und so viel schlimmer

Manchmal ist es wie eine Art innere Schwerelosigkeit.
Wie in einem Film mit langsamer Kameraführung, fast unmerklichen Eigenbewegungen der Objekte und subtilen Hinweisen auf die Anwesenheit eines Subjekts. Ein flatterndes Atemgeräusch, ein diffuser Farbfilm über allem, ein surrealer Anblick bekannter Gegenstände.

Es ist schwer nicht darin aufzugehen. Es tut nicht weh, es gibt keine Gedanken, es ist weder leicht noch belastend. Es ist einfach nur Sein ohne Anfang oder Ziel, ohne Funktion, ohne Rahmen, ohne all das Musskannsoll, das man als stetiges TickTack im Leben hat.
Es ist nicht schön. Es ist kein watteweicher Traum, in dem alles besser ist, als in “der Realität ™”.
Es ist einfach nur ein Zustand.
Ein dissoziativer Zustand.

Manchmal gehe ich aus Therapiestunden, in denen wir über traumatisierende Erfahrungen gesprochen haben, mit diesem Gefühl. Nicht komplett, aber schon so, dass mich die Welt auf dem Heimweg weder verletzt noch erschreckt, noch vereinnahmen kann.
Ich denke mir das wie eine Art Betäubung, denn zwischen dem Zimmer der Therapeutin und unser Wohnung mit NakNak*, Sicherheit und Stille, passiert die Welt mit ihrem Lauf der Dinge.

Es ist ein Geschehen, das mir das, was wir in der Stunde angestoßen haben, mit einem Schlag wieder entreißen kann. Ein Geschehen, das weder Raum noch Begreifen davon hat, was ich nach so einer Stunde von A nach B trage. Ein Geschehen, von dem ich mich so getragen fühle, dass ich mich auf dem Rad und in der Mitte von betäubtem Sein und nach außen achtsamem Handeln halten kann. Weil es immer gleich ist. Immer gleich rücksichtslos. Immer gleich unabhängig von mir. Immer gleich anfassbar, wie nach mir greifend.

Zuhause lässt es nach.
Da ist NakNak* die ihre Wange an meine Wange drückt und sich wieder einrollt, um zu schlafen.
Zuhause greift die innere Schwerkraft und die kleinen in der Stunde hochgewirbelten Teilchen sinken ab. Ich weiß, dass ich weder still auf meinem Platz sitzen, noch irgendetwas tun sollte, das mich sehr fordert.
Werde ich still und stumm, werde ich starr und das Erinnern absorbiert mich.
Werde ich mit vielen Reizen gleichzeitig konfrontiert, verliere ich den Faden zum Stundeninhalt und damit einen neuen Bezug zu mir selbst.

Ich weiß nicht, ob diese Zeit des Absinkens die eigentliche Verarbeitung ist. Manchmal kommt es mir so vor, denn ich merke Veränderungen an der Art, wie ich über die Dinge nachdenke.
Nicht komplett anders. Aber anders.

Zwischendurch rutsche ich ab und merke das.
Zum Beispiel esse ich dann etwas und erlebe, wie ich zwar die Gabel halte und führe, aber nicht esse.
Manchmal ist es so, als würde sich da etwas durch mich hindurch in das Heute und mich hineinweben. Und manchmal ist es, als würde mich etwas in das Früher hineinflechten, um ein Loch zu schließen oder einen Weg zu ebnen.

Wir kriegen Fieber nach solchen Stunden.
Es steigt schnell an, hält sich eine Weile und versickert von allein wieder.
Und wir tun was man tut, wenn man Fieber hat.
Viel trinken, liegen, schlafen, Ruhe und eine Art Sein im Selbst, weshalb ich mich frage, ob es vielleicht nur diese Funktion hat.
Also, dafür zu sorgen, dass ich weder körperlich noch geistig in der Lage dazu bin, irgendetwas mehr als das zu erfahren, was dann ist. Nämlich die äußere Ruhe (Sicherheit) und das Innere, das miteinander Geteilte und manchmal auch die Innens selbst, die ihren Weg aus dem Früher ins Heute gehen und sich mal hier und mal da abstützen, verwirrt stehen bleiben, warten, suchen, Versicherung in der äußeren Stille finden und weitergehen.

Jedes Mal wenn mir das passiert, denke ich, dass ich dachte, das hinter mir gelassen zu haben:
Den Körper als eine Art Schale oder Kostüm zu empfinden, das sich andere Innens nehmen können, um mein Heute zu erfahren.
Und dann muss ich mich doch wieder plötzlich übergeben, weinen oder anpinkeln und ähnliches, ohne etwas dagegen tun zu können. Weil ich zwar da bin und verstehe, warum das passiert, aber dann doch genauso nicht gegen diese Art der alten, heute plötzlich einfach möglichen, Reflexe ankomme, wie es den beteiligten Innens damals nicht möglich war.

Das ist, was ich an der Therapie so hasse.
Was ich immer vermeiden will, weil es immer wieder diese Momente so bodenlosen Kontrollverlustes gibt.
Nie lange, nie “wirklich” schlimm – also, in dem Sinne, dass es irgendwelche Auswirkungen auf das ganze Leben hat oder größere Schäden verursacht – aber schon so, dass ich neben dem in der Therapiestunde selbst erlangten Verstehen von einer früheren Situation, auch ein Begreifen von der Unausweichlichkeit und der Wucht einer äußeren Überlegenheit uns~mir gegenüber in ebenjener Situation bekomme.

Viele sein ist kein Gedankenspiel. Jedenfalls nicht nur. Manchmal spielen spontane Assoziationen während einer traumatisierenden Erfahrung eine Rolle, ja, aber es ist nicht so, dass man sich dann da reinsteigert und irgendwann glaubt, man selbst sei jemand anders.
Jedenfalls ist das nicht, wie wir viele sind bzw. wie wir die Entstehung von (ganzen) Innens rekonstruieren können.

Ich erlebe mich selbst, wie ich mich erlebe. Ich bin ich und bin darin konsistent. Mein Ich beginnt in dem Moment, in dem ich gefragt wurde, wer ich bin und endet dort, wo ich weiß, was ich mag und was nicht; was ich kann und was nicht; in welchen Situationen ich kompetent bin und in welchen ich eher Unterstützung brauche und warum das für mich problematisch ist.
Ich weiß, was ich erlebt habe und was nicht. Ich kenne meinen Kosmos und merke mal mehr mal weniger deutlich, wo der eines anderen Innens beginnt.

Für mich gab es nie einen Anlass (oder sollte ich sagen: die Möglichkeit?) mir einzureden, dass ich jemand anderes bin.
Denn: Ich bin allein entstanden. Da war niemand anderes. Da war nichts und niemand. Außer mir.
Mein Kosmos war mit mir und dem weißen Rauschen, das Gehirne sich machen, wenn sie nicht stimuliert werden, befüllt. Ich weiß noch genau, was ich damals gedacht habe und ich weiß noch genau, dass es zu keinem Zeitpunkt jemals war: “Also, ich bin die K. und ich bin x Jahre alt und …”.

Für mich ist das ein relevanter Aspekt meines Selbst_Verständnisses. Denn manchmal denke ich, dass von mir erwartet wird, einen Schritt zu machen, der mich negiert, wenn es um die Erfahrungen anderer Innens geht. Als sei die Anerkennung ihrer Erfahrungen gleichzusetzen mit einer Anerkennung eigener Erfahrungen.  Als wären ihre Erfahrungen gleichermaßen auch meine.

Das ist der Punkt an dem die Pathologie greift. An dem mein Empfinden als krankhaft bzw. gestört oder verzerrt oder verschoben … verrückt eingeordnet wird. Denn die Erfahrung hat immer ein Körper gemacht. Der Körper, in dem sowohl ich drin bin, als auch die anderen Innens.
Das ist aber auch der Punkt an dem ich bin, wie ich bin. Wer ich bin und was ich als mir zugehörig empfinde – und was eben nicht. Auch wenn es krank, gestört, verrückt, falsch ist. Auch wenn es sich der Logik von Körper-Seele-Geist-Verbund entzieht. Für mich fühlt es sich rund an. So, wie es eben ist, ich zu sein und die Erfahrungen, die ich gemacht habe, gemacht zu haben.

Die Zeit im Fieber reißt mir das auseinander.
Da verstärken sich gemeinsame Erfahrungsqualitäten so sehr, dass unscharf wird, was zu meiner Erfahrung im Jahr XY, mit Verlauf AB, Ende X und Auswirkung Z im Heute gehört – und was zu dem, was das Innen mir aus einer ganz anderen Zeit, ganz anderem Verlauf usw. mitge_teilt hat, gehört.
Meine Selbst_Sicherheit wird erschüttert. Mein Selbst_Bild verändert, ohne, dass ich konkret sagen könnte inwiefern genau. Mein Verständnis für das Innen und dessen Gefühle, Wünsche, Impulse, Gedanken und Empfindungen wird zu einem Mit-ihm-Mit_Empfinden, Mit_Fühlen, Mit_Leiden.

Aus meiner Klarheit um meine Erfahrungen wird etwas, was die Erfahrungen des anderen Innens mitmeint.
Obwohl es nicht die gleichen sind. Obwohl da eine Linie bleibt, die mich von ihm trennt und Unterschiede aufzeigt.

Mir kommt das viel verrückter, kränker, durchgeknallter, schlimmer vor, als das, womit ich vorher umgegangen bin.

Ich merke jedes Mal, wie ich anfange mich zu bemitleiden, weil ich zu Bruchstücken des Mit_Geteilten auf einmal Gefühle und spontane Erinnerungen, die daneben stehen, habe – aber ganz sicher weiß, dass sie vorher nicht da waren.
Jedes Mal denke ich, dass ich jetzt wirklich durchknalle – dass ich jetzt wirklich richtig auf irgendeinen scheiß Psychotrick reingefallen bin, der mich verwirrt, mich verändert, in mich reingegriffen und völlig verdreht hat. Jedes Mal rutsche ich in die klassische False Memory-Argumentation der “von Therapeuten gemachten Erinnerungen” und falle von dort zurück in die (alten) Ohnmachtsgefühle vor äußeren Überlegenheiten.
Ich merke, wie ich vor mir selbst zum Opfer werde, weil meine innere Konsistenz aufgeweicht ist. Merke, wie wichtig es ist, mich zu orientieren.

Und merke dann, wenn ich klar weiß, was los ist, wie um noch viele Grade mehr schlimmer alles ist, weil es einfach ist, wie es ist.
Gerade weil, ohne dass irgendjemand irgendwas mit mir gemacht hat, das Erinnern bzw. der Prozess der Verarbeitung und inneren Kontextualisierung passiert und zu mir gehört und etwas mit mir macht, weil es das jetzt – hier und heute – kann.

Es ist schlimmer, weil ich mich nicht aktiv dafür entscheiden und, weil ich es nicht aktiv gestalten kann. Ich kann es nur aktiv verhindern und aktiv kaputt machen. Ich weiß, was mich rausreißen würde. Wie ich das alles von mir fernhalten kann. Beziehungsweise, wie ich mir einreden kann, dass ich es kann, bis ich es glaube, weil ich nicht mehr darüber nachdenke, sondern über tausend andere Dinge und Wahrheiten.

Doch mit einer Körpertemperatur zwischen 39 und 40 Grad ist so etwas einfach mörderisch.
Es ist leichter für mich dann liegen zu bleiben. Mich der Fürsorge aus dem Innen zu übergeben und zu glauben, wenn es mir sagt, dass alles in Ordnung ist und ich einfach nur liegen bleiben kann und nichts passieren wird, das mich zerstört. Dass wir das schon kennen. Dass wir einen Umgang damit haben. Dass wir nicht allein sind. Dass wir jederzeit fragen können, ob noch da ist, wen wir da zu wissen brauchen. Dass es echt war. Dass es eine echte Erfahrung war. Dass sie vorbei ist.

Das ist so viel leichter, als zu denken, dass es vielleicht einfach nur so irgendwas ist war vielleicht – keine Ahnung – anderes Innen – irgendwie… ach keine Ahnung – egal – oh guck ein Schmetterling!

Und so viel schlimmer.

Traumascheiß

Und dann hatte ich gezielt und abgedrückt.
Den Anblick eingefangen. Die grau-blaue Hand mit den dunklen Fingernägeln, die an mir dranhing, obwohl sie jemand anderem gehört.

“Geht das schon wieder los”, dachte ich und versuchte mit genervtem Ausatmen genug Abstand zu gewinnen. Für meinen jagenden Puls. Die Enge im Oberkörper. Diese Starre im Kiefer. Im Nacken. Den Impuls wegzulaufen. “Was soll denn dieser Scheiß?!”, dachte ich und richtete mein Unverständnis wie eine Mauer vor diesen Übergriff auf mich. Diese Ansteckung. Diesen Virus, der sich etwas von mir nehmen will, was ich ihm nicht geben will.
Meine Anerkennung. Meinen Glauben an so etwas wie eine eigene Beteiligung an DEM DA

Vor ein paar Jahren habe ich aufgehört Armbanduhren zu tragen. Armbänder zu tragen.
Mein Haargummi am Handgelenk dabei zu haben.
Ich hatte jedes Mal unaushaltbaren Brechreiz empfunden, wenn ich etwas an meinen Handgelenken spürte. An einem Tag war das einfach so da. Von jetzt auf gleich.
Dabei bin ich auf eine jederzeit verfügbare Uhr angewiesen.
Dabei finde ich Armbänder ganz hübsch.

Das hat sich nicht verändert in den letzten Jahren.

Seit ein paar Monaten werden meine Hände plötzlich kalt.
Dann grau-blau. Dann taub. Einfach so.
Manchmal schrumpeln sie auch zusammen. Dann bleibt meine Haut stehen, als hätte ich seit Tagen nicht getrunken oder gegessen.
Ich kann sie bewegen. Es tut nicht weh. Mir geht es gut.

Ich wollte mich gegen Wände schmeißen und an ihnen hinunter rutschen, als es wieder passierte.
Außer dieses eine wehrhafte “Nein.” fällt mir nichts dazu ein. Dieses “Nein.”, das in seiner langen Version die Abwehr von Anerkennung und Glaube; in seiner kurzen Version das Schmerzmoment, durch das ich mich hindurchkrampfe, ist.

Ich wollte mich nicht verletzen.
Wollte die Stille in meiner Wohnung nicht mit diesem Inferno in mir verdrecken.
Ich machte ein Foto und rannte in den Wald.
Stopfte mir das Leben ins Maul und pumpte mich damit auf.

Da verschwand er wieder.
Dieser Traumascheiß.

Fundstücke #42

Die Emma ist mal wieder Thema. Als eine dieser Netzfeminist_innen™, komme ich irgendwie nie darum herum davon berührt zu werden, denn Tritte in den Rücken tun eben das, was sie tun sollen: treffen. Und fühlt sich eine_r getroffen, dann wird in meinem Umfeld darüber gesprochen. Und wird darüber gesprochen, dann nehme ich Anteil daran.

Mir ist aber gerade etwas aufgefallen, das mir neulich schon durch den Kopf ging, als ich einen Kommentar zu einem Text über Sexualassistenz aus der Emma las. Natürlich ist Sexualassistenz für Schwarzerfeministinnen gleich Prostitution und unter keinerlei Umständen jemals das, was es für andere Menschen ist.
Da gibt es auch nichts zu diskutieren oder gar zu differenzieren, denn da gibt es ja diese Redaktion, die für uns urteilt.
Uns – den Rest der Gesellschaft. Uns, die konkret Betroffenen. Uns, deren Blick ja völlig und immer komplett verwirrt ist von “dem Patriarchat”. Uns, den Jungen, die sich den Respekt und die offenen Ohren erstmal erarbeiten/erkämpfen/verdienen müssen, um es überhaupt wert zu sein ernstgenommen, anerkannt und respektvoll behandelt zu werden. Uns, den Anderen, die erstmal ihre Gleichartigkeit vorzeigen müssen, ohne jedoch das Gleichersein dieser Menschen in Frage zu stellen oder zu kritisieren.

Das ist das alte Emma-Alice Schwarzer-Problem: Gewaltreproduktion, die weder hinterfragbar noch kritisierbar ist.
Für mich braucht es nicht mehr, um diese Strömung der feministischen Bewegung zu meiden. Wer es nicht schafft, der Freiheit eines_einer Einzelnen einen Platz in der Freiheit aller zuzusichern, vertritt für mich nicht das, was ich mir für das gesamtgesellschaftliche Miteinander wünsche.
Soviel dazu.

Aber.
Interessant ist eine Parallele zu dem Ding, das wir letztes Jahr in der Klinik erlebten.
Das Verbot zu bloggen. Die Unmöglichkeit die Behandlungen wegzulassen, die weder gut taten noch hilfreich waren. Die unerwartete Schwierigkeit daran, selbst zu definieren, welche Themen dran sind und welche nicht.
Wir haben uns damit zurückgehalten von Bevormundung zu sprechen, denn wir haben uns nicht wie ein Kind behandelt gefühlt, sondern wie der letzte Dreck. Nämlich entwaffnet (das Ausdrucksverbot), erpresst (“Wenn du nicht mitmachst, wie wir das bestimmen (weil wir das können), dann …”) und entrechtet (“Du hast hier gar nichts mitzubestimmen, weil was du willst, ist alles Ergebnis deiner Krankheit/Traumatisierung/falschen Sozialisierung, was dich deiner Rechte entlässt.”).

Die Logik ist: “Wir sind normal – wir sind erfahrene Menschenlebenretter_innen – wir sind die, die es durchschaut haben– wir reißen uns schon länger den Arsch auf als andere – wir sind die Liga der Selbstgerechten – wir sind DIE GUTEN – scheiß auf den Rest. Scheiß auf die Anderen. Die sind eh in der Minderheit. Minderheiten ey! Weiß man ja eh drüber Bescheid… wir wissen ja nämlich sowieso alles. WIR! DIE GUTEN!!!”.
Ok ok – jetzt hab ich mich hinreißen lassen.
Trotzdem.
Das ist die Logik, die bei mir ankommt als unterlegene Einzelperson, die sich so einem Kollegium (Kollektiv) gegenüber sieht.
Völlig gleichgültig, ob sie selbst das so wollen. Völlig egal, wie sie sich selbst sehen.

Es ist Selbstgerechtigkeit. Es ist Ignoranz. Es ist das Gegenteil von Dialog.
Es ist Gewalt.

Das Tragische für mich ist dabei, so alternativlos zu sein bzw. überwiegend mit dieser Haltung konfrontiert zu werden.
So wie ich ständig Abgrenzungsarbeit dahingehend leisten muss, dass ich in meinen feministischen Idealen weit von denen einer A. Schwarzer abweiche, muss ich das als Speaker_in zum Thema Trauma und Viele-Sein ebenfalls immer wieder in Bezug auf verschiedene Größen der Szene tun.
Während mir das aber bei feministischer Auseinandersetzung nichts ausmacht, weil es um einen gesellschaftlichen Diskurs geht, ist es in Bezug auf diesen Arm der Traumaszene jedoch ganz offensichtlich problematisch.
Denn trotz allem, was mir zugetraut wird, um als Bedrohung zu gelten oder so wahrgenommen zu werden, bin ich eben doch nur ich allein, denn für niemanden sonst spreche/schreibe/arbeite ich.

In einer Diskussion würde man es drehen, wie Frau Schwarzer ihre “Kritiken” dreht: am Individuum festgemacht, basierend auf unreflektiertem Begreifen, gewaltvoll durch stringentes Vermeiden von respektvollem Dialog und ganz zuletzt runtergebrochen auf die ewig gleichen Egopfeiler, die entlang von Privilegien gewachsen sind, die ich in meinem Leben vermutlich nie inne haben werde.

So bedroht sich (selbsternannte) Mehrheiten allgemein von real greifbaren Individuen fühlen, so viel Fremdscham empfinde ich vor diesem Bedrohungsgefühl. Gerade dann, wenn es zu gewaltvollem Handeln, wie dem Aussprechen von Verboten oder öffentlicher Verurteilung einer Person kommt, die schlimmstenfalls auch noch ganz andere Menschen treffen und abmahnen soll.

Und am Ende?
Am Ende ist es tragisch, weil eine Spaltung besteht und bleibt.
Weil ein Miteinander unmöglich wird.
Weil es weh tut, selbst dann, wenn man einander nicht braucht.

Weil es Gewalt ist und bleibt.

Erinnern erinnern

“Vielleicht geht es darum, dass sie ein kleines Mädchen ist.”.
Der Satz hing wie ein Netz im Raum und blieb an mir kleben, als ich ihn verließ.

Ich habe sie nie als kleines Mädchen gesehen.
Klein, ja – aber nicht klein klein, sondern jung klein. Jung™ klein, weil sie schon sehr lange jung ist.
Innenkinder-jungklein eben.

Sie sagt, sie sei kein Mädchen und irgendwie tröstet mich das, weil es mich davon befreit, sie jetzt als ein “kleines Mädchen” zu sehen, wo mir klar wird, dass ich sie anders sehen könnte.

Es gab in der letzten Zeit schwierige Momente für sie und uns mit ihr in unserem gemeinsamen Er.Leben.
An einer Stelle ist es Entwicklung und an einer anderen ist es Erinnern.
Ich habe sie immer nur von der Entwicklungsseite aus gesehen.
Das erscheint mir logisch, denn auch Außenkinder sehe ich häufig so.
Kinder können viele Dinge noch nicht, die Erwachsene können und Kinder können noch viele Dinge, die Erwachsene verlernt haben.

Für mich ist sie eine Entwicklungshelferin für Kinderinnens, die mir soweit vorangegangen sind, dass ich sie weder höre, noch sehe, noch spüre.
Wenn ich sie sehe, sehe ich sie im Austausch. Sehe, wie sie Heute nach innen balanciert und die Wärme des Jetzt ausbreitet, wenn das nötig ist.
Ich glaube nicht, dass ihr mal jemand gesagt hat, sie müsse das tun. Ich glaube, das ist die Rolle, die ihr einfach zugefallen ist, weil sie mit ihrer zutraulichen Neugier in anderen Menschen die Hoffnung auf eine gute Entwicklung von uns als schwertraumatisierten Einsmenschen weckt und aufrechterhält.

Ich habe mich in den letzten Jahren zugegebenermaßen sehr daran gewöhnt, dass, wenn “irgendwas mit ihr ist”, es eigentlich dann doch nie um sie geht, sondern immer um eines der Kinderinnens, die weder sprechen noch kommunizieren können oder um Innens, die sie als Kanal nach Außen missbrauchen, weil das ihre Art ist, sich selbst zu spüren.
Jetzt klingt das seltsam, aber es hat für mich Sinn ergeben.
Schließlich ist es bei mir auch häufig so, dass ich eigentlich nie “irgendwas hab” (außer vielleicht ein paar Ego-Mimimis, die sich mit ein bisschen selbstkritischer Arschtreterei von selbst erledigen), sondern immer andere Innens hinter mir, die mich brauchen, wenn sie “irgendwas haben”.

Ich habe sie immer als eine Art Frontgängerin wie mich gesehen.
Und mich nie gefragt, warum sie immer noch jung ist.

Und jetzt fällt es mir auf. Und geht nicht mehr weg.
Plötzlich ist sie klein und jung und zart und “ein Kleines” – wie all die anderen Kleinen und Zarten und Jungen, um die ich mir immer nur dann Gedanken mache, wenn sie stören, weil sie nicht entwickelt oder in einem Erinnern sind, das mich nicht mitbeinhaltet.

Und gleichzeitig denke ich: “Scheiße – jetzt muss ich für sie da sein und damit irgendwie auch für alle, für die sie immer da ist.”
und merke, wie mich die Überforderung auf dem Frühstücksteller liegen hat.

Als ich mit der Therapeutin darüber spreche, sagt diese, es überrasche sie, wie ich darüber rede, als hätte all das, was mit der Kleinen zu tun hat, nichts mit mir zu tun.

Wieder kann ich darauf nur mit den Schultern zucken.
Die Kleine ist die Kleine und ich bin ich. Das war schon so, lange bevor ich wusste, dass sie ein Ich hat, das neben meinem passiert.

Es ist nicht überraschend für mich schon wieder etwas, was für die Therapeutin und andere Menschen vielleicht auch, so offensichtlich ist, nicht zu sehen, nicht greifen zu können und nur als gegeben anerkennen zu können, weil es mir gesagt wird.
Es ist nicht überraschend für mich, an dieser Stelle schon wieder zu versagen.
Schon wieder und immer noch.

Mit diesem Versagen kriecht mir der letzte Pfeil von (…) aus dem Bauchraum hoch in die Kehle. Diese Mischung aus „Du kriegst alles geschenkt und ruhst dich darauf aus“ und „Du bist so erbärmlich (wie du davor versagst, mit all der Hilfe) nichts Vernünftiges hinzukriegen“, die ich so gut kenne und so gut umwandeln kann, um überhaupt noch in Therapie und Unterstützungsersuchen zu bleiben.

Mir ist bewusst, dass mein Blick auf unser aller Entwicklungsseiten nicht mein eigener ist. Es ist einfach nur der, den ich am meisten verinnerlicht habe, weil er mir am meisten Material zum Handeln offenbart.
Erinnern macht mich ohnmächtig.
Erinnern macht mich klein, zart, zittrig. Zu schwach, um mich zu wehren, wegzulaufen, mich selbst zu tragen.

Erinnern macht mich zu einem kleinen Mädchen, das kein Mädchen ist und nicht genug Kraft aufbringen kann, um mehr als einen Namen um das eigene Ich zu spannen.
Erinnern macht mich passiv.
Wenn ich erinnere, werde ich zum Hassobjekt für andere.
Und bringe uns alle damit in Gefahr.
Verlassen zu werden, verletzt zu werden, einen Kampf ums eigene Leben führen zu müssen.

Das ist kein Denken. Keine Überlegung. Nicht das Ergebnis einer Berechnung.
Das ist Erfahrung und damit eine dieser Wahrheiten, die nicht durch Gegenbeweise oder G’ttertrauen veränderbar ist.

Manchmal hilft es mir, zu erkennen, dass es um Erinnerungen geht.
Dass auch Erinnern eine Erfahrung ist, die ich schon gemacht habe und an die ich mich erinnern kann.

Wie ich mich schon einmal erinnert habe und jemand da war.
Wie ich schon einmal erinnert habe und meinen Namen und Worte um m.Ich und eine Erfahrung spannen konnte.
Wie ich mich schon einmal erinnert habe und dann ganz allein durch ein Heute, das Heute ist, gehen konnte, um all die Dinge zu tun, die ich tun kann.

Es hilft mir, nicht zu vergessen, dass Aktivität und Passivität, Erinnern und Handeln keine absoluten Zustände sind.
Dass ich nicht weniger werde, wenn meine Aktivität weniger ist.

Dass ich bin, auch wenn ein anderes Ich erinnert.
Dass ich bin, auch wenn ich erinnere.

Heute ist wie gestern. Nur anders.

“Ich habe da auch überhaupt keine Ahnung von.”, sagte unsere Hausärztin und drückte sich die Schultern gegen ihre Ohrläppchen.
Sie meinte dissoziative Krampfanfälle und vielleicht auch Kampfanfälle im Allgemeinen.
Ähnliches hatte unsere Neurologin, die als unsere Psychiaterin im Helfernetz auftritt, gesagt, als wir zuletzt vermehrt Krampfanfälle und motorische Tics hatten. Sie empfahl uns zu einem anderen Neurologen zu gehen. Einem, der sich besser auskennt und eine entspreche Wartezeit für Termine hat.

Und letztlich auch nicht mehr sagen konnte als: “Alles psychisch – ich kann da nichts machen.”

Wir sind dankbar für die Ehrlichkeit mit der uns das gesagt wird. Es ist uns lieber gleich zu wissen, dass wir nicht mit Kompetenzen und Hilfe rechnen können, als zu glauben, sie wäre da und in dieser Annahme enttäuscht zu werden.
Es ist aber auch schlimm, denn “alles psychisch” bedeutet “alles in deiner Psyche begründet” und eben nicht “alles in etwas begründet, worauf deine Psyche reagiert”.

Wir fühlen uns nicht als “psychisch krank” und hassen es, wenn diese Formulierung verwendet wird, um Lebensrealitäten wie unsere zu beworten.
Solange uns die Medizin nicht helfen, uns aber sehr wohl von “körperlich Erkrankten” abgrenzen kann, weigern wir uns auch uns diesem Sprachgebrauch entsprechend zu verorten.

Wir stiegen mit einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung und nachwievor anhaltendem Schwindel, Schmerzen in der Hand und kurz vorm Erbrechen vor Müdigkeit in die Bahn zurück nach Hause. In den nächsten paar Tagen haben wir schulfrei. Können uns ausruhen. Können hübsch zu Hause bleiben und uns den Bauch über den Hosenbund hängen lassen.
Könnte man so annehmen.
Tatsächlich schliefen wir kurz, nahmen NakNak* in Empfang und fielen in ein Stimmungstief.

Der Anfall war von einer Situation ausgelöst, in der uns das Management der eigenen Hilfen entglitten ist. Den Anfall selbst konnten wir nicht regulieren. Die Hilfen nach dem Anfall war okay und doch unzureichend. Trotzdem wir getan haben, was wir konnten. Wir haben gesagt, was wir brauchen. Wir haben gesagt, was wir wollen. Wir haben gekämpft und verloren. Irgendwie.
Und am Ende bleiben wir allein in unserer Wohnung, lesen im Internet, recherchieren nach Yoga-Übungssequenzen, googeln nach neueren Forschungen über dissoziative Prozesse und ihre neurologischen Strickmuster.
Wir fühlen uns scheiße, sind müde und können doch nicht mehr schlafen.
Irgendwann zerlegt es uns im Schlafzimmer und beinahe fallen wir mit dem Kopf auf die provisorische Treppe zu unserem Bett. Ein paar Stunden vorher hatten wir von jemandes Tod durch Epilepsie erfahren.
NakNak* legt sich neben uns und atmet unsere Wange an.

“Es liegt alles allein in unserer Hand”, denke ich und möchte zeitgleich heulen vor Frust über die Last, die ich daran spüre.
Ich plane unsere Wohnung neu. Plane mehr Platz zum Hinfallen ein, überlege die Wiedereinführung der Notfalltaste am Telefon, die NakNak* betätigen kann. Bitte eine Gemögte, um Zeit, eine stationäre Betreuung mit uns zusammen rauszusuchen und versuche meine Angst vor dem endgültigen Ende von Autonomie und finanzieller Unabhängigkeit mit Tränen zu verdünnen.
Ich schwimme durchs Internet und finde weder Insel noch Hafen für mich und uns und den ganzen Haufen Zeug, über den wir mit anderen Menschen in Austausch gehen wollen würden.

Wieder denke ich über einen Antrag auf Kostenübernahme auf eine stationäre Therapie in einer spezialisierten Klinik nach und darüber, wie dicht der soziale Filz wohl ist, der uns auch diesen Versuch an Hilfe zu kommen verunmöglichen würde.
Und lasse es wieder bleiben.
Diese Art der Hilfe ist für alle anderen. Wir haben schon alle anderen Optionen, sind schon besser versorgt als viele andere. Wir sind nur nicht kompatibel genug. Nicht gut genug. Nicht genug, um sein zu dürfen, wer wir auch noch sind.

Die Nacht geht vorbei und zum ersten Mal seit Wochen, kann ich mich aus einem unkontrollierten Erinnern herauswinden.
Mit der gestauchten Hand können nicht aufs Rad steigen und das ekelhafte Körpergefühl vom Fahrtwind abschmirgeln lassen. Wir gehen in die Küche und setzen uns ans Fenster.
Mir ist klar, dass ich nicht wirklich blute und doch gehe ich in das Rinnsal hinein und verfolge es auf seinem Weg an mir herunter. Ich habe keine Angst, mir ist nicht schlecht. Ich bin das Blut und müde, abgekämpft und dumpf.
Am nächsten Morgen schreibe ich auf, wer noch da war, was ich gemacht und gedacht habe.

Neben all dem, was ich nicht beeinflussen kann, ist die Therapie und der Hausaufgabenklops das, was mir im Moment Hoffnung und einen Faden in die Welt gibt.

Ich verstehe endlich, was es mit mir macht, wann immer Ärzt_innen und andere Helfer_innen sagen, sie hätten keine Ahnung: Ich denke, dass ich diese Ahnung haben muss. Denn irgendwo muss sie ja sein. Es kann ja nicht – es darf ja auch nicht sein, dass niemand weiß, was mit mir passiert, wenn es um so etwas Schlimmes geht.

Es darf doch nicht so sein, dass es für uns keinen Grund zur Annahme gibt, dass es irgendwann und durch etwas, das man tun kann, aufhört zu passieren.
Es muss doch etwas geben, das uns davon erlöst immer wieder so global die Kontrolle über uns und unseren Körper zu verlieren.

Ich sehe die Parallele zum Gewalterleben anderer Innens früher und sehe, wie oft wir mit der Frage nach dem Kontext und der inneren Mechanik dessen, was mit uns und an uns passierte, alleine gelassen wurden. Für mich wird darüber auch verstehbarer, warum sich organisierte Gewalt in additiven Kontexten bewegt, statt einfach nur in den Intensionen der Täter_innen: Sie haben keine Ahnung – aber für sie ist das okay und auch nicht relevant eine Ahnung zu haben, denn das draufgepappte Konstrukt um ihre Handlungen erlöst sie davon.

Für unsere Hausärztin ist es auch nicht relevant eine Ahnung zu haben. Für unsere gesetzliche Betreuerin und den Richter ist es ebenfalls nicht relevant eine Ahnung davon zu haben, was bei uns passiert. Sie können sich auf die eigene menschliche Begrenztheit und ihre Rolle in bestehenden Strukturen zurückziehen und sich so einen meterhohen Grenzzaun zwischen sich und uns aufbauen.
Es ist ihnen erlaubt blind taub und handlungsunfähig vor uns aufzutreten und uns zu vermitteln, wir müssten uns selbst retten helfen.

Und wir, die wir seit Jahren und immer unsere Probleme allein lösen oder durch alleingestemmte Projekte leichter machen, weil es keine anderen Optionen gibt, sprechen darauf natürlich an.
Wir sind die einzige Person, die während und nach dem Termin gelitten hat. Wir sind die Einzigen, die sich vom Krankenhaus nicht ausreichend versorgt gefühlt haben. Wir sind die Einzigen mit diesem Körper. Wir sind die Einzigen mit dieser Psyche. Wir sind allein mit dem, was uns passiert. Wir sind der Einzelfall von dem niemand eine Ahnung haben muss.
Weil man ja nicht von allem eine Ahnung haben kann.

Unsere Therapeutin sagt uns immer wieder, wir sollten uns darauf konzentrieren, dass heute alles anders ist als früher.
Nach Erfahrungen wie diesen, fällt es mir sehr schwer daran zu glauben, dass sich die der früheren Gewalt zugrunde liegenden Dynamiken nicht mehr in unserem Leben befinden und keinerlei (re)traumatisierenden Einflüsse mehr auf uns haben.

Es fällt mir so schwer, dass ich sage, dass heute wie gestern ist. Nur anders.

Prozesskosmen

“Du hörst Musik?”, fragte eine Person, die mit uns in der Klasse ist und schaute mich an.
“Ich geh sogar jeden Tag aufs Klo!”, antwortete ich und hoffte mir über ihre Reaktion erschließen zu können, ob sie überrascht, verwundert, verwirrt, verunsichert oder sich doch allein auf den Umstand, dass ich Musik höre, bezogen war.
Sie und ein paar andere Umstehende lachten und sie erklärte, dass sie sich das einfach nur gefragt hatte, “wegen der Lautstärke”.

Mir ist später aufgefallen, dass wir in einer schwierigen Lage sind, wenn wir erklären wollen, was für uns an Geräuschen schwierig ist. Allgemein ist es schwierig nicht einfach so differenziert darüber reden zu können, wie wir das jetzt aufschreiben werden.

Offenbar hat sich die Idee eingeschlichen, es ginge bei “unserer Geräuschempfindlichkeit” um Lautstärke allein.
Das tut es aber nicht. Es geht um “viel”, das für uns schneller als für viele andere Menschen “zu viel” wird.
Wir hören gern Musik ohne Gesang – stundenlang, auch volle Wumme laut – das Gleiche funktioniert aber nicht mit Songs, in denen gesungen wird. Wir hören sie gern, könnten aber Konzerte mit Mitsingen und Personenkult drum rum nicht durchhalten. Disco kriegen wir auch hin – wissen aber auch, dass wir danach tagelang Ruhe brauchen, weil es uns schlaucht wie ein Triathlon.

Deshalb sind die Ohrenstöpsel, die wir uns am Montag gekauft haben, wieder nur eine Entlastung – kein Lösungsmittel.
Wir kommen auch nicht gut damit zurecht, gar nichts oder nur extrem gedämpft zu hören – da grätschen uns die Traumafolgen rein. Das ist der Verlust eines Sinnes und damit ein Stressfaktor, der unsere Bereitschaft in den Hyperarousel zu kippen, erhöht.
Die Ohrenstöpsel von Alpine sind deshalb so gut für uns, weil sie bestimmte Frequenzen filtern und uns damit von Geräuschen entlasten, deren konkreter Nutzen für uns derzeit nicht gegeben ist. Sie funktionieren wie kleine mechanische Filter, die andere Menschen im Gehirn haben und lassen uns deshalb weniger von dem auditiven “viel” bewusst wahrnehmen.

Wir hören üblicherweise nichts, was andere Menschen nicht auch hören. Wir hören es nur leider immer. Und immer. Und immer. Alles. Gleichzeitig.
Wenn es etwas gibt, um das ich andere Menschen beneide, dann ist es ihre Möglichkeit die multiplen Gleichzeitigkeiten des Jetzt nicht immer als solche bewusst zu haben. Es ist die Entscheidungsmöglichkeit. Das Moment, in dem sie sich darauf konzentrieren können, etwas zu entdecken, dass sie schon immer umgibt.

Neulich ging ich mit meiner Klassenlehrerin durch einen Flur der Schule, den ich sehr mag, weil sich an seiner Decke die Wasseroberflächenbewegungen des im Schulgebäudehof liegenden Teiches reflektieren. Ich sagte ihr, wie schön ich es finde und zeigte ihr, auf ihre Frage, was ich meine, die Bewegungen einen Meter über ihrem Kopf. “Ist mir noch nie aufgefallen.”, sagte sie und freute sich.
Ich freute mich über ihre Freude und verging gleichzeitig in einem Neid aus meiner Idee von ihrem Leben und Sein in einer Welt, in der so viel weniger Dinge für sie geschehen und nach ihrer Aufmerksamkeit zu greifen zu versuchen.

Für mich ist es nicht wie in einem Film, in dem ich einen Raum betrete und zack sind alle Details für mich “einfach da”. (Und nein – wir wurden auch nicht darauf trainiert viele (alle) Details in Räumen wahrzunehmen, weil wir als ein multipler Supersoldat gezüchtet wurden. Just sayin. Mit Blick auf diverse Multimythen, die versuchen Autismus mitzu”erklären”.)
Wir gehen in einen Raum und haben Angst, dass er uns weh tut mit irgendeinem Ding, das niemand sonst zu bemerken scheint.
Ein erheblicher Teil dessen, was in uns vorgeht, wenn wir uns in Räumen aufhalten, hat mit der Selbstpositionierung zu den Kosmen um uns herum zu tun. Wo stoßen wir an? Wo schlagen wir Schatten? Wo verdeckt das Ticken einer Leuchtstoffröhre, das Glucksen im Heizkörper, das mir so gut gefällt? Was macht es, dass wir sind, wo wir sind? Und so viel mehr.
Und dann kommen Menschen dazu und verhalten sich rücksichtlos in Bezug auf all das.
Es ist so viel da und doch sprechen sie nur uns an.

Für uns ist das ein Element aus Gewaltsituationen früher und gleichzeitig auch immer wieder ein Moment gestört zu werden.
Wir sehen uns als Gast, als Zuschauende_r, als Besucher_in wo wir gehen und stehen. Wir wissen, dass wir niemals eins sein können mit dem, was wir wo auch immer vorfinden – aber wir nehmen immer Anteil an den Prozessen, die passieren und werden in manchen Aspekten zum Teil davon. Wir werden vereinnahmt, sind beschäftigt, sind berührt von dem, was passiert, weil wir da sind.
Sich dem “einfach nicht zu widmen”, erscheint mir unmöglich und im Anspruch bigott, rücksichtslos, ignorant und manchmal auch einfach nur unverständlich.

Gleichzeitig kann ich aber natürlich anerkennen, dass Wahrnehmung eben unterschiedlich passiert. Dass Wahrnehmung und Rezeption, Erfassen und Begreifen, Verbindung und Kontakt bei und in jedem Menschen jeweils unterschiedlich passieren.
Bei uns passiert es so, dass wir Umgebungsprozesse wahrnehmen und zur Erfahrung es Ist zugehörig erleben, während andere Menschen einen grundsätzlich anderen Fokus haben. Für sie kommt es nicht in Frage einen Menschen in einem Raum als irrelevanteren Prozess einzustufen, als seinen Schattenschlag auf dem Muster des Bodens in Korrelation zum Geräusch seiner Schuhsohlen auf eben jenem – für sie kommt aber in Frage sich dem zu widmen, wenn man sie darauf aufmerksam macht. Für sie gibt es die Wahl sich dem zu widmen.

Für uns gibt es die Wahl sich stören oder ablenken zu lassen. Oder eben die, die wir schon seit immer leben: die dritte Instanz zu sein zwischen dem nichtmenschlichen Prozesskosmos und dem menschlichen Prozesskosmos und zu versuchen sich zwischen Verbindung und Kontakt zu entscheiden.

Zum Beispiel zu versuchen in Verbindung mit dem menschlichen Prozesskosmos “Klassenlehrerin” zu gehen und ihr zu ermöglichen, Kontakt zu einem von mir wahrgenommenen Prozess aus dem nichtmenschlichen Prozesskosmos (die Bewegungen an der Decke) zu erfahren –  mit dem Ziel ihr zu sagen, was in mir passiert (welcher Prozess in mir passiert) während ich in Verbindung mit diesem Prozess bin.
Wir haben nicht die Wahl uns zwischen beiden zu entscheiden. Der Blick geht immer auf alles gleichzeitig und die einzige Wahl, die wir haben, ist die uns Optionen zu suchen, weniger stark darunter zu leiden.

Auf der einen Seite, dass wir uns manche auditiv wahrnehmbare Prozesse ausfiltern lassen. Dass wir Dinge und Räume meiden, die uns gleich viel oder mehr mit.teilen als Menschen, wenn wir mit Menschen zu tun haben.
Auf der anderen Seite, dass wir aber gegenüber den Menschen mit denen wir uns Verbindungen wünschen, beweglicher und transparenter werden – etwa in dem wir mit.teilen, was wir wann wie wo wahrnehmen, erfassen und womit wir uns gleichzeitig mit ihnen in Verbindung stehend empfinden.

Obwohl es für sie vielleicht nicht so erfassbar und begreifbar ist. Oder relevant. Oder gleichermaßen anziehend.
Und auch obwohl wir immer wieder gelernt haben und bis heute immer wieder als Lektion erfahren, dass das, was für uns von Bedeutung und Relevanz für das Ist als Prozess des Jetzt ist, für “alle anderen™” absolut irrelevant ist.
Nicht weil “alle anderen™” das so wollen oder so entscheiden – sondern, weil es für sie eine Frage des Wissen/Erfahren/* wollen sein muss, bevor sie es so wahrzunehmen versuchen können, wie wir. Und damit am Ende sogar scheitern könnten.
Weil wir jeweils anders sind.

Weil wir jeweils unterschiedliche Prozesskosmen sind.

Helfer_innengewalt

“Das müssen sie jetzt einfach auch mal aushalten Frau P. – Wenn Sie zur Schule gehen wollen, da kann ich ja auch nicht für Sie hingehen. Wenn Sie das wirklich wollen, dann müssen sie auch was dafür geben…”

Das hängt mir wirklich nach, merke ich. Das hat die gesetzliche Betreuerin gesagt, nachdem ich ihr sagte, dass ich überfordert bin und nichts tun kann.
Weder einen Antrag stellen, dessen Sinn und Ziel, Formulierung und Grundlage ich nicht erfasst hatte, noch tapfer mein Heulen über das greifbare Ende unserer halbwegs gesicherten Lebensumstände zu unterdrücken.

“Frau P. ich weiß wie es Ihnen geht – ich verstehe das…”
– “Nein – das tun Sie nicht.”
“Doch.”
– “Nein – das tun Sie nicht.”
“Doch.”

Ich merke, wie ich jeden ruhigen Moment den wir haben, damit verbringe zu verstehen, warum schon wieder jemand, von dem wir in diversen Aspekten abhängig sind, so gewaltvoll mit uns in Kontakt geht.
Frage mich, ob wir vielleicht einfach zu einem ungünstigen Zeitpunkt auf das Hilfe- und Unterstützungsversprechen zurück gekommen sind. Was genau eigentlich ein “ungünstiger Zeitpunkt” sein kann, wenn die Person dafür bezahlt wird, Hilfe- und Unterstützungsversprechen einzuhalten.
Frage mich, warum unsere Warnungen am Anfang des Kontaktes so sehr zur Seite geschoben wurden, dass sie jetzt wie nie geäußert wirken.

“Meine Situation ist komplex und gefährlich – es kann sein, dass es Ihnen zu viel wird.”
– “Ach – jaja …”

Und dann sehe ich die Wiederholung und eröffne eine Gerichtsverhandlung über unser Verhalten.

Ende 2015: “Ja, Sie sind schon ein Fall, in dem ich mehr mache, als bei allen anderen. Aber ich lerne dadurch auch mehr, als bei allen anderen.”
Frühjahr 2016: “… Ich lerne immer wieder Neues durch Sie…”

Sommer 2016:  “Ich habe jetzt schon so viel für Sie getan – aber wie soll das denn werden, wenn Sie in die Schule gehen? Ich kann nicht auch noch für Sie in die Schule gehen…”

Ich nehme mich in Kreuzverhöre, wie nachdrücklich, eindringlich, verständlich ich ausgedrückt habe, dass es für uns problematisch ist, auf diese Art benutzt zu werden und das auch anhören zu müssen. Frage mich, ob ich oft genug, eindringlich genug gesagt habe, dass es für uns kein Problem ist, wenn sie sich jemand anderen dazu holt oder wir den Auftrag auf mehrere Personen aufteilen, wenn es zu viel wird.

Das Problem ist, dass unsere Lage eigentlich nie “mehr wird”. Das Problem ist, dass Außenstehende immer erst nach ein bis zwei Jahren, die sich sich schon hart durch unser Zeugs gewurschtelt haben, wirklich begreifen, wie umfassend viel es ist und wie wirklich wenig bis gar nichts wir, als konkret davon betroffene Person, beitragen können.
Das Problem ist, dass es um systemimmanente Komplexität und dadurch entstehende Stasis geht und nicht um ein Phlegma von uns oder eine Unwilligkeit oder eine Unfähigkeit – dass Letzteres aber leichter zu kritisieren ist.

Das Problem ist, dass es für uns ein Problem ist, zu bemerken, wann wir dem Bild, das andere Menschen von uns haben, nicht entsprechen.
Dass wir in Selbsthass kippen, wenn wir Menschen enttäuschen – selbst dann, wenn die Erwartungen an uns maximal über das von uns überhaupt leistbare Maß geht. Selbst dann, wenn die Erwartungen an uns, durch Erwartungen und Ansprüche der Person an sich selbst produziert werden. Selbst dann, wenn wir merken, dass eine Person an uns eine emotional affektive Übertragung laufen hat, die sich nicht durch uns oder mit Apellen an die Ratio auflösen lässt.

Ich glaube, dass wir weiter versucht hätten mit ihr umzugehen und an einer Lösung gearbeitet hätten, wäre dem Gespräch nicht auch noch die komplette Ignoranz unseres Versuches mit der Situation so konstruktiv und barrierenarm wie für uns möglich umzugehen, gefolgt.
Auf unsere Email an sie, mit der Bitte uns die aktuelle Lage und die nötigen Handlungen zu schildern, in der unsere anderen Unterstützer_innen im CC waren, damit alle auf dem gleichen Informationsstand sind, kam ein Brief zu uns nach Hause.
Als hätte es unsere Email an Sie nie gegeben. Als hätten wir keinen Grund, um auf eine Email zu bestehen. Als wäre es das Porto, den Ausdruck, den Aufwand der Exklusion unseres Helfernetzes genau jetzt zu diesem Zeitpunkt nötig und wert gewesen.

Am Samstag kam dann der vorläufige Hartz 4 Bescheid für diesen Monat.
Vorhin kam von ihr eine Email mit der missverständlich eingebetteten Information, dass es diesen Bescheid gibt.
Sie kann also Emails schreiben, wenn es darum geht, wie sie Gutes für uns erreicht hat? WTF???

Währenddessen versuche ich zu erfassen, was da eigentlich bei uns in der Verbindung zu ihr passiert. Letztlich sagt eine Freundin von uns das bei unserer Geburtstagsfeier einfach so “… das Vertrauensverhältnis zu ihr ist kaputt.”.
Wir wissen nicht, ob wir vertrauen oder zutrauen – das sind Begriffe für uns, die zu weit, zu unkonkret sind – aber wir haben eine Idee davon, was Menschen tun und fühlen, wenn sie jemandem vertrauen bzw. ein Zutrauen haben. Und genau diesen Inhalt sehen wir nicht mehr in uns.

Nicht, weil sie einem Anspruch nicht gerecht geworden ist oder konkret versagt hat.
Vielleicht hat es uns gegenüber schon gereicht “Doch.” in einem Moment zu sagen, in dem “Stimmt – tut mir leid, dass ich eine Grenze übergangen bin.” richtig und wichtig gewesen wäre.
Vielleicht war es aber auch nötig, dass sie das sagt, damit wir einen konkreten Ansatzpunkt für die Überprüfung des Verhältnisses haben und bemerken, dass es nicht das erste und auch nicht das letzte Mal war, in dem sie unsere Grenzen und von Anfang an formulierten Warnungen übergangen ist.

Wir jammerten nicht einfach nur so darüber, dass wir so viele Dinge einfach müde, leid und weh sind.
Immer die Erste zu sein, die viele ist, die komplex traumatisiert ist, die so viele Extreme mitbringt, die so viele Auslöser für kognitive Dissonanz antickt – immer wieder die Erste zu sein, an der man „so viel lernt“, durch die man „so inspiriert wird“ – immer wieder die Erste zu sein, an der man so grundlegend scheitert, dass man sich vor sich selbst schämt – immer die Erste zu sein bedeutet, dass für uns nie mehr, als das Nötigste übrig bleibt, weil alles für die andere Person passiert und ist.
Und das ist wichtig. Das ist ein so wichtiger Punkt in unserem “Helferding”, ganz neben den Problemen in der Kommunikation, neben der Besonderisierungsproblematik, neben der Toxizität, die mit der Wiederholung dieses Geschehens einhergeht. Es ist wichtig zu verstehen, dass uns Verbundenheit und Dankbarkeit für ganz basal erwartbare Hilfen abverlangt wird – und nicht für irgendein Extra oder ein höchstpersonalisiertes Seelengoodie, das uns geschenkt wird, weil wir als Fall oder als Person die Erste sind, an der man so viel lernt und von der man so viel hat, worüber man so dankbar ist.

Hilfe und Unterstützung liegt nicht auf der Straße. Erst recht nicht die, die wir brauchen.
Wir sind nicht wählerisch mit Helfer_innen und Hilfe allgemein, weil wir die besondere special super Hilfe haben wollen – wir bemühen uns um Wählerischkeit und Pickigkeit, um uns diese Erfahrungen zu ersparen. Um die Hilfen und Unterstützungen für uns zu haben und nicht für die Helfenden oder Unterstützenden oder die Systematik, die uns in die Hilfe- und Unterstützungsbedarfe bringt.

Wir arbeiten vor, wir bereiten vor, wir übernehmen so viel zu viel Verantwortung dafür, dass andere Menschen ihren Job an uns gut machen, dass sie selbst sich irgendwo zwischen “in der eigenen (fachlichen) Kompetenz missachtet” und “völlig überqualifiziert für diese Aufgabe” verorten.
Natürlich, weil wir machen, was wir machen. Natürlich, weil man genau so darauf reagieren kann. Ganz klar passiert das nicht, weil diese Menschen dumpfreaktive Automaten ohne eigenes Innenleben sind. Aber es passiert auch, weil sie an irgendeinem Punkt den Kontakt zu uns unterbrechen oder eine von uns rückgemeldete Verzerrung im Kontakt nicht als solche teilen und entsprechend ernstnehmen.
So werden wir immer wieder nicht nur vom good will dieser Personen abhängig, sondern auch davon, wann für sie und von ihnen wahrgenommen irgendetwas im Kontakt schwierig und entsprechend mit allen auch negativen Konsequenzen für uns problematisch wird.

Wir sind bereits mit fast 18 Jahren gründlich von dem Wunsch geheilt worden, dass Helfer- und Unterstützer_innen wissen müssen, was sie tun. Dass sie ein ganz und gar grundlegend festes Verständnis davon haben müssen, was das Überleben und die Befreiung aus organisierter Gewalt für das Leben eines Menschen perspektivisch bedeutet.
Wir sind davon geheilt zu glauben, dass Menschen, die lange mit Menschen mit DIS arbeiten, automatisch die richtige Grundeinstellung zu Menschen mit DIS als durch langanhaltende Gewalterfahrungen traumatisierte und in ihrem Verhältnis zur Welt erschütterte Personen, haben.
Wir sind durch mit der Illusion, dass alles gut wird, wenn wir nur “die richtige Hilfe” erhalten.

Wir sind nie wieder in die Haltung gegangen, dass Helfer- und Unterstützer_innen automatisch und Kraft ihrer Fachkompetenz und Herzensgüte das Richtige tun. Wohl aber in die Haltung, dass sie uns gegenüber, innerhalb bestimmter Verhältnisse, dazu verpflichtet sind das zu tun, was wir in unserem Auftrag an sie als “das Richtige” definieren.

Wenn wir darüber jammern wie schwierig die Lage ist und was sie mit uns macht, dann geht es nicht darum harsch behandelt zu werden und das nicht gut zu finden oder zu glauben, dass wir eine bessere Behandlung verdient haben.
Es geht darum zu bemerken, wie unübersehbar die Parallelen zu Menschen sind, die es auch nur gut mit uns gemeint haben, als sie uns verletzt und gequält haben. Die auch nur das Beste für uns wollten und unter Einsatz all ihrer Kraft dafür gesorgt haben, dass mit uns passiert, was sie für nötig, richtig und wichtig gehalten haben.

Es geht darum zu merken, wie hart wir mit uns in die Reflektion gehen, um keine Täter_innenübertragung aufzubauen (um niemandem Unrecht zu tun und uns selbst immer orientiert zu halten), sondern uns immer wieder daran zu erinnern, wie normal und schlicht überall und in jedem Kontakt, auch Gewalt erfahrbar ist – während manche unserer Helfer- und Unterstützer_innen genau darauf aus Gründen verzichten und teilweise sogar genau dieses Vorgehen aktiv ablehnen, als wären sie dank fachlicher Kompetenz und massig Berufs- und Lebenserfahrung davor gefeit.

Es erscheint als großes Wort, wenn ich sage, dass ich mich von den Aussagen der Betreuerin retraumatisiert erlebe oder als ich damals™ sagte, ich fühle mich durch die Kontakterfahrung mit der Oberärztin in der Klinik retraumatisiert – doch ganz konkret aufgenommen, ist es so und mehr und mehr weigere ich mich so tun, als wäre Helfer_innengewalt allein durch die Intension und den Status der Personen, jemals weniger traumatisch für uns gewesen, als das, was wir von Personen erfahren haben, deren Handeln strafbar war. Strafbarer jedenfalls als seine Patient_innen/Klient_innen zu missachten, zu demütigen und in der eigenen Existenz zu verunsichern.

Ich unke in unsere Zukunft, dass wir die Erste sein werden, die die weiterführende Betreuung durch diese Betreuerin mit genau dieser Begründung ablehnt und die Erste sein werden, die nicht aufhören wird auf solcherlei Gewaltdynamiken auch in Kontexten, die als safe spaces gedacht werden hinzudeuten.

Aber darin die Erste zu sein empfinde ich als weniger schlimm. Wenn das etwas ist, das sehr viel mehr anderen Personen als miruns hilft, dann ist es okay, wenn wir davon nicht so viel haben. Mal abgesehen davon, denke ich, dass ich nicht wirklich die Erste sein werde, die das tut.

Es fühlt sich nur manchmal so an.

das “so-tun-als-ob-die-DIS-Diagnose-neu-wäre”-Ding #1

Während sie uns die Treppen hinunter manövrierte, drehte sie sich zu mir und sagte: “Läuft doch gut, oder nicht? Landkartendings – check!” und fuchtelte ihr Fröhlichfuchteln.

Ich hielt inne und beschloss umzudrehen. Die Treppen zurück nach oben, Sturmklingeln und den krausen Wirrwusch zwischen Denken, Begreifen und Kontrollverlust per Telepathie ins Verstehen der Therapeutin hineinpflanzen. Beschloss: “Nein – Nein – Nein” und all die anderen Konstruktivitäten, für die ich bekannt bin.
Griff nach meinen glatten Wortketten zur Erklärung von allem, drehte mich um und bemerkte, wie andere schon längst um den Lenker des Fahrrads schwirrten, um nach Hause zu fahren.

“Hast du dich eigentlich schon mal gefragt, wieso du dich immer so schuckich anstellst, wenn es mal irgendjemand von uns schafft, mehr als Mimimi und Nein-Nein-Nein zu sagen?”, fragte mich ein Knäul etwas neben der beschwingt auf dem Rad um sich fuchtelnden Jugendlichen.

Leises Grummeln walzte sich durch das Grau über unserem Kopf. “Ich bin nicht mehr phobisch euch gegenüber.”, antwortete ich und hörte, wie das Knäul missbilligend schnaubte.  “Uns nicht – aber dir selbst gegenüber – Herzilein – dir selbst gegenüber…”.

Manchmal denke ich noch: “Ach – ich warte jetzt einfach kurz bis ich wieder normal bin und dann mach ich alles wieder gut. So wie vorher.”. Dann krause ich neben uns her und summe in mich hinein, dass alles okay ist, weil alles okay ist und nichts nicht rückgängig gemacht werden kann.
Leider weiß ich schon, dass mein Vorher eine tröstliche Selbstverarsche ist, die mich über mein Unvermögen flauschen will. Und leider weiß ich selbst auch schon, dass jedes Nein-Nein-Nein und Mimimi nichts weiter beinhaltet als: “Wääh – ich will aber bitte nicht, dass das so ist, sondern bitte irgendwie weniger SO und mehr – naja – ich weiß auch nicht – fuchtel fuchtel keine Ahnung alles – Hauptsache nicht SO” as you know – i’m the queen of konstruktiv

Und trotzdem verfolge ich diese Therapie weiter. Stehe neben der Tür und beobachte, wie sie mit der Therapeutin reden, höre manchmal hin und manchmal weg.

Die Idee eines So-tun-als-hätten-wir-die-DIS-Diagnose-neu fand ich interessant. Denn ich hatte nie die Chance diese Diagnose als neu zu empfinden oder zu denken. Es gab sie schon, als meine Erinnerung beginnt und einen Umgang, eine Haltung, eine Identifikation damit zu haben, werden von mir genauso erwartet, wie von allen anderen eher in den Alltag wirkenden Innens, die sich damit schon seit 2003 auseinandersetzen.
Ich hatte mir einen sichereren Rahmen dafür gewünscht. Mehr aufgefangen werden, mehr Option sich umzudrehen und jemandem – auch wenn es gar nichts verändert – alles von mir empfundene: “Ja – aber – Mimimi” sagen zu können, um nicht damit allein sein zu müssen, während man nicht weiß, wohin damit.
Jetzt versuchen sie es im Rahmen der ambulanten Therapie weiter.

Es gibt jetzt eine neue innere Landkarte und sie lag heute vor der Therapeutin auf dem Boden. Ich dachte an Metaphern wie  “das Innerste vor jemandem ausbreiten” und viel “oh nein – nein – nein” und wunderte mich wie die Jugendliche und die Therapeutin so miteinander reden.
So ruhig und ganz klar umrissen.
So überhaupt gar nicht dem chaotischen Kreuzfeuer, das in meinen Ohren rauschte, entsprechend und allgemein so… surreal alltäglich.

“Dein Problem ist nicht, nicht zu glauben, dass du zusammen mit uns viele bist – dein Problem ist, dass du denkst, das Viele-Sein an sich, hätte mit dir nichts zu tun, Herzilein.”, sagte das Knäul mit den ersten auf uns herabfallenden Regentropfen.

Ich weiß, dass das stimmt.
Aber.

Mimimi

Fundstücke #25

Ich bin der Schrecken, der das Moment durchflattert
– ich bin ein Trigger für dein schlechtes Gewissen –
ich bin die Person, der es nicht gut geht!

Schade. Ich habe kein Cape.
Ein Cape, ein riesengroßes Ego und eine Hand voll Rauchbomben, das wünsche ich mir manchmal.
Meistens. Immer.
Wenn Menschen denken, sie könnten sich langsam entspannen im Kontakt mit uns. Mal einen “Witz™” über Behinderte/Juden/(Psycho)Therapie/Frauen/ etc. etc. etc.  machen. Mal eine Logik durchblitzen lassen, die victim blaiming enthält, “politisch unkorrekt” ist, Gewalt bagatellisiert.
Wenn Menschen aufhören innezuhalten und zu hinterfragen, wem sie da gerade was sagen und zu welchem Zweck eigentlich.

Manchmal kann ich den Wunsch nach Unbeschwertheit verstehen. Kann verstehen, dass es anstrengend sein kann viel in Kontakt mit uns zu sein und ein bestimmtes Level der Achtsamkeit zu halten.
Gerade auch nach den jüngsten Ereignissen denke ich: Ja, ich bin nicht die Person mit der man Niveaulimbo macht und sich selbstgerecht die Wampe krault.

Es ist leicht mir vorzuwerfen, ich hätte zu hohe Ansprüche.
Und uns dann ins Gesicht zu boxen, sich über uns zu stellen und zu vermitteln, wir seien selbst schuld, wenn für uns nichts so läuft, wie gewünscht.
Würden wir durch die Welt stelzen und eine echte Wahl darum haben, womit wir uns an andere Menschen richten, könnte ich das vielleicht unter “Wettbewerb” oder “Dominanz” ablegen und wie immer um diese Dinge herum gehen. Sie also umgehen. Mit meinem speziellen Umgang.

In unserer Lage gibt es so etwas wie echtes Wählen um die Dinge, die uns betreffen, selten.  Das ist so, weil es so ist.
Weil es immer jemanden geben muss, di_er übrig bleibt und sich so lange wie nur irgendmöglich einreden können muss, sich jederzeit auch für etwas anderes entscheiden zu können.
In unserem Fall ist die Wahl sich auch selbst zerstören oder suizidieren zu können. Das ist so, weil es so ist. Weil genau diese Wahl die einzig echte Wahl ist, die wir uns von den Menschen, die uns früher weh getan haben, zurückerobert haben.

Am Ende der Wahl so vieler anderer Menschen und Instanzen als uns selbst, steht unser Wunsch, dass sich Dinge für uns verändern und die Not.wendigkeit hinter eben jenen Veränderungsbestrebungen. Sowohl an uns selbst, als auch den Dingen um uns herum.
Und zwar immer noch. Nachwievor. Und eben nicht, wie so gern an uns herangetragen wird, OBWOHL “alles (Schlimme) doch jetzt vorbei ist”, sondern in weiten Teilen WEIL “alles (Schlimme) geschehen ist” und der Lauf der Dinge weiterhin passierte.

Die Not hinter dem Wunsch bitte auch mal loslassen zu können, die ist am Ende, was für uns bleibt, wann immer etwas nicht so läuft, wie wir es geplant, gehofft, erkämpft, gewünscht haben.
Nicht um jeden Cent, jedes bisschen Sicherheit, jeden Fitzel von sich selbst – nicht um jeden einzelnen Tag krampfkämpfen zu müssen – ist das ein zu hoher Anspruch?
Zu hoch, weil “ja alle irgendwie kämpfen und gucken müssen, wo sie bleiben”?
Oder zu hoch, weil die Aufgabe, sich eigene Unfähigkeiten, Hilflosigkeiten, Überforderungen anzunehmen und transparent zu machen, so verdammt weh tun kann?

Wir machen seit 15 Jahren Menschen ohnmächtig. Mitmenschen. Freunde. Fremde. Gemögte und Gemochte. So ohnmächtig, dass sie uns überfordern, hilf.los zurück lassen und uns demonstrieren, wie unfähig sie sich vor uns erleben.
Wir trösten sie, verstehen sie, bilden sie fort, bilden sie aus. Stählen sie für spätere Kontakte mit anderen früheren Gewaltopfern.

Und wir? Bleiben übrig.
Spüren unser Handeln wie eine eiserne Maske, die uns ungesehen sein lässt, über unsere Not scheuern. Atmen den Gestank von Eiter und Trauma assoziierter Scheiße ein und spüren der Einsamkeit nach, die auch die größte Nettigkeit und die immer wieder auftauchenden Angebote sich “jederzeit melden zu können, wenn was ist”, von Menschen, die an uns keinen Auftrag haben, nicht füllen können.

Denen machen wir ein schlechtes Gewissen, wenn es uns nicht gut geht und sie es nicht bemerken. Denen machen wir Not, wenn sie merken, dass es uns nicht gut geht. Denen machen wir es ungemütlich, wenn wir sie daran erinnern, dass 21 Jahre lang Gewalt & Ausbeutung zu erfahren, einen Dauerzustand von wie auch immer gelagerten Nöten in unterschiedlichsten Facetten und Auswirkungen nach außen, für uns zur Folge hat.
Nicht nur heute oder nach einem Erinnern. Nicht nur gestern, vorgestern und letzte Woche, weil irgendwas geschehen ist, was jede_n andere_n gleichermaßen aus der Bahn werfen würde – sondern verdammt nochmal vorhersehbar sicher auch noch morgen und übermorgen und nächste Woche, weil egal warum, geschehen ist, was geschehen ist und durchs nichts jemals ungeschehen werden kann.

Wir sind, was von der Gewalt übrig ist.
Wir sind der Rest und niemand weiß so recht, was daraus mal noch werden soll. Darf. Kann.

Hätte ich ein Cape, dann könnte ich wenigstens so tun, als würde ich die Not daran held_innenhaft er.tragen.

Fundstücke #23

Wir haben uns nie viele Gedanken darüber gemacht, wieviele wir sind und welche Auswirkungen das auf unsere Behandlungsaussichten wohl haben könnte. Wir haben seit Jahren nicht infrage gestellt, ob es richtig ist, keine Gewalt mehr in unser Leben zu lassen und selbst keine mehr auszuüben.

Jetzt sind diese Gedanken natürlich da.
Sind wir überhaupt behandlungsfähig? Sind wir wirklich viele? Wer sind wir eigentlich und wer lacht sich eigentlich schon seit Jahren über unsere dämlichen Versuche uns zu sortieren und besser zurecht zu kommen halb tot, weil es doch in Wahrheit so offensichtlich sinnlos ist? Schließlich…

Ich denke oft an die Familie* und mache selbstverletzende “Was wäre wenn” – Spiele bis mich irgendeine Erinnerung auseinanderreißt, weil es mich beruhigt so unaushaltbare Körpererinnerungen provozieren zu können. Als wäre das ein Beweis für einen nicht gemachten Denkfehler oder eine Rechtfertigung meiner Not überhaupt je über Hilfen oder Unterstützungen nachzudenken.

Viele Helfer_innen machen und haben mir schon den Vorwurf gemacht, ich würde Schach-Matt-Situationen provozieren. Man könne mir nicht helfen, weil mein Anspruch zu hoch, meine Erwartungen falsch, mein Problem zu komplex und das Gras auf der Wiese zu grün sei.
Ich kenne diese Dynamiken. Ich habe sie schon tausende Male auseinanderseziert und weiß, dass sie verlogen, narzisstisch, gewaltvoll und niemals so sehr von mir verursacht wurden, wie es mir vermittelt wurde. Ich weiß das. Ich kenne Gewalt und sehe sie, wenn sie mir angetan wird.

Aber wir leben in einer gewaltvollen Welt.
Wir leben in einer Welt, in der man sich aus Leidensgründen an Gewalterfahrungen in Institutionen begibt, in denen man lernt, dass man sich so an Gewalten anpassen kann, dass man selbst weniger leidet. Man muss nur sozial verträglich und sich selbst genug bescheißend dissoziieren. Man muss nur aufhören zu hinterfragen. Man muss nur ausblenden, was belastet und sich für die Erfahrungen öffnen, von denen man selbst profitiert. Man muss andere Menschen einfach nur nachmachen. Man muss nur ein bisschen anders sein als man ist. Nur ein bisschen besser und nur an ein paar Stellen. Es ist doch nur das eigene Selbst, was falsch krank problematisch ist. Alles andere ist irrelevant, weshalb man es “okay” nennt.

Wir leben in einer so gewaltvollen Welt, dass die Menschen, die andere Menschen vor Gewalt schützen sollen, Teil eines gewaltvollen Apparates sind.
Dass Menschen, die Menschen mit Gewalterfahrungen ausschließlich mittels gewaltvoller Rahmenbedingungen helfen. Dass Menschen, die Menschen, die unter den Folgen von Gewalterfahrungen leiden, erneut Gewalt antun müssen, noch bevor sie irgendwas für sie tun können.
Unsere Welt ist so vollgestopft mit Gewalt, dass man einander scheinbar nie wahrhaft ohne Gewalt begegnen kann.

Denn schon der offene Versuch ohne jede Nutzung oder Profit für sich allein aus gewaltvollen Dynamiken miteinander umzugehen, wird als Angriff, Gefahr, zu anspruchsvoll gewertet.

Und ich bin immer noch dabei, genau das immer weiter zu versuchen.

Weil ich keine Kraft dafür habe andere Menschen zu manipulieren. Weil ich keine Perspektive für mich und uns darin sehe, sich ständig gegen andere Menschen zu behaupten, anstatt mich mit ihnen auseinanderzusetzen und zu versuchen sie selbst und ihr Verhalten zu verstehen.
Weil ich fürchte, dass ich uns selbst nie zu Gesicht und Bewusstsein kriege, wenn wir uns für den Rest unseres Lebens in solchen zwischenmenschlichen Gewaltdynamiken bewegen. Egal warum, wie genau und wie viel anders doch intendiert ist, was mir begegnet.

Aber was, wenn das falsch ist?
Was, wenn mein Kernproblem an Hilfe nicht mein Selbst ist, sondern mein Wunsch niemandem in Gewalt begegnen zu müssen, um Hilfe zu erhalten?
Wenn mein komplexes, anspruchsvolles Kernproblem ist, dass Menschen, die Menschen helfen, noch immer davon befreit werden, sich mit ihrer eigenen Gewaltausübung zu befassen und sie zu beendigen?

Ich merke, wie wichtig das wäre. Ich merke das, weil ich mich plötzlich mit Fragen wie: “Wieso darf denn diese Therapeutin Wände zwischen Innens machen lassen und das gut und wichtig nennen – aber wenn dies andere Leute machen, heißt das “Mind Control” und ist böse?”, auseinandersetzen muss und merke, wie viele Parallelen zwischen früherem und heutigem Gewalterfahren aufgehen, die lediglich in der Bezeichnung und Betitelung der Akteure unterschiedlich ist.

Wir weigern uns, uns in den Reigen der Menschen einzugliedern, die behaupten in jeder Klinik, in der Menschen mit DIS behandelt werden, würden Täter_innen sitzen und überhaupt – nirgendwo kann man sicher sein und gut aufgehoben und la la la
Wir brauchen keine Idee von ominösen Verstrickungen von Behandler_innen durch organisierte Gewalt. Wir wissen, dass Behandler_innen ebenso in Gewalten sozialisiert sind wie wir. Sie mögen sie nicht gleichermaßen ausgestaltet erfahren haben, doch erlebt, gelebt und ausgeübt, haben sie sie schon tausend Mal und das ihr ganzes Leben lang. Sie können und manche wollen sich auch nur nicht dagegen entscheiden, so wie wir.

Es ist die Frage, warum uns dieser Verzicht scheinbar per default inkompatibel macht. Warum die Angst vor Gewaltverzicht, Veränderung, die Anstrengung für etwas noch nie gewesenes, Menschen dazu bringt, uns das Gefühl zu geben, wir wären es weder wert sich mit uns auseinanderzusetzen, noch okay genug, um uns auch so fühlen zu lassen.