Sie will nicht mehr.

4 Wochen seit dem letzten Therapietermin.
Ich habe gearbeitet. Urlaub gemacht, einen Brief geschrieben, Informationen zusammengetragen.
Am Sonntagabend sitze ich mit Sack und Pack im Zug nach Bielefeld. Am Montagmorgen würde ich mit Dr. H. in Gütersloh sprechen, welche Aspekte meiner Traumatherapie besser an den Autismus angepasst werden könnten. 3 Monate habe ich auf den Termin warten müssen.

Es ist warm als wir am Bahngleis stehen. Mir ist schlecht, mein Magenschmerz bohrt sich zwar nicht mehr bis in den Rücken, dafür ins Gemüt. Ich merke, dass ich meine Atemtechniken nicht mehr mache, um so wenig wie möglich im Bauch zu bewegen. Ich somatisiere, aktiviere, agiere, gefalle mir in der Rolle der Klientin, die aktiv tut und macht, nichts in ihrer Therapie als gegeben hinnimmt, sondern hilft zu helfen.
Meine Motivation trägt mich durch die Ansteckungsangst im Zug, im Bus, auf dem Klinikgelände, im Haus selbst.

Dr. H. ist gut. Das Gespräch hilfreich. Meine Hände tun weh vom Waschen und Desinfizieren, meine Füße, mein Magen. Es ist noch ein halber Tag, bis der Termin mit der Therapeutin ist. Zwischendurch komme ich mir vor wie eine liebe Oma, die den Tisch unter Essen begräbt und sagt: „Hier, nimm dies, nimm das – es ist alles da.“ In meiner Vorstellung braucht sie nicht mehr machen. Nur dies lesen und das. Nur die Angebote annehmen, die ich mit Dr. H. und dem Begleitermenschen für sie eingefädelt habe. „Hier dies, hier das, greifen Sie ruhig zu.“ Es ist übergriffig und zu viel. Ich weiß das und kann doch nicht anders.
Ich kanns einfach nicht kampflos aufgeben. Kann und will nicht hinnehmen, dass es bleibt wie es ist, weil es mir schadet – kanns nicht beenden, weil so viel dran hängt.

Am Abend sagt sie, dass sie nicht mehr will.
Dass sie nicht verstanden hat, was der Autismus für mich bedeutet. Was er für die Arbeit hier bedeutet. Die ganzen letzten 5 Jahre nicht.
Aus dem Brief hat sie die Kritik aufgenommen, die auf 2 von 8 Seiten stand. Sie hat in den letzten Wochen nichts getan für das, was wir miteinander haben. Sie hat sich für Traumaschwurbel entschieden. Das soll ihre Zukunft sein, „Herzlichen Glückwunsch“ denke ich und frag mich, wofür ich mich jetzt entscheiden kann.
Wir werden einen Abschied versuchen. Das ist neu, die Chance hatten wir bisher noch nie. Jetzt, am Morgen danach denke ich, dass die Abbrüche früher einfacher waren, weil die Katastrophen viel konkreter waren. Sie haben mich, Hannah, gemacht. Jetzt bin ich schon da. Und die Dinge, die wir uns vor 8 Jahren vorgenommen haben.

„Wenn das hier nichts wird, beantragen wir Sterbehilfe. Wir gehen, es hat keinen Sinn. Diese Traumafolgestörung ist eine Krankheit, die meine Lebensqualität so einschränkt, dass es kein Leben ist. Es gibt nicht genug Behandler_innen, die Wartezeiten, die Therapieregularien, jede stationäre wie teilstationäre Option bedeuten für mich das gleiche Risiko einer Retraumatisierung wie die Chance auf Verbesserung – diesen einen Versuch machen wir noch und wenn das nicht klappt, ist Schluss.“
Funktionale Suizidalität ist das, was uns lange durch die Therapie getragen hat und auch jetzt noch trägt. Das Wissen, dass wir nach dem erneuten Scheitern beim Versuch uns und unser.e Leben zu verstehen, nicht ohne Aussicht auf Ruhe in Frieden sind.

Als wir rausgehen, glänzt die Straße feucht. „Kommen sie jetzt klar?“ hatte die Therapeutin gefragt, „Ja“ habe ich gesagt, „Das kann dir doch egal sein“ gedacht. Vor mir leuchtet eine Straßenbahnhaltestelle mit Übergang.
Jetzt ein Suizid aus Affekt wäre total dumm. Ich muss noch so viel erledigen. Bin für einige Kontexte nicht mehr so egal wie vor 8 Jahren. Wie ich leben möchte und könnte, wenn ich nur die richtige Unterstützung bekomme, ist so viel mehr in mein Bild von mir und auch in die Beziehung mit dem Freund Partner hineingemalt. Heute geht es nicht mehr darum, ob es irgendetwas gibt, das den Schmerz am Leben wert ist, sondern darum was ich ihm an die Seite stellen kann.

Der Begleitermensch hat Nachtdienst, ist erst später zu erreichen. Ich rufe K. an und bitte sie, mit mir zu sprechen, bis ich ruhiger bin. Morgen bin ich wieder zu Hause beim Freund. Bei NakNak*, bei Bubi. Den letzten Tomaten und der Sperlingsgang in der Ligusterhecke.
Vor 8 Jahren wäre da niemand gewesen.

12 thoughts on “Sie will nicht mehr.

  1. Ich verstehe Dich leider so gut!! Und bin den Tränen nahe… Wir dürfen diese verf*** Täterinnen nicht gewinnen lassen!!! Und jeder Suizid ist ein Gewinn für diese!! Schon deshalb: Never! Please! Und ich glaube fest daran, dass jeder Mensch gebraucht wird hier! Und Du machst mit diesem Blog die Welt schon zu einem besseren Ort!!! Und auch wenn wir nicht wissen, warum wir (noch) gebraucht werden, werden wir gebraucht!!
    Ja, wir haben oft ein besch*** Leben. Aber es gibt auch so viel gutes darin!! Und wir sind die Wegbereiter
    innen für Menschen mit kPTBS und Autismus, die nach uns kommen – damit sie es leichter haben!! Wir sind Heldinnen, weil wir bisher überlebt haben und weil wir Niemals die #!🧟‍♀️💀☠️😡😤😱🤬😢 Täterinnen gewinnen lassen!! Bitte bleib hier! Und in allen Held*innensagen und Fantasy-Storys ist der_die Lehrer_in irgendwann weg, weil die_der Held_in den eigenen Weg finden muss! Wir schaffen das! Die Asiaten sagen: Jedes Ding usw. in deiner Umwelt ist dein_e Lehrer_in. An Menschen/Sachverhalten und Dingen werden wir immer weiter lernen!!
    Ja, es ist auch irre traurig!! Meine Aufarbeitung schlimmster Traumatisierungen bräuchte ca. weitere 20 Jahre nach schon ein paar Jahren. Meine Therapeutin möchte Prioritäten setzen, weil wir beide älter werden /es über ihren Rententermin gehen würde und weil es mir in den 20 Jahren schlecht gehen würde, was es vielleicht auch nicht wert wäre … und mit Verlaub es gibt evtl. bessere Therapeut_innen als Deine.

    Bleib da, wir brauchen Dich!

    Herzlichst
    Katja aka thira3006

    1. Ich definiere mich nicht mehr darüber was Täter_innen wollen oder nicht wollen.
      Ich bin kein_e Held_in auf der Reise.
      Ich bewerte meine Therapeutin nicht als gut oder schlecht.
      Es ist immer meine Entscheidung. In dem Text schreibe ich, was mir heute hilft.

  2. Danke, dass ihr diese Worte aufgeschrieben habt. Nach der tausendsten therapeutischen Enttäuschung wieder dazustehen, obwohl mensch doch so viel versucht hat… Letztes Jahr hat mich/uns eine solche Situation fast zum Suizid gebracht. Eine weitere Enttäuschung dieses Jahr hat noch mehr verbittert. Trotzdem weitermachen ist schwer. So sehr ich euch von Herzen wünsche, dass ihr das bekommt, was ihr braucht -auch danke, dass ich mich gerade ein bisschen weniger alleine fühle.

  3. Liebe Hanna
    ich möchte Dir nur schreiben, dass Du mich und andere erreichst und berührst mit Deinen Erfahrungen und Worten. Das in dem Wust von Unverständnis und das Leben und sich selbst nicht kapieren und die Professionellen, die nicht verstehen sich nicht ganz einlassen wollen, …das es da doch kleine Fetzen gibt, in denen wir (Betroffenen) einander verstehen und uns irgendwie nahe sind . Ich bin Dir sehr dankbar für das Teilen!

  4. Strassenbahn – funktionale Suizidalität ?- in dem Zustand kann ich gar nicht raus, ist wie sehenden Auges ferngesteuert zu sein. Es gibt aber auch Psychologinnen die das kapieren

    1. Funktionale Suizialität ist für mich: Leben „machen“ können, weil ich mich tot machen kann.
      Das was du als „wie sehenden Auges ferngesteuert“ beschreibst, nenne ich je nach Gefühl dabei „Depersonalisation“ oder „reaktiver Fleischsack sein“ oder „Sozialpapagei sein“.

  5. Tut mir sehr leid für euch. Es ist echt hart nach so langer Zeit wieder ohne Therapeut/in da zu stehen. Versteh eure Gefühle gut. Freut mich aber sehr, dass ihr heute Gründe zum weiter leben habt.
    Fühlt euch umarmt, falls ihr mögt

  6. Liebe Hannah
    nachts gehen mir deine Worte nochmal durch den Kopf und beschäftigen mich. Ich bin froh dasss Du jetzt an einem ganz anderen Punkt stehst als vor 8 Jahren. Ich möchte der Sperlingsgang in der Lingusterhecke noch was hinzufügen und das ist Deine Fähigkeit Dich glasklar mit Worten ausdrücken zu können. Erfahrungen , Interaktionen und Gefühle mit Worten auf ihre Essenz hin zu sezieren. Das Geschwurbel sortierst Du aus und es ist das Wahrhaftige, Echte was übrig bleibt. Kein Drumherum, es sich Schönreden, Ausflüchte in Helden- und Phantasiegeschichten , sondern eher so etwas wie der nackte, zarte, zerbrechliche, schonungslose und dadurch mächtige Röntgenblick auf das Leben :).

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