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aus dem Er_Leben mit dissoziativer Identitätsstruktur auf dem Autismus-Spektrum

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In irgendeinem Buch über Traumafolgestörungen habe ich gelesen, dass es eine Phase der Auseinandersetzung geben kann, in der es viel darum geht, bewusst zu bekommen (oder bewusster als vor der Therapie/ der Auseinandersetzung mit traumatischen/belastenden Erfahrungen zu erleben) was man sich wünscht, oder braucht oder möchte.
Dort wurde es in einen Kontext gesetzt mit einer Art regressiven Anspruchshaltung der Menschen, das Außen müsse sich jetzt kümmern, weil man selbst es (aufgrund seiner Erfahrungen, oder einer empfunden Schwäche/Kaputtheit/Unfähigkeit) nicht kann. Und dann ging es darum, dass man den Patient_Innen klar machen muss, dass sie falsche Erwartungen haben.
Als ich heute in der Therapie saß, überlegte ich, ob ich im Moment in so einer Phase bin, oder ob ich vielleicht nur an einer Achse der Gewalt spürbarer als früher unter Druck bin.
Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen mehr und mehr überwiegend Onlinekontakte mit Menschen habe, die das Viele sein – die speziell auch mein Viele sein – nicht verstehen oder sich sehr anstrengen müssen, es zu verstehen und zu begreifen.
Und genau da beginnt schon mein Dilemma:
Ich habe kein Problem damit, dass Menschen es nicht verstehen oder begreifen. Ich habe Verständnis dafür, dass es so ist.
Ich habe aber ein Problem damit, dass Menschen es nicht verstehen oder begreifen müssen dürfen. Ich habe kein Verständnis dafür, dass ich verstehen muss, andere aber nicht.
Das Blog von Vielen haben wir für anderer Menschen tieferes Verständnis begonnen.
Und nichts hat sich seit 2008 für uns verändert auf dieser Achse.
Gefühlt.
Wir haben heute mehr Menschen mit denen wir Facebook zusammen nutzen können, Twitter ist weniger sinnlos und manchmal ist so ein Like unter einem Text im Blog, den sich ein Innen mühsam aus dem Innen gepuhlt hat, das was den Tag erleichtert. Wir haben Worte gesucht, gefunden, und jetzt schieben wir sie hin und her. Freuen uns, wenn sie passen. Für uns und andere Menschen.
Aber noch immer müssen wir jeden unbeholfenen Kommentar von Menschen, die uns weder analog oder übers Netz kennen, zum Viele sein, zum Leben mit einer Geschichte wie unserer, annehmen, abhaken und in ein Kästchen legen auf dem steht: “der Menschen weiß es eben nicht besser – das muss man verstehen”.
Wir tun das in diesem WordPress-Blog seit 753 Artikeln, mehrfach in der Woche bei Twitter, manchmal per Mail.
“Sie verstehen es nicht, aber das muss man ja auch verstehen. Sie sagen es aus Hilflosigkeit.”.
Vor ein paar Tagen hatte ich in Bezug auf diese Phrase des “Sie sagen es, weil sie hilflos sind” eine Epiphanie des: Das ist Bullshit.
Niemand ist hilflos nur, weil er nicht weiß wie er jemandem die Welt umkrempeln soll, damit es diesem jemand besser geht. Man ist hilflos, wenn man ohne Hilfe ist – nicht, weil man keine Fähigkeit zu helfen in sich fühlt oder denkt, das, was man als Hilfe anbieten könnte, würde nicht reichen.
Diese Haltung lässt mich immer wieder hilflos stehen, weil sich Menschen mit dieser Begründung von mir entfernen. Mich allein lassen, weil sie sich unfähig fühlen.
Sie haben ein moralisch schlechtes Gewissen, weil sie jemanden nicht gerettet haben oder ihm nichts anbieten konnten.
Ich bleibe zurück und übe mich darin Verständnis dafür zu haben, weil man das ja auch haben muss.
Man kann ja nicht erwarten, dass alle alles verstehen.
Tja, ich bin so ein dummes Schaf.
Ich möchte das erwarten dürfen und – deluxe Schäfchen (ich glitzere manchmal) – manchmal auch erfüllt bekommen.
Vielleicht will ich sagen: Hier sind über 750 Artikel, die erklären, warum Ansagen wie “Vergangenes kann man nicht ändern- komm drüber weg” – “sei zufrieden mit dem, was du hast” – “wieso bist du denn so wütend?” – “man muss verzeihen” – “man muss auch mal Kompromisse machen” – “man muss sich auch mal anpassen” in meinem Fall oft unangemessen sind und mir etwas abverlangen, was ich dem Gegenüber in solchen Situationen und auch sonst nie abverlangen kann.
Vielleicht will ich sagen: ich bin müde vom Verstehen im Unverstandensein.
Ganz sicher will ich viele Dinge mehr sagen, die ich hier nicht schreiben kann, weil ich euch Leser_Innen in der Masse gar nicht kenne. Es wäre unfair wenn ich meine Verletzung über ausbleibenden (finanziellen) Support oder tiefergehende Diskussionen hier so austrage, wie ich es heute jetzt gerade in all meiner bitteren Erschöpfung nach diesem ultraturbulenten Jahr gerne tun würde. Es wäre unfair, und ich weiß das.
Weil ich es verstehe.
Ich verstehe aber auch, dass ich gerade immer mehr und immer breiter verstehe, warum ich so eine armselige kleine Existenz bin, die auf ein Morgen schaut, das von Abhängigkeiten, Nöten, Kämpfen und einer ewig schwelenden Unrache geprägt sein wird. Ich sehe mich inmitten einer Gesellschaft, die sich über jemanden wie Edathy empört und vergisst, dass Kinder, deren Gewalterfahrungen gefilmt wurden, zu Erwachsenen werden können, die zu einer Person werden kann, mit der man jeden Tag zu tun hat.
Ich sehe mich inmitten von Menschen, die sich für Opfer und zu Opfer geworden Menschen stark machen und übersehen, wie oft sie selbst Gewalt ausüben und mittragen. Ich erlebe mich inmitten von Not vor der Not anderer Menschen überall auf der Welt und habe das Gefühl, die Welt hat vergessen, dass sie aus handlungs- und veränderungsfähigen Menschen besteht.
Von Menschen, die von mir hören müssen, dass das, was sie tun können um mich zu trösten oder mich zu stärken, wenn sie es möchten, manchmal einfach schon ist mit und bei mir zu sein, sich mir sicht- und spürbar zu machen – von denen kann ich nichts erwarten. Für die muss ich da sein.
So fühlt es sich an.
Und das macht müde.
Ich werde für keine Email mit Antworten auf Fragen nach einem bekannten freien Therapieplatz, einer Suchmaschine für Traumatherapie, für Erfahrungen mit Medikamenten, mit Fragen in Bezug auf Traumatherapiemethoden, mit Fragen, was sich im Ausstieg und bei der Re-Orientierung bewährt hat und all die ganzen großen und kleinen Nöte, die von mir kommentiert werden möchten und und und bezahlt. Ich habe nie gelernt, wie man Menschen in großer Not gut berät. Ich habe keine Supervision in dem, was ich tue. Ich habe keinerlei Anbindung an Vereine oder Opferschutzeinrichtungen, die mir in irgendeiner Form bei dem Ding, zu dem das Blog von Vielen geworden ist, eine Unterstützung bieten kann.
Alles, was hier passiert, ruht auf den Schultern einer einzelnen Person, die weder Einkommen noch Auskommen hat.
Unsere Texte sind und waren immer unsere Möglichkeit uns zu erklären. Es geht darum, dass wir verstanden werden.
Es geht hier nicht um Angehörigen- oder Verbündetenflausch.
Ich entschuldige nicht mehr mit „Aber Hilflosigkeit !!1!!11!“.
Es geht hier nicht um Öffentlichkeitsarbeit zum Thema DIS.
Ich schreibe in die Öffentlichkeit, was ich erlebe, nachdem ich Gewalt erlebt habe.
Und das und der Umstand am Leben zu bleiben, um das tun zu können, ist meine Arbeit, die zu honorieren dieser Gesellschaft bis heute nicht gelingt.
Wofür ich Verständnis haben soll.
Vielleicht habe ich das wieder morgen oder übermorgen oder nächste Woche.
Aber im Moment, wo ich meine Erschöpfung, meine Bitterkeit, meine Hautlosigkeit so sehr spüre, habe ich es nicht und weiß, dass dafür Verständnis einzufordern, keine falsche Erwartungshaltung von mir an andere Menschen ist.
Auch dann, wenn es eine übliche Phase der Therapie ist.
“Kann dein Vermeidungstanz vielleicht bald aufhören?”, sagt die Stimme durch das Telefon.
Wir sind so weit weg von ihr, dass sie nur noch eine Stimme ist. Aus dem Tiefinmir zittert ein Laut in meine Richtung und versickert wieder.
“M. ich weiß nicht, was ich tun könnte. Ihr kommt mir sehr weit weg vor.”
Ich bin nicht M. . Das kann sie aber nicht wissen.
“Müsst ihr mich wegmachen?”
“Du bist in Ordnung, wie du bist. Ich nicht. Ich wäre am Besten weggemacht.”.
Kein Wort schafft es raus.
Da ist dieser Druck, wenn Menschen so tief in uns hineinbohren. Wir werden davon verschoben und sammeln uns am Rand des eigenen Seins.
“Bitte…” tropft mir von der Zunge und verdampft.
“Es tut mir leid, ich will euch nicht bedrängen. Aber könnt ihr sehen, dass es mich belastet, wenn wir so lange nicht miteinander sprechen? Ihr meldet euch so gar nicht mehr.”. Mir kommts vor, als würde sie ihre Worte noch einmal betrachten, bevor sie sie in meinen Kopf pustet. “Ich habe das Gefühl, dass es euch schlecht geht und ich etwas damit zu tun habe.”.
“Du bist nicht mehr da.”, denke ich, doch als ich eine Öffnung versuche, kratzen die Stacheln eines anderen Innen an mir vorbei. “Wir reden doch mit dir. Tschuldigung, wenns grad nicht das besondere Entertainment ist, das du willst.”. Ich lasse meine Stirn in den Handteller fallen und seufze tonlos. “Ach, R., halt die Fresse”, lachen, dumpfes Grollen, ein grelles Blitzen und Schwindelgefühle, blubbern in meinem Kopf durcheinander und versperren mir den Weg.
“R.? Bist du das? Du weißt eigentlich, dass ich von euch kein Entertainment erwarte, klar? Ich weiß, dass ihr nicht für andere Menschen auf der Welt seid, okay?”. Ihr Schmerz tut mir weh. R. schnaubt ins Telefon und denkt darüber nach, ob sie ihr glauben kann. “Kann man nie wissen.”, raunzt sie am Ende ihrer Überlegungen.
“Stimmt.”, antwortet die Stimme.
Ich würde gerne das Gespräch beenden. Würde gerne Schritt für Schritt weiter von ihr weggehen. Mein Schweigen ist so ein weicher Verband um das klaffende Loch in mir und manchmal wärmt es mich. Es fällt mir so leicht zu schweigen. Es ist so einfach mit mir allein zu sein.
Mein Schweigen, hat keine Umrisse wie Menschen und Tiere.
Mein Schweigen macht meine Umrisse.
Wenn ich rede, dann laufe ich aus und ganz viel Ich ergießt sich über den Boden.
Ich könnte verdunsten und als Wolke eines Du über einem Sterben schweben, wenn ich etwas sage.
“R. kannst du mir sagen, warum ihr so lange nicht mehr bei mir angerufen habt? Braucht ihr im Moment mehr, dass ich euch anspreche?”, fragt sie. Ihre Stimme hat so eine Tiefe in den Bauch hinein. Als wäre sie sehr weit und könnte alles umfassen, was sie formuliert. R. kratzt in meinem Gesicht herum und schielt durch den Schmerz in meine Gedanken.
“Es tut zu weh für Wörter.”.
“Es tut zu weh für Wörter”. R. stolpert darüber und schämt sich dafür. Löst sich auf und rinnt durch ein kleines Loch im Inmitten von uns.
“Okay, es tut zu weh für Wörter und deshalb gibt es keine? Verstehe ich das richtig?”. Es fühlt sich an, als würde sie direkt auf mich zu fragen und ich drücke mich an den Rand. “Ich bin nicht da ich bin nicht da ich bin nicht da… ich bin nicht.”, denke ich und warte darauf, dass es Wirklichkeit wird.
Es wird immer Wirklichkeit. Ich brauche dafür nichts machen.
“Ich möchte euch helfen, dass es weniger weh tut, okay? Darf ich das?”.
Es ist paradox. Du bist doch gar nicht. Du bist doch weg. Du bist doch gar nicht mehr da. Wie sollst du etwas helfen? Du bist doch gar nicht mehr da. Du bist doch weggegangen. Du bist doch nicht mehr.
Die Welt kippt mich ins Nirgendwo.
Erlöst mich in ein Da ohne Worte und Konturen.
Es heißt “Traumaintegration” und nicht “Traumainklusion” und ich hatte einen dieser “BÄNG! etwas vom Problem “Trauma” verstanden” – Momente, in dem einem der Boden unter den Füßen wackelt.
Wie gesagt: Integriert wird das Fremde – Inkludiert das Gleiche
Wenn man von Traumatisierungen spricht, dann kommt man immer wieder in Erzählungen von sehr großen übermächtigen Ereignissen und Schmerzen und Verletzungen und Gefühlen.
Das ist zumindest, was ich oft sehe: Da geht es um “das Trauma Vergewaltigung” oder “das Trauma Krieg” und als Trauma wird nicht der Seins- oder Ist-Zustand nach einem solchen überlastenden, für die beteiligten Personen traumatisierenden Ereignissen, sondern das Ereignis selbst.
Und wenn man es so auffasst, ergibt der Begriff der Traumaintegration auch Sinn, denn oft werden diese Ereignisse als fremd/unüblich/unnormal markiert.
In der Medizin ist es aber das “nach dem Einschlag/der Verletzung/nach dem Ereignis”, das als Trauma bezeichnet wird. Was bleibt ist ein “Schleudertrauma”, ein “Schütteltrauma”, ein “dumpfes Trauma” und so weiter.
Dort ist der Fokus aus der Re-Aktion des Individuums auf das, was ihm von außen zugefügt wurde – von einem anderen belebten oder auch unbelebten Körper.
In den Kontexten, in denen ich mich mit meiner Traumatisierung auseinandersetze, passiert beides gleichzeitig. Manchmal gekoppelt und synonym verwendet. Manchmal bin ich eine traumatisierte Person, weil mir etwas passiert ist und manchmal wird meine Re-Aktion auf ein Ereignis als post-trauma-tisch verw-ortet.
Ich habe verstanden, dass mir Menschen (also mir gleiche Körper) ein Trauma “gemacht haben”, das mich (und sie) fremd machte.
Meine erfahrenen Traumata (Wunden und Verletzungen) brauche ich nicht integrieren – das haben sie bereits allein gemacht. Sie sind in mir drin, ob ich es will oder nicht. Meine Erfahrungen sind alle irgendwie in mir integriert – deshalb schrabbeln sie ja auch so hin und her in mir. Sie erfahren von mir keine Anerkennung als etwas, das mit mir zu tun hat. Sie werden von mir nicht absorbiert, weil ich ihren Körperbezug nicht anerkennen darf will soll kann. Sie werden von mir nicht inkludiert, weil sie immer wieder als fremd markiert werden.
Manchmal von mir, weil nicht “Ich, M. in dieser Hannah drin” etwas erfahren habe, sondern “die Anderen – das andere Fremde in mir – dieser ganze Kullerbunteknäuelhaufen Rosenblätter” und manchmal von Außen: von der Gesellschaft ™ , der Presse, der Hilfestellen, die meine Gewalterfahrungen in ihrer Schwere, ihrer Häufigkeit, ihren Kontexten, ihren Dynamiken und Folgen für mich als Objekt, das mitgetragen werden muss, an meiner Stelle bewertet, bewortet, definiert und wissenschaftlich befund(ier)et.
Inklusion kann erst beginnen, wenn man die Gleichheit anerkannt hat und sie dann in all ihren Facetten anerkennen und annehmen kann. Es ist der Schritt anzuerkennen, dass Gleichheit nichts mit Kongruenz zu tun hat, sondern mit Kompatibilität und Entwicklung, um der Entwicklung willen.
Wie gesagt: ich gehe nicht zur Psychotherapie um “normal” zu werden.
Ich habe kein Interesse daran Teil der Mehrheitsgesellschaft zu werden. Ich glaube nicht an das Konzept Gleichheitsgesellschaft. Ich glaube, an Mit- Neben und Beieinanders, in denen Macht eine Sache von Gemeinschaften ist, die in sich Entwicklungen, Leben und Lernen ermöglichen, um sich zu entwickeln, zu leben und zu lernen.
Ich glaube daran, dass Dinge konkret und gleich sein müssen, um sie in sich aufnehmen zu können.
Ich muss anerkennen, dass ich normal bin. Dass meine Gewalterfahrungen normal waren. Dass das Verhalten der Menschen, die an mir zu Täter_Innen wurden normal waren. Dass es eben doch nichts Fremdes ist oder jemals für mich war, zu erleben, was ich eben erlebt habe. Und das wiederum heißt, dass meine Umgebung damit aufhören muss, mich fremd zu machen, weil ich für sie Fremdes erfahren habe und endlich an den Punkt kommen muss, Gewalt und ihre Folgen als so üblich zu betrachten, dass sie bereits ein fest integrierter Bestandteil aller (wirklich ALLER) gesellschaftlichen Konventionen und Maßstäbe ist.
Erst dann bin ich nämlich weder ich, noch das, was in meiner Lebensrealität und meinem Innenleben herumschrabbelt, ein traumaassoziierter Fremd-Körper.
Dann kann die Traumainklusion beginnen.
– Geschafft –
Schon mal drüber nachgedacht, wieso es “Traumaintegration” heißt und nicht “Traumainklusion”?
Eben.
Ich habe heute morgen gemerkt, dass ich gerade das 16-17-fast 18 jährige in mir betrauere und bemitleide. Nicht, weil es so lange in einer Klinik sein musste, sondern weshalb es dort sein musste.
Als ich meinen Artikel über die Wahl zum Suizid geschrieben habe, gab es einen Kommentar, den ich nicht freischaltete, weil er mich angebrüllt hatte. Da ging es darum, was man denn meiner Ansicht nach machen sollte, wenn sich jemand suizidieren will und man damit konfrontiert ist (die von mir aufgeführten Vorschläge zählten offenbar nicht als Idee)
Heute würde ich antworten, dass man Menschen auch Gründe und Perspektiven für ein Leben geben und dafür sorgen muss, dass sie diese Perspektiven auch verfolgen können, wenn man von ihnen zu leben verlangt. Ansonsten ist der Anspruch an suizidale Menschen, gefälligst am Leben zu bleiben, nichts weiter als ein reaktionärer, egoistischer Kackscheißanspruchhaufen, der nichts mit dem suizidalen Menschen zu tun hat.
Als ich Ende 2002 in diese Kinder- und Jugendpsychiatrie kam, hatte ich keinen Sinn frei für solche Dinge und auch das hatte Gründe, die ich bis heute gut nachvollziehen kann. Selbst heute habe ich in ähnlichgleichen Lagen noch immer eher Suizidgedanken, -pläne, -ideen , als die Selbst-Sicherheit und die Möglichkeit mich allein zum Weiterleben zu befähigen.
Dass Leben so wahnsinnig viel mit Befähigungen zu tun hat, die weit mehr als kognitive oder körperliche oder auch soziale Fähigkeiten, die man auf irgendeine Weise erlernen kann, meint, habe ich durch diese Reise und die Gespräche mit der Kliniktherapeutin und auch der Klinikschulenlehrerin aus der Zeit, einmal mehr verstanden.
Zu der Zeit _konnte_ ich nur noch nicht leben wollen.
Mir sind einige Situationen gefallen, in denen ich mich heute “reaktives Hörnchen” nenne. Oder “flattrig zittriges Espenblatt”.
Ich hatte ja keine Ahnung von Traumafolgen, von Stressphysiologie und der Mechanik des Grauens.
Wenn man 16 ist, dann ist man genau in dem Stück Entwicklung, in dem Geister als Unfug markiert sind – der Lauf der Dinge aber, vor allem an sich selbst, so voller Zauber, Magie, ungreifbarer Wunder ist, dass das eigene Wachsen und Erkennen nicht nur auf der sozialen Ebene absorbierend sein kann.
Ich hatte keine Worte dafür, weil ich dissoziierte, was da in mir waltet. Damals habe ich von einem Tag vielleicht 5 bis 10 % bewusst aufgenommen und vielleicht 1% als Idee von dem Hauch einer Ahnung der Essenz des Lebens als Lauf der Dinge, aktiv in mir gehalten. Ich war von Angst absorbiert und bin es bis heute in gewissem Maß.
Heute kenne ich die Graustufen meiner Angst – ich habe eine Skala von Panik & Knock out bis Unruhe & Anpfiff zum Vermeidungstanz.
Die Skala damals war von […Wortlos…] bis Tavor/Fixierung/Paniksymptome.
Sogar die Medikamente kann ich jetzt mehr als Hilfe stehen lassen.
Nach dem, was ich von den jugendlich kindlichen Innens hinter mir aus dem Gestern ins Heute schwingen fühlte, müssen sie sich oft als eine Insel dargestellt haben, was mir wiederum die Benzodiazepinabhängigkeit als junge Erwachsene noch besser erklärt.
Wenn es nichts und niemanden auf der Welt gibt, außer eine chemische Reaktion, die zum Atmen und Wahrnehmen befähigt, wie es “alle” verlangen – tja, dann eben chemische Reaktion und das Gefühl “alle” zu belügen in Sachen “sich keinen Schaden zufügen”.
“Die Umstände, in denen ich leben musste, waren oft lebensfeindlich.”
Das ist mir als Gedanke auch gekommen und erklärt mir die Selbst-Bilder einer Assel, einer Kakerlake, eines grüngesichtigen Mutanten unter einzelnen jugendlichen Innens. Auch da wieder: eigentlich wussten und wissen sie: “Ich bin ein Mensch” – sie wussten und wissen aber auch: “Was ich damals zu leben – zu überleben gezwungen wurde, hatte nichts menschenwürdiges, nichts menschliches – erfordert aber bis heute zum Teil noch Fähigkeiten, die nicht mit Menschlichkeit benannt werden”.
Es bestärkt mich noch einmal mehr darin meine Armut auch Armut zu nennen. Diese Lebensumstände, in denen es eben doch noch existenzielle Angst und globales Ausgeliefertsein ganz real greifbar immer wieder gibt, nicht zu relativieren, weil irgendjemand anderes eine andere Sicht darauf hat. Es bestärkt mich in meiner eigenen Einschätzung über mein Leiden und auch Leben. Wenn ich es als furchtbar wahrnehme, dann ist es furchtbar. Wenn ich das Gefühl habe, es ist unaushaltbar, dann halte ich es nicht aus.
Ich erinnerte mich daran, wie es nach der Entlassung aus der Klinik dort war und ich umgeben von Menschen, die Forderungen an mich stellten, denen ich nicht gerecht werden _konnte_. Wie das war, als es plötzlich hieß, ich würde hysterische Rollenspiele abziehen, um betüddelt zu werden. Als “alle Welt” (und ja, so eine Welt kann auch nur eine kleine Kreisklapsenstation umfassen, wenn sich sonst niemand mehr nach einem erkundigt und die Welt hinter dem Klinikzaun endet) dachte, ich würde es nie raus schaffen. Als “alle” davon ausgingen, ich würde nie 19 Jahre alt werden.
Ich hatte mich in zurück in das reaktive Hörnchen verwandelt, das die Zeit vor dem langen Klinikaufenthalt so gut überstanden hatte.
Klar, brauchte es Jahre zu glauben, dass ich mich auch als Mensch wahrnehmen darf. Klar, habe ich mich an Menschen gehängt, die mir ihre Selbstzerstörung als selbstverständlich heldinnenhaft vorlebten und bis heute anderen hilflosen, verzweifelten Menschen vorleben. Klar, habe ich jahrelang versucht in Arbeit, Leben und Leben lassen zu kommen, wie es die Gesellschaft ™ verlangt.
Obwohl diese mein Fehlen nicht merken würde, wie sie das Fehlen aller, die ohne Stimme sind, nicht bemerkt.
Selbstverständlich verzweifle ich regelmäßig daran, dass Forderungen an mich gestellt werden, die eine Veränderung an oder in mir meinen und negieren, dass ich auch in Reaktion auf Dinge, die um mich herum verändert werden müssten, lebe.
War doch die Erkenntnis auf etwas zu reagieren so ein wichtiger Schritt zu verstehen, was mit mir passiert.
Das ist die Wahl, die die Menschen treffen, die mit mir zu tun haben.
Entweder erkennen sie die Mechanik des Grauens in mir an und sehen meine Reaktionen [das Symptomcluster das letztlich dann DIS heißt] oder bleiben bei einer Sicht auf mich, die einzig das Außen umfasst und implizieren einen Plan, einen Willen, eine Absicht.
Manche Menschen sind vielleicht auch mutig und trauen mir je nach Situation beides zu. Lassen beides in meinem Leben und meiner Er-Lebensrealität einen Platz haben und erkennen an, dass uns nicht sehr viel unterscheidet.
Ich bin traurig darüber, dass ich, die heute jungen Innens, damals so wahnsinnig viel Angst hatten und haben mussten, obwohl wir uns in relativer Sicherheit befunden haben.
Ich bin traurig darüber, dass ich eine Bewertungsdynamik von außen erst jetzt in mir merke. Nämlich, dass ich selbst so oft zwischen HelferInnen*seite und Seite derer, die Hilfe brauchen oder erbitten, trenne und auch werte.
So drücke ich auch deshalb den Wert meiner Arbeiten und verlange weder aktiv Honorare noch bestehe ich auf angemessene Beiträge zur Unterstützung, weil ich ja nur veröffentliche, was in meinem stinkenden Höllenloch des “Inmitten von mir” gereift ist und raus muss. Ich habe ja nichts gelernt, bin ja nur aus Versehen überhaupt noch da.
Zum ersten Mal bin ich auch traurig darüber, dass ich mich selbst noch immer so sehr hasse, widerlich finde und bis heute über Platz im Herzen anderer Menschen wundere, weil ich etwas anderes noch immer nicht _kann_ – obwohl ich inzwischen auch keine Gesten, die etwas mit Wertschätzung meiner Arbeit oder auch meiner Person zu tun haben, ablehne, weil ich sie zu (er)tragen gelernt habe.
Ich bin traurig, dass ich erst jetzt auch merke: mein Selbsthass war nie die Entscheidung, die mir unterstellt wurde mit jedem: “Du musst dich einfach mal toll finden- geh doch mal raus- der erste Freund macht das alles gut- du musst dich mal zurecht machen, dann siehst du wie schön du bist – du musst nur mal glauben, was andere Positives über dich sagen”.
Mein Selbsthass ist genauso sehr auch Reaktion auf den Hass, der in mich eingebracht wurde, wie eingeschliffenes Muster der Selbstbetrachtung.
Es ist traurig und bitter, Hass als Motiv neben Erklärungen wie “hat eben auf etwas Falsches von mir reagiert” , “ich bin eben…”, “ich hätte halt…”, “er/sie/* ist ein kranker Mensch, deshalb….”, “er/sie/* wusste es nicht besser…”, “er/sie/* hatte ja auch keine andere Wahl…”, “er/sie/* ist SadistIn* und deshalb…” und so viele mehr, die wie ein Karussell in mir herumkreiseln, zu stellen.
„Es ist okay zu trauern“, denke ich.
Und starre mich gleichzeitig fassungslos an.
„… dass ich sowas _kann_ …“
Es war eine Frage bei der Openmind Konferenz. Wie ich zu dem Begriff “Überlebende” stünde.
Mich hat es noch ein bisschen beschäftigt und jetzt kommen nachträglich ein paar Worte von mir dazu.
Ich habe mich von dem Begriff für mich gelöst. “Überlebende” ist keine Selbstbezeichnung mehr für mich.
Eine ganze Weile fand ich den Begriff gut, weil er mir als Alternative zum Wort “Opfer” erklärt wurde und er auch die Wucht dessen, was ich erfahren habe, damals irgendwie passend transportierte.
Ich hatte ein Wort gesucht, das nicht nach Passivität klingt oder darüber definiert wird.
Und dann hatte ich mich an etwas erinnert, das mir klar machte, wie profan Über- und Weiterleben eigentlich ist.
Es ist keine Leistung und auch keine Fähigkeit zu überleben oder überlebt zu haben.
Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber mich macht der Versuch des Empowerments mit dem Satz: “You are not a victim – you are a survivor” inzwischen richtig wütend, weil er sich der simpelsten aller Maschen bedient, die das Sprechen und Verdrängen um Gewalt und ihre Folgen an sich hat: Abwertung von Opferschaft und der Implizit diese wählen zu können.
Der Satz könnte besser heißen: “You were a victim and you survived”.
In meinem Vortrag sagte ich, dass es keinen einzigen Begriff gibt, der Menschen, die zu Opfern wurden, in ihrem Leben nach der Gewalterfahrung benennt, ohne sie immer wieder als eine Person, die akut etwas oder jemandem unterworfen ist, anzusprechen.
Das ist die “ganz oder gar nicht”- Logik, welche die Macht – Ohnmacht – Dynamik mit sich bringt: Einmal Opfer immer Opfer- oder es ist nie etwas passiert.
Genau daraus kommt aber eben auch die Notwendigkeit, immer wieder auf das Gewaltereignis hinweisen zu müssen, um es (mit) zu erwähnen, wenn man sich selbst als Mensch, der zum Opfer wurde, beschreiben möchte, oder seine Perspektive erklären will.
Mir ist es heute natürlich nicht unwichtig, dass ich zum Opfer von Gewalt wurde. Es ist mir aber nicht mehr für andere Menschen wichtig, die mich mitsamt meiner Erfahrungen und Wuchsrichtungen anerkennen sollen, sondern für mich, um meine Erfahrungen vor mir selbst zu bewerten und auch zu beworten.
Für mich war dieses Überleben, das so oft fast glorifiziert herausgestrichen wird, zum Teil fast schmerzhafter als die Nahtoderfahrung vorher.
Zugeschwollen und blutend zu sich zu kommen ist auch “überlebt haben”.
Das Moment in dem man seine Glieder einsammelt und an sich dranbewusstet; das sich fragen, ob man da ist, oder nur so tut, oder sich selbst gerade träumt. Das ist auch “überleben”.
Es tut weh. Es ist vielleicht mit dem größten Ekel, den man je empfunden hat, verbunden. Es ist ohne Hoffnung, ohne Gedanke … es ist so verdammt weit weg von einem warmen Licht am Ende eines Tunnels, der einen ins Überlebendenwunderland mit Bällebad und Zuckerwatte führt.
Ich war 21 Jahre lang genauso Opfer, wie Überlebende und keins der beiden Wörter reicht an das heran, was ich an mir in Bezug auf das, was diese Erfahrungen mit und an mir gemacht haben, wahrnehme.
Ich bin weder stärker geworden, noch zäher, noch bin ich davon gebrochen oder zerstört worden. Es war mein Leben. Nicht mehr und nicht weniger.
Ich bin eine “damit lebende”. Manchmal bin ich auch eine “damit versuchen zu lebende”, eine “damit hadernde” und manchmal bin ich auch eine “darunter leidende” Person.
Aber ich bin eine “Eine”. Ich bin immer ein Mensch, der unter bestimmten Bedingungen gewachsen ist, wie jeder andere Mensch auch.
Ich bin nicht an der Reihe mich und die Gewalt sichtbar zu machen.
Die Welt ist an der Reihe mich und andere Menschen, die zu Opfern wurden, die Gewalt und das Leben mit ihren Folgen zu sehen, auch wenn wir das nicht immer wieder sagen.
“Hinter den Mauern des Schweigens, passieren grauenhafte Taten” und das Auge erfasst eine Mauer.
Nein.
Ich mache die Augen zu, weil da keine Mauer ist. Nie war. Da waren grauenhafte Taten. Da war Schweigen. Ist. Aber da war keine Mauer. Ist keine Mauer.
Wer spricht verhält sich. Wer sich verhält ist wahrnehmbar. Auslösend. Agierend.
Ich wollte verstehen. Will verstehen, was da passierte. Ich will die Dynamik verstehen. Nicht, um sie zu verändern oder eine Schuld genau erfassen zu können.
Es ist vorbei- ich habe nichts vom Schuldbegriff. Nie gehabt.
Ob ich .wir. jemals gesagt habe: “Ich will das nicht. Lass das.”, weiß ich nicht.
Ich erinnere eine Szene, in der ich wählen sollte, wie er mich bestraft. Ich hatte in ein Stück Käse gebissen und es wieder zurück in den Kühlschrank gelegt. Er sagte: “Links oder rechts?” Und ich fing an zu weinen, weil ich “gar nicht” dachte und wusste, dass das nicht seine Frage war. Nicht die Wahl, die ich zu treffen hatte. Ich wusste das. Wusste, dass jedes Wort von mir ein Agieren .Verhalten. gewesen wäre. Mein Weinen und nichts sagen, waren meine einzigen Mittel auszudrücken, dass ich nicht auf dieser Basis mit ihm interagieren wollte.
Schweigen ist keine Mauer. Schweigen ist einfach nichts. Ein Nichts, das da ist und nicht weggeht. Aber auch nichts, das auf nichts zeigt oder eine Hürde darstellt.
Mein .unser. Schweigen war nie absolut. Es gab .gibt. immer Körpersprache, Kunst, Geschichten.
Menschenkörper sind keine luftdichten Gefäße für die Seele, für Schmerz, für die Folgen von Gewalt.
“Das Schweigen der Opfer” gibt es nicht.
Es gibt zu wenig Raum, in dem sich Menschen, die Opfer geworden waren, verhalten dürfen.
Zu wenig Raum, in dem ihre Worte nicht nackt und klamm unter tausend Augen stehen, bereit seziert, analysiert, ausgewertet zu werden.
Zu wenig was neben ihren Worten stehen kann. Um sie zu schützen. Um ihre Anwesenheit zu markieren.
Mein Sprechen und Beworten wurde von je her von einem Werkzeug mich zu verhalten, zu einem Werkzeug mich zu verletzen, mit Schuld zu beladen und in Todesangst zu halten gemacht.
Von Menschen.
Die geschützt werden von der Auffassung mein Schweigen, mein Tatschweigen, sei eine Mauer.
Letztlich ist es diese Auffassung, die eine Mauer bildet, hinter der diese Menschen Grauenhaftes tun können.
Von dieser Mauer kommen die Steine, die mit jedem “Wenn sie nichts sagen…” auf die Menschen, die Opfer waren, geworfen werden.
“Jetzt hat sich mein Auge wohl ganz verabschiedet”. Ich denke den Verlust zu einem Klumpen Erkenntniskalk und bröckle ihn mir auf den Schreibtisch.
“Wie gut, dass es ein Projekt ist, das nicht perfekt sein muss und ein bisschen … therapeutisch wert -vollbetankt… auch nicht perfekt sein soll.”.
Trotzdem.
Das Kind zum Auge klebt mir wie eine Fliegenfalle hinter dem Gemüt und schmaucht seinen Unbehagensgnatsch zu einer Aura um mich herum.
Es stresst mich, mich nicht auf meine Sinne verlassen zu können. Es stresst mich, so viele fast lauter “DAS DA” herausbrüllende Kinderinnens auf dem Arm zu haben und gleichzeitig meine Sachen zu regeln.
Ich bin bei meiner Kommentiererei nach innen geblieben, obwohl ich merke, dass ich vor allem mich damit beruhige und nur ab und an etwas davon da ankommt, wo ich es haben will.
Heute Mittag wurde ich, beim Überqueren einer Straße, fast angefahren. Ich hatte nicht gemerkt, dass sich mein Hören zu einem Rauschen verändert hatte. Zusätzlich zum Nichtsmehrsehen auf dem linken Auge.
Immerhin hatte mir der Schreck das Bewusstsein für die Unvollständigkeit meiner Sinneseindrücke ermöglicht.
“Ich glaub, ich hab sie nicht mehr alle”, tippte ich in eine SMS an meine Gemögte.
Sinnesausfälle sind für mich worst case Symptome. Das ist mehr als “Oh ich habe ein bisschen Stress- mal auf den Schlaf, die Ernährung, die Bewegung, die Versorgung des verletzten Innereiengekröses fokussieren”.
Es gehört zu genau der Art apokalyptischer Reiter, wie das Kinderinnen mit dem Auge. Auf ihren Fahnen steht nicht: “Bitte eine Imaginationsübung zur Rettung der inneren Landschaft”, sondern: “So, ich mach das jetzt hier. Ich bin das Notstandsgesetz und ich tue, was ich will. (because of fucking darum)”
Sie forderte mich auf zu fühlen, wo “sie” denn jetzt hinfließen. Ob ich das spüre. Ob ich mich an unsere gemeinsame These erinnere, nach der jedes abgetrennte Wahrnehmen (dissoziierte Inhalte allgemein) als etwas irgendwo neu oder fremd wieder auftaucht.
Was ich spürte, waren knallharte Muskeln, galoppierender Puls und eine Art Machtbewusstsein mit Namen irgendwie genau darunter.
”Mit so einem Selbst- Bewusstsein würde ich auch aufs Hören und doppelgesichertes Sehen verzichten können.”, dachte ich.
Meine Gemögte fragte, was ich noch erledigen müsste und später, ob sich für mich etwas verändert, wenn ich mir das Vorhaben “zum Gericht gehen” nochmal ganz genau in allen nervigen Kontexten und Einzelheiten vorsage.
Ich hatte die schon gar nicht mehr im Kopf. Also noch eine Stufe weiter zurück. Kontext sammeln.
Gerade frisch dem Tod von der Motorhaube gehopst, taub und halbblind, fängt Frau* Rosenblatt erst mal an sich zu überlegen, warum sie eigentlich gerade tut, was sie tut und versucht dabei nur halb so dämlich auszusehen, wie sie sich fühlt. Klassiker since ever.
Es hat aber geholfen. Im Laufen habe ich mir selbst alles nochmal erzählt, mir die Berechtigung für mein eigenes Handeln versichert und nebenbei noch etwas von diesen Inhalten unter meinen Puls geschickt.
Ich konnte die Beamtin im Gericht gut verstehen, die mich fragte, zu wem genau ich denn wollen würde und mir damit aus Versehen fast das Hasenherz hat explodieren lassen.
“Wenn ich auf jemanden wie mich aufpassen müsste, würde ich wohl auch drauf achten meinen Puls nie zu weit absinken, die Muskeln nie ganz entspannt zu lassen…”
Ach Erkenntnis- why so schmerzhaft immer wieder?!
Nur das mit dem Auge klappt so nicht.
Warum weiß ich noch nicht.
Wie gut, dass mein Projekt nicht perfekt sein muss. Wie gut, dass ich dafür auch ein bisschen halbblind sein kann.
(und wie- ein bisschen- gut, dass da jemand oder etwas in mir so viel weniger Sicherheiten als ich braucht, um im Fall des Falls auch agieren zu können- das ist so krass wie ein persönliches Hulkbaby)
Man wollte keine Differenzierung machen zwischen Gewaltbetroffenheit und Traumatisierung, weil man niemandem sein Leiden absprechen mag. Und soll.
Ich stand in meinem eigenen Workshop und und hatte knäulweise lose Fäden in der Hand.
Ich hatte nicht daran gedacht, dass mein Sprechen direkt ins Englische, Spanische und Russische übersetzt werden würde. Nicht daran, dass die Tür immer wieder auf zu und zu gehen würde. Dass mir mein Hund, als Assistenz inmitten des Inmitten einmal so wahnsinnig fehlen würde. Ich bin geschwommen wie ein Kind auf dem Weg zum Seepferdchen und hatte mir den Faden der Differenzierung aufgespart.
Gestern aber ging erneut die Nachricht einer Gewalttat auf dem Alexanderplatz in Berlin durchs Netz und ich hatte endlich klarer, worum es mir bei der Differenzierung geht.
Mehrmals hintereinander berichteten verschiedene Nachrichtenportale darüber, dass jemand jemanden erstochen habe.
Mehrmals hintereinander wurden Gewaltbetroffene produziert und Erfahrungswunden (Traumatisierungen) dabei unsichtbar gehalten.
Jede Polizeimeldung ist die Meldung von Gewaltbetroffenen und einer Tat.
Jede/r* BeobachterIn* der Situation, jedes medizinische und (notfall)psychologische Personal, der beschriebene Täter (und alle, die für ihn gehalten werden), das verstorbene Opfer und dessen Familie, Freunde, ArbeitskollegInnen* – alle Gewaltbetroffene.
Jeder Mensch, der diese Nachricht gelesen hat, wurde von der Gewalt mit einer Fingerspitze berührt.
Wer hat dabei Seele geblutet?
Die Verwundeten. Die Traumatisierten.
Die, die eben nicht nach Hause gehen; einmal sagen was war; unter der Dusche alles abspülen und am nächsten Tag weiter leben. Um eine Erfahrung erweitert, eine Rille in der Reizverarbeitung vertieft. Angedellt, geknickt, durchgeschüttelt- aber nicht aufgerissen, gebrochen, mit einem Loch in sich selbst.
Es gibt einen massiven Unterschied zwischen dem Erfahren von Gewalt und dem Traumatisiertwerden von Gewalt. Auf jeden Fall.
Was aber bedeutet das für uns* im Umgang mit Menschen, die von Gewalterfahrungen sprechen? Müssen wir da differenzieren? Wozu?
Um zu unterscheiden wer mehr leidet? Wen es am Schlimmsten getroffen hat? Wer jetzt was verlangen darf und gestattet bekommen muss? Wem wir wie viel Opferschaft zugestehen?
Ich habe einen sogenannten Twittertroll am Arsch, der mir genau das immer wieder aufdrücken mag. Immer wieder kommen da Tweets an mich heran, die immer wieder meine Aussagen gegen die Vorstellung des Menschen stellt, was ein Opfer so ist. Was es seiner Meinung nach darf und muss und sollte und könnte und was nicht, wenn es denn kein echtes Opfer (mehr) ist.
Der Mensch merkt nicht und reflektiert offensichtlich nicht einmal, dass er seine Schlimmskala an mich dran hält und mir seine aufdrücken will- was wiederum zwischenmenschliche Gewalt ist.
Es ist die gleiche zwischenmenschliche Gewalt, die passiert, wenn man sagt, ein Trauma sei viel schlimmer, als eine Gewalterfahrung.
Zum Einen, weil man dem Menschen abspricht seinen eigenen Zustand selbst bewerten zu können – das ist was in unserem Gesundheitssystem schon so eklig ist: Niemand ist krank oder leidend bis es ein/e MedizinerIn oder anders Behandelnde/r sagt – und zum Anderen, weil man sich mit jeder Bewertung selbst in eine Position bringt, die Macht beinhaltet (ergo Gewalt inne hat).
Inzwischen wurde viel geforscht, weshalb manche Menschen von ein und demselben Ereignis traumatisiert (erfahrungsverwundet an der Struktur des Selbst) werden und manche nicht.
Aber auch das ist letztlich irrelevant für den Umgang mit diesen Menschen. Nur weil jemand keine offene Wunde von einem Ereignis davon trug, sondern eine Beule, heißt es doch nicht, dass er weniger Schmerzen hat, weniger Schonung braucht, weniger Raum zur Verarbeitung.
So sehr Gewalt als Fakt unsere Gesellschaft auch dominiert, normiert und aufrechthält, so ist sie als Ereignis doch nicht alltäglich in der Form, als das sie die Leib-Seelen-Integrität massiv und direkt erschüttert und auch verletzt. Alle haben immer das Recht zu sagen: “Das und das, war für mich krass/schlimm/arg/erschütternd/belastend/verletzend/traumatisch” – wer sind die ZuhörerInnen*, dass sie Ihnen absprechen wollen, wie etwas für jemanden war?
Ich kann nicht sagen, dass ich selbst diese Haltung immer zu wahren schaffe. Erst neulich las ich einen Artikel über “das Ferientrauma” von jemandem in der Zeitung und wollte einmal drüberkotzen, weil mir der Traumabegriff verwässert erschien. Ich habe den Artikel nicht ganz gelesen. Ergo habe ich meine Wortwutkotze für mich behalten – was weiß ich denn, worum es in dem Artikel am Ende noch ging? Vielleicht ging es ja doch nicht nur um etwas, was ich mit meinem individuellen Erfahrungsschatz als Wohlstandsgenörgel bezeichne.
Wenn jemand zu mir kommt und mir sagt, dass er sich an einem Ferienort so arg abgeschnitten, eingeengt, fremdgesteuert und unfrei gefühlt hat, dass er dort nie wieder sein mag und es als traumatisierend empfunden hat, dann nehme ich das an. Punkt aus.
Ich bin nicht diejenige, die über seine Wunden, Dellen, Erfahrungsfolgen zu beworten hat. Was für ihn schlimm ist, ist für ihn schlimm, egal wie viele Kanister Erfahrungswundwasser Marke “schlimm” ich daneben stellen kann.
Von der Gewalt sind wir beide betroffen, sobald wir unsere Erfahrungen teilen.
An der Stelle hätte ich gern etwas mehr Aufmerksamkeit. Ich fühle mich oft für Menschen (mit)verantwortlich, sobald sie mich ins Vertrauen ziehen und von ihren Erfahrungen sprechen.
Erfahrungen sind, was uns Menschen formt und diese zu teilen und darüber Verbundenheit aufzubauen ist Teil dessen, was uns zu sozialen Wesen macht.
Deshalb spreche ich mich sehr dagegen aus, den Begriff der Gewaltbetroffenheit nur auf Tatanwesende zu verwenden. Das ist ein Mittel Gewalt als eingrenzbares Einzelschicksal und/oder Phänomen darzustellen und gesamtgesellschaftliche Verantwortung an jeder einzelnen Gewalttat unsichtbar zu machen.
Außerdem trägt diese Ausdrucks- und Sichtweise dazu bei, dass Erfahrungswunden durch Bystanding noch weiter ins Dunkel rücken- obwohl gerade ZeugInnen, BeobachterInnen (JournalistInnen zum Beispiel, aber auch LiveberichterstattungskonsumentInnen vor dem Fernseher zu Hause! ) und auch notfallpsychologisches Personal durch die (erzwungene) (körperliche) Passivität vor einer Gewaltszene, ein nicht zu unterschätzendes Risiko haben, vom sinnlich Wahrgenommenen verwundet zu werden.
Ich mag es nicht, wenn Opferschaft limitiert wird und erst recht mag ich es nicht, wenn Opfer erst dann als Opfer gelten, wenn irgendjemand anders sie als solche markiert.
Opferschaft definiert sich allein durch Ohnmacht in einem Machtgefälle (einem (dualen) Gewaltkontext) und wo diese anfängt und wo aufhört, obliegt denen, die sie empfinden.
Für mich bedeutet das übrigens nicht, dass TäterInnen*schaft allein von Macht definiert wird bzw. von einer Aktivität, die in Form einer Tat sichtbar wird (und Wunden schlägt). Für mich wird TäterInnen*schaft davon definiert, dass eine Wahl getroffen werden kann über die Art der Tat bzw. Aktivität. Das sind zwei Dinge, die nicht immer zusammen auftreten und deshalb die Frage nach der TäterInnen*schaft bzw. auch die nach der TäterInnen*opferschaft und der OpfertäterInnen*schaft aufwerfen und das Thema der Gewaltbetroffenheit as a thing markiert.
Ich möchte mich dafür aussprechen von Traumatisierungen zu sprechen, wenn man es mit (Erfahrungs)Wunden und Leiden, an Leib, Seele und Geist (gleichzeitig) zu tun hat, die auch noch lange nach dem Ereignis schmerzen und/oder behindern und diese als übliche Dimension unter dem Begriff (Gewalt)Erfahrung zu belassen.
Für mich ist es wichtig, dass ich und mein Leben weder als Schlimmskala herhalten, noch einer entsprechen muss. Ich leide nicht weniger oder mehr, wenn ich meine Erfahrungen “traumatisch” nenne oder nicht.
Von mir aus mag die Psychologie und die Medizin gerne weiter ausdifferenzieren was ein “traumatisches Ereignis” ist, und was nicht. Welche Parameter, wann und wofür erfüllt sein müssen, damit man in der Psychologie als Wissenschaft noch von einem Trauma sprechen kann. Ich bin keine Wissenschaftlerin.
Von mir aus, mag die Justiz auf die Psychologie hören, wenn es darum geht, die Schwere einer Tat zu beurteilen. Letztlich sprechen wir hier aber von zwei Gewalten, die sich über mein Erleben stellen und das gesellschaftlicher Gewaltennormierung entsprechend auch dürfen.
Sie sprechen Tatsprache – nicht meine als Opfer von Gewalt, die auch traumatisierend war.
Die Schlimmskala und die Worte derer, die zu Opfern wurden sind existent und gültig. Mindestens für diese Menschen.
Und diese nicht unterwandern, zu sabotieren, für falsch und nichtig zu erklären, zu relativieren und als übertrieben darzustellen, ist die Aufgabe derer, die ihnen zuhören*.
(*als Teil der Gesellschaft)
(*ich habe an der Stelle eine andere Haltung, wenn ich es mit FakerInnen* zu tun habe, weil sich diese in aller Regel genau daran orientieren, was die Gesellschaft ™ als schlimm wahrnimmt und von mir, als Teil dieser Gesellschaft spezifische Reaktionen erwarten, die mit einer Wertung einher geht, die ich nicht vornehmen will. Sie sind nicht an mir und meinen Reaktionen auf ihre Erfahrungen interessiert, sondern daran, was ich als Symbol für sie wie auch immer bewerte und mit Reaktionen belege. Das ist kein respektvoller Umgang mit mir und ergo ziehe ich mich raus. Kann man drüber streiten, ob das so schlau ist- aber ich lasse mich nicht zu einer Schlimmskala degradieren.)