von Schleim, Blut, Sex und lila Schmetterlingsplastikbindenverpackungen mit Freshnessgestank

MenskunstWir sind im Sommer weggefahren und waren erstmals seit einigen Jahren wieder auf Wegwerfmonatsbinden angewiesen und das Thema Menstruation(sartikel) kam auf.

Dann dachte ich, dass ich das Thema in meinem Blog nicht so wirklich aufgreifen kann- aber eigentlich sollte und ja auch wollte und ach… eigentlich geht es ja eh nur darum zu bluten und dafür blöde Produkte zu verwenden… alles drum rum ist ja nichts, was ich einfach mal so schreiben könnte… man weiß ja nie… Wenn das jemand liest!

Dann fiel mir, dass ich bereits einen Artikel darüber geschrieben habe, welche Machtgefühle ich in Bezug auf Aspekte meiner Sexualität erlebe und dachte, dass es eben doch mein Blog ist und Eigenmacht eben auch so aussehen kann, dass ich über die Renovierungszeit meines Uterus schreibe und alles was mir so drum rum auffällt.

Also. Ich schreibe jetzt was über Menstruationsartikel, das Bluten und was, für mich, sonst noch so dazu kommt.

Ich verwende Stoffbinden und versuche mich immer wieder im „freien Menstruieren„.
Ersteres ist nett zur Umwelt und meiner Scheidenflora und Letzteres bedient mein Kontrollbedürfnis, während es mich dazu bringt, mich bewusst mit meinem Körper auseinanderzusetzen und nicht die ganze Zeit des Blutens zu verdissen (meint: zu dissoziieren-
FAQ’s helfen).

Ich stand also im Sommer in der Drogerie und … naja… dachte ernsthaft darüber nach, die Reise abzusagen oder alternativ zu überlegen, wie viele Tage am Stück meine gebrauchten Stoffeinlagen in wie vielen Plastiktüten bleiben könnten, ohne, dass ich mich doch wieder vor meinem eigenen Blut ekelte, wenn ich wieder zu Hause und in Waschmaschinennähe wäre.

Es gibt inzwischen so absurd vermarktete Produkte, um das Menstruationsblut und ominöse andere Schleimig- und Flüssigkeiten aufzufangen, dass ich darüber nachdachte, darüber zu bloggen.
Ich kaufte ein lila Päckchen mit Schmetterlingen drauf.
Mein erstes selbst gekauftes Bindenpäckchen Mitte der 90 Jahre, war eins mit einer Ballerina drauf. Ich fand die Ballerina schön- die Binden da drin scheiße. Das waren welche, die sowohl am Slip als auch den Oberschenkeln klebten. Das fiel mir in dem Moment ein und ich musste gleich mal überprüfen, ob ich wieder so ein Modell erwischt hatte.

Sitzt ne Frau in der Bahnhaltestelle und macht ein Päckchen Binden auf…
Ups Stilbruch- verpackt wie die Kinderüberraschung für Mädchen, aber angucken ist erst allein aufm Klo okay. Hm. Interessant…

Folgende Informationen fand ich auf der Packung:
– ohne Duft, „Ultra Binden“, 4 Tropfen, die Bezeichnung „new Generation“, die Stückzahl, eine Entsorgungsanleitung (gelber Sack..!), eine Trageanleitung (mit Lageplan an einer Abbildung einer Binde), den Hinweis auf Latexfreiheit , einen Kreis in dem „Hautverträglichkeit dermatologisch getestet“ steht und eine Beschreibung der 5 Komponenten des Schutzes (Saugkern, Geruchschutz, Oberflächen- und Tragekomfort (denn wir* wissen ja: je komfortabler desto sicherer!) und Flexibilität).

Die Sache mit der Hautverträglichkeit interessierte mich als Erstes, denn nicht ohne Grund verwende ich Stoffbinden. Ich bin so oder so eine Dauerkandidatin für Infektionen und sonstige (Schleim-) Hautproblematiken im Intimbereich und sowohl Tamponverstopfung als auch Wegwerfbinden haben diese nie positiv beeinflusst.
An dieser Stelle auch ein Danke an meine Gewalterfahrungen, ohne euch wäre dies in dem Umfang und Ausmaß vielleicht nie möglich geworden.

Ich wollte wissen, worauf genau da dermatologisch getestet wurde und unter welchen Bedingungen. Was nützt mir denn das Wissen, dass die Dinger unter Laborbedingungen, wo so eine Binde vielleicht nur eine oder zwei Stunden auf der Haut eines gesunden Menschen verweilt, als „Hautverträglich“ eingeschätzt werden?
Wir sprechen hier von Produkten, die inzwischen fast komplett aus synthetischen Stoffen bestehen. Plastik in allen Verwandtschaftsgraden, versetzt mit Vitamin E und Seidenprotein, wie ich noch auf der Rückseite zum Oberflächenkomfort lesen konnte.

Wenn ich mein Gesicht für 2-3 Minuten in Klarsichtfolie wickle, still stehenbleibe und die Luft anhalte, würde ich auch von einer gewissen „Verträglichkeit“ im Abschluss sprechen können. Nicht aber, wenn ich das Gleiche bei einem Wettrennen über 2-3 Minuten tue.
Die Homepage des Herstellers schwieg dazu, gab aber das Testurteil der Stiftung Warentest an. Also rief ich bei der Servicehotline an.
Und dann rief ich dort noch mal an.
Und noch mal.
Und noch ein Mal, weil mir die Melodie der Warteschleife, aus der ich immer wieder flog, so gut gefiel.
Erreicht habe ich nichts (außer vielleicht genervte TelefonistInnen).
Ich fand einen interessanten
Artikel bei Ökotest.de und beließ es dann dabei- obwohl ich irgendwann dann doch mal beim Verbraucherschutz fragen will, ob Hersteller von- gerade solchen- Produkten, das überhaupt dürfen (vermutlich nicht… oder?).

Als Nächstes dachte ich über die Tropfen nach.
Ich bemühe mich ja schon, mich relativ bewusst damit zu befassen, wie viel da aus meinem Körper heraus kommt, doch die Menge in Relationen zu setzen erscheint mir schwierig mit nur einem Produkt. Netter Versuch der Kundenbindung- gleich mal zig Produkte für einen Lauf oder wie?!
Und dann: BOOM! Konnte ich überhaupt nicht mehr einschätzen, wie viel da kam. Alles weg. Verschwunden in diesen 2,5mm dicken Dingern. Egal wie oft oder weniger oft ich die Einlage wechselte, sah es immer gleich viel aus. Auch die Einschätzung, ob wir uns bei letzten Überresten am Ende der Menstruation befanden oder nicht, war kaum möglich: egal ob das Blut tiefrot oder geronnen und eher braun aussieht- die Plastikbinde machte daraus ein undefinierbar blutfarbiges „Mittendrin- Rot“.

Kann sein, dass das nicht vielen Menschen wichtig ist. Mir aber schon. Ich bin keine regelmäßig und vorhersehbare Regelbluterin. Auch hier wieder ein herzliches Dankenicken in Richtung Gewalterfahrungen: „Danke- auch dies etwas, das ihr direkt mit beeinflusst.“.
Meistens sind es bei mir nur zwei Tage oder drei. Wenn ich mehr als 4 Tage auslaufe, weiß ich, dass ich direkt kurz vorher an einem Problem oder Konflikt gekaut haben und alles angehalten muss. (Wie das noch aussehen kann hab ich
hier mal beschrieben) Die langen Phasen haben bei mir immer irgendwas damit zu tun, endlich loszulassen. Laufen- und eben auch aus-laufen zu lassen.
Wenn ich Stress, Ängste, Kummer oder Ärger habe, blute ich eben auch mal Monate lang gar nicht. Doch wenn es soweit ist, will ich wenigstens sehen und abschätzen können, wo ich gerade im Verlauf stehe.
Die Anfälligkeit biologisch in einen Stressmodus zu schalten, hat sich mein Körper von früher antrainiert, um mit einem Gewaltalltag umzugehen. Ergo habe ich dann doch auch relativ selten „Erdbeerwoche“ und fühle mich schon auch ein bisschen beklaut, wenn ich dann nicht so richtig alles davon auch wahrnehmen kann.

Apropos beklaut- wieso wollen die Hersteller eigentlich neben Würde durch Schmetterlings- und Blümchenlastige Verpackung auch noch Eigengeruch klauen und durch chemischen Kackscheiß ersetzen, der dann auch noch „Freshness“ genannt wird?!
Das Nuf hat neulich schon mal was darüber gebloggt und ebenfalls zum kollektiven Kopfschütteln aufgerufen.
Ich würde gern ja gerne mal noch eine Entwicklungsschlaufe hinzufügen:
Jetzt nennt sich dieser Gestank noch „Freshness“- bald könnte dieser Geruch auch nur noch für Menstruation gelten- ja quasi eine Limitierung passieren: „Na- nee- dieses Persil kann nicht mehr nach „Freshness“ riechen- so riecht schon die „rote Tante“!“.

Außerdem: wer schnüffelt denn bitte im Alltag im Schritt anderer Menschen, wenn er Körpergerüche ekelhaft findet?!
Mal ganz davon abgesehen, dass Blut erst ab einer gewissen Menge und einem gewissen Alter nach „Blut“ riecht. Was mensch riecht, wenn er sich eine Wegwerfbinde zum Wechseln vornimmt, sind Bakterien, die sich über warm- feuchten Stau in wenig belüfteter Gegend freuen und dies gleich mal mit Wachstum feiern. Ja und vielleicht noch mit einem Hauch von Blutgeruch, wenn es eben 5 vor 12 mit dem Bindentauschen ist.

Wenn mensch gesund ist, riecht der ganze Mensch halt nach Mensch. Auch sämtliche Ausflüsse, die by the way nicht nur da sind um in Binden und Slipeinlagen zu tropfen, sondern auch um die Gesundheit zu erhalten.
Als Infektionserfahrene kann ich am Geruch und der Konsistenz immer wieder perfekt abschätzen, wie der Stand ist. Riechts da nach „Mensch“ ist alles gut.
Würde ich oder meine Geliebte da plötzlich nach „Freshness“ riechen, würd ich mir Sorgen machen (müssen).

Eigentlich ist das Bluten nichts irgendwie Großes finde ich.
Aber irgendwie dann doch.
Ich mein-hallo! mensch blutet, ohne verletzt zu sein. Manchen tuts weh und manchen nicht. Manche Menschen sehen, dass sie bluten und denken: „Hurra- nicht schwanger!“ und manche Menschen denken: „Mee das wars dann jetzt die nächsten Tage.“. Bei manchen Menschen geht alles ganz alltäglich weiter und bei manchen ist in der Zeit absolutes Berührungsverbot.
Auch an sich selbst.

Es gibt inzwischen Tampons mit Applikator zu kaufen. Was sagt mensch dazu?
Ich hab erst mal „Umweltverschmutzung“ gesagt, denn diese Applikatoren bestehen wieder aus Plastik, was um die 1000 Jahre zur Verrottung braucht und ebenfalls den Wertstoffmüllberg vergrößert. Mal abgesehen davon, dass Tampons selbst ebenfalls alles andere als umweltfreundlich sind. Wer denkt, diese Dinger bestehen nur aus Watte irrt. Inzwischen finden sich in  Tampons ebenfalls Kunststoffe, Bleichmittelrückstände und Pestizide, die sich unglaublich viele Menschen vor ihren Muttermund schieben, wenn aus diesem Menstruationsblut austritt.

Dann dachte ich, dass so ein Applikator Selbstberührung verhindert und fragte mich, ob es einen echten Vorteil geben kann daran. Einen habe ich gefunden: Warzen und Co oder vielleicht allgemein Infektionskrankheiten, bei gleichzeitiger Problematik rund um die Handhygiene aufgrund von zum Beispiel aufgeklebten Fingernägelkrallen. Es gibt ja Menschen, die sich Macheten heranzüchten oder aufkleben lassen und das Ganze dann „Nail-Art“ nennen. So einen Swarovskicrystalfingernagel mit Blut zu versauen ist vielleicht wirklich nicht so fein. Aber eine Woche BlingBling auf dem Zeigefinger für 1000 Jahre Rottungsprozess?

Überhaupt Tampons und die Geschichte mit Ursache und Wirkung.
Ich habe gesehen, dass es inzwischen Tampons „mit Probiotik“ gibt. Probiotik meint den verkaufsfördernden Ersatz des Naturjogurtklassikers als Hausmittelhelfer gegen juckende Infektionen. Dass genau dies überhaupt erst nötig wird, weil Tampons und stets und ständige Einlagentragerei diese Infektionen wenn nicht auslösen so doch aber mindestens erheblich mittragen, steht weder auf der Packung, noch wird dieser Umstand so breit kommuniziert, wie es eigentlich nötig ist.

Selbst eine Gynäkologin hatte mich lediglich darauf hingewiesen, dass mein damals übermäßiges Sauberkeitsbemühen Schuld an immer wiederkehrenden Infektionen sei- nicht etwa die Unmöglichkeit von Schleimverteilung als Grundlage für Wachstum von positiven Kulturen.

Schleim ist nicht so gern gesehen.
Im Fall von Krankheiten kann ich das ja sogar verstehen, aber die Abwesenheit von Schleim bedeutet eben nicht auch die Abwesenheit von Krankheit. Wenn es um den Intimbereich geht, ist Schleim eigentlich das, wofür ein roter Teppich und Empfangsmusik bereitstehen sollte.
Es ist halt ein ziemlich gut geeichtes Zeug, wenn mensch sich unsicher ist, ob es gut um die Gesundheit steht; wo mensch sich in seinem Zyklus befindet; ob das, was man selbst oder der Mensch, der einen dort gerade berührt, tut eigentlich das ist, was wirklich Lust auf mehr macht.

Mir ist diese ganze seltsam verschobene Schutz- und Kontrollgeschichte in Sachen Menstruation und- naja- durch Slipeinlagen eben auch, vielleicht generell in Sachen „ein weibliches Genital besitzen“, irgendwie befremdlich.
Auf meiner Lilaschmetterlingspackung Binden steht: Idealer Wäscheschutz
Ich weiß nicht, was andere Menschen so für Unterwäsche tragen, wenn es etwas ist, das so unglaublich doll geschützt sein muss. Ich persönlich trage ja Schlüpfer in erster Linie um vor Dreck geschützt zu sein. Meinen Schutz zu schützen, erscheint mir da einfach irgendwie seltsam.
Und was ist eigentlich mit den Menschen, die keine Unterwäsche tragen?
Christina Aguilera hat (angeblich) mal frei menstruiert und die ganze Welt konnte es sehen.
Absicht? Zufall? Wars ihr peinlich?

Ich glaube, es geht auch viel um Scham vor der sich geschützt wird. Vielleicht auch rein praktisch halt den Umstand, das Blut nicht leicht rauswaschbar ist- trotzdem denke ich, dass sich viele Menschen eher für die Sichtbarkeit ihrer Menstruation- vielleicht auch durch den Wäscheschutz an sich schämen, als sich darüber zu ärgern, dass die Unterwäsche nicht wieder ganz die Farbe hat, wie vorher.
Ich hab drei Kategorien Unterwäsche: für meine Tage (rotbraun verfleckt und eng anliegend), für meine anderen Tage (irgendwie halt das was mensch sich so greift) und für geplante „Ich will Sex mit dir haben und dich mit dieser wunderschicken Verpackung darauf hinweisen- du weißt, dass ich diesen Fetzen niemals im Alltag anziehen würde und ich weiß das auch- also…“- Situationen.
Alle Stücke kann ich hygienisch auskochen und bisher hat sich kein Mensch, mit dem ich Sex hatte oder sonst wie intim war, dazu geäußert.

Letztlich gehts mir bei meinen Binden nicht um Unterwäscheschutz, sondern um Sicht- und Kleidungsschutz. Einen Zwölferpack Schlüpfer gibts an jeder Ecke- ein schöner Rock findet sich nicht so schnell und günstig.
Ich möchte überhaupt ja auch selbst entscheiden, wer sehen und wissen darf, dass ich gerade blute. In der Hinsicht danke ich dem modernen Sozialdiktat.

In dem Artikel „The shame of menstruation“ steht, dass es noch um 1900 für weibliche Menschen aus der Unterschicht normal war, auf den strohbedeckten Boden zu bluten, weil es von ihrer Fruchtbarkeit zeugte, was wiederum attraktiv für männliche Menschen sein sollte.
Für mich wirkt diese Praxis wie eine Ausstellung der Körperlichkeit vor anderen Menschen, quasi wie eine Art freiwillige Funktionsdarstellung im Sinne der damaligen Werte: „Wenn du mich heiratest, garantiere ich dir viele Kinder- guck, wie ich blute“.

Würde ich mir das auf ein Singleprofil oder Speeddating übertragen, könnte ich andere Menschen beim Schwimmen beobachten, was wiederum so lustig wäre, wie die Reaktionen der PassantInnen, als ich das Paket Binden in der Haltestelle öffnete und offen begutachtete.
Fruchtbarkeit wird irgendwie gar nicht mal mehr so an der Menstruation gemessen, oder? Wird heute überhaupt noch auf Fruchtbarkeit geachtet, wie damals? Wann in unserem Miteinander kommt der Punkt an dem über Fruchtbarkeit nachgedacht und gesprochen wird? Ist es noch cool fruchtbar zu sein?

Ich habe die These, dass die Scham rund um die Menstruation mit der Unsichtbarkeit einher ging.
Da wird etwas unsichtbar gemacht- vielleicht verheimlicht, dann muss es ja was Verbotenes/ Dreckiges/ Schlimmes sein. Und, dass die Menstruation eh etwas Schlimmes sein muss, beweisen ja schon diverse „Reinheits“-Mythen rund ums Bluten aus dem Uterus.
Dass es bei dem Verheimlichen darum ging, vielleicht trotz Menstruation seiner Arbeit nachzugehen, seine Fruchtbarkeit nicht fremdbewerten bzw. von Unbeteiligten einschätzen zu lassen, vielleicht auch um diverse religiös- kulturell verankerte Praktiken zu umgehen, muss laut „shame on the women“- Gesetzmäßigkeit mit Unglück und Schande und in der Folge: Scham belegt werden, damit es nicht zu bunt getrieben wird.

Dabei lädt heute gerade die Maschinerie rund um Damenhygieneprodukte, die inzwischen nicht mehr nur aus Binden, Tampons und Slipeinlagen bestehen, sondern auch noch aus Deos und Seifen speziell für Slipinhalte, dazu ein, unbedingt noch alles tun zu können, als würde mensch gar nicht menstruieren.
Das ist eine verwirrende Botschaft finde ich. Einerseits muss mensch sich sehr viel mit dem eigenen Körper und einigen Aspekten des Blutens befassen (diese Produkte wollen ja schon richtig angewendet werden)- andererseits wird es gehändelt, als sei es unwichtig (mensch kann ja noch alles tun), um dann aber doch wieder mit diesem Schamding belastet zu sein (es muss alles frisch und neutral riechen bzw. aussehen).

Außerdem stimmt es ja gar nicht, dass alle menstruierenden Menschen den gleichen Alltag haben, wie sonst. Manche haben sehr große Schmerzen und können dann gar nicht so unterwegs sein wie sonst.

Ich bins auch nicht. Bei aller Konzentration und Beherrschung über mich, ist das erste Bemerken meiner Regelblutung der Moment, in dem ich mich über Zeit und Raum, mein Erwachsen- und Unversehrtsein versichern muss. Ich muss am ersten Tag auch Schmerzmittel einnehmen, damit ich die Kontrolle halten kann- was aber nicht bedeutet, dass der Schmerz weg ist.
Der Druck und die Anspannung des Gewebes ist dann immer noch spürbar und das ist ein Gefühl, das mir mein Innenleben auf den Kopf stellt. So gehen da Schotten runter, was eben wiederum meine Produktivität nach außen auch erheblich mit beeinflusst.

Ich mache jetzt keine „Was hilft bei Menstruationsbeschwerden?“- Liste. Das haben sowohl Esme als auch Anna und viele andere Menschen schon oft getan.
Ich ziehe meine Socken aus und glitsche auf der Blutspur direkt zu einem verbindenden Element, das prima bei diesem Schmerz hilft: Orgasmen

Die nehme ich ganz gerne mal mit und wenn ich meine Tage habe noch ein Mal mehr. Ich weiß nicht genau warum es so gut hilft, wenn um die sich zusammenziehende Gebärmutter die Muskeln auch noch mal zusammenziehen, aber so ist es bei mir.
Manche Menschen halten Sex während der Menstruation für eklig. Manche menstruierenden Menschen wollen dann auch nicht angefasst werden.
Ich bin froh, dass das bei mir nicht so ist.

Das Einzige, worauf ich achten muss, ist nicht hinzugucken und auf penetrierende Praktiken zu verzichten, um keine Erinnerungsprozesse an erlebte Gewalt zu triggern. Wenn ich gerade eine Geliebte habe, die mit mir Sex hat, sage ich das auch so. Früher hab ichs nicht und hatte dann nicht mal was vom Sex, außer das blöde „knock- out“-Gefühl von früher nach Gewalterlebnissen. Und das Ganze neben der Erklärungsnot, wieso ich (ich sage meinen Geliebten nicht, dass ich multipel/ schwer traumatisiert bin. Dafür sind sie Geliebte- nicht Gemögte- andere Geschichte) geweint habe oder Ähnliches.

Ich habe festgestellt, dass es für mich nicht besonders sinnvoll ist auf einen Orgasmus hinzuarbeiten, wenn ich mich gerade scheiße finde oder richtige BÄÄÄMs in meiner Nähe wabern. Das wird meistens eher eine Selbstverletzungsarie und auch eine Geliebte habe ich dann nicht zur Hand (bin ja dann scheiße). Trotzdem ist ein vibrierendes Sexspielzeug dann wirklich praktisch und guttuend für mich. Einfach mal die Massagegeräte zur Massage des Unterleibs (nicht nur der Vulva) verwenden.

Übrigens habe ich inzwischen einen Mooncup im Haus, den ich bei Gelegenheit mal testen werde.
Bei diesem Produkt schlich ich ja ein bisschen herum, weil es Größenangaben gibt. S M und L  „Schade“, dachte ich, „Dass ich weder Maßband noch Spekulum noch finanzielle Ressourcen zum Kauf aller Größen zum Testen besitze“. Es ist ja nun doch ein Fremdkörper, den ich in meinen Körper einbringen muss, was ich halt nicht immer einfach mal so machen kann. Gibt halt Tage, da fühle ich mich zerstörter als an anderen.

Jetzt ist er da und kommt mit in mein Ressourcicum zur roten Welle fern von Daheim, wo ich eben nicht frei menstruieren und/ oder meine Stoffbinden verwenden kann.

Die lila Schmetterlingsplastikbindenpackung steht derweil in meinem Bad herum.
Vielleicht erwischt es mal unerwartet Besuch von mir und es wird eine gebraucht. Dann bin ich gerüstet.
Verrotten wirds ja frühestens in 1000 Jahren.

 

Bonusmaterial:
Ich hab zum Geburtstag ein Buch geschenkt bekommen, dass ich gerne weiter empfehle: „
Muschiland- Exkursion in eine kulturelle Intimzone“ von Ulrike Helmer. Darin sind neben angenehm leicht lesbaren Texten zu nicht immer leichten Aspekten, auch viele Literaturtipps und Verweise zu finden, was das Buch sehr wertvoll macht, wenn mensch sich (feministisch) mit dem Thema auseinandersetzen möchte.

Das „the period blog“  (englisch) mal durchzuschauen kann ich auch nur empfehlen. Leider wird es inzwischen wohl nicht mehr aktualisiert.

Ich hab das Thema „MenstruationsApp“ + „Gender“ nicht im Artikel erwähnt, weil ich meinen Zyklus weder von einer Maschine „berechnen“ lassen will, noch ein Smartphone besitze. Die Femgeeks haben sich aber schon mal damit befasst.
Meine „MenstruationsApp“ ist das Kalenderbuch „Alle meine Tage„, das sich für mich als am Besten geeignet herausgestellt hat.

Die rappende Gruppe „Hand Job Acamedy“ hat der Menstruation einen Song mit dem Titel „Shark Week“ gewidmet.

Allison von „Jew in the City“ erklärt in einem Video ausführlich die jüdische Mikvah.

Weitere Links und Literaturtipps zum Thema sind gern gesehen und werden in den Artikel übertragen.

Sicherheit* unterm Radar

P1010176„Du musst den Täterkontakt abbrechen und dich anonym halten, sonst bist du nicht sicher.“
Das ist so einer der Sätze, mit denen ich in diesem Bundesland empfangen wurde. In einer „anonymen“ Unterkunft für Jugendliche in Not. Mehrere hundert Kilometer zwischen mir und dem, was noch immer einige Innens „zu Hause“ nennen.
Diese Zeit in der Einrichtung war nicht lang- ich glaube nur 3 Wochen- aber sie hat gereicht, um mich bis heute ziemlich wütend zu machen und immer wieder darüber nachzudenken, wie die Wichtigkeit und Funktionsmechanismen von Schutz durch Anonymität vermittelt werden können.

In meinem Fall hatte sich damals schon niemand an meine Seite gestellt und sich dafür eingesetzt, dass ein Antrag auf Amtshilfe in der neuen Stadt passiert, um mich gänzlich (oder zum Teil) abzulösen.
Stattdessen wurde die ganzen Jahre der Jugend- und später auch Erwachsenen-  Hilfe in schöner Regelmäßigkeit meine Wohnadresse, meine Hilfepläne, so wie sämtliche Aktivitäten an ein Amt geleitet, das immer wieder einen Datenfluss in Täterhände lenkte.
Ich hatte das immer wieder gesagt, hatte es immer wieder als Änderungswunsch angebracht. Im Zuge des Betreuungswechsels dann, versuchte ich es mit juristischen Hebeln, um aus der Sache rauszukommen und scheiterte, weil ich zu schwach war.
Ich hätte mindestens eine Strafanzeige gegen die Täter stellen (Recht bekommen) und dann alles Nötige erwirken lassen müssen.
Aber eine Strafanzeige erstattet sich nicht so einfach. Bis heute nicht.

Das Gemeine für mich- der richtig fiese Haken: meine damalige Therapeutin und alle alle alle Bücher und Tipps für  Menschen mit DIS (und Täterkontakten), die ich damals fand, hackten auf mir als die undichte Stelle im Sicherheitsnetz herum.
Immer wieder wurden dort die inneren Abhängigkeits- , Hörigkeits- , (Todes-) Angstdynamiken thematisiert und verdeutlicht, wie wichtig es ist, die innere Kommunikation so weit aufzubauen, dass sich Innens nicht an die TäterInnen wenden und so weiterhin Gewalt erfahren. Wir haben diese Problematik auch gehabt und mussten daran arbeiten. Was in Bezug auf den Abbruch von Täterkontakten wichtig war, schilderte ich bereits in der Serie „
Täter- Kontakte 1- 5 “ 

Der Punkt meines Ärgers über den Satz in der Einleitung und der Buchinhalte ist, dass das einfach nicht alles war und bis heute ist.
Wir erfahren seit einigen Jahren keine Gewalt mehr- doch befreit von destruktiven Verbindungen sind wir erst, seit wir vor dem Gesetz als „erwachsen“ und damit komplett mündig gelten (Also seit dem 27 sten Geburtstag- dies ein Hinweis an Betroffene mit Schwerbehinderung und darauf fußenden Amtshilfen seit der Jugend).

Die Idee von „es kann mir nichts passieren- ich bin anonym und in Sicherheit“ ist Schwachfug.
Wer wissen will- wer es wirklich wissen und herausfinden will, wie mein Passname ist, wo ich wohne und was sonst noch in Bezug auf mich relevant ist- der wird das auch herausfinden. Wer mir wirklich unbedingt Gewalt antun will, wird das tun können und nichts und niemand wird das verhindern. Aber ich kann es etwas schwieriger machen.

P1010183Das Leben in Anonymität hat für mich viele kleine und große Unsichtbarkeiten und mit ihnen Angstmomente, die völlig unvermittelt kommen können; jeden wie auch immer gearteten Kontakt und auch die Art, wie Kontakte geknüpft werden, beeinflussen.
Die Verluste, die ich mit der Entscheidung zum Leben ohne Gewalt, mit neuem Namen und Dunkelfeld „Vergangenheit“ eben auch „gewählt“ habe, sind unfassbar groß und schmerzhaft.
Ich entfernte nicht nur Destruktivität aus meinem Leben- grenzte mich nicht nur von Gewalt in verschiedenen Gewändern ab. Ich war gezwungen zum Messer zu greifen und mir alles was „vorher“ war abzuschneiden. Das Vorher, das auch viele schöne Momente, tolle Menschen und Möglichkeiten umfasst und mich mit viel mehr Leichtigkeit agieren ließe.

Ich bin gestern via Facebook mal wieder über jemanden aus „dem verbotenen Früher“ gestolpert. Die Folge war nicht: „Ach guck an…“ sondern richtig harte 20 Minuten, in denen ich Tränen aus meinen Augen rausschreien wollte und nicht konnte.
20 Minuten, in denen mir erneut diese Gefühle von emotionaler Zwangsaskese zum Wohle meiner Sicherheit durch die Brust jagten. Erinnerungen an „früher“, alle Wünsche, alle Hoffnungen, alles was ich damals … hätte würde wäre wenn

Mein Heute umfasst eine Achtsamkeit und Vorsicht auf allen Ebenen durch mich selbst, aber auch eine Abhängigkeit von Verbundenheitsgefühlen und gut kommunizierten Beziehungen zu den Menschen, die mich umgeben.
Ich kann noch so oft verschweigen, wo ich eigentlich herkomme; wie mein Passname lautet; darauf verzichten meinen supertollen Hund im Internet zu zeigen oder wie ge-ni-al ich meine Haare frisiert habe. Ich kann noch so oft meine Hand abhacken, wenn sie ins Früher telefonieren will, um dort wieder einzuziehen. Ich kann noch so oft ins Facebook schauen und denken: „Ach dieser Mensch hat mir ja nichts getan- ich könnte…“ und dann doch hart bleiben.
Sobald auch nur eine meiner Gemögten, HelferInnen und Verbündeten oder irgendjemand außerhalb meines Kontrollbereichs mich als diejenige welche mit Passnamen XY im Kontext von AB in Stadt CD outet, ist es vorbei.

Alles was ich tun kann ist in einem Heute zu leben, das kein breit bekanntes Früher hat.

Ich muss mich darum bemühen meine Kontakte auf eine Art zu pflegen, die entweder davon geprägt ist, dass diverse Informationen nie Thema werden bzw. „einfach so unbemerkt in ihrem Fehlen sind“ oder bekannt sind mit einem Mit-Verantwortungsbündel obendrauf, das nicht jeder Mensch tragen kann (und/ oder will).
Keine meiner Gemögten weiß alles über mich und die Tatsache, dass sie es auch nicht zu wissen einfordern, entlastet und schützt mich sehr.
Für die Beziehung, die wir haben sind weitere Informationen nicht wichtig- sie wissen aber alle von den Netzen, in denen wir uns bewegen. Sollte mir etwas passieren, wäre niemand von ihnen allein und direkt mitbedroht.
Das Nichtwissen schützt sie also- solange sie nicht-wissen „dürfen“.

Im Falle der Facebookverbindung musste ich so scheißverdammt mutig sein, wie ich es eigentlich gar nicht war in dem Moment. Ich musste fragen: „Kennst du diesen Menschen persönlich?“

Weiß der Mensch, dass wir uns kennen? Muss ich dich jetzt auch aus meinem Leben streichen, obwohl ich dich toll finde und es mir weh täte? Muss ich schon wieder umziehen und alle meine Hilfsnetze umkrempeln, weil du weißt, wo ich wohne?

Ich musste meine Gemögte irritieren, ihr etwas abverlangen, was sie genauso einfach hätte ablehnen wie annehmen können.
Ich musste sie ins Vertrauen- in meine Scheiße ziehen und konnte nichts weiter tun, als zu hoffen, dass sie vollständig begreift, was ich da sage- die ganze Tragweite sieht, ohne davon erdrückt zu werden.
Ich muss ihr vertrauen diese Schwere zu tragen- nicht nur jetzt, sondern noch eine ganze Weile länger, weil für mich etwas daran hängt.
Ich musste sie wissen lassen- sichtbar(er) werden für sie und hoffen, dass sie diese Sichtbarkeit mit mir vor anderen Menschen unsichtbar hält.


Es klingt immer so einfach: Täterkontakt beenden, neuer Name, neue Adresse, Traumatherapie und fertig.
Im Falle organisierter Gewalt ist es damit einfach nicht getan.
Diese Dinge hängen alle an Privilegien- an Sicherheiten, die extrem instabil sind und von nichts und niemandem bedingungslos und durchgängig gewährt werden. Die Realität nach Ausstieg und in Anonymität wird damit nicht gestreift.

Damit ich direkte Gewaltkontakte beenden konnte, brauchte ich eine starke Gemögte, die mich halten und tragen konnte- die an meiner Seite stand und sich selbst in dieser Zeit total zurückstellte- ohne irgendetwas dafür zu verlangen.
Um meinen Passnamen zu verändern muss ich (neben finanziellen Ressourcen) auch darauf hoffen, dass ich in meinem Leben als Opfer von organisierter Gewalt anerkannt werde, auch ohne eine Strafanzeige zu stellen.
Um anonym zu wohnen muss ich mich darauf verlassen, dass sämtliche Ämter und Behörden meine Rechtsanwältin als meine Fürsprecherin akzeptieren und sämtlicher Informationsfluss über ihre Kanzlei läuft- was nicht selbstverständlich ist.
Um meine Geschichte traumatherapeutisch auf- und verarbeiten zu können, hilft nur hoffen und beten, dass ich in meiner Therapeutin einen Menschen habe, der mutig genug ist, mit mir gegen die Krankenkasse vorzugehen und zu kämpfen um für seine Arbeit auch bezahlt zu werden, wenn diese anfängt ihre Richtlinien zu Gesetzen wachsen zu lassen und mir die Behandlung verwehrt.

Unterm Radar zu fliegen heißt „nicht gleich sichtbar und damit geschützt vor suchenden Blicken zu sein“.
Heißt aber auch, dass jede Untiefe der Berg sein kann, an dem ein Leben zerschellt.
Es heißt sich mehr als fünfmal seiner Unsichtbarkeit zu versichern.
Es heißt unsichtbar zu trauern.
Es heißt Sichtbarkeit als ein Privileg einzuordnen, das genauso instabil ist, wie alles andere.

Es heißt, dass eine Ebene der Angst auch dann noch da ist, wenn „eigentlich“ alles* „gut“ und sicher* ist.
Es heißt, dass nichts sicher ist.
Es heißt, dass die Begrifflichkeit der Sicherheit* ein Sternchen braucht, um die Fragilität und Vielschichtigkeit zu markieren, die sie für mich hat.

gedachte Morde

12-10-2013Da war so ein Augenblick im Geschäft, in dem es um die Möglichkeit ging Christbaumkugeln durch den Raum zu schmeißen und in den Scherben zu baden. Galgenmenschlein an einen Tannenbaum zu hängen und Köpfe in bunt verkleidete Päckchen zu stecken.
Ein Wechselspiel aus Explosion und planvoller Absurdität, versteckt hinter meiner Stirn.

Das war so ein Moment, in dem ich mich sonst dabei beobachte, wie ich irgendeine schwelende Wunde aufreiße und in ihr grabe, als würde ich einen Schatz finden können. Diesmal sah ich mir beim Ertrinken zu und dachte mit Gift besetzte Gedanken über die Therapie und das Hoffglimmen auf Heilung.
Dachte Worte und Gespräche, dachte Räume und Möglichkeiten und lachte als die
BÄÄÄMs auf mich zugerollt kamen.

Quoll über und blieb zurück mit einem Rest aus „Ich weiß nicht genau. Ich weiß nicht. Ich nicht. Nicht ich.“

Wieder dieses Knäul aus dem ich beim letzten Therapietermin nicht heraus kam. Dem Termin aus dem ich heraus ging, mir selbst einen Darwinaward für Ressourcenverschwendung verlieh und nach dem ich, Stunden später, von einem Fremden auf die Stirn geküsst wurde.
Dem Termin von dem ich gehofft hatte, er würde wie ein Messer auf den Strick um meinen Hals wirken.

Als ich vor den ordentlich gestapelten Christbaumkugeln an meinen gedachten Morden starb, wusste ich, dass es nur Angst war. Nur etwas Altes.
Ein Tod wie jeder andere.
Ich wartete darauf zu erkalten.

Statt dessen die Hand meiner Gemögten in meiner. Warm und fest.
Mich und meinen Leichnam nach Hause bringend.
Ins Trockene.

Dorthin, wo es nicht nötig ist sprechen zu können, um seinen Tod durch Ersticken zu betrauern.

vom Lesen, Schreiben und dem Recht auf Begreifen

179721_web_R_K_B_by_S. Hofschlaeger_pixelio.deVor ein paar Wochen hatte sie mich angesprochen.
Ich weiß nicht warum- vielleicht hatte sie gesehen, dass ich mich mit dem
anderen Nachbarn unterhielt.

Fortan grüßten wir einander, wie es hier in unserem Bullergeddo so üblich ist. Ich streichelte ihren dicken Yorki und lächelte sie an, während wir sprachen. Über das Wetter, die Sanierungsarbeiten an den Häusern, manchmal über NakNak*.

Dann klingelte sie eines Tages bei mir. Ob ich mich mit Heimunterbringung auskennen würde.
Ich sagte ihr, dass ich keine Fachfrau bin und es immer wieder Änderungen in dem Bereich gibt, dass ich aber grundsätzlich nicht unwissend bin.
Wir trafen uns also in ihrer Wohnung mit Teppichboden, Vorhängen und einer Sitzgarnitur, die zur Tapete passt.

Sie schilderte mir ihre Schwierigkeiten und Unklarheiten. Vertraute mir ihre Sorgen und Ängste an, während ich still den felligen Klops zu meinen Füßen streichelte und versuchte meine Irritation, über ihren Schritt an mich heran, zu verbergen.
Ich konnte sie beruhigen und vermitteln, wo sie gut hin kann, um das Problem zu klären; handlungsfähig zu bleiben und nicht unter die Räder des Systems zu geraten.
Ich dachte, damit sei es getan. Dachte: „Sie weiß ja nun, wo sie sich einlesen kann, da steht ja alles und jetzt wird sie mich nicht mehr brauchen.“
Ich ging nach Hause und war so wahnsinnig stolz auf mich.
Fühlte mich so erwachsen und mächtig, weil ich jemandem helfen konnte, sich selbst zu ermächtigen und Hilfe zu bekommen.

Zwei Wochen später, hatte ich einen Zettel von ihr im Briefkasten.
„Wenn du mal Zeit hast kannst du mich anrufen“ stand dort in ungelenk-unsicheren Druckbuchstaben mit einer selbstausgedruckten Visitenkarte dazu.
Ich hatte aber keine Zeit.
Und mir war nicht klar, ob es sich um eine Aufforderung oder eine Frage handelte. Ich wollte sie nicht zwischen Tür und Angel- zwischen Termin und Reorientierungsphase drücken, sondern für beides Zeit haben und mich ihr widmen.

Gestern dann lag ein Schreibentwurf von ihr in meinem Briefkasten. Ein offizielles Schreiben an den Heimleiter der Einrichtung, in der ihre Mutter nun lebt, das mich umkippen ließ. Nicht, weil es so schlecht war, sondern weil ich mich wirklich schämte.
Sie kann ganz offensichtlich nicht gut schreiben und lesen. Hat ganz offensichtlich Schwierigkeiten komplexe Zusammenhänge zu erkennen und zu formulieren. Wer weiß, ob sie die Texte, die ich ihr zu lesen empfahl, überhaupt erfassen konnte.

Heute wurde die OECD-Bildungsstudie veröffentlicht, die offenbart, dass jeder sechste deutsche Erwachsene so und so ähnlich gelagerte Probleme hat.

Meine Nachbarin ist so vertraulich, weil ich ihr überlegen bin.
Nicht, weil sie mich wirklich nett findet.
Sie hat sich an mich gewandt, weil ich vermittelte, ich könne diese Texte und Sachverhalte verstehen.
Ich bin beschämt, weil ich ihre Problematik nicht erfasste und so arrogant war, anzunehmen, sie würde mich einfach so nett finden und deshalb Kontakt wollen.
Außerdem bin ich wütend, weil mir nun klar wird, wieso es für sie so aussieht, als könnten ihr alle zuständigen Beratungs- und Hilfestellen nicht helfen: diese Stellen, werden, wie ich, davon ausgegangen sein, dass sie diese Probleme nicht hat und ihr Dinge gesagt bzw. so erklärt haben, als hätte sie die Grundlagen bereits verstanden.

Ich bin wütend auf den Menschen, der sie einen Vertrag hat unterschreiben lassen, ohne ihn ihr zusätzlich mündlich zu erklären mit der Intension, sie begreifen zu lassen. Für sie muss es gewirkt haben, als hätte er bzw. „das Heim“ (ich weiß nicht, mit wem sie dort gesprochen hatte) ihr nur gesagt, wie toll es ihre Mutter haben würde und damit das alles von ihr auch erlaubt ist, müsse sie nur schnell die Unterlagen unterzeichnen.

Sie ist nicht so machtlos, wie es für sie wirkt- sie ist aber nicht in der Lage, ihre Rechte so durchzudrücken, wie andere, weil sie sie nicht ausgedrückt bekommt, was diese Hilflosigkeit auslöst.
Doch selbst dies wiederum auszudrücken, ist für sie offenbar nicht so möglich, dass sie leicht erfasst werden kann.

Ich bin beschämt, weil auch ich dachte: „Naja, sie ist halt ein bisschen einfach gestrickt, ich nehme hier und da mal ein bisschen was raus, vereinfache das, und dann wird das schon.“, anstatt mal 2 Meter weiter zu gehen und zu fragen, ob sie überhaupt eine Sicherheit über die Grundlagen hat. Mich doch noch ein bisschen mehr darüber zu wundern, dass sich ein erwachsener Mensch von bestimmt Ende 50/Anfang 60 , an einen Menschen, der ganz offensichtlich weniger Lebenserfahrung hat, wendet, obwohl schon einige zentrale Anlaufstellen abgeklappert wurden.

Jetzt wird mir klar, wie groß ihr Hilfebedarf tatsächlich ist, damit sie überhaupt ihre Rechte und Wünsche zum Ausdruck bringen kann und durchgesetzt bzw. gewahrt bekommt.
Eigentlich müsste jedes Mal jemand dabei sein, wenn sie Gespräche mit zum Beispiel den Heimmenschen hat.
So lange bis es für sie selbstverständlich ist, sich den Raum und die Zeit zu nehmen, die ihr eigentlich zur Verfügung stehen.

Sie hat das Recht jedes Mal, wenn es um vertragliche Dinge geht; jedes Mal, wenn aufgrund diverser Bestimmungen und Regelungen Probleme für sie im Raum stehen, so lange nachzufragen, bis sie es verstanden hat. Sie hat das Recht darauf zu pochen, dass ihr Dinge noch mal anders erklärt werden.
Sie hat das Recht begreifen zu können.

Und genau dieses Recht wird ihr beschnitten mit dem Anspruch so eine Fähigkeit zum Text- und Zusammenhangverständnis zu besitzen, wie andere Menschen. Er ist unausgesprochen und lediglich in der Form des Textes bzw. der Situation an sich impliziert.

Inzwischen fühle ich mich nicht mehr nur erwachsen mächtig, sondern auch erwachsen verantwortungsbeladen.
Ich weiß es jetzt. Weiß, was da gebraucht ist.
Weiß aber auch, dass ich die falsche Adresse bin.

Weiß eigentlich, dass das nicht meine Verantwortung ist.
Ich weiß aber auch, dass sie sie nicht formuliert bekommt und alle anderen Kackbratzen da auf ihren Amtssesseln diese Verantwortung negieren, mit dem Verweis darauf, dass sie ja erwachsen ist und für sich selbst eintreten muss.

Ich weiß, dass sie sich gedemütigt fühlen wird, wenn ich ihr sage, dass sie sich unbedingt eine/n FürsprecherIn besorgen muss für den Kontakt mit diesen Ämtern und beteiligten Menschen. Mal abgesehen davon, dass ich nicht einmal weiß, wo sie so eine/n FürsprecherIn finden könnte. Eigentlich ja dort, wo sie schon mal war. Doch da müsste ich sie erst mal wieder hinbekommen, nachdem diese Stellen jetzt erst mal die „Bösen“ sind, die ihr nicht helfen…

Es sind nur Buchstaben und Satzzeichen.
Aber sie sind verdammt mächtig.
Nur weil wir, die wir gut lesen und schreiben, sowie Texte inhaltlich verstehen können, dürfen wir ihre Macht nicht unterschätzen.
Es ist eine Macht, die mit Verantwortung einher geht.

Verantwortung, die getragen werden muss.

mein Schweigen und die Therapie

helldunkelmischNachdem ich in der letzten Woche so mit einem Schweigen rang, so sehr um meine Lautsprache kämpfen musste, saß ich in der Therapiestunde und versuchte das Schweigen weiter in Worte zu wickeln. So fest wie es ging, um es an einem Ende der Therapeutin in die Arme zu legen.

Hatte sie doch gesagt, sie könne etwas aus-halten.
Wollte ich doch nur, dass sie etwas mit mir hält, was mich drückt.

Mir fiel auf, wie viele Schichten Worte ich über die Jahre bereits darum gewickelt habe.
Und wie sie anfing eine Schicht nach der anderen abzutasten- lose Fäden ohne Sicherung herunter hängen zu lassen und das Bündel immer wieder zurückzuschieben, wenn der leere Kern erste Schatten voraus warf.
Immer dann wenn ich denke: „Jetzt ist es gut verpackt und liegt auch noch woanders- jetzt kann ich- jetzt darf ich das Verschwiegene bündeln und aus seinem Nest in meinem Bauch- und Rippenfell herausklauben.“, dann liegt mein Schweigen wieder unverpackt- unversichert- ungebunden auf meinem Schoß und versucht sich wie ein Korsett um meine Mitte zu legen.

Seine Fänge wandern meinen Hals hinauf und drücken zu. Stopfen mir Mund und Nase zu, bringen mich dazu durch die Augen atmen zu wollen. Mein Schweigen ist ein nebulösschwarzschreiendes Biest, das mir die Ohren rauschen macht und mir das Denken vernebelt.

Am Ende war ich dankbar um die Wut der verletzten Ungeholfenen hinter mir.
Ließ mich und meinen Mund sagen, dass es doch nicht die Hilfe der Psychologie- der Psychotherapie- sein kann, für alles ein Wort zu haben.
Sie begann einen Satz mit „Doch….“

und das Schweigen tötete mich für einen Moment.

Jetzt sind viele Stunden vergangen und ich halte es, wie auf eine Spindel gespießt, in der Hand und wickle erneut Worte darum herum.

Ein anderes Innen soll herausfinden, was gesagt werden darf.
Ich fange an zu zweifeln, ob je eines meiner gewickelten Worte gehört wurde.
Frage mich wieder, ob ich selbst das Schweigen bin.

Bin ich für sie?
Sichtbar?
Hörbar?
Warum sagt sie mir nicht, was sie hört, damit ich höre, ob sie mein Schweigebündel gehört hat und mit mir hält?

Ich fühle mich alleingelassen mit meinem Schweigen.
Und jetzt auch noch hilfe-los, weil ich beim „Therapie machen“ versage, obwohl ich mich an die Regeln halte.

Die Ungeholfenen brüllen und haben Recht.
Helfer sollen helfen. Sie sollen nicht lügen, dass man Hilfe bekommt, wenn es keine Hilfe ist. Hilfe ist nicht allein Erkenntnis. Sprache ist hilfreich- aber keine Hilfe.

Ich schweige- trotz funktionierender Sprache.

Und nun weiß ich endgültig nicht mehr, was ich dort in der Therapie soll.
Weiß nicht einmal mehr in welche Richtung ich überlegen soll, wenn sie immer wieder sagt, wir sollen uns überlegen, was wir bei ihr wollen.
Waren die Antworten darauf falsch oder hat sie sie nicht gehört?

Herbstsein

P1010134Zwischen fallenden Blättern stehen

den Wind umarmen

in Nebelschwaden tanzen

Auf Zehenspitzen, kaum den Boden berühren und doch…

mit

weg

aneinander vorbei

laufen

Angst?
Ich laufe mit dir mit
oder vor dir weg
oder an dir vorbei

Ich bin nicht verletzt
Hör doch mein Lachen im Rauschen an deinen Ohren
Ich blute nicht
Ich versprühe flüssiges Leben in alle Richtungen
In Tropfen und leuchtenden Schlieren hinter mir her.
Bin ich, bin ich da.

Ich mag den Herbst, denn er ist so wunderbar kräftig in seiner Art des natürlichen Mordens
Alles stirbt und wallt ein letztes Mal auf
P1010054Leuchtet wie ein letzter Versuch von einem Wunder zu zeugen

Ich kann noch so sehr versagen die Zeitfäden zu verwirren, ich kann immer sagen: Es ist Herbst
Ich gehe raus und bin sofort da
Hallo Welt! Wer will mit mir laufen?

Auf Zehenspitzen
entrückt im wundervollen Sterben der Welt
lebendig, sterbend, tot
und dabei mitten in der eigenen Geburt

Es ist ein Sein im Herbst
Vielleicht ist es meins
wenn ich den Boden berühre

Wenn

der Witz, der keiner ist

… geht so:
Kommt ein multipler Mensch in ein Selbsthilfeforum für Menschen mit Gewalterfahrungen: „Und dann… muahahaha… dann musst du, um der beste Multiple von allen zu sein, dies und das und jenes tun. Nur so wirst du überall akzeptiert und du bekommst was willst- auch wenn du nicht wirklich multipel bist.“
Kommt ein anderer multipler Mensch dazu und …

keine Pointe.
Obwohl der Saal zu brüllen scheint.

Humor kennt keine Grenze- schon gar nicht die des guten Geschmacks, die des Anstands, die der Empathie zu jenen Menschen, die irgendwo mitgemeint sind oder sich als mitgemeint empfinden müssen. Nun ja- darum geht es bei manch bissigem Humor vielleicht auch. So sind satirische Abhandlungen zwar immer wieder der Anstoß in kontroverse Debatten und formen immer wieder den Umgang mit gewissen Themenbereichen und sind damit letztlich eigentlich ein sehr gutes Mittel zu thematisieren und lösend zu debattieren, doch ist dafür, meiner Meinung nach, eine mehr oder weniger neutrale Umgebung notwendig.

Witze bzw. ihre Positionierung und ihr Inhalt sind, meiner Meinung nach, auch ein Herrschafts- und Machtinstrument.

Das Typische „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ zum Beispiel in der N-Wortdebatte, wie in der Z-Wortdebatte, wie eben überall dort, wo sich gegen eine Fremdbezeichnung verwehrt wird, kommt immer- immer!- von jenen, die darum gebeten werden, das Privileg der Verletzung und/ oder Diskriminierung (also eine Art der Gewaltausübung) anderen Menschen gegenüber aufzugeben.
Und genau diese Menschen sind es, die einen Witz auch dann noch für einen Witz halten, wenn das N-Wort darinnen ist oder die Pointe des Witzes purer Rassismus ist.

Genau diese Menschen, sagen den Menschen, die sie verletzen und auf etwas reduzieren das deren Menschlichkeit bewertet und jenen, die es genau so sehen und empfinden, dass ihre Empfindungen „humorlos“ sind. „Ach- is doch nicht so gemeint- ist doch nur ein Witz- stell dich mal nicht so an.“.
Ganz großartig ja auch, wenn dann noch jemand meint auf diesem momentanen Deutungshoheitenhochwasser mitfahren zu müssen und so Perlen wie: „Ich bin ja selbst auch irgendwie gemeint/könnte gemeint sein und finds total witzig. Und jeder Mensch, der das nicht so sieht, ist humorlos und hat hier eh nichts zu suchen.“ kommen.

Im Grunde läuft es darauf hinaus: Auf eine Gewaltanwendung, die genau das tut: Sie definiert, wer sich wie zu welchem Thema äußern darf und wer eben nicht.
Außerdem passiert Folgendes: Aufgrund solcher Äußerungen werden Wahrheiten produziert, die ausschließlich bestimmten Menschen dienen und bestehende Probleme im Miteinander noch weiter unterfüttern.

So wie jeder Witz diverse Rollen braucht, so zementiert er sie mit jeder Wiederholung.
Ich will keine Judenwitze mehr hören, weil ich sehr klar im Kopf habe, welche Kackscheiße gemeint ist.
Ich will keine Blondinenwitze mehr hören, weil mit jeder Entwertung nicht nur blonde Menschen, sondern weibliche Menschen gemeint sind und so weiter und so weiter.

So will ich eben auch keine witzigen Textchen über Menschen mit DIS oder solchen, die nur so tun als hätten sie eine DIS, lesen, weil eben bestehendes Faken, Vorurteile und Klischees, denen ich hier im Blog und auch sonst, wenn ich irgendwo offen als Menschen mit DIS lesbar bin, ausgesetzt bin, immer wieder aufs Tapet gebracht werden und wieder in irgendjemandes Kopf eine Schneise fahren, wo sonst gar keine weitere Schneise zum Thema DIS ist.

Solche „Nicht-Witze“ machen es sowohl mir, als auch anderen Menschen mit DIS, immer wieder schwer so wahrgenommen zu werden, wie wir sind- unabhängig von irgendwelchen Möglichkeiten und Klischees. Auch vor Menschen, die ebenfalls diese Diagnose erhalten haben, ist so kein unbelasteter Austausch mehr möglich.

Immer wieder kommt es so zu einem „Kampf“ um die Deutungsmacht über mich und mein Verhalten als Mensch mit Stempel: „Ist sie echt oder ein Faker?“- „Ist sie nur ein bisschen multipel oder ganz doll?“.

Ich finde es zum Kotzen überall dort, wo ich mich als multipel oute – vor allem in Selbsthilfeforen/ Selbsthilfegruppen- immer wieder und wieder durch dieses so called „Selbstschutzradar“ gejagt zu sehen, obwohl ich niemandem etwas getan habe und auch keine Verantwortung für die Verletzung durch andere Menschen trage.
Ich finde es zum Kotzen, dass ich mich inzwischen nicht einmal mehr in Schutzräumen wirklich traue offen zu sein, weil es genau solche Sprüche, Texte und „satirische Einwürfe“ gibt.
Ich finde es zum Kotzen, dass das Machtverlangen- das Kontrollbedürfnis- anderer Menschen über andere Menschen als legitimes Verhalten nach Verletzung gilt und ohne Widerrede erlaubt wird.
Undiskutierbar, weil jedes Aufbegehren zum Rütteln am Thron wird und damit ja eh schon etwas ist, was nur bedeuten kann, eben außerhalb der Gruppe zu sein, die geschlossen definiert was lustig ist und was nicht- was verbindend ist und was nicht- was wo von wem wie gefunden wird oder nicht. Innerhalb der Gruppe muss ja nicht gerüttelt werden- da ist ja alles klar.

Ich finde es bitter genau das jetzt gerade in einem – ja doch trotz allem- Schutzraum erleben zu müssen.
Feststellen zu müssen: „Oh ja, ist doch ganz gut, dass ich nicht sofort und offen als multipel lesbar bin.“, „Gut, dass ich von diesen Menschen nicht so abhängig bin, wie es sich durch ihr Verhalten manchmal anfühlt.“.

Dort ist nicht die Frage was Humor darf- dort ist die Frage, ob es sich überhaupt um Humor als Kommunikationsmittel und Anstoß einer (kontroversen) Debatte handelt, wenn die Auswirkungen solcher Texte/ „Nicht-Witze“ in anderen Bereichen (zum Beispiel eben dieser Selbsthilfeforen- eben jenen Freiräumen, in denen eine Abwesenheit solcher Inhalte als nötig und normal betrachtet werden sollte), diskutiert, beweint und beschimpft werden (müssen).

Ich habe hier im Blog mal ein „Ave Multipla“ veröffentlicht.
Als mir klar wurde, welche Art Diskurs ich damit verhinderte- nämlich den, in dem es um einen konstruktiven Austausch, Anerkennung der Menschen als Menschen, die sie sind- nicht als die Menschen, zu denen ich sie mit meinem Labeling mache- und die Möglichkeiten einander respektvoll zu begegnen, stellte ich ihn als „nicht mehr sichtbar“ ein.
Ja, ich habe auch meine Vorurteile- meine Klischees- sehe diverse Strukturen, die sich wiederholen.
Aber ich will sie immer wieder hinterfragen und tue das auch. Bei jedem Menschen neu.

Wer das nicht tut oder tun will (meistens hingegen: nicht tun muss), der nennt Kackscheiße einen Witz und jene, die nicht lachen humorlos.
Letztlich geht es dabei darum, sich über andere zu stellen, was eine schwierige Haltung ist. Denn wer sich nicht hinterfragt, ist in meinen Augen nicht derjenige Mensch an den ich mich halten oder mit dem ich mich austauschen möchte, wenn es um die Definition einer Situation oder (soziale Werte-) Konstellation geht.

rotesBlattIch möchte den Menschen offen begegnen.
Empfinde es als emanzipatorisch mir erlauben zu können, keine generalisierte Angst vor Menschen haben zu wollen und mich bei jeder Begegnung aufs Neue von dem was mir im Kontakt begegnet, beeinflussen zu lassen.
Das hat sich bisher als unglaublich wertvoll für mich herausgestellt.
So wertvoll, dass ich Nicht-Witze dann eben auch als solche benenne.

Manch ein „Witz“ ist eben keiner.
Egal, wie viele lachen.

das Recht zu Schweigen

„Ich erlaube dir auch zu schweigen“.

P1010102Das wars.
Mehr hatte es gar nicht gebraucht.

Wir saßen in der Sonne und sahen NakNak* dabei zu, wie sie erste sacht schwebende Blätter erlegte.
Mein letztes gesprochenes Wort erschien mir so weit weg.
So weit, als hätte ich noch nie etwas gesagt.
Als wäre noch nie etwas durch diesen Stau aus Schmerzschamekelleere gedrungen, den ich nun seit Tagen mit wachsender Verzweiflung von links nach rechts zu sortieren versuchte.

Sie schaute in den Himmel hinauf. An der Sonne vorbei, ins Universum hinein.
Ich starrte sie an und erbrach ein Danke neben ihre ausgetreckten Beine.

„Du darfst heute auch Geheimnisse haben.“.

Ich ließ die ganzen Angst-Abers meine dichte Schweigeleere aufweichen.
„… aber dann versteht sie ja nicht…“
„… aber dann hört es ja nie auf…“
„… aber dann denkt sie…“
„… aber dann muss ich…“

„Ja aber dann könntest du sterben?“, fragte sie und berührte damit die Wurzel.
„Vielleicht?“ piepste es aus meinem Mund und schon kam mir wieder diese Scham hoch. Ich hasse es, wenn Kinder durch mich sprechen und ich so verloren winzig vor mir selbst bin.

„Schatz, du wirst nicht sterben, wenn du der Seelenfrau oder auch mir oder irgendjemandem etwas nicht sagst.“. Sie sprachen über Privatsphäre, Wunscherfüllungsgrenzen, Machtgefühle und Hilflosigkeit.

Später stellte ich fest, dass „neunormal“ vorbei ist.
Spürte ich, dass ich hungrig war.
Dass der Seelenschmerz weniger ist.

Und als ich, spät in der Nacht, versuchte einen Brief an die Therapeutin zu verfassen, fiel mir ein, dass sie genau das eigentlich schon einmal gesagt hatte.

Jetzt kann ich es mir erlauben auch zu schweigen.
Nicht, weil es mir peinlich wäre, es zu sagen. Nicht weil ich denke, ich müsste, weil „man eben so Therapie macht“; nicht, weil ich Angst habe, dass sonst alles so schlimm bleibt, wie es ist, wenn ich es nicht tue.

Sondern weil da jemand außen ist, der mir erlaubt, mir etwas zu erlauben.
So lange, bis ich es mir selbst erlauben kann.
So lange, bis ich das Recht zu schweigen genauso bindend, wie den Zwang zu schweigen empfinde.

Ende