Autismus, Trauma, Kommunikation #8

Ich hing gestern gut 6 Stunden im Support meines Webhosters, um die E-Mail-Adresse, die ich hier seit Jahren verwende, um über Blog, Podcast und darüber hinaus erreichbar zu sein, zu retten.
Es war das Ende einer langen Kette von Miss- und Unverständnissen, die ich in diesem Text nicht weiter ausbreiten will, unter anderem, weil sie nicht sind, die mich belasten oder jetzt, einen Tag später endlich meine Erschöpfung von allem spürend, auch unfassbar schmerzlich berühren.

Worüber ich hier schreiben will ist, warum es mich so schmerzt. Warum es ein Trigger für uns ist. Was genau der Punkt ist, wo sich Autismus und Trauma bei uns so vermischen, das die zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion in jeder Situation eine retraumatisierende sein kann.

Im Blog von Vielen haben wir die Textkategorie „Die Helfer_innen und die Hilfe“.
Entstanden ist sie aus der Erkenntnis, dass Helfer_innen und Hilfe schaden können. Aber auch aus dem Wunsch zu erfassen, was uns hilft und wieso. In dieser Kategorie finden sich auch Texte aus der Zeit vor der Autismusdiagnose, in der wir dachten, dass wir einfach unverständlich sind. In der wir dachten: „Wir machen das halt einfach immer falsch mit dieser Hilfe. Wir müssen die richtigen Worte finden, wir müssen uns genau abgucken, wie andere sich verhalten, damit sie Hilfe bekommen und wir müssen das nachmachen (, um dann zu merken, dass wir selbst das noch falsch machen, weil unser Blick auf Menschen dazu führt, dass wir die falschen Verhaltensweisen in falschen Reihenfolgen kopieren).“

Missverständnisse zu vermeiden, den richtigen Eindruck zu vermitteln, das Richtige im richtigen Moment zu sagen, oder zu verschweigen, war in meiner Kindheit über.lebenswichtig. Dabei  außerhalb der familiären Gewaltkontexte immer wieder zu scheitern, zum Beispiel in der Schule, im Hort, im Sportverein, in Chor und Band und was wir nicht alles noch besuchten, ist das Eine.
Es bestätigte die Traumawahrheit, dass niemand hilft, niemand glaubt und auch niemand versteht. Das AußerhalbderFamilie wurde mir immer wieder als unwürdig, falsch, schlecht, dumm dargestellt und so erschien die Botschaft auch valide.
Diese Dynamik beschreiben viele Menschen, die als Kinder in gewaltvollen Familien, in Sekten und organisierten Gewaltkontexten, auswachsen mussten. Es gibt ein Außen auf das du nicht zählen kannst und es gibt ein Innen, das immer für dich da ist – die Familie/Sekte/Gruppe/die Anderen.

Als autistisches Kind hatte ich das nicht.
Autismus greift in jede Interaktion und in jede Kommunikation hinein. Die gleichen Miss- und Unverständnisse, die ich im Außen erlebte, erlebte ich auch im Innen. Nur dort in seinen Auswirkungen erheblich brutaler, einfach schon, weil ich ein Kind war. Abhängig auf allen Ebenen und dadurch schlicht nicht in der Lage, überhaupt meiner Sicht auf die Dinge die Be_Achtung einzufordern, die nötig ist, um Miss- und Unverständnisse aufzuzeigen oder zu klären.

Wer durch ein Minenfeld laufen muss, aber nicht, wie alle anderen Leute auf Merkmale der Minen achtet, wird verletzt. Ganz zwangsläufig. Und so – auf diese Art gehen wir durchs Leben. Immer wieder und wieder und wieder und wieder. Ohne, dass unsere Gesprächpartner_innen das merken. Ohne, dass wir ihnen das immer so begreiflich machen können, dass sie sich nicht als Person gekränkt, bedrängt, abgewertet oder irritiert erleben. Ohne, dass sie uns den Schmerz nehmen oder uns trösten können. Ohne, dass sie ~ einfach mal eben so, ohne jede Anleitung und Herumprobieren und der dazu nötigen Konsequenz ~ etwas dagegen tun können.

Nun ist die Metapher natürlich nicht ganz passend. Die Merkmale einer einzelnen Mine kann man auswendig lernen. Man kann sich zwingen, sich selbst gegenüber brutal restriktiv dazu bringen immer, zu jeder Zeit auf den Boden zu schauen und auf Minen zu achten. Zwischenmenschlichkeit ist aber kein fester Gegenstand. Kommunikation verläuft nicht immer gleich, nicht immer vorhersehbar. Interaktion wird von so einer großen Zahl von Faktoren beeinflusst, dass sie einfach nicht in allem immer berechnet oder angenommen werden kann. Schon gar nicht von einem Kind, das zusätzlich dazu noch in einem sozialen Umfeld aufwächst, das unvorhersehbar und immer unnachvollziehbar in Gründen und möglichen Konsequenzen absichtlich irreführend kommuniziert.

Was sich für uns aus diesem Umstand (und vielleicht noch anderen, bisher nicht bekannten Faktoren) entwickelt hat, ist, dass es für uns ein Außerhalbvonuns, ein AußerhalbderFamilie und das InderFamilie gibt.
„Autismus“ als Wort kommt laut Wikipedia von altgriechisch „autós“ – also „selbst“. Die meisten Autist_innen, die ich bisher kennenlernen durfte, kennen diese Trennung von sich. Es gibt sie und gibt alle anderen. Und immer stehen dahinter ähnlich schwierige Kommunikations- und Interaktionserfahrungen. Ich persönlich sehe das nicht darin begründet, dass alle Menschen speziell autistischen Menschen gern das Leben zur Hölle machen wollen, sondern darin, dass die meisten Menschen eben nicht autistisch sind oder die autistische Wahrnehmung und Einordnung nicht von sich selbst kennen und also nicht nachvollziehen und also nicht beachten können.
Das macht Autismus für mich zu einer Behinderung, die noch einmal mehr als bei anderen Behinderungen, nicht als etwas Individuelles angenommen und behandelt werden darf, da auch nicht autistische oder anders neurodivergente Menschen in ihrer Kommunikation mit autistischen Menschen die Barrieren der Kommunikation und Interaktion zu kompensieren gezwungen sind.

Die im wahrsten Sinne des Wortes herrschende Ansicht ist allerdings eine andere und so ergibt sich für mich eine immer wieder auftauchende Dynamik der Traumatisierung (s. „seelische Verwundung“) in meinem Alltag, die sich auch noch einmal verschärft hat, seit ich weiß, dass ich autistisch bin.
Meine Bemühungen um Verstehen und Verstandenwerden passieren in aller Regel einseitig, weil mein autistisch sein als meine Behinderung angenommen wird. Etwas, das ich überwinden muss, um mit nicht autistischen und anders als ich neurodivergenten Menschen in einander verstehender Kommunikation „richtig“ zu funktionieren. Ich werde da mit etwas auf eine Art allein gelassen, die im Umfang ihrer Implikationen für mich unermesslich ist. Die Welt – das Außerhalbvonmir – ist damit eine nie versiegende Quelle von Schmerz, von Überforderung, von Not, von Ohnmacht und Hilflosigkeit und gleich meiner mich jahrelang quälenden Misshandlungsfamilie in ihrer Anmutung.

Und das tut weh.
Das tut wirklich weh und ist im Ausmaß nicht zu beschreiben.

Denn auch wenn ich weiß, dass ich am glücklichsten allein bin; dass ich weiß, dass ich mir selbst am meisten Vergnügen bereite und auch sonst immer und immer alles irgendwie auch allein schaffe (mich durch alles durch dissoziieren kann) so will ich doch auch vertrauen können, andere Perspektiven als meine er_leben, von anderen lernen, meine Kräfte schonen, indem ich Herausforderungen mit Unterstützung anderer Menschen bewältige und so weiter und so fort. Ich will leben. Nicht überleben.

Missverständnisse bedeuten für mich oft, von jetzt auf gleich völlig auf mich allein gestellt über_leben zu müssen. Sie sind mir Trigger für Erinnerungen an Vergangenes und reales Jetztgeschehen gleichzeitig und weil das so ist, hat dieser Text keine Punchline am Ende, die zu einem Like oder einem Klick auf den Share-Button führt, sodass mehr autistische traumatisierte Leute davon lesen können. Es ist wieder einfach nur gesagt. Aufgeschrieben. Ums zu sagen. Zu erklären. Zu zeigen, dass es passiert und dass es weh tut und ich nichts dagegen tun kann, weil grad einfach alles so ist, wie es ist und ich mittendrin bin und nichts und niemand – weder mein Wissen zu Trauma, Autismus, Menschen und ihrem Ableismus, noch irgendjemand, der helfen will, helfen kann.
Denn der Schmerz passiert in mir allein und alles andere ist Außerhalbvonmir.

nichts ist wie sonst

Und dann war die Therapeutin in unserem Büro. Psychotherapie übers Internet.
Ich erzählte ihr, dass wir zum ersten Mal eine Podcastaufnahme neu anfangen mussten, weil ich nicht aus einem Gefühl heraus kam. Sorge, Angst, die Therapie und alles, was wir bisher darin erarbeiten konnten durch die Epidemie wieder zu verlieren. Und darüber natürlich grundfeste Panik, dass wieder alles so wird wie früher. Früher, als Suizidalität normal, Angst und Verzweiflung der einzige Motor für alles war. Sie sagte aus dem kleinen Browserfenster, dass man Erlebtes nicht verlieren kann. Dass das für unsere Gewalterfahrungen genauso wie für die Therapieerfahrungen gilt.
Ein beruhigender Gedanke.

Bis ich heute Morgen aufwachte und keinen richtigen Gedanken fassen konnte.
Ich konnte nicht arbeiten, konnte mir keine Meinung bilden, verwirrte mich selbst mit dem, was ich dann aber doch an halbwegs konsistentem Zeug von mir geben konnte.
Bis ich merkte, dass ich die Pizza nicht abholen konnte, weil mich das Wissen um die Veränderung im Ablauf ängstigte. Bis ich gerade verstand, dass ich innerlich so total verklemmt und verdreht bin, weil sich um mich herum alles verdreht und verklemmt.
Es ist echt nicht viel, was sich für uns verändert. Es ist nur das Einkaufen gehen und dass wirklich dauernd das Handy vibriert, weil uns Leute schreiben und es Arbeitschats gibt. Aber das ist für uns, so in der Form, in dem Rahmen und dieser Unmöglichkeit die Dauer einschätzen zu können, schon zu viel. Und selbst, wenn man daran jetzt etwas ändern könnte, wäre diese Änderung ja auch wieder eine neue Änderung.

Und Ostern. Das auch noch. Auch diese Konstante – weg. Auf ein Mal. Jetzt. JETZT kommt da Kontakt zu den Dunkelbunten zustande. Nach 18 Jahren. Jetzt kommt da an: Dinge sind anders und gelten für alle. Auch DIE. Und klar sind die jetzt panisch. Nicht nur irritiert oder verunsichert. Scheißpanisch. Nicht nur, doch sicherlich auch, weil wir ihnen nicht sagen können, was das jetzt bedeutet. Wie das denn jetzt läuft. Und sie können ja auch nicht einfach fragen oder beobachten, was die anderen machen. Sie brauchen Halt. Und den gibts nicht. Für niemanden. ALLE müssen jetzt durch.halten, aus.halten und diesen Zustand Tag für Tag er.tragen.

Es hilft zu wissen, dass wir nichts anders machen als sonst.
Andererseits machen wir gerade alles anders als sonst. Wir sind keine Einzelperson mit Hund mehr. Wir sind ein_e Partner_in in einem Team. Wir leben uns nach wie vor in einer neuen Gegend ein. Wir wachsen in den neuen Namen rein. Wir haben gerade unser erstes gemeinsames Zuhause mit jemanden angefangen. Nichts ist wie sonst.
Außer der Angst.

hätte hätte Traumakette

Dieser Text ist auch im Audio-Podcast „Viele-Sein“ im Format von Vielen erschienen.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich einige Viele-Blogger_innen damit auseinandergesetzt haben, ob sie selbst zu Täter_innen werden könnten. Eng damit verknüpft sehen wir die Auseinandersetzung damit, was alles hätte sein und werden können, wäre die Gewalt nicht passiert und wäre man in folge dessen nicht erkrankt*.

Hätte hätte Traumakette
Was für ein Kreisel. Warum fragt man sich: “Was hätte würde wäre wenn?”
Im Allgemeinen dient diese Fragestellung dem Herausfinden von in der Zukunft vermeidbaren Fehlern oder Dynamiken. Geht es also um die Frage, was aus diesem verkohlten stinkendem Zeug in meinem Kochtopf hätte werden können, ist eine Antwort zu finden außerordentlich hilfreich, konstruktiv und unter Umständen sogar evolutionär vorteilhaft.

In Bezug auf erlebte Gewalt oder auch Erkrankungen, mit denen man leben muss, weil sie nicht heilbar im Sinne von “komplett wegmachbar” ist, ist diese Frage im Grunde selbstverletzendes Verhalten. Das bedeutet nicht, dass sie nicht auch hilfreich ist oder konstruktiv oder in irgendeiner Weise vorteilhaft sein kann, sie kann es allerdings ausschließlich in weiterhin bestehenden Kontexten der Gewalt bzw. Auslieferung sein.
Wenn man sich also als Person, die weiterhin Gewalt erfährt, immer wieder fragt: “Was wäre gewesen, wenn ich XY getan oder nicht getan hätte?”, dann kann sie auf Möglichkeiten des Selbstschutzes kommen oder sich an die Idee von Hilfe bringen. Oder jemand die_r chronisch krank ist, könnte an die Idee kommen, gesundheitsfördernde Maßnahmen zu ergreifen oder quasi per Fehler/Symptomprotokoll auf die Dinge stoßen, die neben der Erkrankung heil und gesund sind.

Aber in Bezug auf Dinge, die in all ihrer zerstörerischen Auswirkung nicht mehr zu ändern sind, ist es selbst_verletzend. Es negiert, dass jetzt irgendetwas gut sein könnte. Es missachtet die eigenen Resilienzen, die Kreativität des Lebens, sämtliche Entscheidungen, die dazu beigetragen haben, mit dem was passiert ist umzugehen und ihren auch positiven Auswirkungen in der Gegenwart.

Auf die Frage, was aus uns geworden wäre, wenn die Gewalt nicht passiert wäre, können wir nur sagen, dass wir vermutlich auch dann eine seelische Schacke hätten, einfach weil unerkannt autistisch zu sein, zu ganz eigenen Traumatisierungserfahrungen führen kann.
Wir leben schlicht nicht in einer Welt, in der alles super läuft, wenn wir einander nicht absichtlich oder offensichtlich verletzen. Wer das behauptet, ist mit ausgezeichneten Abwehrmechanismen ausgestattet oder schlicht ignorant. In der Regel sogar beides.

Ein weiterer Punkt weshalb die Frage nach dem “HätteWürdeWäreWenn” nicht zielführend ist, ist der Umstand, dass sie gar kein Ziel hat. Diese Frage dient dem Vergleich mit einem Ideal, das man sich selbst ausgedacht hat, um Ansprüchen gerecht zu werden, die seltenst aus einem_einer selbst heraus kommt.
Wenn wir uns diese Frage stellen, dann vergleichen wir uns mit Leuten in unserem Alter, in unserer Klasse, mit unserem Bildungsstand – Kategorien, die keinerlei Rückschlüsse auf emotionale oder soziale Kompetenzen erlauben. Wir denken: “Ach, die Mitschüler_innen damals – an dem Gymnasium, das wir besuchten, bevor alles kaputt ging – die sind jetzt verpartner_innt oder verheiratet, haben Kinder, arbeiten in Jobs, die haben voll was erreicht und könnten noch so viel, nichts hält sie zurück.” Nicht eine Sekunde denken wir in diesem Moment daran, dass man durchaus auch Haus und Hof, Kind und Kegel – oder bewusst nichts davon – haben kann, während man die Folgen einer Vergewaltigung, einer Krebserkrankung, eines kompletten Bankrotts oder eines verkorksten Innenlebens kompensiert.

Hauptsächlich sagen wir uns mit dieser Frage, dass wir bestimmte Dinge nicht haben können, weil wir bestimmte Eigenschaften haben. Wir verstärken in uns Normen und Vorgaben, die nichts mit der Lebensrealität praktisch aller Menschen zu tun haben. Wir bestärken unsere Position als eine Person, die nichts schafft, die nichts kann, die darüber nachdenken und sich wünschen darf, zu tun was alle anderen tun – einfach auf die Art und Weise, wie sie das tut und kann und will und möchte – aber nicht selbst leben.
Wir nehmen uns also aus der Masse der Menschen heraus und wiederholen damit einen Aspekt, den viele überwältigende Erfahrungen am Ende zu einem Trauma macht: Alleinigkeit (und damit Verlassenheit, Verlorenheit, ausgeliefert sein und damit Todesangst)

Das ist der selbst_verletzende Aspekt dieser Auseinandersetzung. Die Wiederholung eines Traumaaspektes.

“Wer das Trauma nicht verarbeitet hat, ist gezwungen es zu wiederholen.” Das ist eine altbekannte Wahrheit der Traumatherapie.
Sie basiert auf der Beobachtung, dass traumatisierte Menschen sich selbst immer wieder in Situationen und Dynamiken begeben, die verschiedene Aspekte ihrer Traumaerfahrungen enthalten. Während Menschen, die ihre Erfahrungen verarbeitet haben, in solchen Situationen und Dynamiken schon Wege und Möglichkeiten kennen, sich nicht mehr traumareaktiv zu verhalten, haben das Menschen, die noch keine Verarbeitungsmöglichkeiten hatten, das nicht. Sie erleben immer wieder ähnliche Dinge, wie im Ursprungstrauma und werden dadurch unter Umständen sogar retraumatisiert.
Das ist natürlich keine Regel, die bei allen Leuten immer genauso eintritt, aber es passiert immerhin so vielen Menschen, dass es als Muster zu beobachten ist.

Und so ist die Frage nach dem HätteWürdeWäreWenn Teil einer Traumakette, dessen Auswirkung Selbst_Verletzung ist.
Ich schrieb am Anfang, dass dieser Umstand nicht bedeuten muss, dass sie deshalb nicht zu konstruktiven Ergebnissen führen kann. Ich glaube, dass sie das kann – wenn man sie als Traumawiederholung verstanden hat.

Wir haben aktuell das Thema, ob wir gute Eltern sein können, so wie wir sind. Mit unseren Limits und Assistenzbedarfen. Würden wir den “HätteWürdeWäreWenn-Weg” in dieser Thematik gehen, kämen wir immer und ganz automatisch an den Punkt uns zu sagen: “Nein.”
Wir wären die schlechtmöglichsten Eltern für ein Kind, weil wir sind, wie wir sind und deshalb nicht mit den idealen Voraussetzungen, in diese Aufgabe und ihre Herausforderungen gehen. Wir sind einfach nicht ideal. Wir sind nicht unauffällig. Wir sind nicht immer mit 100% auf allen Kanälen da. Wir brauchen Hilfe und Unterstützung bei Dingen, die für andere Leute ein Klacks sind. Wir sind uns der Fragilität der Dinge, die uns gerade stützen und stärken extrem bewusst. Wir wissen, dass es nicht viel braucht, um verschiedene Grade der Gefährdung (unserer Autonomien) auftauchen zu lassen.

Aber alles das ist nur in genau einem Szenario ein echtes Problem oder Defizit. Nämlich dem, in dem ausschließlich und einzig dem Ideal bzw. den Menschen mit den idealen Voraussetzungen erlaubt oder ermöglicht wäre, Kinder zu bekommen und beim Aufwachsen zu begleiten.
Wir leben aber nicht in Hitlers feuchten Träumen, sondern in einer Gesellschaft, die von Vielfalt und Varianz geprägt ist (und ja, dies in ihren strukturellen Gegebenheiten nicht abbildet, aber das ist ein anderes Thema).

Wir sind weit davon entfernt, okay damit zu sein, dass uns passiert ist, was uns passiert ist. Wir sind auch niemand die_r eine autistic pride-Flagge wedelt und allen erzählt, so zu sein wie wir ist easypeasy und das einzige Problem sind die Barrieren im Kopf anderer Leute.
Aber wir sind darüber hinweg, den Glauben zu leben, dass Ideale real er_lebbar und Schutz gegen jede Form von Ungemach und Mangel sind. Wir sind heute an dem Punkt, an dem wir besser akzeptieren können, dass wir eben nicht alles kompensieren können. Dass wir eben nicht nur genug nach dem einen Punkt suchen müssen, an dem sich der Schalter verbirgt, den man nur umlegen muss, damit alles glatt, problemlos und toll läuft – einfach, weil es diesen Schalter nicht gibt.

Wir haben so so viele Jahre nach diesem Schalter, nach diesem Punkt, nach diesem einen von uns aus uns selbst heraus ausgleichbaren Fehler gesucht und immer nur uns selbst gefunden. Und warum? Weil wir uns diesen Punkt, diesen Schalter, diesen Fehler selber ausgedacht haben, um die Gewalt und am Ende auch unsere Traumatisierung zu überleben.
Ihn zu suchen, indem wir uns die “HätteWürdeWäreWenn-Frage” stellen, ist bis heute eine Art Reflex. Wenn man sich anschaut, wie lange Gewalt und chaotische Phasen voller TraumafolgeStörungen Teil unseres Lebens waren, ist das völlig logisch. Doch auf diesen Reflex haben wir inzwischen andere Antworten als traumareaktives Verhalten oder Traumawahrheiten.

Nichts wäre besser oder einfacher, wären wir nicht, wie wir jetzt, hier und heute sind.
Es wäre nur alles anders. Jetzt ist es eben so, wie es jetzt ist anders, als bei anderen Leuten in unserem Alter, unserer Klasse, unserem Bildungsgrad, unserer körperlichen Konstitution. Es gibt daneben noch genug Leute, bei denen es ganz genauso ist, wie bei uns und ihnen würden wir schließlich auch nicht sagen, dass ihre Träume und Wünsche, Lebensziele und –pläne völlig Banane sind und was glauben sie eigentlich, was sie sind? Normal?! hahaha! – Warum also sollten wir es uns selbst sagen, wenn nicht, um uns selbst zu verletzen und daran zu hindern, zu machen, was wir uns wünschen?

Ich will an dieser Stelle noch sagen, dass es nie einfach ist, am Leben zu sein. Besonders nicht, wenn man wie wir so schlecht darauf vorbereitet wurde, mit der eigenen Lebendigkeit als etwas umzugehen, das erwünscht, bestärkt und grundsätzlich okay in seinem Zweck für sich selbst ist.
Aber wir leben. Jeden Tag. Und jeden Tag können wir uns dafür entscheiden, uns selbst gegenüber so zu sein, dass wir uns selbst in dieser Lebendigkeit willkommen heißen, darin bestärken, dass es okay ist, wie wir sind und unsere Lebendigkeit mit allem ausdrücken, was uns möglich und wie es uns möglich ist. Auch, indem wir Kinder kriegen, indem wir Reisen machen, indem wir Sex zum Spaß haben, indem wir Bücher schreiben, die niemand versteht, indem wir Dinge anders machen als andere, weil es nun mal die Art und Weise ist, in der wir sie machen können. Und all der ganze andere Quatschkram.

Das ist das wunderbare Privileg der Lebendigkeit: Wir können selbst bestimmen, wie wir uns selbst gegenüber sein wollen.
Auch das muss man üben, ja, und dieser Prozess ist unfassbar schwer! – aber die Möglichkeit ist da und wir sind, diejenigen, die sie nutzen können, wenn wir wollen. Wenn wir uns trauen können und wollen. Wenn wir uns selbst ernst nehmen, uns selbst die gleichen Rechte und Möglichkeiten zugestehen, wie wir das unseren Idealen zugestehen und uns 24/7 darin versichern, dass das total okay so ist. Denn das Leben will immer nur sich selbst. Nicht mehr und nicht weniger. Da bleibt unfassbar viel Gestaltungsraum ganz allein für uns, weil es einfach unser Leben ist – auch dann, wenn wir es mit anderen Menschen und deren Idealen teilen wollen oder müssen oder sollen. Auch dann.

Beim “am Leben sein” geht es um eine Alleinigkeit, die für traumatisierte Menschen oft auf Gefahr deutet. Es kann ein Trigger sein. Deshalb ist der Weg so schwierig und lang und voller Ängste. Manchmal muss man erst ganz intensiv verstehen und begreifen, dass zu leben eine Alleinigkeit bedeutet, die nur sich selbst braucht, um weiter zu bestehen. Da kann Traumatherapie ins Spiel kommen oder auch andere Wege sich damit auseinanderzusetzen und ganz bewusst Lebenserfahrungen zu machen, die dabei helfen, diesem Trigger nicht mehr traumareaktiv zu begegnen.

Am Anfang von all dem steht aber eine Entscheidung.
Die muss man treffen, sonst verändert sich nichts in die Richtung, in die man möchte.
So bitter, so überfordernd, so ängstigend das auch ist.
Auch das ist das Leben und am Leben sein.

Am Anfang steht die Entscheidung für das eigene Leben.

*Erkrankung meint hier, das, was als solche diagnostiziert wird

die Kinder, das Trauma, die erstaunlich schöne Merkwürdigkeit

“Vielleicht ist es das andere Level der Dissoziation.”, damit beende ich einen Gedankengang, den ich nicht einmal wirklich richtig abgelaufen bin, als ich von der Bushaltestelle nach Hause laufe.
Wir haben die neue Bekannte in der nächsten Kleinstadt besucht. In ihrem Haushalt leben zwei kleine Kinder.
Ich mag den Kontakt, weil er mitteltiefe Gespräche beinhaltet. Die Kinder und ihre Belange unterbrechen uns immer wieder – so kommen wir gar nicht an Abgründe heran, alles kann angefangen irgendwie liegen bleiben und uns später nochmal auffallen und dann mit einem schnellen Abschluss bedacht werden.

Ich fühle mich normal in dem Kontakt. Begrenzt wie andere Menschen auch, bedürftig, wie andere Menschen auch. Das durchgehende Begleiten der Kinder bei der Bedarfskommunikation und ihrer Erfüllung macht bei mir eine Reduktion auf. Nichts ist mehr wichtiger als der Moment. Jetzt muss geklärt werden, ob und wenn ja welche Süßigkeiten gegessen werden. Jetzt muss rausgefunden werden, was das Kleine zum Einschlafen braucht. Jetzt muss mal der Tisch abgewischt werden. Jetzt sortieren wir die Rosinen aus dem Studentenfutter. Jetzt können wir mal über Beetumrandungen und das Anziehen von Blumenkohl sprechen. Jetzt muss ich mal überlegen, ob ich auch was essen muss.
Ich merke, dass es nicht leicht ist, so zu funktionieren. Es ist anstrengend, sicherlich auch zehrend, vor allem über Jahre hinweg. Ich merke aber auch: Ich habe keine Angst. Ich bin handlungskompetent, mein Kampf um Wörter und Sprechenkönnen ist nicht da. Ich bin mir meiner selbst sicher. Ich bin ich und ich bin da.
In meinem Leben gibt es ansonsten keinen Bereich, der dieses Gefühl einfach so in mir auslöst. Überall sonst muss ich mir das erarbeiten, der Dissoziation abtrotzen, mich ganz bewusst in die Selbstwahrnehmung reindrängeln und dran festketten, in der Hoffnung, das irgendwann mit weniger Angst im Backend laufen zu haben.

Im Bus nach Hause dachte ich kurz darüber nach, was unsere Gewalterfahrungen als Kind in diesen Situationen mit uns machen. Sind wir besonders achtsam? Sind wir besonders empfindlich? Denken wir den sogenannten “Missbrauch” der Kinder immer mit? Werden wir stark getriggert? Verhalten wir uns deshalb irrational und merkwürdig?
Ich glaube, ja. Ja wir sind besonders achtsam. Ja, als die Bekannte uns mit dem älteren der beiden Kinder schon mal vor auf den Heimweg geschickt hat, habe ich gedacht: “Ja, und wenn ich jetzt eine Täter_in wäre, wäre das genau der Zeitraum, in dem ich DAS DA mit dem Kind tun könnte.”.
Ja, wir sind besonders empfindlich. Als die Bekannte das jüngere Kind vor uns wickelte, dachte ich an Grenzverletzung, denn es war vor uns entblößt, ohne irgendeinen Entscheidungsspielraum.
Also, ja, wir denken immer mit, dass diesen Kindern passieren könnte, was uns passiert ist und, dass wir die Person sein könnten, die ES tut. Es ist keine Handlungsoption – da springen keine Täter_innenintrojekte in uns auf und wollen etwas tun. Aber ja, wir sind stark getriggert und es springen Täter_innenintrojekte auf und beobachten ganz genau, was da gerade passiert. Was ich tue, was die Mutter tut, wie miteinander umgegangen wird, wie angstbefreit die ganze Situation ist und – und ich glaube, dass ist das Nachlassen der Dissoziation bei uns – wie viele Kinderinnens die Situation auch beobachten. Das ist für uns merkwürdiges Verhalten – für alle um uns herum aber ganz normal.
Ich merke, wie ich mich in Angstkreisel hineinsteigern könnte, weil da ja Täter_innenintrojekte sind und die ja böse sind und ich die ja im Grunde eigentlich abtöten muss, weil sie böse sind und scheiße und und und – das aber gar nicht tun muss, weil es trotz der für mich heftigen Merkwürdigkeit irgendwie doch auch völlig in Ordnung ist.
Sie machen nichts anderes als die (anderen) Kinderinnens und die machen nichts anderes als ich, wir Rosenblätter.
Da passiert nichts Besonderes und das ist total besonders. Für uns alle gleich.

Erstaunlich. Merk_würdig.
Schön.

R.

Erstaunlich ist, wie klar sie ist.
Ganz eindeutig ist Verzweiflung, die als Aggression gelesen wird, ihr Motor. Ohne Umschweife sagt sie, was sie aus_sagen will. Da ist kein Zögern, keine Pause, um die (soziale) Lage zu prüfen.
Wir sitzen der Therapeutin gegenüber, bis sie sich rausschält und sagt was ist, während ich noch nach Gedanken fingere, beobachte und überlege, mich in alle Richtungen absichere, keine Situation zu produzieren.

Ich habe schon oft gedacht, dass es merkwürdig ist, wie schief die frühen Hilfen gegangen sind. Sie hat nie irgendwas verschwiegen, hat nie irgendwas versteckt. Nie irgendwas verklausuliert oder anders gesagt, als sie das meint.

„Wie gut können Sie denn GoogleMaps – ich dacht, vielleicht brauchen Sie ewig, um da was einzugeben“. Während sie mit der Therapeutin über frühere gute Orte spricht, berührt mich das Trauma, das mich, uns Rosenblätter, hervorgebracht hat. Ich merke, dass ich ein Pflaster über viele von R.s Wunden bin. Dass sie es ohne mich nicht einmal ertragen könnte, ganz bewusst zu spüren, dass sie gerade mit „einem dieser Therapiemenschen“ spricht.

Zwischen unseren Leben liegen ungefähr 8 Jahre. 1, wenn ich mich nur auf die Rosenblätter als kompensatorisches System beziehe. Und doch ist es eine ganze Welt. Für sie ist jede Hoffnung auf Verstehen und Verstandenwerden tot. Sie sucht keine Freund_innen mehr, sie hat abgehakt, jemals nicht mehr (verlassen) alleinverantwortlich zu sein. Es ist gesetzt, dass nichts, was von ihrem „uns“ kommt, außen okay ist. Weder sie noch andere sind erwünscht, sie weiß das und spuckt auf die schmerzende Stelle. Sie kommt klar.

Wieder denke ich, dass es viel mit Performance zu tun hatte. Aggressiv gelesene Opfer sind schwerer als solche anzuerkennen. Es bietet keinerlei Raum für Mitleid oder Mit-Schmerz-Empfinden, wenn ein Opfer auf Rettung und Hilfe besteht, anstatt darum zu bitten und betteln.
Die Enttäuschung über den Entzug einer Unterstützung oder Hilfe und die folgende Überforderung und ihr Trigger in die Todesangst, bleibt viel eher unbemerkt. Jedes Helferversagen ist eine bestätigte Traumawahrheit mehr. Und zwar eine, die genauso nicht reflektiert und aufgelöst werden kann, wie jene, die in der ursprünglich traumatischen Situation nicht reflektiert und aufgelöst werden kann.

Die Erwachsenen haben an R. versagt. Das Hilfesystem hat an R. und ihren Schatten versagt. Jede Instanz außer sie selbst.

Die Therapeutin fragt, wie R. zu ihrem Ort kam und diese sagt, dass sie einfach über die Straße gelaufen ist. Die vierspurige Bundesstraße in der Nähe ihres damaligen Wohnortes. Und dass das ja das Ding war. Nach links war die Straße, nach rechts Bahngleise. Niemand außer ihr, war jemals da. Und würde jemand kommen, dann … – ich denke das nicht weiter, mir reicht es zu spüren, wie grundlegend gut sich diese Möglichkeit für sie anfühlt. Wie sicher.
Die Therapeutin sagt Dinge, die R. überfordern, da ihr Erfahrungswerte zur Analyse fehlen. Ich merke wie R. ihren, meinen, unseren Autismus nicht kompensieren kann. Sie nimmt, was die Therapeutin sagt, kann nichts damit anfangen und weiß sofort, dass es mal wieder nichts war, von ihr mal wieder nichts kam, was okay ist, weil es hilfreich ist. Ich kann keine Übersetzung zaubern, die ihr diesen Aspekt erleichtert. Weiß auch nicht genau, was die Therapeutin jetzt sagen wollte und was wir machen sollen. Die Stunde ist um, wir gehen nach Hause.

R. kommt klar, ich komme nicht mit. Merke, wie ich wieder als einzige Option übrig bleibe.
Sie ist weg und mit ihr alle Erinnerungen an die Gegend damals.

hier ist ein guter Ort

Ich gehe aus der Stunde und hab sie dabei.
Ich hatte am Ende gezogen. Wollte nicht gehen. Nicht so. Nicht jetzt. Nicht so. Hatte geredet, über Belanglosigkeiten, um daneben weiter in Anwesenheit der Therapeutin nach einem Ort zu suchen, an dem sie bleiben können. Einfach, damit ich sie nicht mitnehmen muss. Nicht jetzt, nicht so.
Ich bin noch nicht bereit, habe keinen Plan, keine Idee, keine Genehmigung von Innen für meine Reflexe. Nein, deine Vermeidungssuppe ess ich nicht, sagt R. und versperrt mir den Lösungsweg.

Ich habe keine Angst. Rede mir gut zu. Gehe auf S. Zehenspitzen durch den Abend.
Ihr Gestank drängt meine Suche an. Ich merke, wie nicht bereit ich bin. Wie ich kotzen will und nicht kann, wie ich weinen will und nicht kann, wie ich in die Praxis zurück will und nicht kann. Wie ich mehr Sicherheit, mehr Unterstützung möchte und nicht bekommen kann. Wie ich auf mich allein gestellt bin und mit jedem Moment, das Gewicht auf mir mehr wird.

Und dann, wie es wieder leicht wird. Wie ich aus der „Hannah-K. lässt sich ein“-Hülle rausschlüpfe und in die „Hannah-K. kriegt das schon hin“-Hülle reingehe. Wie ich den Impuls, mich gnadenlos zu überessen umschiffe, wie ich meine Mails checke, den nächsten Tag plane, den Sprachkurs mache, ein Video gucke, mich umdrehe und in die Leere meines Ich denke, bis ich einschlafe.

Am Morgen danach, das Gefühl des Versagens. Es geht mir gut, ihnen geht es schlecht, wir haben keinen Ort für sie, wir haben sie nur benannt. Innens und ihre Geschichten hochzuspülen und dann nichts mit ihnen zu machen, war noch nie hilfreich. Entweder wir, ich, versuchen sie zu fühlen und mit uns zu verbinden oder wir lassen sie im Schwan verschwinden. Für immer. Integration oder Dissoziation.
Zwischenschritte sind extrem schwer für uns. Die Woche zwischen den Stunden ist zu lang, wenn wir sie nicht irgendwo unterbringen bzw. mehr Abstand zwischen uns herstellen.
In der Zeit werde ich überschwemmt von Erinnerungen, mit denen ich allein bleiben muss. Manchmal, weil sie auszusprechen oder in irgendeiner anderen Form nach Außen zu bringen, das sichere Therapiesetting erfordert, manchmal, weil es Dinge sind, die nichts mit der Gewalt zu tun haben, sondern mit dem Lebenszeitraum, in dem es michuns noch nicht gab. Und ich nicht weiß, was es auslöst, wenn ich über diese Dinge spreche. Innerlich wie äußerlich. Falsche Nachfragen sind genauso gefährlich für mich, wie die falsche spontane Idee oder Frage oder darauf folgende Erinnerung.
Gefährlich, weil ich nie sicher vorhersagen kann, wann es mich raushaut. Aus meinem eigenen Er_Leben. Wann kann ich nicht mehr kompensieren. Wann greifen meine Strategien nicht mehr. Das weiß ich erst, wenn es zu spät ist. Ich bin nicht triggerfrei. Ich kann nur besser alltagsdissoziieren als andere von uns. Das macht mich nicht belastbarer als sie.

Ich schreibe der Therapeutin eine E-Mail mit einer Idee, noch während ich mit R. verhandle und dann auch sie wieder ganz deutlich spüre. Erneut gegen Brechreiz anatme, mich häuten, weg- in weißes Nichts – laufen will, denke: „Das ist mir zu viel so allein.“ und NakNak* auf meinem Schoß seufzt, während sie den Kopf auf die Tischplatte legt. Es ist mir zu viel, dass das Leben einfach so weitergeht und ich sie, die Anderen, bei mir habe.

Mit dem Klick auf den Sendebutton ist das alles wieder weg. Sie, R., die Erinnerungen.
Es ist Alltag. „Hannah-K.-kommt-klar“-Hülle. Ich kaufe Brötchen zum Frühstück und denke „Wenn ich das jetzt nicht aufschreibe, dann ist es für immer weg. Ich kann wählen, was mir wegfällt. Wer mir wegfällt. Welche Spuren ich mir lege, um in einer Woche wieder da zu sein, wo ich jetzt bin. Ich kann meine Hülle wählen. Zufall ist nicht zuverlässig.

Hier ist ein guter Ort für die „Hannah-K.-setzt-sich-mit-den-Anderen-auseinander“-Hülle.“

Hartzjahre

Unsere Betreuerin rief am Dienstag an, um uns zu sagen, dass es noch nichts Neues vom Jobcenter gibt.
Das ist, was sie uns seit August bei jedem unserer Termine sagt. “Ich habe den Antrag, die Anfrage, die Nachfrage, die Forderung geschickt – es gab noch keine Rückmeldung.”

So kennen wir das. Diese boden- wie himmellose Weite des Kontaktes mit der Behörde, die uns die Existenz finanziert. Das Gefühl, mit einer Maschine ohne Ohren zu sprechen. Der Eindruck von Haltlosigkeit, der zur Fassungslosigkeit wird, wann immer dann doch eine Antwort kommt, weil es darin nie um uns, sondern um das System Hartz 4 geht.

Wir beziehen seit bald 15 Jahren Hartz 4. Noch nie waren wir mit Untätigkeitsverhalten der Behörde konfrontiert. Der Schweigestrafe. Danach fühlt sich das für uns an und löst Erinnern an traumatische Erfahrungen aus. Die Bodenlosigkeit wird unendlich. Die Haltlosigkeit zu dissoziativem Erleben. Irgendwann geht es nicht mehr um das Geld, mit dem unsere Existenz finanziert wird, sondern um alles. Leben oder Tod.

Trotz der langen Bezugszeit leben wir nicht prekär. Wir sind arm, ja. Aber wir sind gebildet. Und wir kommen nicht aus der Armut. Unser Habitus ist bürgerlich, typisch für die Mittelklasse. Und wir sind weiß.
Unsere Hartzjahre sind für die meisten weißen Mittelklassenleute Unfairjahre. Realhorror. Boah-das-könnt-ich-nicht-Jahre. Und deshalb könnten unsere Hartzjahre gut in ein Buch passen, das im Feuilleton besprochen wird.

Wir Langzeitarbeitslosen, die dem Klischee vom dummen Ekelfaulenzer nicht entsprechen, sind oft diejenigen, die in Zeitungen zu sehen sind. Deshalb sind wir die, mit denen sich “die Leute” noch am ehesten identifizieren können.

Diese Identifikation stellt sich für uns als hinderlich dar.
Denn wir sind nicht durch einen unfairen Schicksalsschlag, durch Nichtanerkennung unserer ausländischen Bildungsabschlüsse oder bereits chancenlose Eltern im Leistungsbezug. Wir sind Opfer von Gewalt gewesen und schwerbehindert.

2005 waren wir 19 Jahre alt und noch 2 Jahre vom Ausstieg entfernt.
Wir wurden ausgebeutet und verletzt. Betreut, behandelt und so davor bewahrt, uns das Leben zu nehmen. Der Antrag auf Hartz 4 wurde nötig, weil Hartz 4 gerade eingeführt worden war. Wir waren noch in der Jugendhilfe, später in der Eingliederungshilfe. Dass wir kaum lebensfähig waren, das war so überdeutlich klar, aber dieses System hatte schon damals keinerlei andere Vorgänge für Leute wie mich, als den der permanenten Prüfung auf Arbeitsfähigkeit.

Immer wieder waren wir damit konfrontiert, keinerlei Wert für diese Behörde zu haben, weil wir keinerlei Arbeitsfähigkeit vorweisen konnten. “Sie arbeiten weiterhin an ihrer Stabilisierung”, sagten meine ständig wechselnden und dadurch zunehmend gesichtslos werdenden Sachbearbeiter_innen für die aktiven Leistungen.

Und wir stabilisierten uns. Stiegen aus. Begannen zu heilen. Wuchsen aus der Opferrolle in die Überlebendenrolle in die Selbstbestimmung hinein, die unsere Kontexte gewähren können.
Arbeitsfähigkeit war und ist immer ein Teil dessen, worauf wir hingearbeitet haben.
Wir erwarten von unserer Umwelt nicht, dass sie einfach alles für uns bezahlt. Dass wir in irgendeiner Form von der Gesellschaft, die zugelassen hat, dass unsere ersten 21 Lebensjahre so passieren konnten, wie sie es taten, aufgefangen und aus_gehalten werden. Wir empfangen keine Leistungen und danken dem Sozialstaat. Wir bekommen Geld und manchmal fühlt es sich wie damals an, als uns die Leute, die uns verletzten und benutzten Geld dafür auf den Tisch legten. “Mach damit was du willst, Fickstück.”

Unsere Hartzjahre waren noch nie wie in unserer Kindheit. Immer nur wie die Ausbeutungskontexte danach.
Einfach ins Leere zu fassen wie jetzt, ist ganz eindeutig Kindheitstrauma_wieder.er.leben. Keine Ansprechpartner_in zu haben, die irgendetwas verändern kann. Zuständig, ja sogar in der Pflicht ist, zu antworten und sich zu kümmern. Keine Macht zu haben, selbst etwas an der Lage zu verändern, weil die Abhängigkeit so groß ist. Und einzig die Wahl zu haben, sich vom Wohl und Wehe einer weiteren Instanz, nämlich der Justiz, abhängig zu machen, um eventuell vielleicht – mit ungewissem Ausgang, keinerlei Garantie und möglicherweise unangenehmen sozialen Folgen – zu erwirken, dass da etwas passiert.

Man sagt uns, dass das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat. Erinnert uns daran, dass wir betreut werden, dass wir versorgt sind, auch wenn die Behörde versagt. Versucht, uns die Unterschiede klar zu machen.
Aber darum geht es gar nicht. Das ist nie der Kern unserer Traumatisierungen gewesen. Es ging nie darum, dass uns Menschen verletzt haben oder passiert ist, was passiert ist.
Es geht immer um diese Stille. Diese Leere. Dieses Moment, in dem nichts mehr gespürt werden kann, weil es insgesamt zuviel zu spüren gibt.

Von “unseren Hartzjahren” zu sprechen, bedeutet auch von “unseren Jahren in struktureller Gewalt, die von allen gleichermaßen mitgemacht wird” zu sprechen.
Hartz 4 wird vom Staat finanziert. Wir alle bezahlen Hartz 4. Wir alle bezahlen für die Ausübung struktureller Gewalt durch Jobcenter, Sozial- und Versorgungsämter. Niemand ist unschuldig. Alle sind schuld daran.
Und es ist die gleiche Schuld, wie die an unserem Bluten als Kind, unserer Ausbeutung als Jugendliche_r, der Lebensgefahr, mit der wir bis heute umgehen.

Und, na klar, könnten wir das alles bequemer formulieren. Könnten die Gewalt an uns individualisieren und sagen, dass nur unsere Herkunftsfamilie und Fremde uns verletzt haben. Aber so war es einfach nicht. So ist es einfach nicht.
Gewalt wird gemacht. Auch durch stumme Zeug_innen, die glauben, sie hätten nichts damit zu tun, weil sie weder uns noch die, die an uns zu Täter_innen wurden, kennen.
Das zu benennen, haben wir uns zum Auftrag gemacht. Auch, weil die Menschen in unserem Leben nicht müde werden uns zu sagen, dass sie sehen, wie schlimm das alles ist. Wie unfassbar brutal und ängstigend.
Wir brauchen sie aber nicht nur als mitfühlende Zeug_innen. Die hatten wir schon als Kind. Als Jugendliche. Als junge Erwachsene. Als von-der-Gewalt-Übrige. Und es ist trotzdem passiert. Mit allen Schmerzen, allen körperlichen, wie seelischen Folgen.

Wir brauchen Unterstützer_innen. Brauchen politisches Handeln.
Brauchen, dass die Gewalt an sich anerkannt und in der Konsequenz beendet wird.
Und zwar nicht auf dem leichten Weg durch Reformen mit einem freundlichen Namen, sondern durch die harte, unnachgiebige Debatte um den Wert von Menschenleben, Würde und die Sicherstellung von bedingungsloser Versorgung aller Menschen, mit denen wir zusammenleben. Sei es in unserer Stadt, unserem Bundesland, unserem Land, unserem Staat, unserer Welt.

Wenn es uns wirklich ernst damit ist, niemanden verletzen, demütigen oder sterben lassen zu wollen, dann wird es Wege und Mittel geben, das auch ohne Gewalt zu schaffen. Wenn nicht, dann muss das Grundgesetz umgeschrieben werden. Dann muss sich von der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte distanziert werden. Dann braucht es das Bekenntnis zur Täter_innenschaft. Zur Gewalt, zur Zerstörung.

An dieser Stelle darf es kein Spektrum mehr geben, in dem man sich mit Feigenblatt und 3-Affen-Ignoranz positionieren kann. Denn aufgrund genau dieser Optionen entstehen Leben wie unseres. Erfahrungen und Kontexte, in denen normal ist, was wir überlebt haben und so viele andere Menschen Tag für Tag nicht überleben können. Aus genau diesem Umstand heraus, gibt es überhaupt nur die Chance zu glauben, es wäre genug, vor allem auch Langzeit-Hartz4-Überlebenden, zu sagen, dass man sieht und glaubt, wie schlimm das alles ist.
Dass es reicht Kinderschutzkonzepte zu etablieren. Dass es reicht, Seenotrettung nicht zu illegalisieren. Dass es reicht, sich daran zu erinnern, dass wir alle Menschen sind. Dass es reicht, wenn wir nicht die AfD wählen. Dass es reicht, ein Mal am Tag die Tagesschau zu gucken. Dass es reicht, ein absolut zu bewahrendes Existenzminimum für jede_n Einzelne_n zu definieren. Dass es reicht gegen Kapitalismus zu sein.

Das tut es nämlich einfach nicht.
Man muss sich fragen, was man statt der Gewalt will.
Wenn wir unsere Menschen fragen, was sie sich für uns statt Hartz 4 wünschen, dann antworten sie, dass sie uns einen Job wünschen. Geld. Sicherheit. Autonomie. Dass wir leben können wie sie.
Und wir fühlen uns schlecht dabei. Denn wir wollen Sicherheit und Autonomie – aber ohne jede Bedingung dafür erfüllen zu müssen. Wir wollen, was wir schon als Kind so unbedingt gewollt und gebraucht haben – was alle Kinder so unbedingt wollen und für ihr Überleben brauchen: bedingungsloses Miteinander. Fürsorge, Versorgung, Stimulation.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es das nicht gibt. In der alle jeden Tag in dem Wunsch nach Bedingungslosigkeit enttäuscht werden und manchmal so sehr, dass man sich über kleinste Stückchen davon so sehr freut, dass es eine Welt wird.
Wir finden das traurig. Denken, dass Menschen das besser hinkriegen könnten.
Wenn sie wollten.

Und wenn sie könnten, wie sie wollten.
Bedingungslosigkeit geht aber nur mit Bedingungslosigkeit.
Und genau die gibt es in unserer Kultur, unserem Miteinander gerade nicht.

Wir sind am Arsch.

Hello and thanks for coming to my TedTalk

Oberflächenpsychoscheiß

Es ist weit nach Mitternacht. Ich kann nicht einschlafen. Hab schon geweint, mastubiert, getrunken, in 5 einhalb Stunden klingelt der Wecker zum anstrengensten Tag der Woche.
Bei Twitter retweetet @NetKlar Katrin Weßling und fragt: „Was tut ihr alles trotz Angst-/Angststörung?“. Und ich antworte „weiterleben“ und „Und: Tweets wie diesen stehen lassen“.

In der Küche piept die Spülmaschine. Das Geschirr ist fertig gebacken. Meine Kopfhaut juckt. Noch 5 Stunden bis zum Startschuss. Ich denke, dass mich dieser Oberflächenpsychoscheiß bei Twitter nervt. Bei Twitter und in den Blogs. Bei Instagram, bei YouTube. Symptom-Theater. Nichts weiter. Was machst du trotz deiner Angst? Die 5 peinlichsten Dinge, die mich meine Essstörung hat machen lassen. 10 Dinge, die mir bei der Selbstfindung geholfen haben. Der ultimative Tipp gegen Depressionen und Sucht. Meine Flashbacks sind so schlimm, aber ich bin ein starkes Opfer – meine Top 10 Skills.

Ich denke darüber nach, was ich alles trotz meiner Angst mache und denke, dass ich morgen zur Therapie gehe und etwas sage, das ich letztes Mal nicht gesagt habe. Obwohl ich weiß, dass ich das jedes Mal denke und dann doch nicht tue. Noch nie getan habe. Ich sage nie irgendwas.

Ich habe Angst und lebe weiter. Ganz absichtlich. Und niemandem kann ich begreiflich machen, was das bedeutet, weil es über Überwindung, Mut, Kraft oder Ambitionen und Ziele hinausgeht. Meine Ängste sind nicht meine Ängste allein. Sie sind auch meine Identität. Mein Ichwieichbin. Sie zu übergehen, ist mein ganz alltäglicher Selbsthass. Meine ganz alltägliche Gewaltanwendung mir selbst gegenüber. Das selbstverletzende Verhalten, das ich nie thematisieren kann, ohne eine Ohnmacht zu erzeugen, die unaushaltbar für die Menschen um mich herum ist.

Ich habe Angst und schreibe das hier auf. Hier. Und nicht in einer privaten Heimlichschublade, die ich bewachen und verteidigen müsste, damit sie privatheimlich bleibt. Weil es geht. Weil es eine Spur ist. Weil es zeigt, dass es mich gibt.

Noch 4 Stunden und 45 Minuten.
Was ich alles trotz der Angst mache. Das ist die falsche Frage, wenn man nichts ohne Angst macht.
Es ist eine Frage nach Funktionalität. Es ist Oberflächenpsychoscheiß. Warum hab ich drauf geantwortet.

4 Stunden 38 Minuten.
Damits jemand be.merkt. Irgendjemand.
Vielleicht schreibt irgendwann irgendjemand ja mal einen Instapost darüber. Hashtag mentalhealth staystrong keeponfighting

das Ende ist real

Neulich sah ich ein Video von einem Kolibri, der in einem Blütenblatt badete.
Grad lag ich im Bett und weinte. Meine Tränen sammelten sich in den Ohrmuscheln und ich dachte an Ertrinken. Und wieso? Weil ich mir das angewöhnt hab. Als Trost. Ist alles nicht schlimm, kannst ja sterben. Stress? Nicht schlimm, irgendwann ist ja eh Schluss. Angst? Alles gut, ist eh alles nur auf Zeit. Sorgen? Ohnmachtgefühle? Hilflosigkeit? Alles keine echten Probleme, das Ende ist real. Immer.

Ich bin nicht suizidal. Ich bin auch nicht „high functional depressiv“. Ich bin nur bindungsgestört. Meine Bindung ans Leben ist verkorkst und das hat irgendwie weniger mit den Menschen in meinem Leben zu tun als mit den Begleitumständen.
Immer, wenn ich mich gerade eigentlich ganz wohl fühle, passiert so etwas wie heute abend.
18 Uhr Mail von der Betreuerin. Hallo guten Tag, hier Dinge, die ihnen Todesangst machen. Gute Nacht, bis Morgen. Und meine Ver_Bindung reißt ab, als wäre sie nie gewesen. Vorsichtshalber. Sicherheitshalber. Ich erinnere mich daran, immer aufs Sterben gefasst zu sein. Wie auf Regen oder, dass der Bus vielleicht nicht pünktlich kommt. Das beruhigt mich. Das gibt mir Halt. Das ist so sicher. Tod lügt nicht, Tod irrt nicht, Tod ist weder gerecht noch ungerecht. Sterben ist vielleicht nicht schön, sterben tut vielleicht weh und ist schlimm, aber tot sein nicht. Das ist man einfach und es bedeutet nichts mehr außer sich selbst. Das ist so beruhigend.
Und wie unfassbar schön ist es, dass das Leben so ein klares, eindeutiges Sein in all dem Chaos, dem Prozess und Passieren für einfach alles und alle bereithält?

Ich bin einfach zu schnell überfordert vom Leben. In mir kleinem Rosenblatt kann niemand baden, denn ich breche immer gleich weg. Bin, wenn man so will, vielleicht eher ein Mimosenblatt. Ich hasse diese Eigenschaft. Hasse mich dafür, so zu sein. Denke, dass ich nur das zu bieten hab: Loslassen, Haftung verlieren, Verschwinden. Tot spielen, weil es so gut tut, sich einzubilden, dass all die großen schlimmen schmerzhaften Dinge des Lebens in Wahrheit überhaupt nichts bedeuten. Außer den Moment, in dem sie geschehen.

Andererseits kann ich mir selbst die Ohren vollheulen. Hannah kann das nicht.
Vielleicht ist das auch etwas, das nur sich selbst bedeutet.

Notfallkontakte

„Falls mir was passiert.“ Damit leitet der Freund im letzten Sommer eine Aufzählung von 5 Kontakten ein, die wir nach oben in den WhatsApp-Himmel fliegen lassen.
Falls ihm was passiert, passiert uns auch was. Ob wir seine Kontakte dann anrufen können, wissen wir nicht einmal, weil: Was, wenn es weh tut? Was, wenn ihm was passiert und es uns weh tut.
Ein so erschreckender Gedanke, dass wir uns dem nicht mehr nähern.
Die Kehrseite der Katastrophierungsmedaille.

4 Monate später.
Wir sitzen im Wartezimmer der kieferchirurgischen Praxis. Wir werden gleich sediert, um behandelt werden zu können. Harmlos. Aber was, wenn uns dabei doch etwas passiert?
U., die neben uns sitzt und mit uns das Wartezimmer-TV belächelt, weiß nicht mal, wo wir jetzt wohnen. Den Freund hat sie nie getroffen. Sie, die uns seit so vielen Jahren Untersützer_in ist, kennt nur unsere Ausnahmesituationen. Wenn uns etwas passiert, ist sie da, wem aber außer ihr etwas passiert, wenn uns etwas passiert, kann sie gar nicht abschätzen.

Neujahrsmorgen.
Der Nebel ums Haus gibt mir ein Gefühl von Grenzenlosigkeit und hilft mir, mehr „Waswärewenns“, als die gefährlichsten anzunehmen.
Ich setze ein neues bullet journal auf.

3 Wochen später.
Ich ziehe einen Grafikrahmen auf und tippe die Notfallkontakte des Freundes hinein.
Ich ziehe einen Grafikrahmen auf und tippe unsere Notfallkontakte hinein.
Der Drucker streikt, ich kann sie nicht ins journal einkleben und greifbare Option werden lassen.

Am Tag danach fährt der Freund nach Berlin.
Wenn ihm was passiert, gibt es 2 von unseren 5 Notfallkontaktpersonen, die ihn überhaupt mal gesehen haben.

An dem Tag merke ich, dass wir in einer dieser Personen wohl eine Freundin haben.
Die erste, die uns einfach so ins Leben reingewachsen ist.