Konfrontation damit würde nie die Form verändern, sondern immer hübsch begrenzt auf die Räume innerhalb “unkontrolliertes Erinnern” (also Flashbacks, Intrusionen, Bildererleben, Gedankenschleifen, Pseudohalluzinationen) bleiben und damit auch begrenzt auf genau einen Ort und genau einen Zeitraum: “unser Kopfinneres” und “Früher im Jetzt”.

Durch das Einbeziehen unseres Alltagskosmos erscheinen uns diese Ideen nicht im Raum “Früher im Jetzt”, sondern in “Früher und Jetzt”. Als hätte es die letzten Jahre nie gegeben und wenn doch, dann ohne den Kern dessen zu berühren, was dort passiert.

Was uns in unseren Ego-Ich-kann-meine-Welt-nur-allein-retten-Verpisst-euch-alle-Trips früher oft zum Verhängnis wurde, könnte uns nun vielleicht auch an dieser Stelle passieren. Ein Innen oder mehrere? oder, wenn wir bei unserem Wort “Täter_innenenergie” bleiben wollen, könnte nach außen agieren, als hätte es die letzten Jahre nie gegeben und hätte ergo keinerlei Bindung an das, womit wir uns hingegen inzwischen relativ fest und stabil verbunden fühlen.

So könnte es entstehen, das Multimördermärchen, das in der Mehrheit der Krimis, Thriller und Horrorfilme, in denen Menschen mit DIS oder DDNOS als Täter_innen auftauchen, erzählt wird. Genau so.

Wir haben unserer Therapeutin eine Nachricht geschrieben. Wir schreiben jetzt darüber. Öffentlich.
Und brechen damit aus unserer Angst hervor in Todesangst zu geraten. Stumm und starr vor dem Innen zu werden, nur weil es auf eine Art nach unserem Heute greift, ohne es als solches zu identifizieren oder als solches anzuerkennen.
Vielleicht auch: ohne es als solches identifizieren oder anerkennen zu können.

Wir kennen Innens, die nach unserem Heute greifen und nicht damit umgehen können. Wir kennen das schon und wir haben das schon oft regulieren können.
Es ist eigentlich nichts Neues.
Eigentlich.

Es ist nur eine weitere Facette früheren Horrors.
Eine, die anders weh tut, als die anderen.

in geheimen Schweigemantelschutzpanzertaschen

“Sie sind ein schwerer Fall”, hat uns in bald 15 Jahren Hilfekontext nie jemand gesagt.
Häufig hing die Frage im Raum “Wer soll die Verantwortung für diese hoch- bis chronisch suizidale Person übernehmen?” und schwang in einem Mobile mit den Faktoren “Hochbegabung”, “psychisch krank”, “DIS-Diagnose”, “Opferschutz”, “Bedürftigkeit”, “organisierte Gewalt”, “behindert” umher.

Wir wissen, dass wir durch unsere Geschichte mit Hilfen verkorkst sind und, dass es nicht leicht ist uns zu helfen.
Doch immer wenn das Thema “Hilfe für uns” neu aufkommt bemerke ich ein weiteres Stückchen, dessen, was wir Helfer_innen und auch Behandler_innen in den letzten Jahren abgenommen haben, damit sie sich als handlungsfähig empfinden können.
Man spricht zu selten über Übertragungen im Hilfekontext. Über das Phänomen, dass man selbst als Helfer_in vor den Problemen einer Person steht und sich ohnmächtig fühlt, weil keine der bekannten Handlungsoptionen zu greifen scheint.

Wir haben in den letzten Jahren ein Stückchen nach dem Anderen aus dem bedeutungschweren Mobile herausgetrennt und in geheime Schweigemantelschutzpanzertaschen gesteckt.
Als es um unsere schulische Aus_Bildung ging, verschwiegen wir unsere Probleme, die mit der Hochbegabung zu assoziieren sind.
Als es um unseren Ausstieg ging, verschwiegen wir Morddrohungen, genauso wie das, was wir mit “es kam zu einem Überfall in unserer Wohnung” umschreiben, damit niemand in die Situation kommt zu spüren, wie ohnmächtig wir uns selbst vor den Schutzlücken, die wir wahrnahmen, erlebten.
Wann immer es geht, versuchen wir in den Köpfen der Menschen Antistigmaarbeit zu leisten, indem wir so oft es vertretbar und okay ist sagen: “Ich bin nicht psychisch krank – ich bin psychisch belastet und leide darunter.”, damit uns die paar Menschen in unserem Leben nicht von sich weg und zu “professionellen Behandler_innen” weisen, wenn es uns schlecht geht. Denn unter etwas seelisch/psychisch zu leiden kennen viele – wenn nicht alle – Menschen gleich.

Wir belästigen niemanden mit unseren täglichen Furchtmomenten. Wir behalten unseren Ausdruck für Reiz_Schmerz für uns. Weil wir den ganzen Tag reden und kommunizieren müssten, um das nach außen zu bringen und nicht davon ausgehen können, dass man uns verstehen kann.

Dieses Herabpflücken von belastendem Material ist, als würden wir das Damoklesschwert über unserem Kopf kleiner machen wollen, anstatt zu fordern, man möge es doch bitte abhängen oder mit Stahlseilen aufhängen.
Als wir letztes Jahr beschlossen uns erneut um Hilfe für uns zu kümmern, dachten wir, dass wir jetzt bereit sein könnten um um Hilfe bei der Hilfe zu bitten.

Hilfe und Unterstützung dabei auszuhalten, dass Dinge geschehen werden, die uns traurig machen oder schmerzlich erinnern. Dinge, die uns bitter und zynisch erscheinen, uns ohnmächtig machen und uns in Erinnern an schwere Zeiten bringen. Vor allem aber geht es um Hilfe dabei die Dinge aus unseren Schweigemantelschutzpanzertaschen hervor zu holen und uns nicht mehr damit zu belasten, unsere Helfer- und Unterstützer_innen möglichst wenig mit uns und unseren Schwierigkeiten zu belasten, damit sie bei uns bleiben und uns nie sagen müssen: “Sie sind ein schwerer Fall.”.

Ich würde gerne nach innen geben: “Hey – wir waren nie ein schwerer Fall – wir wirken nur schwer, weil es sich andere leicht machen.”.
Aber, wie das so ist, ist die Erklärung für ein Empfinden noch lange kein Trost, sondern (und das gerade für uns) ein weiteres Bitternis.
Wir wollten nie an den Punkt kommen, an dem wir sagen: “Wir haben uns so lange für euch klein gemacht – ihr schuldet uns was!”, weil unsere Versuche uns klein und unanstrengend zu machen nichts sind, was in einem Kontext mit Schuld steht zum Einen und zum Anderen, weil die, an die wir uns heute richten schon längst nicht mehr die sind, vor denen wir uns kleingestückelt haben.

Unsere jetzigen Unterstützer_innen kennen uns nur mit vollgestopften Schweigemantelschutzpanzertaschen und seltsamen Hilfekontextverkorksungen.
Und ja – leider hätten sie jedes Recht sich von unserem Fall bzw. auch uns in Gänze zurückzuziehen, weil die Probleme scheinbar immer mehr und immer komplexer und schwerer werden, und das nicht ist, worauf sie sich zu Beginn eingelassen haben.

Es macht mir Angst, dass sie diese Option haben.
Und wir nicht.

das Bewerbungsgespräch

2:02, 5:18, 8:20
Wenn ich mich auf eines verlassen kann, dann ist es gewissenhaftes viel-zu-früh-aufwachen vor wichtigen Terminen. Es sei denn, ich verlasse mich auf ebenjene Gewissenhaftigkeit. Dann überhöre ich den Wecker oder vergesse gleich ihn überhaupt zu aktivieren.

Heute war ein wichtiger Termin. Der Termin mit dem Bewerbungsgespräch und dem Eignungstest zur Ausbildung zur staatlich geprüften gestaltungstechnischen Assistenz mit dem Schwerpunkt  Medien/Kommunikation.
Der erste Bewerbungsgesprächstermin mit Eignungstest überhaupt jemals.
Der Termin zu dem ich NakNak* mitnahm und einen Menschen hinzugebeten habe, um mich selbst_sicherer zu fühlen.

Gestern Abend kroch noch Furcht umher, ob wir unsere Assistenzhündin überhaupt wirklich mitnehmen, oder nicht doch wie üblich unsere Einzelkämpfer-Xena-Feuerlöwen-Power-Panzerung überziehen und einfach allein losgehen.
Doch das Aufwachen in der Nacht, die Therapiestunde gestern und die feinen Dissoziationsnebel, die mit der unerwarteten Menstruationsblutung kamen, erleichterten die Entscheidung.
Ja, – haltet es ruhig für auch cissexistischen Quatsch, wenn es um “kraftvolles weibliches Bluten” geht, aber ich hab mich sehr stark gefühlt in dem Moment, weil ich mich erinnerte, wie viel schweren anstrengenden Kram wir jeden Tag, jede Woche, jeden Monat nebenbei stemmen und einzelne Ereignisse, wie dieser Termin, nicht deshalb schwer für uns sind, weil es so viel bedeutet, oder so viel für uns davon abhängt, sondern, weil sie auch unüblich, schwer vorhersehbar und von uns selbst schwer zu beeinflussen sind.

Dinge geschehen, wie sie geschehen und wir kommen damit zurecht.
Ein besseres Signal uns daran zu erinnern, hätten wir an dem Tag nicht bekommen können.

Vor lauter Gewissenhaftigkeit waren wir auch zu früh an der Schule und bummelten durch ein Waldstück dahinter. Es war unheimlich friedlich und beruhigend. Ein Erbsenmoment in Ortsformat sozusagen. Wir beobachteten zwei Buntspechte, hörten Meisen und Rotkehlchen, sahen Amseln und Holzscheitstapel.

Zurück vor dem Gebäude hieß es „warten“. Während eine Person möglichst laut und allgemein raumeinnehmend Quatsch redete, tropfte Wasser vom Dach über uns.
NakNak* schnüffelte, guckte, schnüffelte, guckte und tat auch sonst nichts Aufregendes.

Dann gingen wir rein, suchten uns einen guten Platz und begannenen den Eignungstest.
Und dann meldete NakNak* den Krampfanfall, vor dem wir seit Jahren Angst hatten, dann aber doch noch nie passiert ist.
Wir verlieren nicht immer das Bewusstsein und auch nicht immer fallen wir um. Es sind schlicht plötzlich krampfende Muskel(gruppe)n und unkoordinierte Bewegungen. Ich atmete, wartete, atmete und deutete NakNak* auf meinen Schoß zu kommen. Der Krampf löste sich, ich atmete und widmete mich der Aufgabe, anhand zweier geometrischer Figuren einen Kontrast darzustellen. Ich schaute nicht hoch, guckte nicht, ob jemand guckt.

In der letzten Aufgabe ging es um einen passenden Bildausschnitt einer Szenerie am Meer.
NakNak*s Fell unter der leicht zitternden Hand, das Rauschen in den Ohren, das Meer vor Augen.

Atmen. Warten. Als eine der Ersten fertig sein. Atmen.
Zeit fühlen. Heute wissen. Jetzt schmecken.

Der Begleitermensch kam an. Das Ende der Testzeit wurde eingeläutet.
Wir redeten und überbrückten die Wartezeit zum Bewerbungsgespräch von einer Stunde.
Ich las die lieben Twitternachrichten. Freute mich. Fühlte mich nah. Irgendwie – so gar nicht, als würde hier etwas passieren, dem wir uns zu einer Zilliardennervenzellenkapazität widmen wollsollmüssdürfen.

Es ist einfach so passiert, wie es eben passiert.

Da ging die Tür auf, ich fasste drei Hände an und schüttelte daran herum. Lächelte, nickte, redete über mich, über die Abendrealschule, über viele Bewerbungen und erklärte, was “einfache Sprache” ist. Zeigte unsere Arbeiten und wurde mit Lob überhäuft.
“Ich hab ja fast Angst, dass wir Sie unterfordern”, sagte eine Person und ich antwortete, wie gut das für uns wäre. Einfach so. Hab ich das gesagt und wurde verstanden. Denke ich jedenfalls.

Wieder sagte jemand, es wäre “erbaulich” und “außerordentlich interessant” sich unsere Arbeiten anzusehen.
Und ich lächelte und ließ das Lächeln stehen.

Für den Prozess ist es egal, ob man darüber lächelt, weil es ein lustiges Bild ist, wie unsere Arbeiten Dinge “erbauen”, einfach, indem sie angeschaut werden und “außer_ordentlich (also: unordentlich) interessant” sind, oder als eine dieser rätselhaften Gesten, die Menschen eben machen, wenn ihnen andere Menschen so etwas sagen.

Es war schön rauszugehen und erwartet zu werden. Vom Begleitermenschen und all den ganzen vielen Menschenherzen, die uns heute die Daumen drückten und gestern auch ermutigt haben NakNak* mitzunehmen.

Es ist irgendwie neu, dass Dinge geschehen, wie sie geschehen, noch während andere Menschen mit uns sind, obwohl sie gar nicht da sind.

Und jetzt? Jetzt warten wir zwei bis drei Wochen und wissen mehr.
Egal, wie es ausgeht: für die Erfahrung war es gut.