Was “der Kampf gegen COVID-19” mit kollektiver Trauer zu tun hat

Dieser Text ist im Podcast „Viele-Sein“ als Audio verfügbar.

„In Zeiten von Corona“, lese ich im Moment oft.
Das erinnert mich daran, dass ich einen Text dazu schreiben wollte, was das eigentlich für ein Phänomen ist, wenn aus Ereignissen „Zeiten von“ werden. Und, dass ich mich fragte, wofür es wohl wichtig ist, dass wir uns jetzt alle ganz viel mitteilen, wie schlimm das jetzt alles ist. Wie heftig die Versorgungsnöte in Spanien und Italien sind, wie viele Tote, wie viele Kranke, wie viel Prozent Rezession zu erwarten ist und wie viele Millionen und Milliarden das kosten wird.

Für mich sind das keine relevanten Informationen, weil ich die Kontrolle, die damit zu erzeugen versucht wird, nicht ge_brauchen kann. Denn „In Zeiten von“ ist etwas, das mir etwas über eine Situation, die über einen langen Zeitraum hinweg passiert, sagt. „In Zeiten von“ ist für mich der Abschied vom Status quo. Der Normalität, wie wir sie kennen.
Ich weiß, dass es jetzt darum geht zu trauern. Dass jetzt ein Prozess einsetzt, der alle bekannten 5 Stadien der Trauer beinhaltet.
Leugnung – „Es wird mich nicht betreffen.“
Wut – „Ich will mich nicht wegen so eines Virus einschränken!“
Verhandeln – „Okay okay, also wir bleiben schön zu Hause und kaufen andern Leuten keine Nudeln weg und dann wird alles gut, ja?“
Traurigkeit – „So viele Menschen sind krank und sterben – und niemand weiß, wann es enden wird.“
Akzeptanz – „Es ist wie es ist, wir werden sehen, wie wir da durchkommen.“

Die Kontrolle, die man braucht, um heil durch eine schwierige, vielleicht auch traumatisierende Situation zu kommen, kann man nur aus der Akzeptanz heraus entwickeln. Auch dann, wenn es um eine langanhaltende Situation geht wie zum Beispiel eine chronische Krankheit, eine Epidemie, wie wir sie jetzt mit dem Coronavirus erleben oder auch Gewalt.er.leben über viele Jahre hinweg.

Es ist unsere Gewaltkultur, die uns oft glauben macht, man müsse gegen die Akzeptanz schwieriger Situationen ankämpfen. Man darf sich nicht reinbegeben in Trauer, man verhandelt nicht mit Feinden, ein kluger Kämpfer verleugnet keine Gefahren. Der richtig echte Kämpferheld und alle Powerfrauen dieser Welt, die sind wütend! Die ballern drauf, die boxen und beißen sich durch. Man verliert im Kampf, denn das ist der einzig würdige Verlust.

Kampfreaktionen sind okay. Aber die allgemeine Idee von Kampf ist eine sehr eng gefasste, da Kämpfe im Allgemeinen nicht als Teil von Konflikt, sondern als Teil von Konfliktlösung gedacht werden. Unter anderem deshalb leben wir nachwievor im Kapitalismus, weshalb wir derzeit in unseren Nachrichten so viel mehr Zahlen und Prozente sehen als Menschen und ihre Geschichten. Die erste Stufe der Konfliktlösung mittels Kampfhandlung ist die Dehumanisierung. Es sterben nicht Erna, Gisela und Lutz, sondern 3 Personen zwischen 65 und 85 Jahren. 3 Humaneinheiten, die man in Statistiken einpflegt, die wiederum beeinflussen, wie man Risiken berechnet, was zu Zahlen führt, die im Kampf gegen das, was zum Tod von Erna, Gisela und Lutz führte, noch nützlich sein könnte. Eventuell.

Es ist diese Eventualität, die dieses Vorgehen für mich nicht zu einer Quelle der Kraft macht. Das ist Taktieren mit Geistern und (eigenen) Illusionen. Rätseln. Hoffen, für Gewalt und enorme und in der Regel ineffiziente Kraftaufbringung mit Gewissheit belohnt zu werden.

„Gegen ein Virus kämpfen“, klingt schon so aberwitzig für mich. Immer, wenn ich in den Nachrichten vom „Kampf gegen COVID-19“ höre, stelle ich mir so einen Soldaten in voller Ausrüstung vor, wie er auf diesen miniklitzewinzigen Virus zielt. Obwohl ich weiß, dass es eine Metapher ist und sich die Leute, die da von Kampf sprechen, vielleicht eher ein ultra aggressives Desinfektionsmittel vorstellen – fast schon Säure – das man sich mit grimmiger Entschlossenheit drauf tut, um dann mit kräftigen Waschbewegungen das Virus zwischen den Handinnenflächen zu ZERSCHMETTERN.

Völlig Banane – aber! Es hilft eben auch, indem es eine Illusion erzeugt.
Eine, die ganz zwangsläufig ent.täuschen muss, denn es ist eben keine Realität. Die Realität ist, dass man nicht alles beeinflussen kann – egal, was für ein krasser Kampfhärtner man ist.
Man kann eine solche Situation der kollektiven Trauer auch nicht abkürzen, in dem man sie als eine solche negiert, denn das, was uns zu der Formulierung „in Zeiten von“ treibt, ist der Umstand, dass wir alle schon längst wissen, dass wir neben der Phase der Epidemie auch in der Phase kollektiver Trauer um das „Vor dem Virus“ stecken.

Nach der allgemeinen Quarantänezeit werden einige Leben verändert sein. Es wird neue Probleme, schwierige Lagen, eine Zukunft geben, die wir uns jetzt kaum vorstellen können.
Das macht vielen Menschen Angst.
Mir gibt es Kraft, um an der Akzeptanz der Situation zu arbeiten.

Für mich, die_r durch die Folgen der komplexen Traumatisierung nicht umhin kommt, schon oft und viel zu betrauern zu haben, gibt es auch eine 6 te Phase der Trauer.
Bedeutung – „Das ist passiert und das hat es bewirkt/mir mir gemacht.“

Übertragen auf die aktuelle Situation, finde ich das in Gedanken wie „Ja, jetzt wird endlich mal von mehr Leuten gehome offist, das wird später vielleicht hilfreich im Diskurs um Arbeit“ oder „Wow, wir machen gerade alle eine ganz ähnliche Lebenserfahrung (Ich werde nach dieser Zeit etwas mit anderen Menschen gemeinsam haben, auch wenn wir uns gar nicht kennen)“

Diese 6 te Phase hilft mir in und nach Therapiephasen, in denen wir Traumamaterial durchgearbeitet haben, mich den beteiligten Innens zu nähern und ihre Erfahrungen erst in meine (Idee von meiner) Biografie und dann auch in mich selbst zu integrieren.
Da hinzukommen, verlangt mir jedoch immer einen vollen Zyklus der 5 anderen Trauerphasen ab. Sonst habe ich nicht genug Kraft dafür und auch nicht genug Orientierung.
Akzeptanz schwieriger Umstände bedeutet, sich aus dem, was nach dem Verlust noch da ist, einen neuen festen Punkt zu etablieren. „Ja, das ist jetzt so.“, „Ja, das ist passiert, so siehts jetzt aus.“, „Das ist jetzt die Realität. – Ich kann mich noch ein Dutzend mal verlaufen, irren, ängstigen, in meiner Wut verlieren, aber die akzeptierte Realität kann mich halten und tragen. Ich kann mich auf Veränderungen einlassen, mich anpassen, sogar mich selbst und einige meiner Standpunkte verändern.“

Hier muss ich natürlich sagen, dass das genau ist, was man oft zu verhindern versucht, wenn man Gewalt oder auch schwere Krankheit oder den Verlust einer nahen Person erfährt. Es soll eine_n nicht treffen. Es soll nicht weh tun. Es soll nicht passieren. Es soll alles sein wie vorher. Es soll nichts verändern.
Aber das tuts. Immer. Einfach schon, weil es passiert.
Im Kleinen verändert sich immer alles jeden Tag und jeden Moment des Lebens. Leben ist Veränderung, Prozess, Werden und Sein gleichzeitig. Sich dagegen zu sperren, mag wie ein Kampf erscheinen und möchte auch gern befeiert werden, ist aber immer auch Teil eben jenes Prozesses, der eben doch alles verändert. Denn auch ein gewonnener Kampf ist eine Veränderung und bringt ein neues Später hervor. Manchmal auch ein neues Ich. Die Frage ist, mit welcher Energie, mit welchen Veränderungen man dann leben muss. Sind es welche, die ich dem Leben und der Welt – mir selbst – abgerungen habe und ergo mein Leben lang gleichbleibend kraftvoll und bis unter die Zähne bewaffnet verteidigen muss, ohne je müde werden zu dürfen? Oder sind es welche, die sich in Auseinandersetzung, Miteinander, Annäherung und entsprechend meiner jeweiligen Mittel und Möglichkeiten entwickelt haben und immer einfach weiter und weiter und weiter entwickeln werden, ganz so, wie ich dem folgen kann?

Ich bin nun zu diesem Text gekommen, weil mir aufgefallen ist, dass mir, uns, gerade hilft, was man Trauernden rät. Nimm jeden Tag, wie er kommt. Genieß, was du genießen kannst. Tu, was du tun kannst. Verankere dich in der Gegenwart. Bewege deinen Körper. Verbinde dich mit Menschen, die dir gut tun. Iss und trink, was dir gut tut. Ermögliche dir Erfahrungen, die dir ein ganz konkretes Gefühl von Kontrolle vermitteln.
Ich merke, dass ich mit jedem Tag, an dem ich mir das ermögliche und gebe, mehr Akzeptanz entwickle und mehr innere Konsistenz entsteht, die ich brauche, um die Erfahrung mit mir zu verbinden, in mein Leben zu schreiben und zu begreifen, welche Kontexte sie berührt und beeinflusst.
Ich merke mein eigenes Tempo und merke auch, dass ich mehr Kraft bekomme, mit Erinnerungen ans Eingesperrtsein umzugehen.

4 thoughts on “Was “der Kampf gegen COVID-19” mit kollektiver Trauer zu tun hat

  1. Eure Phasengedanken finden wir spannend. Vor allem wegen der Erweiterung. Dürfen wir an dieser Stelle weiter anknüpfen?
    Mit Phase sieben der Veränderung. Wenn ich erfahre, welche Folgen XY auf mich hat(te). Mich damit auseinander zusetzen, was bleiben und was sich verändern soll. Wie kann ich Handlungsfähigkeit generieren, um Veränderungen, Stabilität erreichen zu können. Durch so Heuteanker wie ihr schreibt. Tag genießen, was mag man essen. Damit man sich in Phase acht mit sich (im Erlebten, Bedeuteten,Veränderten) und der Welt als kongruent eingeflochten erleben kann.
    Hoffen, dass war nicht zu wirr. Nur nebenher wurde sich mit dem kleinen Außenzwerg beschäftigt. Man musste es aber auch gleich aufschreiben, nicht, dass es verloren geht.
    Vielleicht geht es auch noch weiter.. Nur erstmal soweit bis hierhin

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