Fundstücke #9

Immer wenn ich die Treppen zu unserer Neurologin hochsteige tue ich das, um hinauszuzögern, dort anzukommen.
Es gibt auch einen Fahrstuhl. In den springe ich hinein und halte die Luft an, bis ich oben bin, wenn es nur um ein Rezept geht. Das ist wie Pflaster abreißen. Tut fast gar nicht weh. Ist völlig harmlos.

Gestern stieg ich die Treppen hinauf und hörte das Blut in meinen Ohren, wie den Wellengang, den ich mir für dieses Jahr am Meer zu hören gewünscht hatte.
Ich stand in dieser Gischt und wühlte nach Worten, stierte in das weiße Rauschen hinein, um die Wörter, die ich gleich hinausgeben wollte wenigstens zu erahnen.
Und wieder nichts. Seit Tagen ist da so viel Nichts in meinem Kopf und in mir selbst, dass ich mich wie einen Fleischbeutel voller Nichts von der Schulter eines Hipsterg’ttes herunterbaumelnd empfinde.
Ich brauche lange bis die Worte vor mir auftauchen, erst im Sprechen kann ich an das Gefühl herankommen zu wissen, was ich eigentlich sagen will und am Ende sitze ich da und werde vom ersten Landen einer Träne auf meinen Schoß erschreckt.

Dieses blöde Geheule. Das so gar nichts bringt und Kraft kostet, die für andere Dinge gebraucht wird.

Und daneben der Dialog von dem uns die Therapeutin erzählt hat.
Die Ärztin in der Krisenstation hatte ihr gesagt, es würde sie erstaunen, wie jemand der so schwer krank ist bzw. so schwerwiegende Symptome hat, noch nie bei ihr auf der Station war. Und die Therapeutin hatte ihr geantwortet: “Frau Rosenblatt ist eben eine starke Frau.”.
Und daneben der Tobsuchtsanfall über diesen Dialog, der es nicht schafft durch die Wattewand der Medikamente zu kommen.

Die Neurologin glaubt nicht, dass die Sprechprobleme von den Medikamenten kommen und wir glauben nicht, dass in uns Programme laufen oder wir dauergetriggert sind. Wir ziehen unsere Erfahrungen mit Neuroleptika heran, unter denen es immer auch eine Verschärfung der allgemein immer bestehenden Schwierigkeiten der Kommunikation gab. Sie beruft sich wahrscheinlich auf ihre Erfahrungen der Behandlung von Menschen mit unseren Problemen.

Es gibt kein Einzelergebnis. Es gibt eine Vielheit von Optionen des Umgangs.
Und als wir die Tür hinter uns schließen knallt über dem Kopf die Gefängnistür wieder zu. Stille. Rauschen. Flirren. So wenig wir und so viel Angst vor dem was ist, war und könnte, würde, wenn.

Am Abend sitze ich auf dem Bett und versuche ein buntes Mobile fertig zu basteln, das über unserem Bett hängen soll. Daneben warten wir auf einen Anruf und als er kommt, gibt es das Gefühl von einem Sein ins nächste zu schlüpfen und währenddessen auszurutschen.
Nun stellen wir also doch einen Antrag auf Geld aus dem Fonds für Personen, die  – nein ich will das nicht ausschreiben. Die Formulierung ist so falsch – alles daran ist so falsch.
Ich warte auf einen Moment, in dem es so okay ist, wie es sich anfühlen sollte und merke doch nur den Gedanken: “Du wirst gerade angesprochen, als sei wahr, was du sagst. Ist dir das klar du verlogenes Stück Scheiße?!”.

Ich schaue dem Gedanken ins Gesicht und halte meinen Blick bis er in ein so provozierendes Starren übergeht, dass es mich zerreißt.

Ich stehe neben jemandem, der versucht zu schauen, was gut zu bean.tragen ist. Schäme mich dafür, wie teuer die Sachen sind. Schäme mich, weil es so tut als könnten wir irgendwas. Als wäre es nicht alles Zufall, hingepfuscht, rumgetrickst und so fadenscheinig, dass uns immer wieder leid tut, wenn jemand Gefallen daran findet.
Tröstlich ist, dass es anderthalb Jahre dauert, bis die Leistungen, sollten sie bewilligt werden, ausgezahlt werden. Beängstigend ist, dass es anderthalb Jahre dauert.

Ich habe Angst über folgende Wochen nachzudenken, weil ich mir nicht zutraue sie zu leben und tue jetzt etwas, das in anderthalb Jahren Wirkung haben soll. Könnte. Wenn.

Und während ich sehe, woran ich scheitere, weil ich einfach nicht mehr kann; einfach am Ende mit Nerven, Kraft, Herzblut und Kontakt zum eigenen Sein bin, dreht sich die Welt weiter und ich kratze eine Rille in sie hinein, weil ich starr, stumm, still innehalte aus Angst vor all dem hätte würde wenn, das meine Überlegungen, was wir wie verändern könnten, wie einen Ball auf stürmischer See hin und her wirft.

“Sie machen nichts falsch”, sagt die Neurologin.
“Sie kommen einfach her, wir trinken Tee und ich bin da.”, sagt die Therapeutin.

Und beide reißen damit etwas auf, was noch viel  mehr Angst macht, als das unbeholfene Füllen dessen, was man das eigene Leben nennen soll: die Idee, dass man okay sein könnte in Bezug auf etwas und jemanden in dieser Welt.

Trotz all dem.

weh

Die letzte Therapiestunde war eine Art Showdown.
Zum Einen, weil es die dritte Stunde war, in der die Therapeutin vermittelte, sie sähe sich hilflos vor unserer Krise und zum Anderen, weil wir uns erneut die innere Härte legitimiert haben, uns vom Außen zu lösen.

Da kommen dann die Erkenntnisse darum, für andere Menschen wahrscheinlich einfach nur ein Schleifstein gewesen zu sein, an dem man sich so lange reibt, bis man sich wieder seinen eigenen Fähigkeiten widmen kann. Für andere Menschen in seiner Arbeit bloßes Mittel zum Zweck zu sein und keine ehrliche Solidarität erwarten zu können.
Und daneben all die Menschen, die nicht merken, wie sehr es schmerzt, wenn einem aus ganz viel gutem Willen heraus die eigene Ohnmacht vermittelt wird.

Ich habe in den letzten Tagen so oft “Ja, aber er/sie hat es doch nicht böse gemeint…” oder auch “Ja, aber er/sie konnte vielleicht nicht anders, weil …” gehört, dass ich mich bis auf die Knochen aufgeschlitzt und brennend sehe.
Es ist der Umstand, dass ich davor übrig bleibe. Dass es nicht darum geht meine Not zu lindern, sondern ihre Entstehung zu erklären und mir darüber zu vermitteln, mein Gefühl sei falsch, weil die Situation nicht entstanden ist, um mich zu ärgern. Das Verstehen soll mich trösten und wenn ich verstehe und doch noch Schmerzen habe, bin ich wohl überempfindlich, unnachgiebig, nachtragend, bockig.  Vielleicht therapieresistent.

Ich denke immer wieder darüber nach, warum ich gerade so darum kämpfen muss einfach meinen Schmerz anerkannt zu bekommen. Warum ich immer wieder 3 Schritte weiter verortet werde, als jemand, der Erwartungen an die Menschen und Abläufe des Alltags richtet und wie ein schmollendes Kind behandelt werden darf, wenn ich äußere, dass es noch immer weh tut.

Das ist etwas, das mich an der Therapiestunde verletzt hat. Die Interpretation unseres Leidens als Enttäuschung vom Leben.
Als hätten wir Erwartungen an das Leben, die noch zu enttäuschen sind. Als würden wir unsere Tage damit beginnen, Ansprüche zu verfolgen und Erwartungen erfüllt zu bekommen.
Und nicht damit, einfach irgendwie zurecht zu kommen, Absprachen unberührt zu lassen, Zeug zu tun, das man zugesichert hat.

Am Ende der Stunde war klar, dass jemand die Erlaubnis erhält den Körper zu schneiden und, dass dies ein Akt ist, den wir brauchen, um zu spüren, dass wir das Außen nicht brauchen. Um ganz klar und immer wieder zu spüren, dass der Schmerz in uns wirklich ist – auch dann, wenn er vom Außen negiert und irgendwo anders verortet wird.

Wir sind also nach Hause gefahren und haben die Stunde zwischen Therapie und Fotokurs damit verbracht uns selbst zu verletzen, aber den Rahmen um dieses Verhalten herum nicht zu zerstören.
Mir ist aufgefallen, dass manch ein Schnitt auch aussehen kann, wie ein geöffneter Mund, was wiederum das selbstverletzende Verhalten zu einer Art selbsterschafften Mündigkeit transformiert. Es ist als würde man sich zusätzlich zu seinem Mund auf den niemand hört, beliebig viele Münder mehr in den Körper schnitzen und damit seine Gewinnchancen in der Anhörungslotterie erhöhen.

Später im Fotokurs sprachen wir über Francesca Woodman. Eine Fotografin, die sich mit 22 Jahren und nach viel großartiger Arbeit für den Suizid entschied. Der Lehrer sagte, es sei ihm immer so unverständlich, wie so junge Leute sich für den Tod entscheiden. Vor allem Menschen, die in jungen Jahren so großartige Sachen erschaffen. Die so sichtbare Talente haben und darin auch anerkannt werden.
Bei alten Menschen, die sich schon 20, 30 Jahre lang gequält haben, sei es ja noch verständlicher, aber…

Ich saß da und dachte, wie ignorierend bis ignorant mein Lehrer spricht. Wo er seine Berechtigung hernimmt darüber zu urteilen welcher Schmerz Grund genug für die Entscheidungen von anderen Menschen sind. Und warum er überhaupt denkt, beurteilen zu müssen, wann welche Entscheidungen richtig sind oder falsch. Und daneben das Übliche: der schmerzliche Stich, wenn man merkt, dass jemand Talent und Begabung gut findet, aber unterschlägt, was es bedeutet, bestimmte Dinge zu können, die eine Mehrheit der Menschen nicht kann.

Ja verdammt, die Einsamkeit der Begabten ist eine kalte, graue, unfassbar schmerzhafte. Es ist eine Einsamkeit, die von Anerkennung nicht weggeht. Es ist ein Schmerz, der über die Erkenntnis der Besonderheit nicht nachlässt.

Und zum Teufel ja, die gleiche Einsamkeit entsteht, wenn man arm ist und versteht warum das so ist. Wenn man behindert ist, wie wird und weiß, warum das so ist. Wenn man überlebt hat, woran andere starben und versteht warum. Es ist kein Trost zu verstehen, dass es dabei nicht um einen selbst als Person geht, sondern um Kontexte, die einen objektifizieren.
Verdammt – warum sollte es mich trösten ein bloßes Objekt zu sein? Was daran, soll ich als tröstlich empfinden?!
Dass ich egal bin für diese Kontexte? Dass es nicht nur in mir, sondern auch in den Kontexten, in denen ich mich bewege, so etwas wie eine subjektive Einsheit nicht gibt? Es soll mich trösten, dass ich auch nicht sein könnte?
Warum ist dann meine Nähe zum Suizid so eine verwerfliche?

Ich durchbrach das Gespräch über die Fotografin mit der Bitte ins Fotolabor zu dürfen.
Später sagte ich meinem Lehrer, dass ich vor kurzem wegen einer suizidalen Krise im Krankenhaus war. Dass mein komischer Gang, das unwillkürliche Überstrecken der Finger von dem neuen Medikament kommt. Er nickte und fragte, ob es denn jetzt wieder okay wäre.
Ich sagte ihm, dass es einfach verdammt weh tut zu sein. Obwohl ich weiß, dass das eine dieser awkward Hannah-Antworten ist, die noch nie irgendjemand wirklich so verstanden hat, wie ich sie meine. Aber es war mir egal.
Ich hatte einfach keine Kraft dafür ihm zu erklären, dass ES noch nie okay war und vielleicht auch nie okay wird.

Ich habe keine Kraft mehr für die Menschen um mich herum und ihre Ohnmacht, die sie so verzweifelt vermeidungstanzen, dass sie mich zertreten.
Und ich habe keine Bereitschaft mehr sie dafür zu entschuldigen. Es tröstet mich nicht, zu merken, wie viel Angst andere Menschen vor dem Mitfühlen meines Leidens haben.

Es tröstet mich nicht im Geringsten. Es tut einfach nur weh und wirft uns genau in die Alleinsamkeit, in der es eben gut tut sich zu schneiden und sich einzubilden, der Druck des Verbandes wäre in Wahrheit ein Etwasjemand, der einem direkt dort, wo der Schmerz ist, Halt gibt.

Daneben ist es auch die Alleinsamkeit, in der wir pur sind. Brachial. Wüst. Wirr. Weder offen und weich, noch empfänglich und nachgiebig.
Es ist der vielleicht ehrlichste Zustand um sich auszudrücken und Worte zu finden. Vielleicht das einzige Moment, die eigene Essenz als wahrhaftig zu er_leben.

snap

“Sie sind viel zu aktiv für ihre Krankheit”, resümiert meine gesetzliche Betreuerin, nachdem wir gemeinsam festgestellt haben, dass mein Leben eine ökonomische und bürokratische Katastrophe ist, die man nicht mit Arbeit entsprechend unserer Kräfte und bestem Willen verändern kann.

“Und was sagt ihre gesetzliche Betreuerin dazu, dass Sie von – wieviel waren das? 150? 100? Euro leben und arbeiten?”, fragt meine Therapeutin 28 Stunden später und statt mir die Kleider vom Leib zu reißen und in einem weißglühenden Atompilz die ganze Welt zu sprengen, antworte ich: “Sie sagt: “Sie sind viel zu aktiv für ihre Krankheit.”, dabei ist es das Logischste, was man mit meiner “Krankheit” tut.”.

Ich sage ihr, dass meine Tage damit beginnen mich zu spüren und es Stunden dauert bis mir das nicht mehr weh tut. Ich kläre sie darüber auf, dass das Muster, das der Mensch mit Autismus assoziiert und sie mit einem inneren System, etwas ist, dass wir alle haben.
Ich sitze da mit dem Rücken an der Heizung und reiße von mir runter, was mir der Blick anderer Menschen auf mich draufklebt. Zwischendurch bemerke ich den Stich des Absurden, weil ich weiß, dass wir eigentlich die Verabredung haben, dass wir uns in ihrem Raum nicht selbst verletzen oder zerstören.

Es ist absurd, weil ich merke, wie unsichtbar mein Leiden tatsächlich ist. Unsichtbar und fern der Welt, weil es in mir und an meinem Sein passiert.
Im Innen rastet etwas ein, dass mich in der Annahme versichert, jederzeit verschwinden zu können ohne, dass auch nur irgendjemand verstanden hat warum.

Was bliebe sind Fragen wie: “Was ist denn passiert?”
und Antworten wie: “Sie hatte Behördenschulden und kein gutes Leben.”

Und nicht das Begreifen der Tragweite, die das Aushalten der eigenen Seins, des Nichtwissens um ein eigenes Selbst, das Tragen der Gewalt- und Traumafolgen an sich und schon gar nicht die stetige Inkompatibilität und die permanente Unverbindbarkeit mit der Welt darstellt.
Man würde von uns als eine Person sprechen. Als eine Frau, die sich für viele hielt. Man würde uns misgendern, man würde uns falsch zitieren. Man würde sich uns nehmen und so zurecht reißen, wie es selbst am Besten tröstet.

Obwohl wir seit Jahren hier schreiben. Obwohl wir seit Jahren immer wieder das Gleiche sagen. Obwohl wir seit Jahren so ein special Sonderfallproblemrotz an der Schuhsohle von Sozialsystem und Rettungslobby sind. Nervig, aber da. Anstrengend, aber doch das perfekte Beispiel für die Notwendigkeit von spezifischem Engagement und by the way die Ressource, die man verpassen könnte, obwohl sie doch gut zu be_nutzen sein könnte.

Wir sind immer gut zu wissen. Es lohnt sich uns zu kennen, weil es erschütternd und beinahe unerträglich die eigene Comfortzone berührend ist. Leider ist es genauso unerträglich sich mit uns zu verbinden, denn so richtig integrierbar ist es dann doch nicht. Spätestens bei der Frage, wie das denn gehen soll, ist das zu spüren.
Aber wir sind ja da und das ist ja immer gut zu wissen, denn wer weiß, wozu es mal noch gut ist, uns zu kennen.
Vielleicht braucht man mal jemanden, der einem was zeichnet, was aufschreibt, was erklärt, ein Tier rettet oder eine Wohnungseinrichtung zusammenzimmert. Vielleicht braucht man irgendwann mal wieder so einen erfrischenden Schock, der einem das Weltbild zurechtrückt und die eigenen Privilegien ins Bewusstsein ruft.

Ich weiß nicht, ob irgendjemandem klar ist, dass wir leiden und genau deshalb irgendwie relevant für Menschen in bestimmten Situationen, Lebenslagen und Weltbildern sind.
Ich weiß nicht, ob meiner gesetzlichen Betreuerin klar ist, dass sie mir auf eine Art gesagt hat: “Es wäre besser, wenn sie sterben, weil das System mit ihrem Tod besser umgehen kann.”.

“Wir sehen uns am Donnerstag”, sagt die Therapeutin und ich antworte noch im Verbrennen “Okay.”.

sechsundzwanzig

“Sie machen also richtig Ferien”, fragt die Therapeutin in den Raum hinein. Ich betrachte die Frage in ihrem Flug an die Stirn des Kinderinnens, das vor ihr sitzt und möchte mich tot lachen, als dieses nickt.

You say „Ferien“ I say „Hartz4–Alltag“. You think „Ausruhen“ – I think „FUCK OFF“

Das Gespräch verwandelt sich zu einem entleerenden Frage-Antwort – Ping Pong und ich lasse los.
Weil Ferien sind und es egal ist, wie es uns nach der Stunde geht. So oder so gehen wir nach Hause, schlucken die zweite Zahnschmerztablette, lesen, teilen, zeichnen, bearbeiten Fotos, rangieren Not von links nach rechts, gehen mit dem Hund raus, kochen, schauen YouTube-Filme und schlafen ein, wenn die Frühschicht zur Arbeit fährt.

Es ist nichts da, was macht, dass es uns so geht.
Ich bin einfach traurig. Ich leide einfach und es gibt nichts, was das abkürzen könnte.
So ist Depression.

Keine Wörter, keine Gründe, die man wie ein Ursache-Folge-Spiel zusammenkonstruieren kann.
Es war halt viel und es war halt viel Scheiße und es wird auch später noch viel Scheiße da sein.

In zwei drei vier … Tagen, Wochen, Monaten werde ich weniger drunter leiden.

Kein Grund irgendwas zu sagen. Kein Anlass irgendwas zu teilen.
Keine Rechtfertigung um etwas zu bitten.
Es würde nichts verändern.

das awkward-eiskalte Herz

Ob ich traurig bin, weiß nicht.
Wütend? Keine Ahnung.

Ich dachte lange, meine Unsicherheit in Bezug auf mein emotionales Empfinden, hinge damit zusammen, dass ich es immer dissoziiere oder, dass ich ein intellektualisierender Mensch bin. So sage ich erst, dass ich traurig bin, ich wenn ich die Situation auf Marker für Traurigkeit untersucht habe. Ich benenne meinen schnellen Puls und das Ziehen im Zwerchfell, erst dann als Wut, wenn ich eine Ungerechtigkeit, einen Wortbruch oder sinnlose Zerstörung wahrgenommen habe. Beschämung und Demütigung berührt mich, weil ich die Umstände, die mich beschämen in aller Regel nicht verändern kann, was mich ohnmächtig macht, was wiederum ein allgemeiner Marker für Verzweiflung und Wut ist.
Spontan in mir auftauchend habe ich das nicht auf diese Art.
Meine spontanen Empfindungen sind “Thiiii” oder “Gnah” oder “Hrgm” oder “Oharr”. Je nach Melodie sortiere ich sie dann in eventuelle Wut, Trauer, Unwohlsein oder Fröhlichkeit und prüfe darauf hin meine Umgebung.

Im Moment frage ich mich, ob ich nicht vielleicht doch eine Art eiskaltes Herz bin.
Ich benutze Menschen. Das ist nichts Neues und die Menschen, die mit mir arbeiten, wissen das. Manche glauben mir das nicht und sind gekränkt, wenn sie irgendwann feststellen, dass ich sie nicht angelogen habe, weil sie mir aus ihrer Kränkung heraus nicht mehr vorwerfen können, ich hätte sie angelogen und glauben lassen, es wäre mir ausschließlich um sie gegangen.
Niemand mit der_dem wir näher zu tun haben, hat von uns noch nicht gehört, dass wir komisch mit Menschen sind. Dass wir uns als Freundin nicht eignen und, dass wir sie vergessen, wenn wir nicht regelmäßig mit ihnen zu tun haben.

Und dazu kommt, dass uns nicht geglaubt wird, wenn wir sagen, dass uns die Menschen selbst in aller Regel egal* sind, weil sie allein uns nicht reizen.  Es gibt viele Dinge um Menschen herum, die uns reizen und beschäftigen, weil wir sie nicht verstehen, oder wir die Lässigkeit mit der sich manche Menschen auch mit unsinnigstem Zeug befassen nicht nachvollziehen können zum Beispiel.
Es gibt auch viele Dynamiken, die uns nicht gefallen und die wir für die Menschen gerne verändern, weil wir Handlungsoptionen sehen. Aber wären diese Dinge, um die Menschen herum nicht da, würden wir uns nicht mit ihnen befassen.

Ich habe eine Idee von der Kränkung, die damit einhergeht zu wissen, dass es mir im Kontakt nicht um den Menschen selbst geht, kann sie aber gleichsam nicht nachvollziehen. Gerade dann nicht, wenn ich von Anfang an sage, dass es so ist. Solche Kränkungen sind nicht rational genug für mich.

Vor ein paar Monaten haben wir gemerkt, dass wir uns an die Therapeutin gebunden haben. Dass unser Zutrauen zu ihr eine Ebene hat, die fremd ist.
Da hatten wir zum ersten Mal reflektiert, dass unsere noch am Einfachsten funktionierenden Beziehungen die zu unseren Therapeut_innen waren, weil die beiderseitige Be_Nutzung immanent ist. Wir brauchen uns nicht daran aufreiben Angst davor zu haben, dass wir die Therapeutin vergessen, weil sie sich schon auch mal selbst um den Kontakt zu uns bemühen wird. Wir brauchen keine Angst davor haben, dass eine Kränkung von uns in ihr auf eine Art vor sich hin wirkt, dass sie uns wegtreten muss, weil sie so etwas an sich zu reflektieren und zu kompensieren geübt ist.
Unsere Therapeutin braucht uns nicht und die einzige Dynamik, die uns um sie als Mensch herum reizt,  ist ihre Arbeit an/mit uns.

Ich denke, dass unsere Performance mit Menschen umzugehen zu wenig einbezieht, auf irrationales und radikal destruktives Handeln einzugehen.
Da gibt es nur das Schockdissoziieren, das uns den Moment überstehen lässt und reaktives Erfassen der Gesamtlage mit allen Komponenten, Dynamiken und inneren Mechaniken. Man streitet sich nicht gern mit mir, weil ich das, was ich sehe, meistens auch noch mitteile, weil ich in aller Regel das Moment verpasse, an dem meine Schilderungen als von den Menschen selbst losgelöst angehört werden können.
Ehrlich gesagt habe ich diesen Punkt noch nie erwischt und werde ihn vermutlich auch nie erwischen, weil radikal destruktiv handelnde Personen in einem irrationalen Modus sind, der keine Kapazitäten für mein – nun ja – intellektuelles Geschwafel  detailliertes Erklären meiner Sicht der Dinge, übrig lässt. Aber eine andere Art der Reaktion ist schlicht (noch) nicht in unserem Repertoire.

Klar schimpfen wir auch mal zurück, aber befriedigend ist das eher selten, weil ich meistens schon noch merke, was ich da für einen Quatsch sage.
Hat man sich eigentlich mal Gedanken darüber gemacht, warum ausgerechnet “Arschloch” beleidigen soll? Eigentlich ist es doch ein sehr wichtiges Körperteil – alle sollten froh sein eins zu haben und sich das Wort vielleicht eher in einem anerkennenden und wohlwollenden Kontext sagen.

Wir haben uns gestern überlegt, dass wir in Zukunft mit Dingen beleidigen könnten, die wirklich nicht toll sind. Sowas wie “Du Wurst mit 4 E-Stoffen drin!” oder “Du Sackgasse ohne Wendemöglichkeit!” Aber da merke ich wieder, wie wenig meine Sicht der Dinge passt. Niemand würde sich so beschämt fühlen wie ich, würde si_er von mir damit beleidigt.

Und dann ist da ja noch Versöhnung und Verzeihen. Oder Buße und Erbarmen.
Ich habe meistens keinen Anlass dazu, weil ich in so ziemlich allen Konflikten eher eine ganze Palette von logischen Folgen sehe (wenn ich sie denn sehen darf in einer Aussprache oder einer gemeinsamen Reflektion), als eine Palette von Schuldaspekten, derer man sich durch Buße, Sühne oder Entschuldigung entledigen muss. Schuld ist heutzutage reichlich irrational, wenn man sich außerhalb juristischer oder religiöser Kontexte bewegt.
Meine These: In Wahrheit weiß heute niemand mehr wirklich was Schuld ist und hält die verzerrte Kopie eines wahrhaft schuldhaften Aktes einer anderen Person für Schuld.
Die Irrationalität beginnt einfach schon genau damit, Schuld trotzdem zu benutzen. Auch wenn man eigentlich nicht weiß, was das ist und es keinerlei konkreten Konsequenzrahmen im Zivilleben dafür gibt. Wer mit Schuld arbeitet, macht sich zum Richter und das ist Gewalt. Wer sich in Schuldgefühlen wähnt, eröffnet eine Falle für jeden Mitmenschen über sich zu richten, ob die Menschen das wollen oder nicht. Auch das ist Gewalt.

Wir schweben nach Konflikten immer etwas desorientiert herum, weil wir uns nicht mit Schuldgefühlen oder Buße tun beschäftigen. Es gibt keinen Grund sich zu entschuldigen, denn Schuld können wir nicht sehen. Es gibt keinen Grund zur Trauer, denn wirklich verloren hat man nichts. Es gibt keinen Grund zur Wut, denn ohnmächtig im Schock sind wir ja nicht geblieben.

Eigentlich gibt es nur die Option zu merken:
“Ja Hannah, du bist ein wirklich awkwarder Mensch”.
Und das ist ja nun nicht wirklich neu.

Hm.

Es geht weiter. Alternativen sind gefunden, Wege werden gegangen, um sie irgendwann als Weg bezeichnen zu können.
Das Multiple lässt sich nicht aufhalten. Es windet sich entlang von Brüchen, fasert sich auf und umhüllt die Lücken mit zarten Strängen eines Ich.

Nichts ist so tragfähig wie das Ich in Menschen, die sich selbst haben retten müssen.
Menschen mit dissoziativer Identitätsstruktur gehen öfter Jahre verloren, Lebensqualitäten und Erfahrungen jeder Art flöten, weil sie selbst in der Reflektion einzig das spezifisch produzierte Ich über ihren Brüchen sehen können.

Ich bin schuld. Ich bin falsch.
Hätte ich, würde ich, könnte ich

So bekannt die eigene Awkwardness ist, so bekannt ist die Dynamik.
Es ist die Straße mit dem Loch, in das wir schon so oft hineingefallen sind.
Und die wir nun von der anderen Straße aus betrachten.

Seelentod

Dass ich gestorben bin, habe ich erst 20 Jahre später gewusst.
Da war ein gleißender Schmerz, ein dumpfer Ruck und dann ein Nichts, das im Rascheln unter mir zerrieben wurde.

Es gibt Menschen, die nennen die Vergewaltigung eines Kindes auch “Seelenmord”, weil sie dieses eine Sterben zu benennen und zu kontextualisieren versuchen.
Der spezifische Tod danach hingegen bleibt unbewortet, weil auf diese Art zu sterben in unserer Gesellschaft auch bedeutet zu verschwinden.

Manche verschwinden unter Scham und Schulddynamiken. Manche verschwinden unter dem Hass der Täter_innen, der sich seinen Weg bis in die tiefsten Winkel des Selbst derer, die zu Opfern wurden, frisst. Manche verschwinden, weil sie als Erwachsene keine Kinder mehr sind. Manche verschwinden, weil sie vergessen wollen. Manche, weil sie vergessen werden wollen. Manche, weil sie ignoriert werden.

Manche verschwinden unter der Unbewortbarkeit ihres Todes.
Was keine Worte hat, ist nicht.

Mein Tod war das Nichts.
Mein Tod war das “Es ist nichts – mir geht’s gut.”. Das “Mir fehlt nichts.”. Und das “Sie hat nichts.”, das meine Kinderärztin diagnostizierte. So wie das “Sie kann nichts.”, das heute zwischen den Zeilen der Gutachten zu meiner Arbeitsunfähigkeit und Schwerbehinderung steht.

Nach meinem Tod lebte ich neben der Welt und schwamm im Lauf der Dinge umher.
Fassungslos. Grenzenlos. Allein.

Ich dachte lange, es gäbe so etwas, wie eine Wahl darum, wie tot man ist, wenn das Herz schlägt, doch die Seele klitzeklein und leichenstarr in seinen Kammern herumklappert.
Ich dachte, mein Seelentod sei ein Geheimnis, wie der Mord an ihr.

Ich dachte lange, es wäre falsch von einem Tod zu sprechen, weil die Menschen sich auf das Sterben konzentrieren, um es an anderen Menschen zu verhindern.

Doch erst mit der Erkenntnis ihres Todes, berührte ich meine Seele.
Mit der Akzeptanz ihres Todes, getraute ich mich, sie mir genauer anzusehen.
Mit den Einsichten, die ich gewann, kamen die Worte.
Und als ich sie, betrauert und in warmer Zuneigung beerdigen wollte, erfüllte sie mein Herz.

20 Jahre nach meinem Tod, bekam ich eine Idee vom Leben.

*mein Beitrag zu “tausend Tode schreiben” – es werden noch bis zum 15. 9. Texte angenommen, die keiner Nachbearbeitung mehr bedürfen.
Alle Rahmenbedingungen stehen hier

wenn etwas ist

Und dann steht da die 16 jährige “darkcloud” und soll wählen, wo gar nichts zu wählen ist.
Soll frei entscheiden, obwohl sie unfrei ist und keine Entscheidung von ihr tragbar ist.
Sie soll leben. Sie soll sich nicht verletzen. Sie soll was sagen. Sie soll etwas verstehen wollen. Sie soll sich gut fühlen. Sie soll nach innen hören, ob jemand mithört.

“Ich weiß noch, dass es mich ewig beschäftigt hat, ob man das Hören der anderen hören kann. “

Der Ton ist grässlich, das Bild unscharf. Die Spannung unerträglich.
Selbst 13 Jahre später schafft sie es, sich über das Videomaterial um meine Brust zu legen und mir den Atem zu nehmen.

Während ich ausatme und ein Stoppsignal nach vorne gebe, drehe ich mich nach innen.
An den Rändern murmelt es und im Inmitten weint es.
Das Rauschen des Tons und die Spannung verleiten mich dazu, vom Innen wegzutreiben und kurz bin ich dankbar für den Fersensporn mit dem wir an dem Tag schon 20 Kilometer gelaufen sind.

Ich merke an der Seite einen Flashback und beschließe das Ende des Versuchs.
Mit Traumakonfrontation habe ich nicht gerechnet, obwohl mir schleierhaft ist, warum eigentlich nicht.

Als wir in die milde Sommerwärme hinaus treten, wähle ich eine schlichte Mustermusik und lasse S. allein in der fremden Stadt.
In den letzten Wochen habe ich verstanden, dass ich ihn nie hören werde. Er ist nonverbal und spricht mit Bildern. Wenn er kann, schreibt er.
Darauf muss man erst mal kommen.

Als wir an Wasser vorbeikommen setze ich mich ins Gras und wiege das Telefon in der Hand. Ich möchte mehrsam sein. Mich verbinden. Ich möchte mitteilen, dass es weh tut. Ich möchte Erleichterung.  Am Ende spreche ich mit einer Viele-Gemögten und wähle dann die Telefonnummer der Therapeutin.

Über uns kreist ein Vogelschwarm. Ab und an quakt eine Ente.
Und die Welt dreht sich weiter.

Niemand wusste, dass “darkcloud”, M. und die anderen, sogar auf dem Klinikgelände von Tätern angesprochen wurden. So sagt es die Therapeutin, die damals mit ihnen gesprochen hatte und die Gesprächsaufzeichnungen heute für uns zugänglich gemacht hat. “Die hatten ja alle keine Ahnung, wie gefährdet ihr noch wart.”, sagt sie und ich frage mich, ob sie Ahnung hätten haben können.
Ich glaube, wir hätten mehr äußern können, wenn wir nicht hätten frei drauflos sprechen müssen. Wir haben noch nie einfach nur Substantive benutzt oder angedeutet und uns darauf verlassen, dass die Menschen, denen wir sie übermitteln verstehen, welche Wörter darin sind. Wir kommunizieren nicht symbolisch.

Wir essen wildgepflückte Brombeeren und schauen dem Wasser beim Fließen zu. Ich lasse die gesehenen Bilder an mir vorbeiziehen und betrachte mein Mitleid. Die Personen, die versuchen zu helfen, zu versichern, zu beruhigen und das Mädchen in schwarz, das einzelne Worte nach vorn scriptet und sich Antworten abkämpft, noch während es in Todesangst und allgemeiner Desorientierung ist. Ruhig auf einem Stuhl sitzend.

Ich verstehe noch einmal mehr, warum es Helfer_innen schwer fällt anzuerkennen, dass Situationen, in denen sie ihre Arbeit so gut machen, wie sie es können, traumatisch auf die Personen wirken können, denen sie helfen wollen.
Man sieht es nicht. Es gibt keine Schreie, kein Blut, keine Zerstörung. Es gibt nur eine sich langsam zersetzende innere Konsistenz bei gleichzeitiger Anpassung.

Ich erinnere mich daran, dass irgendwann jemand sagte, M. sei tot. C und C wären jetzt an ihrer Stelle da. Leider weiß ich nicht, ob das verstanden wurde. Ob klar war, dass es einen massiven Bruch gegeben haben musste, wie er nur aufgrund von toxischem Stress zustande kommt.
Noch während wir in der Klinik waren – dann ohne Täterkontakte. Ich weiß nicht, ob das jemals irgendwie als Idee im Raum stand: “Könnten wir “die sechszehnjährige E.” mit dem, was wir implizit verlangen, so massiv überfordern, dass es für ihr Gehirn die gleichen Auswirkungen hat, wie es die Überforderungen  durch absichtliche physische und psychische Verletzung der Täter_innen hatten?”.
Wo steht der Diskurs der Fachwelt um die Frage wie freiwillig Kinder und Jugendliche eigentlich in eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung einwilligen können? Welche Definition von Konsens liegt dem zugrunde?
Wie freiwillig waren wir dort und lauschten nach einem Hören der anderen, wenn die Wahl war, zurück in ein Heim für geistig und körperlich behinderte Menschen mitten in den Wallakutten zu ziehen, wo es immer wieder zu Übergriffen von Täter_innen kam oder sich das Leben zu nehmen? Ist “das kleinere Übel mit Hoffnungsschimmer”, nicht eben doch auch ein Übel?

Aus C. und C. sind später die Rosenblätter hervorgegangen. Also auch ich.
Ich mag über die eineinhalb Jahre Klinikzeit nicht sagen, sie hätten nichts gebracht.
Das stimmt nicht.
Aber wir hätten etwas anderes gebraucht.

In einem Utopia wäre die DIS-Diagnose, genau wie die Autismus-Diagnose, spätestens in der zweiten Klinik gestellt worden. Da waren wir 15 Jahre alt und hatten erst 5 Suizidversuche hinter uns.
Es hätte eine Pflegefamilie oder eine Kleinstwohngruppe gegeben, die sich mit einem 1:1 Betreuungsschlüssel um uns kümmern konnte. Wir wären auf eine integrative Gesamtschule gekommen und hätten jeden Schulabschluss machen können, den unsere Leistungsfähigkeit hergibt. Wir hätten kompetente Traumatherapie bekommen durch Therapeut_innen, die nicht an uns lernen, sondern mit uns.
In einem Utopia wäre es uns erspart geblieben von Hilfemaßnahmen auf eine Art traumatisiert zu werden, die ein spezifisches Funktionssystem für Therapie hervorbringt.

In einem Utopia hätten wir nicht jahrelang gedacht, wir wären ein schweigsames Opfer.
In einem Utopia hätte man unser Sagen gehört.

Ich stehe auf und laufe zum Bahnhof.
S. gefällt die Musik und die kleinen Wasserfontänen auf dem Vorplatz. Er deutet auf das im Sonnenlicht glitzernde Wasserspiel und lächelt selig.

Der Gedanke: “Wenn etwas ist, dann muss man sich damit auseinandersetzen.”, zieht durch mein Denken.
Ich schreibe das Inhaltsverzeichnis für unser Buch nieder.

keine neue Hölle

Eine Woche später habe ich neue Wörter für das, was passiert ist.
Erstaunlicherweise haben diese Wörter keinen Bezug zu Wahnsinn oder Irre, sondern sagen am Ende nichts anderes, als das, was ich empfunden habe.

Zusammenbruch und Abschottung
Meltdown und Shutdown

Nicht: “akute Psychose” und auch nicht: “schizoider Wahn”.

Morgen ist der erste Kontakt danach.
Einerseits merke ich, dass ich mir Sorgen darüber mache, wie viel mein Wort über dieses Ereignis zählt, andererseits merke ich eine Art ruhige Bestimmtheit, die sehr klar nur das zu gelten gedenkt, was in Frage zu kommen erscheint.

Man kann viel aus Krisen lernen und das sage ich nicht, um unser derzeitigen einen Sinn zu geben, sondern weil es so ist.
In Krisenzeiten versagen Schutzschilder und in unserem Fall ist das vielleicht der einzige Zustand, in dem wir Aspekte von uns, unserer Wahrnehmung, unserem Denken und Werten wahrnehmen können, ohne, dass sie durch jeweilige Funktionen nach außen verändert sind.
Jede depressive Krise verzerrt die Kognitionen und Aktionen, zu denen man fähig ist – das ist das Wesen der Depression: der neuronale Scheintod.
Abschaltung zur Sicherung des Überlebens.

Depressionen sind der neurologische Winterschlaf vor Überforderungen, Einsamkeit, Trauer, Verlust, Angst. Depressive Gehirne können aufwachen, wenn sie positive Bindungserfahrungen machen, wenn sie mit genug Melatonin versorgt werden, wenn sie nicht hungern oder dursten müssen. Wenn sie sich erholen können. Wenn sie es sich erlauben dürfen, ihre unverarbeiteten Datenknäule als körperliche Bagatellen sichtbar zu machen.

Wir sprechen seit Wochen von Überforderungen und einem undefiniertem Zuviel.
Sagen immer wieder, dass wir zeitweise keine Fähigkeiten haben zu sprechen. Wir sagen: “Wir können nicht entspannen.”. Wir sagen: “Wir können nicht schlafen.” Sagen: “Wir erinnern.”.
Und unsere Therapeutin fragt: “Warum?” und “Was bedeutet das?”.
Mitunter reißen die Tobenden an ihren Ketten und schreien sie an. Sie reißen an der Barriere zur Präsenz, weil “Warum?” die falsche Frage für uns ist.

Es ist nicht die Frage, warum wir in eine Krise rutschen, wenn wir erfahren, dass unser Denken und Wahrnehmen schon immer grundlegend anders war, als bei anderen Menschen. Wenn wir merken, dass unsere berufliche/finanzielle Situation nicht von uns allein zu verändern ist. Wenn wir merken, wie viel Innen wie sehr anders ist, als wir. Die Rosenblätter, die in den letzten 4 Jahren dieses fragile IST gehalten und getragen haben.

Es ist nicht die Frage nach der Bedeutung der Ereignisse – es ist die Frage nach dem Ausdruck der Ereignisse.
Es ist die Frage, warum das Schweigen im Reden so laut ist.

Und warum das Schweigen in seiner ständigen Präsenz nicht gleichsam problematisiert wird, wie die Kapitulation vor der Überforderung.

“Das Schweigen der Opfer”, ist eine der Formulierungen aus der Massenpresse, die mich am meisten verletzt hat, nachdem ich meinen Moment des Bewusstwerdens der eigenen früheren Opferschaft erlebte. Viel Zeit verging, bis ich meine Äußerungen als Reden ohne Aussage enttarnte. Lange hat es gedauert bis ich verstand, dass mein Reden entstand, weil niemand unser Sagen versteht.

Eine spezielle Hölle ist die, die man nicht in der gleichen Sprache abbilden kann, wie sie die Menschen um einen herum verwenden. Eine spezifische Frustationsquelle ist es, wenn immer wieder Worte stehen und sein sollen, die nicht passen.
Es überfordert, ängstigt, löst Trauer und Einsamkeitsgefühle aus, diese Hölle zu spüren und nicht verlassen zu können.

Neben all dem merke ich Veränderungen, die für andere Menschen Fortschritte heißen.
Der Umstand, dass uns die Therapeutin inzwischen wichtig genug ist, dass wir uns so (über)anstrengen, wie wir uns (über)anstrengen, dass sie begreift, was wir zu sagen aus uns rauswürgen. Solche Kraftakte haben wir für andere vor ihr nicht auf uns genommen.
Von anderen haben wir uns finden lassen – haben Waffen nieder- und Schutzschilde abgelegt und angefangen zu reden.  Da gab es Entlastungen, da gab es Entwicklungen. DAS DA hat sich aber immer erhalten. Unbewortet.

Und die eigenen Ränder, die als wahrhaft anerkannt werden. Nicht als subjektive Grenze und nicht als Ende des WIR, aber als Anfang von dem, was nicht mehr WIR ist. Da ist das Bemerken, dass “die Anderen” erheblich weniger Angst davor haben abgelehnt zu werden, als nicht zugehörig zu sein.  Da gibt es so eine Ahnung von einem Bewusstsein um sich, das ist, auch, wenn man gemieden wird.

Vielleicht gehe ich deshalb morgen da hin, obwohl ich es lieber vermeiden würde.
Weil sie mir das Gefühl geben, ich könnte alles im Außen verlieren und wäre trotzdem noch da. Weil sie mir mit ihrem ruhig bestimmten Wissen vermitteln, dass es nichts Neues wäre. Nichts, was sie nicht schon viele Male überlebt hätten.
Keine neue Hölle.

Verbindungen

Die Therapiestunde endete mit einem Flächenbrand, der unterm Scheitel begann, sich über einen Krampfanfall auf den gesamten Körper verteilte und bis in den späten Abend unterm Denken schwelte.

Menschen verstehen nicht, wenn wir versuchen zu vermitteln, wie schwer Sprache wird, wenn es uns nicht gut geht. Die wenigsten wissen, dass wir in Krisen seit Jahren das Fingeralphabet und einzelne Grundgebärden nutzen, um zu kommunizieren. Die meisten wissen, dass wir Menschen meiden, wenn wir nicht sprechen können. Die meisten denken, wir wären dann lieber allein. Niemand denkt daran, dass die Kluft des Missverstehens zwischen uns auch ein Grund ist.

Dass es der Weg zu Worten ist, der alles erschwert, wenn wir zwischen Erinnern und Nachspüren stehen und auf Impulse aus dem Heute reagieren sollen, haben wir gestern verstanden.

Das Hier und Heute verlangt nach Reaktionen, die bestimmte Formen haben muss. Der Mindeststandart sind Lautsprache und Blickkontakt. Ist das nicht gegeben, wird geraten und nachgefragt. Wird mit jeder Frage eine Palette von optional gemeinten Räumen eröffnet, von denen einer zu wählen ist. Exakt einer führt zielgenau zu dem Verstehen, das gebraucht wird – die anderen schließen dieses Verstehen nicht aus, führen aber zu weiteren Fragen mit neuen Räumen und Wegen, die zu gehen sind. Auch dann, wenn man keine Kraft dazu hat.
Hier kommt die Zeit <—-> Kraft –Dynamik dazu.
Je mehr Kraft wir in ein Hier und Heute pumpen müssen, damit es uns versteht, desto weniger schaffen wir es dauerhafte Belastungen zu kompensieren. Wie zum Beispiel überflutende Körpererinnerungen, Pseudohalluzinationen, den Drang die Satzbausteine rauszuwerfen, die mit am wenigsten Anstrengung zu greifen sind, den Impuls das zu Sagende nicht mehr zu kontrollieren oder schlicht Dinge zu tun, die uns entlasten, aber im Hier und Heute nicht okay sind (selbstverletzendes oder spezifisch selbstansprechendes Verhalten).

Es hätte uns gut getan, real verletzungsbedingte Schmerzen zu haben oder im komplett Dunklen oder Stillen oder Eingeengten zu sein.
Paradoxerweise hätte es uns wahrscheinlich am Besten geholfen, zurück zu einem “normalen” Reiz-Reaktionsmuster zu finden, wäre die Gewalt, die für uns neben dem Jetzt passierte, das Jetzt gewesen.

Wir haben Anfang dieser Woche unser Podcast “Viele-Sein” mit den Sommers aufgenommen (wird bald veröffentlicht) und dabei auch darüber gesprochen, dass durch den Ausstieg ein Faktor in unserem Leben wegfiel, der vieles in uns zusammengehalten hat: die Gewalt.
Nach gestern und im Zusammenhang mit den Überlegungen um die Autismusdiagnostik denke ich auch: die Reize und die Eindeutigkeit, die mit der Gewalt einhergingen.

Manchmal blende ich (erwachsenes Alltagsinnen) aus, wie auch aufgefasert frühere Gewalt schon auf uns eingewirkt hat. Wir wurden misshandelt – aber das war nicht immer das, was einen Leidensdruck auslöst. Manchmal kommt der Leidensdruck eher aus einem Bedauern des gegenseitigen Missverstehens oder anderen Dynamiken, die nicht dazu führen, verbunden zu sein.
Dazu gehörte schon früher auch: die Un_Logik von Gewalt zu durchschauen, eine Idee von Opportunismus als Faktor von Gruppengewalt zu haben, loyal sein zu wollen, aber andere Kontexte nicht ausblenden zu können – zusammengefasst vielleicht: das eigene Denken nicht unterdrücken zu _können_  obwohl man doch sehr möchte und merkt, dass die dominierenden Personen das doch auch so gern möchten.

Zwischenmenschliche Gewalt gilt als zusammenhängend mit Trennung. Wenn jemand jemandem Gewalt antut, dann muss eine Trennung her. Separation gilt als (einziger) Weg des Umgangs. Stichwort: Alle in den Knast (in Therapie/ Psychiatrie/Rettungseinrichtung/helfende Hände)
Manchmal frage ich mich, ob von uns erwartet wird, vor allem deshalb unter der Gewalt auch im Nachhinein zu leiden, weil es moralisch schlimm ist, Gewalt erfahren zu haben und moralisch schlimm ist, Gewalt auszuüben.

Für mich ergibt sich aus diesem moralischen Anspruch, die Trennung zum Leiden darunter, dass sie nicht mehr so passiert, wie ich mit ihr umgehen kann und ein Verbot, Dinge als quälend, schlimm, (gewaltvoll) zu empfinden, die für andere Menschen einfach so damit einhergehen ein Leiden lindern zu wollen.

In meinem Erleben war es ein Kraftaufwand bis an den Rand der Therapeutin zu sagen: “Wäre ich jetzt zu Hause, würde ich einen Krankenwagen anrufen.” – ich weiß nichts mehr von dem, was danach geschehen ist, außer einem zerreißenden Impuls aus dem Nicht-IchWir nach dem anderem.
Fragen, Berührungen, Entscheidungen, Geräusche, Licht, verwirrende (Decken-) Muster in einem Vielzuviel, das keinen Kontext mehr hatte und nicht mit mir zu verbinden war. Ich konnte mich nicht mehr verbinden und gleichzeitig mich selbst nicht berühren.
Im Bericht aus dem Krankenhaus wurde daraus “Lichtempfindlichkeit – eventuell liegt eine Migräne vor”.
Meine Versuche mich ausdrücken verwandelten sich in “psychomotorische Unruhe”.

3

18.32 Uhr, 4 Stunden nach dem Anfall und der Gabe von Schmerzmitteln und einem leicht sedierenden Mittel gegen Übelkeit später, saßen wir mit unserer Therapeutin unter einer Raumdecke mit  reiz-voll-em Muster im Foyer der städtischen Psychiatrie.
Es waren inzwischen 4 Stunden voller Missverstehen und überbordenden Versuchen und Fehlschlägen der Kommunikation vergangen.
Patient_innen liefen an uns vorbei. Gesprächsfetzen, Rufe und das Geräusch der automatischen Schiebetür durchdrangen die Halle.
Wir hatten zuletzt in der Praxis der Therapeutin einen Schluck Wasser zu uns genommen und zuletzt vor über 24 Stunden etwas gegessen.

Wessen Denken fing langsam wieder an, im üblichen Rahmen zu funktionieren?
Genau.

Wir wissen, dass man nicht oder nicht viel hätte anders machen können und das ist auch nicht, worüber wir jetzt nachdenken. Uns wird ja gern gesagt, wir sollen sagen, was man hätte anders machen sollen, weil man zu gern missversteht (verstehen muss/will), warum wir solche Ereignisse hier mit_teilen.
Ich teile sie, weil ich möchte, dass Menschen verstehen, wie es uns ging, während die Helfenden um uns herum, ihr Bestes taten ein Leiden zu lindern, das sie in uns vermuteten. Ich möchte auf das trennende – das auf uns sehr ähnlich wie erlebte Gewalt  wirkende – Missverstehen hinweisen, das dazu führte, dass wir uns sehr viel länger gequält haben, als vielleicht unumgänglich gewesen wäre.

Ich möchte ausdrücken, dass wir uns tatsächlich tief gequält haben und am Ende wieder unsere Anpassungsfähigkeiten an Zustände körperlicher wie psychischer Erschöpfung, dazu führten, Kontakt mit dem Außerhalb aufnehmen zu können, wie es das Außerhalb braucht, um zu verstehen.
Es ging uns nicht besser – wir sind einfach nur in eine andere Art Notzustand gekommen, der weniger am Sprechen und am Weg zur Lautsprache behinderte.
Das ist ein Unterschied, den ich versuche sichtbar zu machen, weil ich davon überzeugt bin, dass es vielen Vielen schon so ergangen ist, die sich dann aber nicht zu äußern trauen (können), dass es ihnen unter den Worten noch immer nicht “okay” geht.

Als wir noch einmal Stunden später in unserem Käfig lagen und Wasser aus einer Flasche durch einen Strohhalm trinken konnten, konnten wir endlich auch NakNak* spüren und uns darüber auch im erinnernden Innen mit dem Hier und Heute verbinden. Es war dunkel, still und so eng, dass wir uns nicht frei bewegen konnten.
Es war wieder okay.
Endlich.