Wie wir gestern in einem Termin zur Fallübergabe saßen, war es anders als früher.
Natürlich gab es dieses verletzende Moment, in dem wir hören müssen, dass wir ein arbeitsintensiver Fall waren und wie selbstverständlich erscheint es uns, dass es keine Übergabe ist, die von uns ausgeht, sondern von äußeren Bedingungen.
Und doch.
Es ist anders.
Heute ist es kein freier Fall ins Nirgendwo mit einem harten Aufschlag in einer neuen und fremden Realität.
Heute ist es eine geordnete Sammlung unserer Angelegenheiten, die einem neuen gesetzlichen Betreuer übergeben wird.
Es ist als hätten wir uns gewandelt. Von einer Wolke frei umherflatternder Briefe und Dokumente unklaren Nutzens, zu einer in einem Regal stehenden Akte mit Anfang und Ende. Als könnte all das Chaos, die Unübersichtlichkeit unseres War und Ist erfassbar sein. Als könnte man damit umgehen. Als gäbe es eine Möglichkeit, mehr davor zu empfinden als Angst, Verwirrung, Überforderung und den Wunsch sich zu Tode zu prügeln, weil es ist, wie es ist.
Seit wir uns für die gesetzliche Vertretung entschieden haben, spüren wir mehr von der Abwertung und Stigmatisierung behinderter Menschen. Wir erfahren mehr Stellvertreterdenken und haben weniger Möglichkeiten uns dem Moment zu entziehen, in dem uns wahlweise Faulheit oder Bequemlichkeit, Verantwortungsübernahmeverweigerung oder naturgegebene Unfähigkeit zur Vernunft unterstellt wird.
Seit wir gesetzlich vertreten werden, ist der Preis für unsere Selbstbestimmung nicht mehr nur das Gefühl sich etwas anzueignen, das uns nicht zusteht, sondern auch noch Beschämung bis Verachtung.
Und doch.
Wir haben unsere Dokumente beisammen. Sie sind aktuell und gültig. Jemand ist verbindlich dazu verpflichtet mit und manchmal auch für uns darauf zu achten, dass das so bleibt. Wenn wir ein Recht auf etwas haben, dann haben wir jemanden, der verbindlich dazu verpflichtet ist, uns zu unterstützen und zu vertreten, damit wir es auch wirklich erhalten.
Unsere gesetzliche Betreuung kennt sich nicht aus mit DIS. Und wahrscheinlich auch nicht mit Autismus, organisierter Gewalt, Traumafolgen allgemein.
Für uns ist das nicht relevant. Wir raten anderen ähnlich oder gleich diagnostizierten Menschen auch nicht dazu, nach so einem Kompetenzprofil zu suchen.
Relevant ist strukturell abgesichert zu sein soweit es geht und in der eigenen Selbstbestimmung unterstützt bzw. dazu befähigt zu werden.
Für unsere Behandlung und Therapie sind andere Menschen zuständig.
Um mit uns als gesetzliche Vertretung angemessen umzugehen, braucht es die Fähigkeit zu achtsamer, respektvoller, offener und verbindlicher Grundhaltung uns gegenüber und die Bereitschaft relevante Aspekte zu berücksichtigen, wenn sie nötig sind.
Der neue Betreuer klingt nett.
Wir haben im letzten Jahr viel darüber gelernt, was es uns leichter macht, sich Behörden- und anderen bürokratischen Angelegenheiten zu widmen und Schwierigkeiten zu kommunizieren.
Es ist ein Neuanfang, bei dem es vielleicht mit weniger Anstrengung auf unserer Seite klappen kann.
Den vielleicht wichtigsten Wunsch für das Jahr 2017 hat @nichtschubsen geschrieben: “Irgendwie ist es manchmal echt mühsam mit den Logikskills.
„Ich möchte über Äpfel reden.“ – „Aha, du HASST also Birnen?!“
Bitte 2017 aufhören in false binaries zu denken.
Wenn ich zwei Akteur*innen einander gegenüberstelle, sind diese dadurch nicht antithetisch.
(Antithetisch im Sinne von gegenteilig, einander ausschließend.)”
Ich musste diese drei Tweets gestern Abend noch einmal retweeten, weil sie genau in das Twitterscharmützel passten, das sich auf eine kritische Anmerkung zu einem Tweet entspann.
Ich will mein neues Jahr nicht damit anbrechen mich über einige Menschen der Autimusbubble bei Twitter auszulassen – ich möchte über Empathie und reaktives Aufstellen von Antithesen schreiben.
Die Wikipedia definiert Empathie als “Fähigkeit und Bereitschaft Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen.” und fügt hinzu: “Zur Empathie wird gemeinhin auch die Fähigkeit zu angemessenen Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen, wie zum Beispiel Mitleid, Trauer, Schmerz und Hilfsbereitschaft aus Mitgefühl gezählt.”
Mir wird es häufig zum Verhängnis, dass mein Schema zur Situationsanalyse die Frage beinhaltet, warum sich Menschen verhalten könnten, wie sie sich verhalten und welche Gefühle sie vielleicht haben.
Für mich ist diese Frage wichtig, denn sie gibt mir die Möglichkeit ein Gegenüber zu verstehen und einen guten Umgang mit ihr_ihm zu haben.
Es ist mir wichtig zu verstehen und verstanden zu werden. Ein für alle Beteiligten guter Umgang ist mir wichtig.
Mir wird diese Haltung zum Verhängnis, wenn ich an Menschen gerate, denen das entweder gar nicht wichtig ist, oder andere Dinge darüber stellen. Zum Beispiel immer Recht zu haben oder eine bestimmte soziale Rolle zu halten.
Für mich ist das Ausgrenzung und damit Gewalt.
Denn wenn ich mit Menschen zu tun habe, gibt es mich und einen anderen Menschen. Wenn ich mich und vielleicht meine Werte und Einstellungen so viel wichtiger nehme, als die Frage danach, wie ich mit anderen Menschen umgehen kann, damit es für alle okay ist miteinander zu tun zu haben, dann verwehre ich anderen Menschen die Möglichkeit zur Gestaltung eines guten Miteinander.
Das nennt man Diskriminierung, denn nicht anderes tut man damit: einschränken und damit auch: entmachten.
Mir fällt es schwer damit umzugehen, wie extrem reaktiv andere Menschen reagieren können und auch wie extrem reaktiv ich zuweilen gelesen werde.
Eine harmlose Situation war zum Beispiel ein Stipendium auf das sich eine Freundin beworben hatte.
Ich fand das Thema unheimlich attraktiv für mich und war enttäuscht, dass es für mich nicht genauso gut gepasst hätte mich dort zu bewerben, wie für die Freundin. Ich sagte ihr, dass es mich ärgert, wenn eine Trennung zwischen “Profi” und “Amateur” gemacht wird und weil ich einen anderen Aspekt missverstanden hatte, dass auch sie vielleicht gar keinen Erfolg dabei haben würde. Dann riss der Themenfaden ab, denn wir waren unterwegs.
Ein paar Wochen später erzählte sie mir, dass sie angenommen wurde und war über meine Freude für sie und ihren Erfolg überrascht.
Denn ich hatte mich ja negativ geäußert.
Ich musste ihr sagen, dass meine Ablehnung eines Aspektes nicht zwangsläufig dazu führt, dass ich mich nicht für sie freuen kann, oder dass ich die ganze Veranstaltung schlecht finde.
Etwas, was ich bei einem Gespräch in aller Ruhe mitmonologisiert hätte, hatte ich in einem kurzen Gesprächsfetzen zwischen Tür und Angel nicht miterwähnt und das Ergebnis war, dass sie es mir fast gar nicht erzählt hätte.
Das bringt mich in eine Fragestellung: Wieviel muss ich denn immer von mir mitteilen, damit ich gut verstanden werde?
Ich neige zum unempathischen Monologisieren und weiß, dass das sehr anstrengend und manchmal sogar kränkend für andere Menschen ist.
Wir neigen zu sehr langen Blogartikeln, in denen wir alles aufschreiben, die ebenfalls sehr anstrengend aufzunehmen sind.
Wenn ich es jedoch unterlasse alles aufzuführen, was ich über eine Situation denke und empfinde, dann muss ich damit rechnen meine Ansichten und damit auch mich und meine gesamte Person falsch aufgenommen zu wissen.
Was wiederum einen entsprechenden Umgang mit mir zur Folge hat, der vielleicht überhaupt nicht gerechtfertigt ist.
Im Moment sind wir in einer Phase des Anspruchs an unsere Mitmenschen.
Wir erwarten von den Menschen, die direkt mit uns zu tun haben, dass sie sich an Absprachen halten und zuverlässig sind, weil wir ihnen schon oft gesagt haben, dass es uns stark belastet, wenn sie es nicht sind. Wir erwarten ihren Respekt vor unseren Zeit- und Kraftressourcen, und erwarten von ihnen die gleiche Frage, wie wir sie uns stellen, wann immer wir mit ihnen zu tun haben: “Was geht in dir vor und welche Gründe hat dein Verhalten (oder deine Wertung, dein Urteil, deine Haltung)?”.
Diese Erwartungshaltung ist neu und wird uns noch Schwierigkeiten bringen, denn unseren Freund_innen, Gemochten und Gemögten sagen wir seltener, wenn wir sie gewaltvoll erleben oder sie uns mit ihrem Verhalten oder einer falschen Annahme kränken.
Es kann sein, dass sie den Kontakt mit uns abrechen möchten.
Das wäre traurig und gleichzeitig aber auch ein gewaltvoller Kontakt weniger, für den wir Kraft haben müssen.
Einen ähnlichen Anspruch haben wir inzwischen an Menschen, die mit uns über Twitter in Kontakt gehen.
Ich erwarte, dass mir zugestanden wird, auf meine Kraftressourcen zu achten, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen.
Ich erwarte, dass man versucht mich zu verstehen, statt sich selbst auf meine Kosten zu profilieren.
Ich erwarte von niemandem mir zuzustimmen oder meiner Meinung zu sein. Nicht die gleiche Haltung zu teilen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass man keinen guten Umgang miteinander haben kann oder andere Themen(aspekte) miteinander teilt. Jedenfalls nicht für mich.
Ich lebe und denke nicht in Gut-Böse, Richtig-Falsch, Mann-Frau, Erwachsen-Kind, Tier-Mensch …. Dualismen, die einander bedingen und automatisch ausschließen.
Das macht Auseinandersetzungen komplex und anstrengend. Manche Menschen haben nicht die Kraft dafür oder die Lust dazu oder bewerten aufrichtige Auseinandersetzungen anders als ich.
Für mich ist das in Ordnung.
Nur sagen muss man mir das, denn ich kann es nicht wissen, wenn man es mir nicht sagt. Gerade im rein schriftlichen Austausch.
Auch das gehört für mich zum Bereich der Empathie, die nötig ist, um einen guten Umgang miteinander zu machen: die Bereitschaft sich mitzuteilen – sich verständlich zu machen.
Wird kein Wert darauf gelegt, gehe ich davon aus, dass es in dem Moment für die Person wichtigere Dinge gibt, als verständlich für mich zu sein oder überhaupt darauf zu achten, wie es mir geht oder mich als Menschen mitzudenken.
Das ist für mich das Signal aus dem Kontakt zu gehen, denn wenn mein Gegenüber sich auf diese Art mit mir umgibt (mich also objektifiziert und diskriminiert), dann ist das Risiko für mich verletzt zu werden sehr hoch.
Völlig gleichgültig, ob das von der Person so intendiert ist oder nicht. Und auch völlig gleichgültig, um welches Thema es gerade geht, ob es ein Missverständnis gibt oder nicht, ob es um Grundsatzdiskussionen geht oder nicht.
Sobald es einer anderen Person egal ist, wie es mir mit ihrem Verhalten mir gegenüber geht, befinde ich mich nicht in einem guten Miteinander.
Ich halte meine Selbstfürsorge nicht für etwas, das ich rechtfertigen muss. Ich halte es auch nicht für etwas, das mich zu einem anderen Menschen macht oder in irgendetwas negiert, wofür ich sonst einstehe.
Wenn ich Menschen dazu ermutige, für sich einzustehen, dann bedeutet das nicht, dass sie jedwede Hilfe ablehnen sollen.
Wenn wir hier schreiben, dass wir Suizid oder Behandlungsverweigerungen, die einen Tod bedeuten (können) als selbstbestimmtes Handeln akzeptieren können, heißt das nicht, dass wir den Schmerz der Hinterbliebenen für unangemessen halten.
Wenn ich mich dafür einsetze, sich mit den Lebensrealitäten von Menschen auseinanderzusetzen, die Gewalt ausüben oder ausgeübt haben, dann bedeutet das keine Ignoranz der Leiden ihrer Opfer oder eine Entschuldigung ihrer Taten.
“Ich ernähre mich rein pflanzlich” ist bei mir kein Synonym für: “Ich hasse Fleisch(essende)”.
Meine Verweigerung, Menschen als Monster und Gewalttäter zu definieren, die ihre autistischen Kinder auf eine Art behandeln lassen, die ich selbst kritisch sehe, bedeutet nicht, dass ich die Gewalt, die da passiert legitim finde oder mich gegen Kritik daran ausspreche.
Eine Kommunikation, die so funktioniert wäre sehr einfach und manchmal kann ich verstehen, dass man lieber so miteinander umgehen möchte.
Es ist einfach, geht schnell, alles ist aufgeräumt und ordentlich. Man verbraucht wenig Kraft und muss wenig Dissonanz aushalten.
So läuft es aber nicht. Jedenfalls nicht mit uns.
Ich kann verstehen, dass wir und unsere Haltung irritieren und häufig anstrengend ins Miteinander zu integrieren sind.
Aber dieses Miteinander kann man wählen. Und gestalten.
Oder auch nicht.
Empathie oder anders bewortet: Perspektivübernahme, ist bei uns eine im Rahmen von Psychotherapie reintrainierte Fertigkeit, nachdem wir mehrere Menschen körperlich verletzt haben. Wir können nicht sagen, ob wir intuitiv mitfühlend sein können, ob wir intuitiv erfassen, was in anderen Menschen vorgeht.
Was wir sagen können ist: Wir fahren besser mit dem inzwischen fest etablierten Schema, das die Frage danach beinhaltet, welche Gründe andere Menschen für ihr Verhalten haben.
Empathie ist ein gutes Werkzeug für uns wenig reaktiv zu denken, zu handeln und zu urteilen.
Wir wünschen uns, dass es mehr Menschen aktiv nutzen.
Dieses Jahr hatte drei grobe Phasen.
Durchhalten, Aushalten, Festhalten.
Dazwischen gab es unzählbar viele Momente des Fragilen und Wundersamen.
Und der Momente, in denen wir Stärken berührt haben und sie als innere Konsistenzen verstanden.
2016 war ein Jahr, in dem viele Selbstverständlichkeiten auf den Prüfstand kamen.
Während wir unsere Entscheidung weiter am Leben zu bleiben von einem Klinikaufenthalt abhängig machten, verlieren jeden Tag tausende ihr Leben auf der Flucht vor Krieg oder Hunger.
Ein Apfel-Birne-Bezug und doch.
Es geht um nichts weniger als das Leben.
Es wurde weniger selbstverständlich für uns, sich wie der letzte Dreck zu fühlen.
War es früher obligatorisch um das Verstehen von Helfer_innen zu kämpfen und den Fehler bei sich zu suchen, wenn es sich nicht einstellte, eröffnete sich für uns in diesem Jahr ganz konkret die Option, es mit Menschen zu tun zu haben, die sich die eigene (berufliche) Daseinsberechtigung auf dem Rücken ihrer Klient_innen reproduzieren. Das Thema Helfer_innengewalt wurde groß und die Unterwerfungs- und Gewaltdynamiken im therapeutischen Kontext benannt.
Natürlich ohne irgendetwas grundlegend zu verändern.
Und doch.
Für uns war das wichtig.
Wichtig um zu sehen, dass bestimmte Schwierigkeiten valide sind.
Wichtig um zu sehen, wie wenig wir von außen brauchen, um uns selbst sicher zu sein.
So starteten wir unsere Radtour an die Nordsee.
Wir zelteten in Brandschneisen, an Ackerrändern, auf Zeltplätzen. Fuhren durch einen Windpark, Naturschutzgebiete und die schönen Landschaften entlang der Ems.
Dann ging Pitti’s Gangschaltungslager unrettbar kaputt.
Wir schliefen eine Nacht auf dem Hof von Barbara und trafen Eisbär zum ersten Mal seit vielen Jahren des Emailkontaktes.
Dann kam Laura das neue Fahrrad und neue Herausforderungen, die uns fast glauben ließen, Emsdetten würde das Ende unserer Tour markieren.
Doch das Ende wurde Papenburg, wo wir NakNak* notoperieren lassen mussten, obwohl wir uns schon von ihr verabschiedet hatten.
Ihr Leben war uns nie so selbstverständlich, wie es für den Tierarzt selbstverständlich war, sie auch gegen unseren Willen zu behandeln.
Selbstverständlich war für uns, dass wir damit erneut aufgrund einer nicht von uns getroffenen Entscheidung finanziell überfordert sein würden.
Und dann kam die Unterstützung.
Wir wissen bis heute nicht, wer uns wieviel gespendet hat. Haben bis heute nicht den Dank aussprechen können, den wir aussprechen wollten.
Eure Hilfe war für uns so wenig selbstverständlich, wie überwältigend sie dann bei uns ankam.
NakNak*s Erkrankung und Genesung, auch durch unsere Fürsorge, öffnete uns Türen zu Erinnerungen und ermöglichte uns neue Einsichten.
Unsere Auseinandersetzung mit unseren Hilfe- und Unterstützungsbedarfen bekam eine Ebene dazu.
Wir entschieden uns endgültig, die Entscheidung um unser eigenes Leben bis auf weiteres auszusetzen.
Ein frischer Wind hielt bei uns Einzug. Zufällig stellten wir unsere Ernährung um, trainierten Herz und Lunge mit täglichen Radtouren von bis zu 20 km und arbeiteten hart daran, uns in uns zu zentrieren, denn in diesem Jahr hatten wir mehrere ernsthafte Asthamanfälle.
Nachwievor hilft uns auch die Begleitung unserer Therapeutin und die unterstützende Begleitung des Begleitermenschen.
Manchmal denken wir sie beide als soziale Eltern und oft hilft uns ihr professioneller Abstand, einen Raum zu eröffnen, in den wir unsere biologischen und ideologischen Eltern stellen, um Vergleiche zu ziehen.
Eine Auseinandersetzungsform, die wir in über 15 Jahren mehr oder weniger durchgehender psychotherapeutischer Begleitung nicht gewagt haben.
Schließlich ist es selbstverständlich, dass in der Familie* bleibt, was in der Familie° passiert und keinerlei Berührung mit der Außenwelt erfährt.
Oder?
In diesem Jahr haben wir viel geschrieben, wenig fotografiert und noch weniger gezeichnet.
Verloren gegangen ist dadurch nichts und auch das ist eine der wichtigen Erfahrungen für uns aus diesem Jahr.
Wir haben konzentriert gearbeitet, weil wir es konnten.
Eine Fertigkeit, die wir unbedingt festhalten und in uns etablieren wollen. Soweit wie es möglich ist.
Nun ist der letzte Tag des Jahres 2016 und wir denken über Vorsätze und Ziele nach.
Wichtig ist uns die Struktur zu halten und eine bessere Selbstorganisation zu erreichen.
Wir haben gemerkt, wie viel besser es uns geht, wenn wir unsere Pläne ernstnehmen und achtsam mit unserer Zeit umgehen – auch wenn andere Menschen das nicht tun.
Unsere Kraft für Projekte und Alltagsbewältigung sind nicht selbstverständlich und frei für alle verfügbar.
Wir sind nicht frei verfügbar.
Das haben wir in diesem Jahr sehr bewusst wahrgenommen und wollen dieses Bewusstsein für uns bewahren..
Wir wollen in den Sommerferien 2017 unsere Radtour mit NakNak* nachholen.
Diesmal soll es jedoch direkt am Meer losgehen. Eine Idee ist eine Küstenradtour, die in den Niederlanden beginnt und so weit wie möglich in Norddeutschland endet. Eine Tour, die an der Ostsee beginnt und in Dänemark endet, ist jedoch auch attraktiv.
Wir wollen uns weiter mit Programmiersprachen und Webdesign befassen.
Vielleicht auch mal einen Workshop zum Thema Podcasting besuchen.
Der Rest sind Wünsche.
Wir wünschen uns weniger Kraftverlust an Dinge wie Hilfen- und Unterstützungsorganisation.
Wünschen uns den Mut für Körperarbeit, die über sportliche Aktivität hinaus geht.
Wir wünschen uns Möglichkeiten etwas zu geben, das jemand braucht.
Und die Möglichkeit auf Dinge zu verzichten, die uns weder nutzen noch glücklich machen.
“Vielleicht geht es darum, dass sie ein kleines Mädchen ist.”.
Der Satz hing wie ein Netz im Raum und blieb an mir kleben, als ich ihn verließ.
Ich habe sie nie als kleines Mädchen gesehen.
Klein, ja – aber nicht klein klein, sondern jung klein. Jung™ klein, weil sie schon sehr lange jung ist.
Innenkinder-jungklein eben.
Sie sagt, sie sei kein Mädchen und irgendwie tröstet mich das, weil es mich davon befreit, sie jetzt als ein “kleines Mädchen” zu sehen, wo mir klar wird, dass ich sie anders sehen könnte.
Es gab in der letzten Zeit schwierige Momente für sie und uns mit ihr in unserem gemeinsamen Er.Leben.
An einer Stelle ist es Entwicklung und an einer anderen ist es Erinnern.
Ich habe sie immer nur von der Entwicklungsseite aus gesehen.
Das erscheint mir logisch, denn auch Außenkinder sehe ich häufig so.
Kinder können viele Dinge noch nicht, die Erwachsene können und Kinder können noch viele Dinge, die Erwachsene verlernt haben.
Für mich ist sie eine Entwicklungshelferin für Kinderinnens, die mir soweit vorangegangen sind, dass ich sie weder höre, noch sehe, noch spüre.
Wenn ich sie sehe, sehe ich sie im Austausch. Sehe, wie sie Heute nach innen balanciert und die Wärme des Jetzt ausbreitet, wenn das nötig ist.
Ich glaube nicht, dass ihr mal jemand gesagt hat, sie müsse das tun. Ich glaube, das ist die Rolle, die ihr einfach zugefallen ist, weil sie mit ihrer zutraulichen Neugier in anderen Menschen die Hoffnung auf eine gute Entwicklung von uns als schwertraumatisierten Einsmenschen weckt und aufrechterhält.
Ich habe mich in den letzten Jahren zugegebenermaßen sehr daran gewöhnt, dass, wenn “irgendwas mit ihr ist”, es eigentlich dann doch nie um sie geht, sondern immer um eines der Kinderinnens, die weder sprechen noch kommunizieren können oder um Innens, die sie als Kanal nach Außen missbrauchen, weil das ihre Art ist, sich selbst zu spüren.
Jetzt klingt das seltsam, aber es hat für mich Sinn ergeben.
Schließlich ist es bei mir auch häufig so, dass ich eigentlich nie “irgendwas hab” (außer vielleicht ein paar Ego-Mimimis, die sich mit ein bisschen selbstkritischer Arschtreterei von selbst erledigen), sondern immer andere Innens hinter mir, die mich brauchen, wenn sie “irgendwas haben”.
Ich habe sie immer als eine Art Frontgängerin wie mich gesehen.
Und mich nie gefragt, warum sie immer noch jung ist.
Und jetzt fällt es mir auf. Und geht nicht mehr weg.
Plötzlich ist sie klein und jung und zart und “ein Kleines” – wie all die anderen Kleinen und Zarten und Jungen, um die ich mir immer nur dann Gedanken mache, wenn sie stören, weil sie nicht entwickelt oder in einem Erinnern sind, das mich nicht mitbeinhaltet.
Und gleichzeitig denke ich: “Scheiße – jetzt muss ich für sie da sein und damit irgendwie auch für alle, für die sie immer da ist.”
und merke, wie mich die Überforderung auf dem Frühstücksteller liegen hat.
Als ich mit der Therapeutin darüber spreche, sagt diese, es überrasche sie, wie ich darüber rede, als hätte all das, was mit der Kleinen zu tun hat, nichts mit mir zu tun.
Wieder kann ich darauf nur mit den Schultern zucken.
Die Kleine ist die Kleine und ich bin ich. Das war schon so, lange bevor ich wusste, dass sie ein Ich hat, das neben meinem passiert.
Es ist nicht überraschend für mich schon wieder etwas, was für die Therapeutin und andere Menschen vielleicht auch, so offensichtlich ist, nicht zu sehen, nicht greifen zu können und nur als gegeben anerkennen zu können, weil es mir gesagt wird.
Es ist nicht überraschend für mich, an dieser Stelle schon wieder zu versagen.
Schon wieder und immer noch.
Mit diesem Versagen kriecht mir der letzte Pfeil von (…) aus dem Bauchraum hoch in die Kehle. Diese Mischung aus „Du kriegst alles geschenkt und ruhst dich darauf aus“ und „Du bist so erbärmlich (wie du davor versagst, mit all der Hilfe) nichts Vernünftiges hinzukriegen“, die ich so gut kenne und so gut umwandeln kann, um überhaupt noch in Therapie und Unterstützungsersuchen zu bleiben.
Mir ist bewusst, dass mein Blick auf unser aller Entwicklungsseiten nicht mein eigener ist. Es ist einfach nur der, den ich am meisten verinnerlicht habe, weil er mir am meisten Material zum Handeln offenbart.
Erinnern macht mich ohnmächtig.
Erinnern macht mich klein, zart, zittrig. Zu schwach, um mich zu wehren, wegzulaufen, mich selbst zu tragen.
Erinnern macht mich zu einem kleinen Mädchen, das kein Mädchen ist und nicht genug Kraft aufbringen kann, um mehr als einen Namen um das eigene Ich zu spannen.
Erinnern macht mich passiv.
Wenn ich erinnere, werde ich zum Hassobjekt für andere.
Und bringe uns alle damit in Gefahr.
Verlassen zu werden, verletzt zu werden, einen Kampf ums eigene Leben führen zu müssen.
Das ist kein Denken. Keine Überlegung. Nicht das Ergebnis einer Berechnung.
Das ist Erfahrung und damit eine dieser Wahrheiten, die nicht durch Gegenbeweise oder G’ttertrauen veränderbar ist.
Manchmal hilft es mir, zu erkennen, dass es um Erinnerungen geht.
Dass auch Erinnern eine Erfahrung ist, die ich schon gemacht habe und an die ich mich erinnern kann.
Wie ich mich schon einmal erinnert habe und jemand da war.
Wie ich schon einmal erinnert habe und meinen Namen und Worte um m.Ich und eine Erfahrung spannen konnte.
Wie ich mich schon einmal erinnert habe und dann ganz allein durch ein Heute, das Heute ist, gehen konnte, um all die Dinge zu tun, die ich tun kann.
Es hilft mir, nicht zu vergessen, dass Aktivität und Passivität, Erinnern und Handeln keine absoluten Zustände sind.
Dass ich nicht weniger werde, wenn meine Aktivität weniger ist.
Dass ich bin, auch wenn ein anderes Ich erinnert.
Dass ich bin, auch wenn ich erinnere.
Es sind 4998 Emails, die ich aus meinem Handyspeicher löschen will. Und weil ich mich mit der App so gut auskenne, mache ich es falsch.
Umständlich. Händisch.
Ich gehe die letzten zwei Jahre in 100 Email-Schritten zurück.
Und treffe auf dich.
Es tut nur noch weh wie ein blauer Fleck, auf dem man herumdrückt, weil er seltsam aussieht.
Fremd. Fern. Unüblich.
Aber er ist da, wie ein schwankender Baum neben der Wirbelsäule.
“Ihr Lieben”
“Guck mal …”
“Bin online und wollte fragen…”
Komisch, dass das mal ging.
Seltsam, dass das mal war und jetzt nicht mehr.
Es passt in die Betrachtung einer anderen Verletzung.
Du hältst uns für faul und konsumierend. Zu schwach, zu krank, zu wenig engagiert in der eigenen Heilung und Funktionalität, die du weniger verachten kannst.
Bemerkenswert, dass sich das scheinbar nie verändert und vermutlich immer – von Anfang an in den Kontakt reingewirkt hat.
Und wir beide immer wieder drauf reingefallen sind, zu glauben, das würde jemals von etwas, was wir tun, beeinflusst werden können.
In der Deutschklassenarbeit gab es eine Aufgabe,
die mir geholfen hat etwas über (Innen)Kinder zu verstehen.
Das will ich mit.teilen.
Die Aufgabe zeigte eine Zeichnung.
Die Zeichnung sah so aus:
Man sieht 2 Figuren, die auf unterschiedlichen Ebenen stehen.
Die Figuren werden durch einen Dialog verbunden.
Das sieht man, an der Form des Wortes “Dialog”.
Die Form soll an eine Leiter erinnern.
In der Aufgabe sollten wir erklären, warum es wichtig für gute Kommunikation ist,
wenn man auf der gleichen Ebene zueinander spricht.
Was ich über (Innen)Kinder verstanden habe,
zeige ich jetzt auch mit einer Zeichnung.
Die Zeichnung sieht so aus:
Man sieht eine kleine Figur und eine große Figur.
Die kleine Figur bedeutet ein (Innen)Kind.
Die große Figur bedeutet eine erwachsene Person.
Die Figuren werden durch den Dialog verbunden.
Das Wort sieht wieder wie eine Leiter aus.
Weil das Kind kleiner ist als die erwachsene Person.
Obwohl beide Figuren auf einer Ebene stehen
funktioniert jede Kommunikation zwischen ihnen wie eine Leiter.
Ich kenne Leitern.
Ich finde es anstrengend Leitern zu benutzen.
Man muss aufpassen
– dass man nicht daneben tritt
– dass man das Gleichgewicht behält
– dass man nicht vergisst, was man machen will
– dass jemand da ist, der die Leiter gut festhält
Wenn (Innen)Kinder einen Dialog mit erwachsenen Personen machen,
müssen sie auch aufpassen.
– Dass sie die richtigen Wörter benutzen
– Dass sie alles sagen, was sie wollen
– Dass sie beim Sprechen nicht vergessen,
dass sie laut genug sein müssen
Mir ist aufgefallen, dass viele Kinder, die mit erwachsenen Personen sprechen,
Hilfe beim Dialog machen bekommen.
Zum Beispiel:
– die erwachsene Person gibt Wörter, wenn dem Kind eins fehlt
– die erwachsene Person versucht alle Wörter zu verstehen
– die erwachsene Person macht leicht verständliche Dialoge mit dem Kind
– zum Beispiel mit leichten Wörtern
oder mit kurzen Sätzen
Mir ist aufgefallen, dass wir andere Dialoge machen.
Dafür habe ich eine Zeichnung gemacht.
Die Zeichnung sieht so aus:
Man sieht zwei Gesichter und zwei Sprechblasen.
In der oberen Sprechblase* steht:
“Monolog
– Einleitung/These
– Begründung/Beispiele
– Fazit/Spiegelfrage/Überleitung”
In der unteren Sprechblase steht:
“viele Wörter-Antwort”
Man sieht viele kleine Pünktchen und Linien,
die durcheinander sind.
Ein Pfeil zeigt auf die untere Sprechblase.
Dort steht:
“dazwischen verstecken sich die Wörter,
die man zum Überlegen einer Antwort braucht”
Das soll darstellen, dass wir ein festes Schema beim Reden haben.
Und, dass wir die Antworten von anderen Menschen nicht als Schema erkennen,
sondern als Aufgabe.
Oder als Rätsel.
Jetzt schreibe ich, was ich über Innenkinder verstanden habe.
Ich habe verstanden, dass sie einen Dialog immer wie eine Leiter machen müssen,
weil sie noch klein sind.
Und gleichzeitig die Wörter für eine Antwort finden müssen,
und ihnen niemand hilft.
Weil die anderen Menschen eine erwachsene Person sehen
und anders mit Wörtern und Sprache umgehen,
als wir.
Ich habe verstanden, dass wir den Innenkindern helfen können,
damit es nicht so anstrengend für sie ist.
Zum Beispiel
– wenn wir unsere gesammelten Wörter mit ihnen teilen
– wenn wir bei ihnen sind, wenn sie einen Dialog mit einer erwachsenen Person machen
– wenn wir alles leicht verständlich für sie sagen
– wenn wir versuchen alles zu verstehen, was sie uns sagen wollen
Wir sind erwachsen.
Wir können für die Innenkinder gute An.Sprechpartner_innen sein.
Dann wird es weniger anstrengend für uns alle.
Dafür habe ich auch eine Zeichnung gemacht.
Weil ich Lust dazu hatte.
*Das Sprechschema ist von Innensystem zu Innensystem unterschiedlich starr bzw. wird unterschiedlich flexibel gehandhabt.
Es ist ein neues Wort und seine Macht ist, mich wütend zu machen.
Auf die Menschen, die ihn haben. Auf die Menschen, die ihn negieren oder ihn, in seiner Problematik für mich, nicht anerkennen wollen.
Und auf mich, denn ich stehe dem hilflos gegenüber und kann nichts tun. Ich hasse mich so sehr, wenn ich nichts weiter tun kann, als unter etwas zu leiden.
Die Situation ist, dass ich ein_e 30 jährige_r Schüler_in in einer Gruppe von 15 bis 18 jährigen Schüler_innen bin. Dass ich mit einer Schwerbehinderung lebe und diese kompensieren muss. Dass ich, anders als meine Mitschüler_innen, nicht normal bin und auch nicht so tun kann, als wäre ichs, weil mein Anderssein ganz grundlegend anders ist als ihres.
Die Situation ist, dass es für kaum jemanden an meiner Schule normal ist, mit einer Behinderung zu leben oder durchgehend damit zu leben, wie jemand eine Behinderung anders als andere kompensieren muss.
Die Situation ist, dass ich nicht den Luxus habe, ein Sonderfall nach vielen anderen Sonderfällen zu sein. Die Situation ist, dass ich damit leben muss, dass es in dem Normal einiger meiner Mitschüler_innen keine Möglichkeit gibt zu verstehen, was mein Normal im Bezug zu ihrem bedeutet.
Die Situation ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der alle Menschen mehr oder weniger gleich stark lernen, dass alles Verhandlungssache ist.
Wem wir als Gesamtgesellschaft durch unsere gemeinsam genutzten Institutionen und Rechte, Regeln und Verbote, Würde zugestehen und wem nicht. Wem wir unter welchen Umständen, wie, wo, warum und wozu Teilhabe ermöglichen und wem nicht.
Das beginnt damit, dass wir alle gelernt haben, dass zu jedem Gewinn ein Verlust gehört und endet damit, dass wir den Grund für unsere Unzufriedenheiten nicht bei uns und unseren Anspruchs- und Erwartungshaltungen, unseren Einstellungen und Ideen über die Dinge, die uns beschäftigen suchen, sondern dort, wo wir sie erfüllt vermuten.
Sozialneid kann man vorbeugen. Bei einem Großteil der Menschen in meiner Klasse scheint das auch gut funktioniert zu haben.
Ihnen hat es gereicht einen Einblick in meine Art der Wahrnehmung(sverarbeitung) und einen Hinweis auf das Grundrecht der Bildung für alle Menschen gleichermaßen zu bekommen, um zu verstehen, dass weder die Anwesenheit des Assistenzhundes, noch die Gewährung von Dingen, die mir als Nachteilsausgleich dienen, optional sein können, damit ich ein_e Schüler_in wie sie auch sein kann.
Sie haben verstanden, dass meine Teilhabe am Unterricht nicht optional sein kann.
Sie haben verstanden, dass meine Teilhabe nicht gewährleistet sein kann, wenn mir nicht geholfen wird, bzw. ermöglicht wird mir selbst zu helfen.
Für mich sind diese Schüler_innen und auch meine Schule, die mir diese Teilhabe an einer ganz üblichen Berufsausbildung gewährt und ermöglicht, ein Privileg und eines der wenigen wirklich großen Geschenke im Leben.
Andere autistische Menschen mit meinen Problemen lernen in einer Werkstatt und arbeiten später dort bis zur Rente im betreuten Wohnen. Für manche ist das schön und erfüllend, für andere schlimm und das Letzte, was sie sich für das eigene Leben wünschen. Für mich wäre es schlimm in so einer Werkstatt zu arbeiten, denn ich weiß, wie viel mehr ich für die gleiche Arbeit in einer üblichen anders anderen Werkstatt verdienen würde, wäre eine Arbeitskraft wie meine nicht so optional annehmbar, wie sie es für die meisten Unternehmen ist.
Für mich wäre es schlimm, weil ich mein Leben nicht dafür gerettet habe, ausgrenzt, arm und unbefähigt zur Selbstverwirklichung zu leben.
Das ist wichtig nicht zu vergessen.
Ich musste mein eigenes Leben allein retten. Dann will ich es nun gefälligst auch allein mit mir und für mich allein in alle möglichen Richtungen erfüllen.
Und zwar mit Teilhabe an Bildung, an sozialem Leben, an kultureller Praxis, an gesellschaftlichem Diskurs. Mit Würde, Respekt und Achtung vor mir und meinem Sein, wie ich bin.
Die meisten Menschen, die ich kenne, finden so einen Anspruch unheimlich kraftvoll und groß.
Sie erleben so einen feierlichen Schauer, der ihnen den Rücken hinunter läuft, weil ihnen plötzlich klar wird, wie vielschichtig und tiefgreifend dieses Normal, in dem sie sich mal mehr mal weniger angestrengt und frei, selbstbestimmt und behindert bewegen.
Bei manchen Menschen jedoch kommen solche Ansprüche als leere Floskeln ohne jeden Wert an. Bei manchen, weil sie sich diesem Wert nicht bewusst sind (und nie bewusst werden müssen) und bei manchen, weil sie bereits Erfahrungen damit gemacht haben, dass es nichts bringt, solchen Ansprüchen entsprechend behandelt werden zu wollen.
Das Schlimme ist, dass man niemals um Dinge neiden kann, die man hat oder derer man sich bewusst ist.
Das ist, was mich an dem Sozialneid zweier meiner Mitschüler_innen so wütend macht.
Die Verweigerung sich damit auseinanderzusetzen, was sie da eigentlich neiden, wenn ich früher nach Hause darf. Was sie da eigentlich “unfair” finden, wenn unsere Lehrer_innen mich fragen, ob ich lieber allein im Nebenraum arbeiten will; ob es okay ist, wenn der Beamer die 90min Gruppenarbeitszeit über durchgehend läuft; ob ich es schaffe drei Raumwechsel in einer Unterrichtstunde zu haben und so weiter und so weiter.
Es macht mich so wütend, weil ich sie um ihre Möglichkeit darum beneide und weiß, dass ich niemals in meinem Leben an diesen Punkt kommen werde.
Mit der Anerkennung meiner Behinderungen und daraus resultierenden Problemen habe ich meine Chance auf die Vermeidung der Anerkennung meiner Diskriminierungen und Privilegien verwirkt.
Ich werde niemals in meinem Leben in die Position kommen, in der ich vergessen kann, was es für ein Privileg ist zur Schule gehen zu können und was es für ein Geschenk ist, dabei jede nötige und mögliche Unterstützung zu erhalten.
Ich werde niemals in meinem Leben vergessen können, was es für ein Geschenk ist, wenn andere Menschen mich nicht ausgrenzen und dadurch direkt miterleben können, wie das erlernte Modell von “Geben = Nehmen” (wenn ich jemandem etwas gewähre, verliere ich selbst etwas) keinerlei Relevanz hat.
Ich beneide sie um ihre Möglichkeit auszublenden, wie frei und selbstbestimmt sie sich entscheiden können. Um es platt zu sagen: ich beneide sie darum, dass sie sich dafür entscheiden können, sich bewusst zu machen wie gut oder schlecht es ihnen eigentlich geht. Sie haben diese eine Wahl, die ich durch die Diskriminierungen und den daraus entstehenden Problemen, in diesem Umfang so nie hatte. Und niemals haben werde.
Ich stelle es mir viel einfacher vor so durchs Leben zu gehen. Einfacher, als ich es im Moment erlebe.
Aber natürlich weiß ich auch, dass ich das schon oft gedacht habe.
Das Sprichwort dazu ist: “Das Gras auf der anderen Seite ist immer grüner.”
Ich weiß, dass es um Perspektiven und Lebenserfahrungen geht. Und darum, dass man lernen muss, dass nicht alles Verhandlungssache sein kann. Schon gar nicht, welche Perspektive auf die Lebensqualität und Lebensumstände eines anderen Menschen die ist, der folgend man eben jene bewerten und beurteilen darf.
Nur, weil ich glaube, es wäre für mich leichter, könnte ich mich verhalten wie meine Mitschüler_innen, heißt es nicht, dass es für sie einfach ist, sich jetzt gerade so zu verhalten, wie sie es tun.
Trotzdem könnte ich auch gern, was sie können.
Und es ist okay, das auch können zu wollen. Das verändert nichts an der Realität. Es macht überhaupt gar nichts, dass ich das auch gerne möchte und neide, wo ich es vermute.
So lange ich nicht anfange andere Menschen mit meinem Neid zu belasten oder zu quälen oder ihnen die Verantwortung für meine Gefühle daran zuzuschieben.
So wie das diese beiden Mitschüler_innen gerade tun.
Höchstwahrscheinlich sogar ohne das zu merken.
Einerseits fühlt sich das Hintermir wie abgeschnürt an. Es ist zu viel zu tun, zu wenig Zeit, zu wenig Ruhe, zu wenig für uns alle.
Der Kanal zu den anderen verjüngt sich und es gibt Tagesphasen, in denen ich mich lose und ungehalten, dumpf und leer fühle.
Andererseits merke ich sie doch. Merke, dass ich auf dem Drama eines Kinderinnen passiere, das wir seit ein paar Wochen schon durch unseren Alltag schlängeln und in die Ritzen des vielen Viels drücken, bis es von einem Zuviel herausgepresst wird und erneut umgeparkt werden muss.
Gendermarketing ist ein Ding. Ist klar, wurde und wird schon viel drüber geschrieben, da braucht es nicht noch einen weiteren Text von mir.
Aber.
Auch Kritik an Gendermarketing ist ein Ding.
Nämlich.
Was aus Gründen des Gendermarketing kritisiert wird und warum.
Anlass für diesen Text ist meine von den Kochrezeptblöcken in dem Buch “Hannahs 25 Raspberry Pi Server” ausgelöste Verwirrung.
Es ist ein Buch, das fundiert und klar beschreibt, wie man Server aufsetzt und wie sie funktionieren. Und in dem es Kochrezepte gibt.
In einigen Rezensionen wird dieser Umstand lächerlich gemacht und Gendermarketing zugeschrieben. Für manche Rezensent_innen ist dieser Umstand sogar das Sprungbrett zur Abwertung des gesamten Buchs.
Als peinlicher Versuch mehr Frauen an “die Technik” zu kriegen, landet das Buch in einer Ecke, die seinem Inhalt überhaupt nicht gerecht wird.
Warum? Weil “Kochen” und “Technik” im Gegensatz zu einander verfestigt werden, wie “Frauen” und “Technik”.
Wäre ich eine Umkehrfeministin würde ich mich fragen, ob ein Werk zum Thema “Grillen” und “Technik” von einer Person, die als Mann kategorisiert wird, die gleiche Abwertung erfahren würde. Und dann fallen sie mir ein: die automatisierten Grills (CN: YouTube-Video) und der fast wie ein Fetisch anmutende Hype um DEN GRILL für DEN MANN, der sich in der Sommerzeit jedes Mal neu in der Werbelandschaft austobt.
Ich komme zu dem Schluss, dass das gleiche Gendermarketing, das bei Produkten mit der Zielgruppe “Frau” zu Lächerlichkeit und Verfestigung von Unvereinbarkeitsempfinden führt, bei Produkten für die Zielgruppe “Mann” jedoch, zur Ergänzung dessen, was als “männlich” gilt.
So wird Gendermarketing für “Frauen” peinlich – für “Männer” jedoch nicht.
Und so wird auch nur Gendermarketing für “Frauen” kritikwürdig, da es als allgemein entwertend und stereotypisierend kategorisiert wird. Manche Kritik verstärkt diese Einordung sogar noch durch den Einsatz von Sarkasmus und Witzen, die ebenfalls nur als solche erkennbar sind, wenn man ihre Quellen kennt, was nicht in allen Fällen vorraussetzbar ist.
Ich persönlich halte es für wichtig, bewusst darum zu sein, dass es Gendermarketing gibt.
Und fertig.
Meine eigene Kaufkraft ist so niedrig, dass es in meinem Fall irrelevant ist, an wen wer was verkaufen will – ich kann nur kaufen, was ich kaufen kann und das ist in der Regel das, was ich brauche und eher selten das, was ich am liebsten gerne hätte, unter anderem vielleicht auch, weil es speziell für “Leute, die eventuell so sind und leben, wie ich” gedacht und gemacht ist.
Eine Bewertung des Umstandes, dass es das überhaupt gibt, wurde bereits vorgenommen und wie gesagt fällt diese Bewertung nachwievor überwiegend (cis)feminitätsfeindlich aus. Manchmal sogar dann, wenn die Aufwertung von (Cis)Feminität als Intension angeführt wird.
So bleibt zum Beispiel in Bezug auf dieses Buch die umfassende Auseinandersetzung damit aus, warum ein Buch mit Anleitungen zur Technik überhaupt Kochrezepte enthält.
Die einfache Antwort ist: “Gendermarketing – die denken, dass Frauen das mehr kaufen, wenn was drin ist, was sie kennen und wenn es aussieht, wie etwas anderes, das für Frauen gemacht wird”.
Eine andere Antwort könnte jedoch auch sein: “Warum denn nicht? Warum nicht etwas machen, was sonst noch niemand gemacht hat? Warum nicht ein Buch schreiben, das ein bisschen neben der immer gleichen Type passiert?”
Die andere Antwort könnte einfach auch mal eine Autor_in und ein Verlag sein, die versuchen etwas anderes zu machen, als viele andere, weil sies können und wollen.
BÄM – da denkt man doch gleich ganz anders über dieses Buch.
Und darüber, wessen Bücher man eigentlich lesen will.
*in diesem Text schreibe ich von “Männern” und “Frauen”, weil Gendermarketing nur das binäre Geschlechtersystem verwendet
P.S. Meine Verwirrung über die Blöcke rührt von ihrer Überschrift „Hannahs“.
Es kann schon mal verwirren den eigenen Namen so unvermittelt zu lesen.
Ich bin heute mit der Straßenbahn gefahren.
Ich, Hannah.
Ich bin heute mit der Straßenbahn gefahren und kann dir sagen, welche Farbe mein Sitz hatte, wo ich saß und dass die Sonne geschienen hat, während ich das tat.
Es ist nichts Besonderes mit der Straßenbahn zu fahren. Fast jeden Tag steige ich in eine ein und wieder aus.
Doch mitgefahren bin ich noch nie.
Es ist laut. Zu viel Viel und zu eng. Ich verliere schnell den Überblick. Kann mich nicht finden in all dem ALLES, was in einer Straßenbahn passiert. Mit mir, mit den Menschen, die mit mir fahren. Mit der Bahn und dem, was ihr passiert.
Ich steige in eine Straßenbahn und löse mich auf, weil das ALLES um mich herum in mich eindringt. Mein Denken und Fühlen annektiert. Wenn ich einen Platz gefunden habe, weiß ich nie ob ich sitze, oder selbst eine Fläche bin. Es fällt mir schwer meinen Körper zu fühlen, weil ich die Bewegungen der Bahn nicht von meinen unterscheiden kann. Das Fahren mit Bus und Bahn, mit Zug und Karussell, mit Booten oder dem Fahrrad ist für mich etwas, das mich vereinnahmt und verschwinden macht. Einfach so. Ich bin dann nicht mehr da.
Dann bin ich die Farben der Geräusche. Bin mein Schmerz. Bin meine Angst zu versagen. Und dann vergeht eine kleine Zeit und ich bin tot. Ich denke nicht, ich fühle nicht, ich bin unkörperlich auseinanderdissoziiert und ein anderes Innen tritt durch den Feinstaub, der mal das war, was ich als “Ich, Hannah” bezeichne.
Und heute war ich mit den neuen Ohrenstöpseln unterwegs.
Und bin nicht gestorben, sondern mit der Straßenbahn gefahren.
Ich habe mich hingesetzt und auf den Monitor mit der Werbung geschaut. Und dann habe ich nach links geschaut, weil viele Menschen eingestiegen sind.
Und dann ist mir aufgefallen, dass es nicht weh tut. Dass ich immer noch in der Bahn sitze. Und sitze. Und rausschauen kann. Und die Sonne sehe. Die immer noch genauso da war und schien, wie an der Haltestelle, an der ich eingestiegen war.
Meine Synästhesie für die Geräusche war subtil und flüchtig – ich konnte alles sehen. Mich orientieren. Ich wusste genauso klar, wie ich das zu Hause oder an anderen Orten weiß, wo ich war und wo die Menschen um mich herum. Ich wusste das, obwohl ich nicht meinen Körper berührt hatte. Und als ich ihn berühren wollte, hätte ich fast geweint, weil ich nicht erst überlegen musste, wo eigentlich meine Ränder sind.
Es war wie einer dieser Momente, in denen man sich des eigenen am Leben seins so sicher und bewusst ist, dass es das Herz erfüllt und überschwappen lässt.
Ich, Hannah, bin heute mit der Straßenbahn gefahren, ohne in einen dissoziativen Zustand zu kommen, der mein (unser, als Einsmensch) ganzes Leben prägt.
Zurück zu Hause (nach einer Rückfahrt während der ich die ganze Zeit auf meinem Platz saß und in die Runde schaute, weil ich allen sagen wollte, dass ich da bin und wie krass das ist, und dann merkte, wie noch viel krasser es ist, dass ich merke, dass ich das wirklich tun könnte, weil ich ja gerade da bin und die Energie dafür hätte und und und… ) wollte ich dem Begleitermenschen schildern, was in mir vorging.
Wie krass das ist. Und wie neu, dass ich nach so einer Fahrt überhaupt die Kraft dafür hatte, etwas mitzu.teilen. Und wie gut. Und krass. Und schön.
Und wie traurig. Und wie bitter.
Ich merkte ein paar Rosenblätter und ihnen Vorangehende, mit ihren Gefühlen und Reaktionen. Merkte wie (nochmalig) sinnlos ihnen frühere therapeutische Maßnahmen zur Bewältigung unseres Stress- und Noterlebens nun vorkommen. Das Abstumpfungstraining in Form von wochenlangem Bus- und Bahn fahren bis es keine Panikattacken, Krampfanfälle und Nervenzusammenbrüche während der Fahrt mehr gab (weil sich ein Innen (weiter)entwickelte, das dieses Training durchhalten konnte). Die massiv kränkenden Sitzungen mit einer Wald-und Wiesen-KVT-lerin, die ihnen bei jedem Termin eingeimpft hatte, dass sie schlicht, die falsche Einstellung zum Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln hätten und an andere Dinge denken sollen. Das rücksichtslose Gebohre nach Traumatisierungen, in denen Täter_innen irgendetwas vorgeben, wie man sich während Wegstrecken fühlen oder verhalten soll, durch eine frühere Traumatherapeutin.
In den letzten Monaten passiert vieles für uns, dass wir schon seit vielen Jahren hätten für uns einfordern oder erarbeiten und probieren können. Theoretisch. Rein praktisch ging das nie, denn wir hatten keinen Begleitermenschen und kein weiteres Verstehen darum, was mit uns passiert, als das, dass wir uns jeden Grund für unsere Probleme aus dem Dissoziierten in uns herausschälen müssen, um es zu verändern.
Krampfanfälle in der Schule/bei der Arbeit/in Krisenzeiten? – Das ist bestimmt ein desorientiertes Innen
Dissoziative Amnesien für Handlungen des Alltags? – Das ist bestimmt ein desorientiertes Innen
Schwierigkeiten in der Kommunikation und Interaktion? – Das kommt bestimmt von desorientierten Innens
Schwierigkeiten zu Sprechen und Gesprochenes zu begreifen? – Da wirkt doch bestimmt irgendein Redeverbot/Programm – also desorientierte Innens!
Ich merke, dass eine ganze Ladung der Bitterkeit aus dem Bewusstsein um mehr als 10 Jahre therapeutischer Arbeit auf einzig bis überwiegend diesen Annahmen basierend mit und an uns passiert ist, kommt.
10 Jahre, in denen wir uns das eigene Leiden an dem, was für alle anderen um uns herum scheinbar kein Problem war/ist, abgesprochen haben, mit der Begründung, wir wären uns eben noch nicht alle wirklich im Klaren darüber, das heute heute ist und die Gewalt vorbei.
Und je länger ich darüber nachdenke, sehe ich auch die Missachtung unseres allgemeinen Funktionierens und Therapiefortschritts darin.
Was etwas ist, worüber wir schon länger nachdenken, weil es uns seit Jahren immer wieder auffällt:
Die Überbetonung der Schwierigkeit und Langwierigkeit der Behandlung von Menschen mit komplexen Traumafolgen bzw. konkreter: der Menschen mit DIS aus organisierter Gewalt in Kombination mit einer bezüglich der allgemeinen Lebensperspektive wenig konstruktiven Fokussierung auf Ursachen in den Klient_innen selbst.
Als Beispiel: eine Person ist ausgestiegen und schliddert von Aussteigereuphorie in Todesangst, nachdem “Alltag (neu) zu lernen)” sich als chronisch überfordernd herausstellt, nachdem diverse Fähig- und Fertigkeiten schlicht nicht vorliegen.
Auf die Idee, diese Fähig- und Fertigkeiten zu unterrichten bzw. konkret einzuüben und zu benennen, kommen viele tiefenpsychologische Therapeut_innen häufig nicht – wohl aber auf die Idee, dass es sicher Gründe hat, dass die Person das nicht kann. Und diese Gründe werden ganz klassisch in der Person selbst verortet. Nicht etwa in einer Inkompatibilität der Person mit ihrer Umwelt und anders herum. Nicht etwa darin, dass es neben all dem eher Ungewöhnlichem im und am Leben dieser Person, auch ganz simple, ganz profane Problemdynamiken geben kann.
Mich erinnert das an die Arroganz der Zauberer in Harry Potter: alles wird aufgezaubert, weil man es kann – Schema F ist special besonderes Zauberstabgewedel, um ein Türschloss zu öffnen, statt die Klinke zu benutzen oder die Tür einzutreten.
In unserer Behandlung von Ängsten, Zwängen und anderen Problemen, die unsere Funktionalität zuweilen existenziell bedroht bzw. eingeschränkt haben, haben wir bereits Thesen und Ideen zu unserer inneren Struktur und Biografie gehört, die von abwegig und unwahrscheinlich bis tatsächlich hanebüchen reichten – und letztlich die Probleme selbst nicht gelöst haben.
Uns hat es nie geholfen, von einer Intension anderer Menschen hinter unserem Leiden auszugehen – vielleicht, weil die Intensionen anderer Menschen für uns selten wirklich ausschlaggebend für die Beurteilung einer Situation sind (weil wir die Intensionen anderer Menschen häufig nicht eindeutig bestimmen können) – vielleicht aber auch, weil es für unser Leiden tatsächlich völlig irrelevant ist.
Ich konnte die Straßenbahn nie bewusst nutzen, weil mein Reizfilter nicht gut funktioniert, die Auswirkungen dessen immer wieder das Erinnern von unverarbeiteten Traumatisierungen antriggert und mein Gehirn mit Dissoziation darauf reagiert.
Natürlich kann ich andere Begründungen finden. Etwa: Meine Oma hat mich immer dafür bestraft, wenn ich mit der Straßenbahn gefahren bin (und weil ich auch nach 10 Jahren Traumatherapie nicht in der Lage bin, zu schnallen, dass ich erwachsen bin und tun kann was auch immer ich will und meine Oma für ein omnipotentes Überwesen halte, das mich furchtbar zerfetzen wird, wenn ich es doch tue – weil ich einfach nicht fähig bin, mich und meine Überzeugungen konstant mit der Realität abzugleichen (oder! (kaum hörbar geflüstert) mein_e Therapeut_in einfach schlechte Arbeit mit mir macht)) und deshalb kann ich das heute nicht und bin überfordert und muss immer weiter und weiter an meinem Oma-Ding arbeiten, um das zu können.
Natürlich gibt es Menschen, für die es wichtig ist und hilfreich und völlig okay, sich so mit ihren Schwierigkeiten auseinanderzusetzen.
Für mich wirkt es im Moment jedoch auch wie ein Weg sich Klient_innen zu produzieren, die man sehr lange, sehr tiefschürfend, fast ausufernd behandeln _muss_, ohne dabei wirklich greifbare Ziele erreichen können. Weil die Straßenbahn-fahr-Verbot-Oma ja auch noch tausend andere Dinge verboten haben kann und man so ja nie etwas lernen konnte und das betrauert werden muss (Trauer ist eventuell auch ein langer Prozess…) und integriert werden muss und tja am Ende irgendwann, wenn die Kraft der Behandler_in nicht mehr reicht, muss di_er Klient_in vielleicht lernen damit umzugehen, dass bestimmte Dinge bei ihm_ihr einfach aufgrund der Geschichte mit Oma vielleicht nie gut/normal/funktional sein werden, aber das ja nicht schlimm ist, schließlich hat sich die di_er Klient_in in x Behandlungsjahren eh schon dran gewöhnt “krank”/dysfunktional/bekloppt zu sein.
Ich behaupte nicht, dass das oft vorkommt und man sich deshalb niemals mit einem Oma-Ding in Therapie begeben sollte. Oder, dass gezielte Misshandlungen im Rahmen von organisierter Gewalt niemals Täter_innen-Intensionen folgen, die im späteren Leben der ehemaligen Opfer eine große Rolle dabei spielen, bestimmte Dinge zu können oder neu zu lernen oder genau nicht zu können und zu lernen.
Ich sage, dass diese Herangehensweise bzw. allgemeiner die Begründung von Schwierigkeiten in den Intensionen anderer Menschen zu sehen, für uns nie zur Folge hatte, unsere Probleme lösen zu können, neue Fähig- und Fertigkeiten zu entwickeln, geschweige denn, uns tatsächlich von diesen Personen zu emanzipieren.
Mit uns funktioniert der “böse auf die Täter_innen werden und sich dadurch besser abgrenzen können”-Ansatz nicht und darüber ein Großteil der üblichen Methoden zur Motivation von Aneignung des eigenen Lebens und Etablierung von Selbstbestimmung und so weiter, ebenfalls nicht.
Und erst jetzt kommen wir zu der Erkenntnis weshalb das so ist.
Wir wollen unsere Therapieziele um ihrer selbst willen. Wir haben uns für das Leben um des am Leben seins willen entschieden.
Mich hat es belastet die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel nicht zu erinnern bzw. bewusst für mich selbst zu erleben, weil ich es nicht erinnerte bzw. nicht bewusst für mich erlebte. Es ist unser permanenter Sachbezug, der uns in einem Kontext der Gründe aus Intuition und Personenbezug eine Schleife von 10 Jahren hat fahren lassen.
Und das ist eine wirklich bittere Erkenntnis.
Das erbittert uns nicht nur die Traumatherapie bis heute, es erbittert uns auch sämtliche früheren Behandlungen als Versuch einer sich bietenden sinnvoll erscheinenden und von allen Seiten angeratenen Möglichkeit sich Erleichterung und mehr Lebensqualität zu verschaffen.
Der Begleitermensch hatte gefragt, ob es denn nicht gut sei, es jetzt geschafft zu haben, einen Weg gefunden zu haben, das Fahren mit der Straßenbahn zu erleben, ohne zu dissoziieren. Ob es denn nicht schön sei. Ob es das denn nicht überwiegt. Oder relativiert.
Jetzt ist eine ganze Weile vergangen seit dem Tag, an dem das passierte.
Und ich kann sagen: nein, das tut es nicht.
Es jetzt zu schaffen, macht das Leid früheren Scheiterns und seiner Konsequenzen für und in uns nicht weg und schon gar nicht relativiert es das. Es ist nicht erhebend für mich zu sagen: “Ha! Ich habe es geschafft ohne diese Verhaltenstherapeutin! Ha ha! Ich bin ja wohl doch nicht so blöd, wie sie mich vor mir selbst dargestellt hat!” – es ist unfassbar traurig für mich, nicht früher und ohne so schmerzliche Episoden auf Kosten anderer Innens an den Punkt gekommen zu sein.
Ich bin nicht dankbar dafür, jetzt Bahn fahren zu können, weil es sich im Moment mehr nach einer zufälligen Belohnung fürs Durchhalten anfühlt, als nach einer Entschädigung oder dem Gewinn eines Kampfes.
Ich bin nicht voll des Triumphes, weil ich mir einreden kann, ich würde wegen dieser Fertigkeit den Täter_innen ein Schnippchen schlagen, weil ich jetzt etwas kann, was sie mir immer verwehren wollten.
Ich bin nicht voll der Zuversicht für die Lösung anderer, ähnlich gelagerter Probleme des Alltags, weil ich weiteren Schmerz fürchte, der mit der Erkenntnis einhergeht, dass wir schon sehr viel früher, sehr viel ernster und allen Vorgaben durch Therapiemethoden und Therapeut_innen zum Trotz auf das, was um am Kränksten, Durchgeknalltesten, Awkwardesten an uns selbst erschien (und bis heute erscheint) achten und entsprechend handeln hätten müssen – obwohl ich weiß, dass wir genau das aber auch aus Gründen sehr lange nicht konnten (und auch heute nicht einfach mal eben können).
Wieder bewege ich mich also in dem Kreisel aus internalisierter Pathologisierung, Anerkennung der Schädigung von früherer toxisch wirkender Psycho(trauma)therapie und deren Auswirkungen auf mich (uns) heute.
Weil ich ein Erfolgserlebnis hatte.
Weil ich ein Therapieziel erreicht habe.
Weil es nun einen Bereich mehr in unserem Leben gibt, der nicht so bewältigt werden muss, wie früher Gewalterfahrungen bewältigt wurden.
tl,dr: Es ist schön, dass es jetzt so ist.
Und es ist bitter, dass es nicht schon vorher so war.