der dritte Sprechstundentermin

Im Zug gehe ich meine Gesprächspunkte noch einmal durch. „Guten Tag“ – „Guten Tag. Die Versichertenkarte bitte“ – „Ja, hier.“ – „Danke, nehmen Sie schon mal Platz.“ – „So. Ja. Was führt Sie denn zu mir?“ – „Ich suche eine neue Therapeutin für mich“ …
In meinem Kopf ist das Gespräch schon da. Ich weiß, was ich sagen muss und halte mich an diesem Wissen fest, damit meine Angst darum, dass dieses Gespräch anders laufen wird, so lange wie möglich unterdrückt bleibt.
Ich habe wirklich Angst. Das fällt mir während dieser Fahrt zum ersten Mal ganz bewusst auf. Es ist keine Furcht. Keine Sorge. Es ist Angst mit allem Zipp und Zapp.

Wir fahren eine neue Station in Hannover an, ich kenne mich dort nicht aus, konnte keinen begleiteten Testvorlauf machen. Von da aus fahren wir mit dem Bus weiter, ich kenne das System der Busfahrer in Hannover nicht. Weiß nicht, ob sie ein Stationsansagesystem haben, ob es Baustellen gibt, ob ich Empfang für mobiles Internet und GPS habe, wo ich aussteigen muss. Werden die Stationen, an denen niemand ein- oder aussteigt, vielleicht überfahren und die Ansage – so es denn eine gibt – und ich sie verstehen kann – kommt falsch? Wie erfahre ich, ob der Bus vielleicht ganz ausfällt? Was, wenn ich es nicht erfahre und die Strecke laufen muss? Dann verspäte ich mich. Kann ich dann noch bei der Therapeutin klingeln? Oder besser anrufen und sagen, dass ich später komme? Was, wenn ich keinen Empfang da habe? Ich schwitze und zittere gleichzeitig.
Bis ich vor der Praxistür stehe, werde ich nicht ein Mal dazu kommen zu prüfen, ob ich das hier eigentlich wirklich will, oder mache, weil ich muss, weil nicht wollen eine Option ist, die ich nicht wählen kann, weil ich nicht weiß wie man sie lebt.

Es ist der dritte Termin über die zentrale Terminvergabestelle und der vierte Kontakt mit einer fremden Person, die Psychotherapie anbietet, seit die Therapie mit der bisherigen Therapeutin zu Ende ist.
Ich bin pünktlich. Habe die Busfahrt geschafft, die Praxis gefunden. Die Tür geht auf, ich trete einer Welle entgegen, in deren Wasser ich die nächste dreiviertel Stunde rumschwimme. Ich finde Halt in meiner Vorbereitung, kann die Satzteile, die die Therapeutin sagt, erkennen und daran ableiten, wo im Verlauf des Gespräches wir sind. Trotzdem denke ich die ganze Zeit an den Film „Titanic“ und daran, dass ich bei der bisherigen Therapeutin irgendwann immerhin eine Tür hatte, auf die ich klettern konnte, wenn mich das schwimmen erschöpft hat.

„Was haben Sie denn für Beschwerden?“, fragt sie, „Ich habe keine Beschwerden, nur Symptome“ antworte ich und merke keine Sekunde später, wie ich wieder in eine Sprachfalle tappte, die ich schon ganz genau kenne. Jetzt zieht auch noch mein Selbsthass an mir und jede weitere Frage, jeder noch so banale Punkt wird schwieriger. Krankheiten, Medikamente, frühere Diagnosen, das plötzliche Ende der letzten Therapie.
Da kommt die Wut wieder. Die Wut auf die Therapeutin, auf die Umstände, die Wut auf mich, für alles und alle immer Verständnis und Mitgefühl zu haben, außer für meine Wut, keine Unfähigkeit nicht mehr zu wollen, meine Überforderung und Angst, dass das für immer so bleibt. Das hier ist aber nicht der Ort und auch nicht der Zeitpunkt darüber zu reden. Bald. Irgendwann.
Vielleicht kann es einen Termin mit der letzten Therapeutin geben, in dem wir darüber reden können. Über meine Wut und meine Überforderung damit, anderen Menschen die Frage zu beantworten, warum sie unsere Arbeit beendet hat.

„Wie sind Sie aufgewachsen?“, fragt sie. Ich weiß es nicht.
Und ich weiß einfach nicht, wie ich diese Frage beantworten soll. Welches Aufwachsen meint sie denn? Und welche Qualitäten beschreibt man denn für ein Aufwachsen? Ich weiß nicht, wonach ich in meinem nebligen Erinnern fischen soll und verstehe generell einfach nicht, wozu diese Frage wichtig ist. Ich habe ihr bereits gesagt, dass ich mich nicht an meine Kindheit und Jugend erinnere bzw. dass sich das, was ich erinnere, nicht wie von mir erlebt anfühlt. Wofür also die Frage nach dem Aufwachsen?
„Und wie war die Beziehung zu ihrer Mutter?“, fragt sie. Da merke ich, wie fremd mir vorkommt überhaupt eine Mutter zu haben. Dass ich eine Beziehung haben könnte, aber keine mehr habe, nachdem ich jahrelang versucht habe eine zu entwickeln und die, die sie zu mir hat zu verstehen.
Ich löse mich auf. Es ist zu viel, ich bin am Ende. Der Termin aber auch.

Sie gibt uns alle nötigen Zettel mit. Ein PTV 11-Formular, einen Konsiliarbericht, eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung. Sogar eine Vorlage zum Antrag auf Leistungen über das Kostenerstattungsverfahren.
Als ich draußen bin, weine ich. Vielleicht vor Erleichterung. Mit diesen Zetteln habe ich alles, was ich für das Kostenerstattungsverfahren brauche. Vielleicht hab ichs jetzt geschafft. Vielleicht kann ich mich bald ganz darauf konzentrieren, ob die Therapeutin mit Kapazitäten und ohne Kassensitz, die wir gefunden haben, gut zu uns passt.
Vielleicht kann ich bald verarbeiten, was diese Termine bei mir aufgewühlt haben. Vielleicht kann es bald nicht mehr weh tun, dass es so ist, wie es ist.

der Thread zu sozialem Maskieren und Authentizität

Disclaimer: Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Comic über Alexithymie. Darin beschreibe ich, was bei mir passiert, wenn ich versuche, ganz ohne Hilfe mit Überforderung im sozialen Kontext zurechtzukommen. Als ich die Skizzenseite schrieb, fiel mir auf, dass ich es in dem Comic nicht schaffen werde, in aller Tiefe über einzelne Dinge zu schreiben. Deshalb habe ich einen Thread geschrieben.
Damit er leichter lesbar ist und weniger Fehler enthält, teile ich ihn hier noch einmal in leicht überarbeiteter Form.

Ich möchte noch ein paar Worte zu einem Aspekt, den ich in meinem Comic aufgeschrieben habe, mit euch teilen.
Ein #Thread über soziales Maskieren als autistische Person und dessen Rezeption.

Ich kann nicht mehr sprechen wie ich selber. Dann benutze ich Wörter von Leuten aus dem Fernsehen oder aus Büchern oder meinen Gemögten.

Ich wurde als Jugendliche_r immer wieder als „falsche Schlange“, als manipulativ und hinterlistig bezeichnet, weil meine Strategie im Kontakt mit anderen Menschen daraus bestand, sie praktisch 1 zu 1 in Mimik, Gestik, Sprache und Inhalten zu spiegeln. Das wurde von manchen als Versuch mich aufzuwerten eingeordnet und von manchen einfach nur als unaufrichtig und nicht authentisch.
Ich selbst habe das nie absichtlich und überlegt gemacht, sondern reflexhaft aus der Überforderung heraus, die soziale Interaktion und Kommunikation bei mir (bis heute) auslöst
Als erwachsene Person ist von diesem „Spiegelverhalten aus Überforderung“ bei mir nur noch die Echolalie übrig. Das heißt: Ich wiederhole Gesagtes oder Phrasen, manchmal auch ohne, dass diese in den Gesprächsinhalt oder die emotionale Lage passen. Ich empfinde das in der Regel als Reflex wie Blinzeln, eher selten wie Brechreiz also mit etwas Kontrollrahmen.
Weil das negativ bewertet wird im schlimmsten und Besorgnis (die zu mehr Interaktion und Kommunikation führt, was mehr Belastung bedeutet) auslöst im besten Fall, ziehe ich mich eher zurück und vermeide inhaltlich profunde Unterhaltungen, wenn es mir nicht gut geht.

Ich kann mir ableiten, wann welche Probleme zu welchen Problemen, führen und wer wie viel Einblick und Begreifen meiner Kommunikationsprobleme hat. Fremde haben meist gar kein Begreifen – wollen aber in der Regel auch nicht mit mir sprechen, sondern mit dem Bild, das sie sich von mir gemacht haben. In so einem Kontakt kann ich skripten (also auf vorher überlegte Sätze/Unterhaltungen zurückgreifen, was auch echolalisches Verhalten ist) ohne jedes Problem und habe auch keine Angst davor, dann zu „papageien“. Deshalb wirke ich vor Fremden oft total entspannt, selbstsicher, stark, eloquent. Bei Menschen, mit denen ich mich aber verbinden will, will ich authentisch sein, will ich verstanden werden, will ich verstehen und gemocht werden.

Ich brauchte viel Traumaarbeit, um mir den Wunsch, das grundmenschliche Bedürfnis, nach Kontakt und Ver_Bindung zu anderen Menschen überhaupt zu erlauben und meine Angst davor zu regulieren. Ich gehe bis heute dennoch nie unbelastet und entspannt in Kontakt.
Das bedeutet, dass mein Stresspegel nie bei 0 ist, ich also immer irgendwie schon von Anfang an in der Kompensation, in der Maske, bin. Ich verberge meine Anspannung und damit auch mich selbst. Selbst vor meinen engsten Liebsten bin ich also gar nicht „authentisch“ und „echt“.

Als ich jung war, war das mein sozialer Tod unter Gleichaltrigen. Denn obwohl sie meine Behinderung nicht erkannt/gekannt haben, haben sie sie über dieses Ding sofort wahrgenommen und darauf reagiert – und würden das bis heute tun.
Heute hilft mir manchmal die Erinnerung daran, dass niemand anders ein Anrecht auf „mein wahres Selbst“ hat als ich.
Es ist in meinem Fall logisch und bei anderen Menschen – die vielleicht ähnlich maskieren, auch wenn sie nicht autistisch sind – möglicherweise der einzige Schutz vor unerwünschtem Zugriff von außen oder vielleicht auch ein Verhalten, das mit anderen Absichten aufgezwungen wurde.

Ich halte es für wichtig, sich den Anspruch an Authentizität vor allem an behinderte und anders marginalisierte Menschen genau anzuschauen. Weil ich zum Beispiel schon mehrfach erlebt habe, was die Folge meines ganz eigenen Selbstseins ist: sozialer Ausschluss, Ekel vor mir, Angst vor mir, allgemeine Besonderisierung, Unverständnis, Pathologisierung, Befremdung – und auch: Enttäuschung und Vertrauensverlust. Für manche Gemögte stellt sich die Frage, warum ich mich vor ihnen „verstelle“ oder Dinge nicht so ausdrücke, wie ich es intuitiv möchte. Sie fragen sich, ob ich ihnen nicht genug vertraue, ob ich ihnen nicht glaube, dass sie mir aufrichtig wohlgesonnen sind und und und.

Das Problem: Ich kann Menschen nur schwer lesen. Ich müsste rückhaltlos glauben, dass mir jemand wohlgesonnen ist und diese Fertigkeit ist mir kaputt traumatisiert worden. Ich kanns einfach nicht. Es hat mich zu oft schon fast um- oder in Lebensgefahr gebracht, das zu tun.
Und zweitens ist man nicht deshalb „ganz man selbst“, weil andere das gern so wollen, sondern weil man es einfach ist.
Es ist auch authentisch in mir drin, also Teil meines Selbst, eben nicht einmal vor sehr nahen Menschen nicht zu kompensieren.

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ob es für manche Menschen eine Bedrohung ist, die eigene Nichtauthentizität im sozialen Kontakt nicht zu problematisieren, sondern als logische Folge des Anspruchs an Authentizität bzw. an Verhalten, das der Norm entspricht, zu sehen. Aber das lässt sich in unserer Gesellschaft so nicht gut erfragen und herausfinden.
Und deshalb endet der Thread hier.

die Klapsen-Gedankenschleife

Es rauscht und knackt in der Leitung, am anderen Ende gibt es Probleme mit Soft- und Hardware. „Hm, in ihrer Gegend kann ich ihnen keinen Termin vermitteln.“ Der Mitarbeiter der zentralen Terminvergabestelle klingt irritiert. In mir zieht sich etwas zusammen. Ich lasse ihn im Umkreis von 50 Kilometern suchen, dort findet er etwas.
Als ich auflege, brennt meine Haut. Mir ist schlecht, ich bin erschöpft. Ob immer noch oder schon wieder kann ich gar nicht so genau sagen. In der Nacht hatte ich einige Stunden damit verbracht herauszufinden, ob ich wirklich ganz aus Schmerz bestehe oder ein Erinnern mich das glauben lässt. Am Morgen hatte ich eine lange Selbstmotivationsphase gebraucht, um daran zu glauben, dass es gut ist, dass es wichtig ist, dass ich genug dafür bin, mich um einen weiteren Termin zu kümmern.
Jetzt sitze ich am Schreibtisch und fühle meine Kopfhörer wie die Berührung einer Person, die mich da erreichen will, wo es am schlimmsten ist. Sehe meine Arbeit, meine Projekte wie Türme, die weit über mich hinausragen, erinnere mich an meine Zukunftswünsche wie an einen Traum, den ich mir nie hätte erlauben dürfen.

Für eine Weile bin ich aus Stein. Mir laufen Tränen eine nach der anderen auf der gleichen Bahn über die Wange ans Kinn, wo sie sich sammeln, um gemeinsam auf meinen Pulli zu fallen. Ich beobachte das, fühle nichts, denke nur daran, was für ein jämmerlicher Zustand das ist. Was für ein erbärmlicher Wurm ich bin. Was für ein ekelhaftes Klischee.
Weiter hinten gibt es einen Streit darüber, was es bedeutet eine_n Therapeut_in zu brauchen, daneben steht die Erinnerung an die Pflegeperson aus der KJP, die mir vor 16 Jahren sagte, dass ich mich schon mal drauf einstellen könne, immer irgendeine Form von Therapie zu brauchen, weil bei mir einfach alles so richtig kaputt wäre.

Vor einigen Monaten habe ich mich so heil gefühlt, dass ich dachte, in ein zwei Jahren fertig zu sein und vielleicht nur noch das Autismuscoaching als Unterstützung zu brauchen. Wir haben über ein Kind nachgedacht, über Heirat, über eine kleine berufliche Selbstständigkeit. Darüber, das Nachwachshaus-Projekt auszuentwickeln, über einen Alltag, in dem meine psychische Beschaffenheit keinen Krankheitswert mehr hat. Jetzt kommt es mir naiv vor. Vermessen. Dumm.
Gesund, normal, ohne Therapiebedarf sind immer nur die anderen. Unbesprochenen Alltag, unbearbeitete Wahrnehmung, das dürfen immer nur die anderen haben. Mir ist das Leben nur dann zuzumuten, wenn jemand mit Fachwissen auch drin ist.

Ich bin in der Klapsen-Gedankenschleife. Getriggert bis unters Dach. Noch zwei drei Kreisel und ich bin suizidal. Kann keinen Sinn mehr sehen, nicht mehr an den Unterschied zwischen „real“ und „wahr“ glauben.
Ich hänge meine Wäsche auf, mache mein Bett, schalte den Wasserkocher ein und beobachte die Bewegungen darin. „Heute ist es anders als früher.“ denke ich und kann keine Entlastung im Gedanken an einen Suizid finden. Da wäre zu viel vorzubereiten, so viele Leute zu verlassen, ohne, dass sie es merken, was mir nie gelingen wird.
Ich rufe bei der Neurologin an. Die Praxis ist zu, ich rufe bei der Therapeutin an, die drückt mich weg. Ich rufe den Begleitermensch an, die Mailbox. Merke wie es hinter mir nickt und sagt: „Siehst?“

„Ich bin überfordert.“ denke ich. „Ich bin überfordert und das ist schon alles. Das passiert. Das ist auch Leben.“ Ich entscheide mich für ein Frühstück, verschließe die Stelle im Auge, aus der die Tränen kommen. Als ich dabei bin zusammenzubrechen, weil mir meine Handlung in Einzelteile und Bedeutungslosigkeit zerfällt, klingelt das Handy.
Die Therapeutin ist dran.

der zweite Sprechstundentermin

Sie braucht mir gar nicht sagen, dass sie keine Kapazitäten hat. Kann ihr Bedauern eingepackt lassen, braucht nicht überlegen, wie sie mir helfen kann. Ich sitze in ihrem halbdunklem Behandlungszimmer und denke kurz darüber nach, was es mit mir macht, dass diese Plexiglaswand zwischen uns so sichtbar ist, wie ich sie sonst nur fühle.

Wir sind einige Kilometer Landstraße gefahren, dann auf einen Acker. Vor dem Haus, in dem sie ihre Praxis hat, picken freie Hühner in der nackten Erde herum. Es ist mein erster Sprechstundentermin mit einer Therapeutin, der mir über die 116 117 vermittelt wurde.
Der Freund ist krank, es ist kalt, ich war vertieft in eine Arbeit, als er mich zur Abfahrt rief.

Ich bin gerade so schön taub und zerstäubt, das Sprechen fällt mir nicht so schwer, wie ich befürchtet hatte. Das Gefühl für meine Geschichte und ihre Wirkung auf andere ist durch das Bloggen und den Podcast, das viele Sprechen vor anderen in Rahmen, die keine Nähe entstehen lassen, irgendwie … tja, weg? abstrahiert? dissoziiert? Es ist jedenfalls kein Akt, der Vertrauen erfordert oder etwas, das ich nur mitteile, wenn ich mich sicher fühle. Tatsächlich werde ich eher unsicher, etwas davon zu erzählen, wenn ich mich sicher fühle im Kontakt mit jemandem, weil meine Geschichte in ihren Details und Realitäten diesen belastet und also die Sicherheit bedroht.

Früher hätte es etwas mit mir gemacht, auf so eine Therapeutin zu treffen, wie sie. Etwas älter, das Behandlungszimmer halbdunkel und warm, im Gesicht schräg gestellte Augenbrauen und die Stimme auf warm und fühlig. Ein ganz wunderbarer Schonraum. Ein weiches Nest voller Wärme und Verstehen. Früher hab ich gedacht, so etwas würde mich satt machen, heute weiß ich, dass es mich daran hindert, mich selbst zu ernähren.

Weil ich nicht weiß, woraus ihr Protokoll besteht und wie viele Informationen sie zwingend braucht, um mir den Zettel auszufüllen, auf dem steht, dass ich eine Therapie brauche, sie aber keine Kapazität hat, beantworte ich ihre Fragen und erzähle dabei, welche Diagnosen ich wann hatte und was ich durch die Therapie bisher erreicht habe.
Als sich mein Mund nach Waschlappen anfühlt, denke ich, dass ich das perspektivisch irgendwie anders machen muss. Es nervt mich, mit meinem Diagnoseweg immer auch mein halbes Leben zu erzählen und die andere Hälfte als Grund dafür zu haben. Und irgendwie tut es auch weh. Denn ich erzähle das wie ich es schon als Jugendliche erzählt habe: Stationsweise, Klinikweise, Heimweise, irgendwann Jahrweise. Mit Überbegriffen, abstrakt, sachlich. Ich weiß nicht, welche Informationen andere Menschen eigentlich wollen, wenn sie mich danach fragen. Was ich ihnen sage, ist es jedenfalls oft nicht, denn sie stellen Rückfragen auf Dinge, die ich schon gesagt habe, nur nicht zur Rampe für emotionale Tiefenwanderungen durch meine Gefühle konstruiert.

Sie fragt nach meinen Gewalterfahrungen, meiner Traumatisierung, ich sage, dass ich sexualisierte Gewalt erlebt habe. „Durch ihren Vater?“ fragt sie mit sanfter Verständnisstimme und nickt unbewusst. In mir drin klappen Türen zu, meine Antwort zerquetscht mit Nachdruck etwas rasendes, das sie wie mich gefährden könnte.

Später sagt sie, dass meine Geschichte ja sehr dramatisch sei, ich weiß nicht was sie damit meint. Ein Drama beschreibt in der Regel einen Konflikt und von dem habe ich ihr gar nichts erzählt. Mein Problem ist nicht, erlebt zu haben, was ich erlebt habe. Und selbst wenn das mein Problem wäre, wie sollte ich das denn lösen? Passiert ist passiert, ich hab überlebt und das ist im weitesten Sinne mein Problem.
Ich bin froh, dass sie keine Kapazitäten hat. So muss ich nichts ablehnen und mit Rechtfertigungsdruck umgehen.

Auf dem Rückweg fliegt eine Schleiereule von einem Strommast auf, an dem wir vorbeifahren. Dafür hat sich die Unterbrechung meiner Arbeit gelohnt.

Es gibt keinen Schutz vor dem Leben.

„Jetzt generalisieren sie aber“, sagt die Therapeutin.
Am Wochenende kam eine Nachricht von ihr. Sie hätte meinen Brief gelesen und die Stellen im Buch, die ich ihr präpariert hatte.
Ich prüfe mein Gesagtes und stimme zu. Ja, es ist eine Generalisierung von mir zu sagen, dass alle Therapeut_innen und Helfer_innen, die mich nicht gesehen, nicht erkannt, nicht verstanden haben, mich am Ende nie deshalb entlassen, rausgeworfen oder abgewiesen haben, sondern, weil sie sich dagegen entschieden haben, mich sehen, erkennen, verstehen zu wollen.
Das ist eine Erzählung, die mir hilft und mich tröstet.
Sie handelt von Menschen, die Versprechen geben, ohne sie zu machen. Von einem Wunsch danach, bedingungslos unterstützt zu werden, der schon seit vielen Jahren nicht mehr angebracht ist – egal in welchem Kontext. Von der Einsicht, dass man Menschen nicht ändern kann und der Anerkennung der Ohnmacht vor dem Begreifen anderer Menschen.
Es ist die Essenz der vielen Erklärungsfindungsprozesse seit den 90er-Jahren, die bei jedem einzelnen Bindungs- und Beziehungsabbruch zu Therapeut_innen, Helfer_innen und Menschen, die uns aus ihrer Position der Autorität hätten helfen können, wenn sie nur kapiert hätten, was wir ihnen sagen, ausgelöst wurden.

Es ist eine Erzählung, die wahr und fair ist.
Ich stehe nicht hier und sage: „Alle Therapeuten sind vertrauensunwürdige Dreckspisser, die eh nix schnallen und immer nur vom Elend anderer profitieren.“ Ich habe und ich werde nie – selbst nicht über die Behandler_innen, die mich mit ihrer Unfähigkeit re.traumatisiert haben – sagen, dass sie das mit Absicht getan haben oder mich einfach zu scheiße fanden, um korrekt mit mir umzugehen.
Auch das sind Generalisierungen, mit denen so einige bindungstraumatisierte Menschen nach Erfahrungen wie meinen leben.

Es ist meine Erzählung über Gewalt, es ist meine Erzählung über das Leben, über die Menschen.
Ich stehe hier und sage: Es tut weh, weil du mir ein Weh getan hast – und ich kann darauf verzichten, dass du mir sagst, dass dir das leid tut, denn ich hab nichts davon, dass du dich einer Schuld entschuldigst, die du dir selber gibst, weil du denkst, wenn ich dich als Quelle auszeichne, bedeute das irgendeine Schuld statt einer Ursachenzuschreibung. Mein Weh wird nicht weniger davon, dass du mir sagst, dass du das nicht wolltest. Absichten sind Fantasien. Sie sind bedeutungslos für die Realität.

Ich erzähle von einem Weh, das niemand wollte und das trotzdem passiert ist.
Und ich erzähle das nicht, damit irgendjemand um mich herumtanzt und versucht das wieder gutzumachen. In einer Welt, in der Fantasien mehr Bedeutung zukommt als Realitäten, kann sich mein Weh nicht transformieren. Gibt es keinen Schutz, keine grundlegende Reparation, sondern immer nur Ablenkung, immer nur noch mehr nutzloses Gewölk zur Betäubung der Ohnmachtsgefühle vor der Interaktion mit anderen Menschen und also vor dem Leben selbst.

Meine Generalisierung, diese meine Erzählung, ist keine Schutzmaßnahme. Weder für mich, noch für irgendjemand anderen.
Es gibt keinen Schutz vor dem Leben.

Fundstücke #76

Eine schwarz-weiße Zeichnung, einer Person mit einem Sack auf dem Rücken und einem festgehalten mit der linken Hand neben sich am Fuß liegend. Dahinter größer als die Person steht die Zahl 2020, darunter verschachtelt angeordnet die Zahlen 2012, 2015, 2007, 2005, 1998 und mit Bleistift die Signatur "R. 2020" HCR2020
Als ob sich meine Seele an die Innenseite meiner Außenhaut drückt.

die Banalität der Ursache

Jede Lawine beginnt mit einer Schneeflocke und egal, wie krass die Auswirkungen der Schneemassen im Tal sind, so ist es doch immer diese eine Flocke, mit der alles begann. Wann immer schwierige Dinge geschehen, ist man versucht ihren Anfängen eine besondere Bedeutung zuzuschreiben. Wir kennen das aus der Berichterstattung über Gewalt, aber auch über Naturkatastrophen oder Unfälle. Womit es begann, ist wichtig und in der ersten Zeit der Überforderung, der akuten Not vielleicht sogar das wichtigste von allem.
Es sei denn, man kennt es.

Gewöhnung ist nicht das gleiche wie Abstumpfung. Gewöhnung ist Kenntnis. Ist Orientierung. Gewöhnung bedeutet Erfahrungswissen und deshalb Sicherheit, Klarheit, Eindeutigkeit. Kurze Wege. Effizientes Handeln. Den Blick weg von der Ursache hin zur Wirkung und dem Umgang damit.

Die Ursache schwieriger Erfahrungen als banal zu bezeichnen, wurde mir in den letzten Jahren oft als Zeichen einer emotionalen Kälte ausgelegt. Als Traumafolge, als Dissoziation meiner Gefühle, als Vermeidung der Wahrnehmung innerer Abgründe.
Tatsächlich weiß ich im  Moment nicht genau, was ich empfinde. Das ist in Ordnung. Es ist im Moment nicht relevant, ich brauche diese Information nicht. Weder für mich, noch braucht sie mein Umfeld, um mit mir zurechtzukommen.

Relevant ist, dass ich nicht vergesse, dass die Ursache dessen, was passiert ist, banal ist.
Es hat nichts mit ihr zu tun, es hat nichts mit mir zu tun. Es hat vielleicht mit dem Jetzt zu tun, vielleicht mit dem Gestern vor 5 Jahren. Es ist nichts Besonderes. Es ist banal.
Nicht egal. Nicht irrelevant. Nicht ohne Aus.Wirkung.en. Aber banal.
Und deshalb nicht zu vereinzeln, nicht auf einen einzigen kleinen Punkt von der Größe einer Schneeflocke zu bringen.

Das ist das Dilemma der komplex traumatisierten Menschen.
Es ist immer banal, aber nie ist es möglich eine Komplexitätsreduktion vorzunehmen. Es ist einfach nie der eine Schlag zu viel, der eine Kommentar ganz besonders oder das eine Moment der Ohnmacht, was die Verletzung insgesamt ausmacht. Die Dinge passieren und sie können tausend Mal in all der Normalität, in der man an sie gewöhnt ist, passieren, aber man kann das tausendundeinste Mal nicht zu dem erklären, was das Trauma auslöst.

Als Person von der alle wissen, dass sie von Bindungsabbrüchen und speziell von therapeutischen Beziehungsthemen traumatisiert wurde, stehe ich gerade mit Menschen in Kontakt, die alle nach der Ursache suchen und sich bei mir dafür entschuldigen, dass sie ~das alles~ nicht verstehen oder nachvollziehen können.
Ich bin dran gewöhnt. Ich kenne ihre Versuche es zu verstehen, die „Schneeflockensuche“ sozusagen und weiß auch: Da ist nichts weiter zu finden als das, was man schon jetzt sieht – ein ganz banaler Lauf der Dinge zu meinem Ungunsten.
Ich bin es so gewohnt, dass ich nicht einmal näher erkläre, was ich mit „Lauf der Dinge“ meine, weil ich weiß, dass es sich im Kopf vieler Menschen zusammengesetzt wird mit: „Eins kam zum Anderen“ und auch diese Erfahrung des Missverstehens durch den Versuch mich zu verstehen, werde ich diesmal nicht machen. Es ist ineffizient. Nicht relevant für mich und nur deshalb möglicherweise relevant für andere, weil diese die Irrelevanz für mich nicht anerkennen können oder wollen.

Was jetzt für mich wichtig ist, ist dieses Geschehen nicht zur Ursache anderer Dinge werden zu lassen.

Sie will nicht mehr.

4 Wochen seit dem letzten Therapietermin.
Ich habe gearbeitet. Urlaub gemacht, einen Brief geschrieben, Informationen zusammengetragen.
Am Sonntagabend sitze ich mit Sack und Pack im Zug nach Bielefeld. Am Montagmorgen würde ich mit Dr. H. in Gütersloh sprechen, welche Aspekte meiner Traumatherapie besser an den Autismus angepasst werden könnten. 3 Monate habe ich auf den Termin warten müssen.

Es ist warm als wir am Bahngleis stehen. Mir ist schlecht, mein Magenschmerz bohrt sich zwar nicht mehr bis in den Rücken, dafür ins Gemüt. Ich merke, dass ich meine Atemtechniken nicht mehr mache, um so wenig wie möglich im Bauch zu bewegen. Ich somatisiere, aktiviere, agiere, gefalle mir in der Rolle der Klientin, die aktiv tut und macht, nichts in ihrer Therapie als gegeben hinnimmt, sondern hilft zu helfen.
Meine Motivation trägt mich durch die Ansteckungsangst im Zug, im Bus, auf dem Klinikgelände, im Haus selbst.

Dr. H. ist gut. Das Gespräch hilfreich. Meine Hände tun weh vom Waschen und Desinfizieren, meine Füße, mein Magen. Es ist noch ein halber Tag, bis der Termin mit der Therapeutin ist. Zwischendurch komme ich mir vor wie eine liebe Oma, die den Tisch unter Essen begräbt und sagt: „Hier, nimm dies, nimm das – es ist alles da.“ In meiner Vorstellung braucht sie nicht mehr machen. Nur dies lesen und das. Nur die Angebote annehmen, die ich mit Dr. H. und dem Begleitermenschen für sie eingefädelt habe. „Hier dies, hier das, greifen Sie ruhig zu.“ Es ist übergriffig und zu viel. Ich weiß das und kann doch nicht anders.
Ich kanns einfach nicht kampflos aufgeben. Kann und will nicht hinnehmen, dass es bleibt wie es ist, weil es mir schadet – kanns nicht beenden, weil so viel dran hängt.

Am Abend sagt sie, dass sie nicht mehr will.
Dass sie nicht verstanden hat, was der Autismus für mich bedeutet. Was er für die Arbeit hier bedeutet. Die ganzen letzten 5 Jahre nicht.
Aus dem Brief hat sie die Kritik aufgenommen, die auf 2 von 8 Seiten stand. Sie hat in den letzten Wochen nichts getan für das, was wir miteinander haben. Sie hat sich für Traumaschwurbel entschieden. Das soll ihre Zukunft sein, „Herzlichen Glückwunsch“ denke ich und frag mich, wofür ich mich jetzt entscheiden kann.
Wir werden einen Abschied versuchen. Das ist neu, die Chance hatten wir bisher noch nie. Jetzt, am Morgen danach denke ich, dass die Abbrüche früher einfacher waren, weil die Katastrophen viel konkreter waren. Sie haben mich, Hannah, gemacht. Jetzt bin ich schon da. Und die Dinge, die wir uns vor 8 Jahren vorgenommen haben.

„Wenn das hier nichts wird, beantragen wir Sterbehilfe. Wir gehen, es hat keinen Sinn. Diese Traumafolgestörung ist eine Krankheit, die meine Lebensqualität so einschränkt, dass es kein Leben ist. Es gibt nicht genug Behandler_innen, die Wartezeiten, die Therapieregularien, jede stationäre wie teilstationäre Option bedeuten für mich das gleiche Risiko einer Retraumatisierung wie die Chance auf Verbesserung – diesen einen Versuch machen wir noch und wenn das nicht klappt, ist Schluss.“
Funktionale Suizidalität ist das, was uns lange durch die Therapie getragen hat und auch jetzt noch trägt. Das Wissen, dass wir nach dem erneuten Scheitern beim Versuch uns und unser.e Leben zu verstehen, nicht ohne Aussicht auf Ruhe in Frieden sind.

Als wir rausgehen, glänzt die Straße feucht. „Kommen sie jetzt klar?“ hatte die Therapeutin gefragt, „Ja“ habe ich gesagt, „Das kann dir doch egal sein“ gedacht. Vor mir leuchtet eine Straßenbahnhaltestelle mit Übergang.
Jetzt ein Suizid aus Affekt wäre total dumm. Ich muss noch so viel erledigen. Bin für einige Kontexte nicht mehr so egal wie vor 8 Jahren. Wie ich leben möchte und könnte, wenn ich nur die richtige Unterstützung bekomme, ist so viel mehr in mein Bild von mir und auch in die Beziehung mit dem Freund Partner hineingemalt. Heute geht es nicht mehr darum, ob es irgendetwas gibt, das den Schmerz am Leben wert ist, sondern darum was ich ihm an die Seite stellen kann.

Der Begleitermensch hat Nachtdienst, ist erst später zu erreichen. Ich rufe K. an und bitte sie, mit mir zu sprechen, bis ich ruhiger bin. Morgen bin ich wieder zu Hause beim Freund. Bei NakNak*, bei Bubi. Den letzten Tomaten und der Sperlingsgang in der Ligusterhecke.
Vor 8 Jahren wäre da niemand gewesen.

der behinderte Therapeut – von Kompensation und keinen Bock mehr haben

Gestern haben wir zum ersten Mal mit einem Psychotherapeuten zu tun gehabt, der eine Behinderung allgemein sichtbar kompensiert.
Das war für uns etwas Besonderes und hat viel bewegt, unter anderem gerade weil er ebenfalls mit einer Behinderung lebt.

Er lebt mit einer Hörbehinderung und trotz Prothese muss er daneben noch viel selbst aktiv kompensieren, um andere Menschen gut zu hören. Für uns war es total gut das zu sehen.
Seine Kompensation ist mir überhaupt nur aufgefallen, weil ich mich davon bedrängt gefühlt habe, dass er immer wieder mein Gesicht bzw. mein Mundbild gesucht hat. Wir können es nicht gut haben, wenn Menschen uns mit ihrem Gesicht den Eingangsbereich in die Welt verstellen oder generell viel Bewegung in den Blickbereich reinbringen, weil es uns überreizt und überanstrengt. Er aber muss das ja machen. Obwohl er die Unterstützung durch ein Cochlea-Implantat hat.

Er war mir in der Situation ein gutes Vor_Bild davon, dass Behinderungen zu kompensieren nicht damit aufhört, dass man die beste™ Unterstützung hat, die möglich ist, um sich an die Menschen anzupassen, die diese Unterstützung nicht brauchen.
Und sein Verhalten hat mir deutlich gemacht, dass Kompensation ein aktiver Prozess ist.

Außer dem Begleitermenschen sagt mir niemand, was ich eigentlich immer übernehme, um meine Schwierigkeiten zu kompensieren. Und dass das einigermaßen viel und in aller Regel sehr viel mehr ist als andere Menschen machen müssen. Alle sagen mir immer nur, wie toll ich sie kompensiere. Wie viel ich so ganz toll schaffe und bliblablö. Was für mich eigentlich irrelevant ist, weil ich in der Regel froh bin, Dinge überhaupt verstanden und dann auch noch geschafft zu haben. Das ist in gewisser Weise das Einserschüler_in-Problem. Man strengt sich unfassbar an, wird aber für die 1 gelobt – nicht für die Anstrengung und auch nicht dafür, dass man sich diese Anstrengung überhaupt gegeben hat. Sie wird einfach als gegeben angenommen. Wie Luft. Oder Bäume. Einfach so da. Ganz selbstverständlich.

Meine eigenen Anstrengungen sind für das Außermir gleichermaßen unsichtbar. Und ich selbst denke oft, dass ich mich erst dann wirklich und richtig aufrichtig angestrengt habe, wenn ich in einem Kontakt in Dissoziation und danach vor Erschöpfung in Tränen zerfalle.
Meine eigene Aktivität, die aktive Kompensation der Behinderung, ist mir selbst nicht als außerordentliche Aktivität bewusst, denn ich kann mich dabei nicht beobachten und die Menschen, mit denen ich zu tun habe, müssen nicht kompensieren, was ich kompensiere. Was bedeutet, dass ich bei niemandem beobachten kann, was ich selbst immer mache.
Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht da ist. Und auch nicht, dass sie selbstverständlich ist.

Bei dem Termin mit dem Therapeuten ging es darum abzuklopfen, ob wir miteinander arbeiten könnten.
Ich sagte ihm, dass ich schon sehr viele Therapeut_innen hatte und keine Haut mehr dafür habe, jemanden an mir lernen zu lassen. Mich als Anstoß für eine eigene berufliche Weiterentwicklung zu benutzen.
Ich habe das vor 8 Jahren auch unserer Therapeutin gesagt und musste in dem Moment daran denken. Wie ich das damals gesagt habe und doch damit okay war, dass sie sich selbst nicht als Expertin bezeichnen würde, aber versicherte, sie würde dafür sorgen, mir nicht zu schaden.
Wie ich damals den Schrei im Kopf und diesmal den Kloß im Hals hatte, als würde er gleich rauskommen und als alles zerstörende Bestie durch das Zimmer fahren. Nein, es ist echt nicht mehr drin. Nein, da ist keine Haut mehr. Da ist ein Ende, eine Grenze. Ein StoppAusEnde.

„Ja, das kann ich verstehen. Also dass man irgendwann keinen Bock mehr hat alles zu erklären und was das bedeutet“, hat er darauf geantwortet. Und ich hab mich verbunden gefühlt. Dass er das kennt, glaub ich. Sofort. Obwohl ich glaube, dass alle Menschen das kennen. Aber behinderte und chronisch kranke Leute kennen es einfach wie ich. Und er.
Für einen Moment war das wie damals in der Wohngruppe mit den ganzen anderen behinderten Mitbewohner_innen, in der wir kurz gewohnt haben. Als würden wir auf dem Sofa sitzen, rauchen und über die Welt, an deren Rand wir leben, reden. Weit weg. Als hätte das nichts mit uns zu tun, dass wir keinen Bock mehr haben uns erklären zu müssen. Als bliebe unsere Verweigerung folgenlos, weil sie nichts bedeutet.

In den letzten Wochen habe ich einen Brief an unsere Therapeutin formuliert. Am Ende, auf Seite 8, schreibe ich ihr, dass ich gemerkt habe, was das eigentlich für eine Aussage ist, wenn ich sage, dass ich keinen Bock mehr habe, mich zu erklären. Ich habe erkannt, dass ich das nur zu anderen Leuten mit meinen Anstrengungen im Leben sagen kann, um ernsthaft darin verstanden zu werden – und alle anderen das als vorübergehende Motivationslosigkeit verstehen. Verstehen müssen, denn sie sehen die Anstrengung ja nicht. Sie begreifen ja auch gar nicht, was ich ihnen damit offenbare. Sie begreifen nicht, dass ich ihnen damit sage, dass ich mich ihnen nicht zeige, mich vor ihren Augen verstecke. Mich ihnen und ihrer Einsicht entziehe. Aus dem Kontakt gehe und ihnen nichts weiter als einen reflexhaft Phrasen und Satzteile ausspuckenden Fleischsack zur Interaktion verfügbar mache, in den sie m.eine Persönlichkeit hineinprojizieren, um ihrem eigenen Handeln Sinn und Raum zu geben. Niemand begreift diese Art von Suizid.

Meine Verweigerung ergibt sich nicht daraus, dass die Kompensation in der Kommunikation, in der Erklärung, zu anstrengend ist. Sie ergibt sich daraus, dass sie nicht dazu führt, dass ich verstanden werde. Daraus, dass sie so oft vergeblich ist.
Und man doch nie umhinkommt, denn ohne Kommunikation keine Ver_Bindung.

die Auseinandersetzung mit der Therapie

„Ich muss mich schon auch hinterfragen, was die Therapie für mich eigentlich ist.“ Ich schaue aus dem Fenster und rolle das Kopfhörerkabel zwischen Daumen und Handinnenfläche. Am Telefon ist der Begleitermensch, dem ich die Therapiesituation zu erklären versuche, während sie für mich selbst noch nicht klar genug ist.
Wir haben alle zwei Wochen einen Termin. Liefern Material, haben Dinge aufgeschrieben, kommen im Grunde aber nicht dazu, das zu bearbeiten, weil Dinge passieren, die wichtiger sind. Same old also, aber verteilt auf alle zwei Wochen.
Ich bin frustriert. Verunsichert. Fühle mich wacklig vor innenkindlicher, innenjugendlicher Überzeugung, dass das alles einfach nur eine neue Art des Verlassenwerdens ist. „Sie entwöhnt uns“, drängt es mir immer wieder in den Kopf, wenn ich darüber nachdenke, was ich beim nächsten Termin besprechen möchte. „Lass es. Es hat keinen Sinn mehr. Du schadest dir selbst. Lass los.“ Und irgendwann, wie genau jetzt an diesem Samstag zum Beispiel, drei Tage vor dem nächsten Termin, merke ich: Ich habe etwas losgelassen, obwohl ich mich nicht dazu entschieden habe. Ich habe nichts notiert, weil es schon genug Aufgeschriebenes gibt, was wir besprechen wollten, sollten, müssen, ich kann es nicht mehr finden. Die Erinnerung, der Eindruck, das Ding ist weg und damit was auch immer ich in der Therapiestunde ordnen und konkretisieren zu können gehofft hatte.
Alles blank, als hätte ich mir nur eingebildet irgendetwas irgendwie mal gehabt zu haben, von dem ich dachte, dass die Therapiestunde dafür ein guter Rahmen sei.

Wir sind schon so lange in Therapie, dass es legitim ist zu fragen, ob es überhaupt noch das bringt, was man erreichen will und braucht. Wir sind in einer Pandemie und es gibt viele Menschen, die genau jetzt akut Hilfe brauchen. Viele meiner akuten Probleme haben weniger mit akuter posttraumatischer Belastung zu tun als damit, dass meine Dysfunktionalität (die praktisch durchgehende Dissoziation) dysfunktional wird – was vielleicht etwas ist, womit man so oder so ohne therapeutische Hilfe klarkommen muss? Weil, tja, also welche Traumatherapie wird je so lange bezahlt, dass diese Phase der Traumaverarbeitung genauso begleitet werden kann, wie die der akuten Symptome?

Ich könnte mein inneres Blanko, mein leeres Regal leer sein lassen und einfach weitermachen. Es funktioniert ja. Das haben wir ja erreicht. Mein leeres Regal beeinträchtigt meine Alltagsfunktionalität nicht mehr, weil ich nicht mehr die krass unkontrollierbaren PTBS-Symptome habe. Wenn eins aufkommt, kann ich es kontrollieren, sofort verkopfen und weiter machen.
Und weil meine Kindheit und Jugend vorbei ist, ist es ja im Grunde eh egal, wenn ich eine oder zwei Erinnerungen daran schon wieder verdisse, bevor sie mir eingeordnet und integriert ist. Niemand wird kommen und mich abfragen. Und ich weiß ja schon, dass es immer nur um irgendwelchen Abfuck geht, nach dem heute kein Hahn mehr kräht.

Im Gespräch mit dem Begleitermensch merke ich, wie ich die Entscheidung der Therapeutin verteidige, wie ich meine Mutter lange verteidigt habe, wenn sie Entscheidungen getroffen hat, die bedeutet haben, dass ich alleine mit Situationen war, die mich hoffnungslos überforderten. Registriere das Mamiding dadrin, bin kurz erschrocken, dann wieder völlig klar. Wieder lasse ich irgendetwas los ohne zu wissen, was genau und werde mir bewusst, dass auch das wieder etwas ist, das in der Therapie unbesprechbar wird.
Wieder bröseln mir Inhalte auf ein Maß zusammen, das ich deutlich spüre, aber nicht zusammenkriege.

Der Begleitermensch bietet an, wieder öfter in Kontakt zu sein. Das verändert etwas.
Ich merke, dass ich weniger Angst davor bekomme, wieder in die alte ohnmächtige Sprach- und Erklärlosigkeit zu geraten. Auch gegenüber der Therapeutin. Und ich merke, wie sehr mich das in meinem Erwachsensein stärkt.
Merke aber auch, dass das etwas ist, was ich brauche – und immer gebraucht habe – um die Therapie so machen zu können, dass ich wirklich auch mal fertig bin und nicht ständig das Gefühl habe, eigentlich nie alles sagen zu können, was ich wichtig finde, weil es den Rahmen sprengt, den Intellekt, den Mut, die Offenheit meines Gegenübers übersteigt oder, weil ich nicht die Kraft Geduld Kraft habe, alles so zu erklären, dass nicht noch mehr Redezeit für solche für mich inhaltlich wie persönlich irrelevanten Schleifen, draufgeht.

Ich will mich nicht dafür verurteilen, dass ich nach so langer Zeit in dieser Therapie bestimmte Schritte nicht schneller, besser, umfassender hinkriege. Merke aber, dass ich auch immer noch nicht richtig dahin komme zu akzeptieren, dass wir uns hier seit Jahren in einer Therapieform abmühen, die einfach größte Barriere für uns beinhaltet: Kommunikation und Interaktion – also: Reden, um zu verstehen.
Wir machen hier nicht nur etwas, was schwerfällt, weil die Dissoziation, Scham oder Täter_innendrohungen dauernd dazwischenfunken und Dinge schwer zu benennen macht, sondern kompensieren auch den Autismus und alles, was da im Gepäck dabei ist. Dazu gehört, dass wir mehr Zeit, mehr Umwege, längere Phasen der Auseinandersetzung brauchen – und ja, das alles auch in total heiklen Momenten, wo links und rechts meterhohe Triggertürme sind, die jederzeit kippen könnten und uns wieder durch das Trauma schicken.

Als Erwachsene_r will ich mir sagen: Hey, take your time. Du machst das nicht mit Absicht, du gibst dein Bestes, die Fortschritte zeigen das. Es ist nicht wirkungslos, diese Therapie zu machen.
Als Patient_in, die_r es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht noch einmal schafft, sich so an eine_r Behandler_in zu binden denke ich: „Wenn ich nur nicht so scheiße wäre, wie ich bin, dann…“

Als jemand, die_r eine Lösung sucht, bin ich überfordert.
Und das ziemlich.