Es gibt keinen Schutz vor dem Leben.

„Jetzt generalisieren sie aber“, sagt die Therapeutin.
Am Wochenende kam eine Nachricht von ihr. Sie hätte meinen Brief gelesen und die Stellen im Buch, die ich ihr präpariert hatte.
Ich prüfe mein Gesagtes und stimme zu. Ja, es ist eine Generalisierung von mir zu sagen, dass alle Therapeut_innen und Helfer_innen, die mich nicht gesehen, nicht erkannt, nicht verstanden haben, mich am Ende nie deshalb entlassen, rausgeworfen oder abgewiesen haben, sondern, weil sie sich dagegen entschieden haben, mich sehen, erkennen, verstehen zu wollen.
Das ist eine Erzählung, die mir hilft und mich tröstet.
Sie handelt von Menschen, die Versprechen geben, ohne sie zu machen. Von einem Wunsch danach, bedingungslos unterstützt zu werden, der schon seit vielen Jahren nicht mehr angebracht ist – egal in welchem Kontext. Von der Einsicht, dass man Menschen nicht ändern kann und der Anerkennung der Ohnmacht vor dem Begreifen anderer Menschen.
Es ist die Essenz der vielen Erklärungsfindungsprozesse seit den 90er-Jahren, die bei jedem einzelnen Bindungs- und Beziehungsabbruch zu Therapeut_innen, Helfer_innen und Menschen, die uns aus ihrer Position der Autorität hätten helfen können, wenn sie nur kapiert hätten, was wir ihnen sagen, ausgelöst wurden.

Es ist eine Erzählung, die wahr und fair ist.
Ich stehe nicht hier und sage: „Alle Therapeuten sind vertrauensunwürdige Dreckspisser, die eh nix schnallen und immer nur vom Elend anderer profitieren.“ Ich habe und ich werde nie – selbst nicht über die Behandler_innen, die mich mit ihrer Unfähigkeit re.traumatisiert haben – sagen, dass sie das mit Absicht getan haben oder mich einfach zu scheiße fanden, um korrekt mit mir umzugehen.
Auch das sind Generalisierungen, mit denen so einige bindungstraumatisierte Menschen nach Erfahrungen wie meinen leben.

Es ist meine Erzählung über Gewalt, es ist meine Erzählung über das Leben, über die Menschen.
Ich stehe hier und sage: Es tut weh, weil du mir ein Weh getan hast – und ich kann darauf verzichten, dass du mir sagst, dass dir das leid tut, denn ich hab nichts davon, dass du dich einer Schuld entschuldigst, die du dir selber gibst, weil du denkst, wenn ich dich als Quelle auszeichne, bedeute das irgendeine Schuld statt einer Ursachenzuschreibung. Mein Weh wird nicht weniger davon, dass du mir sagst, dass du das nicht wolltest. Absichten sind Fantasien. Sie sind bedeutungslos für die Realität.

Ich erzähle von einem Weh, das niemand wollte und das trotzdem passiert ist.
Und ich erzähle das nicht, damit irgendjemand um mich herumtanzt und versucht das wieder gutzumachen. In einer Welt, in der Fantasien mehr Bedeutung zukommt als Realitäten, kann sich mein Weh nicht transformieren. Gibt es keinen Schutz, keine grundlegende Reparation, sondern immer nur Ablenkung, immer nur noch mehr nutzloses Gewölk zur Betäubung der Ohnmachtsgefühle vor der Interaktion mit anderen Menschen und also vor dem Leben selbst.

Meine Generalisierung, diese meine Erzählung, ist keine Schutzmaßnahme. Weder für mich, noch für irgendjemand anderen.
Es gibt keinen Schutz vor dem Leben.

5 thoughts on “Es gibt keinen Schutz vor dem Leben.

  1. Ja… Der Schmerz durch Behandler_innen ist etwas womit wir noch nicht gut umgehen wissen. Und dabei spielt es keine Rolle ob bewusst oder wegschauende oder wie sie verletzt haben.

  2. Das aktuelle Geschehen scheint nicht nur Folge Eures auch traumabedingten Unvermögens, sondern auch Eurer Entscheidungen zu sein. Ich glaube der größte Kampf besteht im Eingeständnis eigener Fähigkeiten und Verantwortlichkeiten und im Verzicht auf Anklagen anderer. Aber auch das ist Eure Entscheidung.

    1. Hm, muss ich drüber nachdenken.
      Glaube, wenig in Bezug auf Menschen allein entscheidbar und Un_Fähigkeiten allein sind denkbar diffuse Parameter, um Ursache und Wirkung zu analysieren.

      Und was ist „das aktuelle Geschehen“?
      Hm. Hm. Hm.

  3. Denke auch das eine Psychotherapie immer etwas Gemeinsames ist und erschafft oder auch daran scheitert. Sicher sehr schwierig, wenn die Bindung die therapeutisch heilen soll, ja die traumatisierte Bindung zu (über)lebenswichtigen, traumatisierenden Bezugspersonen widerspiegelt. Sich darauf einzulassen ist wohl für beide Seiten (Betroffene und Therapeut) sehr schwer, anstrengend , komplex, beide werden aufs Intensivste berührt….nicht jeder kann das ertragen. Glaube dennoch, das es gelingen kann, aber den Willen von beiden Seiten braucht, sich wahrhaftig einzulassen. Auf der Seite der Betroffenen steht dem noch zusätzlich die unerträgliche, überwältigende emotionale Traumaerfahrung der Kindheit und dem entsprechenden Misstrauen gegenüber Personen, die sich als Bindungsfiguren anbieten . Die viel grössere Hürde!
    Meine Erfahrung als Betroffene und Professionelle : es gibt viele Stümper, Möchtegerns und „Wenn ich es nicht schaffe , dann muss es wohl an der gestörten selber liegen“s unter den Professionellen. Und ein paar wenige Perlen….Das hab ich schon geahnt als ich damals Psychologie studierte, um (psychisch) zu überleben. Das ich mich, meines eigenen Verstandes bedienen muss, um mich und die anderen zu verstehen und die zu finden, die in der Lage und willens sind mich zu verstehen und sie dann noch darauf zu stossen, was ich eigentlich habe, damit sie mir erst helfen können……Mal schauen, ob es was wird, sonst habe ich aber immer noch mich/ uns selbst….

    1. Ja, das sehe ich auch so.
      Das, was für mich im Moment so schmerzhaft ist, ist, dass, wäre ich nur traumatisiert, jetzt noch alles ok wäre.
      Sie ist keine Stümperin, sie hat sich enorm auf mich eingestellt und ist es nach wie vor. Aber ich bin nicht nur traumatisiert, sondern auch ich und darauf kannwillmöchte sie sich nicht einlassen. Jedenfalls jetzt in den nächsten Jahren nicht.

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