man nennt es

Ich bin das älteste von drei Geschwistern und vielleicht bin ich der misslungene Pfannkuchen. Die vertane Chance, das verschüttete Quäntchen, dass das Fass zum Überlaufen brachte. Ein Unfall, ein Missgeschick.
Auf der ganzen Linie.  Wäre ich nicht gewesen, was für meine Mutter die erste Schwangerschaft bedeutet hatte, dann…

Ich habe mich daran erinnert, dass die Baracken des Asta der Uni Potsdam nach Schluckimpfung, Linolkleister und Plaste gerochen hatte, als ich die letzten Stunden damit verbrachte nach Stipendien, Wettbewerben, Call for papers und participations zu suchen.

Zwischendurch stand ich auf, trank einen Schluck Wasser, weinte ein bisschen.
“Mach doch Pause”, sagen die einen. “Krieg den Arsch hoch”, sagen die anderen. Und ich folge den einen und folge den anderen.
Will, dass es aufhört und kann es doch nicht beeinflussen.

Ich versage. Verliere die Kontrolle und weiß nicht einmal, ob ich das schlimm finde.
Dass ich versage, weiß ja niemand. Denn niemand weiß, was ich leiste.

Lange hielt ich es für ein rein filmisches Element fern der Realität, am Schreibtisch einzuschlafen und deshalb kommt mir mein eigenes frühnachtmorgenliches Aufwachen vor dem Bildschirm surreal vor.
Irgendwann gehe ich doch schlafen und bin froh, wenn ich nichts mehr als den Atem des Hundes an meiner Seite wahrnehme.

2Ich bin so müde von all dem hier. So müde und doch so angestachelt, weil ich weiß, dass es nicht nur mir so geht.
Ich will etwas ändern, doch bin selbst so festgezurrt in Handlungsunfähigkeiten und Optionen, die ich nicht nutzen kann. Egal, wie viele Menschen mich wie schmerzhaft dorthin treten wollen oder auf eine Art auch hämische Freude an meinem Scheitern empfinden, die ich doch verhindern wollen müsste.

Jedes “Mach doch einfach”, ist ein Tritt, ein Stich, eine Ohrfeige.
Weil ich schon mache. Und doch nicht vorzeigbar bin.
Das haben erste Pfannkuchen und verkrachte Existenzen an sich. Egal was sie tun, es ist nicht präsentabel.

Man kann mich nicht mehr vorzeigen, ohne auch zu zeigen, dass auch das größte Potenzial nichts ist, ohne Raum, Zeit, Kraft und Sinn zu wirken.

Man nennt es “depressive Krise”.

der Morgen an dem ich um 9 Uhr 40 aufwachte und um 10 Uhr beim Jobcenter hätte sein sollen

„Bitte vergessen sie nicht ihre Selbsthasskappe unterm Kinn zu verschließen.
Ihr Flug „zum ersten Mal überhaupt einen Jobcentertermin, um den sie selbst gebeten haben, verschlafen“ startet nun.“.
„Ich habe noch nie verschlafen! Nie! Lassen sie mich raus“, rufe ich.
„Schnauze – Hasskappe fest und sitzen geblieben!“, antwortete der Stewart.

„Aber ich will doch was werden – ich muss doch was tun – man muss immer was tun, wenn man Hartzi ist“, schrie ich und dachte darüber nach, wie dumm es ist, mir noch eine Hasskappe aufsetzen zu sollen. Trug ich doch schon 30 übereinander.

„Das sind unsere Standarts hier bei Konsequenz-Airlines.“, näselte der Stewart während sein Blick bereits Nadeln in mein Gesicht stieß.
„Jetzt heul doch endlich los“, brummt es aus meinem Ordner der letzten 10 Jahre Hartz 4. „Das gehört halt dazu.“

Ich lasse los. Setze mir die Selbsthasskappe auf und twittere aus einem Flug mit den Konsequenz-Airlines für Hartz4-Terminverpasser_innen.
Ich überlege, ob wir wohl abstürzen. Würde ein Aussprechen dieser sinnlosen und dummen Scheiße, alles zerstören können?
Das wär so krass.

„Ich hab in 10 Hartz 4 Jahren noch nie eine Sanktion gekriegt“, erinnere ich mich „Kriegt man nach 10 Jahren Kundentreue eigentlich nichts geschenkt oder erlassen?“, frage ich den Stewart, der neben mir steht und gelangweilt an einem Tomantensaft nuckelt. „Phä!“, stößt er hervor „Was glauben sie denn, wo sie hier sind?!“. Seine linke Augenbraue krabbelt die Stirn hinauf bis sie den Haaransatz berührt.
„Ich glaube, ich bin im realsten Alptraum der Moderne gefangen und komme hier nie wieder raus.“.

Ich schaue aus dem Flugzeugfenster und sehe einen Schwarm mickrig zerfledderter Minichancen an mir vorbeiziehen. Meine Selbsthasskappe flüstert: „Die hättste alle haben können, wenn du nicht…“

Die anderen Hasskappen fallen ihr ins Wort: „Kannste knicken – weiß sie alles schon.“. Sie kraust ihre Naht. „Steter Tropfen! – Steter Tropfen höhlt den Stein! Manches muss man halt öfter sagen!“. Die anderen Hasskappen brummeln ärgerlich.
[Hasskappengemenge]

Ich hebe den epischen Kampf der Hasskappen von meinem Kopf und frage den Steward, wie lange es denn dauert bis zur Urteilsverkündung.
„Ihre gesetzliche Betreuung – die sie SCHMÄCHLICHSTERWEISE auch versetzt haben!!! – ist noch im Gespräch mit ihrem Sachbearbeiter“, sagt er so hochnäsig, dass ich von einem freundlichen grünen Popel angewinkt werden kann. „Hm, okay.“, murmle ich und zwinkere dem Popel zu.

Ich atme durch. Starre ins Leere. Das Dröhnen der Maschinen versucht sich durch meine Augäpfel zu schieben. Ich twittere den Schmerz weg.
Der Blick auf meine Uhr erschreckt mich. „Es müsste doch jetzt vorbei sein. Wieso ist es noch nicht vorbei?“. Natürlich spreche ich wieder den Stewart an, der sich inzwischen auf den Getränkewagen lümmelt und versucht das Innere seiner Augenlider anzuschauen.
Meine Frage summt ihn an, wie eine Stubenfliege mit Orientierungsproblemen. Statt einer Antwort tippt er auf den zerknüllten Konsequenz-Airlinesflyer in meiner Hand.
„Wir von Konsequenz-Airlines für Hartz4-Terminverpasser_innen, legen besonderen Wert darauf, sie so lange in der Schwebe zu behalten wie es geht. Schließlich lassen wir unsere Hasskappen extra für Flüge wie diesen produzieren. Wir sind ein gewinnorientiertes Unternehmen.“.

Ich beuge mich vor und betrachte das am Gewinn unorientierte Knäul der miteinander kämpfenden Hasskappen, das unter meinem Sitz umherrollt.

Ein schriller Ton schwurbelt durch den Fluglärm und lässt den Stewart aus seiner Uniform hopsen. Sein Popel hopst gleich mit. „Dies ist eine Ansage für Frau* Hannah – Stell in Zukunft gefälligst den Wecker richtig und prüf das nochmal- Rosenblatt. Sie dürfen jetzt eine angenehme Sitzposition einnehmen.“. „Ha ha – ja fick dich doch – ich machs mir hier doch nicht…“ und schon falle ich mit meinem Sitz unterm Po dem Hier und Heute entgegen.
Die Hasskappen klammern sich an den Sitzbezug und flattern im Absturzwind, wie kleine weißen Fahnen.

Ein Fallschirm entspannt sich über meinem Kopf. „Ist nicht schlimm, dass Sie nicht da waren. Der Termin hätte sowieso kein Ergebnis gehabt“. „Und jetzt?“, frage ich in den weiten Bogen über meinem Kopf. „Tja.“, antwortet es, „Jetzt genießen sie erstmal ihre Freiheit bis zum nächsten Termin. Sie sehen ja – es passiert nichts.“.

Ich betrachte die um mich flatternden Hasskappen. Meinen freien Fall ins Nichts.
„Dass nichts passiert, ist das Schlimmste.“, sage ich.
Ende

Fundstücke #7

Mir fallen nach und nach diese Momente ein.
Das eine Mal, in dem mir mein Vater etwas unterstellte, das ich nicht getan hatte und er sagte: “Du wirst ja ganz rot im Gesicht – guck mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede – du lügst doch!” und meine abgrundtiefe Wut über seine Dummheit, sein anmaßendes Deuten, den Umstand, dass er mich einfach umklatschen kann, obwohl er unrecht hat.
Dass man schon mal rot im Gesicht werden kann, wenn man wütend ist, bringt einem jeder Bugs Bunny – Cartoon bei. Ich verstand nicht, wieso es scheinbar nur diese Option für ihn gab. Wieso war denn das einzig mögliche in seinem Denken über mich, dass ich eine miese lügende Person bin?
Und meine Verkrampfung in dem Moment. Diese eine seelische Gesamtstarre, die verhindert, dass man auseinanderfällt.

Im Moment wache ich ständig aus solchen Fetzen auf.
Ob es Erinnerungsprozesse sind, die davon angetickt werden, weil ich oft darüber nachdenke, welche Schwierigkeiten ich früher schon hatte und wie damit umgegangen wurde, weiß ich nicht genau.
Aber, es sind mehrere Ebenen und die Parallelen sind enorm.

Mir ist etwas eingefallen, das schon Lundy Bancroft in “Why does he do that?” formuliert hatte.
Wenn Menschen Gewalt ausüben, dann geht es um ihr Denken. Ihre Bewertungen und Perspektiven auf bestimmte Dynamiken, Personen (Dynamiken-Dynamiken in Fleisch gegossen) und weniger darum, welche Handlungsoptionen sie außer der Körperverletzung, Demütigung etc. haben.  Sie können (wollen, müssen) diese nicht sehen, wenn ihr Blick ihnen vermittelt im Recht zu sein oder/und in irgendeinem Aspekt von einer anderen Person bedroht zu werden.
Es geht darum, dass sie etwas als Bedrohung (Störung) bewerten und nicht sehen können (wollen, müssen), dass es nicht so ist bzw. von der anderen Person nicht als solche intendiert ist.
Unterstützt und antrainiert wird so eine Perspektive vor allem bei weißen, cismännlichen Personen. Wer alles hat, muss auch alles verteidigen. Die Spannung (der Zwang, die Wahrscheinlichkeit) zu einer Perspektive, die gewaltvolles Agieren rechtfertigt oder logisch erscheinen lässt, ist bei privilegierten Personen höher.

Daneben gibt es das Lernen. Wenn man immer wieder von jemandem umgeklatscht wird und nicht versteht, warum eigentlich (weil man die Perspektive nicht teilt; weil man nicht gleichsam privilegiert ist; weil man keinen Fehler an sich empfindet;  weil man weiß, dass man in anderen Kontexten anders behandelt werden würde etc. etc. etc.), dann übernimmt man mehr oder weniger diffus bis klar, die Gründe (das, was von der Perspektive der gewaltvoll agierenden Person nach außen tritt) und ermöglicht sich damit einen Hebel über den auch neurologische (Schein-)Verarbeitung passieren kann.

Es ist nicht zwingend, Täter_innenansichten auf sich zu übernehmen. Aber es gibt den Überlebenstrieb und der umfasst eben auch, sein Innenleben zusammenzuhalten und sich deshalb Dinge auch nur scheinbar logisch begreiflich zu machen.  Am Ende kommen dann so Selbstansichten wie, dass man einfach grottendämlich ist, nie was richtig macht, hässlich ist, man plump ist, zu nichts zu gebrauchen ist, immer lügt, nie macht, was alle anderen machen… dass man falsch ist. Dass man ein Fehler ist und deshalb immer wieder korrigiert werden muss. Und mit diesen Selbstansichten kommt auch das Potenzial, in jeder anderen Person, die einem früheren Ich gleicht, so umzugehen, wie mit einem selbst umgegangen wurde. Und das muss nicht einmal bedeuten zuzuschlagen.

Mir ist eine kleine digitale Armbanduhr eingefallen.
Rosa/Lila mit schwarzem Karomuster. Plastikfantastik. Ich spielte damit herum, mein Vater nahm sie mir weg, weil wir essen sollten. Er warf sie in eine Salatschüssel. Sie war kaputt. Sie war für mich im Wortnäpfchen “kaputt”/”falsch”, weil er unruhig wurde und mich anmeckerte. Ich begann zu weinen, weil ich nicht verstand – aber doch genau wusste, dass er dieses Nichtverstehen nicht verstehen würde – erst recht nicht, wenn er schon unruhig und laut ist.
Ich kann mich nicht erinnern, ob ich die Uhr danach überhaupt nochmal in der Hand hatte. Sie verschwand einfach. In meiner Fantasie blieb sie da. Bis ich mir selbst irgendwann in die Hand biss und damit eine Art inneres Dekret erließ, dass eine Zeigeruhr der Ersatz sein muss, weil meine Umgebung es als Ersatz sieht.
Ich musste ihre Sicht auf dieses Objekt annehmen und zwang mich selbst mit Gewalt dazu, weil ich etwas anderes vielleicht noch nicht gelernt hatte.

Ich bin bis heute eher Fan von Mechanik als Elektronik. Eine mechanische Uhr hätte man reparieren können. Ich hätte den Fehler – den Schaden erfassen und begreifen können. Mein Vater hätte nicht unruhig werden und sich freimeckern müssen.

Wenn ich so über meine Eltern rede – mit einem “müssen” im Satz – gibt es Impulse in Menschenstimmen, weil man meine Berücksichtigung ihrer Perspektive als etwas nimmt, das mit Rechtfertigung oder Entschuldigung einher geht. Ich will aber weder rechtfertigen noch entschuldigen, ich will mich befassen und die vollständige Logik bzw. das, was für mich eine vollständige Logik ist, äußern.
Das ist etwas, das meine Eltern nicht tun. Das ist, was auch manche meiner Verbündeten, Helfer_innen und Gemögten nicht tun. Weil sie es nicht müssen. Und manche auch: nicht können.

Es wird nie ein Ende geben, wenn ich Dynamiken ausblende. Es wird dieses Ende vor allem in mir drin nicht geben.
Meine Täter_innenintrojekte sind nicht alle ehemals kleine Kinder, die vor Angst schlotternd eine Boshaftigkeit nach der anderen rausspucken. Meine Täter_innenintrojekte brüllen mich auch an, ich soll sie gefälligst angucken, wenn ich mit ihnen rede. Sie brüllen, ich soll tun, was man mir gesagt hat. Sie schubsen mich, wenn ich träume, disse, in Details krabble und staune. Die zerren an mir herum und sagen, wie der Rest der Welt, dass ich unpassend handle, denke, fühle… bin. Und bis heute nehme ich sie wahr und verstehe nicht, was sie von mir wollen. Bis heute verstehe ich nicht, warum sie wollen, was sie wollen und wozu das nützen soll. Denn eigentlich geht es nur um sie. Um ihr Denken und auf mich drauf schauen, obwohl sie mir egal wären, wären nicht sie diejenigen, die mich umklatschen können, wollen, müssen.

Wir teilen uns einen Raum, aber bedeutet das zwangläufig, dass wir uns einander teilen müssen?

In all den Auseinandersetzungen von Menschen, die von der eigenen Familie misshandelt wurden, gibt es diese Annahme einer Verbundenheit, die über den physischen und sozialen Raum hinausgeht und auf diese Annahme werden Konstruktionen gebaut, die diesen Raum logisch machen sollen, es aber nicht tun. Zumindest nicht für mich, weshalb ich heute oft in Ausstiegsgedanken und Zweifeln anderer Menschen sitze und mich frage, wieso die Emotionen, die mit der Herkunftsfamilie einhergehen so viel mehr Raum einnehmen, als bei uns damals die Überlegungen, wo man schläft, isst, trinkt, wie die Alltagsgestaltung und der eigene Lauf der Dinge geschehen soll. Wir fanden es schade aus diesem Raum zu gehen, weil er ja viel auch Klarheit und bestimmte Ebenen von Logik hatte. Aber wir sind nicht gegangen um jemandem eins auszuwischen oder auf eine Art zu bestrafen oder ähnliches. Dass man unser Verhalten so lesen könnte, merkten wir erst als wir mit Menschen darüber redeten, dass wir gegangen waren.
Vor uns selbst gingen wir, weil es das Wissen gab, dort auf lange Sicht zu sterben. Wir mussten gehen. Punkt.

Noch leichter war es, als klar war, dass wir in illegale Dynamiken eingebunden waren und im Grunde unhinterfragt Dinge taten, die eigentlich fremde Personen von uns verlangten.
Für uns standen in dem Moment keine moralischen Fragen im Raum oder ähnliches. Auf eine Art hatte es mehr Gefühle von vorweg genommener Scham und dem Wissen, dass Menschen nicht verstehen, welcher Hebel in einem da benutzt wurde. Selbst Personen, die von sich behaupten, sich auszukennen, verstehen das nicht. Sie nehmen einfach an, dass es der Hebel wäre, von dem sie bei anderen gehört/gelesen haben.

Und ich sitze da, beiße mir in die Hand und erlasse das Dekret mich an die 50 min Therapiezeit zu halten, anstatt zu versuchen es zu erklären und mich der Scham auszusetzen. Ich möchte nicht für so naiv und dumm gehalten werden, wie es unser Verhalten damals vermuten lassen könnte.

Ich weiß nicht, ob die Menschen, die sich schon lange mit traumatisierten Menschen und ihren Verarbeitungswegen auseinandersetzen, merken, welche Norm sie definieren, auch dann, wenn sie genau versuchen das nicht zu tun.
Als eine grundlegende Voraussetzung für Traumatisierungen gilt noch immer auch die Überforderung einer Person ihre Liebe für eine Person mit ihrem Hass, ihrer Ablehnung, ihrer Wut, ihrer Zärtlichkeit etc. etc. etc. zusammenzubringen.
Bis jetzt habe ich noch keine Publikation lesen können, in der die Problematik formuliert wird, sein Bewusstsein (seine Kognition?) für verschiedene Dynamiken, die mit (scheinbar) willkürlichen Emotionen und sozialen Rollen belegt werden, zusammenzuhalten.
So lese ich immer wieder von Kindern, die sich Liebe (im Sinne von Bedürfnisbefriedigung) wünschen und den Schmerz der Zurückweisung (im Sinne von “Bedürfnisse werden fehlinterpretiert/unbefriedigt/verdreht/missbraucht etc.)  als massiv zer-ver-störend erlebten und nicht verarbeiten konnten, nicht zuletzt, weil ihnen der Ausdruck verwehrt wurde – und nicht von Kindern, die sich fragen, ob es Liebe ist, wenn sie umarmt werden – es ihnen aber doch irgendwie weh tut und das doch eigentlich aber genau nicht Liebe sein soll – und die genau wegen ihres Ausdrucks dieses Konflikts misshandelt werden.

Ich nenne das heute “diese typische Alltagsgewalt”, die so ganz neben anderen Kontexten steht und eigentlich jeden Tag statt gefunden hat.
In der Öffentlichkeit. Im Grunde durch jede Person, die eine Dimension meines Raumes berührt hat.
Wenn ich heute sage, dass mein Leben schwierig ist (war), weil es einen Zustand permanenter Überforderungen bedeutet (hat), wird es schnell übersetzt mit: “es gab keine Misshandlungspausen” = “chronische Traumatisierungen” = “komplexe/schwere/tiefgreifende Schäden”.
Es wird normiert innerhalb von etwas, das es gibt, um einen bestimmten Bereich außerhalb der Norm zu definieren.

Gewaltvoller Alltag ist aber kein Norm-abweichungs-bereich.
Alltagsgewalt ist Alltag, ist alle Tage mit Gewalt voll.

viele_s nicht werden // Fundstücke #6

~ Fortsetzung ~

Manchmal wünsche ich mir, ich sei für andere Menschen auf die Art sichtbar, wie ich mich sehe. Mich und meine Lage. Unser Sein und Werden.

Ich sehe mich oft vor so einem Moment mit anderen Menschen, in denen ich angeschaut werde und nicht gesehen bin, weil jemanden anzusehen immer mit Perspektiven der Ansehenden zu tun hat.

Als “ich” mit 14 anfing zu rauchen, obwohl “ich” Sängerin in einer Band und zwei Chören war, obwohl “ich” Sport trieb, obwohl “ich” ein Mädchen aus der Mittelschicht, das ein Gymnasium besuchte war, sagte man “mir”, das Rauchen würde “mir” nicht stehen. Es würde “mich” hässlich machen. Es würde “mich” krank machen. Es würde überhaupt nicht zu “mir” passen.
Nie hat jemand gefragt, warum “ich” das tue. Es war Fakt, was gesehen wurde und das war das Rauchen und das, worüber man dieses “mich” konstruierte.

Ich dachte lange, mein Sein sei eine Geschichte, die ich mir ausgedacht habe und irgendwann vergaß. Ich hielt mich nicht für echt in dem, was ich tue und sage, weil die Kluft zwischen meinem Bild als Beobachtende, die sieht, dass sich etwas (an einer Kippe) festhält, weil es keinen Halt hat, so groß war.

Es war eine Entlastung zu erfahren, dass meine Perspektive auch ein Sein ist. Dass ich bin, obwohl andere Menschen etwas wie mich als Handlung erleben.

Schwieriger erlebe ich die Konsequenzen.
Menschen stellen Anforderungen an mich, die mehr als mein Sein implizieren und gehen von einem kontinuierlichem Werden aus – nicht aber von einem kontinuierlichem Sein. Ich denke oft, dass dies die Schnittstelle ist, an der soziale Rollen mit der DIS vermischt werden und genau dort beginnt der Punkt, an dem nicht mehr ich gesehen werde, sondern die, die es gibt, weil es soziale Rollen gibt.

Ich denke oft, dass ich allein bin, weil ich allein neben der Welt stehe und sie betrachte, wie eine Freakshow, die ich aus Versehen betrat und nur mit Absicht verlassen kann. Ich weiß, dass meine Ausweglosigkeit darin besteht, dass ich irgendwie an dieser Freakshow, diesem sozialen Zirkus, dieser Aneinanderreihung von Inszenierungen einer unlogischen Norm beteiligt bin, es aber nicht sein soll, doch muss, auch ohne zu wollen. Es gibt keinen friedfertigen Weg hinaus, keinen Weg, der niemanden stört, weil immer und alles von und an mir stört.

Mein Leben, wie mein Tod. Mein Sein, wie mein Werden.

Immer werde ich sein und werden, was andere nicht wollen, aber gemusst ist und als ein Soll auf mich geladen wird, weil es ein Teil dieses ständigen “So tun als ob”-Spiels ist, dessen Ursprünge gleichsam ausgedacht und irgendwann vergessen sind.

Ich habe nie um dieses Sein gebeten. Weder um das Hiersein, noch das Wegsein, noch das Anderssein, noch das Niemandsein.
Ich bin und werde.
Und das tut mir leid.

~ Fortsetzung folgt ~

Fundstück

Meine Regulation ist gestört. Das weiß ich und trotzdem tauche ich meine Hände in die Küchenspüle.
Ob das jetzt zu heiß war oder nicht, werde ich schon noch erfahren. Denke ich. Es dampft nicht verdächtig und eigentlich habe ich nichts anders gemacht als sonst. Aber mir fehlt das Stück zwischen Reizerfassung und Erkenntnis.

Während ich den Abwasch mache, denke ich an das Kind und den Bösen. Der Böse ist auf einer Insel und irgendwo lacht es immer noch darüber, dass die Therapeutin ihn von uns versorgt wissen wollte.
Ich weiß gar nicht, ob die Bösen überhaupt solche Bedürfnisse haben. Sie haben ja nicht mal das Bedürfnis nicht als “die Bösen” von mir gedacht zu werden.

Ich kratze auf der Teflonpfanne herum. “Es haftet ganz schön inbrünstig auf so einer Antihaftbeschichtung”, denke ich und überlege, ob meine Hände eigentlich immer so rot sind, wenn ich abwasche.

Und das Kind? Wieso schreit es eigentlich gar nicht?
Weiß es denn nicht, dass es ihm etwas Schlimmes passiert..e? Es muss doch jetzt ein Weh haben, ein Weh klagen, ein Weh in den Äther schicken und schreien.
Das macht man doch so.
Wir hatten mit der Therapeutin besprochen, dass wir uns kümmern. Dass wir es von dort mitnehmen und gut versorgen. Weil man das so macht.

“Noch einmal mit Pril abwaschen.”, denke ich, “und dann ist die Flasche alle und dann können wir endlich wieder das Fit nehmen.”. Ich denke an die Frauenhände meiner Familie* in Küchenspülen neben denen oft, immer, manchmal, das Fit stand und merke, wie erbärmlich meine Art Familien*verbundenheit eigentlich ist. An andere Dinge, die mich dem was eine meine Familie* hätte würde wenn gewesen worden wäre, näher bringen, kann ich mich aber auch nicht erinnern.

Es schreit nicht, es weint nicht, es bewegt sich nicht. Ich fühle nur Nichts von ihm. Weißes Rauschen, das kein Dissen ist.
Ist es dann eigentlich leiden? Wenn es nicht leidet, braucht es dann “gut kümmern” von uns?

Mein Abwasch ist fertig und in der Spüle vor meinem Bauch, treiben Speisereste, Fettaugen und letzte Restschauminseln umher.
“Wie fühlt sich eigentlich Ekel an?”, frage ich mich und fühle mich so fern von all dem was ist und wäre hätte würde wenn. “Wieso habe ich das jetzt eigentlich gemacht?”.

Ach ja, da war das Kind, vielleicht im Grundschulalter, das vor einer Wand kniet und weder sieht noch hört, noch ist und die Frage, ob es wohl leidet.
Und die Verlassenheit vor der Frage, ob man sich kümmern muss, wenn es kein Leiden gibt.

Die Frage was Leiden ist.

Und der Versuch um etwas anderes als dieses weiße Rauschen, das nicht ist und war und wird und ganz in Wahrheit überhaupt alles gar nicht ist.
So wie ich.