in geheimen Schweigemantelschutzpanzertaschen

“Sie sind ein schwerer Fall”, hat uns in bald 15 Jahren Hilfekontext nie jemand gesagt.
Häufig hing die Frage im Raum “Wer soll die Verantwortung für diese hoch- bis chronisch suizidale Person übernehmen?” und schwang in einem Mobile mit den Faktoren “Hochbegabung”, “psychisch krank”, “DIS-Diagnose”, “Opferschutz”, “Bedürftigkeit”, “organisierte Gewalt”, “behindert” umher.

Wir wissen, dass wir durch unsere Geschichte mit Hilfen verkorkst sind und, dass es nicht leicht ist uns zu helfen.
Doch immer wenn das Thema “Hilfe für uns” neu aufkommt bemerke ich ein weiteres Stückchen, dessen, was wir Helfer_innen und auch Behandler_innen in den letzten Jahren abgenommen haben, damit sie sich als handlungsfähig empfinden können.
Man spricht zu selten über Übertragungen im Hilfekontext. Über das Phänomen, dass man selbst als Helfer_in vor den Problemen einer Person steht und sich ohnmächtig fühlt, weil keine der bekannten Handlungsoptionen zu greifen scheint.

Wir haben in den letzten Jahren ein Stückchen nach dem Anderen aus dem bedeutungschweren Mobile herausgetrennt und in geheime Schweigemantelschutzpanzertaschen gesteckt.
Als es um unsere schulische Aus_Bildung ging, verschwiegen wir unsere Probleme, die mit der Hochbegabung zu assoziieren sind.
Als es um unseren Ausstieg ging, verschwiegen wir Morddrohungen, genauso wie das, was wir mit “es kam zu einem Überfall in unserer Wohnung” umschreiben, damit niemand in die Situation kommt zu spüren, wie ohnmächtig wir uns selbst vor den Schutzlücken, die wir wahrnahmen, erlebten.
Wann immer es geht, versuchen wir in den Köpfen der Menschen Antistigmaarbeit zu leisten, indem wir so oft es vertretbar und okay ist sagen: “Ich bin nicht psychisch krank – ich bin psychisch belastet und leide darunter.”, damit uns die paar Menschen in unserem Leben nicht von sich weg und zu “professionellen Behandler_innen” weisen, wenn es uns schlecht geht. Denn unter etwas seelisch/psychisch zu leiden kennen viele – wenn nicht alle – Menschen gleich.

Wir belästigen niemanden mit unseren täglichen Furchtmomenten. Wir behalten unseren Ausdruck für Reiz_Schmerz für uns. Weil wir den ganzen Tag reden und kommunizieren müssten, um das nach außen zu bringen und nicht davon ausgehen können, dass man uns verstehen kann.

Dieses Herabpflücken von belastendem Material ist, als würden wir das Damoklesschwert über unserem Kopf kleiner machen wollen, anstatt zu fordern, man möge es doch bitte abhängen oder mit Stahlseilen aufhängen.
Als wir letztes Jahr beschlossen uns erneut um Hilfe für uns zu kümmern, dachten wir, dass wir jetzt bereit sein könnten um um Hilfe bei der Hilfe zu bitten.

Hilfe und Unterstützung dabei auszuhalten, dass Dinge geschehen werden, die uns traurig machen oder schmerzlich erinnern. Dinge, die uns bitter und zynisch erscheinen, uns ohnmächtig machen und uns in Erinnern an schwere Zeiten bringen. Vor allem aber geht es um Hilfe dabei die Dinge aus unseren Schweigemantelschutzpanzertaschen hervor zu holen und uns nicht mehr damit zu belasten, unsere Helfer- und Unterstützer_innen möglichst wenig mit uns und unseren Schwierigkeiten zu belasten, damit sie bei uns bleiben und uns nie sagen müssen: “Sie sind ein schwerer Fall.”.

Ich würde gerne nach innen geben: “Hey – wir waren nie ein schwerer Fall – wir wirken nur schwer, weil es sich andere leicht machen.”.
Aber, wie das so ist, ist die Erklärung für ein Empfinden noch lange kein Trost, sondern (und das gerade für uns) ein weiteres Bitternis.
Wir wollten nie an den Punkt kommen, an dem wir sagen: “Wir haben uns so lange für euch klein gemacht – ihr schuldet uns was!”, weil unsere Versuche uns klein und unanstrengend zu machen nichts sind, was in einem Kontext mit Schuld steht zum Einen und zum Anderen, weil die, an die wir uns heute richten schon längst nicht mehr die sind, vor denen wir uns kleingestückelt haben.

Unsere jetzigen Unterstützer_innen kennen uns nur mit vollgestopften Schweigemantelschutzpanzertaschen und seltsamen Hilfekontextverkorksungen.
Und ja – leider hätten sie jedes Recht sich von unserem Fall bzw. auch uns in Gänze zurückzuziehen, weil die Probleme scheinbar immer mehr und immer komplexer und schwerer werden, und das nicht ist, worauf sie sich zu Beginn eingelassen haben.

Es macht mir Angst, dass sie diese Option haben.
Und wir nicht.

das Bewerbungsgespräch

2:02, 5:18, 8:20
Wenn ich mich auf eines verlassen kann, dann ist es gewissenhaftes viel-zu-früh-aufwachen vor wichtigen Terminen. Es sei denn, ich verlasse mich auf ebenjene Gewissenhaftigkeit. Dann überhöre ich den Wecker oder vergesse gleich ihn überhaupt zu aktivieren.

Heute war ein wichtiger Termin. Der Termin mit dem Bewerbungsgespräch und dem Eignungstest zur Ausbildung zur staatlich geprüften gestaltungstechnischen Assistenz mit dem Schwerpunkt  Medien/Kommunikation.
Der erste Bewerbungsgesprächstermin mit Eignungstest überhaupt jemals.
Der Termin zu dem ich NakNak* mitnahm und einen Menschen hinzugebeten habe, um mich selbst_sicherer zu fühlen.

Gestern Abend kroch noch Furcht umher, ob wir unsere Assistenzhündin überhaupt wirklich mitnehmen, oder nicht doch wie üblich unsere Einzelkämpfer-Xena-Feuerlöwen-Power-Panzerung überziehen und einfach allein losgehen.
Doch das Aufwachen in der Nacht, die Therapiestunde gestern und die feinen Dissoziationsnebel, die mit der unerwarteten Menstruationsblutung kamen, erleichterten die Entscheidung.
Ja, – haltet es ruhig für auch cissexistischen Quatsch, wenn es um “kraftvolles weibliches Bluten” geht, aber ich hab mich sehr stark gefühlt in dem Moment, weil ich mich erinnerte, wie viel schweren anstrengenden Kram wir jeden Tag, jede Woche, jeden Monat nebenbei stemmen und einzelne Ereignisse, wie dieser Termin, nicht deshalb schwer für uns sind, weil es so viel bedeutet, oder so viel für uns davon abhängt, sondern, weil sie auch unüblich, schwer vorhersehbar und von uns selbst schwer zu beeinflussen sind.

Dinge geschehen, wie sie geschehen und wir kommen damit zurecht.
Ein besseres Signal uns daran zu erinnern, hätten wir an dem Tag nicht bekommen können.

Vor lauter Gewissenhaftigkeit waren wir auch zu früh an der Schule und bummelten durch ein Waldstück dahinter. Es war unheimlich friedlich und beruhigend. Ein Erbsenmoment in Ortsformat sozusagen. Wir beobachteten zwei Buntspechte, hörten Meisen und Rotkehlchen, sahen Amseln und Holzscheitstapel.

Zurück vor dem Gebäude hieß es „warten“. Während eine Person möglichst laut und allgemein raumeinnehmend Quatsch redete, tropfte Wasser vom Dach über uns.
NakNak* schnüffelte, guckte, schnüffelte, guckte und tat auch sonst nichts Aufregendes.

Dann gingen wir rein, suchten uns einen guten Platz und begannenen den Eignungstest.
Und dann meldete NakNak* den Krampfanfall, vor dem wir seit Jahren Angst hatten, dann aber doch noch nie passiert ist.
Wir verlieren nicht immer das Bewusstsein und auch nicht immer fallen wir um. Es sind schlicht plötzlich krampfende Muskel(gruppe)n und unkoordinierte Bewegungen. Ich atmete, wartete, atmete und deutete NakNak* auf meinen Schoß zu kommen. Der Krampf löste sich, ich atmete und widmete mich der Aufgabe, anhand zweier geometrischer Figuren einen Kontrast darzustellen. Ich schaute nicht hoch, guckte nicht, ob jemand guckt.

In der letzten Aufgabe ging es um einen passenden Bildausschnitt einer Szenerie am Meer.
NakNak*s Fell unter der leicht zitternden Hand, das Rauschen in den Ohren, das Meer vor Augen.

Atmen. Warten. Als eine der Ersten fertig sein. Atmen.
Zeit fühlen. Heute wissen. Jetzt schmecken.

Der Begleitermensch kam an. Das Ende der Testzeit wurde eingeläutet.
Wir redeten und überbrückten die Wartezeit zum Bewerbungsgespräch von einer Stunde.
Ich las die lieben Twitternachrichten. Freute mich. Fühlte mich nah. Irgendwie – so gar nicht, als würde hier etwas passieren, dem wir uns zu einer Zilliardennervenzellenkapazität widmen wollsollmüssdürfen.

Es ist einfach so passiert, wie es eben passiert.

Da ging die Tür auf, ich fasste drei Hände an und schüttelte daran herum. Lächelte, nickte, redete über mich, über die Abendrealschule, über viele Bewerbungen und erklärte, was “einfache Sprache” ist. Zeigte unsere Arbeiten und wurde mit Lob überhäuft.
“Ich hab ja fast Angst, dass wir Sie unterfordern”, sagte eine Person und ich antwortete, wie gut das für uns wäre. Einfach so. Hab ich das gesagt und wurde verstanden. Denke ich jedenfalls.

Wieder sagte jemand, es wäre “erbaulich” und “außerordentlich interessant” sich unsere Arbeiten anzusehen.
Und ich lächelte und ließ das Lächeln stehen.

Für den Prozess ist es egal, ob man darüber lächelt, weil es ein lustiges Bild ist, wie unsere Arbeiten Dinge “erbauen”, einfach, indem sie angeschaut werden und “außer_ordentlich (also: unordentlich) interessant” sind, oder als eine dieser rätselhaften Gesten, die Menschen eben machen, wenn ihnen andere Menschen so etwas sagen.

Es war schön rauszugehen und erwartet zu werden. Vom Begleitermenschen und all den ganzen vielen Menschenherzen, die uns heute die Daumen drückten und gestern auch ermutigt haben NakNak* mitzunehmen.

Es ist irgendwie neu, dass Dinge geschehen, wie sie geschehen, noch während andere Menschen mit uns sind, obwohl sie gar nicht da sind.

Und jetzt? Jetzt warten wir zwei bis drei Wochen und wissen mehr.
Egal, wie es ausgeht: für die Erfahrung war es gut.

und die Sonne scheint

Während hinter ihr ein langer Vortrag über eine aufregende Situation, die planvolles Handeln erschwert, doch nötig macht, vom Schlauberg herunterkullert wie geronnene Milch, scannt sie den Bildschirm und verfolgt das Bild der Podcasttonspur. Es ist eine Episode in Flieder mit einem sachte schwingenden Faden in Orange.
“Ich muss was tun, wenn wir hier durch sind.”, legt sie langsam und bedächtig neben die Hand an der Laptopmaus, “Ich glaub, sonst überreize ich.”.
Mit einem letzten Klick werden die Spuren zusammengelegt und gespeichert.

“Ich will was Schnelles und Wuchtiges.”, kräht es dicht neben ihrem Denken in den gemeinsamen Äther. “Ich will… ACHTERBAHN FAAAAAAAHN”.
“Is klar. Wer kennt sie nicht – die Achterbahn in der Nachbarschaft?”, lächelt sie und pickt dem Kerlchen neben sich auf die Stirn. “Such dir was anderes, Kleiner.”.

Sie entfaltet den Körper und schaut in das aprilhafte Wetter hinaus.
Unter der Haut summt es und das linke Augenlid zuckt unangenehm.

“Hör auf zu kratzen.”. Von hinten greift eine Hand in ihr gedankenverlorenes Pulen an einem neuen Pickel.

Am Türrahmen steht jemand mit dem linken Fuß auf dem rechten und zählt  auf: “Jacke, Schal, Mütze, Stulpen, Schuhe, Keksbeutel für NakNak*, Mittagessenbüchse, Handy, Portemonnaie”. Sie setzt Haken an jedes Stück und beobachtet das Jemand heimlich aus den Augenwinkeln.
“Guck weg.”, antwortet es mit einem Stachel in der Stimme.

“Äh kennst du das da wo so ne Rutsche is mit som Karuselldings und so?.”
“Kennst du deutsche Sprache?”
“Kennst du die Geschichte von dem Innen, das sich nicht bemüht hat ein bisschen offener und rücksichtsvoller zu sein?”, fragt es in ihren Hinterkopf hinein und kruschelt dem Kleinen durch die Haare. “Ist nicht so gut ausgegangen, weißt du?”.
Sie gehen spitzmäulig lächelnd auseinander.

“Ich weiß wo das ist, aber das ist ganz schön weit. Bis wir da sind haben wir vielleicht keine Kraft mehr für den Rückweg und den Abend.”. Sie schaut in die Runde und fummelt nervös am Jackenreißverschluss herum. Als niemand antwortet, beugt sie sich zu dem Jungen herunter und sagt: “Aber ich kenne noch einen Spielplatz mit Reifenschaukel. Das ist nicht schnell und wuchtig, aber wenn man die Augen zumacht ist es ein klitzebisschen wie Achterbahn.”, sie kneift die Augen zusammen. “Also jedenfalls wird mir da immer ein bisschen schwummerig.”.

Die Grummelsie grummelt und zappelt an der Tür herum. “Okay okay dann los jetzt.”.

Sie gehen schaukeln und sich schwummerig machen. Laufen 30 Kilometer zu Fuß. Weg.
Vorm Denken. Angst haben. Sorgen machen. Erinnern. Aufgeregt sein.

Und die Sonne scheint.

gute Sätze

Vielleicht war es die beste Idee, die uns bisher je gekommen ist, wenn wir darüber nachdenken mussten, was uns hilft, wenn wir mit unseren Aktivitäten zur Selbsthilfe nicht weiterkommen.

Die Frage: Was genau soll sich warum verändern? Worum genau geht es?

Wir haben irgendwann gemerkt, dass die ersten Kognitionen in schwierigen Zuständen die gleichen Kognitionen sind, die es in einer traumatischen Situation gab: Es soll aufhören. Bitte mach, das es aufhört. Jemand soll machen, dass es aufhört. Ich kann nicht mehr. Ich bin ausgeliefert.
In der Reihenfolge.

Wir haben aufgehört “Es soll aufhören” als Erstes festzuhalten, nur weil es ein klarer und fester Gedanke und Wille  inmitten von Ohrensausen, Flirren vor den Augen, einem Puls der mit seinem Wummern den Hals verengt und diesen Wahrheiten, die die Sprache verschlagen, ist.
“Es soll aufhören” ist ein Reflex. Sinnlos, wie die Arme schützend vor den Kopf zu heben und die inneren Stahlwände zuknallen zu lassen, wenn nur ein Erinnern an eine Bedrohung passiert.

“Es soll nicht mehr weh tun.” ist ein guter Satz.
Weil man sich fragen muss, was denn weh tut. Und ob es das wirklich tut. Und wenn ja, was die konkrete Lage ist. Was genau ist da, jetzt und hier, wo es weh tut?

”Es soll mich nicht mehr ängstigen.”, ist ein guter Satz.
Weil man sich fragen muss, wovor man Angst hat. Oder Furcht. Und dann kann man ein Rechenspiel machen. Eine riesengroße Wahrscheinlichkeitenmatrix kann man sich dann bauen. Und ist erstmal beschäftigt. Weil Rechnen hinter der Stirn passiert und Furcht in der unteren Mitte des Kopfinneren.

“Es soll nicht mehr verwirrend/verunsichernd sein.”, ist ein guter Satz.
Weil man sich erinnern kann, dass alles einen Anfang und ein Ende hat. Und hatte.
Dass die Welt ein Oben und ein Unten kennt, ein Gestern und ein Heute.

Irgendwann kam die Idee auf, von der Therapeutin versichert zu werden, ohne, dass wir länger mit ihr telefonieren oder um einen Krisentermin bitten müssen. Es entstand das Vorgehen, ihr einen Stein zu geben und ihn in der darauf folgenden Stunde wieder abzuholen.
Wir rufen an, sagen, dass wir das gern tun würden, sie sagt, wann das geht und wir fahren entsprechend los. Durch die bekannte Stadt, vorbei an bekannten Geschäften, umgeben von vielen kleinen Alltagswundern. Gehen zur Praxis, klingeln und sagen “Hallo”. Geben ihr den Eulenstein, sagen “Tschüss” und gehen durch den bekannten Wald zurück nach Hause. Wir atmen, wir teilen unsere Blicke und wuchern mit jeder vergehenden Minute mehr zurück in die Sicherheit des Augenblicks.
Weil sie uns sagen würde, wäre das Heute kaputt. Sie wäre nicht da, gäbe es das Jetzt nicht. Die Stadt würde anders aussehen, wäre es nicht diese Stadt.
Den Wald gibt es nur hier.

Es war die perfekte Idee um dem schlimmsten guten Satz zu begegnen.
“Ich will nicht allein sein mit dem Horror (nicht sicher zu wissen, ob er je aufgehört hat).”

Babythemen

Der Frühling naht, die Babythemen nehmen zu. Und die Diätwerbung auch.

In den letzten Wochen denke ich selbst öfter darüber nach, eine Planung für die nächsten 3 bis 5 Jahre zu machen. Weil ich mir diesmal wirklich Hoffnungen auf den Ausbildungsplatz mache. Und merke, wie sich diese Hoffnung auf eine Gastfamilie und die Therapie überträgt.
Wenn ich nicht gerade Angst habe, dass das alles wirklich klappen könnte und entsprechende Ressourcen von mir abverlangt, dann denke ich mir, wie das laufen könnte.

Wir gehen 3 Jahre zur Schule und können dann richtig gute Sachen machen, mit denen wir Geld verdienen können. Dann ist NakNak* 10 Jahre alt und vielleicht nicht mehr “Border Collie-aktiv” sondern “normaler Hund- aktiv”.
Ich könnte über eine Schwangerschaft nachdenken. Über ein über 9 Monate in mir wachsendes Organ, das ich gebäre und dann als “Baby” bezeichne. Dann begänne ein neuer Alltag, der sich über verschiedene Entwicklungsdekaden des Babys verändert und der wiederum von uns Ressourcen abverlangt, denen wir uns hoffentlich bewusst bleiben können.
Während all dem wird sich die Rolle unseres Seins und unserer Traumatisierung verändern. Und vielleicht denke ich deshalb genau jetzt gerade darüber nach.

Im Moment muss die Traumatisierung für vieles herhalten, was wir nicht können oder schaffen. Oft geht es darum die Traumatisierung als das zu erkennen, was macht, dass sowohl die Dinge die uns schaden, weil wir sie nicht verhindern (Selbstverletzung, Essstörung, diverse soziale Schwierigkeiten), als auch die Dinge, die uns schaden, weil wir sie nicht verhindern können (Arbeitsunfähigkeit im Sinne von Unfähigkeit in derzeit gegebenen Strukturen arbeiten zu können und deshalb auf Hartz 4 angewiesen zu sein) passieren.
Dabei ist es seltenst wirklich die Traumatisierung, die unsere Schwierigkeiten begründet, sondern unsere Versuche damit in einem spezifischen sozialen Kontext umzugehen.

Wenn man ein Kind gebiert, wird man zu einer Mutter und damit in eine soziale Rolle gedrückt, in der eine bestehende Traumatisierung und jedweder Umgang damit a) nur falsch und b) nur unzureichend sein kann. Weil Mütter allgemein in so ziemlich allem was sie tun in erster Linie als a) (auch) falsch und b) nur unzureichend gelten.
Obwohl und gleichzeitig gerade weil sie a) für alles rund um das Kind, sich selbst und ihren sozialen Kosmos (allein)verantwortlich sind und b) einem in aller Regel nur durch Kritik gestalteten Rahmen von den Erwartungen um das erfahren, was als “ausreichend” gilt.

Mutterschaft ist eine der sozialen Rollen, die man getrost als schizophren bezeichnen kann, ohne eine unangebrachte Pathologisierung vorzunehmen.
In unserer westlichen Gesellschaft ist Mutterschaft selten und dadurch etwas, das von Anfang an als etwas gilt, dass es zu perfektionieren und optimieren gilt. Und genau dort beginnt bereits die Arbeit daran Menschenkörper und ihre Arbeit am Wachstum eines Fötus zu kritisieren.

Wie oft lese ich in Foren von schwangeren Personen, die bei einem der tausend Checks und Tests und Untersuchungen im Hoheitsgebiet der Gynäkologie vom zu kleinen oder zu großen Fötus hören, von vielleicht nicht normgerechten Nackenfalten und so vielem mehr. Und dann sind da noch die ganzen Zahlen, die mit dem eigenen Blut in die Plasteröhrchen fließen, die vielleicht hier und da zu hoch oder zu niedrig, in den wenigstens Fällen aber einfach okay sind.
Und dann die Geburt. Unter der viele Menschen überwiegend Angst haben und nur wenige schlichte Neugier und Aufregung darüber, wie sie es schaffen mit der Herausforderung umzugehen.
Und dann die Menschen, die sich nie wohl fühlen können, weil sie permanent misgendert werden. Weil sie keine Frau sind und es doch niemanden schert, denn Schwangerschaft gilt als “Frauensache”.

Ich glaube, dass Schwanger- und Mutterschaft etwas ist, das, so wie es gerade behandelt wird, zu Gefühlen von „sich selbst fremd und fern sein“ führen kann und deshalb zwangsläufig zu etwas werden muss, dass sich unkontrolliert und fremdbestimmt anfühlt.
Und, weil es diese Abwertung bestehender ganz eigener Fähigkeit- und Fertigkeiten, wie Ressourcen gibt, auch noch das Gefühl, dass es eine stetige Kontrolle, Kritik und permanente Selbstoptimierung braucht, um überhaupt irgendwas annähernd in Richtung “okay” zu Stande zu kriegen.
Wie viele zu Eltern gewordene Menschen finden sich 10 Jahre später wieder in einer mittelgroßen Wohnung, in einem mittelsicheren Leben, in einem mittelständischem Bürgerleben und sagen: “Ich habe das nie gewollt.” – ohne sich gleichermaßen trauen zu können dem noch anzustellen: “Ich habe das aber gebraucht und ich brauche das auch jetzt um mich wieder neu zu entdecken.“

Ich schiebe meinen Kinderwunsch und meine Gedanken über das Leben in 3-5 Jahren nicht auf mein Alter und auf Hormone. Ich schiebe es auf mein Gefühl von mehr Sicherheit und mehr Nähe zur üblichen Norm, wenn ich mit einem Ein- und einem Auskommen rechnen kann.
Ich schiebe es darauf, dass ich in meiner Vorstellung mehr Optionen auf selbstbestimmte Entscheidungen habe, in denen ich mich von außen versichern lassen kann.
Wenn und falls ich das überhaupt möchte.
Und ich schiebe es darauf, zu wissen wie Wahnsinn funktioniert und wie wenig dieser in mir allein verankert ist, selbst wenn mir die ganze Welt das Gegenteil sagt.

Da ist ja nämlich auch noch die Idee vom Irre-sein als virulentes und vererbbares Ereignis.
Der Gedanke, eine psychische Belastung der Mutter übertrüge sich immer und in jedem Fall automatisch auf das Kind. Was übrigens ein sehr praktischer Gedanke ist, wenn man a) Kinder als hilflose durch und durch inkompetente und zum Selbstschutz unfähige Wesen betrachtet (sie in ihren Fähig- und Fertigkeiten also komplett missachtet und ignoriert) und b) die Mutter als mächtige Trägerin einer malignen Energie sehen will (noch jemand ohne Hexenassoziation?)

Und natürlich, wie immer, die Idee, dass eine Krankheit immer nur einen Hauptwohnsitz hat.
Es gibt zu wenig die sozialen Kontexte anerkennende Haltungen gegenüber Belastungen jeder Art. Ein Symptom ist noch keine Krankheit und nicht jede Krankheit zeigt sich in Symptomen an denen, die ein Leiden formulieren.

Wir leiden wie gesagt nicht unter der DIS. Wir leiden an den Traumaverarbeitungsversuchen unseres Gehirns, weil sie unser Er_Leben dysfunktional machen. Und darauf reagieren wir. Und so gestaltet sich unser Sein.
Es ist der Gestaltung des Seins anderer Menschen so so so ähnlich.

Es macht mich den Gedanken und Wünschen anderer Menschen so ähnlich.
Ich denke über eine Schwangerschaft nach, weil ich das gerne möchte. Ganz egoistisch. Weil ich neugierig bin, wie das so ist Mutter von einem lebenden Kind zu sein und die Entwicklung eines Menschen ganz direkt miterleben zu dürfen bis ich sterbe oder dieser Mensch stirbt. Oder ich es nicht mehr miterleben soll oder kann. Oder.

Die gesamte westliche Kultur um Mutterschaft ist nicht auf Menschen wie uns ausgelegt. Der ganze Zirkus in pastell und Schulddynamik meint uns nicht. Natürlich wird er nach uns greifen und natürlich gehen wir durch die gleichen Episoden wie ganz viele zu Müttern erklärte Menschen vor uns.
Aber wir haben nicht den Angstgegner “Schuld”, “Wahnsinn” oder “Isolation”.
Wir haben nur Angst vor der Angst.
Und wissen wie sehr uns das privilegiert.

Vielleicht ist das am Ende der einzige Unterschied, den die Traumatisierungen begründen.
Wir sind schon durch mit Schuld, Wahnsinn und Isolation.
Irgendwie.

Ich weiß es nicht.
Aber ich muss es ja auch noch nicht wissen. Im Moment kann ich einfach noch jede Menge Unkraut denken und in meine Fantasien mulchen.

(und noch mindestens 3 Wochen auf Rückmeldung zur Bewerbung warten T-T)

„Guck wie gut es dir geht!“

Am Dienstag begannen behinderte Menschen auf Twitter unter dem Hashtag #beHindernisse über ihr Leben und ihren Umgang mit Behinderungen zu schreiben. Es gab so viele Tweets zu dem Thema, dass es in den Twitter Trends auftauchte. Mitten drin – nichtbehinderte Menschen, die andere zum Lesen des Hashtags aufforderten mit: „Guck, wie gut es Dir geht“.

Ich bin behindert. Ich werde behindert. Mein Umgang damit ist Teil meines Lebens.

Unter dem Tag beschreiben behinderte Menschen, was ihre Barrieren sind, was sie tun und was sie nicht tun, weil es für sie #beHindernisse gibt. Dabei geht es immer um diese Menschen. Um Sichtbarkeit und darum, dass der tägliche Anpassungs- und Kompensationskrampf behinderter Menschen ausgesprochen wird – nicht darum, anderen Menschen zu sagen: “Guck, wie gut es dir geht!“

Ich lese bis heute sehr viele Texte sowohl von als auch über behinderte Menschen, in denen es überwiegend darum geht, wie sie mit “ihrer Behinderung” leben, wie “normal” sie leben, wie ganz alltäglich ihre Probleme und Sorgen sind. Am Ende soll man glauben, der behinderte Mensch hätte nichts weiter in seinem Leben als einen kleinen harmlosen Rollstuhl, einen ganz leicht zu vergessenden Hörschaden, einen spannend mysteriösen Autismus, eine Ladung gar nicht soooo bedrohlicher Kreuzallergien oder oder oder

Ganz wichtig in solchen Berichten:
1 ) die Behinderung ist begründet in der Person (die Person allein hat/“besitzt“ die Behinderung)
2) die Behinderung ist gar nicht so gruselig, sondern alltäglich
3) die Person macht sogar noch Dinge, “die nichts mit ‘ihrer Behinderung’ zu tun hat”

Man braucht sich nun nur ein paar Tweets konkret betroffener Menschen durchzulesen um merken: “Oh wait – diese einen Rollstuhl nutzende Person wird von Bordsteinkanten, kaputten Aufzügen, und Menschen mit Vorurteilen behindert.”, “Oh wait – dieser Mensch ist so gewachsen, dass er Sinnesreize anders verarbeitet als andere Menschen – die Behinderung ist das Missverständnis, das ganz zwangsläufig folgt, wenn das Gegenüber nichts davon weiß und es keinen gemeinsamen Umgang damit gibt.” und bäm! Vorhang auf und Konfetti in die Luft! – ist “die Behinderung” ganz klar kein individuelles Problem, sondern einer der vielen Marker für gesamtgesellschaftliche Missverhältnisse und Missverstehen dessen, was eine Behinderung nun eigentlich ist.

Folgendes wird klar, wenn man sich näher damit befasst:
1) ‚die Behinderung‘ ist etwas, das zwischen einem Menschen und seiner direkten (sozialen) Umgebung besteht
2) dieser Umstand ist nicht von Gleichberechtigung und -befähigung geprägt, sondern von völlig selbstverständlich hingenommenen Missverhältnissen – gruselig.
3) eine behinderte Person kann ergo nie wirklich Dinge tun, die rein gar nichts auch mit einer Behinderung bzw. der Kompensation einer solchen zu tun haben

Missverhältnis? Ja – Missverhältnis!

(Chronische) Krankheiten und spezifische Entwicklungen bzw. medizinisch als unüblich kategorisierte Entwicklungsformen von Menschen werden als persönlich privates Ding betrachtet und so soll auch der Umgang sein. Hübsch jede_r für sich allein – in ganz schweren Fällen – wenn es wirklich gar nicht anders geht! mit spezieller Fachkrafthilfe, in höchst privatpersönlicher Umgebung.

Was ausbleibt ist die Frage nach der Norm.
Dem, was wer warum als üblich einordnet und warum.

Als üblich oder „normal“ gelten genau eine Art des Gewachsenseins, eine Art des Befähigungsclusters, ein Set der Sprache dafür. Alles muss sich dieser Norm anpassen und daran orientieren. Darauf beharren okay zu sein, wie man ist und gefälligst auch so behandelt werden zu wollen, sich selbst zum Profi für die eigenen Bedürfnisse und Umgangsoptionen erklären und einzufordern darin auch von anderen Menschen anerkannt zu werden, Machtfragen zu stellen, gerade, wenn es um pflegerische und therapeutische Behandlung geht – das ist bis heute eine radikale Nummer. Vor allem in der Behindertenbewegung.

Warum?
Weil behinderte Menschen in vielen Fällen von anderen Menschen ganz global abhängig sind und klar ist: du solltest nicht in die Hand beißen, die dich pflegt, Hilfsmittel finanziert, Fähigkeiten einüben hilft und ganz erst recht – die Hand, die du erfassen möchtest, um gemeinsam und miteinander zu sein.Mal abgesehen davon, dass man als behinderte Person schnell als undankbar und “selbst schuld am eigenen Leiden” gilt, wenn man Hilfs- und Unterstützungsangebote kritisiert und/oder ablehnt. Um als behinderter Mensch radikal zu gelten, braucht es heute nur die selbstvertretende Forderung nach alternativen Hilfs- und Unterstützungsangeboten, die Menschenwürde und Selbstbestimmung wahren bzw. entwickeln helfen.

Wie wichtig aber genau diese Forderungen sind, zeigt sich für mich unter anderem in genau den Imperativen, die ich oben erwähnte. Behinderte sind nicht dazu da, damit du dich über deine Privilegien freuen kannst oder du mal wieder einen Anlass hast, dich in Dankbarkeit für den glücklichen Zufall zu üben, nicht im gleichen Maß behindert zu sein, wie die Person, die dich daran erinnert, dass du es nicht bist.

Behinderte Menschen sind nicht dazu da, dich gut oder schlecht zu fühlen.
Jede Behinderung hat auch mit dir zu tun.
Auch dann, wenn du selbst sie nicht als solche erlebst.

Jeden Tag #beHindernisse kompensieren zu müssen ist kein Einzelschicksal und kein allein individuelles Leiden. Jede Person kann jederzeit zu einem behinderten Menschen werden und braucht zu jeder Zeit andere Menschen, die mit ihr sind.
Sich erst einmal in Dankbarkeit für die eigene Funktionalität zu suhlen und andere Ablenkungsfelder zu beackern, lenkt nur von der Begegnung ab, die sich an einem respektvollen und achtsamen Miteinander im Hier und Jetzt orientiert und nötig ist, damit mehr als eine Entwicklungsform, mehr als eine Art des Funktionierens und so vieles mehr als üblich erfahrbar werden kann.

(erstveröffentlicht bei Kleinerdrei.org)

Diagnosen und gewaltvolle Ausschlüsse

Es gibt gerade so eine Debatte darum, ob nur als Autist_in diagnostizierte Menschen an prominenter Stelle für Selbstbestimmung, Inklusion und Barrierefreiheit sprechen dürfen oder nicht und alles hängt sich an der Wichtigkeit einer Diagnose auf.

Ich habe bereits letztes Jahr in der Mädchenmannschaft geschrieben, dass Diagnosen Machtmittel, bzw. die Termini “Gesundheit” und “Krankheit” Machtbegriffe sind. Wer auch immer, wie auch immer Hilfe und Unterstützung sucht, braucht, möchte – fast egal, worum es geht! – braucht eine Diagnose. Wer gerade keinen entsprechenden Krankenversicherungsschutz hat, wer aus Gründen jeder Art keine Diagnostik aushalten kann (oder überhaupt auch gar nicht die Fähigkeiten dazu mitbringt  bzw. Kompensationsmöglichkeiten aktivieren kann – auch diagnostische Verfahren sind nicht barrierefrei!), wer zu Recht das Stigma durch eine medizinische/psychologische Diagnose scheut, wer mit negativen Folgen in Beruf, Familie, Lebenskontexten zu rechnen hat – wird sich im Zweifel immer gegen eine Diagnostik entscheiden.

Und das ist okay!
Sowas nennt man auch “Selbstschutz” oder “Selbstfürsorge” oder “Umgang mit Behinderungen”

Für mich lesen sich Teile der Debatte wie folgt: “Ja, aber wenn dieser Mensch da doch gar kein_e Autist_in ist und diese Dinge sagt – dann könnte ja jede_r kommen!”
Ich kenne das auch aus der “DIS-Bubble”: “Ja, aber wenn diese Person da gar keine DIS hat sondern “nur ne DDNOS” oder “nur eine komplexe PTBS” – dann darf die jetzt hier nicht über einen Mangel von guten Traumatherapeut_innen reden und sagen, dass Menschen, die Gewalt erfahren haben, schlecht behandelt werden.”

Für mich sind folgende Punkte in dieser Debatte wichtig:
1) wer warum worüber wo spricht ist wichtig, weil Sichtbarkeit für bestimmte Themen wichtig ist, um Antistigmatisierungsarbeit anzustoßen
2) wer warum worüber wo spricht, bestimmen in aller Regel die Personen, die die Macht haben darüber zu entscheiden
3) diese Macht begründet sich in aller Regel durch eine günstige Position auf den Diskriminierungsachsen: Klasse, ‘Rasse’, Alter, Geschlecht, Befähigung, Berechtigung
4) diese Positionen führen dazu, dass bestimmte Perspektiven auf eine Problemlage zur Norm erklärt werden und jede davon abweichende als “fremd”
5) das “Fremde” zu betrachten fällt aus dieser Position heraus am leichtesten, wenn sie die bekannte (als “normal” gelabelte) Perspektive günstig, positiv, angenehm, verwertbar, mit wenig Schmerz und Eigenbeteiligung ergänzt
6) so wird sich folglich auch immer wieder den Stimmen gewidmet, die diese Marker erfüllen
7) und so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass minorisierte, mehrfachdiskriminierte Personengruppen, die obendrauf auch noch eine unbequeme Botschaft mitbringen, hinten drüber fallen und unsichtbar bleiben

Konkret heißt das: übers Down-Syndrom werden noch eine ganze Weile nicht die Menschen mit Trisomie 21 sprechen, die keine Lautsprache beherrschen und zusätzlich auch körperlich anders entwickelt sind. Über Autismus werden noch eine ganze Weile Menschen sprechen, die sprechen können, die den Stress des öffentlich wahrgenommen werdens kompensieren können – und nicht die, die nonverbal sind und 24/7 Unterstützung und Pflege brauchen, um in die Lage zu kommen selbstbestimmte Äußerungen über sich selbst tätigen zu können – einfach nur, weil ihr Leben, ihr Er_Leben und die Realitäten in ihrem Leben als “zu fremd” von “den Zuschauenden/Zuhörenden/Kund_innen/ der Zielgruppe” eingestuft werden.

Und dieser Umstand passiert noch vor der Frage: “Gibt es eine fachärztliche/psychologische Diagnose?”.
Die Wahl der öffentlich sprechenden Personen hat herzlichst Nullkommanullnix damit zu tun wie “echt” bzw. wie “wahrhaftig” das Problem ist, worüber jemand im Fernsehen, in der Zeitung, im Radio spricht, sondern damit wie “echt” bzw. wie “wahrhaftig” die beteiligten Journalist_innen und der Sender den Fall und das Problem einschätzen.
Manche sind da sehr akribisch, weil ihnen bewusst ist, wie groß der entstehende Schaden sein könnte, viele sind es hingegen leider nicht. Und wenn man sich den Medienbetrieb anschaut, weiß man auch warum.

Ich verstehe den Wunsch, gerade in der deutschen Behindertenbewegung, nicht mehr von nicht genau gleich betroffenen oder wenigstens gleich diagnostizierten Menschen vertreten zu werden. Ich finde es ja auch nicht gerade prickelnd als Mensch mit DIS von Popkultur, Psychotherapeut_innen und 2-3 Einzelpersonen vertreten zu werden, deren Perspektive teils maximal von meiner entfernt und alles andere als an strukturellen und/oder gesamtgesellschaftlichen Veränderungen orientiert sind.
Aber gäbe es das nicht, wüsste ich nicht welche Felder noch fehlen in der Debatte. Gäbe es diese Fürsprache nicht, wäre es noch schwieriger für mich auf Gehör zu stoßen.

Für mich ist es relevant zu schauen, ob es sich um (selbstvertretende) Fürsprache oder “Stellvertretersprech” oder “Statt-der-betroffenen-Menschen-Sprech” handelt.
Daran orientiere ich mich in meiner Kritik.
Es gibt genug Menschen, die gute stabile Fürsprache leisten und die man immer wieder um Kollaborationen bitten kann, um das Thema sichtbar zu machen. Das ist gut und wichtig, weil es einander ergänzen kann und nicht jede_r Aktivist_in alles gleichzeitig immer in jeder Ansprache unterbringen kann.

Bei “Stellvertretersprech” und “Statt-der-betroffenen-Menschen-Sprech” hört der Spaß für mich auf. Ich will keine “Downie-Mutter” mehr im Fernsehen sehen, es sei denn sie spricht über sich und ihren persönlichen Weg als Mutter eines behinderten Kindes.  Ich will keine Sozialarbeiter_innen in der Zeitung lesen, die unbegleitete jugendliche Geflüchtete betreuen – es sei denn sie lassen eine flammende Rede über die empörenden Zwänge ihres Jobs vom Stapel oder sie sprechen über ihren persönlichen Weg an der Seite von Menschen, die auf sie angewiesen sind.

Eine Diagnose zu fordern klingt für mich nach einem Ausdruck des Wunsches ordentlich vertreten zu werden, wenn man überhaupt schon fremdvertreten werden muss. Und ehrlich gesagt erlebe ich das als peinlich, weil man genauso gut gleich sagen kann, dass man selbst bitte irgendwo mal sprechen möchte, weil man sich durch seine Diagnose als “echt” und “wahrhaft” erlebt.
Hier ist ein Link zur Speakerinnen*-Liste. Tragt euch ein (wenn ihr eine Frau* seid), gebt es weiter, netzwerkt, aktivistet – irgendwann gibt es dann vielleicht die Möglichkeit.

Eine Diagnose kann auch falsch-positiv sein. Eine Diagnose kann vielleicht aufgrund nur eines (warum auch immer temporär oder latent) fehlenden Merkmals nicht gestellt werden. Eine Diagnose ist das Produkt dessen, was ein anderer (meist privilegierterer) Mensch beobachtet und in Kästchen abhakt – was ist, wenn der mal nicht richtig guckt? Wenn der mal einen schlechten Tag hat?
Eine Diagnose ist das Produkt einer Abhängigkeitskette und am Ende vielleicht ein wissenschaftliches Glücksspiel, das im Fall des Falls dazu führt, dass eine autistische Person als nichtautistisch eingestuft wird – und keine Hilfe erfährt, weil es die, die diese Person braucht, nur für Autist_innen gibt – und keine Ausdrucksrechte in der autistischen Bubble erfährt, weil diese nur den Glücksspielgewinner_innen zugestanden werden.
Das ist Gewalt und das ist für mich einfach nur abstoßend.

Wer Hilfe und Unterstützung braucht, soll sie bekommen können. Wer etwas sagen möchte, das helfen könnte und wichtig ist und besonders Menschen mit einem bestimmten Phänotyp und Problemcluster betrifft, der macht Fürsprache und die ist wichtig. Auch dann, wenn die Person sagt: “Ich als selbstdiagnostizierte_r Autist_in, Schizophrene_r, Depressive_r, Mensch mit DIS/DDNOS/dissoziativen Störungen, Zwangshandelnde_r … persönlich empfinde dies und das und das und das als Problem und finde es wichtig, dass sich darum gekümmert wird.”

Vielleicht ist es dran sich zu überlegen, warum genau so wichtig ist, dass nur und ausschließlich eine Diagnose dazu führt, dass man einen anderen Menschen als sich selbst (mit Diagnose) in seinen Problemen ähnlich, anerkennt und ernstnimmt. Vielleicht macht man sich mal Gedanken darüber, wie man ohne gewaltvoll zu sein miteinander umgehen kann.

Keine 5 Senderminuten sind es wert, Menschen, die warum auch immer keine Diagnose, aber die (fast) gleichen Probleme haben, auszuschließen.
Keine.

schwusch

Ich hatte gestern einen Schwuschtag. Schwusch – in die Stadt – Schwusch – Nähmaschine und beglaubigtes Zeugnis  abholen – Schwusch Bewerbungsunterlagen fertig machen – Schwusch – jemand Fremdem helfen, indem ich den Mund aufmache und spreche – Schwusch in einem Stoffladen stehen.

Stoff ist teuer – das Projekt hat eine klare Kostengrenze insgesamt. Deshalb haben wir uns zu zehnt in den Körper gequetscht und versucht eine Entscheidung zu treffen. Da war die die gut rechnen kann, aber das nicht glaubt und deshalb immer wieder prüft, ob sie den Stoffbedarf richtig errechnet hat. Da war der, der letztlich am Besten weiß, mit welchem Soff wir alle gut zurecht kommen, dessen Finger über die Ballenkanten glitt. Das Jemand, dessen Modell des Projektes sich vor meinen Augen um die eigene Achse drehte. Die, deren Blicke über die Muster sprangen und die, die zwischen Hinteruns und mir hin und her abglichen, was okay sein könnte und was nicht – während zwei andere die Umgebung im Blick behielten.

Und dann landeten wir in etwas, das frappierende Ähnlichkeiten mit der Teeparty des verrückten Hutmachers hatte: die cis weibliche Handarbeitsbubble, in die man herzlich hineingezerrt wird, auch dann, wenn weder cis Frau ist, noch Tee mag noch sonst irgendwelche Kapazitäten hat.
“Wie finden Sie diese Kombination?”, fragte die Person am Kassentresen mich und hielt zwei wild bedruckte Baumwollstoffe aufeinander, die eine Person, deren linke Hand auf dem Kinderwagen neben ihr ruhte, während die rechte sich gerade von den Stoffen löste, anscheinend zu kaufen überlegte. “Für eine Jungs-Babyhose – ist das doch süß, oder?”.

Selbst, wenn ich allein* im Körper bin, wären das Fragen gewesen, die so ein Krack-Schwusch in mir auslösen, weil:
– wie soll ich etwas finden, was die Frau mir doch direkt vorführt? – wenn ich nichts suchen muss, kann ich auch nichts finden
– was geht es mich an, was wer wie kombinieren möchte? – Ich mache doch meine Sachen selber, gerade, weil ich selbst alles bestimmen kann
– was zum Henker zeichnet welchen Stoff denn bitte aus um als “gut für eine Jungs-Babyhose” zu sein?
und wieso sollen Babysachen immer süß sein? Und wie geht “süß” in Kombination mit aufgedruckten Baggern und Feuerwehrautos?

Ich stand da und sagte: “Hä?”.
Weil ich super kompatibel bin mit solchen Situationen und auch sonst ein glänzendes Beispiel für intelligente Konversation.

Die Person, die mich ansprach, redete nun schwallartig auf die Person am Kinderwagen ein und es begann ein ganz eigenartiges Ballett, das sich selbst in Konventionen versicherte, noch während es sich hart darum bemühte extrem unkonventionell zu sein. Das Baby begann zu weinen, erntete einen sexistischen Spruch nach einer Ungemachsvermutung der versorgenden Person, “Jungs kriegen ja auch schneller mal kalte Füße” und plötzlich ging es um mich, die “wohl auch mal Kinder haben wird, ODER?”

Ich, die erst zum zweiten Mal überhaupt ever in so einem Laden war und eine ganze Menge Energie überhaupt schon dafür aufgebracht hatte und jetzt völlig zerfasert im Innen war, stand da und wusste wieder nicht, was zu antworten ist.
Später sagte mir meine Gemögte, dass solche Phrasen als inkludierende Gesten zu verstehen sind: “Sie wollte dich am Gespräch beteiligen.”.
Aha.

Ich wuchtete einen Ballen von dem Stoff, der zuletzt für geeignet befunden wurde, auf den Tisch und sagte: “Erstmal hätte ich gerne 1,50 mal 90 hiervon.” und klopfte mir selbst auf die Schulter.

Ich ging, ohne die Frage beantwortet zu haben und fragte mich, wie es kommt, dass ein Kinderwunsch von als Frauen kategorisierten Menschen als so selbstverständlich gilt, dass man ihn sogar an völlig fremde Personen heranträgt.
Natürlich ist mir klar, dass dies kein Moment für eine ehrliche Antwort gewesen ist. Schon gar nicht in meinem Fall – aber ich fragte mich am Ende schon, wie man sogar Stoff und seine Auswahl mit mehr als den Dingen aufladen kann, wie den Fragen und Konflikten, denen wir uns gegenüber sahen.

Ich meine: da sind die Fragen um die Produktionsbedingungen des Stoffes, der Maschine und ihrer Anteile, da sind die Marker zur Nutzung des Stoffes selbst, da sind die Aspekte der Verarbeitung und die Praktikabilität des fertigen Stückes und dann die Kosten-Nutzen-Abwägung in Zusammenhang mit dem eigenen Budget … so viele Dinge über ich viel lieber mit einem_einer Fachverkäufer_in gesprochen hätte, um eine ordentliche Entscheidung zu treffen.  Doch dann entpuppt sich diese_r als Eintrittsbegleiter_in in ein Normenland, das mich nicht einmal kennt bzw. sich fragt, ob ich eigentlich überhaupt wirklich bin, wofür es mich hält.

Nächstes Mal gehen wir jedenfalls in einen anderen Laden.
Das war mir zu schwuschig.

einer dieser Tage

Und dann sind da diese Tage, in denen man nicht dazu kommt zu merken, wie schlimm sie sind, gerade weil sie so schlimm sind. Erst als man im Bett liegt und unter dem Gewicht seiner Decken zu sich kommt, entsteht der Raum zu der Erkenntnis, dass sich vielleicht einfach noch nicht genug verändert hat, um wirklich anders werden zu können.
Und mit dem Gedanken, dass man sich selbst vielleicht noch nicht genug geändert hat, um Dinge neu und anders anzugehen, fallen die Augen zu und es beginnt ein Zustand, in dem dieser Gedanke die Herrschaft hat. “Du bist nicht okay, wie du bist.”; “Du bist nicht genug”; “Du bist falsch”; “Du musst anders sein, um die Welt ™ zu verändern”. Da greift etwas in mich hinein, reißt an etwas herum, das nicht zu mir gehört, krempelt mich auf links und klemmt meinen Kopf in eine Zange, die sich im schweißnassen Aufwachen, als die Kante zwischen Bettkante und Kommode entpuppt.

Wir verließen die Praxis unserer Therapeutin und versuchten die losen Fetzen der Stunde noch aufzufangen. Neben mir stieß ein Innen die Füße auf den Boden und sagte: “Ich hab versucht ihr zu sagen, dass ich mir nicht mehr ranholen kann, wie wir denken konnten sich Hilfe ranzuholen wär’s wert weiterzuleben.”. Ich nahm ihm die Füße ab und verlagerte die Energie des Innens in Gehgeschwindigkeit. “Sie hats nicht kapiert. Nichts von dem, was du gesagt hast, hat sie kapiert, noch von dem, was ich gesagt hab.”. Neben uns lief eine Gruppe Schulkinder durch die Straße und die kalte Wind britzelte in den Augen.

Manche Therapiestunden tragen unerwartet dazu bei Brücken in Ecken des Innens zu fühlen, zu dem wir sonst keinen Kontakt haben. Das ist unvorbereitet und spontan. Und meistens hat es Folgen, die im Nachhinein schwer nachzuvollziehen sind. Da ist plötzlich ein Innen, das sonst eher als wabernde Eminenz die Therapie oder das, was wir äußern, beeinflusst, mit mir in einem Gefühl vereint, das ich in früheren Zeiten als unbewortbar erlebt habe. Und dann ist das Ergebnis wieder so eine von diesen Wahrheiten, die sind und an deren Ende wir uns als allein am Rand der Welt empfinden.

Obwohl wir doch alle Regeln befolgt haben. Obwohl wir doch getan haben, was wir tun sollten. Obwohl wir doch mitmachen.
Nur eben leider nicht verstanden werden.
Wir versuchen uns in kürzeren Sätzen. Weniger Monolog. Wir haben uns in der Krisenstation dazu entschieden dieses kurze Denken zu kopieren. Weil: “Neue Wege – neue Methoden”. Wir wollen nicht mehr die sein, die ewig lange redet, weil sie denkt, sie wäre dann besser verständlich. Wir hören immer öfter einfach mittendrin auf. Lassen es und ziehen uns raus, wenn wir merken: “Wir greifen hier schon wieder mehr als das Gegenüber in den Besteckkasten.”.

Und genau das haben wir uns für diesen Hilfezirkus auch vorgenommen.
Immer wenn wir merken: “Ah – du hast dir 2 Löffel eingeplant, weil du heute noch einkaufen musst, weil du noch duschen aushalten können willst und, weil du noch Kraft für positive Ressourcen haben willst – und greifst jetzt schon nach dem dritten Löffel, weil die Person dir gegenüber nicht versteht.”, hören wir auf.
Erinnern uns daran, dass das Gegenüber ja auch einen Besteckkasten hat und warten. Und wissen: wir können nur warten, weil uns Menschen immer wieder so glaubhaft wie nur möglich machen wollen, dass sie uns unterstützen wollen, wann immer wir sagen: “Ich kann das nicht” oder “Ich brauche dabei/dafür Unterstützung”.
Am Ende müssen wir die Menschen beim eigenen Wort nehmen und sie damit überraschen, dass ihre Beteuerungen bei uns nicht links rein und rechts wieder raus gerauscht sind. Oder mit unserer Bereitschaft, ihnen zu glauben und krasser noch: ihnen zu vertrauen und sich darauf zu verlassen, dass sie uns die Wahrheit gesagt haben.

Vielleicht gehören wir zu den Menschen, die sich nur zu anderen hinwenden können, wenn sie hinter sich deutlich spüren, dass die Alternative das Sterben oder auch das “nicht mehr sein” ist. Was – obwohl es sehr ähnlich gelesen wird – etwas anderes ist und damit zu tun hat, dass wir schwer traumatisiert wurden.
Wir haben keine Angst vorm tot sein – wir haben Angst vorm “nicht mehr sein”, denn das ist, was die Gewalt früher so oft mit uns gemacht hat und so viel unaushaltbarer ist, als tot zu sein. Die Toten sind tot. Sie sind eben nicht “nicht mehr”.

Gestern war ein Tag, an dem wir zwei Dinge gemerkt haben:
Erstens: ein kurzer Satz wie “Ich kann das nicht” reicht nicht. Auch dann, wenn das Gegenüber – in dem Fall die Therapeutin – weiß, worum es geht, was es mit uns macht, wie groß die Belastung ist, wie massiv der Trigger ist. Es reicht auch nicht diesen Satz logischer machen zu wollen, indem man seine Umgangsoption mitteilt, die impliziert, dass man selbst nicht involviert ist – weil man es nicht kann.

Zweitens: Menschen mitzuteilen, dass man sich aus Diskussionen herauszieht, weil sie einen ganz grundlegenden Punkt der Argumentation seit einem Jahr einfach nicht kapieren, bedeutet nicht, dass man daraus auch entlassen wird (weil man genau diesen Punkt halt nicht kapiert und ergo keinen Grund sieht, die sich herausziehende Person dann auch in Ruhe zu lassen)
So der Fall im Fotokurs nach der Therapie.

Es gab wieder eine dieser Diskussionen darum, was darf Kunst, was darf Satire, was darf der Fotograf (sic!) und wo sind die Grenzen.
Da sitze ich mit 4 weißen als Männer kategorisierten Menschen in einem Raum und erlebe live mit wie die Jungen von dem Alten lernen, dass man nicht auf Kritik achten muss. “Wer nicht lacht hats nicht kapiert” und “*istisch sind immer nur die anderen aus ganz persönlichen Gründen”.
Es ist abstoßend und schlimm. Für uns. Weil Grenzen aufgeweicht und Verletzungen legitimiert werden. Es wird in Kauf genommen Gefühle zu verletzen, um sich selbst als “nicht langweilig” und “edgy” definieren zu können. Als jemand “der ja nur einen Witz machen will”. Und eben nicht auch als jemand, der missachtet, ignoriert und verletzt, weil er es kann und darf und ihm keine verbindlichen Grenzen sichtbar und einzuhalten wichtig sind – selbst dann, wenn sie aufgezeigt werden.

Für uns ist der Fotokurs nicht nur ein Sprungbrett in eine mögliche Zukunft im kreativen Bereich und eine Ergänzung zu sowieso bestehenden Ressourcen und Fähigkeiten – es geht auch um unseren Willen zur Desensibilisierung von Menschen. Wir wissen, dass wir uns an sie gewöhnen müssen, viel soziales Zeug lernen müssen und auch auszuhalten lernen müssen. Neben allem was das Handwerk “analoge Fotografie” bedeutet und von uns zu lernen wichtig ist, sind dort eben auch Menschengeräusche, Menschenwörter, Menschengerüche, Menschen, die plötzlich und unvorhersehbare Dinge tun, sagen, wollen, verlangen. Menschen, die triggern. Menschen, die überfordern. Menschen, die einfach sind und zwar ganz direkt in unserem Umfeld.
Wir wissen, dass wir da was aushalten müssen.
Die Frage ist nur: Wie viel wovon und wozu?

Für uns ist es keine Option zu sagen: “So sind sie halt – die Männer, die Jungs, die Menschen, die Lehrer, die Schüler … die Anderen”, weil das einfach zu wenig ist. Dafür kostet uns der Unterricht zu viel Geld und zu viel Kraft für Kompensationsleistungen und Aufrechterhaltung der Funktionalität. Dafür geht es uns auch einfach zu sehr viel schlechter nach solchen Diskussionen als den anderen Teilnehmenden.
Und am Ende: Wie eklig wäre es, würden wir uns selbst dazu triezen zu lernen uns zu desensibilisieren, wenn anderen Menschen ganz direkt in unserem Umfeld Gewalt angetan wird bzw. solche Gewalt als legitim bezeichnet wird?
Das ist doch nicht, wie Menschenmiteinander aussehen soll. Das ist doch nicht, womit uns beworben wird, dass sich das Weiterleben lohnt.

Wir haben den Kurs eineinhalb Stunden vor Ende verlassen.
Ich habe mich geärgert, meinem Lehrer den Brief nie zu lesen gegeben zu haben, weil ich Angst davor hatte, er würde sich bloßgestellt fühlen und sowieso gar keine Auseinandersetzung mit seinen internalisierten *ismen wollen. Vielleicht: auch gar nicht leisten können, weil er nämlich auf viele Jahre schauen müsste, in denen er Menschen verletzt hat und dachte, das wäre okay, weil er ja ein okayer Mensch ist, der niemanden verletzten wollte.

Ich will nicht immer die sein, die Menschen Dinge zeigt, die sie übersehen und aus dem Bewusstsein streichen, weil sie das können und ich genau eben nicht. In dieser Rolle ist man nämlich immer wieder die, die im besonderen Maße davon abhängig ist, wertschätzend und anerkennend behandelt zu werden. Passiert das nicht, erlebe ich Verletzung, Verlust von Privilegien und zwar ganz konkret, ganz direkt.
Und genau auch nicht, weil ich das nicht anders verdient habe – sondern, weil solche Gegenüber keine anderen Optionen nutzen sich selbst zu versichern, als eben über solche “Strafen”.

Ich merke, dass wir keine Umgangsoptionen kennen, die solche Situationen und sozialen Konstellationen befriedigend für alle auflösen. Denn befriedigend wäre für diese Gruppe nur sich keine Gedanken machen zu müssen und einfach nur zu hören: “Du bist okay – ich habe etwas Falsches gedacht/gesagt/verlangt. Hier ein Keks.”
Ich habe aber nichts Falsches gesagt/gedacht/verlangt.  Ich habe einfach nur etwas gesagt/gedacht/verlangt, das sie nicht verstehen wollen, weil sie nicht müssen und das für den Rest der Welt völlig okay so ist.

Wir haben noch 6 Termine dort. Und erwachsen und konfliktlösungsorientiert wie ich bin, plane ich uns zu jedem dieser Termine in die Dunkelkammer einzusperren und mir maximal ein “Hallo – schließt du bitte auf?” und ein “Bis nächste Woche” rauszuwürgen.
Ja.
Ich bin echt toll konstruktiv und konsequent in unserem  Plan sich irgendwie mal so richtig mit Menschen auseinanderzusetzen.

[slow clap]

Helferversagen führt zu Langzeitschäden

“Ach, wir werden uns da bestimmt nicht offiziell beschwert haben.”, dachte ich letzte Woche noch.
Dann habe ich das Abschlußzeugnisoriginal gesucht und fand: eine Reaktion auf eine Beschwerde an die Zentrumsleitung unserer ambulanten Betreuung im Jahre 2011.

Es ist nämlich so: Wenn man ganz viel Unterstützungsbedarf hat – damals waren es 7,25 Fachleistungsstunden in der Woche (ja: in_der_fucking_W O C H E_ ! ja nein sorry das muss man sich in den Kopf tun – ohne Quatsch jetzt) – dann ist das ein grober Fehler des Betreuungsanbieters, dem mit einem Termin wöchentlich, der dann circa 1-2 Stunden in Anspruch nimmt zu begegnen.

Manchmal fürchte ich, unser Helferding könnte sich lesen, als wären wir einfach irgendwie komisch verkabelt und hätten ein Problem damit anzuerkennen, dass wir immer wieder eher fragil stabil sind und sehr viel Unterstützung brauchen. Tatsächlich ist es so, dass wir unser fragiles Stabilsein eher als normal empfinden und wissen, dass Menschen ganz allgemein – egal ob das Helfende, Gemögte, Bekannte oder Fremde sind – mit allem was sie tun immer wieder daran rütteln und auch zu Instabilität beitragen.
Sind wir allein sind wir stabil. Nur leider eben auch: allein. Mit allem. Auch in den Momenten von Heilungsschmerz und damit einhergehenden Instabilitäten.

Uns ist durch verschiedene Dekaden des Helferversagens ein wirtschaftlicher Schaden entstanden. Und wenn man den zusammenrechnet (ja, das haben wir mal gemacht, weil wir dachten: Irgendwann petzen wir das mal an prominenter Stelle und dann wird alles anders  (süß ne? Ja. Naja.)  kommt man auf einen 4 stelligen Betrag. Und ja: Wir zahlen immer noch.  Nicht etwa irgendeine Versicherung, die genau für solche Schadensfälle da ist. Oder der Träger durch dessen strukturelle Misswirtschaft es überhaupt nur dazu kommen konnte.
Nein nein – das zahlen wir. Von Hartz 4 und Honoraren für Vorträge und Zeug.

Mit jedem Mal, das es um Betreuung und Hilfen für uns geht, machen wir uns nicht in die Hose, weil wir Angst davor haben, Dinge könnten sich für uns verändern. Vielleicht sogar zum Positiven. Sondern vor Angst, es könnte sich gar nichts geändert haben. Vor Angst, es passiert wieder oder noch schlimmer.
Vor Angst, dieses Gefühl so ein durcheinandergezerrtes Leben zu haben, das nie irgendwo wirklich reinpasst – in kein einziges Formular – in keinen einzigen Verwaltungsablauf, nie wieder loszuwerden.
Vor Angst wieder und für den Rest des Lebens diejenige zu sein und zu bleiben, die
“den Profis ™” eine Inspiration und Wissensquelle zur Verbesserung des Brotjobs ist und selbst nichts mehr davon hat, als eine Chance, die eventuell vielleicht dazu führt genau die Unterstützung zu erhalten, die gebraucht wird.

Was uns fehlt ist das Privileg des “Es nicht wissen”. Uns fehlt die Unkenntnis darüber, dass Hilfe für uns auch ein Geschäft ist. Dass es Menschen gibt, die ihr Dach über dem Kopf damit finanzieren, uns die Haare aus dem Gesicht zu halten, wenn ich mir Erinnerungen aus dem Leib kotze oder uns eine Hand hinzuhalten, wenn wir allein zu instabil sind, um in Balance zu sein.
Was uns fehlt ist die Bereitschaft, uns erneut zum Gegenstand einer Verwertungsmaschinerie machen zu lassen, der es am Ende egal ist und verdammt nochmal egal sein darf, wie sehr das weh tut. Wie groß der Schaden auch Jahre später noch ist. Wie kaputt sie uns gemacht hat und in ein Leben spuckt, das nichts mit uns anfangen kann.
Und ja – hier ist etwas vermischt, was nur allzu gerne getrennt betrachtet wird, um sich selbst niemals mit Täter_innen in organisierten Gewaltkontexten verglichen sehen zu müssen.

Mir tut das leid. Aber diese Parallele ist da. Und eigentlich ist es ein megasuperoberguter Therapiefortschritt von uns diese Parallele zu sehen und trotzdem dran zu bleiben. Trotzdem eine Trennung im Bewusstsein zu verankert zu halten, die es uns ermöglicht nicht zu vergessen, dass es ja vielleicht doch eventuell irgendeine Möglichkeit gibt, uns so zu unterstützen, dass uns Menschen nicht mehr so arg instabilisieren.

Was uns außerdem fehlt ist, uns rausziehen zu können aus diesem Prozess. Das spüre ich seit dem Anruf am Donnerstag sehr deutlich.
Wenn wir in den letzten 2 einhalb Jahren etwas verloren haben, dann ist es die Fähigkeit den Hilfe-ranhol-Schmerz zu tolerieren und über die Stiche der formalen Sprache über uns als Mensch hinweggehen zu können.
Wir schaffen es nicht mehr zu sagen: “So ist eben diese Verwaltungssprache.” oder “So sind die da halt in den Behörden.”, weil es uns vorkommt, als würden wir damit die Gewalt an und über uns an der Stelle legitimieren.

Nicht zuletzt auch, weil die Beschwerde, die ich gefunden habe, damals ja auch nichts gebracht hat. Da waren wir so badass of the doom und schreiben an die Leitung: “Hallo hier Riesending” und das abschließende Übereinkommen hielt: 2 Monate.
Es hatte nie wieder jemand danach gefragt. Keine Zeit, Dienstplan kacke, neue Betreuer, die von nichts wissen und und und

Wie geil wär das, wenn wir uns endlich einfach mal nur darauf konzentrieren könnten, Angst davor zu haben, es würde sich irgendwie komisch neu etwas zum Guten hin verändern. Wie krass wär das denn bitte?!