betroffene Profis #1

2001 war ich eine 14 jährige, die aus der kinder- und jugendpsychiatrischen Station eines Uniklinikums in eine Wohngruppe für Jugendliche mit psychiatrischer Diagnose entlassen wurde und darüber nachdachte, ob Psychologin zu werden, vielleicht etwas für sie wäre.
Viele meiner damaligen Mitpatient_innen hatten nach ihrer Entlassung diese Idee. Und vermutlich haben sie alle spätestens in der Zeit der Reintegration in ihre Schul- und andere Alltage gemerkt, dass Lebensabschnitte mit stationärer Behandlung in der Psychiatrie und/oder Psychosomatik exakt die Lebensabschnitte sind, die so ziemlich alle Berufe in Frage stellen, die in irgendeiner Form mit hilfs- und unterstützungsbedürftigen Menschen zu tun haben.
This is called “Stigmatisierung”, Baby!

Man geht dazu über in seinen Lebenslauf zu schreiben, das man “mal krank war” oder schreibt von einer chronischen Erkrankung, die einer regelmäßigen Behandlung bedarf, seit man jugendlich war.
Dann gilt man wenigstens nur als krank und nicht auch noch als unzurechnungsfähig oder gefährlich. Krankheiten können ja auch geheilt werden und bei einer Krankheit stellt sich eine Ursachen- aber keine Schuldfrage. Beziehungsweise: nicht sofort.

Krank sein ist okay, so lange sie nichts mit anderen Menschen zu tun hat, weil man sich sonst Umgangsfragen stellen müsste, die bestehende Strukturen nicht entsprechen können.

2001 wurde ich eine 15 jährige, die von ihrem Therapeuten misshandelt wurde und verstand, dass ihre Idee davon Psychologin zu werden viel mehr mit einem Wunsch nach der sozial und kulturell legitimierten  Macht Menschen beeinflussen zu können und zu dürfen zu tun hatte, als damit, was ich als eigene Fähig- und Fertigkeit perfektionieren möchte, um anderen Menschen, wie Nichtmenschen, Hilfe und Unterstützung, aber auch Raum zur Veränderung der Gesellschaft zu ermöglichen.

Ich weiß nicht, ob wir uns aus Versehen zu einer linksautonomen Radikaloweltveränderin mit Hang zum kommunistisch nachhaltigen Ökosozialkapitalismus sozialisiert haben, als wir so durch die Pubertät gingen und irgendwann in das Erwachsensein außerhalb der organisierten Gewalt an uns hineinwuchsen. Vielleicht.
Ich fände das schön, weil ich darüber merke, das in uns viel Eigenes entstanden und entwickelt ist, das das Außen nur brauchte, um sich selbst entstehen zu lassen. Ich habe einen Machtbegriff, habe Theorien und Ideen wie Macht und ihr Einfluss was wo wie bewirkt und mir im Laufe darüber die Chance erarbeitet in kleinen Schritten zu sortieren, welche Lebensabschnitte wo und wie miteinander zu tun haben und welche Rolle ich selbst dabei tatsächlich erfülle und zu erfüllen keine andere Wahl hatte. Es ist eine rein intellektuelle Auseinandersetzung, die die Möglichkeit birgt emotionale Inhalte nur schwer anzuerkennen und zu integrieren, aber es ist die Auseinandersetzung, die unseren Fähig- und Fertigkeiten entspricht.

Natürlich habe ich keine Zahl dazu wie Menschen ihre Psychiatrie- und Helfergewalterfahrungen für sich einsortieren. Doch der Grund dafür ist nicht, weil die Gewalt so selten passiert oder die meisten Menschen ihre Erfahrungen für den Rest ihres Lebens eben nicht einsortieren, sondern, dass es der weniger leicht über bestehende Stigmatisierungen in ihrer Stimme zu unterdrückenden Machtmasse unserer Gesellschaft egal ist – und egal sein muss! – was mit den Menschen passiert, wenn ES und DAS DA passiert ist.

Ich will die bestehende Spaltung zwischen Menschen, die zu Opfern wurden und nur “die guten Opfer”, “die schlechten Opfer” und “die Opfer, die nicht wissen, dass die Opfer sind” kennt, nicht mittragen.
Zum Einen, weil man nur so lange ein Opfer ist, wie die konkrete Unterwerfung geschieht und danach eine zum Opfer gewordene (oder auch: eine Opfer gewesene) Person ist und zum Anderen, weil eben jene Spaltung nur aufgrund bestehender Gewalt (hier synonym mit “Macht”) verhältnisse überhaupt ent- und bestehen kann – ergo: weitere Opfer produziert bzw. Opferschaften aufrecht erhält und damit die individuelle Weiterentwicklung negiert.

Da gelten die “guten Opfer” als jene, die es schaffen ihre Gewalterfahrungen zu beweisen und ergo im Machtbereich Justiz zu bestehen.
Da gelten die “guten Opfer” als jene, die es schaffen ihre von Gewalterfahrungen ausgelösten Krankheiten innerhalb der Richtlinien entsprechenden Therapiestundenanzahl zu überwinden (sic!).
Da gelten die “die guten Opfer” als jene, die ihre Gewalterfahrungen als individuelles Einzelschicksal zu akzeptieren.

Da gelten die “schlechten Opfer” als jene, die an der Beweispflicht scheitern, zu krank, zu alt, zu schwach, zu sehr im Muster dessen, was die unreflektierte rape culture wahrnehmen lässt, sind oder zu viel Angst vor einer erneuten Unterwerfung innerhalb eines weiteren Macht (und Gewalt) bereiches haben.
Da gelten die “schlechten Opfer” als jene, die “das Falsche” sagen, wenn sie öffentlich ihre Erfahrungen mit_teilen.
Da gelten die “schlechten Opfer” als jene, die ihre Gewalterfahrungen zum Teil des Laufs der Dinge in der Gesellschaft machen, als die sie sie begreifen.

Da gelten Personen als “Opfer, die das aber noch nicht wissen”, die sich nicht als Personen begreifen, die gerettet werden müssen.
Da gelten Personen als “Opfer, die das aber noch nicht wissen”, die nicht auf klassisch übergriffige Hilfsinterventionsversuche anspringen.
Da gelten Personen als “Opfer, die das aber noch nicht wissen”, die nicht den gleichen Gewalt- und Unrechtsbegriff haben, wie jene, die sich Menschen einzuordnen anmaßen.

All das sind Urteile, die in Momentaufnahmen gefällt werden, was schon schlimm genug ist, weil auch das Entwicklung als bestehende Dimension ignoriert.

Gewalterfahrungen können vieles in einem Menschen zerstören und so verrücken, dass eine neue Form der Stabilität und auch der Stabilisierungsmaßnahmen etabliert werden (müssen).
Dafür gibt es gute und immer weiter in Verbesserungsprozessen befindliche Instrumente aus unterschiedlichen Professionen, seien es Psychologie, Psychiatrie, Medizin oder Pädagogik.
Die individuelle Profession in der Nutzung und Wahrung eigener Resilienzen wird daneben leider oft zu etwas, das wie ein Zierdeckchen in der Begegnung als existent aber lediglich schmückend seinen Platz und Berechtigung eingeräumt bekommt.

arm

Man kann uns über die Abwertung von Armut gut verletzen.
Das geht richtig tief. Rührt an Scham und Minderwertigkeitsgefühle, erinnert an die Verzweiflung, die mit unserem Kämpfen der letzten 10 Jahre um eine Berufsausbildung und bezahlte Jobs einhergehen.

Die Verletzung hat drei Stränge, die uns so bewusst sind, weil wir es uns in unserer Lebenslage nicht leisten können sie auszublenden, wie Menschen, die es für angemessen halten uns über die Abwertung unserer Armut zu verletzen.
Strang eins ist in der Person verortet, die uns damit verletzt. Da gibt es Gründe, da gibt es Willen zur Verletzung, Demütigung und Selbsterhebung, der nichts mit uns zu tun hat.
Strang zwei ist in dem Kontext, der unsere Armut begründet und aufrecht erhält, verankert und hat ebenfalls nichts mit uns als Person zu tun.
Strang drei ist in der Gesellschaft verankert, die in sich Strang eins und zwei vereint, ohne dies an sich zu reflektieren, weil die eigene Haut als bedroht eingestuft wird, wenn es um Armut geht. Da gibt es eine Ahnung vor der sich geschützt werden muss, da gibt es *ismen, die die Welt erklären und Menschenleben niedermähen, wie ein Kornfeld. Am Ende bin ich nur Teil der niedergemähten Masse. Wieder geht es nicht um mich.

An allen drei Strängen bin ich nicht konkret beteiligt, aufgrund meiner Armut. An allen drei Strängen kann ich allein nichts verändern, gerade weil ich allein nicht beteiligt bin. Und doch gibt es Menschen, die mir unterstellen, ich würde an meiner Lage nichts verändern wollen und deshalb nichts tun.
Ich nenne das “die Teilhabeblindheit”, die vor allem Menschen befällt, für die Teilhabe allein über einen Aspekt der ökonomischen Unabhängigkeit bzw. weniger stark eingegrenzten Möglichkeiten ein erfahrungsgemäß kleineres Problem darstellt (und etwas anderes, als Ignoranz (m)einer Lebensrealität ist).
Wer die Anschaffung eines Lexikons weniger als 3 Monate im Voraus planen muss, weil das Sparen auf ein Bildungsgut bedeutet, währenddessen und darüber hinaus an Kleidung, Kultur, Gaststättenleistungen, Instandhaltungskosten der Unterkunft und anderem ebenfalls zu sparen, der kann sich auch eher auf eine Weise vor dem Verlust an Teilhabe durch Bildung, durch Kultur, durch öffentliches Leben schützen, als ein Mensch, bei dem das nicht so ist.

Bei allen Diskriminierungen, die über Armut durch Hartz 4 bestehen, bin ich daneben dann doch auch froh, dass ich als davon betroffene Person auf eine Art sichtbar bin. Es gibt Menschen, die in Frührente gehen mussten, Menschen, die mit Krankengeld über die Runden kommen müssen, deren Armut noch überhaupt gar nicht diskutiert und sichtbar gemacht wurde. Diese Menschen müssen häufig Kosten stemmen, als wären sie nicht arm, haben aber Ende oft sogar noch weniger für ihren Lebensunterhalt als eine Person, die den vollen Hartz 4 Satz bekommt.

Die Sichtbarkeit, der Menschen, die auf Hartz 4 angewiesen sind, hat allerdings wiederum oft nicht benannte Negativeffekte.
Weil ich in meiner Armut sichtbar bin, bin ich leicht in frage zu stellen. “Sie hat ein Smartphone, sie ist nicht abgemagert, sie fährt in der Gegend herum, sie hat ein ausgefallenes (also teures) Hobby – dann kann die Armut ja nicht schlimm sein. Soll sie halt nicht so viel Scheiß kaufen/nicht aktiv sein/keine Hobbys haben – soll sie halt sparen. Soll sie sich halt zurücknehmen.  … Soll sie halt weggehen. Soll sie halt nicht da sein.”

Niemand meint das so. Aber alle sagen es mit ihrer Abwertung und das ist unreflektierte Gewaltausübung an unterdrückten Personen, die oft auch einen sadistischen Touch bekommt, wenn diesen Personen unterstellt wird, sie würden ihre Armut wählen, weil es bequemer ist Menschen um finanzielle Unterstützung zu bitten (statt sie sich anders selbst zu beschaffen).

Wir haben in 10 Jahren Hartz 4,  4 oder 5 Mal um Geld nur allein für uns gebeten. Das waren Situationen, in denen wir unsere Pfandflaschenvorräte schon getauscht haben, die Trockenvorräte aufgebraucht hatten, dem Hund das Fleisch hätten wegfressen müssen, während wir im Dunkeln sitzen, weil der Strom abgeschaltet wurde.
Was uns oft passiert ist, dass wir in Geldnot kommen, weil unsere Non-Budget – und Non –Profit – Projekte, wie jetzt zum Beispiel das Podcast oder auch das Nachwachshaus, oder Vorträge und Workshops, für die wir kein Honorar erhalten und für die wir die Fahrtkosten vorstrecken müssen, immer und immer an unserem Hartz 4 Budget fressen und auch durch regelmäßige Unterstützungen nicht abgemildert werden können.
Es gibt Menschen, die schütteln den Kopf darüber und fragen uns, warum wir das denn auch machen. Wieso lassen wir uns nicht immer für alles bezahlen. Wieso lassen wir uns denn so gnadenlos ausbeuten.

In solchen Momenten bin ich oft erst mal baff, weil es mir gleichsam nicht den Kopf will, wie man unsere Gründe denn einfach so übersehen kann. Wie kann man denn nicht sehen, wie isoliert wir zu leben gezwungen sind? Wie kann man denn nicht sehen, dass es exakt diesen Bereich der Selbstwirksamkeit gibt, den wir uns über unser Handeln erarbeiten. Wie kann man denn nicht sehen, was für einen großen Bereich von sozialer, intellektueller und kultureller Teilhabe wir uns über unsere Tätigkeiten selbst und so eigenständig, wie es in unserer Lage nur geht, erschlossen haben?

Was uns oft passiert ist, dass wir deshalb zu jemandem gemacht werden, der als eine Art “Ausnahmehartzi” betrachtet wird. Wir gelten nicht als faul, wir gelten nicht als hoffnungslos dumm/ungebildet/assi – wir gelten dann als jemand, der einfach Pech hatte oder als bedauerlicher Einzelfall, der in diesem System einfach keine Chance hat.
Für uns ist diese Haltung uns gegenüber ein Vermeidungstanz um Bedingungslosigkeit herum, die man uns zugestehen möchte – aber nicht allen anderen, die abhängig von Grundsicherung sind.

Bedingungslosigkeit gilt in manchen Kreisen als gefährlich und falsch. Dort muss sich der Mensch alles verdienen, sonst hat nichts mehr Wert.

Das ist nicht meine Logik, weil ich sie als menschenverachtend erlebe. Für mich muss sich niemand verdienen am Leben zu sein und dieses für sich zu sichern und zu gestalten. Ich kann nicht “Freiheit für alle” rufen und aber nur die meinen, die sich dieser Freiheit als verdient erwiesen haben.
Das ist widerwärtig und verabscheuungswürdig.

Arm zu sein ist keine Entscheidung. Für manche ist sie ein Schicksalsschlag. Für manche ist sie eine Notlösung für eine gewisse Zeit. Und für manche ist es einfach Realität, weil das Ende der Armut mit Bedingungen belegt wird, die (noch und vielleicht auch: für immer) unerfüllbar sind.

Arm und ohne Teilhabe (teilnahmslos) zu sein ist hingegen eine Entscheidung und diese stellt Bedingungen, die nur dann erfüllbar sind, wenn es zum Einen entsprechende Reflektion über die eigene Selbstunwirksamkeit gibt und zum Anderen, wenn man bereit ist, sich auf eine Art auch darum zu bemühen, den eigenen Begriff von Würde, Selbstwert und allgemeinen Werten zu definieren und in sich zu etablieren.

Mir macht es keinen Spaß um Geld für das Podcast zu bitten. Aber ich weiß, wofür wir das tun und wer, außer mir auch noch davon profitieren kann. Es ist für mich nicht würdelos und peinlich Menschen um Unterstützung für meine Projekte zu bitten.
Peinlich finde ich, privilegierten Menschen sagen zu müssen, dass sie gewaltvoll handeln, weil sie selbst es nicht bemerken. Würdelos erlebe ich Menschen, die mich erniedrigen müssen, um sich selbst zu spüren und ihrer selbst zu versichern.

Meine Armut hat nichts mit mir zu tun und das ist mir ein wichtiger Punkt in jeder Debatte um Hartz 4.
Meine Armut ist strukturell bedingt, gesamtgesellschaftlich benutzt und in der Folge irgendwo auch gebraucht.

Sagt mir also lieber nicht, ich solle lieber gar nicht da sein.
Denn wäre ich nicht, dann hättet ihr niemanden außer euch selbst, den ihr als letzten Dreck bezeichnen könntet.

das ist auch Hartz 4

Irgendwie ist es ja so: Ich kotze meine gallenbittere Hartz 4 Realität hier hinein und mit Trauma und Gewalt hats dann doch erst auf den zweiten Blick zu tun.

Für mich, uns, die kleinen harten Knubbel unter der Haut über meinem Innen, für die ist das eine Wiederholung.
Jede Solidarität, jedes Mitfühlen, jedes Verstehen, das dann doch nichts ändern kann, tut weh, weil sich für sie, uns, etwas wiederholt.

Da sind Leute ohne Gesicht. Eine Macht, die alles von einem weiß. Alles von einem zu wissen verlangt. Vor der es keine Geheimnisse geben kann. Darf.
Da ist die Ohnmacht. Da ist das Wissen, dass es nur einen Knick braucht. Nur eine falsche Bewegung. Ein falsches Wollen. Ein falsches Wünschen. Eine einzige individuelle Regung, die auch nur ein einziges Kästchen sprengt
und das Leben, wie es war, ist zu Ende.

Und da ist auch
das Mitteilen von Not. Von Ohnmacht, Verzweiflung, Widerwillen, Ekel, Ungerechtigkeit.
Und dann die Worte.
“Oh ja, das ist sicher furchtbar.”
”Hartz 4 ist die totale Scheiße”
”.. so unmenschlich”
”Gewalt…”

Ich hab neulich so eine dieser wabrigen Erinnerungen gehabt, auf die kleinere Schatten folgten.
Die Horterzieherin, die fragte, obs denn nicht weh tut. Die Lehrerin, die sagte, ja Eltern könnten manchmal ganz schön blöd sein. Die Klassenkameradin, die stumm nickt und ihren Fußspitzen erzählt, dass sie weiß, was ich meine. Die Kinderärztin, die auf ihren PC tippt und sagt, dass alles da drin steht.
Und die Welt, die sich einfach weiter gedreht hat, als wäre nichts passiert.

Ist es eine Art Undankbarkeit, wenn ich gar nichts mehr erwidern kann, wenn mir Menschen ihr Mitgefühl mit meiner Hartz fear ausdrücken? Wenn sie fragen, ob sie mir helfen können und ich im Kämmerlein unter dem Vorwurf, andere Menschen dazu gebracht zu haben, zu denken, sie müssten mich retten, zerrissen werde, nur noch ein Danke herauskriege, das auch “Okay- nimm mich einfach” heißen könnte?

Hat mich das Hartz so zerstört oder war das schon immer so?

Ich denke manchmal, es ist eine Fähigkeit von uns – einer dieser komischen Faktoren, die beim Überleben helfen, dass wir uns ausdrücken können. Dass wir das so oft an Sprechproblemen und Wortlosigkeit vorbei  geschafft haben.
Und dann steht man in so einer Gesellschaft, die so ganz viel aus symbolischen Akten zieht. Aus Pro- und Kontrapositionierungen und Worten, nach denen man Taten gar nicht vermisst.

Ich habe mich vorhin bei einem alten Wunsch ertappt.
“Wenn es nur bitte bitte endlich vorbei wäre.”.
Ich denke wirklich oft: “Ja, gut – ich nehme die Armut, die begrenzten Möglichkeiten. Ich ziehe die Rentenlosigkeit und den Plastezahnersatz mit Mitte 30 und tausche gegen die Angst den Briefkasten zu öffnen und die Spirale aus Kämpfen und Verlieren.”

Ich hab einen ähnlichen Kompromiss als Jugendliche gemacht.
Weil ich in der Jugendhilfeeinrichtung ständig so furchtbare Bauchschmerzen und untergründig schwelende Todesangst hatte, hab ich getauscht und bin zurück nach Hause gezogen. Obwohl ich keine Ahnung hatte, wie es da eigentlich immer so war.

Ich weiß auch nicht, wie man ohne Rente und mit Plastezähnen so lebt.
Ich würds trotzdem gegen diese Hartz fear tauschen. Ernsthaft.

Aber Hartz 4 kann man nicht tauschen. Das kann man nur vererben.
Es gibt kein Raus für mich. Für uns. Jedenfalls nicht jetzt. Dieses Jahr. Nächstes. Übernächstes. Und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch noch überübernächstes Jahr nicht.

Und alle verstehen, wie furchtbar das für uns sein muss.

Und die Welt dreht sich einfach weiter.

#Raumgefühl

DSC_0292Um zum Haupteingang zu gelangen, muss man hineingehen in den Bogen des großen U, das das Gebäude des Jobcenters bildet.

Mit jedem Schritt schrumpft das Selbst und wächst das Gebäude.
Es hallt. Ist immer schattig in diesem U.
Im Foyer läuft Sonnenklar TV auf den Bildschirmen, die über einem Leitbandsystem hängen.
Es schlängelt die Existenzminimum-Kund_Innen vor die verglaste Schalterfront.

Stimmen schieben sich dumpf durch diesen weiten Raum ohne Sitzgelegenheit.
Ohne die Fensterfront, die Beamte, wie Kund_Innen im Rücken haben, wenn sie einander durch das Sicherheitsglas getrennt, gegenüber stehen, wäre es ein dunkler Durchgang.

Die Seitenschenkel des U enthalten auslegwarentrittschallgedämmte Flure hinter Sicherheitstüren.
Schussfest. Schallgedämmt. Nur mit Mitarbeiter_innensicherheitskarte zu öffnen.

Die Türen dahinter sind alle offen.
Daten werden hier nicht geschützt.
Lebensdaten. Schicksalsdaten. Persönliche Daten.
Sie quellen aus den Nischen, die von den Fluren abgehen und verteilen sich zu einem Klangteppich, der jeden Winkel berührt und von weißem LED-Licht beleuchtet wird.
Es riecht nach Kaffee, Papier, Toner, Schweiß, Parfum, Teppichkleber.
Ich nenne diese Mischung “Eau de Be-Amt”, weil jedes Jobcenter so riecht.
Angst, Verzweiflung, Monotonie, Tränen, haben keinen Eigengeruch.

Die Klinken sind schlicht, schwer, schmal und kalt. Helles glattes Metall, passend zum cremigen Weiß der Wände und schmutzigem Dunkelgraublau des Bodens, ist es ein Element, das sich konsequent wiederholt, wie die hellgraubläuchlichen Platten und die in quadratische Betonbecken eingegrabenen Bäumchen im Hof.

Wenn man aus dem Fenster schaut, kann man den Bahnhof sehen.
Wenn man drüber nachdenkt, fällt einem auf, dass man nicht darüber nachdenken sollte.

So richtet man seinen Blick auf die Kunstdrucke in Plastikrahmen und wartet auf seinen Stempel. Seinen Zettel. Die Nummer, die mal ein Menschenleben war.

Wenn die Tür hinter einem zugeht, brüllt einen der Lärm der Hauptstraße über die freie Fläche vor dem Haus hinweg an.
Man darf sich fragen, ob der Zugang zum Dach des Gebäudes auch mit einem Sicherheitskartenschloss verriegelt ist.

 

[mein Beitrag zur Blogparade von Stadtsatz]

 

because…

Es hat etwas damit zu tun Haltung zu wahren und sie unmerklich zu verlieren.
Dieses Nichtweinen, Nichtausruhen, Nichtstillhaltenlosrennen. Diese Implosion, über die ich hinwegsehe, als wäre sie nicht da, um doch auf Zehenspitzen drumherum zu tanzen.

Ich will das, ich kann das, ich mach das. Nicht obwohl, sondern weil.
”Because of fucking darum”, wie die andere neulich in den Waldboden spuckte.

Ich halte mein Leben, den bürokratischen Teil meines Lebens, jetzt den vierten Monat in meinen klapprigflatternden Händen und bin dabei irgendwas zwischen Pisas Turm und Jenga unter Kindergartenkindern.
Ich stehe für meine Fehler, Fehl- und Falschangaben gerade, unterzeichne mit einem Namen, der mich Würgen lässt. Ich gehe ans Telefon und rede, auch wenn ich falsch angesprochen werde.
Ich hab aufgehört vor Unrache zu heulen, hab mir das Atmen gegen das Zwerchfell angewöhnt. Ich bin so cool wie Espenlaub und smooth wie Apfelmus.
Und versage mit Pauken und Trompeten.

Wer hätte das gedacht.

Mir helfen Fremde* im Internet besser, als der zuständige Dienst meiner Stadt. Selfpedia– ich danke dir <3

Meine Haltung ist mir aufgefallen.
Vorhin, heute Nachmittag im Schaufenster gegenüber des Geldautomaten, der mir kein Geld ausspuckte.

Ich sehe geschlagen aus.
Nieder geschlagen.
Bucklig, schief und krumm.

Schonhaltung ist der Vermeidungstanz des Körpers.
Meine Körperteile winden sich um Schmerzpunkte herum, schlagen Haken und zurren sich gegenseitig fest. Damit keins, aus Versehen, herunterfällt.

Mir fällt schon was ein. Ich krieg das schon hin. Nicht trotzdem, sondern weil. Atmen. Kopf hoch. Weiter weiter, von stehenbleiben verändert sich nichts, Herzi. Zack Zack.

Mir ist meine Haltung aufgefallen, als ich am Herd stand und bemerkte, dass ich Hartzpanik esse.
Das ist Essen, das es eigentlich gar nicht recht aus der Packung auf den Herd in ein Geschirr in mich hineinschafft, sondern mit geschlossenen Augen und angehaltenem Atem reingedrückt wird, damit man satt ist, bevor alles weg ist.

Mir ist eingefallen, dass ich im ersten Hartzjahr genau so in meiner winzigen “Küche” stand.
Mein Rücken tat weh. Meine Beine. Meine Haut. Aus Gründen, die ich bis heute nicht kenne.

Aber meine Kundennummer. Meine Kundenidentifikationsnummer vom Jobcenter hatte mir ein Haltungskorsett angelegt.
Man nannte es mal ”Stütze”. Aus Gründen, so scheint mir.

Natürlich könnte man es auch Käfig nennen. Sagen, dass wer darin getreten und nieder_geschlagen wird, auch einfach nie die Haltung verlieren kann. Selbst wenn er wollte.

Morgen stelle ich meinen zweiten Eilantrag auf gesetzliche Betreuung.
Morgen rufe ich in der Praxis von einer Medizinerin* an, die sich mit Schmerzbehandlung auskennt.
Morgen wird mir schon was einfallen.

in 50 Tagen sehen wir das Meer
und dann können wir uns immer noch ein neues Darum überlegen

“Wir sind Viele” ~ Teil 5 ~

Blumenbeet Sie sprang von einem Bein aufs andere, während ich die Flyer der Initiative Phönix verteilte: “Schreibst du auch auf, dass die Menschen so bedürftig sind? Schreibst du das auch auf, ja?”.
Bis mir klar wurde, welche Menschen sie meinte und was für sie so wichtig daran sein könnte, dass ich auch darüber schreibe, dauerte es nur noch einen Workshop und ich konnte auch das fedrige Gefühl unter meiner Haut endlich einsortieren.

Die Rechtsanwältin Barbara Wüsten bot einen Workshop zum Opferentschädigungsgesetz (kurz: OEG) an.
Es ist schwierig über ein Gesetz einen Workshop zu machen, zumal die Hauptprobleme in Sachen Opferentschädigung gar nicht an dem Gesetz selbst liegen, sondern mitten im System der Versorgungsämter und der kranken Kassen.
Es wurde mit jeder Wortmeldung der TeilnehmerInnen klarer, wie oft und an welchen Stellen immer wieder die Behördenwillkür, Falschinterpretationen und auch etwas, dass gut als Ausläufer der “
rape culture” in der wir leben zu bezeichnen ist: “Wenn das Opfer was will, dann soll es sich halt drum bemühen”, wirken.

“Jemand muss die doch mal trösten, oder?”, die kleine Neugierige hopste immer noch um mich herum und ließ ihre Satellitenschüsselohren im Raum herumkreiseln, als wir uns aus der Kaffeeschlange herauslösten und direkt an den Tisch mit den Kannen gingen. “Ich find, es ist nicht gut, wenn die HelferInnen so traurig sind und so… weißt, als wenns die gaaaar nix machen können.”. Ich nickte und lief nach draußen in den Sonnenschein, stolz auf mich nur minimal gekleckert zu haben und froh über die frische Luft.

“Glaubste eigentlich, die haben hier ne grobe Peilung, dass die genauso von der Gewalt ihrer KlientInnen betroffen sind, wie die KlientInnen selber? Ich mein jetzt so wegen der strukturellen Gewalt und so…”, er streckte die Beine aus und wackelte mit den Zehen, “Ich glaub, über kurz oder lang kann man davon irgendwie auch ne Art PTBS kriegen. Zumindest haste dann halt irgendwann so richtig geil ne Vermeidungsperformance drauf und nennst das “Abgrenzung” und dann haste da so Perlen wie Frau Doktor, die das nicht trennen- also so “Ohnmacht vor Strukturen” und “Ohnmacht vor Leiden der KlientInnen” und badabäng! wieder jemand weniger, der eigentlich voll helfen kann.”.

Sie seufzte und beobachtete die kleinen Käfer, die vor unseren Füßen über den Kies kletterten.
Sie ist uns passiert, als wir struktureller Gewalt unterliegen mussten und was das für uns in Sachen OEG bedeutet, fiel mir in dem Moment auf.

Ihr Sein ist angepasst daran ein “Nicht viel mehr als eine Nummer” zu sein. Ein Sein, dessen Grundbedürfnisse von positiven Anträgen legitimiert werden- nicht von gütigen Menschen oder eigener Hände Wirken. Sie hat noch nie auch nur irgendeinen Widerspruch an kranke Kassen oder Jobcenter verfasst, wenn ihr (uns) Leistungen gestrichen, gekürzt, zu knapp zugeteilt oder gar von Vornherein verwehrt wurden. In all der Ohnmacht und dem Raub der Menschenwürde, war am Wichtigsten vor sich selbst ein Sein, ein Jemandsein mit Namen zu bewahren- nicht dies zu erkämpfen oder zu bestätigen oder vom Außen als zu wahren einzufordern.
Unsere Idee war, einen Antrag auf OEG zu stellen und sie das machen zu lassen. Ihr ist die Gewalt früher nicht passiert und sie empfindet das auch nicht so.  Sie wird uns nicht abschmieren, weil sie von Erinnerungen überschwemmt wird oder Ähnliches.
Aber sie wird auch nicht um unser Recht auf eine Entschädigung vom Staat kämpfen können, geschweige denn unsere Anwältin antreiben, das zu tun.

Wir werden aber genau das tun müssen. Kämpfen. Für uns eintreten. Einen Wert, den wir sogar vor uns selbst nicht durch unsere schlichte Existenz definieren, verteidigen und darauf aufbauend Forderungen stellen. WIR werden das tun müssen.
Diese Sache mit dem OEG…

“Wisst ihr, was uns fehlt?”, ich schaute meine MitautorInnen an, “internalisiertes Empörungstum und diese komische Blindheit für rape culture.”.
– “Und etwa 20-30-40 Jahre Lebenserfahrung, mein Herz. Viele Menschen hier sind in ganz anderen Zeiten und Verhältnissen aufgewachsen, als du und ich und wir alle.”
– “Und hier Dings, nä- die kenn das bestimmt auch so mit hier “kriegen, was man will und schaffen, wenn man sich anstrengt” und so weil Dings nä- die sind nicht arm und so. Also jedenfalls nich wie wir. Wenn wir EMPÖRUNG brüllen kommt weniger, als bei so Leuten rum.”.

Dumpfe, brütende Stille.
“Und nu?”.
Ich spürte, wie sie ihre kleinen eisigen Hände auf meine Wangen legte und ihre Forderung in mein Denken hineinschüttete: “Schreibs auf!”
Mir fallen zig “Ja, abers” ein. Ich will einen verkaufbaren Artikel machen. Ich will die Artikel an das Herz hinter der Tagung, Brigitte Bosse schicken. Ich will Artikel schreiben, die einfacher lesbar sind. Ich will … ja und aber… die haben doch schon eine Stimme!
“Die” sollen doch “den” Betroffenen helfen. Ich will das nicht unterstützen, dieses Verantwortungsgeschiebe auf die Opfer, die “sich einfach nicht genug bemühen”; die “sich nicht fallen lassen dürfen, weil wo kämen wir denn da hin?”; die Opfer die Opfer die Opfer die OPFER die ja aber nicht “Opfer” sind, wenn die Gewalt vorbei ist, aber die wir der Einfachheit Opfer nennen, damit jede/r das Gekreisel überhaupt versteht- die Opfer, denen man doch HELFEN muss- die man doch retten muss, weil OPFER!; die Opfer, die sich nicht wehren konnten, als sie ein Kind waren- die sich aber heute wehren MÜSSEN, weil WEHR DICH DOCH (aber bitte nicht gegen meine Perpetuierung von Gewaltmythen- das geht nicht- da muss ich mich abgrenzen, sonst muss ich ja die ganze Zeit weinen, weil OHNMACHT)

Das will ich nicht. Ich finde es zum Kotzen, wie viele HelferInnen sich als RetterInnen präsentieren und auch selbst so definieren- ohne von irgendjemandem mal zu hören, dass genau das auch eine Unterdrückung ist. Ein Kleinhalten und Absprechen von Fähigkeiten und Ressourcen, von Kraft und Lebenswillen.
Ich finde es zum Kotzen, wie viele HelferInnen Gewaltmythen unhinterfragt lassen und Normierungszwänge ausüben, auf ihrer Mission der Opfererrettung und “Traumaheilung”.
Ich finde es schlimm, dass die Tagung und das Klima in ihr so sehr in den 90 er Jahren hing und nicht im Jahre 2014, wo man nicht mehr “multiple Persönlichkeit” sagt und diese verklärende Beschreibung der DIS mit “da war Gewalt und die anderen Innenpersonen, sind dann gekommen” inzwischen sogar wissenschaftlich und mit, ich sag mal, “naturgegebenen” psychophysiologischen Strukturen besser erklärt werden können. Ich finde das richtig schlimm, denn mit einem kurzen Blick in die späten 80 er Jahre von Amerika und dem, was genau diese “Ver”- Erklärung dort gemacht hat, nämlich eine Welle der “moral panic” (“empört euch- da gibts Satanisten und die sind überall und wollen unsere Gesellschaft aufessen!”), kann ich nur hoffen, dass es hier bitte konstruktiver zugehen kann.

Wo hakt es? Ist es das Tagungsprogramm gewesen? Die RednerInnen?
Wir hätten die Tagung nicht besucht, wenn dem so gewesen wäre oder wir den Eindruck gehabt hätten, dass es zwangsläufig so abdriftet.

„Es ist vielleicht die Not, mein Herz. Die Not vor der Gewalt zu stehen und keine Erfahrungen zu haben, wie zu reagieren sein kann. Es hat nicht die gleiche Norm, wie für uns. Da ist Angst, da ist Unsicherheit, da ist Trauer um eine Welt und… ich glaube, zumindest spüre ich das bei ein paar Menschen hier, eigene Erfahrungen, die weggedrückt gehalten werden müssen.”. Während der Schwan sich wieder zurückzog, um sich dem schrillen Schreien auf seinem Rücken zu widmen, dachte ich darüber nach, wie ich das nun in einen Artikel hinein bekomme.

Wie macht man anderen Menschen klar, dass sie ihre Normalität um Grauenhaftes erweitern müssen, zeitgleich aber nicht darauf allein hocken bleiben dürfen, weil die Konstruktivität ihrer Arbeit darunter leiden könnte? Wie kann ich über diese Dinge schreiben, ohne Gefühle und Selbstbilder zu verletzen?
Wie kann eine Annäherung an Gewalt als schreckliche Alltäglichkeit aussehen, ohne sie in pseudoliberale Formulierungen entgleiten zu lassen?
Wie kann es aussehen, wenn ich Menschen erklären möchte, dass es nicht die Gewalt selbst ist unter der ich leide; dass es nicht das multipel/ Viele sein ist, unter dem ich leide, sondern die Tatsache, dass Gewalt die Grundlage meiner Selbst- und Umweltwahrnehmung ist, die heute dysfunktional erscheint- sowohl vor dem Anspruch einer Gesellschaft in der nur eine Dimension- eine Perspektive allein geduldet wird, als auch vor einem Leben, das keine Ausbeutung und Gewalt mehr in der Form wie früher beinhaltet?

Ich verspeiste ein Stück Streuselkuchen und hoffte im Workshop mit Claudia Fischer “sadistische Gewalt in der Berichterstattung” die eine oder andere Antwort darauf zu erhalten.

mit Behörden reden

FassadenimLicht Meine Wahl gegen Gewalt, war eine Wahl für meine Freiheit und damit auch eine Wahl für die Armut. Die Schonimmerarmut und die Position neben einer Welt, die so verheißungsvoll jedem Menschen verspricht: “Du musst nur wollen, dann…”.

Mit Behörden zu reden, heißt im Grunde genommen nichts anderes als Betteln für mich und doch versuche ich immer wieder das Bestmögliche an den passenden Stellen für mich einzufordern. Manchmal, weil ich der Gesellschaft ™ die Aufgabe, sich um alle Menschen in ihr gleich zu kümmern, nicht abzunehmen gedenke und manchmal, weil ich noch diese lichten Momente habe, in denen mir legitim erscheint, dass auch diese Behörden keinen Grund haben, mich wie eine Bittstellerin zu behandeln.
Auch sie sind, ohne mich (und Menschen wie mich) nichts weiter als Menschen mit mehr oder weniger hübschen Büros und einer Auswahl Kugelschreiber.

Seit ich 19 Jahre alt bin, bin ich Jobcenterkundin. Eine Nummer, ein Schicksal, ein Gesicht von vielen.

Das Jobcenter ist die Behörde an der meine gesamte Existenz hängt. Ich bin ihr gnadenlos ausgeliefert und ihr Schatten schlägt sich in allen Belangen meines Leben dem meinen um Längen voraus. Es geht um Leben und Tod und egal, wer mir in Bezug darauf etwas Anderes vermitteln will, soll – mit Verlaub – einfach mal die Fresse halten und selbst 10 Jahre in dieser Armut leben, ohne irgendwelche Rücklagen.

Leben und Tod- diese Dynamik darum, der Kampf, die Notwendigkeit zu überleben, das kenne ich nur zu gut. Meine gesamte Kind- und Jugendzeit drehte sich darum und dort ist ein Punkt, der mich immer wieder triggert, wenn ich Post von dieser Behörde erhalte.

Was bei MedizinerInnen noch so leicht gedämpft werden kann, nämlich die Macht über mich, funktioniert nicht in Sachen Jobcenter.
Dort kann ich mich nur darauf besinnen, dass die Behörde selbst nur ein Verantwortungsdiffusionsbläschen ist und der oder die MitarbeiterIn vor mir, auch nur ein Mensch an einem PC sein kann.

Es ist eine Sachebene, fern aller Gefühle, aller Lebenslogik und auch aller Moral, die hier gepflegt werden muss.

So entschied ich mich vor drei Jahren für eine anwaltliche Vertretung in Sachen “passive Leistungen”. Ich merkte, dass ich den Inhalt der Bescheide, die Aufforderungen und Formulare allesamt kaum wirklich erfassen kann, wenn sie einfach so im Briefkasten landen und alle Handlungspflicht auf mir allein ruht.
Das, was ich heute an Hartz 4- Panik erlebe, ist nichts zu dem, was letztlich ein Innen von uns hervorbrachte: Jedes mal die Angst, es nicht richtig zu machen und dann kein Geld zu bekommen. Jedes Mal die Angst, etwas können zu müssen, was nicht gekonnt wird und in der Folge mit Geldentzug bestraft zu werden. Jedes Mal die Angst zu hören, dass die eigene Hoffnungslosigkeit in Bezug auf ein Leben aus dem Hartz 4 System heraus, bestätigt werden könnte. Jedes Mal ungefilterte Todesängste ohne Netz und doppelten Boden.

So eine anwaltliche Vertretung, wie ich sie habe, ist in meinem sozialen Netz eine Ausnahme. Andere Menschen entscheiden sich für eine gesetzliche Betreuung mit dem Schwerpunkt auf die Vertretung in diesen Dingen. (Hier ein Link dazu)

Doch das Jobcenter hat ja nicht nur einen Armutsverwaltungsauftrag. Es soll ja Menschen auch in Berufe bringen.
Auch Menschen mit grünem Schein.
Mit meiner Schwerbehinderung von 50%, landete ich dann in der Abteilung “Reha und Schwerbehinderung”. Meine frühere Sachbearbeiterin war immer sehr dankbar darum, wenn ich sagte, dass ich “im Moment” und “nicht absehen könnend” nicht fähig dazu bin, eine Vollzeitausbildung in Angriff zu nehmen. Schwupp- Jahresstatistik positiv beeinflusst, lächeln und zack- nächster Termin in einem Jahr.

Letztes Mal war aber alles anders. Auch hier kamen wieder diese Fragen:
“Wer sind Sie?”
“Was wollen Sie?”
“Was kann ich für sie tun?”, diesmal aber von einer fremden, weil neuen Sachbearbeiterin.

Okay- kurzes Schlingern, aber dann!!! Heldeninnencape im Raum herumschwenken!
Ich fragte sie, ob ich mal wild rumspinnen dürfte und sie mir dann sagt, was davon irgendwie im Rahmen ihrer Statuten umsetzbar ist.
(Haaaaaa!)
Nachdem wir das geklärt hatten, fragte sie nach den Einschränkungen, die ich habe.
Ich sagte ihr, dass es nicht nur Einschränkungen in dem Sinne “einfach ein Hilfsmittel dazu und fertig ist der Lack” sind, sondern für mich die Probleme in Sachen Leistungsbeständigkeit in Abhängigkeit meines Umfeldes liegen und, dass ich es einfach nicht schaffen werde, harte Therapiearbeit (und das ist Traumatherapie nun einmal) mit einer Vollzeitausbildung unter einen Hut zu bringen.
De fakto hatte diese Frau keine Ahnung von Traumafolgestörungen oder psychischen Behinderungen ganz allgemein.

Unterm Strich ging ich mit meinem ersten Rehaantrag und einem Gesundheitsfragebogen aus dem Gespräch.
In Behörden redet man eben doch nicht persönlich über sich.

Man redet über Fragebögen, Antrags- und Formularnummern mit einander und trägt so Bitten und Umstände von A nach B.
Es ist dort nicht relevant, wie abstrakt ich das Geschacher um meine Zukunft, mein Leben und dessen Qualität wahrnehme- existenzielle Abhängigkeit hat keine Ziffer.
Selbst Todesangst wird im Jobcenter nur durch immer mehr Videoüberwachung, dicke Sicherheitstüren vor Büroräumen und offenen Beratungszimmern sichtbar.

Ich muss nicht mit Behörden reden.
Ich darf nur nicht vergessen, was ich eigentlich erzählen können müsste.
Wenn ich mehr als nur eine Nummer in einem Aktenschrank wäre.

unspeakable inhumanity ~ strukturelle Gewalt

OLYMPUS DIGITAL CAMERAda war sie wieder: die Begrifflichkeit „unspeakable inhumanity“
Ich kenne sie. Nutze sie aber nicht. Zumindest nicht so.
Als ich mich mit dem Überleben und den Überlebenden der Shoa auseinandersetzte und dann irgendwann bei einem der vielen amerikanischen „researchprojects“ wiederfand, stolperte ich auch schon über diese Formulierung.

Diese Begrifflichkeit verbindet zwei Dinge miteinander, die im großen Rhizom um die Fragestellungen, die Gewalt an uns als Menschheit stellt, immer wieder auftauchen.
Zum einen die Frage nach der eigenen Menschlichkeit-der Menschlichkeit als solcher, die, meiner Meinung nach, noch immer nicht klar definiert ist und zum Anderen, die nach der Sprache und ihrem Fassungsvermögen, als Transportmittel zum Begreifen innerhalb menschlicher Fähigkeiten zu ebenjenem.

Gäbe es so etwas, wie „unspeakable inhumanity“, wüssten wir* nichts davon, denn Unsagbares, kann nicht vermittelt werden.
Gäbe es so etwas, wie „inhumanity“ also Unmenschlichkeit, als Option eines direkten Handelns als Mensch, dann müssten wir Menschen entweder unsere Selbstbezeichnung verändern, oder anerkennen, dass wir uns eigenständig aus unserer genetischen Struktur herausbegeben können, wie transmorphe Fabelwesen, denn Menschen sind immer Menschen- egal, was sie tun.

Trotzdem transportiert dieses Wortpaar etwas.
 In meinen Augen ist es der Versuch eine überfordernde Kraft oder Macht zu beschreiben, die von Menschen ausgegangen ist oder ausgeht.
Obwohl alles Handeln von Menschen menschlich ist- also nur innerhalb menschlicher Fähigkeiten, passieren kann, ist es durchaus Teil menschlicher Fähigkeit, zu abstrahieren und zu diffundieren, wie auch die Fähigkeit zu transponieren und zu assoziieren. So werden zum Beispiel aus „Tante Ilse und Onkel Kurt“ in einem anderen Kontext zu „Kundennummer 1 bzw. 2“.
Diese Leistung erscheint vielleicht nicht besonders groß, da die Inhalte die an „Tante Ilse und Onkel Kurt“ gebunden sind, unbekannt sind. Dieser Umstand erleichtert das Abschneiden dieser Inhaltscluster, (wie es ja bereits die Begriffe: „Onkel“ und „Tante“ durch das Abschneiden ihrer Inhalte- nämlich die die Schwester oder der Bruder der eigenen Mutter/ des eigenen Vaters zu sein, tun).

Meiner Ansicht nach ist diese Leistung aber groß.
 In meinen Augen ist es eine Fähigkeit, die sich proportional zur Fähigkeit der Selbstversorgung eines Menschen bzw. seiner Machtrefugien verhält. Es ist nicht wichtig zu wissen, in welchen Verwandtschaftsverhältnis zum Beispiel Onkel und Tante tatsächlich zur eigenen Person stehen (ob sie an Mutter oder Vater gebunden sind), wenn weder Onkel noch Tante noch Mutter noch Vater gebraucht werden, um diese Menschen in meinem von mir zu definierenden Bereich zu positionieren.
Der Bereich über den ich als Person die Macht habe, braucht nur so viel, wie ich brauche, um ihn zu erhalten.

 Würde ich also ergo ein Geschäft leiten, wäre die Notwendigkeit eben nicht an Onkel und Tante, sondern an Kundschaft, die in Hoffnung auf ein nachvollziehbares (definierbares) Wachstum nummeriert wird.

Es gibt Machtbereiche in denen Namenlosigkeit eine Säule dieser Machtbereichssicherung darstellt.
Als Fragestellung bliebe hier, ob dies als Angriff auf die Identität dessen was mit einem Namen belegt sein könnte zu werten ist, oder es sich tatsächlich um ein System handelt in dem Selbstbild, Identität und Identifizierung aus der Position eines Namen/Identität zugestehenden Systems heraus, als solche schlicht nicht nötig/ gewollt und aktiv unterbunden ist.

An dieser Stelle ist das Konzept „Jobcenter“ für mich spannend, weil es die Frage nach demjenigen aufwirft, der Machtgewinne erfährt.
Die bedürftigen Menschen
– (im Staatsmachtsystem „BürgerInnen“ genannt (Inhaltscluster: muss sich an die Gesetze halten, die u. A. sagen: „Geh zum Jobcenter, wenn du kein Einkommen hast“- ergo bereits hier nicht als „Mensch“ anerkannt)-
werden zu KundInnen des Jobcenters
– (Inhaltscluster: KundInnennummer- (als Teil einer Statistik im weiteren Verlauf der Diffusion) und gleichzeitig VertragspartnerIn (seines/ihres Zeichens menschlich- denn mit Tieren/ Pflanzen werden keine Verträge geschlossen)- ist der Macht des Jobcenters* komplett unterworfen, da existenziell abhängig)

Die MitarbeiterInnen des Jobcenters
 – (im Staatsmachtsystem „BürgerInnen“ genannt (Inhaltscluster: muss sich an die Gesetze halten, die u. A. sagen: „Wenn du arbeitest, hast du dich an deinen Arbeitsvertrag zu halten“)
werden zu SachbearbeiterInnen
– (Inhaltscluster: MitarbeiterInnennummer- (als Teil einer Statistik im weiteren Verlauf der Diffusion) und gleichzeitig
VertragsvermittlerInnen zwischen „dem Jobcenter*“ und den KundInnen, die im Laufe der Jahre an ihnen vorüberziehen – dem Jobcenter* in sofern unterworfen, als dass die Arbeit und damit das Mittel zur Sicherung der eigenen Existenz durch den Arbeitsvertragspartner definiert wird)

In Anbetracht der Tatsache, dass als MachthaberIn hier allein ein Name (Jobcenter*) auftaucht, sollte die Frage nach der Menschlichkeit des Systems „Jobcenter“ hinreichend geklärt sein.
 Nun mag der berechtigte Einwurf kommen, dass es sich bei der Agentur für Arbeit (Jobcenter*) um ein ausführendes Organ handelt- es bleibt dennoch ein System, das von vornherein, nicht als Mensch vor einem Menschen auftaucht und sich eben darum auch die Verunmenschlichung von BürgerInnen, die- fern aller Machtbereiche- Menschen sind, erlauben darf, was wiederum, meiner Meinung nach, etwas ist, das der Staat, der sich als solcher verpflichtet hat, die Menschen als solche zu schützen (vor eben jenem Umgang als Nichtmensch), als Aufgabe zur Durchsetzung im Grundgesetz stehen hat.

Was hier als strukturelle Gewalt (Unterwerfung/ Ausgrenzung/ Dominanz mittels eines verunmenschlichenden Systems) bezeichnet wird, ist gleichsam als „inhumanity“ betrachtbar, da es sich um ein System handelt, das als System (Nichtmensch) nur unmenschlich auftreten kann.

Dies als Faktum akzeptierend sollte nun verdeutlichen, dass alles Einfordern einer Menschlichkeit- gar die Gewährung diverser Menschenrechte gerichtet an „das Jobcenter*“/ „die Krankenkasse*“/ „die PolitikerInnen*“ sinnlos ist und niemals zu Erfolg führen kann.
Es ist eine Forderung, die an eine vom Staat wegdiffundierte Verantwortung gerichtet ist, welche wiederum in sich ein Produkt aus Sicherungsgier und Gewaltexistenz ist.

Diese Problemstellung ist transponierbar.
Am Ende steht, dass es Unmenschlichkeit nicht gibt, nur unmenschliche Systeme, die von Menschen gemacht sind, die alle Gewalten in ihrem Leben internalisieren, auf ihr Leben transponieren, alle Werte, die ihr System nicht braucht, abschneiden und anderen Menschen oktruieren oder sie dazu bringen, davon zu profitieren (sie in eine Mitverantwortung zu bringen).

Fortsetzung folgt

die * stehen hier für all Variablen, die durch die Eingrenzung mittels Artikel vor dem Wort abgeschnitten werden bzw. beim „wir“ als „wir als Menschheit mit allen Facetten“

 

der GKV- Spitzenverband und seine Thesen zur Vorenthaltung psychotherapeutischer Hilfen oder: „Psychotherapie ist keine Operation an offener Seele“

RosenblätterhulkkunstDas Ärzteblatt hat heute über eine Bombe berichtet, die zu Unrecht noch immer nicht öffentlich geplatzt ist:

Der GKV-Spitzenverband will die Psychotherapie reformieren.

Was klingt wie eine Rezepturverfeinerung zum Hilfs- und/ oder Heilbehandlungscocktail für Menschen mit psychiatrischer Diagnose*, ist in Wahrheit nichts weiter, als eine breite Einsparungsmaßnahmenidee auf dem Rücken von sowohl tausenden (heil)behandlungsbedürftigen Menschen, als auch deren BehandlerInnen.

Zwei zentrale Thesen wurden vorgestellt, die sich nur ein leidensferner Geist ausgedacht haben kann.
Zum Einen eine pauschale Deckelung der Psychotherapiestunden auf 50 (so werden schneller Plätze frei, was die Wartezeiten verkürzt) und zum Anderen eine 6 wöchige Wartezeit nach einer Kurzzeittherapie (25 Stunden) bevor es weiter gehen kann.

Allein die Konstruktion dieser Thesen, beweist eine absolut peinliche Unwissenheit über die aktuelle Versorgungsrealität psychisch erkrankter Menschen in Deutschland, eine Unkenntnis über die Wirkungs- und Funktionsweise von sowohl Psyche als auch Psychotherapie, sowie das Kalkül, das gebraucht wird, um Menschen strukturell gestützt mindestens in ihrem Recht auf Hilfe zu diskriminieren.

So wird auch in dem Artikel lediglich die Wartezeit auf einen Erstgesprächstermin (benannte 3 Monate) bei einem/ einer ambulanten PsychotherapeutIn erwähnt.
Nicht hingegen, die Wartezeit auf den tatsächlichen Beginn der Psychotherapie. Diese ist gerade für KlientInnen mit zusammen auftretenden Erkrankungen mit bis zu 2 Jahren erheblich länger.

Seit 10 Jahren nehmen die Fehltage von ArbeitnehmerInnen zu, was die Krankenkassen jetzt zum Handeln treibt. Die Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankungen gar nicht mehr in Arbeitsverhältnissen stehen oder nie hinein kommen, sind in der gesamten Rechnung offensichtlich gar nicht vertreten.

Steigender Bedarf kommt für den GKV-Spitzenverband ganz offensichtlich aus dem Nichts und hat für ihn nichts- aber auch gar nichts damit zu tun, dass Menschen mit psychischer Erkrankung hier in Deutschland so derartig in ihrem Recht auf medizinische Versorgung beschnitten werden, dass aus akutem Erstauftreten, chronisches Siechen in unter Umständen Arbeitsunfähigkeit, sozialer Nichtteilhabe und stets und ständigem Leiden unter seinen Störungen/ Problemen/ Symptomen werden muss.

Chronische Erkrankungen gelten als Schwerbehinderung. Als chronisch erkrankt gilt man ab einem Diagnosebestehen von 6 Monaten und einer Be-Hinderung im Leben.
Ergo sprechen wir nicht nur von einem Totalausfall logischer Deckung eines existierenden Hilfebedarfs, der stetig steigt, sondern auch von einer Bevölkerungsgruppe, die krank (und also behindert) gehalten wird, durch Vorenthaltung von Maßnahmen zur Heilung bzw. Symptommanagment, das mit einem Leben im Sinne (im Willen) der KlientInnen vereinbar ist.

Die zweite These ist dazu an Paternalismus gegenüber den KlientInnen auch kaum noch zu überbieten.
Demnach sollen sich die Menschen nach einer Kurzzeittherapie 6 Wochen überprüfen, ob der Weg, den sie da begehen, der Richtige ist. Würde es sich bei einer Psychotherapie um einen Eimer Schokoeis, der in einer bestimmten Zeit aufzuessen ist, handeln, wäre diese These nachvollziehbar.
Hätte das Ausbleiben der Psychotherapiesitzungen nicht, wie das in vielen Fällen nun einmal so ist, zur Folge, dass die Alternative (extrem viel teurere!) Klinikaufenthalte und/ oder Einbeziehung von Sozialdiensten, Betreuungsdienstleistungsunternehmen o. Ä. zur Aufrechterhaltung bzw. Unterstützung (u.U. der Rettung) eines Menschenlebens, ja, auch dann könnte man über pauschale 6 Wochen Pause nachdenken.

Doch so ist es nicht.
Es geht um Menschen und ihre Leben(squalität)- nicht um Zahlen.
Es geht darum, Menschen mit einer psychiatrischen Diagnose und entsprechendem Leiden zu helfen.

Dem GKV- Spitzenverband geht es ganz offensichtlich um Problemverschleppung, Kostensenkung und Bedarfsplanung auf dem Papier- fern ab der Realität und fern ab jeden Anstands, den der Umgang mit Menschen grundlegend abverlangt.

Für tausende und immer mehr werdende Menschen, heißt das Diskriminierung, fortgesetztes- sich vielleicht verschlimmerndes Leiden, soziale Ungleichheit und in manchen Fällen: Tod.

Derzeit wertet die Initiative Phönix (eine Initiative, die sich aus komplex traumatisierten Menschen und engagierten BehandlerInnen zusammensetzt) eine Umfrage aus, die die aktuelle Versorgungsrealität von allein Menschen mit (schweren) Traumafolgestörungen abbildet und bereits jetzt zu dem Ergebnis kommt, dass es schon jetzt- ohne jede Therapiestundendeckelung bei 50 Stunden!- schwerwiegende Mängel und Verschlechterungen im Sinne von Chronifizierungen gibt.

Psychotherapie dauert Jahre.
Psychotherapie ist nicht kostenlos.
Aber: sie ist eine Hilfe.

Es gilt das gleiche Recht für alle Menschen.
Auch das Recht auf Hilfe.

Die heute vorgelegten Thesen des GKV- Spitzenverbandes treten all das mit Füßen.

*psychiatrische Diagnose meint hier: So gelabeltes, aber natürlich möglicherweise subjektiv anderes Empfinden
*die Sommers haben das Positionspapier noch weiter auseinander genommen

von „Sybil“ und antiquierten Zweifeln

Wenn ich solche Tage habe wie vorgestern, wachsen nicht nur Krätzpickel auf meinen Gedanken. Auch die Zweifel an mir und allem was mich umgibt wachsen.

Irgendwann klopfen auch die Zweifel an der Richtigkeit der Diagnose- an der Idee der strukturellen Dissoziation als Folge schwerer Traumatisierungen- an. Ich spüre die BÄÄÄMs und die MittelBÄÄÄMs mehr, die Wünsche, dass alles ein riesiger Irrtum ist. Meine Geschichte auf irrer Einschätzung eines von Natur auf falsch funktionierenden Gehirns beruht, auf die einige meiner Therapeutinnen hereingefallen sind, weil sie mir geglaubt haben. Glauben mussten, weil sie in ihrer Freizeit nicht Agatha Christie spielen dürfen/ können/ wollen.

Vorgestern habe ich dann doch mal wieder „False Memory“ gegoogelt. Foren angeguckt, in denen Menschen davon berichten fälschlich der (sexuellen) Misshandlung angeklagt worden und einer (feministischen) Großverschwörung zum Opfer gefallen zu sein.
Irgendwann landete ich bei folgendem Video:

Ich habe letztes Jahr die Neuverfilmung von „Sybil“ gesehen und auch hier kommentiert.
Ich habe sogar das Buch „Sybil“ im Bücherregal stehen und gelesen. Damals hatte ich es als historischen Beleg für die Wahrnehmung der Frau* als „psychisch krank“ gelesen. Nicht bzw. nur am Rande, als ein Buch, in dem es um „eine multiple Persönlichkeit“ geht.

Mir war beim Lesen von Anfang an klar, dass die Traumaforschung und vor allem das Verständnis der menschlichen Psyche zur Zeit der Buchveröffentlichung und auch der psychiatrischen Behandlung „Sybils“ damals eine andere war, als heute.

Ich möchte im Folgenden das Video kommentieren. Dabei verwende ich das Wort „Frau“ und meine das soziale Geschlecht, der als biologisch weiblich gelabelten Menschen. Biologisch männliche Menschen mit dissoziativer Identitätsstruktur schließe ich hier vermutlich leider aus, wie es bis heute oft passiert, weil der in Prävalenzstudien erfasste Anteil der biologisch männlich Menschen mit DIS, sehr gering ist (auf einen männlichen Menschen kommen, nach meiner letzten Information, 7 weibliche Menschen mit dieser Diagnose).
Dies bitte ich zu entschuldigen und nicht als Versuch zu sehen, biologisch männliche Menschen mit DIS unsichtbar zu machen. Inoffizielle Zahlen gehen von einem höherem Anteil aus, sind aber nicht in Zahlen belegbar, weil sich männliche Menschen eher weniger oft in Psychotherapie begeben als weibliche- ein Umstand auf den ich später noch zu sprechen komme.

Debbie Nathan ist Journalistin- keine Psychiaterin oder Psychotherapeutin. Moderne Traumaforschung liegt ihr offenbar fern, offensichtlich genauso fern, wie die Reflektion ihrer eigenen Sexismen (was meint ein Bewusstsein über die frauen*verachtenden Wurzeln ihrer Überzeugungen).

Was ihr in den ersten Minuten gut gelingt, ist auf die Dramaturgie des Films und auch des Buchs hinzuweisen. Das ist etwas, das mir selbst auch aufgefallen war. Die „Story Sybil“ ist sehr einfach gestrickt: schlimme Geschichte macht Frau krank, sie erinnert sich erst nicht, dann doch und schwupp ist sie geheilt. So wird verkauft- aber keine Lebensrealität transportiert.

Die Rednerin unterlässt den Schluss zu einen fundamentalen Faktor, der ebenfalls zu Interesse an der „Story“ führt: eigene Identifikation bzw. Betroffenheit. So weißt sie darauf hin, dass der Film von einem Fünftel der amerikanischen Bevölkerung geschaut wurde, als wolle sie von einer Massenimpfung und nicht einem Informations- oder Kontaktbedürfnis mit dem Thema „Weiblichkeit/ Frausein und Gewalt“ sprechen. Einem Thema, dass in den 70 er Jahren „auf dem Tisch“ war- vornehmlich in feministisch orientierten Kreisen bzw. durch selbige (mit-) verursacht, in der breiteren Öffentlichkeit.

Dann kommt sie auf Shirley Mason zu sprechen, die Person, die später zu „Sybil“ wurde.
Sie sagt, sie hätte keine Hinweise darauf gefunden, dass Shirley als Kind die Symptomatik einer DIS hatte.
In Hinblick auf die DIS als funktionell sichernden Mechanismus erscheint das logisch. In meinen Büchern zum Thema „Trauma und Dissoziation“ wird die „Störung“ erst dann zur „Störung“, wenn die Struktur der Dissoziation dysfunktional ist. Das heißt, dass, bis zu dem Zeitpunkt, in dem das lebensstrukturgebundene Dissoziieren als notwendig eingeordnet wird, auch keine Störung durch selbige wahrgenommen werden. Weder von den Menschen selbst, noch von außen.
Da sich dieses Dissoziationsmuster gerade in der frühen Kindheit entwickelt bzw. genutzt wird, gehe ich persönlich also davon aus, dass in Shirleys Fall, sollte sie multipel gewesen sein, ergo auch keine Symptomatik wahrnehmbar gewesen sein kann.

Frau Nathan gibt auch an, dass sie keine Belege dafür gefunden habe, dass die Mutter Shirleys jemals schizophren oder psychotisch gewesen sei. Etwas, dass mich in Anbetracht der (brutalen) psychiatrischen Versorgung und der Stigmatisierung von psychischer Krankheit, gerade bei Frauen, zu der Zeit, ebenfalls nicht groß wundert.
Ebenso spricht auch die religiöse Lebensweise der Familie nicht dafür, dass überhaupt eine Offenheit für die Notwendigkeit einer professionellen Behandlung durch die Medizin vorlag. Sie waren Adventisten. Eine sektuöse Glaubensgemeinschaft, deren Lebensweise auf ein jederzeit eintretendes Armageddon ausgerichtet ist. Wie nah mag da der Schluss: „Nun ja- sie ist verrückt, aber G’tt hat sie so erschaffen und so wird er sie auch mitnehmen- wozu noch zum Arzt und verändern?“ liegen?

Sehr wohl spricht die abgeschlossene Lebensweise und auch die geistige Doktrin, die individuelle Neigungen im Bereich des Schöpferischen unterdrückt und ablehnt, für einen Nährboden von Gewalt an der Psyche an Menschen. Gerade bei Menschen, die so der Kunst zugeneigt sind wie Shirley. Frau Nathan bezeichnet ihre Lage mit „She was a troubled child“ und erhebt sich so über das subjektive Erleben des damaligen Kindes.

Dann kommt sie auf einen umfassenden Themenbereich: Hysterie
Beziehungsweise: die hysterische Frau, die „nur mal ordentlich durchgevögelt werden muss, damit sie wieder klar im Kopf ist“- Na? Welche (feministische) Bloggerin fühlt sich gerade an diverse Kommentare und Hassmails erinnert?
Sie beschreibt in dem Film einigermaßen vollständig, wie die Ideen und auch die psychiatrische Begegnung mit dem Cluster ausgesehen haben. Lässt aber hier einen wichtigen Faktor aus: die Ursachen für das, was früher als Hysterie im Kontext der Psychiatrie und Krankheitsverständnis bezeichnet wurde.

So kommt sie darauf zu sprechen, dass „Hysterikerinnen“ unter Verdacht standen immer wieder zu tun, was (vermeintlich) von ihnen erwartet wurde und von einer erhöhten Empfänglichkeit für Suggestionen gesprochen wurde. Heute würde man von „Anpassung/Unterwerfung vor einer (subjektiv empfundenen) Dominanz sprechen.

Dann beginnt sie eine thematische Schleife und beschreibt die Psychiaterin C. Wilbur (Shirleys Behandlerin) als eine Frau auf der Suche nach dem nächsten großen Ding, das ihr als Frau in einer von Männern dominierten Welt, einen Karriereschub im ersten und einen Egostreichler im Weiteren zusichert.

Das mag sein und kommt bis heute immer wieder vor, denn a) sind Frauen bis heute seltener in Führungspositionen als Männer und haben es schwerer, zum Beispiel in ihrer (Forschungs-) Arbeit, anerkannt zu werden (auch und vor allem, wenn es um Themenbereiche geht, die eine Relevanz für Frauen haben) und b) weil MedizinerInnen und (Psycho-) TherapeutInnen nun einmal Menschen sind. Menschen mit Ego, das ab und an hungrig ist.

[Es regt mich übrigens auf, mit was für einer Attitüde die Sprecherin das Video darbietet, auf dem zwei Mädchen offenbar dabei gefilmt werden, wie sie sich ihrem Arzt unterwerfen. Ganz offensichtlich hat sie kein bis wenig Gespür dafür, dass es sich um eine Form von dokumentierter Gewaltanwendung handelt.]

In Minute 14 erwähnt sie, dass Shirley Mason von Dr. Wilbur ein Buch über Dissoziation empfohlen bekommen habe, was diese als Anleitung zum „Multipel spielen“ benutzt haben soll. Hier legt sie also den Schluss nahe, Shirley habe zu diesem Zeitpunkt bereits die implizierte Anforderung ihrer späteren Behandlerin vorgelegt bekommen, die sie später dann „vorführt“.

Ich habe mal durch die Bücher, die ich hier von anderen Menschen mit DIS stehen habe, geblättert und überlegt, ob man sich daraus eine Anleitung zum „multipel spielen“ basteln kann.
Fazit: Kann man durchaus. Einer echten Diagnostik würde dies aber nicht standhalten können, denke ich. Schon gar nicht über längeren Zeitraum.

In der Zeit zu der Dr. Wilbur und Shirley Mason aufeinander trafen, gab es aber noch nicht den gleichen Forschungsstand und entsprechend ausgelegte Diagnostikinstrumente, wie heute.
Es kann also durchaus sein, dass die Auskleidung der Grundproblematik Shirleys in Form von „multipel spielen“ um einer Behandlerin zu gefallen, passiert ist.

Debbie Nathan selbst schmückt den damaligen Behandlungsstandart und Wissensstand der Nachkriegszeit aus, indem sie auf die gerade frisch populär gewordene Psychoanalyse und Drogen als Allheilmittel eingeht.
„Psyche“ war „in“- die Ursache für zum Beispiel „Hysterie“, geschweige denn die wahre Verbindung zu posttraumatisch bedingter Symptomatik (in Form von somatoformer Dissoziation, die damals- wie von der Rednerin selbst noch immer- als „hysterische Lähmung/Blindheit/Taubheit/Anfallsleiden“ bezeichnet wurden), hingegen nicht.

Posttraumatischer Stress von Soldaten nach dem zweiten Weltkrieg, war nicht etwa ein Problem, weil eine ganze Generation von Männern plötzlich pflegebedürftig, seelisch und körperlich verkrüppelt war, sondern, weil sie sich plötzlich „weibisch“/ „weiblich hysterisch“ verhielten!
Das ist bis heute ein Problem auf das männliche Menschen, meiner Meinung nach, zu Recht sagen können, dass auch sie unter Sexismus leiden.
Seelische Zustände, die auf das weibliche Geschlecht limitiert sind, dürfen Männern nicht passieren, weil sie sonst „keine echten Männer“ mehr und ergo genauso schwach/wertlos wie Frauen sind. Weil dies mit einem massiven Verlust von Macht/ Einfluss einher geht, haben sie in ihrer Rolle zu bleiben und nehmen dadurch Schaden. Was aber bis heute nicht dazu geführt hat Weiblichkeit oder mit Weiblichkeit Assoziiertes vielleicht mal weniger zu entwerten.

Dies und auch die Existenz dieses Sexismus in den Köpfen vieler Menschen in psychiatrisch/medizinischen Bereichen, sorgt dafür, dass es Männern weniger leicht fällt, sich in, zum Beispiel, psychotherapeutische Hände zu begeben und dort auch korrekt diagnostiziert zu werden. Die Schwelle zur Hilfe nach traumatischen Erlebnissen ist für männliche Menschen enorm hoch- nicht aber ausschließlich, weil es zu wenig Hilfen gibt, sondern weil diese Hilfe auf der gesellschaftlichen Ebene auf (vornehmlich weibliche) Schwäche/ Irre/ „Krankheit“ limitiert ist.

Die Ursache für Symptome außerhalb der PatientInnen zu suchen, ist erst seit wenigen Jahren „im Kommen“ nachdem sich die Rollenbilder der Männer und Frauen (im Schneckentempo zwar) verändern und zwar vollkommener, als zu der Zeit in der Shirley Mason und Dr. Wilbur miteinander arbeiteten.
In dieser Hinsicht finde ich den Ausflug in die Werbung der damaligen Alltagsdrogen („Mothers little helpers“), den die Sprecherin des Vortrages macht, ganz sinnvoll.

Debbie Nathan beschreibt die (aus heutiger Sicht) katastrophale psychotherapeutische Behandlung von Shirley. Sie bekam Drogen, Elektroshocks und wurde auch hypnotisiert, um ihren Problemen auf den Grund zu gehen. Alles Dinge, die heute in der Form nicht mehr angewendet werden. Was Debbie Nathan interessanterweise in ihrem Vortrag zu erwähnen unterlässt.
Hypnotherapeutische Verfahren gibt es, werden allerdings nicht zur Exploration erlebter Traumata angewendet. Ich habe nicht viel dazu gefunden, doch das, was ich fand, waren Beispiele zur Etablierung von Selbstfürsorge oder Selbststärkung nach traumatischen Erlebnissen.
Psychopharmaka (Drogen) werden ebenfalls noch heute eingesetzt, doch gleichsam nicht um „an ein Trauma heranzukommen“, sondern um den Patienten die Symptome zu erleichtern oder zu nehmen, die sich in der Folge von Traumatisierungen entwickelt haben können. Etwa Depressionen, Angststörungen, Schlafprobleme, Stimmungsschwankungen, allgemeine Unruhe, sexuelle Dysfunktionen.
Elektroschocks sind ebenfalls noch nicht tot, finden in der Behandlung von Traumafolgestörungen hingegen keinen Platz mehr, sondern in der Behandlung von bipolaren Erkrankungen. Der Einsatz dessen wird scharf kritisiert. Zu Recht wie ich finde.

Die Rednerin geht im gesamten Vortrag übrigens nicht auf die genaue Diagnosebeschreibung der DIS ein. So zum Beispiel nicht auf eine der wichtigsten Voraussetzungen, die vorschreibt, dass eine psychophysische Erkrankung (wie zum Beispiel der Tumor im Gehirn) oder der Status nach Drogenkonsum ausgeschlossen sein muss.
Damit verleitet Frau Nathan die Zuhörerschaft zu glauben, dass dieses Vorgehen noch heute so ist und damit jeder Diagnose von DIS zu misstrauen ist.

Dann geht sie auf das Buch bzw. dessen Umstände ein.
Sie unterstreicht, die Fiktionalität, die benutzt wurde, um einen Bestseller zu kreieren, zwar mit der Erwähnung, welche positiven Auswirkungen dies auf die Behandlerin und die Autorin hatte, doch ohne explizit zu erwähnen, was für einen Verlust an Lebensqualität und Verstärkung der Abhängigkeit das Leben nach der Veröffentlichung für die Patientin Shirley Mason entstand.
Diese war durch die Behandlung zwischenzeitlich drogensüchtig und auch emotional abhängig von ihrer Therapeutin geworden und konnte sich offenbar erst mit ihrem Tod befreien, da sie sogar zusammengezogen sind.

Debbie Nathan gibt an, dass sie sich gefragt hat, warum diese Geschichte geglaubt wurde, als sie das Buch las und beginnt davon erzählen, was sich für die Frauen in den 70 er Jahren in Bezug auf ihre Lebensrealität verändert hätte. Sie könnten die Arbeit von Männern machen, Geburtenkontrolle praktizieren, Sex haben wann und mit wem sie wollten…
Sämtliche Abstriche, etwa das, was wir heute als „gläserne Decke zu leitenden Positionen“ bezeichnen und auch die Abwertung keine „richtige Frau“ zu sein in diesem Kontext, oder die Abwertung des Berufsstandes, der in der Folge von Frauen bekleidet wurde; die Abhängigkeit von der Erlaubnis des Mannes zur Geburtenkontrolle und wiederum die Abwertung der Frau durch selbige; genauso wie die verstärkte Etablierung der Frau, die nicht nicht mehr nur „immer Sex bekommen muss (um nicht hysterisch zu sein)“ sondern auch noch immer will (sonst würde sie ja nicht verhüten), was sich wiederum zur verstärkten Legitimierung von sexualisierter Gewalt ihnen gegenüber entwickelte, erwähnt Debbie Nathan mit keinem Wort.

Sie geht auch nicht darauf ein, was es für Betroffene von (sexualisierter) Gewalt mit ähnlicher Symptomatik bedeuten kann, wenn sie von einer Geschichte, die mit einer Heilung- einem Ende ihres Leidens handelt. Wenn da eine Geschichte auftaucht, in der sie sich in Teilen oder Gänze wiederfinden. Was für Hoffnungen entstehen und natürlich auch Kommunikationsbedürfnis plötzlich greifbar zu befriedigen erscheint.

Deshalb nur habe ich zum Beispiel Bücher von anderen Menschen mit DIS im Bücherregal stehen.
Die Botschaft wenigstens damit nicht allein zu sein. Eine (vielleicht im Hinterkopf dämmernde) Ursache aufgezeigt zu bekommen, die auch angenommen und nicht unter den Teppich gekehrt wird. Das Gefühl von Hoffnung auf ein Morgen, ohne diese Belastungen. Das ist unglaublich mächtig und anziehend, wenn man selbst vor sich steht und nichts als wirre, verängstigende Symptome an sich sieht und stets und ständig die Kontrolle über sich selbst verliert.
Sie erwähnt nicht, dass das Glauben an diese Geschichte der gleiche Mechanismus ist, der Menschen zu PsychiaterInnen oder PsychotherapeutInnen gehen lässt.
Da geht es um die Hoffnung auf ein Ende von dieser Qual.

Debbie Nathan führt aus, wie die Diagnose in den Achtzigern zur Modediagnose wurde und welche Blüten diese Massenbehandlung mit Drogen und Hypnose auf der Suche nach dem Trauma trieb.
Unter anderem verortet sie hier die, wie sie es nennt „satanic abuse panic“ in der Entstehung. Sie deklamiert sämtliche Äußerungen der PatientInnen als unter Drogen zusammenfantasiert- wiederum ohne zu erwähnen, wie die Traumatherapie von Menschen ganz allgemein heute aussieht.

Die Journalistin Nathan hängt sich in der Fragerunde am Ende des Vortrag so weit aus dem Fenster, dass es mir persönlich fast eine Freude ist, sie in mittels meines Wissens um die Strukturen, die zum DSM (in Deutschland des ICD) bzw. den Diagnosen darin führen, heraus fallen zu lassen.

So gibt sie an, dass im Diagnosekommitee der DIS, noch immer Menschen sitzen, die früher diese Diagnose „gebastelt“ und nachwievor die gleiche Überzeugung hätten, wie damals. Sie gibt an, keine Ahnung zu haben, wieso die Diagnose noch nicht herausgenommen wurde.
Mit keiner Silbe erwähnt sie die durchaus vorgenommenen Änderungen, den Einfluss der Traumaforschung, die heutigen Behandlungsstandarts und ebenfalls nicht das grundlegende Vorhandensein des Symptomclusters, das mit komplexer Traumatisierung einher geht.
Die Symptome sind ja da- auch wenn die Menschen keine Erinnerungen von sich geben. Dass es bei der Auflistung im DSM aber genau darum handelt- die Aufzeichnung von vorhandenen Mustern, die auch „Kopfsalat“ oder „Schweinebraten“ genannt werden könnten und nicht um eine Darstellung dessen, was „wahr“ im Sinne von Patienten gebundenen Fakten, ist, lässt sie unerwähnt.

Im Verlauf macht sie für mich sogar noch einen Salto aus dem Fenster, in dem sie die Aussage einer Feministin als Sprungbrett benutzt und „dem Feminismus“ die „Schuld“ an der Entstehung der Diagnose gibt.
Wenn ich sowas höre, habe ich immer so ein Bild im Kopf von einem wabbligen grünen Flubber, das ein F auf der Brust hat, und von Tür zu Tür geht und fühle mich an die Inquisition erinnert: „Die Hexe kam und hat mir den Kopf verwirrt- deshalb schlachtete ich mein einziges Hausschwein und ernährte meine Familie! Brennen soll sie und als Entschädigung will ich ihre 20 Hausschweine!“.

Sie postuliert einen Schaden durch die Diagnose an der Gesamtgesellschaft, der de facto zu keinem Zeitpunkt eingetreten ist. Immer wieder impliziert sie einen (sekundären) Krankheitsgewinn durch die Diagnose und die damit einhergehende Aufmerksamkeit.
Sie sagt, ihr wäre aufgefallen, dass PatientInnen zur „Prinzessin“ würden, sobald die Diagnose der DIS erhalten hätten. Nach bis zu 7 Jahren in denen diese Menschen von Arzt zu Arzt und von Klinik zu Klinik gewandert seien, sei dieses Gefühl doch wunderbar.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Nein.
Es stimmt, dass man mit anderen Diagnosen tatsächlich wie Müll behandelt wird. Meine eigene Behandlung unter der Diagnose „Schizophrenie“ und „Psychose“, war die Hölle. Aber nicht nur, weil mir gesagt wurde, ich würde für immer krank sein, oder weil die Medikamente zum Teil einfach nur furchtbare Wirkungen hatten, sondern, weil sie auf keiner Ebene heilsam wirkte!
Ich hätte das alles auf mich genommen, wenn es mir die Symptome genommen hätte. Würde auch heute liebend gern mit einer Diagnose herumlaufen, die mit Medikamenten eingestellt werden könnte. Nichts lieber als das- ehrlich! Warum wohl sonst, hätte ich mir solche Inhalte, wie diesen Film reingezogen, wenn nicht auf der Suche nach tragenden Gegenargumenten für meine Diagnose und alles, was sie impliziert?

Ich wäre lieber die Durchgeknallte die Medis schluckt, als ein Opfer von Gewalt.
Es gibt keinen- absolut keinen echten Gewinn durch das Labeling als Opfer. Schon gar nicht als Frau.

Ich war 16/17 als die Diagnose zum ersten Mal gestellt wurde und die Aufmerksamkeit, die ich damals bekam, fand ich furchtbar. Das war so eine Mischung aus Versuchskaninchen und Neuland. Sowohl für meine damalige Therapeutin als auch das Pflegeteam und die Klinik.
Ich musste mich nach 2 Jahren Kraut und Rübendiagnostik, ständige Lebensumbrüche und Entwurzelung ganz auf das verlassen, was mir meine Therapeutin sagte und hatte keine Möglichkeiten das mit irgendetwas abzugleichen, da ich geschlossen in einer Klinik untergebracht war und kein soziales Netz außerhalb hatte, das sich ernsthaft und global für mich interessierte.

Ich wollte einfach nur normal sein. Nicht zugeben, dass ich Amnesien hatte, fühlte mich immer wieder tief ertappt, wenn irgendeine Wahrnehmung, die ich zu verstecken versuchte benannt wurde. Versuchte immer wieder mich anzupassen und scheiterte mit Pauken und Trompeten, weil immer wieder etwas aufgedeckt wurde. Ich hatte vor wohlwollender Begegnung meiner Person genauso viel Angst, wie nicht wohlwollender. Kein toller Zustand, wie sich das Frau Nathan vorstellt.

Und mal von mir abgesehen- ich will gar nicht so genau wissen, was für Kämpfe meine damalige Therapeutin führen musste. Denn was in der Gesamtgesellschaft definitiv verankert ist, ist das Bild, das Debbie Nathan von Dr. Wilbur gezeichnet hat. Das Bild der gefrusteten machtgierigen Frau, die über Grenzen geht, um in einen exotischen Fall zu brillieren und anerkannt zu werden.
Das kommt mir noch viel schlimmer vor, als meine Schwierigkeiten zu der Zeit.
Da ist jemand der jemandem helfen will und ihm begegnet, vor einem Haufen Frage- und Ausrufezeichen steht, eine eventuell passende Diagnose findet und dann links und rechts abgewatscht wird, weil sie überhaupt in Betracht gezogen wird.

Obendrauf kommt noch das Mamiding, dass gerade weiblichen psychotherapeutisch arbeitenden Menschen ebenfalls immer wieder unterstellt wird. So wie es auch die Rednerin tut, in dem sie Dr. Wilbur unterstellt eine Mutter für Shirley sein zu wollen, weil ihre eigene eine vermeintlich brutale Person war.
Dass dies eine Sichtweise aus dem frühen 19 Jahrhundert ist, führt sie selbst aus- reflektiert dies aber nicht an sich selbst.
Es gibt solche TherapeutInnen, die diese Übertragung haben. Klar, auch das eine Erfahrung, die ich mehrmals gemacht habe (und genauso furchtbar fand, wie offene Missachtung). Doch heute wird eine eigene Psychotherapie von PsychotherapeutInnen verlangt, genauso wie regelmäßige Supervision der Menschen als Standard für gute Psychotherapiearbeit gilt, in der solche Übertragungen geklärt und wenn möglich aufgelöst werden. (Etwas, dass ich allen Menschen, die sich egal aus welchem Grund zu einer Psychotherapie entscheiden, nur raten kann: Fragen, ob regelmäßig Supervision in Anspruch genommen wird- ist das nicht der Fall: Haken hinter und jemand anderen suchen. Es gibt wenig, das giftiger ist, als unreflektierte oder stetig zur Reflektion aufgeforderte TherapeutInnen).

Abschließend ein paar Gedanken zu dem Vortrag.
Debbie Nathan hielt ihn im Jahre 2012. 20 Jahre nach dem Tod von Dr. Wilbur und 14 Jahre nach dem Tod von Shirley Mason und 24 Jahre nach dem Tod von Flora Schreiber. Schon ziemlich clever, drei toten (weiblichen) Menschen eine Verschwörung der Massen zu unterstellen. Widerrede oder Aufklärung ist nicht zu befürchten.
Noch einmal: der Vortrag war im Jahre 2012, einer Zeit in der die Begriffe „hysterische Lähmung/Blindheit/Taubheit“ abgelöst sind von den korrekteren Begriffen der Konversionsstörung oder auch somatoformen Dissoziation. Die „Hysterie“ als solche ist heute noch als „histrionische Persönlichkeitsstörung“ zu finden, die sich laut der Wikipedia auf „auffälliges“ bzw. „wirkungsorientiertes Verhalten“ bezieht- nicht auf psychophysische Statusveränderung oder Traumafolgen assoziierte Störungen.

Ich persönlich denke, dass das Buch „Sybil“, die Story, die ausgeschmückt wurde, um finanziellen und fachlich bezogene Positivreputation zu generieren, nicht als Dokumentation einer DIS und ihrer Behandlung herhalten kann. Damals wie heute kann sie das nicht.

Wofür sie aber nutzbar sein kann ist, darzustellen, wie moderne Psychotherapie und Traumatherapie im Speziellen heute nicht mehr praktiziert wird und praktiziert werden darf.
Gleichsam bietet alles, was mit dem Buch, dem Film, den Menschen Dr. Wilbur, Shirley Mason und auch Flora Schreiber heute, wie damals zu tun hat, ein Beispiel für die Geschichte der Frauen in der Gesellschaft und der Herrschaftsverhältnisse, die bis heute fundamental sind, als auch für die Geschichte der Psychiatrie bzw. der psychotherapeutischen Medizin.

Ich bin ehrlich gesagt immer wieder enttäuscht, wenn ich mich auf die Suche nach neuem aktuellen Zweifelfutter an der Diagnose begebe und dann nichts weiter als Perpetuierung von Frauenverachtung finde. Das Wiederholen von inzwischen mehrfach und streng wissenschaftlich widerlegten Aussagen vorfinde und dies immer wieder mit den gleichen Beispielen „bewiesen“ wird.

Offensichtlich hat sich die Traumaforschung aller Kritik gestellt und sich weiterentwickelt. Die (antifeministische) Liga der „False Memory“- Bewegung und der ZweiflerInnen an der Wahrheit von Gewalterlebnissen anderer Menschen im engsten sozialen Umfeld hingegen seit Mitte der 80 er Jahre nicht.

Schade.
Wird mir nicht mal die Selbstablehnung befriedigend und rund erleichtert, sondern nur auf dem ewigen Makel herumgeritten, eine Frau zu sein.
Same procedere as in every times. Sorry- aber das kann ich inzwischen alleine.

Und wie es männlichen Menschen mit DIS geht, wenn sie damit konfrontiert sind… die haben so gar keine Chance sich in dieser ZweiflerInnenkritik wiederzufinden, denn immer wird von Frauen als Opfern von Frauen und Männern als Menschen die eine DIS nur vorspielen, um Straftaten nicht verantworten zu müssen, gesprochen.
Immer wieder werden sie in die Rolle der im Kern krass hart brutalen Menschen gedrückt, die weder Schmerz noch Reue kennen.

Trauma ist ein Arschloch, das sich im Gegensatz zu unseren Herrschaftsverhältnissen, keinen Deut um das Geschlecht der Menschen kümmert, über die es hereinbricht. Wohl aber bricht am liebsten über jene, die in Machtverhältnissen weiter unten stehen, als andere herein.
Das Diskriminierungslotto, in dem Gewalt verlost wird, erwählt mit Vorliebe die auf irgendeiner Achse Unterdrückten. Und das sind mit Studien belegbar bis heute vornehmlich Frauen, Kinder, Menschen mit Behinderungen, Arme, und als einer Rasse angehörig gelabelte Menschen.
Und jede Gewalt gebiert in irgendeiner Form ein Trauma, das mehr oder weniger schwerwiegende und gesellschaftlich schädigende Auswirkungen hat.

Wenn man also von einer gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkung von „Sybil“ sprechen will, so sollte man anfangen über Gewalt und seine Dynamik zu sprechen und aufhören sich hinter antiquierter Frauenverachtung zu verstecken, die selbige negiert.