Kategorie: Lauf der Dinge

11

„Was passiert, wenn der neue Lehrer nicht das gleiche Autismus-Briefing kriegt, wie die anderen Lehrer?
Richtig – er unterstellt Täuschung und Lüge für eine bessere Note, wenn man auf Kommunikationsprobleme und Missverständnisse hindeutet, die zu schlechten Noten führen.

Das macht so viele Gefühle gleichzeitig in mir, dass ich obendrauf noch frustriert über mich bin, die_r diese ganzen Gefühle hat und nicht abstellen kann.
Und dann klopfts an der Tür und der ganze Selbsthass steht wieder da.

Und die Müdigkeit. Die auch. Schon in so einer Art vorauseilendem Gehorsam, weil klar ist, wer das klären muss, klar ist, wer wieder länger bleiben, mehr reden, mehr erklären muss.
Und das wofür?

10

Guck, so schnell geht das. 3 Jahre in Ausbildung, unterstützt und durch die Hintertür überhaupt nur in der Form möglich, weil ein paar Patroni die Adobe-Programme und Material finanzieren (Danke! as always Herz) und der Begleitermensch immer noch unter die Arme greift, so oft er kann.
3 Jahre in Bafög-Bezug und Wohngeldleistung und zack – gar nicht mitgekriegt, dass es jetzt da ist, das Teilhabechancengesetz.
Faszinierend ist, dass alles, was die Parteien dazu sagen, auch in uns vertreten ist. Alles. Ja, auch was die AfD sagt, so ehrlich muss man sein.

Ich bin gespannt, wie unser erster Jobcentertermin nach der Ausbildung wird.
Fallen wir durch die Ausbildung aus der 7, bzw. in unserem Fall wäre es die 5, Jahres –Regel raus oder werden die abgelittenen ~ 10 Jahre vorher anerkannt? Das fänd ich nur fair, das macht man bei Untersuchungshaft schließlich auch so. Und so abwegig ist dieser Knast-Bezug in meinem Kopf auch gar nicht.

Hartz 4, das ist ein Knast ohne Gitter. Eine Insel, von der man nicht mehr wegkommt, nachdem man jahrelang alles, was darauf zu finden ist, für vergebliche Versuche aufgebraucht hat. Jedenfalls für uns. “Hätte”, “Würde”, “Wenn”, die heiligen drei Selberschulds, haben wir natürlich auch auf unserer Insel. Die ist zwar abgelegen, doch zuweilen Zentrum stürmischer Debatten, die mehr Wunde, Narbe, Verlorenheitsgefühl zurücklässt, als sich so manche Leute vorstellen können.

Diese Inselmetapher könnte auch mein fast zwanghaftes “nicht aufhören können nach Möglichkeiten zu suchen”, erklären. Was hat Robinson Crusoe denn den ganzen Tag gemacht? Essen, trinken, kacken – den Horizont absuchen. Logisch. Selbstverständlich. Was denn sonst?
Stell dir mal vor du sitzt irgendwo fest und alles, was in regelmäßigen Abständen an dich herangetragen wird, sagt dir: “Hättste halt was anderes gelernt.”, “Würdest du dich für XY entscheiden…”, “Wenn du nur nicht so wärst, wie du bist.” – das Ding zwischen Himmel und Erde, wäre dein einziges Hoffnungsversprechen.

Ja “Hoffnungsversprechen”. Nicht: “Hoffnung”, sondern das Versprechen einer Hoffnung, das du dir selbst gibst. Jeden Tag aufs Neue. “Wenn du da hinguckst, dann kommt vielleicht etwas, dass dir Hoffnungsgefühle macht. Du darfst nur nicht aufhören zu suchen. Bestimmt kommt da gleich was. Gleich. Und wenns da ist, dann rennst du zum Strand, machst Feuer, schreist in allen Sprachen, die du kannst. Du trommelst und rappelst durch die Gegend bis dir neonfarbene Blitze aus dem Arsch geschossen kommen. Das wirst du tun und dann wirst du gesehen und dann gibt es Kontakt. Und dann ist sie da.

Die Hoffnung. Die darfst du haben. Ganz für dich allein.
Die Hoffnung ist der erste Sieg.
Denn du weißt: selbst, wenn du danach wieder nicht von der Insel runterkommst: Das Versprechen auf Hoffnung konntest du dir selbst gegenüber einhalten.

Die Hoffnung ist der erste Sieg.

9

Kennt ihr das, wenn man Besuch erwartet und extra alles sauber macht – besonders das Bad, sogar mit extra Vorsicht, spricht: es nach dem Putzen nicht wieder betreten, damit kein einzelnes Hundehaar auf der reinweißen Fliese dafür sorgt, dass alles dreckig aussieht, und wenn der Besuch dann da ist, dann man sitzt stundenlang mit verknörgelten Beinen auf dem Platz und lässt sich nicht anmerken, dass man wirklich mal langsam mal gehen sollte, weil man schließlich für den Besuch geputzt hat und dann vergehen 4 Stunden

und der Besuch geht nicht ins Bad?!

8

Zwei Tage Alltag und schon ist der Schädel zu klein für die Sitze des Gedankenkarussells, die so weit ausschwingen, dass man denken könnte, sie wollten ganz woanders hin, als da, wo ich bin.

In der Schule sind sie bei der Arbeit, bei der Arbeit in der Schule, in der Freizeit in der Therapie. Therapie haben wir diese Woche nicht und ich merke, dass das ungünstig ist. Nicht, weil ich so viel zu sagen hätte, aber doch, weil genau das so ist. Ich habe nichts zu sagen, doch erinnere Fragment um Fragment mehr, das wir nach der letzten Stunde unterdrückt hatten. “Jetzt nich”, das hab ich zu sagen und das ist sehr wirkmächtig. Aber ohne eine Idee von einem anderen, vielleicht besserem Zeitpunkt, ist es einfach gezwungen, immer wieder anzufragen. Immer wieder aufzutauchen, anzustoßen, weggeschleudert zu werden.

Der bessere Zeitpunkt wäre der, an dem ich etwas sagen könnte. Eine Therapiestunde wäre ein möglicher Raum, in dem ich etwas sagen könnte. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Es wäre etwas. Das wäre gut.

7

Nach der Schule ist vor dem “von der Schule nach Hause”-Weg und das ist quasi wie Höllenkreishopping.
Aus dem Unterricht in den Schulflur von dort über den Hof, Achtung vielleicht werden wir von den Gesamtschulkindern gesehen, die sich, ihrem scheinbar natürlichen Lautstärkemodus (schreiend und über größere Distanzen hinweg) entsprechend genau über diese Entdeckung austauschen müssen, durch die Rauchwolke in die Bahn, in der es üblicherweise weder Sitz- noch Stehplätze mehr gibt, wenn Schulschluss ist. 25 Minuten lang. Es sei denn, es gibt mal wieder einen Beinahunfall oder einen PKW auf den Gleisen, weil diese eine Hauptstraße einfach immer noch nicht für den Individualverkehr gesperrt ist.

Es nieselt. Als die Bahn kommt, versuche ich an den Fußdrehungen der Leute zu erkennen, wo die Tendenz überwiegend hingeht und nehme die Gegenrichtung. Ein freier Platz ist die Belohnung und das ist toll. Ich habe NakNak* auf dem Arm, der bald einschläft, denn ihre zarten 11 einhalb Kilo drücken mir die Blutversorgung ab. Immerhin spüre ich den Arm noch. Er ist da. Ich bin da. Meine Angst, jemand könnte mich spontan boxen, ich würde den Ausstieg verpassen, nicht mehr rauskommen – nie wieder raus kommen – jemand könnte mich angucken, irgendeine Situation, die ich weder verstehen noch beeinflussen kann könnte eintreten, passiert nur noch in diesem kleinen Raum, der mein Körper ist auf dem NakNak* sitzt, die entspannt den Kopf auf meiner Schulter hat und so gut riecht.

Eine Familie mit einem Kind im Kinderwagen, das andere daneben, steigt ein. Ich bleibe sitzen, obwohl der Sitz zu dem Platz für Kinderwagen davor ist. Wäre die Bahn leerer und NakNak* nicht in Gefahr, getreten oder zerdrückt zu werden, wäre die Bahn leerer und ich nicht so randvoll mit dieser einen Unruhe, die nicht so ganz viel mehr Aufregung braucht, um eine echte Panik oder ein Zerfallen in mir auszulösen, wäre die Bahn leerer, wäre die Bahn nur leerer

Die Fahrt geht weiter und weiter und weiter und weiter und bevor ich aussteigen muss, verkorkt ein letztes Schülerrudel das Gefährt bis aufs letzte kleine Stückchen. Ich komme hier nicht so einfach raus. Ich komme nicht raus. Ich muss raus. Ich komme nicht raus. Ich kann nicht raus, weil wir fahren. Ich kann hier noch nicht raus, weil wir erst gleich aussteigen müssen. Guck – gleich hier da wo dies ist und jenes. Kennen wir alles. Ich will hier raus. Raus. Raus raus raus. Aber jetzt müssen wir noch diese Kurve nehmen.

Ich setze NakNak* zwischen zwei Fußpaare und hoffe das Beste. Rufe in das Knäul im Eingangsbereich die Bitte für mich den Türknopf zu drücken. Zaunpfahl schwingend sozusagen. Raus Raus Raus. Wäre die Bahn leerer.
Die Tür geht auf, weil außen jemand drückt. Alle gucken auf die Tür. Gucken raus. Raus. Nach draußen,  wo ich sein will. Wo das Pferd in meinem Hals hingaloppieren will. “Ich will raus” macht meine Stimme irgendwo zwischen Quieken und Krächzen, souverän wie durchgesubschtes Dönerbrot.
Nichts passiert.

Als ich die Brandung der Panikattacke schon spüre, donnert der Familie-mit-Kinderwagen-Mann “Alle raus gehen – hier will jemand aussteigen!”. Das wirkte. Auf mich und den Schülerkorken im Eingangsbereich.
“Danke” pieps ich dem Mann zu. “Kein Problem” antwortet der.

6

Wie bin ich nur schon wieder in diesen Kreisel reingekommen. Das frag ich mich nach einem Tag, an dem ich um 8 bereits arbeite, obwohl mein Kaffee noch seine kleine Duftwolke in die Luft macht und mein Frühstücksteller danach schreit, von jemandem gemalt zu werden.
Das Klicken und Klacken, mein Regelschmerz, das Blut, die Zeit. Tick Tack, das hier ist toll, morgen wird kacke, morgen geht die Schule wieder los. Klicken. Klacken. Wörter, Satzzeichen, Inhalt. Lektorieren gefällt mir. Das ist für mich wie entlohntes Fressen. Könnt ich den ganzen Tag machen. Kann ich aber nicht.
NakNak* will raus. Es nieselt.

In den Ferien wollte ich Mathe üben. Wollte ich Informatik üben. Wofür? denk ich inzwischen. Scheiß egal das alles. So. scheiß. egal. Wir wollten einen Zettel, wir kriegen einen Zettel. So oder so. Was drauf steht, ist für unser Leben danach irrelevant. Egal, was wir wünschen, gerne würden oder sogar könnten.
Können und können, das sind zwei verschiedene Dinge. Und können muss man können können.

Wir können nur anders. Das aber ganz sicher. Immerhin.

Klick Klack, Tick Tack
Noch einen Kommafehler gefunden.

5

“…so show me family
(Hey) all the blood that I will bleed
(Ho) I don’t know where I belong
(Hey) I don’t know where I went wrong
(Ho) but I can write…”
(“Hey Ho”, the Lumineers)

Man kann es nicht als neue Geschichte bezeichnen, wahrlich nicht. Eine der Figuren in „Grindelwalds Verbrechen“. Es ist einfach wieder ein „besonderer Junge“, nach dem gegriffen wird. Ein weißer Junge mit schwerer Geschichte. Ein Junge, der krasse Dinge passieren lassen kann. Vor allem, wenn er ~Emotionen~ hat. Es ist mehr Budenzauber, ja. Mehr soziale Verwicklung und ach… das Bad in der Zauberwelt – das ist einfach toll.

Und dann sind da die Parallelen.
Der Junge ist kein Junge. Es ist ein Mann, der als Junge gesehen und gedacht wird, weil er seine Kraft und damit einen profunden Teil seiner Selbst nicht im Griff hat. Dessen Suche und Kampf um sich selbst und seine Geschichte von so vielen Leuten erzählt, gedacht … gemacht wird, dass er selbst nur glauben, doch nie wissen kann. Und obwohl er ahnt, dass er gerade – erneut – misshandelt und ausgenutzt wird, bleibt. Und folgt.

“Ein Obskurus entsteht nur in einem Klima extremer Einsamkeit und Gewalt” – oder so ähnlich, erklärt der junge Dumbledore, das große schwarze Ding, das regelmäßig ausbricht und mehr oder weniger gezielt alles um sich herum zerstört. Und tötet. “Hätte er nur Geschwister gehabt, die ihn mochten oder einen Freund… Er braucht so jemanden, das kann schon alles verändern…”

Wieder schrieb Rowling also eine Geschichte über Täterintrojekte bzw. Traumafolgen.
Und wieder kriegts mich.
Diesmal anders. Auch anders, als bei der Geschichte um Lord Voldemort in den Harry Potter-Bänden.

Ich kenne diese schwarze krasse Macht in mir drin. Und ich weiß, dass sie aus einem Klima extremer Gewalt, tiefster Einsamkeit, Verlassenheit, Not kommt. Weiß, dass sie schon verletzt und zerstört hat.
Ich weiß, dass sie kontrollierbar ist. Ich weiß, dass es keine kontextlose Naturgewalt ist, die unberechenbar und übermächtig ist.
Ich weiß aber auch, mit wieviel extremer Gewalt und Ablehnung ich sie in mir drin halte. Weder anspreche, noch bewege, noch wirklich glaube, dass ich sie halten kann, sollte sie versuchen sich ernsthaft nach außen hin auszudrücken.

Niemand entwickelt eine so tiefgreifende Spaltung von Selbst und Sein, gäbe es keine Kräfte, die brechend auf sie einwirken. Das ist das eine.
Das andere ist, dass das kein Leben ist, sondern ein Zustand.
Ein Zustand, der weh tut, obwohl kein Blut fließt. Ein Zustand, der nicht nur das Früher fragmentiert, sondern auch das Heute und dadurch auch jede Idee an die Zukunft.
Das geht in Beschreibungen des Viele-Seins wie “Wir leben alle in diesem Haus und das Haus ist der Körper” unter. Ja, man lebt, von mir auch in einem Haus. Aber die Zimmer in diesem Haus sind das Ergebnis langjährigen Bohrens, Reißens, Schlagens, Kratzens, Ätzens, Brennens… letztlich: Verdrängens dessen, was vorher da war. Und zwar jedes Zimmer. Nicht nur das der Räume, in denen die krasse Todeswolke drin ist.

Ich ging aus dem Film und fragte mich, ob Credence Barebone (der junge Mann mit dem Obscurial in sich) deshalb von J. K. Rowling erfunden wurde, weil es weißen verletzten Männern leichter zu glauben ist, dass man sie besser nicht kränkt oder verletzt, weil sie eine scheiß gnadenlose Wolke des Todes in sich tragen.
Nach dem ersten Teil (“Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind”) hatte ich mich schließlich auch gefragt, ob sie ihn als Jungen erdacht hat, um der Misshandlung, der er ausgesetzt war, in ihrer realen Krassheit und Schlimmheit glaubwürdiger zu machen, um sein Rotz und Wasser heulen und die spätere Totaleskalation nicht als irrational (oder – ding dong – “hysterisch”) erscheinen zu lassen.

Wäre Credence eine Frau oder eine Person anderen Geschlechts, hätte das Publikum die Gewalt konkreter miterleben müssen – und die Verführung faschistoider Kräfte wäre viel weniger subtil passiert. Grindelwald hätte eine Frau sexuell verführt oder in irgendeiner anderen Form sowohl emotional als auch strukturell an sie gebunden. Ein Versprechen von einer Zukunft in Würde durch Geschichte und Identität, wäre dann niemals Thema gewesen.

Das mag irrelevant für die Filme sein – die sind ja nun einmal wie sie sind – es ist aber nicht irrelevant für mich. Denn aufgrund dieser Tatsache fällt auch dieser Film wieder als etwas raus, das ich für meine eigene Auseinandersetzung nutzen kann.
Denn mir wird keine Todeswolke im Inneren geglaubt. Nicht, weil es Todeswolken in Menschen nicht gibt, sondern weil die Annahme von zerstörerischem Gewaltpotenzial nachwievor an Männer oder als männlich eingeordnete Menschen herangetragen wird. Und eben nicht an Menschen wie mich, die mit einer viel höheren Wahrscheinlichkeit in ebenjenem Klima der Gewalt aufwachsen und dadurch – entsprechend der Logik der Entstehung von Todeswolken aka Obskurialen aka Täter_innenintrojekten – erheblich viel wahrscheinlicher auch so ein Ding entwickeln.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, dass ich nur Kämpferinnenfiguren kenne, die sich ihre Kraft und auch ihre Zerstörungsenergien in irgendeiner Form entwickelt haben. Keine war einfach so krass stark und Beherrscherin ihrer eigenen Kräfte. Sie haben alle hart trainiert, sind schonungslos gegen sich selbst angetreten oder waren, ohne es zu wissen, einfach schon immer eine Halbgöttin und deshalb “von Natur aus” interessiert an Kampf und Krassgedöns.
Erst recht kenne ich keine einzige nicht binäre Person, die einfach so mit ihrer Todeswolke konfrontiert war und dann genauso einfach so dagegen angehen konnte.

Das ist auch Einsamkeit. Keine Vorbilder zu haben, die die Fragmente einer Zukunft auffüllen und überbrücken helfen könnten. Das ist auch Verlassenheit. Wenn man weiß: Eigentlich gibt es Selbsthilfegruppen, Foren und Treffs, in denen man Leute, die das schon hinter sich haben oder auch auf dem Weg sind, treffen und fragen könnte – aber nicht für sich selbst. Weil man “zu politisch” ist. Weil man zu wenig hilfe_bedürftig ist. Weil man einfach schon viel zu viel über sich und die eigenen Erfahrungen verstanden hat, um mit dieser Thematik noch als die Person gesehen und anerkannt zu werden, die man – trotz alle dem und so viel erfolgreicher Arbeit – auch noch ist: Eine Person, die vor manchen Aspekten der Gewalt- und Traumafolgen einfach so derartig überfordert ist, dass sie nichts anderes _kann_, als mit Gewalt alles in sich niederzuknüppeln, was nicht anders beherrschbar ist.

Das ist auch Not.
Denn wo Gewalt ist, ist immer auch Not.

“Love we, need it now
Let’s hope, for some
‚Cause oh, we’re bleedin‘ out”

4

Morgen fang ich bestimmt an zu bluten und ich merks an dem Energieschub heute. Aufstehen, Wasser rein, Sportschuhe an, zum Bäcker laufen, special Nomnombrot kaufen und vor dem ersten Schluck Kaffee schon geduscht, angezogen, am laufenden PC mit Arbeit beschäftigt.
Stunde um Stunde vergeht. Reden, Denken, Arbeiten, mit NakNak* raus, in die Stadt eine neue Hose kaufen, nicht weinen um einen dicken Körper, nicht weinen um eine C&A-Filiale voll, laut, vielzuviel. Das Machen legt sich Handlung um Handlung zu einer neuen Schicht auf die Grenze zwischen innen und außen und am Abend, die eine Arbeit im kleinen Fenster, die andere in einer virtuellen “und dann mach ich das so und dann so und ja dann kommt das noch so…”-Schleife knapp über dem rechten Ohr, da frag ich mich, ob das vielleicht das gleiche Gefühl ist, wie Kontaktlinsen zu tragen.
So schalig. So schützend. So fokussierend.

3

Wir sitzen im Auto und fahren nach Hause. Das Auto fährt. Das Auto wird gefahren. Von J.
Wir sitzen darin und betasten mit den Augen die scharfen Wolkenränder vor der abendglühenden Sonne.

“Ich will, dass ihr euch verwirklicht”.

[“Und was, wenn wir schon wirklich sind?”]

2

Unter mir knirschen Schritte und von hinten spüre ich die kalte Schulter des Windes, der sich an mich lehnt. Der Himmel ist blankblau und von einer Farbe mit Namen. ‘Frotteeblau’ vielleicht.

Ich gehe keinen Weg. Ich habe keinen Weg. Wege macht man sich. Wege bringt man hinter sich. Obwohl man sie immer unter sich hat. Ich gehe nicht ‘meinen Weg’. Es geht einfach immer weiter und wenn da mal ein Weg ist, dann ist das der Lauf der Dinge.

Leben eben.