immer wenn die Helfenden nachfragen …

Da sind wir nun also. Montagmittag, nach Duschen, Anziehen, Zähneputzen, Frühstück und Wohnungspräparation für das erste Arbeitsgruppentreffen des neuen Jahres und mit aller Macht versuchend, nicht an unsere eigenen Hilfekampfkrämpfe zu denken.

Am Donnerstagnachmittag hatte das Telefon geklingelt und eine Person vom Team des betreuten Wohnens in Familien sagte uns, man hätte sich im Team noch einmal besprochen, und ginge davon aus, dass der Landschaftsverband die Hilfe nicht finanzieren würde, weil wir die letzte Betreuung selbst beendet hatten.
“Siehste – das haste nu davon.” dachte ich und spürte, wie der seit der Therapiestunde gerade eine Stunde vorher eh schon unter der Hut zappelnde Puls sich zu etwas entwickelte, dass ein pfeifendes Rauschgeräusch und Hitze im Gesicht war. Die Person fragte, warum wir die Betreuung beendet hatten. Und zum mindestens vierten Mal sagten wir genau dieser Person: “Weil wir nicht entsprechend der finanzierten und benötigten Fachleistungsstunden betreut wurden und die Personen keinerlei fachliche Kompetenzen für unsere Problematiken aufgrund der komplexen Traumafolgestörung hatten.”.

Wir haben keine Haut für solche Nachfragen. Niemand muss unsere ersten Antworten gleich verarbeiten und im Kopf behalten – aber wir sagen meistens schon bei der ersten Wiederholung: “Das hier ist ein schwieriges Thema und darüber zu reden ist hart an der Belastungsgrenze.” und erwarten dann auch, dass der Gedankenschritt getan wird, sich das zu merken, um uns nicht außerordentlich oder mehr als zwangsläufig passiert, zu belasten.

Was wir oft nicht verstehen ist, wie dann doch immer wieder darüber hinweggegangen wird und das so begründet mit “Ja, aber ich muss doch nachfragen.” und schlimmer noch – gerade in diesem Fall: “Ja, aber das muss sein, damit wir ihnen gut helfen können.”.
Es ist ein verdammter Trigger für uns. Und wir sagen das. Und wir machen und tun, um uns zu halten, funktional zu bleiben. Das Atmen nicht zu vergessen, in dem ganzen Gewirr aus Räumen und Strichen vor unserem inneren Blick den Überblick zu behalten. Und dann ist dieser Kampf darum wieder nötig und unvermeidbar, weil es nicht sein kann, was wir gesagt haben. Oder weil es ja eventuell vielleicht falsch sein könnte und man da ja auch nur in unserem Sinne handeln will. Und man doch nur ganz lieb und engagiert und, weil man nur das Beste für uns will, nachfragen will.

Sie tun mir so leid diese ganzen Menschen, die ja nur helfen wollen und dann sind wir so megaempfindlich und nicht in der Lage das irgendwie besser zu verpacken, als so wie wir es tun: mit Selbstverletzungen, die uns zusammenhalten. Mit überbordenden Fachrecherchen in alle Richtungen. Mit im Kopf eingeübten Gesprächen, inklusive aller möglichen und fast unmöglichen Optionen, die eventuell vielleicht eintreten könnten. Dem Unterdrücken des Impulses bei der kleinsten Rückfrage zu schreien bis es vorbei ist.  Also alles. Bis dieser ganze quälende Prozess des “sich Hilfe ranholens” vorbei ist.

Am Donnerstag hatten wir uns entschieden, den Anruf erst einmal von uns wegzuorganisieren, damit wir nicht allein daran denken müssen, dass dort etwas ist, worum wir uns kümmern müssen. Wenn wir das nicht allein müssen, dann hat es eine Chance in seinen Spitzen soweit von uns weg dissoziiert zu werden, dass wir Frontgänger_innen den Alltag gehalten bekommen,  während die Welt wackelt.
Blöd ist nur: es bleibt nicht bei anderen Menschen. Weder bei dem Begleitermenschen noch bei unserer Therapeutin. Noch bei unserer gesetzlichen Betreuerin. Immer wieder kommen da Nachfragen und immer wieder kommen sie alle zu uns und fragen: “Wie können wir ihnen denn helfen?” oder “Was ist ihr Auftrag an mich?”. Und das ist toll. Und im Moment so viel zu viel, dass es uns zerfetzt.

Und irgendwie wird das auch bemerkt. Also: irgendwie.
Nur frage ich mich manchmal, ob bzw. wie viel nach Außen spürbar ist, wenn sie dann doch nicht damit aufhören. Wenn da dann doch immer wieder “Ja, aber…” kommt. Oder “Ja, und was genau …?”.

Wir versuchen es irgendwie so einzufädeln, dass unsere Helfer_innen bitte miteinander reden, statt uns immer wieder zu fragen, was wir genau wollen, als würde sich unsere Bedürfnislage von einem Termin zum nächsten grundlegend verändern, oder als würden sich die historischen Zusammenhänge wie durch Zauberhand verändern.

Mir ist klar, dass wir vor 5 bis 10 Jahren noch die Kraft gehabt hätten das so durchzuexerzieren. Da hätten wir erklärt und erklärt und immer wieder neu versucht klar zu machen, worum es geht und was wir für wichtig halten. Da wären wir so geschockt davon gewesen, dass jemand immer wieder fragt, was wir möchten (weil wir noch nicht gelernt haben, dass etwas zu wollen oder zu wünschen legitim ist (obwohl es um unsere Wünsche und Willen geht) und deren Job dem, so weit es geht, zu entsprechen), dass wir irgendwie irgendwas rauswürgen und das Beste hoffen. Und dann natürlich den Fehler bei uns suchen, wenn dann eine Nachfrage kommt, weil wir reden ja auch immer wie ne Sphinx mit Kartoffeln im Mund. Es ist ja immer unsere Unfähigkeit nicht ordentlich und verständlich zu sagen, was wir möchten.

Jetzt ist Montag, der 25. Januar und wären wir nicht so bekloppt uns erneut auf diesen ganzen Hilfe-Rettungs-Unterstützungswahn_Sinnszirkus einzulassen, wären wir seit drei Monaten tot.
Wir würden nicht mit jedem Tag mehr Angst vor der eigenen Courage haben und uns darüber ärgern, wie klein unsere Selbstvertretung vor solchen Übermächten wie der Klinik oder einem Landschaftsverband wirkt. Obwohl es ist, was sie doch am Ende alle wollen. Bevor jemand anderes in unserem Namen spricht und irgendwas Falsches veranlasst. Wir würden nicht in diesem Gefühlskrampf stecken zu merken: “Wir tun hier nichts Falsches – aber es fühlt sich weder leichter noch besser noch sonstwie irgendwie okay aushaltbar an – ist es vielleicht etwas Falsches?”.

Und ich würde mich nicht über mich selbst ärgern, dass ich es nicht schaffe zum Telefonhörer zu greifen und der gesetzlichen Betreuerin zu sagen: “Machen Sie bitte …”. Einfach, weil ich Angst davor habe, dass sie irgendwas nachfragt. Und wir vielleicht die nächsten drei Monate einfach nur noch schreien.

war ja klar [Abwinkgeräusch]

Heute morgen kurz nach 3 wachte ich auf und dachte: war [genervte Lücke] ja [genervte Lücke] klar [das Geräusch von durch die Luft fliegenden Armen]
War ja klar, dass es keinen Mehrwert hatte früher ins Bett zu gehen, um länger drin liegen zu können. Bevor man sich aufrafft, um den ersten Werktag 2016 genau damit zu füllen, sich um sich zu kümmern.

War ja klar, dass der Schmerz im unteren Rücken wieder kommt und bleibt und keine wie auch immer gelegte Decke unter die Kuhle in unserer Matratze irgendwie sowas wie die harte Unterlage macht, die wir Bauchschläferschweinchen brauchen. War ja klar.

Und irgendwie blieb der schale Beigeschmack von Desillusionierung und strukturierter Verwirrung hängen.
Es schneite die zweiten ordentlichen Flocken – und die erste Person, der wir das zu zwei halben Dritteln mit Kinderinnens befüllt im Schlafanzug und zerknautscht wie ein Yeti mitteilten, war einer der beiden Postboten, die immer verwirrend viel Zeit und Nettigkeit im Hausflur für uns haben. Super. War ja klar. Repräsentation matters und wir sind die letzten, die das halbwegs schaffen.

Naja und ist der Ruf erst ruiniert… torkelt es sich auch halbwegs entspannt durch die Stadt zur Neurologin, um die Einweisung zur Klinik abzuholen. An dieser Stelle hätte ich gedacht ebenfalls ein “war ja klar” in Bezug auf irgendwelche aufkommenden “Nope”- Impulse zu denken, doch sie blieben aus.

Wir fuhren in Richtung Klinik und wirrten ein bisschen umher ob der Tatsache, dass es weniger aktiven Widerstand als beklemmend ruhiges Abwinken gab. “Ach kommt – ihr werdet das schon sehen. Was soll ich noch reden. Wir haben schon alles gesagt.” – mit einem Punkt am Ende, der sie so alt und fahl macht wie den Schatten eines Jenseitigen.
Mir fällt es schwer mich an die Krise im Oktober zu erinnern. Obwohl ich die Nachricht mit der Bitte um Aufnahme in der Klinik von der Krisenstation aus geschrieben habe und noch weiß, wie verboten mir das vorkam.  Wie ich mich beeilt habe, weil ich Angst hatte, jemand käme und schlüge mir das Laptop um die Ohren. Weil ich zu dem Zeitpunkt nichts sicherer wusste, als das ich gar nichts wusste.
Ich weiß auch bis heute nicht, ob die Erinnerung an die paar Tage so fädrig sind, weil wir Medikamente bekamen, oder, weil sehr ferne andere da waren.

Jedenfalls sind etwas über 2 Monate seitdem vergangen und trotzdem mir die Angst und Not dieser Zeit manchmal noch beklemmend nahe rückt, ist sie gleichzeitig unfassbar fern. Begraben unter Vorhaben, Aufgaben, Arbeiten, den zwanzigtausend Hochzeiten, die wir mit_planen und mit_feiern wollen. Unter dem Medikament, dem Hier und Jetzt fern der Welt des Äußeren.

Der Soundtrack ist Peponi und über unserem Kopf flockt es kühle Stückchen auf die Membran zwischen uns und dem Himmel.
Als wir vor dem Gebäude stehen und den letzten Kaffee trinken, fällt mir ein, wie wir mit einem unfassbar klitzekleinen Hundewelpen unter der Jacke diese Treppen genommen haben.
Damals, bevor.
Damals, nach dem.
Damals, als.

“Na? Hab ichs dir nicht gesagt?”, fragt es mich süffisant von hinten links und schlägt die Beine übereinander, “Ihr könnt hier erarbeiten wollen, was auch immer ihr wollt. Ihr werdet wir sein und euch verlieren.”. Ich atme durch. Stürze den Kaffeerest hinunter und schaue noch einmal die Straße auf und ab, ob unsere Therapeutin kommt.
“Willkommen im Herrschaftsgebiet des fremden Blickes!”, trötet die Stimme als ich die Tür zum Foyer aufstoße, “Sie können nun aufhören zu sein.”.

“Könntest du bitte auch kurz aufhören zu sein? Ich muss mich konzentrieren”, denke ich und schließe mit dem Aufstampfen meiner Füße auf der Schmutzfangmatte, die Tür zwischen mir und ihr.
Das ist alles ein bisschen viel. Ein Christbaum mit Licht und Duft. Ein Schild neben einer Sesselgruppe auf dem steht, sie sei kein Aufenthaltsbereich. Es entspinnt sich eine tiefsinnige Grübelei, ob ein Wartebereich nicht auch eine Art Aufenthaltsbereich sei und wie subtil die Bildung urbaner Exile beginnt und überhaupt, wieso ist es hier so warm und ach… wieso können wir nicht einfach Schlitten fahren gehen.
Ich frage mich, wieso ich eigentlich ordentlich angezogen bin, wenn mein Kopfinneres am Ende doch realistischer im Knautschyetiaufzug abgebildet ist.

Mir fällt ein, wie wir noch nie wussten, was nach “zu einem Vorgesprächstermin in der Klinik ankommen” eigentlich zu tun ist. Jedes Mal hat uns einer der Verwaltungsmenschen von den Höhen unserer Gedankenberge abgepflückt und neben sich an den Schreibtisch gelegt. Zahlen, Daten, Zettel und Versicherungskarte. Kling Klang Klonk
Diesmal mit unserer Therapeutin dabei, die uns auch noch einen Jahreswunsch zuwirft und mich damit verwirrt, weil ich dachte, wir hätten unseren Neujahrswünschekram schon erledigt.

Während wir die Treppen zu dem Zimmer in dem wir unseren Termin haben hochgehen, lasse ich die Klinke der Tür hinter mir los.
Jetzt ist unsere Therapeutin da und ich habe das Gefühl weniger auf einer Glasfaser, als auf einer fußbreiten Planke zu balancieren. Es bleibt still.

Wir warten nebeneinander vor einem Leinwandbildruck, der schon vor 3 Jahren dort hing. Und immer noch besser aussähe, würde man ihn ein bisschen abschmirgeln. Es riecht nach Kaffee, ein Geburtstagslied wird gesungen. Ein Hund bellt. Draußen fällt Schnee.
Unsere Wortressourcen sind auf “Wir wollen, dass es uns besser geht” und “Es war alles zu viel” und “Aber eigentlich ist alles okay.” zusammengepresst.

Plötzlich fliegt eine ausgestreckte Hand in mein Blickfeld, die ich auch gleich mal schüttle um zu gucken, ob sie abfällt. Warum auch nicht.
Fiele sie ab könnte ich sagen “war ja klar” und hätte mehr Raum um meine Worte zu dekomprimieren.
Stattdessen werde ich zu meiner Mutter und merke den spontanen Brechreiz einer anderen. Erinnere das als Teil des Problems in der Krisenstation.
Als Teil von so vielen anderen Problemen.

Das Gespräch funktioniert dann aber gut. An einem Punkt gehe ich ein Stück zurück und verstehe die Stimme hinter mir ein bisschen mehr.
Ja, hier gibt es den Blick, den wir nicht gut ertragen können und ein Machtgefälle, das neben vielem anderen in ungute Ecken triggert. Und ja – einen Umgang, der nicht die Selbstauflösung beinhaltet, haben wir damit nicht.
“Das wird ein Sprung ins Blaue.”, sagt sie mir mitten ins Denken hinein.
”Das war das Nichtspringen von der Brücke auch.”, antworte ich.

Wir fahren nach Hause und wissen, dass eine Bedingung ist das Blog ruhen zu lassen so lange wir da sind.
Erst will ich das verstehen. Zu hause merke ich, wie wahrscheinlich total gut gemeint und dennoch übergriffig das ist. Dann merke ich, dass wir nichts dagegen tun können, außer dann eben auf eine Hilfs- und Unterstützungsoption zu verzichten. Dann merke ich wie das Inmitten brennt, weil es ist, als dürften wir nichts sagen während wir dort sind. Und wie das Dunkelbunt triumphiert über die Offensichtlichkeit mit der die Falschheit der Helfer zutage kommt.

Und ich merke, wie wenig mehr als “war ja klar” da noch in mir drin ist.
Am Ende des ersten Werktages diesen Jahres merke ich wie viel keine Kraft mehr ist um uns zu rechtfertigen, uns aus uns heraus zu beruhigen, einander miteinander zu halten, und uns irgendwie mehr als nur Raum für Worte überhaupt noch geben zu können.

Wie sehr wir am Ende diejenige sind, die alle Angebote ablehnt oder schlecht nutzt und in Wahrheit ja gar nicht will, dass es besser wird.
Was ja aber klar war.
Sind ja schließlich wir.

Wir waren ja schon immer undankbar.

zurück sein

Das Ende ihrer flammenden Rede für unser Recht auf Zustandsverbesserung quillt aus dem Telefonhörer in unser Ohr hinein und schubst uns ein letztes Mal an.
Es ist etwa 5 Uhr morgens. Vor einer halben Stunde sind wir durch ein offenes Kellerfenster zurück in die Wohnung geklettert und außer einem unregelmäßig aufbrandendem Impuls den Kopf zurück zulegen und sich sämtliche Organe aus dem Bauch zu schreien, ist da nichts weiter als kalte Haut unter nasser Kleidung.

“Es kann doch nicht okay für euch sein, dass ihr euch immer wieder in so einem Zustand jwd wiederfindet.”, schiebt sie nach. “Es ist auch nicht okay für uns.”, antworte ich ihr und betrachte die schlammtriefenden Fußenden der Strumpfhose in meiner Hand.
Inmitten unseres Schweigens stecke ich meine Finger in die frischen Löcher und verharre auf ihren Rändern.

“Was war denn los?”. Sie stellt die Frage in den Raum und lässt uns damit allein.

Ich merke, wie es hinter mir vor Wut zittert und sich eine Nebelbank in feinen Schlieren vor meinem Blick ankündigt. Sie macht mich so traurig mit dieser Frage und ich weiß einmal mehr nicht, wie es kommt, dass sie es bis heute vielleicht nicht richtig verstanden hat, wie das ist dissoziative Amnesien zu haben und viele zu sein.
Dass es eben auch bedeutet nicht zu wissen, was los war. Dass es bedeutet, dass selbst meine Annahme, dass ein Innen weggelaufen ist und wir uns deshalb in Schlafsachen auf einem Acker wiedergefunden haben, irgendwas zwischen “vage fühlen” und “mutig geraten” ist.
Ich sehe mich unter Druck ihr eine Ahnung, eine Idee oder eine Theorie liefern zu müssen – obwohl diese, selbst wenn wir eine hätten, im Moment überhaupt keinen konkreten Zweck für uns erfüllen würde.

Eine Andere bringt es statt meiner mit einem Glimmen in der Stimme auf den Punkt: “Die Frage ist zu groß und gerade unangemessen. Wir haben selbst kein festes Wissen und können dir jetzt nichts in die Hand geben, um das Geschehene greifbar zu machen.”. Sie schaltet den Wasserkocher an und holt einen Teebeutel aus der Schachtel. “Sie hat dich angerufen, weil du etwas zum Festhalten geben solltest.”.

“Und wer bist du?”. Die Worte klemmen sich an die Andere und legen sich wie eine Schraubzwinge um ihren Hals. “Ich.”, antwortet sie und drückt auf die rot leuchtende Taste am Telefonhörer.

“Du hast ihr nicht gesagt, dass du jetzt auflegen wirst.”, erinnere ich sie. “Sie wird gleich nochmal anrufen.”.
Sie gießt das aufgekochte Wasser in die Teetasse und in die Wärmflasche. Schlägt mit der Faust auf den großen Oberschenkelmuskel und spürt nach. “Ich weiß.”, antwortet sie und löst sich mit dem Schmerz auf.

Ich halte die Tasse in der einen Hand und wähle mit der anderen. “Entschuldigung – war nicht geplant.”, schmeiße ich in den Hörer noch bevor ich überhaupt weiß, ob es auch wirklich unsere Gemögte ist, die den Anruf angenommen hat.
“Ich war auch zu forsch – tut mir leid.“. Wir atmen gleichzeitig tief ein.

“Liest du mir was vor?”, frage ich sie und merke, wie sich die Müdigkeit Stück für Stück mehr von mir und dem Körper nimmt. “Ich würd mich gern in deine Stimme legen.”. Sie kichert “Ach – mehr nicht?”. “Eh eh, nee”, antworte ich und merke wie leicht es plötzlich dann doch ist, ihr zu sagen, was uns gerade gut tun würde.
Sie wühlt nach “unserem Buch” und fängt an.
Wir liegen unter drei Decken im Bett, schauen dem Seidentuch-Feenreigen in seinen sachten Bewegungen zu. Trinken Tee durch einen Strohhalm. Hören ihr zu. Legen auf, als die Geschichte zu Ende ist.

Und hoffen, dass unsere Gefühle von Entspannung und Sicherheit auch dort angekommen sind, wo wir selbst nichts wahrnehmen können.

Harry Potter und sein Täterintrojekt

Harry Potter quält sich mit der Frage, ob er vielleicht so wird wie Voldemort.
Er spürt Ähnlichkeiten, Verbindungen, bemerkt an sich fremdartig globale Aggressionen nachdem er Zeuge der Tötung eines seiner Mitschüler durch Voldemort wurde.

Well, das ist die Stelle, in der ich meine Brille gerade rücke und mich frage, warum es in der Zaubererwelt eigentlich eine Kenntnis von Wahnsinn und verwirrtem Verstand gibt, doch nicht von PTBS und Täter_innenintrojekten. Die Filme selbst verraten es mir.
Das Rezept ist Freundschaft, Liebe, ein Ziel für das sich zu kämpfen lohnt und die Erkenntnis, dass der frei umhermordende Täter sich durch Magie in den Kopf des Opfers genistet hat, um etwas davon zu haben.
Harry du alte Lusche – kontrolliere halt deinen Geist! Lass das nicht zu! Kämpf halt noch ein bisschen mehr. Retraumatisiere dich und lass uns das zum heldenhaften Kampf erklären.

Oh my.
Versteht mich nicht falsch – es ist nichts falsch daran sich um Freundschaft, Liebe und Ziele im Leben zu bemühen, wenn man schlimme Dinge erlebt hat. Es wird halt tricky, wenn die Person, die verantwortlich für diese schlimmen Dinge ist (oder war) zum immerwährendem und alles bestimmenden Zentrum im Leben der Person, die zum Opfer geworden ist, wird.
Da gibt es verschiedene Arten, wie sowas passiert.

Auf der einen Seite ist die Angst der Person, die zum Opfer wurde vor der Macht und der Person selbst, die die Integrität und Autonomie dieser Person verletzte, einschränkte und/oder zerstörte. Man kann nicht ignorieren, wovor man Angst – manchmal auch Todesangst – hat.
Viele Strategien gegen solche Ängste haben etwas mit Vermeidung oder Gewalt zu tun.
Vermeidung hat folgendes Problem: „Denk nicht an einen rosa Elefanten“ – Woran hast du gedacht? ba da bamm
Gewalt zeigt sich in Aktionen wie: „Dem zeig ichs jetzt“ – wem zeigst du jetzt mal und mit welcher Berechtigung? ba da bamm

Auf der anderen Seite sind die Freunde, Angehörigen, Verbündenten und die vereinigte Helfersfront auf Basis einer angenommenen Opfernot und Gerechtigkeitsstreben.
„Du musst kämpfen!“ – „Lass dich nicht unterkriegen!“ – „Wenn du jetzt aufgibst, hat di_er gewonnen!“ – „Si_er ist es nicht wert sich zu ärgern/zu grämen/schlecht zu fühlen/mit ihm_ihr zu befassen!“ – „Vertraue nur uns – dann bist du sicher!“
Da passieren gewaltvolle Ansagen und oft ist überdeutlich, wie schrecklich gut gemeint sie alle sind. Was will man dagegen sagen? Was kann man sagen, ohne den Kontakt zu gefährden? Wie viel Gegenrede ist in Ordnung? Wieviel Autonomie ist mit Hilfen und Unterstützungen vereinbar?

Häufig verändern sich Kontakte nach Gewalterfahrungen. Viele brechen weg.
Meistens, weil es schwierig ist miteinander zu reden und zwar mit sich selbst, seinem Empfinden und seinem Erleben im Zentrum und dem Ereignis im Kontext, das die Person, die eine Täterschaft zu verantworten hat, an genau dem einem Platz beinhaltet, der noch genug Raum für die Kontexte lässt, in denen sich diese Person bewegt (hat).

Sehr viele Menschen fangen an schreckliche Ereignisse und die Beteiligten zu versachlichen oder gänzlich zu abstrahieren. Deshalb schreiben wir zum Beispiel häufig von „DAS DA“ und „ES“ in unserem Leben.
Das Grauen wird dadurch für uns zwar fassbar (hey-es sind immerhin drei Worte!) und spiegelt doch sowohl die eigene Unfähigkeit nach einem Ereigniss, das jeden Erfahrungs(und Verarbeitungs)rahmen sprengt, es konkret zu erfassen (und zu verarbeiten), wie das Empfinden von Grenzen- und Raum- und Zeitlosigkeit, sowohl in der Situation selbst, als auch häufig genug noch darüber hinaus.

Wenn wir in Workshops sind, kommt die Frage öfter, was man denn richtiger machen könnte.
Gerade, wenn wir dann gerade lang und breit darüber gesprochen haben, welche Sprachführung nicht sinnvoll und am Ende sogar opferfeindlich ist.
Wir raten oft dazu sich selbst zu prüfen und zu schauen, was genau die Erfahrung der zum Opfer gewordenen Person mit einem selbst macht. Was genau wünscht man der Person und warum?
Wieso ist es wichtig, dass es ihr so schnell wie möglich wieder gut geht – ging es der Person vor dem Ereignis denn „gut“ oder erscheint es jetzt aktuell „gut“, weil es ihr nun sehr schlecht geht? Und wieviel Reflektionsleistung kann der Kontakt miteinander eigentlich aushalten?

Was zum Beispiel passiert, wenn man wie Harry Potter gleiche und ähnliche Eigenschaften an sich entdeckt, wie die Person, die einem schwere Nöte angetan hat?
Wenn wir in den Spiegel sehen, finden wir die Mutterfrau. Wenn wir uns dabei ertappen, wie wir uns an einen Türrahmen lehnen, erkennen wir das Warten des Vatermannes.
Wenn NakNak* zum x-ten Mal Katzenscheiße im Garten frisst, brandet ein gleißendes Wüten bis an die Wurzel meiner Zunge hoch und ich merke, wie ich sie verletzen will. Da ist kein Gedanke, keine Überzeugung, kein Wort hinter, das mir sagt:“Oh – hei ich bin ein Täterintrojekt und hier eine Gewalt zu wiederholen – mach mal Platz“.
Das ist pure Energie, die durch eine dumpfe noch nicht greifbare Erinnerung angestoßen wird – aber das wissen wir erst seit ein paar Jahren (NakNak* kam erst danach).
Zu Beginn hatten wir wenig bis keine Kompetenz diesen Energiestoß überhaupt zu erfassen, geschweige denn zu bremsen oder zu kontrollieren.

Das hat uns letztlich zu einer nicht tragbaren Jugendlichen gemacht. Wir waren ein böses Mädchen. Eine Gewalttäterin*. Klar musste man uns „ordentlich bestrafen“ – „so, dass wir es auch begreifen“ – „auf, dass wir nicht denken, wir wären wer“  und selbstverständlich musste man handeln, um sich selbst zu schützen.
Und während unser hochprofessionelles Außenrum uns behandelt hat wie der letzte Dreck, war alles in uns bestätigt, was uns erst zu Handlungen brachte, die uns zum „bösen Mädchen“ machten. Wer so böse ist, dass Erzieher_innen einem Privatsphäre, Ruhe und Unversehrtheit vorenthalten, di_er hat genau dies allem äußeren Anschein nach wohl auch nicht verdient.

Bis heute weiß ich nicht, wie wir je von allein auf die Idee hätten kommen sollen, dass dieses plötzliche Kippen in Selbst_Verletzung, Zerstören von Beziehungen, Ver_Bindungen und anderen Dingen, die uns wichtig sind, etwas mit den Übergriffen zu tun hatten, die wir erlebten und bis heute auf anderen Ebenen erleben.
Auch wenn es oft irgendwie schräg bis lächerlich klingt – bitte liebe Menschen – unterschätzt das nicht, wenn Menschen mehrfach diskriminiert sind und jeden Tag mit diversen Formen der Unterdrückung (Gewalt) konfrontiert sind. Es ist die gleiche Mechanik. Es sind die gleichen Muster. Es ist das verdammt noch mal immer und immer und immer Gleiche.
Auch wenn kein Blut fließt oder keine Strafanzeige erstattet werden kann. Auch dann!

Es frisst sich rein und bricht als Selbst_Zerstörung wieder raus.
Die Einen kotzen, hungern, schneiden sich auf – die Nächsten verletzen andere Menschen, machen Werbung auf Kosten anderer und wählen die AfD, während die Letzten vor lauter „denken sie nicht an…“ die Kunst des Eskapismus perfektionieren und aus allen Wolken fallen, wenn sie mit Menschen konfrontiert sind, denen Dinge geschahen, die unfassbar sind.

Manchmal isolieren sich Menschen, die Schlimmes erlebt haben, weil sie das Gefühl haben, dass sie niemand versteht. Dass niemanden ihren Kampf um Kontrolle versteht. Dass niemand ihre Angst versteht.
Und leider haben sie oft auch noch das Pech, dass sie wirklich nicht verstanden werden, weil die Personen drum herum auf Dinge achten oder von Umständen oder Empfindungen ausgehen, die nicht in den Personen wirken.

Herrje, wie oft Menschen uns für ein zartes Seelchen halten, das aber doch unfassbar stark sein muss, weil sonst hätte es ja nie überleben können.
Tse – wir haben überlebt, weil wir überlebt haben. Wir hätten auch das stärkste Menschlein auf der Welt sein können und unser Risiko zu sterben wäre gleich groß gewesen.
Wir verbinden mit unseren Gewalterfahrungen nicht solche Wabbeldinge wie Würde oder Ehre und wir fragen uns auch nicht, wer uns denn jetzt noch nehmen wollen würde.
Wir hängen uns oft an einem „hätte würde wenn“ auf, weil unser Zentrum nicht andere Menschen, wohl aber unsere Pläne in Abhängigkeit von anderen Menschen sind.

Das ist zum Beispiel , was das Finden von Triggern für uns sehr leicht macht – aber auch Aufhänger liefert, in denen wir uns in Gedankenkreiseln wieder finden, die sich damit befassen wie oft man hätte den linken Fuß auf dem Fußabtreter hätte reiben müssen, bevor man die Wohnungstür öffnete oder damit, welche Wörter wann wie warum genau falsch waren. Über solche Dinge denken wir stundenlang nach und machen uns darüber selbst Stress.
Und natürlich kann man wenig produktiv über andere Dinge nachdenken, wenn man solche Schleifen im Kopf hat, auf der Suche nach dem ultimativ sicheren Plan für immer und ewig, auf das nie wieder irgendjemand käme und uns verletzte.
Weil der ultimative Plan ja auch dafür sorgen würde, dass wir keine Gefahr darstellen – unabhängig davon, wieviel Täter_innenintrojekte in uns wüten und wieviele Monster an ihren Käfiggittern reißen.

Manchmal denke ich, dass die Annahme des eigenen Bösen in sich einfach genau das ist, was niemand von Ex-Opfern hören will.
Es ist so bequem davon auszugehen, dass eine Person immer und grundsätzlich gut ist, weil so der Umstand der Ungerechtigkeit der an ihr begangenen (Straf-)Tat stärker hervorsticht.
Als wären die Menschen vor dem Gesetz (und für manche Menschen auch: vor G’tt) nicht gleich.

Würde, Ehre, Gewollt sein – das hat alles mit der Gesellschaft zu tun, die für uns als Einsmensch irgendwie immer eher wie wissenschaftlich interessantes bis nervenaufreibendes Beiwerk an uns vorbei geblubbert ist. Wir haben die Erwartungen dieser Gesellschaft nie erfüllt und werden das vielleicht auch nie schaffen.
Für manche Menschen macht uns das zu einem Menschen, dessen erlebtes Unrecht nicht das gleiche Unrecht ist wie für eine Person, die ihr Leben lang beliebt unter „den Richtigen“ und „erfolgreich an der richtigen Stelle“ war. Glücklicherweise nicht für viele – aber für genug, dass ich mich daran erinnerte, als wir gerade „Harry Potter und der Orden des Phönix“ schauten.

Ich habe daran gedacht, wie ich mir vielleicht 2 – 3 Jahre früher jemanden gewünscht hätte, di_er mir erklärt, was Täter_innenintrojekte sind und was die Introjekte oder auch Innens sind, die mir helfen könnten mit ihnen so umzugehen, das weder wir noch andere Menschen unter ihnen leiden.
Und ich dachte, wie schade es ist, dass Harry nur zu hören bekam: „Mach deinen Geist frei“, statt: „Mach deinen Geist mit den Dingen voll, die das Böse in dir gleich groß wie alles andere in dir macht, denn es gehört auch zu dir.“

einfach komplex

Es gab ein Moment von Erleichterung und Erlaubnis in diesem Gespräch mit dem Facharzt.

Erleichterung, weil er sagte: „Vereinfachung überfordert Sie.“.
Erlaubnis, weil er sagte: „Sie können nicht anders als komplex.“

Natürlich hatte er diese unsere empfundene Erlaubnis nicht intendiert. Niemand wird uns je erlauben uns aus dem Leben zu stehlen. Einfach aufzuhören und zu gehen.
Weil wir nicht anders können als komplex und doch nie die Kraft haben, in einer Welt, die es sich so einfach wie nur möglich machen willkannmuss, zurecht zu kommen.

Wir hatten nicht die Zeit diesen Aspekt zu vertiefen und das finde ich schade, weil undefiniert blieb, was „einfach“ meint und wo genau „komplex“ beginnt.
Ich habe darüber nachgedacht, was uns das Leben leichter bis aushaltbarer machen würde. Mir sind Dinge wie „einfach nie mehr reden müssen“, „nie (Uhr)Zeiten beachten müssen“, „einfach alles was weh tut nicht machen müssen“ und „einfach immer verwabern dürfen“ eingefallen und direkt kam die Frage auf, ob wir den Kontakt zu dem Menschen gerade dazu missgebrauchen uns aus dieser Welt des Müssens herauszuziehen.

Auf eine Art kommen wir in unseren Gesprächen oft an die Idee davon Dinge, die zu viel sind, obwohl man sie muss, einfach zu lassen. Weil es uns nicht zu einem bösen Mädchen schlechten Menschen macht schlimm ist. Und auf einer anderen Ebene wissen wir, dass es ein unausgesprochenes Ding in unserer Gesellschaft, Kultur, unserem ganzen Miteinander ist, dass es verboten ist, wenn jede_r macht, was ihr_ihm gerade akut oder langfristig gut tut.

Man redet gefälligst wenn jemand mit einem redet. Man kommt gefälligst pünktlich wenn man verabredet ist. In Wahrheit tut sowas Straßenbahn fahren, einkaufen, auf Beton laufen, auf glatten Polstern sitzen, das Öffnen und Schließen von Zugabteiltüren und Griesbrei essen auch nicht weh. Verwabern ist dissoziieren und dissoziieren ist böse böse böse Nein Nein Nein das darf man nicht (obwohl 100% aller Menschen es tun – immer – überall von Anfang bis Ende ihres Lebens).

Ich möchte auch ein einfaches Leben. Eins dem man die abstehenden Schnörkel und Verkomplizierungen wegschneiden kann, ohne, dass es danach freudlos und langweilig ist.
Und wenn wir das aber nicht können? Wenn es das einfach nicht gibt?

Und dann war da noch die Frage, ob wir vielleicht nur deshalb komplex können, weil wir komplex können müssen, wie wir das schon immer können mussten.
Wir leben im Informationszeitalter und während Phänomene wie das der „digitalen Demenz“ und der sozialen Dissoziation vermehrt in Erscheinung treten, erscheint es mir als eine Art Selbsterhalt im Sinne eines Versuches der Selbstbestimmung im Sinne von Selbstdefinition und -position, sich vieler Umstände bewusst zu machen und zu halten.

Die Welt ist doch nun einmal komplex. Leben ist komplex. Wie kann es denn sein, dass man zerbröselt, obwohl man sich dem entsprechend anpasst oder schon so geboren ist, dass man Komplexe eben gut aufnehmen und halten kann.
Ich hätte jetzt beinah geschrieben „Wieso ist es denn so falsch die Welt so komplex zu erleben wie sie ist?“ – aber es geht nicht um richtig oder falsch. Es geht um „einfach“ oder „komplex“.

Und wo genau ist eigentlich dieses Mittelmaß genannt „kompliziert aber bewegbar“?
Viele Menschen machen sich lustig oder halten es für ein beabsichtigtes Intellektuellengehabe, wenn ich auf ihre Worte reagiere einfach wie ich nun einmal reagiere. Und ja – ich nehme das wahr. Ich merke die Abwertung von Intellektualität und Präzision. Ich bemerke es, wenn jemand eine Motorsäge an meine so hart erarbeiten Worte legt, weil sie für ein unnütz verkomplizierendes Gestrüpp gehalten werden.
Ich merke das und werde auf eine Art selbst von dieser Motorsäge zerstückelt.

Da kommt mein Wunsch her einfach nie wieder reden zu müssen. Da kommt mein Wunsch her etwas sagen zu dürfen. Und ja ja JA für mich sind das zwei ganz grundverschiedene Arten der Kommunikation. Für mich bedeutet das eine so grundlegend andere Art mich mit Menschen in Kontakt zu begeben. Für mich würde das alles einfacher machen. Wirklich alles.
Aber wo ist denn der Ort an dem das sein kann? Wo ist mein „einfach“ okay, ohne es zu einem „komplex“ woanders zu machen?
Und wie etabliert man sich die Räume, in denen das so eine Routine sein kann, dass es einfach so passiert, ohne als etwas zwischen „einfach“ oder „komplex“ eingestuft zu werden?

Und was ist, wenn wir das einfach nicht schaffen, weil wir etwas, was es dazu braucht nicht können (und vielleicht nie können können werden)?

Eine ehemalige Gemögte hatte mal von einem Grabstein erzählt auf dem in etwa stand: „ihr Leben war Last und Mühe“. Ich will nicht, dass so etwas auf meinem Grabstein stehen müsste, weil es ehrlich wäre.
Mein Grabstein soll glitzern wenn es regnet und in Regenbogenfarben irisieren, wenn die Sonne scheint. Da soll stehen: „Endlich Feierabend!“ oder „Endlich ausschlafen!“.
Wenn ich sterbe, will ich wissen, dass ich alles sagen konnte, was mir wichtig zu sagen war. Wenn ich sterbe, will ich an dem Punkt sein, an dem ich auch sagen kann, dass sich meine Kämpfe gelohnt haben. Ich will zumindest verstanden haben, warum ich meine Kämpfe verloren habe und vielleicht auch nur verlieren konnte.

In der Nacht nach dem Gespräch lagen wir in unserem Käfig und hatten nichts mehr übrig als frustrierte Tränen über all die verlorenen Kämpfe, deren Niederlagen nie anerkannt waren, weil niemand unseren Kampf anerkannt hatte.

Nicht einmal wir selbst.

an einem “Alles ist möglich-Tag”…

… klingelt der Wecker nicht zur üblichen Zeit und das drei Mal hintereinander, damit sich auch wirklich alles im Kopf daran erinnert, dass heute alles anders ist als sonst.

Widerwillig lässt sie den Donnerstagsplan los und stellt sich unter die Dusche. Nimmt uns vielleicht als Spur im Rauschen des Wassers wahr, kann uns vielleicht sogar hören, wie wir ihr sagen, dass sie nicht allein ist. Dass auch dieser „alles-ist-möglich-Tag“ bedeutet, dass wir uns so eng wie es nur geht nach vorn stellen und niemand etwas allein aushalten, abfangen, tragen, stemmen, fühlen, wahr_nehmen muss.

Wir entscheiden 2 Minuten vor dem Verlassen der Wohnung, dass NakNak* uns nicht begleiten wird. Nicht zum Gespräch über das betreute Wohnen in Familien und auch nicht zur Therapie danach. Weil sie so süß eingekringelt auf ihrem Platz liegt und aus müden Knopfaugen guckt, als wir sie noch einmal anschauen.
Und, weil es vielleicht doch zu viel “alles ist möglich” ist, wenn sie mit uns im Therapiezimmer ist. Und, weil wir überwiegend wir allein sein müssen, wenn es um unsere vielleicht zukünftige Betreuung geht.

Die Sonne geht in einem kräftigen altrosa-grau auf. “Shabby chic” denke ich und erinnere mich an unsere letzte Nachbarin, die mich dafür bezahlt hatte ihre Möbel weiß und elfenbeinfarben zu lackieren und dann abzuschmirgeln.
Damals. Vor über 3 Jahren. Als wir noch betreut wurden und soweit am Rand der Stadt wohnten, dass das Internet seinen Platz als einziges Verbindungsstück zu anderen Köpfen bekam.

Es ist halb 9 und wir entscheiden uns für einen Kaffee vom Bäcker. 1,89€ für eine bittere Brühe, deren gratis beigelegter Plastikbecher und Plastikdeckel und Plastiksahnepöttchen und das Plastikumrührstäbchen wahrscheinlich bald im Bauch einer Meeresschildkröte oder Pelikans wieder auffindbar sind. Wir diskutieren auf dem Weg zur Verwaltungsstelle über Plastik aus Maisstärke und schlimme Bodenerosionen durch den massenhaften Anbau von Mais, während sie überlegt, dass Popcorn auch mal wieder lecker wäre und genüsslich das Plastikumrührstäbchen ablutscht.

Wir kennen das Büro. Vor 7 oder 8 Jahren standen wir dort schon mal und dachten Wunder was wie erwachsen wir seien, dass wir aus der Jugendhilfe in die Hilfen für junge Erwachsene wechselten. Und eine unserer Gemochten bis heute kennenlernten.
Sachte fliegen Erinnerungsfetzen an die letzten Botschaften Befehle von Täter_innen an uns vorbei. Die Erinnerungen an NakNak*s wundergut flauschiges Welpenfisselfell und die Zeit mit ihr, zwei Katzen, einer Mäuse- und einer Guppyzucht und ihrem Problem draußen in der städtischen Hölle ihr Geschäft zu machen.
Wie viel wir damals noch geraucht haben. Wie schlimm alles damals noch war und doch so viel besser als alles vorher.

Eine freundliche Person spricht mit ihr über das betreute Wohnen in Familien.
Wir wissen schon alles und dann und wann berühren wir ihre Schulter um ihr zu signalisieren, dass sie aufhören kann, die auf sie einströmenden Wörter abzufangen. Wir erwarten Fragen zu uns und unserem Hilfebedarf. Erwarten die schlimmste aller Fragen, die jemand, der uns Hilfen zukommen lassen möchte, stellen kann: “Was wünschen Sie sich?”.

Die Frage kommt und wir drehen eine Vermeidungsschleife bis die Person die Frage als beantwortet denkt, obwohl sie das nicht ist.

Wir verabschieden uns mit einem zweiten ekelhaften Kaffee und einer zweiten Zahnschmerztablette im Bauch und einem Fragebogen zur individuellen Betreuung und Begleitung im betreuten Wohnen in Familien. Ein bisschen schwankend unter dem Gewicht einiger Kinderinnens und deren Schmerz.

Wir entscheiden uns die Sonnenseiten der Straßen zu benutzen. Entscheiden uns für den köstlich langen Bergabzebastreifen, er entlang eines großen Parkplatzes verläuft und streicheln eine weiche schwarze Labradormischlingshündin an der Straßenbahnhaltestelle.

“Ich glaube, dass wir eine gute Familie für Sie finden”, hat die Person gesagt und vielleicht gibt es wenig, das uns so unvermittelt umkrempeln kann, wie so ein Satz, der all die positive Belegung des Begriffes “Familie” im Ton hat.
Wir bedauern sie, diese Menschen, die versuchen uns damit zu zeigen, dass wir auf einem guten und tatsächlich auch gangbaren Weg sind. Sein könnten.
Wir bedauern sie, diese Menschen, deren kostbares Geschenk einer Familie wir nur ratlos anschauen und mit Roman- oder Fernsehinhalten abgleichen können.

Während wir eine halbe Stunde verbummeln, spielen wir mit einer gefundenen Feder. Betrachten die perlmuttartigen Schimmer der feinen Lamellen im Sonnenlicht und balancieren auf dem Kiel dazwischen umher.
Ein Kleines wedelt mit der Feder in der Luft herum spürt den Widerstand wie ein leichtes Pochen in den Fingerspitzen. Wir sind abgeschirmt von allem und fast nicht mehr da. Einfach so. An einem “alles ist möglich-Tag” kann man mitunter auch einfach mal so verwabern und im kalten Streichelwind, der über Federkiele weht, verschwinden.

Unsere Therapeutin hat vor ein paar Wochen beschlossen, dass wir jetzt eine Weile Tee trinken und wir haben noch immer kein so wirklich passendes Regal dafür gefunden.
Entsprechend grabscht sie blindlinks in unsere Bäuche, Rücken, Schultergelenke um an ein Wort für ein Gefühl, um das sie sich nicht sicher ist zu kommen. Sagt am Ende, sie glaubt traurig zu sein.
“Verstehen Sie das?” fragt die Therapeutin. “Nein.”, antwortet sie.

“Was würden Sie gern tun?”, fragt die Therapeutin. “Ich würde gerne weinen und was essen und dann eine Schmerztablette nehmen und dann…” und dann verheddern sich ihre Außenworte mit den Trümmern der einstürzenden Worttürme links und rechts und unserem ungeordnetem Aufbranden.
5 Minuten später essen wir einen überraschend ekelhaften Jogurt und eine beruhigend nette Banane. In dem Zimmer von unserer Therapeutin. Weil ja zum Glück “alles-ist-möglich-Tag” ist. Nur Anlass – kein Grund zur Panik.

Auch nicht, als ein Kinderinnen ihr sagt, dass es lieber bei ihr oder bei einer Gemögten oder dem Menschen wohnen würde, als in einer “Familie”. Und Familie*.

Auch nicht als da jemand sitzt, den wir bisher für körperlos hielten.

Wir laufen am Ende doch er_leichter_ter als vorher nach Hause und hopsen von Bratwurstduftwolke zu gebrannte Mandelndunst. Lassen Tauben den Vortritt und trampeln mit Absicht auf die Linien zwischen den Mustersteinen, die die Fußgängerzone einrahmen.
Beobachten wie sich die Weichen der Straßenbahn verstellen und warten zwischen zwei silbernen Bodenlinien. In all dem Menschenkrach wollen wir dann doch nicht auf unseren Einzelsitzplatz am Fenster verzichten.

Sie zittert etwas und wundert sich noch ein bisschen. Betastet das eigene Herz und versucht “Traurigkeit” unter den Fingerspitzen zu emp_finden.

Zu Hause wartet NakNak* auf uns und drückt ihren Nüschel in unseren Bauch, als wir unseren Nüschel auf ihren Kopf drücken.
Wir geikeln zwischen den Sonnenstrahlen und ihrer restlichen Wärme herum, kitzeln Grashalme und krabbeln von Gänseblümchenblüte zu Gänseblümchenblüte. Veratmen Erinnerungen an Familie*, an Es und DAS DA, legen die ausgeatmeten Eiterbröckchen dieser Wunden in die geheimen Wortloskatakomben. Aus den Augen aus dem Sinn.

Die nächste Station ist unsere Neurologin. Zwei wichtige Zettel und ein Stand der Dinge.
Weil “alles ist möglich-Tag” ist schaffen wir es um eine Verordnung für Ergotherapie zu bitten, die Einweisung für die Klinik zu regeln UND auch noch alle vorgestrickten Wörterketten zu sagen ohne uns zu verheddern, obwohl NakNak* neben uns sitzt und sich vorher im Wartezimmer in einen schrecklich hungrigen Gierlappen verwandelt hat.

Als wir in den Kreativmarkt gehen und NakNak* sich zum zweiten Mal auf die falsche Seite setzt, merken wir auch deutlich, wie lange es her ist, dass wir sie auch unter Menschen und inmitten von vielen Menschen als unsere Assistenz dabei hatten. Wie oft da die Angst ist unangenehm aufzufallen, dem komischen angesprochen werden, dem Ganzen „für ein Wesen außerhalb auch noch verantwortlich sein“, wir uns nicht gewachsen fühlen. Wie oft wir uns behindert haben, um keine Behindertensperenzchen von anderen abzuverlangen.

Langsam geht die Kraft zur Neige und wir machen nur noch eine Ehrenrunde durch den Park. Dort gibt es einen Schwarm mit winzig kleinen Vögelchen, die ganz wunderbar niedlich qwitschermiepen. Und zwei Hündinnen, die gerne mit NakNak* über die Wiesen flitzen. Und Sonnenstrahlen, die uns einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn kitzeln, bevor sie sich mit Abenddämmerung zudecken.
Wir haben “Görpower-Toni”- Karten von der Post abgeholt. Auf dem Weg dorthin eine orange-weiße Katze wie einen Stein auf dem Fußabtreter eines Haus sitzen sehen.

Die Welt zittert in ihren Fugen.
Wir telefonieren mit Renée und finden unser letztes gemeinsames Podcast ein bisschen gut und freuen uns darüber, dass eine zuhörende Person schon etwas recherchiert hat.

Und dann fangen wir an unseren Tag zu erzählen.
Wer hätte denn ahnen können, dass wir den schaffen?

Es wäre doch alles möglich gewesen!

Fundstücke #10

In knapp 2 Stunden sprechen wir mit einem Facharzt. Wieso eigentlich habe ich schon wieder vergessen. Beziehungsweise hat sich das Wieso in einen Haufen weiß-rauschender Wolken eingegraben und wird sich mir irgendwann von ganz allein als etwas präsentieren, das nie weg war und über meine Verwirrung lacht.

In meinem Kopf wirbeln die Erinnerungen durcheinander und beklemmen mich. Hinter mir sitzt A. die überlegt, ob sie sich von der Therapeutin die Versicherung holen kann, dass diese ihr auch dann noch glaubt, dass sie ES nicht wollte, würde ES sich wiederholen.
Ich habe gelernt mit den Bildern der Erinnerungen von anderen Innens umzugehen. A.’s Bauchschmerzen sind aber keine Bilder.
Ich atme als würde ich in den Wehen liegen und muss dabei aufpassen, nicht darüber irgendwelche anderen anzutriggern. Dieses Aufpassen ist ein Auslöser für all das Aufpassen, das dann doch nie gereicht – nie geschützt, nie bewahrt hat.

Ich komme mir vor wie ein panisches Pferd auf einem Drahtseil das über einer Klippe gespannt ist.

In den letzten Tagen habe ich viel übers viele sein nachgedacht und gesprochen und viel erklärt. Ich habe viel darüber gesprochen wie normal so ein 24/7 Umgang mit Gefühlen von existenzieller Bedrohung für mich und uns allgemein ist, aber selten lasse ich dabei zu, Beispiele dafür aufzubringen.
Ich will Menschen mit der Gewalt, die uns passiert ist verschonen und gleichzeitig aber erzählen, dass Dinge geschehen sind, die im Innen bis heute andauern oder sich anfühlen, als sei es gerade gestern, vor fünf, vier, drei, zwei Stunden gewesen.

Manchmal ist es unwirklich und lässt sich auch nicht gut zusammen bringen.
Es ist A. die von einem unserer früheren Therapeuten misshandelt wurde – nicht ich. Es war A.’s Körper – nicht meiner.
Paradoxerweise kann ich ihren Bauchschmerz aber als etwas empfinden, was auch mit mir zu tun hat. Ihr Schmerz im Heute ist auch mein Schmerz im Heute. Doch die Verletzung, die ihn letztlich verursacht hat, ist nicht meine.

Manchmal denke ich, dass wir uns nur deshalb auf neue Therapeut_innen und Begleiter_innen einlassen konnten und können, weil es diese Unterbrechung in der Schmerzevolution gab. Doch in Momenten wie diesem jetzt merke ich, dass meine Idee von A.’s Schmerz diese Unterbrechung selbst ist.
Ich bin so nah an ihrem Erinnern und starr sein dran, dass ich jederzeit meinen Kopf in ihren hineinstecken könnte, wie in ein Denkarium in Harry Potter.

Ich weiß aber nicht, ob ich ihn auch wieder heraus bekäme. Die Angst ist ihre Angst zu spüren. Obwohl ich nicht einmal weiß, ob sie wirklich Angst hatte, oder ob nicht andere Empfindungen sie dominiert haben. Ich weiß eigentlich gar nichts darüber was damals in ihr vorgegangen ist. Was heute – außer, dass andere denken könnten, sie hätte das gewollt – in ihr darüber vorgeht.
Wir dachten, sie würde auf Nimmerwiedersehen im Innen verschwinden, würden wir es schaffen, dass A. unsere Therapeutin nicht mehr mit dem Menschen gleichsetzt, der an ihr zum Täter wurde.
Das hat aber nicht geklappt.

Nachwievor wird sie von dem Umstand neuer Helfer_innen, neuer Therapeut_innen, neuer Personen, die uns sagen, dass sie uns helfen möchten so weit nach vorn gezerrt, dass wir Bauchschmerzen bekommen und Atemübungen brauchen, um nicht in Sterbeangst zu rutschen.

Ich muss jetzt los.
Trotz allem.

Betreuung

Nur noch 11 ein halb Tage bis zum Termin beim Betreuungsdienst der Wahl.
Getriggert ist inzwischen so ziemlich fast alles und wie Unkraut es so an sich hat, schießt das Zeugs im Kopf in alle Richtungen.

Es ist ein Moloch, den wir da vor uns sehen und das nicht, weil unsere Erfahrungen alle eher so semi bis grotte mit Aspekten von zart glitzerndem Wow waren.
Sondern, weil Betreuungen immer zwischen Kontexten der Wohlfahrt, wahrhaftiger Selbstlosigkeit, des schieren Kapitalismus und Not auf vielen Ebenen passieren.

Auf Flyern lachen die Menschen immer. Oder lächeln. Es gibt gegliederte Texte, frische Farben, samtweißen Hintergrund und fast sind selbst die Paragraphen am Ende der letzten Seite nicht schlimm.
Mit Beginn der Arbeitsgruppe “das Nachwachshaus” und im Verlauf unserer Krise haben wir eine ganze Menge von diesen Flyern angesehen und gelesen. Im Laufe des Jahres und mit zunehmendem Engagement in Sachen “Inklusion als Menschenrecht”, konnten wir uns diese Flyer aber auch mehr und mehr dekodieren und in einen Kontext mit unseren eigenen Wahrnehmungen und Einschätzungen in Bezug auf geschehene Betreuungen (und all die geschehenen Nichtbetreuungen) bringen.

Vor uns kann kein sozialpädagogisch arbeitender Mensch mehr stehen und sagen: “Ja aber…” oder “Was erwartest du denn?” und anderes reflexhaftes Derailing anbringen.
Sorry – not sorry.

So, wie wir lange vor der Krise schon darüber schrieben, dass keine einzige Form der Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun, kontextlos passiert, so schreiben wir nun über Betreuungen als einen Aspekt der Gewaltenverteilungen und ihren Aus-Ein-Mit-Wirkmechanismen.
Die Wohlfahrt und ihr gesamtes System gehört zu einem Teil der Gewalt, die Menschen mit Behinderungen/Behinderte, Arme, Kranke, Unterstützungs- und Hilfebedürftige jeden Tag erfahren und gegen den sich zu wehren praktisch unmöglich für sie ist, ohne sich selbst einer sehr existenziellen Gefahr auszusetzen.

Klar könnte ich in eine Kommune irgendwo auf dem Land ziehen und schauen, ob meine Probleme sich von veganer Lebensweise, frischer Luft und absoluter Abschottung vom Rest der Welt verbessern. Für manche Menschen kann das ein Ding sein.
Für mich aber nicht. Und wieso sollte ich als Person, die sowieso schon unglücklich mit dem ständigen Außenseiter_in sein ist, außergerechnet als totale Aussteiger_in glücklich sein?

Um klar zu sein: ich suche keine Hilfen, die weder institutionalisiert sind, noch komplett außerhalb kapitalistischer Kontexte passieren. Wir leben im Kapitalismus und wir leben in einem System, das Strukturen eher anerkennt als fluide Existenzen. Deshalb ist der Mensch allein hier ja so wenig wert.
Aber, ich möchte nicht von Menschen betreut und unterstützt werden, die selbst, (und nicht zuletzt auch wegen der Arbeit an/mit mir) zu Personen werden, die Hilfe und Unterstützung brauchen, um am Leben sein zu können.

Ich möchte das zum Einen nicht, weil ich das für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit halte und zum Anderen, weil ich mich entwickeln möchte. Vielleicht auch an Beispielen und Vorbildern entlang.
Heimlich ist das ein Wunsch. Okay. Vielleicht ein naiver. Obwohl eigentlich nein. Die Glitzeraspekte von selbst den semihilfreichen Betreuungen, die wir so hatten, waren Menschen, die etwas an sich hatten/haben, das wir (bis heute) nicht verstehen und deshalb zu ergründen versuchen: die mochten uns und wollten uns helfen, weil “einfach so”.

Für uns ist das wie ein Ding, das aus dem Weltraum kommt.
Nicht, weil wir das gar nicht kennen, dass Menschen uns sagen, sie mögen uns – viel mehr, weil die meisten Menschen, die uns sagen, sie würden uns mögen, uns in Wahrheit einfach genau nur so lange mögen, wie ihre Vorstellungen und Erwartungen an uns erfüllt sind.
Wir sind so schlecht darin Erwartungen zu erfüllen. Vor allem, wenn die Menschen nicht einmal reflektieren, dass sie welche an uns haben oder herantragen. Dann merken sie oft nicht einmal, dass wir sie enttäuscht haben – dann merken sie nur, dass wir anstrengend, unverständlich, zeit-nerven-kraft-intensiv im Umgang sind.

Gerade Letzteres tut uns immer wieder weh zu merken. Und auch deshalb sind wir inkompatibel mit ambulantem betreuten Wohnen.
Da heißt es im Hilfeplangespräch, dass man sich in Ruhe um alles kümmert und sich auseinandersetzt und dann macht.
Am Ende sieht die Realität dann so aus, dass die Klientin vor mir einen Amtstermin hatte, der – konnte man ja nicht ahnen – länger dauerte – für mich also bedeutet 20-30 Minuten weniger Zeit mit der betreuenden Person zu haben, weil sie nach mir noch schnell einen Klienten vom Bahnhof drei Dörfer weiter abholen muss und der da ja nun nicht so lange warten soll (was er dann aber doch muss, weil ich nervigerweise vielleicht doch noch ein Problem geklärt haben muss, das schon seit fünf vorherigen Terminen geklärt werden will, die furioserweise alle ähnlich gequetscht und zeitlich ultraeng aussahen).

Klar seufzen Betreuende vor mir auf und sagen mir, dass sie schon viel Zeug heute hatten und grad ne Migräne anrollt und Fußschmerzen und das Auto ist ja auch fast kaputt und so ein langer Tag noch heute…
Na klar tun sie das. Weil sie Menschen sind und keine Maschinen.
Aber die Erwartung ist eine Reaktion von mir.

In meiner letzten ambulanten Betreuung hatte ich den Standartreaktionsspruch auf das “Uff- ist alles ganz schön viel” von meiner ehemaligen Therapeutin kopiert und blindlinks abgespult, während hinter mir natürlich alles durcheinander getriggert herumpurzelte und sich überlegte, wie man die Probleme, die eigentlich in aller Ruhe mit den betreuenden Personen angeguckt werden sollten, selbst klärt.

Ich hab mich dafür geschämt, als ich das gemerkt hab. Ich mag selbst keine vorgefertigten Sätze hören und mache das dann in solchen Situationen.
Warum? Weil ich überfordert bin. Weil ich keine Kraftreserven dafür habe Menschen individuell mit Lautsprache zu berieseln. Weil die soziale Interaktion schon total viel Kraft kostet. Weil sich den Problemen, bei deren Lösung ich Hilfe und/oder Unterstützung brauche, zu stellen Kraft zieht.
Weil es bei meinen Problemen immer und immer wieder um handfeste existenzielle Absicherungen bzw. den Verlust dessen dreht.

Wir haben die ambulante Betreuung verlassen, weil wir gemerkt haben, dass wir diese Kraft nicht mehr aufbringen konnten.
Muss man sich mal überlegen – eine Hilfe ablehnen, weil man keine Kraft für sie hat.
In anderer Menschen Leben würde das bedeuten, sich mehr Hilfen ranzuholen.

Aber dann – mehr Hilfen ranholen. Mehr einfordern, als eine Person, die eh schon immer zu viel ist. Zu viel kognitiver Aufwand. Zu viel Zeit-Kraft-Energiefraß.
Obwohl sie doch auch super alles allein geschafft hat. Weil sie das ja doch gar nicht anders wollte.

Am Ende ist es halt dieser Dreh, der uns vor ein paar Wochen das Genick gebrochen hat.
Die Erkenntnis, dass wir Marathon laufen und eigentlich einen Rollstuhl bräuchten. Das ist ein mieser Schlag in den Bauch und doch irgendwie typisch für unsere Reflektion und permanente Dekonstruktion der Blicke anderer auf uns. Wir sind nicht zimperlich oder die Art Person, die sich die netten Aspekte von Reflektion auf sich herauspickt und die bitteren Stücke liegen lässt.
Wir suchen die bitteren Stücke, weil sie in der Regel wahrhaftiger sind. Schmerz ist ehrlich. Schmerz ist unbestechlich. Schon immer gewesen.
Menschen, die uns weh tun, erleben wir als ehrlicher und sehr viel offener, als Menschen, die immer nur Honig für uns haben.

Leider sind Menschen, die uns weh tun, häufig auch selbstsüchtige Arschlöcher oder von Täter_innenintrojekten angestochene Hörnchen und deshalb nicht besonders geeignet für uns im täglichen Kontakt.

Und damit sind wir wieder bei den dauerlächelnden Prospektgesichtern für Betreuungsanbieter.

Es gibt die Angst in so einer furchtbar netten Umgebung zu landen, in der wir die einzige Person sind, die Kritik übt, Dinge kritisch betrachtet, Negatives auch offen kritisiert.
Es gibt die Angst wieder reinzufallen auf irgendein Lächelgesicht und Versprechen auf entspanntere Aussichten, die dann doch nie kommen.
Und es gibt die Erinnerungen, die heute noch einmal auf einen anderen Boden fallen. Heute turnen teilweise 12-13-14 jährige Innens in unserem (Schul/Bildungs-) Alltag herum  und ich merke, wie wir Rosenblätter anfangen sie zu merken. Was es ausmacht, wenn Worte wie “Es gibt eine Bekleidungspauschale und Verpflegungsgeld…” fallen. Das ist kein Teil unserer Jugend, der verarbeitet ist.

Wir wissen nicht, wie man sich betreuen lässt.
Wir wissen nur, wie es ist betreut zu werden und sich kaputt zu machen, während man versucht die Betreuenden zu entlasten und sie möglichst nicht mit der Hölle in einem drin in Berührung kommen zu lassen.

Wir schauen gerade nach einer Alternative zum stationären Wohnen in einer Wohngruppe.
Also denken wir gerade allen Ernstes darüber nach, uns irgendwie mehr als 4-6 Stunden pro Woche mit Menschen in Kontakt zu bringen. Und zur Berufsschule zu gehen. Gleichzeitig.
Wir.

Like: wirklich wir oder ein frisch aufgekeimter Blob irgendwo am Rande des Temporallappens?
Im Moment fühlt es sich für mich an, wie parasuizidale Ideen. Ernsthaft.

Es fühlt sich an, als würden wir uns mit der Umsetzung dieser Idee von Hilfe und Unterstützung an eine Art Suizid bringen, den keiner außen merken würde, weil wir ja gut versorgt wären und so.
Es ist auch eine ähnlich einsame Entscheidung.

Oder?

der Antrag

Der Antrag hat 14 Seiten und gilt nicht als Sonderform eines juristischen Schuldspruches benannter Täter_innen. Bei Bewilligung gibt es keinen Grund zur Annahme andere Sozialleistungen würden gekürzt.
Warum zum Henker liegt dann das Zeug hier noch rum und schaut mich jedes Mal vorwurfsvoll an?

Weil es der Antrag auf Leistungen aus dem Fonds für Opfer von sexuellem Missbrauch im familiärem Umfeld ist.
Und wir nie ein Opfer von sexuellem Missbrauch waren. Weil wir mit unserem Hartz 4 doch total gut versorgt sind. Und so.
Weil es eine erschlichene geklaute böswillig abgequetschte Geldmasse in unsere raffgierigen Pfoten wäre. Erlogen und betrogen und auf Kosten der wahrhaftigen Opfer, die ihr Leben lang nie um irgendwas gebeten haben, weil sie sich nichts zugestehen können. Weil sie sich im Gegensatz zu uns nie herausnehmen würden sich Hilfen, Unterstützungen oder schlicht Schönes und Angenehmes zu zugestehen. Weil alle außer mir zurückhaltende, liebliche Unschuldslämmchenopfer sind.

Ja, im letzten Teil sprechen gerade unsere Langzeithaterin*/stalkerin*, diverse Täter_innenintrojekte und die allgemeine Opferfeindlichkeit unserer Gesellschaft, die in meinem Kopf herumlaufen und immer genau dann losquaken, wenn ich einen Krankenhausbericht kopieren, diverse Kostenvoranschläge einholen und darüber nachdenken will, wie ich damit umgehe auf eine Entscheidung des Fonds zu warten.

Wenn man sich mit dem FSM auseinandersetzt steht dort überall, man solle sich eine Berater_in suchen und das mit ihm_ihr zusammen machen.
Wir haben das versucht. Und dann gemerkt: “Okay, nein, wir sind hier gar nicht bei uns, sondern bei erratenen Erwartungen von einem Gegenüber.”. Also haben wir uns den Antrag selbst ausgedruckt und ausgefüllt. Und auch das Erinnern alleine ausgehalten und die Nacht danach allein mit uns verbracht.
Das Schreiben zur Seite gelegt und uns gesagt, dass wir nicht mehr darüber nachdenken müssen, was dort drin steht. Dass wir jetzt einfach nur noch daran denken müssen, Kostenvoranschläge einzuholen und Klinikberichte zu kopieren.

Unsere Therapeutin ist im Urlaub. Wir haben Arbeiten zu erledigen und nebenbei warten wir darauf, ob das mit der Berufsausbildung mit Assistenzhund an der Berufsschule klappen könnte. Daneben kommen Geschenke von der Wunschliste hier an und alles was wir tun, ist die Luft anzuhalten, auszuhalten, zu warten und zu gucken, wann der Hass auf uns wieder so weit abgeflaut ist, dass aus dem “unverdienten unnötigen Scheiß” das Kleinod einer Freude wird, das uns leichter durch das “nach dem verhinderten Suizid” trägt. Ja, das ist immer noch nicht durch. Mich machts fertig so fertig zu sein.

Der Antrag liegt auf dem Schreibtisch und faucht mich an. Wieso will ich den denn wegschicken, wenn ich eigentlich nur eine Wippemöwe am Fenster und ein buntes Mobile über dem Kopf brauche, um immer wieder im Menschenbett einzuschlafen? Nach 15 Jahren endlich mal wieder eine nicht invasive Einschlafmethode zu haben ist doch genug. Was will ich denn noch mehr?!

Ich weiß es natürlich nicht, aber oft wird uns sehr viel mehr Belastbarkeit und Abgeklärtheit über die eigene frühere Opferschaft zugetraut, als da ist. Als würden wir allen, die es hören (und allen die es nicht hören) wollen, davon erzählen, was uns passiert ist. Als würden wir seit Jahren halt einfach nur darauf warten, dass uns Menschen den Kopf streicheln, weil sie wissen, was für furchtbare Dinge wir erlebt haben.
Als würden wir hier keine klaren politischen Kontexte und sich daraus ergebende Notwendigkeiten formulieren. Als würden wir nicht etwas tun, dass uns als Beispiel nimmt, statt über Menschen und ihre Lebensrealitäten zu sprechen, die wir weder kennen noch leben.

Ja, vielleicht ist das verwechselbar mit einer reinen Bauchnabelshow. Und ja, es gibt die Möglichkeit, dass wir eine Rampensau sind, die mit so Themen wie Hartz 4, Behinderung, Gewalt- und Traumafolgen voll den Applaus kriegt und sich darüber ein Entitlement auf Belohnung wie solche Hilfeleistungen erlaubt.
Kennt man ja so Opferstars, die alles geschenkt bekommen, weil sie so öffentlich leiden wie wir.
Man kennt ja die Gesellschaft, die sich vom Leid anderer Menschen total hinreißen lässt zu Ehrenamt und Spendenaufkommen.

Ups – jetzt bin ich schon wieder zwischen Zynismus und Zyankali – sorry.

Aber nun ja – so ist das eben.
Während es bei meinem Antrag auf Geldleistungen aus dem Fond – wie auch bei jedem Antrag auf Therapiekostenübernahme bei der Krankenkasse – wie auch bei jedem Antrag auf Asylgeld – wie bei jedem anderen Antrag auf Geld auf Grundlage des Sozialgesetzbuch, das es in Deutschland nicht ohne Grund gibt –  um (soziale) Hilfen in Form von Geld geht, so geht es in jedem Hinterfragen dessen darum, wer was haben darf.
Nicht darum, wer was braucht.

Die Einen sagen, sie wollen, dass von ihren Steuern nur die bekommen sollen, die es sich verdient haben. Möglichst natürlich was sie als “sich verdient” bewerten. So jemand wie ich, die nie so gebuckelt hat, wie sie, die hat natürlich nichts verdient. Ist ja klar.
Die Anderen sagen, sie wollen hier niemanden durchfüttern, wer nicht wirklich am verhungern ist. Als sei es nur der Hunger, der das Problem ist.
Die Nächsten kennen “die Systembetrüger_innen”™, die nicht jeden Job annehmen, weil sie faule, ungebildete Säcke sind, die lieber rauchen und Chips essen, als Starbucksklos zu putzen oder stundenlang eine Entertaste zu drücken, um am Ende 50€ mehr auf dem Konto zu haben. Und natürlich die Wirtschaftsflüchtlinge und Z-Wort-Leute , die mehr Geld in den Arsch geschenkt bekommen, als andere, weil sie diebische Elstern sind.

Ja. Das nennt man auch Rassismus, Ableism und Wohlstandsflausen, die Kapitalismus nicht als tödlich einstufen.

Es wäre so schön, wäre ich eine Person, die es nicht nötig hat um Unterstützungen zu bitten.
Wenn das alles einfach echte Anstellerei und Opfermasche wäre. Dann hätte ich viele Nöte nämlich nicht. Dann würden mich so Täter_innenintrojekte und die Langzeithassperson weder so treffen, noch so daran behindern, mich, wie alle anderen Menschen auch, einfach darum zu kümmern gut über die Runden zu kommen, wie sie es eben tun: langanhaltend, gründlich und immer und immer und immer wieder – egal, was ich wie wo warum tue oder auch nicht tue.

Ich fühle mich davon unter Druck gesetzt. Empfinde es so, als müsste ich noch mehr Rechtfertigungen für Geschenke an mich und Spenden für meine Projekte finden und aufsagen. Aber mehr Rechtfertigung als “Ich finde es schön zu erleben, wenn Menschen mir Dinge schenken und Unterstützungen zukommen lassen, ohne dafür etwas von mir zu verlangen” hab ich nicht.
Ich finds einfach nur schön. Dass das geht. Also auch. Neben ganz viel schlimmen Dingen, die gehen.

Ich spüre Zeitdruck hinter dem Antrag. Bis Ende April muss der dort eingereicht sein.
Und ich weiß nicht mal, ob ich morgen auch noch leben will. Oder, ob ich in zwei drei Stunden oder Tagen oder Wochen aufhören kann zu denken: “Ich bin kein Missbrauchsopfer – nie gewesen. Ich bin total okay. Mir ist nie irgendwas passiert. Alles ist eingebildet. In Wahrheit ist das hier alles nur ein Teil meiner Psychose. Oder meines tief im Hirn angewachsenen Tumors.”.

Ich merke, wie groß die Wahrheit anderer Leute vor mir steht. Mal wieder.
Was und wer ich bin. Was mir zusteht und was nicht, entscheiden nicht meine Bedürfnisse, sondern die Bewertungen anderer von dem, was sie von mir zu wissen glauben und zu denken erlauben, ohne je etwas davon zu hinterfragen.

Und weiß, dass das alles nur so in mir wirken kann, weil es irgendwann mal keine andere Wahl gab das zu überstehen, als es selbst in meinen Kopf zu lassen.

Tse aber klar – ich brauch keine Hilfe.
Meine Not ist selbst gewählt.

Meine armen Unterstützer_innen. Denken das wär anders.
Arme Irre.

4 Tage tot

Die Tage in der Krisenstation sind als “5 Tage, in denen ich tot war” gespeichert.
Dabei waren wir insgesamt nur 4 Tage und ein paar Stunden da.

Mir ist das vorhin eingefallen, nachdem ich damit fertig war mich über ein E-Book zu ärgern, dass eine vollumfängliche Weisheit über “multiple Persönlichkeiten” für 4,99€ zu erzählen vermögen will.
Und die Benutzerbewertung, die eine Filmreferenz zu “Fight Club” anbringt. Und überhaupt.
Orr brech die Wurz aus ey.

Es ist ein Phänomen. Die Autist_innen müssen erzählen, dass sie nicht “Rainman” sind und Menschen mit DIS haben Angst vor der Konfrontation mit Filmen wie “Sibyl” oder Büchern wie “Die Leben des Billy Milligan”

Daneben die Frage, wieso das popkulturelle Halb(Viertel) (homöopathische Dosen)wissen es in die Menschenmassen schafft, die Realität hingegen oft nicht einmal kurz in jene paar Köpfe hineinkommt, die direkt mit den konkret betroffenen Personen zu tun haben.
Bevor wir wirklich nicht mehr konnten, hatten wir einen Anlauf zur Aufnahme in der Klinik unternommen und haben uns umentschieden, nachdem die speziell grundlegend falschen und nie etwas Gutes verheißenden Worte “ah – gespaltene Persönlichkeit!” im Erstgespräch fielen.

Es ist das Eine, wenn eine Assistenzärztin von komplexen Traumafolgestörungen* nicht so wirklich Ahnung hat – es ist das Andere, wenn da keine direkte Intervention passieren kann. Unsere Begleitung hatte auf unsere Begründung der Ablehnung “Die wissen hier nicht, was viele sein ist” geantwortet, dass wir das ja auch nicht erwarten könnten.
Glück für die Person, dass unser Körper da schon auf Beruhigungsmitteln war, was auch verhinderte, dass mir die Hand in ihr Gesicht wandert.
Einfach, weil das die falschestmögliche Ansage ist, wenn jemand in so einem massiv auch gefährdendem Setting, falsch bewortet wird.

Wir haben aus Gründen der Gewalterfahrungen in Klinikkontexten und einfach wegen des rosenblattschen Sprachknalls halt eine spezielle Empfindlichkeit für falsche Wortwahl – okay – aber: es ist IMMER IMMER IMMER von Ärzt_innen zu erwarten, dass sie eine_n mit der richtigen Diagnose beworten und entsprechend behandeln.
DAS IST ERWARTBAR.
Das ist so erwartbar, dass es kranke Leute dazu bringt zu Ärzten zu gehen und nicht zum nächsten Späti oder Blumenladen. Muss man sich mal vorstellen, was los wäre, wär es allgemein erwartbarer, dass Müllmänner besser Gliedmaßen eingipsen können, als Mediziner_innen.

Genau das ist aber im übertragenen Sinne das, was uns da jemand sagte und uns damit in genau die Überforderungsgefühle zurück triggerte, die letztlich unsere suizidale Krise mit ausgelöst hatten und zu einem gewissen Teil auch schon seit der Diagnosestellung in unserem Leben sind.

Mit einer DIS zu leben bedeutet so oft, mit etwas zu leben, dass niemand, der es kennen sollte, auch wirklich kennt.
Die behandelnden Mediziner_innen, die psychotherapeutisch Behandelnden, die pädagogisch Begleitenden. Die Notfallmediziner_innen, die einen von der Straße kratzen. Die Seelsorgenden. Die Lehrenden.
Die, mit denen man Bett und Wohnung, Nahrung und Leben teilt. Die mit denen man Themen und Leidenschaften teilt. Die, mit denen man Zeitrahmen in den Lauf der Dinge hängt.

Es bedeutet so oft doppelt und dreifach keine Erwartungen an das Umfeld und seine Menschen zu haben.
Weil Umfeld und Menschen noch nie wahrgenommen haben, was passierte, als man ein Baby, ein Kleinkind, ein Kindergarten- und Schulkind war. Als man die Pubertät durchschritt, erwachsen wurde.
Weil Umfeld und Menschen wie ein tumbe Masse in einem Paralleluniversum an einem vorbeigleiten. Und zwar nicht nur dann, wenn man tatsächlich depersonalisiert (also auf eine spezifische Art dissoziiert), sondern, weil es das Phänomen der sozialen Dissoziation gibt.
Und dann am Ende, wenn man mehr Klarheit über sich hat, weil andere Personen einem sagen, dass man auch keine Erwartungen dieses Umfeld zu richten hat.

Weil dieses Umfeld nicht dich anhört, um etwas über DIS zu hören, sondern special professionelle Glitzerleute, die weder kacken gehen noch mit Wasser kochen. Die sollens dann richten. Weil man ja weiß wie häufig so spezifisches Fachwissen ist und wie allgemein massenwirksam Einzelpersonen immer sein können.

Okay okay – ich höre jetzt auf mit dem Zynismus und gehe in die Realität zurück.
Fakt ist, dass wir bisher in jeder Notfallambulanz, die uns die Haut zugenäht hat, mit den Schlampignosen [rosenblattisch für “schlampige Arschlochdiagnose”] “Borderline” oder “histrionische Persönlichkeitsstörung” oder “akute Depression”  auf dem Entlassungsbericht nach Hause gingen. Auch nachdem wir mitgeteilt hatten, entsprechend welcher Diagnose wir in Behandlung sind. Das Ausmaß der Ignoranz mit allen potenziellen Gefahren ist wohl auch ohne einen weiteren Kommentar von mir illustriert.

Und an der Stelle kommt der Ausbruch von mir, auf den Hannah schon gewartet hat.
Dieser unsägliche Dialog zwischen der Stationsärztin und unserer Therapeutin.
Ich zitiere uns selbst: Die Ärztin in der Krisenstation hatte ihr gesagt, es würde sie erstaunen, wie jemand, der so schwer krank ist bzw. so schwerwiegende Symptome hat, noch nie bei ihr auf der Station war. Und die Therapeutin hatte ihr geantwortet: “Frau Rosenblatt ist eben eine starke Frau.”.

Es ist so schade, dass unserer Therapeutin spontan nur das eingefallen ist und nicht so etwas wie: “Nun ja, bei dem derzeit allgemein leider eher zu erwartendem Behandlungsstandart in deutschen Krankenhäusern muss heutzutage noch immer jede Person mit einer komplexen Traumafolgestörung, wie Frau* Rosenblatt sie hat, leider leider so extrem weit runter mit Nerven und Kraft sein, dass der letzte Funken Selbsterhaltungstrieb nur noch die Einweisung auf Stationen, wie die, in der Sie arbeiten ist.” – an der Stelle hätte sie von mir aus auch drama-solidarisch aufseufzen können um zu vermitteln: “Aber was will man machen”, damit die Ärztin noch eine Option hat sich weniger angegriffen zu fühlen. Mangel und chronischen Notstand kennen sie ja nun einmal doch alle.

Aber nein – was ihr einfiel war der “sie ist so stark (sie hat so viel überlebt)”- Trope, den wir so schlicht nicht mehr auszuhalten gewillt sind, wann und wie auch immer der an uns herangetragen wird.
Nein, wir nicht stark, weil wir so viel ausgehalten und überlebt haben. Wir sind nicht stark. Wir sind nicht hart gesotten. Wir sind nicht mega krass überlebensfähig.
“Aushalten”, “überleben”, “hart gesotten sein”, mega krass “überlebensfähig zu sein” – das wurde  und wird von uns so oft verlangt, dass wir viele geworden sind und auf bestimmten Ebenen sogar bleiben müssen!

Wir vermeiden medizinische Hilfen, weil sie uns Erinnerungen an Gewalterfahrungen triggern. Sei es mit Untersuchungsmethoden oder mit dem klar spürbaren Machtgefälle.
Wir gehen nicht zu Mediziner_innen, weil wir selbst als Patient_in so oft nicht so schwach, verletzt oder verletzbar sein dürfen, wie man es sein dürfen sollte. Wir gehen nicht zu Mediziner_innen, weil viele nicht wissen, welche spezifischen Erkrankungen auch Folgen wiederholter Misshandlung in der Kindheit sein können. Wir haben gelernt uns selbst klaffende Wunden zu tapen und zu nähen, weil selbst das besser auszuhalten ist, als semiinteressierte Pseudoberuhigungsgespräche darüber wie viel besser sich die dauernd wiederholende Kackscheiße in unserem Leben vielleicht eventuell mal entwickeln wird.

Wir haben nicht die Kraft dafür erschrockenen Leuten das Märchen von dem Mädchen zu erzählen, dass sich in die Freiheit gekämpft hat, nur damit sie was Schönes zum dran glauben haben, wenn sie der nächsten Frau ein “durch Treppensturz” blau geschlagenes Auge kühlen.

Merkt man das heute noch? Wie mies es eigentlich ist von “starken Persönlichkeiten, die sich rausgekämpft haben” zu sprechen, weil man damit automatisch und immer nach den “nicht starken, die durch Täter_innenhand gestorben sind” tritt?
Merkt das heute noch irgendwer außer denen, die darunter leiden, weil sie Angst haben, was passiert, wenn sie nicht mehr stark sein und/oder wirken können?

Irgendwie habe ich diese 4 Tage und paar Stunden genau des halb unter “ich war tot” gespeichert.
Weil ich nicht mehr war. Weil ich nicht mehr konnte. Nicht mehr denken. Nicht mehr aushalten. Nicht einmal mehr wütend sein, weil man dort keine Ahnung vom viele sein hatte und uns entsprechend behandelt hat. Weil das, was neben all dem, was unser Rosenblätterleben so anstrengend und unübersichtlich macht und hält – die Armut, die Abhängigkeiten, die immer wieder doch noch auftauchenden dissoziativen Amnesien, die Einsamkeit, das unkontrollierte Erinnern, das Leiden, das Trauern, das permanente Bedürfnis etwas zu sagen und doch nur reden zu können und das Wissen, dass es kein eigenständiges Unterbrechen von all dem gibt, außer sich zu töten – einfach nicht mehr zu er.tragen war.
Für 4 Tage und ein paar Stunden hab ich etwas fallen gelassen, was ich als “die starke kämpferische K.”, die immer wieder gern rangeholt wird, wenn es darum geht, das Leben dieses Einsmenschen zu retten und immer wieder durchzuhalten, festgehalten hab, seit mir die Therapeutin, die wir mit 16 hatten erklärte, was eine DIS ist und wie wichtig mein Festhalten ist.

Das ist ein beliebter Ansatz in der Therapie. Man macht die “starken Anteile” aus und macht ihnen klar wie wichtig sie sind. Wenn die Klient_innen dann auch noch eine tatsächliche Alltagsaufgabe für diese Anteile finden und etablieren können (Lohnarbeit, Familienleben, diverse soziale Interaktionsbereiche) kann sich eine stabile starke Ebene sowohl im Innern der Person als auch im Außen entwickeln.
Passiert über Jahre im Außen nichts und lastet aller Druck immer wieder nur auf einzelnen dieser Anteile, ist die Dekompensation abzusehen.

Das ist, was an den aktuellen und auch weniger aktuellen Büchern zur Traumatherapie (bei einer DIS bzw. allgemein dissoziativen Störungen) meiner Ansicht nach zu Recht kritisiert wird. Das Paradebeispiel ist allzuoft als cisweiblich, weiß, ca. 45 Jahre alt, im Berufsleben und Teil einer selbstgegründeten Familie beschrieben – ergo näher dran an der Möglichkeit eine solche stabile Ebene für sich zu realisieren. Privilegien, Baby!
Nicht non-binäry, of colour, Anfang 20 oder Mitte 70, alleinstehend und in Abhängigkeiten wie Hartz 4 oder (Früh-)Rente – ergo weit(er) davon entfernt sich so eine Ebene zu erschaffen. Diskriminierung, Baby!

Die auch für die Behandler_innen deprimierenden Beispiele werden im kleinsten Kreis diskutiert – wenn überhaupt.
Die psychotherapeutischen Behandlungen, die irgendwann mehr oder weniger erhaltungstherapeutischen Charakter haben, schaffen es nicht in die Literatur, die ermutigen und die Notwendigkeit von guter Traumatherapie für alle, die (komplex) traumatisiert wurden, überzeugen will.

Dafür gibt es sicherlich auch Gründe, die außerhalb meines Sichtfeldes liegen, aber für mich als Person mit DIS, die ihre Diagnose seit inzwischen 13 Jahren hat ist es, als würde mir eine Facette der Realität meiner Behandlungsprognose vorenthalten.
Ich habe schon ein Interesse daran zu erfahren, welche Faktoren ich selbst vielleicht noch mehr anstreben müsste, um meinen Behandlungsverlauf positiv zu beeinflussen, außerhalb dessen, was ich eben genau nicht beeinflussen kann.

Was ich wahrnehme ist, dass es immer mehr Behandler_innen gibt, die sich für die Gewaltformen hinter der DIS interessieren. Viele Menschen haben die Warum-Fragen in sich. Wollen die Mechanik der Gewalt verstehen und denken, um das zu können muss man einen Fokus auf die Täter_innen legen. Ihre Intensionen, ihre Ideen, ihre Sozialisierung.
Wieder reicht das, was die Personen, die zu Opfern wurden, sagen nicht aus. Wieder wird an der Stelle davon ausgegangen, zu Opfer gewordene Menschen, seien nicht in der Lage “richtig” einzuschätzen, was zu ihrem Leiden geführt hat.
Sicherlich muss man kritisch sein. Sicherlich gibt es auch genügend gewaltkulturelle, wie gewalterfahrungsbegründete Einflüsse, welche die Perspektiven der betroffenen Menschen verschiebt.
Und natürlich ist “Die Täter_innen waren einfach miese Arschlöcher”, was für manche ehemalige Opfer ein total hilfreiches Schlußfazit ist, alles andere, als eine umfassende Betrachtung von Gewalt-Dynamiken. Aber solche Ansagen sind Teil dieser Dynamiken und somit in jedem Fall auch relevant.

Es scheint einen Trend dahin zu geben, sich über die Gewalt auszutauschen und dafür konkret Betroffene zu suchen, die sich willig als “Aussteiger_innen” bezeichnen und ihre Folgeschäden mehr oder weniger präsentieren lassen, um dann die “Ich war so stark – ich hab mir nix mehr gefallen lassen und mich befreit!”- Legende zu erzählen.

Sozialpolitische Bemühungen, Vereinsarbeiten, quasi-wissenschaftliche Arbeiten von konkret betroffenen Personen geraten dabei aus dem Fokus.
Es ist, als würde man mit jeder Veranstaltung zu ritueller Gewalt, organisierter Gewalt – jedem Aufklären wollen über das, was eine DIS zur Folge haben kann, bei dem auch ehemalige Opfer sprechen dürfen, eine neue, aktuellere Version von einem Film gedreht, vor dem man sich als Mensch mit DIS später fürchtet.

Beziehungsweise, vor dem ich mich fürchte.
Das Blog von Vielen ist entstanden, weil ein Mitmensch nicht verstanden hat, dass wir nicht “so eine wie die in Höllenleben” sind. Der Kontakt ging später auch genau daran kaputt: ich wurde von der Person zum Gradmesser eines Wahrheitsgehaltes von Filmen und Büchern gemacht und nicht als ich neben vielen anderen ichs in einem Menschen gesehen.
Die Person hat unsere innere Struktur zu einer chaotischen Kopf-WG gemacht, darauf gewartet, dass wir in nie offiziell gelernten Fremdsprachen sprechen und heimlich irgendwie sowas wie Kung-Fu-Meister sein könnten. Unsere Kleidung wurde bedeutet, unsere unterschiedlichen Haltungen und Interaktionsmuster wurden exotisiert und alles, was wir uns erarbeitet oder sonst wie hart angeeignet haben, wurde auf unsere Vielheit oder Stärke oder Überlebenswillen zurückgeführt.

Wir hatten damals noch keine Ahnung, dass man mal schauen könnte, ob Menschen mit DIS bloggen oder aktivistisch unterwegs sind. Außer Foren, in denen man einander erzählte wie krass schlecht es einem grad geht und sich zu keinem anderen Thema zu äußern traut, hatten wir nur noch eine Selbsthilfegruppe, die sich selbst eher zum ausgelagerten Ressourcenflauschcliquending entwickelt hat.

Für uns war es lange normal keinerlei Erwartungen an eine Kenntnis von realer DIS an Menschen zu richten. Bis wir gemerkt haben, wieviel gefährlicher Bullshit dadurch Raum bekommt und wie sehr dadurch Deutungshoheiten von sowohl sogenannten, als auch wirklich professionell und sorgfältig arbeitenden Behandler_innen verfestigt wird, anstatt hier und da kritisch hinterfragt zu werden.

Wie dieses unsägliche Buch mit 18 Seiten, das auch von Betroffenen beworben wurde, anstatt eine Linkliste von anderen Betroffenen anzulegen, anstatt sich zu vernetzen, anstatt auf Beratungsangebote, Fachliteratur, eigene Texte und Innenansichten zu linken.
Es gibt Seiten zu DIS im Netz, die mir wirklich Bauchschmerzen und Kopfzerbrechen bereiten, weil sie so oft Gewalt reproduzieren, ihre Stimmen abgeben und durch massenhaft zitierte Bücherweisheiten ersetzen und keinerlei erwachsenes, reflektiertes, fundiertes Profil erahnen lassen.

Daneben gibt es diese Vermeidungstänze der Pseudodebatte um die Echtheit von DIS, die Echtheit der geschilderten Gewalt und die Wahrhaftigkeit des Grauens an sich.
Nichts davon macht, dass man als in welcher Form auch immer vom Thema berührte Person, wirklich mehr Hilfen bekommt. Oder mehr Kenntnis in der Allgemeinheit über DIS und komplexe Traumafolgen allgemein entsteht.
Was es macht sind dichotome Stereotypen, wie sie unsere Gesellschaft hegt und pflegt, um sich zu unterhalten und abzugrenzen, statt sich zu widmen und zu engagieren.

Es macht, dass man sich als konkret Betroffene von dort fernhält, wo man Hilfe bekommen könnte.
Es macht, dass man 4 Tage tot ist und sich dann auf eine Art neu für sein Leben entscheiden muss, wie es andere Menschen nicht tun müssen.

Es macht ein Schweigen, das neben der Sprachlosigkeit, die die Gewalt mit sich bringt, überhaupt nicht auffällt.
Und das ist das Problem.