nah dran

Wenn ich lese: “Mir fehlen die Worte.”, “Ich bin sprachlos.”, “Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.”, denke ich: “Ist okay – ich brauche auch keine Wörter von dir.” oder: “Schon gut, für mich musst du auch keine Wörter haben.”. Aber dann kommt ja noch der ganze Rest. Die ganze Hilflosigkeit. Der große  Schreck und die Versuche mich daran teilhaben zu lassen.

Nur weil wir uns fast das Leben genommen – was ist das eigentlich für eine bescheuerte Formulierung? “Das Leben genommen”. Als könnte man durch Regale gehen und sich Leben nehmen.
Als geschähe Leben nicht einfach so. Oder eben nicht. Oder eben nicht mehr.

“Nur, weil wir uns so unkontrolliert vor der Entscheidung des Weiterlebens oder nicht mehr Lebens  empfunden haben.”, so ist es richtig formuliert.

Mich überrascht die Angst um uns. Und die Bindung, die zu uns aufgebaut wurde.
Und sie erschreckt mich. Macht mir Angst. Tritt genau diesen einen unheimlichen Schritt zu nah und greift nach etwas von uns, dass es nicht gibt. Nie gab. Vielleicht nie geben wird. Und vielleicht auch nicht gewollt ist, weil es als unaushaltbar erlebt wird.

Ich würde gerne sagen: “Hey – es ist nur Suizidalität. Es ist nur eine Entscheidung. Kopf hoch – es geht nur um Tod.”, aber ich weiß, dass ich das vor einer Wand sagen würde, die weiß vor und unter dem Leben in unserer Zeit, unserer Gesellschaft, unserer Kultur vor sich hin rauscht, wie die vielen Bäche durch die Alpen.
Es ist genau die Wand, die wir manchmal auch als Kluft zwischen uns und dem Rest der Welt erleben.

Weil wir erlebt haben, was wir erlebt haben. Weil wir wahrnehmen, was und wie wir wahrnehmen. Weil wir in unseren Fähig- und Fertigkeiten mit anderen Begrenzungen als die Mehrheit der Menschen umgehen.

Zwischendurch passiert es noch, dass Menschen mit uns in Kontakt treten und in Austausch gehen möchten, weil sie denken, wir wären besonders (stark/mutig/whatever). Was dann immer wieder passiert ist Stille. Das Moment der fehlenden Worte und die Angst vor dem Schweigen. Die vielen vielen Worte, die uns nichts sagen, doch für diese Menschen zentnerschwer mit Bedeutung beladen sind.
Und dann die Enttäuschung, wenn sich herausstellt, dass wir einfach nur sind. Dass es uns einfach nur gibt und das schon die ganze Besonderheit ist.

Ich blätterte heute durch “Sensation des Alltäglichen”, einem großartigen Fotoband von Anja Conrad und dachte: “Genau das ist es. Nichts weniger. Dieses Leben.”.

Manchmal frage ich mich, ob es Menschen gibt, die uns kennen und denken: “Wär mir genauso gegangen an deren Stelle.”. Heimlich unterstellen wir das auch Menschen. Wissen es aber nicht. Weil sie uns lieber sagen, wie sprachlos sie sich vor dem schockartigen Bewusstsein um unsere Not, unsere Verzweiflung, die Nähe zum radikalen Ende empfinden.
Ich würde gerne sagen: “Sagt uns einfach, dass ihr unsere Not auch nicht ertragen wolltet/würdet/könntet. Weil sie ist und war und bleibt, bis sie zu Ende ist.” und kann es doch nur schreiben.

Ich wünsche mir mehr von dieser einen Ehrlichkeit, die genauso wenig Rücksicht auf uns nimmt, wie die Entscheidung zum Suizid keine Rücksicht auf irgendjemanden oder irgendetwas außerhalb eines sich Suizidierten nimmt.
Woran sollen wir denn glauben, wenn wir nur von Füllwatteworten umgeben werden, aus Angst man könnte – ja was? Uns beeinflussen? Uns indirekt in den Suizid treiben? Uns verletzen? Aus Angst man könnte selbst bemerken, welchen einen Schritt genau man zu nah an und in uns hinein getreten ist?
Geht es am Ende nicht vielleicht genau darum die Erkenntnis zu vermeiden, wie sehr man sich mit uns verbunden fühlt und dennoch scheut in etwas gemeinsam zu sein, was einem selbst fremd ist, weil man auf der anderen Seite der Kluftwand steht?
Ist es Angst unser Schweigen, unsere Sprachlosigkeit, unsere Suche nach Worten am eigenen Selbst zu fühlen?

Ist es Angst vor dem Leben, wie es für uns ist?

Jenes Leben, das wir uns jetzt, wo die Entscheidung gegen einen Suizid zum jetzigen Zeitpunkt getroffen wurde, neu anzusehen versuchen.
Jenes Leben, in dem wir ein Medikament nehmen, das uns beruhigt und hilft aus dem ständigen Hyperarousel zu kommen. In dem wir auf eine Antwort auf unseren Antrag auf Wiederaufnahme in einer Klinik für Psychotherapie warten und streng mit uns sind, wenn von hinten nach vorn die Argumente kommen, wir würden so etwas doch gar nicht brauchen/müssen/dürfen/sollen/hätte würde wenn/ jatta jatta jatta. In dem wir uns erlauben, die deutsche Gebärdensprache zu lernen. In dem wir (Sensation des Alltäglichen!) zwei Mal am Tag essen. In dem wir uns eine Jahreskarte für die Stadtbücherei erlauben.

Und ab und zu, kurz, schmerzhaft, unheimlich und nah, an den Rand der Kluft zwischen uns und der Welt treten.

sechsundzwanzig

“Sie machen also richtig Ferien”, fragt die Therapeutin in den Raum hinein. Ich betrachte die Frage in ihrem Flug an die Stirn des Kinderinnens, das vor ihr sitzt und möchte mich tot lachen, als dieses nickt.

You say „Ferien“ I say „Hartz4–Alltag“. You think „Ausruhen“ – I think „FUCK OFF“

Das Gespräch verwandelt sich zu einem entleerenden Frage-Antwort – Ping Pong und ich lasse los.
Weil Ferien sind und es egal ist, wie es uns nach der Stunde geht. So oder so gehen wir nach Hause, schlucken die zweite Zahnschmerztablette, lesen, teilen, zeichnen, bearbeiten Fotos, rangieren Not von links nach rechts, gehen mit dem Hund raus, kochen, schauen YouTube-Filme und schlafen ein, wenn die Frühschicht zur Arbeit fährt.

Es ist nichts da, was macht, dass es uns so geht.
Ich bin einfach traurig. Ich leide einfach und es gibt nichts, was das abkürzen könnte.
So ist Depression.

Keine Wörter, keine Gründe, die man wie ein Ursache-Folge-Spiel zusammenkonstruieren kann.
Es war halt viel und es war halt viel Scheiße und es wird auch später noch viel Scheiße da sein.

In zwei drei vier … Tagen, Wochen, Monaten werde ich weniger drunter leiden.

Kein Grund irgendwas zu sagen. Kein Anlass irgendwas zu teilen.
Keine Rechtfertigung um etwas zu bitten.
Es würde nichts verändern.

drin drin drin

Zwischendurch denke ich Sätze, die mit “Im Gegensatz zum Rest der Welt, weiß ich…” beginnen und weiß doch, dass ich den Rest der Welt weder kenne, noch dieser irgendetwas mit mir anfangen kann. Ich bestrafe mich für den Gedanken irgendwas zu wissen, denn tatsächlich weiß ich gar nichts. Tatsächlich ist dieser Satz ein Zitat aus einer Serie. Tatsächlich ist dieser Gedanke kein Gedanke, sondern ein durchweichter Fetzen auf der Suppe in meinem Kopf.
Rederest. Gesprächsrand. Plapperschnipsel.

Inzwischen sind die Gefühle bei mir angekommen und ich verstehe, was mich so verwirrt.
Es ist die Abstoßung innerhalb der ultimativ nahen Verschmelzung, die mit der Verletzung durch die Person einher ging. Es ist das “Ich hasse dich/verachte dich/entwerte/demütige dich”, das Abstoßung bedeutet, noch während der An_Griff meine Seele und damit mein Inneres berührt, was eine Verbindung bedeutet.

Es ist, was jedes Geschlagenwerden mit mir gemacht hat. Einerseits spürt man den Hass und andererseits spürt man die Verbindung.
Man kann nicht weg – kann nicht unsichtbar sein, obwohl es der Hass in der Person verlangt und als Botschaft in jede Zelle hineingraviert.

Mir ist aufgefallen, dass ich wieder einen Menschen verloren habe, gerade als es darum geht vor einer ersten Chance zu stehen, die mehr Selbstständigkeit, mehr Wertschätzung unserer Arbeit, mehr Unabhängigkeit für uns ganz greifbar zur Folge haben kann.
Ich frage mich, ob wir etwas reinszeniert haben und wenn ja, was.

“This is not for you.”, fliegt an mir vorbei und kleistert sich zwischen meine Gedanken an einen Rest der Welt, der irgendwo dort draußen ist und noch viele weitere Menschen für mich enthalten könnte.
Mein Warten ist eine Wiederholung. Ich stehe hier wie damals mit meinem Rucksack in der Hand und  dem Weh im Inmitten und warte darauf, dass mein Ummichherum bemerkt, dass ich zu gehen im Begriff bin. Für immer und ohne Wiederkehr auf dem Weg zu etwas von dem ich nur weiß, wie es nie wieder werden soll.

“Ich werde dich nie wieder in mein Leben lassen”, überlege ich hinauszustoßen und hinterlasse bereits damit einen nicht revidierbaren Abdruck in mir drin.

Gewalt ist eine Spirale und ich bin mittendrin drin drin drin

eye contact

heißt ein Fotowettbewerb, zu dem ich 4 Arbeiten eingereicht habe.
Mich beschäftigt die plötzliche Präsenz von Augenkontakt und seiner Bewertung in meinem Leben. Vor der Autismusdiagnostik habe ich nie darüber nachgedacht, ob und wie oft und wie wirklich ich Augenkontakt aufnehme und halte.
Ich mag es nicht angeguckt zu werden, weil es mich beklemmt. Das fremde Auge auf mir entfremdet und verzerrt mich. Ich werde zu dem, was ich abwerte und habe keinen Raum für das, was andere von mir sehen. Ich bin nicht mehr ich, wenn man mich betrachtet.
Ich mag es nicht Menschen anzugucken, weil es mich von mir abtrennt. Wenn ich Menschen anschaue, werde ich verwundbar als hätte ich keine Haut, die mich davor bewahrt in alle Winde verweht zu werden. Irgendwie fehlt mir etwas, das mich zusammenhält, wenn ich Menschen so nah komme.
Das ist kein neues Wissen für mich – aber, dieses Wissen mit dem Wort „Augenkontakt“ zu verbinden, ist neu für mich.

Der Wettbewerb hat mich gefordert. Ich wollte mir beweisen, dass ich auch Menschen portraitieren kann. Wenn man eine Feder bei Windstärke 4 und einen Bussard mit einem KIT-Objektiv ordentlich abgelichtet bekommt, dann muss das doch gehen.
Dachte ich.
Ich traf also Menschen und fotografierte sie.
Und traute mich nicht Vorgaben zu machen. Gestellte, konstruierte Bilder seien nicht gut, habe ich gehört, gelesen, bei YouTube gesehen. Man sollte locker ins Gespräch gehen, Witze machen, irgendwo sein, wo die zu fotografierende Person gut sein kann.
Also sollte man genau machen, was ich noch nie konnte und auch noch nicht richtig verstanden habe, wie das überhaupt gehen soll.

Ich habe keine schlechten Fotos gemacht. Keines ist unscharf, fehlbelichtet oder flach. Aber es sind nur zwei wirkliche “Hannah-Fotos” entstanden.
Zwei. Von über vierhundert.

Ich hatte die Kamera noch zwei Tage, bevor ich sie wieder in der Schule abgeben musste und dachte darüber nach, ob eines der gemachten Bilder wirklich das zeigt, was Augenkontakt für mich ist.
Es war keins dabei.

Und dann habe ich mich selbst fotografiert, kam mir awkward vor und hoffte meine Wohnung mit meiner selbst gebastelten Softbox* [*drei weiße Styroporboxen, in die ich eine Tageslichtleuchte gestellt hatte] nicht in Brand zu setzen.
Ich war nicht locker, hab keine Witze gemacht, war in meinem Arbeitszimmer. Es war so, wie ich es brauche: fast ganz dunkel, still und mit einem klaren Rahmen.

waagererechtes Schwarz-Weißfoto. drei Viertel der Fläche sind Haare (dunkler Grund mit hellen Strähnen drauf) die von oben links nach unten rechts in sachten Wellenlinien verlaufen. im unten linken Viertel ist der Gesichtsbereich mit einem offenen Auge, dessen Iris nach oben rechts gerichtet ist

Es ist mein Blick an etwas vorbei, über etwas drüber, auf etwas, das niemand außer mir sieht.
Nicht dominant, nicht versteckt. Präsent, doch nicht inmitten.
Das Foto erzählt keine Geschichte und zeigt auch keine tiefe Wahrheit. Es ist einfach nur mein Blick in dem Kontext, in dem er ist.
Es gefällt mir.
Für den Gewinn des Wettbewerbs hat es nicht gereicht.
Aber für ein Foto, das ich als erstes richtig hart erarbeitetes Werkstück in meine Mappe aufnehme.
Die Eröffnung der Ausstellung “eye contact” ist am 2. 11. 2015 um 19 Uhr im Projekthaus von PhotoWerk Berlin.

vergangen sein

“Mein Geschwist hatte Geburtstag.”. “Oh”, antwortet sie.
Das “Ja” aus meinem Mund knallt wie ein Korken aus meinem Gesicht heraus und wird von einem Schwall Tränen von mir weggetragen.
Ein Schwall, der eigentlich nur zwei drei Tropfen groß ist und doch so viel mehr als nur zwei drei Tropfen ist.

“Es ist das ganze Paket.”, denke ich, während ich ein Taschentuch ausschüttle. “Es ist, dass ich mit allem, was ich äußere, alles miterwähnen und vordefinieren soll, damit Menschen sich erlauben, mich nicht negativ oder dumm wahrzunehmen. Damit sie mir glauben, dass ich sie nicht angreifen will. Damit sie mir erlauben zu sein, wer ich bin. Damit sie mir zugestehen, dass meine Worte einfach nur meine Worte sind, die nichts weiter wollen und sollen und müssen, als das, was sie sagen.
Es ist die Idee von mir, ein Mensch zu sein, der fordert statt zu brauchen. Der befiehlt, statt zu bitten. Es ist die Ignoranz meiner Bedürftigkeit und das Abtun der Not, die daraus entstehend immer enger in mein Er_Leben gewoben wird.
Es ist, dass mir niemand glaubt, wie längst tot ich bin.”.

“Aber ist schon okay.”, sage ich. “Es war nur kurz so… naja. Weißt?”.
Vor meinem Sein klafft ein Loch in eine Tiefe hinunter, die ich nicht überblicken kann. An den Rändern fasert es und es ist kalt.
“Hm, ja. Bestimmt schwierig.”. Ihre Stimme treibt wie eine Seerose auf einem nachtschwarzen Wasser an mir vorbei und findet ein Ende.

Während ich durch die Dunkelheit laufe, wärme ich mich an meinem Gedenken an ein Geschwist, das ich viel zu wenig kennenlernen konnte und vielleicht niemals mehr kennenlernen werde.  “Mein Geschwist hatte Geburtstag”, denke ich und halte meine Fingerspitzen über die Idee von einem erwachsenen Menschen, der ein Stück Kuchen isst und über das Bewusstsein des eigenen am Leben seins lächelt, “und ich bin nicht mehr da.”.

Niemand glaubt, die Vergangenen könnten ebenso trauern, wie die Verbliebenen.

Was Leute sagen, wenn sie nicht wissen, was sie sagen sollen

Adrianne und ihr Mann wurden bei dem Bombenanschlag während des Bostoner Marathon verletzt. Sie sagt etwas Wichtiges:
Wenn man Menschen nach einem schweren Ereignis, in einer schweren Zeit, in großer Not, in tiefem Leiden beistehen will, geht es um diese Menschen.
Und um niemanden sonst.

Wenn du nichts zu sagen weißt – sag nichts.
Vielleicht ist die Erkenntnis, dass es etwas gibt – eine Zeit, einen Umstand, ein Gefühl – wo keine Worte sind, das Einzige, was von dir zu begreifen nötig ist.

keine Fragen mehr

Schwarzweißbild einer Wiesenpflanze dessen Blütenkopf zu einem Ball zusammengelegt ist viele zarte Fasern und feine Stacheln sind von außen erkennbar

es gibt keine neuen Wörter
für das ewige Nicht.in.der.Welt.sein
das Immer.anders.als.Andere.sein

das Selbst sein

ich brauche keine Antwort auf ein Warum
ich brauche eine Antwort auf mein Sein

loslassen

“Lass los.”, berat_schlägt sie mich. “Stoß das ab – es hat keinen Sinn sich dafür aufzurauchen. Machs dir gemütlich im Everybodys-Arschloch-Land. Du bist die Böse, weil du dich nicht verpisst hast. Niemand redet mit dir, weil du da bist. Einfach weil du da bist. Lass los. Geh weg. Lass es sein. Das ist es nicht wert. Du hast gesagt, was du kannst und hast dich dran gehalten. Es hat so wenig mit dir zu tun, dass du es wirklich einfach lassen kannst.”.
Sie sagt das ganz ruhig. Mit einer Stimme, die so glatt wie ein Flusskiesel ist.

Sie atmet, als würde sie rauchen und hat die Augen halb geschlossen.
Sie beobachtet mich. Bohrt ihre Blicke in mich hinein, während ich mir meine Arbeit abringe, um nach einer halben Stunde erschöpft zurück ins Bett und in holprigen Dämmerschlaf zu rutschen.
Wenn sie sagt: “Lass los”, versuche ich sie loszulassen. Vielleicht, weil mich ihre kalte Sachlichkeit erschreckt und ich weiß, dass ich ihre Anwesenheit jetzt aushalten muss.

Wenn ich sie loslasse, lasse ich mich los.
Dann stehe ich da mit meiner unsühnbaren Schuld allein und sehe alles, was ich tun kann, nichtig.

“Wir könnten das Geburtstagspaket ja einfach so losschicken und reinschreiben: “Es tut mir leid, was mir immer leid tut” und “Ich bereue nicht, was ich immer wieder tun würde. “. Das ist doch gut.”. Die Andere spielt mit einem Bleistift in ihrem Feuerhaar und streichelt sich die Schläfen.
Er kneift die Augen zusammen. “Nee, weißte was – ich entschuldige mich für gar nichts. Hier gehts um gebrochene Absprachen, willentliche und wissentliche Demütigungen und Abwertungen unseres Tuns –  nur um letztlich sich selbst zu zerstören und dann nicht mal den Arsch in der Hose zu haben, sich dem Schaden zu stellen. Nee. Is nich. So’n Ding schickt ihr da nich mit meinem Okay hin. Ich will meine Chance auf ins Gesicht boxen, wenn schon.”.
Sie starren einander erschrocken an.

Mein Gehirn wummert und brandet in seinem Gefängnis. Ich schließe die Augen erneut und drehe mich um.
NakNak* rollt sich auf den Rücken. Lässt sich streicheln.
Ich dämmere dem Abend entgegen.

“Vielleicht sind es zu viele gebrochene Versprechen. Vielleicht ist es einfach wieder und immer noch nicht die Zeit für uns, sich mit Vergebung auseinanderzusetzen.”, sagt sie. “Lass los.”.
Sie hält dem Innen, das uns die depressive Symptomatik vorwerfen will, den Mund zu und übertönt es.

“Lass einfach los. Wenn du nicht kämpfst, kannst du einfach sein. Das ist schwer genug.”.

Es ist Nacht als wir draußen herumlaufen.
Atmen. Sind.
Es ist schwer. Es tut weh.
Und die ganze Welt hat nichts damit zu tun.

kein Anschluss

“Wo ist denn der Charakter in diesen Charakterköpfen?”, hatte sie vor der Reise nach Berlin gefragt.
“Ich will Menschen zu fotografieren üben und – wo ist denn der Charakter im Gesicht?”.

Der Raum ist voll mit neuen Fremden, die Luft walzt sich von Wand zu Wand. Der Lehrer schaut sie an und nickt. “Das findet man heraus, wenn man sich die Leute anguckt und fotografiert.”, sagt er und zeigt ein paar seiner eigenen Arbeiten.
Die Frage verdunstet in der Wärme und verliert sich ohne Antwort im Stimmengemurmel.

In Berlin angekommen, tragen wir uns in einem Kokon durch die Stadt. Halten uns an dem Wissen um die Funktionen und Möglichkeiten der Kamera fest. Konstruieren ein Motiv nach dem anderen. Sie steht streng neben uns und ermahnt uns immer wieder an das, wofür wir hingefahren sind: Menschen fotografieren – mal was anderes als Blümchen, Bienchen, Sonne rauf und Sonne runter.
Es ist unfassbar anstrengend und die meiste Zeit ist da Angst vor dem einen Schritt zu nah. Angst davor, dass sich die Menschen umdrehen und mit uns reden. Angst davor, dass das Foto nicht sofort klappt und ein zweiter oder dritter Anlauf nötig werden. Angst davor die Menschen anzusehen. Angst davor dabei von ihnen angesehen zu werden.

Das turbulenteste Treffen war das Schönste und vielleicht mögen wir nur noch Kindermenschen fotografieren. Wir waren ihnen so herrlich egal und für die Zeit zusammen unterbrach sogar sie die Suche nach dem Charakter im Gesicht.

Zwei Wochen später tauchte die Frage wieder auf.
“Was machst du denn um den Charakter zu zeigen?”, fragt sie. Und ihr Lehrer schaut sie verständnislos an. “Ich arbeite das raus…”, sagt er und fährt mit dem Coursor die hellen Linien im Portrait eines Mannes nach. “Ja, aber woher weißt du denn, dass das da der Charakter ist von dem Mann? Wie entscheidest du das denn?”, fragt sie. Diesmal wollen wir hartnäckig bleiben. Wir haben 1200 Menschengesichtfotos auf unserem Laptop und sind willens irgendwo einen Charakter zu finden.

Und er versteht nicht.

Er schwenkt zwischen dem Bild einer jungen Frau und dem eines alten Mannes hin und her. “Hier sieht man doch, dass das ganz unterschiedliche Typen sind.”. “Ja.”, sagt sie nickend. “Aber wo ist da der Charakter drin – woran merkt man den denn?”.  Er macht diesen einen Laut, den Menschen machen, wenn sie sich beherrschen uns nicht zu schlagen und irgendeine Erinnerung zerrt so heftig an ihr, dass es sie nach innen wegdreht.

Als wir im dunklen Fotolabor stehen und an den Abläufen entlang, ein Foto abzuziehen versuchen, ist es plötzlich ganz klar wieder da.  Das Nichtsgefühl im Fern-der-Welt-taumeln. Im hellen vollen Nebenraum wird geredet, geplänkelt, gelacht. Die Menschen, mit denen wir lernen, stehen dort und freunden sich an. Wir stehen allein im Dunkeln und suchen mit 60% Sehschärfe und ohne eine konkrete Idee nach dem Charakter im Portrait einer fremden Person.

Das Netzmittel ist qualitativ mies und hat mir Wassertropfen auf dem Film beschert. Irgendwas ist beim Entwickeln schief gegangen und hat einen Streifen mitten durch die Motive hinterlassen.  Frustriert beenden wir die Arbeit und versuchen den Faden zur Gruppe wieder aufzunehmen.

“Wollt ihr noch mitkommen und was trinken gehen?”, fragt der andere Lehrer.
Und guckt die Menschen neben mir an.

Draußen regnet es in Strömen.
Ich fahre mit einem neuen alten Lieblingssong in den Ohren, dem Hund an der Leine und dem klappernden Herzen im Arm, alleine nach Hause.

Schaue angestrengt und lange in einen Handspiegel. Finde keinen Charakter, egal wie ich mich anleuchte.
Ich höre auf. Gebe auf. Lasse endgültig los und den Spiegel auf den Boden fallen. Betrachte die glitzernde Scherbenpracht.
Ich schneide mich in den Körper zurück und aus dem Glitzern heraus. Weine ein bisschen um die Kluft zwischen dem Hiersein und dem ImFunkelnsein. Um die Kluft zwischen mir und dem Rest der Welt.

Dann fallen mir Wörter ein, die ich aufschreiben kann. Die Wörter zum Weg vor dem, was ich als “selbstverletzendes Verhalten” in mein Tagesprotokoll kringeln muss.

Beim Aufräumen fällt mir die Überweisung unserer Therapeutin in die Hände.
“rezidivierende depressive Störung, mittelgradige Episode (F33.1 G9 )”

kurz: “ET merkt, dass es keinen Anschluss unter dieser Nummer gibt”