Betreuung

Nur noch 11 ein halb Tage bis zum Termin beim Betreuungsdienst der Wahl.
Getriggert ist inzwischen so ziemlich fast alles und wie Unkraut es so an sich hat, schießt das Zeugs im Kopf in alle Richtungen.

Es ist ein Moloch, den wir da vor uns sehen und das nicht, weil unsere Erfahrungen alle eher so semi bis grotte mit Aspekten von zart glitzerndem Wow waren.
Sondern, weil Betreuungen immer zwischen Kontexten der Wohlfahrt, wahrhaftiger Selbstlosigkeit, des schieren Kapitalismus und Not auf vielen Ebenen passieren.

Auf Flyern lachen die Menschen immer. Oder lächeln. Es gibt gegliederte Texte, frische Farben, samtweißen Hintergrund und fast sind selbst die Paragraphen am Ende der letzten Seite nicht schlimm.
Mit Beginn der Arbeitsgruppe “das Nachwachshaus” und im Verlauf unserer Krise haben wir eine ganze Menge von diesen Flyern angesehen und gelesen. Im Laufe des Jahres und mit zunehmendem Engagement in Sachen “Inklusion als Menschenrecht”, konnten wir uns diese Flyer aber auch mehr und mehr dekodieren und in einen Kontext mit unseren eigenen Wahrnehmungen und Einschätzungen in Bezug auf geschehene Betreuungen (und all die geschehenen Nichtbetreuungen) bringen.

Vor uns kann kein sozialpädagogisch arbeitender Mensch mehr stehen und sagen: “Ja aber…” oder “Was erwartest du denn?” und anderes reflexhaftes Derailing anbringen.
Sorry – not sorry.

So, wie wir lange vor der Krise schon darüber schrieben, dass keine einzige Form der Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun, kontextlos passiert, so schreiben wir nun über Betreuungen als einen Aspekt der Gewaltenverteilungen und ihren Aus-Ein-Mit-Wirkmechanismen.
Die Wohlfahrt und ihr gesamtes System gehört zu einem Teil der Gewalt, die Menschen mit Behinderungen/Behinderte, Arme, Kranke, Unterstützungs- und Hilfebedürftige jeden Tag erfahren und gegen den sich zu wehren praktisch unmöglich für sie ist, ohne sich selbst einer sehr existenziellen Gefahr auszusetzen.

Klar könnte ich in eine Kommune irgendwo auf dem Land ziehen und schauen, ob meine Probleme sich von veganer Lebensweise, frischer Luft und absoluter Abschottung vom Rest der Welt verbessern. Für manche Menschen kann das ein Ding sein.
Für mich aber nicht. Und wieso sollte ich als Person, die sowieso schon unglücklich mit dem ständigen Außenseiter_in sein ist, außergerechnet als totale Aussteiger_in glücklich sein?

Um klar zu sein: ich suche keine Hilfen, die weder institutionalisiert sind, noch komplett außerhalb kapitalistischer Kontexte passieren. Wir leben im Kapitalismus und wir leben in einem System, das Strukturen eher anerkennt als fluide Existenzen. Deshalb ist der Mensch allein hier ja so wenig wert.
Aber, ich möchte nicht von Menschen betreut und unterstützt werden, die selbst, (und nicht zuletzt auch wegen der Arbeit an/mit mir) zu Personen werden, die Hilfe und Unterstützung brauchen, um am Leben sein zu können.

Ich möchte das zum Einen nicht, weil ich das für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit halte und zum Anderen, weil ich mich entwickeln möchte. Vielleicht auch an Beispielen und Vorbildern entlang.
Heimlich ist das ein Wunsch. Okay. Vielleicht ein naiver. Obwohl eigentlich nein. Die Glitzeraspekte von selbst den semihilfreichen Betreuungen, die wir so hatten, waren Menschen, die etwas an sich hatten/haben, das wir (bis heute) nicht verstehen und deshalb zu ergründen versuchen: die mochten uns und wollten uns helfen, weil “einfach so”.

Für uns ist das wie ein Ding, das aus dem Weltraum kommt.
Nicht, weil wir das gar nicht kennen, dass Menschen uns sagen, sie mögen uns – viel mehr, weil die meisten Menschen, die uns sagen, sie würden uns mögen, uns in Wahrheit einfach genau nur so lange mögen, wie ihre Vorstellungen und Erwartungen an uns erfüllt sind.
Wir sind so schlecht darin Erwartungen zu erfüllen. Vor allem, wenn die Menschen nicht einmal reflektieren, dass sie welche an uns haben oder herantragen. Dann merken sie oft nicht einmal, dass wir sie enttäuscht haben – dann merken sie nur, dass wir anstrengend, unverständlich, zeit-nerven-kraft-intensiv im Umgang sind.

Gerade Letzteres tut uns immer wieder weh zu merken. Und auch deshalb sind wir inkompatibel mit ambulantem betreuten Wohnen.
Da heißt es im Hilfeplangespräch, dass man sich in Ruhe um alles kümmert und sich auseinandersetzt und dann macht.
Am Ende sieht die Realität dann so aus, dass die Klientin vor mir einen Amtstermin hatte, der – konnte man ja nicht ahnen – länger dauerte – für mich also bedeutet 20-30 Minuten weniger Zeit mit der betreuenden Person zu haben, weil sie nach mir noch schnell einen Klienten vom Bahnhof drei Dörfer weiter abholen muss und der da ja nun nicht so lange warten soll (was er dann aber doch muss, weil ich nervigerweise vielleicht doch noch ein Problem geklärt haben muss, das schon seit fünf vorherigen Terminen geklärt werden will, die furioserweise alle ähnlich gequetscht und zeitlich ultraeng aussahen).

Klar seufzen Betreuende vor mir auf und sagen mir, dass sie schon viel Zeug heute hatten und grad ne Migräne anrollt und Fußschmerzen und das Auto ist ja auch fast kaputt und so ein langer Tag noch heute…
Na klar tun sie das. Weil sie Menschen sind und keine Maschinen.
Aber die Erwartung ist eine Reaktion von mir.

In meiner letzten ambulanten Betreuung hatte ich den Standartreaktionsspruch auf das “Uff- ist alles ganz schön viel” von meiner ehemaligen Therapeutin kopiert und blindlinks abgespult, während hinter mir natürlich alles durcheinander getriggert herumpurzelte und sich überlegte, wie man die Probleme, die eigentlich in aller Ruhe mit den betreuenden Personen angeguckt werden sollten, selbst klärt.

Ich hab mich dafür geschämt, als ich das gemerkt hab. Ich mag selbst keine vorgefertigten Sätze hören und mache das dann in solchen Situationen.
Warum? Weil ich überfordert bin. Weil ich keine Kraftreserven dafür habe Menschen individuell mit Lautsprache zu berieseln. Weil die soziale Interaktion schon total viel Kraft kostet. Weil sich den Problemen, bei deren Lösung ich Hilfe und/oder Unterstützung brauche, zu stellen Kraft zieht.
Weil es bei meinen Problemen immer und immer wieder um handfeste existenzielle Absicherungen bzw. den Verlust dessen dreht.

Wir haben die ambulante Betreuung verlassen, weil wir gemerkt haben, dass wir diese Kraft nicht mehr aufbringen konnten.
Muss man sich mal überlegen – eine Hilfe ablehnen, weil man keine Kraft für sie hat.
In anderer Menschen Leben würde das bedeuten, sich mehr Hilfen ranzuholen.

Aber dann – mehr Hilfen ranholen. Mehr einfordern, als eine Person, die eh schon immer zu viel ist. Zu viel kognitiver Aufwand. Zu viel Zeit-Kraft-Energiefraß.
Obwohl sie doch auch super alles allein geschafft hat. Weil sie das ja doch gar nicht anders wollte.

Am Ende ist es halt dieser Dreh, der uns vor ein paar Wochen das Genick gebrochen hat.
Die Erkenntnis, dass wir Marathon laufen und eigentlich einen Rollstuhl bräuchten. Das ist ein mieser Schlag in den Bauch und doch irgendwie typisch für unsere Reflektion und permanente Dekonstruktion der Blicke anderer auf uns. Wir sind nicht zimperlich oder die Art Person, die sich die netten Aspekte von Reflektion auf sich herauspickt und die bitteren Stücke liegen lässt.
Wir suchen die bitteren Stücke, weil sie in der Regel wahrhaftiger sind. Schmerz ist ehrlich. Schmerz ist unbestechlich. Schon immer gewesen.
Menschen, die uns weh tun, erleben wir als ehrlicher und sehr viel offener, als Menschen, die immer nur Honig für uns haben.

Leider sind Menschen, die uns weh tun, häufig auch selbstsüchtige Arschlöcher oder von Täter_innenintrojekten angestochene Hörnchen und deshalb nicht besonders geeignet für uns im täglichen Kontakt.

Und damit sind wir wieder bei den dauerlächelnden Prospektgesichtern für Betreuungsanbieter.

Es gibt die Angst in so einer furchtbar netten Umgebung zu landen, in der wir die einzige Person sind, die Kritik übt, Dinge kritisch betrachtet, Negatives auch offen kritisiert.
Es gibt die Angst wieder reinzufallen auf irgendein Lächelgesicht und Versprechen auf entspanntere Aussichten, die dann doch nie kommen.
Und es gibt die Erinnerungen, die heute noch einmal auf einen anderen Boden fallen. Heute turnen teilweise 12-13-14 jährige Innens in unserem (Schul/Bildungs-) Alltag herum  und ich merke, wie wir Rosenblätter anfangen sie zu merken. Was es ausmacht, wenn Worte wie “Es gibt eine Bekleidungspauschale und Verpflegungsgeld…” fallen. Das ist kein Teil unserer Jugend, der verarbeitet ist.

Wir wissen nicht, wie man sich betreuen lässt.
Wir wissen nur, wie es ist betreut zu werden und sich kaputt zu machen, während man versucht die Betreuenden zu entlasten und sie möglichst nicht mit der Hölle in einem drin in Berührung kommen zu lassen.

Wir schauen gerade nach einer Alternative zum stationären Wohnen in einer Wohngruppe.
Also denken wir gerade allen Ernstes darüber nach, uns irgendwie mehr als 4-6 Stunden pro Woche mit Menschen in Kontakt zu bringen. Und zur Berufsschule zu gehen. Gleichzeitig.
Wir.

Like: wirklich wir oder ein frisch aufgekeimter Blob irgendwo am Rande des Temporallappens?
Im Moment fühlt es sich für mich an, wie parasuizidale Ideen. Ernsthaft.

Es fühlt sich an, als würden wir uns mit der Umsetzung dieser Idee von Hilfe und Unterstützung an eine Art Suizid bringen, den keiner außen merken würde, weil wir ja gut versorgt wären und so.
Es ist auch eine ähnlich einsame Entscheidung.

Oder?

der Antrag

Der Antrag hat 14 Seiten und gilt nicht als Sonderform eines juristischen Schuldspruches benannter Täter_innen. Bei Bewilligung gibt es keinen Grund zur Annahme andere Sozialleistungen würden gekürzt.
Warum zum Henker liegt dann das Zeug hier noch rum und schaut mich jedes Mal vorwurfsvoll an?

Weil es der Antrag auf Leistungen aus dem Fonds für Opfer von sexuellem Missbrauch im familiärem Umfeld ist.
Und wir nie ein Opfer von sexuellem Missbrauch waren. Weil wir mit unserem Hartz 4 doch total gut versorgt sind. Und so.
Weil es eine erschlichene geklaute böswillig abgequetschte Geldmasse in unsere raffgierigen Pfoten wäre. Erlogen und betrogen und auf Kosten der wahrhaftigen Opfer, die ihr Leben lang nie um irgendwas gebeten haben, weil sie sich nichts zugestehen können. Weil sie sich im Gegensatz zu uns nie herausnehmen würden sich Hilfen, Unterstützungen oder schlicht Schönes und Angenehmes zu zugestehen. Weil alle außer mir zurückhaltende, liebliche Unschuldslämmchenopfer sind.

Ja, im letzten Teil sprechen gerade unsere Langzeithaterin*/stalkerin*, diverse Täter_innenintrojekte und die allgemeine Opferfeindlichkeit unserer Gesellschaft, die in meinem Kopf herumlaufen und immer genau dann losquaken, wenn ich einen Krankenhausbericht kopieren, diverse Kostenvoranschläge einholen und darüber nachdenken will, wie ich damit umgehe auf eine Entscheidung des Fonds zu warten.

Wenn man sich mit dem FSM auseinandersetzt steht dort überall, man solle sich eine Berater_in suchen und das mit ihm_ihr zusammen machen.
Wir haben das versucht. Und dann gemerkt: “Okay, nein, wir sind hier gar nicht bei uns, sondern bei erratenen Erwartungen von einem Gegenüber.”. Also haben wir uns den Antrag selbst ausgedruckt und ausgefüllt. Und auch das Erinnern alleine ausgehalten und die Nacht danach allein mit uns verbracht.
Das Schreiben zur Seite gelegt und uns gesagt, dass wir nicht mehr darüber nachdenken müssen, was dort drin steht. Dass wir jetzt einfach nur noch daran denken müssen, Kostenvoranschläge einzuholen und Klinikberichte zu kopieren.

Unsere Therapeutin ist im Urlaub. Wir haben Arbeiten zu erledigen und nebenbei warten wir darauf, ob das mit der Berufsausbildung mit Assistenzhund an der Berufsschule klappen könnte. Daneben kommen Geschenke von der Wunschliste hier an und alles was wir tun, ist die Luft anzuhalten, auszuhalten, zu warten und zu gucken, wann der Hass auf uns wieder so weit abgeflaut ist, dass aus dem “unverdienten unnötigen Scheiß” das Kleinod einer Freude wird, das uns leichter durch das “nach dem verhinderten Suizid” trägt. Ja, das ist immer noch nicht durch. Mich machts fertig so fertig zu sein.

Der Antrag liegt auf dem Schreibtisch und faucht mich an. Wieso will ich den denn wegschicken, wenn ich eigentlich nur eine Wippemöwe am Fenster und ein buntes Mobile über dem Kopf brauche, um immer wieder im Menschenbett einzuschlafen? Nach 15 Jahren endlich mal wieder eine nicht invasive Einschlafmethode zu haben ist doch genug. Was will ich denn noch mehr?!

Ich weiß es natürlich nicht, aber oft wird uns sehr viel mehr Belastbarkeit und Abgeklärtheit über die eigene frühere Opferschaft zugetraut, als da ist. Als würden wir allen, die es hören (und allen die es nicht hören) wollen, davon erzählen, was uns passiert ist. Als würden wir seit Jahren halt einfach nur darauf warten, dass uns Menschen den Kopf streicheln, weil sie wissen, was für furchtbare Dinge wir erlebt haben.
Als würden wir hier keine klaren politischen Kontexte und sich daraus ergebende Notwendigkeiten formulieren. Als würden wir nicht etwas tun, dass uns als Beispiel nimmt, statt über Menschen und ihre Lebensrealitäten zu sprechen, die wir weder kennen noch leben.

Ja, vielleicht ist das verwechselbar mit einer reinen Bauchnabelshow. Und ja, es gibt die Möglichkeit, dass wir eine Rampensau sind, die mit so Themen wie Hartz 4, Behinderung, Gewalt- und Traumafolgen voll den Applaus kriegt und sich darüber ein Entitlement auf Belohnung wie solche Hilfeleistungen erlaubt.
Kennt man ja so Opferstars, die alles geschenkt bekommen, weil sie so öffentlich leiden wie wir.
Man kennt ja die Gesellschaft, die sich vom Leid anderer Menschen total hinreißen lässt zu Ehrenamt und Spendenaufkommen.

Ups – jetzt bin ich schon wieder zwischen Zynismus und Zyankali – sorry.

Aber nun ja – so ist das eben.
Während es bei meinem Antrag auf Geldleistungen aus dem Fond – wie auch bei jedem Antrag auf Therapiekostenübernahme bei der Krankenkasse – wie auch bei jedem Antrag auf Asylgeld – wie bei jedem anderen Antrag auf Geld auf Grundlage des Sozialgesetzbuch, das es in Deutschland nicht ohne Grund gibt –  um (soziale) Hilfen in Form von Geld geht, so geht es in jedem Hinterfragen dessen darum, wer was haben darf.
Nicht darum, wer was braucht.

Die Einen sagen, sie wollen, dass von ihren Steuern nur die bekommen sollen, die es sich verdient haben. Möglichst natürlich was sie als “sich verdient” bewerten. So jemand wie ich, die nie so gebuckelt hat, wie sie, die hat natürlich nichts verdient. Ist ja klar.
Die Anderen sagen, sie wollen hier niemanden durchfüttern, wer nicht wirklich am verhungern ist. Als sei es nur der Hunger, der das Problem ist.
Die Nächsten kennen “die Systembetrüger_innen”™, die nicht jeden Job annehmen, weil sie faule, ungebildete Säcke sind, die lieber rauchen und Chips essen, als Starbucksklos zu putzen oder stundenlang eine Entertaste zu drücken, um am Ende 50€ mehr auf dem Konto zu haben. Und natürlich die Wirtschaftsflüchtlinge und Z-Wort-Leute , die mehr Geld in den Arsch geschenkt bekommen, als andere, weil sie diebische Elstern sind.

Ja. Das nennt man auch Rassismus, Ableism und Wohlstandsflausen, die Kapitalismus nicht als tödlich einstufen.

Es wäre so schön, wäre ich eine Person, die es nicht nötig hat um Unterstützungen zu bitten.
Wenn das alles einfach echte Anstellerei und Opfermasche wäre. Dann hätte ich viele Nöte nämlich nicht. Dann würden mich so Täter_innenintrojekte und die Langzeithassperson weder so treffen, noch so daran behindern, mich, wie alle anderen Menschen auch, einfach darum zu kümmern gut über die Runden zu kommen, wie sie es eben tun: langanhaltend, gründlich und immer und immer und immer wieder – egal, was ich wie wo warum tue oder auch nicht tue.

Ich fühle mich davon unter Druck gesetzt. Empfinde es so, als müsste ich noch mehr Rechtfertigungen für Geschenke an mich und Spenden für meine Projekte finden und aufsagen. Aber mehr Rechtfertigung als “Ich finde es schön zu erleben, wenn Menschen mir Dinge schenken und Unterstützungen zukommen lassen, ohne dafür etwas von mir zu verlangen” hab ich nicht.
Ich finds einfach nur schön. Dass das geht. Also auch. Neben ganz viel schlimmen Dingen, die gehen.

Ich spüre Zeitdruck hinter dem Antrag. Bis Ende April muss der dort eingereicht sein.
Und ich weiß nicht mal, ob ich morgen auch noch leben will. Oder, ob ich in zwei drei Stunden oder Tagen oder Wochen aufhören kann zu denken: “Ich bin kein Missbrauchsopfer – nie gewesen. Ich bin total okay. Mir ist nie irgendwas passiert. Alles ist eingebildet. In Wahrheit ist das hier alles nur ein Teil meiner Psychose. Oder meines tief im Hirn angewachsenen Tumors.”.

Ich merke, wie groß die Wahrheit anderer Leute vor mir steht. Mal wieder.
Was und wer ich bin. Was mir zusteht und was nicht, entscheiden nicht meine Bedürfnisse, sondern die Bewertungen anderer von dem, was sie von mir zu wissen glauben und zu denken erlauben, ohne je etwas davon zu hinterfragen.

Und weiß, dass das alles nur so in mir wirken kann, weil es irgendwann mal keine andere Wahl gab das zu überstehen, als es selbst in meinen Kopf zu lassen.

Tse aber klar – ich brauch keine Hilfe.
Meine Not ist selbst gewählt.

Meine armen Unterstützer_innen. Denken das wär anders.
Arme Irre.

Umfrage zu Erfahrungen mit dialektisch-behaviorale Therapie (DBT)

Erfahrungen mit der Therapieform DBT gemacht? Bitte beteiligen!

In den letzten Jahren wird die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) in Deutschland an immer mehr Orten angeboten. Studien zur DBT belaufen sich meistens auf Einschätzungen durch psychologische/medizinische Beurteilungen. Ein breites Meinungsbild von Seiten der Behandelten fehlt bisher.

Uns interessiert daher, was für Behandlungserfahrungen (ehemalige) Patient_innen mit der DBT gemacht haben.

Die Umfrage findet man hier

herzlichen Dank
Alex Stern (mit Kristina Holler und Hjoerdis E. Wirth)
Mitglieder der AG “Therapie” des Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM)

 

Fragen und Anregungen bitte an die Verantwortlichen der Umfrage – den Blogartikel (oder den Umfragenlink)) bitte gern teilen

zum Glück wird manche Kleidung zur Wegwerfware

“Kleidung wird zur Wegwerfware” – so lautet mehr oder weniger der Schluss, der aus einer Greenpeaceumfrage zum Thema Kleidung gezogen wurde.

Als würde Kleidung nicht in weiten Teilen genau dafür designt und produziert. Als würde Kleidung heute noch den gleichen Limitierungen unterworfen, wie vor 50 Jahren. Als sei es für niemanden wichtig, dass es so ist, wie es jetzt ist.

Wir kaufen unsere Unterwäsche bei KiK, unsere Strumpfhosen bei Kaufhof und unsere restliche Kleidung besteht aus Kleidung, die uns geschenkt wurde oder in der Recyclingbörse von jemandem zum Weiterverkauf abgegeben wurde.
Unser letztes Paar Schuhe “für gut” kam 14,99€ bei Deichmann und hatte nach 6 x tragen einen Riss in der Sohle. Es ist jetzt also ein Paar Schuhe “für gut” im Sommer. Von den Schuhen, die in unserem Regal stehen ist nur noch dieses Paar keine ehemalige Kleiderspende von Menschen, denen der Wert ihrer Kleidung bewusst ist und denen gleichermaßen klar war, dass sie mehr Schuhe besitzen als sie tragen.
G’tt sei Dank ist das so.

In der Umfrage kam heraus, dass niemand seine Sachen zum Schuster oder Schneider bringt.
Wenn man bedenkt, dass Schuster und Schneider Geld für ihre Arbeit wollen  und sich das bei einem Paar Schuhe, dessen Plastesohle an einen Plaste-Stoff-Mixschuhteil geklebt war, überhaupt nicht lohnt (sondern genauso gut in ein bis zwei neue Plasteschuhe gehen kann, damit man überhaupt Schuhe hat), wurde dabei entweder außenvor gelassen oder einfach nicht erwähnt.

Gerade Schuhe sind bei uns aktuell Thema, weil wir seit Anfang des Jahres mit einem Fernsensporn zu tun haben.
Ja, Fersensporn. Das, was überwiegend Frauen* ab 40 haben, die ihr Leben lang in Chucks oder Stöckelschuhen gelaufen sind. Oder eben die paar Frauen*, die auf einem schrumpfenden Zentimeter Gummiplaste über Stock und Stein laufen, weil es ewig kein Geld für den ÖPNV gibt.
Wir haben recherchiert, was man machen kann, außer Ibuprofen und entzündungshemmende Salben. Klar – “festes Schuhwerk mit gepolstertem Fersenbereich” und “ausgelatschte Schuhe meiden” und “ganz oft barfuß”.
Man kennt das und rechnet das kurz nach.
Meine Schuhe sind bis auf die Winterstiefel alle ausgelatscht – aber gleich wegschmeißen? Nur weil ein Fuß hier und da mal aufmuckt?
Sowieso – weg ist weg und bedeutet noch lange kein neues ordentliches Paar Schuhe.
Wir nehmen am Ende ein loses Gelpolster zu 30€ und legen es in unsere 15€ Deichmannsneaker und sind froh, dass es so billige Schuhe gibt.

Unsere Kleidung verbleibt in aller Regel über Jahre in unserem Haushalt. Nicht, weil sie so gut ist, dass wir sie nicht zur Kleidersammlung geben wollen, sondern, weil es uns peinlich wäre, könnte jemand in der Sortierstelle denken, wir wären so ein Jemand, der denkt, seinen Textilmüll würde noch jemand anderes tragen können. Und nicht, dass wir wissen, dass sie in der Sortierung gucken, was wirklich noch geht und was zur Aufbereitung verkauft wird und wir es als Spende ans DRK schönreden. Weil die können mit dem Geld ja dann Menschen helfen.
Weiß man ja.

Wir haben im Laufe der Jahre ein paar Dinge übernommen, die das Leben unserer Sachen ein bisschen verlängern.
Es ist normal, dass Textilien irgendwann ihre Farbe und Weichheit verlieren. Da wir special Waschpulver, in dem nur Seife und sonst nichts drin ist benutzen müssen, geht das natürlich noch schneller.
Spannend dabei: schwarze Kleidung von KiK wird nie einfach nur dunkelgrau, sondern sehr viel öfter rot-braun, dunkelrot oder lila-braun-grau und natürlich verhalten sich auch andere Farben nicht echt im Laufe der Zeit.
Wenn die Nähte noch gut sind (niemals raushängende Fäden an einem KiK-Kleidungsstück abschneiden – das ist ein Zauberfaden, wenn der ab ist, fällt das ganze Teil auseinander), machen wir einen Eimer mit Clorix fertig und bleichen uns das Zeug weiß bis pastellfarben. Und e voilá: Sommershirts

Außerdem auch: Röcke statt Hosen
Wir haben unseren letzten Rock vor Jahren in der Recyclingsbörse gekauft.  Es gibt keine Scheuerstellen, außer an den äußeren Nähten auf denen andere Kleidung entlang reibt. Farbverluste sehen bei Jeans sogar gar nicht mal so hässlich aus, andere Stoffe kann man aber leicht nachfärben. Ein Rock wiegt oft weniger als eine Hose in der gleichen Größe – man kann also gleich zwei auf einmal färben.
Ein langer Rock mit ausgefranstem Saum, kann auch ein mittellanger Rock werden – eine Hose braucht zum Kürzen dann doch irgendwie den richtigen “Insgesamtschnitt”.

Übrigens ist Kleidung selbst zu nähen oder zu stricken nicht billiger, als sie zu kaufen. Anna hat dazu mal ganz ausführlich geschrieben. Lest das.

Nähen und stricken zu können ist aber im Hinblick auf Langlebigkeit und Wiederbelebungsmaßnahmen von Kleidungsstücken hilfreich.
Ein gestrickter oder gehäkelter Pullunder/Westover, hat schon so manches Sommershirt von uns zu einem Wintershirt verwandelt. Eine selbst gestrickte Mütze zu stopfen geht leichter, als eine maschinengestrickte Polyesterstrickmütze mit Miniklitzemaschen.
Auflösende Nähte nach zu nähen ist eine Sache von 20 Minuten. Vielleicht den 20 Minuten, die man normalerweise in der Stadt herumgurkt, um einen Parkplatz zu finden, um sich danach mit anderen Leuten durchs Kaufhaus zu drücken.

Am Ende ist Kleidung aber eben doch so lange tragbar, wie man sie tatsächlich auch tragen kann.
Wir tragen auch Sachen mit Löchern, Verfärbungen, viel zu groß oder eigentlich zu klein. Vor zwei Jahren haben wir einen Mantel geschenkt bekommen, der sich komisch anfühlte, weil er passte.  So ist das einfach. Wir schämen uns in der Regel nicht für unsere Kleidung – wir schämen uns, wenn man an uns Forderungen stellt, wie die, doch gefälligst keine Billigsachen mehr zu kaufen oder mindestens immer bio öko fair trade mit Gütesiegel mit special anderen Superfunktionen, die uns als “super gut für uns” beworben werden, zu präferieren.

Am Ende ist die Näherin in Bangladesch in Bezug auf die Wahlmöglichkeiten um überhaupt bedeckt zu sein, doch wieder näher an uns dran, als die Normgruppe der 19-69 jährigen Deutschen, die zu Primark gehen, weil sie mehr Geld für Kultur, Technik und Freizeitgestaltung ausgeben müssen (und möchten), die in der Umfrage von Greenpeace kreiert wurde.

Vielleicht weiß Greenpeace aber auch nicht, dass der volle Hartz 4-Satz für Kleidung und Schuhe  33, 53€ im Monat vorsieht.
Und nicht alle Personen in Hartz 4 auch wirklich den vollen Satz bekommen.

Vorstellungen

Gestern war ein Tag, von dem ich später sagen kann: “Ja, und dann war da „Tag der offenen Tür“ und ich bin hingefahren, hab gesagt, dass ich die hundische Assistenz brauche und, dass ein ruhiger Ort gut wäre und dann hab ich mich noch ein bisschen umgeguckt und bin zurück nach Hause gefahren.”, als wäre es einfach nur so passiert.
Einfach so. Weil man das so macht.

In meinem Kopf entsteht im Moment so ein Bild davon, wie das wohl sein könnte, wenn wir vielleicht nicht mehr so völlig allein klar kommen müssten, weil wir endlich eine passende Betreuung gefunden haben und dann in eine Ausbildung gehen und viele spannende Sachen lernen und danach dann ganz viel Zeug erschaffen können und uns vielleicht auch endlich mal ganz selbst finanzieren können und so.
Einfach so. Weil das dann ist.
So normal halt.

Es gibt Menschen, die finden normal langweilig. Weil “einfach so” ja gar nicht sein kann. An jedem “einfach so” muss es einen, einen wie auch immer genehmen Haken geben, der zusätzlich definiert.
Und ich stehe daneben und frage mich, wie man überhaupt gelangweilt sein kann von Dingen, die egal ob normal, einfach so oder unüblich, komisch passieren. Als sei das Geschehen von Dingen und Dynamiken nicht grundlegend irgendwie immer interessant, weil es doch genauso wie es geschieht, auch gar nicht geschehen kann.

Wir könnten eine Landschaft von Fleischklopsen sein und wären doch interessant. Oder etwa nicht? Schonmal ne Landschaft aus Fleischklopsen gesehen?
Eben.

Ich dachte gestern in der Berufsschule darüber nach, wie das wäre, wenn es sich nach ein zwei Wochen eingebürgert hätte, dass wir da halt sind und NakNak* auch und es so einen Lauf der Dinge für uns gäbe, in dem wir so anders sind, wie alle anderen, die dort lernen. Ich glaube, das wäre unnormal für uns und deshalb besonders.
Das ist etwas, worüber noch nicht sehr viel gesprochen wird, wenn es um das Thema Inklusion geht. Der Aspekt von neuer Normalität.
Neues kann nicht normal sein. Erst das Alte, Bekannte, Übliche kann normal sein.

Meine Ausgrenzungserfahrungen sind für mich normal und allein meine Integration in eine Schule wäre für mich so ein Zustand, der mir als Schritt schon reicht. Ich halte Schulen nicht für Orte, an denen Inklusion gelebt werden kann. Zumindest so lange nicht, wie Integration noch keine Normalität ist.
Wenn Dinge normal sind, verlieren sie irgendwann ihren Reiz als grundlegend interessantes Ding. Dann fängt man an, zusätzliche Worte dazu zu machen und bestimmte Eigenschaften herauszudefinieren.
So werden übrigens moderne Ernährung, Mode und all die Variationen von Putzmitteln gemacht. Wozu einen Apfel kaufen, wenn man auch ein Superfood apple power/Rawfood juicy apple/unverpackt bio fair trade vegan special Obst mit Namen “Grannie Smith” kaufen kann, das viel toller, spannender, interessanter sein muss, weil es ja sonst nur “Apfel” heißen würde.

Wenn man es gewöhnt ist umgeben von Menschen zu sein, die behindert sind/werden (also Integration von Behinderten lebt), dann fällt einem irgendwann schon ganz von allein auf, dass es gerechter und schöner wäre, würden diese Menschen auch die gleichen Rechte haben und alle Möglichkeiten bekommen, diese auch einfordern zu können. Das nennt man dann Inklusion. Und auch daran müsste man sich erstmal wieder gewöhnen.

Jedenfalls habe ich mich gestern ein bisschen näher an so einer Idee von “normal” gefühlt und gemerkt, wie gleichzeitig der Reflex hoch kam, mich zur Ordnung der Dinge im Moment zurückzurufen.
Meine Vorstellungen von einem Umfeld, dass uns beim Haus.halten, Arbeiten schaffen, uns selbst organisieren und tragen, beim Therapie machen unterstützt und in dem es dann auch noch eine Schule gibt, die das übliche Schulnervzeug mit sich bringt, halte ich selbst für etwas, das nicht nah an einer möglichen Realität sein kann, weil es so ein unnormales Ding wäre.
Ich denke mir, dass es mindestens 300% anders (und natürlich genauso viel schlimmer) sein muss, weil ich ja keine Ahnung hab, was ich mir da eigentlich wünsche vorstelle.

Und dann lehne ich mich zurück und erlaube mir das.
Weil ich mir doch immer mindestens vorstellen muss, was sein könnte. Einfach nur so. Fern aller Realitäten und Normen. Wie sonst soll ich denn sonst merken, wenn ist, was ich mir gewünscht vorgestellt habe?

Ich erdenke mir also einen Schulalltag und eine Heimwegroutine mit NakNak* an der Seite auf ein Zuhause zu, das mich nicht chronisch überfordert und mir Raum lässt mir zu wünschen vorzustellen, was ich mache, wenn ich fertig bin.
Einfach so.
Auch, weil es nichts Neues wäre, würde auch dieser Wunsch diese Vorstellung als nicht umsetzbar vor meiner Nase zerplatzen.

Missgunst

Die Gebärde für das Wort „Neid“ deutet einen Speichelfaden, der aus dem Mundwinkel herausläuft, an und als ich davon erfuhr musste ich lachen.
Zwei Tage später stand ich vor dem, was das Wort beschreibt und ergänzte für mich „Es könnte Speichel sein, was darauf hindeutet, dass es ein Begehren des Gleichen gibt – vielleicht in Verbindung mit einem Hunger – also einem Bedürfnis nach Nährung, also Versorgung. Vielleicht ist Neid ein Wort für „Ich will haben, was jemand anderes hat – weil ich es brauche (und annehme, dass ich es durch das bekomme, was jemand anderes hat).
Es könnte aber auch ein großer Schaumschwall vorm Mund sein, um zu verbergen, dass es um Missgunst geht.“.

Die Gebärde für Missgunst ist eine Bewegung mit dem Zeigefinger von der eigenen Nase zum Gegenüber hin. Was wiederum spannend für mich ist, weil in der Beschreibung steht „jemandem etwas Schlechtes wünschen“ – aber die eigene Nasenspitze involviert ist. Man weiß also wohl wessen Schlechtes gemeint ist. Weiß also wohl, dass, was das Schlechte ist, von dem Wünschenden definiert wird und nicht von einer anderen Instanz. Und auch nicht von der Person, der dort etwas gewünscht wird.

In den letzten Wochen haben viele Geschenke von der Wunschliste ihren Weg zu uns gefunden und wir freuen uns darüber jedes Mal mit Zittern und Weinen und Durcheinanderkommen. Weil wir halt grad echt ein Wrack sind und die Selbstbeherrschung schwierig ist. Aber wir freuen uns und sind tagsüber relativ weit entfernt von Überlegungen, wie verdient und erlaubt Geschenke sind. Wie okay das ist von anderen Menschen auf diese Art bedacht zu werden. Dank für etwas wie unser Schreiben hier und Sprechen woanders zu erfahren. Dinge haben zu dürfen, die über das hinaus gehen, was zur Sicherung des physischen Lebens gebraucht wird.

Aber natürlich denken wir auch darüber nach, wie seltsam das ist, von anonymen Fremden bedacht und beschenkt zu werden. Von Menschen, die über ihre Zuwendung keinen Hebel an uns setzen können und sagen können: „Ich habe dir XY zukommen lassen – jetzt will ich…“.

Es _ist_ seltsam, dass uns anonyme Fremde auf eine Art unterstützen, wie es auch eine Familie oder andere enger mit uns verbundene Menschen tun könnten.
Da gibt es Menschen, die irgendwo da draußen stehen und uns nie mehr zurufen als: „go for it Hannah!“ und keinen Zweifel daran lassen, dass sie in uns und unsere Entwicklung vertrauen. Sie möchten uns unterstützen, manche trösten, manche wünschen uns mehr Leichtigkeit, oder mehr Ideen davon. Manche schreiben uns und schenken uns Wünsche, Gedanken, Zeichnungen und Bilder. Immer geben uns Menschen auch etwas von sich selbst und ermöglichen uns damit eine stärker werdende Idee davon, dass das,was wir tun; dass, wie wir in unseren geschrieben Worten sind, von ihnen gesehen wird.

Da ist dieses Empfinden im gesprochenen Wort mehr eine Satz-Wort-Buchstabensortiermaschine zu sein und über ein unsichtbares, unverständliches Irgendwas Kontakt mit Menschen zu haben. Im Geschriebenen sind wir drin. Ins Gebärdete krabbeln wir hinein.
Wir wissen nicht, warum das so ist. Aber, dass es so ist und bedeutet, dass das Logischste, das wir tun können, um uns mit.zu.teilen ist, zu schreiben. Banales, Empörendes, Erschütterndes, Bewegendes. Manchmal mit aktivistischer Intension, letztlich aber immer als Akt der selfadvocracy – des für sich selbst ein.stehens.

Mit der Gebärde von Vertrauen geht so ein Ende einher, bei dem ich mir denke, dass man seine Gedanken vom Kopf weg auf das Herz eines Gegenüber legt.
Vielleicht ist unser Schreiben und auch das „Bilder machen“ das Vertrauen, das wir in uns und die Menschen aufbringen können.

Ja, ich kann mir vorstellen, dass Menschen darum neiden.
Einen Haken, einen Betrug suchen und sich überlegen, wo der zu finden sei. Man muss schließlich genau schauen, ob man es eventuell vielleicht später mal wagen könnte, selbst zu tun, was wir tun.
Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es leicht ist, das an sich nicht zu reflektieren und in Missgunst zu schwenken. Das Schlechte, Böse, Falsche ist leichter zu finden, vor allem, wenn es das eigene Weltbild in Vergangenheit, Gegenwart und Annahmen einer Zukunft dominiert. Man muss halt schauen, an welchem Punkt man beginnt das Schlechte aus dem eigenen Kopf mit seinem Zeigefinger auf jemand anderen zu übertragen.
Und damit anfängt Gewalt auszuüben.

Momente

Oft kommt es ja nicht vor, dass ich mich bei Personen, die mich und mein Tun für scheiße und falsch halten, für irgendwas bedanken könnte– aber heute kann ich da mal eine Ausnahme machen, weil ich an meinen Aufruf erinnert wurde, ob es jemanden gibt, der Interesse daran hat mich gegen eine meinen Möglichkeiten entsprechende Dienstleistung bzw. ein Produkt von mir, zu unterstützen zum Inklusionscamp in Hamburg zu können.

Geplant war mit den Sommers zusammen hin zu fahren und erstmals eine Episode zu produzieren, in denen es um Inklusion und Behinderung geht. Das sollte fast ein klitzebisschen wie Radio werden. Hach. Aber das war eh ne blöde Idee, weil redaktionelle Inhalte der Impressumspflicht unterliegen. Und tja.
Ist ja dann auch eh alles kaputt gegangen.

Aber es gab damals eine Einzelperson, die uns genug Geld zur Verfügung stellen konnte,  damit wir hinfahren konnten.
Die “Gegenleistung” sollte ein Moment sein. Ein Moment in Hamburg, ein Moment im Camp.
Das fand ich zu schön um es wegzuschmeißen, nur weil es, als es dann soweit war, bedeutet hat, allein in Hamburg unterwegs zu sein. Nach einer Diagnose, die uns zerrissen hat, nach einem Kontaktabriss, der nicht nur schmerzhaft, sondern allgemein mit überfordernden Emotionen wie handfesten Problemen rund um Viele-Sein einherging. Nach so viel Schmerz, der es nie bis hier ins Blog geschafft hat, sondern immer wieder in massive Selbstverletzungen.

Wir fuhren also zum Camp mit einer Idee zu einer Session und all den Gefühlen, die mit zu unserem “anderen Hannah C Rosenblatt-Leben” gehören.
Irgendwie ist es eben doch ein anderes Leben, das mit dieser Rolle , innerhalb derer man sich vor anderen Menschen sprechend befindet und auf eine Art “an” sein muss, wie man sie im Alltag schlicht nie ist, verknüpft ist.
Man hat eine Visitenkarte, ein kleines Portfolio und ansonsten nur seinen mit allem möglichen vollgestopften Kopf und spürt wie groß das Gefälle zwischen den Zuhörenden und einem selbst ist. In dem Moment, in dem es still wird, ist alles Erbrechen, sich aufschneiden, den Kopf gegen die Wand knallen, das Bluten und Rotz aus dem Kopf quellen spüren weg. Das gibt es nicht mehr. Man ist sauber, gefasst, kühl, von sich distanziert. Das ist eine dieser Ebenen, in denen man depersonalisiert ist und über sich selbst spricht und so tut als wäre es jemand anders.

Und daneben schlackert die Panik, dass man sich vertut, nicht die aktuellsten Zahlen hat, einen Satz sagt, der sich widerspricht. Dass man wirr ist. Dass man unverständlich spricht. Dass jemand aufsteht und einen ausschimpft. Dass man im Außen das “Kritik”inferno erlebt, das man im Innen hat.

Im Barcamp durften wir eine Ahnung davon bekommen, wie das ist, wenn diese Panik sich einen Stuhl suchen darf, weil sie ein total okayer Teil ist.
Barcamps haben es an sich eine Veranstaltung zu sein, bei der es das Gefälle zwischen Sprechenden und Hörenden nicht in der Form zu geben braucht. Alle sind Teilgebende – wer sein Thema nicht als Session anbietet, der wird es nicht in der Veranstaltung haben. Wer sich Dinge anhört, die nicht gefallen, di_er hört Dinge, die nicht gefallen, weil sich nicht für etwas anderes entschieden wurde.

Das Team hinter dem Inklusionscamp war total freundlich und offen, was ich auch schön fand.
Manchmal kommt man ja doch in Versuchung diejenigen, die eine Veranstaltung auf die Beine stellen irgendwie zu othern – ich hab das an mir nicht festgestellt und fand das schön.

Vom Camp selbst gibt es inzwischen übrigens eine Dokumentation und hier und da kommt noch was über den Twitteraccount.
Ich hoffe sehr, es kann ein zweites Inklusionscamp geben. Dann vielleicht mit einem weniger auf inklusives Lernen gerichteten Schwerpunkt und mehr auf inklusiven Alltag und wie die individuellen Wege und Vorstellungen so sind.

Wir haben uns dagegen entschieden im Camp zu fotografieren, weil wir zu viele Menschen hätten ansprechen müssen und das nicht leisten konnten.
Aber wir haben den Sonnenaufgang von der Dachterrasse der Jugendherberge an der Horner Rennbahn aus fotografieren dürfen.
(Die Story dahinter, die auch den desaströsen Aspekt der Heimfahrt vielleicht etwas mehr verdeutlicht: Wir schliefen in einem 6er-Zimmer so gg 23 Uhr ein und wachten gg 1? oder 2? Uhr morgens auf – und hatten dann Angst, wenn wir einschlafen würden, würden wir den Wecker um 4 nicht mehr hören, weil die Rennbahn doch ein ganzes Eck (und ein Verkehrsproblem) weiter weg vom Camp war.
Wir uns also hin und hergewälzt, wie die ganzen wirrschlimmen Gedanken und Probleme jener Zeit und dann irgendwann um 4 aus dem Schnarchezimmer raus. Der Nachtportier hatte uns dann gefragt wos hingehen wird und wir so: “Och wir suchen uns jetzt nen hohen Punkt und gucken mal, ob wir noch den Sonnenaufgang kriegen.” – ohne den blassesten Schimmer, wo ein solcher sein könnte selbstverständlich – Fotos machen Rosenblätterstyle … ähem
Der hat uns dann jedenfalls auf die Dachterrasse gelassen, wo wir dann ohne Stativ und entsprechende Objektive mit der analogen Kamera gearbeitet haben.
Es war arschkalt – aber toll.
Auch so einer dieser Momente …)

ein waagerechtes Farbfoto von einem Sonnenaufgang - unteres Viertel im Dunklen, durchzogen von weißen Nebellinien in Hellem rot-lila-weiß, im Vietel darüber ein Gelb in mehreren Facetten um die Sonne von der nur wenig zu sehen ist, im Viertel darüber eine kleine Linie von einem Düsenflieger, im Viertel darüber nur noch blau-lila Himmel

Ein anderer Moment war am Hamburger Hauptbahnhof. All die Freiwilligen, die geflüchteten Menschen helfen.
“Mein G’tt.”
Das hab ich die meiste Zeit gedacht, wenn ich wieder jemanden mit Neonweste durchs Gewühl drängen sah – im Schlepptau ein Grüppchen mit Kinderkarre, Kleinkindern auf dem Arm und dieser einen Angst im Gesicht, die irgendwie nach den Worten kommt.
Ich bin dankbar, dass es die Helfenden gibt. Ich kann diese Art der Unterstützung nicht leisten. Weiß aus meiner Art der Hilfe- und Unterstützung von Menschen, dass es mehr abverlangt, als Gerenne und Übersetzung. Sehr viel mehr.

Ein Moment war auch jemandem die Hand zu halten, den man eigentlich – irgendwie – nicht kennt und doch nah ist.
Ich glaube, dass war der “der Moment”, den wir aus Hamburg damals mitgenommen haben.

Wir haben an allem, was mit dem Inklusionscamp zusammenhing, viel Wertvolles gelernt.
1) es ist legitim und okay, wenn man sich Sponsoren der eigenen freien Arbeit auch über Twitter sucht
2) Inklusive(re) Veranstaltungen sind machbar – das Camp ist uns selbst ein gutes Vorbild dafür
3) ein Stativ ist nie “zu schwer/zu sperrig/unnötig” um es auf Reisen mitzunehmen
4) auch die, die man für Profis hält, lernen jeden Tag
5) jedes Mitdenken von Personen, die anders sind, als man selbst, ist das, was man “inklusives Denken” nennen kann
6) Hannah C. Rosenblatt kann auch mal genau mitten in einer Gruppe sein, ohne unangenehm anders zu sein

[Bauch über den Jogginghosenbund–quellen-lass-Geräusch]

Ich habe mein “No Alibi – novel writing month” (kurz “NaNoWriMo” in einer viel inkludierenderen Bewortung von Noah– die* ihr alle lesen wollt!) – Projekt gekillt.

Aaaah. Erleichterung.
8 Tage hintereinander habe ich mir täglich im die 500 Wörter für eine gute, aber auch spürbar krümelstaubige Matschromanidee abgerungen und am Ende doch keine Lust mehr.

Ich weiß nicht – vielleicht bin ich keine Menschengeschichtenerzählerin? Manche Menschen ziehen sich Dialoge aus der Nase – ich musste sie mir aus den Fingern reißen und hatte Angst um meine Nägel. Ich habe keine Charaktere vor Augen. Weiß nicht einmal was genau Charakter, Persönlichkeit, das Sein, das Selbst von irgendjemandem auf dieser Welt ist und vielleicht konnte ich deshalb nicht schreiben.
Vielleicht bin ich aber auch nicht mehr suizidal genug. In meiner Geschichte sollte sich nämlich jemand umbringen. Weil ich dachte, es wäre seltsam, würde ich jetzt über Hippy-Dippy schreiben, das ich selbst nicht fühle.

Da seht ihr wie real ich stay~e  oder naja – seien wir realistisch: fantasielos ich bin, wenn es um Geschichten geht, die möglichst keine verklärt komischen Geschichten werden sollen.

Vielleicht liegt es aber auch am Ding ums NaNoWriMo herum und dieser “Ich schreibe, weil ich bin Autor_in” – Ecke, die so daneben steht und das alljährliche Projekt als Schreibübung für sich benutzt.
Also – es sind Menschen, die Schreibübungen machen, damit sie nicht stecken und immer frisch bleiben.

Ich hab im Leben noch keine Schreibübung gemacht, wenn man mal von Diktaten in der Schule absieht, die nicht umsonst immer nah an “Diktatur” sind und deshalb eh nicht zählen. Selbstbstimmung, Baby.
Ich habe überhaupt auch noch nie meine Wörter gezählt, weil es völlig egal ist, wieviele Wörter ich brauche, um zu schreiben, was ich äußern will.
– Obwohl – nein so ganz stimmt das nicht. Seit ich in das Internet schreibe und merke, dass die kleinen Texte gelesen, gemocht und geteilt werden – die langen Texte aber, an denen ich durchaus auch mal 6 Stunde sitze, für die ich recherchiere und mir wirklich richtig echt Gedanken mache – nicht, mache ich mir schon auch mal mehr Gedanken und gucke auf die Wortanzahlanzeige im Editor.
Meine Erfahrung: alles über 500 Wörter schafft es nicht über die Bubble hinweg. Es sei denn du bist cool und nicht Hannah. Dann vielleicht. Hannahs Sachen bleiben eh immer in der Bubble. Gute Bubble. Beste Bubble.
Anyway – Wörterzählen finde ich weird und das gezielte Produzieren von Wörtern in Text um der Wörteranzahl Willen erst Recht.

Was ist mit dem Inhalt? Was mit der Poesie? Was ist mit dem Moment, in dem man weiß: Woohopsi das war jetzt geil – gute Methaper, richtige Gedankenleitung, griffige Idee oder was auch immer einem da manchmal in den eigenen Texten auffällt und befriedigt nicken lässt.

Und dann: Motivation über Gruppen.
Als wir aus der Klinik gingen hatten wir uns vorgenommen: neue Routinen für neue Wege – wenn wir weiter machen wie vor der Einweisung in letzter Minute, dann hats uns in zwei drei Wochen wirklich.
Neue Routine heißt auch: mehr Menschen. Reale echte Menschenkontakte. Gruppenerfahrungen. You know: what other people call “Sozialleben”.
Natürlich haben wir das wieder irgendwo verkackt, weil – ha Menschen sind komisch und schwer, immernoch. Also Internetkommunikation.
Nachgewiesen wurde inzwischen übrigens, dass auch virtuelle Kommunikation, zwar Kommunikation ist, dennoch nicht wie analoge Kommunikation in der Lage ist, Menschen weniger einsam zu machen (mit allen Konsequenzen, die das hat – Menschen sind Gruppentiere – Einsamkeit tötet sie.)

Ich dachte, es wäre gut, wenn wir uns ab und zu in das Forum zum NaNoWriMo begeben, oder in den Hashtag schauen. Gruppengefühl – Motivationsboost – yippie ja jo- lol nope
Wörtermassenangaben, Selbstlob und mitunter wirklich awkward seltsame Aufforderungen zu schreiben. Ich weiß nicht, wie es anderen Leuten geht, aber wenn man mich wie ein Bootcamp-General anbrüllt was zu schreiben, schreibe ich wohl – aber keinen Roman, den man noch lesen kann.
Natürlich ist auch nichts gegen Selbstlob zu sagen oder dagegen zu teilen, wie weit man schon ist – tatsächlich fühlen sich davon ja offensichtlich viele andere Leute angespornt.

Ich hab aber nur Druck verspürt, dessen ich mich auch nicht entledigen konnte – schon gar nicht durch stetiges Weiterschreiben, weil – siehe oben – meine Idee ist cool – aber ich sehe sie als Film vor Augen, in dem es Farben, Formen, Wetter und Stimmungen gibt. Ich müsste mein NaNo malen.
Aber Comics gelten nicht.

Tja und jetzt?
Wir haben ein Bilderbuch auf der Startrampe mit schon gefundendem Verlag – aber auch ein technisches Dings daran, das schon seit einem guten Jahr nicht von uns lösbar ist und tja. Hm.
Irgendwie sind wir vielleicht einfach keine Autorin für analogen Shit mit Menschen.
Und überhaupt mit Menschen.

Ich sehe das schon kommen: die analoge Einsamkeit wird uns zu einer kauzigen Schrulle machen, die irgendwann im Sommer mit Stulpen über der Wollstrumpfhose und Dawandatüchlein um den zarten Hals durch die Altstadt torkelt und irgendwas in einer Geheimsprache krächzt, bevor sie von einem dieser modernen Hoverboards (ja ich glaube fest an sie!) umgenietet wird und stirbt.
Und dann wird unser Hausstand aufgelöst und alles ist vollgestopft mit handgeschriebenen Manuskripten, die 50-100 Jahre später von einer hiesigen Feministin (ja, ich fürchte, wir werden auch dann noch Feminismus brauchen), als megasuperobergeil erkannt werden, weil sie keinen einzigen Dialog enthalten und BÄM – dann bin ich die Autorin, die ich zu Lebzeiten nicht sein konnte, weil keine Ahnung – zu wenig Schreibübungen und zu viel Hannah-Style-Awkwardness, die Menschenkontakte verhinderte.

Anyway – kein Novemberroman von uns, aber ich bin dabei das Blog von Vielen mal wieder grob zu sortieren und mit dem Inhaltsverzeichnis von dem anderen Dings, das da ja auch noch reift wie so einer dieser Kefirpilze im Glas, abzugleichen.
Wir hatten da mal eine Verlagsanfrage, die wir ausgeschlagen hatten, weil uns da so absurd viel Geld angeboten wurde, dass klar war: Okay, die suchen hier was, was es schon öfter mal gab, aber nichts ist, das mit uns funktioniert. Kein Ausverkauf unseres Lebens, Baby!

Verlagswesen ist eine schräge Welt. Dort zählt man auch Wörter übrigens.
Könnte ein Muster sein.

Naja. Der Faden ist schon wieder irgendwo durchgerutscht. Egal.
Ist eh zu lang fürs Internetz :3