viele_s nicht sein

~ Fortsetzung ~

ein übler Effekt von künstlich verknappten Hilfestellungen ist die Notwendigkeit von Verknappung dessen, was man als Hilfebedarf äußert.

Wir hatten Zeiten, in denen wir sehr pflegeleicht, unanstrengend, unbedürftig waren.
Und nebenbei von 70 runter zu 60 zu 50 zu 48 Kilogramm auf 1,72m gingen. Einfach so. Ganz feder_pflege_leicht.
Es gab Zeiten, in denen wir keinen Hintergrunddienst anriefen und nebenbei lernten, wie man sich selbst Wunden nähen kann, ohne sich mit irgendwas zu infizieren. Es gab Zeiten, in denen wir unseren Betreuerinnen erklärten, was komplexe Traumatisierungen mit Menschengehirnen so anstellen und was es mit dem viele sein eigentlich so auf sich hat.
Unbezahlt. Natürlich.

Unser Körper wurde misshandelt und die Psyche verknotet, zerrissen, in die Luft geworfen und im Aufprall ausgelacht. Und sieben acht Stunden später saßen wir im Büro der Jugendhilfe, unterschrieben den Zettel zur Abrechnung nicht geleisteter Hilfen und hielten uns für ein verlogenes Miststück, weil uns die Betreuenden sagten, mit uns zu arbeiten wäre angenehm, weil wir zur Schule gingen, über die Zukunft nachdachten und etwas im Kopf hätten, statt Drogen zu nehmen, zu schwänzen, zu stehlen, uns zu prügeln.

Wir würden unseren Weg schon gehen, vermittelte man uns.
Irgendwie würden wir das schon schaffen.
Bis heute hören wir das.
Und bis heute sammeln wir regelmäßig unsere Kraft bis wir sagen können: Nein, tun wir nicht. Irgendwie, werden wir überleben – ja. Irgendwie, werden wir nicht blind vor Hass durch Behörden rennen und Menschen niederschießen – ja. Irgendwie, werden wir nicht blind, taub, starr in einer Isolationszelle landen, weil wir nicht aufhören können zu schreien – ja. Irgendwie, werden wir immer versuchen unseren so wahnsinnig hungrigen Kopf satt zu machen und dabei Dinge erschaffen, die andere Menschen erfreuen – ja.
Aber “es schaffen” – nein.

Wir haben kein Ziel – wohin sollen wir es also schaffen?
Wir haben keine Ahnung, was wir hier tun und wozu eigentlich – was sollen wir hier also eigentlich schaffen?

Es gibt dieses Bedürfnis in die Welt zu rufen, dass wir nicht eure* verdammte Held_innengeschichte leben. Dass wir nicht diejenigen sind, die bereit sind so zu tun, als wären die “sie hat so viele Qualen überlebt, aber sie war unzerstörbar und ist deshalb heute ein zufriedener Mensch mit Job, Familie und breitem Lachen überm Herzen” – Geschichten, die mehrheitliche Realität von Personen, die zwischenmenschliche Gewalt und Ausbeutung erfahren haben.

Wir wollen der von uns als so unbeteiligt, so ungeschlagen erlebten Welt da draußen zurufen, dass sie uns überfordert mit diesem Anspruch. Mit dem Anspruch an uns, unsere Überlebensstrategien unser ganzes restliches Leben lang beherrschen zu müssen, weil das so viel interessanter, inspirierender, so viel ermutigender ist, als das üblicher wahrgenommene Leben ohne existenzielle Bedrohungen.

Es gibt den Wunsch zu sagen, dass wir traurig darüber sind, dass immer wieder wir es waren, der unsere körperlichen wie seelischen Behinderungen aufgefallen sind und nicht den sozialen Welten um uns herum. Dass immer wieder wir diejenigen sind, die sich um Kompensationsmittel und –möglichkeiten bemühen, während andere – vielleicht viel befähigtere – Menschen daneben stehen und über all unsere Kraft “es zu schaffen” Applaus klatschen oder auch genervt davon sind, dass wir schon wieder eine special Extraschleife fahren (müssen).

Es scheint uns manchmal, als hätte man es lieber,  dass Gewalt ohne Spuren vorbei geht. Es scheint, als hätte man es gern all die grausamen Details unserer Misshandlungserfahrungen zu lesen, doch nicht die Details über die Grausamkeit dessen, was als Hilfe zu bezeichnen wir so lange gezwungen waren.

Heute besuchen wir die Kunstschule und merken: “Verdammte Axt – wir sind tatsächlich sehbehindert.” und stehen vor Fragen wie “Kann man als sehbehinderte Person eigentlich eine gute* Künstler_in sein?” und “Welche Mittel und Wege gibt es, unsere Behinderung zu kompensieren?”
Stehen vor der inneren Frage: “Verfolgen wir diesen Wunsch uns die Welt mittels eigens gemachter Bilder anzusehen weiter oder lassen wir das, weil es uns zu viel Kraft kostet runterzuschlucken, dass wir mal wieder nicht die gleichen Bedingungen, Mittel und Wege zur Nutzung haben, wie die Mehrheit der Menschen dort?”

Ich bin es leid für andere zu sein, was und wer ich nicht bin.
Viele Menschen, die bloggen oder allgemein im Netz sichtbar sind, schreiben das irgendwann. Irgendwann kommt immer der Punkt, an dem man schreibt: „Hallo- du kennst mich nicht. Du liest nur meine Texte, du siehst eine Filme, meine Fotos – du bist Zuschauer_in und nicht meine Freundin, auch wenn dir das anders vorkommt.“.

Wir denken oft darüber nach, ob wir einen Teil unserer (Re-)Traumatisierung im Hilfesystem über das Bloggen reinszenieren, denn es ist genau dieser Aspekt des Angeschaut, doch nicht gesehen werdens, der uns viele Situationen hat unaushaltbar werden lassen und am Ende immer neue Innens hat entstehen lassen.

Wir leben mit einer tertiären DIS. Das bedeutet wir haben nicht eine Person, die den Alltag lebt und amnestisch für traumatische Erfahrungen ist und viele andere, die das nicht oder nur teilweise sind; sondern mehrere Alltagssysteme, die so oder so ähnlich aufgebaut sind.
Wir funktionieren wie ein Desktoprechner. Das Gerät sind wir als Einsmensch, der Desktop ist das Bewusstsein selbst und alle Ordner und Programme darauf sind wir Innens.

Wir haben uns durch den Ausstieg gespalten und damit unsere Festplatte geteilt. (Ja – ist nochmal was anderes).
Weil während des Täterkontaktes, ständig Bereiche unseres Betriebssystems ansprangen, die nicht zu vereinen waren mit den Funktionen, die uns abverlangt wurden (zum Beispiel zu überleben, aber auch: Therapie machen, Schulabschluss machen, ignorante Betreuungen und soziale Isolation ertragen), wurde es nötig alles, was im Innen mit der Lebensrealität unter Täter_innen verbunden war (ist), abzuspalten.
Nicht alle Spaltungen, die wir in uns haben, haben wir selbst gemacht und selbst, die die wir selbst gemacht haben, wie jene über die ich gerade schreibe, funktionieren nicht, ohne den Druck, den existenzielle Bedrohungen bzw. die Angst vor existenzieller Bedrohung auslösen.

Während unserer Ausstiegszeit befanden wir uns in einem so schweren Beziehungskonfliktgeflecht, dass es nicht anders ging.
Unsere Gemögte kümmerte sich aufopfernd um uns – und wir konnten (und sollten) nichts davon zurückgeben. Die Schuldgefühle waren (und sind bis heute) toxisch und mit ihr unlösbar, da sie sie nicht erlebte. Die Kontakt brach nicht zuletzt auch darunter zusammen.
Unsere Betreuerin hatte uns zu ihr geschickt, weil sie keine andere Option kannte, uns zu schützen. Die Gefühle des Abgeschobenwerdens, waren (und blieben) toxisch und unbesprechbar, weil sie bis heute das Drama, in dem wir lebten nicht begreifen kann.
Unsere damalige Therapeutin und die Neurologin, taten was sie konnten und das war nicht genug, denn sie haben uns immer wieder auf uns selbst zurück geworfen – obwohl wir bis heute nicht klar haben wer oder was wir eigentlich (noch) sind.

Wir wussten nicht, was wir machen sollten. Wir wussten nicht, welche Kapazitäten wofür eigentlich in uns drin sind.
Für uns klang ihr Verhalten uns gegenüber wie das lapidare “Ihr werdet das schon schaffen”, das wir von allen, die sich nicht mit uns und unserem Überlebenskampf belasten wollten oder konnten oder durften oder sollten, zu hören bekamen.

Wir haben getan, was alle Kinder tun, wenn sie merken, dass sie etwas bestimmtes tun oder lassen sollen, um zu bekommen, was sie brauchen oder wollen. Und wir haben eben die Innens weggesperrt, die niemand wollte: die täter_innenloyalen, pseudoreligiös lebenden, “bösen”, nicht mitgemeinten, unartigen Innens (die immer wieder Kontakt aufnahmen).
Wir haben über Monate hinweg Schmerzen gehabt, für die es keine Worte gab und über die wir ergo auch nicht gesprochen haben.
Und dann waren diese Innens “weg”, der Kontakt zu Täter_innen blieb aus und wir durften (zur Belohnung quasi) weiter Therapie machen, in die ambulante Eingliederunghilfe für Erwachsene wechseln, die Schule beenden, die ersten Jobs machen, die Pflegestelle anfangen, den Hund halten und die Art normales Leben leben, das uns irgendwie normal vorkam.

Bis zu dem Unfall bei dem ein Welpe vor unseren Augen von einem Pferd zergetreten wurde und auf unserem Schoß im Auto auf dem Weg zum Tierarzt starb, hatten wir ein Leben, in dem es so lief das man sagen konnte, wir würden es gut schaffen zurecht zu kommen. Das Ziel war unbekannt und für uns war es tatsächlich egal. Wir hatten ab und zu Heimweh, fühlten uns einsam und merkten, dass wir inaktiv und dick waren, aber es gab keinen Anlass mal zu schauen warum das so war.

Wir hatten unsere gesamte Bedürftigkeit, die mit dem Ausstieg und seinen Folgen zusammenhing weggespalten, weil niemand in unserem Leben in der Lage gewesen wäre, uns dabei zu helfen das zu ertragen.

Der Unfall mit dem Welpen brachte Risse in diese dissoziative Barriere, unsere therapeutische Begleitung ließ uns fallen und es kam wie es kommen musste. Wir brachen mit allen und allem, bis auf jene, die nah aber nicht mittendrin waren, zogen um, verließen das Hilfesystem und kämpften für die Aufrechterhaltung der inneren Zweiteilung unseres Inmitten.

Niemand versuchte wirklich uns zu halten und wir fühlten uns erneut darin bestätigt für jene, die auch fürs Halten bezahlt werden, zu schwer, zu viel, eine Belastung, um deren Wegfall man froh war, zu sein und nicht die junge Frau, die nicht weiß, wo oben und unten ist, die keine Ahnung hat, was sie mit sich machen und wozu sie leben soll, weil sie sich das aus Versehen weggespalten hat, die wir nun einmal doch waren und bis heute sind.

Innerhalb von 4 Monaten nahmen wir um die 40 kg ab und begannen eine neue ambulante Therapie, mehr aus dem Wissen heraus, dass wir uns tothungern würden, wenn wir nicht von irgendjemandem aufgefangen werden würden, als mit einem klar in uns definiertem Ziel.

Heute empfinde ich Mitleid für uns deshalb, weil ich denke, dass andere Menschen in unserer damaligen Situation vielleicht nicht das Gefühl gehabt hätten in Lebensgefahr zu sein, weil es keine Hilfe, keinen Halt, kein Wissen um das Morgen und das eigene Selbst gibt.

~ Fortsetzung folgt ~

viele_s sein

~ Fortsetzung ~

Oft ist es so, dass es Diagnosen braucht, um soziale, psychologische, psychiatrische Hilfen zu erhalten oder Unterstützungen zu beantragen. Manchmal reicht aber auch die Formulierung von Schwierigkeiten bzw. von Hilfe- /Unterstützungsbedarf. Dann machen die Köpfe der Verantwortlichen die Diagnose (im Sinne von: die Schublade) eben allein.

Für uns war die Formulierung von Hilfeplänen in der Jugendhilfe oft schwierig. Offensichtlich hatte die teilstationäre Jugendhilfe unsere Angaben zu Gewalterfahrungen, die aktuell stattfanden, genauso wenig bewusst, wie den Umstand, dass es uns immer wieder belastete, mit der Stadt aus der wir weggelaufen waren und auch mit der Familie* im weitesten Sinne in Kontakt zu kommen.
Aber ein Hilfeplan muss ja geschrieben werden. Und Extrawürste wie Amtshilfe, die Übertragung unseres Falls in die neue Stadt oder die Formulierung des Bedarfs und der Entwicklung, die stattfand, allein auf dem Papier, ach – wer hat denn die Zeit und das juristische Fachwissen, da hinterher zu sein?

Meine Betreuer_innen hatten das nie, obwohl ich später auch noch Betreuende kennenlernen durfte (und bis heute immer mal wieder darf) für die das eine Belastung ist und die sich immer wieder bemühen, Schlupflöcher, Mittel und Wege zu finden, ihre Klient_innen zu schützen und im Ganzen zu unterstützen.

Meine Jugendhilfebetreuung hatte diese Zeit auf jeden Fall nicht. Zwischen 24 und 29 Fachleistungstunden für unsere Betreuung wurden regelmäßig bewilligt – tatsächlich getroffen habe ich meine Betreuerin einmal in der Woche (zum Einkaufen – nicht jedoch um zu lernen und zu begreifen, wie ausgewogene Ernährung oder allgemeiner noch: ein ausgewogenes Geldkontingent aussehen könnte). Ganz zu Beginn der Betreuungszeit kamen auch Betreuer_innen zu uns, um Krisenmomente zu überstehen und irgendwann gegen Ende der Betreuungszeit mal hier mal da eine Stunde zum Kaffee trinken.
In Anbetracht der Tatsache, dass es sich um Eingliederungshilfen handelte: ein verdammter Witz, weil die Frage nach unserer Eingliederung einfach nie eine Rolle spielte.

Es war wichtig, dass wir einen Realschulabschluss machten und für uns schien ein Schulabschluss zwischendurch wie der heilige Gral, der unser Leben in der Zukunft sichern und verschönern würde.
Als ob.

Für viele Menschen ist das Wort “Täter_innenkontakt” zu abstrakt um zu begreifen, was sie eigentlich von Menschen, die damit zu tun haben, abverlangen, wenn sie ihnen das Agieren in einem System zur Bedingung machen, in dem so etwas nicht existiert.
Weil wir viele sind, konnten wir das und ja – das ist spezifisch fürs viele sein.

Wenn ich damals den gleichen Bewusstseinsgrad wie heute über die brachiale Gewalt, die wir in der Zeit erfuhren gehabt hätte, hätte ich keinen einzigen Schultag geschafft, geschweige denn die regelmäßige ambulante Therapie, in der wir zu der Zeit saßen und rückblickend nichts als Kriseninterventionen gemacht haben, um das eigene am Leben sein auszuhalten.

Für mich ist es gerade schwierig darüber schreiben, weil mir klar ist, was für ein Skandal da eigentlich passiert ist. Ich war betreut – da war eine Institution damit beauftragt, dass ich ins Leben und die Gesellschaft eingegliedert werde – letztlich eine staatlich bezahlte Instanz, die die sozialen Aufgaben einer Familie übernehmen sollte.
Und dann ist der wöchentliche Termin eine Fahrt zum Marktkauf um die Ecke und ein zwei mal im Monat ein Kaffee, statt die Auseinandersetzung damit, welche Auswirkungen der Täterkontakt und die Anpassung meines Selbst (und auch meines Körpers) auf meine Eingliederungsfähigkeit, meine Alltagsfunktionalität, meine (seelische) Gesundheit hat oder die Erprobung von Optionen zur Einbindung meiner Person in soziale Kontexte.

Mir ist bis heute ein Rätsel, was mein Anteil an dieser Katastrophe war. War ich nicht deutlich genug? Wäre das überhaupt meine Aufgabe gewesen? Wurde mir nicht geglaubt oder wurde viel mehr einfach nicht begriffen, was ich sagte? Hätte ich mehr fordern sollen? Von wem und wann?
War man überfordert? War der Eingliederungsauftrag der falsche Ansatz für mich? Hätte ich mich woanders betreuen lassen sollen?

Wir waren eine 18 Jahre alte Person – die aufgrund organisierter Gewalt einmal quer durchs Land gezogen war – die regelmäßig suizidal wurde, wenn es Hilfeplankontakt in die Herkunftsstadt gab – die angab regelmäßig misshandelt zu werden
Aber wichtig war der Realschulabschluss.

Die Amtshilfe wurde einmal beantragt und mit einem formlosen Schreiben vom Jugendamt unserer Herkunftsstadt abgelehnt, weil “darum”. Eine Anzeige zu erstatten hätte mehr psychische Stabilität und innere, wie äußere Sicherheit erfordert, die uns zum Einen die Betreuung nicht bieten konnte (selbst als bei uns eingebrochen wurde, um uns in der Wohnung aufzulauern, war die Alternative eine verwahrloste (wirklich fast Messie-) Wohnung dessen Vorbewohnerin rausgeflogen war) und zum Anderen vom Staat vermutlich gar nicht erst angeboten worden wäre.

Der Zeitmangel meiner Betreuungen und diverse unterlassene juristische Wegbeschreitungen hatten für mich die Konsequenz von (über die Jahre grob überschlagen) insgesamt etwa 4.500€ Schulden bei Behören wie der GEZ, der Stadt und dem Jobcenter, die ich allesamt von meiner Grundsicherung bis heute abbezahle.
Seit 9 Jahren erhalte ich nicht den vollen Satz Grundsicherungszahlung, weil meine Betreuenden weder juristisch aktiv sein durften bzw. mehr als einmal diversen Meldungspflichten nicht fristgerecht nachkamen, noch weil ich gründlich über die Handlungsoptionen innerhalb gesetzlicher Betreuungen aufgeklärt war.

Heute bin ich gesetzlich betreut und traue mich nach 6 Jahren endlich wieder ohne Kloß im Hals meinen Briefkasten aufzumachen, weil ich weiß, dass dort jemand gerichtlich verpflichtet ist, die Kapazitäten aufzubringen, die die Verwaltung meines Lebens erfordert.

Man machte uns in der Jugendhilfe oft den Vorwurf, wir würden ständig Schach-Matt-Situationen produzieren und ja eigentlich auch gar keine Hilfe wollen, denn sonst würden wir das ja nicht machen.
Dass wir reagierten und gerade in den ersten 3 Jahren eigentlich gar nichts anderes taten, als wie ein reaktives Hörnchen um unsere Leben zu kämpfen, spielte dabei keine Rolle. Schließlich traten wir vor diesen Menschen ja auch immer mit einem Anliegen im Gepäck auf – verlangten und forderten ja etwas, das sie nicht geben konnten.

Und können, können tatsächlich die wenigsten Helfer_innen, was sie gerne können würden.
Sozial(psychiatrische) Betreuungen boomen, weil sie weniger kostenintensiv als stationäre Dienste sind. Die Folge sind beschissene bis ausbeutende Arbeitsbedingungen für die Betreuenden, die wir dann später auch nicht mehr ausblenden konnten und danach auf die Möglichkeit verzichteten von jemandem beim “in das Leben nach der Gewalt gehen” begleitet zu werden.

Wie soll ich mich denn fühlen, wenn ich merke, dass meine Betreuerin in einem Team die Einzige ist, die weiß, was eine DIS ist, was komplexe Traumatisierungen bedeuten und worum es in der Folge in der Begleitung gehen muss? Wenn ich weiß, dass sie nicht streiken darf, obwohl sie so viele Überstunden macht, dass ihr Stundenlohn im Grunde der Mindestlohn, wenn nicht weniger ist? Wenn ich weiß, dass ihre Fortbildung mehr oder weniger eine gönnerhafte Ausnahme für einen riesigen Konzern darstellt, dem es in der Werbung so viel ums Miteinander und die Chancen im Leben geht, wie in der Realität um Gewinnoptimierung und Chancen auf Profit?

Wie soll ich mich fühlen, wenn mir so eine Person sagt, die Gewalt an mir sei vorbei, wenn sie doch selbst die gleichen Gewaltmuster jeden Tag an sich erlebt und sie nicht als gleich annimmt?

Es gibt so viele Betreuende da draußen, die sich in ihren Teams für ihr Bemühen um “hoffnungslose Fälle”, “übertreibende Hysterikerinnen” etc. rechtfertigen müssen. So viele Leute, die die Ignoranz ihrer Chefs, ihrer Mitarbeiter_innen und des Hilfesystems, das sie nicht aus eigener Kraft verändern können, ertragen müssen und sich trotzdem den Arsch aufreißen, um Menschen, denen nie irgendwas geschenkt wurde, die ihr Leben lang misshandelt und ausgebeutet wurden, beim Nach_Wachsen die Hand reichen.

Sicher verpissen sich viele irgendwann. Sicher verbittern viele. Sicher knicken so manche irgendwann ein. Und ganz sicher leiden ihre Betreuten darunter.
Aber ihre Arbeit darf gewürdigt und gewertschätzt werden.

Ich erinnere mich daran, dass die Gemögte, die uns damals in der Ausstiegszeit die Kotze aus den Haaren wischte und jedes einzelne desorientiert nach vorne fliegende Innen entsprechend seiner Fähigkeiten versorgte, irgendwann nur noch Verachtung für unsere Betreuerin übrig hatte. Im Anbetracht dessen, was wir gerade gemeinsam durchmachten, hatten wir selbst auch keine Antwort mehr darauf, wozu diese Betreuung überhaupt gut sein soll.

Heute denke ich, dass meine Betreuerin das zu der Zeit wahrscheinlich selbst nicht wusste und genau deshalb schlicht gar nichts tat.
Weder genau das zu kommunizieren, noch über andere Formen der Betreuung mit uns zu sprechen.
Wir verachten sie bis heute für dieses Schweigen, doch können wir auch sehen, dass sie keine Kapazität gehabt hätte, unsere komplexe Problematik in einer Art und Weise zu kommunizieren und an andere Stellen weiter zu geben, um eine Veränderung einzuleiten.

Bei dem Arbeitspensum, das eine einzige ambulant betreuende Person abzudecken hat, fällt alles, was über lineare Handlungs- und Transportwege hinausgeht hinten über.

Die Scheiße ist: wenn eine ganze Person und ihr Er-Leben komplex ist, fällt auch das hinten über.
Und das nicht zu kommunizieren, sondern durchgehend zu vermitteln, die Person selbst sei in sich allein das Problem, ist ein Ausläufer unserer gesamtgesellschaftlichen Gewaltkultur und damit unprofessionelle, gewaltvolle, Kackscheiße.

Heute wünsche ich mir eine Zwangsverpflichtung für alle (auch kirchlichen!) Sozialeinrichtungen zu Gewerkschaften für ihre Mitarbeiter.
Ich will verdammt noch mal bundesweite Streikmöglichkeiten, faire Löhne, berufliche Weiterentwicklungen für Betreuende und noch viel mehr.

Weil ich niemandem meine späte Jugend bis junge Erwachsenenzeit mit solchen Betreuungen wünsche.

~ Fortsetzung folgt ~

viel~e sein

~ Fortsetzung ~

Das Eine ist: da gibt es ein Wort – eine Diagnose. Das Andere ist: da gibt es etwas, das mit diesem Wort, dieser Diagnose benannt wird.

Wenn die Diagnose gestellt wurde, gibt es früher oder später dieses Moment, in dem man andere Menschen in unterschiedlichen Kontexten dieses Wort sagt. Und dieses Moment entscheidet darüber, wie sich der Kontakt entwickelt und auch, wie man selbst in der Zukunft damit umgeht, dieses Wort für sich zu haben, bzw. dass es Menschen gibt, dessen Selbst- und Umweltwahrnehmung mit einer Diagnose bezeichenbar ist.

Wir sind inzwischen ziemlich fatalistisch was das angeht. Da für uns nicht nur alle Züge in Richtung Zukunft abgefahren sind, sondern auch noch der Bahnhof dazu abgerissen wurde, ist es uns egal (weil es uns egal sein kann) wer weiß, dass wir viele sind.
Die Essenz unserer Erfahrungen, die Diagnose anderen Mensch mitzuteilen ist: Es ist scheiß egal, ob es jemand weiß oder nicht – denn das Wissen darum ist nicht entscheidend.

Wir haben unsere Diagnose Menschen mitgeteilt, damit sie uns helfen – sie haben uns nicht geholfen.
Wir haben unser Sein vor Menschen erklärt, von denen wir dachten, es gäbe den Wunsch mit uns in Beziehung zu sein – sie haben den Kontakt kaputt gemacht und Teile von uns gleich mit.
Wir haben die DIS als Behinderung angegeben, haben beim Jobcenter, bei Mediziner_innen und Betreuungspersonen die DIS erwähnt, erklärt, vermittelt – wie viel das gebracht hat, kann man ja sehen: 10 Jahre Hartz 4, ein GdB von 70 wegen “depressiven Störungen”, eine Allgemeinmedizinerin, die uns nach einer schwerwiegenden Diagnose alleine aus der Praxis torkeln lässt und Betreuungspersonen, die uns weder beim Ausstieg geholfen haben, noch in irgendeiner Form ihr Verhalten und seine Wirkung auf uns, reflektieren.

Am Ende geht es nicht darum, dass die wichtigen Menschen in einem Leben wissen, dass man viele ist, sondern darum, dass sie es begreifen und zwar nicht als eine Laune des Laufs der Dinge oder eine Entscheidung eines verwirrten Geistes, sondern als massive Entwicklungsstörungsproblematik und zwar auf die Entwicklungsstörung “massives, wiederholtes, komplexes Trauma in der frühen Kindheit”.

Wir haben letztes Jahr und dann auch noch dieses Jahr enge Kontakte zu Menschen beendet bzw. beenden müssen, weil nicht begriffen bzw. einem Begreifen folgend gehandelt wurde, was für eine massive, innerglobale Not das Verhalten dieser Menschen uns gegenüber ausgelöst hat.
Man erwartete von uns zum Beispiel Reaktionen, die existenzielle Bedrohungsgefühle, so wie kindliches Erleben von konkretem Überschwemmtwerden eigener Emotionen, Gedanken und Ängste, ausklammern, innerhalb von Konflikten, die genau das aber losgetreten haben.

Viele sein bedeutet einfach nicht nur: X hat einen Konflikt und Y weiß davon nichts.
Es bedeutet: X und Y plus eine unbekannte Anzahl anderer Innens versuchen verzweifelt A und B plus eine unbekannte Anzahl von Innens von dem Bewusstsein um einen Konflikt im Außen fern zu halten, damit der Alltag weiter läuft, während H I J K L M N plus noch wieder unbekannt viele andere schon längst in Wiedererleben stecken und das gesamte Inmitten lahmlegen – während die Umlaute einen Termin nach dem anderen abracken, und jederzeit irgendwo komplett neu anfangen können (und es in aller Regel auch tun).
Viele sein bedeutet: In einem Menschen passieren viele Prozesse gleichzeitig und autark nebeneinander her – und doch haben einzelne Ereignisse im Außen die Macht, sie alle mit einem Schlag zu beeinflussen, sobald es bestimmte Faktoren gibt, die mit existenzieller Bedrohung einhergehen bzw. so interpretiert werden.

Die Menschen zu denen wir den Kontakt beendet haben, haben vergessen oder vielleicht auch nie wirklich begriffen, wie wichtig es ist uns immer und immer und immer – auch nach vielen gemeinsamen Jahren und Erfahrungen – zu vermitteln, dass es sich bei einem Konflikt oder allgemeiner: Schwierigkeiten nicht um existenzielle Bedrohungen handelt.
Ja, so blöd das klingt: Wir müssen sehr oft hören, dass wir an Dingen, die für andere eine Kleinigkeit sind, nicht sterben oder in unserer psycho-physischen Integrität verletzt werden.

Für uns ist es ein Akt gewesen, das zu fühlen und wissen und zu lernen. Und das Ende dieses Prozesses ist für uns, zu lernen, dass wir uns das auch selbst nach innen bringen können und uns das von dort innen auch geglaubt wird. Soweit sind wir noch nicht.

Womit wir beim nächsten Aspekt wären. Uns Rosenblättern wird oft sehr viel mehr Belastbarkeit und Stabilität zugetraut, als tatsächlich da ist und manche Menschen sind zutiefst enttäuscht von uns, wenn wir das nicht bedienen können.
Was wiederum bei uns alles mögliche anmacht und letztlich dazu führt, dass wir uns nach außen noch mehr anstrengen, noch härter machen. Ich denke, das passiert vielen Menschen und ist nichts, was speziell mit unserem viele sein zu tun hat.
Das Problem ist: Wenn man viele ist und sich nach außen hart wie Stein macht, dann hat man, wenn die Tür hinter einem zu geht und kein Außen in dem Sinne mehr da ist, keine Kraft mehr für die unversorgte Hölle, die in einem drin brennt.

Wir haben gemerkt, dass alte Bekannte wie die Suizidalität, der Drang sich zu verletzen (kaputt bis tot zu machen), die Essstörung und hinten dran natürlich: die Täter_innenintrojekte mit ihrem Hass, auftauchen und es zusätzlich erschweren offen zu legen und zu erklären, worum es beim viele sein geht.

Viele sein bedeutet nämlich in dieser Welt auch: viel sein.
Es ist belastend, nervig, anstrengend, wenn eine Person immer und bei allem darum bittet, (bitten und betteln muss), dass manche Dinge einfach nicht gehen, weil sie Dinge auslösen, die dann wieder irgendwas abverlangen und und und

Ich habe seit der Diagnosestellung durchgehend das Gefühl eine Belastung zu sein. Ein Fehler, ein Mensch, dem man sich aus moralischen und nicht aus positivem “Einfach so” – Grund widmet und die Stimmen, die mir schon früher gesagt haben, dass ich anstrengend und nervig bin, bestätigen das natürlich.
Die Störung, der wir als Einsmensch ausgesetzt wurden, zieht sich bis heute durch unser Leben und hat sich mit uns selbst vermengt.

Heute stören wir, weil die Störung unserer Entwicklung nicht folgenlos endete.

Viele Personen, die von uns erfahren, dass wir viele sind und dass das so ist, weil wir 21 Jahre lang auf allen Ebenen miss-be-handelt wurden, übertragen die Verbindung “viele sein” = “misshandelt worden sein” auf uns “Rosenblätter sein” = “Gewaltthematik”.
Und was machen Menschen, die die Wahl haben, ob sie sich widmen oder nicht, mit Gewaltthematiken? Richtig: sie verpissen sich, machen den Kopf zu, fangen an die gesellschaftlich anerkannten Vermeidungstänze aufzuführen – und lassen uns stehen.
Im günstigsten Fall hängt nichts an dem Kontakt – da können wir dann selbst auch gehen und trösten uns mit dem Gedanken: “Naja, wenigstens hat sie Person jetzt mal davon gehört.”.

Schlimm wird es bei Personen, die nah sind. Oder nah geworden sind. Oder wo es um Abhängigkeiten geht.
Die letzte KJP in der wir waren, hatte die DIS-Diagnose zum Beispiel negiert und uns als Hysterikerin (jupp – die gibts noch als Diagnose) behandelt, was im Großen und Ganzen bedeutet auf nichts (und niemanden) von uns zu reagieren. Was für uns einen Raum aufmachte, in dem wir 24 Stunden am Tag spürten, dass wir alleine waren. In einem fremden Bundesland, mit dem Wohnort Kinder-und Jugendpsychiatrie, in der ein Pfleger seine Position ausnutzte.

Anderes Beispiel ist die Jugendhilfe, die wir teilstationär danach in Anspruch nahmen. Wir sagten, dass wir viele sind und, dass wir Gewalt erfahren.
Die Diagnose wurde von einer Klinik für Psychosomatik dann bestätigt und [Trommelwirbel] NICHTS passierte. [TUSCH]
Wir wurden in unserer Wohnung überfallen – das Schloss wurde 3 Wochen später ausgetauscht.
Ostersamstag 2007 riefen wir den Hintergrunddienst der Betreuung an, weil wir nach einem Spaziergang, verletzt in unserer Wohnung gelandet waren, obwohl wir eigentlich untergetaucht bei unserer damaligen Gemögten lebten. Wir baten um Begleitung ins Krankenhaus. Spurensicherung, Anzeigeerstattung – hatten wir (schweinemutig wie nie zu vor!) im Kopf – der Betreuer im Dienst, hatte aber die Stadt verlassen. Wollte so gerne ein ruhiges Wochenende. Er bat um Verständnis – wir nickten, legten auf, zersplitterten.

Viele bunte Schimpfwörter haben wir heute dazu im Kopf.

Vor allem, wenn wir heute in Veranstaltungen wie der Fachtagung “Wir sind viele” letztes Jahr in Mainz sitzen und hören, warum so viele Betreuer_innen so viel derbe Kackscheiße mit ihren Betreuten machen: Sie haben einfach keine Ahnung oder keine andere Wahl und nicht zuletzt sind manche auch einfach ignorante Arschlöcher, die, weil sie Gewalt selbst nicht erlebt haben, keinen Grund sehen davon auszugehen, dass es sie gibt und eben auch nicht folgenlos bleibt.

Was mir unter anderen Menschen, die viele sind, daneben begegnet ist eine mich traurig machende Bereitschaft zu glauben, dass Betreuungspersonen oft deshalb keine Ahnung vom Umgang mit komplex traumatisierten Menschen haben, weil sie nur Faker_innen vorher betreut haben.
Eine ähnliche Abwertung passiert meiner Ansicht nach, wenn Menschen sagen: “Ja in Klinik XY kriegen ja alle, die wollen eine DIS-Diagnose und deshalb machen die da nur Bullshit, weil da sind ja nur Fakes, die davon profitieren.”.
Leute: Scheiße entsteht, wenn Scheiße passiert und was in unserer Gesellschaft und in unserem Gesundheits- und Sozialleistungssystem passiert, ist so widerwärtig stinkende Scheiße, über die man sich genauso aufregen kann – nur komisch: das passiert ja gar nicht.

Haben wir da etwa einen blinden Fleck, weil es sich leichter in Richtung einer konstruierten Autorität motzen und abwerten lässt, als sich zu solidarisieren?

~ Fortsetzung folgt ~

viele sein?

~ Fortsetzung ~

Eigentlich ist die Fragestellung “Bei mir wurde eine DIS diagnostiziert – was jetzt?” wichtig und gut. Leider wird sie selten so offen und breit gestellt, dass es Raum zum Austausch außerhalb bestimmter äußerer Rahmen geben kann.

Ich habe die Frage selbst erst gestellt, als die Diagnose an mir erneut gestellt wurde – und zwar der Therapeutin, die sie gestellt hatte.
Und heute frage ich mich: Wieso habe ich damals eigentlich nur die Therapeutin danach gefragt und nicht mich selbst oder mein Innenleben? Oder andere Menschen mit der Diagnose?
War ich eine von denen, die frag- und klaglos hinter Medizin und Psychologie her trottete und froh war, keine eigene Haltung haben zu müssen?
Hm, ich glaube schon an manchen Stellen und in Anbetracht der Tatsache, wie ich damals um mein Überleben kämpfen musste, ist es für mich heute auch so eingeordnet, dass ich mir das  vergeben kann.

Ich merkte, dass mir Antipsychotika, verhaltenstherapeutische Ansätze nicht halfen. Verloren hatte ich auf dem Weg bis zur Prüfung der DIS-Diagnose, aber schon die Instanz, die wirklich durchgehend ein wohl- bis mit-mir-mitwollendes Auge auf mich hätte haben können: meine Familie, meine Freunde, ein soziales Umfeld, das mich hat aufwachsen und entwickeln sehen. Niemand hätte für mich mit überprüfen können, ob das was da eigentlich in den 4 Jahren vorher passiert war, irgendwie vielleicht doch positive Auswirkungen hatte, die ich selbst nicht sehen konnte.

Was ich hatte, war mein Empfinden von: “Ey egal, was ich habe – eine Schizophrenie, eine Psychose oder eine Borderline-problematik, habe ich nicht.” und als die Diagnose der DIS bestätigt war, ich 12 Wochen lang in einem Umfeld war, in dem ich wirkliche Entlastungen erfahren konnte, war es mir am Ende auch egal, wie es hieß, was da in mir drin passiert.
Ich war froh darum, dass es einen Ort gab, in ich über J. und K. und C. und C. und all die anderen reden konnte, ohne, dass mir mein Bezug zur Realität aberkannt wurde. Ich war froh, dass mir endlich geglaubt wurde, dass es noch Gewalt in meinem Leben gab.

Heute und gerade in der Netzbubble zu Traumafolgeproblemen erlebe ich es so, dass es Menschen gibt, die mehr oder weniger Beweise für die DIS im Gegenüber sehen wollen und verlangen, dass niemandem fälschlicherweise diese Diagnose gestellt wird. So kann man die soziale Umgebung der Selbsthilfe-Austauschforen und –gruppen und was es nicht alles gibt, für sich kontrollieren und das kann wichtig sein.
Es wird aber an der Stelle problematisch, wenn man mitbeachtet, wie unterschiedlich die DIS an unterschiedlichen Menschen aussehen kann und auch, wenn man sich anschaut, wie schwammig bis fließend die Übergänge zu weniger ausgestanzten Formen komplexer dissoziativer Traumafolgeprobleme sind.
Und auch: dass Falschdiagnosen üblich sind. Es gibt keine Diagnose und auch sonst nichts im Leben, bei dem es nicht zu Fehlern kommen kann.

Für mich ist es am Ende tatsächlich egal, ob jemand mit einer tertiären DIS oder einer leichten DDNOS vor mir steht und mich fragt, ob ich zufällig von einer Klinik weiß, in der Traumafolgeprobleme der Seele gut, sorgfältig und im Hinblick auf die Wahrung der Menschenwürde achtsam, behandelt werden. Wer bin ich denn, erst mal eine Diagnose abzufragen oder zu argwöhnen, die Person wolle es sich im rosaroten DIS-Wunderland gemütlich machen?

Und überhaupt – wo ist denn eigentlich dieses rosa Wunderland für Menschen mit DIS?
Und wo sind denn bitte all die Vorteile, die sich da so angeblich erschlichen werden wollen, mit einer vielleicht sogar gefakten DIS?

Was ich sehe ist oft gezuckerte Ohnmacht, stellvertretende Wut, und ansonsten nicht als Mehrsamkeit.
Ja, vielleicht ist Mehrsamkeit toll und vielleicht ist das Ziel des Netzeskapismus von DIS-Faker_innen nichts weiter als das. Vielleicht sind DIS-Fakes nichts weiter als richtig traurige einsame Würstchen, die einfach ein zwei drei Mal am Tag den Kopf getätschelt haben wollen und hören müssen, dass sie toll sind und das Beste tun, was sie können.

Das Ding ist: ich will an manchen Tagen auch nur das. Und manchmal will ich auch monatelang nur das. Und ich will das – wie all die DIS-Fakes wahrscheinlich auch: aus Gründen.
Unsere Gesellschaft ist so brutal miteinander und die Welt da draußen ist so verdammt hart für so verdammt viele Leute – aber Hauptsache nur die Menschen mit ner echten DIS oder mit einer echt nachweisbaren Opferschaft im Hintergrund dürfen darunter leiden?! Gehts noch?
Na klar ist es scheiße, wenn sich Mitgefühl über Lüge und Betrug erschlichen wird, aber woher sollen Menschen wissen, dass sie sich auch ehrlich an andere Menschen mit einen Wunsch nach Mitgefühl und ja, vielleicht auch Mitleid und stellvertretend geäußerte Wut, wenden können, wenn es eine Erlaubtheitsskala für Leiden oder Not jeder Art gibt?

Ein Punkt der in den DIS-Diagnosenkampfolympics nämlich auch übersehen wird, ist der Zweifel.
Bin ich wirklich viele oder ist das alles unecht? Bin ich krank? Bilde ich mir das ein? Ist die Diagnose richtig oder falsch? Was bedeutet das jetzt eigentlich – es hat sich doch gar nichts verändert? Ich bin nicht so wie andere, die von sich sagen, dass sie viele sind – bin ich also nicht viele? Wenn ich “ja” zur Diagnose sage, sage ich dann automatisch auch “brutale Missbrauchsfamilie”, “satanistische Drogenmenschenhandelweltverschwörungssekte” und – das Schlimmste: “wehr-schutz-hilfloses kindliches verlassenes missbrauchtes zerstörtes OPFER” ?

So eine Diagnose wird einem nicht mit einem Ordnungssystem gegeben und das letzte, was in einer guten Traumatherapie passiert ist, dass die Behandler_innen daher kommen und ihren Diagnostizierten sagen: “So, also sie haben eine DIS, weil XY und wenn sie jetzt diesen “Ja, ich habe die Diagnose in mein Krankheitenstickeralbum aufgenommen”- Bogen unterschreiben, bekommen sie einen Gutschein für 3 mal täglich Kopftätscheln, einmal in der Woche dürfen sie ins Flauschbällebad für Missbrauchsopfer und einmal 50 Minuten Mitleid im Rahmen der ambulanten Psychotherapie.”.

Der Zweifel an der DIS-Diagnose ist eigentlich das, was die gesamte Diagnosefindung ad absurdum führen kann und nicht selten zu existenziellen Krisen führt. Wenn man bedenkt, dass es für viele Betroffene von zum Beispiel komplexer Traumatisierung durch nahe Familienangehörige, existenziell wichtig ist, das eigene Bewusstsein für sich selbst, sein Sein und Selbst abzuspalten, muss es zwangläufig nicht nur schwer, sondern auch bedrohlich sein, über zum Beispiel eine Diagnose, die das eigene Sein und Selbst benennt (oder dies versucht) an eine Überbrückung dieser Spaltung herangeführt zu werden.

Es gibt Menschen (like me), die verbringen viel Zeit  damit, vor dieser Überbrückung zum Selbst-Bewusstsein herumzuspringen, weil sie das starke Empfinden von Bedrohung haben. Das Letzte, was dann hilft, sind Leute, in deren Gruppe man gekommen ist, um sich zu versichern, oder zu hören, wie es Menschen geht, die diese Brücke genommen haben, die dann erst mal einen Beweis für etwas haben wollen, wovon man sich selbst erst einmal für sich selbst versichern und ja, vielleicht auch überzeugen muss.
Man kann Dinge, die man selbst nicht wirklich an sich überprüft hat, von sich weisen, als wären sie nicht da.

Auch deshalb sage ich den Menschen, die diese Diagnose erhalten haben, aber zweifeln und hadern und vor der Brücke umher schleichen bis hopsen, bis sich ein Lager davor aufgebaut haben, dass sie ruhig rüber gehen können.
Weil sie nur gewinnen können und zwar: die Chance, selbst zu überprüfen, ob es passt oder nicht.

Manche Menschen brauchen Unterstützung bei dieser Überprüfung, manche müssen nur wissen, dass es ihnen nicht allein so geht. Manche brauchen im Außen jemanden, di:er ihnen sagt, dass sie bleiben, egal ob die Diagnose und all ihre möglichen Implikationen “echt” sind oder nicht. Und manche Menschen brauchen immer wieder die Erinnerung daran, dass es sich bei Diagnosen immer nur um den Versuch handelt, etwas zu erfassen un nicht um eine allmächtige Ordnung der Welt.
Und diese Unterstützung kann drei mal tägliches Kopftätscheln erfordern. Es kann bedeuten, dass Menschen erfahren müssen, was es bedeutet einen Umgang damit zu haben einmal zum Opfer von Gewalt gemacht worden zu sein.

Auf keinen Fall bedeutet es, dass man seine Not als frisch diagnostizierter, verunsicherter und belasteter Mensch vor anderen potenziell Unterstützenden beweisen muss. Zumindest nicht für mich.

~ Fortsetzung folgt ~

subject: Zuschreibung

Endlich habe ich etwas fertig gestellt. Hurra.
Vielleicht brauche ich alle 6 Monate eine existenzielle Krise um Dinge zu schaffen?

Ich würde das natürlich niemandem empfehlen, denn Entselbstung schmeckt nach dieser Säure, die neben der Zunge entsteht, wenn einem die Panik in den Ohren rauscht und kleine Schweißtropfen auf der Oberlippe liegen.
Aber ich kann jetzt auch nicht sagen, ich würde das Ergebnis nicht doch auch mögen.
Das sind die kalten Finger und Füße, weil der Körper schon längst wieder auf Hungerzeit geschaltet ist. Die Rückenschmerzen, weil so ein IKEA-Küchenstuhl eben doch kein ergonomisches Wundersitzplätzchen ist. Das automatisierte Reinschütten von Kaffee.  Das Gehirn, das scheinbar ohne Körper ist.

Ich habe das Gefühl, alles zu geben, wenn ich in diese Art Arbeitsrausch komme und denke: “Genau so muss das ja auch sein. So und nicht anders. Wenn man arbeitet, dann muss man sich selbst vergessen. Nur so wird es was.”.
Erst später fällt mir auf, dass ich mich nicht vergessen habe, sondern weggelaufen bin, um zu vergessen.
Wenn ich vor Hunger, Jobcentersorgen, sozialen Unruhen, Versagens- und Vergangenheitsangst weglaufen will, dann funktioniert das fast ganz von allein.

Und dann ist es so eine kleine Aufgabe, wie eine Vita zur eigenen Person zu schreiben, die mich an mich erinnert.
Auch, weil ich im Moment nicht einmal so sicher bin, ob es mich überhaupt gibt.
Bin ich, wenn ich die Zuschreibungen anderer Menschen von mir abkratze?

Ich habe an die Irrwichte in Harry Potter gedacht.
Die Irrwichte verwandeln sich immer in das, wovor die Person, die sie anschaut, am meisten Angst haben. Niemand weiß, wie sie aussehen, wenn sie niemand ansieht.
Ich bin eine Irre, die am Gesellschaftsrand steht. Wenn Menschen mich anschauen, sehen sie alles, wovor sie Angst haben, sich ekeln, worüber die traurig sind, was sie sich wünschen, was sie ablehnen.
Und wenn ihre Augen zu sind, dann bin ich der Hauch, der Äther, ein formloses Irgendwas, das es vielleicht gar nicht gibt.

Wenn ich eine Vita über mich schreibe, dann schlüpfe ich in die Blicke anderer und reproduziere ihren Blick. Ich sortiere alles, was von mir für andere wahrnehmbar ist nach ihrer Angemessenheit und klebe sie passend in Formulare, Bewerbungen, Bettelbriefe … .
Ich glaube, die Psychologie sagt “Selbstunsicherheit” dazu.
Ich bin mir aber nicht unsicher über mein Selbst. Ich bin ich.
Ich bin nur nicht, was man mir zuschreibt und weiß nicht, was ich mir selbst zuschreiben könnte. 

Vielleicht ist es so, dass ich merke: Ich bin ein Subjekt.
Obwohl ich mein ganzes Leben lang vom Außen für das Außen zum Objekt gemacht wurde und werde.
Und dabei sogar mitwirke, indem ich in meinen Laptop tippe:
“Hannah C. Rosenblatt, Jahrgang 86, ist freie Autorin aus NRW …” , um zu vergessen, dass der Postbote gerade da war, es noch 5 Stunden bis Essen sind und die nächste Zuschreibung auf mich geklebt wird, sobald dieser Artikel veröffentlicht ist.

Tag 3

Erst dachte ich, das wäre die erste richtige Körperkrankheit in diesem Jahr, doch das stimmt nicht. Anfang des Jahres lag ich mit einem Infekt flach. Wobei – wirklich flach lag ich da auch nicht. Damals (oh G’tt ja damals, im Januar? Februar?) als mir der Weg ins Jahr 2014 so klar erschien: Buch fertig kriegen, Nachwachshaus anleiern, Geld verdienen, Dinge bewegen, BOOOYAAAH- es würde hart, aber es würde zu schaffen sein, weil – wieso denn nicht?! , lag ich nicht im Bett, sondern machte noch ein Irgend-wie-Interview für das Buch und zeichnete im Bett Skizzen von Hausgrundrissen und versuchte mich auf Texte zu konzentrieren, die sich darum drehten, was gute Literaturagent_Innen ausmacht.

Und jetzt ist Dezember.
Es ist Tag 2 des Pendelns zwischen 38° und 39° C und der erste ohne „Guten-Morgen-Magensäure aus der Tupperdose neben dem Bett spülen“.
Ich habe mein Buch nicht fertig. Will es sogar nochmal neu schreiben. Ich liege im Bett und döse, träume von einer Hütte im Irgendwo mit Stille im nächsten Umkreis. 3 Wochen nichts weiter tun als schlafen, essen und schreiben. Hach.
Ich schlafe fast, da rollt an, was anrollen muss, wenn jeder Muskel und Knochen im Körper schmerzt: Erinnern.
Ich bilde mir ein, ich könnte mein Erinnern gut vermeiden, gut wegschieben, gut in kleine Kisten und Umschläge stecken, die verstreut geparkt werden können. Jetzt spüre ich, wie viel tatsächliche Muskelkraft es erfordert und wie wenig davon in mir ist, wenn ich krank bin. Ich kann nichts wegdrücken, nur selbst vergehen und als Geist über mir schweben.
Es sind Träume, die ich da sehe. Ganz sicher, denn niemand würde so etwas jemandem antun. Ganz sicher sind es Träume oder Fieberhalluzinationen.

Aufwachen, erbrechen, weinen, frieren, NakNak*s Zunge an der Hand, die mich vom Boden abstützt spüren. Atmen, warten, Krankheit realisieren. #Mimimi

Aufstehen spülen, waschen, dem Piepen der Mikrowelle zuvorkommen und die Wärmestofftiere befreien.
Die Warmies sind großartig. Sie sind sehr weiche Plüschtiere mit Hirse und Lavendel drin. Wir haben eine Eule und eine Robbe vom Weihnachtsmarkt. Die Robbe haben wir am Donnerstag gekauft. Nach der Therapiestunde, die so furchtbar war, weil uns niemand angebrüllt hat.
Manchmal ist es einfach so, dass alles besser wäre, wenn Menschen uns nur anbrüllen und herumschubsen würden. Wegschubsen und einsperren und wenn die Tür wieder aufgeht ist alles auf Anfang. Vom Point of no return auf reset und los. Neues Spiel neues Glück.
Gewonnen haben wir nie, aber wer weiß? Beim nächsten Mal…?

In dieser Lavendelwolke herumschweben ist schön. Eine Schmerztablette, eine halbe Tasse Tee. Erst zu heiß zum trinken, dann eiskalt aufklirrend im Magen, obwohl doch nur ein Wimpernschlag vergangen ist.

DSC_3102NakNak* schläft mit. Drückt ihren Rücken an die warme Robbe auf meinem Bauch und ich darf meine Hand auf ihrer Seite liegen lassen.
Peter Härtling liest uns die Geschichte von den Scheurers vor und draußen regwindet es.
Meine Beine werden aus den Hüftgelenken gerissen und Blut sickert langsam aus dem Inmitten von mir. Ich sehe mich schreien und zerfallen, und fühle das dichte Fell meiner ruhig atmenden Hündin direkt vor mir. Es legen sich weiche weiße Federn auf meinen Kopf und alles wird dicht und dichter und schwammiger und als ich aufwache tapst NakNak* an meine Schulter. Kratzt mich sachte.
17.58 Uhr

Abendbrot um 18 Uhr- Verspätungen werden hingenommen, doch nicht kommentarlos.
Ob ich ihr Futter aus dem Plastik drücke oder mein eigenes Fleisch kann ich nicht trennen. “Guten Appetit liebste Mopsmaus”, sage ich “bitte nicht”, schreit es dumpf irgendwo da ganz irgendwo dort, wo man nichts mehr erkennt.
Ich mag Kartoffelbrei. Er erinnert mich an Kranksein mit Bibi Blocksbergkassetten und der ersten Gemögten.
Jetzt koche ich Kartoffeln zu Tode und zerdrücke sie zu Kartoffelbrockenmatsch.

Meine erste Gemögte hat mich verlassen dieses Jahr. Ich will nicht mehr dran denken, aber tue es dann doch. 2014, ein Jahr voll Trennungschmerz und ich hasse mich, weil ich keines meiner Projekte beendet bekomme. Wir sitzen in der Küche und zittern uns die Muskeln wund. “Siehst- Mögen tut weh. Einfach lassen in Zukunft.”
Schwaches Nicken. Okay. Mir egal. Alles egal.
Der Kartoffelbrei ist zu salzig. Er brennt bei seiner Wiederkehr.

#Magenmimimi und #Bauchbubu  baden in Magenbalance Kräutertee und ich hänge über dem Waschbecken und schaue meiner Nase beim Bluten zu.
Ich frage mich, ob sie mich anschauen könnte. Sie hatte uns gesehen begraben unter Rettungssanitätern auf ihrer Couch. Geschüttelt von Krampfanfällen, kotzend wegen Narkotika, die kaum halfen. Heulend im Wunsch nach Kontakt zu Menschen, die uns misshandelten. Da sind so viele Tiefen gewesen, die sie gesehen hat.
Und 7 Jahre später reicht es nicht einmal zu einem Anruf.

Blutblüten im Waschbecken. Tropfkunst mit Ende.

Wieder ins Bett. Ich nehme mir vor, die Matratze zu drehen. Ich fühle schon wieder den Lattenrost durch den Schaumstoff. Aber jetzt bleibe ich liegen.
Ich traue mir kein Feuermanagment zu. Weine ein bisschen, weil Chanukkah mein liebstes Fest ist. Weil ich an diesem Wochenende eigentlich meine Familie° besuchen wollte.

Nun liege ich im Bett und sehe mir beim Sterben zu, während ich mich über meinen Pathos auslache.
Morgen wirds vorbei sein. Das ist nur ein Virus. Nur ein Magen-Darm-irgendwas Virus und ich sollte nicht denken, nicht fühlen, das stört nur den Prozess.

Und ruckartig lösen sich meine Oberarme aus den Schultern. Es knirscht im oberen Rücken und jede weitere Bewegung wäre jetzt das Ende.
Ich denke nicht, ich fühle nicht. Das stört nur den Prozess, der mir gemacht wird.

Und als ich aufstehe, bin ich tot. Alles ist taub außer der Schmerz im Nacken- und im Lendenwirbelbereich. Kein Erbrechen, kein Fieber mehr.
Nur dumpf drückende Masse hinter dem Gesicht. Schwindelgefühle. Zittern, das nicht aufhört. Wimmern und ein Schrei im Kopf.

Da sind Muskeln, die sich gegen das Erinnern stemmen und glühend heiß gelaufen durch die Haut brennen. Alles nur ein Traum. Erinnern an Fieberhalluzinationen.

Ich sitze vor dem Bett und streichle über ihren verschwitzen Kopf.
Ziehe die Decke noch ein bisschen höher.
Lege Federn über sie.

Es ist Sonntag, der 21. Dezember 2014
die Rosenblätter kranken

Gut, dass ich keins von ihnen bin.

Zurück in die Vergangenheit

Heute vor 10 Jahren lebten wir in einer Wohngruppe, in der wir eigentlich nicht sein wollten, eigentlich gar nicht gewollt waren und, die für uns überhaupt nicht konzipiert war. Wir hatten einen dünnen Faden zu einer psychologischen Beraterin in der Hand, konsumierten permanent Kaffee oder Tabak. Hier und da fuhr man für ein zwei Stunden weg.
Ohne, dass es jemand merkte. Oder verhinderte. Oder sonst irgendwas.

In dem Jahr hatten wir so viele furchtbare (beziehungs)retraumatisierende Erfahrungen zu kompensieren, dass ich heute kaum noch Platz für Zweifel an einer massiven Fähigkeit zur Dissoziation in mir habe.
Nach 1,5 Jahren Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig Holstein, zogen wir für 3 Wochen nach NRW, wo man sich mit uns übernommen hatte. Falsche Versprechen, zu hohe Anforderungen an uns und letztlich Verrat und Verlassen waren die Folge.
Es folgten 5 Monate Kinder- und Jugendpsychiatrie unter der Diagnose “histrionische Persönlichkeitsstörung”.
Es grüßte die Jahrhundertwende und hakte sich bei struktureller Misogynie unter, um der Realität von systematischer Gewalt und Ausbeutung an einer minderjährigen, völlig isolierten und perspektivlosen Person, nicht begegnen zu müssen.
Auch nicht direkt nebenan. Auf Station.

Ja. Es war furchtbar.
Und ja, selbstverständlich glaubte ich allen “draußen”, die mir sagten, es gäbe ein Morgen und ich könne handeln.
Die Tatsache, dass ich mit meinen 17 Jahren als massiv gestörte kranke unglaubwürdige Irre, absolut gar nicht handeln konnte, haben diese Personen, von dort aus der Ferne, nicht im Blick gehabt.

“Ich darf nicht voraussetzen, dass irgendjemand parteiisch für mich ist und gleichzeitig auch so mächtig, über mein Leben in meinem Sinne zu entscheiden.” – Erkenntnis einer 15 Jährigen, die auf Bäumen schläft, um sicherer zu sein, die sich erneut bewahrheitete.

Irgendwann war dieses Jahr natürlich vorbei.
Ich wurde 18, 19, 20 … dieses Jahr, 28 Jahre alt.

In mir drin sitzen bis heute Innens, Jugendliche, wie einzelne Kinderinnens, die sich all das – all die Psychiatrieerfahrungen, all das Verlassen und Verratenwerden, die Gewalt durch Personen, von denen man abhängig war und vor denen man nicht fliehen konnte, sowie die Notwendigkeit von TäterInnen*kontakten und anderen Arten der Selbstzerstörung – mit “dem Bösen” in sich, unter uns, in mir als Einsmensch, erklären.

Morgen steigen wir in den Zug und machen eine Reise in die Vergangenheit, um ein paar Fäden ins Heute zu nehmen und damit am Morgen zu knüpfen.
Denn, wenn jemand „das Böse“ in uns gesehen hat, dann eine der Personen, die wir in den 3 einhalb Tagen dort treffen werden.

Es tut schon jetzt weh.
Lässt mich nachts aus Träumen von Kämpfen mit einer Fixierungsliege oder vielen Personen gleichzeitig hochschrecken. Ich muss immer wieder meine Anspannung runterschrauben. Das schrille Fiepen in meinem Kopf mit Watte und Federn einwickeln. Manchmal von NakNak* beruhigen lassen.
Ich schlafe ein und mir ist schwindelig. Ich wache auf und mir ist schwindelig.

Ich sehe keine andere Möglichkeit mich anzunähern.

 

 

 

Ich hoffe so sehr, dass wir das Meer sehen werden.
Und in den Zug zurück zu NakNak*, unseren neuen Herzmenschgemögten, unserer Therapeutin, unserer dreckigen Muchtelbude, den Mimosenbabys und all den Eulen, steigen.

Huch, mich gibt’s ja oder Trauma–Yoga Teil 1

Unsere Therapeutin ist vor ein paar Monaten mit der Praxis umgezogen. Wenn man jetzt aus einer Stunde wabert/schwabbelt/kullert/plumpst, dann läuft man immer erst mal gegen eine Wand aus Straßenlärm und dieser typischen Ignoranz, die der Lauf der Dinge neben einem her irgendwie an sich hat.
Heute fand ich das erstmals bewusst angenehm.
Manchmal komme ich aus der Therapie und das Gefühl im Zentrum einer Aufmerksamkeit zu sein, klebt noch eine Weile an mir. Es dauert bis diese Verschiebung nachlässt – außer, mir wird meine Egalheit so schön bewusst wie heute.

Egalheit ist gut. Auch.
Nicht immer. Manchmal kotzt mich meine globale Egalheit auch an.
Aber manchmal, wenn es um _mich_ geht – nicht um “Hannah C. Rosenblatt Einsmensch mit Funktion A B C und Labelpalette von –> bis “ – sondern um mich: Existenz, Präsenz, Metabolismus , dann ist es offenbar noch immer öfter sicherer für mich einfach egal zu sein. Also “egal” as in “gar nicht da”.

Ein Herz dort draußen hat mir das Buch “Trauma – Yoga – Heilung durch sorgsame Körperarbeit” von David Emmerson und Elizabeth Hopper von meiner Wunschliste zukommen lassen (Danke <3 ) und ich habe angefangen es zu lesen. Es ist ein Yoga – Übungsbuch, aber auch ein “Traumafolgen neu- verstehen”- Buch für mich, die bis jetzt nichts mit Yoga zu tun hatte.
Ich bin jetzt bis zur ersten Übung gekommen.
Mit Luft anhalten und Erinnerungen daran, dass es nur ein Buch ist und nichts woran Bedingungen geknüpft sind.

So ist das nämlich: Dann liest man “hat schon vielen Tausenden geholfen” und denkt “und? Muss es dann jetzt deshalb auch mir helfen? So wie dieses für mich nur stressige Stressbewältigen mit den sicheren Gärten und dem leisen Schnarchen vom Mitpatienten 2 Meter weiter, offenbar ALLEN und IMMER geholfen hat?” und auch: “Oh G’tt- ich habe eine Wunderwaffe in der Hand? – ist alles andere doch schon immer sinnlos gewesen? Habe ich Zeit verschwendet….?” und dann sind sie alle wieder da: die Zweifel, die Abwertung und das Vergessen der Entwicklungsschritte.

In dieser ersten Übung geht es darum die Verbundenheit mit dem Boden, auf dem man sitzt, oder mit dem man über Bett/Stuhlgestell verbunden ist, wahrzunehmen und schließlich mit dieser Verbundenheit zu interagieren.

Frau Rosenblatt hatte an der Stelle einen winzigkleinen Erkenntnis – meltdown, um vor sich irgendwie zu verpacken, dass es sie ja gibt.
Ich habe nicht weitergemacht, weil ich mich nicht schon wieder selbst auf Vermeidungstänze konditionieren will, wie ich das mittels Dialektisch- Behavioraler- Therapie gemacht habe, sondern lieber vorher so große Impulse hinterfragen.
Sehr hilfreich war dabei, dass der Übungstext schon genau so formuliert war, dass darin Raum für: “Ob sie das machen oder nicht, ist okay” war, denn “okay” ist nahe genug an “egal” für mich an Stelle, um mich dann auch darauf zu beziehen und mich sowohl zu trauen, aber auch wieder rauszuziehen.

Es ist jetzt nicht so, dass ich bisher durch die Welt gegangen bin und dachte ich sei inexistent, aber in meiner Sicht auf mich gibt es schon blinde Flecke, die eben genau da anfangen, dass ich vor weiten Teilen des Lebens eher “in Wahrheit gar nicht da bin” als wirklich präsent und verbunden mit irgendwas oder irgendwem. Und wenn ich dann verbunden bin, dann hat es einen Zweck, der mit einer Dualität bzw. Mehrsamkeit zu tun hat. Das ist in der Therapie mit der Therapeutin, mit meinen Gemögten im Gespräch oder mit NakNak* in manchen Situationen.
Das ist vom Spannungsgrad her schon etwas Anderes. Das ist BÄNG ICH BIN DA WO IST DIE KATASTROPHE DIE JETZT GLEICH SOFORT UND GANZ SICHER PASSIERT? KEINE PANIK ICH HAB ALLES IM BLICK – Präsenz, die der Logik des “in Wahrheit gar nicht da seins” Futter gibt, denn wer nicht da ist, der hat auch nicht alles im Blick.

Ich habe mir überlegt, dass ich erst einmal bei dieser Eröffnungsübung bleibe, bis sich der Gedanke “Ich bin” üblich in dem Zusammenhang anfühlt. Also nicht “normal” oder so, dass sich meine Spannungskurve nach oben schiebt “aber ja noch händelbar ist“, sondern so, dass mir gleich mit bewusst bleibt, dass ich mich gerade in meinem Da – sein wahrnehme, weil ich mich drauf konzentriere und nicht, weil gerade Alarm ist.

Vielleicht heißt es deshalb auch “Yoga üben” und nicht “Yoga machen”.
Erst mal üben, dass die eigene Existenz auch ohne Not oder Alarm wahrnehmbar ist.

Perspektive 5

SadistInnen* arbeiten mit Sichtbarkeit. Sie sind sehr gute BeobachterInnen* und haben ein Gespür für die Art, wie Menschen funktionieren. Wie ihre Opfer funktionieren. Wie, was und wann ihre Opfer fühlen, sehen, hören, bewusst und sicher wahrnehmen.
Man kann vor ihnen keine Geheimnisse, keine Privatheit, keinen Alleinbesitz haben. Kein Alleinbesitz sein. Manche machen einen zu ihrem Besitz und manche zu sich selbst.
In jedem Fall ist die Person nicht sie selbst. Sie kann gar nicht sie selbst sein, denn die sadistische Person bestimmt und reguliert alles Fühlen, Denken, Werten, Sein. Wie man es mit Puppen tut.

Der sadistische Mensch spielt mit den Reizen, die unwillkürlich sind, um (Lust)Befriedigung zu empfinden und im Kern seines Opfers sitzt etwas und spielt das “Kuckuck- Spiel”.
Eine Demütigung für SadistInnen* muss es sein, wenn ihre Opfer bewusst klar bekommen, dass sie für diese Menschen mehr Symbol als irgendetwas anderes sind. Wenn ihnen die Differenz zwischen dem, was die SadistInnen* sehen (wollen/müssen) und dem, was für sie aber eigentlich nur sichtbar sein kann, bewusst wird.

Wenn man Hunger hat, findet man Dinge, die man sich in den Mund stecken kann.
Irgendwann.
Aber egal, wie man sich bemüht, das zu verstecken, zu verschleiern…
“Es wird gesehen, wenn man keinen Hunger mehr hat.”,
sie macht sich hart, ohne Bedürfnis, ohne Sprache und hält die Hände vor das zugeschwollene Gesicht.

Kuckuck – Wo ist der Kern, der zu zerstören versucht wird?

Daaaaa ist er!
Weit hinter dem, was überhaupt versichtbart werden kann. Egal, wie weit gespreizt, gebohrt, gerissen, gefetzt, zur Anpassung gezwungen wird. Egal, wie sehr der Linsenfokus brennt. Egal, wie vernichtend Wertung, Demütigung und Sinngebung wirkt.
Dieser klitzekleine Kern spielt nicht für die sadistische Person das “Kuckuck-Spiel”, sondern allein für und vor sich selbst. Um sich zu schützen, sich zu bewahren, ohne es bewusst zu spüren oder zu wissen.

Ich glaube, ich verstehe, warum wir vorsichtshalber lieber kaum etwas sehen [die dissoziative Blindheit], unbeeinflusst hören [der Tinnitus] oder sicher wahrnehmen und bewegen [die Schwindelattacken], noch unkommentiert bewerten [das Rauschen der BÄMs].

Könnte ja sein, jemand sieht das.

Ende

Perspektive 1

Dass das Mädchen sich die Augen zuhält und hart macht, hatte er gemerkt.
Aber er ist ein Junge, den niemand sieht. Ist ja ein Frauenkörper und damit muss man sich abfinden.
In Wahrheit ist er also vom Mädchen eingebildet. Muss man sich mit abfinden.
Hart werden und sich ab- weg- einfach woanders finden. Wer nur eingebildet ist, der merkt nichts was wirklich ist.
Auch wenn alle sehen, dass sie nichts sehen.

Die Dynamik um den Körper, erinnert mich an junge Menschen, die mit Stöckchen auf Quallen einstechen.
Es gibt keinen Laut, kein Blut, keine Bewegung vom Tier. Es wird entweder im Sterben noch gequält oder als Leichnam zerfetzt. Die Handlung hat oft keinen weiteren Sinn als den der Neugierbefriedigung. Wenn man noch nichts über Reizleitung, Tod und Ethik weiß und vielleicht nicht in der Lage oder Willens ist, dies auf eine Qualle zu übertragen, dann sieht man die Brutalität der Handlung nicht. Die Gewalt.
Es wird klar, in welcher Beziehung so abstrakte Überlegungen zu konkreten Situationen oder Lebewesen stehen und von welchem Status aus sie konstruiert wurden.

Für uns gibt es ein neues “normal”, das uns schleichend zerfetzt. Jedes Mal neu durchbohrt und macht, was es eben immer macht: Irgendwo macht sich ein Innen hart, um die Qual einfach irgendwie an sich und um sich ziehen zu lassen, während ein anderes daneben steht und den Wellenbrecher für die FrontgängerInnen* macht.
Manchmal auch ohne es zu wissen und darin anerkannt zu werden.
Manchmal, weil man es  nicht weiß und manchmal, weil viele Teekannen gleichzeitig pfeifen und die Verbindung nicht sichtbar ist.

“Ich bin ein unsichtbarer Kämpfer. In Wahrheit bin ich Batman oder so. “
Er wünscht sich eine Maske und ein Cape.
Jemand schminkt das Gesicht.
”Besser als gar nix”, denkt er.

Würde es weh tun, würde es brennen, stechen, jucken, dann wäre es das normal mit dem wir 28 Jahre gelebt haben.
Es gäbe keinen Grund zu Verunsicherungen, der mit uns zu tun hat. Die ganze Welt kann das für komisch, schlimm, schlecht, falsch halten, es würde nichts daran ändern, dass es für uns üblich ist. Es ist normal für uns, diejenige zu sein, zu der man hinkonstruieren muss. Wir haben uns nicht in Abgrenzung zu anderen Menschen und ihren Empfindungen und Normen entwickelt. Solche Privilegien zu leben, war uns einfach nicht möglich. Wir haben uns erlebt, als wir uns erlebten. Wir haben uns benannt, als wir Namen hatten. Wir haben gefühlt als wir fühlen konnten.
Wir sind nicht, weil andere Menschen sind. Wir sind, weil wir sein durften und haben das, anders als viele andere Menschen, nie vergessen dürfen. Können. Sollen.

Er beobachtet das kleine Auge an der Kamera, während die Frau redet und seinen Augapfel im Kopf bewegt.
Seine Anstrengung fließt in schmalen Rinnen die Schläfen herab.

Wie lange bleibt diese Unüblichkeit bestehen? Wie lange muss man Schmerzfreiheit aushalten bis jemand erlaubt das eigene normal an sich zu nehmen?
Wie lange muss man diese fremde Konstruktion auf sich anwenden, obwohl sie keinen Bezug hat?
Es ist dann doch nicht nur die Abwesenheit von Schmerz an einem Körper, der von niemandem als sein Körper betrachtet wird, sondern auch das Wissen, dass einerseits immer nur über diesen Körper wahrgenommen werden kann und andererseits darüber immer wieder Konstruktionen passieren, die nichts mit dem eigenen, zu  mehreren, gelebt (worden) sein zu tun hat. 

Er spürt, wie sein Rücken warm wird und sich hinter ihm die Konturen des anderen verdichten.
An dem Bein des Mannes hinter ihm stützt er sich ab und atmet durch.
”Alles cool Kleiner. Hat voll gedauert bis ichs gecheckt hab, sorry.”. Sie nehmen einander an die Hand und bilden die Blase, in der die Frau das Normal des Fremden leben kann.

Fortsetzung folgt