Antwort der “37°“-Redaktion zur Stellungnahme zu “Ich bin Viele“

Auf das Statement “unserer“ Intervisionsgruppe zur Doku “Ich bin Viele“ (ZDF, 37°) erhielten wir untenstehende Antwort, die wir kommentarlos veröffentlichen: “Liebe Frau Z., wir danken Ihnen herzlich für Ihre Zuschrift und Ihr Feedback zur Sendung 37 Grad „Ich bin Viele“. In unserem Film erzählen wir die Geschichte von Sabrina, einer Frau, die mit der “Dissoziativen […]

Antwort der “37°“-Redaktion zur Stellungnahme zu “Ich bin Viele“

Interviewreihe „Viele Leben“ – Wir suchen Viele

für ein Interview im Audiopodcast „Viele-Sein“, dem Podcast zu Leben mit dissoziativer Identitätsstruktur.

Die Stimmen von Menschen, die sich als Viele erleben, werden noch immer viel zu wenig gehört. Stigmatisierende Fernsehsendungen und Serien sowie Stillstand in der Auseinandersetzung mit Trauma und Gewalt als gesellschaftliche Themen sind die Folge.
„Viele Leben“ heißt die mehrteilige Interviewreihe und stellt die ganz eigenen Lebensthemen von Menschen mit (p)DIS in den Mittelpunkt.
Als ein Projekt der Initiative Phoenix e. V. soll es eine selbstbestimmte Raumnahme ermöglichen, die Perspektiven auf die Leben von Vielen erweitern und gesellschaftlichen Wandel mitgestalten.

Was möchtet Ihr mit.teilen?
Welche Gedanken multiplizieren?

Die einen machen Öffentlichkeitsarbeit, die nächsten merken, dass es leichter ist, offen mit ihrer Homosexualität zu sein als mit ihrem Vielesein; wieder andere teilen, wie es ist, als Überlebende_r im Sterben zu liegen.

Egal, was Euch bewegt – es kann auch andere bewegen!

„Viele-Sein“ begann als Own-Voice-Projekt von Hannah C. Rosenblatt und Renée W., die beide mit DIS leben und ihre Er_Lebensrealitäten mit.teilen. Inzwischen umfasst der Podcast mehrere Formate von Selbsthilfe bis zur Wissenschaft der Diagnose und inkludiert auch Viele mit anderen Diagnosen als der „dissoziativen Identitätsstörung“.

Interesse?

Meldet Euch per Mail an vieleleben@gmail.com und schreibt uns von Eurem Thema. Auch Fragen zum Projekt werden dort beantwortet.

Die Interviews werden via Zoom (ohne Kamera) oder draußen aufgenommen.
Alle Teilnehmer*innen können anonym bleiben.
Dieser Text kann gerne an andere Interessierte weitergeleitet werden. Hier als PDF runterladen.

Wir freuen uns auf Euch!

Hannah C. Rosenblatt

Stellungnahme und Kritik an der ZDF-Sendung „Ich bin Viele“

Dieser Beitrag ist als Bonustrack im Audio-Podcast „Viele-Sein“ erschienen.
Für die bessere Lesbarkeit wurden marginale Änderungen vorgenommen.

9.8.2022

Aus der Sicht weiterer betroffener Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstruktur (DIS)

Der oben genannte Film ist das Porträt einer einzelnen Person mit einer DIS. Als selbst betroffene Personen schauen wir solche Dokumentationen natürlich mit besonderer Neugier an – und auch mit besonderer Hoffnung darauf, das Thema DIS auf achtsame und informative Weise in die Öffentlichkeit gebracht zu sehen. Denn die DIS ist bis heute eine der psychischen Erkrankungen, über die im öffentlichen Bild besonders viele Mythen und Vorurteile existieren. Von der völligen Leugnung der Validität des Störungsbildes an sich, über meist schauerliche Darstellungen in Spielfilmen, bis zu einer gewissen Faszination, die sich in meist emotionalen und unter Umständen voyeuristischen Darstellungen von möglichst vielen Persönlichkeitswechseln ausdrückt. Alle diese Arten von Darstellungen sind für uns Betroffene jedoch stigmatisierend, da sie nur ganz bestimmte Aspekte des Störungsbildes darstellen und damit an der Realität einer großen Gruppe von Betroffenen vollkommen vorbeigehen. In unserem Alltag müssen wir so immer wieder Kämpfe um Glaubwürdigkeit, Anerkennung und Augenhöhe ausfechten, die belastend und unnötig wären, wenn das Störungsbild insgesamt realistischer dargestellt wäre.

Leider hat dieser Film unsere Hoffnungen enttäuscht.

Stattdessen drängt sich uns als Betroffenen der Eindruck auf, dass nach Bildern gesucht wurde, die in den Zuschauer*innen möglichst viele Emotionen wecken sollen. Wenig nachvollziehbar beispielsweise ist die Fokussierung und Kürzung des Materials mit überwiegendem Blick auf den Moment von Persönlichkeitswechseln und eine kindliche Innen-Person, der filmisch eine vorherrschende Rolle in der Alltagsgestaltung eingeräumt wird. Hier werden weder die Komplexität des Störungsbildes noch die bestehenden Kompetenzen der Betroffenen ansatzweise gewürdigt. Im Instagram-Profil der Betroffenen (Sabrinas) sowie auch in den Shownotes in der ZDF-Mediathek wird deutlich, dass ihre erwachsene Kompetenz wesentlich stärker ausgeprägt zu sein scheint. Dass etwa Wechsel unter den erwachsenen Alltags-Innenpersonen weit weniger augenfällig sind, und sie in der Lage ist, trotz der DIS und weiterer, schwerwiegender körperlicher Einschränkungen berufliche Kompetenzen zu entwickeln und auch in einem gewissen Ausmaß professionell zu arbeiten.

Kurz gefasst lässt sich dieser Film paraphrasieren: Menschen mit einer DIS verhalten sich kindlich, erinnern sich nicht daran und benötigen anhaltend eine 24-Stunden-Betreuung. Die möglicherweise auch den Assistenzbedarf mit bedingenden körperlichen Erkrankungen sind in diesem Zusammenhang nicht weiter thematisiert, was neuerlich zu einer unangemessenen Reduktion führt. Wünschenswert wäre eine Darstellung, die insgesamt die innensystemübergreifende Lebenskompetenz der Betroffenen darstellt, insbesondere in einem vergleichsweise gut recherchierten und finanzierten Format, wie es 37° üblicherweise ist.

Als besonders schwierig empfinden wir den Beitrag des professionellen Trauma-Experten Ulrich Sachsse. Seine Erklärung zur Entstehung der Störung – nämlich dass sie auf schwerer Gewalt beruhe, und ein Kind, dem sie geschieht, „sich vormacht“, es geschehe einer anderen Person, und dass auf diese Weise die traumatischen Erfahrungen auf verschiedene Selbstzustände aufgeteilt würden – ist eine fast schon fahrlässig zu nennende, extrem verkürzte Darstellung. Auf diese Weise entsteht ein Eindruck von bewusstem Handeln auf Seiten der Opfer, der die reale Gewalt und Einflussnahme durch die Täter*innen und die Komplexität des gesamten Geschehens völlig ausblendet.

Des Weiteren wird das Thema Gewalt, in seinem gesellschaftlichen Kontext, im gesamten Beitrag nur am Rande erwähnt. Übrig bleibt vorrangig nur eine Fokussierung auf dem Leiden der Betroffenen. Wir sehen es dabei auch nicht als Aufgabe der Protagonistin an, über erlebte Gewalt sprechen zu müssen, aber es fehlt zumindest ein kurzer Hintergrund dazu, und es fehlt vollkommen eine Einordnung in gesellschaftliche Kontexte.

Unklar bleibt bis zuletzt, was das Ziel dieses Beitrages ist. Nicht zu vergessen ist, dass es sich hier um einen Beitrag im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit einer großen Reichweite und einem diversen Pool an Adressat* innen handelt. So dass wenig nachvollziehbar ist, wie ein nur so kleiner Ausschnitt ohne Verweis auf das sehr viel breitere Spektrum und Bild von Menschen mit einer DIS gezeigt wird? Viele Betroffene mit einer DIS sind sehr funktional in ihrem Alltag, arbeiten in Vollzeit, sind in der Lage, funktionierende soziale Beziehungen zu unterhalten, sind zum Teil sehr kreativ. Gleichzeitig ist diese Stabilität – wie auch in dem Beitrag deutlich wurde, denn auch die Sabrinas waren früher in der Lage, zu studieren und als Lehrerin zu arbeiten – keine Selbstverständlichkeit, und es ist für sehr viele Betroffene ein ewiger Kampf, Anerkennung für ihre Einschränkungen und die benötigte Unterstützung in Form von fachkundiger therapeutischer Langzeit-Therapie zu erhalten. Es gibt zu wenige ausgebildete Traumatherapeut* innen mit Kassensitz; wird ein Therapieplatz gefunden, so ist die Finanzierung der benötigten Anzahl an Stunden ein andauernder, belastender Kampf. Über die Dissoziative Identitätsstruktur in all ihren Ausprägungen und in all den Schwierigkeiten, mit denen sowohl hochfunktionale als auch stark unterstützungsbedürftige Betroffene im Alltag wirklich zu kämpfen haben, könnten so viele Aspekte erzählt werden.

Sollte es das Ziel sein, ein breites Publikum mit einer schweren Lebensgeschichte zu unterhalten, „Das Faszinosum Mensch mit DIS“? Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass hier mit realem Schrecken und Gewalt „Unterhaltungsfernsehen mit Quote“ gemacht wird, ohne dass eine auch nur ansatzweise angemessene Reflexion dieser ja noch tagtäglich in unserer Gesellschaft stattfindenden Gewalt erfolgt. Dies ist bitter und schier nicht zu fassen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Bekanntwerdens der Verbrechen in Lügde, Bergisch Gladbach und Münster und der unverändert so immens hohen Dunkelziffer.

Wir als Menschen, die auch Viele sind, distanzieren uns von dieser Form von einseitiger, immer wieder gleicher Berichterstattung zu Lasten der Betroffenen. Auch wenn dieser Beitrag als Porträt eines einzelnen Menschen mit DIS angelegt ist, wurde mit diesem Beitrag (erneut) die Gelegenheit verschenkt, komplexer, tiefgehender und vielfältiger, aber vor allen Dingen auf Augenhöhe mit den Betroffenen über die Dissoziative Identitätsstruktur zu berichten.

Unterzeichner*innen:
Intervisionsgruppe von Menschen mit DIS, die im psychosozialen Bereich berufstätig sind
Hannah C. Rosenblatt
Mey Jenshen
Dina

Nickis Lichtstrahlen Oldenburg e. V.
Anna
Lucia+
Chaossys

Zora_kauZ

Alex Stern

T und Team
BG, Alija & Aufständische
Benita Wiese (Pseudonym)

Kontaktadresse: someofmany@posteo.de
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so ist das Jetzt

Einen letzten Blick werfe ich noch ins tiny Einsiedel und lasse ihn wieder raushuschen, bevor ich die Tür verschließe. Zwei Wochen sind um, jetzt geht es nach Hause. Es ist kurz vor 6 Uhr morgens, die Luft feucht und kühl. Die Schafe verabschieden mich nicht, sie knuspern irgendwo in der Wiese. Der Hahn kräht mir nach, der Fahrtwind greift nach meinen nun kurzen Haaren.
Ob ich denn bald mal wieder was blogge, hat mich jemand gefragt. Und ob es bald wieder eine neue Podcastfolge gibt, vor zwei Wochen.

Das hat mich berührt. Und kurz gedrückt. Denn nach Podcastfolgen wurde schon gefragt, wenn mal was ausfiel oder nicht im Monatsrhythmus kam. Aber nach mir, uns, dem Schreiben noch nie. Ein kleiner warmer Punkt. Die Frage, das Gefühl. Jemand er.wartet.
Ein kleiner Flash trifft mich, als ich mich durch eine Baustelle schlängle, vorbei an einem schlafenden Bagger im Sandbett neben einem Materialhaufen. Ich werde erwartet. Vom Partner. Zu Hause, woanders. Wo mein Krempel ist, mein Dreck, die kleine Kammer, die ich neulich zum Aufnahmeraum umgestaltet habe. Da gibt es einen Ort, zu dem ich nach Hause komme. Der kleine warme Punkt schmilzt einen großen kalten an, ich fliege einen Hügel runter und habe weiße Knöchel vom Festhalten. So ist das Jetzt also.

Ich habe mein Manuskript fertig und bin sehr zufrieden. Es ist der dritte Anlauf gewesen; weniger persönlich, viel authentischer. Ein Widerspruch an der Oberfläche; ein Witz, wenn meine Einleitung so bleibt, wie jetzt. Ich bin jeden Tag mit dem Fahrrad gefahren, außer ein Mal, da hats geregnet und ich war müde vom Denken und Fühlen in Wörtern.
Jetzt beginnt die Bearbeitungsphase. Ein Lektorat, der Einband, die Werbetexte, vielleicht muss ich Zuschüsse einwerben, um die Druckkosten zu decken. Auch lustig, wie ich bei der Arbeit aus der Projektbetreuung ausgestiegen bin, weil es mir zu viel wurde und nun mein eigenes Projekt betreue. Typisch.

Ich bin froh um mein Arbeitsuniversum. Meine Möglichkeiten zum Eskapismus. Denn auf Twitter gehts um die schlimmen Dinge. Die Pandemie, die niemand mehr ernst nimmt und die Pandemie, von der noch zu viele glauben, sie komme nicht. Eine terf, der eine Bühne für ihre menschenfeindliche Drecksscheiße geboten wird, weil man immer noch nicht kapiert hat, dass „cancel culture“ eine Unterstellung mit bösartigen Absichten ist. Aus den USA kommt eine Horrornachricht nach der anderen, seit in vielen Staaten der selbstbestimmte Schwangerschaftsabbruch und Bildung über sexuelle Vielfalt praktisch verboten und die medizinische Versorgung von trans* Personen massiv begrenzt unterlassen wird. Dystopisch, denke ich jeden Tag mindestens ein Mal. Realität, weiß ich, in anderen Ländern auf anderen Kontinenten. Ich lese, wem alles in Hass begegnet wird, kann der Gewalt nie ein Gegengewicht sein, versuche es natürlich doch.

Ich fahre durch den Grünstreifen, alles ist vertrocknet und glänzt doch im Morgentau. Wir werden alle sterben, denke ich. Vielleicht an einem Sommer mit durchgehend 43 °C oder Durst. Ich halte an, puhle meine plastikfreie Edelstahlflasche aus der Stofftasche auf meinem Rücken und trinke das teuer entkalkte und aufbereitete Trinkwasser aus dem Hahn des Hauses neben dem tiny Einsiedel. Einschrumpeln wie Apfelringe werden wir; der Planet wird unser Dörrofen, die Erdatmosphäre unsere Frischeverpackung, hmmmmm.

Am Bahnhof flattern noch Partyreste umher. Der Bäcker hat noch zu, der Bahnsteig ist voll. Querdödel machen Querdödel-Scheiß, ich bin zu erschöpft für Blutdruck darüber. Bescheuerte, dämliche Kackwichser bekloppte, denke ich. Dreckspisser, Arschlöcher, miese ignorante …
Mein Zug fährt ein, ich setze mich hin, spüre dem Gewicht meines Rucksacks auf dem Schoß nach. Erst mal nach Hause, denke ich. Da wartet mehr auf mich. Wichtigeres. Schöneres.
Warmes.

 

der Notfall

Es war spät. Wir waren nach draußen gegangen, um im letzten Abendlicht eine Gute-Nacht-Runde „Flügelschlag“ zu spielen.
NakNak* kam auf mich zugestakt und stupste mich an. Der Rücken rund, das Gesicht starr, wie so oft in den letzten Wochen, die Hinterbeine in Schonposition.

Vor etwas über zwei Wochen hatte sie einen dicken Fuß, hinten rechts. Ein dicker Gewebeballen über dem, was bei uns Menschen die Zehengrundgelenke sind.
Damit waren wir mehrfach bei der Tierärztin, eine Ursache konnte nicht gefunden werden. Es war ein Hämatom, ja klar, sie ist einfach eine springende Rennmaus, wenn sie ihre 5 Minuten hat und die hat sie jeden Tag. Auch jetzt, mit 14 einhalb Jahren. Nach zwei Wochen Behandlung mit Heparin ist die Schwellung weg, ihr Fuß weiter unerklärlich krumpelig, ein Bobbel, der ihr die Beugung erschwert, geblieben.
Ich war nachmittags bei der Nachsorge. Wir haben ein Kontrollröntgen machen lassen, auch von ihrem Rücken, denn da war sie immer noch empfindlich. Aber außer Arthose war nichts Ungewöhnliches zu sehen. Meine kleine warme Hundeomi hat einfach schlimme Körperstellen.

Und nun, einige Stunden später, also starke Schmerzzeichen. Kurz vor 10 am Abend. Auf dem Land. Zwei komplex traumatisierte Menschen, die auf (drohende) Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht reagieren, wie Maschinen – besonders, wenn es um etwas geht, was wehtun könnte. Eine alte Border Collie Mischlingshündin, die ihr Verhalten immer noch nicht an ihren körperlichen Verfall angepasst hat.

Ich habe für solche Momente keinen Notfallplan mehr.
Und das hat keinen anderen Grund als Scham. Ableistisch begründeten Selbsthass. Die Abwertung meiner Bedürfnisse vor dem Ziel der eigenen Normalisierung.
Als ich noch allein gelebt habe, hatte ich für alles eindeutige Notfallpläne, weil ich immer allein war und mir andere Menschen maximal als Assistenz, als Erfüllungshelfer_innen ins Leben holen musste. Ich brauchte mich nicht schämen, war nicht so schnell einzufangen in Fragen darum, was ich wann wie wo machen darf und was nicht, weil wie wirkt das denn? Als bekloppte Psycho-Uschi ist es einigermaßen leicht, sich Gutes zu tun und sei es noch so ~merkwürdig~. Und Bielefeld ist einfach eine besondere Stadt. Es wurde immer eher wertgeschätzt, wenn ich mich im Vornherein über Abläufe und Optionen informiert habe, vorausschauend organisierte, mich selbst um meine Assistenzbedarfe gekümmert habe und sagen konnte, was ich wie, wozu und wie sehr brauchte, wenn das nicht gereicht hat. Hilfe zu brauchen, ist dort nicht im Ansatz so stigmatisiert wie hier.

Jetzt lebe ich anders. Ich werde als Frau in einer hetero cis Beziehung gelesen. Als Person, die nervt, weil sie es genau wissen will. Als störend, weil mich Dinge stören, die schon immer so gemacht werden. Als unruhiger bis immer unzufriedener Mensch, weil ich optimiere, was für andere gar keiner Optimierung bedarf. Mein autistisches, komplex traumatisiertes Funktionieren war mein ganzes erwachsenes Leben lang nicht so ein Problem, so eine Behinderung wie in dieser Lebensphase und in dieser Lebensumgebung.
Und jetzt leben wir auch noch in einer Pandemie. Für mich als behinderte Person bedeutet das seit 3 Jahren permanenten Ausnahmezustand, weil sich die Menschen, die sich nicht auf den Schutz und die Unterstützung durch andere Menschen angewiesen fühlen, nicht an diese neue Situation anpassen wollen. Wie bockige Kinder verweigern sie sich jeder Maßnahme, jedem bisschen mehr als sich selbst zu helfen und machen es damit für alle unnötig schwer, Alltag zu gestalten, gesund zu bleiben, produktiv zu sein, in die Zukunft planen zu können. Es ist zum Kotzen und meine Wut über so viel unverdientes Privileg zur Dummheit und Ignoranz ist grenzenlos.
Aber meine Wut ist irrelevant. Jemand wie ich wird immer als wütend gelesen. Jemand wie ich ist immer unzufrieden über irgendwas (belangloses). Und das macht etwas.

Es bestärkt meinen Selbsthass darüber angewiesen zu sein. Hilfe zu brauchen. Nicht immer alles zu können – wie andere Leute (die bewusst oder unbewusst verdrängen, dass auch sie angewiesen sind und nicht alles immer können).
Es rahmt meine Wut als persönlichen Makel. Als etwas, das nur ich allein lösen kann – und soll.
Es gibt mir das Gefühl, etwas Falsches zu tun, wenn ich mir Gutes tue. Wenn ich mich um mich kümmere, mir Pläne mache, mich absichere, ich mich an erste Stelle nehme, wenn klar ist, dass ich es bin, womit ich langfristig zurechtkommen muss.

Zum Beispiel, wenn es um die Versorgung von NakNak* geht. Auch die letzte mögliche Versorgung.
Ich will – muss – verhindern, dass sie in einer (fremden) Tierarztpraxis eingeschläfert wird. Ich weiß, dass man das nicht zu 100 % vermeiden kann. Wenn sie angefahren wurde oder an Gift verendet, ja, dann kann sie nicht sediert und nach Hause gebracht werden, wo wir sie in Ruhe einschläfern lassen können. Aber in den meisten anderen Fällen geht das. Da hängt es nur an der Einsicht und dem Wollen der ermächtigten und fähigen Menschen in der Situation, das zu ermöglichen. Und in der Regel sind diese Leute einfach routinedumm. Macht ma nich, machen wa nich, wolln wa nich – da könnt ja jede_r kommen.
Oder es gibt die Idee, dass in so einer Situation das Tier unnötig leiden würde, nur weil ich es gut haben will. Aber ein sterbendes, sediertes Tier leidet mehr unter mir, wenn ich nicht ganz bei ihm sein kann. Wenn unser Kontakt gestört wird von Formalgetue, von Desinfektionsgestank, von schlechtem Raumhallmanagement, von meiner Überanstrengung in der Kommunikation mit fremden Menschen, die mich nicht verstehen und entsprechend anstrengend, nervig, störend finden.
NakNak* hat mir in ihrem Leben so viel beigebracht und so viel ermöglicht – es ist nur angemessen, wenn ich ganz und gar bei ihr bin, wir es ruhig und gut haben. Wenn sie auf ihrer Decke liegen kann, wenn das ganze Rudel bei ihr ist, wenn ihr Sterben in so vielen Aspekten wie möglich ihrem Leben gleicht.
Es ist die einzige für mich barrierefreie Möglichkeit, ihr Gutes zu tun (weil ich mir Gutes tue).

Das wird oft missverstanden, wenn man über Barrierefreiheit spricht. Aber auch über Selbstfürsorge.
Viel zu viele Menschen denken, dass man Selbstfürsorge machen soll, um sich gut zu fühlen, obwohl nichts gut ist. Und ebenfalls viel zu viele Menschen denken, dass behinderte Menschen Barrierefreiheit fordern, damit sie Dinge machen können, obwohl sie behindert sind.
Dabei sind beide Dinge, Selbstfürsorge wie Barrierefreiheit, notwendige Grundlagen, um in die Lage versetzt zu werden, weder das eine noch das andere zu benötigen. Sie sind keine Lösung für Dinge, die eine Behinderung zu einer solchen machen.
Um es anders zu formulieren: Wo man Barrierefreiheit braucht, wurde Behinderung produziert. Wo man Selbstfürsorge braucht, gibt es nichts und niemanden, die_r sich um oder für dich sorgt.

In der Notfallsituation gestern Abend waren wir auf den Notdienst angewiesen. Den hatte die Tierklinik in der nächstgrößeren Stadt, etwas über 20 Kilometer von hier. Der Partner telefonierte mit der Praxis, ich beruhigte NakNak*, musste unterbrechen, um das Auto des Partners leerzuräumen. Er hatte nicht daran gedacht, dass ich noch mal ins Haus müsste. Mich um meine Grundversorgung kümmern wollen würde. Wie immer war ich es die, die Abläufe unterbricht, um ihren Tüddel zusammenzusuchen. Gehörschutz, Wasser, Ankergegenstand, Handy. Für mich ist das kein Tüddel, sondern die in mich hineingefressene Antizipation davon, wie es mir in einem nicht barrierefreien Umfeld gehen wird, wo mein Befinden für irrelevant erklärt ist.

Wir haben keinen Plan dafür gehabt, wie wir die Situation managen. Entsprechend konnten wir nur überrascht und überrollt werden von dem, was dann war. Zutritt nur mit FFP2 – der Partner hatte nur Papierlappen im Auto, ich hatte keine eingesteckt, um nicht noch mehr Zeit für meinen Tüddel einzunehmen – und nur eine Person pro Tier. Auch wenn ich also eine passende Maske gehabt hätte, hätte ich nicht reingekonnt. Ich brauche in solchen Momenten eine Assistenz, die hat man mit diesen Beschränkungen ausgeschlossen, man hat mich als behinderten Menschen strukturell diskriminiert. Und dank der ganzen Infektionsrealitätsverweigerer gibt es genau keinen Raum mehr, um irgendeine alternative Möglichkeit zu erfragen, ohne eine automatisierte Abwehr-Konfliktsituation zu provozieren.
Mein Partner, der erst seit 4 Jahren mit NakNak* das Leben teilt, der nicht weiß, was Hunde mit Schmerzen für eine Interaktion brauchen und das viel größere Infektionsrisiko hat, ging also in die Praxis. Wo kurz nach seinem Eintreten eine Reinigungskraft ohne Maske durch jeden Raum ging und schwer atmend arbeitete.
Während ich mit meinem Gehörschutz an der Hauptstraße stand und nicht mal einen Fitzel der Wut zeigen durfte, die in mir tobte.

Wir hatten Angst, dass sie einen Bandscheibenvorfall gehabt haben könnte. Das wäre eine Situation gewesen, in der wir nichts mehr tun könnten. Für eine Operation ist sie zu alt, wir hätten sie einschläfern lassen müssen. In einer fremden Klinik. Ohne mich dabei. Vielleicht.
Es ist nicht dazu gekommen, sie hat vermutlich so etwas wie einen Hexenschuss gehabt und brauchte nur eine Injektion.
Mein schweißgebadeter Partner und die immer noch hechelnde NakNak* im Auto bin ich erleichtert und taub zugleich. Ich sitze neben ihm, höre unserem Gespräch aktiv wie dissoziiert zu und beschließe, dass es das jetzt war.

Keine Kompromisse für einen falschen Frieden mehr.
Ich will meine Pläne. Ich mache meine Pläne.
Es ist kein Tüddel es ist Selbstschutz, weil mich keiner schützt.
Es ist meine Selbstfürsorge, weil ich mich nicht auf die bedarfsgerechte Sorge meiner Mitmenschen verlassen kann.
Ich bin behindert, aber nicht weniger. Ich habe Rechte, auch im Notfall.

Ich fürchte, dass mein Partner das in der Praxis nicht gut findet. Nicht unterstützt. Dass er das alles anders sieht und deshalb anders machen will. Vermutlich werden wir uns streiten. Vielleicht auch immer wieder.
Aber ich habe nichts von seiner Zustimmung außer Abhängigkeit und davon habe ich bereits genug.
Vielleicht finden wir eine gemeinsame Basis und tierärztliche Praxen, mit denen wir im Fall des Falls rechnen können.

Hoffentlich.
Wenn nicht, muss sich etwas ändern.
Viel.
Vielleicht alles.
Obwohl.

note on #DisabilityPrideMonth 2022

Disability Pride Month.
Wieder fallen die Regenbogenmotive, wieder werden sie nicht durch die Disability Pride Flag ersetzt. Es gibt eine neue. Wer hat das mitgekriegt? Sag nichts, ich weiß schon.
Disability, Behinderung – nach wie vor werden diese Worte nicht einfach verwendet. Viele Menschen quetschen sich daran vorbei, verdrehen sich die Welt um Annahmen und Vorurteile, die ihnen grundfest erscheinen, obwohl sie nur aus Gedanken gemacht sind.

Meinen Texten vom letzten Jahr habe ich nichts hinzuzufügen.
Meine eigene Auseinandersetzung fließt gerade in mein Buch. „Worum es geht“ soll es heißen, Verbindung soll es herstellen. Es wird kein Disability Pride Buch. Soweit bin ich noch nicht, vielleicht will ich auch nicht da ankommen, wo ich mir Disability Pride denke. Es verbiegt mir die Welt, deckt mir auf, wo ich nie verbunden sein werde, selbst wenn es keine Schande mehr ist, autistisch zu er_leben. Das tut weh, ich will nicht ständig Schmerzen haben.

Die Worte dafür zu haben, macht mich stolz. Zu wissen „Ich kann es und andere nicht“ auch. Das hat mit einer Behinderung allerdings nichts zu tun. Ich finde mich einfach besser, wenn ich etwas kann, was andere nicht können. Das hat mit Ableismus zu tun. Und damit, dass mich meine Fertigkeiten leichter mit anderen Menschen verbinden, als meine Unfähig- und Unfertigkeiten.
Das hindert mich nicht am Schreiben, es gibt keine Möglichkeit des unableistischen Lebens. Man kann lediglich unableistisch be_werten, das ist Herausforderung genug.

Nachworte zum Tod von Katja Husen

Am Dienstag ist Katja gestorben.

Sie hatte einen Fahrradunfall und kommt nicht wieder zurück. Nicht nach Hause zu ihrer Familie, nicht in ihr Büro bei den Grünen, nicht zu uns ins Twitterwohnzimmer. Nie wieder.

Kein ‚Nie wieder‘ ist schmerzhafter, als das nach diesem Verlust. Keine Stille lauter. Keine Trauer größer.

Katja war eine engagierte Verbündete für trans Personen, für arme Menschen, für alle, die dagegen sind, dass Ungerechtigkeit und Zerstörung passieren. Sie war eine kluge, kraftvolle, herzliche und aufrichtige Person. Sie fehlt und wird für immer fehlen.

Was bleibt ist die Dankbarkeit, dass sie da war. Die Kraft, die ihr Andenken für die gemeinsamen Kämpfe geben kann. Die Demut vor der Zerbrechlichkeit unserer Bande.

#Buchtipp und Verlosung: „Liebe mit Köpfchen“ von Constanze Schwärzer-Dutta

Cover von "Liebe mit Köpfchen, Tipps einer Autist*in für neurodiverse Beziehungen" von Conni Schwärzer-Dutta in weißer Schrift, im Vordergrund zwei Gesichter einander gegenüber. Links grün mit roten Quadraten, die von links nach rechts ragen, rechte das Gesicht hellblau, von dem gelbe Kreise von rechts nach links ragenAm 1. Juli erscheint „Liebe mit Köpfchen, Tipps einer Autist*in für neurodiverse Beziehungen“ bei der edition assemblage.
Ein Rat, Mut und Erkenntnis gebendes Buch über die Herausforderungen und Wunderbarkeiten von (Liebes)Beziehungen neurodiverser Paare, geschrieben von einer, die sich damit auskennt. Conni Schwärzer-Dutta ist Deutschlands erste Paarberaterin für neurodiverse Paare und selbst Autistin.

In 7 Abschnitten finden sich praktische Tipps, konkrete Erklärungen und auch biografische Beispiele zu Themen aller Beziehungsphasen. Es werden verschiedene Probleme und Methoden ihrer Lösung beschrieben, aber auch aufgezeigt, welche Signale zum Beispiel beim Sex wichtig sein können, um die Situation richtig einzuschätzen. Auch Fragen zur Rolle der_s nicht-autistischen Partner_in werden besprochen und aufgezeigt, wie die Beziehung selbst in schwierigen Situationen eine auf Augenhöhe bleiben kann.

Dieses Projekt zu betreuen, hat mich mit sehr viel „autistic pride“ erfüllt, meinem ersten Empfinden dieser Art. Dafür bin ich speziell Conni sehr dankbar, die mit ihrem Buch hier viel für die autistische Community in Deutschland tut.

Das Buch kann beim veganen Kollektiv „roots of compassion“ vorbestellt werden.
Exklusiv zur Veröffentlichung verlose ich 5 Exemplare unter allen, die hier in die Kommentare schreiben, dass sie teilnehmen möchten. Die_r Gewinner_in wird von mir per E-Mail kontaktiert und um eine Adresse gebeten. Diese Daten werden direkt im Anschluss an die Versendung des Buchs von mir gelöscht.
Teilnahmeschluss ist Montag um 22 Uhr – damit das Buch von passend vor der offiziellen Buchvorstellung am 1. 7. 2022 bei den Gewinner_innen sein kann. Denn da wird auch die erste Lesung mit Möglichkeit zum Signieren in Berlin stattfinden. Sowohl online als auch analog. Alle Infos und den Link zum Veranstaltungsort findet ihr auf der Verlagsseite.

Weitere Termine zu Lesungen findet ihr auch auf der Webseite zum Buch: https://liebemitkoepfchen.com/

Reichtum bekämpfen | note on: #IchBinArmutsbetroffen

Gestern habe ich mich zum ersten Mal an #IchBinArmutsbetroffen beteiligt. Als Beitraggeber_in in einem Space, der das Thema „Wishlists in Tweets mit Aktionshastag“ hatte. Zufällig, spontan, weil der Partner die Leute unterstützt, die versuchen die Aktion so lange wie möglich in der öffentlichen Aufmerksamkeit zu halten. Von mir aus hätte ich mir den Space nicht angehört. Ich kenne solche Debatten als den Anfang vom Ende. Das waren sie bei #NudelnMitKetchup, das sind sie in jeder Gruppe, die im Wachstumsrausch verpasst, dass Community mehr als Macht durch Masse ist. Aber nun lief die Veranstaltung und ich beteiligte mich. Bis ich abgewürgt wurde, wegen des Zeitlimits. Und dann nicht auf die Reaktion des Moderators antworten konnte, weil so viele andere auch noch sprechen wollten.

Hier habe ich dieses Limit nicht. Hier also der Rest dessen, was ich sagen wollte. Und meine Gegenrede auf die Antwort.

Ich bin nicht mehr arm, weil ich einen gut verdienenden Partner habe. Meine Arbeit allein würde mich in einem städtischen Umfeld ohne unterstützende Community, ehrenamtliche Helfer_innen und alternative Konsumoptionen (second hand shops, Tausch- und Leihzirkel etc.) gerade so über Wasser halten.
Für mich bedeutet das: Armut ist relativ auf allen Achsen – und die wenigsten davon sind von „der Politik“ abhängig. Was soll das überhaupt bedeuten: „Die Politik“? „Die Politik muss da was machen“, „Millionen arme Menschen sind ein Zeichen für das Versagen der Politik“
Die Politik ist euer Ziel, ihr wollt, dass „die Politik“ sich dem Thema annimmt – aber was, wenn sie das schon längst tut? Wenn „die Politik“ schon längst richtig dick dabei ist, Armut zu bekämpfen?

Für mich geht in dem ganzen Bewegungsversuch völlig unter, dass die Armut in Deutschland auch politisch gewollt – in einigen Bereichen sogar gebraucht wird, um Reichtum und Macht zu erhalten bzw. zu steigern.
Denn wer Armut bekämpfen will, hat generell zwei Optionen.
Erstens: Arme Menschen werden getötet, denn in ihnen verkörpert sich die Armut. Das ist effizient und passiert in jedem kapitalistischen Land und Deutschland ist da keine Ausnahme.
Die zweite Option ist, Reichtum zu bekämpfen. Doch das wird „die Politik“, wer oder was auch immer sie nun ist, nicht für euch machen.

Man muss schon ein sehr naives Verständnis von Demokratie in einem kapitalistischen Land haben, wenn man annimmt, dass arme Menschen einfach nur genug politisches Gehör brauchen, um bedarfsgerecht versorgt und abgesichert zu werden. Und ein noch naiveres Verständnis von politischer Macht, wenn man annimmt, dass wenn man nur richtig auftritt, das Anliegen richtig aufbereitet, die Not klarmacht – die Ungerechtigkeit, die Unmoral, den Rechtsbruch, die persönlichen Schicksale – dass dann schon das richtige passieren wird.
Als hätten all die Leute, die schon vorher (politisch) gegen Armut gearbeitet haben, einfach verkackt. Als wären die einfach nicht so geil gewesen wie ihr.

Mir erschließt sich auch nicht, warum vom Erfolg des Hashtags allein auf ein politisches Gewicht geschlossen wird, sind es doch Individuen der Twittercommunity, die diesen Erfolg gewissermaßen „erarbeitet haben“. Und zwar mit den klassischen Mitteln einer sozialen Bewegung: (einander) Zuhören, Mitfühlen, Teilen, Austauschen, Mit_gestalten
Soziale Bewegungen lassen häufig unterstützende Communitys entstehen – man sieht doch, wie viele Menschen sich unter diesem Hashtag zusammen tun, welche Verbindungen entstehen, wer wen kennenlernt und so, wenn nicht zu finanziellem, so doch sozialem Kapital kommt. Warum schützt ihr das nicht? Warum macht ihr einen Space zum autoritärem policing eurer eigenen Hashtagnutzer_innen – eurer Community! – statt einen zur Frage, wie ihr euch als bewegte Gruppe stabilisieren könnt? Wie man sich institutionalisieren kann. Wie man Aktionen wie „eine Sorge weniger“ größer machen kann. Wie man Leute, die wegen ihrer Wishlist von Trollen, Hatern und Sozialneidern angegriffen werden, als Community schützen und unterstützen kann.

In meinen Hartzjahren war es das Fehlen einer solchen Community, das mich unter meiner Armut hat leiden lassen. Mit dem wenigen Geld, der fehlenden Perspektive, der Not bin ich immer irgendwie klargekommen. Mit vielen Tränen, unfassbar viel Selbsthass, enormer Wut, doch es ging. Aber das Gefühl, dass alle um mich herum okay damit sind – das hat immer wieder neu etwas in mir gebrochen. Und dabei war mir die politische Aufmerksamkeit auf Leute wie mich irgendwann völlig egal. Mir ging es um meine Nachbar_innen. Die Leute in der Straßenbahn. Meine Ärzt_innen, Therapeut_innen, die Leute, die ich im Park gesehen habe. Die Leute, die im Fernsehen vom „Abrutschen ins Hartz 4“ gesprochen haben, als würde mein Leben am Grunde eines Brunnens stattfinden. Die Leute, die hier von meinem Leben und Denken lesen. Denn das war mein Bezugsrahmen und ist es noch heute.
Es waren nie Fremde, die mir etwas geschenkt oder in der Not geholfen haben – aber es waren und blieben für immer Fremde, die die Hartzgesetze schrieben, die die Sozialgesetzbücher füllen, die Stempel auf meine Anträge knallten.

Ich will nicht darauf hinaus, dass wir Armut nicht als politisches Problem behandeln sollen. Das muss auf jeden Fall passieren – aber die armen Menschen davon zu trennen, halte ich für essenziell.

Alle Menschen können allen Menschen alles geben – wenn alle alles geben. Dafür brauchen wir keine Gesetze und auch kein Rumgeschraube an bestehender Gesetzgebung. Es gibt kein Verbot einander zu helfen oder Wünsche zu erfüllen, keine Strafen für bedingungslose Zuwendung und Fürsorge. Es gibt nur Angst, dass keine_r da ist, wenn man selbst was braucht. Und die wird man nicht los, wenn man sich auf politische Lösungen verlässt.

Oder damit rechnen muss, dass man als „Saboteur_in der Bewegung“ gilt (und ausgeschlossen wird), wenn man die eigene Wishlist da teilt, wo sie von den meisten Menschen gefunden wird.