die Zeitreise ~ Teil 5 ~

Der Schwan und die Schleiereule mit Kurt auf dem Rücken landeten im Garten unserer Wohnung im Bullergeddo, wo die frühere K. auf einem unserer Gartenstühle saß und NakNak* auf dem Schoß hielt.
Er richtete sich vor dem Innen auf und sah ihm genau ins Gesicht. Faserte unter glitzerndem Funkeln auf und ließ die K. aus 2016 zurück.

Sie schaute sich an und seufzte. “Ich war so müde und alleine.”. Die frühere K. strich ihrem Hund durchs Fell und dachte darüber nach, wie das letzte Vorgespräch mit einer Therapeutin gelaufen war und wie allein sie mit ihrer Wut über ein erneut versagendes Helfer- und Unterstützungsnetz blieb.
“Weißt, was mich damals so richtig erschreckt hat?”, fragte die Gegenwarts – K. den kleinen Kerl der von der Eule abgestiegen war und sich den Anzug gerade rückte.
Sie wartete keine Antwort ab. “Wie viel Zeit schon vergangen war zwischen der Diagnosestellung und diesem Moment. Wie viel wir schon wussten und doch gleichzeitig merkten, wie viel wir immer noch nicht wussten, ohne dass wir das wirklich so ausdrücken konnten. Und daneben aber auch durch diese teils echt katastrophalen Erstgespräche gemerkt haben, dass wir von unserer zukünftigen Therapeutin mehr abverlangen mussten, und bis heute auch müssen, als bloße Sachkenntnis von komplexer Traumatisierung und DIS im Besonderen.”.
“Verstehe – daher also diese Artikel zu Bindung und Selbstwert, die klingen, als wäre eine Therapie eigentlich nicht sehr nötig?”, bemerkte unser Zeitreiseleiter mit einem Blick auf das Smartphonedisplay in ihrer Hand.“Bubi – ich klinge irgendwie immer, als wär jede Hilfe unnötig.”, antwortete K. achselzuckend, “Überlebenskünstlerpech.”.

Sie folgten den Früherrosenblättern in die Wohnung hoch.
Dort standen mehrere Säcke mit Altkleidern und einige letzte Umzugskartons herum. Unser früheres Wir packte sich eine Tasche für einen Abstecher in die Uni. “Wir hatten noch immer keinen Telefonanschluss und mussten rüber zur Uni um übers Rechenzentrum Emails an potenzielle Therapeut_innen und Blogartikel rauszuschicken.”, erklärte unsere starke Feuerlöwin K. dem neugierig schauenden Kurt. “Wir hatten damals seit Juni schon über 30 kg abgenommen. Deshalb die Kleiderspendensäcke. Im Schrank hatten wir noch zwei Röcke und 6 Shirts. Ein Traum für jeden auf Hartz 4 nach einem Umzug.”. Sie sprach ruhig und bittersachlich, schüttelte aber den Kopf.

“Verrückt wie wir all diese Mikrokatastrophen eigentlich schon gar nicht mehr wahrnahmen, weil es insgesamt einfach alles eine Katastrophe war, oder?”, ein anderes Innen schob sich an mir vorbei und legte K. den Arm um die Schultern. Das Innen richtete das Wort an das kleine Wesen. “Ich glaube K. hat erst etwas später gemerkt, dass wir anderen uns um Händchen-und-Durchhalte-Unterstützung gekümmert hatten.  Ohne diese Pausen zum Durchatmen in der Frauenberatung und die Momente der Versicherung, dass ein fernes Jemand noch mit uns ist über einen Emailkontakt, wäre alles noch schlimmer gewesen.”. Das Innen lächelte und betrachtete das Chaos im früheren Schlafzimmer. “Ich begann auch das Niederschreiben meiner Erlebnisse und Gedanken als etwas zu erleben, dass konsistenter war, als das zunehmend ziel- und zusammenhangloser werdende Sein im Innen. Es gab Stunden und Tage, in denen nur noch ein Betteln um Gnade oder Erlösung von dort zu spüren war. Ich hatte Angst davor den Kontakt zur Welt zu verlieren und damit meine Möglichkeiten den Weg zum Verstehen des Innen zu finden.”.
Das Innen versuchte etwas aus dem Früher zu berühren, doch seine Hand ging hindurch.

“Wussten Sie damals eigentlich, was Bloggen ist?”, fragte Kurt und zog das nachdenklich schauende Innen mit sich durchs Treppenhaus hinunter und zurück in den Garten, wo sie von der freundlich mit dem Schnabel klackernden Schleiereule empfangen wurden.
Langsam ging die Sonne unter und schüttete ein warmes Apricot über das Firmament. Wir streichelten die große Eulenbrust, während er das Zaumzeug von ihr nahm.
“Viel Erfolg bei Jagd!”, riefen wir dem vermutlich bereits sehr hungrigen Greifvogel nach, als dieser fast lautlos in die Dämmerung hinausflog.

Kurt sah sich um. “Hm, besonders schön und einladend habens sies ja nun nicht gerade hier.”, bemerkte er mit Blick auf die seltsame Windfangkonstruktion unserer Vormieter und die drei Metallbögen für Wäscheleinen, auf unregelmäßig kräftig gewachsenem Rasen. “Tja,”, erwiderte ich, “ Sorry?”.
“Naja – passen Sie auf – ich krieg das schon hin.”.

Der kleine Typ im Anzug stiefelte in die Mitte des Gartens und schnipste mit beiden Händen in die Luft. Aus seinen Jackenärmeln quollen violette Schwaden, die sich rasend schnell vergrößerten und ausbreiteten bis sie uns völlig umhüllt hatten. Ich bemerkte einen aufkommenden Niesreiz und versuchte ihn irgendwie zu unterdrücken, doch das klappte nicht. “H! … HHH … Haaa … ATSCHI!”, flatschte eine ganze Ladung violetten Staubes aus meiner Nase heraus und in meine Hände hinein.
Ich ächzte angeekelt auf, senkte die Hände und öffnete langsam die Augen.

Vor mir war eine urgemütliche Szenerie entstanden. Kleine bunt leuchtende Lampions hingen in dem Rosenbuschgestrüpp und dem ausuferndem Brombeerengebüsch. Eine riesige Kissenlandschaft lag auf dem Boden rund um einen niedrigen Tisch mit einem Buffet unserer liebsten Lebensmittel und Getränke drauf, unter dem ein kleiner Heizstrahler alles Umliegende wärmte. Zwischen zwei der Wäscheleinenbögen hing eine bunt gestreifte Hängematte.

“Geil.”, war alles, was mein Gehirn mir als Reaktion auf diesen Anblick zur Verfügung stellte.

die Zeitreise ~ Teil 4~

Ein kräftiger Sog zerrte an uns beiden Eulenreitern, als wir auf den Sommer 2012 zuflogen, der den Anfang eines regelmäßigeren Schreibrhythmus markierte.

Kurt ließ uns noch immer über dem Haus im Nirgendwo kreisen, in dem unser vergangenes Wir kreißten und rastlos umher stiefelten.
“Moa, das war auch so ne krasse Zeit, ey.”. Ein Jemand beugte sich weit nach vorn, um sich uns näher an zu sehen. “Ganz ehrlich – ich glaub, im Schreiben war die einzige Zeit, in der wir damals mal irgendwie halbwegs ruhig geatmet haben.”.

Unser Zeitreiseleiter schnipste mit dem Finger und das Dach des Hauses wurde durchsichtig. Unsere Wohnung war ein Umzugskartonstapellager. Um das Laptop herum türmten sich eingekringelte Wohnungsanzeigen, Telefonnummern und Notfallplanideen. Im Badezimmer die Medikamente gegen Schmerzen und Muskelkrämpfe, die Medikamente, die Schmerzen und Muskelkrämpfe verursachten und die gesamte Utensilpalette, die eine Essstörung erfordert.
Kurt deutete fragend mit dem Finger darauf: “Deshalb?”
“Nö.”, antwortete das Jemand und deutete auf einen der Briefe auf dem Schreibtisch. “Deshalb.”.

“Hiermit teile ich, Vermieter dieser Bruchbude, Ihnen mit, dass ich einer Mietverhältnisverlängerung um 3 Monate nicht zustimme.
Mit freundlichen Grüßen, sehen Sie doch zu, wie sie klar kommen.”,
stand auf dem Papier.

“Kurz danach erfuhren wir, dass die Therapeutin, bei der wir nach einem Umzug dann eine kassenfinanzierte Traumatherapie machen wollten, nicht mit uns arbeiten wollte und die Therapeutin, mit der wir die letzten zwei Jahre durch eine Art Dauerkrisenintervention überlebt hatten, nicht mehr mit uns arbeiten konnte wollte sollte durfte hm hm hm”, es wedelte ziellos mit der Hand in der Luft umher. “In der Zeit ist Hannah entstanden bzw. hat sich zu einem Ich entwickelt. Sie und der Schwan haben damals alles, was wir im Leben hatten beendet bzw. liebevoll verlassen. Wir dachten echt, wir müssten in ein paar Wochen den Hund töten, zur Herkunftsfamilie zurückziehen und uns naja – lieber halt umbringen lassen, als es selbst zu machen.”.
Kurt zog die Luft zwischen den Zähnen ein. “Ach du Scheiße.”.

“Hehe”, stieß das jemand hervor, “Jupp. Ach du Scheiße.”.
“Aber man merkt davon im Blog gar nichts, oder?”. Das kleine Wesen richtete sein Sehglas aus und schaute dem Früherjemand über die Schulter aufs Laptop.

“Hmnja, ich hab nach dem Holterdipolterumzug in die Wohnung ohne alles, die wir dann noch selbst renovieren mussten, einen Stellvertreterklugscheißartikel über Täterkontakte und dumme Therapeut_innen geschrieben, der damals lang und heute eigentlich eher peinlich ist. Und wir haben halt gedisst ohne Ende.”. Das Jemand kippte zur Seite weg und der Schwan richtete das Wort an Kurt, der sich inzwischen einen Sattel aus Schleiereulenrückenbefiederung zurechtgenestelt hatte, um uns bequemer anschauen zu können.

“Das Schreiben war damals viel mehr ein Werkzeug weder Hannah noch mich im Außen zu haben, noch auf seinen Affekten sitzen zu bleiben, als irgendetwas anderes.”, der Schwan breitete seine Flügel aus und landete in der Wohnung, in der sich eine mit jedem Handgriff weiter zerbröckelnde Frontgängerin mit dem Abzählen und Ordnen ihrer gehorteten Tabletten beruhigte, während aus ihrem Rücken ein verkrampftes Kinderinnen auf der Suche nach einem sicheren Versteck für sich kroch.
Der Schwan nahm das Kleine in seine Daunen und stieg zurück in den Himmel.

“Machen sie noch mal einen Vorlauf bitte. September 2012.”, rief der Schwan dem kleinen Wesen, das ihn mit offenem Mund anstarrte, zu und nahm Kurs auf unsere neue Wohnung.

die Zeitreise ~ Teil 3 ~

Offenbar war Kurts Geräusch eine Art “Hüja!” für die Schleiereule, denn diese begann sich aufzurichten und sich flatternd abzustoßen.
Ich presste meine Beine an den Eulenrücken, als würden sie davon anwachsen und schlang aus Versehen meine Arme um den grünhäutigen Fremden.

Der lachte und fragte, kurz nachdem unser Flug in ein ruhigeres Gleiten übergegangen war: “Na? Bin ich nun eine Halluzination oder nicht?”.
“Tättääää! Peinlich!”, landete ein Ziegelstein von der Schamgrenze in meinem Kopf in meinen Gedanken. “Ähm … ‘tschuldigung.”, presste ich raus und ließ ihn los.
“Ach Hannah…”, hinter mir raschelte es aus tausend Daunen heraus, “Er hat dich reingelegt. Er muss sich entschuldigen.”. Ich zuckte die Schultern. Wusste nicht so recht was ich denken sollte und neigte mein Gesicht in den weichen Streichelwind von vorn.
“Nee ja – ich hab mich zu entschuldigen – ihr Schwan hat schon recht. Mir ist nur auf die Schnelle nichts Besseres eingefallen.”, unser Zeitreiseleiter drehte sich halb zu mir um und lächelte schief, “Und – nun ja wir sind verpflichtet Ihnen klar zu machen, dass Sie bei vollem Bewusstsein durch Ihre Reflektion gehen.”.

“Oh’ kayyyyy?”. Ich dehnte meine Antwort so weit wie möglich um die Dimension meines keine Ahnung habens zu verdeutlichen. “Und jetzt?”.
“Jetzt sagen Sie mir, wann ihr erster Artikel veröffentlicht wurde.”, antwortete Kurt und öffnete eine kleine Lasche im Leder der Zügel, hinter der sich ein Display mit Tastatur verbarg.
Nach einem Blick in meiner WordPress-App sagte ich: “Am 26. November 2010”. Flink tippte das kleine Wesen vor mir in die Tasten und mit einem zarten Pling eröffnete sich vor uns ein irisierender Ring in der Luft, durch den wir ins Jahr 2010 glitten.

Wir flogen über Wiesen und Felder direkt auf das Haus zu, in dem wir damals gewohnt hatten.
“Herr Kurt – bitte nicht anhalten, ja? Nur drüber fliegen bitte.”, gab ich eine Bitte aus dem Inmitten an ihn weiter. Mir wurde schlecht und ich versuchte mich auf die weichen Federn unter mir zu konzentrieren.
“Ah – ich sehe schon warum. Das war kein heldenhaft geplanter Blogneu_beginn, richtig?”, fragte er und schaute durch ein kleines Einauge in unser früheres Wohnzimmer, wo wir in unserem eigenen Zigarettenrauch hockten und fassungslos eine übergriffig gemeine Email nach der anderen lasen.
“Unser erster Shitstorm.”, nickte ich. “Hat uns am Ende eine Beziehung, von der ich wusste und eine Beziehung, von der ich damals noch nichts wusste gekostet.”. Wir kreisten über dem Haus mit bei Regen überschwemmten Keller und umringt von mittelaufrichtigen Nachbarsblicken.

“Sehen Sie das?”. Ich deutete auf die Wiesen und Waldabschnitte um die kleine Straße herum. Alle 20min fuhr hier ein Bus entlang in die Stadt. Wenn er denn fuhr. Der nächste Supermarkt war 4 Kilometer weit weg, ein kleines Stadtrandghetto in der Nähe. Bis in die Stadt brauchte man eine gute Stunde und damit fiel für uns so ziemlich alles flach. Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen, Gemögschaften. Wir waren froh um jede Person, die sich die Mühe machte zu uns zu kommen. Außer Menschen, die dafür bezahlt wurden, machten das nur wenige und das viel zu selten.
“Außer ein Blog neu zu starten, konnten wir damals überhaupt nichts wirklich neu anfangen.”, seufzte ich.

Kurt drehte an seinem Fernglas.
“Wir mussten in den letzten Wochen feststellen, dass es sich nicht immer lohnt angepasst und still zu sein. Zu denken, dass andere irgendwann sicher den Blickwinkel etwas verändern, sodass ein Konsens gefunden werden kann.
Wir haben uns überlegt, dass wir hier beschreiben wie WIR sind.
Wie WIR leben.
Und wie WIR über manche Dinge denken.
Wie WIR unseren Weg gehen und gestalten wollen und auf welche Hindernisse wir dabei stoßen.”
“Das klingt auf jeden Fall schon sehr nach H. C. Rosenblatt.”, lächelte er  und ich schmunzelte mit ihm. “Dabei war unser Nickname damals noch “inneres Stimmchen”… oh mann…”. Ich wurde rot. So viel Pathos. Meine Güte. Wieder traf mich ein Ziegelstein mit der Aufschrift “Peinlich!”.

“Dabei wollte ich das Blog damals so ganz seriös machen.”, klinkte sich eine andere ein. “Weißt, so wie eine Seite, dessen Inhalt man glaubt. Also – eine Seite, der ich damals geglaubt hätte. Siehst? Da.”, sie deutet auf einen Artikel, den sie vor 5 Jahren geschrieben hatte, während ihr eine selbstgedrehte Zigarette im Mundwinkel hing.
“Hm.”, machte Kurt, “Sie waren recht freigiebig mit Ausrufezeichen, wie ich sehe. Und mit Links zu medizinischen Texten.”.
Sie zuckte mit den Schultern. “Damals hab ich noch nicht gewusst, was “Pathologisierung” ist und ich dachte, außer Anja und Co gäbe es niemanden sonst, di_er bloggt und eine DIS hat. Und!”, sie grinste sich selbst zu, “Wir waren damals bis zum Hals voll mit Ausrufezeichen. Alles war schlimm Ausrufezeichen Alle waren gemein Ausrufezeichen Die Welt Ausrufezeichen Wieso war die Welt bloß die Welt Ausrufezeichen Ausrufezeichen Ausrufezeichen”

“Okay und wie ging es dann weiter?”, unser Zeitreiseleiter schielte auf das Smartphone in unserer Hand auf dem das Blogarchiv aufgeklappt war. Ich scrollte ein bisschen nach vorn. “Naja, wir haben danach erst mal eher plätscherweise geschrieben. Schauen sie mal – hier ist eine Lücke von einem halben Jahr. Und hier wieder ein paar größere.” . Kurt drückte auf einen Knopf in seinem Zügel und unter uns raste die Erde im Schnellvorlauf dahin. Der Unfalltod der Welpin, Beziehungsdrama, Tierschutz, Ausrufezeichen, Ausrufezeichen, Jobs, Not, Trauer, Ausrufezeichen, Einsamkeit, Ausrufezeichen, der große Bruch.

Vor uns eröffnete sich erneut ein irisierender Ring durch den die Eule mit uns auf dem Rücken hindurch flog.

die Zeitreise ~ Teil 2 ~

“Kurt! Warten Sie!”, rief ich unserem wieselflink die Treppen hinunter laufenden Zeitreiseleiter nach.
“Kurt, was is das eigentlich wieder fürn Name, ey?”, schnodderte es neben mir mehr, um von einem albernen “Hier – kommt – Kurt – ohne Helm und ohne Gurt – einfach Kurt.” verdrängt zu werden und allgemein schlicht nichts zur Situation beizutragen.

Der kleine Anzugträger stand vor unserem Haus im Bullergeddo und lächelte mir entgegen. “Sie haben sich also entschieden. Prima.”. Er hob seinen Arm und schnipste in die Luft. Auf dem Dach breitete tatsächlich eine Schleiereule ihre Flügel aus und segelte zu uns hinunter.
Je näher sie uns kam, desto größer wurde sie. Und größer. Und noch ein bisschen größer.
Bis sie so groß wie ein Minivan vor uns landete und fast ein bisschen furchterregend mit dem Schnabel klackerte.

“Äh… hm… Herr Kurt? Ähmm …”. Ich wollte gerade fragen, wie er gedenkt eine riesenhafte Eule im Bullergeddo unauffällig wegfliegen zu lassen, doch da fiel über uns ein Birkenblatt herunter und bedeckte fast unseren ganzen Körper. Nicht die Eule war riesig geworden – wir waren geschrumpft!
“Oh mein G’tt”, dachte ich. Wiederum unglaublich geistreich.
“Wie coooooool!”, krähte es hinter meinen Gedanken hervor und hielt seinen Kindernüschel in meinen Blick, “Jetzt kann uns niemand mehr entdecken und wir können in echt in Blüten schlafen!!!”. Eine kleine Welle fremder Seligkeit umspülte mich und zerbrach mir ein Stück Herz.
Wir mussten etwa 6 cm groß sein und der erste echte Gedanke dazu kam von einem Kinderinnen, das sich über Versteckmöglichkeiten freute.

“Sagen Sie doch einfach Kurt zu mir. Einfach Kurt.”, antwortete er. “Okay – “einfach Kurt” – Sie haben uns geschrumpft und äh … also…”, stummelte ich die Wörter aneinander und beobachtete meine Hand, die ganz sachte und andächtig die weiße Brust der Schleiereule streichelte.
“Ja, ich habe uns vorschriftsmäßig geschrumpft.”. Er warf der Eule eine Art Zaumzeug über den Kopf und ordnete die Zügel in seiner Hand. “Arbeitstierschutz, wissen Sie. Man hat nicht lange was von seinen liebsten Wegbegleitertieren, wenn man sie mit Menschen überfrachtet und durch die Zeit schlürt.”, er klopfte dem großen hellen Greifvogel auf den Flügel und strich fest über dessen Federkleid.
“Das ist jetzt aber nur temporär, oder?”, fragte ich ihn und fühlte mich … nun ja – ein bisschen klein. Kurt nickte. “Ja, selbstverständlich.”. Er schnalzte der Eule zu und machte mit seinen Händen eine Räuberleiter. Die wunderschöne Schleiereule beugte sich langsam vor und streckte einen Flügel von sich. “Einmal aufsteigen bitte.”, forderte unser Reiseleiter.

“ES IST SO FLAUSCHIG!!!”, zappelte es hinter meiner Brust umher und freute sich im Kreis herum. “Whooohoooo!!!!”, flitzte dem hinterdrein und irgendwie auch ein bisschen aus meinem Mund. “Nun nun die Herrschaften – wir haben noch nicht mal abgehoben, ja?”, kicherte Kurt, der mit einem sportlichen Schwungsprung vor uns gelandet war. “Sie können ihre Leonardo DiCaprio- Parodie machen, wenn wir richtig fliegen.”
“Äh…”, antwortete ich, dann doch plötzlich abgelenkt von der Abwesenheit diverser Festhalteoptionen.

“So.”, redete Kurt aber schon weiter. “Sie nehmen jetzt diesen Teil der Zügel und klemmen ihre Beine fest an den Eulenkörper. Wenn wir in der Luft sind, brauchen sie das nicht mehr machen.”. Ich nahm die dünnen Lederzügel in die Hand und hoffte genug Kraft in den Beinen zu haben, um mich auf der Eule zu halten. “Also dann.”, sagte Kurt und schaute nach vorn. “[…]

die Zeitreise ~ Teil 1 ~

“Guten Tag, ich möchte mit Ihnen über das Blog von Vielen sprechen.”, sagte ein Wesen mit lindgrüner Haut, dem ich gerade die Wohnungstür geöffnet hatte.
So etwas passiert mir ständig. Deshalb antwortete ich, geistreich wie immer: “Äh – oh’ kayyyy?” und trat einen Schritt zur Seite.

Das Wesen, dessen Nasenspitze etwa auf Höhe meines Bauchnabels war, schritt durch unseren Flur geradewegs in die Küche und setzte sich an den Tisch.
“Wie Sie wissen werden sie bald ihren 1.000 sten Artikel unter einblogvonvielen.org veröffentlichen.”, sprach es und hielt NakNak* seine Hand hin, um sie beschnuppern zu lassen.
Meine freudig durchknallende Hündin hingegen begann den Hut des Wesens abzulecken.
Unbeeindruckt fuhr es fort: “Nun. Haben Sie sich überlegt, wo Sie ihren Schwerpunkt setzen wollen? Ich würde dann jetzt nämlich gerne bald anfangen.”.

“Äääh.”, kullerte aus meinem Mund heraus und blieb träge vor meinen Füßen liegen. “Öh wer sind Sie denn bitte und womit genau würden Sie denn gerne bald anfangen?”.  Das Wesen richtete sich auf und fragte mit großen Augen: “Oh – ja haben Sie denn das Memo nicht gekriegt?”.  Ich legte den Kopf schief und runzelte die Stirn zur Antwort. “Na, das Memo für von Selbst_Zweifeln zerfressene Blogger_innen, die keine Ahnung haben, was sie da eigentlich seit 1000 Artikeln treiben und dringend aufgefordert werden sich und ihre Entwicklung anlässlich des ebenjenem 1000sten Artikel zu reflektieren.”.
Es fing an seine Taschen zu durchsuchen. “Verdammt – ich habe auch keine Kopie dabei.”, grummelte es und sprang von der Küchenbank herunter.
Das kleine Wesen in Tweedanzug und schlichten Schuhen ging auf mich zu, sah mich an und streckte die Hand aus: “Ich bin Kurt. Ihr persönlicher Zeitreiseleiter.”.

“Okay okay”, dachte ich, “Vielleicht ist diese Mischung aus Meditonsin und Seroquel nicht so der Hit für meine Realitätswahrnehmung.” und betrachtete NakNak*, die hingebungsvoll am Stoffbezug der Küchenbank leckte.
Kurt wackelte mit seiner Hand in der Luft herum und bewarf mich mit einem Blick, den ich als Aufforderung las sie zu schütteln. Ich vergrub meine Hände in den Taschen meines Kordrocks und wandte den Kopf ab. “Ich mag sowas nicht.”.
Er ließ die Hand sinken und nickte. “Verstehe – und wie gedenken Sie zu überprüfen, ob es sich bei meiner Erscheinung nicht um eine Halluzination aufgrund einer stündlichen Minimenge Alkohol auf ihr tägliches Neuroleptikum handelt?”. Mein unerwarteter Besuch stemmte die Hände in die Hüfte und lächelte mich naseweis an.

“Vielleicht gar nicht?”, naseweiste ich zurück. “Vielleicht lehne ich mich einfach zurück und genieße den Trip? Ich bin krank? Zu manchem Entertainment muss man auch einfach mal “Ja” sagen?”.
Er lachte auf und grinste mich an: “Aha eine von den ganz Abenteuerlustigen, hm?”. Ich winkte ab und goss mir einen weiteren Erkältungshelfertee auf: “Nö nur ein bisschen irre. Und gespannt, ob Sie da draußen ein Einhorn an die Laterne gebunden haben, auf dem wir beide gleich in meine Vergangenheit reiten, um auf die glorreichen Entwicklungen unseres virtuellen Rumgejammers einzugehen.”.

“Es ist eine Schleiereule und sie wartet auf dem Dachfirst auf uns.”, antwortete Kurt und wandte sich zur Wohnungstür. “Aber natürlich können Sie auch weiter über Ihren inexistenten Wahnsinn kichern.”. Er griff nach der Klinke und drückte sie herunter. “Ist ja nicht so, dass es nicht noch mehr Blogger_innen wie sie gibt und ich ja auch mit meiner Arbeit fertig werden muss.”.

Ich hörte auf zu schmunzeln und merkte, wie die anderen mich in Richtung Tür schubsten. “Wehe du gehst jetzt nich wenigstens gucken, ob da nicht in echt ne Eule sitzt!”, schwebte an mir vorbei und erzählte mir eine Geschichte, in der ich mir in den Hintern beißen müsste, würde ich so eine Gelegenheit verpassen, weil ich mal wieder an meinem Kopf zweifelte.

“Warten Sie!”, rief ich Kurt nach und warf mir eine Jacke über.

Erbsenmomente

Gerade habe ich einen Artikel gelesen, in dem die “Löffeltheorie” beschrieben wurde.
Dieses Bild wird benutzt, um zu verdeutlichen, wie viel wovon man so für sich stemmen kann, ohne zu überreizen. Für mich eine sehr gute Idee – ich hab nämlich nur so mitteldifferenziert Ahnung davon, was genau mich wie viele Löffel kostet.

Ziemlich viel Ahnung aber hab ich, wie ich mitten am Tag zu Löffeln kommen kann: Erbsenmomente

Den erfahreneren Therapierten ist die Geschichte vielleicht schon als Achtsamkeitsübung bekannt.
Man hat eine Handvoll Erbsen in der rechten Hosentasche – für jeden schönen, angenehmen, guten, okayen Moment nimmt man eine raus und steckt sie in die linke. Am Ende des Tages holt man sie sich hervor und führt sich die schönen, angenehmen, guten, okayen Momente noch einmal vor Augen.

Wir sind leider zu verkorkst um mit Essen in den Hosentaschen herum zu laufen und zu faul uns zu überlegen, was man denn so physisches Zeugs mit sich herumtragen könnte, um diese Übung öfter zu  machen. Also haben wir irgendwann gemacht, was wir gut können: nämlich die ganze Schose in unseren Kopf einzusourcen.

Wir sammeln Erbsenmomente und legen uns eine Momentaufnahme davon ins Backend.
Erbsenmomente sind manchmal awkward Rosenblättersachen wie schöne Geräusche, leckere Wörter oder Oberflächen, aber auch mittelkitschige Dinge wie: NakNak*, die auf uns zu hoppelt oder ein Sonnenaufuntergang. Dazwischen sind noch Dinge wie: etwas geschafft zu haben, planmäßige Abläufe oder besonders schöne Muster und Flauschglitzer.
Das sind alles Dinge, die wir selbst produzieren können bzw. an die heranzukommen nicht viel Aufwand bedeutet und nicht viel mehr als unsere direkte konkrete Widmung abverlangen. Das meiste muss man nur anschauen oder eben spüren.

Wenn wir Tage haben, die uns “viele Löffel abverlangen” und noch nach dem Besteckkasten schielen, dann wissen wir das in der Regel schon vorher. Unsere großen Stressoren sind immer die gleichen: andere Menschen, andere Menschen, Außentermine, Außenblicke, Außenurteil, andere Menschen, laut, eng, voll, der eigene Körper

Vor Außenterminen versuchen wir uns auf dem Hinweg schon Mustermusik zu geben. Am Besten ist da klassische Musik ohne Gesang. So wird der Weg hin (der ja oft auch schon bedeutet Löffel zu verlieren) auch ein Erbsenmoment. Wenn man dann noch Glück hat, ist der “eigene Platz” in der Bahn noch frei (planmäßiger Ablauf) und man kann mit den Fingerspitzen das Muster an der Lehnenkante des Sitzes vor sich befühlen (eine leckere Oberfläche).

Dann kann der Außentermin so schrecklich sein, wie er will – der Ohrwurm von der Musik und der Geschmack der Oberfläche liegen im Backend, wirken parallel weiter und puffern eine Menge ab.
Wenn es ein schrecklicher Termin war, ist es für uns nicht mehr so ein Akt durchzusetzen dann auch allein sein zu wollen und uns entsprechend auch abzuschirmen. Das ist dann manchmal schon das Erbsenmoment: allein sein

Manche unserer Erbsenmomentutensilien tragen wir mit uns umher, wenn wir unter Menschen, in Therapie –, Mediziner_innen- und Behördentermine gehen und bevor jemand auf die Idee kommt das mit Skills zu vermischen: nope – Skills sind etwas anderes als Erbsenmomentproduzierdinge.
Sich einen Erbsenmoment zu machen ist auf eine Art, als würde man seine Nerven streicheln und weich einpacken – Skills nutzen ist etwas, womit man seinen Nerven sagt, worauf sie sich konzentrieren sollen.

Wir haben einen Kreisel, eine weiche Eulenhandpuppe, eine Metalldose mit Drachenlachenbonbons drin, Seifenblasen und einen Eulenstempel in einem weichen Säckchen. So haben wir, selbst wenn es zu unangemessen oder peinlich wäre irgendetwas davon rauszuholen und zu befühlen, noch das Säckchen zum unauffällig dran langtasten. Und natürlich das, was uns üblicherweise einfach so auffällt: Muster, Linien, Gerüche und Geräusche.
Wir nutzen öfter Skills um an einen Erbsenmoment dran zu kommen, denn in der Regel knallt einfach immer alles auf uns ein, was die Termine letztlich so anstrengend macht.

Wir haben lange versucht Erbsenmomente mit anderen Menschen zu haben. Und wir haben lange versucht so zu tun, als würden wir trotz unserer Probleme immer alles hinkriegen und falls nicht, dann tausendundeine andere Erklärung dafür zu finden, als die, dass wir spezifische Limits haben, die sich immer wieder und oft auch total spontan – trotz aller Vorbereitung und Vorkenntnis! – verändern können.

Inzwischen haben wir einen sozialen Radius, der weißt, dass wir chronisch krank/schwerbehindert und viele sind. Die Zeiten des Löffelschwundes durch Herumgeeier um Fragen wie “Wieso schaffst du X und Y und Z gleichzeitig – aber mir ne popelige Email zu beantworten nicht?” oder “Ja, wenn du X und Y und Z gleichzeitig schaffst, dann kann A und B und C ja nun kein Problem sein – oder?”  sind vorbei. Auch ein Erbsenmoment übrigens.
Und das Wichtigste, dass sich in den letzten 3 Jahren entwickelt hat: Leute in unserem Leben, die sich auf unser Belastungsmanagment verlassen.
Hach.
Erbsenmomentig <3

betroffene Profis #3

Von Gewalt (und den von ihnen ausgelösten Folgeproblemen) betroffenheit ist etwas, das die eigene Professionalität untergräbt.

Man muss keine Bloggerin sein, die viele ist und Gewaltdynamiken auseinanderpflückt, während sie in ihr Innen hört und ihm Wortraum gibt, um zu merken, dass jedes andere Thema massenwirksamer, anschlussfähiger und weniger frustrierend ist.
Es ist oft genug die Kombination aus eigener akzeptierter Betroffenheit und thematischer Auseinandersetzung, die verhindert, auch als professionell im Sinne von abgegrenzt und Abstand wahrend, wahrgenommen zu werden.

Uns wird oft unterstellt einen privaten Feldzug anzuführen, der vor allem unser eigenes Wohl- und Machtbefinden zur Folge haben soll. Unser Ärger, unsere Wut über Gewalt an anderen Menschen, wird umgedeutet zu einer künstlichen Empörung oder einer pathologischen Übertragung, die letztlich wiederum uns und niemandem sonst dienen soll.
Immer wieder werden wir behandelt wie jemand, der zwischen sich und anderen Menschen nicht unterscheiden kann, während er auf Parallelen deutet.

Die Absprache dieser Fähigkeiten entzieht uns die Statusoption “Expertin im eigenen Thema”. Die Unterstellung parasitären Verhaltens innerhalb gesamtgesellschaftlicher Debatten um Gewalt und ihre Folgen, spricht uns die Berechtigung ab, uns als Teil der Gesellschaft sehen zu dürfen und Forderungen zu formulieren, die ihre Berechtigung haben, gerade weil wir auch Gegenstand jener Debatten sind. Das Modell einer konstruktiven Kompetenzsymbiose gibt noch nicht als gesamtgesellschaftlich gelebt.
Man kennt Intersektionalität – und doch gilt diese bis heute noch nicht als Standard in allen Auseinandersetzungsbereichen.

Bis heute muss eine Person, deren Beruf eine Schnittstelle mit Gewalterfahrungen hat, sich sehr genau überlegen, ob sie ihre eigene Betroffenheit – egal, ob aus der eigenen Lebensgeschichte oder aus zivilcouragiertem Empfinden heraus – versteckt oder nicht.
Es zählt die Objektivität synonym gehandelt als “Nichtbetroffenheit” als eine Art natürlich eingebaute Fähig- und Fertigkeit über Gewalt (Macht) zu sprechen und zu urteilen, sich überhaupt in irgendeiner Form “richtig” im Sinne von “wahrhaft” auseinanderzusetzen und “korrekte” im Sinne von “wahrhafte” Ergebnisse hervorzubringen, auf die sich gefahrlos verlassen werden kann.

Was für eine gefährliche Annahme um Objektivität und Subjektivität das ist, haben wir hier schon einmal geschrieben.

Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe zu diktieren, wie ein tatsächlich respektvolles, selbstkritisch reflektierendes Auseinandersetzen mit Gewalt, ihren Formen und Folgen aussehen muss.
Schon gar nicht hier in unserem persönlichen Blog, das, wie in der About-Seite zu lesen ist, keine Plattform ist ziellose Imperative zu formulieren, sondern unsere eigenen Ideen, Gedanken, Theorien zu dokumentieren, zu analysieren und mit jenen zu teilen, die bereit sind sich dem zu widmen.

Wir warten nicht mehr darauf, dass uns jemand nach unseren Gedanken fragt. Wir wissen, dass unser sozialer Status zu niedrig ist und vermutlich auch bis zum Ende unseres Lebens bleiben wird, um gefragt zu werden.
Wir können unsere Profession anerkennen, weil sie direkt verknüpft ist mit dem, was wir schon immer gut konnten und immer weiter ausbauen können.

Die Frage ist: Wann werden das jene können, die mittels ihrer Profession ihr eigenes Leben tragen und legitimieren, indem sie sie innerhalb und entsprechend gewaltvoller Kontexte und deren Aufrechterhaltung eigene Betroffenheiten und Subjektivitäten negieren (müssen/können/sollen/dürfen)?

und: Wann hört es auf ein Makel zu sein auch ein Teil dessen, was verurteilt wird, zu sein?

betroffene Profis #2

Wenn es einen Satz gibt, der uns seit 13 Jahren begegnet und exakt nichts sagt, weil er in  dem Kontext, in dem er uns immer wieder begegnet dumm ist, dann ist es “Sie sind der Profi für ihr eigenes (Er_)Leben”.

Immer sind es Kliniken, Behandlungspraxen, Beratungsstellen, Betreuungsbüros, in denen dieser eine Satz wie ein Zierdeckchen auf meine Problemberge draufgelegt wird, um mir zu signalisieren: “So und nun gucken sie mal, wie sie klarkommen. Behalten Sie dieses Deckchen immer im Blick, denn niemand kann Ihnen das abnehmen, was Sie tun müssen, um sich besser zu fühlen. Sie allein sind es, die das kann. Sie sind so [hier wird eingefügt, was von zur Mehrheit der Menschen erklärten Masse als positiv ermutigend und stärkend gilt – also so etwas wie “mutig”, “stark”, “klug”, “eloquent”, “kämpferisch”, “resilient”, “kraftvoll”] – es gibt Hoffnung für Sie – Sie müssen nur wollen und machen.”

Vielleicht geht nichts anderes. Vielleicht sind die Bedingungen unter denen Menschen heute anderen Menschen helfen wollen, können, müssen, sollen, so beschissen, dass nur noch das geht. Das “Sie sind der Profi- Zierdeckchen” klöppeln in der Verhaltenstherapie, in Mandalaform zum Ausmalen hingeben in der Kunsttherapie, in regelmäßigen Trommelschlägen in Bongos tippen in der Musiktherapie – in Myriaden von Worten verpacken in der Gesprächstherapie.
Ja, vielleicht geht nicht mehr. Ja, vielleicht ist der Ansatz bewährt. Ja, vielleicht macht so ein Satz sogar, dass man als Patient_in irgendwann sogar tatsächlich einen professionellen, kompetenten Umgang mit sich und seinem Erleben findet, der Leidensdruck und äußere Kontexte mit einem Flickenteppich aus immer komplexeren Zierdeckchen bedeckt bis es zur zweiten Haut wird.
Und ist.

Und dann? Dann ist man tatsächlich ein_e kompetent_e Patient_in.
Ach du Scheiße.

Dann gibt es keine großen Halleluja-Momente der Aufklärung über diverse Faktoren der eigenen Diagnose und auch die Idee davon nicht verrückt und unzurechnungsfähig zu sein, ist bei weitem keine mehr über die man einen roten Kopf bekommt und sich so erleichtert fühlt, dass man über einen Stein am Gürtel nachdenkt.

Nachdem fast unser halbes Leben aus einer Therapie besteht, die uns vor allem den Umstand unserer Zurechnungsfähigkeit, unserer Resilienzfaktoren und der Existenz der Berechtigung von Respekt, der uns entgegen gebracht werden soll, obwohl wir wir sind, in den Kopf pflanzt und dafür sorgt, dass wir das nicht vergessen, weil Inhalte aus der anderen Hälfte unseres Lebens immer wieder diese Pflänzchen kaputt zutreten versucht, geht es für uns nicht mehr darum von einer gesellschaftlich und kulturell über uns stehenden Instanz über das Vorhandensein dieser Inhalte als für uns und unsere Zustandsverbesserung als relevant und in Ordnung aufgeklärt zu werden.

Es geht darum diese zu sichern und genau so weit erstarken zu lassen wie bei anderen Menschen ohne unsere Erfahrungen.

Doch haben wir das vielleicht nicht genug bedacht, denn nun stehen wir erneut an einem Punkt an dem wir merken: Ja, jetzt sind wir so weit, dass es für uns kein fast g’ttgleiches Geschenk mehr ist, wenn uns jemand glaubt, dass es uns gibt. Dass wir sind. Dass wir leben, lieben, leiden.
Sondern, dass wir wissen: Therapie ist ein Arbeitsverhältnis. Therapie ist Arbeit an und Auseinandersetzung mit sich, wie der ganzen Welt. Auch dann, wenn sich “die Welt” durch den kleinen Einpersonenhaushalt mit Haustier und Ehrenamt auszeichnet, so ist es ein Kosmos, der eine Wandlung mit macht.

Wir wissen, es muss grundlegende Regeln geben. Wissen, dass diese Regeln auch Bereiche berühren können, die privater sind, als bei einem Arbeitsverhältnis bei dem es um die Errichtung eines Gartenzauns geht. Doch selbst in so einem Arbeitsverhältnis wird miteinander geredet. Ist man miteinander, weil man weiß, wie sehr man von einander abhängig sein kann.
Psychotherapie funktioniert nicht so. Therapieverhältnisse sind Abhängigkeits- und damit auch Gewaltverhältnisse. Nicht zuletzt auch deshalb, weil nur eine von beiden Professionalitäten als echt und wahrhaft auf ihrem gesicherten, etablieren Raum bestehen darf – obwohl die eine ohne die andere weder gebraucht noch produziert werden kann.

So nehme ich uns derzeit wahr wie Frankensteins Monster.
Wir waren eine Art tote Masse, die erst durch das Handwerk idealistischer, kompetenter und hoffungsvoller Menschen zu etwas kommen konnte, das man Leben nennen kann. Man feiert unsere Erfolge, freut sich mit uns über das eigene Wachstum, doch dann: [Schlaglicht und eine bizarre Musik im Hintergrund] haben wir eine Forderung. Wir wollen als das anerkannt sein, was man uns immer vermittelte und wollen einen entsprechenden Umgang mit uns.

Wir wollen respektvoll angehört werden, wenn es in einem Gespräch um uns als Person geht. Wir wollen die Möglichkeit unser Arbeitsverhältnis mitzugestalten. Wir wollen nicht weiter ausschließlich als in Schöpfung betrachtet werden, sondern auch als in Bestand.

Ich habe natürlich einen persönlichen und aktuellen Anlass das Thema aufzugreifen – zu anderen Zeiten aber habe ich diesen Anlass ebenfalls.
Auch zu anderen Zeiten gibt es Bereiche, in denen kompetente Patient_innen unter die Räder von Sozialpolitik und Professionsgeklüngel geraten und exakt keine Mitspracherechte bzw. exakt keine Gewichtung ihrer Mitsprache in Bezug auf ihre eigene medizinische, psychiatrische, psychologische und sonstige Behandlung, Versorgung, Pflege und unter Umständen auch juristische Genugtuung  erhalten.

Zu keinem Zeitpunkt seit unserer ersten F – Diagnose gab es je keinen Anlass sich mal zu fragen, ob sich denn niemand darüber wundert, was für ein seltsamer Weg beschritten wird um Leiden zu begegnen und zu lindern. Zu keinem einzigen Zeitpunkt in unserer gesamten Behandlungszeit gab es so ein Moment nicht.

Und lange dachten wir, dass wir uns darüber wundern und das in Frage zu stellen hätte etwas mit unserer Kaputtheit, unserem Leidensdruck, der beschissenen Lebensrealität mit der wir jeden Tag umgehen zu tun.
Nicht damit, dass da tatsächlich Kackscheiße passiert.

Und daneben die Frage, warum werden “wir Patient_innen” (und: “Wir, die wir Opfer von Gewalt wurden”) denn bitte so sehr gestärkt und in unseren Rechten auf Selbstbestimmung, Unversehrtheit und bestmögliche Versorgung im Sinne von Umgang und Begegnung versichert, wenn wir diesen nicht gleichermaßen auch von denen einfordern dürfen, die uns beigebracht haben, dass wir ein Recht darauf haben?

In den letzten Jahren haben wir so viel über die Sollbruchstellen des Antistigmatisierungsaktivismus gelernt. Haben so viel über die tiefgreifenden Wurzeln von Selbststigmatisierung im Zusammenhang von Konsumgesellschaft und patriarchaler Gesellschaft gelernt, dass wir vor uns selbst nicht umhinkommen, durch die Straßen und jeden einzelnen Tag zu laufen und merken, was hier eigentlich passiert. Obwohl und trotzdem so viele Menschen glauben, vieles (alles) ginge auch ganz anders als jetzt.

Nämlich: auch ohne Gewalt

betroffene Profis #1

2001 war ich eine 14 jährige, die aus der kinder- und jugendpsychiatrischen Station eines Uniklinikums in eine Wohngruppe für Jugendliche mit psychiatrischer Diagnose entlassen wurde und darüber nachdachte, ob Psychologin zu werden, vielleicht etwas für sie wäre.
Viele meiner damaligen Mitpatient_innen hatten nach ihrer Entlassung diese Idee. Und vermutlich haben sie alle spätestens in der Zeit der Reintegration in ihre Schul- und andere Alltage gemerkt, dass Lebensabschnitte mit stationärer Behandlung in der Psychiatrie und/oder Psychosomatik exakt die Lebensabschnitte sind, die so ziemlich alle Berufe in Frage stellen, die in irgendeiner Form mit hilfs- und unterstützungsbedürftigen Menschen zu tun haben.
This is called “Stigmatisierung”, Baby!

Man geht dazu über in seinen Lebenslauf zu schreiben, das man “mal krank war” oder schreibt von einer chronischen Erkrankung, die einer regelmäßigen Behandlung bedarf, seit man jugendlich war.
Dann gilt man wenigstens nur als krank und nicht auch noch als unzurechnungsfähig oder gefährlich. Krankheiten können ja auch geheilt werden und bei einer Krankheit stellt sich eine Ursachen- aber keine Schuldfrage. Beziehungsweise: nicht sofort.

Krank sein ist okay, so lange sie nichts mit anderen Menschen zu tun hat, weil man sich sonst Umgangsfragen stellen müsste, die bestehende Strukturen nicht entsprechen können.

2001 wurde ich eine 15 jährige, die von ihrem Therapeuten misshandelt wurde und verstand, dass ihre Idee davon Psychologin zu werden viel mehr mit einem Wunsch nach der sozial und kulturell legitimierten  Macht Menschen beeinflussen zu können und zu dürfen zu tun hatte, als damit, was ich als eigene Fähig- und Fertigkeit perfektionieren möchte, um anderen Menschen, wie Nichtmenschen, Hilfe und Unterstützung, aber auch Raum zur Veränderung der Gesellschaft zu ermöglichen.

Ich weiß nicht, ob wir uns aus Versehen zu einer linksautonomen Radikaloweltveränderin mit Hang zum kommunistisch nachhaltigen Ökosozialkapitalismus sozialisiert haben, als wir so durch die Pubertät gingen und irgendwann in das Erwachsensein außerhalb der organisierten Gewalt an uns hineinwuchsen. Vielleicht.
Ich fände das schön, weil ich darüber merke, das in uns viel Eigenes entstanden und entwickelt ist, das das Außen nur brauchte, um sich selbst entstehen zu lassen. Ich habe einen Machtbegriff, habe Theorien und Ideen wie Macht und ihr Einfluss was wo wie bewirkt und mir im Laufe darüber die Chance erarbeitet in kleinen Schritten zu sortieren, welche Lebensabschnitte wo und wie miteinander zu tun haben und welche Rolle ich selbst dabei tatsächlich erfülle und zu erfüllen keine andere Wahl hatte. Es ist eine rein intellektuelle Auseinandersetzung, die die Möglichkeit birgt emotionale Inhalte nur schwer anzuerkennen und zu integrieren, aber es ist die Auseinandersetzung, die unseren Fähig- und Fertigkeiten entspricht.

Natürlich habe ich keine Zahl dazu wie Menschen ihre Psychiatrie- und Helfergewalterfahrungen für sich einsortieren. Doch der Grund dafür ist nicht, weil die Gewalt so selten passiert oder die meisten Menschen ihre Erfahrungen für den Rest ihres Lebens eben nicht einsortieren, sondern, dass es der weniger leicht über bestehende Stigmatisierungen in ihrer Stimme zu unterdrückenden Machtmasse unserer Gesellschaft egal ist – und egal sein muss! – was mit den Menschen passiert, wenn ES und DAS DA passiert ist.

Ich will die bestehende Spaltung zwischen Menschen, die zu Opfern wurden und nur “die guten Opfer”, “die schlechten Opfer” und “die Opfer, die nicht wissen, dass die Opfer sind” kennt, nicht mittragen.
Zum Einen, weil man nur so lange ein Opfer ist, wie die konkrete Unterwerfung geschieht und danach eine zum Opfer gewordene (oder auch: eine Opfer gewesene) Person ist und zum Anderen, weil eben jene Spaltung nur aufgrund bestehender Gewalt (hier synonym mit “Macht”) verhältnisse überhaupt ent- und bestehen kann – ergo: weitere Opfer produziert bzw. Opferschaften aufrecht erhält und damit die individuelle Weiterentwicklung negiert.

Da gelten die “guten Opfer” als jene, die es schaffen ihre Gewalterfahrungen zu beweisen und ergo im Machtbereich Justiz zu bestehen.
Da gelten die “guten Opfer” als jene, die es schaffen ihre von Gewalterfahrungen ausgelösten Krankheiten innerhalb der Richtlinien entsprechenden Therapiestundenanzahl zu überwinden (sic!).
Da gelten die “die guten Opfer” als jene, die ihre Gewalterfahrungen als individuelles Einzelschicksal zu akzeptieren.

Da gelten die “schlechten Opfer” als jene, die an der Beweispflicht scheitern, zu krank, zu alt, zu schwach, zu sehr im Muster dessen, was die unreflektierte rape culture wahrnehmen lässt, sind oder zu viel Angst vor einer erneuten Unterwerfung innerhalb eines weiteren Macht (und Gewalt) bereiches haben.
Da gelten die “schlechten Opfer” als jene, die “das Falsche” sagen, wenn sie öffentlich ihre Erfahrungen mit_teilen.
Da gelten die “schlechten Opfer” als jene, die ihre Gewalterfahrungen zum Teil des Laufs der Dinge in der Gesellschaft machen, als die sie sie begreifen.

Da gelten Personen als “Opfer, die das aber noch nicht wissen”, die sich nicht als Personen begreifen, die gerettet werden müssen.
Da gelten Personen als “Opfer, die das aber noch nicht wissen”, die nicht auf klassisch übergriffige Hilfsinterventionsversuche anspringen.
Da gelten Personen als “Opfer, die das aber noch nicht wissen”, die nicht den gleichen Gewalt- und Unrechtsbegriff haben, wie jene, die sich Menschen einzuordnen anmaßen.

All das sind Urteile, die in Momentaufnahmen gefällt werden, was schon schlimm genug ist, weil auch das Entwicklung als bestehende Dimension ignoriert.

Gewalterfahrungen können vieles in einem Menschen zerstören und so verrücken, dass eine neue Form der Stabilität und auch der Stabilisierungsmaßnahmen etabliert werden (müssen).
Dafür gibt es gute und immer weiter in Verbesserungsprozessen befindliche Instrumente aus unterschiedlichen Professionen, seien es Psychologie, Psychiatrie, Medizin oder Pädagogik.
Die individuelle Profession in der Nutzung und Wahrung eigener Resilienzen wird daneben leider oft zu etwas, das wie ein Zierdeckchen in der Begegnung als existent aber lediglich schmückend seinen Platz und Berechtigung eingeräumt bekommt.

innere Kommunikation

Manchmal ist es, als würde ich in ein Gespräch hineinplatzen, das schon lange mit mir geführt wird, ohne, dass ich davon weiß. Es gibt meine Linien auf dem Boden – das gesicherte, regulierbare Wörterlabyrinth, das sich in Farben und Formen vor mir zeigt und meistens umspült ist von einem weißen Rauschen, das mich in der Regel nicht berührt.

Doch wenn wir einander begegnen, wird es fremd um mich und in meinem Denken.
Plötzlich steht dort: “Ich tue hier nichts Falsches.” und hinter ihm schimmert etwas sehr Konsistentes. Ein anderes Innen, ein festes Wissen, ein anderer Gedanke – es könnte alles mögliche sein. Oder auch nicht.

Seit ein paar Tagen betrachte ich diesen Satz und taste ihn mit meinem Herz ab. Er kommt nicht von mir, aber auch nicht nicht. Er ist fremd, aber doch vertraut.

Vom Schlauberg herunter trötet es etwas von „Bewusstwerdung und dem Wunder der Assoziation“. Irgendwo kichert jemand “Herzlich willkommen in dieser inneren Kommunikation” und ich muss vor allem allein sein, eine Serie gucken und Candy Crush Soda Saga spielen. Dinge sortieren und mich zwischen Schrank und Wand quetschen, um das eigene Atemgeräusch ertragen zu können.

Manchmal tauchen Sätze auf, machen mir Angst und lassen mich selbst zu einem weißen Rauschen werden. Und manchmal tauchen sie auf und fühlen sich gut an. Einfach so. Nicht weil sie einen schönen Ton haben oder weil sie gut schmecken, sondern, weil sie sich so gut in meine kleinen Seligkeitsinseln einfügen.

10 Becher meines Joghurts, die es ohne umzukippen zu uns nach Hause schaffen, damit ich sie ordentlich in den Kühlschrank sortieren kann.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Ein Sprung über Fußgängerzonen einrahmende Bodenplatten.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Ein köstliches Wort, das mich so warm macht, dass ich alles über es wissen will.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Das Geklacker der Tasten während ich tippe und aus_sage, wie für mich ist, was ist.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Und das ist, was mir Angst macht und mich in so einen Kampf darum bringt, mich nicht aufzulösen.

Ich höre von innerer Kommunikation bei Menschen, die viele sind, immer wieder im Zusammenhang von durchzusetzenden Imperativen.
Immer sollen “die anderen da drinnen” irgendwas machen oder nicht machen oder einsehen oder verstehen. Selten höre ich davon, wie es für “diese anderen da drinnen” ist, wenn sie etwas erreicht, was sie so sehr erschreckt, dass sie es nicht aushalten können oder aber auch so sehr verlockt und in ungesicherte Gefilde zu verleiten droht, dass es einen Konflikt gibt.

Ich brauche etwas worauf ich mich stützen kann, um diesen Satz anzunehmen und zu verinnerlichen.
Das Außen eignet sich für mich nicht als Überprüfungsinstanz – es hat immer Recht. Immer ist es mir überlegen. Das Außen ist gefährlich für mich, denn es akzeptiert mich nicht. Und das Innen hat seine ganz eigene Dynamik. Ich berühre den Satz und der Boden wackelt. Die Wände bersten auf und fluten mich mit Reizen.
Man sagt immer einfach “erinnern” dazu. Für mich ist das ein Miterleben, wie etwas stirbt, von dem ich nicht wusste, dass es einmal gelebt hat.

Am Ende bleibt mir der Umgang damit.
Atmen, sortieren und wie einen Zauberspruch über meine Überflutungserfahrung sagen “Ich habe mich an etwas erinnert”, ohne je einen Inhalt tatsächlich aufgenommen zu haben.

Vielleicht muss man “innere Kommunikation” weniger als Büchsentelefon nach innen begreifen, sondern mehr wie das Warten auf eine autokatalytische Reaktion unter stetiger Beigabe entsprechender Einbringungen, während die Reaktion als Antwort dient.