der neue Lebenstag

Vor einem Jahr hat die Standesbeamtin unsere Namensurkunde erstellt. Diesen Tag feiern wir nun als unseren Geburtstag.

Man kann eine Geburt an vielem festmachen und vielleicht ist es merkwürdig, einen bürokratischen Akt damit zu verbinden, doch ist es die Bürokratie, die uns immer wieder an die Herkunftsfamilie gebunden hat und immer wieder zu binden versucht.
Seit einem Jahr haben wir unsere Geburtsurkunde, haben wir eine Namensänderungsurkunde. Den Grundstock für das eigene bürokratische Ich, das erste Blatt im eigenen Familienstammbuch.
Jetzt gibt es nicht mehr die Person, die von den Eltern benannt wurde, sondern uns, die wir uns selber benennen, die ihre Kinder benennt, die ihren Ehestatus beurkundet, die irgendwann stirbt und dann vielleicht noch jemanden hat, die_r die Sterbeurkunde dazuheftet. Es ist nicht die Scheidung von der Familie, die wir für uns wollen und vom Staat fordern, aber immerhin ein signifikanter Abbruch vom Familien°stammbaum. Ein Ableger, der sich die Umgebung zur Weiterentwicklung selbst ausgesucht hat.

Manchmal kommt mir das auch wie ein Verrat an dem Kind der Eltern vor. Als hätten wir es verlassen und aufgegeben. Wir versuchen gar nicht erst, uns dieses Empfinden zu beruhigen oder wegzumachen. Es stimmt ja. Es ist ja ganz real nie eine echte Lösung aus und von dem, was unseren Geburtsnamen so problematisch für uns (ge)macht (hat) gewesen, sondern ein Kompromiss, eine Möglichkeit, für die wir uns entscheiden konnten, um die Lösungs- und Er_Lebenswege zu erschließen, die sich ergeben, wenn man sich nicht mit jeder Ansprache direkt in Verbotsdruck oder dem Gefühl der absoluten Grenzübertretung befindet.

Wir sind heute nicht frank und frei, glücklich und zufrieden mit allem, was die Namensänderung bedeutet. Aber franker und freier, glücklicher und zufriedener als wir es vorher waren.
Wir haben das Gefühl, eine Entwicklung angestoßen zu haben, die vorher nicht möglich war. Das Begreifen, dass wir nichts mehr für das Kind tun können, sondern nur noch für die erwachsene Person, die es geworden ist.

internationaler Kindertag

Heute ist internationaler Kindertag.
Ich habe darüber nachgedacht, wie man Kinder sieht. Und, wie man sich selbst als Kind sieht.

In dem außerordentlich guten Film „The Tale“ wird deutlich, welche Erzählung die erwachsene Person, die von ihrem Reitlehrer sexualisiert misshandelt wurde, von sich selbst in dieser ihrer Kindheit hatte.
Sie beginnt die Geschichte von sich als „reife junge Frau“, die gewollt (begehrt?) war und kann erst durch ein Foto von sich in dem Alter erkennen, wie jung sie noch war. Wie kind_lich.

Ich habe dieses Bild von mir nicht. Ich war nie jünger als 16 und nie anders als so beladen mit Alleinverantwortung, Pflichten und Anforderungen an „angemessenes Verhalten“, wie ich das heute bin. Kind waren und sind immer die anderen. Es gibt aus meinen Lebensjahren 16 bis 18 nur die Porträts, die man in meine Klapsakten gelegt hat, damit die Polizei mich finden kann, wenn ich „abgängig“ sein sollte. Da bin ich blass und habe rötliches Haar. Ich sehe weder so aus, wie ich mich gefühlt habe, noch jugendlich, geschweige denn kindlich.
Meine Kindlichkeit damals, kann ich heute am ehesten noch aus meiner Un_Reife ableiten. Aus der Unerfahrenheit im Leben nach der Gewalt in der Herkunftsfamilie. Es war ein neues Leben. Ich war dieses neue Leben.

Vor einiger Zeit haben wir uns mit der Therapeutin zusammen Fotos aus unserer Einsmensch-Kindheit angeschaut. Die Therapeutin sagte, man könne schon in den Babyfotos sehen, dass wir das sind. Für mich ist das ein unaushaltbarer Gedanke. Dieses Baby soll ich geworden sein, ich soll dieses Baby gewesen sein. Nein, nein, das kann nicht sein – das würde ja bedeuten, dass ich irgendwann mal global abhängig war und sich gefälligst mal richtig anzustrengen ein völliges Quatschkonzept ist, vor dem man logischerweise überfordert zusammenbrechen muss. Dass ich mal weder sprechen, noch laufen, noch kauen konnte, noch für Dinge verantwortlich war, weil man mir keine Macht über Dinge zusprach. Das würde ja bedeuten, dass es mal eine Zeit in meinem Leben gab, in dem ich nicht an allem (selber) schuld war, nicht krank, durchgeknallt und der Gesellschaft tendenziell eher unzumutbar.

Ich glaube, dass man immer das eigene Kind ist und alle Menschen immer die Kinder ihrer Zeit bleiben, was ihren Blick auf andere Kinder beeinflusst. Dass ich mich selbst als Jugendliche geboren erlebe, bedeutet, dass ich eine Offenheit für Kinder habe, die ihnen viel Raum lässt, sie selbst zu sein. Ich sehe nicht mich in ihnen, sondern sie. Und dafür brauche ich keine spezielle Spezialhaltung und pädagogisches Fachwissen oder irgendeinen esoterischen Dreh, nach dem sich meine Seele für ihre Seele öffnet und trallalala. Es ist mir einfach eigen und macht es mir sehr leicht, respektvoll und achtsam mit Kindern zu sein.
Und das, obwohl ich so eine bekloppte Irre bin. So eine gefährliche „psychisch kranke“ Person. So jemand, „bei der_m man ja nie sicher sein kann“. So jemand, „wo man ganz genau gucken muss“.

Ah Mist – in die Falle getappt – nicht „obwohl“.
Weil.

die Puppe

Als ich durch das Zimmer schaue und überlege, welches kleine Nähprojekt einfach und erfolgversprechend sein könnte, fällt mein Blick auf unsere Baby Born Puppe. „Dir kann man echt nichts, aber auch gar nichts in die Hand geben. Alles machst du kaputt.“
Ich will nähen, weil es mir gerade hilft, Erinnerungen an schwierige Erfahrungen zu distanzieren. Und die Kinderinnens. Ich kann das immer noch nicht mit einer hübschen Idee von einem super sicheren Ort ganz für sie allein und seit einer Weile versuchen wir auch, sie nicht einfach immer wieder in das weiße Nichts des Schwans zu schieben, also eiere ich durch den Alltag. Tue kleine erfolgversprechende Dinge, arbeite mich müde und zufrieden und hoffe auf Nächte, die verkraftbar sind.

„Was hast du denn mit dem Ding gemacht?“
Die Puppe klappert, als ich sie hochnehme. „Du sollst mich angucken, wenn ich mit dir rede!“ Ich halte sie fest, verlasse das Schlafzimmer und die Erinnerung. Ich schaue aus dem Fenster und denke daran, dass ich später noch die Pflanzen gießen muss.
„Eigentlich mache ich gar nicht immer alles kaputt“ denke ich und bleibe ein bisschen länger in dem Gefühl des Schaffens, das der Garten in uns auslöst. Es hat sich schon viel darin verändert und das unter anderem deshalb, weil der Freund nicht glaubt, dass man uns nichts in die Hand geben kann.

Ich google nach Schnittmustern für Puppenkleidung und finde eins, das für Anfänger_innen geeignet ist. Die Puppe, die nie einen Namen hatte und nie mehr als ein Trainingsgerät für die Tätigkeiten war, die allgemein erwartet wurden, liegt in meinem Schoß und starrt in die Luft. Sie ist ziemlich verstaubt und dreckig. Auf dem Kopf sind Farbstreifen, die Kuppe eines Zeigerfingers fehlt, nachdem Fingernägelschneiden daran geübt wurde.

Während der Drucker röchelnd und ächzend das Schnittmuster aus sich rauswürgt, gehe ich in die Küche, wo die Nähsachen stehen. Sie wiegt vielleicht 400 Gramm und besteht komplett aus Kunststoff. Als ich sie aus dem selbstgestrickten Pullover friemele, klappert sie wieder. „Was hast du denn mit dem Ding gemacht?“
„Ja, was soll ich damit gemacht haben, du Arsch. Vermutlich habe ich damit gespielt. Mit diesem 100% Kunststoffscheiß, der doch ganz logisch irgendwann irgendwie auf jeden Fall kaputtgehen musste.“ Ich schüttle sie nochmal. Und nochmal. Und nochmal sehr kräftig. Es ist schon so lange her und immer noch so eine ungerechte Kackscheiße. „Arschloch bescheuertes“, denke ich und lege die halbnackte Figur auf den Küchentisch. Ich leuchte in die Löcher auf ihrer Rückseite und sehe, dass es Kreuzschlitzschrauben sind, die sie zusammenhalten .

Der Drucker ist längst fertig. Draußen zwitschert die Sperlingsgang, die Sonne scheint. Mir ist schlecht und ungreifbarer Erinnerungsmüll wabert mir entgegen wie eine Algenpest aus der Hölle. Ich schraube die Puppe auf und finde das Stück Plastik sofort. Einer der stabilisierenden Pfeiler im Korpus war offensichtlich nicht gut genug mit der Schale verklebt. Das war unmöglich unsere Schuld. Egal, was wir mit der Puppe gemacht hätten, wäre das passiert. Wir hätten sie natürlich auch nie anrühren können, klar. Aber das wäre sicherlich auch wieder als Zeichen von Undankbarkeit, Gefühlskälte oder was weiß ich gedeutet worden. „Beknacktes, dämliches Scheißarschloch.“ denke ich und schraube die Teile wieder zusammen. „Für die 4 Schrauben hats bei dir dann nicht gereicht. Aber sie zu schlagen und fertig zu machen schon. Das war drin.“

Wie sie so da liegt, macht mich fertig. So steif und starr, nackt und einfach nur präsent, weiter nichts. Man kann alles mit ihr machen. Alles, was man will. Sie wird nie irgendetwas sagen, nie irgendetwas ausdrücken, immer nur da sein und starren und Plattform für alles mögliche sein.
In einer Anwandlung fange ich an, sie sauberzumachen. Das hat etwas von Heilmachen und fühlt sich merkwürdig an. Ich bin gegenüber toten Gegenständen nicht fürsorglich, merke aber, dass ich hier gerade etwas Fürsorgliches tue, das ich so konkret nach innen nicht tun kann.

Einen Tag später sind Hose und Shirt fertig.
1992 ist 28 Jahre her. Unsere Baby Born Puppe klappert nicht mehr.

tapp tapp tapp IST DAS DING AN?!

Ich hatte heute morgen mal wieder so einen weitgeteilten und belikten Tweet in der Timeline, in der jemand wollte, dass endlich mal alle Leute kapieren, was Trigger eigentlich für ne schreckliche Sache sind und, dass man das nicht leichtfertig daherreden soll, wenn man davon keine Ahnung hat.
Solche Forderungen habe ich so oft in meiner Timeline, dass sie mir zum Trigger geworden sind. In Wut, in Abwehr, in die Gedanken daran, wie viel Traumaedukation von Nichtpsycholog_innen es noch braucht, damit das endlich aufhört und dem folgend das Gefühl, dass es nie genug sein wird und wir dieser Forderung für immer und immer ausgesetzt sein werden.

Argh.

Es kommt bei mir anders an, wenn man fordert, diesen Sprech sein zu lassen, weil (extreme) Rechte diese Begrifflichkeit für sich benutzen, um Menschen, die Gefühle haben, zu demütigen. Das ist für mich etwas anderes, weil es dabei darum geht, wie wir miteinander leben und reden wollen. Wollen wir uns über unsere Sprache von denen abgrenzen (und uns andere Worte überlegen, um Leute zu demütigen) oder wollen wir sie uns aneignen, um ihnen die Wirkmacht zu nehmen?

In meiner Community merke ich, dass Leute, die diese Begrifflichkeit nur für traumatisierte Menschen “genehmigen” wollen bzw. nur von ihnen zu füllen erlauben, versuchen etwas am Miteinander zu schrauben, ohne klar zu machen, worum es ihnen geht. Da wird nicht darüber gesprochen, warum es schwierig ist, wenn die Allgemeinheit mit “jetzt bin ich aber getriggert” meint, dass sie irritiert, beleidigt oder gestresst im Sinne von abgenervt ist, sondern eine Schlimmskala aufgemacht. “Für mich (für Menschen wie mich) ist getriggert sein schlimmer als für dich (Menschen wie die, als die ich dich jetzt einfach mal eben so ohne Nachfragen oder nähere Kenntnis einordne), weil ich hab ein echtes Trauma (und du nicht)”.
So was kotzt mich an. Like so richtig, wirklich echt. Weils Gewalt ist.
Gewalt, die Leute ausüben, weil sie glauben, ihre Erfahrungen legitimieren das. Und manchmal auch, weil sie sich darauf verlassen können, dass ihre kleine soziale Bubble sie in dieser Haltung legitimiert.

Hier denke ich oft, dass ein Fehler auch daraus entsteht, dass sich kaum jemand wirklich die Zeit nimmt, sich “Trauma” wie etwas zu widmen, das man auch objektiv anschauen kann, obwohl und gerade weil es so viel Subjektives darin gibt. Ja, “wir traumatisierten Menschen” denken alle, dass wir so spezielle kleine Schneeflöckchen sind und bei allen ist alles anders und individuell und bliblablö, aber es gibt ganz grundfeste Gemeinsamkeiten. Die Mechanik des Traumas wird nicht jedes Mal neu für alle frisch traumatisierten Menschen erfunden. Man kann sich heute aus einem so unfassbar großen Fundus an Informationen aller möglichen Fachrichtungen informieren – man negiert damit erst einmal nicht das subjektive Erleben der Menschen, die damit leben.

Ich glaube, dass ich ohne meine subjektive Traumaerfahrung und mein Leben mit den Folgen heute, aber auch mit dem Wissen, dass ich dazu habe, nicht erkennen könnte, dass die Forderung nach Triggerwarnungen, nach “Hört auf, “getriggert” nicht im Traumakontext zu sagen” und diesem ganzen Salat, der dann oft daraus entsteht, ganz klassisches Vermeidungs- und Kontrollverhalten ist. Ich will nicht bewerten, ob das schlechtes Verhalten ist, oder klar geht, aber ich will bewerten, wie “meine Community” darauf reagiert. Nicht hilfreich, nämlich. Zumindest nicht, was den Umgang mit traumatisierten Menschen in der eigenen Clique angeht.
Es hilft 0 – absolut gar nicht, like wirklich nicht, jeden möglichen Trigger aus dem Leben eines Menschen, egal, ob traumatisiert oder nicht, rauszuhalten, zu markieren oder zu policen. Das ist Vermeidung. Das ist PTBS. Das ist das Gegenteil von Verarbeitung und damit auch das Gegenteil von Heilung, Möglichkeiten zur Heilung und Weiterentwicklung – also Leben.

Ihr wisst, dass es jetzt kommt, weil es an dieser Stelle seit Jahren immer wieder geschrieben wird:
LEBEN TRIGGERT

Niemand von uns wäre auf der Welt, würde fühlen, denken, handeln, träumen, wünschen, fordern können, gäbe es nicht in uns allen gleich das Reiz-Reaktionsprinzip als Grundlage aller Entwicklung.
Ja, “wir Traumatisierten” haben durch unsere Erfahrungen da ein Feature. Ja, ein kack Feature, das in aller Regel weh tut und stört und alles kompliziert macht und viel Aufmerksamkeit zieht. Aber wir haben da nichts Komisches, Besonderes oder irgendwas, was nur aus dem Blickwinkel der Psychologie betrachtet werden darf, weil sie das so hübsch für sich durchprofessionalisiert hat.

Wenn “wir traumatisierten Menschen” unser Trauma in einer Community thematisieren oder in einer Gruppe, dann geht es doch eigentlich immer um die Frage, wie wir miteinander leben und umgehen wollen. Es geht um Fragen des gegenseitigen Verstehens, der Grenzenachtung, es geht um die Frage, wer einspringen kann, wenn ich wegen Flashback, Schmerzattacke, Angst, Nichtgepennt, Disso-Tag etc. ausfalle, es geht um Fragen des Rückhalts, es geht um Fragen der Akzeptanz untereinander. Es geht um unfassbar anstrengende Kommunikation.
Und darauf haben viele einfach keinen Bock – there I said it.

Grad in meiner alternativen Bubble, wo Plena immer irgendwie länger sind als geplant, schleicht sich das immer wieder rein. Man hat schon so viel darüber zu reden, wie man Sexismus unterbindet, Rassismus nicht reproduziert und Klassismus aushebelt, dass Ableismus und Saneismus weder von allen als reflektiert vorausgesetzt, noch über Umgänge verhandelt werden kann. Also fällts weg. Man wartet auf Ansagen. Reagiert aus Unsicherheit mit “Ja ok, du bist ja marginalisiert, ich nicht, du gibst vor, ich folge – ich helf dir, damit alle anderen auch folgen (ich coole Sau)”

Argh.

Ich werd hier jetzt nicht hinschreiben, was ihr oder wir oder alle machen müssen.
Da beginnen die Aushandlungsprozesse, die wir meiner Ansicht nach in der Community und in der Welt insgesamt brauchen. Was ich sage is: Mach deine Hausaufgaben. Reflektier dich in deinen Forderungen alle.

Leben triggert. Es ist im Grunde ein suizidaler Akt, sich dem zu entziehen.

micdrop

Maskenpflicht und Todesangst

Maskenpflicht.
Finden wir gut, wichtig, überfällig.
Und anstrengend, überfordernd, triggernd.

Für uns gibt es an der Stelle keine Diskussion. Kein “Ich will eine Ausnahmeregelung für mich, weil…” versus “Es muss auch andere Wege geben.”, denn es gibt andere Wege und in Kombination mit einer allgemeinen Maskenpflicht steigert sich deren Effizienz.

Ein Problem, das ich habe, ist, dass wir Gewalterfahrungen gemacht haben, an die wir erinnert werden, wenn wir etwas im Gesicht haben bzw. haben sollen und andere Leute uns dabei anschauen.
Und Asthma. Das obendrauf.  Jede Irritation der üblichen Atmung (die schon nicht “normal” ist, weil Asthma zu chronischer Hyperventilation durch unbewusste Anpassung der Atmung an die Erkrankung führen kann) bringt uns aus dem Tritt und damit einen Schritt näher an eine Attacke oder die Überblähung.
Und widersprüchliche Informationen. Hier lese ich dies, hier lese ich das, der Freund, der Krankenpfleger war, sagt jenes und draußen im Laden, auf der Straße passiert noch ganz anderes.
Und Autismus. Die Pandemie hat unsere Wochenroutinen zerstört. Wir brauchten und brauchen Zeit, um das zu realisieren und zu prozessieren. Und Kraft, um neue Routinen zu entwickeln, die sich nicht unsicher anfühlen, weil sie ja nur einen Übergang schaffen. Für uns ist die Pandemie aber eigentlich kein Übergang, sondern der Anfang von etwas Neuem, auf das wir uns nicht vorbereiten konnten, zu dem wir uns nicht entscheiden konnten, das wir in seinem Umfang und seiner Bedeutung für uns noch gar nicht erfassen können. Wir müssen uns davon lösen anzunehmen, dass wir bald wieder montags in der Schule Bücher binden und abends die Therapeutin sehen, dienstags mit C. arbeiten, beim Bäcker “unser Brot” kaufen und ein süßes Teilchen essen, während wir mit NakNak* auf dem Schoß im Zug nach Hause sitzen. Das ist alles vorbei. Es wird so sehr lange nicht mehr passieren. Selbst dann nicht, wenn alle schon fertig sind mit Lockdown und Abstand halten. Wir werden zu den letzten gehören, die sich ohne Ansteckungssorge in Bus und Bahn, Supermarkt oder Arztpraxis begeben können. Jetzt ist alles anders. Wir müssen uns daran anpassen und das kostet uns Kraft.  Der Übergang ist eigentlich nur die Zeit, die wir brauchen, um das zu akzeptieren.

Wir schauen uns deshalb genau an, was wir warum wie verändern sollen. Letzte Woche war eine Maske zu tragen noch freiwillig, jetzt soll es eine Pflicht sein. Wo die Masken für alle herkommen sollen, ist unklar. Zu lernen wie man eine Maske richtig und sicher trägt, pflegt und desinfiziert, gehört nicht zur Pflicht, wird auch nicht breit kommuniziert. Für mich sieht das nicht effizient aus. Eher wie etwas, das mir Kraft wegfrisst, die ich zum Ausgleich der Folgen der Ineffizienz brauche. Auch wie etwas, mit dem weiterhin konsequent zwischen “gesund” und “krank”, “arm” und “reich”, “be.hindert” und “be.hinderungen problemlos kompensieren können”, getrennt wird.

Es sieht mir auch nach etwas aus, das meine Probleme der Anpassung individualisiert und damit auch alle Verantwortung und weiter auch Schuld für mögliches Scheitern und dadurch eventuell entstehende Gefährdung Dritter. Und ja, sicherlich sind all die Dinge, die mir das Tragen einer Maske erschweren individuell – dass es mir schwerfällt eine zu tragen, ist es jedoch nicht. Damit sind aktuell eine ganze Menge Menschen konfrontiert und überfordert.
Es gibt im Moment so wenig, das hilft, sich anzupassen. Sich irgendwie einzufinden. Alle, die ich kenne, wurschteln sich irgendwie da durch, können gar nicht so richtig sagen, was ihnen hilft und was nicht. So oft enden unsere Gespräche mit der Feststellung, dass es ist, wie es ist, wir es akzeptieren und gucken müssen, wie wir durchkommen. Sie enden nie damit, dass wir mehr als symbolisch zusammenstehen müssen. Nie damit, dass man einander sagt, dass man Angst hat zu sterben. Man tröstet sich nicht. Man redet nicht über den Tod und die Angst davor. Immer noch nicht. Man redet darüber, wo man Masken kaufen kann. Dass man eine positive Einstellung haben muss. Dass es anderen viel schlechter geht. Dass man sehen wird, wie sich das alles entwickelt.

Die Angst ist für uns in allem. Unsere Gewalterfahrungen waren mit Todesangst verbunden. Jede Asthmaattacke ist mit Todesangst verbunden. Jeder Routinenbruch ist für uns mit der Angst verbunden, die Welt könnte zerbrochen sein und wir dadurch in Lebensgefahr. Eine Maske, eine Abstandsregel, eine Desinfektionsvorschrift berührt diese Angst nicht, eigentlich lenkt sie nur davon ab, verschiebt den Schwerpunkt der Vermeidung. Man hat einen Gesprächspunkt mehr, durch den man einander nicht sagen muss: “Ich weiß, dass du Angst hast, ich habe auch Angst. Mein Umgang damit ist…”

Wir trainieren uns das Tragen einer Maske jetzt an. Aus Gründen, die weniger mit Corona als damit zu tun haben, dass wir es für eine relevante Fertigkeit halten, eine Maske im Gesicht tolerieren zu können.
5 Minuten-YouTube-Video = 5 Minuten Maske im Gesicht aushalten. Das geht. Die Erinnerungen kommen, mit dem Ende des YouTube-Videos, enden auch sie. Imagination ist nichts anderes als gezielte Dissoziation. Es ist okay, sich durch die Tragezeit einer Maske zu dissoziieren. Es ist okay, Angst zu haben. Die Tragezeit ist begrenzt. Ihr Ende kann man sich deutlich machen, ihren Anfang kann man sich deutlich machen. Man kann kontrollieren, wann und wo und warum man sich ihr aussetzt. Und, ob es das wert ist. Die eigentliche Angst ist immer da. Ob mit oder ohne Maske, die triggert, die Atmung erschwert, den Ausnahmecharakter der Gesamtsituation extrem unterstreicht.

Gegen die Angst hilft nicht, sich gegen eine Maske zu entscheiden oder einfach nicht mehr rauszugehen (wenn man diese Option überhaupt (wirklich) hat). Gegen die Angst hilft nur Beruhigung, durch Sicherheit(sgefühl), durch Versorgung aller Bedürfnisse.
Wie immer.

Autismus, Trauma, Kommunikation #8

Ich hing gestern gut 6 Stunden im Support meines Webhosters, um die E-Mail-Adresse, die ich hier seit Jahren verwende, um über Blog, Podcast und darüber hinaus erreichbar zu sein, zu retten.
Es war das Ende einer langen Kette von Miss- und Unverständnissen, die ich in diesem Text nicht weiter ausbreiten will, unter anderem, weil sie nicht sind, die mich belasten oder jetzt, einen Tag später endlich meine Erschöpfung von allem spürend, auch unfassbar schmerzlich berühren.

Worüber ich hier schreiben will ist, warum es mich so schmerzt. Warum es ein Trigger für uns ist. Was genau der Punkt ist, wo sich Autismus und Trauma bei uns so vermischen, das die zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion in jeder Situation eine retraumatisierende sein kann.

Im Blog von Vielen haben wir die Textkategorie „Die Helfer_innen und die Hilfe“.
Entstanden ist sie aus der Erkenntnis, dass Helfer_innen und Hilfe schaden können. Aber auch aus dem Wunsch zu erfassen, was uns hilft und wieso. In dieser Kategorie finden sich auch Texte aus der Zeit vor der Autismusdiagnose, in der wir dachten, dass wir einfach unverständlich sind. In der wir dachten: „Wir machen das halt einfach immer falsch mit dieser Hilfe. Wir müssen die richtigen Worte finden, wir müssen uns genau abgucken, wie andere sich verhalten, damit sie Hilfe bekommen und wir müssen das nachmachen (, um dann zu merken, dass wir selbst das noch falsch machen, weil unser Blick auf Menschen dazu führt, dass wir die falschen Verhaltensweisen in falschen Reihenfolgen kopieren).“

Missverständnisse zu vermeiden, den richtigen Eindruck zu vermitteln, das Richtige im richtigen Moment zu sagen, oder zu verschweigen, war in meiner Kindheit über.lebenswichtig. Dabei  außerhalb der familiären Gewaltkontexte immer wieder zu scheitern, zum Beispiel in der Schule, im Hort, im Sportverein, in Chor und Band und was wir nicht alles noch besuchten, ist das Eine.
Es bestätigte die Traumawahrheit, dass niemand hilft, niemand glaubt und auch niemand versteht. Das AußerhalbderFamilie wurde mir immer wieder als unwürdig, falsch, schlecht, dumm dargestellt und so erschien die Botschaft auch valide.
Diese Dynamik beschreiben viele Menschen, die als Kinder in gewaltvollen Familien, in Sekten und organisierten Gewaltkontexten, auswachsen mussten. Es gibt ein Außen auf das du nicht zählen kannst und es gibt ein Innen, das immer für dich da ist – die Familie/Sekte/Gruppe/die Anderen.

Als autistisches Kind hatte ich das nicht.
Autismus greift in jede Interaktion und in jede Kommunikation hinein. Die gleichen Miss- und Unverständnisse, die ich im Außen erlebte, erlebte ich auch im Innen. Nur dort in seinen Auswirkungen erheblich brutaler, einfach schon, weil ich ein Kind war. Abhängig auf allen Ebenen und dadurch schlicht nicht in der Lage, überhaupt meiner Sicht auf die Dinge die Be_Achtung einzufordern, die nötig ist, um Miss- und Unverständnisse aufzuzeigen oder zu klären.

Wer durch ein Minenfeld laufen muss, aber nicht, wie alle anderen Leute auf Merkmale der Minen achtet, wird verletzt. Ganz zwangsläufig. Und so – auf diese Art gehen wir durchs Leben. Immer wieder und wieder und wieder und wieder. Ohne, dass unsere Gesprächpartner_innen das merken. Ohne, dass wir ihnen das immer so begreiflich machen können, dass sie sich nicht als Person gekränkt, bedrängt, abgewertet oder irritiert erleben. Ohne, dass sie uns den Schmerz nehmen oder uns trösten können. Ohne, dass sie ~ einfach mal eben so, ohne jede Anleitung und Herumprobieren und der dazu nötigen Konsequenz ~ etwas dagegen tun können.

Nun ist die Metapher natürlich nicht ganz passend. Die Merkmale einer einzelnen Mine kann man auswendig lernen. Man kann sich zwingen, sich selbst gegenüber brutal restriktiv dazu bringen immer, zu jeder Zeit auf den Boden zu schauen und auf Minen zu achten. Zwischenmenschlichkeit ist aber kein fester Gegenstand. Kommunikation verläuft nicht immer gleich, nicht immer vorhersehbar. Interaktion wird von so einer großen Zahl von Faktoren beeinflusst, dass sie einfach nicht in allem immer berechnet oder angenommen werden kann. Schon gar nicht von einem Kind, das zusätzlich dazu noch in einem sozialen Umfeld aufwächst, das unvorhersehbar und immer unnachvollziehbar in Gründen und möglichen Konsequenzen absichtlich irreführend kommuniziert.

Was sich für uns aus diesem Umstand (und vielleicht noch anderen, bisher nicht bekannten Faktoren) entwickelt hat, ist, dass es für uns ein Außerhalbvonuns, ein AußerhalbderFamilie und das InderFamilie gibt.
„Autismus“ als Wort kommt laut Wikipedia von altgriechisch „autós“ – also „selbst“. Die meisten Autist_innen, die ich bisher kennenlernen durfte, kennen diese Trennung von sich. Es gibt sie und gibt alle anderen. Und immer stehen dahinter ähnlich schwierige Kommunikations- und Interaktionserfahrungen. Ich persönlich sehe das nicht darin begründet, dass alle Menschen speziell autistischen Menschen gern das Leben zur Hölle machen wollen, sondern darin, dass die meisten Menschen eben nicht autistisch sind oder die autistische Wahrnehmung und Einordnung nicht von sich selbst kennen und also nicht nachvollziehen und also nicht beachten können.
Das macht Autismus für mich zu einer Behinderung, die noch einmal mehr als bei anderen Behinderungen, nicht als etwas Individuelles angenommen und behandelt werden darf, da auch nicht autistische oder anders neurodivergente Menschen in ihrer Kommunikation mit autistischen Menschen die Barrieren der Kommunikation und Interaktion zu kompensieren gezwungen sind.

Die im wahrsten Sinne des Wortes herrschende Ansicht ist allerdings eine andere und so ergibt sich für mich eine immer wieder auftauchende Dynamik der Traumatisierung (s. „seelische Verwundung“) in meinem Alltag, die sich auch noch einmal verschärft hat, seit ich weiß, dass ich autistisch bin.
Meine Bemühungen um Verstehen und Verstandenwerden passieren in aller Regel einseitig, weil mein autistisch sein als meine Behinderung angenommen wird. Etwas, das ich überwinden muss, um mit nicht autistischen und anders als ich neurodivergenten Menschen in einander verstehender Kommunikation „richtig“ zu funktionieren. Ich werde da mit etwas auf eine Art allein gelassen, die im Umfang ihrer Implikationen für mich unermesslich ist. Die Welt – das Außerhalbvonmir – ist damit eine nie versiegende Quelle von Schmerz, von Überforderung, von Not, von Ohnmacht und Hilflosigkeit und gleich meiner mich jahrelang quälenden Misshandlungsfamilie in ihrer Anmutung.

Und das tut weh.
Das tut wirklich weh und ist im Ausmaß nicht zu beschreiben.

Denn auch wenn ich weiß, dass ich am glücklichsten allein bin; dass ich weiß, dass ich mir selbst am meisten Vergnügen bereite und auch sonst immer und immer alles irgendwie auch allein schaffe (mich durch alles durch dissoziieren kann) so will ich doch auch vertrauen können, andere Perspektiven als meine er_leben, von anderen lernen, meine Kräfte schonen, indem ich Herausforderungen mit Unterstützung anderer Menschen bewältige und so weiter und so fort. Ich will leben. Nicht überleben.

Missverständnisse bedeuten für mich oft, von jetzt auf gleich völlig auf mich allein gestellt über_leben zu müssen. Sie sind mir Trigger für Erinnerungen an Vergangenes und reales Jetztgeschehen gleichzeitig und weil das so ist, hat dieser Text keine Punchline am Ende, die zu einem Like oder einem Klick auf den Share-Button führt, sodass mehr autistische traumatisierte Leute davon lesen können. Es ist wieder einfach nur gesagt. Aufgeschrieben. Ums zu sagen. Zu erklären. Zu zeigen, dass es passiert und dass es weh tut und ich nichts dagegen tun kann, weil grad einfach alles so ist, wie es ist und ich mittendrin bin und nichts und niemand – weder mein Wissen zu Trauma, Autismus, Menschen und ihrem Ableismus, noch irgendjemand, der helfen will, helfen kann.
Denn der Schmerz passiert in mir allein und alles andere ist Außerhalbvonmir.

R.

Erstaunlich ist, wie klar sie ist.
Ganz eindeutig ist Verzweiflung, die als Aggression gelesen wird, ihr Motor. Ohne Umschweife sagt sie, was sie aus_sagen will. Da ist kein Zögern, keine Pause, um die (soziale) Lage zu prüfen.
Wir sitzen der Therapeutin gegenüber, bis sie sich rausschält und sagt was ist, während ich noch nach Gedanken fingere, beobachte und überlege, mich in alle Richtungen absichere, keine Situation zu produzieren.

Ich habe schon oft gedacht, dass es merkwürdig ist, wie schief die frühen Hilfen gegangen sind. Sie hat nie irgendwas verschwiegen, hat nie irgendwas versteckt. Nie irgendwas verklausuliert oder anders gesagt, als sie das meint.

„Wie gut können Sie denn GoogleMaps – ich dacht, vielleicht brauchen Sie ewig, um da was einzugeben“. Während sie mit der Therapeutin über frühere gute Orte spricht, berührt mich das Trauma, das mich, uns Rosenblätter, hervorgebracht hat. Ich merke, dass ich ein Pflaster über viele von R.s Wunden bin. Dass sie es ohne mich nicht einmal ertragen könnte, ganz bewusst zu spüren, dass sie gerade mit „einem dieser Therapiemenschen“ spricht.

Zwischen unseren Leben liegen ungefähr 8 Jahre. 1, wenn ich mich nur auf die Rosenblätter als kompensatorisches System beziehe. Und doch ist es eine ganze Welt. Für sie ist jede Hoffnung auf Verstehen und Verstandenwerden tot. Sie sucht keine Freund_innen mehr, sie hat abgehakt, jemals nicht mehr (verlassen) alleinverantwortlich zu sein. Es ist gesetzt, dass nichts, was von ihrem „uns“ kommt, außen okay ist. Weder sie noch andere sind erwünscht, sie weiß das und spuckt auf die schmerzende Stelle. Sie kommt klar.

Wieder denke ich, dass es viel mit Performance zu tun hatte. Aggressiv gelesene Opfer sind schwerer als solche anzuerkennen. Es bietet keinerlei Raum für Mitleid oder Mit-Schmerz-Empfinden, wenn ein Opfer auf Rettung und Hilfe besteht, anstatt darum zu bitten und betteln.
Die Enttäuschung über den Entzug einer Unterstützung oder Hilfe und die folgende Überforderung und ihr Trigger in die Todesangst, bleibt viel eher unbemerkt. Jedes Helferversagen ist eine bestätigte Traumawahrheit mehr. Und zwar eine, die genauso nicht reflektiert und aufgelöst werden kann, wie jene, die in der ursprünglich traumatischen Situation nicht reflektiert und aufgelöst werden kann.

Die Erwachsenen haben an R. versagt. Das Hilfesystem hat an R. und ihren Schatten versagt. Jede Instanz außer sie selbst.

Die Therapeutin fragt, wie R. zu ihrem Ort kam und diese sagt, dass sie einfach über die Straße gelaufen ist. Die vierspurige Bundesstraße in der Nähe ihres damaligen Wohnortes. Und dass das ja das Ding war. Nach links war die Straße, nach rechts Bahngleise. Niemand außer ihr, war jemals da. Und würde jemand kommen, dann … – ich denke das nicht weiter, mir reicht es zu spüren, wie grundlegend gut sich diese Möglichkeit für sie anfühlt. Wie sicher.
Die Therapeutin sagt Dinge, die R. überfordern, da ihr Erfahrungswerte zur Analyse fehlen. Ich merke wie R. ihren, meinen, unseren Autismus nicht kompensieren kann. Sie nimmt, was die Therapeutin sagt, kann nichts damit anfangen und weiß sofort, dass es mal wieder nichts war, von ihr mal wieder nichts kam, was okay ist, weil es hilfreich ist. Ich kann keine Übersetzung zaubern, die ihr diesen Aspekt erleichtert. Weiß auch nicht genau, was die Therapeutin jetzt sagen wollte und was wir machen sollen. Die Stunde ist um, wir gehen nach Hause.

R. kommt klar, ich komme nicht mit. Merke, wie ich wieder als einzige Option übrig bleibe.
Sie ist weg und mit ihr alle Erinnerungen an die Gegend damals.

hier ist ein guter Ort

Ich gehe aus der Stunde und hab sie dabei.
Ich hatte am Ende gezogen. Wollte nicht gehen. Nicht so. Nicht jetzt. Nicht so. Hatte geredet, über Belanglosigkeiten, um daneben weiter in Anwesenheit der Therapeutin nach einem Ort zu suchen, an dem sie bleiben können. Einfach, damit ich sie nicht mitnehmen muss. Nicht jetzt, nicht so.
Ich bin noch nicht bereit, habe keinen Plan, keine Idee, keine Genehmigung von Innen für meine Reflexe. Nein, deine Vermeidungssuppe ess ich nicht, sagt R. und versperrt mir den Lösungsweg.

Ich habe keine Angst. Rede mir gut zu. Gehe auf S. Zehenspitzen durch den Abend.
Ihr Gestank drängt meine Suche an. Ich merke, wie nicht bereit ich bin. Wie ich kotzen will und nicht kann, wie ich weinen will und nicht kann, wie ich in die Praxis zurück will und nicht kann. Wie ich mehr Sicherheit, mehr Unterstützung möchte und nicht bekommen kann. Wie ich auf mich allein gestellt bin und mit jedem Moment, das Gewicht auf mir mehr wird.

Und dann, wie es wieder leicht wird. Wie ich aus der „Hannah-K. lässt sich ein“-Hülle rausschlüpfe und in die „Hannah-K. kriegt das schon hin“-Hülle reingehe. Wie ich den Impuls, mich gnadenlos zu überessen umschiffe, wie ich meine Mails checke, den nächsten Tag plane, den Sprachkurs mache, ein Video gucke, mich umdrehe und in die Leere meines Ich denke, bis ich einschlafe.

Am Morgen danach, das Gefühl des Versagens. Es geht mir gut, ihnen geht es schlecht, wir haben keinen Ort für sie, wir haben sie nur benannt. Innens und ihre Geschichten hochzuspülen und dann nichts mit ihnen zu machen, war noch nie hilfreich. Entweder wir, ich, versuchen sie zu fühlen und mit uns zu verbinden oder wir lassen sie im Schwan verschwinden. Für immer. Integration oder Dissoziation.
Zwischenschritte sind extrem schwer für uns. Die Woche zwischen den Stunden ist zu lang, wenn wir sie nicht irgendwo unterbringen bzw. mehr Abstand zwischen uns herstellen.
In der Zeit werde ich überschwemmt von Erinnerungen, mit denen ich allein bleiben muss. Manchmal, weil sie auszusprechen oder in irgendeiner anderen Form nach Außen zu bringen, das sichere Therapiesetting erfordert, manchmal, weil es Dinge sind, die nichts mit der Gewalt zu tun haben, sondern mit dem Lebenszeitraum, in dem es michuns noch nicht gab. Und ich nicht weiß, was es auslöst, wenn ich über diese Dinge spreche. Innerlich wie äußerlich. Falsche Nachfragen sind genauso gefährlich für mich, wie die falsche spontane Idee oder Frage oder darauf folgende Erinnerung.
Gefährlich, weil ich nie sicher vorhersagen kann, wann es mich raushaut. Aus meinem eigenen Er_Leben. Wann kann ich nicht mehr kompensieren. Wann greifen meine Strategien nicht mehr. Das weiß ich erst, wenn es zu spät ist. Ich bin nicht triggerfrei. Ich kann nur besser alltagsdissoziieren als andere von uns. Das macht mich nicht belastbarer als sie.

Ich schreibe der Therapeutin eine E-Mail mit einer Idee, noch während ich mit R. verhandle und dann auch sie wieder ganz deutlich spüre. Erneut gegen Brechreiz anatme, mich häuten, weg- in weißes Nichts – laufen will, denke: „Das ist mir zu viel so allein.“ und NakNak* auf meinem Schoß seufzt, während sie den Kopf auf die Tischplatte legt. Es ist mir zu viel, dass das Leben einfach so weitergeht und ich sie, die Anderen, bei mir habe.

Mit dem Klick auf den Sendebutton ist das alles wieder weg. Sie, R., die Erinnerungen.
Es ist Alltag. „Hannah-K.-kommt-klar“-Hülle. Ich kaufe Brötchen zum Frühstück und denke „Wenn ich das jetzt nicht aufschreibe, dann ist es für immer weg. Ich kann wählen, was mir wegfällt. Wer mir wegfällt. Welche Spuren ich mir lege, um in einer Woche wieder da zu sein, wo ich jetzt bin. Ich kann meine Hülle wählen. Zufall ist nicht zuverlässig.

Hier ist ein guter Ort für die „Hannah-K.-setzt-sich-mit-den-Anderen-auseinander“-Hülle.“

Oberflächenpsychoscheiß

Es ist weit nach Mitternacht. Ich kann nicht einschlafen. Hab schon geweint, mastubiert, getrunken, in 5 einhalb Stunden klingelt der Wecker zum anstrengensten Tag der Woche.
Bei Twitter retweetet @NetKlar Katrin Weßling und fragt: „Was tut ihr alles trotz Angst-/Angststörung?“. Und ich antworte „weiterleben“ und „Und: Tweets wie diesen stehen lassen“.

In der Küche piept die Spülmaschine. Das Geschirr ist fertig gebacken. Meine Kopfhaut juckt. Noch 5 Stunden bis zum Startschuss. Ich denke, dass mich dieser Oberflächenpsychoscheiß bei Twitter nervt. Bei Twitter und in den Blogs. Bei Instagram, bei YouTube. Symptom-Theater. Nichts weiter. Was machst du trotz deiner Angst? Die 5 peinlichsten Dinge, die mich meine Essstörung hat machen lassen. 10 Dinge, die mir bei der Selbstfindung geholfen haben. Der ultimative Tipp gegen Depressionen und Sucht. Meine Flashbacks sind so schlimm, aber ich bin ein starkes Opfer – meine Top 10 Skills.

Ich denke darüber nach, was ich alles trotz meiner Angst mache und denke, dass ich morgen zur Therapie gehe und etwas sage, das ich letztes Mal nicht gesagt habe. Obwohl ich weiß, dass ich das jedes Mal denke und dann doch nicht tue. Noch nie getan habe. Ich sage nie irgendwas.

Ich habe Angst und lebe weiter. Ganz absichtlich. Und niemandem kann ich begreiflich machen, was das bedeutet, weil es über Überwindung, Mut, Kraft oder Ambitionen und Ziele hinausgeht. Meine Ängste sind nicht meine Ängste allein. Sie sind auch meine Identität. Mein Ichwieichbin. Sie zu übergehen, ist mein ganz alltäglicher Selbsthass. Meine ganz alltägliche Gewaltanwendung mir selbst gegenüber. Das selbstverletzende Verhalten, das ich nie thematisieren kann, ohne eine Ohnmacht zu erzeugen, die unaushaltbar für die Menschen um mich herum ist.

Ich habe Angst und schreibe das hier auf. Hier. Und nicht in einer privaten Heimlichschublade, die ich bewachen und verteidigen müsste, damit sie privatheimlich bleibt. Weil es geht. Weil es eine Spur ist. Weil es zeigt, dass es mich gibt.

Noch 4 Stunden und 45 Minuten.
Was ich alles trotz der Angst mache. Das ist die falsche Frage, wenn man nichts ohne Angst macht.
Es ist eine Frage nach Funktionalität. Es ist Oberflächenpsychoscheiß. Warum hab ich drauf geantwortet.

4 Stunden 38 Minuten.
Damits jemand be.merkt. Irgendjemand.
Vielleicht schreibt irgendwann irgendjemand ja mal einen Instapost darüber. Hashtag mentalhealth staystrong keeponfighting

Grenzen

Vor 11 oder 12 Jahren war das Wort „Grenze“ etwas, das ich nur im psychiatrischen Kontext kannte. Grenze war, wo Pfleger- und Aerzt_innen stehen. Grenze war von Autoritäten konstruierte Fremdheit.
Dann machten wir die erste Traumatherapie in einer Tagesklinik und sollten mit einem Seil eine Grenze markieren. Mehr, als dass es um ein Seil ging und ich unangenehm leer aus der Sitzung taumelte, erinnere ich heute nicht mehr. Aber das Wort und Kenntnis um die Möglichkeit, Grenzen selbst herstellen zu können, sind geblieben.
Die Transferleistung in unseren Einsmenschalltag blieb damals völlig aus. Ich war nur in therapeutischen Kontexten. Mein Alltag war zu tun, was Therapeut_innen vorschlugen, Klinikroutinen mit meinen Routinen zu synchronisieren, die permanente Vermessung, Beurteilung und Kontrolle von Leib und Seele zu ertragen. Mein Alltag war, die Grenzen der anderen in mir durch meine Anwesenheit vor dem Außen zu schützen. Sobald wir die Klinik verließen, waren ich und meine Schatten nicht mehr und damit auch die meisten Inhalte aus Gruppen- und Kreativtherapien.

Es war die selbstbestimmte Psychoedukation und das zunehmende Bewusstsein für die Traumatisierungen in psychiatrischen Kontexten, die mich den Anderen näher gebracht hat.
Zwischen mir und den Anderen war eine Grenze. Ich war die Fremdheit auf der anderen Seite.
In den letzten Jahren haben uns aneinander gewöhnt. Sie sind mir nicht mehr fremd, ich bin ihnen nicht mehr fremd. Wir haben eine gemeinsame Grenze gefunden. Meine Schatten. Wir sprechen nicht über sie. Wir sprechen nicht mit ihnen. Und jede weitere Psychoedukation verwenden wir, um mehr Abstand zu ihnen zu bekommen. Wir nutzen meine Erfahrungen und die Kraft der Anderen, um eine Grenze aufrecht zu erhalten, das Fremde fremd zu lassen.

Wir haben gelernt unsere eigenen Grenzen zu umfließen. Es werden Ressourcen entwickelt, man verteilt sie bedarfsgerecht und schon verschieben sie sich. Nie stellen wir Bedarfe grundsätzlich in Frage. Niemals tasten wir an, warum eine Grenze da ist und ob es vielleicht nur die Grenze ist, die uns Fremdheit empfinden lässt. Vor der Therapie, weil wir sie als natürlichen Teil unserer Er_Lebensrealität nicht hinterfragten und nun, nach vielen Jahren in Therapie, weil wir mehr über ihre Natur wissen, als Praxis zu haben sie aufzulösen.

Doch heute leben wir nicht mehr allein. Wir spüren Grenzen nach außen, die gar nicht von uns kommen, sondern uns lediglich betreffen. Mit ihnen umzugehen ist eine Herausforderung. Denn es geht nicht darum, ob und wann wir sie übergehen, sondern um ihre Wahrnehmung und Einordnung als nicht akut lebensbedrohlich.

Die Menschen in unserem Leben heute sind keine Autoritäten. Es ist nicht nötig ihre Grenzen zu erahnen, zu erraten, aus sämtlichen Informationen, die sie verbal wie nonverbal produzieren, zusammenzurechnen und zu einem belastbaren Ergebnis zu konstruieren. Wir können sie einfach fragen.
Doch in dieser Neuheit sind wir nicht allein. Es ist schwierig eine Grenze zu benennen, die man selbst an sich noch nie gespürt hat. Man kommt nicht umhin, die eigenen Grenzen zu überqueren oder überquert zu erleben, um sie zu empfinden.

In dieser Auseinandersetzung merke ich, dass meine Schatten viel gemeinsam haben mit denen, die von den Anderen ins Inmitten verbannt sind. Ich sehe, wie die Nowendigkeit der Trennung jeder neuen Lebenserfahrung von den alten traumatischen Lebenserfahrungen, unsere inneren Grenzen verstärkt.
Jedes Mal, wenn wir feststellen, dass Heute Heute ist, stellen wir auch fest, dass meine Schatten und das Inmitten Früher ist. Vergangen. Weg. Nicht hier. Nicht heute.
Die Balance wird schwieriger, je fester wir diese Einordnung vornehmen.

Es kommt die Frage, wo die Grenzen der Balance liegen. Wo ist die Grenze mit der wir nicht mehr okay sind? Welche Grenzen müssen wir zu hinterfragen beginnen, um einander näher zu kommen?