einen anderen Topf bewachen

Kassenfinanzierung die x-te.
Wir kommen aus einer Therapiestunde, die ehrlich war, vielleicht zu ehrlich. Ein bisschen was tut weh, ein bisschen was ängstelt. Es gibt ein Problem, über das ich hier im Blog nicht näher schreiben, allein in meinem Kopf nicht nachdenken will. Ich schreibe eine Liste, die sich anfühlt wie die Anbahnung eines Urteils über den Rest meines Lebens. Mit Traumalogik zum Schafott in zwei Gedankensprüngen, ich kanns einfach immer noch.

Meine Liste klopft meine Therapiemotivation ab. Meine Möglichkeiten, meine Fähig- und Fertigkeiten. Die Frage, wie lange noch und wie lange noch mit unserer Therapeutin. Aber auch was noch und wie, damit es nicht länger der lose Haufen bleibt, der nicht mehr unbewusst, aber noch lange nicht sortiert und eingeordnet ist.

Mir wird warm, mein Kopf ist eng, irgendwann weine ich und denke, wie unfair das ist, dass ich schon so viel Zeit hatte und doch nicht genug, um alles zu sagen, was ich sagen wollte.
Dabei fällt mir eine Episode der Serie „Kyle XY“ ein. Darin sind zwei künstlich erzeugte Jugendliche eine Art Biocomputer, in deren Gehirn unfassbare Datenmengen versteckt wurden. Als der einen Person durch eine Aktion all diese Daten ins Bewusstsein geschwemmt werden, versucht sie verzweifelt und unter Schmerzen alles aus sich herauszubekommen und schreibt in winziger Schrift auf die Wände um sich herum.
Mein Leben lang habe ich Angst vor so einem Zustand. Vor einem Moment, in dem ich der Informationsmasse in meinem Kopf hilflos ausgeliefert bin, weil es keinen schnellen Download gibt. Das Schreiben hilft, die Möglichkeit zu sprechen auch – egal, ob in der Therapie oder woanders – aber wie bei jedem nötigen Datentransfer ist es am besten, wenn man lediglich die Daten übertragen muss, die wirklich gebraucht werden und nicht alle, die möglicherweise auch noch sinnvoll sind.

Eines meiner größten Probleme ist, dass ich nie weiß, wer was wissen muss, um mich zu verstehen. Ich fühle mich permanent dazu gezwungen, einen großen Download zu schaffen, während ich den Upload von der anderen Person in mir prozessieren soll – während aber gleichzeitig nur Zeit und Verarbeitungskapazität für insgesamt sehr viel weniger Datenmenge und ihren Transfer ist.
Die Mengen, mit denen ich hantiere, sind überfordernd für die meisten Leute, mit denen ich zu tun habe. Ich muss oft warten, nachlegen, abgleichen, Verständnis aufbringen und von irgendwo aus mir herausquetschen, dass das okay so ist, wenn das was in mir ist, einfach nicht so herausgeschossen kommen kann, ganz egal, wie sehr mich das frustriert, nervt, hibbelt. Es hilft ja nichts. Mehr ist mehr und wo mehr nicht reinpasst, da ist mehr bloß Verschwendung oder Überstimulation.

Ich habe früher immer gedacht, dass diese Geduld und das Okaysein mit dem permanenten Warten auf anderer Leute Verarbeitungsprozesse eine Erwachsenenfertigkeit sei. Ich komme mir noch heute wie ein gemaßregeltes Kind vor, wenn mir jemand sagt, ich sei zu schnell, man könne nicht verstehen, man brauche mehr Zeit, mehr Ressourcen, mehr Kapazitäten, um mir im gemeinsamen Austausch gerecht zu werden. Wie ein Kind in Hurrikangestalt. Ein Wirbelwind – nur nerviger. Zerstörerischer. Notwendigerweise zu kontrollieren, kleinzuhalten, in einen stilleren Stand zu bringen.

Auf meine Verarbeitungsprozesse hat noch nie jemand gewartet. Bis jetzt.
Die Therapeutin nennt es einen „Knoten“, den sie noch nicht richtig versteht oder nachvollziehen kann, der Psychiater, der die ASS bei uns bestätigt hat, nennt es eine typische Problematik von hochbegabten Menschen mit Autismus, ich nenne es g’ttverdammte Kackscheiße. Will nicht, kann nicht, schaffe nicht, weiß doch auch nicht.

Ich frage mich, ob unsere Therapeutin manchmal über unserem Kram gesessen hat und wie ich gerade einfach keinen Bock mehr hat. Weil es anstrengt, weil es über_fordert und so selten leicht ist. Weil es dankbarere Arbeiten gibt, weil es für sie leichter ginge, würde sie sich nur dafür entscheiden.
Ich schreibe wieder die Frage auf meine Liste, ob meine Kapazität erreicht ist und mehr einfach nicht erreichbar ist. Wir haben viel erarbeitet, sehr viel, obwohl nie genug Zeit war, obwohl nie genug Aufnahme- und Verarbeitungskapazität da war, obwohl manches Wissen immer noch nicht da ist. Vielleicht geht mehr nicht. Mit ihr. Mit mir. In diesem System, zu diesem Zeitpunkt.
Dann fällt mir auf, wie ruhig ich da sitze und darüber nachdenke.
In der Küche wird das Abendessen warm, draußen rauscht die Straßenbahn lang, ich bewege diese große Thematik in mir und bin immer noch da. Bedrängt von Kinderinnens und Jugendlichen, die den Beziehungsabbruch fürchten, sichmichuns hassen, weil wir so sind und nicht anders, aber doch klar. Erwachsen, voll da.

„Ein bewachter Topf kocht nicht“, hatte der Psychiater zu mir gesagt und damit gemeint, dass man manche Prozesse nicht sieht, wenn man sie dringend sehen will. Da ist wohl was dran.
Ich falte meine Listen zusammen und verstaue sie im Kalender. Der nächste Therapietermin ist erst in zwei Wochen, der mit dem Psychiater in knapp 2 Monaten. Im Moment ist der wichtige Topf sowieso der mit meinem Abendbrot drin.

mein Trauma gehört mir – alles davon

Ich bin in dem Glauben erwachsen geworden, die Traumafolgestörungen mit denen ich lebe, seien eine Art Manifestation der erlebten Traumata in mir. Was mir passierte, war mir allein passiert und deshalb passierten die Symptome auch in mir allein und deshalb musste ich in die Psychiatrie, in Therapie, in die Opferrolle, in ein Leben, das nie wieder frei von der Thematik und allem, was sie mit sich bringt, sein kann.

Welche Rolle was in meinem Leben gespielt hat, ist für mich bis heute Forschungsgegenstand.
Ich schaue nicht auf die Gewalt in meinem Leben und sehe tausend Traumata, verurteile Täter_innen als schlechte Menschen und bewerte jedes schwierige Ereignis als Trauma. Wie bei einfach allem sehe ich mich vor einem riesigen Haufen von Stücken und Details, die ich mir immer wieder und wieder, ganz bewusst und in aller Anstrengung zu Kontext, zeitlicher Reihenfolge, Ursache und Wirkung zusammenpuzzeln muss, was immer oft überfordert und ein ganz eigenes traumatisierendes Potenzial in sich trägt.

Ich weiß, dass ich, was mein eigenes Leben angeht, viel viel langsamer bin als Äußere. Für mich ist nicht mit einem Blick alles klar. Für mich sind viele der Zusammenhänge von Trauma und aktuellem Leiden nicht so klar, wie man das zuweilen von mir erwartet.
Ich lebe in einer manchmal wirklich albtraumhaften Realität der Inkongruenz und Widersprüchlichkeit aus der ich nicht rauskomme, weil ich sie empfinde, sie aber nicht in mir passiert und es trotzdem von niemandem wahr.genommen wird. Damit meine ich zum Beispiel Situationen des gegenseitigen Missverstehens, die sich ja immer dadurch ergeben, dass man sich jeweils nicht auf die gleichen Dinge bezieht oder zu unterschiedlichen Schlüssen kommt, weil man unterschiedliche Vorannahmen hat oder unterschiedliche Bewertungen vornimmt.
Damit meine ich aber auch Situationen, in denen ich überfordert werde, weil man Dinge über meine Haltungen und mich annimmt, die nicht stimmen – und von mir auch nicht richtig gestellt werden können, weil man mir nicht glaubt, oder falsch interpretiert, was ich sage.

Übrigens ein Grund, weshalb ich „Loriot“ so abgrundtief traurig und schlimm finde.
Alle lachen über jemanden, der nicht aus einem Missverständnis heraus kommt oder der nicht gegen eine Struktur ankommt, die aller menschlichen Logik widerspricht, egal was er tut oder sagt. Ich habe bisher noch nicht eine Person getroffen, die in der Wahrnehmung der Grausamkeit dessen mit mir übereinstimmt oder sich wenigstens mal ein bisschen hineinfühlen kann, wie es ist, was es für einen Eindruck macht, wenn man sieht: Für andere ist das, was mein tägliches Leben im Kleinen wie im Großen, im Dringlichen, wie Brandgefährlichen im Kern ausmacht, ein Witz. Ein Moment sozialer Verbundenheit mit allen, die das auch als Witz empfinden. Etwas, das dazu beiträgt, Leichtigkeit ins Leben zu bringen. Inkongruenz ist für sie die Ausnahme. Und zwar so sehr, dass sie als Witz taugt.
Sie haben die Unaushaltbarkeit von Un- und Missverstandenheit nie als so bedrohlich, so umfassend isolierend, so traumatisierend erlebt wie ich – und sie erleben sie nicht jeden Tag in all ihrer Unauflöslichkeit, Unverhinderbarkeit, Unerträglichkeit.
”Meine Menschen” erleben das wenn, dann mit mir. Und manchmal können wir einander nähern, indem wir darüber reden, doch oft frage ich nach, lasse mir ihre Sicht erklären und nehme das an. Bis ich fertig bin, meine Sicht zu erklären – und verständlich zu machen – , bis ich fertig bin, formulieren zu können, was ich meine oder glaube oder auf welches Hintergrundwissen ich mich beziehe, ist meine Kraft vorbei oder die der anderen Person. Oder der Rahmen passt nicht oder es ist nicht wichtig genug oder das Risiko, dass wir in Streit geraten ist mir zu hoch.

Gerade Streit will ich vermeiden, weil der Grat zur Aggression und Wut für mich ein haarfeiner ist.
Meine Wut, meine Aggression wurde mir immer als Kraftquelle angerechnet, aber treffen soll sie nie jemanden. Wie meine Traumafolgesymptomatik soll ich sie fühlen, passieren soll sie aber nirgendwo.

Ich schreibe das hier gerade alles auf, weil ich – inmitten meiner Recherchen zu Autismus und Trauma – sehr stark an Traumata erinnert werde, die ich als solche nicht ausdrücken, nicht kommunizieren, nicht haben darf (read as: keine soziale Erlaubnis dafür haben), weil sie nicht die Art Trauma sind, wie sie im DSM-5 stehen.
Ich merke, dass ich noch gar nicht genug wütend war bisher. Noch gar nicht zerstörerisch, aktiv rachsüchtig, willentlich verletzend, laut, er_schreckend und brutal genug war – nicht einmal in meinen Gedanken. Ein einziges Mal war ich in den letzten Jahren so wütend, wie ich es innerlich bin und die Bestrafung folgte auf dem Fuß. Und niemand war in dem Moment für mich da. Niemand hat meine Wut legitimiert. Niemand hat meine Verzweiflung, meine Ohnmacht, die Unaushaltbarkeit der Wut und meiner Überforderung von allem, überhaupt begriffen oder irgendein Verstehen angedeutet. Das einzig Gute war, dass ich sie erschreckt habe. So hat wenigstens niemand gelacht und dass ich krasse Gefühle hatte, war eindeutig für alle.

“Mein Trauma gehört mir”, ist mir gerade ein starker Satz.
Während ich mich durch dutzende Studien arbeite, die dann zu Fußnoten hinter meinen Aussagen werden, realisiere ich, dass in der ganzen Zeit der Traumatherapien – egal, wer mich wie behandelt hat – nie eine Rolle gespielt hat, was konkret das traumatisierende Element für mich war. Immer wieder wurde und wird mir angetragen, dass die Situation an sich eine traumatisierende gewesen sei. Vergewaltigt zu werden, misshandelt, ausgebeutet zu werden kann traumatisierend sein, ja, aber es ist eben nicht nur das Geschehen dessen, sondern auch, das Erleben an sich, das traumatisieren kann.
Kein traumatisierend wirkendes Ereignis passiert allein in einer Person. Jede zwischenmenschliche Gewalt passiert zwischen Menschen.

Zwischenmenschliche Gewalt ist ein Kommunikations- und Interaktionsgeschehen.

Zu realisieren, dass unsere Interaktions- und Kommunikationsprobleme offenbar nie auch als Teil einer Traumatisierung oder als Trigger gedacht werden, fühlt sich im Moment sehr schrecklich an und ich kann gerade nicht sehen, ob ich das je vergeben kann – und will, denn es war immer und immer und immer wieder Thema. Immer wieder haben wir das auszudrücken versucht und immer wurden – und werden – wir mit der Klarstellung der Rollen in Täter_in(en) und Opfer überfahren, als wäre das alles, was dazu wichtig zu verstehen sei.
Es gibt viele Menschen, denen das hilft und reicht. Mir reicht es nicht. Am Ende meiner Auseinandersetzung mit dem, was mir passiert ist, soll kein Urteil oder eine Bewertung über die traumatisierenden Ereignisse oder die Täter_innen stehen. Ich habe bereits ein Urteil und eine Bewertung über den Umstand überhaupt traumatisiert worden zu sein, und über die Täter_innen stehen mir weder Urteil noch Bewertung zu, denn ich habe von vielen nur ihre Taten an mir erlebt, aber weiter nichts. Was ich will, ist Kontext. Ich will ein Narrativ. Ich will meine Geschichte. Ich will keinen ungeordneten Haufen Details, die sich unterschiedlich fremd und nah anfühlen, irreal, unverständlich, unlogisch und bizarr. Ich will mich in meinen Erfahrungen und mir zurechtfinden können. Dabei wird mir kein Urteil jemals helfen.

Am Dienstag hatten wir eine Online-Therapiestunde in der ich, nach einer halben Stunde, in der ich wiederholt versuchte mich und ein Thema von mir zu erklären, die Verbindung unterbrach, weil ich merkte, wie ich jeden Moment entweder ausraste und alles um mich herum oder mich selbst zerstöre. Ich hatte das Gefühl, dass die Therapeutin mir einen wesentlichen Aspekt meiner Traumatisierung wegnehmen will, indem sie meine Versuche eine andere als meine eigene Perspektive auf unser Familienleben einzunehmen, um vielleicht zu weiteren, anderen, Einschätzungen und damit auch Möglichkeiten des Verstehens zu kommen, mit dem Implizit begegnete, dass doch schon alles klar sei. Wir Opfer, die_r Täter_in, fertig. Was hat es denn da für einen Zweck noch irgendeine andere Perspektive drauf zu haben? Was sonst außer, dass da Gewalt passiert ist, könnte denn noch relevant sein?

Sie schrieb mir eine Nachricht, dass mein Verhalten inakzeptabel sei.
Ich konnte nicht anders als zu denken: “Ja, passt doch. Alles das hier ist verdammt noch mal inakzeptabel.”

31072020 – Ernte

Als wir noch in der Stadt gewohnt haben, war unsere Wohnung eine Insel. Manchmal auch ein Bunker.
Ja, wir haben den Nachbarn telefonieren gehört und wenn das Müllauto durch unsere Straße fuhr, hat alles gewackelt, aber es war ruhig. Ja, die Grünflächenpflege wurde nie angekündigt und deshalb kam das stundenlange Dröhnen der Aufsitzrasenmäher und Laubpuster stets unvermittelt – ja, das war auch da.
Aber dort wurde nie geernet. Nie mit Gülle gearbeitet. Nie hat dort jemand illegale Minimotorradselbstbauten gebastelt und Testfahrten gemacht. Um halb 8 am Abend ohne Sinn und Verstand. Keiner unserer Nachbarn war Truckfahrer. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich im Bullergeddo mal 3 Tage hintereinander immer wieder dröhnenden Krach über länger als 20 Minuten ertragen musste.

Die Ernte gerade verlangt uns wirklich viel ab. Die Nachbarn auch.
Und wir noch oben drauf. Logisch. Trauma_logisch.

Wir verlangen von uns, den Schmerz wegzudrücken. Wir verlangen uns Atemübungen ab, zählen uns runter. Aktivieren unsere Rationalität und halten sie aktiv so weit es geht. Wir tragen unseren Gehörschutz unter den noise cancelling Kopfhörern, um im Büro arbeiten zu können. Lassen nicht zu, dass uns die Motorik komplett entgleist, während links von uns eine Maschine so groß wie ein Einfamilienhaus und rechts eine kleinere Roggen ernten, direkt am Weg jemand Steine schneidet, während wir telefonieren und die Hunde links und rechts an all dem so schnell wie möglich vorbeidrängen. Mein Gang wird dennoch staksig, mein Verständnis für das, was ich sehe, verzögert sich immer weiter, wir stolpern den Weg so weit es geht, nur um zu merken, das da noch eine dritte Maschine unterwegs ist und die Welt einen Moment lang eine ausweglose Hölle. Und wir atmen, staksen, sind Kopf, Wort, Gespräch, stolz nicht zu weinen, nicht gefallen zu sein, nicht in Traumashit zu rutschen. Die Hunde noch fröhlich schnuppernd an den Leinen zu haben.

Wir gehen weiter. Da vorne ist ein Miniwäldchen. Schatten. Entfernung zu dem Krach. Endlich. Wir erwarten von uns, uns nicht zu bemitleiden, nicht zu bedauern, dass wir jetzt hier sind und nicht im Teutoburger Wald, wo durchgehend Schatten und überwiegend Waldstille ist. Wir erwarten von uns, dass wir akzeptieren, dass es so ist wie es ist und immer wieder so sein wird.

Wir haben früher schon ländlich gelebt. Da haben wir in solchen Zeiten Paracetamol überdosiert. Später Ibuprofen, weil Paracetamol ja so schlecht für die Leber ist. Damals haben wir nicht von uns verlangt, den Schmerz, der mit dauerhafter Überreizung einhergeht, einfach so zu ertragen. Da haben wir uns dazu geäußert und die Menschen haben uns gesagt, man könne da nichts dran ändern, nur damit leben. Es nervt ja alle. Von „Schmerz“ zu sprechen sei völlig übertrieben und reparaturbedürftiger Fehler in uns. Und dann haben wir angefangen uns aufzuschneiden, um den Schmerz echt zu machen. Einen Schmerz zu erleben, gegen den man etwas machen kann. Mit dem uns niemand zu leben wünscht. Den alle sehen und anerkennen. Der die Erwartungen an uns weniger statt mehr werden lässt.

Heute sind die Erwartungen an uns nicht mehr formuliert. Wir enttäuschen sie in der Regel ohne jedes Vorzeichen. Erwarten von uns, nicht so viel darüber nachzudenken, weil Erwartungen mehr mit Gewohnheit zu tun haben als damit, dass sie berechtigt sind.

Heute ist Krachtag 3. Ich habe beinahe einen Nachbarschaftskrieg angefangen, den der Freund noch rechtzeitig verhindert hat.
Er kann bei offenem Fenster schlafen, während die Erntemaschinen dröhnen und der Nachbar seinen 10 Quadratmeter-Rasen mit seinem Aufsitzmäher von 5 Millimeter Höhe auf 2 Millimeter Höhe schneidet.

Ich weiß, dass niemand von uns erwartet, mit etwas zurechtzukommen, das sich für uns zuweilen als nicht vereinbar mit dem Leben darstellt. Ich weiß das, weil ich weiß, dass es sich für die meisten nicht so anfühlt, sondern einfach nur laut. Wenn überhaupt.

24072020 – there is no psychotherapy without ableism

Über die Dauer des Umgangs mit der DIS-Diagnose zu schreiben war schmerzhaft.
Es ist keine Erfolgsgeschichte für mich. Tatsächlich ist es eine Geschichte, die mich zuweilen so wütend macht, dass ich merke, wie etwas in mir reißt und als Tränen rausbluten könnte. Würde mir das nicht so ekelhaft selbstmitleidig vorkommen. Und nichts nützen. Das noch dazu.

Ich darf nicht zu nah an die 6 Jahre Therapie in Täter_innenkontakt kommen. Erst recht nicht, wenn ich an die Behandler_innen denke, die durchaus auch darunter leiden, zu wissen, dass sie möglicherweise oder auch ganz sicher Klient_innen haben, die noch verletzt werden. Es ist nicht fair, wenn ich wütend auf unsere damaligen Behandler_innen bin. Was hätten sie machen sollen. Was hätten sie machen dürfen. Bliblablö schon tausend Mal durchgesungen dieses Lied.
Aber.
Okay ist das nicht. Und es geht nicht zusammen mit der Botschaft all der Aktionen und Kampagnen, die sich an Opfer und zu Opfern gewordene richten, mit der Botschaft, man solle sich melden oder etwas sagen. Wir haben so lange so viel gesagt und es ist nichts passiert, das so richtig grundlegend etwas verändert hat, denn am Ende sollte ich, sollten wir, als die mittellose, familienlose, zutiefst verletzte und verängstigte junge_r Erwachsene_r eine Verantwortung für uns tragen, die uns nie zuvor gelassen wurde. Es ist so unfassbar, so tief schmerzhaft das zu begreifen. Wir haben nie Verantwortung für uns selber gelernt. Die Natur der Gewalt, in der wir aufwuchsen, hat es nicht zugelassen, dass wir uns überhaupt fühlen oder wahrnehmen als jemand, die_r etwas tragen, halten – aktiv tun – kann. Die uns – ja ich schreibe das jetzt so – aufgezwungene, weil immer alternativlose – Psychotherapie hat da etwas von uns verlangt, das wir noch gar nicht konnten. Ganz banal als Fertigkeit. Als Lernergebnis.

Sich aus dem Täter_innenkontakt zu lösen, ist nicht der diffuse Wertwandel allein, als der es oft dargestellt wird. Es ist immer auch eine Entscheidung gegen die Dinge, die in der Gewaltdynamik als Privileg gelten – nicht immer geschlagen werden zum Beispiel. Oder „ja nicht immer überfordert zu werden“. Oder „zu wissen, was man machen muss, damit man nicht immer die_r ist, der_dem was passiert.“ – aber auch gegen Dinge, die von Relevanz auch außerhalb der Gewaltdynamik sind – Familienzugehörigkeit und darüber finanzielle Ressourcen, soziales Kapital und Zukunftsperspektiven zum Beispiel.
Das sind Dimensionen und Konsequenzen, die man schon als jemand ohne DIS, ohne weitere Be_Hindernisse im Leben kaum überblicken kann. Niemand weiß vorher, ob sie_r genug kann und weiß, was es braucht, um sie voll und ganz zu tragen. Niemand. Jemals.

Es gibt viele Menschen, die sagen, dass sie nach der Gewalt das Leben neu lernen mussten. Auch unsere Forschungsfrage ist ja „Wie geht Leben (mit anderen Menschen?)“. Diese Frage wird oft als Erfahrungssammlung betrachtet. Als etwas, das sich ergibt, weil man das Leben (zu leben) nach der Gewalt erfährt. Erfahrungslernen ist, was die Anpassungsmechanismen ermöglichte und hat entstehen lassen und man behandelt Gleiches mit Gleichem. Mit guten Erfahrungen gegen die schlechten. Der Lernprozess dabei wird praktisch nie wirklich konkret als Aufzählung von notwendigen Fähig- und Fertigkeiten dargestellt, sondern als das, worin sich Fähig- und Fertigkeiten zeigen.
Stichwort „Abhängigkeiten auflösen“, „Vertrauen entwickeln“ oder „erlernte Hilflosigkeit verlernen“ – die Ausgestaltung des Lernprozesses selbst und was dafür nötig ist, um zu lernen, ist jedoch nach wie vor nicht sonderlich beschrieben. Man weiß, was hilft, man weiß, was schadet, aber wie jemand lernt, die_r Lernbehinderungen kompensiert; wie jemand begreift, die_r sehr oder ausschließlich wörtlich versteht, das taucht in der Fachliteratur zur Traumabehandlung nicht auf.
Der bequeme Weg ist, behinderte Menschen und ihre traumatherapeutische Versorgung zu spezialisieren. „Ouw, da muss ein Profi dran“ dies das. „Ich hab noch nie jemand mit Behinderung behandelt.“ (LOL) oder „Das betrifft nur einige wenige“ (WTF?!) und der Weg, den Leute wie ich dann gehen, ist der von Praxis zu Praxis von Schule zu Schule, einige weitere Traumatisierungen mitnehmend und mit so einem dicken Knäuel aus Therapieerfolgen, die man sich wer weiß wie aus dem Inneren rausgekämpft hat, während man gleichzeitig eigentlich nie die Mentalisierung, nie das therapeutisch wirksame Begreifen durchlebt hat, übrig bleibend.

Ich muss mir das Gedankenspiel verbieten, wo ich heute wäre, hätte die erste Psychologin, mit der wir Kontakt hatten, mich gleich als autistische Viele erkannt. Da waren wir 12, wurden bald 13. Die letzten 5 Jahre Raketenarbeit von heute zu dem Zeitpunkt.

Ich muss es mir verbieten, weil es vergangen ist und der Gedankenkreisel darum mein Gefühl der Ohnmacht und der Wut die Wahrnehmung dessen verzerrt, was ich jetzt habe. Ich will nicht „trotzdem es nicht schon früher so kam“ dankbar und froh um das sein, was wir jetzt schaffen können. Ich will es einfach so sein.
Und gleichzeitig sind sie aber doch da. Die Konflikte mit früheren Behandler_innen, die nie in der Offenheit, der Ehrlichkeit ausgetragen worden sind, wie sie es verdient gehabt hätten – und wie ich es brauche, um sie zu beenden. Ich bin nicht nachtragend – wirklich nicht – aber ich kann unfertige Dinge nicht unfertig lassen. Dieser Aspekt des Nichtgesehenwordenseins – als die behinderte und sich in einem für andere oft unvorstellbaren Ausmaß ums Verstehen bemühende Person, die wir waren und bis heute sind, der wird gegenüber all unseren Vorbehandler_innen immer da sein und immer wehtun. Weil es für sie egal oder irrelevant war und bis heute vermutlich egal und „in Wahrheit aber…“ irrelevant ist und für mich eben 18 and counting statt 5 plus x Jahre Psychotherapie als noch sehr junge Person mit sehr viel mehr Optionen der Förderung.

Ich kann auch deshalb nicht damit abschließen, weil ich glaube, dass ich nicht allein mit dieser Biografie bin. Es macht mich traurig und wütend, wenn ich daran denke, wie viele Menschen mein Leid an dieser Welt und mein Leiden unter dieser Welt teilen, ohne zu wissen, dass es nicht darum geht, wie sie Dinge bewerten und was sie in sich wie neu beurteilen und vielleicht annehmen müssen, sondern darum, dass ganz real und wirklich die meisten Menschen um sie herum, die Welt und das Leben darin als etwas so grundlegend anderes erleben, dass sie es nicht einmal konkret beworten.
Und dann die Menschen mit einer ähnlichen Geschichte wie wir. Die wir tatsächlich auch völlig anders aufgewachsen sind als die meisten Menschen um uns herum und dann auch noch innerlich anders sind.

Es ist nicht akzeptabel, wie wenig versucht wird, behinderten Menschen eine Verbindung mit der Welt, mit der Gesellschaft zu ermöglichen und wie brachial gleichzeitig die Anpassung an diese Welt und ihre Gesellschaft aus uns rausgezwungen wird.
Es ist inakzeptabel, weil es Gewalt ist.

Auch das ein Grund für mich, nicht zu nah an die Jahresabschnitte unserer Therapiejahre zu gehen. Es sind einfach auch „sich an Gewalt-anpassen“-Jahre gewesen. Und dagegen hätten Menschen etwas tun können. Speziell ebenjene früheren Behandler_innen. Neben all der Verantwortung, die wir zu erfassen, im Kontext erkennen und verstehen, begreifen und er_tragen lernen mussten, lag unser Schutz vor Gewalt auch in ihrer Verantwortung. Wenn nicht die von denen, die uns schon als Kleinkind verletzten, so doch vor ableistisch begründeten Gewaltdynamiken.
Und ja. Ich kann anerkennen, dass sie sich selbst nun mal nie als Teil davon oder irgendwie irgendwas damit zu tun habend verstanden haben und vielleicht auch nie wirklich verstehen. Das löst aber das Problem nicht. Das macht die Gefahr, dass sie es anderen auch antun oder angetan haben, nicht weg. Es entlässt sie nicht aus der Verantwortung, sich mit den Er_Lebensrealitäten behinderter Menschen zu befassen und ihren Ableismus zu reflektieren, zu problematisieren und zu prüfen, ob Psychotherapie mit einer antiableistischen Haltung zusammen geht. So, dass sie niemandem gleichzeitig schaden und helfen. Denn: Nein, das tut es nicht. Es geht nicht. Nicht so, wie Psychotherapie konstruiert ist und durchgeführt werden soll, muss, kann, darf.
There is no psychotherapy without ableism.

08072020

Ich gehe mit den Hunden raus. In zwei bis zweieinhalb Stunden kommt die Betreuerin zu uns nach Hause und wir versuchen auf/er/ge/klärt auseinanderzugehen.
Es gab Schwierigkeiten.

Kommunikationsschwierigkeiten.
Traumafolgestörungen.

Ich habe mich vor einigen Jahren für eine freiwillige Betreuung entschieden, weil die Behördenangelegenheiten zu damals noch Eingliederungshilfe und Jobcenter immer wieder dazu geführt haben, dass ich nicht sicher und versorgt war.
Viele Menschen denken: „Ja, Behördenpost versteht eh niemand, da würde ich mir auch gern jemanden holen, die_r das für mich macht.“ Bei mir geht es aber nicht nur um Behördenpost. Es geht darum Anträge zu stellen, Antragsmöglichkeiten erklärt zu bekommen, die Auswirkungen und alternative Möglichkeiten erklärt zu bekommen. Es geht darum, dass jemand den Überblick hat und eingreift, bevor ich ohne Geld und deshalb möglicherweise ohne Wohnung und also ohne Schutz bin.

Es geht darum, dass ich Hilfe dabei habe, meine Finanzen so zu strukturieren und diesbezügliche Verpflichtungen abzuklären, dass ich Projekte wie das Blog oder das Podcast machen kann und gleichzeitig auch jede Woche beruhigt Lebensmittel einkaufen.

Es geht auch darum, dass ich jemanden an der Seite habe, die_r mich vor Behörden und anderen Stellen vertritt. Termine mit fremden Menschen an fremden Orten, zu denen ich in der Regel auch meine Assistenzhündin nicht dabei haben darf (weil öffentliche Gebäude keine öffentlichen Orte sind) stressen mich oft so sehr, dass ich nicht mehr sprechen und gehörtes nicht verarbeiten kann. Ich brauche jemanden, die_r dabei war, um mir alles eins zu eins nachzuerzählen und zu erklären, wenn ich mich wieder reguliert habe.

Diese Aufgaben erfordern viel erfolgreiche Kommunikation im Kontakt.
Ein Fehler, und sei er noch so banal im Rückblick, kann sich wie eine Laufmasche auswirken und das Bündnis zerstören.
Das ist uns hier passiert und es war nicht zu verhindern, weil man Behinderungen nicht nur mit Enthinderungen begegnen muss, sondern auch mit Strukturen, in denen man alle eigenen Fähig- und Fertigkeiten, sinnhaft einbringen kann.

In Deutschland gibt es diese Strukturen nicht.
Das frustriert mich oft, triggert mich noch öfter in altes Empfinden von Ohnmacht und Ausgeliefertsein und manchmal schaffe ich es nicht rechtzeitig, zu kommunizieren, was meine Worte und Gesten sagen und was sie nicht aus.sagen sollen.
Und manchmal denke ich auch einfach nur: „Warum the fuck bin ich eigentlich dauernd die Person, die (sich) erklärt und aufklärt und sagt. „Ja kein Problem, Sie haben es ja nicht böse gemeint“? – Nein, diesmal behalte ich meine Kraft und suche mir eine andere Person fürs Team.“

06072020

Ich sitze im Zug. Die Fahrt geht nach Bielefeld, wo meine Psychotherapeutin ihre Praxis hat.
Gut 120 Kilometer sind zu überwinden. Eineinhalb Stunden fahre ich Zug, 20 Minuten fährt der Freund mich vorher zum Bahnhof, manchmal hat er dabei selbst Arbeitstermine vor oder hinter sich.
Ich übernachte bei einer Freundin. Zwei Mal am Tag so eine Fahrt würde mich so erschöpfen, dass ich den Rest der Woche zur Erholung brauche. So dauert es nur 2 Tage bis ich wieder auf meine ganze Arbeitsfähigkeit von 3 Stunden am Tag komme.

Die Therapeutin und ich arbeiten seit 8 Jahren zusammen. Die Krankenkasse hat vielleicht 2 oder 3 davon bezahlt.
Sie ist keine DIS-Spezialistin und auch keine Autismus-Spezialistin. Sie ist eine gute Psychotherapeutin, die sich regelmäßig fortbildet, Supervision in Anspruch nimmt und in den Urlaub geht, wie sie ihn braucht. Wie selten das unter Psychotherapeut_innen ist, habe ich in aller Schmerzlichkeit erleben müssen.

Es gibt für die Psychotherapie der dissoziativen Identitätsstörung noch keinen einheitlichen Behandlungsstandard. Es gibt fundierte Empfehlungen, Behandlungserfahrungen, eine Leitlinie. Und die Behandlung, die jedes Arbeitsteam durch mühsames “Trial-and-Error” entwickelt.

Es gibt keinerlei Erwähnung von autistischen Menschen mit komplexer Traumafolgestörung in der Fachliteratur.
Bei Wirksamkeitsstudien werden Menschen mit ASS aufgrund ihrer Behinderung praktisch prinzipiell ausgeschlossen.

Wenn ich die Stufen zur Praxis hochlaufe, ist mein linker Fuß „Ich lass mich drauf ein“ und mein rechter Fuß „Ich lass mich nicht drauf ein“. In den letzten 8 Jahren endete ich immer auf dem linken Fuß vor der Tür mit ihrem Namen am Klingelschild. Die Praxis ist einige Male umgezogen. Jedes Mal hatte ich Panik, was passieren würde, wäre es eine Stufenanzahl, die mich auf rechts landen lässt.

Ich habe ihr nie davon erzählt.

sich im Schmerz zu Hause fühlen

Tag 4 mit einem Körper-Gefühl-Flashback, der nicht aufhört.
Wenn ich einschlafe oder zur Ruhe komme, wird es schlimmer. Will ich einen Gedanken konstruieren oder gar festhalten, zerreißt etwas in mir.

Die Sonne scheint, der Wind fährt mal sachte mal ordentlich über die Haut. Die Kätzchen sind zuweilen so aktiv, dass es aus der Scheune rumpelt. Gisela und/oder Bert sitzen mit großer Ausdauer in ihrem Nest. Die Hunde kommen und gehen, zum Schmusen oder zum Spielen. Die Pflanzen wachsen, blühen, tragen Früchte oder Samenkapseln. Eine der Staudenbestellungen im Frühling ist jetzt angekommen. Kleine Babystrubbel, die am Wochenende ihre Füße in unseren Garten stecken können. Heute Nachmittag werden wir zusehen, wie jemand junge Schleiereulen beringt. Alles ist so toll.

Und alles ist so furchtbar, denn mein Körper signalisiert mir akut bedrohlichen Schmerz. Und Schmerz. Und Schmerz. Er ist so durch_dringend, dass es mich verwirrt, wie einfach ich mich gleichzeitig aber bewegen kann. Wie ich doch lebe, wie doch alles geht und niemand da ist, der mir das antut. Wie es keine Quelle für dieses Empfinden gibt, außer meiner Erinnerung bzw. “Erinnerung”. Wohler würde ich mich damit fühlen es “Gedanken” zu nennen, aber ja blabla Vermeidungstanz nein, das machen wir jetzt nicht, aber doch, es fühlt sich stimmiger an.

Ich habe noch nicht viel gemacht, um den Flashback zu beenden, aber das heißt nicht, dass ich es nicht anders will.
Auf eine verwirrend fremde Art fühlt es sich kongruent an, diesen Schmerz zu erleben. In all seiner Furchtbarkeit und in aller Not, die er bedeutet. Ich weiß, dass ich ihn nicht verdient habe, weiß auch, dass stimmt, was die Therapeutin an Tag 0 des Flashbacks sagte: “Schmerz ist Schmerz”.
Er ist eine Konstante.
In all dem, was dieser Flashback mit sich bringt – Bilder, Gedankenfetzen, Impulse, Informationsbrocken, die mir wie zufällig in den Sinn kommen und ab und zu sogar Sinn ergeben – ist er da und ein eindeutiger Ausgangspunkt. Viel eindeutiger als HeuteHierjetzt, obwohl – ja, mega merkwürdig – wir da durchaus einige andere starke Ausgangspunkte haben. Aber die tun nicht weh, die sind nur da.

Andererseits ist genau das die Tücke. Sich im Schmerz zu Hause fühlen, sich darin sicher und klar fühlen, ist so alt. Übersetzt: so früh(kindlich).

Text mit einer weirden Metapher zum Vielesein

Zwischen dem Haupttrieb einer Tomatenpflanze und ihren Austrieben entwickeln sich im Lauf der Zeit Geiztriebe. Wenn man viele Früchte ernten will, dann soll man seine Tomatenpflanze zur Eintriebigkeit erziehen und diese Geiztriebe abknipsen.

Unsere Vielheit kam mir immer so vor. Wir sind einfach viele, schießen und sprießen aus allen Leerstellen, verbuschen und stabilisieren das, was wir sind. Viel von dem was wir tun und uns erarbeiten ist, zulassen zu können, dass es Leerräume und einen starken Haupttrieb gibt. Wir erziehen uns zur Wenigertriebigkeit.

Ich merke selber, dass dieser Texteinstieg irgendwie beknackt ist, aber
Ja, doch so ist es.

So ist Überleben und am Leben sein und so ist Funktionieren in einer Welt, in der das eigene Amlebensein längst nicht reicht, um darin gesichert zu sein. Alle werden wir hier und da ausgegeizt, zurechtgestutzt und immer wieder neu verpflanzt. Krippe, Kindergarten, Grundschule, weiterführende, Beruf oder Uni – einpflanzen, umpflanzen, ernten, wieder neu einpflanzen…
Wir werden alle dazu gezwungen zu produzieren, wir selbst sind das Produkt. Das ist kein negatives Weltbild, das ist Kapitalismus, das ist die Welt, die Gesellschaft, in der unser aller Leben passiert.

Wir arbeiten uns gerade an Erinnerungen ab, die mit einem Kontext zu tun haben, den wir in der Therapie bisher nie besprechen konnten. Sehr frühe Traumatisierungen, die systembildende Auswirkungen hatten und damit auch Basis von uns allen sind.
Für mich fühlt sich das nicht nach einer Sache an, für die ich viel Mut aufbringe und dann besser im Leben klarkomme. Diesmal werde ich nichts ernten könnten, das mich in einen Beruf bringt, in Produktivität, in schützende Unauffälligkeit, in eine Perspektive auf mich und mein, unser Leben, die mich von Kraft und Zuversicht erfüllt.

Diesmal ist es schlimm und ich merke, in welchem Ausmaß ich nicht genug dafür bin. Obwohl ich schon alles weiß. Weiß, dass man das schaffen kann. Weiß, dass das geht. Weiß, dass es auch nötig ist, um unser Amlebensein so selbstbestimmt zu gestalten, wie wir das wollen. Ich weiß aber auch, dass ich kein Wissen darüber habe, wie man Geiztriebe, die genauso stabil, genauso kraftvoll, genauso produktiv wie der Hauptrieb sind, abknipst, ohne eine Wunde zu hinterlassen, die nicht mehr heilen kann.

der neue Lebenstag

Vor einem Jahr hat die Standesbeamtin unsere Namensurkunde erstellt. Diesen Tag feiern wir nun als unseren Geburtstag.

Man kann eine Geburt an vielem festmachen und vielleicht ist es merkwürdig, einen bürokratischen Akt damit zu verbinden, doch ist es die Bürokratie, die uns immer wieder an die Herkunftsfamilie gebunden hat und immer wieder zu binden versucht.
Seit einem Jahr haben wir unsere Geburtsurkunde, haben wir eine Namensänderungsurkunde. Den Grundstock für das eigene bürokratische Ich, das erste Blatt im eigenen Familienstammbuch.
Jetzt gibt es nicht mehr die Person, die von den Eltern benannt wurde, sondern uns, die wir uns selber benennen, die ihre Kinder benennt, die ihren Ehestatus beurkundet, die irgendwann stirbt und dann vielleicht noch jemanden hat, die_r die Sterbeurkunde dazuheftet. Es ist nicht die Scheidung von der Familie, die wir für uns wollen und vom Staat fordern, aber immerhin ein signifikanter Abbruch vom Familien°stammbaum. Ein Ableger, der sich die Umgebung zur Weiterentwicklung selbst ausgesucht hat.

Manchmal kommt mir das auch wie ein Verrat an dem Kind der Eltern vor. Als hätten wir es verlassen und aufgegeben. Wir versuchen gar nicht erst, uns dieses Empfinden zu beruhigen oder wegzumachen. Es stimmt ja. Es ist ja ganz real nie eine echte Lösung aus und von dem, was unseren Geburtsnamen so problematisch für uns (ge)macht (hat) gewesen, sondern ein Kompromiss, eine Möglichkeit, für die wir uns entscheiden konnten, um die Lösungs- und Er_Lebenswege zu erschließen, die sich ergeben, wenn man sich nicht mit jeder Ansprache direkt in Verbotsdruck oder dem Gefühl der absoluten Grenzübertretung befindet.

Wir sind heute nicht frank und frei, glücklich und zufrieden mit allem, was die Namensänderung bedeutet. Aber franker und freier, glücklicher und zufriedener als wir es vorher waren.
Wir haben das Gefühl, eine Entwicklung angestoßen zu haben, die vorher nicht möglich war. Das Begreifen, dass wir nichts mehr für das Kind tun können, sondern nur noch für die erwachsene Person, die es geworden ist.