Fundstücke #78

„Kalte Wärme“ will ich es nennen, tatsächlich ist mir aber nur warm unter meinem morgenkalten von Radfahrschweiß feuchtem Körperspeck, den ich eingeschlossen im Bahnhofsklo trocken tupfe und dann in frische, zivile Kleidung stecke.
Wir sind zum Bahnhof geradelt, das sind 18 Kilometer. Es war neblig, feucht, kühl, wundervoll. Dort angekommen sahen wir die Zugausfälle und hörten außer den Durchsagen: nichts. Ok, das stimmt nicht, aber es tat nicht weh und so hört sich das Restnichts eines Bahnhofs ohne ständige An-, Ab- und Durchfahrt für mich an. Schmerzlos.

Ich twittere das und registriere dann den Gedanken, dass das vielleicht zu intim war. Danach, dass diese Einschätzung einer alten Perspektive entspringt, die nie genauso zu meinem Alltag gehörte. Ich werde nicht ständig beobachtet und beurteilt. Niemand teilt mir zu, wo ich anfange, ob und wenn ja bis wohin meine Intimsphäre reicht und wenn ich etwas von mir mit.teile, dann ist das prinzipiell in Ordnung, denn ich bin keine Ressource, die jemandem gehört.
Später frage ich mich, ob es an meinem PMDS liegt, dass mir so scheiß egal ist, wer diesen Gedanken hatte und wieso. Ob ich gerade brutal vermeide und zarte Versuche von Kinderinnens und – Jugendlichen, sich ein Bild vom Heute, meinem Heute, zu machen zerschmettere – oder daran, dass diesem Gedanken, auch diesem fremdvertrauten Kindergefühl der ständigen Beobachtung, Kontrolle, Überwachung, eine Angst zugrunde liegt, auf die ich einfach keinen Bock habe. Like: Wirklich keinen Bock, keinen Nerv, keine Zeit, weil mein Heute tausend andere, viel nützlicher mit Angst befühlbare Dinge enthält.
Und ja, weil ich meine Angst nutzbar haben will. Es ist meine Angst, mein Schmerz, meine Gefühle, meine Gedanken, alles meins und ich kann mir aussuchen, was ich damit anfangen will. Manchmal nur theoretisch, fein, aber meistens auch praktisch.

Ich hatte immer Angst vor meiner Angst, weil sie der Grund für viele Kontrollthemen in meinem Leben ist. Entweder ich musste kontrolliert werden, weil ich Angst hatte oder weil ich „allen“ Angst gemacht habe. Mich als Behältnis, als Quelle der Angst zu kontrollieren war der Umgang, der irgendwie immer möglich war, die Nutzbarkeit meiner Angst eine Idee, die ich erst umsetzen konnte, als ich begriff, dass ich dieses hin und her aus Angst für mein ganzes Leben hielt, statt einen Teil davon. Einen nutzbaren Teil. Einen von mir für mich nutzbaren Teil. 

Ja, da wäre ich nie hingekommen, hätte ich mich meinen Kinderinnens und Jugendlichen immer so gewidmet, wie ich das jetzt mache. Abwehrend, abwertend, ungeduldig, vermeidend. Aber ich frage mich auch, warum ich mich ihnen widmen soll, wenn sie sich auch mir widmen könnten. Besonders, wenn sie schon wissen, dass sie Kinder in einem Erwachsenenleben sind. Dass 2021 ist. Dass heute ein anderes Heute ist. Denn durch dieses Wissen treffen sie eine Entscheidung, wenn sie in ihrem früheren Erleben bleiben. Jedenfalls theoretisch. Dass das viel mit Gewohnheit, Unbewusstsein und einem unfassbar großen Lernprozess zu tun hat, weiß ich auch. Aber.
Wer sich mir in den Kopf und in die Gefühle hängen kann, um mein Überleben zu retten, obwohl es nicht mal im Ansatz gefährdet ist, kann sich mein Leben auch angucken und checken, dass alles anders ist.

So wie S., der sich im Zug neben mich setzt und so etwas wie Gedanken wie ein Echolot an mich richtet, um zu prüfen, ob immer noch alles ist, wie beim letzten Mal: Alles ok.

weglaufen

Die quadratischen Wegplatten, die Seite an Seite den Weg in ein Besser, Schöner, Richtiger pflastern könnten, liegen schief. Schwimmen in Zeitlupe auf der Erde, verschieben sich wie tektonische Platten. Formen Pfade, zu eckig für schöne Schlängel, in deren Kurven man schneller werden könnte.
Ihre Füße stecken in Schuhen, die genau auf die Steine passen. Wie eine Maschine, ein Panzer vielleicht, könnte sie Halt finden und gehen. Weggehen. Nicht: Rennen wie ein waidwundes Reh. Panisch. Von Schmerz gesteuert, von Todesangst getrieben. Nicht, wie sie über 4 Spuren Bundesstraße rennt, für eine Stunde Ruhe inmitten von Autolärm, sondern einfach nur gehen. Geradeaus. Woanders hin. Um laufen zu lernen.

Sie fällt daran auseinander. An der Arbeit, die es macht, sich die Platten geradezurücken. Die Pfade zu finden und abzulaufen, die Anstrengung nicht zu zeigen, nicht zu fühlen, zu akzeptieren als diesem Leben zugehörig wie Atmen. An der Überzeugung herein.fallen zu können, würde sie es versuchen. Sie könnte fallen, auf dem Rücken landen und er wüsste es. Dann wäre es aus.

Sie belächeln, wie sie von der obersten Treppenstufe aufs Rad klettert. Sie kennt sie nicht, spürt nichts. Fährt los. Weg. Jeden Tag fährt sie weg. Und kommt immer wieder zurück. Denn es heißt ja „von zu Hause weglaufen„.

Sichtbarkeit ist nicht das Problem – #unsichtbar

Am Ende dachte ich darüber nach, warum es eigentlich ist, dass jede „Betroffenen-Sparte“ auf die immer gleichen Verstrickungen hereinfällt.
Dabei hätte es doch genau mich ansprechen sollen. Eigentlich müsste ich doch in diesen #unsichtbar gehen und mich pausenlos bestätigt fühlen. Echokammer yeah!
Aber nein.
Erst musste ich meine internalisierten Ableismen runterwürgen. Dann die täterloyalen Innens. Und dann war da eigentlich nur noch Wut und Frustration über einer ohnmächtigen, hilflosen Hoffnungslosigkeit. So tief, dass ich sie nicht weiter erforschen wollte.

Ich habe schon vor längerer Zeit immer wieder geschrieben, dass die Unterscheidung in „unsichtbare“ und „sichtbare“ Behinderungen genauso problematisch ist, wie die Unterscheidung in „behindert“ und „nichtbehindert“.
Nun, wo viele behinderte und chronisch kranke Menschen sich und ihre Probleme aber als „unsichtbar behindert“ einordnen, ist es natürlich auch von mir schlicht zu akzeptieren, dass sich so viele Menschen nun einmal so empfinden und einordnen und dies als die Sprache, den Rahmen für ihre Schwierigkeiten wählen.

Aber… und hier kannst du dir mich vorstellen, mich windend und dabei immer wieder mit dem Kopf an Wände und Tische schlagend, weil ich da so viel sehe, was daran problematisch ist und kaum weiß, wohin damit … es hat so viele schwierige Implikationen, dass es nichts am Problem ändert und das macht mich einfach fertig.

Unter #unsichtbar haben zu Beginn ausschließlich? autistische Menschen getwittert. Inzwischen versammeln sich darunter aber auch Menschen mit anderen Diagnosen, denen allen gemeinsam ist, dass man ihre Behinderungen im Allgemeinen nicht aufgrund der Nutzung von Hilfsmitteln oder über die Körperform und -funktion annimmt bzw. herleitet, dass eine Behinderung vorliegen könnte.
Für mich war schon nach kurzer Zeit des Lesens klar, dass sich nichts Neues daraus ergeben würde. Man würde wieder Gewaltgeschichten in die Gesellschaft pusten und niemand würde es bemerken, weil niemand schreibt, dass es um Herrschaft geht. Wieder tritt man an eine falsch definierte und deshalb als homogen gedachte Gruppe („die Nichtbehinderten“/“die da draußen“/“die Ahnungslosen“) heran und sagt ihr sinngemäß: „Hier hömma – ich bin unsichtbar für dich – Immer bin ich unsichtbar – wär mir ein Arm ab, würdest du mich besser behandeln.“, was, wie Menschen, die andere Behinderungen kompensieren wohl bestätigen dürften, nicht der Fall ist. Neben dem Umstand, dass es ein unsolidarischer Kackmove ist, der seinerseits gewaltvoll gegen behinderte Menschen wirkt.

Was ich verstehen und auch emotional nachvollziehen kann ist, dass „unsichtbar“ hier als Metapher verwendet wird, um auszudrücken, dass man sich in den eigenen Kämpfen und Problemen nicht wahrgenommen fühlt. Nicht erkannt, nicht anerkannt. Dass man denkt: „Wer ich bin, was mich ausmacht, was ich brauche, das ist nicht offensichtlich – nicht völlig klar – für andere Menschen.“
Es gibt aber auch Posts, die ganz konkret das Wort „unsichtbar“ meinen, weil sie sich als behinderter Mensch und die eigene Kompensation von Behinderungen für weniger auffällig halten, als etwa die von Leuten, die einen Stock benutzen oder eine Prothese.

Beides muss meiner Ansicht nach benannt und verdeutlicht werden, wenn man (politisch) etwas dagegen tun möchte. Beides wäre jedoch besser nicht mit dem Begriff „unsichtbar“ getan, sondern mit den Begriffen „unerkannt“ und/oder „nicht anerkannt“.
Denn, wie ich gestern bereits in einem Twitterthread (Link zum Thread) schrieb: „Es ist ein Vermeidungsmärchen. [Dass man nicht jede Behinderung sieht und/oder „sieht“] Nichts weiter. Mit der Rahmung von Behinderungen als unsichtbar wird es eine Superkraft sie überhaupt wahrzunehmen – übermenschlich. Und deshalb im Alltag genau das „zu viel verlangt“ gegen das ihr eure Aufklärungsarbeit, euren Aktivismus macht.
Immer wenn jemand vertritt, es gäbe unsichtbare Behinderungen wird ein Mal mehr die behinderte Person auch die Behinderung selbst und nicht die Umstände in und von denen sie behindert wird. Das ist ein Problem.
Ja, es ist wichtig aufzuzeigen, dass viele Menschen besonders im sozialen Bereich, wegen ihrer individuellen Wahrnehmung behindert sind und werden – aber um das auszudrücken, darf man durchaus sagen, dass es um Missachtung, fehlerhafte Einordnung, Ignoranz und Gewalt geht.
Denn um nichts anderes geht in jeder Story um „XY übergeht meine Bedarfe, weil sie_r meine Behinderung/Grenzen/meinen Willen nicht beachtet/wahrt.“
Was also unter
#unsichtbar (Link zum Hashtag bei Twitter) vor allem unsichtbar bleibt ist, dass es um Gewalt gegen behinderte Menschen geht.
Auch ein Vermeidungsmove übrigens – weil man als behinderte Person zweimal nicht immer das Opfer sein will & noch mal Mitleid oder Abwehr abkriegen will, aber es ist, wie es ist und es ist wichtig sich dessen bewusst zu werden/sein/bleiben, um etwas zu verändern.“

Ja, es ist relevant, wie Menschen aussehen und ja, manche Erkrankungen und genetischen Varianzen lassen Menschen „besonders/anders/auffällig“ aussehen, weshalb im Kontakt mit ihnen sowohl schneller angenommen als auch anerkannt wird, dass sie Behinderungen oder Krankheiten kompensieren müssen. Aber auch diese Menschen werden deshalb nicht „richtig(er) gesehen“ oder erhalten deshalb leichter oder öfter auch das, was sie wollen und brauchen. Das einzige, was sie nicht machen müssen, ist in anderen Menschen die Idee aufkommen zu lassen, sie könnten ein behinderter Mensch sein. Mit allen Konsequenzen, die das hat. Vor allem für Menschen, die „anders aussehen“, aber gar nicht behindert sind.

Und ja, es ist auch relevant, dass Anpassung zu sehr viel Unauffälligkeit führt. Aber auch das beste Masking autistischer Menschen schafft eben nur das: Unauffälligkeit. Nicht: Verschwinden oder Unsichtbarkeit.

Für mich ist das Unsichtbarkeitsthema dieser autistischen Bubble das Einhornthema queerer Menschen.
„Some people are unicorns get over it“, war so ein Slogan, den wir eine ganze Weile auf einem Patch auf dem Rucksack trugen, weil uns von cis hetero Personen oft vermittelt wurde, dass wir uns unsere Geschlechtsidentität nur ausgedacht hätten und sie deshalb nicht anerkannt werden muss. Wie Einhörner nur ausgedacht sind und nur als solche anerkannt werden müssen.
Heute merke ich, wie ich sehr ich selbst zu diesem gewaltvollen Narrativ beitrage, wenn ich mich als Einhorn darstelle, das es aber real gibt. Erstens mache ich mich weniger menschlich und zweitens fordere ich so die Anerkennung meiner Person als etwas, dass es „eigentlich (in Wahrheit) ja aber nicht gibt“ ein. Also als Ausnahme von der Regel – nicht als Teil der Regel, der ganz selbstverständlich, wie alle anderen Menschen in allen Aspekten anerkannt wird.
Heute benutze ich das Einhorn nur noch unter anderen queeren Menschen als eine Art Insider-Gag. Als Gruppenmarker sozusagen. Denn nur in dieser Gruppe ist das auch sicher für mich und nicht gewaltvoll. Queere Menschen akzeptieren in der Regel meine Geschlechtsidentität. Sie kennen meine Kämpfe, sie kennen meinen Schmerz. Sie sind an meiner Seite etwas dafür zu tun, dass wir an.erkannt werden.

Die gleichen Dynamiken laufen in der Bubble der Menschen, die sich als „unsichtbar behindert“ einordnen.
Wir werden ständig mit Erwartungen daran wie behinderte Menschen aussehen konfrontiert, die von Menschen formuliert werden, die ihre Behinderungen mühelos kompensieren können und nicht auch von Strukturen behindert werden. Immer wieder sehen wir die Rollinutzer_innen, die Prothesenbesitzer_innen, die Leute, deren Körper „besonders/anders/auffällig“ aussehen in der Aktion Mensch-Werbung, auf Plakaten für Behindertenverbände, in Broschüren und Bilderbüchern. Und vergessen dabei, dass das immer immer immer lookistische, also ableistische Repräsentation behinderter Menschen für in der Regel lookistisch ableistisch einordnende Menschen ist. Dass das also nie die Realität abbilden kann zum einen und zum anderen vor allem dafür da ist einen Personenkreis anzusprechen, der in den eigenen Annahmen von behinderten Menschen und Behinderung an sich bestätigt werden muss, um sich ihnen überhaupt zu widmen. So traurig es ist, ist das Grundproblem bei dieser Werbung nun also nicht primär, dass nicht alle „Arten von Behinderung“ re_präsentiert werden, sondern dass es Werbung ist, die die ableistischen Annahmen der breiten Gesellschaft bestätigt, um an Gelder zu kommen, um mit Projektförderungen jeder Art etwas gegen diese Annahmen zu tun. Also für ein Unterfangen, das sich selbst erhält und deshalb kritisiert werden muss.

Nun aber zurück zum „unsichtbar-Thema“.
Wenn „wir Menschen, deren Behinderungen nicht an Hilfsmitteln oder Körperform und -funktion erkennbar ist“ untereinander von einer Unsichtbarkeit sprechen, ist das etwas anderes als unter einem Twitterhashtag mit dem Anspruch, dass „~alle~“ kapieren, dass es uns gibt und dass uns schlimme Ungerechtigkeiten und Gewalt passieren.
Und zwar, weil wir voneinander wissen und wir einander anerkennen. Wir kennen unsere Er_Leben und unsere Kämpfe.
Außerhalb dieser Gruppe ist das anders. Da werden wir nicht an.erkannt. Und zwar erstens, weil wir die Erwartungen daran „wie Behinderung aussieht“ und „wie behinderte Menschen sind“ weder erfüllen noch bestätigen und zweitens, weil die Bedarfe genauso wie die individuellen Er_Lebensrealitäten behinderter Menschen generell nicht anerkannt werden.
Das macht aber weder uns, noch „unsere Behinderung“ unsichtbar. Niemand wird unsichtbar, nur weil sie_r nicht angeguckt und an.erkannt wird. Aber alle, die ignorieren wollen, profitieren unfassbar stark davon, wenn diese Idee vertreten wird.

Deshalb sage ich, dass man davon wegkommen muss zu sagen: „Ich bin mit meinem Autismus (z. B.) unsichtbar behindert.“, weil es die Perspektive der in der Regel gewaltvollen und ignoranten Seite bestätigt und man anfangen muss zu adressieren, wer wem wann warum verweigert gesehen und „gesehen“ zu werden. Denn in beiden Themen – dem Einhorn-Thema, wie dem Unsichtbar-Thema, macht es einen großen Unterschied, ob man sagt: „Ich bin ein Einhorn, get over it“/“Ich bin unsichtbar, guck mich an“
oder ob man sagt: „Du entmenschlichst mich, um mich nicht anerkennen zu müssen“/“Du ignorierst meine behinderungsbedingten Bedarfe, um mich nicht (auch) als behindert anerkennen zu müssen.“

Ich verstehe, dass das alles komplex und schwierig ist. Dass man es für leichter hält, weil es so eine allgemeine Floskel, so eine allgemein oft benutzte Redewendung ist. Aber überlegt doch mal, warum das so ist. Warum können wir uns so easy in die Gegend stellen und sagen, wir wären unsichtbar – aber bleiben ohne jeden Erfolg mit egal welcher Forderung, wenn wir sagen, dass wir mehr oder weniger absichtlich ausgegrenzt werden? Sicher nicht, weil Sichtbarkeit das Problem ist.

der Thread über die problematische Idee, unaufgearbeitete Traumata würden „Hass“ auf Coronaleugner begründen

Dieser Text ist ein Twitterthread, den wir gestern veröffentlicht haben. Für bessere Lesbar- und Verständlichkeit haben wir Fehler korrigiert, kleine Ergänzungen eingefügt und diesen Fließtext daraus gemacht.

Wir haben gestern einen Post auf Insta gelesen, der uns immer noch beschäftigt, weil er nahe legt, dass Coronaleugner_innen und „Impfkritikern“ wegen unaufgearbeiteter transgenerationaler Traumatisierung kritisch begegnet wird („sie mit Hass überschüttet werden“).

Für uns ist völlig klar: Niemand, die_r traumatisiert ist, re_agiert aggressiv/bösartig/hasserfüllt „weil wegen Trauma“, sondern weil sie_r es kann. Es ist immer eine Entscheidung. Ob bewusst oder unbewusst und egal wovon (fehl)geleitet. Es ist immer eine getroffene Wahl.

Es ist eine schädliche Annahme, als traumatisierte Person (ob darunter leidend o. nicht, ist dabei sekundär) sei man eine Marionette von Fehlinterpretation, PTBS-Symptomatik oder den eigenen (traumareaktiven) Affekten, denn auch als traumatisierte Person lebt man nicht im Vakuum.
Das ist absolutes Trauma 101:
Das Trauma, die Wunde, liegt bei dir – die Wirkung, die Folgen, „die Störung“ entsteht durch die Interaktion mit der Umwelt, die nicht kongruent mit deinem Empfinden (deiner Traumawahrheit) ist und dein Re_Agieren dysfunktional in ebendieser Interaktion (aus)wirken lässt.

Die in dem Instapost formulierte These könnte also sein: Aha, da reagieren Leute auf „Impfkritiker“ als Bedrohung, die sie bekämpfen müssen, weil sie sie gar nicht richtig verstehen/wahrnehmen/durch „die Traumabrille verzerrt“ wahrnehmen.
Das ist in zwei Richtungen problematisch.
1. Die Annahme die Menschen würden aufgrund ihrer Haltung/Werte als individuell verortete Bedrohung (also die Personen als Ort der Bedrohung) wahrgenommen werden
2. Der Schluss, dies könne (nur) traumabedingt so überhaupt entstehen.

Es deckt sich einfach nicht mit unserer Erfahrung, dass „Impfkritiker“ oder auch „Coronaleugner“ als bedrohende Menschen wahrgenommen werden – wohl aber ihr Verhalten und dessen Auswirkungen. Es ist also nichts Persönliches, wohl aber etwas, das mit den Personen zu tun hat. Diese differenzierte Perspektive weder annehmen noch an.erkennen zu können, kann viele Gründe haben und nur einer davon ist eine „Traumabrille“. Viel öfter ist es schlicht das Bild von der Welt und den Menschen darin, das man einfach aufgrund der allgemeinen Lebensumstände hat.
Zum Beispiel, weil man in Corona oder irgendeiner anderen Krankheit, gegen die geimpft werden kann, keine Lebensbedrohung, sondern ein individuelles Schicksal sieht, dem man wie vielen anderen schlimmen Schicksalen, die immer nur anderen irgendwo anders passieren, glaubt einfach umgehen zu können. Wenn man eine weiße Person mit gutem Einkommen, eigener Firma, vielleicht einem deutschen Pass, einer stabilen Gesundheit ist, dann sieht man in dieser Pandemie einfach nicht das gleiche, wie etwa arme, chronisch erkrankte, behinderte, alleinerziehende, Schwarze Menschen und deren Familien, Freund_innen und Verbündete.
Es ist ein Perspektivenunterschied, weil wir Menschen unterschiedlich sind und leben – nicht weil wir unterschiedlich gut oder schlecht mit unseren Traumata umgehen. Es ist hochproblematisch etwas, das so derartig individualisiert wird wie das Leben nach und/oder mit einer Traumatisierung als Grund für hasserfülltes oder aggressives oder bösartiges Verhalten heranzuziehen, weil so ein Verhalten niemals je nur individuell wirkt oder nur ein Individuum trifft. Es trifft immer unsere gesamte Gesellschaft und die Möglichkeiten, mit denen wir einander begegnen können. Aber nie so direkt, dass jedes Verbrechen eines gegen die Gesellschaft ist.
So wird sich allerdings inszeniert unter „Coronaleugnern“/“Querdenkern“/“Impfkritikern“. Jeder Lockdown für alle ist ein Angriff auf ihre ganz persönliche individuelle Freiheit, jede Impfaufforderung ein Zwangsdiktat der Autoritäten über ihre ganz individuellen Lebensentscheidungen.
Dass es niemandem um sie geht, ist eine ganz persönliche Kränkung für sie.

Wie sie darauf reagieren ist logisch.
Es ist traumalogisch, es ist gewaltlogisch, es ist auch individuell menschlich logisch – das ist es nur leider aufgrund der Idee, dass sie immer alles (mit)bestimmen oder sie mindestens von Relevanz sein müssen, bevor irgendwas passiert.

Für Menschen, die immer zu allem befragt werden, die immer in alles eingebunden sind – oder im Gegenteil nie zu irgendwas befragt werden und immer über sie ihre Lage drüber gebügelt wird, ist es natürlich total krass in einem so großen Rahmen wie jetzt in der Pandemie von der Entscheidung darüber, was jetzt zu tun ist, so derartig entindividualiert behandelt und verwaltet zu werden.
Sich in so einer Situation aber dafür zu entscheiden, Lügen übers Impfen, über die Krankheit, über die Intentionen des Staates zu verbreiten ist bösartig. Es ist bösartig, weil es die Leben der Menschen, die darauf angewiesen sind geschützt zu werden – und die diesen Schutz zu Recht für sich einfordern! – niedriger einschätzt, als die eigene Beteiligung, das eigene persönliche Bestimmungsrecht.

Das ist eine Werteentscheidung und nichts weiter. Auch dieses Verhalten, diese Entscheidung darf nicht mit „Ja aber die_r ist traumatisiert…“ begründet oder entschuldigt werden, weil es darum nicht geht und selbst wenn es stimmt, unerheblich ist, weil ein größerer Schaden entsteht, als durch die Traumatisierung entstanden. Auch für alle Menschen, die offen mit ihrer Traumatisierung umgehen übrigens.

In der Konsequenz muss man sich also klarmachen, dass dieser Konflikt zwischen den „Coronalagern“ vor allem ein Wertekonflikt ist, der mit persönlichen Befindlichkeiten aufgeladen wird, um ihm mehr Gewicht zu verleihen.
Da das Leben mit Traumafolgestörungen als eine sehr emotionale (und individuelle) Befindlichkeit behandelt wird in unserer Gesellschaft, kann man so etwas wie diesen Post durchaus als Instrumentalisierung traumatisierter Menschen begreifen und entsprechend verurteilen.

Ja, auch wenn er von einer Fachperson kommt.
Besonders wenn er von einer Fachperson kommt, denn diese werden in allen Zeiten schon vor der Pandemie und sicher auch noch weit darüber hinaus als unsere Fürsprecher_innen und Stellvertreter_innen behandelt. „Wir traumatisierten Menschen“ haben keine Lobby. Wir sitzen nicht im Fernsehen, schreiben nicht über unsere Er_Lebensrealitäten in der Zeitung, werden nicht gefragt, was Hochwasser, mordendes Pflegepersonal, Missbrauchsskandale, Femizidserien oder rassistische Anschläge bedeuten – wir werden als Fallbeispiel erwähnt und für das Spiel auf der Gefühlsorgel missbraucht, um Ziele zu erreichen, die uns nichts nutzen.

Das ist nicht ok und deshalb habe ich diesen Thread geschrieben.

Autismus und Dissoziation – Resilienz ist keine Eigenschaft

Wir wurden gestern auf dieses Video von Dr. Mike Lloyd von der CTAD Clinic in Großbritannien aufmerksam gemacht.
Er geht in dem Video ganz allgemein darauf ein, dass Menschen selbstverständlich sowohl autistisch als auch dissoziativ sein können und was das für die Aussage „Wo DIS da Trauma (durch (organisierte (Rituelle)) Gewalt)“ bedeutet.

Zwei Aspekte des Videos finde ich bemerkenswert.
Der Erste ist mir gerade zu schwer er.greifbar und ich gehe später noch einmal umfassender darauf ein – vorerst so viel: Er bestätigt meine Aussage, dass in dieser Welt, unserer von überwiegend neurotypischen ausschließlich für neurotypische Menschen gemachten Lebensumgebung jede einzelne Aktion, jede Interaktion, jede Kommunikation, jedes Erlebnis jeder Art für autistische Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit traumatisch ist als für neurotypische Menschen.
Das ist für mich insofern schwierig als dass es Traumawahrheiten so alt wie ich selber in mir bestätigt („Die Welt will mich töten“/“Es ist (zu) gefährlich zu leben (Ich sollte es besser gar nicht erst versuchen.)“/“Ich bin 24/7 bei egal was ich mit wem wie wo warum mache, möchte, will gefährdet.“/“Zu leben bedeutet Schmerz – Mit anderen Menschen zu leben bedeutet Agonie, die niemand sieht, niemand versteht, niemand nachfühlt, niemand glaubt.“)
Und es bestätigt eine Verklemmung, die wir in Bezug auf uns selbst als sowohl von Gewalt traumatisierte Person als auch autistische Person in der Selbstvertretung erleben, weil wir von anderen Vielen oft als Vertretung von Menschen, die Viele sind gedacht werden: Wir können unsere bis heute bestehende Gefährdung der Traumatisierung durch unser autistisches Er_Leben in dieser Welt nicht ausdrücken, ohne möglicherweise zu schmälern, was Menschen, die ausschließlich durch Gewalt traumatisiert wurden, berichten und fordern.

Und wir können entstandene Traumatisierungen, die etwas mit unserem autistischen Er_Leben und anderen Menschen zu tun hatten, nicht ausdrücken, ohne dass diese Menschen als Gewalttäter_innen an uns gedacht werden, mit aller Bewertung, die dieser Rolle gemeinhin zukommt. – Ja, wir können verstehen, dass es besonders hier im Blog oft auch schwer ist zu differenzieren, was wir wann mit Gewalt meinen, wann geht um Macht und wann um Überlegenheit, Gewalt im Sinne von „Auf die Fresse/die Seele/die Identität“ bliblablö – aber
Bottomline bleibt: Wir trauen uns nicht unserem autistischen Er_Leben den Raum in Bezug auf unsere Traumatisierung zu geben und auch hier darüber zu schreiben, weil wir Angst vor der Instrumentalisierung durch Leute haben, die die Erzählung von Vielen, die (organisierte (Rituelle)) Gewalt erlebten delegitimieren wollen, aber auch weil wir nicht den Eindruck entstehen lassen wollen, dass es so etwas wie „ursachenlose DIS“ oder „in einem Menschen selber begründete Traumata“ gibt.

*

Okay, zweiter Punkt: Resilienz.
Dr. Llyod sagt in dem Video, dass es für autistische Menschen schwerer ist zu Hilfe zu kommen und damit implizit auch: Resilienz zu entwickeln. Dabei finde ich bemerkenswert, dass er ausschließlich andere Menschen bzw. die Ver_Bindung zu anderen Menschen als Resilienzfaktor bzw. Quelle von Hilfe zu betrachten scheint, was ich mir spontan nur damit erklären kann, dass er ein neurotypischer Mensch ist. Denn ja, vermutlich sind andere Menschen für die meisten neurotypischen Menschen einfach das Go-To in all times for everthing. Für Freude, für Trauer, für Gemeinsamkeit, für Trost, für Beruhigung, für Versorgung…
Und derart eingebunden, verbunden miteinander Belastendes, Schwieriges, potentiell Traumatisches durchleben zu können, ohne verletzt zu werden oder zu bleiben, begründen sie mit einer persönlichen Eigenschaft. Resilienz nämlich. Dabei ist sie doch nur vorhanden, wenn diese Verbindung überhaupt besteht – unter anderem, weil es genau auch diese Verbindung zu anderen Menschen braucht, um ein selbst, eine Identität und also eine Verbindung zu sich selbst zu entwickeln und diese stabil zu er_halten.
Die neurotypische Erzählung von Resilienz unterschlägt also gewissermaßen, ihren Grundstoff: Bindung
Und in der Folge auch die Fähig- und Fertigkeiten, die zur neurotypischen Bindungserstellung und -pflege erforderlich ist.

So kann der Eindruck entstehen, autistische Menschen seien einfach nicht resilient vor belastenden Ereignissen und deshalb eher gefährdet traumatisiert zu werden. Was in dem Moment widerlegt ist, wenn man autistische Menschen nach ihren Quellen von Trost, Beruhigung, emotionaler Versorgung und ihren Arten des Mit_Teilens fragt – und diese als gleichermaßen wirkend wie den interpersonellen Kontakt neurotypischer Menschen miteinander bewertet.

Resilienz ist keine persönliche Eigenschaft, die man erlernt oder entwickelt. Sie ist etwas, das sich aus dem kongruenten Interagieren mit der direkten Mitwelt ergibt und ich glaube, dass das etwas ist, das neurotypische Menschen von autistischen – aber auch anders neurodivergenten Menschen! – lernen können und auch müssen, um zu verstehen, wie man (besser) unterstützen im Notfall, aber auch (besser) verstehen kann im allgemeinen Alltag.

Dazu ist erforderlich was auch Dr. Lloyd in dem Video tut: Wertschätzen und Integrieren, was autistischen Menschen, die sich als Viele erleben aus eigener Perspektive mitteilen. Einerseits weil die Studienlage sehr dünn ist, andererseits aber auch, weil selbst Studien mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von den Menschen gemacht worden sind, die mit dem Thema der Studie leben. Es also immer gewisse „Übersetzungsverluste“ gibt und damit auch einfach nie „alles auf dem Tisch ist“, was wichtig zu wissen und zu verstehen ist.

die fünfte Etappe – das Ende der Radtour 2021

Ich hatte mich überanstrengt, der Campingplatz war ein besserer Parkplatz, in der Nacht hatte es gewittert und NakNak* zitterte mir ihre Angst in den Schlaf.
Wir hatten eine Route ab Bremen Richtung zu Hause neu geplant, dann stellte sich heraus, dass man den Radplatz vorher reservieren muss. Also haben wir noch einmal umgeplant ab Minden. In der Hoffnung spätestens Mittag dort zu sein und dann die 30 Kilometer zum nächsten (einzigen) Campingplatz auf der Strecke zu schaffen.

Tja.
So ist es nicht gekommen.

In Wolfsburg hing NakNak* mit riesigen Pupillen und den ganzen Anhänger durchzitternd vor Angst mit uns im ersten Zug. Das kam daher, dass die Aufzüge auf den Bahnhöfen zu klein für die Kombination „Rad und Anhänger“ ist und wir den Anhänger vom Rad lösen – sie also allein stehen lassen mussten und dabei natürlich auch einigermaßen durchruckeln.
Den ganzen Spaß haben wir in Lehrte dann noch zwei Mal gehabt, wo uns eine Familie, eine Sportradlerin und ein Adventuredude nicht vorlassen konnten, sodass wir den Anschlusszug verpassten. Dessen Nachfolger wir dann fahren lassen mussten, weil das Rad/Mehrzweckabteil voll war. So konnten wir dann auch sehen, dass die Leute, die uns nicht vorlassen konnten, nicht etwa einen Zug erreichen mussten. Nein, die wollten einfach nur schnell aus dem Bahnhof.

In den nächsten Zug haben wir uns mehr oder weniger brutal mit reingequetscht und jeden angeschnauzt, der (absichtlich generisches Maskulinum) uns erklären wollte, wie man diese Mehrzweckabteile benutzt. Da war es Mittag. Dann standen wir die dreiviertel Stunde Fahrt also im Gang und im Klimaanlagenzug, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren. NakNak* – keine Ahnung – katatonisch? dissoziiert? – auf jeden Fall völlig im Eimer. Wir mit dem Magen in den Knien und viel zu dünn angezogen für diese Aktion und ohne Option sich umzuziehen.

Und in Minden angekommen hat es geregnet. Und nicht nur ein wenig, sondern so, dass es weiß und laut um uns herum war. Wir haben es zwei Kilometer aus der Stadt heraus geschafft. So konnte NakNak* wenigstens mal raus, um sich von ihrem Panikschiss zu befreien und den Stress rauszuschütteln. Aber für uns war Schluss. Das Regenradar zeigte, dass es noch den ganzen Tag weiter regnen würde und den folgenden Tag auch. Wir würden nicht mehr trocken werden und mir war schon kalt vom Zugfahren.
Wir sind nach Hause gefahren. Beziehungsweise zum nächsten Bahnhof in der Nähe von zu Hause. Irgendwas zwischen 15 und 20 Kilometer davon entfernt.

Noch eine Stunde am Gleis rumstehen und warten, eine Stunde Zug fahren und dann zwei Stunden nach Hause fahren. Bergauf, im Regen, mit Gegenwind. Zu müde um sauer zu sein, zu erschöpft für Selbstmitleid, zu enttäuscht von diesem Ende, um irgendetwas Gutes in all dem zu erkennen. Irgendwann meldete sich dann auch der Partner. Der holte uns 5 Kilometer vor unserem Zuhause ein, um NakNak* und das Gepäck mitzunehmen und eine kurze Pause im Auto zu machen.
Auf den letzten Metern hab ich geheult vor Erschöpfung. Und aus Selbsthass. Denn klar, der geht immer.

Am Abend lag ich im Bett und dachte darüber nach, ob wir, wenn sich unsere Familiengründungswünsche nicht erfüllen können – und wir auch das Nachwachshaus nicht gegründet bekommen, warum auch immer – dann vielleicht unser restliches Leben radwandern werden. Allein. Ohne NakNak*, ohne irgendwen.

Wenn wir unterwegs sind, dann fühle ich mich nicht mehr verletzt. Nicht traumatisiert, nicht krank, praktisch kaum noch behindert. Ich bin einfach da und die Welt ist mit mir auf Augenhöhe auf eine Art. Ja, da ist immer dieses Campingplatzgeschissel und immer wieder auch Nervkram wie Umleitungen oder schlechte Wege, aber das ist immer nur dann ein Problem, wenn man nur x viele Tage zum unterwegs sein hat. Wenn man den Hund noch versorgen muss und den Campingplatz als Ruheort braucht.

Ich mag es, wenn meine Haut nach etwas schmeckt, das jemand mühsam aus der Sole gepult hat. Wenn mich alle meine Gliedmaßen anschreien, statt wie sonst ich sie, um eine Verbindung herzustellen. Ich liebe es, praktisch immer nur mein Kühlwasser zu trinken und in der Folge so gut wie nie Inkontinenzunfälle zu haben. Wenn ich so wenig Zeug da habe, aus dem ich wählen muss, was ich anziehe. Wenn ich essen kann wie, was und wann ich will. Wenn ich den Kontakt zu anderen Menschen suchen statt wie sonst finden muss…

Das Radwandern ist eine lange Ausnahmesituation und deshalb etwas in dem wir uns kongruent fühlen. Die meisten Konventionen und entsprechende Erwartungen an unser Verhalten sind außer Kraft gesetzt. Wir enttäuschen niemanden, können kaum etwas falsch machen, wenn wir sind, wie wir sind und tun, was wir tun. Es ist perfekt für uns.

Aber passiert eben auch neben allem, was los ist in der Welt. Wo man vielleicht gebraucht und auch gewollt ist. Trotz allem.
Und, wo es ein Privileg ist, sich aus allem herauszuziehen, nur um das eigene Dasein gut zu finden.

Die vierte Etappe

Die Stimmung ist im Erdgeschoss. Das ist vor allem deshalb traurig, weil ich heute morgen noch von Dächern gerufen hätte, wie cool es gerade ist, unterwegs zu sein.

Die Sonne wurde von Wolkendiesel gestreut, wir hatten 16 Grad, leichten Wind, okaye Wege. Haben auf Bäckerbrötchen spekuliert und sehr leckere, noch warme, bekommen. Die haben wir auf einem Wegstück durch Felder im letzten Morgendunst gegessen, NakNak* geschäftig um uns herumwuselnd. Und dann kamen wir durch ein Nazidorf. AfD-Plakate, altdeutsche Schrift überall, „unser Land, unsere Regeln“, „Deutschland, aber normal“ auf großen schwarzen Autos.

Das kam so unvermittelt, dass es uns sehr traf. Und die dunkle Wolke blieb hängen. Als wir durch die nächste Stadt fuhren, war der Wurm dann irgendwie drin. Niemand hat mehr gegrüßt, wir wurden zwei Mal vom Weg weggedrängt, ein Mal fast angefahren. Dann kam die Frage auf, ob wir, wie von der offiziellen Route vorgeschlagen durch Wolfsburg fahren oder nicht. Wollten wir nicht. Nicht am Sonntag~nach~mittag, nicht am Montagmorgen. Also sind wir einen Umweg gefahren. Der im Nichts endete.

Lichtblick: Ein Rentnerpaar, dem es genauso ergangen ist. Die kannten sich aber aus und haben uns unter ihre Fittiche genommen. Ihre E-Bike-fitten Fittiche. Also unbekannte Umgebung, fremde Leute, überangestrengtes Gestrampel ihnen nach und am Ende landeten wir auf dem einzigen Campingplatz auf der Ecke. Winzig, eng, hässlich, Schatten erst am späten Nachmittag. Und überteuert. Logisch.

Und der Knüller: Der Platz, zu dem wir morgen wollten und übermorgen wieder, weil wir dann auf dem Rückweg sein wollten, geht nicht.

Das heißt, dass wir die Strecke wechseln müssen. Was wiederum heißt spontan eine 2 bis 3 Tages-Strecke zu planen, was wiederum heißt, dass wir morgen Vormittag schön Zug fahren. Wenn wir das Rad, den Anhänger den Hund und alles reinkriegen. In jeweils 7 und 4 Minuten Umstiegszeit. Und das auch nur, wenn der Streik fertig ist, über den ich nichts gelesen habe, wie ich über auch sonst gar nichts irgendwas gelesen habe.

Weil ich mich ENTSPANNEN wollte. 😂

Die dritte Etappe – Radtour 2021

Wäre ich nicht so erschöpft gewesen, wäre ich weitergefahren. Es gibt einige Anzeichen zum Erkennen guter und okayer Campingplätze. Wenn am Eingang noch Preise in DM stehen, dann ist das zum Beispiel kein gutes Zeichen. Genauso, wenn man nach 2 Metern auf dem Platz denkt: „Hm, hier könnte man gut Horrorfilme drehen“ und nach 4: „Oh man. Oh man. Oh man.“ Aber wenn man nicht mehr kann, dann kann man nicht mehr und zumindest mir ist es dann auch egal, ob ich im Schlaf zerschnetzelt oder im Wachzustand tot gegruselt werde.

Also dieser Zeltplatz gilt als Naturcampingplatz mit Kiosk und Restaurant und vor 30 bis 50 Jahren war er das sicher auch. Heute ist er bis auf die Klos komplett überaltert und in einem Zustand kurz vor verwahrlost.

Die Duschen: Sandstrahler, die einem das Eiswasser in die tiefsten Hautschichten pressen wollen und das, klar, nur gegen 1€ Duschmarke. Klopapier muss man sich selber mitbringen, aber man könnte auch easy in die verwilderten Parzellen pinkeln ohne dass es jemand merkt.

Plätze wie dieser sind zu schön, um sie schlecht zu bewerten – sie sind aber zu schlecht, um sie gut zu bewerten. Und so fahren wir am nächsten Morgen um 8, nach einem Frühstück, das von einem Eichhörnchen kommentiert und begleitet wurde, wieder los.

Heute sind die Wege besser. Sand-Schotterwege, fester Waldboden, viele Betonplattenwege, nur ein Mal Schotter wegen einer Baustelle. Eine Stunde nach Fahrtbeginn lassen wir NakNak* raus. Die geht im Fluss baden, stratzt vor uns her, guckt, riecht und plötzlich kann sie auch unser Tourkommando bei anderen Radfahrer_innen wieder.

Wir durchfahren die Altstadt von Celle, wo heute Markt und ansonsten viel alte Fachwerkarchitektur ist.

Fachwerkhausreihe in der Altstadt von Celle, davor einige Marktstände

Es ist voll, ich kann nur der Route folgen und die geht mitten durch den Markt. Also gehe ich all in. Kaufe mir ein Stück Melone (war nicht lecker), Tomaten (die waren mega) und eine Gurke (naja, Gurke halt). Später sitzen wir am Fluss und essen alles auf. Dann geht’s weiter.

Wir kommen da an, wo wir hinwollten, weil es ein Kloster zu besichtigen und Kuchen zu speisen gibt, aber weil auf dem nächsten Campingplatz „Reisende und Landfahrer“ nicht erwünscht sind, müssen wir weiter. Es sind die längsten 6.3 Kilometer der letzten Tage und es passiert doch das Beste der letzten Tage: ein Feld-Wassersprenger, der den Radweg mitbesprengt. 😁

Nun sind wir auf einem Platz ohne Regeln und mit vielen Mücken. Die Duschen sind aber neu.

Die zweite Etappe – Radtour 2021

Um kurz nach 2 Uhr morgens war NakNak* ausgeschlafen. Das hatte damit zu tun, dass sie seit der Ankunft auf dem Zeltplatz nur ein Mal zum Fressen und ein Mal zum Pieseln wach war. Nun quäkte sie durch die Nacht und kraxelte über die knisternde Schlafmatte, wollte trinken, dann pieseln, dann die Brust, dann das Gesicht gekrault bekommen. Mir schlief ständig etwas ein, irgendwann auch ich selbst.

Am Abend hatten wir ein freundliches Paar beim Abendessen getroffen und am Morgen frühstückten wir auch zusammen. Sehr bedachte Menschen waren das. Die Art Menschen, die sich die Shirts bügeln und ihre Wasserflasche nach jeder Benutzung ausbürsten. Deren Schuhe immer sauber sind, deren Waschmittel wie Parfüm funktioniert. So. Irgendwie sauber. Aufgeräumt. Geordnet.

Es war angenehm Ihnen zuzuhören und zuzugucken. Es war wie der Vaude-Werbefilm mit älteren Wander_innen, den ich bisher noch nicht gesehen habe.

Später kam der Partner mit Bubi und unserem Impfausweis, dann mussten wir feststellen, dass wir das Abenteuer „QR-Code“ alleine bewältigen mussten, denn es war schon später am Morgen und das Rad passt nicht ins Auto. Also ging es nach einem Kaffee und ein bisschen Quatschen weiter.

12 Kilometer bis zur Apotheke, in der es dann aber ganz fix ging, den Code zu bekommen. Die Apothekerin war nett, sie fand NakNak* süß und hat uns eine gute Reise gewünscht. Auf dem Weiterweg merke ich, dass wir überhaupt nicht gewohnt sind die Coronapandemie mit anderen Menschen zu durchleben bzw. Alltag mit ihnen zu machen. Und die Unsicherheit durch die Leute, die die Krankheit/das Virus leugnen, die hängt auch noch über allem.

Heute schaffen wir 30 Kilometer durch Sand, Kies, Schotter und Buckelpisten. Einige davon wandern wir, NakNak* trippelt vor uns her wie früher als Junghund. Die Grillen zirpen, durch manche Alleen zu laufen bedeutet in vielstimmiges Gezwitscher einzutauchen. Die Sonne scheint, es gibt etwas Wind. Ich muss mich motivieren, bin angestrengt, aber auch zufrieden damit wie es ist.

Wir radeln in die Verfolgungsjagd einer wunderschönen grauen Britisch Kurzhaarkatze hinein, die an einem Bäumchen endet, vor dem ein Zaun steht. Zwei Eichhörnchen wackeln in der kleinen Krone umher, die Katze klettert ein Stück hoch, springt dann wieder ab. Schaut mich an, wackelt mit dem Schwanz. Wir fahren weiter.

Nachmittags kommen wir auf dem Campingplatz an. Eine Erfahrung über die wir morgen mehr schreiben.

Die erste Etappe – Radtour 2021

Ich trage keine Kopfhörer, der Fahrtwind ist mein Auftaktgeber. Wir haben gebummelt, sind eine Stunde später als geplant los, es ist okay so. Kein Zielstress. Möglichst gar kein Stress. Dann erschreckt mich das Navi mit seiner Ansage.

Unsere erste Etappe besteht hauptsächlich darin, die eigentliche Tourstrecke zu erreichen. Es sind 20 Kilometer bis dahin, danach sind es noch mehr als doppelt so viele bis zum ersten offiziellen Ziel. Ich merke meinen Kopf leer werden, spüre jemand anderen, freue mich über dessen Neugier auf die Fährfahrt, die mir eher Sorge bereitet.

Blick von einer Fähre über die Weser.

Unser Weg führt durch eine Nadelbaumplantage. Ein Reh steht auf dem Weg und beobachtet mich eine Weile bevor es weghüpft. Später sehen wir ein Eichhörnchen, das durchs hohe Gras hüpft wie eine Antilope. Und noch später eins, das im Baum sitzt und etwas zerknuspert.

Der Weg ist gut, das Wetter perfekt. Wir sind überwiegend allein, treffen nur auf andere Menschen, wenn sie uns überholen. Was nicht schwer ist, denn wir channeln die Schnecke als unsere mentale Tempovorgabe.

Wir machen eine Pause an einer alten Mühle, neben einem Pfeiler, in die Erde gerammt 16hundertirgendwann. NakNak* ist müde, will nicht einschlafen, ich bin müde, will es nicht zugeben. Google Maps wollte uns schon wieder mit einem Streckenvorschlag umbringen, der Umweg führte 16 extra Kilometer durch Wäldchen mit Sandwegen und Feldwege ohne Schatten, von dem uns Komoot unbedingt wegleiten wollte. Doch ab jetzt wird alles einfacher. Dieser Weg ist betreut und gut ausgeschildert. Es sollte keine Umwegeabenteuer mehr geben.

Irgendwann tun mir die Hände weh, ich fange an mir die 20, 18, 16 Kilometer zum Ziel schön zu rechnen. Zeit einen Zeltplatz zu suchen, alte Wanderregel.

Wir finden einen netten kleinen Platz direkt am Fluss, werden eingehüllt von Kinderlärm und der Aussicht auf eine Dusche.

So wund an der Stelle um die eigene Familie werde ich schwer bei dem Geplapper und Geschnatter der Familien an der Badestelle. Aber auch weich, weil es diese Familien eben gibt. Meine gibt’s, diese gibts, es gibt so viele Familien und dann auch noch die, in der wir heute leben. Die vermisse ich auf einmal.

Kann mich aber trösten, denn morgen muss uns der Partner unseren Impfausweis nachtragen. 😅