viele_s sein

~ Fortsetzung ~

Oft ist es so, dass es Diagnosen braucht, um soziale, psychologische, psychiatrische Hilfen zu erhalten oder Unterstützungen zu beantragen. Manchmal reicht aber auch die Formulierung von Schwierigkeiten bzw. von Hilfe- /Unterstützungsbedarf. Dann machen die Köpfe der Verantwortlichen die Diagnose (im Sinne von: die Schublade) eben allein.

Für uns war die Formulierung von Hilfeplänen in der Jugendhilfe oft schwierig. Offensichtlich hatte die teilstationäre Jugendhilfe unsere Angaben zu Gewalterfahrungen, die aktuell stattfanden, genauso wenig bewusst, wie den Umstand, dass es uns immer wieder belastete, mit der Stadt aus der wir weggelaufen waren und auch mit der Familie* im weitesten Sinne in Kontakt zu kommen.
Aber ein Hilfeplan muss ja geschrieben werden. Und Extrawürste wie Amtshilfe, die Übertragung unseres Falls in die neue Stadt oder die Formulierung des Bedarfs und der Entwicklung, die stattfand, allein auf dem Papier, ach – wer hat denn die Zeit und das juristische Fachwissen, da hinterher zu sein?

Meine Betreuer_innen hatten das nie, obwohl ich später auch noch Betreuende kennenlernen durfte (und bis heute immer mal wieder darf) für die das eine Belastung ist und die sich immer wieder bemühen, Schlupflöcher, Mittel und Wege zu finden, ihre Klient_innen zu schützen und im Ganzen zu unterstützen.

Meine Jugendhilfebetreuung hatte diese Zeit auf jeden Fall nicht. Zwischen 24 und 29 Fachleistungstunden für unsere Betreuung wurden regelmäßig bewilligt – tatsächlich getroffen habe ich meine Betreuerin einmal in der Woche (zum Einkaufen – nicht jedoch um zu lernen und zu begreifen, wie ausgewogene Ernährung oder allgemeiner noch: ein ausgewogenes Geldkontingent aussehen könnte). Ganz zu Beginn der Betreuungszeit kamen auch Betreuer_innen zu uns, um Krisenmomente zu überstehen und irgendwann gegen Ende der Betreuungszeit mal hier mal da eine Stunde zum Kaffee trinken.
In Anbetracht der Tatsache, dass es sich um Eingliederungshilfen handelte: ein verdammter Witz, weil die Frage nach unserer Eingliederung einfach nie eine Rolle spielte.

Es war wichtig, dass wir einen Realschulabschluss machten und für uns schien ein Schulabschluss zwischendurch wie der heilige Gral, der unser Leben in der Zukunft sichern und verschönern würde.
Als ob.

Für viele Menschen ist das Wort “Täter_innenkontakt” zu abstrakt um zu begreifen, was sie eigentlich von Menschen, die damit zu tun haben, abverlangen, wenn sie ihnen das Agieren in einem System zur Bedingung machen, in dem so etwas nicht existiert.
Weil wir viele sind, konnten wir das und ja – das ist spezifisch fürs viele sein.

Wenn ich damals den gleichen Bewusstseinsgrad wie heute über die brachiale Gewalt, die wir in der Zeit erfuhren gehabt hätte, hätte ich keinen einzigen Schultag geschafft, geschweige denn die regelmäßige ambulante Therapie, in der wir zu der Zeit saßen und rückblickend nichts als Kriseninterventionen gemacht haben, um das eigene am Leben sein auszuhalten.

Für mich ist es gerade schwierig darüber schreiben, weil mir klar ist, was für ein Skandal da eigentlich passiert ist. Ich war betreut – da war eine Institution damit beauftragt, dass ich ins Leben und die Gesellschaft eingegliedert werde – letztlich eine staatlich bezahlte Instanz, die die sozialen Aufgaben einer Familie übernehmen sollte.
Und dann ist der wöchentliche Termin eine Fahrt zum Marktkauf um die Ecke und ein zwei mal im Monat ein Kaffee, statt die Auseinandersetzung damit, welche Auswirkungen der Täterkontakt und die Anpassung meines Selbst (und auch meines Körpers) auf meine Eingliederungsfähigkeit, meine Alltagsfunktionalität, meine (seelische) Gesundheit hat oder die Erprobung von Optionen zur Einbindung meiner Person in soziale Kontexte.

Mir ist bis heute ein Rätsel, was mein Anteil an dieser Katastrophe war. War ich nicht deutlich genug? Wäre das überhaupt meine Aufgabe gewesen? Wurde mir nicht geglaubt oder wurde viel mehr einfach nicht begriffen, was ich sagte? Hätte ich mehr fordern sollen? Von wem und wann?
War man überfordert? War der Eingliederungsauftrag der falsche Ansatz für mich? Hätte ich mich woanders betreuen lassen sollen?

Wir waren eine 18 Jahre alte Person – die aufgrund organisierter Gewalt einmal quer durchs Land gezogen war – die regelmäßig suizidal wurde, wenn es Hilfeplankontakt in die Herkunftsstadt gab – die angab regelmäßig misshandelt zu werden
Aber wichtig war der Realschulabschluss.

Die Amtshilfe wurde einmal beantragt und mit einem formlosen Schreiben vom Jugendamt unserer Herkunftsstadt abgelehnt, weil “darum”. Eine Anzeige zu erstatten hätte mehr psychische Stabilität und innere, wie äußere Sicherheit erfordert, die uns zum Einen die Betreuung nicht bieten konnte (selbst als bei uns eingebrochen wurde, um uns in der Wohnung aufzulauern, war die Alternative eine verwahrloste (wirklich fast Messie-) Wohnung dessen Vorbewohnerin rausgeflogen war) und zum Anderen vom Staat vermutlich gar nicht erst angeboten worden wäre.

Der Zeitmangel meiner Betreuungen und diverse unterlassene juristische Wegbeschreitungen hatten für mich die Konsequenz von (über die Jahre grob überschlagen) insgesamt etwa 4.500€ Schulden bei Behören wie der GEZ, der Stadt und dem Jobcenter, die ich allesamt von meiner Grundsicherung bis heute abbezahle.
Seit 9 Jahren erhalte ich nicht den vollen Satz Grundsicherungszahlung, weil meine Betreuenden weder juristisch aktiv sein durften bzw. mehr als einmal diversen Meldungspflichten nicht fristgerecht nachkamen, noch weil ich gründlich über die Handlungsoptionen innerhalb gesetzlicher Betreuungen aufgeklärt war.

Heute bin ich gesetzlich betreut und traue mich nach 6 Jahren endlich wieder ohne Kloß im Hals meinen Briefkasten aufzumachen, weil ich weiß, dass dort jemand gerichtlich verpflichtet ist, die Kapazitäten aufzubringen, die die Verwaltung meines Lebens erfordert.

Man machte uns in der Jugendhilfe oft den Vorwurf, wir würden ständig Schach-Matt-Situationen produzieren und ja eigentlich auch gar keine Hilfe wollen, denn sonst würden wir das ja nicht machen.
Dass wir reagierten und gerade in den ersten 3 Jahren eigentlich gar nichts anderes taten, als wie ein reaktives Hörnchen um unsere Leben zu kämpfen, spielte dabei keine Rolle. Schließlich traten wir vor diesen Menschen ja auch immer mit einem Anliegen im Gepäck auf – verlangten und forderten ja etwas, das sie nicht geben konnten.

Und können, können tatsächlich die wenigsten Helfer_innen, was sie gerne können würden.
Sozial(psychiatrische) Betreuungen boomen, weil sie weniger kostenintensiv als stationäre Dienste sind. Die Folge sind beschissene bis ausbeutende Arbeitsbedingungen für die Betreuenden, die wir dann später auch nicht mehr ausblenden konnten und danach auf die Möglichkeit verzichteten von jemandem beim “in das Leben nach der Gewalt gehen” begleitet zu werden.

Wie soll ich mich denn fühlen, wenn ich merke, dass meine Betreuerin in einem Team die Einzige ist, die weiß, was eine DIS ist, was komplexe Traumatisierungen bedeuten und worum es in der Folge in der Begleitung gehen muss? Wenn ich weiß, dass sie nicht streiken darf, obwohl sie so viele Überstunden macht, dass ihr Stundenlohn im Grunde der Mindestlohn, wenn nicht weniger ist? Wenn ich weiß, dass ihre Fortbildung mehr oder weniger eine gönnerhafte Ausnahme für einen riesigen Konzern darstellt, dem es in der Werbung so viel ums Miteinander und die Chancen im Leben geht, wie in der Realität um Gewinnoptimierung und Chancen auf Profit?

Wie soll ich mich fühlen, wenn mir so eine Person sagt, die Gewalt an mir sei vorbei, wenn sie doch selbst die gleichen Gewaltmuster jeden Tag an sich erlebt und sie nicht als gleich annimmt?

Es gibt so viele Betreuende da draußen, die sich in ihren Teams für ihr Bemühen um “hoffnungslose Fälle”, “übertreibende Hysterikerinnen” etc. rechtfertigen müssen. So viele Leute, die die Ignoranz ihrer Chefs, ihrer Mitarbeiter_innen und des Hilfesystems, das sie nicht aus eigener Kraft verändern können, ertragen müssen und sich trotzdem den Arsch aufreißen, um Menschen, denen nie irgendwas geschenkt wurde, die ihr Leben lang misshandelt und ausgebeutet wurden, beim Nach_Wachsen die Hand reichen.

Sicher verpissen sich viele irgendwann. Sicher verbittern viele. Sicher knicken so manche irgendwann ein. Und ganz sicher leiden ihre Betreuten darunter.
Aber ihre Arbeit darf gewürdigt und gewertschätzt werden.

Ich erinnere mich daran, dass die Gemögte, die uns damals in der Ausstiegszeit die Kotze aus den Haaren wischte und jedes einzelne desorientiert nach vorne fliegende Innen entsprechend seiner Fähigkeiten versorgte, irgendwann nur noch Verachtung für unsere Betreuerin übrig hatte. Im Anbetracht dessen, was wir gerade gemeinsam durchmachten, hatten wir selbst auch keine Antwort mehr darauf, wozu diese Betreuung überhaupt gut sein soll.

Heute denke ich, dass meine Betreuerin das zu der Zeit wahrscheinlich selbst nicht wusste und genau deshalb schlicht gar nichts tat.
Weder genau das zu kommunizieren, noch über andere Formen der Betreuung mit uns zu sprechen.
Wir verachten sie bis heute für dieses Schweigen, doch können wir auch sehen, dass sie keine Kapazität gehabt hätte, unsere komplexe Problematik in einer Art und Weise zu kommunizieren und an andere Stellen weiter zu geben, um eine Veränderung einzuleiten.

Bei dem Arbeitspensum, das eine einzige ambulant betreuende Person abzudecken hat, fällt alles, was über lineare Handlungs- und Transportwege hinausgeht hinten über.

Die Scheiße ist: wenn eine ganze Person und ihr Er-Leben komplex ist, fällt auch das hinten über.
Und das nicht zu kommunizieren, sondern durchgehend zu vermitteln, die Person selbst sei in sich allein das Problem, ist ein Ausläufer unserer gesamtgesellschaftlichen Gewaltkultur und damit unprofessionelle, gewaltvolle, Kackscheiße.

Heute wünsche ich mir eine Zwangsverpflichtung für alle (auch kirchlichen!) Sozialeinrichtungen zu Gewerkschaften für ihre Mitarbeiter.
Ich will verdammt noch mal bundesweite Streikmöglichkeiten, faire Löhne, berufliche Weiterentwicklungen für Betreuende und noch viel mehr.

Weil ich niemandem meine späte Jugend bis junge Erwachsenenzeit mit solchen Betreuungen wünsche.

~ Fortsetzung folgt ~

viel~e sein

~ Fortsetzung ~

Das Eine ist: da gibt es ein Wort – eine Diagnose. Das Andere ist: da gibt es etwas, das mit diesem Wort, dieser Diagnose benannt wird.

Wenn die Diagnose gestellt wurde, gibt es früher oder später dieses Moment, in dem man andere Menschen in unterschiedlichen Kontexten dieses Wort sagt. Und dieses Moment entscheidet darüber, wie sich der Kontakt entwickelt und auch, wie man selbst in der Zukunft damit umgeht, dieses Wort für sich zu haben, bzw. dass es Menschen gibt, dessen Selbst- und Umweltwahrnehmung mit einer Diagnose bezeichenbar ist.

Wir sind inzwischen ziemlich fatalistisch was das angeht. Da für uns nicht nur alle Züge in Richtung Zukunft abgefahren sind, sondern auch noch der Bahnhof dazu abgerissen wurde, ist es uns egal (weil es uns egal sein kann) wer weiß, dass wir viele sind.
Die Essenz unserer Erfahrungen, die Diagnose anderen Mensch mitzuteilen ist: Es ist scheiß egal, ob es jemand weiß oder nicht – denn das Wissen darum ist nicht entscheidend.

Wir haben unsere Diagnose Menschen mitgeteilt, damit sie uns helfen – sie haben uns nicht geholfen.
Wir haben unser Sein vor Menschen erklärt, von denen wir dachten, es gäbe den Wunsch mit uns in Beziehung zu sein – sie haben den Kontakt kaputt gemacht und Teile von uns gleich mit.
Wir haben die DIS als Behinderung angegeben, haben beim Jobcenter, bei Mediziner_innen und Betreuungspersonen die DIS erwähnt, erklärt, vermittelt – wie viel das gebracht hat, kann man ja sehen: 10 Jahre Hartz 4, ein GdB von 70 wegen “depressiven Störungen”, eine Allgemeinmedizinerin, die uns nach einer schwerwiegenden Diagnose alleine aus der Praxis torkeln lässt und Betreuungspersonen, die uns weder beim Ausstieg geholfen haben, noch in irgendeiner Form ihr Verhalten und seine Wirkung auf uns, reflektieren.

Am Ende geht es nicht darum, dass die wichtigen Menschen in einem Leben wissen, dass man viele ist, sondern darum, dass sie es begreifen und zwar nicht als eine Laune des Laufs der Dinge oder eine Entscheidung eines verwirrten Geistes, sondern als massive Entwicklungsstörungsproblematik und zwar auf die Entwicklungsstörung “massives, wiederholtes, komplexes Trauma in der frühen Kindheit”.

Wir haben letztes Jahr und dann auch noch dieses Jahr enge Kontakte zu Menschen beendet bzw. beenden müssen, weil nicht begriffen bzw. einem Begreifen folgend gehandelt wurde, was für eine massive, innerglobale Not das Verhalten dieser Menschen uns gegenüber ausgelöst hat.
Man erwartete von uns zum Beispiel Reaktionen, die existenzielle Bedrohungsgefühle, so wie kindliches Erleben von konkretem Überschwemmtwerden eigener Emotionen, Gedanken und Ängste, ausklammern, innerhalb von Konflikten, die genau das aber losgetreten haben.

Viele sein bedeutet einfach nicht nur: X hat einen Konflikt und Y weiß davon nichts.
Es bedeutet: X und Y plus eine unbekannte Anzahl anderer Innens versuchen verzweifelt A und B plus eine unbekannte Anzahl von Innens von dem Bewusstsein um einen Konflikt im Außen fern zu halten, damit der Alltag weiter läuft, während H I J K L M N plus noch wieder unbekannt viele andere schon längst in Wiedererleben stecken und das gesamte Inmitten lahmlegen – während die Umlaute einen Termin nach dem anderen abracken, und jederzeit irgendwo komplett neu anfangen können (und es in aller Regel auch tun).
Viele sein bedeutet: In einem Menschen passieren viele Prozesse gleichzeitig und autark nebeneinander her – und doch haben einzelne Ereignisse im Außen die Macht, sie alle mit einem Schlag zu beeinflussen, sobald es bestimmte Faktoren gibt, die mit existenzieller Bedrohung einhergehen bzw. so interpretiert werden.

Die Menschen zu denen wir den Kontakt beendet haben, haben vergessen oder vielleicht auch nie wirklich begriffen, wie wichtig es ist uns immer und immer und immer – auch nach vielen gemeinsamen Jahren und Erfahrungen – zu vermitteln, dass es sich bei einem Konflikt oder allgemeiner: Schwierigkeiten nicht um existenzielle Bedrohungen handelt.
Ja, so blöd das klingt: Wir müssen sehr oft hören, dass wir an Dingen, die für andere eine Kleinigkeit sind, nicht sterben oder in unserer psycho-physischen Integrität verletzt werden.

Für uns ist es ein Akt gewesen, das zu fühlen und wissen und zu lernen. Und das Ende dieses Prozesses ist für uns, zu lernen, dass wir uns das auch selbst nach innen bringen können und uns das von dort innen auch geglaubt wird. Soweit sind wir noch nicht.

Womit wir beim nächsten Aspekt wären. Uns Rosenblättern wird oft sehr viel mehr Belastbarkeit und Stabilität zugetraut, als tatsächlich da ist und manche Menschen sind zutiefst enttäuscht von uns, wenn wir das nicht bedienen können.
Was wiederum bei uns alles mögliche anmacht und letztlich dazu führt, dass wir uns nach außen noch mehr anstrengen, noch härter machen. Ich denke, das passiert vielen Menschen und ist nichts, was speziell mit unserem viele sein zu tun hat.
Das Problem ist: Wenn man viele ist und sich nach außen hart wie Stein macht, dann hat man, wenn die Tür hinter einem zu geht und kein Außen in dem Sinne mehr da ist, keine Kraft mehr für die unversorgte Hölle, die in einem drin brennt.

Wir haben gemerkt, dass alte Bekannte wie die Suizidalität, der Drang sich zu verletzen (kaputt bis tot zu machen), die Essstörung und hinten dran natürlich: die Täter_innenintrojekte mit ihrem Hass, auftauchen und es zusätzlich erschweren offen zu legen und zu erklären, worum es beim viele sein geht.

Viele sein bedeutet nämlich in dieser Welt auch: viel sein.
Es ist belastend, nervig, anstrengend, wenn eine Person immer und bei allem darum bittet, (bitten und betteln muss), dass manche Dinge einfach nicht gehen, weil sie Dinge auslösen, die dann wieder irgendwas abverlangen und und und

Ich habe seit der Diagnosestellung durchgehend das Gefühl eine Belastung zu sein. Ein Fehler, ein Mensch, dem man sich aus moralischen und nicht aus positivem “Einfach so” – Grund widmet und die Stimmen, die mir schon früher gesagt haben, dass ich anstrengend und nervig bin, bestätigen das natürlich.
Die Störung, der wir als Einsmensch ausgesetzt wurden, zieht sich bis heute durch unser Leben und hat sich mit uns selbst vermengt.

Heute stören wir, weil die Störung unserer Entwicklung nicht folgenlos endete.

Viele Personen, die von uns erfahren, dass wir viele sind und dass das so ist, weil wir 21 Jahre lang auf allen Ebenen miss-be-handelt wurden, übertragen die Verbindung “viele sein” = “misshandelt worden sein” auf uns “Rosenblätter sein” = “Gewaltthematik”.
Und was machen Menschen, die die Wahl haben, ob sie sich widmen oder nicht, mit Gewaltthematiken? Richtig: sie verpissen sich, machen den Kopf zu, fangen an die gesellschaftlich anerkannten Vermeidungstänze aufzuführen – und lassen uns stehen.
Im günstigsten Fall hängt nichts an dem Kontakt – da können wir dann selbst auch gehen und trösten uns mit dem Gedanken: “Naja, wenigstens hat sie Person jetzt mal davon gehört.”.

Schlimm wird es bei Personen, die nah sind. Oder nah geworden sind. Oder wo es um Abhängigkeiten geht.
Die letzte KJP in der wir waren, hatte die DIS-Diagnose zum Beispiel negiert und uns als Hysterikerin (jupp – die gibts noch als Diagnose) behandelt, was im Großen und Ganzen bedeutet auf nichts (und niemanden) von uns zu reagieren. Was für uns einen Raum aufmachte, in dem wir 24 Stunden am Tag spürten, dass wir alleine waren. In einem fremden Bundesland, mit dem Wohnort Kinder-und Jugendpsychiatrie, in der ein Pfleger seine Position ausnutzte.

Anderes Beispiel ist die Jugendhilfe, die wir teilstationär danach in Anspruch nahmen. Wir sagten, dass wir viele sind und, dass wir Gewalt erfahren.
Die Diagnose wurde von einer Klinik für Psychosomatik dann bestätigt und [Trommelwirbel] NICHTS passierte. [TUSCH]
Wir wurden in unserer Wohnung überfallen – das Schloss wurde 3 Wochen später ausgetauscht.
Ostersamstag 2007 riefen wir den Hintergrunddienst der Betreuung an, weil wir nach einem Spaziergang, verletzt in unserer Wohnung gelandet waren, obwohl wir eigentlich untergetaucht bei unserer damaligen Gemögten lebten. Wir baten um Begleitung ins Krankenhaus. Spurensicherung, Anzeigeerstattung – hatten wir (schweinemutig wie nie zu vor!) im Kopf – der Betreuer im Dienst, hatte aber die Stadt verlassen. Wollte so gerne ein ruhiges Wochenende. Er bat um Verständnis – wir nickten, legten auf, zersplitterten.

Viele bunte Schimpfwörter haben wir heute dazu im Kopf.

Vor allem, wenn wir heute in Veranstaltungen wie der Fachtagung “Wir sind viele” letztes Jahr in Mainz sitzen und hören, warum so viele Betreuer_innen so viel derbe Kackscheiße mit ihren Betreuten machen: Sie haben einfach keine Ahnung oder keine andere Wahl und nicht zuletzt sind manche auch einfach ignorante Arschlöcher, die, weil sie Gewalt selbst nicht erlebt haben, keinen Grund sehen davon auszugehen, dass es sie gibt und eben auch nicht folgenlos bleibt.

Was mir unter anderen Menschen, die viele sind, daneben begegnet ist eine mich traurig machende Bereitschaft zu glauben, dass Betreuungspersonen oft deshalb keine Ahnung vom Umgang mit komplex traumatisierten Menschen haben, weil sie nur Faker_innen vorher betreut haben.
Eine ähnliche Abwertung passiert meiner Ansicht nach, wenn Menschen sagen: “Ja in Klinik XY kriegen ja alle, die wollen eine DIS-Diagnose und deshalb machen die da nur Bullshit, weil da sind ja nur Fakes, die davon profitieren.”.
Leute: Scheiße entsteht, wenn Scheiße passiert und was in unserer Gesellschaft und in unserem Gesundheits- und Sozialleistungssystem passiert, ist so widerwärtig stinkende Scheiße, über die man sich genauso aufregen kann – nur komisch: das passiert ja gar nicht.

Haben wir da etwa einen blinden Fleck, weil es sich leichter in Richtung einer konstruierten Autorität motzen und abwerten lässt, als sich zu solidarisieren?

~ Fortsetzung folgt ~

Norm-, Name-, Vielesein

Es gibt Schmerzen in die man hineinsozialisiert wird. Die man als gegeben auffasst und sich immer mal wieder von der linken auf die rechte Schulter, vom rechten auf den linken Arm nimmt, während man sein Leben lebt. So ging es mir und uns mit dem Namen des Körpers und der Tatsache, dass dieser eine keine Entsprechung im Innen hat.
Es gibt so viele Menschen, die mit dem Namen, der ihrem Körper nach der Geburt gegeben wurde, unglücklich sind und ihn ändern, oder sich lieber mit einem Spitznamen benennen lassen, daneben kam mir mein Namensweh eigentlich nie außergewöhnlich vor.
Ungewöhnlich wurde er gemacht, als klar wurde, dass der Einsmensch “Cecile” nur total selten mit dem Spitznamen “Cecile” angesprochen werden wollte, sondern lieber “Hannah”  oder noch anders und das von Moment zu Moment immer wieder neu.

Wir sind Viele in einem Körper-Leben und unsere Namen werden manchmal als eine Art Handhabe oder Henkel zum Be-Greifen dieser Vielheit verwendet. Ich denke mir heute, dass so versucht wird, uns zu begreifen- uns ein bisschen vielleicht auch festzuhalten, um de Chance zu bekommen, mehr als nur einen kurzen Blick nach uns zu schmeißen und ein Bild entstehen zu lassen, in dem weniger Zweifel und Unsicherheiten auftauchen.
Ja, ich glaube sogar, dass manche Menschen, die von unserer Vielheit wissen, lieber unsere Namen auswendig lernen und auf ein Verhaltensclusterschema kleben würden (was für eine Arbeit!) als sich zu fragen, wo dieser Wunsch nach Eingrenzung und Greifbarkeit herkommt. Was er genau zur Folge haben muss, sowohl für mich und auch für unseren Kontakt.

Bei meiner ersten Gemögten gab und gibt es das stringente Vermeidungsmuster in ihr, das ihr das Nachdenken über diese Fragestellungen verbietet. Sie kann (und darf vor sich selbst) nicht über sich selbst nachdenken, weil ihr das Angst macht. Wir hatten uns damals auf einen Patt geeinigt und beschlossen, dass sie, wenn sie mit einem Innen zu tun hatte, das sie nicht kannte oder wir uns in einer Situation befanden, in der es wichtig für uns als Einsmensch, der sich und sein Innenleben erst noch kennenlernen muss, ist nach den Namen fragt und mit jeder Antwort zufrieden ist. Manche Innens haben ihre Namen gesagt, manche nicht. Dann hat sie sie nach dem Kontext benannt, damit eine Orientierung und Sortierung passieren konnte.

Ich hatte so die Chance zu merken, dass bei weitem nicht jedes Innen tatsächlich ein Innen ist, das einen Namen für sich selbst hat. Es gibt Innens, die sich selbst nicht als ein Selbst wahrnehmen und auf die Frage nach einem Namen nur sagen können, dass sie es nicht wissen oder keinen haben. Es gibt auch Innens, die auf jeden Versuch von außen irgendwie klassifiziert – be- (ange)- griffen zu werden wieder zerstieben wie eine Parfumwolke. Und es gibt Innens, für die ich einen Namen habe- die sich selbst aber anders nennen. (Ja, nein- es ist einfach nie kompliziert genug.)

Hier im Blog und in Medien, die mit dem Internet verbunden sind, tragen wir unseren Schirmnamen “Hannah C(ecile) Rosenblatt”, unter dem sich alle Innens eingefunden haben. Er passt für alle, obwohl er nicht genderneutral ist und ziemlich deutschklischeejüdisch klingt. Beim Jobcenter, der Krankenkasse, der Rentenkasse, in diversen Kliniken und bei ÄrztInnen- faktisch überall dort, wo Bürokratiepferdewirte ihre Amtsschimmel unterstellen, kommt der Körpername zum Einsatz und damit Innens, die entweder nichts mit dem Internet und unseren Projekten zu tun haben, oder eher beobachtend über allem schweben.
Wir haben für uns erkannt, dass es uns gut tun würde, den Schirmnamen ins analoge Leben zu bringen, weil es uns hilft nicht mehr so automatisiert umgekrempelt zu werden und mehr vom gemeinsamen Leben wahrzunehmen.
Mit “Hannah” wird eben nicht mehr nur Hannah angesprochen, sondern irgendwie auch wir anderen mit. Der Name ist an der Stelle eine Art Gummihaut, die ganz viel weiter ausgedehnt werden kann, als nur der Name, der mit der Geburt gegeben wurde.

Früher, als die Selbsterkenntnis: “Ich bin Viele und deshalb passt der Körpername nicht- es ist also okay, wenn ich mich unterscheide” noch frischer war, gab es diesen Drive, sich als Innen sehr genau zu definieren und von den anderen abzugrenzen. Da ging es ganz allgemein und bezogen auf alles, um die totale Abgrenzung, um sich selbst wahrzunehmen und vor sich selbst zu versichern.
Ich glaube, wir haben damit nach außen einen ziemlich nabelschaulichen Eindruck hinterlassen oder einen, der denken lässt: “Oh, die will also Viele sein, aha- diese Fakerin, ey.” oder “Die hält sich wohl für besonders “anders”.”. Heute kann ich sagen, dass ich nie Viele sein wollte, es aber leider nun mal schon war, als ich das bemerkte und, dass wir uns damals auch tatsächlich für besonders “anders” gehalten haben.

Heute weiß ich, dass ich schlicht den defizitären Blick der Psychiatrie gespiegelt habe und mich selbst in Abgrenzung zur (angeblichen) Einsheit anderer Menschen gesucht habe. Vielleicht auch suchen musste, denn in anderen Kontexten hatte (und hat ein bisschen bis heute) mein Viele- Sein ja gar keine Berechtigung bzw. keinen Platz.
In dieser Selbstkonstruktion, die in Abgrenzung zur nicht hinterfragten Norm des Einssein, war die Kenntnis der Namen also extrem wichtig. Ich habe eine innere Landkarte, die noch aus der Zeit kommt, als die Diagnose gestellt wurde. Es ist im Grunde nichts weiter als eine Namensliste, mit der man so eigentlich gar nichts anfangen kann. Also – sogar wir können damit heute nichts mehr anfangen, weil es dort nicht um die Dynamiken untereinander geht- nicht darum wer was macht oder denkt oder wen kennt usw., sondern darum, dass wir einfach da sind.
Name- batsch- Sichtbarkeit-batsch- WoakrassichbinVieleohmeinG’tt- batsch – das ist, was von all der Namensauflisterei nach heute fast 12 Jahren übrig ist.

Heute ist für uns klarer, worum es beim Vielesein eigentlich geht und welche Stellung darin unsere Namen für uns haben.
Wir haben sie als Fragment früher wichtiger Positionierungen und Abbilder in einem von absoluter Zerstörung bedrohten Selbst begriffen. Ein bisschen sind unsere Namen wie Zellmembranen, manchmal aber auch wie Zellkernhüllen. Sie haben mit uns zu tun – nicht mit dem Außen, das uns umgibt. Nicht mit den Menschen, die mit uns zu tun haben.

Ja, wir passen uns an das Außen an und dann tauchen dort jeweils andere Innens auf. Aber die Namen dieser Innens sind für den Kontext nicht relevant, sofern dieser nichts mit uns als Einsmensch, der Viele ist, zu tun hat.
Die Frage wann, was, wie viel oder wenig mit uns als Einsmensch zu tun hat, liegt aber nicht nur bei uns und das ein Stolperstein.
Einer der Angst und Druck macht, weil er außerhalb unserer Kontrolle liegt.

Ich gehe manchmal so blind für uns als Einsmensch durch den Alltag, dass ich nicht mehr bewusst habe, wie oft ich eigentlich nur reaktiv bin, um von mir irgendwie dämmrig, aber doch dringlich wahrhaft wahrgenommene Gefahren zu umgehen. Da spielen natürlich erfahrene Traumatisierungen mit rein und die Qualität eines Erinnerns an dissoziiertes Material- damit einhergehend aber doch auch meine Positionierung in Bezug darauf. Wenn ich etwas nachfrage, oder erfahren will, dann frage ich mit meinem spezifischen Sein und Fähigkeiten nach- nicht mit dem Sein, dass dieses – Ich, M. von und zu Rosenblätterbuschdings- Sein – nicht immer und frei steuerbar aufrufen (anschalten) kann.
Deshalb ist es für mich Druck, wenn Außenmenschen wissen wollen, wer ich bin. Wie ich heiße. Wenn Außenmenschen nur mit mir reden wollen und nicht mit anderen Innens. Ich kriege Panik, weil ich weiß, dass ich mich nicht an- und ausmachen kann. Weil ich weiß: Ich kann dem Wunsch des Menschen, der dort mit mir sprechen will, nicht verlässlich und sicher entsprechen. Ich kann mich nicht anpassen- ich kann nicht gewinnen- ich bin ausgeliefert- ich bin bedroht- ich werde sterben – globaler Alarm- die Welt plumpst aus ihren Angeln und alles geht kaputt, nur weil _ich_ …
Für Menschen, die nicht in genau solchen real (lebens)bedrohlichen Ereignisketten sozialisiert wurden, klingt das vielleicht übertrieben. Für mich ist das Er-Lebensrealität, die durch mich durchflutscht wie Petroleum durch ein Schaf.

Das geht nicht weg, indem ich mir sage: “Ich bin erwachsen und mein Überleben hängt nicht mehr davon ab, wie gut jemand mich behandelt.”. Im Fall des Falls ist eine Erinnerung daran gut, die Bedrohung, die ich davon erlebe, ist aber nach wie vor da und meine einzige Strategie damit umzugehen ist, immer wieder zu sagen: “Ich bin Viele und das weißt du, weil du entweder danach gefragt hast oder mich als Mensch der Viele ist, kennengelernt hast. Du weißt das nicht, weil es relevant für dich im Umgang mit mir als Einsmensch ist, sondern um mich zu verstehen und aufgrund dieses Verständnisses meine vielen Äußerungen und Ver- Haltungen einsortieren zu können.”
Mehr kann ich leider für meine Gegenüber nicht tun.

Eine unserer Gemögten spricht öfter mal von der Unsicherheit, die sie hat, wenn es um Menschen, die Viele sind, geht. Sie will nichts falsch machen, will nicht zu weit vortreten, will nichts, was zu zu viel führt verursachen. Sie wünscht sich Sicherheiten in mitten dieser Vielheit, die sie und das Verhältnis, in dem sie sich mit Viele- Menschen bewegt, umschwirrt und ich mag sie dann immer wieder gerne in Wattewölkchen einwickeln, damit sie diese Angst besser aushalten kann.
Mir zeigt ihre Unsicherheit immer wieder, wie sehr etabliert die Einzelheit von Menschen, das Einssein, als Norm gilt und wie wenig Platz darin für Vielheit ist. Man geht bei Vielheit davon aus (bzw. das ist das allgemeine Framing), dass viele unterschiedliche Systeme involviert sind, die unver_eins_bar in einem Menschen miteinander kämpfen. Diese “innere Kämpfe” –Metapher findet sich überall und dient nicht zuletzt als fast Rechtfertigung für Psychotherapie und Veränderung der Rahmenbedingungen durch (sozial)pädagogische Interventionen. Dabei sagt “Vielheit” erst mal gar nicht mehr, als einfach nur “viel” bzw. “nicht nur eins”. Es ist ein anderer Normrahmen- ein anderer innerer Kontext und genau deshalb ist dort Unsicherheit. Es ist fremd, vielleicht nicht selbst in sich gefunden, bewusst und/oder etabliert. Heute, wo wir Menschen in Städten zu tausenden- in unseren Wohnungen aber immer häufiger allein leben, ist das Konzept der Vielheit vielleicht sogar noch fremder und ferner, als zu Zeiten, in denen das Weltbild noch aus vielen Göttern und Göttinnen bestand und unsere Lebensumgebungen auf Gruppenstärken ausgelegt war.

Es gibt viele Sagen, Mythen und Fabeln, in denen Menschen auch Götter auch Tiere auch Moral auch Gedanke auch Kraft auch Gefühl auch Umwelt sind. Also (ein bisschen über einen weit gespannten Bogen gehopst): viel(e) sind.
Heute sind diese Selbst-e- Bilder, krank, speziell, fremd und auf eine Art dargestellt, die letztlich immer wieder transportiert, dass sie keine Norm darstellen, weil sie nicht der Norm der Einsheit entsprechen. Die Sozialisierung der (westlichen) Menschen donnert von Anfang an die Denkmuster: “Wenn etwas nicht der Norm entspricht, musst du es so markieren. Wenn du damit zu tun hast, muss es bis ins Kleinste verstehen und durchschauen- sonst macht es dich vielleicht tot.”.
Es ist also nur logisch und verständlich, dass sich meine Gemögte unsicher fühlt. Sie muss sich auf eine Norm einlassen, die sie selbst nicht lebt und in deren Verstehen sie auf die Worte aus einem Normkontext, der keinerlei äußere Entsprechung hat (und damit für sie auch keinerlei Versicherung in den Kontexten, die sie lebt und kennt) bauen muss. Sie muss sich auf Unstetigkeit, stetige Veränderung und Wandel ohne für sie immer gut erkennbare Ursachen und Logiken einlassen und hat nur das als Konstante.
Gleich ist die Ungleichheit. Stetig ist die Unstetigkeit. Sicher ist die Unsicherheit. Die Einzelheit ist die Vielheit.

Mit jedem Mal, das ich meinen Namen sage und nach außen bringe, macht die Rezeption der Einsmenschen mein Selbst zu einer Einsheit, die ich nicht bin und heute, wo der innere Wunsch eben nicht mehr die innere Vereinzelung nebeneinander her ist, sondern das Strömen vieler in eine gemeinsame Richtung, auch nicht mehr sein möchte.
Ich mag nicht verleugnen, dass ich es manchmal gut finde, wenn das außen merkt: “Ah okay, das ist die Theoretikerin bei den Rosenblättern- die M.- yeay wir können jetzt diese und jene Diskussion führen, die mit anderen Innens nicht gleich gut funktioniert”, letztlich kann man diese Diskussion aber auch einfach anfangen und ich werde auftauchen, wenn es geht.
Man muss mit manchen Themen nicht warten, bis “das passende” Innen da ist. Man muss meinen Namen nicht kennen, um bestimmte Dinge mit mir zu unternehmen. Niemand außer mir braucht meinen Namen.

Es ist kein echter Verlust, wenn man ihn nicht kennt. Es ist ein gefühlter Verlust im Bereich der Sicherheit und damit Kontrolle, ja. Aber ich fange doch auch nicht an, selbsterklärte Einsmenschen in Vielheiten zu zerhacken, damit ich mir ihre (Er-) Lebensrealitäten näher an meine Norm bringen und darüber dann sicherer mit ihnen interagieren kann.
Nur, weil ich etwas möchte und nicht kriege ist es kein Verlust oder immer sofort eine Gefahr.

Ich musste gerade lachen, weil gerade der letzte Satz so ein riesengroßer Wunderwasweltangelsprung für uns Rosenblätter immer wieder ist. Für uns bedeutet der Satz, dass wir unsere Panik in Bezug auf dieses Leben mit uns drin und um uns herum runterschrauben dürfen. Dass wir da sein und überprüfen dürfen, was wirklich unser (biologisches, psychisches) Leben bedroht.
In Bezug auf Außenmenschen und unsere Namen als Innen in dem Körper der Hannah C. Rosenblatt heißt, bedeutet er vielleicht, dass sie atmen und überprüfen dürfen, dass ihnen nichts kaputt geht, wenn sie sie nicht wissen. Dass ihnen keine Gefahrenlage dadurch entsteht, wenn sie uns nicht kontrolliert einschätzen können.

Angst kennen wir alle so gut, dass es vielleicht gerade im Umgang miteinander darum geht, dass wir uns auf das, was sicher aneinander ist, zu konzentrieren um es in uns selbst zu etablieren.
Vielleicht.

Mut

pochpochpochKunst Eine interessante Blogparade hat Johannes auf seinem Blog ins Leben gerufen und mich heute beschäftigt.
Er schreibt: “In dieser Parade soll es um das Mutmachen gehen. Wie sprecht ihr euch selbst Mut zu, wie ermutigt ihr andere? Was sind Erlebnisse, in denen ihr euch ein Herz gefasst habt und eigene Grenzen überwunden oder anderen bei der Überwindung ihrer Grenzen geholfen habt? Wie weit seid ihr dabei gegangen und wie ist es euch damit ergangen?”

Für mich ist diese Blogparade interessant, weil die Rezeption so vielfältig ist.
Für manche Menschen geht es um Mut als Antrieb zu aktivem Handeln. Angst und Vermeidung wird als Gegenteil von Mut aufgefasst und positive Wirkungen unterstrichen.

In meinem Leben spielt Mut in etwa die Rolle des heiligen Grals.
Mut ist ist etwas, das man sich leisten können muss. Um mutig zu sein braucht es Sicherheiten in Bezug auf sich, auf G’tt, auf den Lauf der Dinge… auf “das schon alles gut werden wird und wenn nicht- dass man es dann eben anders schaffen wird”.

Ich finde es spannend, wie viele Situationen wir in unserem Leben, manchmal auch erst im Nachhinein, als Mut abverlangend oder uns in ihnen mutig agierend betrachten.
Wie wir, als wir merkten, dass wir nicht sterben würden, trotzdem nicht wieder zur Familie* zurück gingen.
Wie wir uns jeden Tag neu Menschen nähern und und mit ihnen umgeben, obwohl es gerade Menschen sind, die uns am meisten verletzten und bis heute verängstigen mit allem, was sie tun.
Wie wir uns jeden Tag wenigstens einen kleinen Krümel Leben auf den Teller legen und ihn uns einverleiben.

Ich kann mir dafür keinen Mut zusprechen, nur Sicherheiten vermitteln.
Mein Trick ist, auf eine bestimmte Art zu atmen, in Licht zu verschwinden und im Dasein herumzutreiben, etwa, wenn ich bete, mich in Musik hineinlege oder auf ihr tanze; mit Farben und Formen verschwimme, dem Atem von NakNak* folge.
Immer wenn ich spüre, dass ich lebe, werde ich mutig mich dem Leben zu widmen.

Grenzen zu überwinden spielt in meiner Lebensrealität keine Rolle, weil ich sie brauche. Ich habe mehr Interesse daran für mich auszutarieren, wo die Grenzen meiner Fähigkeiten liegen und wie sie sich anfühlen, als sie aus Gründen, die nicht in mir selbst liegen, immer weiter und weiter auszureizen.
Jeden Tag aufs Neue, erlebe ich, wie viel mehr Mut mir meine innere Haltung mich nicht von anderen Menschen durch Erwartungsdruck, Ansprüche, Ignoranz und Missachtung in meinen Grenzen berühren zu lassen, abverlangt, als dem nachzukommen und meine Grenzen aufweichen zu lassen.

Im Kontakt mit Menschen, die hier und da Mut zugesprochen brauchen, finde ich es wichtig, ihnen zu sagen, dass Mut etwas ist, das man vorher immer anders nennt.
Durchgeknallt, irre, völlig verrückt, abgedreht, von allen guten Geistern verlassen, nicht ganz bei Trost, ohne Tasse im Schrank, hamsterlich jodelnd, nicht ganz dicht… zum Beispiel und, dass Mut manchmal auch nur von sich selbst belohnt wird.

Die mutigste Tat in meinem Leben war und ist, nicht still zu bleiben.
Es kostet mich unfassbar viel Kraft, Worte für das zu finden und zu verwenden und an die Menschen zu richten, was ich früher wie heute an mir und der Welt wahrnehme.
Ich könnte diesen Weg bis an meine Grenzen der Leistungsfähigkeiten nicht gehen, wenn es ihn nicht gäbe

den Mut der Verzweifelten.

Ich verändere damit nicht die Welt; beende ganz sicher nicht endlose Debatten und Ängste kann ich damit auch nicht zerstreuen, aber ich kann ein Beispiel sein, das anderen Menschen vielleicht manchmal das eine klitzekleine bisschen Selbst- Sicherheit gibt, die sie brauchen, um ihren Mut in sich zu fühlen und ins eigene Fühlen, Denken und Handeln zu kommen.
Ich kann Menschen den Mut spüren lassen, der manchmal kommt, sobald man spürt, das man nicht alleine ist.

die Rosen blühen

Rosedraufsicht2
Früher wie heute denke ich, dass es keinen sichereren, schöneren, behüteteren Ort in dieser Welt geben kann, als den inmitten von vielen kleinen und großen, aneinander anliegenden Rosenblütenblättern
Niemand kann ihn zerstören, weil die Dornen der Rose und die Schönheit der Blüte zu Abstand gemahnen
Niemand kann mich entdecken, denn die Räume zwischen den Blättern und mitten im Kelch sind zu dicht, selbst für bohrenste Blicke

innensicht2
Ich kann hören, was außerhalb passiert
Und egal, wie viel Angst mir das macht

Wenn ich dort bin, ist alles in Ordnung

Fieberthesen

früchtedings

“Gebt mir die Macht, Fieber zu erzeugen, und ich heile euch alle Krankheiten!”
~ Parmenides von Elea, 540- 480 v. Chr.

1927 wurde der Nobelpreis für Medizin an den Psychiater Julius Wagner von Jauregg aus Wien verliehen. Grund dafür war die Entdeckung, dass Fieber positiv auf Depressionen einwirkt.
Etwa zeitgleich entdeckte der New Yorker Internist William Coley, dass manche Tumorerkrankungen zu heilen sind, wenn der Körper mit Fieber auf eine Kleinstmenge abgetöteter Bakterien reagiert.

Ich bin krank. So richtig schön mit sterbend fühlen, Lindenblütentee lecker finden und so.
Das war ich lange nicht mehr.
Um genau zu sein, hatte ich meinen letzten grippalen Infekt vor.. äh.. 4 Jahren? Oder waren es 5?
Und in den letzten Wochen, hoffte ich wirklich darauf, endlich richtig krank zu werden.

Ich habe eine Theorie und will bzw.. kann sie bereits jetzt in Teilen, anhand dieses Infektes überprüfen.

Grundlage für diese Theorie ist Mustererkennung.
Immer, wenn wir einen Schritt von den Tätern und ihrem System weg machen, knallt bei uns etwas durch und eine relativ gleiche Abfolge von Überzeugungen und Gedanken, Handlungszwängen und eben einer richtig fetten Sinnkrise paart sich mit einer allgemeinen Depression.
Im letzten halben Jahr bewegten wir uns weiter, öffneten uns weiter und machten neue Erfahrungen. Da ging es neben vielen neuen Handlungen auch um viele neue Empfindungen und Herangehensweisen bei Lösungsfindung bzw. Problemlösung. Und es ging/ geht um Bindungen.

Der Fakt, dass ich jetzt mit 39°C eigentlich lieber im Bett rumkullern und den Rotz in meinen Nebenhöhlen balancieren möchte, bestätigt mir schon mal Teil 1:
Die Möglichkeit in aller Ruhe krank werden zu dürfen.
Das ist zum Einen sehr gruselig, weil es bedeutet, dass wir uns auf unsere Menschen eingelassen haben. Oder ein Großteil. Oder genug Teil, um eben krank werden zu können.
Zum Anderen ist es aber gut, denn es markiert ein Abflauen von Misstrauen und dem Modus von: “Jetzt bloß keine Schwäche zeigen/ nicht schwach werden.”.

Ich weiß, dass ich meine letzte Erkältung irgendwann vor dem Unfalltod des Welpen, den wir ansehen mussten und irgendwann nach einer Heldinnentat unserer Gemögten hatten. Also irgendwann dann, als wir uns das letzte Mal sicher gebunden und selbstwirksam erlebt hatten.

Natürlich hatte ich zwischenzeitlich auch schon Fieber- ich habe nach jeder Therapiestunde welches.
Meine These sagt aber, dass es sich dabei nicht um ein Viren/Bakterienabtöt- und fressfieber handelt. Vielleicht bilde ich mir das ein- bitte- aber ich stelle mir das immer so vor, dass manche Kackscheiße Nervennetzwerke bildet und mein Posttherapiefieber genau daran herumnagt.

Laut TäterInnenentfernungsmuster kommt nach: Schmerzen, die mich niederstrecken (immerhin- zweiter Durchlauf und ich bin halbwegs mobil geblieben- beim ersten Mal kam ich nicht mal von Bett hoch) und Erinnerungsüberschwemmung (das ist diesmal krasser- ich bin aber heute Benzoclean- also vielleicht kommts mir nur deshalb krasser vor), das dringende Gefühl nur einem bestimmten Menschen glauben zu dürfen. (In derTäter?- Kontakt!- Reihe hatten wir schon darüber geschrieben)
Da ich keinen Kontakt mehr zu dem Menschen habe, gibts nichts, was er mir direkt zum Glauben sagen könnte. Und das ist ein im Moment sehr geiler Fakt, weils beim Enttarnen hilft. Alles was mir grad durch den Kopf kommt, kann nicht von diesem Menschen kommen und ist im Moment zumindest absehbar überprüfbar.

Meine Menschen kümmern sich und halten ihr Wort. Zum Beispiel meine Therapeutin, die heute morgen anrief; meine Rechtsanwältin die gestern Abend anrief und meine Gemögte, die uns jetzt grad mal in Ruhe lässt, wie besprochen. Direkt Reden kann ich zwar nicht mit ihnen- ich weiß aber, dass ichs auch nicht muss, um mich auszudrücken.
Sie sind alle greifbar- wie das gebundene Menschen halt so sind. Damit kriege ich den Großteil dunkelbunter Kopfbereichswahrheiten widerlegt
Wie biegsam die Definitionen um Werte sind, hab ich in den letzten Jahren auch oft genug erlebt. Also an der Stelle der Faktor: Ich bin nicht mehr 21 und hab inzwischen mal mehr erlebt als Kackscheiße classic, Kackscheiße Klinikstyle und Kackscheiße (Heim)Betreuungsverschiebung und alles andere um mich herum- hier und jetzt gerade- hab ich selbst gemacht. Es ist sicher, weil ich mir dabei schon auch immer was gedacht habe.

Kann sein, dass ich hier grad nur fiebrigen Wahn niederschreibe- aber der Rest meiner These baut darauf, dass ich mich mit steigendem körperlichen Wohlbefinden nach dem Infekt, auch seelisch besser fühle.
Im Moment ist es angenehm, dass das Gefühl von langsamen Sterben irgendwie auch mit dem körperlichen Schwächeding kongruiert. Ich muss nicht dagegen ankämpfen, sondern kann mich hinlegen und mir sagen: “Jupp, ist wie Sterben- das ist Fieber immer. Kein Grund Angst zu haben. Das geht vorbei…”. Fieber kennen viele (genug) von uns um auch in der Hinsicht zu wissen: “Das geht vorbei.” wogegen das (angebliche) Sterben bei Täterentfernung endlos ist und genau deshalb so schrecklich.

So.
Sie entschuldigen mich- ich muss mit dem Hund ums Eck und dann ein paar Infekterreger(Innen lol) töten.

P.S. Was ich in meiner These hab, hab ich vergessen aufzuschreiben- wieso hab ich eigentlich ne Kommentarfunktion, wenn ihr* so ne logischen Fehler für euch behaltet? Es geht mir drum zu überprüfen, ob wir die Spaltung, die uns damals im/ nach/ durch den ersten Durchlauf passiert ist, diesmal wiederholen, oder ob die Faktoren, die wir inzwischen angesammelt haben (siehe Lebenserfahrung, Therapieerfolge, aktuelle Beziehungen und auch das Kranksein jetzt) eine Wiederholung dessen verhindern.
Immerhin dokumentiere ich den ganzen Kram ja jetzt- das hab ich damals nicht gekonnt. Ich hatte nicht mal Worte im Kopf- geschweige denn die Kapazität mich zu reflektieren, wie jetzt.
Jetzt bin ich zwar ähnlich spracheingeschränkt- ich hab noch kein Wort rausgekriegt heute- aber ich bin nicht artikulationslos.
Das ist zwar kein hochtrabender Dingsdakrempel, aber ich bin bewusst. Das find ich schon mal wetvoll und wichtig- hat mir damals extrem gefehlt und fehlt mir ob einer Gesamtkontextuierung auch heute noch. Aber wenn ichs aufschreib, komme ich vielleicht irgendwann dahinter.

und also warten…

warten

Ich dachte
heute würde so ein Tag, an dem ich sicherer sein würde

werden würde

Und dann hab ich mich verunsichert, während ich mich versicherte

und werde unsicher, weil ich warte und warte
und niemand anruft

Ich weiß nicht mehr, wie ich was wo finden

in mir finden muss

kann

darf

soll

und also warte ich

Sicherheit* unterm Radar

P1010176„Du musst den Täterkontakt abbrechen und dich anonym halten, sonst bist du nicht sicher.“
Das ist so einer der Sätze, mit denen ich in diesem Bundesland empfangen wurde. In einer „anonymen“ Unterkunft für Jugendliche in Not. Mehrere hundert Kilometer zwischen mir und dem, was noch immer einige Innens „zu Hause“ nennen.
Diese Zeit in der Einrichtung war nicht lang- ich glaube nur 3 Wochen- aber sie hat gereicht, um mich bis heute ziemlich wütend zu machen und immer wieder darüber nachzudenken, wie die Wichtigkeit und Funktionsmechanismen von Schutz durch Anonymität vermittelt werden können.

In meinem Fall hatte sich damals schon niemand an meine Seite gestellt und sich dafür eingesetzt, dass ein Antrag auf Amtshilfe in der neuen Stadt passiert, um mich gänzlich (oder zum Teil) abzulösen.
Stattdessen wurde die ganzen Jahre der Jugend- und später auch Erwachsenen-  Hilfe in schöner Regelmäßigkeit meine Wohnadresse, meine Hilfepläne, so wie sämtliche Aktivitäten an ein Amt geleitet, das immer wieder einen Datenfluss in Täterhände lenkte.
Ich hatte das immer wieder gesagt, hatte es immer wieder als Änderungswunsch angebracht. Im Zuge des Betreuungswechsels dann, versuchte ich es mit juristischen Hebeln, um aus der Sache rauszukommen und scheiterte, weil ich zu schwach war.
Ich hätte mindestens eine Strafanzeige gegen die Täter stellen (Recht bekommen) und dann alles Nötige erwirken lassen müssen.
Aber eine Strafanzeige erstattet sich nicht so einfach. Bis heute nicht.

Das Gemeine für mich- der richtig fiese Haken: meine damalige Therapeutin und alle alle alle Bücher und Tipps für  Menschen mit DIS (und Täterkontakten), die ich damals fand, hackten auf mir als die undichte Stelle im Sicherheitsnetz herum.
Immer wieder wurden dort die inneren Abhängigkeits- , Hörigkeits- , (Todes-) Angstdynamiken thematisiert und verdeutlicht, wie wichtig es ist, die innere Kommunikation so weit aufzubauen, dass sich Innens nicht an die TäterInnen wenden und so weiterhin Gewalt erfahren. Wir haben diese Problematik auch gehabt und mussten daran arbeiten. Was in Bezug auf den Abbruch von Täterkontakten wichtig war, schilderte ich bereits in der Serie „
Täter- Kontakte 1- 5 “ 

Der Punkt meines Ärgers über den Satz in der Einleitung und der Buchinhalte ist, dass das einfach nicht alles war und bis heute ist.
Wir erfahren seit einigen Jahren keine Gewalt mehr- doch befreit von destruktiven Verbindungen sind wir erst, seit wir vor dem Gesetz als „erwachsen“ und damit komplett mündig gelten (Also seit dem 27 sten Geburtstag- dies ein Hinweis an Betroffene mit Schwerbehinderung und darauf fußenden Amtshilfen seit der Jugend).

Die Idee von „es kann mir nichts passieren- ich bin anonym und in Sicherheit“ ist Schwachfug.
Wer wissen will- wer es wirklich wissen und herausfinden will, wie mein Passname ist, wo ich wohne und was sonst noch in Bezug auf mich relevant ist- der wird das auch herausfinden. Wer mir wirklich unbedingt Gewalt antun will, wird das tun können und nichts und niemand wird das verhindern. Aber ich kann es etwas schwieriger machen.

P1010183Das Leben in Anonymität hat für mich viele kleine und große Unsichtbarkeiten und mit ihnen Angstmomente, die völlig unvermittelt kommen können; jeden wie auch immer gearteten Kontakt und auch die Art, wie Kontakte geknüpft werden, beeinflussen.
Die Verluste, die ich mit der Entscheidung zum Leben ohne Gewalt, mit neuem Namen und Dunkelfeld „Vergangenheit“ eben auch „gewählt“ habe, sind unfassbar groß und schmerzhaft.
Ich entfernte nicht nur Destruktivität aus meinem Leben- grenzte mich nicht nur von Gewalt in verschiedenen Gewändern ab. Ich war gezwungen zum Messer zu greifen und mir alles was „vorher“ war abzuschneiden. Das Vorher, das auch viele schöne Momente, tolle Menschen und Möglichkeiten umfasst und mich mit viel mehr Leichtigkeit agieren ließe.

Ich bin gestern via Facebook mal wieder über jemanden aus „dem verbotenen Früher“ gestolpert. Die Folge war nicht: „Ach guck an…“ sondern richtig harte 20 Minuten, in denen ich Tränen aus meinen Augen rausschreien wollte und nicht konnte.
20 Minuten, in denen mir erneut diese Gefühle von emotionaler Zwangsaskese zum Wohle meiner Sicherheit durch die Brust jagten. Erinnerungen an „früher“, alle Wünsche, alle Hoffnungen, alles was ich damals … hätte würde wäre wenn

Mein Heute umfasst eine Achtsamkeit und Vorsicht auf allen Ebenen durch mich selbst, aber auch eine Abhängigkeit von Verbundenheitsgefühlen und gut kommunizierten Beziehungen zu den Menschen, die mich umgeben.
Ich kann noch so oft verschweigen, wo ich eigentlich herkomme; wie mein Passname lautet; darauf verzichten meinen supertollen Hund im Internet zu zeigen oder wie ge-ni-al ich meine Haare frisiert habe. Ich kann noch so oft meine Hand abhacken, wenn sie ins Früher telefonieren will, um dort wieder einzuziehen. Ich kann noch so oft ins Facebook schauen und denken: „Ach dieser Mensch hat mir ja nichts getan- ich könnte…“ und dann doch hart bleiben.
Sobald auch nur eine meiner Gemögten, HelferInnen und Verbündeten oder irgendjemand außerhalb meines Kontrollbereichs mich als diejenige welche mit Passnamen XY im Kontext von AB in Stadt CD outet, ist es vorbei.

Alles was ich tun kann ist in einem Heute zu leben, das kein breit bekanntes Früher hat.

Ich muss mich darum bemühen meine Kontakte auf eine Art zu pflegen, die entweder davon geprägt ist, dass diverse Informationen nie Thema werden bzw. „einfach so unbemerkt in ihrem Fehlen sind“ oder bekannt sind mit einem Mit-Verantwortungsbündel obendrauf, das nicht jeder Mensch tragen kann (und/ oder will).
Keine meiner Gemögten weiß alles über mich und die Tatsache, dass sie es auch nicht zu wissen einfordern, entlastet und schützt mich sehr.
Für die Beziehung, die wir haben sind weitere Informationen nicht wichtig- sie wissen aber alle von den Netzen, in denen wir uns bewegen. Sollte mir etwas passieren, wäre niemand von ihnen allein und direkt mitbedroht.
Das Nichtwissen schützt sie also- solange sie nicht-wissen „dürfen“.

Im Falle der Facebookverbindung musste ich so scheißverdammt mutig sein, wie ich es eigentlich gar nicht war in dem Moment. Ich musste fragen: „Kennst du diesen Menschen persönlich?“

Weiß der Mensch, dass wir uns kennen? Muss ich dich jetzt auch aus meinem Leben streichen, obwohl ich dich toll finde und es mir weh täte? Muss ich schon wieder umziehen und alle meine Hilfsnetze umkrempeln, weil du weißt, wo ich wohne?

Ich musste meine Gemögte irritieren, ihr etwas abverlangen, was sie genauso einfach hätte ablehnen wie annehmen können.
Ich musste sie ins Vertrauen- in meine Scheiße ziehen und konnte nichts weiter tun, als zu hoffen, dass sie vollständig begreift, was ich da sage- die ganze Tragweite sieht, ohne davon erdrückt zu werden.
Ich muss ihr vertrauen diese Schwere zu tragen- nicht nur jetzt, sondern noch eine ganze Weile länger, weil für mich etwas daran hängt.
Ich musste sie wissen lassen- sichtbar(er) werden für sie und hoffen, dass sie diese Sichtbarkeit mit mir vor anderen Menschen unsichtbar hält.


Es klingt immer so einfach: Täterkontakt beenden, neuer Name, neue Adresse, Traumatherapie und fertig.
Im Falle organisierter Gewalt ist es damit einfach nicht getan.
Diese Dinge hängen alle an Privilegien- an Sicherheiten, die extrem instabil sind und von nichts und niemandem bedingungslos und durchgängig gewährt werden. Die Realität nach Ausstieg und in Anonymität wird damit nicht gestreift.

Damit ich direkte Gewaltkontakte beenden konnte, brauchte ich eine starke Gemögte, die mich halten und tragen konnte- die an meiner Seite stand und sich selbst in dieser Zeit total zurückstellte- ohne irgendetwas dafür zu verlangen.
Um meinen Passnamen zu verändern muss ich (neben finanziellen Ressourcen) auch darauf hoffen, dass ich in meinem Leben als Opfer von organisierter Gewalt anerkannt werde, auch ohne eine Strafanzeige zu stellen.
Um anonym zu wohnen muss ich mich darauf verlassen, dass sämtliche Ämter und Behörden meine Rechtsanwältin als meine Fürsprecherin akzeptieren und sämtlicher Informationsfluss über ihre Kanzlei läuft- was nicht selbstverständlich ist.
Um meine Geschichte traumatherapeutisch auf- und verarbeiten zu können, hilft nur hoffen und beten, dass ich in meiner Therapeutin einen Menschen habe, der mutig genug ist, mit mir gegen die Krankenkasse vorzugehen und zu kämpfen um für seine Arbeit auch bezahlt zu werden, wenn diese anfängt ihre Richtlinien zu Gesetzen wachsen zu lassen und mir die Behandlung verwehrt.

Unterm Radar zu fliegen heißt „nicht gleich sichtbar und damit geschützt vor suchenden Blicken zu sein“.
Heißt aber auch, dass jede Untiefe der Berg sein kann, an dem ein Leben zerschellt.
Es heißt sich mehr als fünfmal seiner Unsichtbarkeit zu versichern.
Es heißt unsichtbar zu trauern.
Es heißt Sichtbarkeit als ein Privileg einzuordnen, das genauso instabil ist, wie alles andere.

Es heißt, dass eine Ebene der Angst auch dann noch da ist, wenn „eigentlich“ alles* „gut“ und sicher* ist.
Es heißt, dass nichts sicher ist.
Es heißt, dass die Begrifflichkeit der Sicherheit* ein Sternchen braucht, um die Fragilität und Vielschichtigkeit zu markieren, die sie für mich hat.

das Recht zu Schweigen

„Ich erlaube dir auch zu schweigen“.

P1010102Das wars.
Mehr hatte es gar nicht gebraucht.

Wir saßen in der Sonne und sahen NakNak* dabei zu, wie sie erste sacht schwebende Blätter erlegte.
Mein letztes gesprochenes Wort erschien mir so weit weg.
So weit, als hätte ich noch nie etwas gesagt.
Als wäre noch nie etwas durch diesen Stau aus Schmerzschamekelleere gedrungen, den ich nun seit Tagen mit wachsender Verzweiflung von links nach rechts zu sortieren versuchte.

Sie schaute in den Himmel hinauf. An der Sonne vorbei, ins Universum hinein.
Ich starrte sie an und erbrach ein Danke neben ihre ausgetreckten Beine.

„Du darfst heute auch Geheimnisse haben.“.

Ich ließ die ganzen Angst-Abers meine dichte Schweigeleere aufweichen.
„… aber dann versteht sie ja nicht…“
„… aber dann hört es ja nie auf…“
„… aber dann denkt sie…“
„… aber dann muss ich…“

„Ja aber dann könntest du sterben?“, fragte sie und berührte damit die Wurzel.
„Vielleicht?“ piepste es aus meinem Mund und schon kam mir wieder diese Scham hoch. Ich hasse es, wenn Kinder durch mich sprechen und ich so verloren winzig vor mir selbst bin.

„Schatz, du wirst nicht sterben, wenn du der Seelenfrau oder auch mir oder irgendjemandem etwas nicht sagst.“. Sie sprachen über Privatsphäre, Wunscherfüllungsgrenzen, Machtgefühle und Hilflosigkeit.

Später stellte ich fest, dass „neunormal“ vorbei ist.
Spürte ich, dass ich hungrig war.
Dass der Seelenschmerz weniger ist.

Und als ich, spät in der Nacht, versuchte einen Brief an die Therapeutin zu verfassen, fiel mir ein, dass sie genau das eigentlich schon einmal gesagt hatte.

Jetzt kann ich es mir erlauben auch zu schweigen.
Nicht, weil es mir peinlich wäre, es zu sagen. Nicht weil ich denke, ich müsste, weil „man eben so Therapie macht“; nicht, weil ich Angst habe, dass sonst alles so schlimm bleibt, wie es ist, wenn ich es nicht tue.

Sondern weil da jemand außen ist, der mir erlaubt, mir etwas zu erlauben.
So lange, bis ich es mir selbst erlauben kann.
So lange, bis ich das Recht zu schweigen genauso bindend, wie den Zwang zu schweigen empfinde.

Ende

Brich das Schweigen- Mach dich sichtbar (4)

So ein Satz: “Brich das Schweigen.”, bedeutet für mich: “Mach dich sichtbar- mach die Gewalt sichtbar” … “Mach sichtbar, was niemand gesehen hat” … “Mach DU es sichtbar- du warst doch dabei”.

Wir leben in einem System in dem nur verurteilt wird, was sichtbar ist.
Es braucht handfeste Beweise, um Täter ihrer Strafe zuzuführen. Es braucht Sichtbarkeit, um wahrgenommen zu werden. Die Polizei braucht die Opfer, um die Täter sichtbar zu machen. Die Presse braucht das ganze Paket einer Situation, um darüber zu berichten und zum Sprachrohr zu werden. Doch ist nur sichtbar, wofür es Worte gibt.

Am Anfang war das Wort. Oh ja! Worte sind toll.
Sie sind, wenn es um Gewalt geht, wie das erste Kotzen bei einem Magen-Darminfekt; wie ein ausgedrückter Pickel der bereits tagelang schmerzte; wie Weinen, das man schon seit Stunden in seinem Hals drücken spürte.
Sie geben Form, machen sichtbar und ermöglichen sowohl eine Verarbeitung des Geschehens als auch innerhalb unseres Miteinanders eine Bewertung.

Gewalt aber, spricht Teile des menschlichen Gehirns an, die weit weg von dem Teil ist, in dem sich unsere Sprache befindet. Das ist sinnvoll, denn bei Gewalt geht es potenziell immer um eine Gefährdung des eigenen Lebens. Sprache ist jünger als der in uns entwickelte Teil, der unser Überleben sichert.
Ich schrieb es bereits in anderen Artikeln: Das Leben allein besteht in der Fähigkeit zur Entwicklung der Fähigkeit, das Leben weiterzugeben. Es ist ein evolutionärer Kettenbrief, der allein für seine Weitergabe arbeitet.
Unser Sprachzentrum ist so etwas, wie das Ziel am Ende einer verschlammten, mit Geröll bespickten Landstraße- während der Teil, der unser Überleben sichert, eine fünfspurige Hightechsuperautobahn ist. Es gibt keine Sprache- aber hey- was gibt es auch zu sagen, wenn Leib und Leben in Gefahr sind?!
Unserem Gehirn ist es scheiß egal, ob das, was da gerade passiert später noch sichtbar ist. Wer will ihm darum böse sein?

Es können nur jene sein, die das Privileg der Nichtbeteiligung und Unabhängigkeit genießen oder jene, die genau deshalb (chronisch oder latent) im Überlebensmodus stecken und darunter leiden.

Das Wissen um die Vorteile von sozialem Miteinander ist eng mit der Sicherung des eigenen Überlebens in uns Menschen (und auch vielen Tieren) verknüpft. Die Abhängigkeit von unseren Versorgern ist uns Menschen direkt ab dem Zeitpunkt der Geburt mehr oder weniger klar bewusst. Wir werden absolut hilflos geboren und sind erst ab dem Moment der biologischen Fähigkeit zur Weitergabe des Lebens, halbwegs in der Lage eigenständig zu leben. Doch nun ist es so, dass wir in hier, in Deutschland, in einer Umgebung leben, in der das soziale Gefüge dem direkt widerspricht. Hier in unserer Kultur, würde niemand einem Teenager unter 18 Jahren einen eigenen Haushalt ganz ohne Unterstützung und juristische Absicherung überlassen. Unsere Justiz staffelt noch bis ins 27ste Lebensjahr hinein das Maß von Strafen für diverse Taten. Das ist schön- untergräbt aber auch die Autarkie der Menschen. Im Guten, wie im Schlechten.

Es geht um Abhängigkeiten. Auch beim Schweigen.
Wir wurden in unserem früheren Abhängigkeitsverhältnis Schweigegeboten unterworfen.
Schweigegebote sind nicht so schlimm, wie man vielleicht glauben mag. Schlimmer sind die Redeverbote. Das Gleiche? Oh nein.
Gebote sind wie Spielregeln: Willst (Musst) du mitmachen, hältst du dich daran.
Verbote sind Grenzen: Übertrittst du sie, bist du ..? Na was? – Raus! Allein! Ausgeliefert! Schutzlos!
Ergo: potenziell tot.

Wer keinen Schutz außerhalb von (destruktiven) Abhängigkeitsverhältnissen hat, der kann nicht reden. Kann keine Worte finden. Kann nichts sichtbar machen. Kommt nicht in den Genuss der Privilegien, die das Leben mit seiner Fähigkeit dieses weiterzugeben braucht.

Und hier ist es- das Ding, dass das Schweigen nährt: Die Wahl zwischen Leben und Tod.
Welchen Weg wird unser Gehirn wohl nehmen, wenn wir Gewalt erfahren?
Und was passiert, wenn man Zeit seines Lebens immer wieder gezwungen ist, auf der Hightechsuperautobahn zu fahren? Man lernt, dass es sich lohnt und, dass es einfacher ist. Blicke nach links oder rechts sind Ressourcenverschwendung- wen interessiert die Landschaft, die man vom Fenster aus betrachten kann, wenn die rasante Fahrt immer wieder nötig ist, um die eigene Basis sicherzustellen?
Wie beschwerlich erscheint einem dann eine holprige Landstraße, wie fraglich ist das Ziel der Sprache und Sichtbarkeit für andere Menschen- ganz gleich wie dringlich sie es machen.

Es gibt keine Worte ohne Schutz.
Dieser Artikel hier ist ein Steinchen im Plädoyer für mehr Opferschutz.
Wer so privilegiert ist, Worte und damit Sichtbarkeit einzufordern, muss sein Privileg von Sicherheit durch Nichtbeteiligung und Unabhängigkeit teilen!
Alles andere verschiebt die Verantwortlichkeiten rund um Gewalt in den Schoß derer, die nichts- aber auch gar nichts dafür tun können, um dem zu entsprechen.

Wir brauchen Opfersolidarität- und Schutz! Wir brauchen die Annahme der Not und der Mechanismen, die Gewalt in unserer Mitte auslöst! Wir brauchen die Akzeptanz des Schweigens, das tiefe verinnerlichte Verständnis um die Folgen, als etwas, das mit uns allen tun hat! Wir brauchen die Folgen der Gewalt gleichrangig bewertet, wie die Gewalt an sich!

Sonst gibt es keine Worte, die das Schweigen brechen.
Sonst bleibt unsichtbar, was töten kann.