diese Tage, an denen man fürs Leben lernt

Es gibt Tage und es gibt Tage. Und “diese Tage”.

An “diesen Tagen” wartet man schon seit einer Ewigkeit darauf, dass die Menstruation jetzt endlich einsetzt, damit sich das schäbige Allgemeinbefinden endlich verändert. Man hält  beim Duschen die Luft an, weil die vielen kleinen Wasserstrahlen auf der Haut so exorbitant mehr weh tun als sonst. Man heult das erste Mal, wenn man sich daran erinnert, dass die alltime-favorite-Bekleidung aus Rock und Strumpfhose nachwievor unmöglich ist und schluckt das zweite Geheul herunter, als einem auf dem Weg zur Straßenbahn der Grünflächenpflege-Rasenmäher-Horrorschwadron entgegen kommt.
Man quetscht sich Small Talk aus dem Wörterpansen direkt hinter den Rachenmandeln, um der Person, die eine_n freundlich anquatscht, ebenso freundlich zu begegnen.
Und man weiß, dass ab jetzt absolut nichts mehr passieren darf, weil sonst das gesamte Kartenhaus des Hier und Jetzt in sich zusammenkracht.

Murphys Law sei Dank, passieren aber natürlich Dinge.
In der Schule riecht es heute nach Waffeln, wir warten lange auf den Lehrer und stehen in der Einflugschneise des Kellerganges. Hunderte Schüler schlurfstöckelschlappen an uns vorbei und niemand von ihnen versucht, wenigstens eine der zwei Türen nicht in den Rahmen knallen zu lassen.
Meine Mitschüler_innen schaffen es zu reden, zu lachen, ein bisschen dösend zu warten. Ich bin froh NakNak* unter meinen Finger zu spüren und so zu wissen, wie groß ich tatsächlich bin. In meinem Gefühl gibt es meinen Körper nicht mehr. In meinem Gefühl, bin ich ein Wesen ohne Haut über den bloßen Nervenenden.
In mir drin schreit ein Kleinkind in Todesangst.
Ich merke, wie die Ankunft des Lehrers für mich zu etwas wird, das mich retten soll. Alles aufhören lassen soll. Wie ich das Warten mit jeder Minute mehr nur deshalb durchhalte, weil ich mehr und mehr davon überzeugt bin, dass dann alles gut werden würde.

Es ist eine bittere Enttäuschung, als er dann da ist und doch nicht genau das passiert.
Es wird erschreckend und schlimmschlimmschlimm als wir, wie er auch, anerkennen müssen, dass auch heute unser Unterricht nicht wie geplant passieren kann, weil die Internetverbindung in der Schule gestört ist.
Für mich verschwindet die Schule als Struktur. Als greifbares Element, dass mich halten kann. Aushalten kann. Mich und den Puls, der über mein Sein hinwegrauscht, wie ein Wasserfall.

An “diesen Tagen” nähere ich mich einer Verständnisebene für das Leiden in unserem Leben und einer Idee von dem Leiden, mit dem wir früher unser Leben gestaltet haben werden.

Wir haben Unterricht im Rechnerraum. Dort stehen etwa 25 PC’s mit Knubbeltastatur und Hartplastikmäusen. Von der Decke leuchten ca. 12 Leuchtstoffröhren auf die LCD-Bildschirme und den Tafelersatzbeamer. Es rauscht vom Boden nach oben, tickt asynchron von der gesamten Decke nach unten. Dazwischen zucken die Mausklicks und versuchen sich durch das dichte Murmeln aus den Menschenmündern zu bewegen. Drehstühle knacken. Kleidung raschelt. NakNak* kratzt sich. Auf meiner Haut wird es feucht und kalt.
Das Unterrichtsthema interessiert mich. Ich würde mich gern mit einem Buch darüber in meine Flauschhöhle verkriechen und mich damit befassen. Aber ich sitze hier und versuche mich damit zu trösten, dass ich das ja nur 90 Minuten aushalten muss und dann nochmal was Interessantes für 90 Minuten erfahre und wir uns dann überlegen können, ob wir uns ein Buch über dieses Thema besorgen.

Ich spüre, wie der Schwan etwas aus meinem Träumen vom Lesen in der Flauschhöhle nimmt, um das Kleine einzuwickeln und wie ein Teil meiner Kraft an seine Stelle verschoben wird.
Die Störung kann nicht behoben werden und wir sitzen in einem zunehmend weißer werdendem Rauschen. Ich kann nicht mehr denken. Meine Gedanken sind die Geräusche um mich herum und ein mehr und mehr nach mir greifender Gefühlsstrudel. Ich gehe raus. Ertrage Schüler um Schüler, der durch den Flur an uns vorbei läuft, anguckt und dann durch die Tür geht, um sie hinter sich zuknallen zu lassen.
Ich gehe rein, packe meine Sachen, melde mich beim Lehrer ab.

Ich fühle mich verrückt und habe Angst davor, vielleicht, ohne es zu merken bereits eine Grenze überschritten zu haben, die eingehalten werden muss, um einen Ausbruch chaotischen Seins zu verhindern.
Jemand schreit mich an “Warte nur bist du zu Hause bist!” und ich denke zum x-ten Mal in den letzten Monaten, wie schön das wäre, kämen wir nach Hause und würden von jemandem erwartet. Ich kommentiere so ausführlich, wie ich es noch schaffe, was ich tue. In welcher Stadt ich gerade in die Straßenbahn steige, in welche Linie und von wo bis wo sie fährt und alles, was ich aus dem Fenster erkennen kann.

Wir fahren an dem Wohnort einer Gemögten vorbei, am Arbeitsort des Begleitermenschen, an der Praxis der Therapeutin, an dem Wohnort einer Freundin und ich halte mich daran fest, wie uns jede_r Einzelne_r dieser Menschen sagen würde, dass es okay ist zu gehen, wenn es nicht mehr geht, oder nötig ist, um schwerwiegendere Probleme zu vermeiden.
Merke, dass es etwas macht, daran zu denken.

Ich steige aus der Bahn und fühle mich schwindelig. Es ist warm und der Zug von NakNak*s Leine wabert im Grenzbereich eines Schmerzempfindens.
Mein Trinkwasser ist fast leer und beinahe rutsche ich schon wieder in meinen Ärger darüber, ständig irgendwas irgendwie zu brauchen. Doch dann ärgere ich mich über meinen Ärger.
Weil die Energie gerade sowieso da ist und es mir leichter fällt aus einem Ärger über mich heraus, etwas zu verändern.

Vielleicht drehe ich deshalb um und laufe in die Stadt.
In ein Fachgeschäft für gutes Hören.

Ich trete in den Laden wie ein Cowboy in den Salon und ziehe meine ganze Kraft aus dem Boden unter mir.
Die Person sagt, man müsse immer erst mal beim HNO prüfen lassen, ob mit den Ohren alles in Ordnung sei und ich bekomme von hinten rechts die Bilder von Ärzten mit Stirnspiegel, die unfassbar schmerzhaftes Licht in Ohren bündeln; der Mutterfrau, die sich über das Kind, das nicht normal auf Ansprache reagiert bekla.sor.gt, die fingerdicken Tabletten, die es zu jedem Ohrenschmerz gab…
Mich für diese Erinnerung bedankend drehe ich mich aus den Bildern heraus und antworte: “Das Problem sind nicht meine Ohren.” und strahle sie an. “Das Problem ist mein autistisches Gehirn!”.

Die Person nickt und sagt, sie verstünde das Problem. Dann greift sie nach einem Katalog und zeigt uns verschiedene Ohrstöpsel und Gehörschutzkopfhörer.
Hinter mir steht ein murmelndes Innenhäufchen und schwankt zwischen der Aufnahme der Informationen über die verschiedenen Möglichkeiten und Materialien und Fassungslosigkeit darüber, wie nicht schlimm war, dass ich gesagt habe, was ich gesagt habe.

Wir kaufen ein Paar “PartyPlug” von Alpine und lassen uns zeigen, wie man sie einsetzt, entfernt und reinigt. Als wir den Laden verlassen, fühlt es sich an, als hätten wir eine Unterrichtsstunde gehabt. Vielleicht in “Mut zur Selbstfürsorge lohnt” und “Mut zur Offenheit lohnt” und “Es ist okay”.
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Einen Tag später tragen wir die Ohrenstöpsel mit Schulbeginn.
5 Zeitstunden später, hatten wir noch keine Angstmomente, kein Gefühl der unaushaltbaren Überreizung und kamen zu Hause mit genug Kraft für einen Blogartikel an.
Sie jucken ein bisschen in den Ohren, aber nicht durchgehend. Sie sind weich und damit gut tragbar für uns– absolut kein Vergleich zu den Oropax, die wir früher schon ausprobiert haben.

Es ist eine Erfahrung, die Mut macht.
Mut zur Hoffnung, dass es vielleicht doch gar nicht so schwer schaffbar ist.

Dieses Dings und alles.

 

P.S. : Kostenpunkt für die Ohrstöpsel: 13,10€
Es ist möglich diesen Gehörschutz individuell an den Gehörgang angepasst zu bekommen
– das kostet ca. 125€.
Es gibt sie auch noch für andere Frequenzbereiche.

Fundstücke #33

“Ich will jetzt nicht so groß und immer darüber reden, aber – wenn Sie mal nicht mehr sind – ist es dann noch gesagt?”.
K. hatte die Frage nach wochenlanger Bewegung im Mund in die erste Therapiestunde nach dem Urlaub der Therapeutin fallen lassen.

Die Frage entstand daraus, dass wir wenn wir Zeit haben, versuchen an unserem Buch zu schreiben.
Wir setzen uns hin und arbeiten stundenlang an Wortketten.
Und dann löschen wir das Dokument, fahren den PC runter und steigen aufs Fahrrad, um vor dem Introjekt wegzulaufen, das unsere Ausdrucksversuche als pathologisch(e Persönlichkeitszüge) definiert.

“Was ist das eigentlich überhaupt für eine miese Falle – Was ist das für ein abstoßendes, grundgemeines, gewalttätiges Doublebind… Erklär dich mir – aber stell dich nicht dar.”.
K. hat eine Art Rad zu fahren, die uns Muskelkater in den Unterarmen und Mittelfüßen macht. Das ist als sei sie in Wahrheit im Boxring und würde gegen zwei Gegner kämpfen, die vor ihr stehen wie Goliath vor einer Mikrobe auf Davids Nasenspitze.

“Mir hat nie jemand ver- oder geboten irgendetwas nicht zu sagen. Was ich erlebt habe, ist einfach nichts, wo das übliche Gespräch mal so drauf kommt.”, hatte sie einmal gesagt. “Und – wem soll mans denn sagen? Und welcher Grund dafür ist der Richtige? Und – wie sollte das aussehen, ohne Stress zu kriegen? Wie soll man denn das zusammenkriegen?”.

Wir bewegten uns eine Zeitlang gemeinsam in der Frage, ob wir unsere Therapie zu Zwecken der narzisstischen Selbstdarstellung missbrauchen. Ob wir aufhören sollten Therapie zu machen, weil wir ganz offensichtlich unübersehbar inkompatibel mit therapeutischen und sozialpädagogischen Hilfesystemen sind. Wir dachten darüber nach, das Bloggen und jede andere Form des Ausdrucks und der Auseinandersetzung aufzuhören. Den ganzen angefangenen, unbeholfenen Einsatz für andere Menschen hinzuschmeißen und einfach zu verschwinden, weil uns von diesem Introjekt und dessen Gewaltausübung keine andere Nische offengelassen wird.

So funktionieren Narzissmuskeulen im Rahmen von Helfer_innen.Gewalten und bilden eine Allianz mit früheren Gewalt ausübenden Menschen, die ebenfalls nichts weiter forcieren wollen, als dass man still ist. Unsichtbar. Weg. Tot.
Und sich daran aufreibt, kein anderes Ziel mehr zu haben, als genau das erreichen zu wollen.

Ich erzählte K. davon, wie ich früher immer wieder tief darüber verzweifelte so viel zu sein, dass SIE etwas zu kommentieren hatte. Wie sehr mein innigster Wunsch war, nur ein einziges Mal irgendetwas tun zu können, ohne angeguckt und bewertet zu werden. Wie ich darunter gelitten hatte, nie genug von mir, meinem Denken, Wünschen und Hoffen verstecken zu können, damit ER es nicht für sich benutzt.
Für mich war “Why does he do that?” ein wichtiges Buch dazu.
Für mich war es eine wichtige und hilfreiche Wahrheit, dass manche Menschen eine Art haben auf andere Menschen zu schauen – und damit auch nicht aufhören zu können! – die in ihnen allein begründet ist. Es war und ist wichtig für mich gewesen anzuerkennen, dass wir von sadistischen und damit hochgradig kontroll-zentriert funktionierenden Menschen aufgezogen wurden.
Wir hätten auch weder sprechen, noch denken, wünschen, hoffen, wollen etc. können – sie hätten uns auch in diesem Zustand kaputt kontrolliert und unsere Anwesenheit für sich ausgenutzt.

“Es gibt diese Menschen. Die benutzen dich auch dann noch für die Bestätigung ihrer Wahrheiten, wenn du völlig passiv oder tot bist. Es geht dabei nicht um dich. Es geht um ihre Selbstbestätigung. Um sie allein. Und dabei ist es unerheblich, ob sie als Ärzt_innen in einer Klinik arbeiten, als Hassfollower hinter Anonymitätsbüschen im Internet hocken oder als Gutachter für irgendeine Krankenkasse oder Behörde arbeiten. Es geht einzig um die Bestätigung einer Annahme, nicht um die Auseinandersetzung damit.

Es ist nicht unsere Aufgabe zu verhindern, dass Menschen uns angucken und für sich allein missbrauchen. Wir dürfen verlangen gefälligst nicht benutzt zu werden. Wir sind ein fühlendes Wesen. Kein Objekt. – auch wenn sie uns genau so behandeln und das auch noch für richtig halten (dürfen).”, sagte ich, während ein anderes Innen neben mich trat und seine Bilder von Ärzt_innen in Notaufnahmen, psychiatrischen Krisenstationen und Kliniken, die unser Verhalten in ihre kleinen Formulare hineinkatalogisierten, um auf unser Sein und Denken zu schließen, hinzulegte.

Um mich herum knirschte es aus K.’s Kiefer und das Monster im Inmitten schleuderte sich krachend gegen die Wände seines Käfigs.

“Du kannst reden, K. . Tus einfach. Für dich, für uns, dafür, dass es gesagt ist.”.

Fundstücke #32

NakNak* ist krank. Also “krank”. Was sie hat ist hundenormal. Kann jeder Hund haben.
Aber NakNak* arbeitet.

Sie arbeitet an einem öffentlichen Ort, den man meiden soll, wenn man die Pest oder Meningitis hat und, wo es Räume gibt, die man zum Essen oder Trinken verlassen muss, weil scheißteure Computer darin stehen. Und Teppichboden verlegt ist.

Wir haben heute festgestellt, dass unser Schul-Hilfe-Netz in etwa so stabil ist, wie die Strohhütte vom ersten kleinen Schweinchen.
Der Begleitermensch ist krank, einen Fahrdienst haben wir noch immer nicht und ach ja – eine_n feste_n Hundesitter_in für so spontane hundenormal krank Ausfallzeiten haben wir natürlich auch noch nicht.

Und so standen wir dann da. Versagerweicheischeißweichpitty kriegts schon wieder nicht geschissen, bis zur letzten Stunde durchgehend da zu sein, nicht zu heulen, einfach mal ganz normal durch so einen Tag zu gehen und warteten auf den Hausmeister für weitere Instruktionen zum Umgang mit Hundeerbrochenem im Flur des Schulhaupteingangs. Hörten dem Begleitermensch zu, wie er uns einen Handlungsplan zimmerte, wussten nicht, was wir davon wie überhaupt schaffen, anfangen, Reihenfolge, oben unten … überhaupt noch können und merkten diese kalte klare Gewaltlogik von hinten nach vorne sickern.
Du steigst in die Bahn – du gehst nach Hause – du nimmst die Klinge – und dann.

In dieser Logik ist nach Selbstverletzungen nicht “alles gut”. Wir sind dann nicht “nicht mehr so ein wertloser Haufen Scheiße, der nichts hinkriegt und einfach peinlich ist in seinem Bemühen”. Aber es gibt ein “und dann”. Es gibt uns. Es gibt die Welt. Es gibt Ränder und Konturen. Es gibt ein “Vorher” und ein “Nachher”.
Es gibt eine andere Art des Dissoziierens. Zeit wird zu etwas Realem.

Wir vereinbarten einen Termin bei der neuen Tierärztin, verbanden die Schnitte, wuschen uns das Gesicht, zogen die Klamotten straff und fuhren wieder zurück für eine Stunde Unterricht und die Übergabe des Klassenbuchs. Wir sind die “Klassenbuchführerin”.

Als wir am Abend den ersten Verband austauschen, denke ich an die Klassenlehrerin, die so sehr versucht den Unterricht für uns stressfrei zu gestalten. Die uns so oft sagt, dass wir jedes “Sonderprivileg” ruhig nutzen dürfen. Die in ihrem Sprechen fast so klingt, als sei die Schule nicht wichtig. Nicht wichtiger als, dass es uns okay geht.
Und ich merke, dass wir dafür nicht gestrickt sind. Noch immer nicht.
Wir brauchen ein “und dann”.

Und sei es das, was nach dem Schnitt ins eigene Fleisch für uns spürbar wird.

“ein Ich macht noch kein Selbst”– ein verkürztes 101 Vielesein

Und plötzlich sind wir wieder mitten unter Menschen mit Er_Lebensrealitäten, die anders sind als unsere.

In der Schule sprachen wir viel über unsere Reizwahrnehmung und was uns hilft, sie auszuhalten. Was wir brauchen und wo sich Probleme ergeben könnten. Wir tasteten nach Bereitschaften sich auf individuelle Lösungssuchen zu begeben und blicken nun auf eine gute Grundlage mit unseren Lehrer_innen und Mitschüler_innen.
In “Ausbildung inklusive” werden wir näher darüber schreiben.

Am Mittwoch und Donnerstag fand außerdem die Tagung „Mutige Einblicke in düstere Welten. Rituelle Gewalt verstehen und handeln“ in Münster statt.
Wir waren dort, um unsere Projekte “Viele-Sein”, “das Nachwachshaus” und auch dieses Blog zu bewerben, uns mit Menschen, die das Thema teilen zu vernetzen und zusammen mit der freien Journalistin Claudia Fischer einen Workshop über Täter_innenstrategien zu geben.
Während der Tagung sprachen wir mit vielen unterschiedlichen Menschen über Gewalt als Normalität, die Problematik des Täter-Opfer-Dualismus, soziale Absicherung traumatisierter Menschen als Politikum, Religion und Spiritualität nach extremer Gewalt und ganz viel 101 “Vielesein”.

Es tut uns gut in der Auseinandersetzung ums Vielesein immer wieder mal mit Menschen in Kontakt zu kommen, die nichts oder nicht viel darüber wissen. So werden wir immer wieder daran erinnert, wie klein unsere Blase ist. Wie lange wir uns bereits in diesem Diskurs bewegen und welche Aspekte wir hier und da an die Seite gestellt haben, weil sie zu früheren Zeitpunkten keine Relevanz für uns hatten.
Wir werden aber natürlich auch daran erinnert, dass es gefährliche, im Sinne von gefährdende, Ansichten aufs Vielesein gibt und kommen in eine Situation, in der wir mit Erinnerungen an die eigenen Krisen und Nöte während der ersten Jahre mit der Diagnose “DIS” konfrontiert sind.

Für uns ist es immer wichtig vor welchem Hintergrund sich jemand mit dem Vielesein auseinandersetzt, denn wir haben auch auf dieser Tagung wieder die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit spirituell-esoterisch-philosophischer™ Grundhaltung häufig nicht anerkennen können, wie quälend das Vielesein mit all seinen Konsequenzen und Qualitäten sein kann und welche Qualen vor dem Vielesein stehen.

So standen wir an einem Tisch mit der Abendsonne im Rücken und bemerkten wie privilegiert wir mit unseren 14 Jahren Auseinandersetzungs- und Prozesserfahrung um das Thema sind. Einfach, weil wir vor 14, 10, 8 Jahren nach einer Aussage wie: “Wenn die DIS für Sie keine Störung und keine Krankheit ist, wo ist dann das Problem? Das sind ja alles nur Gedanken.”, in unseren Zweifeln ertrunken wären, die Therapie und sonstige Hilfen beendet und uns zurück in den Kampf um die Zerstörung der “Gedanken” begeben hätten.

Das Modell der dissoziativen Identitätsstruktur beschreibt auf eine versachlichte, inzwischen stabil theoretisierte Art und Weise die Folgen globaler Verunmöglichung von innerpsychischer Kongruenzentwicklung in einem Individuum. Es geht nicht um den wissenschaftlichen Beweis darum, was man sich so alles ausdenken kann, wenn man sich etwas ausdenken muss.
Niemand kann sich überlegen “Ich werde jetzt einfach viele.” oder “Ich mach das nicht mehr mit – das macht jetzt eine andere Person.”.
Um eine DIS oder eine DDNOS oder andere tief in eine wie auch immer ausgestaltete Persönlichkeit hineingreifende dissoziative Problematik zu entwickeln, “reicht” auch das bloße Erleben von Gewalt und Todesnähe nicht.

Das ist 101 Traumawissen: nicht jedes Ereignis mit Todesnäheerfahrung zaubert eine posttraumatische Belastungsproblematik, geschweige denn eine DIS in einen Menschenkopf hinein.
Doch jedes Ereignis mit Todesnäheerfahrung birgt das Potenzial dazu und kann darin durch diverse Faktoren weiter verstärkt werden.
Etwa allein, ungesehen und unverstanden mit der Erfahrung zu sein. Die Erfahrung innerhalb größerer sowieso latent lebensgefährlicher Kontexte gemacht zu haben und so keine Räume zur Verarbeitung zu haben. Und vieles mehr.

Ebenfalls 101 Traumawissen: Menschen – alle Menschen! – verfügen über unterschiedlich gelagerte Resilienzfaktoren. Manche nennen das “Überlebenstrieb”, “innere Stärke”, manche meinen das, wenn sie sagen, sie hätten einen “unbezwingbaren Willen zu leben”.
Unserer persönlichen Ansicht nach, ist es kein Ergebnis von Resilienz eine DIS zu entwickeln, sondern Zufall im Rahmen der Möglichkeiten, die maßgeblich von neurobiologischen Entwicklungschancen und sozialen Dissoziationsprozessen (bzw. der sozialen Dissoziationskultur, die vorgelebt wird) abhängen.

Nach unserem eigenen Empfinden ist es bei Vorliegen einer DIS – ausgeschrieben: im Status tertiärer Dissoziation – sachlich falsch von “Persönlichkeit” oder “Identität mit diversen Merkmalen” zu sprechen. Die Diagnose bzw. das Modell beschreibt bereits die absolute Desintegration all dessen, was nötig ist, ein kongruentes Selbst (im Sinne einer “Persönlichkeit” oder “Identität”) zu er_leben und nach außen wirken zu lassen.

Ein Ich macht noch kein Selbst.

Es gibt diverse sprachliche Probleme über das fragmentierte Selbst zu sprechen, ohne defizitär, anmaßend, abwertend oder schmerzhaft für andere Betroffene zu agieren. Auch deshalb weisen wir an dieser Stelle erneut darauf hin, dass wir im Blog von Vielen ausschließlich von uns und über uns schreiben.

Wir sind ein dysfunktionaler Mensch, weil wir kein kongruentes Selbsterleben haben (und in einer sozio-kulturellen Umgebung leben, die nicht auf unsere Art der Informationsverarbeitung ausgelegt ist). Das ist für uns die Essenz des Vieleseins.

Das Erleben des eigenen Selbst kann man sich nicht überlegen. Das ist keine theoretische Idee, die man sich darüber macht, wie man ist und funktioniert. Es ist auch keine Wahrnehmung auf die man sich konzentrieren kann. Entweder man hat es, weil es mehr oder weniger konkret benennbare Wahrnehmungserfahrungen gibt oder man hat es nicht, etwa weil, wie im Falle der tertiären Dissoziation vorliegend, dissoziative Barrieren/Klüfte zwischen (Reiz-)Sender und (Wahrnehmungs-)Empfänger liegen.

Was wir von uns wahrnehmen sind Ichs bzw. Ich-Zustände. Jemande. Etwasse. Seins.
Wir nennen konsistente Ich’s in der Regel “Innens”. Kein einziges Innen von uns ist eine “Persönlichkeit” oder hat, was mit “Identität” benannt wird. Doch jedes Innen hat ein Gefühl für und ein Bild von sich.
Jedes Innen hat unterschiedlich viel und unterschiedlich zuverlässig Zugriff auf Informationen. Das können Informationen über gemachte Lern_Erfahrungen sein, häufig sind es aber auch Wahrnehmungs- und Er_Lebenserfahrungen.

Wir alle sind in unserem Re_Aktionsradius in der Regel an das Erregungsniveau des Körpers und physiologische, wie innerpsychische Prozesse gebunden. Unser Erregungsniveau und andere physiologische Prozesse wiederum sind häufig Reaktionen auf die soziale und natürliche Umwelt, in der wir uns bewegen. Häufig – nicht immer und ausschließlich.

An dieser Stelle ein weiteres 101 Traumawissen: Posttraumatische Belastungsstörungen/probleme/reaktionen basieren auf Stress(informations)verarbeitungsproblemen  und daraus hervorgehend fehlerhafter Informations/Erfahrungsintegration.
Die dissoziative Identitätstruktur ist die psychostrukturelle Antwort auf eine permanent bestehende Stress(informations)verarbeitungsproblematik bei gleichermaßen permanent bestehender Überreizung durch toxischen Stress oder latent bestehender Gefahr dessen (etwa in einer dysfunktionalen/gewaltvollen (familiären) Umgebung).

Menschen mit traumatischen Erfahrungen im Zuge von zwischenmenschlicher Gewalt in der frühkindlichen Entwicklung, haben in der Regel neurophysiologisch nachweisbare Anpassungen an toxischen Stress entwickelt. Der Hippocampus und ein Teilbereich des Stirnlappen sind kleiner, der Mandelkern deutlich sensibler – das gesamte System von gewalterfahrenen Menschen ist auf die Wahrnehmung von Gefahren eingestellt.

Angst ist ein Erregungszustand. Einer, der allen Menschen gleich das Leben rettet, wenn nötig.
Angst ist leicht lernbar – und schwer verlernbar.
Ein System, das in weiten Teilen auf Angstgefühlen und den entsprechenden Körperprozessen basiert, funktioniert anders. Der Körperstoffwechsel ist ein anderer, das Immunsystem ist anders aufgestellt, die sozialen Fähig- und Fertigkeiten schwanken zwischen oft zwischen “Kampf”, “Flucht”, “Starre”, das Leben ist ein Kämpfen um Funktionalität, Er_Leben.s.Qualität und Sicherheit mit für vor sich selbst.

Wir erleben uns selbst so, dass wir häufig mittels starrem Kampfverhalten vor Menschen und anderen Gefahrenquellen flüchten und ordnen uns dieses Phänomen als typisch für Menschen mit DIS ein. Wir haben die Annahme, dieses Reaktionsmuster bereits bei vielen anderen mit DIS (wichtig: nicht DDNOS, ESD oder anderen dissoziativen Problemen) diagnostizierten Menschen gesehen zu haben. [Da wir uns hier auch irren können, steht dort “Annahme”].
Unserer Ansicht nach ist diese Reaktion vor allem deshalb möglich, weil die Dissoziation (“Starre”) quasi das Hintergrundrauschen unserer Lebensrealität ist. Bis heute.

Es vergeht für uns kein Tag ohne amnestische Lücken, Depersonalisation, Derealisation – immer wieder in Sekundenbruchteilen wegfunktionalisiert durch Wechsel in unterschiedlich reagible Zustände (“Innens”, Jemande, Etwasse…) und immer wieder innerhalb bestimmter Funktionsinseln oder zwischen den verschiedenen hin und her.
Während Menschen, die nicht viele sind, jeden Tag auf einem Level dissoziieren, das ihnen die Informations- und Stressverarbeitungsprozesse nicht erheblich erschwert oder gar verunmöglicht, ist unser Level und die psycho-physische Bereitschaft dazu quasi “von Haus aus” übermäßig hoch – selbst dann wenn augenscheinlich keinerlei bedrohliche Stressoren auf uns einwirken.

Die Dissoziation wird häufig – gerade in den von mir erwähnten spirituell-esoterisch-philosophischen™ Kreisen – mit dem Nirwana, einer meditativen Trance oder der vollständigen Auflösung in Frieden und Kosmos verwechselt. Für viele nicht traumatisierte Menschen ist eine “out of body-experience” ein geiler Kick, eine freiwillig gesuchte Erfahrung, die sie im Zusammenhang mit Drogen oder extremer Körperbelastung hervorrufen.
Für manche Nihilist_innen ist das Vielesein als Zustand vollkommener Auflösung des Selbst, der Beweis für die Richtigkeit der eigenen Orientierung am Nichts, womit verschiedene (alle) Verhaltensnormen für absurd und sinnlos erklärt werden.

Es sind jene Menschen, von denen wir uns manchmal in unserem aktiven Bemühen um mehr Kongruenzgefühle, adäquate Re_Aktionsmusternutzung und Verarbeitung unserer Erfahrungen beschämt und verachtet empfinden.
Für sie ist unser Zustand der Beweis für ein theoretisches Weltbild, das gerne zur Legitimation antisozialen und/oder antinormativem Handelns gegenüber anderen Menschen verwendet wird – und nicht der Beweis für die Zerstörungskraft ebensolchen Verhaltens gegenüber Kindern unter 5 Jahren.

Vielesein ist keine Entscheidung. Es ist kein Lifestyle.
Wenn man uns am falschen Tag fragt, ist es nicht einmal ein Life.

Pauline_s haben vor Kurzem ein paar Artikel dazu geschrieben, was “multipel sein” für sie bedeutet.

Für uns ist das Vielesein unser Sein.
Nicht mehr, nicht weniger.
Das Blog von Vielen sagt genug, was das für uns bedeutet.

 

P.S. für mehr Informationen zur dissoziativen Identitätsstörung als Krankheit bzw. komplexe Traumafolgestörung empfehlen wir folgende Literatur:
”Das verfolgte Selbst” von E. Nijenhuis, “Trauma und die Folgen” von M. Huber und  “Dissoziative Identitätsstörung bei Erwachsenen” von U. Gast & G. Wirtz

“Ich werde Hannah genannt.”

Es ist der erste Schultag und wir sind froh um den Einschulungstermin um 10 Uhr 30. Den Begleitermenschen, der uns 9 Uhr 30 abgeholt hat. NakNak*.
Um den Himmel, der bleibt wo er ist, obwohl er allen Grund hätte, sich auf unseren brummenden Kopf hinabfallen zu lassen.

Es ist, wie Schule ist. Viele Menschen. Viele Geräusche, Gerüche, Bewegungen, Schmerzen, Worte. Es wird informiert, erklärt, erläutert und unsere Augen machen Fotos für die Wörterakte “Schule”.

Wir genießen unsere Beliebigkeit. Tauchen in sie hinein, wenn uns ein Blick, ein Wort, ein Lächeln aus einem fremden Gesicht berührt, ohne dass wir uns darauf vorbereiten konnten. Es ist so schön einer von vielen fremden, neuen, ungewohnten Anblicken zu sein.
So schön.

Draußen bäckt die Welt bei 32 Grad und meine Ränder weichen auf. Mehr und mehr von uns quellen an die Oberfläche, schliddern durch Umgebungsgeräusche und bleiben an Details kleben, ohne den Kontakt zu verlieren.
Die Namen der Schüler_innen werden aufgerufen.

“Kann man Rufnamen anmelden?”, fragt der Mund 2 Zentimeter unter mir.
“Ja, wie ist der denn?”, antwortet die lehrende Person.

“Hannah. Ich werde Hannah genannt.”

Nun auch hier.
Obwohl doch hier das “echte Leben” ist.
“Das echte Leben”, in dem es an so vielen anderen Stellen egal sein muss, wie schlimm es für uns ist, mit dem Ausweisnamen angesprochen zu werden.

“Das echte Leben”, in dem “Hannah” so noch nie einen Platz hatte.

Schmerzempfinden

“Bist du irre?!”, fragte mich die Bekloppte, die sich ins Auto geschwungen hatte, nur um ein paar Stunden für mit bei uns zu sein, und riss mir den heißen Topfdeckel aus der Hand. “Japp.”, antwortete ich gelassen und rührte die Linsen für unser Essen um.
“Du kannst doch nicht einfach so den Deckel anfassen!”, muttierte sie vor sich hin und fuchtelte mit einem Geschirrhandtuch umher.

Ich schaute den kleinen, im Topf wirbelnden, Früchten zu. “Du hast doch grad gesehen, dass ich das konnte.”.
“Phhhh…”, antwortete sie und lehnte sich wieder an die Spüle. Sie schwieg ihr Denkschweigen und schaute mit mir in Topf.

“Hast du eigentlich Schmerzempfinden?”. Die Frage ploppte in den Raum wie ein Popcorn und verwirrte mich.
“Ist der Papst katholisch?”, antwortete ich und ging zum anderen Küchenschrank, um die restlichen Zutaten klein zu schneiden.
Sie setzte sich auf die Eckbank und legte die Beine auf dem Stuhl ab. “Ja – nein – ich meine ein normales Schmerzempfinden.”.

Ich dachte darüber nach, was das für sie bedeuten könnte. “Normales Schmerzempfinden.”
Schmerz ist einer dieser Reize, die ich erst dann als Schmerz einordne, wenn ich mir ihrer unangenehmen Qualität bewusst werde. Eine unangenehme Qualität hat für mich viele unterschiedliche Parameter, die jeweils unterschiedliche Wichtigkeiten haben. Zeit, Raum, sozialer Kontext, Körperbereich von dem der Reiz wahrgenommen wird, Temperatur im Raum, Temperaturempfinden in meiner Kleidung, Optionen der Abwehr, der möglichen Schonhaltungen während der Einwirkung und danach …

Um mich herum verging die Zeit. Die Linsen kochten auf dem Herd und unsere Gemögte wartete auf eine Antwort.
Mit jedem Moment wurden die Aspekte ihrer Frage größer für mich.

“Normales Schmerzempfinden.” – neulich habe ich ABA-Protokolle gelesen.
Es gibt bis heute Menschen, die autistischen Menschen, behinderten Menschen, Menschen, die anders sind, das normale Schmerzempfinden absprechen. Viele davon haben sich vielleicht nie Gedanken darüber gemacht, was Schmerzempfinden eigentlich ist. Was Schmerz ist.

Manchmal, wenn ich mich selbst verletze, dann ist mein Schmerz eine Emotion. Dann habe ich einen Schmerz, noch weit vor dem Moment, in dem ich blute oder mich in das dumpfe Pochen eines geschlagenen Hämatoms hineinfallen lassen kann.

Natürlich kenne ich es, mich unabsichtlich zu verletzen, aber “empfinde” ich dabei  Schmerz? Mir kommt es eigentlich mehr wie eine umfassende Irritation vor, die ganz kurz da ist und sich dann in ein Brennen, Pochen, Sirren, Flackern, dumpfes Wummern, faserndes Pulsen oder kaltes Gischt.en verwandelt. Vielleicht ist es aber auch nur wieder eine dieser Sprechfallen. Die Menschen sagen “Schmerz” und “tut weh”, aber meinen vielleicht das, was ich auch empfinde.

Ich glaube, dass wir körperlich insgesamt eher wenig empfindlich sind. Je mehr Menschen, je nerviger die Kleidung, je lauter die Umgebung, je konzentrierter wir sein müssen, desto weniger Bezug über Wahrnehmungsrückmeldungen zum Körper gibt es. Manchmal merke ich das gekoppelt an dissoziative Prozesse. Etwa wenn mehrere Innens zeitgleich agieren oder eine Krisenzeit eine Abschirmung von Innens erfordert. Allgemein aber benutzen wir häufig eher intensive Reize, um uns sicher in der Benutzung des Körpers zu fühlen und uns im Raum zu verorten. Das kann auch implizieren, was andere Menschen dann als “Schmerz” mitmeinen.

Andererseits kennen wir auch den Schmerz von Berührungen im falschen Moment. Es kann uns unheimlich “weh tun”, wenn man uns in einer Panikattacke streichelt oder berührt, wenn wir nicht damit rechnen bzw. die Berührung nicht kommen sehen. Manchmal “tut es weh”, wenn wir konzentriert auf eine Stimme inmitten von Krach hören müssen. Manchmal “tut” müde sein “weh”. Manchmal “schmerzt” das Geräusch, das die Haare zwischen Kopf und Kissen machen. Duschen “tut weh”. Nicht nur, wenn K. das Wasser zu heiß aufdreht, um sich zu fühlen. Laufen auf Betonboden “schmerzt”.

Die Linsen waren gar und ich hatte kein anderes Gemüse mehr zu schneiden.
“Keine Ahnung.”, antwortete ich der Gemögten in unserer Küche, die NakNak*s inzwischen nicht mehr ganz nackten Bauch streichelte.

Ich nahm den Topf vom Herd und schüttete das Wasser ab.
“Vielleicht bleiben wir einfach bei der Frage, ob ich irre bin”, schlug ich vor, als mir auffiel, dass ich meine Hände wieder nicht geschützt hatte.

Worte, Wege, Wertschätzung

Für uns wird im Moment mehr und mehr klar, dass wir mit etwas umgehen, das viele andere Menschen nicht von sich kennen zum Einen und zum Anderen auch nicht bemerken, wenn sie mit uns zu tun haben.
Eine der aktuellen Situationen ist ein Kommunikationsproblem mit unserer gesetzlichen Betreuerin, aufgrund von genau dem Umstand, dass unsere Belastungsfaktoren weder offensichtlich sichtbar (physisch) noch in dem Ausmaß denkbar sind, wie wir sie erleben.
Um einen groben Einblick zu geben, habe ich folgende Grafik angefertigt.

Das “sehen” wir, wenn uns jemand anspricht, ohne, dass wir uns auf ein Gespräch vorbereiten konnten (Standbild):
Wie geht es dir
Manchmal sprechen wir von “dem Faden”, den wir sehen, wenn Menschen mit uns sprechen oder schreiben davon, dass wir “Wörter sehen”.
Der Faden – das soll der gesprenkelte Streifen in der Mitte symbolisieren – die Worte haben in der Regel die Farbe der Umgebungsgeräusche, die Farbintensität nimmt zu, wenn es sich um ein “Raumwort” handelt. Also ein Wort, das viele Bedeutungen oder Verknüpfungen hat.
Als “Umgebungsgeräusch” bezeichnen wir das Surren von Mehrfachsteckdosen, genauso wie Baustellenkrach, Gespräche anderer Menschen und die Geräusche, die entstehen, wenn sie sich bewegen. Menschengespräche “sehen” wir als Wörter – Geräusche als farbige Nebelschwaden.

Ich glaube heute, dass wir Wörter sehen (weil wir Geräusche “sehen” im ersten Schritt, doch im zweiten), weil sie unser Spezialinteresse sind, seit wir denken können (heißt in unserem Fall: egal welches Innen wie viel biografische Amnesie mitbringt: dass Wörter unheimlich anziehend und attraktiv sind, erleben wir alle – wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung. Für manche geht es um Phonetik, für manche um die Bedeutung und für wieder andere sind sie mehr wie Werkzeuge, die zu sammeln sich lohnt.
Als Schema haben wir inzwischen herausgefunden, dass die Bedeutung und die Anwendungsgebiete der Wörter an Relevanz zunimmt, je traumaferner das Innen ist. Wir erklären uns dies damit, dass Wörter bzw. Sprache allgemein in Verbindung mit sozialer Interaktion stehen und traumaferne(re) Innens in der Regel für diesen Part zuständig sind.

Das Wort für diese Wahrnehmung heißt “Synästhesie”.
Das bedeutet soviel wie “gekoppelte Wahrnehmung” und in unserem Fall: “scheiß schwere Arbeit, die nötig ist, um mit Menschen verbal zu kommunizieren und uns außerhalb der eigenen Wohnung/ohne Lärmschutz zu bewegen”.

Wir wissen nicht, inwiefern die frühe und dauerhafte Behandlung mit verschiedensten, bis heute nicht an Jugendlichen unter 18 Jahren erforschten, Psychopharmaka in unserer frühen Jugend dazu beigetragen haben, die Wahrnehmung von gehörten Wörtern zu verstärken.
Doch verstärkt hat sich diese Wahrnehmung während der Pubertät auf jeden Fall. Als Kind haben wir sehr gern Hörspiele gehört (und sie gehortet wie Süßigkeiten) und erlebten dabei eher pastellbunte Nebelschwaden – heute erleben wir klassische Kinderhörspiele (gerade auch, wenn wir uns nicht vorbereiten, eines anzuhören) wie ein unaushaltbares Neongeflacker mit Stacheln, die hinter die Augen stechen.
Eine andere Synästhesie ist während der Pubertät aber abgeklungen. Nämlich die räumliche Wahrnehmung von Wörtern. Das ist heute noch da, doch viel weniger stark und vereinnahmend.

Wir leben mit dieser Wahrnehmung schon unser ganzes Leben und kompensieren sie entsprechend lange auch schon. Nie haben wir darüber nachgedacht, wie belastet wir uns davon fühlen dürfen oder wie legitim wir die Anstrengung der Kompensationsvorgänge einstufen dürfen. Denn genauso lange, wie wir diese Wahrnehmung haben, erleben wir andere Menschen für die das Sprechen mit und das Anhören von anderen Menschen ein scheinbar vollkommen automatisch intuitiver (sozial unabdingbarer) Prozess ist.

Die meisten Menschen, die wir kennen, denken wohl darüber nach, wie sie worüber wann wo mit wem sprechen – doch niemand von ihnen muss darüber nachdenken, wie genau sie das tun. Was genau sie sagen. Für sie gibt es eine unbewortbare Verbindung zwischen dem, was sie ausdrücken/sagen wollen und den Worten, Sätzen und Phrasen, die sie dazu verwenden – selbst dann, wenn sie überhaupt nicht aussprechen, was sie sagen wollen.

Die meisten Menschen schmeißen mit Massen von unkonkretem Wörterspam um sich und haben nur in seltenen Momenten einen echten Anlass dazu, anders zu kommunizieren. Es ist nicht schlimm, dass sie das tun – Sprache ist ein sehr vielfältig einsetzbares Werkzeug – doch es ist schlimm, wenn sie trotz unserer Rückmeldungen keine Modulation vornehmen oder sich damit auseinandersetzen, wie gut sie von uns zu verstehen sind.

Das Problem ist er normative Anspruch basierend auf der eigenen Wahrnehmungserfahrung von Sprache. Das Problem ist Ableism. Das Problem ist die Limitierung von Ressourcen.

Wir beschweren uns immer wieder darüber, dass unsere Helfer_innen und Behandler_innen zu wenig Zeit für uns haben. Das tun wir nicht, weil wir es so toll finden, viel Raum einzunehmen oder keinen Begriff davon haben, dass Hilfe/Unterstützung und Behandlungen nur innerhalb eines fremddefinierten Rahmens erlaubt/möglich/bezahlt/*** ist, sondern, weil wir Zeit brauchen, um eine Kommunikation gehen zu können, in der wir nicht in ein Optionen-Wähl-Rate-Cluster zu rutschen, sondern, um uns ganz direkt um das Ding kümmern können, um das es geht.
Wörterspam “sieht” für uns nämlich auch genau so aus. Selbst dann, wenn wir uns vorbereiten und in einer völlig umgebungsgeräuscharmen Räumlichkeit befinden. Wir müssen heraussuchen, was gemeint ist oder gemeint sein könnte und daneben eine Art Dauerscan-Checkliste laufen lassen, ob das, was wir für gemeint halten, überhaupt Sinn ergibt in dem Kontext, den wir annehmen/erraten/kennen.

Wenn wir in einer Behandlungs- oder Unterstützungssituation auch noch in Erinnerungen getriggert werden, raten wir (aus Gründen)  in der Regel drauf los und sprechen in Satzbausteinen oder Floskeln.
Der Inhalt dessen, was die andere Person sagt, kommt in einer Explosion von unwillkürlich hinzuassoziierten Wörterbereichen und  über das Hören “gesehene” Wortklumpen und –brocken an, die unterm Strich keinerlei Zugangsmöglichkeiten zu inhaltlichem Verständnis für uns bieten. (Da passiert also eine Überschneidung aus “das sehe ich , weil ich es höre” und “das sehe ich, weil ich mir ein Bild von einer möglichen Bedeutung und Antwort und all deren Alternativen mache”)

Und was passiert nach außen?
Wir werden als funktional wahrgenommen (weil wir sprechen und das nicht sonderlich auffällig) und in der Regel kommt niemand auf die Idee, ob wir überhaupt begriffen haben, was uns gesagt wurde.

Wir jedoch wissen das und kommen unter Druck. Wir kompensieren unsere Unwissenheit und vor allem das Gefühl von Unsicherheit, Unverbundenheit, allein mit einem Problem zu sein und darüber getriggerte Todesängste mit Recherchen („Wissen fressen“).
Und natürlich auch immer wieder damit, dass wir auf Hilfe verzichten, weil sie uns zu viel Energie wegfrisst, die auch in die Teilhabe an der Problemlösung selbst fließen könnte.

Eine Barriere für uns ist, dass wir andere Wege zu Kommunikation und sprachlichem Ausdruck haben, als die meisten Menschen, mit denen wir zu tun haben. Wir werden entlang der für die Mehrheit der Menschen passenden Parameter eingeschätzt. Dazu gehört auch der Umfang und die über äußere Veränderungen abgeleitete Effektivität des Sprachvermögens bzw. des Wortschatzes. In unserem Fall wird schnell vernachlässigt, wie kongruent Wortnutzung und Inhalt für uns erscheint; wie tief unser Verständnis und Begreifen dessen ist, was die andere Person geäußert hat und wie gut oder schlecht wir uns über die verbale Kommunikation allein, mit anderen Menschen emotional/geistig verbinden können.

Eine weitere Barriere ist, dass wir nie sagen können “bei uns passiert etwas anders, als bei der Mehrheit der Menschen”, ohne, dass wir für eingebildet, arrogant oder selbstverliebt gehalten werden oder uns dieser Annahme ausgesetzt sehen.
Ich habe es noch nie erlebt, dass uns jemand auf so eine Aussage hin trösten wollte, was die für mich logischst nachvollziehbare Idee wäre. Denn schließlich ziehen wir mit “Wir sind anders, als die Mehrheit der Menschen” auch einen Kreis um das Ausmaß unserer Einsamkeit.

Zuweilen frage ich mich, ob wir uns weniger einsam wähnen würden, hätten wir Wörtern und Sprache nie so viel Aufmerksamkeit geschenkt, wie wir es damals taten und bis heute tun, weil es eine hassliebende Angewohnheit geworden ist.
Für die meisten Menschen hat Sprache etwas mit Zugehörigkeit und Miteinander zu tun, mit Zuwendung zu anderen Menschen und der Widmung, der man der Welt zukommen lässt. Wer nicht spricht, gilt in der Regel als antisozial, weniger menschlich, unkontrollierbar, uneinschätzbar, gefährlich, fremd, unnahbar, wird als „krank“, “geistig behindert”, rundum defizitär wahrgenommen bzw. bewertet, was unseren Sprachknall so auch zu etwas werden lässt, das wir als Überlebenstrick angewandt haben und bis heute anwenden.

Donna Williams hatte in einem Film über sich einmal gesagt, dass man in Filmen über Autist_innen permanent kompensierende Autist_innen (also autistische Menschen, die wedeln, schaukeln etc., weil sie überreizt sind und sich zu regulieren versuchen) sieht und genau das dazu führt, dass neurotypische/nicht autistische Menschen nie ein “wirkliches” Bild davon haben, wie diese Autist_innen sind. Als Individuen, als Menschen, als nahbare, durchaus sich selbst kontrollierende Personen, die in Kontakt mit der Welt und den Menschen darin sind, auch wenn sie nicht sprechen.

Für uns ergibt sich daraus die Notwendigkeit klar zu machen, wie wir angesprochen werden müssen, wenn man wirklich Zugang zu uns finden möchte und ein ehrliches Interesse daran hat, von uns verstanden zu werden und mitgeteilte Informationen zu begreifen.
Dazu gehört auch etwas, das Amythest Schaber öfter in ihrer YouTube-Serie “ask an autistic” sagte, nämlich bereits wertzuschätzen, dass wir überhaupt in verbale Kommunikation gehen, obwohl sie für uns weder intuitiv, noch als Verbindungselement zu anderen Menschen dient bzw. als solches empfunden wird.

Wir haben das noch nie von Menschen eingefordert, denn wir selbst haben den Mehrheitsmaßstab noch immer nicht von uns weggenommen. Zum Einen, weil wir nicht privilegiert genug sind und noch eine ganze Weile davon abhängig sein werden, dass andere Menschen uns ganz leicht für einen Menschen wie sich selbst halten und zum Anderen, weil wir noch keine bzw. nur sehr wenig Lebensqualitätserfahrung gemacht haben, in der die permanente Kompensation von Barrieren keine oder eine wesentlich kleinere Rolle spielt.

Wir wissen noch zu wenig über uns in dem Zustand, in dem alles weniger schwer und zehrend ist. Und wissen folglich auch nicht, ob sich das Kämpfen, das so mancher Forderung folgt, überhaupt lohnt und wenn ja, ob wir das verdient haben, ob wir das dürfen, ob wir selbst dann noch okay sind, wenn wir dann vielleicht nicht mehr im Mehrheitsschutzgebiet verortbar sind.

Was wir wissen ist, dass es barrierenärmer für uns geht, auch ohne etwas zu fordern, das Menschen völlig fremde und neue Wege zu gehen abverlangt.

So komme ich zu der zweiten groben Grafik.
Das “sehen” wir, wenn wir uns auf einen Kontakt mit einer anderen Person vorbereiten konnten (Standbild):
Wie geht es dir vorbereitet
Wir wissen, dass unsere Assistenzhündin NakNak* uns bereits durch ihre Anwesenheit und ihre Toleranz, sich von uns wann auch immer berühren zu lassen, auf eine Art fokussiert und in Kontakt mit der Welt und den Menschen darin bringt, die uns nicht in der Präsenz flirren und flackern lässt. Ist NakNak* da, sind wir da. Sind wir da, ist der Weg in die Lautsprache so viel vereinfachter, dass unsere Arbeit mit dem Wortschatzwerkzeugkasten um bis zu 50%  weniger kraftraubend ist.

Wir wissen, dass wir sozial sehr davon profitieren, uns nonverbal auszudrücken und schriftlich zu kommunizieren.
Wir wissen, dass wir unsere psychische Stabilität erhalten können, wenn Informationen zu einer Problemsachlage einem Schema folgend mitgeteilt werden (Wie war die Lage? – Wie ist die Lage jetzt? – Was ist tun (in einer Aufzählung konkreter Handlungsanweisungen)? – Welche Personen sind wofür ansprechbar? – Was sind die Marker für die Lösung des Problems?).
Wir wissen, dass wir uns sicherer fühlen, wenn Menschen kontinuierlich absehbar in direkten Kontakt mit uns gehen. (feste Termine, konkret terminierte Anrufe etc.)

Wir wissen aber auch, dass die wenigsten begreifen, dass unser “Profit” darin besteht, eine Barriere kompensieren zu können und nur so überhaupt erst teilhaben können und involviert zu sein.
Wenn wir uns NakNak* an unsere Seite wünschen, tun wir das nicht, weil mit Hund einfach alles toller ist. Wenn wir uns jede Woche einen festen Termin zur Besprechung des aktuellen Stands unserer Belange wünschen, dann tun wir das nicht, weil wir den Menschen so nett finden oder glauben, dass jede Woche etwas Neues passiert. Wenn wir uns eine klare Ansage zum Zeitpunkt eines Anrufs wünschen, dann tun wir das nicht, weil wir Lust an der Kontrolle anderer Menschen empfinden. Wenn wir darum bitten, Hintergrundbeschallung auszuschalten, Stecker aus der Steckdose zu ziehen, uns nicht am naheliegensten, sondern am stillsten Ort zu treffen, dann tun wir das nicht, weil wir gerade “hypersensibles Pflänzchen” spielen. Wenn wir in einem Gespräch viele Verständnisfragen stellen, dann tun wir das nicht, um das Gespräch möglichst umständlich zu machen.

Wir haben dieses Begreifen von anderen Menschen nie eingefordert, sondern immer nur gewünscht. Und das noch nicht einmal seit immer, sondern auch erst, seit wir verstanden haben, wie alleinsam wir sind, wenn niemand bemerkt, wie selbstverständlich/automatisiert/abgezwungenermaßen wir uns an ein soziales Miteinander anpassen, in dem wir mit unserem Wahrnehmen weder anerkannt, noch bedacht, noch gewertschätzt werden.

Wann immer wir momentan ein Kommunikationsproblem haben und an seiner Auflösung scheitern, kann ich nicht mehr anders, als zu bemerken, als wie viel zu hoher Anspruch an uns kommuniziert wird, was wir jeden Tag seit nun über 30 Jahren ohne Wenn und Aber leisten, ohne viel mehr Anreiz als die Sicherung des eigenen Überlebens zu haben.
Wir sehen wohl, wie nah dort der Gedanke: “Mimimi – das ist aber ungerecht” liegt und doch haben wir den nicht. Wir erleben viel mehr die abnehmende Bereitschaft weiterhin mit Menschen zu sprechen, die kein Interesse daran haben zu überlegen, ob ihre Haltung uns gegenüber vereinbar damit ist, selbst so behandelt werden zu wollen, wie man andere behandelt.

Vielleicht wollen wir mit unseren täglichen Leistungen plötzlich auch gewertschätzt werden, obwohl das für uns noch nie im Kontext mit anderen Menschen wichtig war und kaum jemand diese Leistung als überhaupt wertschätzbar wahrnimmt.

in ein Damals gehen

Ich hatte es schwieriger in Erinnerung.

Sich Innens annähern, die wie Gatschklumpen in diesem quecksilbrigen Brei aus “Irgendwas war da mal … ganz früher … oder so? … irgendwie…”, der manchmal an meine Füße schwappt, sind.
Irgendwo in der Erinnerung stehen und wie ein Zaungast sein, dem die Handlung aus dem eigentlichen Publikum zugeflüstert und die Szenerie von kleinen Schauern über den Rücken herangetragen wird.
Einen bestialischen Schmerz auffangen, ohne ihn zu berühren und in der Bewegung zu einem Echo verwandeln. Von 100 auf 80 auf 60 auf 40 auf 20 auf 10  runter zu regeln.

Sowas.

Das habe ich zuletzt vor 12 Jahren gemacht. Als ich aus Versehen erinnerte, wie schmerzhaft mein Durst war und wie viel schmerzhafter das Trinken von Wasser aus einem Glas. Damals.
Ich trat neben mich in diesem Damals und nutzte meinen komisch schmerzreaktiven Atem als Wind, der den Schmerz in ein Echo ins Heute verwandelt. Im Außen machte ich eine Bewegung mit der Hand, um dem Echo eine Richtung von mir weg zugeben.

Es war gut und wichtig für mich diese Verwandlung allein zu machen und in die Auseinandersetzung zu gehen, ohne jemandem von meinem Durst zu erzählen oder meinen Raum teilen zu müssen.
Aber es war schwer.

Ich hatte keine Idee, keinen Plan, keine Richtung außer “weg” von dem, was der Flashback übrig ließ, wenn ich ein Glas in der Hand hatte. Ich hatte nicht den Wunsch mit jemandem darüber zu reden. Erlebte meine Erinnerung so inmittend, dass ich keinen anderen Menschen in der Nähe, keine anderen Gedanken als meine, und selbst davon nicht mal alle, daran hätte ertragen können.
Ich ging alleine durch die Schleifen aus Überflutung bis ich das Moment fand, in dem ich den Schmerz kommen sehen konnte. Ich ging alleine durch die Verzweiflung, die sich auftat, als ich merkte, dass ich ihn nicht ungeschehen machen kann. Ich ging alleine durch die Not an dem Gefühl der bitterklebrigen Angst vor Wasser an meinem Mund, obwohl es DER EINE Gedanke war, der mich hat nach Feuchtigkeit suchen lassen. Damals wie heute noch manchmal.
Es hat quälend lange Wochen gedauert, bis ich in die Idee kam, eine Beobachterposition einzunehmen. Ein “so tun als ob Spiel” zu versuchen, obwohl es mir als Selbstbeschiss klar war. Den Schmerz kommen zu lassen, meinen komisch schmerzreaktiven Atem zu spüren und in das Geschehen mit dieser einen Windbewegung hineinzugreifen – und sonst gar nichts. Keine Schutzbewegung, keine Gedanken oder Worte, die mir lieber gewesen wären – damals wie damals wie heute.

Damals vor 12 Jahren, waren wir noch 17 bald 18 Jahre alt und sich an seinen Erinnerungen und dem Umgang damit, so zu quälen, war noch normal. Wir machten Vermeidungstänze über Vermeidungstänze und umfächerten diese mit einem waberigen Wörternetz nach außen, das im Innen keine Entsprechung hatte.
Das ist heute nicht grundlegend anders und doch kaum noch zu vergleichen.

NakNak*s Anblick an dem Morgen im Zelt hatte ein Erinnern ausgelöst, das ich zu dem Zeitpunkt nur über einen Impuls von einem Kinderinnen bemerkte und mit einem weiteren Punkt auf meinem Handlungsablaufplan beantwortete: “Ich kümmere mich darum, dass wir uns darum kümmern können.”
Kinderinnens sollen sich in solchen Dingen auf mich verlassen. Das habe ich mir (und manche anderen Frontgänger_innen) irgendwann als Kompromiss überlegt, weil ich es bis heute nicht schaffe, genug Kraft für sie und ihre Erinnerungen, in mir und meinem Sein aufzubringen, aber manche Menschen in unserem Leben dies schaffen.

An dem Morgen, an dem NakNak*s Krankheitsanzeichen unübersehbar waren, schrieb ich der Therapeutin eine Nachricht, telefonierte mit dem Begleitermensch, drehte mich aus den Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen des Innen heraus und legte meine gesamte Energie in die Fahrt nach Papenburg.
Als wir, viele Stunden später, zu Hause waren, legten wir NakNak* auf ihren Platz und klemmten das erinnernde Kinderinnen über die Druckwelle hinter sich. Wie ein Korken im Hals einer Sektflasche, den man zusätzlich mit einem Sicherungskorb aus Aluminium an seinem Platz hält. Dieser Sicherungskorb bestand aus den Armen von Innens, die die Berührung dieses Kinderinnens aushalten können und keine Alltagsfunktionen haben. In schlauen Büchern heißen solche Innens “innere Helfer” – in uns sind es “Innens, die gerade helfen können”

[diffiziles Wortspiel? Mag sein – ist aber wichtig. “Innere Helfer” limitiert ganze Innens auf eine Helferrolle, was eine unlogische Idee ist, wenn man alle Innens mit allem was und wer und wie sie sind, kennenlernen, annehmen und mit ihnen interagieren will.]

In den nächsten Tagen bis zum mit der Therapeutin verabredeten Termin, taten wir nichts weiter, als das Hier und Jetzt zu halten, uns gut zu versorgen und das allgemeine Anstrengungslevel niedrig zu halten. Wir taten, was uns entlastete. Gaben verschiedenen Innens einen Anteil von Zeit und Raum, um sich auszudrücken, sich zu entlasten, die Situation so aushaltbar wie möglich für sich zu machen.

[Wenn sich manche Innens entlasten, kann das bedeuten, dass sie Dinge im Außen tun, die heute eigentlich nicht mehr nötig sind oder andere Innens wiederum in unkontrollierte Erinnerungsprozesse stoßen. Wir haben inzwischen genug innere Kommunikation um grobe Impulse zu spüren (und genug Therapieerfahrung, um darüber nicht auszuklinken) und versuchen entsprechend unsere Umgebung so zu gestalten, dass die Wahlmöglichkeiten um eigenes Agieren im Heute für alle Innens kontinuierlich und sicher zugänglich sind. (Unabhängig davon, ob sie  auch alle diese Wahlmöglichkeiten sofort bewusst wahrnehmen oder als solche einordnen können. Der Unterschied passiert durch das ganz konkrete Vorhandensein der Möglichkeit!
Zu spüren, dass sich ein Innen für etwas entscheidet, das es gut kennt und deshalb als entlastend erlebt, ist etwas völlig Anderes, als nur wahrzunehmen, dass es etwas tut, wozu es eventuell früher einmal gezwungen war und es deshalb auch heute noch tut oder tun will ™ oder möchte ™ und, wenn man ganz ehrlich ist und sich ein bisschen reindenkt, auch keine so richtig wirklich greifbare andere Wahl hat, oder miterleben kann oder annehmen kann.]

Wir nennen Termine für dieses Kinderinnen “F.-Stunden” und haben uns dafür ein Schema überlegt, weil das meistens Stunden sind, in denen Zugänge zu desorientierten Innens zu finden versucht und manchmal auch gefunden wird. Manchmal geht es aber auch darum, sich bereits gefundenen Innens zuzuwenden und Möglichkeiten der Reorientierung zu finden.
Heißt: es geht um schwierige Themen, die Kraft und Widmung erfordern.
Das sind keine Stunden (mehr), in die wir reingehen und uns sagen: “Ja, mal gucken was kommt.”, weil wir heimlich doch drauf hoffen, dann doch irgendwie nichts damit zu tun haben und es vielleicht hinterher nicht mal richtig zu erinnern.
Letztlich haben wir nämlich immer etwas davon mitbekommen – und sei es ein ferner, ganz diffuser Nachhall, der uns dann im Alltag völlig verunsicherte, belastete und nach und nach ganz subtil destabilisierte, was erneute Symptomschleifen zur Folge hatte und dann am Ende genau gar keine Erleichterung und Verarbeitung oder eine stabile Verbindung für andere Innens ins Heute zur Folge hatte.

So sehen wir Frontgänger_innen im Moment unsere Aufgabe nach innen: Wir sind dafür da, damit andere Innens eine kontinuierlich sichere, offene, stabile Linie von Außen (Heute) zu uns (als Körper, der existiert) zu sich (als Sein, das (manchmal noch im Damals, im Früher, im Nichts, im Inmitten … etc.) ist) haben können.
Wir machen unseren Einsmensch-Alltag, verbinden uns mit dem Heute, Hier und Jetzt, sichern uns, versorgen uns, machen Gemögte, Bekannte, Freund_innen und arbeiten an guten Linien, Lücken und Nischen für das Innen.
Eine mit der Therapeutin verabredete “F.-Stunde” bedeutet für uns entsprechend vorher immer:

– die Prüfung der allgemeinen Fähigkeit zu so einer Stunde (“Wie ist die körperliche Verfassung?”, “Haben wir genug Nerven dafür?”, “Fühlen wir uns sicher?”)
– keine akuten Probleme mit Behörden, die wir alleine lösen müssen
– keine akuten sozialen Probleme mit Gemögten und Herzmenschen, die Kinderinnens verunsichern oder akut triggern
– es wird (mindestens am Tag vorher, dem Tag selbst und dem Tag danach) genug gegessen, getrunken, geschlafen
– keine zwingend nötigen anderen Termine an dem Tag (und evtl. den Tagen danach)
– die Wohnung ist aufgeräumt und übersichtlich
– Essen für den Tag (und die Tage danach) ist vorgekocht oder es gibt genug Zutaten für “ein Löffel-Rezepte”
– es gibt einen Zeitraum für bilaterale Stimulation an dem Tag (z.B. laufen, Rad fahren, (mit NakNak*) spazieren gehen)
– da wir auf “F.-Stunden” in der Regel mit Fieber reagieren und nach der Bewegungszeit (etwa 1 Stunde) erstmal schlafen müssen, stellen wir uns meist schon vorher alles ans Bett, was wir in greifbarer Nähe brauchen könnten: Telefon, Laptop, Bücher, Lavendelöl, Kreisel, eine Flasche Wasser, verschieden dicke und schwere Decken, verschiedene Stifte und einen Schreibblock
– wir erlauben uns inzwischen auch so lange nicht zu sprechen, bis es von Innens, die das gut einschätzen können, das Okay gibt, wieder Energie  in Lautsprache zu geben
– wir legen uns die Sätze zurecht, mit denen wir die Therapeutin um Dinge bitten, die wir eventuell von ihr brauchen
– wir packen unseren Erbsenmomentbeutel  in den Rucksack
– stecken uns Geld für ein Taxi ein, für den Fall, dass wir zu erschöpft sind, um allein nach Hause zu kommen

– wir erarbeiten uns die Basis der “F.-Stunde”:

  • Welche Verbindungen können wir für den Zeitraum der Stunde ganz stabil eingehen (und wieder auflösen), welche sind eher nicht so stabil und welche Verbindungen könnten uns destabilisieren?
  • Haben wir bereits in früheren Therapien an diesem Damals gearbeitet?
    Wenn ja: welche Verbindungen waren damals stabil und welche eher nicht?
  • Gibt es Impulse, Ideen, Gefühle, Erinnerungen(splitter), die uns Hinweise geben, welches Thema das Innen oder das Stück Damals hat (als Überbegriff, damit wir in der Stunde nicht ziellos umhermäandern, sondern um F. herum stabil bleiben, um zu unter.stützen und zu begleiten)?

Und dann bleibt nur noch, dieses Gefühl gut gewappnet und gesichert zu sein, bis in die Praxisräume getragen zu bekommen und in der Stunde selbst auch nicht zu verlieren. Je sicherer wir uns mit uns selbst, mit dem Thema und dem Vorhaben fühlen, desto leichter ist es, eine Verbindung zur Therapeutin zu halten, während F. oder ein anderes nicht im Alltag wirkendes Innen (aus anderen Systemen als unserem) mit ihr spricht.

“Verbindung halten” meint dann nicht immer unbedingt, dass wir sie hören oder sehen oder fühlen oder riechen – meistens ist das eher so, dass wir uns und sie im Therapiezimmer wähnen und dieses Wähnen einfach nicht loslassen oder vergessen oder ausplätschern lassen (dissoziieren).
Das ist so, als würde man Gähnen oder Niesen unterdrücken, aber gleichzeitig doch ein bisschen von dem machen, was Gähnen oder Niesen macht – denn letztlich dissoziieren wir ja doch, wenn wir uns dafür aufmachen, dass F. mit der Therapeutin spricht oder auch ganz übernimmt. Aber – um in dem Vergleich zu bleiben – wenn wir ganz loslassen (ganz niesen oder gähnen), sind wir nicht mehr “da” und haben keinen Gedanken (an die Therapeutin, das Heute, die Stunde, uns selbst)  sondern nur noch F. und das, was dieses Kinderinnen mitbringt, denkt, fühlt, weiß und wähnt.

Wenn sie miteinander sprechen, trägt F. die Fragen und Sätze von der Therapeutin in den Bereich ganz direkt um sich herum und bringt ihn in Bewegung. Wir merken das manchmal als Impulse, aber manchmal auch als Gedanken oder Bilder.
Weil wir (gesprochene) Wörter sehen, sehen wir meistens auch, wie sich durch das Sprechen mit der Therapeutin für F. (und uns) (Wortbedeutungs-)Räume eröffnen, die ohne die Bewegung nicht zugänglich waren (und es später, wenn die Stunde zu Ende ist, häufig auch erneut nicht sind).

Wird die Bewegung mehr, gibt es oft so etwas wie einen Schmelzpunkt oder Point of Dissoziation – und das ist eigentlich das einzige Moment, in dem wir tatsächlich gefragt sind. Nicht inhaltlich und auch nicht emotional – das liegt alles bei F. – wir sind eher gefragt, dass sie dann nicht erneut dissoziiert (“schmilzt”), weil sie die Bewegung (das Erinnern, die Resonanz von den Innens, Jemanden, Etwas.en, Seins und Ists … um sich herum) nicht aus.halten kann.
Die Verbindungen, die wir uns vor der Stunde erarbeitet haben (und der Therapeutin soweit, wie das okay war, gesagt haben) legen wir dann an die Punkte an, die wir entweder von der Therapeutin gesagt bekommen oder als am stärksten in Bewegung sehen.

Dann müssen wir selbst aufpassen, dass wir nicht an diesen “Schmelzpunkt” kommen, weil es sich bei diesen bewegten Stellen schlicht mal immer um Wahrnehmugsgranatensplitter von traumatischen Erfahrungen oder um Innens, Jemande, Etwas.e, Seins und Ists … handelt, die F. dissoziiert hat und, die nicht in unserem Heute orientiert sind. Also, deren Jetzt für uns völlig fremd, überbordend schrecklich und schnell auch so überfordernd ist, dass wir die Verbindung zur Therapeutin nicht halten können.

Während der Verabredung zur letzten “F.-Stunde” hatte die Therapeutin gesagt, F. würde manchmal an ihrem Bein sitzen und die Hand halten.
Nach einem Peinlichkeitsvermeidungstanz um den von mir gewitterten Klischeeschmalz abzuschütteln, dachte ich dann, wie eigentlich doch auch logisch das ist, wenn F. die Hand der Therapeutin hält, denn: Wenn sich um das eigene Ich alles bewegt und alles Mögliche hochspült, braucht man einen Anker und wir anderen Innens bilden den (noch) nicht für sie – wir wirken viel mehr wie Wellenbrecher, Leuchttürme, Bojen und Fähren im Innen. Die Verbindung nach Außen ist durch die Hand und den Kontakt am Bein der Therapeutin gegeben.
Das ist ähnlich wie unsere Strategie mit dem Band, das die Therapeutin an einem Ende hält und wir am anderen – nur physisch konkreter in der Rückmeldung.

Meistens erfahren wir in “F.-Stunden” von Gewalt, die für F. irgendwie zum Alltag gehörte. Die vom Sprechen über das, was F. mit der Therapeutin zu teilen bereit war, herausgelösten Innens, schieben wir in eine Mischung aus Imagination und Dissoziation, in der es nur um die Information geht, dass ES vorbei ist und DAS DA so in der Form nicht mehr passiert.
Meistens ist es das Stück im Innen, in dem wir unsere Erfahrungen mit dem Heute als erwachsene Person, die mehr selbstbestimmte Entscheidungen treffen kann, sicherer ist, besser versorgt ist, weniger einsam ist und viel mehr Anlass für Mut und Zutrauen hat, als sie es früher, als das Jetzt dieser Innens war, hatte, speichern und für uns bewahren.
So entsteht eine zarte gemeinsame Verbindung (die man sich hier in dem Schema als Linie in der Mitte vorstellen muss):
Ich hatte in Bezug auf “F.-Stunden” und “F.-Themen” oft eher das Gefühl, immer rangepfiffen zu werden, wenn es zu kippen drohte oder sich die Therapeutin wünschte, dass F.  oder ein rausgespültes Innen in Angst oder Not, meinen kraftvoll taktlosen Charme eines mittleren Eisenbahnunglücks spüren, um eine Verbindung zum Heute aufgehen zu lassen.

Das funktioniert manchmal innerhalb “meines Systems” – aber noch nicht außerhalb. Mir sehr ferne Innens aus einem anderen System (also einem inneren dissoziierten Funktionscluster) über mich ans Heute bringen zu wollen ist, als wolle man eine lückenhaft geschriebene Appleanwendung mit einer nur teilweise gut arbeitenden Windowsanwendung zusammenbringen, um ein Ergebnis auf einem Linux-Rechner zu erhalten. Also ziemlich unmöglich.

Dann spürten wir eine Weile nach der Stunde, dass von der verabredeten “F.-Stunde” ein Etwas übrig geblieben war und wir hatten uns in der folgenden Woche überlegt, wie wir dem begegnen können.
Wir hatten Grund zu Annahme, dass ich eine in einem Aspekt ähnliche Erfahrung mit diesem Etwas teile, diesen aber im Gegensatz zu dem Etwas überstanden habe, zeitlich und räumlich orientiert bin, mit der Therapeutin sprechen kann – und schon einmal direkt in ein Damals hineingegriffen habe, um etwas im Heute zu erleichtern bzw. zu verändern.

Wir haben also unser Schema angewandt. Haben die Therapeutin gebeten, sich leicht schräg rechts neben uns zu stellen, während wir fast auf unserem üblichen Platz standen. Sollte ich in den Reflex kommen, mich aus dem Damals herauszudrehen, würde ich sie mit hoher Wahrscheinlichkeit noch sehen und mich besser halten können, da sie als Person ein fester Heute-Marker ist.
Ich ging in Verbindung mit anderen Innens in das Damals hinein und wie gesagt: ich hatte es schwieriger in Erinnerung
Dichter. Drängender. Schwerer an die eigenen Gedanken zu kommen.

So in Verbindung und dem Gefühl, mir dieses Moment von Widmung leisten zu können, weil alles andere gerade nicht meine Aufmerksamkeit brauchte, war es nur die Belastung mit dem, was ich von dem Damals sah, den Impulsen, die von einem versprengten Kinddunkelbunt kamen und die Kommunikation mit der Therapeutin.

Im Nachhinein kommt es mir vor als hätte ich meine Belastungsfaktoren hin und her jongliert. Das Kinderdunkelbunt pulste immer wieder in mich hinein und schwappte bis in mein Fühlen, obwohl ich mich von ihm zu entfernen versuchte, um nicht von unserem Vorhaben abzukommen. Die Therapeutin und ich kamen überein, dass es wohl nicht orientiert ist und einen Rahmen braucht. Ich sah keine andere Übersetzung von “Rahmen” ein, als “Halt” und den Link zu F. und dem Händchen halten mit der Therapeutin.
Ich schob das Kinderdunkelbunt in meine linke Hand und legte sie auf die rechte Hand der Therapeutin. Dort konnte es erstmal bleiben. Bei mir (und in meiner Verantwortung irgendwie) aber irgendwie auch bei der Therapeutin und damit im Heute, in dem ich mich gut auskenne.

Wir versorgten das Etwas und ich legte im Verlauf meine rechte Hand in die linke Hand der Therapeutin, um das konkrete Haltgefühl von dort in das Damals einzubringen.

[Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: wäre es um ein Innen gegangen (also ein ganzes Ich mit Name, Sprache, mehr als schwammiges Restbewusstsein um das eigene am-Leben-sein), hätte es den Kontakt über die Hände der Therapeutin nicht gebraucht – da hätten Wörter genug Konsistenz mit sich gebracht.]

Ich regelte die Schmerzen des Etwas herunter, drehte meine rechte Hand in der Hand der Therapeutin herum und sagte etwas, worüber ich mich am Abend dann nachträglich fast irgendwie erschreckte, obwohl es mir in dem Moment einfach so richtig vorkam, wie der Lauf der Dinge: “Hm, okay – ich halt mich mal grad an Ihnen fest.”.

Ich griff in das Damals und bewegte den Schmerz in eine Richtung, die passend erschien. Wir bewegten das Etwas in den Bereich der Heutemarkersammlung und verkapselten das Kinderdunkelbunt in der gewohnten eigenen Sicht der Dinge, neben der, die die Worte der Therapeutin aufzeigte.
Wir lösten die Verbindung der Hände und setzten uns hin. Ich trank etwas und wir sprachen über das Geschehene drüber bis ins Heute.

Es gab einen Aspekt, mit dem ich nicht gerechnet hatte und an den wir allgemein nicht gedacht hatten:
das “Es geht um mich”-Paradox

Was wir “viele sein” nennen, besteht physisch nicht. Kein Mensch hat jemals viele andere Menschen in sich. Einzige Ausnahme: schwangere Menschen, die ihre Embryos/Föten als Menschen betrachten.
Wir sind ein Mensch, der sich selbst so fremd und fern ist (dessen Selbstwahrnehmung so dissoziiert ist), dass eigene Persönlichkeitsanteile und Seinszustände, als so fremd und fern erscheinen, dass sie wie andere Ich’s wahrgenommen werden und in unserem Fall (bei dem eine tertiäre Dissoziation (DIS) vorliegt) auch auf autonomen Funktionsbereichen (inneren Systemen) basierend, mit der Umwelt inter_re_agieren.
Mein Grundproblem ist also nicht, dass ich mich als “wir” denke oder mich manchmal fremd empfinde, sondern, dass ich, wir, als Einsmensch in unterschiedlich dissoziativen/dissoziierten Zuständen unterschiedlich inter_re_agieren, wechselnde Fähigkeitenniveaus haben, dissoziative Störungen unterschiedlich gut kompensieren können und unterschiedlich weit von einander dissoziierte Funktionsbereiche im Leben haben, was alles jeweils mit unterschiedlicher Selbstwahrnehmung, Selbsterfahrung, Selbst_Bewusstsein, Selbstbild und darüber auch entstehende Konzepte von der Welt, dem Lauf der Dinge und anderen Menschen, einher geht.

Wenn ich mich einem Stück Damals zuwende, das ich nicht gelebt habe (also für das ich eine dissoziative Amnesie habe), habe ich zeitgleich so wenig Verbindung zu diesem Bereich, dass ich nie das Gefühl habe, wir würden über etwas sprechen, das mich betrifft.
Das ist, wenn man es sich so anschaut, zwar ganz offensichtlich – grell blinkend mit Leuchtschildern umrandet – unlogisch – aber eben doch, was ich einfach so empfinde.

Ich hatte in der Stunde, während wir uns dem verbliebenem Etwas gewidmet haben, bis zu dem Punkt, an dem mir das Kinddunkelbunt seinen Fuß ins Bewusstsein stampfte und wütend über die Versorgung durch uns brüllte: “Das bin aber nicht ich!”, nicht das Gefühl in einem Damals zu stehen, das eines von mir war.
Ganz klar ging es diesem Kinddunkelbunt um irgendeinen anderen Kontext als den, an dem wir gerade waren und auch um einen, den ich nicht nachvollziehen konnte – deshalb war es gut, es in meine linke Hand zu schieben und diese in die Hand der Therapeutin zu legen – aber der Satz war da und fand in mir einen Resonanzraum, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn hatte.

Mir passiert Dissoziation in der Regel einfach. Es gibt zwar Momente, in denen ich sie leichter zulassen oder abbrechen kann, doch die Trennung selbst beginnt aus Reflexen heraus, die mir meist nicht spontan bewusst sind.
Es ist also kein üblicher Teil meiner Gedanken mit etwas verbunden oder von etwas getrennt zu sein, sondern eher, dass ich auf etwas reagiere, das für mich da ist . So etwa die Aufgabe, sich um ein Etwas im Innen zu kümmern, indem wir, in Begleitung der Therapeutin, in ein Damals hineingehen.

Auf den Ausruf des Kinddunkelbunt, hatte ich in dem Moment zuerst geantwortet: “Ja, ich auch nich – komma klar – stör mich nich”, (weil ich das so gut kann – dieses “geduldig und freundlich mit Kinderinnens umgehen” *hust*).
Doch die Interaktion mit der Therapeutin wirkte später wie eine Hauptstraße, die in einem Kreisverkehr endete. Sie und ich waren fest verbunden, doch ich war auch in Bewegung und so war sie auch in Verbindung mit dem Etwas, den Innens, die mit mir in das Damals hineingegangen waren und dem Kinddunkelbunt.

Der Satz “Das bin aber nicht ich” blieb in mir als Element wie ein Fremdkörper hängen.
Jetzt, wo ich diese Erfahrung hier aufschreibe, habe ich die Idee, dass es das tat, weil es mir im ersten Gedanken ganz klar und logisch erschien, im zweiten Gedanken jedoch, in dem ich eine erwachsene Person im Heute, Hier und Jetzt bin, die sich seit inzwischen 13 Jahren mit der Thematik “Trauma und Dissoziation” beschäftigt und kognitiv völlig klar und bewusst hat, dass diese innere Überzeugung/Wahrheit eine ist, die ganz typisch für eine dissoziative Kluft in der Selbst_Wahrnehmung ist, aber genauso klar und unlogisch bewusst ist.

Während der Therapiestunde sagte ich der Therapeutin, dass das bei mir hängen geblieben ist, blieb aber an der Stelle stehen, an der beide Wahrheiten nebeneinander klar und okay sind. Einmal, weil die Stunde um und wir insgesamt ziemlich erschöpft waren und einmal, weil ich mir nicht schlüssig darum bin, was ich an der Stelle tun oder fühlen oder denken soll oder was überhaupt dort passieren kann.

Wir fuhren eine schöne Strecke mit dem Rad nach Hause und wickelten uns in das Heute, in dem es eine wieder quietschfidele NakNak*, freie und sichere Zugänge zur Versorgung von Grundbedürfnissen und einige Optionen auf Erbsenmomente und andere Er_Lebenserfahrungen gibt.

Und daneben auch die Wahlmöglichkeit, wie schwer oder leicht man sich manches darin macht.

“nur”

Vielleicht war es eine Frage der Zeit. Vielleicht war es ein logischer Zwang. Vielleicht ist es ausgleichende Gerechtigkeit.

Nach ein paar Tagen, in denen wir uns NakNak* wieder und einander im Innen in kleinen Sprossen angenähert haben und alles danach aussah, als müssten wir nur warten, verwässerten mir Zeit, Raum und Lauf der Dinge.
Wir waren verabredet, hatten einen Plan und das Letzte was ich sicher weiß ist, dass wir einkaufen gegangen waren.
Dann starb ich einen Tod bei dem mir alle Luft aus dem Brustkorb gestoßen wurde und schaue 21 Stunden später einem Zug am Bahnhof Leer hinterher. Ich bin und bin nicht. Alles ist okay, es ist nur weit weg, seltsam schmerzlich und außerhalb von Zeit und Raum. Dann öffne ich unseren Briefkasten. Weil wir so nach Hause kommen. Immer. NakNak* ausziehen, schütteln lassen, Keks, aufschließen, Briefkasten prüfen, Treppen hoch, Leine und Geschirr an den Haken hängen, Wohnung aufschließen, NakNak* trinkt was und geht auf ihren Platz, während wir die Schuhe ausziehen und ins Regal stellen.
Wenn die Tür hinter uns zu ist, dann sind wir da.

Wenn die Tür hinter uns zu geht, sind wir sicher.
So dachten wir jedenfalls in den letzten paar Jahren. Beziehungsweise – dachten wir irgendwann nicht mehr, denn so läuft das, wenn man sich sicher fühlt. Man hat nicht mehr die Angst, die eine_n dazu bringt, sich zu vergegenwärtigen wie gefährdet man tatsächlich ist.

Ich öffnete die Post von unserer gesetzlichen Betreuerin und spürte direkt, wie sich meine Ränder erneut aufzuweichen begannen.
Unser Bafög-Antrag entwickelt sich derzeit in einen unsere Sicherheit massiv gefährdenden Selbstläufer, während unsere gesetzliche Betreuerin in ihrem Schreiben klingt, als hätten wir ihr nie jemals irgendwas von unserer Ausstiegszeit, unseren Versuchen so abgetrennt wie möglich zu unserer Herkunftsfamilie* zu sein oder den Wünschen in den nächsten Jahren eine komplette Anonymisierung vornehmen zu lassen. (Es klingt aber nur so – im Kontakt ist ihr der Umfang des Problems durchaus klar)
Der geänderte Klinikbericht lässt eine Einstellung uns gegenüber durchblicken, die uns an einer Stelle erschreckt und an einer anderen Stelle angewidert abstößt.

Erneut stehe ich nach einem Tag, der für viele andere Menschen nicht einmal im Ansatz nachfühlbar ist, mit einem Stoß Papier in der Hand und fühle mich maximal ausgeliefert, allein, ohnmächtig und schutzlos. Erneut. Schon wieder. Again. Again. Again.
Obwohl OBWOHL und trotz alle dem und alle dem

Ich spreche der Therapeutin auf die Mailbox. Schreibe ihr später, dass sie nicht anrufen braucht und merke noch später, dass ich auf meinen Standardsatz zurückgegriffen habe: “Ich komme schon klar.”.
Ich rufe den Begleitermenschen an und versuche mich in eine Form zu bringen, bis er zurückrufen kann.

Mit dem Begleitermenschen über unsere bürokratische Hölle of the doom zu reden ist neu und ok. Wir verabschieden uns und ich habe einen Handlungsablaufplan für den nächsten Tag. Und das Gefühl, dass jemand mein Drama daran auf der allgemeinen Ebene verstanden hat.
Wie das ist, die Person zu sein, die alles wissen soll, weil sie alles wissen muss, denn es geht ja um sie, doch genau das nicht tut, weil ihre Situation so komplex, so vereinzelfallt und unklar ist, dass es nicht geht.
Am Ende glaube ich sogar, dass er der Einzige ist, der verstanden hat, dass wir uns genau deshalb für eine gesetzliche Betreuung entschieden haben. Während unsere gesetzliche Betreuerin von sich sagt, sie sähe sich nur als bessere Sekretärin für uns und damit erneut das Kernproblem und seine Aufbereitung bei uns lässt, dessentwegen wir sie brauchen.

Gegen Mitternacht liege ich in einer Lavendelwolke im Bett und merke, dass ich weine, ohne zu weinen.
Da ist kein Gedanke daran wie ungerecht doch die Welt zu uns ist, oder wie gemein das ist, dass es für uns erneut so scheint, als ginge es für uns einfach nie ohne Extraschleifen, missachtete Kommunikationsprobleme und diesen einen Schmerz – da ist einfach nur der Gedanke: “Aber ich hab doch gesagt…”

Ich habe gesagt, was gefährlich für uns ist und warum.
Ich habe gesagt, was in der Klinik schwierig ist und warum.
Ich habe gesagt, was genau ich von Menschen, die mir ihre Hilfe anbieten, möchte und warum.
Ich habe gesagt, was wir leisten können und warum wir was brauchen, um das auch zu können.
Ich habe gesagt, was ich denke und warum.
Ich habe gesagt, was ich fühle und warum.

Ich suche die Verantwortung für das Versagen der Kommunikation zwischen mir und anderen Menschen nachwievor bei uns allein und komme in einen Zwiespalt, sobald mir andere Menschen, wie der Begleitermensch sagen, dass zu einem Gespräch immer mindestens zwei Personen gehören. Dass andere Personen andere Dinge verstehen können, als die die man sagt und, dass es immer wieder darum geht zueinander zu finden, wenn eine Person sagt, dass sie missverstanden wurde.
Der Knaller ist, dass er das für jedes Gespräch meint. Auch für Gespräche zwischen “kranken” und “behandelnden” Menschen und Gespräche zwischen Menschen, die einen Hilfsauftrag an andere Menschen haben.

Wieder berühre ich das Moment, in dem ich darauf beharren will, dass die Behandler_innen in der Klinik ein bereits vor unserer Aufnahme bestehendes Mindset von uns hatten (und haben) und wir hätten sagen, machen, sein können, was und wie auch immer, um das Ergebnis zu kriegen, mit dem wir jetzt, mit all seinen inneren und äußeren Konsequenzen, die wir für uns im Leben haben, zurecht kommen müssen.
In diesem Moment geht es nicht um Schuld – es geht um Gewalt im Sinne einer Macht-Ohnmacht-Dynamik, aus der wir nicht können, weil wir ohnmächtig sind und diese Menschen nicht müssen (nicht einmal müssen wollen), weil sie bereits (definitions- und deutungs)mächtig sind.

Wieder sehe ich uns in einem Moment, in dem ich darüber verzweifle, dass es für die Gefahrenlage von Menschen, die Opfer organsierter Gewalt wurden, weder Gespür noch Sinn noch Gedanken gibt. Wie wenig es braucht, um jemandem mit einem einzigen Beschluss, einer einzigen Fehleinschätzung, von “den Umständen entsprechend sicher” zu “Gefahr für Leib und Leben” zu schubsen.
Es brauchte in unserem Fall nur zu wenig Kapazitäten und den Wunsch nach weniger Arbeit, weniger Aufwand, weniger Beunruhigung. Mehr nicht.

In unserem Fall hat es übrigens auch nie mehr als das gebraucht. Die Verwaltung unseres Lebens war einfach immer schon ein bürokratischer Höllenschlund aus Zuständigkeiten, Einzelfallentscheidung und special Überschneidungen und nie hatte jemand genug Kapazitäten sich Klarheit zu beschaffen. Durch die Bank weg hat man in den letzten 15 Jahren das Gießkannenprinzip angewandt und einzig uns damit immer wieder vom Regen in die Traufe geschickt.
Trotz der Einblicke, die wir bisher in die Arbeit von in einer Behörde arbeitenden, sozialpädagogisch betreuenden und psycho_therapeutisch behandelnden Menschen haben durften, sind wir nicht bereit, die immer wieder eingenommene und uns vermittelte Opfer-der-Bürokratie/des Konzepts/der Klinik/Einrichtungs(hierarchie/geschichte/teams)-Position anzuerkennen.

Und seit dem Erlebnis in der Klinik gehen wir auch davon aus, dass an vielen Stellen von reaktivem Nihilismus ausgegangen werden muss, wo man auf den ersten Blick Unwissenheit oder Unbewusstheit vermutet oder eine Entwicklung zum Negativen™ aufgrund gleichsam schwerwiegenden Erfahrungen (mit dem bürokratischen/konzeptionellen/zwischenmenschlichen (Team) System).
“Reaktiver Nihilismus” meint an dieser Stelle nichts weiter als: “Nee – also XY machen wir jetzt hier nicht – weil wir darin keinen Nutzen (für uns) sehen (egal, ob die Klient_innen oder deren Angehörige oder Helfer_innen davon profitieren könnten).”, nachdem es Schwierigkeiten, Kränkungen, mehr Aufwand als sonst gab.
(Im Schreiben denke ich gerade, dass die Annahme eines reaktivem Nihilismus noch halbwegs moderat ist – ich könnte schließlich auch von absurd irrationaler Ignoranz, Selbstherrlichkeit oder NARZISSMUS ^^ ausgehen. Aber da endet dann doch der Einblick und das Verstehen der Umstände und entsprechend pfeifen wir uns davon zurück, um fair zu bleiben.)

Das Ding ist: Bürokratie und Konzept ist kein Körper und kein eigener Geist
Weder das Eine noch das Andere, ist in der Lage sich weiterzuentwickeln oder anzupassen, wenn nicht Menschen sie weiterentwickeln und anpassen. Dazu gehört nervenaufreibendes Prozessieren, schwere Arbeit, harte Entscheidungen und selbstlose Reflektion – also richtig unbequeme Tätigkeiten, die weh tun, für die sich niemand bedankt und die einem im Fall des Falls nicht einmal selbst irgendwann oder jemals selbst etwas nutzt oder einbringt.

Wir sind die Letzten, die Menschen dafür verurteilen das nicht leisten zu können oder zu wollen. Aber wir sind auch die Letzten geworden, die Menschen, die uns damit schaden und gefährden, die Hand auf die Schulter legen und sagen: “Ist schon okay so.”.
Diese Zeiten sind vorbei.

Sie sind vorbei, weil wir selbst das immer wieder bei Helfer_innen gemacht haben. Wir schluckten unsere Not runter und sagten ihnen: “Ist schon okay so. Ich bin einfach ein schwerer/komplexer Fall. Schonen Sie ruhig ihre Kräfte für sich und jemand, di_er Ihren Einsatz wirklich wert erscheint. Ja, Sie müssen nicht für mich leiden, indem Sie irgendwas machen, das ihrer Haltung zu mir/dem Konzept der Klinik/den Richtlinien ihrer Institution widerspricht – bitte nein – Sie müssen Ihren Job nicht zu 100 unbefriedigenden unbeliebt machenden Prozenten machen – 40 für Sie erfüllende, sie beliebt lassende und auch noch gut schlafen lassende Prozent sind immerhin auch Anlass immer weiter zu machen und noch ganz vielen mehr Menschen als mir zu helfen.”.

Wir haben heute die Haltung, dass wir anerkennen, dass so ein Job als Psychotherapeutin in einer Klinik oder als Sozialpädagogin in einer Einrichtung oder als Behörden-Johnny irgendwo Anträge abzustempeln, kein einfacher Job ist, der seine spezifischen Spuren in den Seelen der Menschen, die sie machen hinterlässt. Aber es ist ein Job, der gewählt wurde. Ein Job, der bezahlt wird. Ein Job, der gewisse Leistungen schlicht mal abverlangt. Ein Job, der auch Teil des Systems ist, unter dem man leiden kann, vor dem man sich ohnmächtig fühlt und das dennoch nie so unabänderlich ist, wie es erscheint, weil man verdammt noch mal selbst das System mitgestalten kann und meiner Ansicht nach auch sollte.

Auch ein Grund von uns die ambulante Betreuung aufzuhören – ständig hat man sich mit uns über die Bedingungen gesprochen, die ach so nervig, ach so umständlich, ach so irre an den Realitäten vorbei gingen. In den letzten zwei Betreuungsjahren verging kein Termin, an dem wir nicht da standen und die Hand auf die Schulter einer Betreuer_in gelegt haben, um zu sagen: “Ist schon okay so (kannst früher aus dem Termin mit mir, um mal mehr Zeit mit deinem Kind zu haben/brauchst dich nicht tiefer mit mir befassen/brauchst dich nicht mit meinem Kram belasten…)”

Um einem Missverstandenwerden vorzubeugen: Wir glauben nicht, dass solche Gesten und Handlungen falsch sind. Für uns war es mitunter sogar hilfreich und wertvoll zu merken, dass unsere Betreuer_innen und Helfer_innen auch Kram haben und wir nur einen Anteil ihres Lebens mit ihnen teilen – aber:
Wir waren im frei gewählten, bezahlten, leistungsbezogenen Anteil ihres Lebens.
Wir hatten nur deshalb miteinander zu tun, weil sie an und mit uns eine Leistung erbringen sollten und dieser Aspekt ging nach und nach völlig unter. Zum Einen, weil wir Probleme damit haben Hilfen anzunehmen und zum Anderen, weil es anstrengend, problematisch und was weiß ich nicht noch alles war und ist, uns passende und ausreichende Hilfen zu organisieren.

Es ist leicht für diese Menschen den Kopf zu senken und zu vertreten, dass wir einfach einer dieser Fälle sind, für die es kein Netz gibt. Schulterzucken, Demut spielen und exakt was nicht tun? Genau: ein Netz machen oder helfen ein Netz zu stricken
Passivität und demütige Systemkonformität wird belohnt. Entlohnt sogar. Aktivität im Sinne derer, denen man Hilfe zugesichert hat, nicht, denn dafür gibts keine Abrechnungsnummer, keine Hast-fein-gemacht-Kekse vom System und am Ende hat man da vielleicht nicht mal irgendwas special super mega Gutes für eine_n Klient_in erschaffen, sondern “nur” das gleiche Niveau wie das, auf dem alle anderen™ sind. “Nur” eine kleine Entlastung. “Nur” eine kleine Insel des Okayen. “Nur” ein Moment des Durchatmens. Etwas, wovon “nur” diese Klient_innen etwas haben.

Gestern Abend hatte ich auch den Gedanken, dass unsere Lage auch deshalb immer wieder so ist, wie sie ist, weil in unserer Gesellschaft, in unserer Kultur vieles limitiert ist – obwohl es keinerlei praktischen Nutzen außer Machtausübung hat.
Das ist, was mich an “mein Arzt glaubt nicht an rituelle Gewalt”, an “der OEG-Gutachter glaubt nicht an organisierte Gewalt”, an “meine Krankenkassengutachterin glaubt nicht an komplexe Traumatisierungen” schon immer so kirre macht, weil es verdammt nochmal nicht darum geht, was jemand glaubt oder nicht glaubt, sondern darum, dass diese Leute ihren Job beschissen machen, weil sie ihre Annahmen nicht zu überprüfen und evtl. zu revidieren bereit sind (genauso wie Behandler_innen, Verbündete und Helfer_innen mitunter nicht dazu bereit sind, weil ihnen Ideen von großen weltweiten Netzen des organisierten Horrors besser ins Weltbild passen, als selbstunsichere Klient_innen, die Gewaltgeschichten erfinden oder fantasieren, um sich der Behandlung sicherer zu fühlen – gibts selten – gibt es aber und ist wichtig zu prüfen, so schmerzhaft, kränkend und verunsichernd das nun einmal ist).

Die Limitierung beginnt oft schon der Frage, wer was wann wie viel haben darf und endet in der vorweggenommenen Prävention von Gültigkeit für alle.
Begrenzt wird wer wann wie geschützt wird. Begrenzt wird Hilfe, genauso wie die Definition dessen, was Hilfe letztlich ist.
Nicht, dass plötzlich alle kommen und das Gleiche wollen. Nicht, dass plötzlich ALLE kommen. Wer soll das denn bezahlen? Wer soll das denn leisten? Was würde denn dann passieren?

Ja – was genau würde passieren, wenn es uns einfach gut geht?
Was würde passieren, wenn wir einfach nur kriegen, was wir uns wünschen und es uns einfach nur gut geht. Oder sagen wir: besser als jetzt?
Würde es irgendwas beweisen oder für andere verändern, was schlecht oder falsch ist? Würde das automatisch bedeuten, dass dann “alle kommen” und verlangen, dass es ihnen gut oder besser als jetzt geht? Was genau wäre daran schlimm oder falsch oder schlecht für alle, wenn es allen gut oder besser als jetzt geht?
WAS
ZUM
FICK
sollte denn daran so schlimm, schlecht, falsch sein, dass man es mit aller Macht verhindern muss?

Bling bling – da ist der Grund auch schon: Macht
Jene, die darüber bestimmen, wer was wann wie viel erhält, würden nicht mehr mit der Gießkanne umher gehen können, wenn tausende Leute um Wasser bitten (weil es völlig okay ist, sowas Basales wie Wasser zu wollen, weil  man Wasser zum Leben braucht) – sie müssten Wasserhähne, Swimmingpools, Strandzugänge freigeben, die es gibt, jedoch nur limitiert zugänglich sind.

Vor Behörden, die unser Leben verwalten haben wir diese Haltung inzwischen auf jeden Fall. Wir haben Hartz 4 nicht gewählt und haben nie aufgehört nach Wegen in eine Ausbildung oder passende Arbeitsstellen zu suchen. Wir haben nie um mehr gebeten als darum, dem Mindeststandard entsprechend versorgt und abgesichert zu sein und haben selbst darum immer wieder kämpfen müssen. Einfach nur, weil man über Bürokratie schlicht alles limitieren kann, was einen Menschen und sein Leben betrifft. Aus keinem anderen Grund haben wir die letzten paar Jahre so unter Geldnot und Armut gelitten, obwohl wir immer wieder weit über unsere Grenzen hinaus gearbeitet haben.
Deshalb haben wir unseren Sachbearbeiter_innen nie auf den Tisch gekackt, wenn mal wieder was gestrichen, gekürzt, ein- oder abgezogen wurde – sondern immer nur dann, wenn sie so getan haben, als wäre das ein Naturgesetz und keine strukturelle Gewalt, die sie da als ganz neutral objektive Figuren an uns weiterleiten.

Genauso machen wir das jetzt mit den Menschen in der Klinik und der gesetzlichen Betreuung.
Es gibt keinen Grund, sich nicht zu reflektieren, sich auf Voreingenommenheit und falsche Annahmen uns gegenüber zu prüfen – keinen einzigen, außer den, fest davon überzeugt zu sein, im Recht und unfehlbar zu sein, aufgrund einer eigenen Objektivität, Professionalität, Berufs- und Lebenserfahrung, was eine doch zweifelhafte Grundlage darstellen dürfte, da auch diese nur beinhaltet sich selbst die Macht über die Situation zu sichern, indem man sich selbst zum Maßstab macht.

Ich habe dazu neulich erst einen guten TED-Talk gesehen.

Irgendwann heute morgen dachte ich, dass ich vielleicht genau deshalb weinte. Weil es so viel mehr für sich zu erhalten und zu gewinnen gibt, wenn man uns ausgrenzt, unsere Worte ignoriert, den Wahrheitsgehalt dessen, was wir äußern, negiert und uns irgendwie einfach möglichst irgendwohin los wird, als wenn man sich wirklich ernsthaft und offen mit dem auseinandersetzt, wer wir sind und was wir mitbringen.

Das ist so ein Moment in dem sich eine innere Wahrheit bestätigt, nach der wir und alles, was von uns kommt = schlecht und wertlos ist und eine Logik des Geschehens eröffnet, wonach es auch nur so für uns laufen kann, wie es im Moment läuft: absurd, irre, schlimm, schmerzhaft, aufreibend, überfordernd und wir uns nur so fühlen können, wie wir uns fühlen: ausgeliefert, ohnmächtig, wütend, verständnislos, in Todesangst

obwohl es nur ein paar Seiten Papier,  ein paar fremde Personen und unser kleines Leben ist, um das es hier geht.

“Nur”.
Weil ich schon damit klar komme.
Klarkommen muss, egal, ob es wahr ist, oder nicht.

die (“Was tun, wenns komisch guckt?”)- Challenge

Für uns gibt es Essen, das komisch guckt. Was das bedeutet, beschrieben wir bereits hier etwas genauer.

Für die Radtour ans Meer hatten wir uns vorgenommen, so bewusst wie möglich darauf zu achten, was wir tun, um uns Essen, das komisch guckt, zuzuwenden und zu essen. Die Fragestellungen waren:
– Wie essen wir im Moment eigentlich? (Was, wann, wie viel, womit beladen?)
– Welche äußeren Faktoren erleichtern uns das Essen (in einer Umgebung ohne bzw. mit gelockerten sozialen und kulturellen Normen)?
– Welche inneren Prozesse berühren im Moment unser Essverhalten?

Bevor wir losfuhren hatten wir folgenden Essplan:
1 Liter Kaffee mit je 130ml 1,5% Milch pro Tasse
09.00 Uhr, Frühstück – 75 gr Haferflocken mit 150 gr Jogurt (0,1% Fett, Erdbeere und Himbeere abwechselnd)
14.00 Uhr Mittagessen – 2 Scheiben Vollkornknäckebrot mit Kräuterquark (fettreduziert), 1 Apfel (Braeburn, max. halbe Faust groß), 1 Banane (mittelreif)
18.00 Uhr Abendessen – 250 gr Kartoffeln, 2 mittelkleine Zwiebeln, 1 Paprika, 1 Kohlrabi, 10ml Olivenöl, getrocknete Kräuter (als Ofengemüse gegart, 1 x pro Woche mit Feta aus Schafsmilch (fettreduziert) und 1 x pro Woche mit 150 gr Hühnchenfleisch)

In unserem Gepäck hatten wir einen Gaskocher, Instantkaffee, Haferflocken, Dinkelkörner, 1l H-Milch, ein Paket Vollkornknäckebrot, eine Packung Kräuterquark, eine Dose vegetarischen Brotaufstrichs, 250ml flüssiger Honig, 6 gekochte Eier, 2 x 4 Geflügelwürstchen, Ketchup, Salz und ca. 6 l Trinkwasser – auf unserem Küchentisch zu Hause warteten 1kg Äpfel und 1 kg Bananen auf unsere Heimreise.

Die Idee war, sich eine kleine Gnadenfrist für die ersten 2-3 Tage zu geben, weil das Fahren mit Anhänger und Gepäck anstrengend genug absehbar war und wir uns nicht selbst den Spaß verderben wollten, indem wir unseren ersten ganz und gar Urlaub von allem und allen mit Mangel und der Notwendigkeit gleich schon wieder irgendwas hin improvisieren zu müssen, beladen.

Geplant waren 4 Wochen on the road bei einem Tagesbudget von < 3€.
Campingplätze wollten wir nur ansteuern, wenn Regen & Gewitter anstanden und allgemeiner Versorgungsbedarf klar war (Ruhe, Sauberkeit, Sicherheit durch andere als sich selbst – sowas). Da die Strecke über Land führte, rechneten wir mit Zugang zu essbaren Wildpflanzen, Hofverkaufsregalen oder Hofläden und genug Möglichkeiten zu zelten, ohne in Naturschutzgebiete eindringen zu müssen.

Wie wir feststellten gibt es aber kaum noch “Unkraut” da draußen. Überall dort, wo Menschen sich legal aufhalten dürfen, wuchsen maximal noch Brennnesseln, Löwenzahn, Kerbel, Gänseblümchen, Kamille und Margeriten. Am Feldrand wuchs zwar oft auch noch was anderes, aber mit Pestiziden oder Herbiziden bespritztes Zeug, das wir nicht so abwaschen konnten wie zu Hause, wollten wir uns dann doch nicht in den Napf legen.

Wildpflanzen gucken also nicht komisch?
Doch – aber nicht SO.
Erkenntnis 1:
Wenn ich weiß, was es ist, ist es okay. Die Pflanze (das Lebensmittel/Essen) selbst guckt erst komisch, wenn ich sie in den Napf gebe.
Lösung: einfach mal einen Strauß Margeriten snacken oder die Blätter und Pflanzenteile im Stoffbeutel sammeln und dort heraus mit der Hand essen

Ergebnis: ja, wenn man das so macht, sieht man selbst komisch aus und alle Menschen gucken komisch – aber man wird satt und es schmeckt okay.
Es kostet nichts, man muss nur schauen, dass man vielleicht nicht gerade das Blog von Meiermüllerwieselschmitts Hund abpflückt und sicher sein, was genau man sich dort in den Beutel tut. Wer’s mal probieren mag und ein Smartphone hat, kann sich eine App zur Bestimmungshilfe nehmen.

Wir hatten an den ersten beiden Tagen noch Glück ein paar Wildpflanzen zu finden – dann fuhren wir fast nur noch durch Natur- und Landschaftsschutzgebiete oder landwirtschaftlich genutzte Bereiche und hörten auf, nach dieser Nahrungsquelle zu suchen.

An Tag 3 hatten wir noch Knäckebrot, etwas Quark, etwas Honig, Dinkelkörner, Haferflocken, Kaffee, vegetarischen Brotaufstrich und dann war die Milch alle.
Das warme Getränk am Morgen ist wichtig. Der Instantkaffee hingegen guckte komisch und erforderte zusätzlich noch das Kochen von Wasser (und: draußen in der feuchten Morgenkälte rumzustehen).

Erkenntnis 2:
Wenn wir noch keine Haut haben, gehts nicht. Morgens haben wir noch eine ganze Weile keine Haut. Egal, was wir machen, egal wie gut und lange wir geschlafen haben. Wir sind kein Morgenmuffel – wir sind ein Morgennacktmull.
Wir brauchen unsere Routine und keine Ablenkungen davon, damit sich unser Menschenkostüm entwickeln kann.

Es war hilfreich unsere übliche Routine zu machen: aufstehen, Wasser trinken, NakNak*-Runde, Klo, waschen, anziehen, Kaffee, Frühstück, Tagesplan angucken
Die ist schon seit über 7 Jahren fest etabliert und geht auch mitten im Nirgendwo.
Aber.
Am Morgen des Tag 2 saßen wir aufgewacht im Zelt und wussten nicht, was wir machen sollten. Es hat uns ungefähr 2 Stunden gekostet, auf die Idee zu kommen, “das Zelt zu verlassen” zu “aufstehen” zu erklären und “Klo” mit  “hinhocken und pinkeln” zu übersetzen, obwohl wir vorher wussten, dass es diese Abweichungen vom Alltag geben würde. Es war in der Situation selbst dann aber doch so grundlegend verschieden, dass es wie etwas völlig anderes erschien und damit überhaupt nicht dazu beitrug eine Haut zu entwickeln.

Mit dem Ende der Milch am dritten Tag kam das Ende der Uhrzeiten für unsere Mahlzeiten.
Das Frühstück aus Haferflocken und trotz 12 Stunden Einweichzeit recht harter Dinkelkörner brauchte Milch, doch die war vorher in den Kaffee zur ersten Pause gegangen. Soviel Milch, das man den Kaffee möglichst wenig schmeckt. Hust.
Naja.

Erkenntnis 3:
Wir können keine Mahlzeiten überspringen. Das Brot zu um 14 Uhr ist ein anderes Brot als das, was zu um 18 Uhr gedacht ist. Auch wenn es aus der gleichen Packung kommt und mit dem gleichen Zeug bestrichen wird. Das 18 Uhr Brot wird erst dann das 18 Uhr Brot, wenn es das 14 Uhr Brot gab, das nur dann das 14 Brot sein kann, wenn es das Frühstück hatte, was wiederum nur dann Frühstück ist, wenn es Kaffee gab, was nur dann der richtige Kaffee ist, wenn er in aller Ruhe mit Milch und mitten im Menschenkostümwachstum getrunken werden kann.

Wir fuhren an dem Tag an einem Hof mit Milchwirtschaft vorbei und kauften dort einen Liter pasteurisierte Frischmilch mit natürlichem Fettgehalt.
Was so ziemlich das krasseste Dings ist, das wir in Bezug auf Milchkonsum in den letzten Jahren getan haben, weil: VOLLMILCH

Erkenntnis 4:
Fett ist nicht gleich fettig
Die Vollmilch aus der Tüte im Supermarkt schmeckt uns nicht. Wir finden sie einfach abstoßend fettig und tot. Vermutlich ist auch schlicht nicht mehr als Fett, Kasein und Wasser drin, wenn man sie pasteurisiert, homogenisiert und dann noch ultrahocherhitzt.
Die pasteurisierte Frischmilch hingegen hat süß und irgendwie auch blumig geschmeckt. Schmeckt blumig und süß, denn wir wollen nie wieder eine andere nehmen.

Erkenntnis 5:
der Hunger treibts rein bis die Sattheit die Genug-Flagge hisst
Da saßen wir nun also mit der Frischmilch von Birgits Hofkäserei, unseren Haferflocken und dem Honig, um 19.30 Uhr an einem Wandererrastplatz und aßen Frühstück. Und dann Mittag. Und dann war genug. Einfach so.
Wir hatten noch 10 Kilometer vor uns und dachten dann: “Ach naja, wir können ja dann jetzt erst mal weiter und heute Abend im Zelt noch sehen, ob wir Hunger haben.”.

Seit Tag 4 der Radtour ans Meer haben unsere Mahlzeiten keine Uhrzeiten, sondern Hunger- und Sattmarker.
Ich weiß noch nicht genau, ob es mit der Milch allein zusammenhängt oder auch damit, dass wir uns während der Tour sehr ballaststoffreich und von (im Anteil der Gesamtmenge) wenigen verarbeiteten Sachen ernährt haben – aber ich glaube, wir haben ein anderes “Satt” und ein paar andere “Hungrig’s“ kennengelernt.
Ein “ich bin schlapp”-hungrig (das findet süß, reichhaltig und wenig anstrengend gut – so wie unser Frühstück), ein “ja, jetzt wäre was gut”-hungrig (was Knäckebrot, Gewürze und Früchte super gut findet) und ein hungrig, das nichts mit dem Magen oder dem Bauch zu tun hat, sondern mit dem Mund bzw. dem Kauen und Schlucken (was dann Wildkräuter, rohes, reifes bis fast matschiges Obst und Gemüse, aber auch Käse oder Junk-Süßigkeiten mag).

Das neue “Satt” merke ich den neuen “Hungrig’s” folgend noch nicht immer und es fällt mir auch schwerer, es jetzt wieder zu Hause immer zu bemerken.
Während wir unterwegs waren, war da plötzlich so ein: “Ja – is okay jetzt.”- satt, das sich allein schon durch den Punkt am Ende vom üblichen “So- jetzt ist hier aber Schluss!”- satt unterscheidet.
Es ist leiser und subtiler, dieses neue “Satt”. Es kommt nicht mit einem leeren Teller, einer leeren Verpackung oder einem leeren Topf, wie das andere. Vielleicht, weils aus unserem Bauch kommt und nicht aus dem Kopf.

Dann hatten wir eine Unterbrechung der Challenge, denn wir hatten Menschenkontakte.
Schöne Kontakte – aber soziale und damit auch anstrengende und von uns wegführende Kontakte. Wir waren in einem Restaurant, bekamen Essen geschenkt, waren zwei einhalb Tage zu Gast bei jemandem.

Die 3 Tage danach brauchten wir zum Zurückfinden und Ausbalancieren von uns selbst im Fahren und NakNak*s Abschlaffen. Sie mieselte am Futter, speichelte zäh, schlief mehr, hoppelte aber auch albern umher und hatte Bock auf alles – für uns keine eindeutigen Krankheitszeichen, sondern durchaus für etwas irgendwo zwischen Erschöpfung und möglicher Verunsicherung über das High-Life jeden Tag.
Um sie zu schonen, ließen wir sie Tag für Tag mehr im Anhänger schlafen und dösen. Das bedeutete jedoch auch den schweren Rucksack auf dem Rücken zu haben, während wir fuhren und den Anhänger zogen – und Hunger. Dauernd.
Wir aßen unser Frühstück um eine okaye Basis zu haben und nahmen dann alle 2-3 Stunden rohes Obst, Gemüse und Nüsse bis zum Abend bzw. dem Moment in dem wir das Zelt aufgebaut hatten. Dann gab es Brot und Käse oder Aufstrich. An einem Abend hatte uns ein Mitcamper noch eine halbe Tüte Pelmeni geschenkt.

Am letzten Abend habe ich dann bemerkt, wie ein großer Teil des inneren Kampfes um die Nahrungsaufnahme wegfällt, wenn wir einfach wissen was genau es ist und wie es wurde, was es ist.
Ein Mitcamper hatte sich zum Abendessen ein Gericht von einer Imbissbude gekauft und mitgenommen. Es guckte so komisch, dass es uns nicht nur verunsicherte, sondern tatsächlich irgendwie fast giftig ungut vorkam. Dabei war es nur Kebab in Käse mit Käse überbacken. Also eigentlich Komponenten, die wir selbst auch gern essen – aber die Farbe, der Nichtkäse-Nichtfleischgeruch, die Aluschale, die Unkenntlichkeit vielleicht auch, haben sie verwandelt und zu etwas gemacht, das komisch guckt.

Unsere Radtour endete am nächsten Tag, während dem wir einen Eisbergsalat auf die Hand aus Vernunftsgründen, einen Milchkaffee aus Ablenkungsgründen und Tomaten vor Hunger zu uns genommen hatten und nicht besonders klar darum waren, dass wir da gerade Lebensmittel zu uns nehmen.

Jetzt sind wir wieder eine Weile zu Hause und flirrten ein bisschen um die Essensfrage. Das Frühstück hat sich inzwischen zum Menschenkostümentwicklungszeitraum gewandelt. Es ist nicht mehr nur der Kaffee (von dem wir weniger trinken, seit wir auf die Frischmilch umgestiegen sind), der den morgendlichen “JETZT!- Hunger” niederknüppelt und in einer dunklen Gasse versteckt, damit er uns keine Angst mehr macht.

Im Moment trinken wir unsere Wasserflasche am Bett leer (ca. 0,5 bis 0,75l), bevor wir aufstehen und mit NakNak* rausgehen. Das beruhigt den “JETZT!-Hunger” und löscht ihn auf ein leichter händelbares “Ich bin schlapp”-hungrig runter, das genug Raum lässt für die Zubereitung von Frühstück.

Überhaupt habe ich “JETZT!-Hunger” und totverarbeitete Lebensmittel/Essen ein bisschen in Verdacht uns in Unruhe und Angst zu triggern und so sehr zu dämpfen, dass wir evtl. die anderen ““Hungrig’s“” gar nicht richtig wahrnehmen konnten. Und da heraus irgendetwas ändern zu wollen, das nicht angstreaktiv (in unserem Fall also irgendwas zwischen Magersucht, Binge eating und Bulimie) ist, ist natürlich schwierig und langwierig.
Und eben so unmöglich, wie wir das in den letzten Jahren auch erlebt haben.

Ich merke, dass wir, wenn wir mit Gemögten zusammen essen, mitunter ziemlich drängende süß-fett-salzig-Wünsche haben und auch erfüllen. Würden wir dagegen angehen, kämen wir unter Druck und das Miteinander würde unangenehm – wären wir aber weniger angestrengt und (positiv wie negativ) gestresst im Kontakt mit anderen Menschen, hätten wir diese Wünsche vielleicht nicht. “süß fett salzig” sind ja nicht nur Wünsche nach Nomnomnom, sondern auch nach schnell verfügbarer Energie in kurzer Zeit (um Stress zu verarbeiten, um sein Leben zu kämpfen/zu rennen/zu erhalten).
Wenn wir hingegen essen bis so ein “ja, is okay jetzt”- satt erreicht ist, haben wir keine bestimmten Gelüste in irgendeine Richtung und können zusätzliche Süße und auch Salz einsparen. It’s magic!

Und apropos “magic”. Das Geheimnis des Kochens.
Gestern Nachmittag waren wir mit NakNak* erstmals wieder im Wald auf eine längere Runde und wir waren danach total müde. Es wurde 5, halb 6, 6 … immer noch total k.o. – zu k.o. zum Kochen oder mischen oder schneiden. Wir nahmen den letzten fertig gekauften Bulgursalat aus dem Kühlschrank, füllten die Wasserflasche auf und stellten uns auf schlafen zu Omazeiten ein.
Wir aßen, tranken und merkten, dass wir nicht mehr hungrig, aber noch lange nicht satt waren.

Erkenntnis 6:
“befüllt” ist nicht gleich “satt”

Da wir dem Verdacht über die fertigen Mahlzeiten/Lebensmittel nachgehen wollten, hatten wir für das Wochenende schon alle Zutaten für einen Bulgursalat gekauft. Ich überlegte mir in meinem voll, aber nicht satt-Zustand, dass ich, wenn ich jetzt welchen machen würde, ein bisschen jetzt essen würde und morgen dann noch genug übrig hätte.
So begann ich zu kochen.

Kochen war mir bislang ein geheimnisvoller Skill. Magie.
Jemand nimmt eine Hand voll Zutaten, verschwindet in einem Wust aus Zahlen, Handlungsabläufen und chemischen Prozessen und kommt mit einem Topf voll mit etwas, das so überhaupt gar nicht mehr nach den Zutaten aussieht zurück – das ist doch krass, oder nicht?

Erkenntnis 7:
wir brauchen den Bezug zwischen Zutat, Produktion und Endergebnis, um nicht beunruhigt oder abgelenkt zu werden von dem, was am Ende vor uns steht

Wenn wir uns den fertigen Bulgursalat reinziehen (oder irgendein anderes fertiges Gericht oder Lebensmittel) dann weil wir völlig k.o. sind und diesen “süß fett salzig” Wünschen nachkommen, um einem “JETZT!-Hunger” zuvorzukommen (der auch mal in eine Fressattacke kippen kann). Wenn wir genauer darüber nachdenken, dann haben wir eigentlich nur Bezug auf Käse (much Weichkäseliebe hier) und Süßigkeiten (Team Karamell) kein Energietief oder drängendes Wollen, sondern auch Empfinden von echtem Genuss von einem bereits fertigen Lebensmittel.

Selbst bei fertigen Salaten haben wir solche vom Geschmack/Genuss ablenkenden Fragen nach Inhaltsstoffen und Produktion. Das macht keine Angst, aber es lenkt ab und irgendwie wird das Essen selbst dann zu einem mechanischen Kauen gegen die Ablenkung. Es ist anstrengend so zu essen und manchmal auch stressig und dann muss es immer mehr davon sein. Und mehr. Und mehr. Bis die Packung leer ist oder der Bauch so voll, dass keine Bewegung mehr möglich ist.

Zurück zum Kocherlebnis gestern Abend.
Wir haben uns ein Rezept für Bulgursalat im Internet gesucht und losgelegt.

Erkenntnis 8:
eine Küche, die hauptsächlich Sammellager für Pfandflaschen und dreckiges Geschirr ist, ist keine Umgebung für stressarmes Kochen

Erkenntnis 9:
Kochen geht leicht, wenn man keinen “JETZT!-Hunger” hat

Wir haben, glaube ich, nie gekocht, um zu kochen, sondern immer, um zu essen.
“JETZT!-Hunger” ist so ein apokalyptischer Reiter für Erinnerungen an Momente des Hungerns und Durstens in Gewaltkontexten, aber auch kompensatorisches Fressen, Kotzen, Fressen, Kotzen, sich selbst verletzen und erschöpft aufgeben. “JETZT!-Hunger” ist ein Alltagsextrem bei uns – hoffentlich gewesen, denn ich merkte gestern, wie viel entspannter kochen auch sein kann.

Erkenntnis 10:
Kochen ist stressfrei, wenn genug von allem da ist

Ich habe Zutaten verwendet, die ich kannte und auf ein Optionencluster ausgerichtet geplant. Nicht: “Das muss jetzt reichen (weil so steht das auf der Packung)” sondern: “Das wird mindestens für jetzt reichen und vielleicht auch noch für morgen. (Falls nicht: es ist genug da)”

”Es ist genug da”, ist bei Grundnahrungsmitteln sehr leicht zu bewerkstelligen. Sogar für uns.
Wir vertragen zwar die billigen Varianten von Nudeln und Reis nicht, können aber problemlos die Vollkornvarianten davon, sowie Kartoffeln, Vollkorngetreide, Pseudogetreide und Hülsenfrüchte essen, wovon wir dann auch sehr viel weniger brauchen um zu einem “Ja, is okay jetzt”-satt zu kommen.
Unser Problem ist nur, dass bei den Tafeln und Lebensmittelsharingstellen überwiegend die billigen (weil aus Abfallanteilen produzierten) Varianten abgegeben werden und Kartoffeln, die man schälen muss (wodurch man Masse verliert), weil sie nach der Ernte behandelt wurden.
Außerdem wird man mit Brot überhäuft, das wir ebenfalls (bis auf echte Vollkornvarianten) nicht vertragen.

Die während der Radtour gemachte Erfahrung, wie gut Linsen, Bulgur (Hartweizen), Hafer und Dinkel sättigen, ist nun wirklich Gold wert. Man braucht davon nicht viel und kann es beliebig mit Kräutern und Gemüse ergänzen, wovon man wiederum nicht viel braucht.
Ich habe gestern mit Erstaunen festgestellt, dass 3 mittelgroße Spitzpaprikas, 1 Zwiebel, 3 Lauchzwiebelchen, ein Blobb Petersilie und ein Blobb Tomatenmark zusammen mit einer Ladung aufgequollenem Bulgur für einen Abend Nomnomnom bis “Ja, is okay jetzt”-satt reicht – UND NOCH WAS ÜBRIG BLEIBT.

Erkenntnis 11:
Uns fehlen okaye (im Sinne von “stressarme”) Erfahrungen mit Lebensmitteln und Essen

Für uns ist schon lange klar, dass wir von essgestörten Erwachsenen ernährt wurden und unsere anderen Hunger-und Dursterfahrungen eher indirekt auf unseren Essmurks heute einwirken.
Wir wissen inzwischen ziemlich sicher, dass Essen für uns komisch guckt, wie ganz viele andere Bestandteile sozialer Kontexte komisch für uns gucken (z.B. Make up, diverse Kleidungsstücke, so ziemlich alles, das mehr als nur funktional ist), weil wir eine Sicht auf solche Kontexte haben, die viele andere Menschen nicht von sich kennen und selbst dann nicht einnehmen können, wenn sie es versuchen.

In unserer Herkunftsfamilie gab es 1 Allergiker_in, 1 Person mit chronischer Darmentzündung (Morbus Chron), 1 Person mit sogenanntem “Übergewicht”, 1 Person, der man permanent sagte, sie würde essen “wie ein Schwein” (also “eklig/abstoßend und wahllos”) und 1 Person, die “auch aufpassen muss”.
Ihr dürft raten, wer nie wusste, worauf si_er denn genau “auch aufpassen muss” und folglich ständig ängstlich aufmerksam vor dem Teller saß und irgendwann pauschal auf ALLES aufgepasst hat (und ebenso pauschal ALLES ausgekotzt wie reingefressen, wie irgendwann auch zu essen verweigert hat, als zunehmend auch außerhalb der Familie das Essen zum sozialen Brennpunkt wurde).

Erkenntnis 12:
Unsere Essstörung hat entsprechend weit und lange vor dem vermurksten Essverhalten im Sinne der Bulimie, dem binge eating und der Magersucht angefangen und in erster Linie überhaupt gar nichts mit einer verschobenen Selbstwahrnehmung zu tun, sondern damit, dass eine Person, deren Selbstwahrnehmung durch eigene innere und äußere Faktoren völlig gestört (im Sinne von “negativ beeinflusst”) war, ihre Idee von einem idealen Körper und Essverhalten an eine Person weiter gab, die sie
a) nicht verstanden hat und
b) (aufgrund von bereits chronisch notwendiger Dissoziation) keinen kontinuierlichen Bezug zu sich selbst und ihrem Körper hatte

Fragestellung:
Wenn wir den unseren Körper anschauen und denken “zu viel”, bezieht sich das eigentlich nur auf unsere Masse oder geht es dabei auch um all das, was mit diesem Körper in Verbindung steht? (“zu viel Stress”, “zu viel Gewalt(erfahrungen)”, “zu viel soziale Aufladung”, “zu viel Verantwortung” …)

Während der Radtour haben wir uns nur ein einziges Mal überessen – und zwar während einer anstrengenden und teils auch überfordernden sozialen Situation. Waren wir allein für uns und völlig losgelöst von unserem üblichen Zeit-Essplan, kam das einfach nicht vor.
Wenn wir allein für uns essen, bleibt der automatisierte Druck aus “auch aufpassen zu müssen”. Worauf auch immer (ich weiß bis heute nicht, worauf wir aufpassen sollten – dass wir nicht zu viel essen? dass wir “das Richtige” essen? –  wer hat denn bestimmt was, wann und wie viel wir essen sollen? – äh hallo VÖLLIG UNLOGISCH?! orr ^^)

Erkenntnis 13:
Die Recovery-Geschichten anderer Menschen mit Essstörungen konnten uns nie helfen, genauso wenig wie die verhaltenstherapeutischen Ansätze, die wir versucht haben, weil wir keine “Essstörung haben”, sondern von Dingen beim und ums Essen gestört werden, die andere Menschen für normal halten bzw. um die sie sich keine Gedanken machen.
Viel mehr erleben wir Essstörungen und haben dysfunktionale Verhalten entwickelt, um diese zu kompensieren.

Diese Störungen sind:
– die sozialen Aufladungen von Essen/Mahlzeiten, die wir als Anteil sozialer Interaktion und Kommunikation nur schwer bis gar nicht entschlüsseln können
– die bereits erwähnte Verunsicherung um die Verwandlung von Lebensmitteln zu einer Mahlzeit (da fehlt einfach der sofort bewusste Zusammenhang, den man sich dann im Kopf kreieren muss, um sich zu versichern, was genau man isst und den wir aufgrund von Kochen nur unter Vollstress und der damit entstanden Verbindung “kochen = Vollstress”, nur mit weiterer Anstrengung hinkriegen)
– die bisher als eher unzuverlässig, beängstigend und schwer einzuordnenden Reaktionen des Körpers auf Lebensmittel/Mahlzeiten (da sind die Unverträglichkeiten und Allergien, aber auch Hunger und Durst als Alltagsextrem und Triggerelement)
– die (häufig als autark neben dem aktivem Selbst_Bewusstsein her empfunden) genutzte Option, sich Gefühle von Selbstbestimmung und Kontrolle machen zu können, indem man Hunger und Durst vom völlig okayen Grundbedürfnis zu einer Option degradiert und sich damit zu etwas erklärt (oder sich selbst darin versichert), das kein Mensch (wie andere Menschen) sein kann und ergo absolut unberührbar ist von Schmerz, Demütigung, Kontrollverlust, Ohnmacht etc. etc. etc.  [zusammengefasst vielleicht: dissoziierte Essverhalten oder dissoziierte Schutzmaßnahmen, die die Nahrungsaufnahme stören]

die dysfunktionalen Verhaltensmuster sind:
– fertige Lebensmittel/Mahlzeiten mit hoher Energiedichte zu essen, um sich vor Flashbacks und Kontrollverlust zu schützen
– kochen in gestressten Zuständen, wiederum um unangenehmere Stresszustände zu vermeiden
– auf eine “sensation seeking” Art essen (also: bevorzugt sehr heiß, sehr salzig, sehr scharf, sehr kalt, sehr süß…) im Rahmen von aktiver Selbstverletzung, wie dem Versuch nicht zu dissoziieren, wie einem “JETZT!-Hunger” zu begegnen
– Dinge zu essen, die keine Lebensmittel sind
– kein Besteck zu benutzen
(und, zwar kein aktives Verhalten, aber passierend: dissoziieren beim Essen)

Diverse Anteile der therapeutischen Arbeit an unserer Essstörung, haben keinen einzigen Aspekt dessen, was für uns problematisch ist, berührt.

Kochen in der Gruppe
War unheimlich stressig, weil es 1) eine Gruppe 2) essgestörter 3) junger Mädchen und Frauen, unter der Anleitung von 4) älteren Frauen mit 5) ökotrophologischem (also Ernährung aus wissenschaftlicher Perspektive) Hintergrund, war, die Mahlzeiten produzieren sollte, die sie 6) nicht einmal selbst bestimmen (und also in einen für sich logischen Kontext bringen) durfte.

Genusstraining mit der behandelnden Psychologin
Absolut unmöglich für uns, die wir schon bis an den Anschlag davon getriggert waren, wir könnten dabei irgendetwas falsch machen (weil irgendetwas zu schmecken nichts zuverlässig Wahrnehmbares ist, wenn man getriggert ist), was “die Therapie falsch machen” bedeuten könnte, was das Ende der Hilfe bedeuten könnte, was das Ende der Möglichkeiten sich das Leben erträglicher machen zu können, bedeutet hätte.

Esspläne, die andere für uns geschrieben haben
Kompletter Schuss in den Ofen – das war die maximalst mögliche Entfernung von Selbstbezug zu Nahrung und Essen, als Mittel zum Lebenserhalt.

Zunehmen nach Plan
Ich möchte Leute schütteln, die sowas als psycho_therapeutisch wertvolle Maßnahme verkaufen. Wir haben lange dafür gebraucht, den Zusammenhang zwischen “Notwendigkeit eine gewisse Masse haben zu müssen, um Psychotherapie machen zu können” und “Gewichtszunahme” zu verstehen. Es hätte geholfen, klar zu haben, dass es sich bei dieser krass stressenden Wiegerei 2 x die Woche, um eine medizinische Überwachung handelt, die bei der Einschätzung hilft, ob die (zu erwartende) Befähigung zur Psychotherapie besteht oder nicht und, ob die stattfindende Psychotherapie (in dem bestehenden Kontext) eine Wirkung hat, die mitbedeuten KANN, dass es Veränderungen in der messbaren Masse gibt.
So wie wir solche Zunehmprotokolle erlebt haben, waren sie retraumatisierend und institutionelle Gewaltausübung, die bis heute passiert, weil sich die Betroffenen nicht wehren können.

Über die Gefühle beim Essen und Zu- oder Abnehmen sprechen
Maximale Zeitverschwendung für uns. Wir hatten immer nur Angst und Verunsicherungsgefühle und immer wieder wurde nicht verstanden, dass diese herzlich wenig mit einer Lebensmittelphobie oder einem Zahlenkomplex zu tun hatten, sondern mit den Dingen darum herum.
Man wollte von uns hören, dass wir entweder Angst hatten “dick und hässlich” zu werden (damit man uns sagen kann, dass nicht passieren wird oder, dass es achso egal ist, ob man dick ist, weil Schönheit etwas Subjektives sei – WAS SO UNFASSBAR GEMEINER SCHEIßBULLSHIT IST orrr! Wer das nicht glaubt, hört sich bitte mal das Fettcast von Magda und Ragni an, oder befasst sich ausgiebig mit “fat acceptance”!)
–  oder wollte uns in Richtung “Ich will ja nur die Kontrolle über mich und meinen Körper, weil ich grad krank bin” bringen, ohne den logischen Schluss “Wäre ich gesund, wäre es mir scheiß egal, was mit mir und meinem Körper passiert”, als so potenziell gefährlich und maximal triggernd anzuerkennen, wie er ist.

Ein Foto von sich in Unterwäsche anschauen/sich selbst im abgemagerten Zustand auf einem Film sehen
Heuchlerischer Kackscheiß zum Einen – wieso sollte das Foto von sich, das jemand von einem gemacht hat, eine andere Wirkung haben als das Selfie von sich, das man ins eigene Thinspo-Tumblr oder Ana-Forum hochlädt? (Als all die Selfies von anderen Menschen in jedweder Körperform, mit denen man sich jeden Tag egal wo konfrontiert sieht?) Weil man sich über sein Aussehen mit jemandem auseinander setzt, was mit dem eigenen Problem genau nichts bis marginal randomly zu tun hat? Was ist das überhaupt für eine sadistische Idee, Menschen, die ihren Körper zerstören (und/oder allgemein unter seinem Aussehen, bzw. der sozialen Abwertung aufgrund ihres Aussehens leiden) mit so einem Foto den (“wichtigen”, “heilsamen”) Schock zu versetzen?
Zum Anderen würde mich ja sehr interessieren, was in Leuten vorgeht, die immer wieder extrem hilfebedürftige, leidende und global abhängige Menschen in Unterwäsche fotografieren und/oder filmen. Reicht die Idee vom therapeutischen Nutzen, um nicht selbst in Dauerschleife über das eigene Handeln zu kotzen?
And again: wieso die Auseinandersetzung mit der eigenen Erscheinung, um eine Möglichkeit zur Reflektion des eigenen Essverhaltens bzw. der Aufladung des eigenen Essverhaltens und Lebensmitteln/Mahlzeiten, zu schaffen?

Wenn ich in diese Zeit zurückblicke, kommt bei mir das damalige Gefühl irgendwie kaputt oder falsch zu sein wieder hoch, das mich damals wirklich fertig gemacht und in Verzweiflung über den eigenen Zustand brachte.
Mit dem Wissen von heute sehe ich erneut so eine Dynamik, in der etwas von uns als komplett auf unser Außen ausgerichtetes Ding interpretiert wurde, das es nicht war. Wir haben nie angefangen zu hungern, weil wir so unbedingt schön aussehen wollten oder von jemandem gemocht werden wollten. Wir haben auch nie gekotzt oder gefressen, weil wir Ärger über andere in uns hineingefressen oder uns über andere auskotzen mussten. Unser Hunger hat uns nie die Kontrolle darüber vermittelt, wie andere Menschen mit uns umgehen oder wie wir mit anderen Menschen umgehen.

Es ging immer nur um uns. Um unsere Ohnmacht vor uns selbst. Darum, dass wir uns bis ins junge Erwachsenensein nie mit anderen Menschen verbunden oder ähnlich empfunden haben. Darum, dass die Welt uns ein Ort war und ist, der uns permanent aus der Balance wirft, zu Tode ängstigt oder in Erinnerungen an unverarbeitete Erfahrungen von Todesängsten triggert. Immer wieder ging und geht es darum, dass wir keinen Bezug zu uns halten können, weil so vieles gleichzeitig und in verschiedene Richtungen an uns zieht und zerrt.

Was uns heute hilft, uns der “Was tun, wenns komisch guckt?”- Challenge zu stellen

Morgenroutine für eine gesicherte Basis
Aufwachen, Wasserflasche am Bett austrinken, Kaffeemaschine anschalten, mit dem Hund raus, aufs Klo, waschen, anziehen, Kaffee und Frühstück mit Haferflocken, Milch und Honig

Gedanken an Essen = essen und was trinken
rohes Obst, Gemüse, ein paar Nüsse und die Wasserflasche leeren

zum Essen mit Gemögten (auch) das eigene als okay empfundene Essen mitnehmen
Kann ich nicht oft genug als wertvoll markieren: du hast den Jackpot, wenn du Menschen in deinem Leben hast, die deine Essstörung mitdenken und sensibel damit umgehen, die Eigenverantwortung bei dir lassen und nicht vergessen, dass du Expert_in für den Umgang damit bist.
Wir essen nicht mit Menschen zusammen, die das nicht hinkriegen bzw. tun wir das nur dann, wenn wir die Kraft dafür haben, uns zu erklären oder eher unangenehme Gefühle beim Essen unauffällig zu kompensieren.

Gerichte kochen, die unbekannt sind und Lebensmittel verkochen, die unbekannt sind
Gerichte und Lebensmittel, die unbekannt sind, gucken komisch, weil sie fremd sind – wir versuchen sie uns bekannt zu machen, indem wir sie verkochen und essen. Das ist nicht unanstrengend, deshalb schauen wir, wie wir Energie sparen können. Etwa, indem wir

nicht mehr kochen, wenn wir (“JETZT!-) hungrig sind
Wir haben ein Patent auf Haushaltsbrände, Rauchmelderalarme und verklebte Topfböden, die Archäolog_innen in 200 Jahren noch von unserer Kochkunst künden können, weil wir ziemlich verpeilt chaotisch kochen. Aber das Ausmaß ist weitaus weniger krass, wenn wir weder satt noch hungrig sind.

Wir essen in aller Ruhe unser warmes Abendessen
. jetzt neu auch egal, ob das zufällig um 18 Uhr oder um 19 Uhr ist – Hauptsache, es ist nicht 22 Uhr, wenn wir eigentlich im Bett liegen wollen, um uns müde zu lesen. “In aller Ruhe” bedeutet: der Hund geiert uns einmal an und geht dann auf seinen Platz, der Herd ist aus und das Kochzeugs steht in der Spüle, der Platz ist gemütlich, die Kleidung ist gemütlich, Laptop und Handy sind keine Störquellen

Wir essen und trinken vor dem Sport, während des Sports und nach dem Sport, weil Sport auch nur Bewegung ist
Wir sind hier schließlich nicht bei Olympia.

Wenn ein Lebensmittel/Gericht Angst, Ekel oder zu viele Irritationen auslöst, lassen wir es liegen
Es gibt genug Dinge, die wir stattdessen essen können und genug Zeit sich irgendwann mal sicher und gut begleitet damit zu befassen, warum welches Lebensmittel/Gericht diese Empfindungen in uns auslöst.

der neue Essplan
bezieht sich auf eine Woche mit der täglichen Basis zum Frühstück (50 gr Haferflocken (mit 25 gr Dinkelkörnern), Honig und Milch, zu 2 Tassen Kaffee), dem jeweils akuten “Hungrig’s” folgendem ~ tagsüber ~ (rohes Obst, Gemüse, Nüsse, Knäckebrot mit Aufstrich, Wasser) und der warmen Insel zum Abendbrot mit Mahlzeiten, die wir uns vorher überlegen und planen

Im Moment geht es uns damit ganz okay.
Es gibt Tage, an denen alles ganz leicht ist und Tage, an denen ich denke, dass wir es nie in eine automatisierte Routine schaffen.

Doch – Erkenntnis 13:
wir haben verstanden, dass die “Was tun, wenns komisch guckt?”- Challenge, eine Herausforderung ist, bei der es nicht um Essen, das komisch guckt, geht, sondern um das, was wir damit tun können, wollen, lernen möchten.
Wir haben verstanden, dass wir unser von der Masse der Menschen abweichendes Bewusstsein und das verzerrte Denken um Lebensmittel und Mahlzeiten, im Kontext mit Kontrolle und eigenen Lebenserfahrungen nicht unsichtbarkompensieren können. Vielleicht nur jetzt im Moment nicht, vielleicht aber auch nie.

Auf jeden Fall aber, sind wir auch nicht dazu gezwungen das zu tun. Wir sind auch okay, wenn wir quirky essen, awkward Gerichte speisen und komisch gucken, während wir kochen. Wir sind okay, wenn ein Innen den Körper ganz dünn haben muss. Wir sind okay, wenn ein Innen fressen und kotzen muss. Wir sind okay, wenn ein Innen den Körper dick haben muss. Wir sind okay, auch wenn wir beim Essen von Dingen gestört werden, die niemandem sonst störend erscheinen. Es ist okay, wenn wir auf sowas reagieren und es ist Kackscheiße, wenn andere Menschen daran herumdeuten oder von uns verlangen, nicht mehr darauf zu reagieren, weil sie unser Reagieren für unnötig oder krank halten.

Es ist unser Leben für das wir essen müssen. Dann darf es auch unser Essverhalten sein.