Diskriminierung – Diskrimination – Inklusion

Als Diskriminierung wird die Benachteiligung und Abwertung von Individuen aber auch Gruppen bezeichnet, die sich aus bestimmten Wertvorstellungen ergeben, die wiederum durch bestimmtes Verhalten, Urteilen und unbewusste Verknüpfungen (und auch das Herstellen solcher Verknüpfungen) ausgedrückt werden.

Diskrimination ist ein altes Wort für Differenzierung. Man hat es verwendet, um die Absonderung, den Ausschluss, die negative Diskriminierung zu benennen.

Wenn manche Menschen heute versuchen Inklusion zu machen, dann fangen sie meistens beim Ausschluss an. Das ist das einfachste, weil es eindeutig negativ ist. Es geht um Diskrimination. Darum, dass Menschen etwas nicht bekommen oder nicht haben, was andere bekommen und haben. Da ist ein Loch, ein negativer Bereich, wenn man so will und viele Menschen denken, dass, wenn dieses Loch gestopft ist, die Inklusion passiert ist.

Diskriminierung hingegen ist etwas, das durch soziales Miteinander entsteht. Durch soziale Not_wendigkeiten. Durch Prozesse von Kultur, Zivilisation, aufwachsen in einer Gesellschaft, die ableistisch ist und bleibt, weil sie von Ableismus und anderen Formen der Gewalt geprägt ist. Und „geprägt“ meint hier so viel wie „direkt, wie indirekt, wie by proxy davon traumatisiert“.
Niemand steht morgens auf und denkt: „So, heute diskriminier ich mal n paar Leute mit Epilepsie, heute kommt die Flatterbeleuchtung in die Bushaltestelle umme Ecke.“ und reibt sich die Hände vor Vorfreude aufs Leid anderer.
Aber mit jedem Busticket, das man kauft, bezahlt man Leute, die dafür Verantwortung tragen, was für eine Beleuchtung in die Haltestellen kommt. Leute, die zur Schule konnten, weil sie das Recht dazu hatten, die eine Ausbildung, ein Studium machen konnten, weil sie sich an die Bedingungen anpassen konnten, die zu keinem Zeitpunkt auf die Idee kommen mussten und konnten, dass sie vielleicht aktiv Dinge tun, die auch Menschen betreffen, die in mehr als Haarfarbe, Musikgeschmack und Konfliktfähigkeit anders sind, als sie selbst.

Für diese, für die meisten, Leute, die in ihrem Leben nie diskriminiert wurden, sind die Leben behinderter Menschen insgesamt ein negativer Bereich. Es gibt sie einfach nicht. Nicht wirklich. Es gibt ~die Behinderten~ „die Anderen“, die man von sich selbst differenzieren, diskriminieren kann, aber, weil an der Stelle eine Diskrimination passiert, wird da zwischen „Ist“ (oder auch „echter Mensch“, oder „so wie ich/mir gleich“) und „Nichtist“ (also „eigentlich nicht so richtig Mensch“ oder „nicht so wie ich/mir fremd“) unterschieden – und eben nicht nur diskriminiert, wie man das heute so gerne eingrenzt, weil man sich mehr Pragmatismus im Inklusionsgeschehen wünscht, als ginge es um eine Baustelle, die man nur mal richtig glattziehen muss und dann läuft das schon.

Sorry, nee.
Es ist einen Tucken schwieriger als miteinander lieb zu sein. Positiv auf Behinderung und Menschenleben zu gucken. Nicht alles immer so schwer zu nehmen, so persönlich, so kompliziert. Inklusion ist nicht das gute Leben für alle. Es ist Leben für alle. Die anerkennende, beachtende, as in „achtsame“ Differenzierung von Leben in all seinen Formen und Ausgestaltungen.
Inklusion muss Platz haben für Hässlichkeit, für Ekligkeit, für Awkwardness, für nervtötende Klugscheißerei, für kritische Spitzen, für Zähneknirschen und Unzufriedenheit. Für Unterschiede und auch für Unterscheidung. Sonst ist es keine Inklusion.

Man braucht Diskrimination, man braucht Diskriminierung, um zu ordnen. Nicht, um zu hierarchisieren, nicht um zu bewerten, sondern um zu strukturieren, um effizient sein zu können und so das eigene und das Leben anderer Menschen zu sichern.
In unserer Gesellschaft wird aber diskriminiert, um Werte zu kommunizieren und zu legitimieren. Um Macht zu erhalten, auszubauen und zu stabilisieren.

Es ist nicht damit getan Ausschluss zu verhindern. Menschlichkeit zu feiern. Sich gegenseitig immer wieder zu erzählen, alle seien Mensch und ultrawertvoll, einfach, weil man da ist.
Das stimmt so einfach nicht. Man ist wertvoll, sobald man für wertig erklärt wird. Und damit beginnt das ganze Problem schon. Ganz random. Völlig alltäglich. Absolut fest in jede einzelne soziale Geste, die man macht eingebunden – auch in die, die niemandem aktiv, offensichtlich schaden oder Rechte verwehren.

7 thoughts on “Diskriminierung – Diskrimination – Inklusion

  1. Würdet Ihr dann sagen, dass eine Bestärkung und Bestätigung des Wertvollseins das Problem der ’nicht-Inklusion‘ noch vergrößert oder zumindest aufrecht erhält? Ich glaube, ich stehe im Verständnis dessen ziemlich auf dem Schlauch, das habe ich schon in meinen Text dazu gemerkt. Wie würdest Du auf jemanden reagieren, der ganz verzagt ist und sich einfach ‚falsch‘ oder ‚minderwertig‘ fühlt? Mich interessiert Deine Perspektive wirklich, da sind keine Zwischentöne in meinen Fragen – ich komme einfach nicht ganz mit.

    1. Das Problem: in einer Welt, in der es wichtig ist von Wert zu sein, um nicht misshandelt, diskriminiert und herabgewürdigt zu werden, ist es relevant wer wen warum wann wie wie wertvoll findet, um zu überleben.
      Man kann sich also in so einer Situation als groß machen und sagen: Für mich bist du wertvoll, weil du ein Mensch bist – alle deine anderen Eigenschaften bewerte ich (anders als alles und alle anderen um uns herum) nicht.
      Was dann aber passiert ist, dass die Person von dir gewertschätzt, aber in insgesamt nachwievor anders behandelt und in ihrem Wert ei geschätzt wird. Das heißt, man hat quasi eine Insel erschaffen, einen Schonraum.
      Das ist toll. Hilft beim Ausruhen, man kann sich sicher fühlen und einfach sein.
      Aber man kann diesen Raum nicht verlassen, ohne zu merken, dass es außer dort, überall schrecklich ist. Und es entsteht die so genannte „Schonraumfalle“. Das ist das gleiche Problem wie es Werkstätten für Menschen mit Behinderung haben, Förderschulen, Pflegeheime und andere Parallelstrukturen, die sich an behinderte Menschen anpassen und sie nicht abwerten.

      Das bedeutet also, dass man gar nicht sagen kann:“In dem man einander nicht abwertet oder sagt, dass man wertvoll ist, macht man den Ausschluss, die Diskriminierung schlimmer oder weniger schlimm“. Man kann nur sagen, was ich hier sage: Man diskriminiert aufgrund von angenommener wie zugeschriebener Wertigkeit. Und einander einen zuzuschreiben aber dann nicht negativ, sondern positiv zu diskriminieren ist nicht, was zu Inklusion führt.

      Wenn mir jemand gegenüber Gefühle von Minderwertigkeit äußert spreche ich mit der Person darüber, wie dieses Gefühl entstanden ist und ob es sich daraus ergibt, dass sie benachteiligt oder verletzt wird, weil sie als minderwertig gedacht wird von jemandem oder von einer Institution oder Struktur.
      Das Gefühl kann ich ihr nicht nehmen und für mich selbst ist es auch nicht an mir ihr einen Wert zuzuweisen oder zu vermitteln. Ich würde meine Aufgabe in so einem Kontakt darin sehen, ihr zu ermöglichen das System zu verstehen und so selbst entscheiden zu können, ob sie diese künstlich produzierte Eigenschaft der Wertigkeit auf sich als Mensch anwenden möchte und wenn ja (oder nein) in welchen Aspekten – und wo sie es vielleicht ertragen muss bewertet zu werden, weil es nicht anders geht aktuell.

      Das Problem ist ja nicht: „Ich fühle mich minderwertig.“
      sondern: „Mit Minderwertigkeit wird Gewalt (an mir) legitimiert.“

      Also, ja. Man kann versuchen ein Gegengewicht herzustellen. Das wirkt in dem.Gesamtkontext aber nun einmal nicht nachhaltiger als Sandburgen in der Wüste gegen Durst. Und wenn es sich noch so gut und stärkend und nährend anfühlt erstmal.

  2. Danke für Deine Antwort. Dass Du beschrieben hast, wie Du in so einer genannten Situation reagieren würdest, hilft mir, konkrete Alternativ-Ideen zu bekommen. Ich gehe von mir aus: Manchmal brauche ich genau so einen Schonraum. Ich brauche manchmal Menschen, die sich mir und meinen Gefühlen liebevoll zuwenden und einen Gegenpol darstellen- mir tut es gut zu hören, was man an mir mag und dass die Verbindung zu mir wertvoll ist. An meinem eigenen Selbstwertgefühl macht das gar nicht allzuviel- aber es kann tröstend sein und beruhigend und einfach berührend. So ein Gegenpol kann mir helfen, andere Situationen, in denen ich herabgewürdigt und diskriminiert fühle, stabiler durchzuhalten oder mich zu wehren. Wenn ich emotional niedergeschlagen oder aufgewühlt bin, kann ich nicht immer sofort reflektieren oder analysieren- das gelingt und hilft dann erst später.
    Ja, so ist das bei mir. Verstehst Du das?
    Ich habe ein klares Bild zu dieser ‚Schonraumfalle‘ und ich glaube, ich verstehe, was Du schreibst und meinst.
    Es ist wie ein Trostpflaster draufkleben und kurze Zeit später reißt es jemand rücksichtslos wieder ab, stimmt’s?

    1. Ja. Ein Gefängnis, das satt macht.

      Ich glaube, es hilft, wenn man sagt: Ich mag dich. Du tust mir gut. Deine Anwesenheit macht XY mit mir.
      Damit bewertet man den Kontakt zum anderen Menschen. Die Qualität des Kontaktes und die Bedeutung dessen für sich. Nicht den Menschen.
      Das könnte helfen inklusiv zu leben.

      1. Das kommt sehr bei mir an! Ich glaube, im direkten, persönlichen Kontakt mit Menschen spreche ich auch genau so. Ich sage nicht „ich finde Dich wertvoll“, sondern „du bist mir wichtig!“ oder „Unsere Beziehung ist sehr wertvoll für mich.“
        Wenn ich schreibe, nutze ich offenbar andere Worte, das ist mir jetzt noch mal aufgefallen… Danke, dass Du mir mit Deinem Text Denkanstöße gegeben hast!

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