
Fundstücke #76

aus dem Er_Leben mit dissoziativer Identitätsstruktur auf dem Autismus-Spektrum

Jede Lawine beginnt mit einer Schneeflocke und egal, wie krass die Auswirkungen der Schneemassen im Tal sind, so ist es doch immer diese eine Flocke, mit der alles begann. Wann immer schwierige Dinge geschehen, ist man versucht ihren Anfängen eine besondere Bedeutung zuzuschreiben. Wir kennen das aus der Berichterstattung über Gewalt, aber auch über Naturkatastrophen oder Unfälle. Womit es begann, ist wichtig und in der ersten Zeit der Überforderung, der akuten Not vielleicht sogar das wichtigste von allem.
Es sei denn, man kennt es.
Gewöhnung ist nicht das gleiche wie Abstumpfung. Gewöhnung ist Kenntnis. Ist Orientierung. Gewöhnung bedeutet Erfahrungswissen und deshalb Sicherheit, Klarheit, Eindeutigkeit. Kurze Wege. Effizientes Handeln. Den Blick weg von der Ursache hin zur Wirkung und dem Umgang damit.
Die Ursache schwieriger Erfahrungen als banal zu bezeichnen, wurde mir in den letzten Jahren oft als Zeichen einer emotionalen Kälte ausgelegt. Als Traumafolge, als Dissoziation meiner Gefühle, als Vermeidung der Wahrnehmung innerer Abgründe.
Tatsächlich weiß ich im Moment nicht genau, was ich empfinde. Das ist in Ordnung. Es ist im Moment nicht relevant, ich brauche diese Information nicht. Weder für mich, noch braucht sie mein Umfeld, um mit mir zurechtzukommen.
Relevant ist, dass ich nicht vergesse, dass die Ursache dessen, was passiert ist, banal ist.
Es hat nichts mit ihr zu tun, es hat nichts mit mir zu tun. Es hat vielleicht mit dem Jetzt zu tun, vielleicht mit dem Gestern vor 5 Jahren. Es ist nichts Besonderes. Es ist banal.
Nicht egal. Nicht irrelevant. Nicht ohne Aus.Wirkung.en. Aber banal.
Und deshalb nicht zu vereinzeln, nicht auf einen einzigen kleinen Punkt von der Größe einer Schneeflocke zu bringen.
Das ist das Dilemma der komplex traumatisierten Menschen.
Es ist immer banal, aber nie ist es möglich eine Komplexitätsreduktion vorzunehmen. Es ist einfach nie der eine Schlag zu viel, der eine Kommentar ganz besonders oder das eine Moment der Ohnmacht, was die Verletzung insgesamt ausmacht. Die Dinge passieren und sie können tausend Mal in all der Normalität, in der man an sie gewöhnt ist, passieren, aber man kann das tausendundeinste Mal nicht zu dem erklären, was das Trauma auslöst.
Als Person von der alle wissen, dass sie von Bindungsabbrüchen und speziell von therapeutischen Beziehungsthemen traumatisiert wurde, stehe ich gerade mit Menschen in Kontakt, die alle nach der Ursache suchen und sich bei mir dafür entschuldigen, dass sie ~das alles~ nicht verstehen oder nachvollziehen können.
Ich bin dran gewöhnt. Ich kenne ihre Versuche es zu verstehen, die „Schneeflockensuche“ sozusagen und weiß auch: Da ist nichts weiter zu finden als das, was man schon jetzt sieht – ein ganz banaler Lauf der Dinge zu meinem Ungunsten.
Ich bin es so gewohnt, dass ich nicht einmal näher erkläre, was ich mit „Lauf der Dinge“ meine, weil ich weiß, dass es sich im Kopf vieler Menschen zusammengesetzt wird mit: „Eins kam zum Anderen“ und auch diese Erfahrung des Missverstehens durch den Versuch mich zu verstehen, werde ich diesmal nicht machen. Es ist ineffizient. Nicht relevant für mich und nur deshalb möglicherweise relevant für andere, weil diese die Irrelevanz für mich nicht anerkennen können oder wollen.
Was jetzt für mich wichtig ist, ist dieses Geschehen nicht zur Ursache anderer Dinge werden zu lassen.
4 Wochen seit dem letzten Therapietermin.
Ich habe gearbeitet. Urlaub gemacht, einen Brief geschrieben, Informationen zusammengetragen.
Am Sonntagabend sitze ich mit Sack und Pack im Zug nach Bielefeld. Am Montagmorgen würde ich mit Dr. H. in Gütersloh sprechen, welche Aspekte meiner Traumatherapie besser an den Autismus angepasst werden könnten. 3 Monate habe ich auf den Termin warten müssen.
Es ist warm als wir am Bahngleis stehen. Mir ist schlecht, mein Magenschmerz bohrt sich zwar nicht mehr bis in den Rücken, dafür ins Gemüt. Ich merke, dass ich meine Atemtechniken nicht mehr mache, um so wenig wie möglich im Bauch zu bewegen. Ich somatisiere, aktiviere, agiere, gefalle mir in der Rolle der Klientin, die aktiv tut und macht, nichts in ihrer Therapie als gegeben hinnimmt, sondern hilft zu helfen.
Meine Motivation trägt mich durch die Ansteckungsangst im Zug, im Bus, auf dem Klinikgelände, im Haus selbst.
Dr. H. ist gut. Das Gespräch hilfreich. Meine Hände tun weh vom Waschen und Desinfizieren, meine Füße, mein Magen. Es ist noch ein halber Tag, bis der Termin mit der Therapeutin ist. Zwischendurch komme ich mir vor wie eine liebe Oma, die den Tisch unter Essen begräbt und sagt: „Hier, nimm dies, nimm das – es ist alles da.“ In meiner Vorstellung braucht sie nicht mehr machen. Nur dies lesen und das. Nur die Angebote annehmen, die ich mit Dr. H. und dem Begleitermenschen für sie eingefädelt habe. „Hier dies, hier das, greifen Sie ruhig zu.“ Es ist übergriffig und zu viel. Ich weiß das und kann doch nicht anders.
Ich kanns einfach nicht kampflos aufgeben. Kann und will nicht hinnehmen, dass es bleibt wie es ist, weil es mir schadet – kanns nicht beenden, weil so viel dran hängt.
Am Abend sagt sie, dass sie nicht mehr will.
Dass sie nicht verstanden hat, was der Autismus für mich bedeutet. Was er für die Arbeit hier bedeutet. Die ganzen letzten 5 Jahre nicht.
Aus dem Brief hat sie die Kritik aufgenommen, die auf 2 von 8 Seiten stand. Sie hat in den letzten Wochen nichts getan für das, was wir miteinander haben. Sie hat sich für Traumaschwurbel entschieden. Das soll ihre Zukunft sein, „Herzlichen Glückwunsch“ denke ich und frag mich, wofür ich mich jetzt entscheiden kann.
Wir werden einen Abschied versuchen. Das ist neu, die Chance hatten wir bisher noch nie. Jetzt, am Morgen danach denke ich, dass die Abbrüche früher einfacher waren, weil die Katastrophen viel konkreter waren. Sie haben mich, Hannah, gemacht. Jetzt bin ich schon da. Und die Dinge, die wir uns vor 8 Jahren vorgenommen haben.
„Wenn das hier nichts wird, beantragen wir Sterbehilfe. Wir gehen, es hat keinen Sinn. Diese Traumafolgestörung ist eine Krankheit, die meine Lebensqualität so einschränkt, dass es kein Leben ist. Es gibt nicht genug Behandler_innen, die Wartezeiten, die Therapieregularien, jede stationäre wie teilstationäre Option bedeuten für mich das gleiche Risiko einer Retraumatisierung wie die Chance auf Verbesserung – diesen einen Versuch machen wir noch und wenn das nicht klappt, ist Schluss.“
Funktionale Suizidalität ist das, was uns lange durch die Therapie getragen hat und auch jetzt noch trägt. Das Wissen, dass wir nach dem erneuten Scheitern beim Versuch uns und unser.e Leben zu verstehen, nicht ohne Aussicht auf Ruhe in Frieden sind.
Als wir rausgehen, glänzt die Straße feucht. „Kommen sie jetzt klar?“ hatte die Therapeutin gefragt, „Ja“ habe ich gesagt, „Das kann dir doch egal sein“ gedacht. Vor mir leuchtet eine Straßenbahnhaltestelle mit Übergang.
Jetzt ein Suizid aus Affekt wäre total dumm. Ich muss noch so viel erledigen. Bin für einige Kontexte nicht mehr so egal wie vor 8 Jahren. Wie ich leben möchte und könnte, wenn ich nur die richtige Unterstützung bekomme, ist so viel mehr in mein Bild von mir und auch in die Beziehung mit dem Freund Partner hineingemalt. Heute geht es nicht mehr darum, ob es irgendetwas gibt, das den Schmerz am Leben wert ist, sondern darum was ich ihm an die Seite stellen kann.
Der Begleitermensch hat Nachtdienst, ist erst später zu erreichen. Ich rufe K. an und bitte sie, mit mir zu sprechen, bis ich ruhiger bin. Morgen bin ich wieder zu Hause beim Freund. Bei NakNak*, bei Bubi. Den letzten Tomaten und der Sperlingsgang in der Ligusterhecke.
Vor 8 Jahren wäre da niemand gewesen.
Gestern haben wir zum ersten Mal mit einem Psychotherapeuten zu tun gehabt, der eine Behinderung allgemein sichtbar kompensiert.
Das war für uns etwas Besonderes und hat viel bewegt, unter anderem gerade weil er ebenfalls mit einer Behinderung lebt.
Er lebt mit einer Hörbehinderung und trotz Prothese muss er daneben noch viel selbst aktiv kompensieren, um andere Menschen gut zu hören. Für uns war es total gut das zu sehen.
Seine Kompensation ist mir überhaupt nur aufgefallen, weil ich mich davon bedrängt gefühlt habe, dass er immer wieder mein Gesicht bzw. mein Mundbild gesucht hat. Wir können es nicht gut haben, wenn Menschen uns mit ihrem Gesicht den Eingangsbereich in die Welt verstellen oder generell viel Bewegung in den Blickbereich reinbringen, weil es uns überreizt und überanstrengt. Er aber muss das ja machen. Obwohl er die Unterstützung durch ein Cochlea-Implantat hat.
Er war mir in der Situation ein gutes Vor_Bild davon, dass Behinderungen zu kompensieren nicht damit aufhört, dass man die beste™ Unterstützung hat, die möglich ist, um sich an die Menschen anzupassen, die diese Unterstützung nicht brauchen.
Und sein Verhalten hat mir deutlich gemacht, dass Kompensation ein aktiver Prozess ist.
Außer dem Begleitermenschen sagt mir niemand, was ich eigentlich immer übernehme, um meine Schwierigkeiten zu kompensieren. Und dass das einigermaßen viel und in aller Regel sehr viel mehr ist als andere Menschen machen müssen. Alle sagen mir immer nur, wie toll ich sie kompensiere. Wie viel ich so ganz toll schaffe und bliblablö. Was für mich eigentlich irrelevant ist, weil ich in der Regel froh bin, Dinge überhaupt verstanden und dann auch noch geschafft zu haben. Das ist in gewisser Weise das Einserschüler_in-Problem. Man strengt sich unfassbar an, wird aber für die 1 gelobt – nicht für die Anstrengung und auch nicht dafür, dass man sich diese Anstrengung überhaupt gegeben hat. Sie wird einfach als gegeben angenommen. Wie Luft. Oder Bäume. Einfach so da. Ganz selbstverständlich.
Meine eigenen Anstrengungen sind für das Außermir gleichermaßen unsichtbar. Und ich selbst denke oft, dass ich mich erst dann wirklich und richtig aufrichtig angestrengt habe, wenn ich in einem Kontakt in Dissoziation und danach vor Erschöpfung in Tränen zerfalle.
Meine eigene Aktivität, die aktive Kompensation der Behinderung, ist mir selbst nicht als außerordentliche Aktivität bewusst, denn ich kann mich dabei nicht beobachten und die Menschen, mit denen ich zu tun habe, müssen nicht kompensieren, was ich kompensiere. Was bedeutet, dass ich bei niemandem beobachten kann, was ich selbst immer mache.
Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht da ist. Und auch nicht, dass sie selbstverständlich ist.
Bei dem Termin mit dem Therapeuten ging es darum abzuklopfen, ob wir miteinander arbeiten könnten.
Ich sagte ihm, dass ich schon sehr viele Therapeut_innen hatte und keine Haut mehr dafür habe, jemanden an mir lernen zu lassen. Mich als Anstoß für eine eigene berufliche Weiterentwicklung zu benutzen.
Ich habe das vor 8 Jahren auch unserer Therapeutin gesagt und musste in dem Moment daran denken. Wie ich das damals gesagt habe und doch damit okay war, dass sie sich selbst nicht als Expertin bezeichnen würde, aber versicherte, sie würde dafür sorgen, mir nicht zu schaden.
Wie ich damals den Schrei im Kopf und diesmal den Kloß im Hals hatte, als würde er gleich rauskommen und als alles zerstörende Bestie durch das Zimmer fahren. Nein, es ist echt nicht mehr drin. Nein, da ist keine Haut mehr. Da ist ein Ende, eine Grenze. Ein StoppAusEnde.
„Ja, das kann ich verstehen. Also dass man irgendwann keinen Bock mehr hat alles zu erklären und was das bedeutet“, hat er darauf geantwortet. Und ich hab mich verbunden gefühlt. Dass er das kennt, glaub ich. Sofort. Obwohl ich glaube, dass alle Menschen das kennen. Aber behinderte und chronisch kranke Leute kennen es einfach wie ich. Und er.
Für einen Moment war das wie damals in der Wohngruppe mit den ganzen anderen behinderten Mitbewohner_innen, in der wir kurz gewohnt haben. Als würden wir auf dem Sofa sitzen, rauchen und über die Welt, an deren Rand wir leben, reden. Weit weg. Als hätte das nichts mit uns zu tun, dass wir keinen Bock mehr haben uns erklären zu müssen. Als bliebe unsere Verweigerung folgenlos, weil sie nichts bedeutet.
In den letzten Wochen habe ich einen Brief an unsere Therapeutin formuliert. Am Ende, auf Seite 8, schreibe ich ihr, dass ich gemerkt habe, was das eigentlich für eine Aussage ist, wenn ich sage, dass ich keinen Bock mehr habe, mich zu erklären. Ich habe erkannt, dass ich das nur zu anderen Leuten mit meinen Anstrengungen im Leben sagen kann, um ernsthaft darin verstanden zu werden – und alle anderen das als vorübergehende Motivationslosigkeit verstehen. Verstehen müssen, denn sie sehen die Anstrengung ja nicht. Sie begreifen ja auch gar nicht, was ich ihnen damit offenbare. Sie begreifen nicht, dass ich ihnen damit sage, dass ich mich ihnen nicht zeige, mich vor ihren Augen verstecke. Mich ihnen und ihrer Einsicht entziehe. Aus dem Kontakt gehe und ihnen nichts weiter als einen reflexhaft Phrasen und Satzteile ausspuckenden Fleischsack zur Interaktion verfügbar mache, in den sie m.eine Persönlichkeit hineinprojizieren, um ihrem eigenen Handeln Sinn und Raum zu geben. Niemand begreift diese Art von Suizid.
Meine Verweigerung ergibt sich nicht daraus, dass die Kompensation in der Kommunikation, in der Erklärung, zu anstrengend ist. Sie ergibt sich daraus, dass sie nicht dazu führt, dass ich verstanden werde. Daraus, dass sie so oft vergeblich ist.
Und man doch nie umhinkommt, denn ohne Kommunikation keine Ver_Bindung.
„Sie verstecken sich.“
An der letzten Therapiestunde war so vieles problematisch, so viele rote Flaggen wehten im Wind, der sich wohl schon länger unbemerkt von mir gedreht hatte. So viel, dass mir dieser Abschnitt erst jetzt wieder einfällt.
„Sie verstecken sich.“
Ich hatte erzählt, dass es mich manchmal anstrengt, nicht mehr einfach so viele sein zu können wie früher im Bullergeddo. Nicht, weil hier ein striktes Wechselverbot oder Anteilnahmeverbot am Leben mit dem Freund herrscht, sondern, weil wir einfach nicht mehr alleine sind und es heute von Relevanz für jemanden ist, was bei uns los ist.
Unser Sein im Bullergeddo war oft sehr einsam und viel davon beeinflusst, dass wir nicht wissen konnten, was wir nicht wussten. Waren wir nachts draußen auf dem Rad unterwegs oder in Panik durch die Heide rennend? Haben wir gegessen? Wenn ja, was? Wann war ich zuletzt duschen? Das war zwar immer irgendwie wichtig, aber nicht wirklich relevant. Viele Menschen machen sich einfach nicht klar, dass dissoziative (Alltags-)Amnesien vor allem wegen ihres Anspruchs an Bewusstsein für alles überhaupt ein Problem ist oder als krank eingeordnet wird – wenn man damit einfach so lebt, ohne jeden Anspruch oder Notwendigkeit dafür, zeigt sich das aber sehr.
Wenn ich nicht wusste, ob ich geduscht hatte, bin einfach nochmal gegangen. Essen kann man auch mehrfach am Tag. Sich umziehen. Aufräumen. Sich auf Wunden untersuchen. Die eigene Kommunikation nachverfolgen. Man kann viel kompensieren und wenn man nur sich selbst auf die Reihe kriegen muss, dann muss man das nur mit sich in der akuten Situation abstimmen.
Jetzt leben wir mit dem Freund zusammen. Und obwohl wir uns keine Wohnung teilen, so teilen wir doch unsere Leben miteinander und manches müssen wir heute anders kompensieren als in den letzten Jahren. Das ist anstrengend. Für ihn auch, der ebenfalls einige Jahre vorher alleine gelebt hat. Das bedeutet nicht, dass wir uns verstecken.
Wir haben Texte gelesen, in denen Viele beschreiben, wie sie sich Pläne machen, wer was wann wie „dr_außen/vorne machen darf“. Wie viel Kraft es sie kostet und wie sehr es sie kränkt, wenn die Inneren im Außen nicht erwünscht sind. Viele Viele müssen sich wirklich aktiv verstecken und leiden darunter. Bei uns ist das nicht so.
Unser ganzes Konzept dazu ist völlig anders.
Erstens können wir überhaupt nicht nach Plan wechseln oder nach Entscheidung. Wir sind nach wie vor auf Triggermechaniken bzw. Handlungsautomatismen angewiesen und nach dem Modell der strukturellen Dissoziation ist das auch total logisch so – nichts daran ist falsch oder krank, sondern wirklich so richtig knacke logisch.
Zweitens bedeuten Wechsel bei uns nicht, dass wir sie immer sofort selber merken, so nach dem Motto: „Ah jetzt endlich bin ich mal draußen, jetzt kann ich endlich XY machen.“ Es ist viel öfter so, dass wir tun, was wir immer tun, wenn wir da/aktiv/bewusst sind und erst dadurch der Wechsel überhaupt möglich zu erkennen und zu benennen ist. Und noch viel öfter ist es so, dass jemand etwas tut und dann sofort wieder weg ist und es völlig irrelevant ist, ob jetzt X oder Y dieses oder jenes getan hat, weil getan ist getan und relevant ist, mit der Verantwortung für das Getane umgehen zu können. Das ist etwas, das uns so derartig eingeprügelt eintrainiert reintherapiert wurde, dass es uns einzelne Innens unsichtbar – versteckt – macht und gleichzeitig aber auch sehr an das Handeln als Einsmensch bindet, was ja die Realität ist und die Ebene, auf der wir mit der ganzen Mitwelt interagieren.
Drittens ist unser individuelles Unsichtbargemachtsein und -bleiben im Grunde genommen auch genau, was frühere Therapien bewirken sollten. Wir konnten uns über Jahre nicht dagegen wehren, wenn Erwachsene – Behandler_innen, wie Pflegepersonal – uns dafür bestraft haben, was wir getan haben, ohne, dass wir wussten, was wir getan hatten (und warum). Wenn sie uns emotional wie (unter Zuhilfenahme der anderen Patient_innen einer Station) sozial unter Druck gesetzt haben, um uns zu Verhalten zu zwingen, das dieses permanente Nichtwissen kompensiert und unsere individuelle innere Beteiligung verunsichtbart.
Es ist also auch eine Helfertraumafolge, dass wir einerseits unfassbar krasse Panik davor haben, wenn einzelne von uns mit Namen und Funktion sichtbar werden – gleichzeitig aber auch ein Therapieerfolg, dass es keine Relevanz für uns hat, dass es diese Einzelnen von uns überhaupt gibt.
Wenn wir uns Sorgen machen zu wechseln, dann weil wir um die Folgen und Implikationen wissen.
Es ist der totale Kontrollverlust, wenn zum Beispiel ein Wechsel zu Kinderinnens nicht verhinderbar ist, weil irgendein Traumatrigger greift, der nur über eine Handlung außen kompensierbar ist. Dann haben wir ein ernsthaftes Problem, sind ernsthaft schutzbedürftig und brauchen unter Umständen Reorientierungsreize, um den Zustand zu verlassen bzw. „zurückzuwechseln“. Aber das eigentlich Schlimme ist dann schon passiert. Unser Gehirn hat dann eine Situation fehlinterpretiert und auf einen Zustand umgeschaltet, damit umzugehen. Das Schlimme, das Kranke, das Gefährliche an unserer Traumafolge ist eben diese Fehlinterpretation. Die Annahme, jetzt gerade oder ganz gleich passiere die Wiederholung einer Traumatisierung und das mit dem Wechsel verbundene Wiedererleben.
Für uns, für mich, Hannah, ist es an sich überhaupt nicht schlimm, wenn Kinderinnens außen sind – für mich, für uns, ist daran schlimm, dass wir als Einsmensch innerlich eine Traumatisierung wieder_erleben bzw. wie in Zeiten er_leben, die traumatisch waren. Bei uns ist noch nie ein Kinderinnen draußen gewesen, weil es das so gerne wollte, sondern immer nur, weil wir als Einsmensch auf bestimmte Situationen im Außen noch keine andere Reaktionsmöglichkeit entwickelt haben, als die, wie wir sie als Kind haben entwickeln müssen.
Deshalb sind Kinderinnens im Kontakt mit Behandler_innen oder Freund_innen für uns kein Zeichen von Vertrauen, sondern von einem Macht(Gewalt)verhältnis und also akuter Bedrohung bzw. von einer Situation, in der es so viele Parallelen gibt, dass unser Gehirn sie als (möglicherweise) traumatisierend einordnet.
Als Einsmensch sind wir nicht unsichtbar. Als Einsmensch, der Viele ist auch nicht.
Alle mit denen wir regelmäßig Kontakt haben wissen, dass wir Viele sind. Dass wir sehr lange Gewalt erlebt haben und bis heute davon beeinträchtigt sind.
Wir sind unter dem Namen Hannah C. Rosenblatt Autor_in, die_r offen damit umgeht, dass sie_r gewalterfahren und Viele ist. Podcaster_in, die_r in über 50 Folgen darüber spricht, wie das ist gewalterfahren und Viele zu sein. Dieses seit über 10 Jahren öffentlich zugängliche Blog hat über 1.500 Beiträge darüber, dass ich Viele bin und was ich erlebe.
Ich, wir, sind absolut keine Person, die sich versteckt. Viel eher sind wir eine Person, die nicht erkannt wird. Die nicht verstanden wird. Die in einigen doch einigermaßen relevanten Aspekten nicht gesehen wird. Und das ist eine völlig andere Sache. Eine, die wir nur wenig beeinflussen können, weil das in anderen Menschen passiert und eine, die uns viel öfter versteckt, als wir das je herstellen könnten.
Wir können immer nur sagen: „Hier, dieses Buch erklärt ganz gut, was Vielesein ist.“ Sagen: „Frag mich, wenn du etwas nicht verstehst.“ Erklären. Ressourcen bereitstellen. Aufzeigen, dass man mit uns nicht umgehen muss, als wäre unsere Er_Lebensrealität ein außerordentlich schwer zu entschlüsselndes Geheimrätsel.
Viele Viele müssen sich wirklich verstecken. Sie werden von Täter_innen bedroht, müssen aufpassen, dass sie sich nicht in Situationen bringen, die sie zur Anzeige von Straftaten zwingen. Manche müssen Angst haben, dass man ihnen Sorge- und andere Rechte entzieht. Dass sie ihren Job verlieren, ihre Würde, ihre soziale Stellung. Ihre Zukunft, ihre Gegenwart.
Wir müssen das nicht und halten das für ein Privileg von uns. Wir können es uns leisten so sichtbar zu sein, wie wir es im Moment sind.
Es ist nur nicht leicht.
Das ist es wohl nie.
„Ich muss mich schon auch hinterfragen, was die Therapie für mich eigentlich ist.“ Ich schaue aus dem Fenster und rolle das Kopfhörerkabel zwischen Daumen und Handinnenfläche. Am Telefon ist der Begleitermensch, dem ich die Therapiesituation zu erklären versuche, während sie für mich selbst noch nicht klar genug ist.
Wir haben alle zwei Wochen einen Termin. Liefern Material, haben Dinge aufgeschrieben, kommen im Grunde aber nicht dazu, das zu bearbeiten, weil Dinge passieren, die wichtiger sind. Same old also, aber verteilt auf alle zwei Wochen.
Ich bin frustriert. Verunsichert. Fühle mich wacklig vor innenkindlicher, innenjugendlicher Überzeugung, dass das alles einfach nur eine neue Art des Verlassenwerdens ist. „Sie entwöhnt uns“, drängt es mir immer wieder in den Kopf, wenn ich darüber nachdenke, was ich beim nächsten Termin besprechen möchte. „Lass es. Es hat keinen Sinn mehr. Du schadest dir selbst. Lass los.“ Und irgendwann, wie genau jetzt an diesem Samstag zum Beispiel, drei Tage vor dem nächsten Termin, merke ich: Ich habe etwas losgelassen, obwohl ich mich nicht dazu entschieden habe. Ich habe nichts notiert, weil es schon genug Aufgeschriebenes gibt, was wir besprechen wollten, sollten, müssen, ich kann es nicht mehr finden. Die Erinnerung, der Eindruck, das Ding ist weg und damit was auch immer ich in der Therapiestunde ordnen und konkretisieren zu können gehofft hatte.
Alles blank, als hätte ich mir nur eingebildet irgendetwas irgendwie mal gehabt zu haben, von dem ich dachte, dass die Therapiestunde dafür ein guter Rahmen sei.
Wir sind schon so lange in Therapie, dass es legitim ist zu fragen, ob es überhaupt noch das bringt, was man erreichen will und braucht. Wir sind in einer Pandemie und es gibt viele Menschen, die genau jetzt akut Hilfe brauchen. Viele meiner akuten Probleme haben weniger mit akuter posttraumatischer Belastung zu tun als damit, dass meine Dysfunktionalität (die praktisch durchgehende Dissoziation) dysfunktional wird – was vielleicht etwas ist, womit man so oder so ohne therapeutische Hilfe klarkommen muss? Weil, tja, also welche Traumatherapie wird je so lange bezahlt, dass diese Phase der Traumaverarbeitung genauso begleitet werden kann, wie die der akuten Symptome?
Ich könnte mein inneres Blanko, mein leeres Regal leer sein lassen und einfach weitermachen. Es funktioniert ja. Das haben wir ja erreicht. Mein leeres Regal beeinträchtigt meine Alltagsfunktionalität nicht mehr, weil ich nicht mehr die krass unkontrollierbaren PTBS-Symptome habe. Wenn eins aufkommt, kann ich es kontrollieren, sofort verkopfen und weiter machen.
Und weil meine Kindheit und Jugend vorbei ist, ist es ja im Grunde eh egal, wenn ich eine oder zwei Erinnerungen daran schon wieder verdisse, bevor sie mir eingeordnet und integriert ist. Niemand wird kommen und mich abfragen. Und ich weiß ja schon, dass es immer nur um irgendwelchen Abfuck geht, nach dem heute kein Hahn mehr kräht.
Im Gespräch mit dem Begleitermensch merke ich, wie ich die Entscheidung der Therapeutin verteidige, wie ich meine Mutter lange verteidigt habe, wenn sie Entscheidungen getroffen hat, die bedeutet haben, dass ich alleine mit Situationen war, die mich hoffnungslos überforderten. Registriere das Mamiding dadrin, bin kurz erschrocken, dann wieder völlig klar. Wieder lasse ich irgendetwas los ohne zu wissen, was genau und werde mir bewusst, dass auch das wieder etwas ist, das in der Therapie unbesprechbar wird.
Wieder bröseln mir Inhalte auf ein Maß zusammen, das ich deutlich spüre, aber nicht zusammenkriege.
Der Begleitermensch bietet an, wieder öfter in Kontakt zu sein. Das verändert etwas.
Ich merke, dass ich weniger Angst davor bekomme, wieder in die alte ohnmächtige Sprach- und Erklärlosigkeit zu geraten. Auch gegenüber der Therapeutin. Und ich merke, wie sehr mich das in meinem Erwachsensein stärkt.
Merke aber auch, dass das etwas ist, was ich brauche – und immer gebraucht habe – um die Therapie so machen zu können, dass ich wirklich auch mal fertig bin und nicht ständig das Gefühl habe, eigentlich nie alles sagen zu können, was ich wichtig finde, weil es den Rahmen sprengt, den Intellekt, den Mut, die Offenheit meines Gegenübers übersteigt oder, weil ich nicht die Kraft Geduld Kraft habe, alles so zu erklären, dass nicht noch mehr Redezeit für solche für mich inhaltlich wie persönlich irrelevanten Schleifen, draufgeht.
Ich will mich nicht dafür verurteilen, dass ich nach so langer Zeit in dieser Therapie bestimmte Schritte nicht schneller, besser, umfassender hinkriege. Merke aber, dass ich auch immer noch nicht richtig dahin komme zu akzeptieren, dass wir uns hier seit Jahren in einer Therapieform abmühen, die einfach größte Barriere für uns beinhaltet: Kommunikation und Interaktion – also: Reden, um zu verstehen.
Wir machen hier nicht nur etwas, was schwerfällt, weil die Dissoziation, Scham oder Täter_innendrohungen dauernd dazwischenfunken und Dinge schwer zu benennen macht, sondern kompensieren auch den Autismus und alles, was da im Gepäck dabei ist. Dazu gehört, dass wir mehr Zeit, mehr Umwege, längere Phasen der Auseinandersetzung brauchen – und ja, das alles auch in total heiklen Momenten, wo links und rechts meterhohe Triggertürme sind, die jederzeit kippen könnten und uns wieder durch das Trauma schicken.
Als Erwachsene_r will ich mir sagen: Hey, take your time. Du machst das nicht mit Absicht, du gibst dein Bestes, die Fortschritte zeigen das. Es ist nicht wirkungslos, diese Therapie zu machen.
Als Patient_in, die_r es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht noch einmal schafft, sich so an eine_r Behandler_in zu binden denke ich: „Wenn ich nur nicht so scheiße wäre, wie ich bin, dann…“
Als jemand, die_r eine Lösung sucht, bin ich überfordert.
Und das ziemlich.
In der Zeit orientiert zu sein, ist ein mehrdimensionaler Zustand.
Mein Kopf ist dicht, die Luft zieht an mir vorbei wie ein körperwarmer Seidenschal. Jetzt ist der Moment für die schwere Decke, heute bin ich nicht zu Hause.
Zeitliche Orientierung ergibt sich nicht wie das Ein- und Ausschalten von Licht.
In mir bewegen sich Wackersteine. Sie reiben über mein Schädelinneres, drücken sich gegen meine Haut. Jetzt ist der Moment für Kontakt mit anderen Menschen, aber sie sind 16 und 12 und stehen vor Kleinkindern.
Es ist das Eine zu wissen, dass alles vorbei ist. Das Andere zu begreifen, dass man nichts mehr tun kann.
Und, dass das, was man sich erhofft hat, weder je passiert ist, noch je wieder als zu passieren möglich ist.
Es gibt Überzeugungen und Gedanken, die durch schwierige Erfahrungen helfen, weil man an sich weitergibt, was Erwachsene früher vermittelt haben. „Ja, gleich.“, „Nicht jetzt.“, „Nur noch…“, „Nachher.“, ein Stoß vor die Brust und eine Beleidigung, ständiges Aufschieben von gegebenen Versprechen. In einer Kultur, in der jedes Bedürfnis erst von außen legitimiert werden muss, bevor es erfüllt wird, ist das eine logische Internalisierung. Ein Anspruch, sich nicht zu verändern, keine Situationsänderung herbeizuführen, bevor nicht die angemessenen, richtigen, sicheren, legitimierten Umstände eingetreten sind.
Niemand unserer Kinderinnens und Innenjugendlichen ist deshalb entstanden. Aber viele ihrer Konflikte und die sind zeitlos. Und was ist der Gewinn an zeitlicher Orientierung, wenn am anderen Ende auch wieder nur wartet, was sie hat erstarren lassen?
Ich wickle meine Beine und Arme fest in elastische Shirts ein. Staple einige Bücher auf dem Rumpf, liege auf dem Boden und frage, ob es auch ein bisschen tröstet, wenn ich nicht sage: „Jetzt nicht – wir sind übermorgen wieder zu Hause und dann könnt ihr machen, was ihr wollt.“, sondern es immer so zu versuchen, wie jetzt. „Du bist nicht sie“, antwortet W., der 16-Jährige, „Und du kannst auch nix ersetzn“, knurrt R. die 12-Jährige.
Wir Menschen sind es so gewohnt, Dinge und Zustände in ihren Dimensionen zu verändern. Doch Zeit ist das Ergebnis unserer Wahrnehmung von Prozessen, die nicht verhinderbar sind.
Mit Zeit ist nicht zu verhandeln. Sie wartet nicht, sie passiert.
Zeitliche Orientierung ist auch die Akzeptanz.
Es ist vorbei. Es ist unabänderlich. Du konntest nichts dagegen tun.
Vielleicht hat sich nur das Level verändert, denke ich und kratze mit dem Kamm über meine Kopfhaut.
Die Vögel zwitschern, ein Laster kreischt am Haus vorbei. Mein Kaffee steht in der Küche, zwischen dem Morgen und mir klebt ein Nachtschlafrest wie Wundgaze. Ich versuche zu verarbeiten, was ich am Abend bemerkt hatte. Versuche zu denken, dass das schon immer da war, nur noch nicht verstanden.
Diese Arbeit durch den Gedanken, nicht allein im Schlafzimmer zu bleiben. Diese eine spezielle Anspannung im Bauch, in der Brust, um die Ohren, weil jemand kommen könnte. Bis ich einschlafe. Vor Erschöpfung.
Vielleicht ist es eine Angstgewohnheit, denke ich. Wie die, dass das Auto explodiert, wenn man einen Unfall hat oder die, dass man im Tunnel stecken bleibt. Oder die, dass man geschlagen wird, wenn man eine falsche Antwort gibt oder am Tag immer nur ein Mal um etwas bitten darf, weil man sonst des Kontaktes nicht mehr würdig ist.
Vielleicht wurdest du misshandelt und das schutzlose Liegen, im Dunkeln, erschöpft vom Tag, ist ein Trigger, denkt es neben mir. Ein Bild, ein Gefühl, Vogelzwitschern. Unten bellt NakNak* den Freund zur Raison.
Ich lasse es liegen. Weiß, in der nächsten Zeit habe ich niemanden, mit dem ich darüber reden kann. Die Therapie befasst sich gerade mit anderen Dingen, die Selbsthilfegruppe kann im Moment niemand aufnehmen, meine Anmeldung im Selbsthilfeforum war vermutlich eh eine Schnapsidee. Und am Ende ist es ja auch schon lange vorbei.
In dieser Woche habe ich angefangen, einen Comic über Alexithymie zu gestalten. In der Auseinandersetzung dachte ich darüber nach, wie sehr es mir hilft, diesen Begriff zu haben, obwohl sich dadurch nur an meinem Selbstbild etwas ändert.
Wir sind so lange nur deshalb in die Therapie der DIS eingestiegen, weil wir befürchteten, dass wir mit unserem Sosein Menschen schaden könnten. Wir brauchen deutlich länger als andere Menschen, um unser eigenes Mitgefühl mit anderen zu spüren. Meistens handeln wir nach Kopfgefühlen. Nach dem Wissen, dass bestimmte Dinge bestimmte Gefühle in uns machen, auch wenn wir sie so erst einmal gar nicht fühlen. Die Therapie hat uns immer wieder zur Introspektion gezwungen und das hilft bis heute, denn so intuitiv wie die meisten anderen Menschen tun wir das nach wie vor nicht.
Das klingt kalt, ist aber nicht kalt. Analytisch zu sein, sich mit Analysen und anderen Wegen der kognitiven Auseinandersetzung zu widmen, ist kein emotionsloser Prozess. Wir sind nicht gefühllos, nur weil wir Gefühle nicht eindeutig erkennen. Und anderen Menschen zu schaden, erfordert auch gar nicht die Abwesenheit von Gefühlen, sondern die Anwesenheit von Überzeugungen, die gewaltvolles Handeln erlauben oder auch zwingend erscheinen lassen. Heute kann ich sehen, dass wir so eine Angst davor hatten Täter_in zu werden, weil wir ein falsches Bild von Täter_innenschaft hatten. Und davon, wozu genau es wichtig ist, sich über eigene Gefühle und die anderer Menschen klar zu sein.
Es gibt verschiedene Theorien darüber, was die Ursache von Alexithymie ist. Man liest oft, es sei ein Persönlichkeitsmerkmal, aber viele alexithyme Menschen haben auch eine psychiatrische Diagnose. Zum Beispiel die über eine Depression, eine posttraumatische Belastungsstörung oder Autismus-Spektrum-Störung. Leider geht die Alexithymie in der Beschreibung dieser Krankheitsbilder immer unter, weil sie als Ergebnis der „Krankheit“ gilt und damit kein eigenes Problem mehr ist. Quasi.
So wurden auch wir damit konfrontiert, dass wir unsere Gefühle einfach nur vermeiden würden und sie deshalb dissoziieren. Als ob Dissoziation ein Verhalten wäre. Was nicht stimmt. Übrigens.
Doch selbst wenn man Dissoziation als die Reflexreaktion begreift, die sie ist, wäre unser Problem hier, dass unsere Gefühle und die anderer Menschen als Trigger funktionieren – wir sie also wahrnehmen und dann mit Dissoziation reagieren. Was wir nie getan haben. Wir reagieren in der Regel auf die Überforderung durch Zeitdruck und die Befürchtung zu einem falschen Ergebnis, einer falschen Interpretation gekommen zu sein, mit Dissoziation, weil genau das unser Erfahrungswissen mit emotionaler Kommunikation ist. Übrigens, unabhängig davon, ob das Umfeld liebevoll oder gewaltvoll ist.
Wir ordnen unsere Alexithymie als Ergebnis einer Reiz- und damit verbunden auch einer Affektverarbeitungsstörung ein. Der Prozessor in unserem Gehirn kommt einfach mit den Datenmassen, die wir aufnehmen, nicht so schnell nach. Und, ja Gefühle sind wichtig, aber nicht der Dreh- und Angelpunkt des alltäglichen Miteinanders ohne den gar nichts geht. Um ihnen Raum zu geben, brauchen wir Effizienz. Wir brauchen strukturierte Abläufe, brauchen eindeutige Vorgaben, klar formulierte Erwartungen an uns. Wir wissen, dass wir Verarbeitungszeit brauchen und wir wissen, dass es auf andere Menschen egozentrisch wirkt, wenn wir diese Prozesse teilen. Wir wissen inzwischen aber auch, dass das immer so wirken wird, weil die meisten Menschen diese Ebene effizienter als wir in ihr Miteinander einbauen. Nicht, wie wir, hintereinander weg, sondern gleichzeitig in jeder einzelnen Interaktion. Auch das bedeutet nicht, dass wir während wir etwas tun nichts fühlen oder nicht wahrnehmen, dass eine andere Person Gefühle hat – es bedeutet nur, dass wir in dem Moment noch nicht wissen welche. Und das wiederum bedeutet auch nicht immer, dass wir deshalb nicht reagieren. Wir üben uns darin, immer aktiv zuzuhören, achtsam zu sein und die andere Person spüren zu lassen, dass wir uns ihr widmen. Damit reagieren wir zwar nicht immer auf die Gefühlszustände der Person, aber immer auf sie und das reicht vielen Menschen auch schon.
Manchmal aber merken wir auch nicht sofort, dass wir in so einer Situation sind.
Neulich hatten wir zum Beispiel einen Moment mit dem Freund, in dem er sagte, dass wir uns nur auf uns beziehen und ich es nicht schaffte, ihm klarzumachen, dass das meine Einladung ist, sich mir in gleicher Weise zu zeigen, damit ich um seine Gefühlsprozesse weiß. Wenn er sie mir nicht mitteilt, weiß ich sie nicht. Und das hat nichts mit Desinteresse oder nicht genügend Achtsamkeit oder damit, dass sich alles nur um uns drehen soll, zu tun.
Um an meine Gefühlswelt heranzukommen, kann ich schreiben oder bloggen, kann ich in die Therapie geht, kann ich Kreativtechniken anwenden und Reflektionsgespräche mit Freund_innen führen, die gerade Kapazitäten dafür haben. Um an seine zu kommen, muss er sie mir sagen. Und zwar nicht nonverbal, mit Untertönen oder eingebettet in Interaktion, die mich sensorisch fordert. Ich kann keine Rücksicht auf Dinge nehmen, die ich nicht sehe, die mir nicht gezeigt werden und ich glaube, dass das niemand kann. Von mir, von uns, wird es aber erwartet, wenn man uns in der Hinsicht nicht hilft und die Überforderung ist eine logische Folge.
Es ist kein schöneres, angenehmeres Selbstbild, das sich da für mich ergibt. Ich gefalle mir nicht als potenziell dauerüberforderte Person, die möglicherweise immer ein bisschen mehr Unterstützung braucht, um mit anderen Menschen gut zusammenzukommen.
Andererseits gefällt mir, dass ich das heute über mich weiß und aufhören kann, mich als jemand zu sehen, die_r sich eigentlich am besten ganz aus dem Kontakt herausziehen sollte, um anderen nicht zu schaden oder sie zu verletzen, mit der Art wie sie_r ist.
Es ist schon ganz schön, grundsätzlich okay zu sein. Auch so.
Was mir nicht gefallen hat, war das Lob.
Tatsächlich löst es in mir Aggression aus. Schreidruck. Eine ganz dumpfe Ohnmacht. Das Gefühl, nicht gesehen zu werden.
Lob wird als positives Ergebnis von etwas gesehen. Als Be.Lohn.ung.
Viele Menschen brauchen Lob, um sich zu bestätigen oder um sich sicher in ihrem Handeln zu fühlen.
Ich auch. Grundsätzlich.
Aber.
Ich kann Lob nicht in ein Gefühl in Bezug auf mich übersetzen. Für mich ist Lob eine Selbstauskunft der lobenden Person mir gegenüber. Eine Information darüber, was mein Tun, für die andere Person bedeutet. Etwas Gutes nämlich.
Entsprechend freue ich mich über Lob, weiß aber auch: Ich freue mich für die andere Person – nicht über meinen Beitrag dazu.
Es verstärkt nicht mein Selbstbewusstsein und pimpt auch nicht mein Ego, wenn ich oft und viel gelobt werde. Im Gegenteil. Ich bekomme das Gefühl benutzt zu werden. Unsichtbar zu werden, in meinen Anstrengungen für das Endergebnis. Unbeachtet in meinen Problemen und Ängsten darum.
Lob ist ein Kommunikationsmittel, das so eindeutig und stark bewertet ist, dass es schwierig ist, es zu kritisieren.
Ich weiß, wenn ich diesen Text veröffentliche, wird es Menschen geben, die mir tiefe Verkorksung unterstellen, mein Trauma verantwortlich machen, mir unterstellen, mich gar nie gut fühlen zu wollen. Einfach, weil sie Lob so gut finden und keine andere Praxis nutzen, um sich, positiv und zugewandt, den Werken und ihren Erschaffer_innen zu widmen. Sie nutzen ausschließlich Bewertung. Also etwas, das nur einseitig funktioniert.
Ich will Kritik.
Ich will, dass jemand in mein Potenzial vertraut und mir sagt, was ich ändern könnte. Was ich verbessern könnte. Ich will erfahren, für wie beweglich mein Werk und ich wahrgenommen werden. Ich will Interaktion. Kontakt. Miteinander. Augen.höhe.
Das fehlt mir. Und weil es fehlt, tut es weh. Weil aber so viel Lob angeflogen kommt, ist das kaum auszudrücken.
Das macht einsam. Ganz real.