Hilfe ist, was hilfreich ist

462315_web_R_by_Maren Beßler_pixelio.deEs begab sich Folgendes auf meinen letzten Jammerartikel.
„Vi“ schrieb vom Weinen das kommen und den haltenden Händen, die irgendwann da sein werden. Und noch bevor eine Ausrichtung der Ohren im Innen passieren konnte, knallte die Tür mit der Aufschrift: “Um G’ttes Willen- alles- bloß das nicht!” zu. Sie schrieb, sie kenne dies und fühle sich dann hilflos als Helfer und fragte, was für ein Verhalten ich mir dann wünschen würde von den Menschen.

Einfach platt runterzurasseln, was gut wäre, und wieso und in welcher Situation zum Beispiel, erscheint mir nicht so sinnig, weil es für uns oft mehr auf eine Haltung und ganz subtile Grundlagen ankommt, als auf bestimmte Handlungen. So wirklich ausformuliert haben wir das noch nicht- entsprechend bitte ich um etwas Nachsicht, wenn sich das nun Folgende etwas gestückelt liest und noch eben nicht so klar macht, worum es mir geht. (Kommentarfunktion ist an und nutzbar: Fragen, Gedanken, Impulse… bitte immer gern)

Also:
Sonntagmorgen fiel auf, dass wir seit Mittwoch nichts gegessen hatten. Die Schwächung, die zusammen mit diesem Wust aus Körpererinnerung, Ängsten und Doppelbildern einher geht, triggert immer tiefere Schichten des Innen an. Es war klar, dass der Hunger-Schwächezenit bald erreicht sein und sich in wahllosem Fressen, Selbstverletzung der chirurgisch relevanten Art oder auch Täterkontakt entladen würde.
Dann klingelte das Telefon: „So, ich bin in 10 Minuten da. Ich bitte euch alle, mir die Tür aufzumachen.“ Eine Gemögte von uns hatte eine Not-SMS bekommen. (Standardisiert in den SMS-Entwürfen abgelegt, abrufbar mit zwei Tastenschlägen und abgesprochen in stabilen Zeiten).
Die ganzen 10 Minuten redete sie davon, wer sie sei und warum sie käme und was sie machen wollte. Es wurde ein Gespräch, das uns eine Art Haltestange zur Wohnungstür wurde und ermöglichte sie zu öffnen.

Es ist eine Extremsituation für uns gewesen.
Nicht, weil gerade etwas Extremes geschehen ist. Nur, weil es sich in genau diesem Moment ganz genau nach einer Extremsituation anfühlte. In solchen Momenten sind wir wirr und flackern wie die Poltergeister zwischen absolut basischer Existenz, die uns in ein animalisch anmutendes Sein fallen lässt, und einer Mischung von sowohl überdeckender als auch schützend- abwehrender Rationalität jeder jemals in den Kopf eingebrachten Überzeugung.
Wir werden zu einer Chimäre, die sich wie das Wachs einer Lavalampe immer wieder verändert. Es ist Stasis und Anpassung in einem- zusammengestückelt und nicht in der Lage sich der Gesamtsituation als solcher anzupassen.
Da ist der Schmerz- er ist da- doch auch wieder nicht, denn die verursachende Verletzung ist schon über 20 Jahre verheilt. Da ist Hunger und ein Isolationsgefühl- doch ein voller Kühlschrank, Tageslicht und die Möglichkeit sich zu bewegen. Da ist das begangene „Verbrechen“ und da aber viele Stimmen, die sich positiv dazu äußern.

Und in all das hinein kommt etwas ganz Neues: ein Mensch der real für uns da sein will.
Allein das ist für uns schon so krass, weil es in jedem dieser, gerade in dem Moment gefühlten, Umstände entweder erst gar keine Menschen gab- oder nur Menschen die uns verletzt haben. Und es sind auch entsprechend nur Innens „da“, die genau davon ausgehen.
Die Gemögte, die gestern kam, schrieb mir heute morgen, dass es sie immer wieder schockiert, dass sie in solchen Zeiten am Telefon mit uns Alltagsleuten sprechen kann (die relativ gefasst in Worte fassen können was mit ihnen passiert)- es aber sofort kippt, sobald sie dann vor uns steht. „Ich sehe wie euer Körper sich fast augenblicklich in diese verkrümmte Haltung zieht und die Pupillen aufspringen. Das ist so krass immer wieder.“

Wir haben mit der Zeit bemerkt, dass es uns hilft, wenn sie „über uns drüber“ agiert – aber nicht direkt mit uns.
Gestern zum Beispiel, ging sie einfach ruhig weiter sprechend durch bis in die Küche, während wir im Türrahmen des Schlafzimmers hockten. Sie begrüßte (und beruhigte) unseren Hund, räumte unser Chaos beiseite und erzählte einfach da weiter wo wir aufgehört hatten. Von der langweiligen Bildungssache, die sie verlassen hat; was sie gerade tut; wieso sie gekommen ist und was sie jetzt machen wird und womit und warum. Als würden wir antworten und als sei das hier jetzt gerade die normalste Sache der Welt. Sie schaut uns nicht an und erwartet keine Antwort- macht aber immer wieder Nischen frei in die wir einsteigen könnten.

In solchen Momenten mit Reorientierungsskills und was weiß ich zu kommen, würde nur schief ankommen- es passt nicht in die Situation- ist nicht erlernt, wie wir Frontgänger das gelernt haben. Die Reorientierung passiert durch genau die Möglichkeit festzustellen, dass der normale Lauf der Dinge gerade ein ganz Anderer ist.
Allein dadurch, dass dort jemand (aus sicherer Entfernung beguckbar) steht und eben nicht direkt mit uns interagiert, passiert schon eine deutliche Markierung die zu trennen hilft.

Für mein Gefühl passiert die Hilflosigkeit der Außenstehenden oft dadurch, dass sie sich machtlos fühlen. „Ich kann nicht machen, dass sie mit mir in ein Gespräch und darüber in ein Gefühl und darüber dann einen anderen Zustand kommen“. Da wird die Macht der Normalität oft sehr unterschätzt und an einem Niveau angesetzt, das oft(noch) gar nicht da ist. Es wird dann oft davon ausgegangen, dass es erträglich ist zu sprechen (dass man es in dem Moment überhaupt kann oder es von innen überhaupt erlaubt ist) oder auch: dass es überhaupt aushaltbar ist Gefühle zu spüren bzw., dass da eine Sicherheit im Umgang damit ist oder auch immer wieder gern genommen: dass wir überhaupt wissen, was das da für ein Gefühl (oder auch Innen) ist.

Tatsache ist für uns immer wieder, dass unsere Gemögten dann nicht hilflos sind. Sie fühlen sich nur so, weil sie nicht bewusst haben, dass allein ihr da sein, schon Hilfe sein kann. Einfach nur feste, klare, sicher ruhige Anwesenheit ist mir schon so oft mehr Hilfe gewesen, als ein gereichter Igelball, offene Arme zum Reinweinen oder ein aufgezwungener Dialog, der meine Aufmerksamkeit in die Gegenwart fesseln soll.
Ja ich verwende hier „aufgezwungen“ und „fesseln“ sehr bewusst- weil sich für uns genau solche Dinge oft, wie „Verhelfgewaltigung“ anfühlen. Der Imperativ und Hilfe schließen sich für uns gegeneinander aus. „Ich will, dass du jetzt…!“, „Mach jetzt…!“, „Fass XY an!“, „Spüre ABC!“. Diese Sätze haben wir oft in anderen Zusammenhängen gehört und es gibt ein Umschalten auf genau diesen Modus. Aber keine Orientierung und erst recht kein Ankommen in einer Gegenwart, in der wir uns gleichberechtigt mit unserem Gegenüber erleben können (und damit „sicher“ im Sinne von „geschützt“- da wir uns nie auf anderer Menschen Schutz verlassen, ist es unabdingbar für uns, uns jederzeit in der Lage zu fühlen, uns immer selbst in Sicherheit bringen zu können).

Inzwischen dauert es bei uns nicht mehr sehr lange bis jemand „da“ ist, der diese Gegenwartsmarker erkennt. Früher waren es auch mal Stunden, in denen unsere Gemögte „Normalität spielen“ musste bzw. es irgendwann einfach so auch tat, weil ihr das „so tun als ob“ zu anstrengend wurde und ihr klar wurde, dass sich dadurch nichts verändert. Sie fügte sich in ein (für sie gefühlt passives) Da(bei)sein und wurde dadurch gleich viel weniger bedrohlich und plötzlich auch ansprech-annehmbar für uns.

Hinter meiner Ablehnung von Gefühlen bedürftiger Innens steht unsagbare Angst vor Kontrollverlust. Nicht nur die Angst vor „Himmel- wie das jetzt wirken muss!“, sondern auch vor „Kann mein Gegenüber überhaupt aushalten, was ich da so viel mächtiger, als ich mich selbst, fühle, wahrnehme?“ und dem realen Kontrollverlust in Form von dissoziativer Amnesie durch „Anwesenheit“ eines anderen Innens und dem was es erzählt (denn das bedeutet für mich: das Gegenüber weiß etwas über mich, das ich selbst nicht weiß).
Das heißt aber nicht, dass meine Gemögten deshalb hilflos meiner Not gegenüber sind. Sie sind nur machtlos gegenüber meiner Verweigerung Kontrolle (mich) abzugeben, damit sie mir meine Not abnehmen können. Sie „aktiv meine Not behandeln können“.
Ganz fies ausgedrückt: Sie müssen nur damit klar kommen, dass ich meine Fähigkeit mich zu schützen und für mich zu sorgen „höher/ besser“ einschätze, als das, was sie für mich tun können- egal ob das aus objektiver Sicht stimmt oder nicht. In meinem Gehirn läuft eine Hilfe, die sich schon zig mal mehr bewährt hat, als das was mir Helfer angetragen haben- das anzuerkennen ist etwas, dass ich inzwischen von Helfern und Gemögten tatsächlich verlange. Sie müssen es nicht glauben und bestätigen- aber hinnehmen und anerkennen definitiv. Ich erkenne ja auch ihre Hilfsmöglichkeiten an und respektiere den Rahmen in dem sie sie bieten können.

Sie können mir, trotz aller Abwehr, noch eine Bereitschaft vermitteln, dass sie es aushalten könnten. Dass sie keine Angst vor dem was mir so diffus beängstigend übermächtig vorkommt haben. Sie können trotzdem da sein- präsent und verankert sein. Sie können mir trotzdem, da wo ich fassungslos- sprachlos- wirr bin, einen Rahmen in Verbalisierung (oder allgemeiner: Kommunikation) und Sortierung bieten. Sie müssen nur aushalten, nicht zu wissen, ob ich es auch tue und ob mir ihr mächtiges Handwerkzeug auch wirklich hilft.

Das wird, meiner Meinung nach, viel zu oft auch falsch in der Ausbildung zum Helfer beigebracht. Dort wird gelernt, dass man die und die Technik- das und das Handeln (Katalog XY) abspulen muss, um zu helfen. Das mag auf einer handwerklichen Ebene stimmig und wichtig sein (zum Beispiel für Chirurgen oder so) aber sobald ein Miteinander nötig ist, ist es oft eher die Fähigkeit auch einfach mal die die Hände vor den Mund zu nehmen (und da zu lassen), mit dem Herzen zu hören und mit dem Körper und dem Sein _da_ zu_sein_, die wirklich als hilfreich ankommt.

Viele Helfer lernen früh abstinent zu sein. „Grenzen sie sich ab“ heißt es dann ganz viel und direkt wird eingeübt, sich komplett aus einem entstehenden Miteinander herauszuziehen, statt diesen ganzen (zu dem Zeitpunkt ja total jungen!) Menschen erst mal Gelegenheit zugeben, ihre Grenzen für sich allein zu spüren und zu festigen. Zu merken: Ja, wann genau ist Nähe zum Klienten eigentlich eine Belastung für mich? In dem Moment in dem ich ihm zuhöre und Stress von meinem Arbeitgeber bekomme, weil ich zu viel Zeit investiere/ mir unterstellt wird, ich würde keine Distanz wahren etc.- oder in dem Moment in dem mein einstudierter Katalog nicht mehr greift und ich mich machtlos fühle- obwohl doch mein Studium mir genau beigebracht hat, wie ich Menschen ausrechnen, einkategorisieren und doch irgendwie auch manipulieren kann? Oder in dem Moment in dem mir klar wird: „Ja, jetzt ist Passivität gefragt und ich habe noch nicht gelernt, diese zu praktizieren.“? Oder ist es tatsächlich doch der Moment, in dem ich keine Grenze mehr ziehen kann zwischen meinen Empfindungen und denen meines Gegenübers?

Das was ich da gerade miterlebe (eine unserer peripheren Gemögten ist derzeit in der Ausbildung zum Psychotherapeuten) ist eine Dauerbeschallung in: Grenzen sie sich ab – ohne genauere Definition dessen oder Handlungsalternativen zum Katalog der Schemen F bis K. Die Hände in den Schoß zu legen und einfach nur da zu sein- zu warten bis der Klient tatsächlich und wirklich von sich aus Kontakt aufnimmt, wird gar nicht gelehrt.

Eine unserer Gemögten hat mal gesagt, sie sei dankbar, dass wir diese tierisch-niederen Anteile haben, weil es für sie keinen besseren Augenöffner hätte geben können. Sie musste warten, warten, warten. Wusste- würde sie konfrontativ agieren, würde sie verletzt, wusste aber auch, dass diese Anteile nur da waren, weil es eine extreme Bedürftigkeit gab, die nichts mit ihr zu tun hatte (das kommt ja auch gerne mal- die Nummer mit: Sie werden von ihrem Gegenüber manipuliert, damit sie ihm Aufmerksamkeit schenken …). Für sie war es ein Lehrstück in Sachen: Du gestaltest die Realität in der du bist.
Sie hatte damals einfach nur etwas getan, dass für diese Anteile früher niemals jemand getan hat: sie hat sie nicht angefasst, nicht angestarrt, ihnen Zugang zu Licht, Wasser und Nahrung gewährt und sonst nichts. Das hat schon gereicht, um Hilfe zu sein. Es war ein deutlicher Marker und entsprechend gab den Versuch sich an die so gestaltete Realität anzupassen (es gab einen Wechsel zu anderen Innens).

Sie musste gar niemanden halten- sie musste „nur“ aushalten, dass wir vor langer Zeit etwas nicht ausgehalten haben und, dass sie dies nicht rückgängig machen und von uns nehmen kann.

Ich schrieb in dem letzten Artikel, dass es ein Warten auf die Tränenexplosion ist.
Auf die Frage von Vi schrieb hier bei mir jemand: Ja was glaubt sie denn wer da weinen würde? Sie glaubt doch nicht ernsthaft, dass da jemand weinen würde, der damit klar käme und darauf vertrauen würde, dass da Hände sind, die nur halten (nicht anfassen und weh tun) wollen?!
Wieso erkennen so viele nicht an, dass sie uns (jenen die die Türen zuschmeißen) erst mal zugestehen müssen, die Bestimmer zu sein und sie uns erst mal davon zu überzeugen haben, dass das auch wirklich klar geht alles und, dass wir uns erst mal sicher sein müssen, das auszuhalten- ohne dass sie gleich denken, dass es an ihnen liegt oder so?

Ich kann mir grob vorstellen wie das sein muss, zu wissen: „Boa die Rosenblätter die sind nur noch grüner Flattersalat: denen gehts schlecht. Und dann beißen sie mich auch noch, wenn ich ihnen sage, dass ich sie mag und ich sie aushalte und sie bei mir ruhig weinen dürfen. Sie schubsen mich ja richtig weg- als würden sie mich gar nicht mögen und als sei ich total inkompetent…“
Ich weiß aber auch, dass wir hier schon solche Szenen von Hilfe durch Halt, Trost und Nähe erlebt haben- eben immer dann, wenn wir die ganze Zeit bestimmen konnten und uns in dem was wir taten selbst sicher waren.

Es hilft mir, wenn ich Helfer habe, bei denen ich den Eindruck habe, einfach sein zu dürfen, weil sie einfach sind. Zeigen sie mir reale Normalität mit allen guten und auch furchtbaren Gefühlen, traue ich mir meine Normalität und auch Gefühle hinter dieser Tür zu zeigen und anzuschauen. Zeigen sie mir, dass sie sich trauen, das auszuhalten, dann traue ich mich das auch…

Hilfe ist was hilfreich ist- nicht was als hilfreich irgendwo dargestellt wird.
Hilfreich ist was hilft und manchmal ist genau dies einfach nur das, was früher in Zeiten der Gewalt fehlte: Jemand der helfen wollte, sehen wollte, verstehen wollte… da sein wollte.

ein paar behinderte Gedanken zu Menschen mit Behinderungen und Behinderungen an sich

Morgen haben wir einen Termin in der Abendschule.
Es geht darum sich vorzustellen, seine Bewerbung, seine letzten Zeugnisse und Unterlagen zur Person abzugeben. Es wird darum gehen zu schauen, ob wir dort sein können, was wir für Unterstützung bekommen können, was für Anforderungen gestellt werden.
Ich bin schon angekritzt darüber, nicht einfach nur meine Unterlagen dorthin schicken zu können und dann nur noch auf einen Anmeldebestätigung warten zu müssen.
Aber wir fallen aus den Aufnahmekriterien heraus, also bleibt uns keine andere Wahl.
Voraussetzung ist eine abgeschlossene Berufsausbildung und 2 Jahre Arbeit, sowie Arbeit oder ein zu versorgendes Familienmitglied nebenbei.
Tja, damit können wir leider nicht dienen- und wenn wir es könnten, würden wir uns sicher nicht noch mal 3 Jahre Abendschule geben.

Ich fand mich richtig gut in dem Telefonat mit der Sekretärin. Ich war sachlich, logisch und nicht defensiv.
Ich sagte, ich hätte gerne einen Termin mit dem Schulleiter, um abzuklären ob und wenn ja was für Möglichkeiten es für mich gibt, auch mit meiner Schwerbehinderung (Bumms! Ich habe das Wort gesagt!) teilnehmen zu können und wie die Lage in Bezug auf Unterstützung von Seiten der Schule aussieht.
Die Sekretärin gab mir einen Termin und stellte dann die Preisfrage: „Darf ich Sie fragen- sitzen Sie im Rollstuhl?“. Ich antwortete, das sie mich natürlich fragen darf und, dass ich nicht im Rollstuhl sitze.
(Btw: Was ist das bitte für eine Sprachführung?! Den Rest des Tages fragte ich mich, ob sie mich nur fragen wollte, ob ich einen Rollstuhl benutze oder, ob sie mich fragen wollte, mich etwas zu fragen zu dürfen und dann die Frage nach der Behinderung stellte, und ob ich nun richtig reagiert hatte oder nicht.)

Es ist eine kleine Episode. Total normal und nicht schlimm.
Aber wieder kreiseln in meinem Kopf viele Gedanken wüst hin und her.
Da ist zum Beispiel der Gedanke zum „Standartbehinderten“ in der breiten Masse.
Ich bin mir nicht sicher, aber viele Menschen auf die ich so treffe, oder gerade so in Bezug auf normierende Bürokratie, wie jetzt zum Beispiel in der Verwaltung der Schule, scheint es die Verknüpfung: Schwerbehinderung= das Plakat von „Aktion Mensch“ zu geben.
Schwerbehinderung, das heißt, Rollstuhl, Blindenführhund, Gebärdensprache, eine futuristische Prothese oder die spezifische Physiognomik von Menschen mit Down-Syndrom. Schwerbehinderung das heißt: „Himmel wie kommt der Mensch bloß klar?! Der muss ja total viele Sachen im Alltag anders machen. Der braucht ja richtig viel Hilfe, weil er was nicht kann, was sein Körper (und hier biologistisch eingeflochten der „Geist“ wie der derzeit einzig ausmessbare Intellekt falsch benannt wird bei „geistiger Behinderung“) ihm verweigert.“
Schwerbehinderung heißt auch: „Boa guck mal, was der Mensch TROTZDEM (nicht etwa MIT) kann.“ Heißt auch: Aussagen von den betreffenden Menschen „Ich leide nicht unter meiner Behinderung- ich leide darunter, wie meine Umwelt mit mir umgeht.“. Heißt immer und immer und immer: anders als „DIE ANDEREN“.

Nun ist es so, dass man, wenn man länger als 6 Monate an der gleichen Sache erkrankt ist, als chronisch krank gilt. Und damit ebenso als schwerbehindert.
Und Peng!- steht man vor einer Gruppe von Menschen mit Behinderungen die sogar „anders als die anderen Schwerbehinderten“ ist.
So wie ich.

Für mich ist es eine Bombenhürde zu diesem Termin zu gehen. So bombig, dass ich den Termin höchstwahrscheinlich nicht einmal erinnere. Der Besuch der Schule ist für ich eine Ansammlung von Barrieren, die nicht weggeräumt werden können (und um Himmels Willen auch nicht sollen), um mir den Zugang zu erleichtern. An mein reflexhaftes Umschalten auf Todesangst und in der Folge anpassendes Dissoziieren, kann man weder Rampe, noch Bildtafel, noch Audiomitteilung, noch leichte Sprache dran stellen, um sie (wenigstens in Teilen) zu kompensieren. Ich kompensiere ja selbst bereits in der Situation und breche erst nach einer Überbeanspruchung dieser Fähigkeit zusammen und werde handlungsunfähig. Erst dann kann ich Unterstützung erhalten.
Ich kann sehr gut verstehen, warum es dann schwer fällt, mich als „jemand mit grünem Ausweis“ wahrzunehmen. Wir turnen in der Schule rum, sind produktiv, motiviert, engagiert, geistig fit, aktiv und zuverlässig… bis ich vielleicht das Pech habe, von einem Lehrer in zwei Fächern gleichzeitig unterrichtet zu werden. Bis Mitschüler versuchen außerhalb des Unterrichtes mit mir Kontakt zu haben. Bis es eine Hausarbeit oder ein Projekt über einen Zeitraum wie die Ferien gibt. Bis es außerhalb des Schulkontextes eine so schwere Krise gibt, dass die Somatik sogar bei den Schulgängern ankommt. Also bis zu ziemlich genau dem Zeitpunkt in dem unser Kompensationsmodus zur Kompensation des Gesamtzustandes werden muss.
Es ist gut, wenn ich zum Beispiel jetzt in der Schule einen Menschen habe, dem ich das so erkläre und mit dem ich Absprachen treffe, die mich davor bewahren, mich vor Lehrkräften auch noch erklären zu müssen oder indem sie mich nicht rausschmeißen, weil ich dauernd fehle, mir den Stoff nach Hause bringen oder ein Pauschalattest für Fehlzeiten akzeptieren und mir Gelegenheit geben Tests nachzuholen.
Doch mit der Kompensation der Behinderung selbst bleibe ich auf eine Art allein, die unsichtbar und der als Krankheit bezeichnete Zustand ist. Man sieht sie von außen nicht, man merkt sie mir nur an, wenn man drauf achtet und sogar ich selbst kann dies erst formulieren, wenn ich nicht mehr mehr genau dort in der Schule sitze, sondern hier bei mir zu Hause. Dann nämlich, wenn ich hier sitze und halbgeist-kopfig Hausaufgaben zu erledigen versuche, die ich nicht verstehe und einen Tag nachzuvollziehen versuche, den ich nicht gelebt habe.

Ich könnte nun auch sagen: „Ja ich leide ja nicht unter meiner Behinderung- meine Umwelt geht nur falsch mit mir um“. Das stimmt ja aber nicht. Meine Umwelt geht total richtig und entsprechend mit meinem Verhalten und Wirken mit mir um. Was kann denn meine Umwelt dafür, wenn mein Gehirn nicht für diese Normalität ausgerüstet ist und mein Verhalten und Wirken eben nicht mit MIR(in jedem meiner Zustände) zusammen passiert?
Meine Umwelt hat gar keine andere Chance als für mich unpassend zu sein und ich bin dankbar dafür. Doch das ist etwas das konträr zur stetigen Forderung steht, Barrieren für Menschen mit Behinderung abzuschaffen. Meine Barriere bin in erster Linie mein Erleben meiner selbst (und meiner Umwelt) und erst dann die ungünstigen Normen und Bestimmungen außen.
Wir könnten ja auch das Abitur im Fernlehrgang machen. Ich bin aber abhängig davon in diesen „Schulgängerzustand“ zu geraten, um Zugriff auf das Schulwissen der Abendrealschule und der Schulen zu erhalten. Ich bin also abhängig davon „unter meiner Behinderung zu leiden“, weil ich sonst gar nicht erst die Chance auf Bildung und damit dann später vielleicht ein Studium und noch später vielleicht einen Beruf und damit dann endlich Unabhängigkeit habe.P5310032

Ich stelle mir viele Fragen rund um die Themen der Menschen mit Behinderung und fühle mich dabei behindert.
Da sind die Normen der Leistungsgesellschaft und da die Kritik und die Änderungswünsche derer, die ihnen nicht entsprechen können.
Da ist der Nutzen von pränataler Diagnostik und da die 95% der Fälle von Abtreibung der Föten mit nachgewiesener Wuchsrichtung jenseits der Norm.
Da ist der Ruf nach Inklusion und da das Unterstreichen (müssen) von Andersartigkeit.
Da ist das Leiden und da die Verneinung eines solchen.
Da ist das Versprechen mehr für Menschen mit Behinderung zu tun und da die Förderung von Werkstätten in denen des schlechte Bezahlung und keine Aufstiegschancen gibt.
Da gibt es die Entwicklung von bionischen Prothesen und da die strukturelle Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen, die dafür sorgt, dass sie nie genug Geld für genau diese Prothesen haben werden.
Da gibt es den Beruf des Inklusionshelfers und da aber die Ablehnung von Bewerbern darauf, die selbst einen grünen Ausweis haben. (Boa! Ich hab mich so so so sehr darüber geärgert!)

Manchmal bin ich froh darum, dass wir mit vielen Menschen „anderer Wuchsrichtung“ zusammen gelebt und mit ihnen zusammen gearbeitet haben. Auch wenn wir natürlich keine globale Ahnung von ihrer Lebensrealität haben, haben wir so doch das Bewusstsein, dass die Menschen mit Behinderungen sind- nicht „Behinderte“.
Doch komme ich nicht umhin mich doch noch anders zu fühlen.
Ich bin bis jetzt die einzige Multiple, die ich kenne, die sich diese Störung als Schwerbehinderung hat anerkennen lassen.
Ich hätte es auch anders machen können. Aber in einem Anflug von politischem Trotz war es wichtig für uns gewesen, zu unterstreichen, dass die erlebte Gewalt so schwer war, dass die Folgen heute uns so sehr beeinträchtigen, wie das Fehlen einer körperlichen Fähigkeit.

Es war gut und richtig das zu tun. Wir lassen uns in der Hinsicht nichts anderes mehr sagen, weil es für uns bedeutet hätte, wieder etwas unsichtbar zu machen, wenn wir das nicht getan hätten.
Aber es war auch das Übernehmen einer Aufgabe, die ich mit allen Menschen mit Behinderung teile: Das Eingestehen und Vermitteln meiner (hochprivaten) Probleme an Menschen die genau dieses oben benannte Bewusstsein nicht unbedingt auch haben.
Eine Aufgabe, an der ich, als Innen in diesem Einsmensch hier, genau wegen dieser Probleme scheitern werde.

Vertrauen… auf eine gewisse Art

„Ach also geht es darum, dass sie sich fragen, ob sie mir vertrauen können?“
„Klingt als hättest du Angst den Anderen zu vertrauen…“
„Vertrau mir ruhig, das wird schon…“

Dieses Vertrauensding häuft sich gerade schon wieder in meiner Umgebung und irgendwie… seufz…
Wir vertrauen nicht richtig so, wie das scheinbar immer erwartet wird- wir trauen zu.
Vertrauen erscheint mir manchmal wie auf einen Sockel gestellt, wenn es um die Therapie geht. Als sei Vertrauen in den Therapeuten, seine Kompetenz, die Art der Bindung und der Ziele, deren Erreichen man anstrebt, ein Garant für das Gelingen der gesamten Therapie.
Was aber für mein Gefühl oft mitschwingt, in der Vertrauensfrage im Therapiekontext, ist der Anspruch zur Bereitschaft sich aufzugeben. Nicht im Sinne von „sich gänzlich einlassen“ oder „sich tragen und (aus)halten lassen“- das geht beides auch ohne Vertrauen. Dass man Dinge oder Menschen auch einfach aushalten kann, weil man dafür in irgendeiner Form entlohnt wird, kennt jeder aus irgendeinem Kontext. Oder auch, dass man ganz einsteigen kann in Projekte und Arbeitsprozesse, weil es einem einfach leicht fällt und man motiviert dazu ist. Auch dazu braucht es kein Vertrauen in dem Sinne.
Was ich so wahrnehme, ist der Anspruch rückhaltlos und einfach so zu glauben und sich selbst aus diesem Glauben heraus an jemanden abzugeben- sich jemandem anzuvertrauen.

Die Parallele zur Religion bzw. zum mittels Religion zum Ausdruck gebrachtem Glauben, finde ich enorm. Auch und gerade, weil es die gleichen Haken für mich gibt.
Es gibt diesen Ausspruch: „Du bist in G’ttes Hand“

[Ja Hallo?! Gruselig?! Bin ich Marionette oder was?! Nein nein nein nein nein …]
und dann gibt es diesen therapeutischen Implizit: „Sie sind in meiner Hand“
[*flapp* alle Schotten dicht]

Ja, wir sind davon überzeugt, dass es eine hohe Kraft irgendwo und irgendwie gibt, die man G’tt (oder sonst wie) nennen kann.
Ja, wir sind genauso davon überzeugt, dass der ganze Diplom-, Ausbildungszertifikatedingszettellage-, Kompetenzanerkennungskrempel mit Stempel und Siegel drauf, irgendwie bedeuten wird, dass Therapeuten schon ordentlich die Möglichkeit hatten, etwas therapeutisch Sinnvolles zu lernen (!) und, dass sie entsprechend zumindest Worte für das haben, was sie tun.

Aber seit wann ist es Usus, zu erwarten, dass Menschen allein aufgrund der für sich allein angenommenen Existenz einer Kraft oder allein aufgrund des Status einer Person zu einer Haltung zu kommen, die eine Bereitschaft zur Selbstaufgabe mitbringt?
Ach ja! Seit Menschen erkannt haben, wie mächtig sie sind und wie toll das ist, Macht auszuüben, statt ohnmächtig zu sein.

Um zu vertrauen, ist mehr nötig als das bloße Sein. Niemand vertraut auf G’tt, nur weil ihm jemand erzählt, dass es das gibt. Es braucht mehr oder weniger intensive Beweise der Macht- entsprechend also Gefühle der Ohnmacht (oder sachter ausgedrückt: der Unbeeinflussbarkeit von Umständen) bei den Menschen selbst.
Ich habe mal von einer Studie gelesen, die bewiesen haben will, dass alle Menschen in Momenten der höchsten Not begannen zu beten- auch wenn sie konfessionslos waren und niemals zuvor gebetet haben. Dies würde meine These untermauern, dass Vertrauen (und ergo auch das Glauben an unbeweisbare Entitäten) in jedem Fall also grundsätzlich etwas mit Macht und Ohnmacht zu tun hat (deshalb bin ich zum Beispiel auch dagegen Kinder nach der Geburt zu taufen oder beschneiden zu lassen- denn Kinder sind grundsätzlich immer ohnmächtig bis sie volljährig sind- ihr Glaube und damit evtl. auch ihr ganzes (religiöses) Handeln, gilt also erst mal nicht G’tt, sondern den Versorgern bzw. einer Anpassung an jene, von denen sie abhängig sind).

Meine Psychotherapie hingegen hat etwas mit Lernprozessen zu tun.
Ich gehe nicht dorthin, um mich abzugeben, sondern, um zu lernen mich meiner selbst zu ermächtigen.
Was ist es dann also für ein unlogisches Anliegen meinem Therapeuten auch noch als Mensch zu vertrauen?
Ich muss das gar nicht tun!
Ich muss ihm zutrauen, dass er gebildet ist und Techniken kennt, mit denen er mir vermitteln kann, wie ich bestimmte Dinge (neu-), (kennen-) lerne und ich muss ihm zutrauen, gewisse Skrupel zu pflegen, wenn es darum geht die Gesetzgebung des Landes in dem er praktiziert, zu brechen. Mehr nicht.
Oder?

Laut der engeren Definitionen von „Vertrauen“ gibt es verschiedene Arten des Vertrauens.
Da gibts das situationsbedingte Vertrauen, das begünstigt wird von den Möglichkeiten des Vertrauensgebers, den Vertrauensnehmer im Falle eines Bruches zu bestrafen. Tja- wie ist das auf die Therapiesituation übertragbar? Da gibt es von Natur aus eine Schräglage, die immer genau dann eintritt, wenn man Hilfe bei jemandem sucht. Aus der Position des Hilfesuchenden- desjenigen, der etwas will- der Bettlerposition heraus straft es sich schlecht, da man in jedem Fall nur sich selbst straft bzw. schadet.

Dann ist da das identifikationsbasierte Vertrauen. Da tanzen gegenseitige Sympathie und tragfähige emotionale Bindung im Paar mit einer Identifikation der Werte, Wünsche und Ziele des Gegenübers.
Ja, sympathisch finden wir unsere Therapeuten immer. Die stehen ja auch über uns. Es ist immer schlau den, der über uns steht, sympathisch zu finden und ganz und gar mit ihm zu verschmelzen.
Hinweis: Ja, das ist Unterwerfung. Und ja, das ist ein Lerninhalt, um genau dessen Deinstallation es in der Therapie (auch mit) gehen soll, dessen Vorhandensein und Bereitschaft zur Ausübung aber wiederum gesamtgesellschaftlich immer wieder verlangt wird. Ich würde sagen, hier haben wir einen wunderbaren Patt, der meiner Meinung nach noch ganz erheblich viel mehr Diskussion erfordert, als bisher geschehen.

Und dann ist da das Ding, das wir schon tun: das eigenschaftsbasierte Vertrauen. Wobei wir auch dies für etwas halten, das mehr unhinterfragter Gesamtgesellschaftsreflex ist, als wirklich wahres Vertrauen. Denn mehr als einen Status, aufgrund der Eigenschaften ihres Berufes als Heiler, Helfer oder Retter (und die ihnen entsprechend eingeräumten gesetzlichen Rechte) haben weder Ärzte noch Therapeuten uns Hilfesuchenden gegenüber.
Sie können sich nur vor uns stellen und versichern, dass sie Mittel und Wege kennen, uns zu helfen/ heilen/ retten und uns dies mit ihren Approbationen und Fortbildungszertifikaten im Vornherein und Testergebnissen und (Therapie)Erfolgen im Nachhinein zu beweisen. (Es gibt natürlich auch noch andere Arten dies zu beweisen, wie die Psychiatrie uns das immer so hübsch beweist, aber das will ich jetzt nicht weiter ausführen- Thema ist schon groß genug). Und sie können nicht mehr tun, als uns zu sagen, dass sie uns gern helfen wollen und dies ausschließlich durch die Mitteilung und die Handlung der Behandlung selbst, beweisen.

Eigentlich sind wir Patienten/ Klienten also in einer mächtigen Position. Wir können frei wählen, ob wir uns von jemandem behandeln lassen oder nicht.
Doch da es einen Leidendruck und einen Hilfebedarf gibt, ist die Macht absolut fragil. Sobald wir eine Schwäche eingestehen und uns in die Hände des Behandlers begeben ist alle Macht weg. Man befindet sich in einem Machtgefälle und ist ausgeliefert.
Für mein Gehirn heißt das in der Regel soviel wie: „Herzlichen Glückwunsch, sie dürfen jetzt Todesangst haben, denn sie haben keine Macht mehr, genauso wie damals als…. und damals als… und damals als… und ach weißte noch: Damals, als…“
Unter diesem Umständen komme ich mir schon ziemlich vertrauensvoll vor, wenn ich meinem Therapeuten zutraue, wenigstens zu wissen was er da tut und warum.

Schon manches Mal hatte ich den Eindruck, Menschen- egal ob sie meine Therapeuten, Betreuer oder sonstige Helfer waren, seien irgendwie persönlich betroffen, vielleicht gekränkt, wenn ich ihnen sagte, dass ich ihnen nicht vertraue. Als wäre mein Vertrauen eine Art Gütesiegel ihrer Person oder ihrer Arbeit mit mir. Dabei ist allein, die Tatsache, dass ich mich mit ihnen in Kontakt begebe und mich für eine Zusammenarbeit entschließe, schon ein Schritt den man mit „Vertrauen“ etikettieren könnte.
Ich stehe doch schon dort und erkenne all die Bildung, all die Kenntnis rückhaltlos und alternativlos an- unterwerfe mich doch bereits der Aufforderung in Behandlungs- oder Arbeitsziele als etwas Lohnenswertes zu vertrauen- obwohl ich keine vergleichende Referenz habe, weil ich noch nie anders (er)lebt habe als so auseinandermultipliziert verdissoziiert. Ich bin doch schon blind und muss mich führen lassen.

Wozu also noch Vertrauen in die Person oder in eine emotionale Beziehung?
Meine Lernerfahrung brüllt mir in den Schädel, dass es mich potenziell (und früher definitiv in Anteilen meiner Selbst) töten wird, mich oder meine (Eigen-)Macht in die Hände von anderen Menschen (oder Entitäten) zu legen. Wer also würde wirklich und zu welchem Zweck davon profitieren?
Es ist lediglich mein Gegenüber- mein Therapeut oder mein Arzt oder Helfer oder Betreuer.
Ich habe davon nur etwas, weil das Ego (oder Teile des Egos) desjenigen, der sowieso schon Macht über mich hat, gestreichelt ist und mir gegenüber entsprechend positiv eingestellt ist.
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Ich will mir aber Hilfen nicht mehr auf so eine Art erkaufen oder absichern müssen. (<—badabumms! Therapieerfolg mit Glitzer drum rum bitte schön!)
Wenn unsere letzte Therapeutin eins mit uns geschafft hat, dann das: sie hat es geschafft, dass wir uns gegenüber Therapeuten und Ärzten nicht mehr als Objekt betrachten, sondern als Subjekt- als „Mitmacherin“ nicht als „Machen lassen Müsserin“. Das ist etwas, dass uns nicht unbedingt bewahrt vor erniedrigenden Erfahrungen, aber es ermöglicht uns eine Art Selbstschutz, weil wir uns nicht mehr in dieser „Arzt-Patient-Schräglage“ sehen, als jemand der absolut und unter allen Umständen nichts mehr zu sagen, zu denken und zu empfinden hat, wie es die Umstände einen glauben lassen. Wenn wir meinen (wir warten nicht darauf, dass es sich so anfühlt, weil das nachwievor mit Verboten belastet ist), dass uns ein Arzt demütigt oder nicht gut mit uns umgeht, dann schaffen wir es inzwischen immerhin, uns einen anderen zu suchen, dem mehr an einer Zusammenarbeit (statt einer „an uns Arbeit“) gelegen ist.
Genauso wie wir uns getraut haben Kritik an dem Verlauf der Therapie aktuell zu äußern und aktiv etwas getan haben, um eine Chance auf eine Besserung zu erhalten.

Wir fangen an in unsere Macht zu vertrauen, nachdem wir lange brauchten sie überhaupt als solche wahrzunehmen.
Und -hey boa!- das ist so was Megagruseliges, an sich schon, wenn einem immer wieder und wieder genau das weggenommen und abgesprochen wurde!
Und während wir so etwas entdecken, erleben und- ja irgendwie zwischenzeitlich auch noch immer ungläubig und zögernd- bestaunen, gut finden und uns dafür selbst irgendwie ein Stück Anerkennung untereinander zukommen lassen (oder uns gerade dafür fertig machen- je nach dem), können wir persönliche Befindlichkeiten des Gegenübers nicht so befriedigen, wie wir das früher getan hätten, oder so, wie viele andere Menschen das so tun. Aber die Anerkennung und der Respekt vor der Profession ist in jedem Fall unangefochten und akzeptiert. Genauso wie wir die Macht innerhalb des Verhältnisses anerkennen und uns ihr unterwerfen, wenn es verlangt ist.

Manchmal würde ich mich schon gern dem Sein der Menschen anvertrauen, wie ich es ihren (professionellen) Eigenschaften gegenüber tue.
Aber nicht die Berufe oder die beruflichen Fähigkeiten der Menschen, haben mich verletzt, sondern die Menschen selbst.
Man kann nie wissen wie die Menschen sind, und wenn man einmal weiß, wie tief und absolut zerstörerisch sie sein können, ist Vertrauen etwas, dass es schlicht nicht mehr so einfach geben kann.

Einen richtigen Schluss finde ich für diesen Artikel nicht. Doch irgendwie kommt es mir auch nicht schlimm vor, denn ich glaube, dass ich einen ähnlichen Artikel in ein paar Jahren vielleicht erneut schreiben werde… vielleicht dann irgendwann doch davon, wie gut und hilfreich es ist, sich dem Sein eines Menschen anzuvertrauen und wie es dazu kam.
Wer weiß.

Zeit sich der eigenen Entwicklung anzuvertrauen…

erwachsenes Waisenkind

Es gibt diese Verlassenheit unter Jugendlichen in Jugendhilfeeinrichtungen. Vielleicht ist es das Waisenkindsein, das einem niemand mehr zugesteht in dem Alter.

Ich weiß noch, dass ich damals dachte, meine Eltern wollten mich nicht mehr haben. Ich wusste nicht, was uns letztlich ins erste Heim brachte.
Ja ich nenne es Heim. Ich finde viele der Einrichtungen für Jugendliche, die nicht mehr bei ihren Eltern wohnen, wollten Heim genannt werden. Und sie selbst, sollten sich als Waisen betrachten dürfen.

Warum auch immer, dachte ich, ich wäre einfach rahmenlos. Weder hier, noch dort hingehörend. Der Gedanke: “Keiner hat mich lieb, keiner will mich haben”, mündete für mich in einem bizarren Selbstverkauf.
Hier schau was ich kann- schau was ich mache- schau wie wichtig ich für dich sein kann- schau was ich leisten kann- bedien dich- nimm mich… Will mich doch bitte haben.

Vor ein paar Jahren dachte ich, es wäre vieles anders gekommen, wenn wir statt in eine473755_web_R_by_Günter Havlena_pixelio.de Einrichtung, in einer Pflegefamilie untergekommen wären.
Nun denke ich, dass wir vielleicht einfach auf einer Art Warteliste gestanden haben.

Und jetzt ein erwachsenes Waisenkind sind.
Meine Eltern leben noch. Sie werden noch sehr lange leben. Aber sie sind auch nicht mehr da.
Sie wollen mich nicht mehr. Weil ich kaputt bin.

Weil ich vielleicht zu heil werde.

Weil ich vielleicht die Warteliste geschafft habe und jetzt Eltern im Geist habe, die ein bisschen auf mich aufpassen und mir helfen. Menschen, die mich nicht geboren haben, die aber bei der Geburt von mir- uns in diesem neuen Leben dabei sind. Mich durch die Wehen meiner Selbstgeburt begleiten, mich schützen, nähren, tragen, halten…

Einfach so.
Auch ohne Blutsbande und Hilfeplan.

Opferrolle- mal wieder… diesmal mit Täterrolle und Mustern als Beilage

“Wenn du nicht aufhörst in der Vergangenheit herumzustochern, dann kannst du auch nie aus der Opferrolle raus… Weißt du, so bedient man Muster.”

Es knallte.
Innen natürlich.
Von innen kam allerdings auch eine Entgegnung, die ich hier unbedingt festtackern wollte:
“Es ist meine Vergangenheit, da kann ich soviel drin rumstochern, wie ich will.”

Ja, mein Innenleben ist manchmal schon so viele Schritte weiter als ich.
Ich lasse mir solche Sätze sagen, mich dann umfassend darüber aufklären, dass ich völlig falsch mit meinen Problemen umgehe und verbringe ein paar Tage oder Wochen damit, noch mehr als sonst meine Vergangenheit und ihre Ausläufer von mir fernzuhalten.
Also unterm Strich: Mich mir selbst mit meiner Lebensrealität vom Leib zu halten.
Um keine Muster zu bedienen.
Nicht in der Opferrolle zu verharren.

Dabei kräuseln sich sogar mir inzwischen die Innenseite der Gedärme, wenn ich den Begriff der Opferrolle so verschrägt benutzt sehe.

Nochmal für alle:

Der Begriff der Opferrolle beschreibt die Position eines Menschen in einer Situation. Nichts weiter.
X wird von Y gehauen, so ist X in diesem Moment in der Opferrolle. Punkt.

Geht X irgendwohin und sagt: “Ich kann dies nicht, ich kann das nicht, weil ich ein Opfer bin. Und ich werde das auch nie können, weil ich ja auch immer Opfer sein werde. Also: (hilf mir)- hab mich lieb- lass mir alles durchgehen- ich darf das, weil ich ja so ein dolles Opfer bin…”, kann man sagen, dass X auf einem OpferSTATUS pocht.
X verlangt eine (Sonder)Behandlung aufgrund seines Status als Opfer. Das kann gerechtfertigt sein oder auch nicht. Hat aber an sich nichts mit der Position (der Rolle) in der Gewaltsituation zu tun, sondern mit dem sozialen Miteinander und/ oder dem Leiden unter den Folgen dieser Situation.

Ich habe mich jetzt schon an ganz vielen Stellen darüber geärgert, dass kaum jemand diese Differenzierung vornimmt. Vorallem ärgert mich das bei den Menschen, die mit mir zu tun haben und mich sogar mehr oder weniger deutlich immer wieder von selbst darauf stoßen, was mir alles durch meine Gewalterfahrungen fehlt, (noch) verwehrt ist und auch tatsächlich eine Art Sonderbehandlung erforderlich macht.

Zum Beispiel mein inexistenzes Körpergefühl.
Zum Beispiel meine regelmäßigen Amnesien.
Zum Beispiel die Tatsache, dass ich meine Seinszustände als fremde Menschen wahrnehme. Zum Beispiel, dass ich eben schlicht nicht hinkomme mit 120 Stunden Psychotherapie.

Das sind alles Dinge auf die ich sehr gerne verzichten würde, denn sie bringen mich immer wieder in eine passive Position- in die Bettlerposition- in die “ausgeliefert sein”-Position. Egal, ob ich es will oder nicht. Egal, ob ich einen Opferstatus gegenüber den Menschen habe oder nicht.

Keiner, dem gerade ein Zahn unter örtlicher Betäubung bearbeitet wurde,kann einen Weitspuckwettbewerb gewinnen.
Keiner, der einen alkoholbedingten Filmriss hat, kann sich erinnern, was gewesen ist.
Keiner, der so aufgeregt ist, dass er “nicht mehr er selbst ist”, kann runterkommen, wenn ihm nichts und niemand dabei hilft.
Jeder der Hilfe braucht, braucht sie so lange bis er eben keine mehr braucht.

Ich aber “sollte besser mal nicht so darauf beharren. Weil wegen Opferrolle und so. Und ist ja eh alles schon vorbei. Das Leben muss ja weiter gehen. Das Leben ist ja nicht nur die Vergangenheit.”
Sobald ich versuche Kontrolle durch Aufklärung und Einbeziehung meiner Umgebung zu erreichen, mache ich mich angreifbar. Sobald ich jemandem sage, dass ich ein Opfer von Gewalt wurde und bis heute unter den Folgen leide und deshalb manche Dinge schlicht (noch) nicht kann, begebe ich mich auf eine Schneide.

Es kann sein, dass ich genau richtig behandelt und unterstützt werde- es kann aber genau so sein, dass ich zu hören bekomme: “Nu is aber Schluss- also ne- man kann es sich auch gemütlich machen in der Opferrolle”, weil mein Gegenüber- warum auch immer- gerade keine Kraft, Lust, Zeit, dafür hat, mich zu sehen und mir meine Probleme schlicht zuzugestehen.
Oder, weil es für denjenigen schlicht nicht aushaltbar ist, zu sehen, wie ich mich immer und immer wieder an den selben Dingen aufhänge und (noch) keine Veränderung schaffe.

Ich frage mich,  wo ist da das Problem genau das zu kommunizieren, statt mir unterzuschieben, ich könnte, wenn ich nur genug wollte? Mir also zu suggerieren, dass ich in jedem Fall, die Probleme die mich lähmen, auch ohne Hilfe angehen könnte.

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Und schon sind wir bei Mustern.
Ich habe den Eindruck in eine Rolle gedrückt zu werden, wenn mir jemand sagt, dass ich “es ja nun auch endlich gut sein lassen kann”. Nämlich in die Rolle des ewigen Störenfrieds oder der des sich widerrechtlich etwas Aneignenden oder des Menschen, der egozentrisch ist und einen Status ausnutzt, um beachtet oder geliebt zu werden.
Ganz ehrlich- jeder Status eignet sich dazu- nur nicht der des Opfers.
Als Opfer ist man immer klein, immer ausgeliefert und machtlos.

Und nur einem Opfer kann man solche Dinge überhaupt unterstellen. Das ist etwas, das gesellschaftlich breit akzeptiert und immer wieder untermauert wird. Unhinterfragt patriarchial gestützt.

Entsprechend kam ich später zu dem Schluss, dass ich in dem Moment, als mir dieser (ansonsten sehr liebe) Mensch diesen Satz sagte, in eine Täterrolle, begründet von meinem Opferstatus, gedrückt wurde.

Von seinem Muster nämlich:
“Zu schwer- zu schlimm- zu schmerzhaft” *flupp Vermeidungsblase zu*
“Schnell vermitteln: “Sie soll aufhören mir weh zu tun”- ich kann das nicht aushalten. Sie ist so eine Böse, wenn sie das macht- wenn sie mir das antut”.

Das stimmt auch. Ich sollte Rücksicht nehmen, so wie ich das von anderen Menschen verlange.
Und da ist ein Punkt, den ich mir annehme und den Satz aus dem Innen abändere:

“Es ist meine Vergangenheit, da kann ich soviel drin rum stochern wie ich will. – Aber ja: ich kann aufhören, das in deiner Gegenwart zu tun (bzw. versuchen dich von meinen Folgeproblemen fernzuhalten), wenn du mir sagst- oder ich den Eindruck habe, dass es dich verletzt oder nicht gut fühlen lässt.”

Die Folge ist dann aber auch, dass ich nicht mehr ganz da bin und etwas unsichtbar zu machen helfe.

Es ist ein Kritikpunkt von vielen Menschen, dass viele Menschen, die einmal zum Opfer von Gewalt wurden, diesen Umstand in ihr Selbstkonzept einbinden.
Applaus und Unterstützung bekommt, wer dies verleugnet und so tut, als wäre dieser Punkt  nichts weiter. Wenn man stark voran schreitet und dem Vergangenen ins Gesicht lacht. Oder dies zumindest will.

Doch ich merke inzwischen immer mehr, dass das etwas ist, dass kein Opfer für sich selbst tut.
Man gilt als schwach und als Täter [nämlich als diejenige, die böse böse böse (Schadenersatz- Verhaltensmodulations- Hilfs) Ansprüche stellt und damit die Menschen mit schmerzhaften Tatsachen konfrontiert, ohne dass sie sich wehren können (angeblich- denn ne- eigentlich wehren sie sich ja ganz gut!)] gleichzeitig, wenn man sein “Zum- Opfer- geworden- sein” öffentlich macht.

Es wird nicht angenohmmen, wie sehr man sich durch diese Öffentlichkeit ausliefert. Sich eigentlich schon wieder in eine Position begibt, die sehr viel leichter in eine Opferrolle kippen kann, als in eine tatsächliche Täterrolle.
Es wird nur angenohmmen, dass man, eventuell vielleicht, anderen unbetroffenen Menschen damit “schadet”, weil man sie (auch) konfrontiert.

Und das ist doch eigentlich pervers, oder? Seit wann und in welchen Kontexten genau ist es schädlich damit konfrontiert zu werden, dass Menschen mit Gewalterfahrungen, ihr Leben lang unter den Folgen leiden könnten? Teile ihres Selbstes immer Opfer sein könnten. Immer leiden könnten.

Eigentlich doch immer nur in den Kontexten, in denen die Vermeidungsblase derer verletzt werden könnte, die keine Verantwortung für die Umstände übernehmen wollen und auch nichts verändern wollen.
Sei es direkt oder indirekt.
Und sei es nur in dem Bezug, den betroffenen Menschen einfach nur zuzugestehen, dass es so ist, wie es ist, weil es eben so ist- und nicht weil man einen sozialen oder wirtschaftlich bereichernden Vorteil daraus zu ziehen versucht.

Wenn mir mein Opfersein soviele Vorteile verschaffen würde, wie ständig unterstellt, dann hätte ich keinen Grund selbiges als Grundlage für meine Kämpfe um Hilfen und Ausgleich zu verwenden. Ich bekäme sie einfach, könnte heilen (oder zumindest den entstandenen Schaden ausgleichen) und in das Leben “der Anderen” hineinwachsen…

Nacht

01:00 Uhr Eigentlich, das weiß ich, ist es dumm jetzt ins Bett zu gehen.381421_web_R_K_by_Viktor Petrow_pixelio.de
Es gab Nahrung, das Innen brodelt und raunt mir etwas an den Rand meiner Hörperipherie.

Und doch ist es, als wäre der Körper übermüdet von den Kämpfen. Wie ein gefallener Krieger, dankbar ob der Ohnmacht, rauscht er in einen Schlaf.

03:34 Uhr Sie schreckt auf, den Schweiß auf der Haut, wie im Hochsommer. Da ist die Angst, die abgrundtiefe Angst erwischt zu werden. Fast spüre ich es selbst, doch mehr sehe ich es, wie sich die feinen Härchen aus den Poren schieben und alle Nässe an ihnen herunterperlen lässt.

Mein Gesang erreicht es nicht. Dieses Kleine erfährt keinen Trost durch meine Stimme, meine Nähe, meine Versicherung, dass ihm nie wieder jemand Leid zufügen wird.
Zum ersten Mal bin ich diejenige auf der anderen Seite.

Ich schwebe innen und außen, umkreise und sehe es. Und doch kann ich es nicht auf meinen Rücken nehmen. Es ist, als sei es unter einem faradayschem Käfig gefangen.

Es müht sich ab, kriecht vom Bett herunter, um darunter Schutz zu suchen. Atmet. Hat die Augen weit auf. Überlebt. Gibt keinen Laut von sich.
Ich kann hören, dass es Schritte hört. Sie kommen von innen, gehören ihm.
Dem Grauen.

Ich werde Zeugin.
Zeugin, wie ich immer schon die immerwährende Zeugin bin.

Die Gewalt lässt mich erstarren, mein Gefühl der Zeit schwanken. Ist nun heutejetzt oder damalsgestern?

Ich sehe erneut wie es gebrochen zurückbleibt, erneut den Schutz der Enge sucht. Nun wimmernd, fiepend, hochfrequent jaulend und doch stumm. Sein Schmerz muss unsäglich sein.

Nach einer Weile hören wir das Klicken von NakNak*s Krallen auf dem Laminat. Sie nähert sich, geht ums Bett herum, schiebt ihre Nase darunter. Ich glaube sie spürt, dass jetzt kein Augenblick für Nähe ist, denn sie bleibt außerhalb dieser Höhle. Legt sich aber doch davor, betont desinteressiert, aber achtsam.

Es vergeht Zeit. Der Atem geht langsamer. Das Kleine hat es geschafft.
Sein Fell verändert sich, wird borstiger und dunkler. Dieses andere Kleine kriecht an NakNak* heran und vergräbt seine Nase im Fellwirbel an ihrem Bauch.

Sie beruhigen einander. Geben keinen Laut von sich, sprechen auf einer Ebene, die in sich geschlossen ist.
Ich kreise weiter, versuche sachte Kontakt aufzunehmen und bin doch selbst zu erschreckt.

Die Sonne geht auf und mit jeder Minute die mehr Licht bringt, verschwindet das Fell. Der übermächtige Schmerz flacht ab, verdünnt sich zum normalen Grundgefühl. NakNak* scheint zu spüren, dass sie nun albern sein kann. Ihr Fang wird rund, das Gesicht welpig. Es ist eine spielerische Mutation die nun losgeht.

Ich bin froh, sie wieder zu fühlen. Meine kleine mutige Starke. Sie schüttelt sich den Rest des Leidens vom Sein und macht Quatsch mit unserer Hündin.

Es ist 07:32 Uhr.
Und mir ist plötzlich klar, warum wir Schlaf gegen Nahrung tauschen müssen.

Der Schmerz ist schlicht schlimmer.

von dem Wunsch ein Chamäleon zu sein

“Ich mag so gern ein Chamäleon sein. Dann säh ich immer gleich unter Gleichen aus und 133375_web_R_by_Elsa_pixelio.denichts an mir ist falsch, ungenügend, zu viel…”
– ”Aber…”, ich beuge mich herab, lasse sie mich spüren, “mein Herz, du wärst trotzdem noch immer ein Chamäleon.”

Sie tritt einen Schritt von der inneren Klippe zurück, lehnt sich enger an meinen Flügel.
”Aber ich könnte ein bisschen mehr so sein, wie sie mich wollen.”
– “Vielleicht, ja. Und dann wollen sie dich. Weil du dann aussiehst, wie das was sie sich vielleicht wünschen. Aber schau, du und wir alle tun schon fast immer, was sich die Menschen wünschen, weißt du?”

Sie schaut mich an, fährt mit den Fingern über die Linien meines Federkleides.
“Hm.. ein bisschen denke ich das manchmal, ja.”
– “Wir sind gut darin herauszufinden, was andere Menschen wollen und wenn wir das wissen, dann ist immer da, wer es am Besten geben kann. Nicht wahr?”

Ich fühle wie sie sich an meine Seite hockt, den Kopf auf den Knien, den Rücken an mich gedrückt.

“Ja, eigentlich sind wir schon immer wie ein Chamäleon, richtig?”
– “Ja. Ich finde schon.”

Da kommt er vorbei. Seine wilden Locken in alle Richtungen stehend, der Trotz trieft aus allen seinen Poren. “Er ist ziemlich breitschultrig”, denke ich schon wieder, als ich sehe, wieviele kleine Herzen er auf ihnen trägt.
”Ich find- N. hat Recht. Ist voll krass, wie wir uns immer voll alles rausreißen, damit uns welche draussen was so wie ne Audienz erlauben oder so halt- dass die uns helfen oder einfach nur nett zu uns sind und uns keine reinhaun. Das is so als wärs voll unsere Schuld alles. Dabei könn wir ja jawohl nich immer für alles Schuld sein, ne?”.

Er schaut mich an, wartet auf mein bestätigendes Nicken. Als ich es tue, nickt er bekräftigend und fährt fort: “Eigentlich, ne- die ganze Zeit haben wir uns so als ganze Eine… halt so als Einsmensch, immer voll verstückelt und warn voll nie ganz so wie man halt so ist. So ne- guck ma H. zum Beispiel- die is nich immer nur voll krass so mutig oder so. Die heult auch ma und so. Und wir? Voll krass ey- du kannst nich mal heuln, weil dus halt gar nich kannst. Das wurd irgendwann ma abgeschafft, weil das aussen einer nich wollte. HALLO?! Wie abartig is das bitte?! Das is doch irgendwie so krank wie Chihuahuahs zu züchten die in ne Teetasse passen, weils noch süßer is für so Tussis, die sich nich ma Mühe machen zu denken, wies dem Vieh dann geht, wenns so mini is!”

Er spuckt den Abgrund runter und schaut uns an.
”Ihr habt gesagt, dass die Seelenfrau weiß wie das is mit Viele-Leuten.”
Wir nicken stumm.
”Na also- vielleicht sagt sie ja auch einfach nich was sie von uns will, weil sie welche alle von uns ma wissen will? Vielleicht is sie ja sowas wie so ne komische Einfach- mal- drauf- zu- Seele oder so. Wenn sie gecheckt hat was Viele- Sein is, dann weiß die doch ehwieso, dass welche immer so machen was sie will. Aber wir gehn doch dahin damit wir machen was wir alle so wollen. Also naja- so mit erstmal merken was wir eigentlich wollen und so und dann bereden und dann eben auch machen. Wär doch voll Affenscheiß wenn wir dann immer nur machen was sie will.”

“Ja vielleicht! Du sagst vielleicht! Und aber was ist, wenn es nicht so ist?”

Über uns knallen die Ahnungsdonner und unter uns zittert der Boden. Wir verstummen.
Unter diesen Schreien, die aus den kleinen Herzen auf meinem Rücken kommen, kann man, selbst wenn man selbst zum Schrei würde, einander nicht mehr hören.

Die beiden krabbeln unter meine Flügel, während ich versuche eine schlimme Gegenwart, als sichere Gegenwart darzustellen und zwischen meine Federn zu bringen.

Vor den Horden die das Vielleicht noch ausschmücken und uns Beweise für ihr Wissen vorhalten wollen, gibt es leider keinen Schutz.
Noch nicht.

Die Erde über die sie stampfen ist bereits ausgedörrt und rissig.
Es ist lediglich eine Frage der Zeit, wann es zu Spalten kommt.

Die Sache mit der Integration

Weißt du  noch vor ein paar Jahren?

Da brannte unsere Welt, doch gewusst haben wir es nicht. Es waren Zeiten wie Wirbel.
Abgehackt, stockend, blubbernd. Mal hier etwas, mal da etwas. Doch nichts davon wirklich fest.
Keine Muster, keine Struktur.
Keine Sicherheiten.

Nie gab es “von Anfang bis Ende” – es gab nur “von Neuem”.

Dann kam der Gedanke. Es war nicht meiner. Doch er war da. Ganz klar und fest.
“Er wird mich beim nächsten Mal umbringen. Ich muss weg. Sachen zum Wechseln, etwas zu Essen, Geld. Rucksack. Hinter der Tür abstellen.”

Ein paar Monate später habe ich dich gespürt. Es war ein Wirbelmoment, doch er war anders. Ich dachte, sie wurde mich schlagen wollen, wie er es tat. Aber sie lächelte nur und streichelte meinen Arm und sagte, sie würde mir nichts tun.
Ich spürte dein Zittern, deinen angehaltenen Atem und den Impuls die Faust zu heben.
Dachte, ich hätte einen Teufel in meinem Körper wohnen.

Dann das Leben in den Heimen und Stationen. Der raue Ton, der lieblose Umgang, die ganze Kälte, die Drogen und doch aus allen Ecken und Winkeln diese Bedürftigkeit aller. Ich spürte dich, immer wenn ich Angst bekam, jemand würde seine Hand auf mich niedersausen lassen. Einmal habe ich dich an mir vorbeirasen sehen. Ich dachte, vielleicht seihst du doch kein Teufel, sondern ein Schutzgeist.

Ich schrieb dir Briefe in mein Tagebuch und deine Antworten erschienen mir logisch. Obwohl ich wusste, das Geister keine Dinge anfassen können.

Dann gab es diese Zeit in der die Welt nicht brannte und jemand sagte, dass du ein kein Geist bist, sondern ein Teil von mir. Ein 18 jähriger Anarchistenjunge in meinem 16 jährigen Mädchenkörper. Uff!
Ich war verwirrt und gleichzeitig aber dachte ich auch, dass es egal ist. Du warst mein Beschützergeist und das änderte sich nicht mit dem Wissen.
Ich konnte dich immer deutlicher wahrnehmen, manchmal konnte ich sogar schon ganz nah bei dir stehen, wenn du “vorsichtshalber mal da warst”. Einmal war sogar gar keine Gefahr und ich konnte dein Sein ganz deutlich an mir spüren.

Wir beide haben tapfer gekämpft, als es wieder um unser aller Leben und Zukunft ging. Doch war es in jener Zeit unmöglich einander weiter so nah zu sein. Du musstest mich ständig verlassen, um uns zu schützen, konntest gar nicht mehr zu unserem Ich-Du-Sein zurückkehren.
Doch wir siegten und konnten einander wieder die Hand reichen.

Ich lies sie nicht mehr los. 453633_web_R_K_by_Dieter Schütz_pixelio.de
Meine Haut wurde zu deiner Haut.
Meine Gedanken vermischten sich mit deinen Gedanken.
Unsere Wünsche und Erinnerungen gesellten sich nebeneinander und griffen ineinander.
Unsere Stimme wurde vom Duett zum Solo.
Niemand konnte uns mehr unterscheiden.
Sogar deine Männlichkeit wurde zum normalen Seelenton.
Es war, als wäre es nie anders gewesen.
Als wären wir schon immer Ich gewesen.

Eine M. vereint mit einem A. , der sich an einem Morgen sah und wusste, dass er nun eigentlich Ma. ist. Ein Ma. der nachwievor ein Schutzgeist ist, doch neben seinen Fäusten, auch den Kopf seiner inneren M.- Seite benutzen kann, ohne eine Amnesie zu erleben oder in Gefahr zu sein.

Nichts ging verloren.
Es ist nur verwachsen, was verwachsen konnte.

Aus zwei kleinen Spiegeln, wurde eine glatte Fläche.
Niemals haben wir das in der Therapie besprechen müssen. Es ist einfach passiert, weil wir die Möglichkeit hatten, einander in aller Ruhe und Sicherheit zu erspüren und zu erfassen.
Unsere Gemeinsamkeit zu zeugen.

Es ist einfach so passiert.
Die Sache mit der Integration.

ein paar Fragen an mich, als “multiple Persönlichkeit”

Es ist mir eine Freude etwas hier wiedergeben zu dürfen.
Dies ist ein (leicht bearbeiteter) Mitschnitt von einem Austausch mit einer Leserin dieses Blogs. Ich werde sie im Folgenden “Martha” nennen.

Es begann damit, dass wir den Sendungsausschnitt von Frau TV, in dem die multiple Frau Liza von sich erzählt, gemeinsam anschauten.
Für alle, die ihn noch nicht kennen: hier kann man ihn sich ansehen.

C. Rosenblatt: Ich finde den Begriff „Persönlichkeiten“ immer so irreführend … das werd ich irgendwie auch mal noch aufnehmen im Blog
Martha: Oh, ich würde gern wissen warum ?
C. Rosenblatt: Weil die Innens keine Persönlichkeiten an sich sind. Also bei keinem Multiplen. Also klar- jetzt halt die Frage „Was ist Persönlichkeit?“ Es ist ja so, dass jeder Mensch irgendwie Abneigungen, Vorlieben, Begabungen und seine „Macken“ hat-  sein Sein halt einfach
Martha: Ja.14519_web_R_by_danii_pixelio.de
C. Rosenblatt: Okay. Nehmen wir mal eine Discokugel. Wenn man sie sich genau anguckt besteht sie aus vielen Spiegeln. Das coole Glitzern kommt von den Lichtstrahlen, die jeweils einzeln reflektiert werden. Bei nicht multiplen Menschen könnte man sagen- da gibts keine kleinen einzelnen Spiegel, sondern so ineinander fließende Dellen, Beulen und Huckel- manchmal auch Risse. Wenn eine Lampe draufleuchtet, wird nicht die ganze Kugel jeweils zurückreflektieren, aber auch nicht nur ein minikleiner Teil davon
Martha: Ja.
C. Rosenblatt: Bei Multiplen ist es so, dass eine Lampe auf so eine aus vielen Spiegelteilen (die jeweils voneinander getrennt sind) leuchtet und nur diese reflektiert. Das heißt, es ist ein Anteil der Gesamtpersönlichkeit der dort wie autark aussieht- es aber nicht ist.
Martha: Wow. Gut erklärt. Schreib das. Das ist wirklich nachvollziehbar- ich mein das ernst
C. Rosenblatt: Okay wow
Martha: Ich bin ja nun eine dellige beulige Huckelkugel und ich versteh’s
C. Rosenblatt (ein in sich freudig hopsendes Innen spürend): ^^
Martha: Und es macht auch Sinn…weil bei mir an manchen Stellen def. große Risse sind. Da wo der böse Mann war. Ja. Nein du zuerst
C. Rosenblatt: Hm- ich wollte nur einwerfen: Ja und da, wo so ein Splitter ist, da so am Riss- da würdest du ja auch nicht von dir sagen, dass das eine andere Persönlichkeit ist. Da fehlen einfach so ganz viele Aspekte, an denen man gemeinhin „Persönlichkeit“ festmacht.

Das ist zum Beispiel auch ein Punkt, der die Therapie und die Kommunikation so schwer macht. Es ist schwer für Menschen ohne DIS die Flachheit seines Gegenübers zu erfassen. Also wenn ich etwas sage, dann meine ich auch nur genau das- ohne große Emotion oder Intension. Manche Menschen sagen mir aber trotzdem, nachdem ich ihnen etwas erklärt habe, dies sei eine tolle Begabung oder ich wäre ja so lieb, ihnen das zu sagen. Ich bin aber weder lieb, noch begabt. Ich gebe einfach eine Information weiter.
Dass mir eine Dimension fehlt im Erleben, ist mit so ein Knackpunkt an der DIS. Und deshalb mag ich auch den Blog so. Es ist ein flaches Medium- ich wirke „dicker- globaler“ als ich bin und komme so leichter in Kontakt.
Ich bin jetzt fertig 🙂

Martha: Ok, da würde ich gern einhaken hehehe
C. Rosenblatt: Okay
Martha:  Also: wenn zum Beispiel Leute dir sagen, du wärst so lieb ja…dann gibt /gab es ja eine Interaktion und das ist einmal die Dimension der Person, die dich als lieb interpretiert und deine.
Erstmal hat natürlich eine andere Person das Recht auf ihre jeweiligen Gefühle und Eindrücke…es kann also schlicht bedeuten…du warst lieb zu mir, das hat sich wohlig angefühlt, stimmig…dieses Gefühl gehört dann der Person…unabhängig davon, ob du diese Intention dabei hattest oder eben nicht, wie du sagst.
Dann bist da du. Du hast dieses Gefühl eben nicht in dem Moment, sondern warst schlicht ganz und gar Informationsträger und Weiterleiter…hab ich das soweit richtig verstanden ?
C. Rosenblatt: Ich habe diese Gefühle nie. Sie sind schlicht nicht in mir drin. Also das ist so… hm… wie eine kartographierte Discokugel- ich bin ein kleiner Spiegel der ganz weit weg und durch viele Barrieren von dem Bereich der Gefühle getrennt ist. Aber zum Beispiel ein anderes Innen „sitzt“ vielleicht direkt in mitten dieses Gefühlsbereichs und kann ausschließlich diese Gefühle reflektieren- aber nicht das wo ich draufsitze (Ratio) Dieses Innen kann (eigentlich fast ausschließlich) lieben und mögen- aber nicht sehen, ob das schlau ist
Martha: Ja. So habe ich das auch verstanden. Als Abgetrennt-Sein.

Stehst du dann mit dem jeweiligen Innen (um beim Beispiel zu bleiben hier mit jenem, das gerade liebt und mögt) im Kontakt oder kannst zumindest versuchen, Kontakt herzustellen und ist das von Fall zu Fall verschieden ?
C. Rosenblatt: In der Regel haben wir keinen Kontakt. Aber zum Beispiel werden die Aussenpersonen manchmal zu sowas wie einer dieser „Ums Eck“-Spiegel. Zum Beispiel in der Therapie die Therapeutin oder Gemögte im Alltag, die viel mit uns zu tun haben.Zum Beispiel hm.. ich erkläre gerade etwas und das Gegenüber sagt oder fragt oder macht etwas, das ein bisschen Licht über die ganzen Sperren bringt und das andere Innen auch anleuchtet. Dann nimmt die Aussenperson manchmal etwas wahr und meldet es mir zurück (z.B. Du weinst ja- bist du traurig?)
Ich kann dann versuchen nachzuvollziehen, was wohin geleuchtet hat und so dann sehen: Aha es kommt von Innen XY. Und manchmal ist es auch so, dass ich etwas merke- aber das Gegenüber nicht. Dann sage ich: Oh, ich merke, da kommt gerade ein Herzklopfen und ein Zittergefühl in den Muskeln (oder: Ich merke da ein Innen, “hinter mir”) und das Gegenüber kann mir helfen, indem es mir hilft einzuordnen was das ist (z.B. Angst) und mit mir reinleuchten, wo es her kommt
Martha: Verstehe.

Weißt du eigentlich wie viele Innens und bämms (sind das eigentlich auch Innens, spezielle Innens?) du hast ? Falls nicht, ist es wichtig rauszufinden wieviele es gibt?
C. Rosenblatt: Also die BÄÄÄMs sind Täterintrojekte und täterloyale Innens. Eigentlich sind sie Innens wie wir alle. Aber dadurch, dass sie so bedrohlich empfunden werden und (also die Introjekte) ganz genau den Tätern nachgebildet sind, bilden sie eine eigene Gruppe für sich. Wir sind heute nur  noch XYZ Innens (als “ganze Innens”), und hm, zu wissen wieviele es gibt, ist eigentlich (ganz streng genommen) irrelevant. Wichtig ist nur zu wissen, wer bzw. was alles da ist. Das ist zumindest unsere Erfahrung. Es gibt ja noch ganz viele Zwischenstufen auf dem Weg zu Heilung. Da werden aus einzelnen klar umrissenen Innens irgendwann einfach so „Huckel und Dellen“ und so. Wenn man dann immer so eine Zahl im Hinterkopf hat, stelle ich mir das kontraindiziert vor.  Es schürt eine Angst zu sterben oder zu verschwinden
Martha:  Ja, das ist nachvollziehbar.

Liza hat ja gesagt, sie händele all das wie eine innere WG. Hast du auch so ein Bild  oder passt das nicht für dich?
C. Rosenblatt: Das passt nicht für uns. Wir haben mal für die Therapeutin ein Bild gestaltet in dem wir den „Ecken“ innen so symbolisch gezeichnet haben. (Also die BÄÄÄMs wohnen zum Beispiel in einem furchteinflößendem Gebäude mit Wassergraben und hohen Mauern das dauernd brennt, der Schwan wohnt in einer besonders sicheren, warmen Umgebung, manche Prä-Teenie-Innenkinder in so einer Höhle… ) Wir sagen einfach immer „das Innen“ und benutzen Metaphern für die „Umgebung“/“die Gefühle“ um die jeweiligen Innens herum. Früher haben wir auch mal diese „Hausgemeinschafts-Metapher“ verwendet, doch sie passt nicht, weil manches einfach zu sehr auf der Metaebene ist. Da geht das Bild zu schnell dran kaputt.

Martha: Du sagst, ihr habt keinen Kontakt zueinander…wie kommuniziert ihr ? Geht das dann immer nur mit einer spiegelnden Außenperson ?
C. Rosenblatt: Nicht nur. Es ist am Effizientesten (da mehrere Ebenen „bedient“ werden), aber wir schreiben eigentlich ständig etwas auf, was gerade aufwallt oder irgendwie wichtig erscheint. (Zettelwirtschaft Aaaah!) Und so ist dann das Papier ein bisschen Außenspiegel. Und manche Innens haben auch so Kontakt- manchmal sind die nicht so stark von einander getrennt oder- so wie der Schwan ein Innen ist, das „auf der Spitze sitzt“ und über viele Trennungen hinweg schauen kann und so Kontakt machen kann.
Martha:  Ja, Zettel hatte ich irgendwie auch im Kopf…alles aufschreiben…macht Sinn.
C. Rosenblatt: Das ist ein bisschen immer so wie bei Rasenlatscherei- je öfter man über die Grenzen hinweg geht, desto weniger Grün wächst dazwischen und desto mehr Austausch geht dann. Das ist dann eben so etwas Gedanken-impulsiges.

Diese Sache mit dem “alles aufschreiben” Das wird meiner Meinung nach, auch oft vernachlässigt in Büchern. Also das wird zum Beispiel in „Aufschrei“ von Truddi Chase erwähnt- zu Anfang- aber dann nie wieder. Wir hatten früher extrem viele Listen und wehe eine war weg- Hölle!
Inzwischen gibt es nur noch ein-zwei- wenn es uns schlecht geht , vielleicht drei, die so nebeneinander her laufen und aber alle nicht mehr stark voneinander abweichen. Aber wir brauchen sie nachwievor wie die Fische zum Leben. Sonst gibt es Chaos.

Martha: Gibt es das längerfristige Ziel die Innens langsam zu Huckeln und Dellen zu machen, oder ist es so, wie es jetzt ist schon gut lebbar? Wenn meine Freundin zum Beispiel sagt, dass sie durch ein Außen (SPIEGEL) drauf gebracht wurde, dass ein BÄMM besonders dominant auftritt gerade…welche Möglichkeiten hat sie jetzt?
C.  Rosenblatt: Also wir haben dieses Ziel definitiv. Unser „System“ war mal fast doppelt so groß wie jetzt- du kannst dir nicht vorstellen wie verstümmelt man existiert. Bzw. wie krass einem die Verstümmelung bewusst wird, je näher man aneinanderrückt. Wir empfinden es als sehr bereichernd- wenn auch beängstigend diese Trennungen weg zu haben. Aber nicht alle Multiple haben das als Ziel.
Manche wollen und brauchen- gerade wenn sie noch Gewalt ausgesetzt sind, oder eine Familie versorgen müssen oder einen Beruf haben der extrem belastend ist (Arzt, Pädagoge,Lehrer…) auch unbedingt noch diese Trennung. Bei denen gibt es den Wunsch nach einem Funktionsmodus und einem Ende der akuten PTBS (die meistens irgendwie am Anfang der Diagnose steht) und wollen dann einfach „funktionieren“ ohne zu leiden. Das ist zumindest etwas, das ich so mitbekommen habe. Ob das ein Zustand ist, der lange hält weiß ich natürlich nicht.

Die Frage mit den Möglichkeiten nach dem dominanten Auftreten des BÄÄÄMs habe ich jetzt nicht so ganz erfasst, glaube ich. Kannst du die Frage bitte anders formulieren?
Martha: Das bezog sich jetzt explizit auf die Situation meiner Freundin…dass da ein Anteil aufgetaucht ist, der an ein Familienmitglied erinnert (also ein BÄÄÄM)…dieser ist nur in ihr Bewusstsein gelangt, weil eine außenstehende Person sie darauf angesprochen hat. Sie hatte vor allem eins: Erinnerungslücken…ihr hat das große Angst gemacht als sie darauf aufmerksam gemacht wurde…welche Möglichkeiten hat sie jetzt aus deiner Sicht damit einen konstruktiven Umgang zu finden ?215236_web_R_K_B_by_S. Hofschlaeger_pixelio.de
C. Rosenblatt: Also jemand schrieb ja neulich schon, ein bisschen „ran zutasten“. Also zu schauen, was genau dieses Innen- oder auch BÄÄÄM das kann ja nur deine Freundin wissen, wo sie dieses Innen einsortieren würde (- nach der Reaktion darauf, denke ich aber, dass es sich um ein Täterintrojekt und damit also ein „BÄÄÄM“ handelt), anleuchten zu lassen oder selbst anzuleuchten.
Nun weiß ich aber nicht wie weit sie schon ist. So wie das klingt, wusste sie noch nichts von diesem Innen und muss sich jetzt erstmal ganz viel darüber erschrecken und schlimm fühlen. Und dann akzeptieren dass es da ist, dann rausfinden, warum es gerade in dieser Situation auftauchte… und bei all dem werden sie und ihre Innens die Mauer dazwischen etwas niedergetreten und können dann einen Umgang mit diesem Innen absprechen. Und wenn das alles respektvoll und im richtigen Maß abläuft, wird das auch klappen.
Jedes Innen, das auftaucht kommt, weil es gebraucht wird. Weil seine Präsenz bzw. die an es gebundenen Handlungsmuster wichtig und sinnig zum Erhalt des Schutzes ist.
Martha: Ja. Das kenne ich ja auch. Das ist grundsätzlich etwas, was alle Menschen entwickeln die von Traumata betroffen sind. Muster. Automatismen. Persönlichkeitsanteile, die die Regie übernehmen. Gewünscht ist eine Kompensation, die das Erleben aushaltbar macht. Die in diesen Moment(en) Sinn mach(t)e und später, wenn die akute Not vorüber ist hinderlich/einschränkend/u.Ä. ist auf irgendeine Art, wenn auch erstmal oft unbewusst weil verdrängt. Ich fand zudem auch einen wichtigen Aspekt in dem Beitrag über Liza, dass all das nur eine gesunde Reaktion darstellt die das Überleben sichert..auf das eigentlich Kranke, das der/die Täter verübt/en…

Hast du manchmal Angst, dass du auch übergriffig sein könntest, irgendwann irgendwo bei irgendwem ? Ich habe diese Angst manchmal…
C. Rosenblatt: Ja.
Obwohl ich inzwischen ziemlich genau spüre, dass es nicht dazu kommen wird, weil es in uns als Gesamtperson (so wie ich sie gerade erahne oder besser gesagt so durch die Rückmeldungen von Außen zusammenstückle) weder eine Neigung zu Sadismus noch zu einer allgemeinen Befriedigung durch Macht über andere Menschen (oder auch Tiere) gibt. Selbst die Täterintrojekte und jene die angeblich bereitwillig anderen Menschen geschadet haben, taten dies, weil sie es mussten- nicht von sich aus.
Das ist zum Beispiel etwas in dem Aspekt der Dimensionalität wichtig ist. Es kann sein, dass ein BÄÄÄM zum Beispiel in einer Situation in dem es von Außen erneut gezwungen wird (oder sich gezwungen fühlt und es keine andere Möglichkeit für das Gesamtsystem gibt, anders zu handeln) etwas zu tun, ganz genauso handelt wie früher und übergriffig wird. Aber sobald auch nur ein einziger Aspekt  deutlich anders ist als früher (und dieses BÄÄÄM in der Lage ist sich zu orientieren in der Zeit), wird es nicht zu dieser Handlung kommen. Das Muster bezieht sich in der Regel auf genau eine bestimmte Art Emotion(s-Befindlichkeitenmischung), Aussensituation und/oder Anspruch von Außen und wird dann quasi abgespult. Fehlt etwas davon oder ist einfach anders eingefärbt, kommt es zwar zu einem „Triggergefühl“ der ordentlich Schlimmes mit sich bringt, aber switcht dann eher zu einem Innen das mit einer Situationsumgebung wie der sich bietenden assoziiert ist.
Also als Beispiel, mussten wir mal im Biounterricht ein Tier sezieren. An sich ist das etwas, dass jemand schon mal machen musste. Dieses Innen stand auch extrem nah „vorn“ kam aber nicht heraus, weil die Grundsituation (Schule, anderes Sozialgefüge, anderes Grundgefühl, Zwang- aber doch Handlungsalternative…) eine andere war. Das Ergebnis war ein „Ahnungsdonner“ für die Person die gerade in der Schule stand und es gab einen Switch zu einem anderen Innen, das weiter entfernt von sowohl dem „Schul- Innen“ als auch dem „Sezier-kundigen- Innen“ war und weder Gespür für die beiden Innens noch Erinnerung an irgendwas von dem hatte, was gewesen ist,
So in etwa verlaufen inzwischen fast alle Situationen die uns in eine real bedrohliche Situation führen könnten. Es ist noch nie passiert, dass ein BÄÄÄM jemanden tatsächlich aus Spaß oder aus eigenem Antrieb verletzte, wie die Täter früher.
Was nicht heißt, dass es keine aggressiven Innens gibt, die sich auch körperlich wehren bzw. verteidigen- aber da stehen andere Sachen hinter.

Hier endet der Teil des Austauschs, den wir gern mit unseren LeserInnen und BesucherInnen teilen. Vielleicht war die eine oder andere Frage ja auch für meine anderen nicht selbst von DIS betroffenen LeserInnen interessant.

Wie immer wird hier kein Anspruch auf Ausschließlichkeit und das Zutreffen der dargestellten Abläufe und Gegebenheiten bei allen Menschen mit DIS erhoben.
Ich weise außerdem darauf hin, dass es sich hier um einen Mitschnitt unter Betroffenen handelt- nicht um einen Austausch unter professionell mit dem Thema arbeitenden Menschen.
Weiterhin geht es hier nicht um die subjektive Wahrnehmung meines Innenlebens sondern um eine annähernde Darstellung der Struktur des Selbigen.

von der Psychiatrie und der unbezahlbaren Hilfe

Ein Artikel über die Psychiatrie.
Als Aperitif gibts ein Horrorfoto.
Thema: Legalisierung von Zwangsbehandlung im Hauptgang.
Definitions-Allmacht von (überarbeiteten, im Verhältnis zur Arbeitszeit unterbezahlten, eher einseitig fortgebildeten) Ärzten zum nur hauchzarten (kaum erwähnenswerten) Dessert.

In meinem Kopf rattert sie Uhr tornadoardoartig rückwärts.
2001- 14 Jahre alt.
Gerettet aus einem Gefängnis- entkommen aus einer versteckt gespaltenen Welt
Erneut eingesperrt in ein Gefängnis und in eine ganz offen gespaltene Welt.

Weil es keine Alternative gibt.
Weil mir dort geholfen werden kann, wie sonst nirgends.
Weil ich dort verstanden werde.
Weil es mir dort besser geht.

Niemals war auch nur ein Mensch so ehrlich zu uns zu sagen, dass sie schlicht hilflos waren. Weil es keine andere Möglichkeit des Schutzes gibt. Dass wir diese Internierung aushalten mussten, weil die Menschen uns nicht aushalten konnten oder wollten. Weil sie unsere Geschichte nicht aushalten konnten oder wollten. Weil sie die Folgen davon nicht aushalten konnten oder wollten.

Sie haben es sich leicht gemacht und mich abgeschoben- weggesperrt- verwahrt- ausforschen- verbiegen bis zum Brechen lassen.

Sie haben nicht gesehen, dass sie ab dem Zeitpunkt unserer Aufnahme dort, nun unsere Eltern ersetzten. Und wie deutlich sie das taten… Himmel ja WIE verdammt noch mal deutlich sie genau das Gleiche getan haben, wie unsere Familie. Nur haben sie es nicht “Pseudoreligion” genannt, sondern “Hilfe”.

Es war ein Tausch nichts weiter. Hellgraue gegen Arztseifenweiße Folter

Was sie gesehen haben war eine 14 Jährige, die sich immer wieder selbst verletzte. Eine 15 Jährige die den vierten, fünften, sechsten, siebten, achten…. fünfzehnten Suizidversuch gerade eben so mal noch überlebt hat. Eine 16 Jährige, die plötzlich aus heiterem Himmel anfängt zu schreien, niemanden zu erkennen scheint und auf Mitarbeiter losgeht. Eine 17 Jährige, die so abgeklärt über psychische Krankheiten spricht, als wäre sie selbst die Ärztin.

Was wir waren war eine lichtentwöhnte 14 Jährige, die den Boden küsste über den sie laufen durfte- komplett verwirrt über das was mit ihr passierte- ausgeliefert unmündig und hilflos.
Eine 15 Jährige, die sich von ihrem ambulanten Therapeuten hat missbrauchen lassen, weil sie unter anderem befürchten musste, wieder eingesperrt zu werden. Wieder ausgeliefert, unmündig und hilflos. (Und zu dem Zeitpunkt schon völlig allein auf sich gestellt).
Eine 16 Jährige, die anfängt sich an die erlittene Gewalt zu erinnern und gerade mal so das Glück hat, in einer psychosomatischen Klinik zu sein- statt in einer Psychiatrie, wo es alles noch viel schlimmer hätte sein können.
Eine 17 Jährige, die in 3 Jahren durch 7 Kliniken und 5 Jugendverwahrungseinrichtungen hindurch geflippert wurde und deren einziger Hoffnungsfunke auf Heilung und Leben ohne Gewalt, eine dreizeilige Email in ihrer Hosentasche ist; geschrieben von einem Menschen, mit dem sie vielleicht 2 Stunden Zeit verbracht hat und nicht einmal wirklich kennt.

Wir waren die ganze Zeit allein und hatten keine Menschenseele, die sich darum geschert hat, was mit uns dort passiert. Die, die Entwürdigung der Massenabfertigung und den Raub der Selbstbestimmung für uns beklagt hat. Da war niemand, dem wir unsere Gewalterfahrungen mit Pflegern hätten sagen können, ausser den Patientenvertretern zu denen wir aber keinen Kontakt aufnehmen konnten, ohne die Hilfe des Personals. Zusammen mit einer Diagnose die gleichbedeutend mit Unzurechnungsfähigkeit und  Realitätsverlust ist, hatten wir schlicht keine Chance.

Es war wie in der Hölle, die gerade vorher verlassen hatten.

Was wir durchgemacht haben ist unglaublich. Es ist unglaublich schlimm, unglaublich viel, unglaublich viel Nichthilfe. Und was wir in Bezug darauf heute wahrnehmen, ist unglaublich viel Ungläubigkeit.
Nein, uns wurde nicht das Gehirn unter Strom gesetzt. Nein, unser Frontallappen wurde nicht therapeutisch wertvoll verletzt. Unser Gehirn wurde uns ausgedörrt in den vielen hundert Stunden zwischen den “Behandlungen”, in denen man völlig auf sich geworfen ist- äußerlich strengstens reglementiert, während der Same des Wahnsinns unter dem tumben Starren auf Klinikflure, Klinikessen, Kliniktüren, Klinikroutine, Klinikklinikkliniklinikatmosphäre überhaupt erst zu wachsen in der Lage ist.

Wir wissen (zum Glück) nicht, wie es für Erwachsene ist, so in Not und ohne ausreichendes soziales Netz zu sein, dass man sich in eine Klinik begeben muss, um Schutz vor sich selbst (oder anderen Menschen) zu erfahren. Und freiwillig werden wir das auch nicht erfahren.

Die Psychiatrie war für uns das Trauma nach dem Trauma.
Die ersten 2 Therapiejahre nach der letzten Entlassung brauchten wir dafür auf, überhaupt auch nur wieder irgendeinen Helfer (nicht nur Menschen überhaupt)  näher als eine Diagnostik an uns heranzulassen. Ein öffentliches Feindbild wie zum Kindesmisshandler gibt es für Helfer nicht. Eine Hetzpropaganda, wie aktuell gegen die Institution Kirche, gibt es nicht für die Institution Psychiatrie. Vor der breiten Öffentlichkeit steht man vor solchen Erlebnissen ganz genauso verlassen und ohnmächtig, wie vor der gezielten sexuellen Ausbeutung von kleinen Kindern mitten in Deutschland. Jeder kriegt einen Schauer der den Rücken herunter rieselt, jeder hat seine Gedanken dazu. Doch wenn es darum geht eine Hand zu reichen, wird sich weggedreht und unsichtbar gemacht. Und in beiden Fällen muss man sich mehr oder weniger krassen Eigenschuld- (im Sinne einer Eigenverantwortungs-) zuweisungen aussetzen.

Vor ein paar Wochen noch, bekam unsere Therapeutin die volle Breitseite dessen ab, was hier los geht, wenn uns jemand mit der Einweisung bedroht. Und für uns beginnt die Bedrohung schon mit der überhaupt-igen Nennung der Psychiatrie als Option für Hilfe.

Keiner- absolut kein Mensch auf dieser Welt würde das, was real in einer Psychiatrie vor sich geht, als hilfreich bezeichnen, wenn man das Ganze schlicht losgelöst vom Status der „Retter der Gemütskranken“ heraushebt:
Eine Woche hat 168 Stunden
minus jeweils 8 Stunden Schlaf, ergibt das 112 Stunden Wachsein.
Davon werden ca. 8 Stunden therapeutisch gestaltet (je nach Klinik- ich nehme einfach mal den Standard aus meinen Zeiten in der Ballerburg).
Das ergibt unterm Strich: 104 Stunden geistig- seelische Nulllinie, die man mit Kettenrauchen, Gedankenkarussell, Patientengesprächen, Illustrierte lesen, nicht-an-seine-Probleme-denken-aber-doch-dazu-zwingen-weil-man-ja-dafür-da-ist und mit dem intensivem Beobachten aller emotionalen und sozialen Vorgänge auf der Station wiederzubeleben versucht.
Würde man diesen Behandlungsstandard auf ein akutes Herzversagen oder auch eine chronische Lungenentzündung übertragen hieße das unter Umständen: “Wie jetzt hier- sie kriegen so wenig Luft- sie kriegen doch schon 8 Stunden am Tag die Maschine an den Hals!”; “Ich hab schon 8 Sekunden mit der Lebensrettung verbracht- was will der denn noch?!”

Man führt ein Leben wie Schrödingers Katze:  eingesperrt in einer Box und ob man noch lebt oder nicht ist Definitionssache. Und die Macht über diese Definition, könnte mit dem Gesetz nun auch noch in jedem Fall- egal wie diese ausfällt (ob zutreffend oder nicht) rein bei den Ärzten bleiben. Komplett unhinterfragt oder in der Lage die Box zwecks Überprüfung zu öffnen.

Es ist ein Witz. Es ist infam. Es ist eine gesellschaftliche Schande, dass wir solche großen, relativ sicher finanzierten Kästen wie die Psychiatrie, überhaupt noch haben und sogar brauchen.
Es ist die medizinisch-kapitalistisch-sozialdarwinistische Vermeidungsblase, die uns davor bewahrt den Wahnsinn, Kontrollverluste und schiere menschliche Natur zu nah uns heranzulassen. Realitätsverlust als “kann mal vorkommend” zu betrachten. Menschliches Elend von uns fern zuhalten. Uns nicht zu belasten. Uns nichts ans Bein zu binden. Um uns vor gesellschaftlicher Verantwortung zu drücken.
Uns selbst nicht zu fragen, wie wir verhindern können, dass es anderen Menschen schlecht geht.

Uns daran zu hindern jedem unserer Freunde zu sagen, dass sie auch mitten in der Nacht bei uns klingeln dürfen, um von uns vor sich geschützt zu werden-von mir aus auch eingeschlossen zu werden und die nötigen Mittel aufgedrängt zu bekommen und die Hand durch die Neben- und Nachwirkungen zu halten.

Wir sind dankbar dafür, dass wir uns in der Hinsicht auf unsere Gemögten verlassen können. Niemand von ihnen würde uns abweisen, stünden wir mit diesem Anliegen vor ihrer Tür.

Als wir (noch vor 6 Jahren) nicht in der Lage waren zu essen wie Menschen, gab uns unser mit uns verbündeter Mensch den Rahmen der nötig war- ohne uns zu verachten. Als wir nicht wussten, ob und wenn ja wer, von uns Kontakt zu Tätern aufnehmen könnte/versuchen würde, sich das Leben zu nehmen/versuchen würde, ihn zu verletzen… Als wir so depressiv waren, dass sogar das Heben der Augenlider eine einzige Qual war… Als schon ein unsichtbares Geräusch Innenkinder hochspülte die noch mitten im Traumaerleben sind… Als wir so richtig tief in der psychischen Scheiße standen- alle Weichen auf Psychiatrie standen, brauchte es doch nur jemanden, der schlicht da war und den Schlüssel zur Wohnung versteckte. Taschentücher, Kotzeimer, Schlaftabletten, ein starkes Rückgrat und ein liebevoll fürsorgliches Herz hat.

Leider ist das etwas, das die Krankenkasse nicht leisten kann und der Staat, oder diejenigen die es leisten könnten, nicht leisten wollen.

Denn die wahre Hilfe kommt von Menschen, deren freies starkes Dasein einfach unbezahlbar ist.

Interessantes und Nützliches zum Thema
– die schlaue Patientenverfügung gibt hier zum Download
– Steinmädchen schreibt auf ihrem Blog über “Psychiatrisch- Patriarchale Kontrolle” und unterstreicht die Notwendigkeit von geschlechtsspezifischen Therapiemöglichkeiten
– viele Bücher, Sachwissen und Zugang zu Alternativen bietet der Antipsychiatrieverlag von Peter Lehmann
– die internationale Arbeitsgemeinschaft “Soteria” stellt sich und seine Ziele hier vor
– das Berliner “Weglaufhaus” sollte jedem sofort in den Kopf kommen, wenn es um Alternativen zur Psychiatrie geht- es braucht so viele NachahmerInnen, sowie offene UnterstützerInnen wie nur möglich
– zum Thema Psychopharmaka und Psychiatrie mein Artikel „auf wundersame Weise“
– als weitere hilfreiche Anlaufstelle bietet sich auch der sog. „Trialog“ (Patient, Klinik, Mittler) der Stadt an- Kontakt hierzu bekommt man über den sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt in der man wohnt
– zu: „einem erweiterten Verständnis psychischer Störungen, neuem Wissen über genesungsfördernde Faktoren in der Psychiatrie, der Entwicklung neuer Methoden und umfassender Inhalte in der Fachkräfteausbildung und innovativen Angeboten psychiatrischer Dienste“ informaiert und aktiviert „Ex-In„. Ein vielversprechendes und umfangreiches Pilotprojekt. Weitere Informationen zur Genesungsbegleitung durch „Ex-In“ gibt es auch auf dieser Website.
– grundsätzlich muss das Motto derzeit leider noch immer sein: „Niemals allein Kontakt mit der Institution „Psychiatrie“ haben- hab immer jemanden mit im Boot, der dich im Zweifel da raus streitet und für dich eintritt“

 

Vielleicht an alle die aus Angst vor Täterkontakten regelmäßig in de Psychiatrie gehen (müssen):
Immer wenn ihr raus seid- greift zum Weberschiffchen und vernetzt euch. Es ist schwer und gruselig- vielleicht sogar noch verboten. Aber wenn ihr etwas anderes erreichen wollt, als das was ihr jetzt gerade durchmachen müsst, dann müsst ihr auch etwas anderes tun als jetzt.

So gemein es klingt, hatte Einstein schon Recht als er sagte:
“Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun, aber immer ein anderes Ergebnis zu erwarten.”

Immer wenn ihr eine Fingerspitze aus der Scheiße herausstrecken könnt- versucht nach echten Helfern zu greifen. Es lohnt sich, denn es geht um euer Leben und eure persönliche Freiheit.
Ihr dürft das.