„Guck wie gut es dir geht!“

Am Dienstag begannen behinderte Menschen auf Twitter unter dem Hashtag #beHindernisse über ihr Leben und ihren Umgang mit Behinderungen zu schreiben. Es gab so viele Tweets zu dem Thema, dass es in den Twitter Trends auftauchte. Mitten drin – nichtbehinderte Menschen, die andere zum Lesen des Hashtags aufforderten mit: „Guck, wie gut es Dir geht“.

Ich bin behindert. Ich werde behindert. Mein Umgang damit ist Teil meines Lebens.

Unter dem Tag beschreiben behinderte Menschen, was ihre Barrieren sind, was sie tun und was sie nicht tun, weil es für sie #beHindernisse gibt. Dabei geht es immer um diese Menschen. Um Sichtbarkeit und darum, dass der tägliche Anpassungs- und Kompensationskrampf behinderter Menschen ausgesprochen wird – nicht darum, anderen Menschen zu sagen: “Guck, wie gut es dir geht!“

Ich lese bis heute sehr viele Texte sowohl von als auch über behinderte Menschen, in denen es überwiegend darum geht, wie sie mit “ihrer Behinderung” leben, wie “normal” sie leben, wie ganz alltäglich ihre Probleme und Sorgen sind. Am Ende soll man glauben, der behinderte Mensch hätte nichts weiter in seinem Leben als einen kleinen harmlosen Rollstuhl, einen ganz leicht zu vergessenden Hörschaden, einen spannend mysteriösen Autismus, eine Ladung gar nicht soooo bedrohlicher Kreuzallergien oder oder oder

Ganz wichtig in solchen Berichten:
1 ) die Behinderung ist begründet in der Person (die Person allein hat/“besitzt“ die Behinderung)
2) die Behinderung ist gar nicht so gruselig, sondern alltäglich
3) die Person macht sogar noch Dinge, “die nichts mit ‘ihrer Behinderung’ zu tun hat”

Man braucht sich nun nur ein paar Tweets konkret betroffener Menschen durchzulesen um merken: “Oh wait – diese einen Rollstuhl nutzende Person wird von Bordsteinkanten, kaputten Aufzügen, und Menschen mit Vorurteilen behindert.”, “Oh wait – dieser Mensch ist so gewachsen, dass er Sinnesreize anders verarbeitet als andere Menschen – die Behinderung ist das Missverständnis, das ganz zwangsläufig folgt, wenn das Gegenüber nichts davon weiß und es keinen gemeinsamen Umgang damit gibt.” und bäm! Vorhang auf und Konfetti in die Luft! – ist “die Behinderung” ganz klar kein individuelles Problem, sondern einer der vielen Marker für gesamtgesellschaftliche Missverhältnisse und Missverstehen dessen, was eine Behinderung nun eigentlich ist.

Folgendes wird klar, wenn man sich näher damit befasst:
1) ‚die Behinderung‘ ist etwas, das zwischen einem Menschen und seiner direkten (sozialen) Umgebung besteht
2) dieser Umstand ist nicht von Gleichberechtigung und -befähigung geprägt, sondern von völlig selbstverständlich hingenommenen Missverhältnissen – gruselig.
3) eine behinderte Person kann ergo nie wirklich Dinge tun, die rein gar nichts auch mit einer Behinderung bzw. der Kompensation einer solchen zu tun haben

Missverhältnis? Ja – Missverhältnis!

(Chronische) Krankheiten und spezifische Entwicklungen bzw. medizinisch als unüblich kategorisierte Entwicklungsformen von Menschen werden als persönlich privates Ding betrachtet und so soll auch der Umgang sein. Hübsch jede_r für sich allein – in ganz schweren Fällen – wenn es wirklich gar nicht anders geht! mit spezieller Fachkrafthilfe, in höchst privatpersönlicher Umgebung.

Was ausbleibt ist die Frage nach der Norm.
Dem, was wer warum als üblich einordnet und warum.

Als üblich oder „normal“ gelten genau eine Art des Gewachsenseins, eine Art des Befähigungsclusters, ein Set der Sprache dafür. Alles muss sich dieser Norm anpassen und daran orientieren. Darauf beharren okay zu sein, wie man ist und gefälligst auch so behandelt werden zu wollen, sich selbst zum Profi für die eigenen Bedürfnisse und Umgangsoptionen erklären und einzufordern darin auch von anderen Menschen anerkannt zu werden, Machtfragen zu stellen, gerade, wenn es um pflegerische und therapeutische Behandlung geht – das ist bis heute eine radikale Nummer. Vor allem in der Behindertenbewegung.

Warum?
Weil behinderte Menschen in vielen Fällen von anderen Menschen ganz global abhängig sind und klar ist: du solltest nicht in die Hand beißen, die dich pflegt, Hilfsmittel finanziert, Fähigkeiten einüben hilft und ganz erst recht – die Hand, die du erfassen möchtest, um gemeinsam und miteinander zu sein.Mal abgesehen davon, dass man als behinderte Person schnell als undankbar und “selbst schuld am eigenen Leiden” gilt, wenn man Hilfs- und Unterstützungsangebote kritisiert und/oder ablehnt. Um als behinderter Mensch radikal zu gelten, braucht es heute nur die selbstvertretende Forderung nach alternativen Hilfs- und Unterstützungsangeboten, die Menschenwürde und Selbstbestimmung wahren bzw. entwickeln helfen.

Wie wichtig aber genau diese Forderungen sind, zeigt sich für mich unter anderem in genau den Imperativen, die ich oben erwähnte. Behinderte sind nicht dazu da, damit du dich über deine Privilegien freuen kannst oder du mal wieder einen Anlass hast, dich in Dankbarkeit für den glücklichen Zufall zu üben, nicht im gleichen Maß behindert zu sein, wie die Person, die dich daran erinnert, dass du es nicht bist.

Behinderte Menschen sind nicht dazu da, dich gut oder schlecht zu fühlen.
Jede Behinderung hat auch mit dir zu tun.
Auch dann, wenn du selbst sie nicht als solche erlebst.

Jeden Tag #beHindernisse kompensieren zu müssen ist kein Einzelschicksal und kein allein individuelles Leiden. Jede Person kann jederzeit zu einem behinderten Menschen werden und braucht zu jeder Zeit andere Menschen, die mit ihr sind.
Sich erst einmal in Dankbarkeit für die eigene Funktionalität zu suhlen und andere Ablenkungsfelder zu beackern, lenkt nur von der Begegnung ab, die sich an einem respektvollen und achtsamen Miteinander im Hier und Jetzt orientiert und nötig ist, damit mehr als eine Entwicklungsform, mehr als eine Art des Funktionierens und so vieles mehr als üblich erfahrbar werden kann.

(erstveröffentlicht bei Kleinerdrei.org)

Diagnosen und gewaltvolle Ausschlüsse

Es gibt gerade so eine Debatte darum, ob nur als Autist_in diagnostizierte Menschen an prominenter Stelle für Selbstbestimmung, Inklusion und Barrierefreiheit sprechen dürfen oder nicht und alles hängt sich an der Wichtigkeit einer Diagnose auf.

Ich habe bereits letztes Jahr in der Mädchenmannschaft geschrieben, dass Diagnosen Machtmittel, bzw. die Termini “Gesundheit” und “Krankheit” Machtbegriffe sind. Wer auch immer, wie auch immer Hilfe und Unterstützung sucht, braucht, möchte – fast egal, worum es geht! – braucht eine Diagnose. Wer gerade keinen entsprechenden Krankenversicherungsschutz hat, wer aus Gründen jeder Art keine Diagnostik aushalten kann (oder überhaupt auch gar nicht die Fähigkeiten dazu mitbringt  bzw. Kompensationsmöglichkeiten aktivieren kann – auch diagnostische Verfahren sind nicht barrierefrei!), wer zu Recht das Stigma durch eine medizinische/psychologische Diagnose scheut, wer mit negativen Folgen in Beruf, Familie, Lebenskontexten zu rechnen hat – wird sich im Zweifel immer gegen eine Diagnostik entscheiden.

Und das ist okay!
Sowas nennt man auch “Selbstschutz” oder “Selbstfürsorge” oder “Umgang mit Behinderungen”

Für mich lesen sich Teile der Debatte wie folgt: “Ja, aber wenn dieser Mensch da doch gar kein_e Autist_in ist und diese Dinge sagt – dann könnte ja jede_r kommen!”
Ich kenne das auch aus der “DIS-Bubble”: “Ja, aber wenn diese Person da gar keine DIS hat sondern “nur ne DDNOS” oder “nur eine komplexe PTBS” – dann darf die jetzt hier nicht über einen Mangel von guten Traumatherapeut_innen reden und sagen, dass Menschen, die Gewalt erfahren haben, schlecht behandelt werden.”

Für mich sind folgende Punkte in dieser Debatte wichtig:
1) wer warum worüber wo spricht ist wichtig, weil Sichtbarkeit für bestimmte Themen wichtig ist, um Antistigmatisierungsarbeit anzustoßen
2) wer warum worüber wo spricht, bestimmen in aller Regel die Personen, die die Macht haben darüber zu entscheiden
3) diese Macht begründet sich in aller Regel durch eine günstige Position auf den Diskriminierungsachsen: Klasse, ‘Rasse’, Alter, Geschlecht, Befähigung, Berechtigung
4) diese Positionen führen dazu, dass bestimmte Perspektiven auf eine Problemlage zur Norm erklärt werden und jede davon abweichende als “fremd”
5) das “Fremde” zu betrachten fällt aus dieser Position heraus am leichtesten, wenn sie die bekannte (als “normal” gelabelte) Perspektive günstig, positiv, angenehm, verwertbar, mit wenig Schmerz und Eigenbeteiligung ergänzt
6) so wird sich folglich auch immer wieder den Stimmen gewidmet, die diese Marker erfüllen
7) und so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass minorisierte, mehrfachdiskriminierte Personengruppen, die obendrauf auch noch eine unbequeme Botschaft mitbringen, hinten drüber fallen und unsichtbar bleiben

Konkret heißt das: übers Down-Syndrom werden noch eine ganze Weile nicht die Menschen mit Trisomie 21 sprechen, die keine Lautsprache beherrschen und zusätzlich auch körperlich anders entwickelt sind. Über Autismus werden noch eine ganze Weile Menschen sprechen, die sprechen können, die den Stress des öffentlich wahrgenommen werdens kompensieren können – und nicht die, die nonverbal sind und 24/7 Unterstützung und Pflege brauchen, um in die Lage zu kommen selbstbestimmte Äußerungen über sich selbst tätigen zu können – einfach nur, weil ihr Leben, ihr Er_Leben und die Realitäten in ihrem Leben als “zu fremd” von “den Zuschauenden/Zuhörenden/Kund_innen/ der Zielgruppe” eingestuft werden.

Und dieser Umstand passiert noch vor der Frage: “Gibt es eine fachärztliche/psychologische Diagnose?”.
Die Wahl der öffentlich sprechenden Personen hat herzlichst Nullkommanullnix damit zu tun wie “echt” bzw. wie “wahrhaftig” das Problem ist, worüber jemand im Fernsehen, in der Zeitung, im Radio spricht, sondern damit wie “echt” bzw. wie “wahrhaftig” die beteiligten Journalist_innen und der Sender den Fall und das Problem einschätzen.
Manche sind da sehr akribisch, weil ihnen bewusst ist, wie groß der entstehende Schaden sein könnte, viele sind es hingegen leider nicht. Und wenn man sich den Medienbetrieb anschaut, weiß man auch warum.

Ich verstehe den Wunsch, gerade in der deutschen Behindertenbewegung, nicht mehr von nicht genau gleich betroffenen oder wenigstens gleich diagnostizierten Menschen vertreten zu werden. Ich finde es ja auch nicht gerade prickelnd als Mensch mit DIS von Popkultur, Psychotherapeut_innen und 2-3 Einzelpersonen vertreten zu werden, deren Perspektive teils maximal von meiner entfernt und alles andere als an strukturellen und/oder gesamtgesellschaftlichen Veränderungen orientiert sind.
Aber gäbe es das nicht, wüsste ich nicht welche Felder noch fehlen in der Debatte. Gäbe es diese Fürsprache nicht, wäre es noch schwieriger für mich auf Gehör zu stoßen.

Für mich ist es relevant zu schauen, ob es sich um (selbstvertretende) Fürsprache oder “Stellvertretersprech” oder “Statt-der-betroffenen-Menschen-Sprech” handelt.
Daran orientiere ich mich in meiner Kritik.
Es gibt genug Menschen, die gute stabile Fürsprache leisten und die man immer wieder um Kollaborationen bitten kann, um das Thema sichtbar zu machen. Das ist gut und wichtig, weil es einander ergänzen kann und nicht jede_r Aktivist_in alles gleichzeitig immer in jeder Ansprache unterbringen kann.

Bei “Stellvertretersprech” und “Statt-der-betroffenen-Menschen-Sprech” hört der Spaß für mich auf. Ich will keine “Downie-Mutter” mehr im Fernsehen sehen, es sei denn sie spricht über sich und ihren persönlichen Weg als Mutter eines behinderten Kindes.  Ich will keine Sozialarbeiter_innen in der Zeitung lesen, die unbegleitete jugendliche Geflüchtete betreuen – es sei denn sie lassen eine flammende Rede über die empörenden Zwänge ihres Jobs vom Stapel oder sie sprechen über ihren persönlichen Weg an der Seite von Menschen, die auf sie angewiesen sind.

Eine Diagnose zu fordern klingt für mich nach einem Ausdruck des Wunsches ordentlich vertreten zu werden, wenn man überhaupt schon fremdvertreten werden muss. Und ehrlich gesagt erlebe ich das als peinlich, weil man genauso gut gleich sagen kann, dass man selbst bitte irgendwo mal sprechen möchte, weil man sich durch seine Diagnose als “echt” und “wahrhaft” erlebt.
Hier ist ein Link zur Speakerinnen*-Liste. Tragt euch ein (wenn ihr eine Frau* seid), gebt es weiter, netzwerkt, aktivistet – irgendwann gibt es dann vielleicht die Möglichkeit.

Eine Diagnose kann auch falsch-positiv sein. Eine Diagnose kann vielleicht aufgrund nur eines (warum auch immer temporär oder latent) fehlenden Merkmals nicht gestellt werden. Eine Diagnose ist das Produkt dessen, was ein anderer (meist privilegierterer) Mensch beobachtet und in Kästchen abhakt – was ist, wenn der mal nicht richtig guckt? Wenn der mal einen schlechten Tag hat?
Eine Diagnose ist das Produkt einer Abhängigkeitskette und am Ende vielleicht ein wissenschaftliches Glücksspiel, das im Fall des Falls dazu führt, dass eine autistische Person als nichtautistisch eingestuft wird – und keine Hilfe erfährt, weil es die, die diese Person braucht, nur für Autist_innen gibt – und keine Ausdrucksrechte in der autistischen Bubble erfährt, weil diese nur den Glücksspielgewinner_innen zugestanden werden.
Das ist Gewalt und das ist für mich einfach nur abstoßend.

Wer Hilfe und Unterstützung braucht, soll sie bekommen können. Wer etwas sagen möchte, das helfen könnte und wichtig ist und besonders Menschen mit einem bestimmten Phänotyp und Problemcluster betrifft, der macht Fürsprache und die ist wichtig. Auch dann, wenn die Person sagt: “Ich als selbstdiagnostizierte_r Autist_in, Schizophrene_r, Depressive_r, Mensch mit DIS/DDNOS/dissoziativen Störungen, Zwangshandelnde_r … persönlich empfinde dies und das und das und das als Problem und finde es wichtig, dass sich darum gekümmert wird.”

Vielleicht ist es dran sich zu überlegen, warum genau so wichtig ist, dass nur und ausschließlich eine Diagnose dazu führt, dass man einen anderen Menschen als sich selbst (mit Diagnose) in seinen Problemen ähnlich, anerkennt und ernstnimmt. Vielleicht macht man sich mal Gedanken darüber, wie man ohne gewaltvoll zu sein miteinander umgehen kann.

Keine 5 Senderminuten sind es wert, Menschen, die warum auch immer keine Diagnose, aber die (fast) gleichen Probleme haben, auszuschließen.
Keine.

schwusch

Ich hatte gestern einen Schwuschtag. Schwusch – in die Stadt – Schwusch – Nähmaschine und beglaubigtes Zeugnis  abholen – Schwusch Bewerbungsunterlagen fertig machen – Schwusch – jemand Fremdem helfen, indem ich den Mund aufmache und spreche – Schwusch in einem Stoffladen stehen.

Stoff ist teuer – das Projekt hat eine klare Kostengrenze insgesamt. Deshalb haben wir uns zu zehnt in den Körper gequetscht und versucht eine Entscheidung zu treffen. Da war die die gut rechnen kann, aber das nicht glaubt und deshalb immer wieder prüft, ob sie den Stoffbedarf richtig errechnet hat. Da war der, der letztlich am Besten weiß, mit welchem Soff wir alle gut zurecht kommen, dessen Finger über die Ballenkanten glitt. Das Jemand, dessen Modell des Projektes sich vor meinen Augen um die eigene Achse drehte. Die, deren Blicke über die Muster sprangen und die, die zwischen Hinteruns und mir hin und her abglichen, was okay sein könnte und was nicht – während zwei andere die Umgebung im Blick behielten.

Und dann landeten wir in etwas, das frappierende Ähnlichkeiten mit der Teeparty des verrückten Hutmachers hatte: die cis weibliche Handarbeitsbubble, in die man herzlich hineingezerrt wird, auch dann, wenn weder cis Frau ist, noch Tee mag noch sonst irgendwelche Kapazitäten hat.
“Wie finden Sie diese Kombination?”, fragte die Person am Kassentresen mich und hielt zwei wild bedruckte Baumwollstoffe aufeinander, die eine Person, deren linke Hand auf dem Kinderwagen neben ihr ruhte, während die rechte sich gerade von den Stoffen löste, anscheinend zu kaufen überlegte. “Für eine Jungs-Babyhose – ist das doch süß, oder?”.

Selbst, wenn ich allein* im Körper bin, wären das Fragen gewesen, die so ein Krack-Schwusch in mir auslösen, weil:
– wie soll ich etwas finden, was die Frau mir doch direkt vorführt? – wenn ich nichts suchen muss, kann ich auch nichts finden
– was geht es mich an, was wer wie kombinieren möchte? – Ich mache doch meine Sachen selber, gerade, weil ich selbst alles bestimmen kann
– was zum Henker zeichnet welchen Stoff denn bitte aus um als “gut für eine Jungs-Babyhose” zu sein?
und wieso sollen Babysachen immer süß sein? Und wie geht “süß” in Kombination mit aufgedruckten Baggern und Feuerwehrautos?

Ich stand da und sagte: “Hä?”.
Weil ich super kompatibel bin mit solchen Situationen und auch sonst ein glänzendes Beispiel für intelligente Konversation.

Die Person, die mich ansprach, redete nun schwallartig auf die Person am Kinderwagen ein und es begann ein ganz eigenartiges Ballett, das sich selbst in Konventionen versicherte, noch während es sich hart darum bemühte extrem unkonventionell zu sein. Das Baby begann zu weinen, erntete einen sexistischen Spruch nach einer Ungemachsvermutung der versorgenden Person, “Jungs kriegen ja auch schneller mal kalte Füße” und plötzlich ging es um mich, die “wohl auch mal Kinder haben wird, ODER?”

Ich, die erst zum zweiten Mal überhaupt ever in so einem Laden war und eine ganze Menge Energie überhaupt schon dafür aufgebracht hatte und jetzt völlig zerfasert im Innen war, stand da und wusste wieder nicht, was zu antworten ist.
Später sagte mir meine Gemögte, dass solche Phrasen als inkludierende Gesten zu verstehen sind: “Sie wollte dich am Gespräch beteiligen.”.
Aha.

Ich wuchtete einen Ballen von dem Stoff, der zuletzt für geeignet befunden wurde, auf den Tisch und sagte: “Erstmal hätte ich gerne 1,50 mal 90 hiervon.” und klopfte mir selbst auf die Schulter.

Ich ging, ohne die Frage beantwortet zu haben und fragte mich, wie es kommt, dass ein Kinderwunsch von als Frauen kategorisierten Menschen als so selbstverständlich gilt, dass man ihn sogar an völlig fremde Personen heranträgt.
Natürlich ist mir klar, dass dies kein Moment für eine ehrliche Antwort gewesen ist. Schon gar nicht in meinem Fall – aber ich fragte mich am Ende schon, wie man sogar Stoff und seine Auswahl mit mehr als den Dingen aufladen kann, wie den Fragen und Konflikten, denen wir uns gegenüber sahen.

Ich meine: da sind die Fragen um die Produktionsbedingungen des Stoffes, der Maschine und ihrer Anteile, da sind die Marker zur Nutzung des Stoffes selbst, da sind die Aspekte der Verarbeitung und die Praktikabilität des fertigen Stückes und dann die Kosten-Nutzen-Abwägung in Zusammenhang mit dem eigenen Budget … so viele Dinge über ich viel lieber mit einem_einer Fachverkäufer_in gesprochen hätte, um eine ordentliche Entscheidung zu treffen.  Doch dann entpuppt sich diese_r als Eintrittsbegleiter_in in ein Normenland, das mich nicht einmal kennt bzw. sich fragt, ob ich eigentlich überhaupt wirklich bin, wofür es mich hält.

Nächstes Mal gehen wir jedenfalls in einen anderen Laden.
Das war mir zu schwuschig.

slide of „Überlebenskampf“

Wir haben gestern an der Nähmaschine zu nähen gelernt und ich habe etwas verstanden.

Die ersten Ideen dazu kamen schon in den Überlegungen zu der Radtour, die wir für den Mai planen. Während ich keinen Anlass sehe zu lernen, wie man Regenwasser sammelt und aus jungen Bäumen eine Bettstatt baut, weil es Zeltplätze und überall* sauberes Leitungswasser gibt, sind Teile meines Innenlebens von 0 auf eine Zillion in Vollbereitschaft jetztgleichsofortzackzack ohne alles über Wochen und Monate draußen zu leben.
Für diese Innens gehts ums Überleben, obwohl es für uns andere als Reiz- und Menschendiät gedacht ist. Also genau ganz viel weniger Notwendigkeit in einem bestimmten Überlebensmodus zu sein.

Wir sind also irgendwie alle immer und immernoch im Überlebensmodus.
Die einen sehr auffällig aus Zeit und Raum gefallen, die nächsten sehr auffällig in Ängste und Sorgen gerutscht, die nächsten einfach wissbegierig, aber auch wissend, dass die Erkenntnis (nur/häufig) in Abhängigkeit von anderen Menschen kommen kann, was wiederum eine Bedrohung für die eigene Existenz bedeutet.

In der letzten Woche habe ich mich oft vor dem Innen gefürchtet, weil ich eine hohe Bereitschaft in suizidale Ideen zu kippen spürte, obwohl es keine fremden oder neuen Belastungen gab. Und nicht gesehen habe, dass ich mich in einem Überlebensmodus bewegt habe – ding ding ding Helferversagen und Hilfekrämpfe.
Ich hatte wieder einmal, weil von außen keine Bestätigung über die Berechtigung (und darüber eine Beruhigung) meines Empfindens kam, aufgehört darauf zu pochen entlastet und versichert zu werden und die Ärmel hochgekrempelt, um es selbst zu machen. Wie ich alles selbst mache. Weil ich es ja kann. Obwohl mein Inneres schreit und brüllt und krampft, dass es nicht kann.

Und jetzt hab ich auch noch gelernt zu nähen. Weil: dann kann ich mir ja so eine schwere Decke selber nähen und brauche weder den Begleitermenschen und seine schwere Turnmatte, noch den Antrag auf Leistungen aus dem FSM, die so eine Decke ermöglichen sollen.

Man liest so oft von den Vielen, die immer so verzweifelt ums Überleben kämpfen und übersieht dann die Kämpfe, nach Ausstieg, nach konkreten Verletzungs- Gewalterfahrungen, die eigentlich noch so viel näher liegen.
Selbst die Innens mit ihrem eingeübten Survivaltraining zum Überleben ohne Strom und fließend Wasser, sind keine versprengt desorientierten  Kinderinnens, die im übertragenden Sinne ihres Handelns nach Mami greinen, weil sie Angst davor haben zu verhungern.
Das sind die, die man im Fall der Fälle hoch achtet und sich ihnen überlässt, weil sie wissen, was warum und wie zu tun ist.  Das sind die, deren Kampf darin besteht, diese “von 0 auf eine Zillion –Jetztgleichsofortzackzackvollbereitschaft” nicht zu verlieren, weil sie für den Überlebenskampf “sich auf eine andere Person verlassen, die eventuell vielleicht (wenn die Gestirne recht am Himmel stehen und das Spagettimonster gekräuselte Locken hat) weiß, was zu tun ist” keinerlei Handlungsoption kennen.

Dann ist es plötzlich kein Kampf ums Überleben mehr, wenn man sich stellvertretend für Sozialarbeiter_innen, Helfer_innen, Mediziner_innen und Jurist_innen in ein intersektional-eklektisches Selbststudium wirft, aber Hartz 4 bezieht und nicht mal ein Abitur hat.
Das ist dann “ganz tolle Compliance”, “total gute (kostenlose) Hilfe”, “super engagiertes Ehrenamt” oder noch mit am schlimmsten: “Inspirationporn” für die, die sich selbst für schwach halten, weil sie “sowas selbst nie aushalten/ertragen/überleben könnten” bzw. glauben, sie könnten das nicht, gerade weil sie es nie selbst aushalten/ertragen/überleben mussten oder anerkennen wollen/können/dürfen, dass sie es sehr wohl schon mussten und auch konnten.

So wird aus dem Überlebenskampf eines Innens eine zugeschriebene Eigenschaft: “stark” und es gibt Dialoge wie:
“Es erstaunt mich wie so eine schwer kranke Frau noch nie hier auf unserer psychiatrischen Krisenstation war.”
– “Sie ist halt eine starke Frau”

Ja, an diesem Wortwechsel habe ich einen Dorn und inzwischen nicht einmal mehr, weil ich dachte, dass unserer Therapeutin einfach nichts anderes eingefallen ist, sondern dass ich argwöhne, ob sie noch mitzieht, wenn die Ärmel-hoch-K., die jeden und alle mit Worten und Intellekt an die Wand ballern kann, aufhört und ebenfalls ihre Löffel einspart, weil: suddenly Therapiefortschritte.
Was ist denn wohl, wenn man über uns als Einsmensch nicht mehr sagen kann: “Sie ist eine starke Frau – gucken sie mal, was sie alles kann und macht – es lohnt sich total mit ihr zu arbeiten, weil: es ist super befriedigend (und inspirierend)”.

Was ist, wenn wir schwach sind, weil wir schwach sind?
Wenn von all dem womit man eine DIS aufpusten und mysteriös spannend special machen kann, um sich in jahrelange Traumaverarbeitung against Richtlinie und gesamtgesellschaftliche Wertschätzung dessen zu motivieren, ein verletztes und dysfunktionales Ex-Opfer übrig bleibt, das nicht einmal in der Lage ist Hilfen anzunehmen, weil es das einfach gar nicht kann.

Ich glaube, es wird unterschätzt wie viele Fähigkeiten so eine (Psychotrauma-)Psychotherapie erfordert. Wie sehr Therapie und Hilfe nicht barrierefrei sind.
Unsere Therapeutin hätte sagen müssen: “Frau Rosenblatt kämpft ums Überleben.”

Aber vielleicht hatte sie das für einen Moment vergessen.

Und – wie ich ebenfalls in der letzten Woche lernte – merkt man uns (mir) nicht einmal dann das Kämpfen an, wenn ich es sage.
Wenn ich es auf meine Art rausschreie, brülle, krampfe.
Nicht mal dann.

einer dieser Tage

Und dann sind da diese Tage, in denen man nicht dazu kommt zu merken, wie schlimm sie sind, gerade weil sie so schlimm sind. Erst als man im Bett liegt und unter dem Gewicht seiner Decken zu sich kommt, entsteht der Raum zu der Erkenntnis, dass sich vielleicht einfach noch nicht genug verändert hat, um wirklich anders werden zu können.
Und mit dem Gedanken, dass man sich selbst vielleicht noch nicht genug geändert hat, um Dinge neu und anders anzugehen, fallen die Augen zu und es beginnt ein Zustand, in dem dieser Gedanke die Herrschaft hat. “Du bist nicht okay, wie du bist.”; “Du bist nicht genug”; “Du bist falsch”; “Du musst anders sein, um die Welt ™ zu verändern”. Da greift etwas in mich hinein, reißt an etwas herum, das nicht zu mir gehört, krempelt mich auf links und klemmt meinen Kopf in eine Zange, die sich im schweißnassen Aufwachen, als die Kante zwischen Bettkante und Kommode entpuppt.

Wir verließen die Praxis unserer Therapeutin und versuchten die losen Fetzen der Stunde noch aufzufangen. Neben mir stieß ein Innen die Füße auf den Boden und sagte: “Ich hab versucht ihr zu sagen, dass ich mir nicht mehr ranholen kann, wie wir denken konnten sich Hilfe ranzuholen wär’s wert weiterzuleben.”. Ich nahm ihm die Füße ab und verlagerte die Energie des Innens in Gehgeschwindigkeit. “Sie hats nicht kapiert. Nichts von dem, was du gesagt hast, hat sie kapiert, noch von dem, was ich gesagt hab.”. Neben uns lief eine Gruppe Schulkinder durch die Straße und die kalte Wind britzelte in den Augen.

Manche Therapiestunden tragen unerwartet dazu bei Brücken in Ecken des Innens zu fühlen, zu dem wir sonst keinen Kontakt haben. Das ist unvorbereitet und spontan. Und meistens hat es Folgen, die im Nachhinein schwer nachzuvollziehen sind. Da ist plötzlich ein Innen, das sonst eher als wabernde Eminenz die Therapie oder das, was wir äußern, beeinflusst, mit mir in einem Gefühl vereint, das ich in früheren Zeiten als unbewortbar erlebt habe. Und dann ist das Ergebnis wieder so eine von diesen Wahrheiten, die sind und an deren Ende wir uns als allein am Rand der Welt empfinden.

Obwohl wir doch alle Regeln befolgt haben. Obwohl wir doch getan haben, was wir tun sollten. Obwohl wir doch mitmachen.
Nur eben leider nicht verstanden werden.
Wir versuchen uns in kürzeren Sätzen. Weniger Monolog. Wir haben uns in der Krisenstation dazu entschieden dieses kurze Denken zu kopieren. Weil: “Neue Wege – neue Methoden”. Wir wollen nicht mehr die sein, die ewig lange redet, weil sie denkt, sie wäre dann besser verständlich. Wir hören immer öfter einfach mittendrin auf. Lassen es und ziehen uns raus, wenn wir merken: “Wir greifen hier schon wieder mehr als das Gegenüber in den Besteckkasten.”.

Und genau das haben wir uns für diesen Hilfezirkus auch vorgenommen.
Immer wenn wir merken: “Ah – du hast dir 2 Löffel eingeplant, weil du heute noch einkaufen musst, weil du noch duschen aushalten können willst und, weil du noch Kraft für positive Ressourcen haben willst – und greifst jetzt schon nach dem dritten Löffel, weil die Person dir gegenüber nicht versteht.”, hören wir auf.
Erinnern uns daran, dass das Gegenüber ja auch einen Besteckkasten hat und warten. Und wissen: wir können nur warten, weil uns Menschen immer wieder so glaubhaft wie nur möglich machen wollen, dass sie uns unterstützen wollen, wann immer wir sagen: “Ich kann das nicht” oder “Ich brauche dabei/dafür Unterstützung”.
Am Ende müssen wir die Menschen beim eigenen Wort nehmen und sie damit überraschen, dass ihre Beteuerungen bei uns nicht links rein und rechts wieder raus gerauscht sind. Oder mit unserer Bereitschaft, ihnen zu glauben und krasser noch: ihnen zu vertrauen und sich darauf zu verlassen, dass sie uns die Wahrheit gesagt haben.

Vielleicht gehören wir zu den Menschen, die sich nur zu anderen hinwenden können, wenn sie hinter sich deutlich spüren, dass die Alternative das Sterben oder auch das “nicht mehr sein” ist. Was – obwohl es sehr ähnlich gelesen wird – etwas anderes ist und damit zu tun hat, dass wir schwer traumatisiert wurden.
Wir haben keine Angst vorm tot sein – wir haben Angst vorm “nicht mehr sein”, denn das ist, was die Gewalt früher so oft mit uns gemacht hat und so viel unaushaltbarer ist, als tot zu sein. Die Toten sind tot. Sie sind eben nicht “nicht mehr”.

Gestern war ein Tag, an dem wir zwei Dinge gemerkt haben:
Erstens: ein kurzer Satz wie “Ich kann das nicht” reicht nicht. Auch dann, wenn das Gegenüber – in dem Fall die Therapeutin – weiß, worum es geht, was es mit uns macht, wie groß die Belastung ist, wie massiv der Trigger ist. Es reicht auch nicht diesen Satz logischer machen zu wollen, indem man seine Umgangsoption mitteilt, die impliziert, dass man selbst nicht involviert ist – weil man es nicht kann.

Zweitens: Menschen mitzuteilen, dass man sich aus Diskussionen herauszieht, weil sie einen ganz grundlegenden Punkt der Argumentation seit einem Jahr einfach nicht kapieren, bedeutet nicht, dass man daraus auch entlassen wird (weil man genau diesen Punkt halt nicht kapiert und ergo keinen Grund sieht, die sich herausziehende Person dann auch in Ruhe zu lassen)
So der Fall im Fotokurs nach der Therapie.

Es gab wieder eine dieser Diskussionen darum, was darf Kunst, was darf Satire, was darf der Fotograf (sic!) und wo sind die Grenzen.
Da sitze ich mit 4 weißen als Männer kategorisierten Menschen in einem Raum und erlebe live mit wie die Jungen von dem Alten lernen, dass man nicht auf Kritik achten muss. “Wer nicht lacht hats nicht kapiert” und “*istisch sind immer nur die anderen aus ganz persönlichen Gründen”.
Es ist abstoßend und schlimm. Für uns. Weil Grenzen aufgeweicht und Verletzungen legitimiert werden. Es wird in Kauf genommen Gefühle zu verletzen, um sich selbst als “nicht langweilig” und “edgy” definieren zu können. Als jemand “der ja nur einen Witz machen will”. Und eben nicht auch als jemand, der missachtet, ignoriert und verletzt, weil er es kann und darf und ihm keine verbindlichen Grenzen sichtbar und einzuhalten wichtig sind – selbst dann, wenn sie aufgezeigt werden.

Für uns ist der Fotokurs nicht nur ein Sprungbrett in eine mögliche Zukunft im kreativen Bereich und eine Ergänzung zu sowieso bestehenden Ressourcen und Fähigkeiten – es geht auch um unseren Willen zur Desensibilisierung von Menschen. Wir wissen, dass wir uns an sie gewöhnen müssen, viel soziales Zeug lernen müssen und auch auszuhalten lernen müssen. Neben allem was das Handwerk “analoge Fotografie” bedeutet und von uns zu lernen wichtig ist, sind dort eben auch Menschengeräusche, Menschenwörter, Menschengerüche, Menschen, die plötzlich und unvorhersehbare Dinge tun, sagen, wollen, verlangen. Menschen, die triggern. Menschen, die überfordern. Menschen, die einfach sind und zwar ganz direkt in unserem Umfeld.
Wir wissen, dass wir da was aushalten müssen.
Die Frage ist nur: Wie viel wovon und wozu?

Für uns ist es keine Option zu sagen: “So sind sie halt – die Männer, die Jungs, die Menschen, die Lehrer, die Schüler … die Anderen”, weil das einfach zu wenig ist. Dafür kostet uns der Unterricht zu viel Geld und zu viel Kraft für Kompensationsleistungen und Aufrechterhaltung der Funktionalität. Dafür geht es uns auch einfach zu sehr viel schlechter nach solchen Diskussionen als den anderen Teilnehmenden.
Und am Ende: Wie eklig wäre es, würden wir uns selbst dazu triezen zu lernen uns zu desensibilisieren, wenn anderen Menschen ganz direkt in unserem Umfeld Gewalt angetan wird bzw. solche Gewalt als legitim bezeichnet wird?
Das ist doch nicht, wie Menschenmiteinander aussehen soll. Das ist doch nicht, womit uns beworben wird, dass sich das Weiterleben lohnt.

Wir haben den Kurs eineinhalb Stunden vor Ende verlassen.
Ich habe mich geärgert, meinem Lehrer den Brief nie zu lesen gegeben zu haben, weil ich Angst davor hatte, er würde sich bloßgestellt fühlen und sowieso gar keine Auseinandersetzung mit seinen internalisierten *ismen wollen. Vielleicht: auch gar nicht leisten können, weil er nämlich auf viele Jahre schauen müsste, in denen er Menschen verletzt hat und dachte, das wäre okay, weil er ja ein okayer Mensch ist, der niemanden verletzten wollte.

Ich will nicht immer die sein, die Menschen Dinge zeigt, die sie übersehen und aus dem Bewusstsein streichen, weil sie das können und ich genau eben nicht. In dieser Rolle ist man nämlich immer wieder die, die im besonderen Maße davon abhängig ist, wertschätzend und anerkennend behandelt zu werden. Passiert das nicht, erlebe ich Verletzung, Verlust von Privilegien und zwar ganz konkret, ganz direkt.
Und genau auch nicht, weil ich das nicht anders verdient habe – sondern, weil solche Gegenüber keine anderen Optionen nutzen sich selbst zu versichern, als eben über solche “Strafen”.

Ich merke, dass wir keine Umgangsoptionen kennen, die solche Situationen und sozialen Konstellationen befriedigend für alle auflösen. Denn befriedigend wäre für diese Gruppe nur sich keine Gedanken machen zu müssen und einfach nur zu hören: “Du bist okay – ich habe etwas Falsches gedacht/gesagt/verlangt. Hier ein Keks.”
Ich habe aber nichts Falsches gesagt/gedacht/verlangt.  Ich habe einfach nur etwas gesagt/gedacht/verlangt, das sie nicht verstehen wollen, weil sie nicht müssen und das für den Rest der Welt völlig okay so ist.

Wir haben noch 6 Termine dort. Und erwachsen und konfliktlösungsorientiert wie ich bin, plane ich uns zu jedem dieser Termine in die Dunkelkammer einzusperren und mir maximal ein “Hallo – schließt du bitte auf?” und ein “Bis nächste Woche” rauszuwürgen.
Ja.
Ich bin echt toll konstruktiv und konsequent in unserem  Plan sich irgendwie mal so richtig mit Menschen auseinanderzusetzen.

[slow clap]

Helferversagen führt zu Langzeitschäden

“Ach, wir werden uns da bestimmt nicht offiziell beschwert haben.”, dachte ich letzte Woche noch.
Dann habe ich das Abschlußzeugnisoriginal gesucht und fand: eine Reaktion auf eine Beschwerde an die Zentrumsleitung unserer ambulanten Betreuung im Jahre 2011.

Es ist nämlich so: Wenn man ganz viel Unterstützungsbedarf hat – damals waren es 7,25 Fachleistungsstunden in der Woche (ja: in_der_fucking_W O C H E_ ! ja nein sorry das muss man sich in den Kopf tun – ohne Quatsch jetzt) – dann ist das ein grober Fehler des Betreuungsanbieters, dem mit einem Termin wöchentlich, der dann circa 1-2 Stunden in Anspruch nimmt zu begegnen.

Manchmal fürchte ich, unser Helferding könnte sich lesen, als wären wir einfach irgendwie komisch verkabelt und hätten ein Problem damit anzuerkennen, dass wir immer wieder eher fragil stabil sind und sehr viel Unterstützung brauchen. Tatsächlich ist es so, dass wir unser fragiles Stabilsein eher als normal empfinden und wissen, dass Menschen ganz allgemein – egal ob das Helfende, Gemögte, Bekannte oder Fremde sind – mit allem was sie tun immer wieder daran rütteln und auch zu Instabilität beitragen.
Sind wir allein sind wir stabil. Nur leider eben auch: allein. Mit allem. Auch in den Momenten von Heilungsschmerz und damit einhergehenden Instabilitäten.

Uns ist durch verschiedene Dekaden des Helferversagens ein wirtschaftlicher Schaden entstanden. Und wenn man den zusammenrechnet (ja, das haben wir mal gemacht, weil wir dachten: Irgendwann petzen wir das mal an prominenter Stelle und dann wird alles anders  (süß ne? Ja. Naja.)  kommt man auf einen 4 stelligen Betrag. Und ja: Wir zahlen immer noch.  Nicht etwa irgendeine Versicherung, die genau für solche Schadensfälle da ist. Oder der Träger durch dessen strukturelle Misswirtschaft es überhaupt nur dazu kommen konnte.
Nein nein – das zahlen wir. Von Hartz 4 und Honoraren für Vorträge und Zeug.

Mit jedem Mal, das es um Betreuung und Hilfen für uns geht, machen wir uns nicht in die Hose, weil wir Angst davor haben, Dinge könnten sich für uns verändern. Vielleicht sogar zum Positiven. Sondern vor Angst, es könnte sich gar nichts geändert haben. Vor Angst, es passiert wieder oder noch schlimmer.
Vor Angst, dieses Gefühl so ein durcheinandergezerrtes Leben zu haben, das nie irgendwo wirklich reinpasst – in kein einziges Formular – in keinen einzigen Verwaltungsablauf, nie wieder loszuwerden.
Vor Angst wieder und für den Rest des Lebens diejenige zu sein und zu bleiben, die
“den Profis ™” eine Inspiration und Wissensquelle zur Verbesserung des Brotjobs ist und selbst nichts mehr davon hat, als eine Chance, die eventuell vielleicht dazu führt genau die Unterstützung zu erhalten, die gebraucht wird.

Was uns fehlt ist das Privileg des “Es nicht wissen”. Uns fehlt die Unkenntnis darüber, dass Hilfe für uns auch ein Geschäft ist. Dass es Menschen gibt, die ihr Dach über dem Kopf damit finanzieren, uns die Haare aus dem Gesicht zu halten, wenn ich mir Erinnerungen aus dem Leib kotze oder uns eine Hand hinzuhalten, wenn wir allein zu instabil sind, um in Balance zu sein.
Was uns fehlt ist die Bereitschaft, uns erneut zum Gegenstand einer Verwertungsmaschinerie machen zu lassen, der es am Ende egal ist und verdammt nochmal egal sein darf, wie sehr das weh tut. Wie groß der Schaden auch Jahre später noch ist. Wie kaputt sie uns gemacht hat und in ein Leben spuckt, das nichts mit uns anfangen kann.
Und ja – hier ist etwas vermischt, was nur allzu gerne getrennt betrachtet wird, um sich selbst niemals mit Täter_innen in organisierten Gewaltkontexten verglichen sehen zu müssen.

Mir tut das leid. Aber diese Parallele ist da. Und eigentlich ist es ein megasuperoberguter Therapiefortschritt von uns diese Parallele zu sehen und trotzdem dran zu bleiben. Trotzdem eine Trennung im Bewusstsein zu verankert zu halten, die es uns ermöglicht nicht zu vergessen, dass es ja vielleicht doch eventuell irgendeine Möglichkeit gibt, uns so zu unterstützen, dass uns Menschen nicht mehr so arg instabilisieren.

Was uns außerdem fehlt ist, uns rausziehen zu können aus diesem Prozess. Das spüre ich seit dem Anruf am Donnerstag sehr deutlich.
Wenn wir in den letzten 2 einhalb Jahren etwas verloren haben, dann ist es die Fähigkeit den Hilfe-ranhol-Schmerz zu tolerieren und über die Stiche der formalen Sprache über uns als Mensch hinweggehen zu können.
Wir schaffen es nicht mehr zu sagen: “So ist eben diese Verwaltungssprache.” oder “So sind die da halt in den Behörden.”, weil es uns vorkommt, als würden wir damit die Gewalt an und über uns an der Stelle legitimieren.

Nicht zuletzt auch, weil die Beschwerde, die ich gefunden habe, damals ja auch nichts gebracht hat. Da waren wir so badass of the doom und schreiben an die Leitung: “Hallo hier Riesending” und das abschließende Übereinkommen hielt: 2 Monate.
Es hatte nie wieder jemand danach gefragt. Keine Zeit, Dienstplan kacke, neue Betreuer, die von nichts wissen und und und

Wie geil wär das, wenn wir uns endlich einfach mal nur darauf konzentrieren könnten, Angst davor zu haben, es würde sich irgendwie komisch neu etwas zum Guten hin verändern. Wie krass wär das denn bitte?!

immer wenn die Helfenden nachfragen …

Da sind wir nun also. Montagmittag, nach Duschen, Anziehen, Zähneputzen, Frühstück und Wohnungspräparation für das erste Arbeitsgruppentreffen des neuen Jahres und mit aller Macht versuchend, nicht an unsere eigenen Hilfekampfkrämpfe zu denken.

Am Donnerstagnachmittag hatte das Telefon geklingelt und eine Person vom Team des betreuten Wohnens in Familien sagte uns, man hätte sich im Team noch einmal besprochen, und ginge davon aus, dass der Landschaftsverband die Hilfe nicht finanzieren würde, weil wir die letzte Betreuung selbst beendet hatten.
“Siehste – das haste nu davon.” dachte ich und spürte, wie der seit der Therapiestunde gerade eine Stunde vorher eh schon unter der Hut zappelnde Puls sich zu etwas entwickelte, dass ein pfeifendes Rauschgeräusch und Hitze im Gesicht war. Die Person fragte, warum wir die Betreuung beendet hatten. Und zum mindestens vierten Mal sagten wir genau dieser Person: “Weil wir nicht entsprechend der finanzierten und benötigten Fachleistungsstunden betreut wurden und die Personen keinerlei fachliche Kompetenzen für unsere Problematiken aufgrund der komplexen Traumafolgestörung hatten.”.

Wir haben keine Haut für solche Nachfragen. Niemand muss unsere ersten Antworten gleich verarbeiten und im Kopf behalten – aber wir sagen meistens schon bei der ersten Wiederholung: “Das hier ist ein schwieriges Thema und darüber zu reden ist hart an der Belastungsgrenze.” und erwarten dann auch, dass der Gedankenschritt getan wird, sich das zu merken, um uns nicht außerordentlich oder mehr als zwangsläufig passiert, zu belasten.

Was wir oft nicht verstehen ist, wie dann doch immer wieder darüber hinweggegangen wird und das so begründet mit “Ja, aber ich muss doch nachfragen.” und schlimmer noch – gerade in diesem Fall: “Ja, aber das muss sein, damit wir ihnen gut helfen können.”.
Es ist ein verdammter Trigger für uns. Und wir sagen das. Und wir machen und tun, um uns zu halten, funktional zu bleiben. Das Atmen nicht zu vergessen, in dem ganzen Gewirr aus Räumen und Strichen vor unserem inneren Blick den Überblick zu behalten. Und dann ist dieser Kampf darum wieder nötig und unvermeidbar, weil es nicht sein kann, was wir gesagt haben. Oder weil es ja eventuell vielleicht falsch sein könnte und man da ja auch nur in unserem Sinne handeln will. Und man doch nur ganz lieb und engagiert und, weil man nur das Beste für uns will, nachfragen will.

Sie tun mir so leid diese ganzen Menschen, die ja nur helfen wollen und dann sind wir so megaempfindlich und nicht in der Lage das irgendwie besser zu verpacken, als so wie wir es tun: mit Selbstverletzungen, die uns zusammenhalten. Mit überbordenden Fachrecherchen in alle Richtungen. Mit im Kopf eingeübten Gesprächen, inklusive aller möglichen und fast unmöglichen Optionen, die eventuell vielleicht eintreten könnten. Dem Unterdrücken des Impulses bei der kleinsten Rückfrage zu schreien bis es vorbei ist.  Also alles. Bis dieser ganze quälende Prozess des “sich Hilfe ranholens” vorbei ist.

Am Donnerstag hatten wir uns entschieden, den Anruf erst einmal von uns wegzuorganisieren, damit wir nicht allein daran denken müssen, dass dort etwas ist, worum wir uns kümmern müssen. Wenn wir das nicht allein müssen, dann hat es eine Chance in seinen Spitzen soweit von uns weg dissoziiert zu werden, dass wir Frontgänger_innen den Alltag gehalten bekommen,  während die Welt wackelt.
Blöd ist nur: es bleibt nicht bei anderen Menschen. Weder bei dem Begleitermenschen noch bei unserer Therapeutin. Noch bei unserer gesetzlichen Betreuerin. Immer wieder kommen da Nachfragen und immer wieder kommen sie alle zu uns und fragen: “Wie können wir ihnen denn helfen?” oder “Was ist ihr Auftrag an mich?”. Und das ist toll. Und im Moment so viel zu viel, dass es uns zerfetzt.

Und irgendwie wird das auch bemerkt. Also: irgendwie.
Nur frage ich mich manchmal, ob bzw. wie viel nach Außen spürbar ist, wenn sie dann doch nicht damit aufhören. Wenn da dann doch immer wieder “Ja, aber…” kommt. Oder “Ja, und was genau …?”.

Wir versuchen es irgendwie so einzufädeln, dass unsere Helfer_innen bitte miteinander reden, statt uns immer wieder zu fragen, was wir genau wollen, als würde sich unsere Bedürfnislage von einem Termin zum nächsten grundlegend verändern, oder als würden sich die historischen Zusammenhänge wie durch Zauberhand verändern.

Mir ist klar, dass wir vor 5 bis 10 Jahren noch die Kraft gehabt hätten das so durchzuexerzieren. Da hätten wir erklärt und erklärt und immer wieder neu versucht klar zu machen, worum es geht und was wir für wichtig halten. Da wären wir so geschockt davon gewesen, dass jemand immer wieder fragt, was wir möchten (weil wir noch nicht gelernt haben, dass etwas zu wollen oder zu wünschen legitim ist (obwohl es um unsere Wünsche und Willen geht) und deren Job dem, so weit es geht, zu entsprechen), dass wir irgendwie irgendwas rauswürgen und das Beste hoffen. Und dann natürlich den Fehler bei uns suchen, wenn dann eine Nachfrage kommt, weil wir reden ja auch immer wie ne Sphinx mit Kartoffeln im Mund. Es ist ja immer unsere Unfähigkeit nicht ordentlich und verständlich zu sagen, was wir möchten.

Jetzt ist Montag, der 25. Januar und wären wir nicht so bekloppt uns erneut auf diesen ganzen Hilfe-Rettungs-Unterstützungswahn_Sinnszirkus einzulassen, wären wir seit drei Monaten tot.
Wir würden nicht mit jedem Tag mehr Angst vor der eigenen Courage haben und uns darüber ärgern, wie klein unsere Selbstvertretung vor solchen Übermächten wie der Klinik oder einem Landschaftsverband wirkt. Obwohl es ist, was sie doch am Ende alle wollen. Bevor jemand anderes in unserem Namen spricht und irgendwas Falsches veranlasst. Wir würden nicht in diesem Gefühlskrampf stecken zu merken: “Wir tun hier nichts Falsches – aber es fühlt sich weder leichter noch besser noch sonstwie irgendwie okay aushaltbar an – ist es vielleicht etwas Falsches?”.

Und ich würde mich nicht über mich selbst ärgern, dass ich es nicht schaffe zum Telefonhörer zu greifen und der gesetzlichen Betreuerin zu sagen: “Machen Sie bitte …”. Einfach, weil ich Angst davor habe, dass sie irgendwas nachfragt. Und wir vielleicht die nächsten drei Monate einfach nur noch schreien.

die Zeitreise ~ Teil 11 ~

Wir segelten auf eine Sandstrandküste vor einem kleinen Wäldchen zu und ließen die salzige Luft auf unserer Haut kribbeln.
Ein köstlicher Geruch von Algen, vergehendem Holz und Seewasser ließ mich die Augen schließen, als ich von der Schleiereule geklettert war und meine Füße in den Sand gestellt hatte.

Kurt nahm ihr das Zaumzeug ab und ich streichelte ihre Brust, während ich mich für ihren langen Flug mit uns bedankte. Sie knibbelte, fast als wollte sie antworten, über meinem Kopf und flog in das kleine Wäldchen.  Unser Zeitreiseleiter stakste durch die Sanddünen. Wir betrachteten die nun riesengroß vor uns aus dem Boden ragenden Muschelstückchen und Steine.

“Ich hab vergessen, dass wir nun so winzig sind. Das macht das am-Strand-sein nicht so schön, wie ich mir gedacht hatte. Könnten Sie uns wieder vergrößern bitte?”, fragte ich Kurt und strich mit einer Hand über die Kante einer Miesmuschelschale neben mir. Dieser nickte und hob wieder einmal seine Arme, um in die Luft zu schnipsen und einen Glitzerstaubzauber zu machen.

Mir war ein bisschen schwindelig so schnell war ich wieder zu meiner alten Größe aufgeschossen. Kurt schien es nicht anders zu gehen, denn er schüttelte den Kopf und fixierte einen Punkt vor sich.
Ich schaute aufs Meer hinaus, dessen Horizont eine gerade Schnur zwischen oben und unten legte und die Welt so klar verteilte, wie es nur dort geht.

“Ich frage mich, wann du mir eigentlich sagst, was genau dich dazu bringt, mich als zweifelnde Blogger_in zu sehen.”, sagte ich zu Kurt, der sich auf ein Stück Treibholz gesetzt hatte und in der Landschaft umherschaute. Ich setzte mich neben ihn in den Sand und grub meine Finger in gewohnter Wischelwuschelbewegung neben mir ein. Kurt antwortete: “Nicht “zweifelnde Blogger_in” – “von Selbstzweifeln zerfressene Blogger_in”.”.
Er schaute mich spitzmäulig an und hob die Augenbrauen.

“Sie haben über 1000 Artikel aus der Perspektive eines Menschen mit DIS geschrieben. Ohne äußeren Auftrag. Ohne, dass sie in irgendeiner Form abgesichert sind. Sie arbeiten nicht mit Mediziner_innen oder Psycholog_innen zusammen und pochen immer wieder auf ihre Selbstvertretung., während viele andere, genau das nicht tun oder für unvorstellbar halten.”.
Der kleine Anzugträger stach mit seinem Finger durch die Luft vor meiner Nase und schaute mich sehr direkt an. “Sie haben keine Zweifel, an dem was sie tun – sie haben Zweifel daran, ob sie daran keine Zweifel haben dürfen.”.
Ich fühlte ich ertappt und schämte mich dafür. Ich dachte: „Wie praktisch es ist, am Meer zu sein und wieder normal groß. Ich könnte jetzt aufstehen, von diesem kleinen Scheißer weggehen und einfach für immer hier bleiben.“.

“Sie sollten sitzen bleiben.”, sagte Kurt ruhig und gelassen in meine Gedanken hinein und fuhr fort. “Der Zweifel ist wichtig. Wir Zeitreiseleiter haben nicht den Auftrag, zweifelnde Blogger_innen davon zu überzeugen, dass ihre Zweifel Quatsch sind oder unnötig. Wir sind nur Begleiter in der Rückblende und geben Ihnen die Möglichkeit zu gucken, woher ihre Zweifel kommen, um dann selbst zu entscheiden, wie viel mehr von sich Sie dem Zweifel zu Fressen geben.”.
Das kleine Wesen hob vielsagend eine Augenbraue und schloss seine Ansprache. “Sie werden dieses Konzept der Auseinandersetzung kennen.”.

Ich lachte. “Also sind sie doch so eine Art verkappter Psychoanalytiker.”. Kurt neigte den Kopf hin und her. “Na, ich denke, selbst Ihr Kopfinneres sagt Ihnen gerade, dass jedes Wesen mit dem man kommunizieren kann, auch kann, was ein Psychoanalytiker kann. Von daher …”. Er zuckte gleichmütig mit den Schultern und lächelte.

“Jedenfalls haben Sie Recht mit dem Zweifel darüber gut und richtig finden zu dürfen, was wir hier tun.”, sagte ich und schaute den Wellen und Wogen des Meeres vor mir zu. “Wir merken, dass es uns gut tut zu schreiben und uns, genau so, wie wir es tun auseinanderzusetzen. Wir merken aber auch die Bewertungen dessen von außen. Oft sind es positive Bewertungen – ganz klar.
Aber oft merken wir eben auch Missachtung und nicht wertschätzende Haltung.
Viele Menschen verstehen weder das Konzept “Blog” noch das Konzept “Selbstvertretung” – obwohl genau das die logischste Konsequenz des derzeitigen Anspruches an Menschen, die zu Opfern wurden und Menschen die psychisch belastet sind, ist. Immer wieder heißt es, man solle DAS DA privat lösen. Man solle doch lieber für sich allein damit zurecht kommen und ach am Besten dann Gewehr bei Fuß stehen, wenn irgendein glänzender Heilungsweg für irgendeine Öffentlichkeitsarbeit benötigt wird.
Und wenn das nicht passiert, dann hat man wenigstens unter sich zu bleiben. Gutes Opfer – Böses Opfer mitspielen, sich darum bemühen nie eines von “diesen Opfern” zu zu sein und grundsätzlich überhaupt und hauptsächlich an einer gesellschaftskonformen Leidensperformance zu arbeiten.”.

Ich erinnerte mich an die Tagungen, die wir besucht hatten und an den Zukunftskongress.
Einerseits die Freude da sein zu dürfen und zu merken: “Es wird sich Gedanken gemacht” und “Da sehen Menschen, was es bedeuten kann viele zu sein, bestimmte Gewalt erfahren zu haben bzw. behindert zu sein und bestimmte Ausgrenzungserfahrungen immer wieder machen zu müssen.”.
Und andererseits die Enttäuschung über das Geschäft mit der Inklusion und die noch immer ausbleibende Debatte um Deutungs- und Definitionsmacht von Psychologie und Medizin im Kontext von neuerlichen Gewaltdynamiken, wenn es um Opferhilfen und Versuche des Vermittelns geht.

“Immer wieder ist das, was wir tun “in Wahrheit” nicht gut für uns. Oder richtig. Oder was bilden wir uns eigentlich ein, wie wichtig wir sind, dass wir uns hier hinsetzen und einfach schreiben. Und wie sehr wollen wir eigentlich bemitleidet werden, wenn wir uns hier so zeigen. Oder schlimmer noch: wie verschoben ist eigentlich unsere Selbstwahrnehmung, dass wir nicht merken was wir hier “eigentlich” und “in Wahrheit” machen?”.

Ich hielt inne und schaute Kurt an. “Also falls sie das grad nicht merken: ich zähle hier gerade die Stigmatisierungen auf, die in den letzten Jahren an uns herangetragen wurden und sich alle mehr oder weniger darin begründeten, dass wir selbst auf gar keinen Fall in irgendeiner Form ein “richtiges” oder “wahrhaftes” Urteil über uns selbst fällen können, weil wir ja krank, behindert, verdisst, falsch sozialisiert, eine Frau, eine Feministin, eine linke Randikaloweltverbesserin sind, deren Ohrenrückwände noch grün, weil feucht sind. Oder schlicht: weil wir “in Wahrheit” ein mieses Stück Scheiße sind, das anderen Menschen schaden will, weil wir eine Täterin sind.”.

Ich stand auf und deutete Kurt mitzukommen.
“Lassen Sie uns ein bisschen am Wasser entlang laufen.”.

Das kleine Wesen im Tweedanzug mit Zauberjacke und grüner Haut hüpfte von seinem Platz und kam mit.
“Bis heute ist es selten, dass uns Menschen glauben, wenn wir ihnen sagen, dass wir einen Unterschied machen zwischen einem öffentlichen Auftritt, der sich darum bemüht so viele Menschen wie möglich zu erreichen und einer von der Öffentlichkeit wahrnehmbaren Präsenz, die ist, egal ob es jemanden erreicht oder nicht.”.
Die weißen Schaumkrönchen der Wellen leckten über unsere Schuhe und ich zog sie aus, um noch mehr davon zu fühlen.

“Wir hätten das ganze Programm haben können, wenn wir gewollt hätten und wirklich irgendwie einfach in die Welt rausrufen wollten: “Ich war mal Opfer und jetzt bin ich kaputt und die Welt sollte …”. Dann hätten wir jetzt einen mehrstelligen Kontosaldo, ein Buch von Vielen, einen Kinofilm von Vielen und den Ausverkauf unserer Geschichte, den wir als “Öffentlichkeitsarbeit” vor uns rechtfertigen, wann immer wir zu einer Märtyrerin gemacht werden, die wir weder jetzt sind, noch je waren.”.
Meine Stimme stolperte ein bisschen ungelenk hinter meinen Gedanken her. “Verstehen Sie – unsere Zweifel kommen nicht aus uns allein, sie kommen aus der Diskrepanz zwischen unserer Befriedigung und dem Wohlgefühl uns selbst irgendwo sein lassen zu können wie wir sind und auch unsere Entwicklung zu dokumentieren und dem was aufgrund dessen bzw. dem, was daraus gedeutet wird, an uns herangetragen wird. Aus dem Grund haben wir auch die Kommentare geschlossen.
Oft dachten wir von Kommentaren, da würde von uns erwartet, dass wir bereuen, was wir hier tun, oder dass wir uns dafür schämen oder dass wir auf keinen Fall glauben sollen, man könne uns ernstnehmen, wenn wir “das SO machen” – und das verwirrt mich, weil es bedeutet, wir sollten weder ganz eigene Befriedigung noch alleiniges Wohlgefühl daran haben.
Mal abgesehen davon, dass sie die netten und schönen Wortmeldungen anderer Leser_innen völlig überstrahlt haben, so dass wir ein mögliches Mit-anderen-Menschen-mitfreuen oft gar nicht haben konnten.”.

Der kalte nasse Sand unter meinen Füßen fühlte sich an wie ein weiches Glas. Das Meerwasser wie ein kleiner Schock, der mich mit jeder Welle neu erfasste.

“Haben Sie mal darüber nachgedacht aufzuhören?”, fragte Kurt zwischen zwei Schritten und bückte sich, um einen Stein aufzuheben.
“Wir denken jeden Tag darüber nach.”, antwortete ich und hob ebenfalls einen Stein auf. “Mit jedem neuen Text ist da der Gedanke: “Der könnte genauso gut in einen Ordner geheftet werden. Der braucht keine verunstofflichte Form.”. Und daneben das Wissen: “Würden wir es nicht verunstofflichen, wäre es nach ein paar Tagen oder Wochen verschwunden.”. Ich stellte mich schief und versuchte den Stein über die Oberfläche springen zu lassen.  Er platschte gegen eine Woge und tauchte direkt ab.

“Wir würden die Texte wegschmeißen, wie wir unsere Texte als Kind und Jugendliche weggeschmissen haben, bevor sie von anderen verschwunden gemacht werden können. Und wir würden uns damit unsere Chance auf die Möglichkeit bringen, unser Leben als Einsmensch an einem einzigen Zeitstrahl entlang sortierbar zu empfinden. Irgendwann. Vielleicht.”, ich lächelte ihn schief an, “Falls wir mal so etwas wie ein gemeinsames Empfinden für Zeit, Raum und uns als ein Selbst entwickeln.”.

Ich reckte mich und streckte die Arme in die Luft. Atmete so weit wie meine Lunge ging und hörte die Anderen neben mir und um mich herum seufzen.
“Ich zweifle manchmal daran, wie lange und wem gegenüber wir es schaffen unsere Selbstvertretung hier als gerechtfertigt und okay, und als “auch wir” aufrecht zu erhalten.  Wir sind unser ganzes Leben lang immer wieder irgendwann vor anderen Menschen eingeknickt, wenn es darum ging wie viel wir wie und wo sind oder nicht sind. Und immer wieder haben wir “Kompromisse” gemacht, wo eigentlich Zwang war. ”. Ich hob einen flachen Stein auf und versuchte erneut einen Sprungwurf.
“Das klingt, als würden Sie sich nicht zutrauen, auch außerhalb des Blogs für sich selbst zu stehen und sich selbst vertreten zu können.”, sagte Kurt und schaute mich an.

Ich nickte knapp und schaute meinem Stein nach, der nach drei Sprüngen ohne Platsch in eine Wasserfalte glitt.
“Außerhalb des Blogs können wir uns auch vertreten. Aber sich irgendwo  hinstellen und und es so zu tun, wie es für gut und richtig ist: nämlich in circa fünfhundertausend Worten inklusive aller für uns relevanten Ebenen und Ichs, die mitreden wollen – das funktioniert dort nicht und haben noch keine Wahrheit darüber, warum das so ist.”.  Wieder lenkte ich meinen Blick über die Weite des Meeres und hörte dem Rufen der Möwen zu.

Ich schloss meine Augen und lächelte.
“Vielleicht haben wir aber eine wenn …”, langsam öffnete ich sie wieder und erstarrte, als ich registrierte, dass ich in meinem Bett lag und offenbar gerade aufgewacht war. “… wir die nächsten 1000 Artikel geschrieben haben.”, beendete ich meinen Satz und ließ meine Finger durch eine kleine Lache violetten Glitzerstaubes auf dem Boden gleiten.

// Ende //

die Zeitreise ~ Teil 10 ~

Kurt drückte mir seine Jacke in die Hand. “Hier. Bau mal das Zelt ab – ich mache die Eule bereit für unseren Abflug.”.

Wie zu erwarten stand ich nun also in prächtigster Awkwardness da und überlegte, wie ich anfangen sollte. Mein Blick wanderte über unser Mauschelflauschlager und das durchsichtige Zeltdach. “Einfach anziehen und ein bisschen mit den Armen wedeln”, sagte Kurt mit der Hand in Richtung grüne Stirn, “Entschuldigen Sie bitte – ich vergesse es immer wieder.”.

Ich lautete etwas in seine Richtung, damit er wusste, dass ich ihn gehört hatte und versuchte meinen, im Vergleich zu Kurts, riesigen Oberkörper in der Jacke zu verstauen. Am Ende schob ich meine Hände in die Ärmel und fuchtelte etwas damit herum, während ich mich beherrschte jetzt nicht so etwas wie “Abra Kadabra” zu murmeln.
Sofort ergoss sich eine Ladung violetter Glitzerstaub auf meinen Kopf. Das Zeug kroch mir in die Nasenlöcher, die Ohren, den Mund und kitzelte, wie nur Staub es kann. Ich fuchtelte und fuchtelte. Hustete und prustete bis plötzlich alles vorbei war. Das Zelt war verschwunden, der Staub auch. Kurt hielt die Eule am Zügel und lachte. “Also ich vergebe 5 Geschafftpunkte und 100 für den Comedyfaktor.”. Kichernd nahm er seine Jacke entgegen.

“Meine Güte ey – das muss man auch aber gut üben, wa?”. Ein Jemand schüttelte unser Haar aus dem Gesicht und schaute Kurt bewundernd an. “Nun”, antwortete dieser mit geschürzten Lippen, “dazu gibts die Ausbildung zum Zeitreiseleiter der Klasse 1.”. Er warf die Zügel auf den Rücken der großen Schleiereule und beugte sich wieder vor zur Räuberleiter für uns. “Wollen wir?”.
Wir nickten und kletterten auf den weichen schmalen Eulenrücken. Kurt hopste wiederum schwungvoll vor uns.
Diesmal legte ich meine Arme gleich um ihn herum, als das schöne Tier unter uns begann die Flügel auszubreiten und zum Start aufzuflattern.

“Wo wollen wir hinfliegen?”, fragte unser Zeitreiseleiter erster Klasse über seine Schulter.
“Ans Meer vielleicht?”, gaben wir zurück.
Das kleine Wesen nickte und tippte etwas in die versteckte Zügellasche.

Nachdem wir eine Weile schweigend über Felder, Wiesen und Wälder geglitten waren, fragte Kurt: “Wen haben Sie verloren?”.
Ich hatte mit der Frage gerechnet, doch merkte, dass ich inzwischen keine Antwort mehr darauf hatte und das der Punkt war, der den Verlust so schlimm für uns gemacht hatte. Damals, war es der ultimative Moment des Bewusstseins darum, dass es weder Freunde, noch Geliebte, noch Verbündete waren, die in unserem Leben so viel Anteil hatten, das sie uns verraten und verletzten, missachten und ausliefern konnten.
Freunde, Geliebte, Verbündete tun so etwas nicht. Weder das, was konkret an dem Tag passierte, noch was in den Wochen und Monaten – und wenn wir hart und brutal ehrlich sind, in den über 2 Jahren vorher – passierte und eben auch: nicht passierte.

“Ich glaube, wir müssten weniger sagen: “Wir haben jemanden verloren” und stattdessen mehr ausdrücken: “Wir haben etwas jemandem gegenüber verloren”.”, begann ich mich langsam vortastend, während Kurt sich erneut ein Schleiereulenrückenfedernest zurechtzupfte, um uns besser ansehen zu können. Ich schob meine Hände ein wenig unter die Deckfedern und atmete tief ein.
“Wir haben die Achtung vor jemandem verloren, di_er vielleicht nie welche vor uns hatte.”. Ich legte meinen Kopf zur Seite und kniff die Augen zusammen, um zu prüfen, ob nicht noch mehr Worte zwischen all der Trauer und Bitterkeit waren und fand am Ende nur noch das Knäuel, das wir damals hatten liegen lassen, weil es keinen Sinn hat zu versuchen es zu lösen oder zu etwas weiter zu verarbeiten, weil es uns dazu nicht braucht.

“Was für uns daran bis heute so schlimm ist, ist das Wissen, dass diese Menschen es nicht wissen und selbst, wenn sie es wüssten, es ihnen, wie alles, was wir empfunden haben und bis heute dazu empfinden, scheißegal ist, sie aber bis zum Ende das Gegenteil behaupten würden und hinter Schuldumkehrdynamiken, die alles erdrücken verstecken können, obwohl sie für uns irrelevant sind.”, klaubte ich aus dem Durcheinanderviel heraus. “Verstehen Sie – diese Menschen haben uns über Wochen und Monate hingehalten und gewusst, dass es um existenzielle Probleme ging, die wir nicht halten oder tragen konnten und haben sich professionell verpisst, als wir deshalb suizidal wurden und noch mehr Unterstützung und Versicherung über eine baldige Lösung des Problems gebraucht haben.”.

Ich versuchte R. und K. zu veratmen, deren Ziehen im Zwerchfell mir fast den Atem verschlug und die Sicht auf die Worte versperrte.

R. stieß ihr Gesicht durch meines und schaute Kurt direkt an. “Weißte was das war? Das war, was die beiden immer so gehasst hatten an unseren früheren Betreuer_innen. Worüber die sich immer erhoben haben, wenn wir die x-te dumme Ansage von ner überforderten Sozialpädagogin oder ner hilflosen Therapeutin reingewürgt gekriegt haben. Weißte, so richtig eklig, dass wir immer davor standen und nich mehr wussten: “Ja ham wir nu scheiß Profihelfer oder können nur die beiden uns helfen? Oder is nu jetzt Ende der Fahnenstange und Zeit für uns aufzugeben?”. Aber sie wussten ja, was man machen soll. Sie warn ja die mit dem Blick und den Jobs und dem Studium und so. Sie hatten ja Ahnung, weil wir > 10 Jahre jünger waren und außer Gewalt und Scheiße noch gar nichts gelernt hatten außer, dass alle außer uns es besser wissen, als wir, wann die Scheiße denn wirklich und echt am Dampfen is.”.

Sie warf mit ihren “Wehe du unterbrichst mich jetzt”- Blicken um sich und sprach so schnell wie möglich. “Weißte: das ist Gewalt. Das was sie selber so scheiße finden, aber an uns nich gemerkt haben. Und wir dachten ewig lange, wir würden da Animositäten haben oder halt für normale Menschen verkorkst sein oder so. Und weißte- die machen da jetzt ihren Opferhilferettungskram und finden sich supergeil, weil sie ja den armen Opfern helfen und denen das Leben beibringen und am Ende sind se genau ne sozialgewaltvollen Arschlöcher wie die, auf die sie selber runtersehn.”.

Ich merkte wie K. neben mir weinte und ich erinnerte mich an den letzten Satz, den wir von der Person gelesen hatten. “Wenn was ist, kannst du dich natürlich gerne melden.”, der uns damals wie heute so fassungslos und erschüttert mit dem Umstand ihrer Ignoranz zurücklässt.

Kurt berührte unsere Hände und ließ etwas Glitzerstaub aus seinen Jackenärmeln auf sie rieseln.
“Das war eine Retraumatisierung”, sagte ich langsam, der Wärme und dem feinen Glitzerflauschen auf der Haut nachspürend. “Wir haben in den Wochen danach so viel dissoziiert, dass wir heute nicht mehr genau rekonstruieren können, wie genau wir die gesetzliche Betreuung angegangen sind, die juristischen Beratungen, ob nun Anzeige oder nicht, OEG pro und kontra und wie wir genau damals gebloggt hatten, können wir uns auch nur schemenhaft heranholen.”.

Der Glitzerflausch krabbelte zu uns hinein und umhüllte R. und K.  wie in kleine Hängenester, die sie vor weiterem Erinnern schützten und beruhigten. Ich hörte, wie ihr Atem langsamer wurde und mein Zwerchfell freigab.
Ich streichelte die weichen Federn vor mir und spürte dem Gefühl eine Zeit lang nach.

“Es gab damals so einen diffusen Bruch um die Möglichkeiten Menschen in unserem Leben zu haben und damit auch eine Verschärfung unseres Hangs zur Bildung verschiedener Außenleben.”, sagte ich dem kleinen Wesen vor mir, das seine Hände nun wieder in den Rändern seines Nestsattels liegen hatte.
“Und was genau bedeutet das?”, fragte es und legte nun seinerseits den Kopf schief.
“Wir haben es nicht mehr geschafft, dass wir näher mit Außenmenschen zu tun haben.”. Ich dachte kurz nach und überprüfte, was ich gesagt hatte.  “Also „näher“ im Sinne von “viel Lebenszeit und viele Erlebensqualitäten mit anderen Menschen teilen, die einzig sind”. Irgendwie so.”.

Kurt schaute mich weiter an und ich versuchte es noch einmal. “Jeder Kontakt, den wir danach mit anderen Menschen eingegangen sind, hatte und hat etwas mit den Dingen zu tun, die wir tun. Blog, Podcast, Kunst, soziales Engagement. Niemand im näheren Außen braucht uns, um sich selbst zu erheben. Niemand liebt uns. Niemand begehrt uns. Niemand will sein Leben mit uns teilen. Wir sind die gute Ergänzung verstehen sie? Es ist toll, dass wir da sind – aber ne Wikipedia, ein Radio… kann auch was wir können. Wir sind nicht nötig und das ist irgendwie so das Limit dessen, was wir tragen und halten können.“.

Unser Zeitreiseleiter hatte glasige Augen und ich langsam keine Lust mehr, noch mehr zu erklären. “Wir Rosenblätter – ich Hannah – sind nur entstanden, um solche “Helfergewalten” bzw. ihre Folgen zu ertragen. Und ich glaube, der schmerzliche Moment im Sommer 2014 war der, in dem wir begriffen haben, dass wir es geschafft hatten, uns von Menschen zu lösen, die unseren Körper misshandeln und verkaufen ließen – aber so lange nicht von Helfenden, die uns demütigen und missachten und das als Freundschaft bezeichneten, weil sie uns genau dafür brauchen.”.

Ich atmete mich aufrecht und spürte dem Gegenwind in meinem Gesicht nach.

“Und die anderen Innens bei ihnen?”, fragte Kurt in mein abschließendes Ausatmen hinein, “Sehen die sich auch eher als Ergänzung für Außenmenschen?”.
”Keine Ahnung.”, antwortete ich. “Soweit wie wir das mitbekommen, sind die anderen weitaus wirrer, sozial awkwarder und noch einmal anders inkompatibel als wir. Wir sind an das Leben der letzten 13-14 Jahre gewöhnt und angepasst – die anderen an die 13-14-15-16 Jahre davor. Ich erlebe das nicht so, dass andere Innens als wir andere Menschen überhaupt irgendwie aushalten können ohne nach kurzer Zeit vor lauter Aushalten zu zerbröckeln.”.

Ich zuckte mit den Schultern. “Wir wissen aber zu wenig über die. Merken ab und zu, eine Notwelle von dort oder sehen, wie Einzelne von ihnen versuchen sich im Heute und auch im Außenheute zu orientieren. Aber mehr als die wiederkehrende Erkenntnis, dass wir anders und awkward komisch inkompatibel sind, passiert meines Wissens auch dort nicht.”. Meine Gedanken hingen noch eine Weile in der Luft wie ein leichtes Seidentuch. “Was wir damals auch verloren haben, war die Bereitschaft zu glauben, wir könnten vielleicht doch Freunde, Geliebte, Verbündete, wie man sie in Romanen und anstrengenden Filmen findet, haben. Und trotz aller Akzeptanz der eigenen Unfähigkeiten macht mich das manchmal schon auch traurig. Solche Bereitschaften haben wir uns mal hart erarbeitet.”.

Ich richtete meinen Blick an Kurt vorbei über den Schleiereulenkopf auf die immer regelmäßigere Linie des Horizonts vor uns.

“Was uns der Bruch damals aber geschenkt hat, war der Schritt uns einzugestehen, dass wir ein tatsächlich schwer behinderter Mensch sind, der weniger Hilfe als viel mehr fundamentale Unter_Stützungen braucht und diese einfordern muss, um die Entscheidung zum Immerweiterleben treffen zu können.”.

Am Ende meines Blickes begann es zu funkeln. Ich lächelte und deutete Kurt nach vorn zu sehen.

“Und da ist eine Sturmmöwe…”, seufzte F. selig in mein Herz hinein.