Schale

Ich fühle mich geschält. Wie diese Kartoffeln im Glas, nur dass der Zug, in dem ich sitze, das Glas ist und in kein Supermarktregal passen würde. Aber ich. Ich fühle mich so klein geschält, dass ich froh bin um diese große Hülle. Es ist Dienstagabend, reichlich spät, denn wieder hat mein Zuganschluss in Minden nicht geklappt. Wieder warten wir im Dunkeln, im Kalten, im Alleinen zwischen zwei Welten und sind dabei selbst weder fest noch flüssig.

NakNak* atmet auf meinen Schoß, in ihrem Fell wuseln die Anderen wie Flöhe auf der Suche nach Nähe, Wärme, Halt. Alles ist schwer, sogar an meinen Wimpern hängen Senklote.
Als wir aus dem vorletzten Zug aussteigen wollen, spricht mich eine Person an. Ich reagiere nicht, bin verzehrfertige Kartoffel-klein. Denke, soll er sich große Leute suchen, um zu sprechen. Er winkt mir zu, tritt näher an mich heran. Ich höre zu. Dann doch. Weil ich mich ohne Schale einfach nicht abgrenzen kann. Und weil ich keine Kraft mehr habe. Für Widerspruch, für meine eigenen Grenzen, für nichts und niemanden. „Wobei würde der Hund denn assistieren?“ fragt die Person und ich höre wieder weg. Dafür – für all das, was an dieser Situation falsch ist – habe ich erst recht keine Kraft. „Das ist eine extrem private Frage.“. Sagt eine andere. Dann hält der Zug und wir steigen aus.

Es ist kalt. Es ist dunkel. Ich bin allein.
Und trotzdem gibt es Dinge, die total privat sind.
Und eine andere, die noch eine Schale hat. Oder ist.

zum International Disability Day

Gestern war „International Disability Day“, deshalb habe ich darüber nachgedacht, ob ich über unser aktuelles Behinderungsding schreibe, aber

Ich hab erst neulich geschrieben, dass mich meine eigenen Redunanzen nerven. Sie nerven mich und manche tun mir einfach weh, weil ich weiß, dass sie trotz der permanenten Wiederholung nicht an Relevanz verlieren oder tatsächlich auch als Wiederholung verstanden werden.
Sackgasse. Wörterblockade. 5 Gedanken zurück, noch einmal über Los.

Nach der Berufsausbildung hätte eine klitzekleine bezahlte Stelle für mich möglich sein können. Klitzeminiwinzig klein. Mit genau dem Umfang, den ich schaffe. Mit genau genug Geld, um mal einen klitzemini Rentenpunkt zu bekommen und mit gezielt gesetzten Einkünften über Blog, Podcast, eigenes Zeug vielleicht sogar mal ein zwei drei vier Monate im Jahr weder Hartz noch Wohngeld zu brauchen.

Und dann wurde ich vom Jobcenter erneut medizinisch begutachtet, gab es eine anscheinend neue Ausgangslage durch die Ausbildung.
Weil ich nach fast 11 Jahren Arbeitslosigkeit die Ausbildung geschafft habe, wird nun diese miniklitzekleine Stelle in dem Betrieb – den ich kenne und mag und der mich will; wo ich tun kann, was ich kann, wie ich das kann – nicht vom Jobcenter gefördert. Die Ausbildung hat die Arbeitslosigkeit unterbrochen. Eine Förderung durch einen anderen Topf reicht nicht aus. Der Betrieb ist sehr klein, die volle Förderung ist nötig.

Die neue Betreuerin hat mir das letzte Woche am Telefon erklärt. Sagte dabei so etwas wie: „Bei Ihnen ist ja auch nicht davon auszugehen, dass das wieder weggeht“. Ich wollte schreien. Und als ich das jetzt aufschreibe, weine ich zum ersten Mal darüber.

Wieder bin ich an diesem Punkt. Zwischen bodenlosem Einsamkeitsgefühl, Kränkung, Ent_täuschung und der Bewegung, die nur Traumatrigger auslösen. Zwischen inklusionspolitischen Themen und soziologischen Phänomenen, zwischen dem Außermir und der Welt, in der ich lebe.
Das klingt pathetisch und überdramatisch, Hannah, des geht nicht um dein Leben – ja, aber ja, doch auch.

Ich bin vor ein paar Jahren dafür kritisiert worden, dass ich Arbeiten als Privileg beschrieben habe. Ich habe nie direkt darauf reagiert, weil ich kein Interesse an einem Shitstorm mit weißen ablierten Marx-Linken habe, deren Begriff von Arbeit einzig die Ausbeutung und Unterdrückung von Arbeiter_innen kennt. Als ginge Unterdrückung und Ausbeutung nicht auch durch den Entzug von Arbeitsmöglichkeiten. Als wäre der Kapitalismus allein mit der Abschaffung entlohnter Arbeit lösbar.

Als behinderte Person, die zusätzlich auch chronisch erkrankt ist, gibt es für mich die gleichen Perspektiven wie für alle anderen Menschen im Kapitalismus auch: Entweder rein in die Verwertung oder raus aus der Verwertung.
Diese Entscheidung ist zu treffen, ob man will oder nicht und allein der Tod bedeutet das „raus aus der Verwertung“. Denn: selbst wenn man nicht direkt selbst ver_wertet, so ist man im Kapitalismus selbst ein Wert.
Ich bin Teil der Sozialwirtschaft. Ich schaffe mit meinen Bedarfen Arbeitsplätze. Die Verwaltung meiner Belange ist Teil der Arbeit vieler Menschen. Ich esse, ich wohne, ich scheiße, an Weihnachten bestelle ich Geschenke bei Amazon. Landwirt_innen, Haustechniker_innen, die Ab_Wasserwirtschaft und die armen Schweine, die jetzt von Amazon ausgebeutet werden, haben direkt mit mir zu tun – doch ich kann meinen Konsum nicht mit ihrem gleich machen. Mein Geld kommt nicht aus einem Entlohnungskreislauf, sondern aus einem kapitalistisch pervertierten Solidaritätsgedanken, an dessen Anfang mal die Idee stand, dass jeder Mensch jederzeit (chronisch) krank, behindert oder aus anderen Gründen arbeitsunfähig werden kann und damit das Privileg der autonomen Versorgung durch eigene Mittel verliert.

Ganz selbstverständlich ist in diesem Gedanken die Idee, dass Menschen, die in welchem Umfang auch immer nicht autonom handeln können, das Kolletiv brauchen. Doch die Rolle der Menschen im Kollektiv ist bis heute eine, die nicht auf Gleichheit beruht, sondern auf Unterschied.

Mein Wunsch danach arbeiten zu gehen wie andere Menschen auch, entspringt der Selbst-, wie Fremdverortung als nicht gleiche Person. Also meine Exklusion durch meine individuellen Grenzen der Fertig- und Fähigkeiten, die meine Art und Weisen der Arbeit zu etwas anderem macht, als die anderer Menschen.
Wenn ich so etwas schreibe, dann lesen viele ablierte Menschen einen Vorwurf des Ausschlusses. Den formuliere ich an der Stelle aber gar nicht. Ich beschreibe lediglich, dass er passiert und wirkt.

Ganz konkret nämlich genauso, wie ich es in meiner aktuellen Situation erfahre.
Ich bin 14 Jahre in Hartz 4, weil meine damals noch nicht bekannte Behinderung, eine schlechte Versorgungslage und inexistenter Opferschutz, die Behandlung meiner chronischen Krankheit massiv erschweren. Dann wird die Behinderung erkannt, Kompensationsmöglichkeiten entstehen und neue Fertigkeiten werden entwickelt. Eine Berufsausbildung erscheint schaffbar. 3 Jahre und unfassbar viel Bildungs- und Inklusionsarbeit nebenbei später ist sie geschafft, ein Zettel mit dem Beweis der Gleichheit in Fertigkeiten wird erlangt.
Doch die grundlegende Andersheit ist weiterhin da.
„Das geht bei Ihnen ja nicht mehr weg.“

Behindert zu sein (und zu werden) funktioniert nicht wie das Märchen vom hässlichen Entlein, in dem man als Ausgeschlossene_r einfach nur die Gleichen finden muss, um glücklich und zufrieden, gleich im Kollektiv der Gleichen zu sein Es ist viel quälender, denn das Kollektiv der mir Gleichen ist immer das Kollektiv der Ausgeschlossenen.

Ich will an der Stelle nicht darauf eingehen, welches Kollektiv sich nach wem ausrichten sollte. Wer schließt wen aus, welches Kollektiv ist das Gute, welches das Schlechte. Darum geht es mir nicht, obwohl die Frage gestellt werden muss, wer sich nach wem warum ausrichtet. Das ist ja der schmerzhafte Teil – warum will ich denn tun und können, was Leute tun und können, die nicht behindert und/oder chronisch erkrankt sind bzw. ihre Behinderungen und/oder chronische Erkrankungen so gut kompensieren können, dass sie nicht zu Problemen in Produktivität und damit Autonomie führen? Warum sind die mein Maßstab und nicht andere Menschen in meiner Lage?
Na, weil Menschen, die nicht in meiner Lage sind privilegierter sind und ein entsprechend autonomeres und damit freieres Leben führen können. Nicht, weil ich sie für die besseren Menschen halte oder mich selbst für wertlos. Das kommt erst danach, denn das ist der Schluss zu dem meine Lebensrealität zwangsläufig führt (und führen soll).

Das Jobcenter hat mich jetzt wieder als arbeitsunfähig eingestuft.
Obwohl ich im Moment zwischen 12 und 15 Stunden in der Woche arbeite. Das ist mehr als ich jemals zuvor geschafft habe. Ich bin stolz darauf, weil ich weiß, dass ich mit dieser Leistungsfähigkeit viele Urteile über mich Lügen strafe. Ich schäme mich für diesen Stolz, denn ich weiß, dass er in eine Dynamik reinspielt, die am Ende nicht nur mir, sondern allen Menschen schadet.

 

Ich weiß nicht viel über den International Disability Day. Ich bin kein Teil „der Inklusionsbewegung“. Ich kann keine berührenden, empörenden Texte über Beispiele gescheiterter Inklusion, Diskriminierung oder irgendetwas sarkastisch witziges darüber schreiben, als Objekt der Inspiration missbraucht zu werden oder einen Alltag zu leben, in dem fremde Menschen nach meinem Rollstuhl grabschen. Ich kann keine visuell erfassbaren Stereotypen brechen, die auf ihre Existenz aufmerksam machen.
Die Behinderung mit deren Auswirkungen ich lebe, ist von meiner chronischen Erkrankung nur schwer zu unterscheiden. Ich bewege mich in einer Gemengelage doppelter Abwehr und allgemeiner Unkenntnis. In meinem Leben geht es nicht nur darum, zu erklären, was Autismus ist und was eine dissoziative Identitätsstörung und dann die passende Lücke zu finden. Es geht auch darum auszuhalten, dass der Autismus meinen Ausschluss besiegelt und die DIS etwas ist, das mich mit vielen Nicht-Ausgeschlossenen gleich macht.

Ich passe wieder nicht rein. Nicht mal in den International Disability Day.

24

Irgendwann in meinem Leben will ich es schaffen, dass Leute sehen, wenn wir mit einer Akku-Ladung zwischen 5 und 10 Prozent versuchen, dieses Ding namens „Alltagsleben“ geschissen zu kriegen.

10% fühlen sich für mich gerade an wie 100%. Weil ich die meiste Zeit mit 2% rummache.
Vielleicht wirke ich deshalb nicht so schlapp. Ich habe keine Ahnung.
Und eh – wie verwirrend ist das alles. Von allen Seiten wird mir angetragen, doch zu machen und zu tun und werden und zu sein, doch was ich tue ist entweder das Falsche machen, nicht zur richtigen Zeit machen oder irgendwie nicht nachvollziehbar oder „Das musst du selber entscheiden, ich kann dir nur sagen, was ich denke“. Uff. Ja was denn nun. Darf ich, was ich will oder soll ich „das Richtige“ machen?

Ich weiß es wirklich nicht. Denke so oft: Du hast keine Ahnung.
Und verkrieche mich hinter der Härte von K., die macht, was wir wollen, wie wir können, so lange bis von 10 noch 0.2% übrig sind. Weil ich nicht weiß und merke, niemand sonst weiß, aber meint oder glaubt oder wünscht oder will oder findet.

Plötzlich sind da wieder Dinge zu sagen wichtig wie: „Du bist nicht, was du tust.“, „Wenn dir jemand irgendetwas sagt, das dich nominalisiert, dann ist es sehr wahrscheinlich emotional übergriffiger Mist“, „Es ist okay, nicht zu entsprechen.“, „Streiche alles, was dir von anderen angetragen wird, auf die wenigen Dinge zusammen, mit denen du konkret etwas anfangen, verändern, beenden kannst.“

Jetzt Abstand machen können, ohne persönlich zu kränken, ohne irgendwelche Dinge zu verkomplizieren. Einfach ein Fenster ins Jetzt ritzen, durchklettern und nahtlos hinter sich verschließen. Ganz leise. Damit es nicht auffällt, kommentiert wird, bewertet oder zu einer Eigenschaft erklärt wird. Das wär gut. Kurz mal weg sein für eine Weile. Nur kurz. Eine Woche vielleicht. Ohne, dass das was bedeutet oder bewirkt oder erklärt oder gerechtfertigt oder irgendwie mit irgendwas aufgeladen werden muss.

Einfach nur so. Eine Woche nicht sprechen. Nicht außen sein müssen. Nur dem Ladebalken nachspüren. Merkwürdig, was das plötzlich für ein Privileg ist.

6

Geschafft, was geschafft werden musste. Danach Sims 3.
Das war wichtig und gut wie immer. Runterfahren, absolute Redundanz, Vorhersehbarkeit, ein Ablauf nach dem anderen, 100% Erfolgsgarantie. Soziale Interaktion, die keine ist, aber doch so wirkt.
Sims 3 zu spielen, ist Stimming für uns. Die schwere Decke dabei auf den Beinen, NakNak* im Sessel neben uns. Für einige Stunden ganz allein. So gehts.

Uns gehts nicht gut gerade. Aber es – das Leben, der Lauf der Dinge – geht gut. Es ist kein Stillstand. Nur langsamer. Mit mehr Schlafen, mehr Ruhe, mehr langsam, mehr eins nach dem anderen, damit der Salat kein Feuer fängt.

Kongruenz

„Dieser Monat wird der Wahnsinn“, das denke ich seit Januar oder Februar.
Ich denke das in vollem Bewusstsein über alle Implikationen des Wortes „Wahnsinn“ und doch auch in vollem Bewusstsein darum, dass mir einfach kein anderes Wort dazu einfällt. Und schon beim Aufschreiben dieses Satzes beginnt in mir eine Bewegung darum, die Schlimmheit dieser Ohnmacht zu spüren, ihr so hilflos gegenüber zu stehen. Wächst da eine weitere Schicht Anspruch an mich, gefälligst nicht so zu sein. So hilflos. Vor all dem.
Es ist ja gewählt, es ist ja gewollt, in Wahrheit ist es von mir gemachte Ohnmacht, eingebildete Ohnmacht, lieber als angenommene Verantwortung-Ohnmacht. Und doch auch nicht. Denn am Ende zählt nicht, was „in Wahrheit“ ist, sondern, was in uns passiert. Und das ist Ohnmachtsgefühl. Egal wovor eigentlich genau.

Nach dieser langen, dichten, schönen Woche in Wien fahren wir nach Hause und wissen einmal mehr, was wir alles schaffen können. Wir können durch die Fremde laufen, stundenlang auf Beton in Barfußschuhen. Können ohne NakNak*, ohne irgendjemand anders an unserer Seite sein. Wir schaffen es, „den Faden zu halten“ zu unseren Leuten, ohne sie zu sehen, zu hören, zu lesen, mit ihnen zu sprechen. Wir fühlen sie und können sie uns auch dann als zu uns gehörend einordnen, wenn wir gerade nicht bei ihnen sind. Das ist viel. Enorm viel. Objektkonstanz. Wow.

Und gleichzeitig fühlen wir aber auch die anderen. Innen. Und zwar konstant. Selbst dann, wenn unsere Grenzen und Kapazitäten schon weit ausgereizt sind und uns eigentlich in die Schmerzlosigkeit des Funktionierens, der Euphorie, des einzig Reagierens hineindissoziiert haben müsste.
Die beschriebene Ohnmacht hat genau damit zu tun. Und mit ihnen.
Damit, dass wir ohnmächtig vor ihrer Existenz sind. Sie sind da und wirken in unser Er_leben hinein und es gibt nichts, was wir dagegen tun können. Nicht einmal „dagegen sein“, denn wir wollen das ja. Merken ja selbst, wie viel mehr da ist, wenn beides da ist – wir und sie –

aber

Wir merken, was für ein Wahnsinn das alles ist.
Dass wir tun, was wir tun, obwohl sie und alles von ihnen da ist und obwohl nicht zuletzt auch sie ja überhaupt ein Grund dafür sind, tun zu können, was wir können und letztlich genau das zu tun, was wir tun.
Aber auch, dass wir es tun. Dass wir das tun und nichts anderes. Zum Beispiel auf Wände starren und uns im Muster der Tapete oder den Geräuschen aus uns selbst zu verlieren. Oder uns zu betäuben oder uns wegzugeben.

Was für ein Wahnsinn ist das, keine 2 Millimeter hinter sich eine traumaschleimige Hölle brodeln zu haben und gleichzeitig mit der Banalität des Hier und Jetzt zu verwachsen.
Ja, ich könnte das auch einfach „Widerspruch“ nennen, aber das ist es nicht. Hier spricht niemand jemandem zuwider. Wir er_leben hier keinen Widerspruch, sondern uns. Und ja, wir sind wahnsinnig.

Wir können nichts dafür, dass Wahnsinn und wahnsinnig sein für die meisten Menschen etwas schlechtes ist. Dass es mit Freiheitsentzug, mit Isolation bestraft wird. Wir können auch nichts dafür, dass wir gerade nur so unser Amlebensein ertragen können.
Ja, nein, ich schreibe nicht „Ich kann gerade nur am Leben sein, wenn ich mich überarbeite, überreize, zu viel mache. Ich brauche meine Vermeidung gerade so sehr.“, ich schreibe, dass wir sind, so wie wir sind. Dass es ist, wie es (für uns) ist und wir spüren, dass es wahrhaftig ist.

Wir stellen Kongruenz her.
Nicht mit dem Außen, mit dem Innen. Und das geht.
Es ist der Wahnsinn, wir fühlen uns ohnmächtig davor. Und es geht.

Traumascheiße

Es ist mittags, halb 1, ich fühle mich nach halb 1 in der Nacht.
”Das Runterkommen fühlt sich genauso scheiße an, wie das Aufrechthalten”, denke ich und beschließe, dann jetzt doch zu bloggen. Obwohl ich weiß, wer das alles liest, obwohl ich weiß, dass jede_r darauf reagiert, obwohl es nichts mit ihnen zu tun hat. Zur Zeit ist es kaum möglich, irgendetwas im weitesten Sinne “unbe(ob)achtet” zu tun, das ist so. Vielleicht hört das bald auf, vielleicht müssen wir später – mit mehr Kraft, mehr Haut, mehr Grenze – deutlich machen, dass das passiert und tief reintriggert. Wer weiß, jetzt nicht, nicht noch eine Baustelle öffnen. Obwohl und obwohl.
Jetzt ist Donnerstag. Gestern hat uns der Freund nach mehr als einer Woche voller Arzttermine, Arbeitstreffen, Festival-Workshop-Reise und Therapiestunde abgeholt. Wenn ich so darüber nachdenke, kommt mir das wie ein Traum vor. Das alles. Es war einfach so viel, so viel zu viel des Guten, Interessanten, Aufregenden, Neuen, Wichtigen. Es ist noch nicht realisiert, nicht verarbeitet. Jetzt will ich mich eingraben, fern sein, versorgt sein, schlafen, mich Gedanke um Gedanke abarbeiten, lochen, einordnen. Stempel drauf, Echtheitszertifikat drüber.
Aber.
Es fühlt sich scheiße an.
Traumascheiße.

Es ist die alte Dynamik: Alles ist aufregend, ich könnte auf einer Egowelle hoch zehn schweben, weil ich noch da bin, alles geschafft habe – nicht gestorben bin und alles immer noch da ist – doch alles Wasser steht mir am Hals und begräbt mich zuweilen unter sich. Vornehmlich dann, wenn ich allein bin. Mit meinen Gedanken, meinem Sein, mir – uns.
Und weil ich so aufgerieben bin, weil ich gerade nicht mehr so ganz richtig gut kann, ist es keine Option mehr, mit Menschen zu sein, mit jemandem zu reden, sich damit zu befassen. Niemand kann gerade etwas für mich tun, ohne, dass es meine wunden Stellen aufreibt oder mich zu sehr berührt.
Ich hasse das. Ich hasse mich, wenn ich so bin. Ich will nicht so zart, so sensibel sein. Will mich an die Wand schmeißen, damit das von mir abplatzt und meinen unzerstörbaren Kern freilegt. Meine Härte, meine Stärke – das, was unendlich hochfahren kann, ohne müde, hungrig, durstig, schmerzig zu werden.

Und während ich das so aufschreibe, denke ich, dass das einfach genau das Problem ist.
Dass mein “Hochfahren” eins ist, das meinen von Trauma und Scheiße gestählten Kern erfordert und nicht einfach so ein zwei Hautläppchen weniger, auf die man mal kurz gut verzichten kann.
Es ist einfach kein aufregendes Abenteuer, eine lange Reise mit interessantem Input und ach ja uff, ist es nicht immer irgendwie anstrengend. Es ist immer – immer noch, nach so viel Traumatherapie – sofort eine traumafunktionelle Handlung. Ein Überleben.
Sicher eins, das Spaß macht, ganz sicher eins, dem ich mich auch entziehen könnte, wenn ich das wollte. Es ist kein Gewaltwiedererleben – aber es ist nachwievor ein Wie-auch-im-Trauma-üb_Er.Leben.

Vor allem für die, die ich jetzt – immer noch – in mir schreien spüre.
Scheiße ist das.
Traumascheiße.

Jobcenter like its 2015 (and back into Hierjetztheute)

“Seit wann sind Sie denn im Leistungsbezug?”
“Seit es Hartz 4 heißt, also 2005.”
”Ouh. Das ist lange.”

Ja. Das ist lange.
Und, jetzt, wo ich mit unserem neuen Sachbearbeiter beim Jobcenter rede, kommt das alles wieder bei mir an. Auf die Umzugserschöpfung, die Anpassungsanstrengungserschöpfung, die 3 Wochen ohne gesetzliche Betreuerin und die 2 Wochen ohne Therapie-Erschöpfung, die Überforderungsgefühle, dieses Telefonat überhaupt so unvorbereitet und allein führen zu müssen, obendrauf.
Ich könnte heulen, stattdessen depersonalisiere ich. Höre jemand anderem zu, wie er für mich redet, bin zu entfernt, um irgendetwas beizutragen.

Als das Gespräch zu Ende ist, rufe ich bei der Neurologin an. Aus irgendeinem Grund denke ich, dass sie ans Telefon geht und ich an ihr abprallen kann, um in mir selbst zu landen. Quatschidee, sie ist in 15 Jahren, die wir ihr_e Patient_in sind, genau 1 Mal am Telefon gewesen, wenn wir da angerufen haben und wer weiß, wieso das so war. Etwas von mir und etwas von jemand anderem, vereinbaren einen Termin mit der Sprechstundenhilfe. Im Oktober.

Ich erlebe einen Flashback ins Jahr 2015. Wo sich so viel für uns verändert hat, aber das Jobcenter am Arsch zu haben und die Notwendigkeit von regelmäßigen Terminen bei ihr, so viel alltäglicher, normaler waren, als jetzt.
Der Tee in meiner Hand, die beiden Hundenasen, die mich anstupsen und zu weichen Flanken werden, die gestreichelt werden wollen, erden mich.
Aus der fremden Hasswut auf die Umstände, wird mein emotionales Sumpfgebiet mit Steinen aus Selbsthass, die als einzige Halt unter den Füßen bieten.

Ich bin es nicht mehr gewohnt. Diese Jobcenterscheiße. Dieses Gepule in meinem Leben, meiner Privatsphäre. Diese ständige Frage darum, ob und wenn ja in welchem Umfang, ich berechtigt bin zu leben.
Ich habe keine Haut mehr für diese spezielle Form der strukturellen Demütigung, das bürokratische Muskelspiel, das mich klein machen soll.

In den letzten 3 Jahren ist mir eine Haut gewachsen, um auch unter Zeitdruck kreativ zu bleiben, um inmitten von Leuten, die helfen wollen, diejenige zu bleiben, die sich effektiv auch helfen kann. Ich habe Schulausbildungshaut, Zuhausearbeitenhaut, Schriftsteller_innenhaut, ein bisschen Buchbinder_innenhaut, Hobbyfotograf_innenhaut. Haut, die mich als Subjekt umschließt, schützt und stärkt.
Für den Umgang mit mir als Objekt ist da nachwievor nur meine Traumahaut und davon habe ich in den letzten Jahren viel zu viel abgebaut, um das jetzt hier ohne Schmerz, – Leid – , zu empfinden.

Daneben zeichnet sich schon jetzt ab, dass es wird wie immer.
Wir sind widersprüchlich, falsch behindert, können nicht so, wie es der Arbeitsmarkt will.
Medizinische Gutachten folgen auf psychologische Gutachten, es gibt einen weiteren Zettel auf dem steht, was auf den Zetteln von 2005 bis 2015 schon steht: 70% schwerbehindert, Merkmal B, dissoziative Krampfanfälle, DIS, Ängste und Depressionen gemischt,( ASS wird dann neu da stehen), nicht arbeitsfähig.
Obwohl wir arbeiten. Obwohl wir wirklich hart arbeiten und tun und machen.

Ich selbst muss diesen Widerspruch nie aushalten. Ich lebe ihn und ich denke manchmal, dass die DIS dabei sehr hilft. Ich merke meine Arbeitsunfähigkeiten nicht, wie ich meine Arbeitsfähigkeit merke. Ich arbeite meine Sachen ab, bin zu Hause, mache meinen Kram, bereite mich vor auf Arbeiten, die außerhalb von zu Hause sind – kann mich in unseren Kosmos hineinspalten und stückeln, solange niemand konstante Verfügbarkeit von mir erwartet.
Das zu erklären ist so schwierig.

Vor allem, weil ja selbst die Erklärung in einen Rahmen passen muss, wo sie überhaupt nicht reinpassen kann.
Ich muss einerseits sagen: “Hey, ich kann nicht in die 10km entfernte Jobcenter-Filiale kommen, weil ich noch keine Assistenz habe.” und andererseits: “Hey ich bin im Oktober für eine Woche allein in Wien, um aus meinem Buch zu lesen und mir Dinge anzugucken.”

Muss sagen, dass ich es nicht schaffen kann, jeden Tag 3, 4 oder 8 Stunden zu arbeiten, während ich jede Woche eine Podcastepisode produziere, was mindestens 3 Mal 8 Stunden in der Woche sind. Während ich an Buchprojekten arbeite, Buchbindeunterricht habe, meine Kunst mache und meine Ehrenämter bespiele.

Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich etwas nicht schaffe oder kann.
Es ist auch nicht so, dass mir nicht selbst auffällt, wie viel wir eben doch schaffen.

Es ist eben einfach so widersprüchlich, nicht linear, anders.
So bin ich, so ist mein Leben, so ist mein Funktionieren. Es gibt nun mal einfach Menschen, die so sind.
Das bin nicht nur ich, weil wir autistische viele mit Spezialinteressen, die produktiv nutzbar sind, sind.
Wir können nichts für einen Arbeitsmarkt, an dem teilzunehmen alle quasi zwangsverpflichtet sind, obwohl ebenjener Arbeitsmarkt auf Talente und Kräfte, wie unsere scheißt, sobald sie nicht unbegrenzt zur Verfügung gestellt werden können.
Wir können nichts für Arbeitsbedingungen und –umstände, die Menschen, wie uns mehr und tiefgreifender schaden, als anderen.
Das macht das Jobcenter und sein Handeln immer wieder zu einer Strafinstanz für uns. Wir können nichts dafür, müssen versagen, rausfallen, “alles falsch machen” und werden dafür mit Drohungen, Leistungskürzungen und anderem bestraft.

Daneben sind wir heute privilegiert. Im Vergleich zu 2015 geht es uns heute sehr sehr gut. Wir sind sehr sicher, sind sehr geschützt, unterstützt, geliebt, gemocht, gehalten und wenn nötig, würde man uns sogar tragen.
Das macht die Erfahrung jetzt etwas anders. Wir wissen mehr über unseren Autismus, wissen mehr über unsere dissoziative Mechanik, uns als Subjekt. Das macht viel aus, hilft mir jetzt, mich hier aufs Schreiben konzentrieren zu können. Ganz sicher zu spüren, dass es okay und wichtig ist, mit diesen Gedanken und Gefühlen nicht allein zu bleiben, wenigstens virtuell nicht.

Ich kann mich dem Ärger, der Wut annähern, sie teilen. Die spontane Spaltung wieder schließen.
Ich kann mich jetzt aber vor allem mit zwei lieben, warmen Hunden ins Bett legen, Tee trinken, ausruhen und nichts Schlimmes wird passieren, denn am Ende hängt eben doch nicht mehr wirklich unser Leben am Jobcenter, wie noch 2015.

der Monsterzyklus

Tag 21, Woche 3 nach dem Umzug.
Es ist der 33ste Tag meines Zyklus und ich spüre das wie etwas, das von innen an jede einzelne Zellwand trommelt. Solche Monsterzyklen sind untypisch für uns geworden. In den letzten Jahren können wir unsere Regelblutung als „regelhaft“ bezeichnen und das ganz klar an Therapiefortschritten und einer dadurch allgemein verbesserten Lebenssituation festmachen.
Es ist nicht mehr normal für uns über Wochen und Monate hinweg, konstant gestresst, angespannt, beuruhigt oder vielleicht sogar (todes)verängstigt zu sein und wie super ist das, wenn es bedeutet, nicht mehr ständig mit Sorgen um eine unerwartete Schwangerschaft oder ernsthaften Erkrankungen befasst zu sein?!

Jetzt passieren viele Dinge gleichzeitig. Nichts davon ist ungewollt – außer der Stress, den es auch bedeutet. Auch Spaß, Glück, Erfolg, das freudige Verfolgen gewünschter Prozesse ist Stress. Wir verdrängen das gern. Ich ganz besonders, denn ich möchte vermeiden, vor anderen Menschen, aber vor allem mir selbst zu wirken, als wäre nie irgendwas einfach problemlos.

Die Realität aber ist die, dass wir mit einer tiefgreifenden Stressverarbeitungsstörung und einer generell nicht neurotypischen Art der Reizverarbeitung leben. Für uns ist nichts jemals einfach „problemlos“ im Sinne von „nicht beachtenswert“ oder „vernachlässigbar“. Selbst dann nicht, wenn wir so tun, als ob es doch so wäre. Wenn es eine Konstante gibt auf die ich mich in Bezug auf meine Möglichkeiten des Funktionierens verlassen kann, dann ist es der Umstand, dass meine Fresse mehr Bodenkontakt als empfehlenswert ist bekommt, wenn ich so handle, als gäbe es die Grenze zu unserem individuellen und jeden Tag etwas anderem „zu viel“ nicht.

Trotzdem wirkt in mir natürlich meine Sozialisierung. Selbst in mir, die nie die Gewalt der Anderen erlebt hat, wirken schädigende Ansprüche an mein Funktionieren. Ich erwarte von mir eine Verfügbarkeit und entsprechend auch eine Produktivität, die mein „zu viel“ konsequent ausblendet.
Eine Strategie, um mich damit zu konfrontieren ist der „braindump“. Das bloße Runterschreiben der Dinge, die ich gerade in mir und meinem Tagesgeschehen jongliere. Was mich beschäftigt und auch, was mich ängstigt oder besorgt. Diese Liste hat für mich an guten Tagen 3 bis 5 Items – seit Februar diesen Jahres umfasst diese Liste konstant 15 und mehr. Und zu welchem Zeitpunkt fällt mir das auch endlich auf? Richtig – ein halbes Jahr später, als mein Zyklus mich zu blutlüsternden Gedanken verleitet, die sonst nur Graf Dracula hat. Und das, obwohl ich mich regelmäßig damit konfrontiert habe, dass gerade alles ganz schön viel, und oft viel zu weit über „zu viel“ hinaus ist.

Es liegt übrigens auch nicht ausschließlich an der Dissoziation, dass das so ist. Die ist ja immer nur die Reaktion auf etwas. In meinem Fall die Unfähigkeit, mit den Konsequenzen von Unproduktivität, Planänderungen und Versagen umzugehen. Zum Einen sehe ich mich selbst einfach lieber als produktiv, kraftvoll und kompetent, zum Anderen bin ich mental nicht so flexibel, wie es Planänderungen oder (unerwartete) Veränderungen in der Regel erfordern. Selbst dann nicht, wenn ich mich ganz easypeasy offen special tiefenentspannt und enttraumatisert darauf einlasse. An dieser Stelle renne ich gegen eine Mauer, die gegen ganz doll wollen und super hart anstrengen immun ist. M.Eine Behinderung.

So wie meine Umwelt in der Regel mit m.einer Dysfunktionalität nicht gut umgehen kann, kann ich es auch nicht. Und genauso wie meine Umwelt auf dieses Problem reagiert, reagiere ich selbst mir gegenüber auch: Wenn ich das Eine nicht schaffe, dann muss ich das Andere schaffen. Alles ist nicht schlimm, so lange ich noch irgendwas anderes schaffe. Als Trostpreis, als Teilnehmer_innenurkunde im Alltagsfunktionieren.

Das zu wissen und zu spüren, dass mich so ein selbstverliehener Trostpreis auch tatsächlich tröstet, ist schmerzhaft für mich. Kein Wunder, dass ich das lieber dissoziiere.
Denn das Nachdenken darüber, was man anders machen könnte, wie es anders laufen sollte, wäre wieder ein Item mehr auf der Liste. Ein Ding mehr im Bereich jenseits des zu vielen.

Folgerichtig baue ich jetzt mal noch ein paar Regale zusammen, der Kühlschrank kommt heute und dann können hurra hurra endlich noch ein paar weitere Kisten geleert werden…

der Stoff, aus dem Gegenmodelle gemacht werden

Am Abend lag ich um 9 im Bett und dachte im Gleichstrom des Simmerns in mir, dass das der beste Umzug in meinem Leben ist. Weil er traurig ist. Weil er anstrengend ist. Weil er mit vielen Neuanschaffungen verbunden ist, die sehr aufregend sind. Weil er in eine Stadt führt, wo noch keine Auffangnetze installiert sind. Weil er in eine Beziehungsebene führt, die wir so noch nie gelebt haben.

Und, weil wir zum ersten Mal nicht aus Angst, sondern aus freiem Willen und innigem Wünschen umziehen.

Konfrontiert mit unserem Sperrmüll, alten Zettelagen und so manchem bisher unbekanntem Versteck für Dinge, die von Kinderinnens sind, habe ich das Gefühl, dass ich mehr über uns verstehe. Vielleicht auch: erstmals verstehen kann, denn wir ziehen jetzt um und nicht vor 5 oder 6 Jahren, als ich vielleicht die gleichen Beobachtungen hätte machen können, aber noch nicht so einordnen.

Warum sind wir so oft unorganisiert – weil wir ständig nicht nur organisieren, sondern auch kompensieren. Nicht nur uns und unsere Wahrnehmung, sondern auch unsere Umgebung, in der so viel Zeug einfach nur ein bisschen funktioniert, wenn Sonne, Mond und Sterne gut stehen und der Zufall den Wind günstig dreht.
Wir ersetzen jetzt viel und das ist heftig, aber auch gut. Und wiederum etwas, das zu ein bisschen überraschenden Beobachtungen führt.

Wir sind gar nicht mal so echt okay mit Gestückel und “Hauptsache es erfüllt seinen Zweck”. Wir sind okay damit, wenn man uns nicht beurteilt aufgrund unseres Besitzes. Es gibt durchaus Gefallen an schönen Dingen, die nicht schön sein müssen, um zu funktionieren. Macht uns das bürgerlich oder materialistisch? Wie genau wird das definiert und wo genau verläuft da eigentlich die Grenze, an der sich viele Leute in unserem links-radikal-alternativem Umfeld stoßen und reiben?

Und welche Rolle spielt in dem, was mir jetzt an unserem Gefallen bemerkenswert erscheint, eigentlich der Umstand, dass wir teils aufgrund unserer traumabedingten Anpassungsbereitschaft und teils aus der realen Armut heraus, nie die freie Wahl hatten, die nicht alle, aber doch viele in unserem Umfeld hatten?

Wären wir nicht so früh aus der Herkunftsfamilie gegangen, hätten wir diese freie Wahl auch nicht gehabt. Selbst dann wäre sie traumabedingt gewesen. Freier als arme Leute hätten wir uns entscheiden können, aber eben auch nur in dieser Hinsicht.
Es bedeutet etwas, wenn man immer mit dem Gefühl durchs Leben geht, man müsse froh und dankbar und deshalb anspruchs-, wunsch-, und willenlos sein, weil man noch lebt. Weil man in Deutschland lebt, in einer Wohnung, mit den Fähig- und Fertigkeiten und am Ende auch dem Besitz, den man hat.

Es bedeutet etwas, wenn man das eigene Amlebensein mit der Überzeugung trägt, es würde nur aus einer Ausnahme heraus überhaupt (weiterhin) gewährt und könnte bei jeder Gelegenheit, ob selbst verantwortet oder nicht, genommen werden.

Es bedeutet, eine Traumawahrheit am Leben zu erhalten, weil man kein Gegenmodell hat.
Vielleicht nie gelebt, nie gefühlt, nie gedacht hat.

Ich glaube nicht, dass wir mit dem Umzug automatisch in ein Leben mit so einem Gegenmodell kommen, aber ich hab das Gefühl, dass wir über den Kontakt und das Miteinander mit dem Freund öfter als vorher bemerken, dass wir diese Traumawahrheit nachwievor im Körper und auch in der Seele haben. Denn er ist ja einfach da und diese Existenz ist so fraglos und auch ausnahmslos, dass es stark kontrastiert, wie wir uns und unsere Existenz empfinden.

Das alles im Kopf, wird es manchmal auch zu Gefühl und das ist neu.
Und damit etwas, das es zum besten Umzug macht. Ich fühle, dass sich etwas verändert und bin dabei. Es tut weh und ich bin da. Wir ziehen hier weg und ich fühle das auch.

Ich glaube, dass das der Stoff ist, aus dem Gegenmodelle gemacht werden.

das Stress-MRT

Später las ich im Aufklärungsbogen eines anderen Krankenhauses, dass es überhaupt nicht nötig ist, für so eine Untersuchung nüchtern zu sein. Wie kann das sein, dass die einen das so, die anderen so machen.
Für unseren Termin zum Stress-MRT des Herzens sollten wir nüchtern kommen. Um 14 Uhr 15.
Unsere Begleitperson durfte nicht mit im Raum sein.
Wenn man hungrig ist, ist alles schlimmer. Auch das. Und, dass wir warten mussten, dass uns Risiken genannt wurden, mit denen wir gar nicht gerechnet hatten. Kardiologie und Krankenhaus ist immer kurz vor Vollkatastrophe, die Not- und Sonderfälle sind so groß im Raum, dass für Popelprofanitäten wie mein kleines Flatterherz mit Stolperneigung, kaum noch Raum ist. Alles ist rechtssicher abgeriegelt, überwacht und kontrolliert. So sehr, dass ich Angst bekomme, mir Sorgen mache, an Szenarien denke, die in meinem Fall sehr unwahrscheinlich sind.

Die Person im MRT ist sehr nett. Ruhig, klar, eindeutig lesbar. Sehr angenehm.
Ich stieg in ein Flügelhemd und aus den Schuhen, legte mich auf den Tisch des MRT. Hoffte, sie würde die Vene in der Hand wählen, war überrascht von dem Schmerz in der Armbeuge, wo schon während des Krankenhausaufenthalts letzte Woche eine Kanüle lag und zu nichts außer Schmerz führte.

Diese Gerätemedizin fasziniert mich. So ein riesen Ding, mit dem man in Körper gucken kann, hallo sowas muss man erstmal erfinden. Fantastisch.
Es ist kalt in dem Raum, ich zitterte ein wenig. Die Person bedeckte meine Füße, meinen Bauch, die EKG-Elektroden beklebte Brust. Mir fiel dabei auf, dass ich aus Fleisch gemacht bin, aber gerade keine Option hatte, mal mit dem Finger reinzupieken.
Die Nebelfelder an meinen Rändern waren dicht, ich versuchte gar nicht erst durch sie zu sehen. War froh, dass meine “dissoziative Störung” genau jetzt meine Wahrnehmung einschränkte. Alles rückte in die Ferne, da konnte es von mir aus auch bleiben.

Ich habe der Person meinen Gehörschutz gegeben, weil ich mir Sorgen über eventuell enthaltene Metallteile machte. Dummer Fehler. Ich habe sie später nicht zurück bekommen, muss heute nochmal hin.
Die Geräusche des Geräts waren auch nicht schlimm. Überhaupt war es nicht schlimm in der Röhre zu sein. Schlimm war, hineinzufahren und nicht zu wissen, ob es nicht vielleicht doch Metall in mir gibt. Die MRT-Person beruhigte mich, riet mir, die Augen zu schließen und zuzulassen bis ich drin bin. Das war gut.
In der Röhre selbst war es auch gut. Schön eng, um mich herum tiefenloses Weiß.

Es hat lange gedauert. Sie haben Bilder gemacht, es hat geklopft und gescheppert, wurde warm aufanin der Brust. Zwischendurch hatte ich Druck auf dem Sternum, mir schlief der linke Arm ein. Wäre es nicht so kalt gewesen und wäre das Anhalten des Atems nicht dann und wann nötig gewesen, hätte ich gut schlafen können. Gleichzeitigkeit ist eine merkwürdige Realität.

Und dann kam das Adenosin. Da der Arzt von mehreren Stufen gesprochen hatte, hatte ich mir Stufen in der Wirkung vorgestellt. Vielleicht sowas wie “etwas nervös”, “leicht beklemmt”, “aufgeregt sein”, “aufgeregt angestrengt sein”, “enorm aufgeregt sein”. Auf jeden Fall nicht, von jetzt auf gleich Angst zu haben, körperlich ziemlich genau an dem Punkt zu landen, wo meine Kontrolle über mich selbst zu behalten absolut überfordert, weil Automatismen greifen, die über mich hinausgehen. Die Blutdruckmanschette, die mir den Arm gequetscht hat, war es dann aber, die ein Kinderinnen rausgezogen hat. Nur kurz, nur bis 2 Millimeter unter die Haut, genug, um mir in die Hose zu machen und von irgendetwas anderem wieder weggedrückt zu werden.
Vermutlich, dem Zittern. Das wurde nämlich unkontrollierbar.

Ich konnte nichts dagegen machen. Und gleichzeitig: Wie witzig. Da haben wir uns seit 2002 in Selbstberuhigung und Atmung und trallala geübt und jetzt, sollte das alles so sein. Jetzt war da niemand, die_r uns aufforderte, uns zu beruhigen, zu entspannen oder keine Angst zu haben. Nicht mal die, die wir als quälende Abbilder im Innen haben. Die Grenze, an der wir da waren, war allen bewusst. Und endlich war da mal niemand, die_r mir sagte, ich sollte müsste, könnte doch, weil sonst…

Das hat sehr gut getan und macht mich heute, einen Tag später total traurig. Es sollte normaler sein, es sollte nicht nur Bestandteil von extremen Momenten sein, in Überforderung und Handlungsunfähigkeit gesehen und an.erkannt zu werden.
Meinem, unserem, Extremerleben sollte nicht dauernd mit “Ruhig bleiben”, “Ruhig sein”, “Beruhig dich” begegnet werden. Es macht mich zu Recht wütend, wenn mir Menschen so begegnen. Auch, wenn sie es gut meinen. Es ist nicht okay. Es ignoriert meine Ohnmacht und schiebt mir Verantwortung zu, die ich in dem Moment weder halten noch tragen kann. Es lässt mich allein. Das ist nicht okay.

Das Zittern ging schnell durch den ganzen Körper, hörte nicht auf. Es hat das EKG unlesbar und damit die Untersuchung unmöglich gemacht. Der Arzt brach ab, ging zum Teil mit Kontrastmitteln über. Das Zittern hörte so abrupt auf, wie es gekommen war. Mehr als muffigen Seifengeschmack im Mund hat das Kontrastmittel auch nicht mit mir gemacht.

Und dann ging alles ganz schnell, fast überfallartig.
Eine zweite Person, die sich nicht vorgestellt hatte, riss mir die EKG-Aufkleber ab, zog den Zugang, redete auf mich ein. Die andere Person nahm alles andere von mir weg. Das hätte besser laufen können, ich war noch gar nicht soweit zu verarbeiten, was gesagt und von mir verlangt wurde.

Jetzt noch ein EKG und dann könne ich gehen. Das EKG wurde geschrieben, der Arzt kam rein. Es war die erste Stufe gewesen, in der wir abbrechen mussten. Was für ein Versagen. Aber so ein Zittern ist eine Nebenwirkung in 5% aller Fälle. Es lag nicht an mir. Hatte nichts mit Vermeidungsverhalten, nichts mit Unwillen zum Durchziehen zu tun. Nichts mit meiner traumatisierten Psyche, nichts mit meiner autistischen Knallbirne. Null. Nada.
Wie fucking gut das tut, schlicht und einfach nicht schuld zu sein.

Draußen haben wir etwas gegessen. Ich war und bin irgendwie noch, stolz auf meinen Körper, dass er gezittert hat. So machen das normale Körper, wenn sie gestresst sind. Sie zittern die Anspannung raus, ermöglichen sich selbst, den Stress zu verarbeiten. Zittern bei nach unter Stress ist gut. Es ist nicht unsere Verantwortung, unsere Schuld, unsere Schwäche, dass Maschinenmedizin normale Körperfunktionen nicht kompensieren kann.
Es bedeutet auch nicht, dass wir nie erfahren werden, was unser Herz für eine gute Funktion braucht. Es gibt noch mehr Maschinen und Untersuchungsmöglichkeiten.

Welche, erfahren wir heute im Gespräch mit unserem Kardiologen.
Vielleicht erfahren wir heute überhaupt insgesamt mal mehr als, dass da was ist.