das Helfertrauma – die Wiederholung

„Wer ein Trauma nicht realisiert, ist gezwungen, es zu wiederholen oder zu reinszenieren.“ Das soll Pierre Janet vor 120 Jahren gesagt haben. Er gilt als einer der ersten Traumaforscher, deshalb kenne ich dieses Zitat. Es wird oft dort eingeschoben, wo es um die Notwendigkeit von Traumatherapie oder das generelle Interesse für die Thematik geht. Oft funktioniert es deshalb als Warnung. „Achtung, Achtung, wenn dir diese Story von Kontrollverlust und einer Lebensqualität wie trocken Brot nicht reicht, um dich damit zu befassen, dann hier die Drohung, dass du es dir immer wieder selbst antust.“

Als ich diese Woche die Praxis für Autismustherapie verließ, dachte ich an das Zitat und darüber nach, ob ich mit der Autismustherapie aufhören muss. Denn wieder hat sich mein Helferding wiederholt. Nicht in der schlimmsten Ausprägung und auch nicht mit großem Schaden, aber doch einem Schaden. Für mich. In mir. Weil es inzwischen nicht erst weh tut, wenn es im schlimmsten passiert, sondern bereits wenn klar ist: Wir sind mittendrin und ich muss genau jetzt entweder abbrechen oder immer wieder verweigern. Grenzen ziehen. Verantwortlichkeiten einhalten, ablehnen, beworten. Hoffen, dass sich diesmal ein Weg auftut. Wissen, dass sich bisher erst ein Mal ein Weg aufgetan hat. Das eine Mal von vielleicht hundert Malen.

Während ich darüber nachdachte, wie ich das konkret tun könnte, bemerkte ich, dass auch das zu meiner Schleife gehört.
Jetzt sitze ich da, bin irgendwie verletzt davon, was im Miteinander passiert – sage, was da passiert und dass ich das so nicht möchte – und fange an, mir zu überlegen, wie ich es nicht wiederhole. Obwohl von Anfang an nicht ich dafür gesorgt habe, dass sich etwas wiederholt. Ich war einfach so da wie ich bin. Habe gedacht, wie ich denke, mich ausgedrückt, wie ich es tue und wieder wurde mir gesagt, dass meine Art zu Denken sehr viel sehr komplex sei. Dass man das nicht lange durchhalten kann, wenn man versucht mitzukommen. Und irgendwo darin erwähnt, ob ich wohl den Anspruch habe, dass man mir, wenn schon nicht gleich, so doch wenigstens ähnlich komplex begegnet.

Es ist also wieder das Thema Komplexität, zu viel (~intelligent~) sein, Vermeidung von Überforderung, Vermeidung der tatsächlichen Themen aus Sorge zu überfordern, zu wenig Hilfreiches zurückzubekommen und dem Problem nicht immer genug Kraft dafür zu haben, auf das Gegenüber warten zu können.
Und im Anschluss das innere Verbot, an der helfenden Person zu zweifeln, denn die kann ja auch nichts dafür. Niemand kann etwas dafür. Nie. Ich bin die Komponente, die sich in den Kontakt begeben hat, um etwas zu verändern. Also muss ich mich verdammt nochmal endlich auch verändern, warum mache ich mich dann nicht einfach anders.

Ich weiß nicht, ob mein Fehler ist, wiederholt nach Gegenübern zu suchen, die mich in meiner Auseinandersetzung begleiten und mir helfen, Lösungen für die Probleme zu finden, die ich alleine nicht erschaffen kann. In meiner Traumalogik ist es jedenfalls so.
Ich brauche niemanden, die_r mir nicht entgegen_wachsen will und die halbe Zeit damit kämpft, sich in meiner Anwesenheit weder dumm noch unterkomplex urteilend oder möglicherweise zu wenig Hilfreiches wissend zu fühlen, weil sie_r einfach nicht glaubt, dass diese Ebene im Kontakt für mich nicht relevant ist.
Ich brauche jemand, die_r sich erst einmal auf meine Probleme konzentriert. Nicht auf mich, nicht auf sich – auf das Problem. Und erst dann von mir aus auch auf mich in dem Problem und auf sich bei all dem.

Ich fürchte, dass ich mein Helfertrauma nie mehr realisieren kann, als ich es bisher geschafft habe.
Die Realität ist, dass ich zu komplex denke, zu viel aufnehme und deshalb immer viel ist, was mich beschäftigt oder vor Probleme stellt.
Die Realität ist, dass sich die meisten Menschen, gegen Komplexität entscheiden oder gar nicht erst begreifen können.
Die Realität ist, dass ich deshalb keine Hilfe bekomme, auch wenn ich es mit Leuten zu tun habe, die mir wirklich aufrichtig bemüht und angestrengt helfen wollen.
Die Realität ist, dass dies wiederum allein mein Problem ist und bleibt und bleibt und bleibt – weil die Lösungsfindung eine zu komplexe Angelegenheit ist.

Es ist die Hölle.
Ernsthaft.

das Leiden – #AutismAcceptanceMonth

Leiden entsteht, wenn Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden.
Je umfassender der Mangel, desto größer der Leidensdruck.

Vor meiner Autismusdiagnose habe ich am meisten darunter gelitten, mit Menschen in Kontakt kommen zu wollen und doch nie zu kommen. Selbst dann, wenn ich physisch, thematisch und konsensuellen und gemeinschaftlich beschlossen Kontakt mit ihnen hatte. Selbst wenn alle lieb mit mir waren. Vom Viele-, Behindert-, Anderssein wussten und alles.
Es ist eine spezielle Einsamkeit und eine spezielle Isolation – ein umfassendes „mit-sich-selbst“-Sein – umgeben von Menschen zu sein und doch allein. Und zwar nicht auf die „armes Opfer ist so unverstanden/ungesehen/unbeachtet von der Welt, weil nicht alle Menschen die Gewalterfahrungen teilen“-Art, sondern auf die „autistischer Mensch unter nicht-autistischen Menschen“-Art, bei der es darum geht, dass sich nicht nur die Lebens-, sondern auch die Er_Lebenserfahrungen ganz grundsätzlich unterscheiden und die Schnittmenge zuweilen frustrierend gering ist.

Ich habe darunter gelitten, immer wieder aus dem Raster zu fallen. Immer wieder zu merken: Ich enttäusche Erwartungen an meine Funktionalitäten. Ich irritiere mit meinen Dysfunktionalitäten, meiner Bewertung von Situationen und Umständen und leide bis heute darunter anders zu sein als die meisten Menschen in meiner Umgebung und ihre Normen oder auch Ideale, weil ich keine selbstverständliche, intuitive Kongruenz herstellen kann.
Kongruenz ist ein von den meisten Menschen unterschätzte Bedingung zur Erfüllung des Grundbedürfnisses nach sozialem Kontakt bzw. Bindung.
Als autistischer Mensch bin ich nicht bindungsbehindert. Und nein, auch meine Komplextraumatisierung hat meine Bindungsfähigkeiten nicht zerstört, gestört oder auf irgendeine Art verformt. Ich binde mich einfach anders und dieser Stil wird häufig abgelehnt, nicht wertgeschätzt, belächelt oder gar nicht erkannt, weil man von mir das gleiche Bindungsverhalten, wie neurotypische Menschen es zeigen, erwartet.

Mein autistisches Er_Leben umfasst alle Qualitäten des Empfindens. Es gibt keinen Lebensbereich, der davon unberührt ist. Es gibt weder eine Grenze zwischen meinem Alltag und meinen Traumata, noch eine zwischen meinem autistischen Er_Leben und dem, was alle Menschen machen müssen, um zu über_leben. Entsprechend umfassend ist auch mein Inkongruenzerleben.

Manchmal ist das hilfreich. Gerade in der letzten Zeit, in der ich viel mehr als sonst mit anderen Vielen kommunizierte, merke ich: Ich bin nie so sehr in das „Inkognito-als-Opfer-in-dieser-Gesellschaft-unterwegs-sein“-Ding eingestiegen, weil es mir nie die gleiche Beruhigung, den gleichen Gewinn gebracht hat, wie Menschen, deren (einziger) Inkongruenzbereich die eigene Opferschaft/“Verrücktheit“ ist.
Oder negativ ausgedrückt: Egal, wie ich mich zu verbergen versuche, mein „anders-als-die-meisten-Menschen“-Sein, ist nicht zu verbergen. Und weil nicht ich es bin, die_r darüber bestimmt, ob „anders als die meisten Menschen“ etwas schlechtes (weil Erwartungen enttäuschend oder Normen/Hierarchien infrage stellend) ist oder nicht, blieb und bleibt es bis heute so, dass ich oft so allein in Kontakten bleibe, wie ich es bin.
Hilfreich ist das insofern, als dass es mich davor bewahrt hat zu glauben, ich könne durch jedes beliebige Verhalten in jeder beliebigen Situation beeinflussen, dass Menschen sich mit mir verbinden. Ein Kerngedanke des komplex traumatisierten Kindes: „Wenn ich lieb bin, haben mich alle lieb und binden sich positiv an mich (und verletzen mich nicht (mehr)).“
Ich hatte nie Anlass, das zu glauben, weil meine Lebens- und Kontakterfahrungen so umfassend anders waren. Selbst wenn ich lieb war, selbst wenn ich alles richtig gemacht habe, selbst wenn ich gar nicht mehr ich war, es hat nie gereicht, um die nicht-autistischen Menschen in meiner Umgebung umfassend (positiv) an mich zu binden.

Gleichzeitig hat es aber natürlich etwas mit meinem Weltbild gemacht. Von meiner Idee davon, was mich retten könnte. Wofür ich über_leben könnte. Was ich alles mitbedenken muss, wenn ich mich für mein Über_Leben entscheide.
Während viele suizidale Menschen Halt im Kontakt mit anderen Menschen finden oder am Leben bleiben, weil sie eine Familie haben, die sie brauchen oder für die sie sich verantwortlich fühlen, habe und produziere ich tausend Projekte und Vorhaben, die ich nicht unvollständig abgeschlossen liegen lassen will.

Menschen halten mich nicht. Weder am Leben noch im Kontakt.
Sie verorten mich, das ist im Alltag extrem hilfreich.
Sie stimulieren mich, das ist manchmal gut, manchmal re_traumatisierend.
Sie sind ein Mittel zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung, das ist eindeutiger ausgedrückt, als es die meisten anderen Menschen über Menschen sagen würden, aber deshalb nicht weniger wahr oder gar ein Anzeichen einer Pathologie.

Ich leide nicht unter meinem Autismus, ich leide nicht unter mir selbst.
Ich leide darunter, dass mein Grundbedürfnis nach sozialem Miteinander von so vielen sozialen Barrieren bestimmt ist, die ich alle nicht auch selbst kompensieren kann. Ich brauche dafür immer mein_e Gegenüber und viel zu oft wird dieser Bedarf nicht angenommen, geglaubt und ihm entsprochen.

Es ist also ein verhinderbares Leiden.
Es wird allerdings nicht verhindert.
Heute leide ich am meisten darunter.

die Sichtbarkeit – #AutismAcceptanceMonth

Wenn man Menschen fragt, welche Superkraft sie gern hätten, sagen viele, dass sie gern unsichtbar wären.
Sie versprechen sich davon viel Teilhabe an Interaktionen in Situationen und Kontexten, von denen sie ausgeschlossen wären, könnten andere Menschen ihre Anwesenheit feststellen. Sie versprechen sich davon, andere Menschen authentisch zu erleben. Zu hören, was andere über sie sagen; zu erleben, wie andere handeln, wenn sie nicht von ihnen bzw. ihrer Präsenz beeinflusst werden.

In unserer Gesellschaft geht Sichtbarkeit nie mit der bloßen Feststellung dieser Sichtbarkeit einher. Niemand sieht etwas oder jemanden und lässt es ohne Bedeutung für sich selbst und den eigenen Kontext.
Was in unserer Gesellschaft sichtbar ist, wird von Systemen in Systeme geordnet. Und auch diese Ordnung wird wieder von Systemen in Systeme eingeordnet. Diese Ordnung ist von Bedeutung, weil niemand von uns mit Bedeutungslosigkeit umgehen kann. Selbst die Dinge, die völlig irrelevant, egal, schlicht hinzunehmen sind, müssen wir als irrelevant, egal, schlicht hinnehmbar einordnen, um sie irrelevant, egal, schlicht hinnehmen zu können. Niemand braucht sich einbilden, dass Bedeutungslosigkeit ihm_ihr nichts anhaben kann. Wir sind Gesellschaft, weil wir Bedeutung nicht nur produzieren, zuweisen, verändern können, sondern auch leben.

Viele autistische Menschen wissen, dass sie autistisch sind, weil sie von anderen Menschen gesehen wurden und die sichtbaren Unterschiede zu nicht-autistischen Menschen als Autismus bezeichnet werden. Denn so funktioniert Diagnostik nach DSM und ICD, den Diagnostikhandbüchern für Krankheiten aller Art. Sichtbar Abweichendes gilt als Symptom, aus Symptomen wird Krankheit abgeleitet.
Es gibt keine Symptome von Normalheit.
Das Normale sieht man nur mit dem Herzen gut.
Weil es keine Augen hat.
Und weil es keine Ordnung gibt, die auf das Vorhandensein sichtbarer Eigenschaften verzichtet.

Dass ich autistisch bin, sieht man nicht. Es sei denn, man weiß um die Bedeutung von Dingen in dieser Welt für mich persönlich.
Ich kann meine Sichtbarkeit für andere Menschen in vielen Bereichen steuern und das finde ich großartig. Ich erlebe das als eine erstrebenswerte Superkraft, an deren Perfektionierung ich gezielt arbeite. Obwohl ich weiß, dass es eine Superkraft ist, die mir nicht natürlich inneliegt und die ich hauptsächlich deshalb als erstrebenswert empfinde, weil sie mir zu mehr Teilhabe verhilft als mir die Gesellschaft ermöglicht, wenn sie mich sehen kann.

Möchte ich dennoch als autistischer Mensch gesehen werden? Ja. Natürlich.
Aber bitte lieber mit dem Herzen.

 

P. S. Die Superkraft, die ich gern hätte, ist nie müde zu werden.
Ich würde meinen Kram machen während alle schlafen und meine Freizeit und Sozialitäten erledigen, wenn alle wach sind.

 

 

a puzzling condition – #AutismAcceptanceMonth

Autismus als rätselhafter Zustand – so hat man sich das damals gedacht. 1963, bei der National Autistic Society. A puzzling condition [1], ein Rätsel an alle, das sich nur Teilen erfassen, verstehen, verbinden lässt.
Später kam die Schleife dazu. Wegen der Hoffnung.[2] Irgendwie.
Und dann – wozu das Rad neu erfinden – hat Autism Speaks das blaue Puzzleteil für die Verbreitung seiner speziellen Auffassung von Autismus benutzt und tut das noch immer.[3]
Heute gehört es zum Ritus des #AutismAcceptanceMonth, das Puzzleteil abzulehnen und möglichst vielen Menschen zu sagen, dass an Autismus überhaupt gar nichts „puzzling“ ist, wenn man autistischen Menschen nur endlich zuhört, statt über sie hinweg zu sprechen, zu entscheiden, zu lehren.

Als autistische, komplex traumatisierte Person mit DIS ist das für mich nicht so machbar.
Ich er_lebe dissoziiert. Ich er_lebe meine Umwelt und mich durchaus immer wieder mehr oder weniger stark fragmentiert. Es ist sehr schwer für mich, Verbindungen herzustellen. Ein Großteil dessen, was mich beschäftigt oder bewegt, was mich stört oder auch erfreut, ist mir mehr oder weniger Rätsel und je mehr ich versuche diese Eindrücke in ihrer Rätselhaftigkeit für mich darzustellen, zu erklären und andere Menschen zur Lösung einzubeziehen, desto größer wird die Kluft zwischen meinen Mitmenschen und mir.

Das ist nicht nur der Autismus – ja. Dann verzichte ich vielleicht speziell im April auf diese Metapher, um die Forderungen anderer autistischer Menschen nicht zu untergraben. Aber langfristig kann ich das nicht – und will es auch nicht.
Der K.r.ampf um das Symbol für Autismus – warum führen wir ihn eigentlich noch? Es gibt ein neues – das regenbogenfarbene Unendlichkeitsymbol – warum muss nach seiner Etablierung jetzt noch jedes andere Symbol ausgerottet werden? Warum ein Kampf um Symbole, wenn dem eigentlich ein anderes Ziel zugrunde liegt, nämlich das der Deutungshoheit. Die wollen viele autistische Menschen haben, weil sie glauben, damit viel anfangen zu können, um die Situation für autistische Menschen zu verbessern. Vielleicht stimmt das. Ich hingegen sehe in Deutungshoheit über etwas so vielfältiges wie Autismus eine notwendigerweise zu teilende Macht.

Speziell Autismus bringt stets einen Imperativ an die eigenen kommunikativen und interaktiven Anpassungsfähig- und fertigkeiten mit. Sowohl an nicht autistische Menschen als auch an autistische Menschen. Ein Hauptproblem – des puzzlings Pudels Kern sozusagen – ist doch, dass die einen fordern, dass man ihnen zuhört und die anderen, dass man endlich („angemessen“/“richtig“) mit ihnen spricht.
Es wird nicht gehen, wenn sich nicht beide Seiten aneinander anpassen – nicht beide Seiten versuchen einander zu verstehen.

Ganz klar ist das keine Aufforderung „doch bitte die armen kleinen nicht autistischen Menschis“ auch zu verstehen und nicht ganz so arg bös und radikal fordernd aufzutreten“ – auf keinen Fall!
Es ist eine Aufforderung dazu, nicht autistischen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selbst im Verhalten gegenüber autistischen Menschen und der Mitwelt nicht nur zu verstehen, sondern auch zu begreifen – und andersherum die Aufforderung an nicht autistische Menschen, dafür zu sorgen, dass autistische Menschen sich selbst im Verhalten gegenüber nicht autistischen Menschen und ihrer Mitwelt nicht nur verstehen, sondern auch begreifen können.

Für mich ist die Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen in nur 10 bis 15 Prozent der Fälle kein potemkinsches Dorf. Keine Fassade, die mich schützt, kein reflexhaft hochgehaltenes Schild aus meinen verbalen Skripten und antrainierten Sozialperformances. Es ist mir ein Rätsel, was ich neben dem, was ich sagen will, noch sage, wenn ich etwas sage – ich rate aus Antworten, ich habe so gut wie nie den festen Boden der Eindeutigkeit unter mir, sobald ich mich nicht schriftlich mit anderen Menschen befasse.
Und ja, das und mehr ist puzzling. Vielleicht bin ich für andere Menschen manchmal puzzling. Und ja, für manche Menschen war dieser Umstand auch Anlass mich schlecht zu behandeln oder über meinen Willen hinweg zu entscheiden oder an meiner statt zu sprechen. Mein Sein nicht als rätselhaft, sondern als Varianz zu sehen, würde daran in unserer Gesellschaft, mit unseren Erwartungen und daraus entstandenen Normen kaum etwas verändern.
Es verändert etwas anderes und darauf möchte ich mich in den nächsten Jahren konzentrieren – Mystizismus um autistische (komplex traumatisierte) Menschen. Denn rund um Autismus gibt es diese ganz ähnliche Basis für zuweilen missbräuchliches Verhalten, wie es das bei der DIS auch heute noch in manchen sozialen Bubbles gibt: Weil es noch nicht für alles wissenschaftliche Belege gibt, wird alles als möglich angenommen. Und anekdotische Evidenz wird auf einer Ebene wie wissenschaftliche Evidenz akzeptiert.
Im Kontext „Autismus“ findet sich das sehr viel in Bezug auf Heilung – bei der DIS sehr viel in Bezug auf die Entstehung bzw. das konkrete Herstellen einer DIS, aber auch die Unterschiedlichkeit der dissoziativen Selbstzustände (Innens, Innenpersonen, Anteile) und ihre Fähigkeiten.

Dabei gibt es heute sehr wohl sehr elaborierte Studien und enorm viel Sachwissen – es ist einfach nur unfassbar exklusiv.
Es wird nicht frei zur Verfügung gestellt, es wird nicht barrierefrei vermittelt, es wird zum Teil fachlich falsch vermittelt und es gibt bis heute weder einheitliche Behandlungsstandards noch werden die Behandelten in die Erstellung von Qualitätskriterien und Strukturen der Qualitätssicherung einbezogen.
Hinzu kommt, dass vor all dem Wissen und damit ja auch Begreifen von sich selbst, eine Diagnose stehen muss. Obwohl allen naturwissenschaftlich gebildeten Menschen klar sein sollte, wie unsinnig es ist, natürliche Varianz mit Mitteln der Pathologie zu ordnen bzw. zu behandeln – auch wenn sie nicht angeboren ist, wie im Fall der DIS.

Ich selbst versuche, mich als Forscher_in zu verstehen. Das erscheint mir nur logisch, denn wer sonst befasst sich mit Rätseln ohne sie lösen zu wollen oder von sich zu erwarten, sie (allein) lösen zu können?
Für mich ist diese Haltung wichtig, um meine Akzeptanz mir selbst gegenüber wachsen zu lassen – aber auch, um aus meiner Forschung zu lernen. Ich leite daraus keine Deutungshoheit über Autismus generell ab – aber über mich und die Rätsel, die ich er_lebe.

die Akzeptanz – #AutismAcceptanceMonth

Ich schrieb etwas von peinlo-Notizen und einem dräuenden Drama in meinem Hinterkopf. Später in dieser Woche brach es dann aus.
Wie hatte ich es nur tun können. Was habe ich mir nur gedacht. Habe ich allen Ernstes geglaubt, so kann es gehen. Warum kann ich mich nie einfach normal benehmen. Warum habe ich mich nie im Griff.

Es ist keine Traumaschleife. Da steht kein Täter_innenintrojekt in mir und greift mich an. Keine Flashbacks, kein Geschrei, kein Blutvergießen. Es sind die Fragen, die mich schon mein Leben lang begleiten. Ganz ruhig. Sachlich. Ernsthaft forschend, aufrichtig bemüht. Die Aggression liegt in der Enttäuschung. Das Drama darin, dass ich es zu mir selbst bin. Während ich es gleichzeitig besser weiß – ohne es je wirklich besser machen zu können.

Ich bin damit aufgewachsen zu glauben, dass ich bin wie alle anderen und mich einfach nicht genug im Griff habe. Und immer wieder und wieder und wieder wurde meine Identität, mein Hannahsein, darüber desintegriert, dass Funktionalität von mir erwartet wurde, die ich nicht herstellen oder aufrechterhalten oder von allen als solche erkennbar zeigen konnte.
Zu wissen, dass ich nicht bin wie alle anderen, ist darin wirklich kein Trost, kein Triumph, keine Hilfe. Im Gegenteil.

Es ist unfassbar schwer, etwas zu akzeptieren, das die Umwelt nicht auch akzeptiert. Es ist nur logisch, dass ich bis heute darum ringe, mein autistisches Funktionieren als meinen individuellen Default, mein trotzdem okayes Normal zu akzeptieren, denn auch heute ist es nicht akzeptiert. Es kann einfach noch nicht akzeptiert werden. Es gibt so viele noch unreflektierte Normen, die die Akzeptanz von neurodivergenten Menschen allgemein verhindern. Wie soll ich es dann je schaffen?

 

Wofür

Kleben blieb, dass sie sagte „Vielleicht ist es gut, wenn Sie sich in Erinnerung rufen, wofür sie da raus sind“.
Weil es ein wunder Punkt ist. Etwas, das mir lange das Gefühl gab, ich könne meine Situation nicht mit der von Menschen vergleichen, die aus komplett abgeschlossenen Gemeinschaften oder Gruppen ausgestiegen sind.

Ich bin da nicht raus, weil ich einen Vergleich angestellt habe und fand: „Ja, nee, draußen ist schon besser für mich. Da bin ich frei, Freiheit ist cool, ich will coole Freiheit.“ Am Anfang meines Lebens „draußen“ stand keine Möglichkeit mir aufzuzählen, was ich jetzt alles darf und vorher nicht. Ich durfte immer alles tun oder nicht tun. Die Grenzen unter denen viele Aussteiger_innen aus „high controlling groups“ gelitten haben, habe ich gesucht, habe ich verlangt – ziehe ich mir heute in mein Leben um Halt und Orientierung zu haben. Mein Leben im Kontext organisierter Gewalt war nicht die Hölle und hat sich, was den täglichen Energieaufwand, die Zermürbung, die seelenzerquetschende Inkongruenz zwischen mir und dem Rest der Welt betrifft, ehrlich gesagt nur im Framing des Leidens darunter unterschieden. Jedenfalls soweit ich mich daran erinnere.

Viele sprechen von ihrem Ausstieg als eine Art Ausbruch aus einem Kerker – ich habe viele Jahre nur in einem Hundekäfig schlafen können, weil es der Rahmen war, in dem ich überhaupt Entspannung finden konnte. Ruhe im Kopf, Orientierung in meiner Körperlichkeit, Pause vom ständigen Greifen nach Dingen außerhalb von mir, um mein eigenes Ende zu fühlen.
Ich litt nie unter der Todesangst anderer Aussteiger_innen, die sich mit freiem Willen oder freien Entscheidungen eingestellt hat. Mir hat nie jemand verboten frei zu denken oder frei zu wollen – ich wurde immer nur für falsches Handeln, falsches Wollen umgebracht. Das ist ein Unterschied. Und ja, ich sehe, wie perfide das ist. Wie elaboriert bösartig das ist, gerade weil das außerhalb solcher Kontexte auch passiert.

Ich bin nicht für irgendetwas ausgestiegen und bleibe auch nicht für irgendetwas ausgestiegen. Ich bin wegen etwas ausgestiegen und das ist im Moment ein Problem, weil es sich bedroht anfühlt.

Vor einigen Jahren formulierte ich, dass das Leben immer nur sich selbst für sich selbst will. Weil das so ist.
Mir war klar, dass viele Menschen diese Formulierung nicht verstehen würden, weil sie sich selten, manche auch nie, mit solcherlei in sich geschlossenen, sich selbst brauchenden, selbst befriedigenden, selbst erschaffenden Systemen befassen. Dabei ist daran überhaupt nichts geheimnisvoll oder kompliziert zu verstehen – es ist nicht einmal besonders, sondern vielleicht einfach viel zu naheliegend, um es zu bemerken. Oder auch zu sehr im Widerspruch mit der Norm, in der alles Sinn und Zweck über sich selbst hinaus haben muss, um als etwas behandelt zu werden. Ein Menschenleben zum Beispiel. Oder ein Lebensziel.

Ich wusste, dass ich sterben würde, würde ich in diesen Kontexten bleiben. Entweder durch jemanden, die_r sich nicht genug im Griff hat oder durch mich selbst, weil ich mich nicht genug unter Kontrolle hatte, um mein eigenes Nicht_Handeln vorherzusehen oder zu beeinflussen. Und ich wusste, dass ich lebe. Dass das ein eigener Wert ist. Eine eigene Ressource. Dass ich, um zu leben, am Leben sein muss.
Und dass ich diesem Kontext nicht geben können würde, was er von mir braucht, fordert, erzwingt, wenn ich tot bin.

Mein Ausstieg war also nie die totale Abgrenzung von diesen Leuten und dem, was sie tun oder glauben, sondern das einzige Mittel, dass ich noch hatte, um zu tun, was sie von mir wollten. Es war eine täter_innen- eine kontextloyale Entscheidung.
Keine Umarmung meiner individuellen Freiheit. Keine Selbstermächtigung. Keine heroische Selbstrettung. Keine Entscheidung aus einem wundersam erhalten gebliebenem Körnchen Selbstwert. Ich hatte einfach nur Glück, mit meinen Überlegungen zufällig die eine logische Lücke in dem ganzen Gebilde gefunden zu haben und damit keinen Grund anzunehmen, dass irgendjemand etwas dagegen haben könnte.

Ich habe die Intentionen dieser Menschen nie verstanden. Selbst heute, wenn mir außenstehende Menschen erzählen, ich sei so sehr angelogen worden, sie hätten immer nur ihre eigenen Ziele verfolgt – ich verstehe es nicht. Für mich handelten sie logisch im eigenen Bezugsrahmen. Sie haben mich also nie angelogen. Sie wollen eine bessere Welt möglich machen. Das wollen viele andere Menschen mit anderen Mitteln auch tun. Wo ist also die Lüge? – In jedem anderen Bezugsrahmen, außer dem, in dem es passiert ist.
Zu welchem Bezugsrahmen gehöre ich? In welchem Kontext hat mein Leben nur eine Bedeutung für sich selbst? – Bis jetzt nur in meinem eigenen. Und in dem sind die Bezugsrahmen anderer Menschen und Gruppen für mich eher Räume, die ich vereinzelt betreten darf. Mal nur kurz und für den Zeitraum einer Arbeit oder gemeinsamen Tätigkeit – und mal über Jahre hinweg, sodass ich das Gefühl habe, ich gehöre dazu, dürfte Wurzeln schlagen und mich verbinden, obwohl ich weiß, dass Verbindung nicht das gleiche wie Verschmelzung ist.

Und das ist das einzige, das mich heute trägt. Dass ich weiß, dass selbst, wenn wir wieder zurückgehen, um das im Moment praktisch 24/7 in mir hallende Schreien, die Todesangst, die Albträume, dieses fahrig zittrige Greifen nach Halt zu beenden, es nicht bedeuten würde, einen Bezugsrahmen zu betreten, mit dem wir 1 zu 1 verschmelzen würden.

Es wäre alles anders und alles gleich.
Wozu also der Aufwand.

der Himmel ist über den Lebenden

„Der Himmel beginnt, wo die Erde aufhört. Kannst du das fühlen?
Wie deine Füße die Erde berühren, aber nicht die Erde sind.
Wo du dich mit dem Planeten verbindest, ohne ein Teil von ihm zu werden.
Wie leicht es ist, den Kontakt herzustellen.
Du musst nichts Besonderes machen, merkst du das?
Fühl mal, wie das einfach passiert.“

Ich höre ihnen zu. Spüre, wie sie spüren. Wie sie sich der Welt versichern und ineinander halten. „Sie sind frei beweglich“, das hat die Therapeutin stark betont. Ich bin steif und wund. Sitze im Zug nach Hause von einer Stunde, die so schlimm entgleist ist, wie lange nicht mehr. Ich habe keine Angst mehr, aber die Angst hat mich. Schrille Todesangst. So hochfrequent, dass sie kein heftiger Ausschlag ist, keinen Krater schlagend in mir wirkt, sondern wie eine gleißende Schnur alles durchdringt. Alle Energie ist in der Angst. Da ist nichts mehr übrig, um zu sagen: Ich habe Angst. Nichts mehr, um zu weinen, nach jemandem zu greifen, die Augen zu öffnen und Trost in der Omnipräsenz des Himmels und der Schwerkraft zu finden.

Es ist vorbei, sage ich mir am ersten Bahnsteig. Die Therapie. Ich stecke meine Nase in eine der Bäckertüten. Der süße Duft des Brotes krabbelt in mich hinein, bis ich nicht mehr einatmen kann. Als zwei junge Menschen auf mich zukommen, greife ich nach meiner Maske. Fühle die Scham, wie einen Sog in die Tiefe. „Do you speak English?“ Ich nicke und werde zum Streckengeleit. Sie kommen aus der Ukraine. Wollen nach Bremen. Die Bahn hat viele Baustellen und Verspätungen. Wir setzen uns zusammen. Sie sind tief müde, ich blute aus Wunden, die niemand sehen kann, der Zug fährt durch den Sonnenschein.

Auf der letzten Etappe wird eine 3G-Kontrolle angekündigt. Ich frage die beiden Menschen, ob sie die Corona Warnapp kennen, ob sie einen Test gemacht haben oder einen Impfnachweis besitzen. Nein, nein, nein, scheiße. Sie sind Schwarze Menschen. Die Angst, die bei den Worten „checking your verification“ in ihnen hochkriecht, ist ein Sturm, der nur von ihrer Haut bedeckt wird. Ich sage, dass meine Station gleich kommt, dass ich aber bleiben kann, wenn sie meine Unterstützung in der Situation wollen. Sie sagen ja, ich bleibe. Warte. Schreibe an meine Kolleg_innen, ob sie wissen, ob geflüchtete Menschen 3G erfüllen müssen, um zu einer Unterkunft zu kommen. Schreibe dem Partner. Warte. Die Unruhe zieht mich leer, bis ich ins Handeln falle.
Ich laufe den Kontrolleuren in die falsche Richtung entgegen. Der Krach im Zug ist wie ein Meer ohne Oberfläche. Als ich zurückkomme, palavert ein Coronaclown unsinniges Zeug mit einem anderen Coronaclown. Zum ersten Mal seit Pandemiebeginn ist mir so jemand in meiner Umgebung nützlich, denn sie werden sich nicht beschweren, wenn zwei Leute neben ihnen möglicherweise nicht geimpft oder getestet sind.

Und dann läuft alles ganz unspektakulär. Der Kontrolleur schickt seine Sicherheitsleute weiter und sagt mir, dass er eine Ausnahme macht, bevor er, ohne das Wort an die beiden Leute zu richten, weitergeht. Ich übersetze, teile meine Nummer und die Masken, die ich heute nicht mehr brauche. Wir trennen uns an meiner Station, ich wünsche ihnen alles Gute, ohne jede Vorstellung, was das sein könnte.

„Der Himmel ist alles, was du fühlen kannst, wenn du einfach so dastehst.“
„Sterben wir alle?“
„Ja. Und jetzt leben wir, merkst du das?
Der Himmel ist über den Lebenden.“

Grenzen

Die Sonne geht gerade auf, Wolken schleichen um sie herum, am Horizont steht eine Gruppe Wild.
Ich fahre zur Schwimmhalle, blinzle mir Fetzen aus den Augen. Der Impuls ist, sich zu verkriechen. Einrollen, verstecken, dunkel, still, nichts und niemand. Ich spüre ihn genauso deutlich wie den monolithen Leuchtturm in mir, der mich in die Selbstfürsorge leitet.

Das Wasser ist kühl, im Becken schwimmen außer mir nur drei andere Menschen. Das Morgenlicht wird zu hellen Rhomben, Drei- und Vielmehrecken auf der Oberfläche. Ich schalte meine Augen aus, um nicht die Orientierung zu verlieren.
Zwei Wochen war die Schwimmhalle geschlossen, weil so viele Mitarbeiter_innen krank gewesen sind. Ich liebe, wie anstrengend es nun wieder ist, mich vorwärtszubewegen. Meine Glieder schreien mich an, ich fühle mich ihnen näher als vorher. Die dumpfen Erinnerungen auf meiner Haut werden zu Schatten und verlieren ihre Macht über mich. Und endlich kann ich es loslassen. Das drängende Gefühl, mich um etwas kümmern zu müssen, was seit mehr als 25 Jahren nicht mehr bekümmerbar ist. Das Gefühl des Versagens, das damit verbunden ist. Das Gefühl der Überforderung vor einem Anspruch, der vielleicht nur von mir ausgeht, aber irgendwie doch nicht so richtig vom Außen zu lösen. Die Furcht vor Gesprächen, die dem Geständnis der Nichtversorgung von Kinderinnens folgen könnten.

Meine körperliche Anstrengung gleicht meiner psychischen. Ich fühle mich rund in mir und kann leichter mit der Eckigkeit der Welt umgehen. Ihre scharfen Kanten müssen im richtigen Winkel auf mich treffen, um nicht an mir abzurutschen, ich muss nur meinen Sicherheitsabstand zu ihr bewahren. Grenzen setzen, vielleicht.

In Gedanken suche ich meine Körpergrenzen ab und stolpere in die Geschichte meiner Narben. Ja, auch das war Kongruenz, Metapher, reale Invasion. Selbstverletzung, Angriff, Zugriff. Aus- und Nutzung. Leute, die Kinder schneiden, Kinder, die sich schneiden. Wenn man das übereinander legt, gibt es nicht nur Gegensatz und Ausschluss, sondern auch Gemeinsamkeit. Kongruenz. Rundsein. Identität.

Auf dem Rückweg scheint die Sonne. Nicht mehr lange, dann können wir wieder mit dem Fahrrad zur Schwimmhalle fahren. Ein Kinderinnen schickt mir seine Freude über den Gedanken durch ein Fuchteln. Manche Grenzöffnung ist okay.

fehlende Planung

Hinterher ist man immer schlauer. So viel schlauer, dass man sich fragt, wie man je so viel weniger schlau hat sein können, obwohl und obwohl und obwohl.

Die letzten Wochen waren wirklich hart für uns. Ich wusste das. Ich wusste das ganz genau. Wusste, es ist nicht klug so viel zu arbeiten. Wusste, dass es eine fantastische Strategie zum Durchhalten ist, auf Tage oder spezielle Ereignisse hin, aber nicht darüber hinaus zu planen, weil es Energien spart – dass es aber genau diese fehlende Planung sein wird, die mir ebenjenes „darüber hinaus“ zur Hölle machen würde.
Ich wusste das.
Entsprechend habe ich also genau nur auf den Tag hingearbeitet, an dem unser Partner in die Reha fuhr und nicht an die Tage danach gedacht. Ba dumm tss

Ich weiß, dass wir in unserem alltäglichen Verhalten sehr rigid wirken. Dass der Rahmen, in dem wir uns als extrem flexibel wahrnehmen, für die meisten Menschen geradezu lächerlich klein erscheint. Wir haben unsere Abläufe, die müssen so bleiben. Sind nur in Blöcken verschiebbar, was geplant ist, muss so bleiben. Es ist unmöglich für uns, uns auf andere Menschen einzuschwingen, ihre Gedankengänge nachzuvollziehen und die eigenen Gedanken und Wünsche zu ordnen, wenn wir uns länger im Rahmen des Flexiblen als im Geplanten bewegen müssen. Diese Unmöglichkeit sieht nach außen oft gar nicht danach aus, wir selbst können sie in dem Moment meistens gar nicht begreifen, um Unterstützung bitten oder sonst wie für irgendjemanden markieren. Das einzige, das wir dann merken und als sehr quälend empfinden ist, dass wir zu nichts kommen und dass, das, was wir schaffen, nicht das zur Folge hat, was es sonst immer hat. Was alles nur noch schlimmer macht.

Der Partner fuhr los, der Tag ging um und am nächsten Morgen klebte ich zwischen drei Tätigkeiten, die sich alle komisch anfühlten. Nicht gut, nicht schlecht, nicht befriedigend, nicht bedeutsam trotz ihrer Relevanz. Die ideale Lücke für dunkelbunte und „böse“ Innens. Der perfekte Nährboden für so generalisierte Ängste und Befürchtungen, dass die Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit noch weiter abnimmt und auch von mehr und mehr Paralyse begleitet wird, die sich bei mir oft mit dem (post)traumatischen Freeze (der Dissoziation) mischt.
Meine exekutiven Funktionen gingen auf ein niedriges Niveau runter – was bei mir bedeutet, dass im Grunde nur noch meine funktionellen Traumamechaniken greifen. Also die (an Todesangst in traumatischen Situationen erinnernde) Angst davor, dass mich jemand verletzen oder zerstören würde, würde ich meine Arbeit nicht fertig machen, die Hunde nicht versorgen, bestimmte Tätigkeiten im Haushalt nicht machen. Auch das ein Faktor, der meine Schwierigkeiten mit exekutiver Dysfunktion maskiert.
Deutlicher tritt sie in Bereichen der Selbstfürsorge auf. Ich konnte nicht zum Schwimmen, habe in der letzten Woche 1x geduscht, erst ein Mal geschafft etwas zu kochen und mich ansonsten derart überfressen wie zuletzt während der Berufsausbildung immer wieder.

Viele Menschen glauben, dass man für bestimmte Handlungen einfach irgendwie in der Stimmung sein muss. Es muss eine_n nur irgendwie genug jucken, dann kratzt man sich auch. So funktioniert das nicht bei mir.
Ich brauche in meiner direkten Umgebung und meinem direkten, konkreten Ablauf des Tages bestimmte Marker erfüllt, um in die Lage zu kommen, meine exekutiven Dysfunktionen und andere Behinderungen so leicht kompensieren zu können, dass genug Energie verbleibt, zwischen dem „flexiblen“ und dem „geplanten“ Rahmen hin- und herschwingen zu können.

Einer der größten Marker ist meine Ernährung. Fressattacken sind für mich nicht nur schlecht, weil ich sie schnell als Stresskompensation empfinde (weil mein voller Magen so weh tut, dass ich ihn und folgend meinen restlichen Körper fühlen kann, was mich beruhigt, aber auch, weil der Körper mich natürlich müde macht, um die schiere Masse an Essen zu verdauen) – sondern auch, weil ich darauf angewiesen bin, keine großen Schwankungen im Blutzucker zu haben, um im Zusammenspiel mit meinen Möglichkeiten der Bewegung mein allgemeines Erregungslevel zu managen. Im Sommer ist eine auf Rohkost und Fruchtzucker basierende Ernährung überhaupt kein Problem, weil ich viel draußen sein und Sport machen kann – im Winter führt so eine Mischung zu mehr Ängstlichkeit, höherem Krampfanfallrisiko, allgemeiner Unruhe und dem Gefühl „unrund“ zu sein. Es ist für mich schwerer, dann Pläne zu machen und sie auch einzuhalten.
Jeder Fressanfall ist eine Zuckerbombe – dass ich mich entsprechend ewig lange schlecht, unrund, unausgelastet, unerfüllt fühle, ist total klar. Wenn ich mir so eine Bombe in einen Alltag ohne Struktur schmeiße, bleibt auch der folgende Alltag ohne Struktur, was den nächsten Fressanfall quasi vorprogrammiert, weil ich ohne strukturierende Elemente weder kochen noch einkaufen noch überlegen kann, was ich essen könnte, um mich im Mittel zu halten.

Ein weiterer Marker ist der Kontakt zu anderen Menschen, der Sinn ergibt, weil er ein klares Ziel hat.
Wenn mir das Ziel von etwa einem Besuch klar ist, dann fällt es mir leichter zu tun, was dafür nötig ist – und auch vorzubereiten, was zur Erfüllung nötig ist. Und genau so ein Besuch hat mir sehr geholfen in der letzten Woche.
Ich hatte Anlass sowohl mich als auch das Haus zu pflegen, einen Tagesabschnitt zu strukturieren und darin genug Pfeiler zu versenken, am Abend noch kochen zu können und früh ins Bett zu gehen. Das macht den nächsten Tag nicht zu einer runden Sache, aber ich konnte eine Arbeit, die ich mir für diese Woche vorgenommen hatte, erledigen. Diese Arbeit erforderte wiederum, dass ich mich bewege (um keine Schreibtischkrankheiten mehr zu bekommen), was bedeutete, dass ich größere Hunderunden drehte – was wieder mehr „richtigen/eindeutigen“ Hunger zu Folge hatte, was mir eindeutiger macht, was ich essen sollte, was das Kochen erleichterte.

Heute habe ich meine Arbeit abgeschlossen und habe einen Plan für die nächsten Tage.
Es geht mir noch nicht wieder „einfach nur gut“, aber erheblich viel besser und alles ist viel weniger anstrengend.

Auch die Erwartung des Besuches, der morgen kommt 🙂

 

Autofahren lernen

Am Montag habe ich die praktische Führerscheinprüfung bestanden.
Als ich mit der praktischen Fahrschulzeit begann, fragte ich auf Twitter, ob es interessiert, was für mich schwierig war und was geholfen hat. Es hat interessiert und so kommt nun ein Text dazu.

Die Vorrede

Zu Beginn möchte ich sagen, dass ich nie vorhatte ein Auto oder Mofa oder irgendetwas anderes von verbrennendem Benzin oder Diesel angetriebenes als Fahrer_in zu benutzen. Es stinkt, es ist unpraktisch, frisst Ressourcen, die für andere Dinge so viel dringender gebraucht werden könnten – oder auch gut im Boden verbleiben könnten.
Dann sind wir aufs Land gezogen. Und zwar nicht das Land 15 Kilometer außerhalb einer Großstadt oder das Land mit zwei bis fünf größeren Städten drum herum, sondern das Land, wo jeden Tag LKWs, Trecker und Sondertransporte durchfahren, weil „da ja nix ist“. Hier braucht man für eine Strecke von 22 Kilometern Luftlinie schon mal anderthalb Tage, wenn man morgens ankommen will oder vier Stunden mit drei Umstiegen, wenn man nachmittags ankommen will, weil die ÖPNV-Infrastruktur so schlecht ist und es keinen politischen Willen (und auch nicht die Gelder) für Veränderungen daran gibt. Das Angebot wird überwiegend von Schüler_innen gebraucht. Die machen hier mit 15 spätestens 16 den ersten Führerschein. Selbst an Mitfahrbänken ist mehr Betrieb als an den einsamen, schief im Wind stehenden, Schildern mit dem grünen H auf gelbem Grund, weil es immer noch Ortschaften gibt, durch die nie ein Bus fährt.
Es ist also schwierig, hier draußen irgendwo hinzukommen und man hat keine andere Wahl als irgendwohin zu müssen, denn wirklich alles ist immer woanders. Einkaufen? Der nächste Edeka ist im Dorf 7 Kilometer von hier. Apotheke? Post? Buchladen? Markt? 18 Kilometer. Bahnhof? Schwimmhalle? Jobcenter und andere Behörden? 25 Kilometer. Spätestens im Winter sind diese Strecken nicht mehr sicher mit dem Fahrrad zu bewältigen, denn auch hier gibt es kaum jemanden who kehrs die Radwege.

So hat sich also immer deutlicher abgezeichnet, dass ich einen Führerschein machen muss, wenn ich nicht vom Partner abhängig sein und meine Mobilität erhalten will.
Schon vorher war klar, dass ich keinen Führerschein der Klasse B (den ganz normalen Autoführerschein) machen und auch kein Fahrzeug führen möchte, das von Diesel oder Benzin angetrieben wird. So haben wir also schon vor 2 Jahren nach einem gebrauchten Leichtkraftfahrzeug mit E-Antrieb gesucht und wurden dann zufällig fündig.
Die Klasse AM erlaubt es, kleine und leichte Krafträder zu fahren. Er wird deshalb auch als Roller- oder Mopedführerschein bezeichnet. Er gilt für zweirädrige und dreirädrige Krafträder, aber auch für vierrädrige Leichtkraftfahrzeuge, was mein Auto ist.
Es kann bis zu 45 km/h schnell fahren und ist damit absolut schnell genug für mich. Ich kann die Hunde mitnehmen, Einkäufe und Gepäck bis 70 kg transportieren und habe eine Reichweite von 80 bis 120 km pro Ladung (die von ganz leer auf ganz voll 3 Stunden dauert und bei meinem Modell über den üblichen Haushaltsanschluss passieren kann).
Solcherlei Auto-Eckdaten sind für Leute, die nicht selber Autofahren vielleicht langweilig – sorry – aber ich führe sie hier auf, um zu zeigen, dass ich in meinem Alltag hier auch gar nicht mehr brauche als dieses kleine Fahrzeug. Ja, lange Strecken, Urlaube, Umzüge, größere Eskalationen bei IKEA oder im Baumarkt sind damit nicht zu stemmen, doch dafür kann ich immer auf das Fahrzeug des Partners, das nun öfter stehen bleibt, und dessen Fahrbereitschaft zurückgreifen.

Die Fahrschule und das Handicap

Ich bin ein_e schlechte_r Beifahrer_in auf der Autobahn. Und wenn es regnet. Oder schneit. Oder wenn wir durch Tunnel fahren. Oder tausend Jahre durch die Stadt, in der sich ständig irgendetwas bewegt, jemand ist, Dinge passieren. Es sind einfach zu viele Eindrücke auf einmal, gibt zu viel zu sehen, zu viele Details, die ich nur mit sehr viel Konzentration und aktiver Verarbeitung zu einem generellen Eindruck werden lassen kann. Das ist, neben vielen anderen Features, die mein traumatisiertes autistisches Gehirn hat, mein Haupthandicap, wenn es ums Radfahren und auch Autofahren geht.
Um eine Verkehrssituation richtig einzuschätzen, ist nicht relevant, dass der Fußgänger, der vor mir auf die Straße springt, offene Schnürsenkel hat und die Morgensonne Gänsehautstrukturen auf der Straßenoberfläche aufleuchten lässt – in der Situation ist der gesamte Kontext wichtig und ich muss ihn jederzeit und immer bewusst haben, um mich und andere sicher re_agieren zu lassen. Dennoch werde ich immer erst solche Details wahrnehmen bevor ich den Kontext klar habe und das gilt es zu kompensieren.

Und zu kommunizieren, denn auch wenn eine Fahrschule damit wirbt, dass sie auch Menschen mit Behinderung den Führerschein ermöglichen wollen, sind damit häufig eher Menschen gemeint, die ihr Fahrzeug an ihre körperlichen Möglichkeiten anpassen lassen müssen als Menschen mit Lernbehinderung oder Problemen der Reiz- und Informationsverarbeitung.
Ich habe sehr viel Zeit und Kraft in die Kommunikation meiner Herausforderungen gesteckt, um dann wie immer zu merken, dass es nicht gut klappt und ich wieder einmal eine doppelte Ausbildung, ein doppeltes Training durchlaufe.

Die Theorie

Ich habe mich im Dezember 2020 zur Fahrschule angemeldet. Pandemiebedingt fand der Theorieunterricht damals ausschließlich online statt. Für mich, die_r hier draußen das Internet über LTE empfängt – es sei denn es regnet, schneit, stürmt oder im Funkturm ist ein Staubkorn umgefallen – war das, wie fremdsprachigem Rap von Legomännchen zuzugucken, nämlich völlig sinnlos, weshalb wir auf das Frühjahr und den Sommer gewartet haben, wo auch wieder Unterricht vor Ort stattfand.
Ich trug im Unterricht meinen Gehörschutz, anders hätte ich die Mitschüler_innen und den Straßenlärm vor der Fahrschule nicht ausblenden können. Außerdem machte ich mir Notizen und arbeitete die Lektionen der Fahrschule zu Hause mit dem Lehrbuch nach, denn der Unterricht selber war für mich kaum nutzbar. Ich musste – da ich ein vierrädriges Fahrzeug führe – den Theorieunterricht für die Führerscheinklasse B mitmachen und selbstständig erarbeiten, was für AM relevant ist. Dazu kam eine Lektion des Motorradunterrichtes, die ebenfalls herzlich wenig mit meiner Fahrrealität zu tun hatte.
Und natürlich war es Unterricht für neurotypische Menschen: also in der Regel unkonkret, voller prosozialer Floskelwitzchen und mit einem großen Fokus auf soziale Versicherung von Status. Dazu kamen auch noch sehr viele Geschichten von tragischen wie vermeidbaren Unfällen mit Todesfolge, die mich manchmal noch eine Weile verfolgten, Alpträume auslösten und vor dem praktischen Unterricht ängstigen ließen.

Ich war extrem froh darüber, dass es heute eine App gibt, mit der man die Fragen der theoretischen Prüfung selbstständig trainieren und lernen kann. Anders hätte es entweder noch sehr lange gedauert oder vielleicht auch nie geklappt.

Meine erste theoretische Prüfung habe ich dann trotz mehrfachen Bestehens von Trainingsprüfungen dann nicht bestanden, weil die Zulassung zu der Prüfung an dem Tag eine einzige Katastrophe und ich ein zerschossenes Hühnchen war.
Ich war pünktlich, doch vor der Anmeldung noch einmal runter zum Auto gelaufen, um meinen Ausweis zu holen. Wieder oben wollte mich der Prüfer nicht mehr zulassen, weil ich ja weg war (während er noch andere Leute vor mir in das System eincheckte). Dann entdeckte er meinen Gehörschutz und, dass meine Behinderung nicht in der Anmeldung vermerkt war und ab da weiß ich selber nicht mehr genau, was alles passierte, nur dass ich als behinderte Person ja prinzipiell nicht zugelassen würde ohne speziellen Spezialzettel. Der Partner half mir dann und ich konnte die Prüfung eine halbe Stunde später versuchen, was ich auch tat. Aus Trotz. Aus Wut. Mit dem vollen Bewusstsein darum, dass ich nicht bestehen würde, weil in mir schon längst alles blutete und eigentlich eine ganz andere Versorgung brauchte als eine bestandene Prüfung.
Der Vorfall wurde übrigens nie geklärt, es hat sich nie jemand entschuldigt oder Verantwortung dafür übernommen. Vermutlich, weil ich meine Diskriminierung falsch verstanden habe zwinky zwonky

So bezahlte ich also eine zweite Prüfung zwei Wochen später an einem anderen Standort, ließ meinen Gehörschutz im Auto des Partners und bestand mit einem Fehler, den ich vielleicht hätte noch finden können, hätte ich nicht die kruschelig laute Situation so dringend verlassen wollen.

Die Praxis

Hier draußen in der Klüste fahren viele Leute schon mit ihrem Fahrzeug, bevor sie den Führerschein haben oder auch obwohl sie keinen mehr haben. Das ist so häufig, dass mein Fahrlehrer mich in den ersten drei Fahrstunden erst einmal schön überfordert hat und ich mich entsprechend gleich mit.
Dann kam der Fahrlehrerpraktikant dazu. Ein junger Mann, der neben mir saß, während der Fahrlehrer hinter mir herfuhr und über Funk Anweisungen gab. Keiner von beiden hat je mit einem Fahrzeug wie meinem zu tun gehabt oder Erfahrungswerte mit Elektroantrieben, geschweige denn der Behinderung, die ich nebenbei auch noch ohne jede Unterstützung zu kompensieren lernen musste, während ich die Benutzung und Führung meines Fahrzeuges lernte. Und beide gaben mir ihre überwiegend unvorhersehbaren Anweisungen zeitweise unabhängig voneinander.
Die Funkverbindung war oft gestört von Bauarbeiten- und Stadtfunk, was zu unfassbar schmerzhaften Geräuschen führte und mich neben der allgemeinen Über_Anstrengung während der Fahrstunden, regelmäßig in die Dissoziation abrutschen ließ, ich also immer wieder völlig „out of the zone“ war und tatsächlich nur noch auf die Anweisungen reagierte, ohne irgendetwas zu interpretieren oder aufzunehmen.

Wir fuhren schnell nur noch in der Stadt, in der auch die Prüfung stattfinden sollte. Für mich bedeutete das jedes Mal eine Kette von Anstrengungshürden und immer wieder einen zerschossenen Tagesablauf, weil ich danach nicht mehr arbeitsfähig war – aber es Arbeit gab, die zu erledigen war.
In meinen 14 Fahrstunden habe ich einen Fastunfall gehabt, weil jemand viel zu schnell durch eine verkehrsberuhigte Zone fuhr und bin ein Mal mit leerem Akku liegengeblieben, weil mein Fahrlehrer mir nicht glaubte, dass der Akku gleich leer sein würde. Was beides kurz hintereinander passierte und mich sehr belastet hat.

Mehrfach wurde mir vermittelt, dass wenn mir die Fahrschule zu chaotisch, der Lehrer zu tüffelig (also hauptsächlich aus Gedankenlosigkeit und zu wenig Erfahrung) meine Grenzen übergeht und der Unterricht zu überfordernd ist, ich die Fahrschule wechseln müsse. Was ja leicht gesagt ist, aber für mich nichts weiter als eine nächste sehr fordernde Sache gewesen wäre.
Erstens, weil es pandemiebedingt gerade nicht viele Fahrschulen mit Kapazitäten gibt, zweitens, weil ich nach dem Ding mit dem Theorieprüfer und der Erfahrung mit dem Fahrlehrer wieder eher vermeide mich über die Behinderungen in meinem Leben zu outen und drittens, weil mein Fahrzeug in der Kombination mit der Führerscheinklasse eine Lehrer-Prüfer-Kombination aus wirklichem Enthusiasmus fürs motorisierte Fahren und viel Erfahrung braucht. Und beides hatte der Clown, mit dem ich gelernt habe einfach. Und andere eben nicht. Die hätten mich in die Klasse B, die ich nicht mal hätte bezahlen können oder in den Treckerführerschein, den ich aus Gründen nicht wollte, gedrängt und die Theorie hätte sehr viel länger gedauert.
Also – ein Wechsel war zwar eine Option, aber nur eine, die ich in Betracht gezogen hätte, hätte ich zum Ende hin nicht den Zeitdruck gehabt, den ich dann hatte.

Die Prüfung und was geholfen hat

Zu Beginn des praktischen Unterrichts sagte ich dem Praktikanten, dass ich Fahrstunden mache, bis ich das Gefühl habe, sie nicht mehr zu brauchen. Dieses Gefühl hatte ich beim „Warmfahren“ für die Prüfung so deutlich, dass ich richtig genervt von den Kommentaren und Hinweisen des Fahrlehrers war.
Dennoch war ich nervös bis kurz vor ängstlich, denn auch das hatte ich mir mit der chronischen Überreizung und entsprechenden Überforderung in dieser Zeit eingefangen: eine wieder enorm gesenkte Schwelle zur Ängstlichkeit, die ich jetzt, wo ich allein und nicht mehr in der Stadt langsam wieder hochfahren spüre.

Ich habe mir zuletzt für die Therapie einige Anker gesetzt. Also mir schöne Mineral/Steinanhänger ausgesucht und mir einen um den Hals gehängt und den anderen an der Gürtelschlaufe befestigt, um ihn sowohl in der Hosentasche als auch außerhalb dessen berühren zu können. Die Idee ist, dass ich mich an bestimmte Dinge erinnere, wenn ich sie berühre oder ihrer Aufliegefläche nachspüre und das funktioniert für mich auch relativ gut. Die Dinge, an die ich mich erinnern will, sind Dinge, auf die ich mich unabhängig von allen Menschen und Umständen verlassen kann und mich deshalb beruhigen. Ich habe da also keinen Satz im Kopf wie „Alles wird gut“ oder „Ich bekomme das schon hin“ sondern nur die Begriffe „Anziehungskraft“ und „Gleichzeitigkeit“. Dazu fallen mir ohne jede Anstrengung sofort Dinge ein, die mir ein gutes Gefühl vermitteln, um das ich weder kämpfen noch bangen muss.

Diese Strategie habe ich schon lange vor der Prüfung für meine Psychotherapie eingeübt, es war jedoch ein Akt für mich sie auch beim Autofahren anzuwenden. Auch das ein Auti- und ein Trauma-Feature. Für jeden Skill, den ich anwende, brauche ich einen bestimmten Status meines Erregungslevels. In einer Psychotherapiestunde ist mein Erregungslevel und auch meine Ängstlichkeit eine andere als beim Autofahren oder einer Fahrprüfung. Ich musste immer wieder prüfen, wann ich beim Autofahren da angekommen bin, wo es Sinn hat so einen Skill, der sehr viel Frontallappen („höhere Hirnfunktionen“) erfordert, anzuwenden. Ich bin erst in den letzten zwei Fahrstunden da angekommen und habe ihn dann mit in die Routine aufgenommen.

Es hat außerdem geholfen, die Lüftung trotz der niedrigen Außentemperatur auf „kalt“ zu stellen und niedrig laufen zu lassen. Die Idee ist mir erst am Prüfungstag gekommen, nachdem ich in einem Kreisverkehr kurz gedacht hatte, dass mich ein LKW tot fahren würde und ich dann wie Dosenfisch in einer Metallröhre wäre. Metallröhre, Röhre, „die Röhre“ (das MRT, in dem ich mal war), kalt, kalt = überraschend hilfreich damals – könnte es jetzt auch hilfreich sein? Ich probiere mal. – Und ja, auch diesmal war es hilfreich.

Außerdem hilfreich:

  • aufs Klo müssen
  • kalte Füße haben
  • Obstfrühstück mit Vollkornmüsli gehabt haben (schneller Zucker mit langsamem Zucker – von dem Dextro Energy, den mir mein Fahrlehrer in die Hand gedrückt hat, wäre ich nach 20 Minuten gecrasht, die Prüfung ging aber 50 Minuten)
  • mir laut die Verkehrsregeln aufsagen
  • mir selber erzählen, was ich mache und worauf ich achte
  • nicht auf die Uhr schauen (absolutes Verbot für die Beschäftigung mit Tagesplänen oder Abläufen im Auto/ „Autofahren = Präsens“)
  • immer 3 bis 5 km/h langsamer als erlaubt fahren
  • einen Backup-Plan für den Tag und die Zeit danach haben, falls ich nicht bestehe
  • wissen, dass der Partner am Zielparkplatz ist und mich auffängt (aber auch vor tüffeligen Sprüchen des Fahrlehrers abschirmt und mir hilft, mich abzugrenzen, wenn nötig)
  • die App „Drivers Cam“, in der man Videos von Straßenverläufen mit Hinweisen auf Schilder und die jeweiligen Verkehrsregeln anschauen kann
  • das ständige Abfahren der Strecken im Kopf und viel Zeit allein nach den Fahrstunden, um sie zu prozessieren und bewusst nachzuspüren, dass die Anspannung und Überreizung auch wieder aufhört (weh zu tun)

Die Freiheit

Ich habe meine Prüfung „ganz hervorragend“ gemeistert und darf nun durch die Gegend fahren, wie ich lustig bin.
Für mich ist auch das erst einmal überfordernd und ich nehme auch diese nächste Anpassungsphase sehr ernst als Phase des Lernens.

Am Montagmittag war die Prüfung, am Nachmittag fuhr ich das erste Mal allein die längste Strecke, die ich in der nächsten Zeit überhaupt fahren werde, am Abend das erste Mal im Dunkeln mit dem Partner als Beifahrer. Gestern hatte ich das erste Mal die Hunde dabei und fuhr mit ihnen in den Wald. Bei aller Freude und Erleichterung und Schönheit und jabbadabbadoo bin ich jedes Mal eine Weile völlig zerfleddert, weil ich das einfach machen darf und weil ich so viel einfach machen darf.
Das ist für mich alles andere als banal und wirkt auch nicht nur in mein Alltagsbewusstsein hinein.

Jede Freiheit geht mit Verantwortung einher, in die man so schnell wie möglich hineinwachsen muss, um sie gut tragen zu können.
Ich habe nun also meinen Führerschein und wachse noch, was den ganzen Prozess entsprechend nicht bei der Prüfung enden lässt und mir wichtig war auch noch einmal aufzuschreiben.