#1 „Melden Sie sich, wenn was ist.“

„Wenn was ist“ gehört für mich zu den schlimmsten Formulierungen in der zwischenmenschlichen Kommunikation.
Ich halte sie für gewaltvoll, schlecht und falsch. Will sie weder lesen noch hören. Will mit niemandem zu tun haben, der mir das sagt.
Leider haben wir sie alle schon gehört und sogar selbst in den Strom allgemeiner Alltagsgewaltätigkeiten gegeben. Diese Formulierung ist so üblich, dass viele Menschen sogar glauben, sie würden damit etwas sagen können. Für mich nur schwer nachvollziehbar.

„Wenn was ist“ wird verwendet, um der eigenen Annahme möglicher Abweichungen Ausdruck zu verleihen. „Melden Sie sich“, um ein Bindungsangebot zu machen, dass von_m Klient/Patient_in ausgeht.
„Im Fall einer Abweichung können wir in Kontakt gehen“, kommt also am Ende dabei heraus.

Problem: Mit professionell Begleitenden, Helfenden, Unterstützenden, Behandelnden ist man nie in Kontakt, weil „nichts ist“.
Die Grundlage professionellen Kontaktes ist in unserer Gesellschaft grundsätzlich negativ definiert. Also über die Abwesenheit, das Fehlen von etwas bzw. die Anwesenheit eines Defizits. Sobald man also in einem Betreuungsverhältnis, einem therapeutischen Verhältnis, einem pflegerischen Verhältnis miteinander ist, hat man sich als Hilfe-/Unterstützungs-/Behandlungssuchende Person bereits gemeldet, weil ein ganz spezifisches „etwas“ ist. Nämlich Bedürfnisse, die vom familiären und sonstig näherem persönlichen Umfeld nicht erfüllt werden – also, weil „niemand (da) ist“.

Ich habe lange versucht zu entschlüsseln, was das gemeinte „Etwas“ von dem „Etwas“ unterscheidet, das mich mit Helfer_innen und Behandler_innen zusammenbrachte.
In betreuten Wohngruppen konnte das gemeinte „Etwas“ viele verschiedene Dinge bedeuten.
„Etwas war“, wenn ich eine Sache aus abgeschlossenen Räumen brauchte. „Etwas war“, wenn ich als Heimkind irgendwelche Elternzettelage in der Schule oder beim Amt einzureichen hatte. „Etwas war“, wenn meine seelische Not unerträglich für mich wurde. Mir erschloss sich nie, warum mir extra noch gesagt wurde, dass ich mich dann melden sollte, denn was sollte denn die Alternative sein? Ich bin nicht so aufgewachsen, dass ich nicht ständig und immer und immer die ganze Aufmerksamkeit bei den Leuten hatte, die am meisten über mich zu bestimmen hatten. So wirkte dieses sicherlich sinnvolle Bindungsangebot „dann melde dich“ als Erinnerung daran, dass meine ersten Gedanken zur Problemlösung oder Meinungsfindung auf gar keinen Fall bei meinen Kompetenzen und mir anfangen dürfen, sondern immer erst bei den Autoritäten in meinem Leben. – Und zwar in Bezug auf alles, was passiert, weil es „etwas“ ist.

Im ambulanten Betreuungskontext hat sich das etwas aufgelockert, weil ich im Alltag mehr Autonomie hatte und gestalten konnte. Hier wurde es dann allerdings kompliziert, weil ich kein eigenes Konzept und Übung darin hatte, in Autonomie und ihren Folgen zu leben. Ich war die Betreuung gekommen, weil meine schwere Symptomatik meine Möglichkeiten der Selbstbestimmung extrem begrenzten und teils auch verunmöglichten. Und weil ich als 18-jährige Person noch nie selbst über meinen Wohnraum und dessen Ausstattung bestimmt hatte. Ich wusste nicht, nach welchen Gesichtspunkten ein Haushalt zu führen, ein Finanzbudget einzuhalten, zukunftssichere Entscheidungen zu treffen sind. Ich hatte unerträgliche Panik und Kontrollverluste über mich, wenn ich diese Entscheidungen selbst treffen sollte und funktionierte mich durch die Aufgaben durch, wenn ich in Begleitung von und in Kontakt mit Autoritäten (meiner Betreuerin) war. Was letztlich der „akzeptierte Kontrollverlust“ über mich war, denn er wirkte sich nicht als dysfunktional aus. Dennoch war das ja „etwas, was war“. Und es passierte mir sowohl allein als auch, wenn ich mich bei jemandem gemeldet hatte.
Was also bewirkte es für mich, wenn ich mich meldet, weil „etwas war“? Es ergab sich für mich weiterhin kein Unterschied in der Auswirkung auf mich, wenngleich mir klar war, dass es ein Unterschied ist, allein oder in Kontakt mit jemandem diese Erfahrung zu machen.

Speziell in diesem Kontext war mir aber auch immer bewusst, dass der Kontakt etwas ist, worum ich dankbar sein musste – völlig unerheblich, ob er mir letztlich tatsächlich eine Hilfe oder Unterstützung ist. Denn schon der Umstand, dass man sich um mich, ein Opfer organisierter Gewalt mit komplexer, seltener, kontrovers diskutierter Traumafolge, sorgt kümmert fachlich fundiert auseinandersetzt, ist etwas, das mir spät erst als etwas klargemacht wurde, dass ich grundsätzlich verdient habe wie jeder andere Mensch auch.
Meine Betreuung, Behandlung und Begleitung wurde mir immer wieder als besonders herausfordernd, besondere Ausnahmen erfordernd und besonders viel (mehr) Ressourcen (als von anderen Klient/Patient_innen) abverlangend gerahmt. So habe ich mich oft selbst als das „etwas“ gefühlt, „das ist“ dessentwegen sich jemand bei jemandem melden muss, kann, darf. Es entstand der Eindruck, eine Belastung zu sein, die sich schöngeredet wird. „Interessant, was Psyche so kann.“, „Ich lerne so viel von dir“, „Du machst meinen Beruf spannend.“, „Das ist eine große Herausforderung – wir werden das aber schon hinkriegen (wenn du mithilfst)!“ Ich war zeitweilig vollkommen davon überzeugt, dass es Helfer_innen, Betreuenden, Unterstützenden unfassbar krass viel abverlangt, ihre Arbeit an mir zu machen. Dass sie sich gegen extreme Widerstände und über sämtliche Grenzen hinweg dafür entscheiden müssen, mit mir in Kontakt zu sein (– und ihren bezahlten, selbstbestimmt gewählten Job zu machen, der sie in einen Status erhebt, aus dem heraus sie aktiv über Leben wie meins bestimmen, urteilen und sprechen dürfen).
So kam unter anderem meine Wortmeldung auf der Tagung in Münster 2013 zustande. Mir war damals noch überhaupt nicht in den Sinn gekommen, dass man Bedarfe wie meine aus Gründen besonderisiert, die nichts mit mir zu tun haben. Dass man mein Überleben teilweise als Beweis für Dinge hernimmt, die anders nicht objektivistisch beweisbar sind.

Nie, in all den Jahren hat man mich in meinem Grundgefühl von und Wunsch nach Gleichheit mit anderen Betreuten/Behandelten/Geholfenen bestärkt. Niemand hat mir kontinuierlich vermittelt vermitteln können, dass meine Grundbedürfnisse, die gleichen sind, wie bei allen anderen Menschen auch. Vielleicht, weil das so ein basales Ding ist. Vielleicht, weil man nicht annahm, dass ich überhaupt darüber verunsichert bin. Vielleicht weil ich nie gefragt habe: „Hey, warum ist euer Verhalten über meine Bedürfniserfüllung so anders als bei den anderen Patient_innen/Mitbewohner_innen?“ Vielleicht weil man dachte, mir gefiele der Besonderheitsstatus und gebe mir damit ein gutes Gefühl von Beachtung und Wertschätzung nach einem (so angenommenen) Leben in Missachtung und Abwertung.
Am Ende hat es mich in Dankbarkeit und Angst vor dem Verlust aller Kontakte gezwungen und gehalten.

Es gab Betreuungskontexte, in denen immer „etwas sein“ musste, damit ich überhaupt Kontakt haben konnte, während ich gleichzeitig in Therapiekontexten behandelt wurde, in denen ich mich – egal womit – nicht außerhalb der Therapiestunden melden sollte. Was für mich bedeutete, dass „nichts“, also auch ich selbst nicht „sein“ durfte.

Mein Ausweg aus diesen Widersprüchen und impliziten Sozialzwängen war, aus der Betreuung auszusteigen und meine Wünsche an die Traumatherapie, die ich in der Zeit gerade neu begann, so exakt wie nur irgend möglich zu formulieren. Ich habe mich außerdem innerlich so umfassend wie möglich davon emanzipiert, ein_e „DIS-Patient/Klient_in“ zu sein und begonnen mich als Mensch mit komplexer Traumafolge zu verstehen und zu erforschen, welche Aspekte meiner Existenz warum und in welchen Kontexten, mit welchen Auswirkungen auf mich in unserer Gesellschaft als abweichend gedacht und behandelt werden.

Im Zuge der Auseinandersetzung mit meinem Autismus, habe ich dann verstanden, wie es zu meiner Verwirrung und meinem Missverstehen der so gut gemeinten Phrase „Wenn was ist, melden Sie sich“ kam und auch heute noch immer wieder kommt.
Durch dieses Verständnis konnte ich mir dann erarbeiten, was „etwas ist“ in Bezug auf meinen Kontakt mit meiner Traumatherapeutin bedeutet.

„Etwas ist“:

  • Wenn ich suizidal bin und glaube, dass ein Kontakt mit meiner Therapeutin dazu beiträgt, dass ich eine gute, richtige, selbstbestimmte Entscheidung zum Umgang mit meiner Suizidalität treffen kann
  • Wenn ich in traumareaktiven Gedanken- oder Gefühlsschleifen feststecke und glaube, dass mich der Kontakt zu meiner Therapeutin, in einen Zustand bringt, der mich dazu befähigt, meine eigenen Orientierungsfähig- und -fertigkeiten zu aktivieren
  • Wenn ich mich in einer Situation befinde, in der meine Traumatherapeutin formal als meine Behandlerin auftreten muss, um mich vor Schaden (im Sinne einer Falschbehandlung oder Fehleinordnung) zu bewahren
  • Wenn ich mir über Termine und andere gemeinsame Absprachen unsicher bin und glaube, dass meine Therapeutin mich darüber aufklären bzw. daran erinnern kann

„Etwas“ ist nicht:

  • Wenn ich Angst habe und Versicherung auch durch andere Kontakte und Aktivitäten herstellen kann
  • Wenn ich nicht weiß, „was ich habe“, fühle, denke und will – und sich das (außerordentlich) unangenehm anfühlt
  • Wenn Kinderinnens oder innere Jugendliche eine Situation im Außen kompensieren/regulieren/managen/übernehmen
  • Wenn andere Personen zuständig sind (etwa meine gesetzliche Betreuerin oder Behörden)
  • Wenn ich keine Idee habe, wozu ich den Kontakt brauche oder nutzen kann (will)
  • Wenn ich meine Therapeutin in irgendeiner Form als Autorität über mich haben will (Zum Beispiel, damit sie mir Dinge erlaubt oder verbietet, die ich mir selbst nicht erlauben oder verbieten kann/soll)

Es war hilfreich für mich zu verstehen, dass Psychotherapie nie für Menschen konzipiert wurde, die niemanden im Leben haben (und/oder arm, behindert/chronisch krank und nicht weiß sind).
Der Grundgedanke bei Psychotherapie ist der eines Werkzeuges von vielen. Der Kontakt soll ergänzen, was man eh schon in sich hat. Die neu etablierten Methoden sollen neu überdenken lassen und vervollkommnen, was bereits genutzt und aktiv eingesetzt wird.
Der Kontakt zur_m Behandler_in ist kein Ersatz für ein soziales Umfeld im Privatraum, das sich respektvoll und bedarfsgerecht verhält. Und auch wenn Behandler_innen jeder Profession eine gewisse Autorität über die Einordnung des Zustandes ihrer Klient/Patient_innen zugesprochen wird, so sind sie nicht autorisiert über den Wert, die Gestaltung und diverse Entscheidungen diesbezüglich zu urteilen. Selbst wenn die Klient/Patient_innen diese Autorität über sich selbst (noch) nicht selbstbestimmt ausagieren können.

Hätte ich das schon als Jugendliche_r verstanden, wären mir viele Wunden im Hilfe- und Betreuungskontext nicht geschlagen worden und meine Ansprüche an meine Therapie sowie meine Therapeut_innen erfüllbarer gewesen. Und dementsprechend viel weniger Quelle für Re_Inszenierung und Re_Traumatisierung, als dem Kontakt bereits immanent ist.

Denn er ist nie bedingungslos. Er entsteht immer nach und durch verschiedene Akte der Gewalt – und wird immer durch und nach dem Üb.Er_leben von Gewalt nötig.
Die Phrase „Wenn was ist, melden Sie sich“ bestätigt, legitimiert und reproduziert diesen Umstand. Es gibt Bedingungen, die für den Kontakt erfüllt sein müssen. Generell, um einander überhaupt kennenzulernen und eine Zusammenarbeit zu beginnen, aber auch spezifisch, wenn es um die Ausgestaltung dieser Arbeit geht.

Damit ich die Gleichzeitigkeit von Gewalt und Begleitung bei der Heilung von Gewalthandlungen an mir im professionellen Kontext ertragen kann, fordere ich, dass sie mir nicht gesagt wird.

Fragmente einer Ausnahmesituation

In den Quetschfalten der letzten Wochen hat es mich manchmal überrollt.
Ja, mein Partner ist nicht gestorben – aber es hätte passieren können und
Meine liebe kleine alte NakNak* mit ihrem Krumpelfuß und dem leisen Stöhnen beim Aufstehen und Hinlegen – auch noch nicht tot, aber
Traumafachtag in München, warum ist das alles so kompliziert, achso achso aha, hmm, naja, aber da kann man ja was machen – einfach nur
Mein Buch ist veröffentlicht, jetzt
Buchmesse, hoppla ich bin Teil von etwas und
Oh, wir sind eine Gruppe mit Gruppenthings, da kann
Münster, Spiegel, False Memory, Wahrheit, Wissen, Wichtigtuer, was für ein Karussell oh man, oh man. Alles auf die Leseliste, das ist
Buchmesse, oh, ah, hui mit Aufzeichnung – obwohl ich so
Gruppenthings gonna always Gruppenthing aua uff oje oje oje

All die Dinge der letzten Monate, die außerhalb von mir passiert sind.
Über nichts konnte ich wirklich zu Ende nachdenken oder eine emotionale Verbindung entwickeln. Ich kenne das schon – es gibt einfach Phasen im Leben, da hat man viel im Zwischenspeicher und rumpelt in der eigenen Außenschale umher. Dass das ein Ausnahmezustand ist, habe ich erst am Sonntag begriffen. Nachdem es einen Konflikt gab, den ein jugendliches, aggressives Innen begann und durchzog bis ich die Kontrolle wieder übernehmen konnte. Solche Wechsel sind mir zuletzt vor 12–13 Jahren passiert. Als mein Leben eine endlose Kette von Ausnahmen, eine ganze Existenz im Zwischenspeicher war.
Diese Zeiten sind vorbei. Solche Wirrungen nicht mehr irrelevant. Ich erlebe meine Ausnahmesituation eingebettet in die Alltage und Er_Leben.srealitäten anderer Menschen. Deshalb geht es auch um Anpassungsleistungen. Also darum zu maskieren, zu funktionieren, während mir meine Grundlagen für die Kraft dazu fehlen und über Extrameilen beschafft werden müssen.

Bei allem Frohsein darum, dass ich jetzt nicht mehr allein im Bullergeddo wohne, eine Arbeit habe und viele Menschen kenne, mit denen mich viel verbindet, wäre ich jetzt gerne wieder an genau dem Punkt. Denn von da aus konnte ich mich immer fallen lassen. Wusste immer: „Ob ich mich jetzt aufreiße oder später oder ganz oder gar nicht, es ist im Grunde egal.“ Niemand hat nach mir gefragt, niemand auf mich gewartet, niemand etwas von mir gewollt.
Menschen sind in mein Leben gekommen, weil ich gegeben habe. Obwohl niemand darum gebeten oder darauf gewartet hat.
Das war insgesamt einfacher für mich.
Auch weil es selten vorkam, dass explizit mehr von mir verlangt wurde, als ich sowieso gegeben habe.

Ich wollte immer mehr von mir. Und habe das auch Stück für Stück geschafft.
Jetzt bin ich daran gewöhnt, viel geben zu können.
Und mein Umfeld in Teilen auch.
Sich jetzt an ein niedrigeres Niveau zu adaptieren, fällt mir schwer.

Es sind gerade tatsächlich nur 3 Stunden Konzentration, die ich aufbringen kann. Es ist gerade tatsächlich so, dass ich nicht die ganze Zeit um die möglichen Gefühle und Gedanken anderer Menschen kreise. Sondern darum, meine eigenen überhaupt mal zu empfinden und erkennen zu können. Wenn mir etwas nicht angetragen wird, denke ich nicht darüber nach. Wenn mich niemand anspricht, spreche ich nicht. Ich denke nicht in Wörtern für den Fall, dass ich jemandem davon erzählen will oder muss oder möchte, sondern in dem mir eigenen Irgendwie so.

Früher hätte ich das gemacht und mich dafür bestraft. Denn ich wollte ja mehr – weil ich sollte. Einfach nur arbeitsunfähig sein, einfach nur chronisch erkrankt sein, dafür muss es echte Anlässe geben – die habe ich mir nie an.erkannt, weil sie mein Umfeld nicht an.erkannt hat.
Heute erkennt mein Umfeld das an – und ist zuweilen verunsichert, mich so zu erleben. Freund*innenschaften werden in Frage gestellt, gemeinsame Pläne ob ihrer Umsetzbarkeit generell bezweifelt, meine gesteckten Ziele hinterfragt. Es wird bedauert, wenn ich unter einen Instagrampost schreibe, dass ich viel geschafft und wenig ganz und gar miterlebt habe in der letzten Zeit. Während ich denke: „Leute! Was denkt ihr denn, wie ich gerade durchs Leben gehe? – Mir ist vor wenigen Wochen der Partner – mein von mir geliebter, mein in mein Leben reingebackener Mitmensch – fast gestorben. Ich habe genau in der Zeit eine Retraumatisierung erlebt, die ich jetzt noch mit viel Kraftaufwand aufarbeite. Meine in den letzten 15 Jahren immer da gewesene Assistenzhündin knabbert ihr letztes Stück Lebenszeit. Seit 3 Jahren leben wir in einer Pandemie, die unsere Teilhabe- und Teilgabemöglichkeiten begrenzt – worüber unser Umfeld nur noch aus Höflichkeit nachdenkt. Was denkt ihr denn, wie viel Raum noch in mir drin ist? Wie viel von mir gerade irgendwo anders drin sein kann?“

Ich denke, dass ich viel gebe, wenn ich mich aus dem Rückzug reiße und Pläne oder Vorhaben nicht aufgebe. Wenn ich weiter ehrenamtlich arbeite. Wenn ich mich nicht krankschreiben lasse.
Gleichzeitig merke ich, dass ich mich auch dazu zwinge. Die Angst zu fallen und nie wieder aufstehen zu können – dieses Traumafragment, aus dem ich meine ganze Überlebenskraft, meinen ständigen Antrieb, ziehe – die wirkt unfassbar stark im Moment.
Manchmal rede ich auch mir ein, besonders jetzt aktiv zu bleiben, würde helfen. War ja schließlich das, was sie in der Psychiatrie mit mir gemacht haben: Wenig schlafen, viel Programm. Sinnvolles tun. Sich selber hinter irgendein aktives Handeln stellen.

Tatsächlich will ich aber nur schlafen oder liegen und mein Gesicht in den Bauchflausch von NakNak* halten, während ich Bubi die Öhrchen streichle. So wäre es gerade gut.
Aber wenn es so ist, ist es schon nach 2 Minuten nicht mehr auszuhalten.
Und die Dissoziation fängt mich auf.
Meistens passend.
Und nun auch mal total schwierig für andere.

Aber wäre das nicht passiert, hätte ich es nicht verstanden.
Ist das der Preis?

Aufgaben im System überdenken

Und wieder eine Sprachfalle.
Meine Aufgabe im System. Jemand, ein Anteil von mir – nicht ich, aber nun mal ja doch ich irgendwie – soll mal über die Aufgabe im System nachdenken. Natürlich ohne Angabe, von welchem System die Rede ist. Selbstverständlich ohne Antwort auf die Frage, wer die Aufgabe vergibt.

Es ist schwierig für mich das zur Seite zu stellen.
Obwohl ich weiß, dass das vermutlich ✨nur so✨ gesagt ist. Gemeint ist sehr wahrscheinlich keine vergebene Aufgabe. Nicht: „Überleg mal, was du hier eigentlich für wen machst.“
Sondern: Dein Empfinden, Denken und Handeln, dein Sein, erfüllt eine oder viele Funktionen. Welche sind das? Bist du zufrieden damit? Wie wirkt es sich auf andere Aspekte deines Lebens als Einsmensch aus?
Aber es bleibt Unsicherheit. Denn es ist eine Übersetzung. Meine Annahme darüber, was meine Therapeutin mit der größten Wahrscheinlichkeit gemeint haben könnte. Ich habe gerade keine Möglichkeit, mich darin zu versichern und bin abgelenkt von den Ängsten, die das bei mir auslöst. Alle schon tausendmal durchlebt und überstanden. Reflektiert, geprüft, bewusst aufgelöst, orientiert, aber weiter da wie ein abgefräster Baumstumpf.

Ich bin mir meiner Funktion bewusst. Weiß, dass ich so wie ich damit umgehe, schon alles genau richtig mache für mein Alltagssystem. Ich kaue das einfach nur so Gesagte durch, übersetze mir die diffuse Masse in feste Formen und arbeite damit weiter, obwohl ich jagende Angst habe, weil ich praktisch nie sicher sein kann, ob das so gut geht. Ob ich richtig liege. Ob das nicht doch irgendwie falsch ist. Ich etwas vergessen oder übersehen habe. Ob ich nicht doch etwas ignoriert oder fälschlicherweise außer Acht gelassen habe. Ich habe Angst, weil ich Fehler machen könnte – um weniger Fehler zu machen. Um mir den Stoff zu liefern, den ich brauche, um meine exekutiven Dysfunktionen zu kompensieren: Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Die Stresshormone, die mich zu einem „guten Opfer“ machen, weil es den Arsch hochkriegt, statt für immer malad dem Siechtum anheimzufallen.

Was ich höre, wenn mir jemand sagt, dass ich mal über meine Aufgabe Funktion nachdenken soll, ist oft: „Das ist so schlimm/nicht okay/krank/falsch/schlecht. Lass das mal. Hör mal auf damit. Ist doch krass anstrengend. Mach mal weniger – Mir egal wie – du wirst das schon rausfinden. Du bist kompetent, das seh ich ja. Du bist aktiv und kriegst alles irgendwie hin – Wenn du es nicht packst, würd mich das schon sehr wundern, also ich hab da schon andere Erwartungen an dich – Die Konsequenzen – dein Ding. Da bin ich raus, das ist ja nicht meine Verantwortung.“
Ich erlebe es also nicht wirklich als Anreiz, ergebnisoffen darüber nachzudenken, was ich eigentlich finde oder möchte oder will. Sondern viel mehr als offene Ansage darüber wie ich sein soll oder in welche Richtung ich mich entwickeln oder verändern dürfte, wenn ich wollte.
Und könnte.

Mein Alltagssystem ist ein Angst-Kompensier-und-Nutz-System. Kein Aus-Angst-irgendetwas-anderes-mach-System. Mein Rahmen daran etwas zu ändern ist von meinem System begrenzt. Dem System, das mich in meiner Funktionalität entwickelt hat.
Das heißt nicht, dass ich nie etwas ändern kann – ich kann es aber nicht über meine Systemfunktion hinaus.
Alle Schritte aus dem traumareaktivem Angstfunktionieren heraus habe ich zum Beispiel nur machen können, weil ich kompatible Beruhigungsmechanismen angeboten bekommen habe. Die ich unterstützt ausprobieren konnte. Die anzupassen mir gezeigt wurde. Die kleinen Inseln, in denen ich heute ohne übermäßige Angst funktionieren kann, habe ich entdeckt, weil andere Menschen mir vorgemacht haben, wie das geht. Wie ich das machen muss. Womit ich rechnen muss. Wie ich damit umgehe, wenn es nicht klappt. Weil ich nicht damit alleingelassen wurde, herauszufinden, wie und wer ich bin, wenn ich nicht permanent im größten Angststress bin – obwohl ich Angst habe.

Im Moment geht es in meiner Therapie nicht um mein System und mich, sondern um Wut und ein jugendliches System.
Meine Funktion für uns als Einmensch-System ist es, Systeme wie dieses zu kompensieren, genauer gesagt zu unterdrücken. Wut ist saugefährlich in unserer Gesellschaft. Vor allem in Kontexten wie unserer Herkunftsfamilie, aber auch den Hilfesystemen, in denen wir jugendlich waren und erwachsen wurden. Da gab es nie eine andere Möglichkeit als Angst vor der eigenen Wut – völlig egal wie gerechtfertigt oder rational begründet sie war – zu entwickeln. Sie war immer genauso lebensgefährlich wie die falschen Fragen, die falschen Worte zu den falschen Menschen.
Und sie war oft ein unterstelltes Empfinden oder eine angenommene Empfindung, um Melt- und Shutdowns mit der Annahme eines nicht-autistischen Erlebens verknüpfen zu können. Mir wurde also vielfach auch dann Wut unterstellt, wenn ich schon jenseits jeder Emotionswahrnehmung war – was dazu führte, dass ich mich selbst oft als wütend dachte, obwohl ich es nicht war. Was meine Angst vor Gefühlen ins Extrem generalisiert hat. Ich bin so schon nicht gut darin zu wissen, was ich fühle, wenn es um mehr als Grundemotionen geht – mein Außen hat das aber nicht gewusst und teils auch nicht glauben wollen. Wie mir gespiegelt wurde, was man an mir für Gefühle sieht und annimmt, konnte entsprechend nur selten nicht verwirren und verunsichern – und ist auch heute noch kein Feld, auf dem ich mich sicher fühlen kann. Wer Angst hat, kann halt schlecht nochmal genau über den Anlass drüberfühlen, um sich selbst Klarheit zu verschaffen.
Was das angeht, muss ich immer schneller sein als meine Angstkurve. Immer immer immer. Bei egal was. Im Laden, auf einer Veranstaltung, im Gespräch mit Freund_innen, in der Therapie. Folgerichtig habe ich im Leben auch immer Angst vor der Angst – obwohl und wahrscheinlich gerade weil ich anders überhaupt nicht funktionsfähig (und also ich selbst, Hannah) bin.

Wie ich nun also eine nicht kompensierende Verbindung zu diesem wütenden jugendlichen Innen und seinem System herstellen soll, weiß ich noch nicht sicher. Es hilft zu merken, dass sie nicht mehr die Gefahr wie früher darstellen. Es hilft auch zu merken, dass es im Kontakt mit der Therapeutin zu Zustandsveränderungen kommt, die ihr System ähnlich destabilisieren wie sich meins destabilisiert (und verändert) hat, als ich in Kontakt mit ihr ging und bleiben konnte. Es ist leichter zu erkennen, wer was wie aus.macht, wenn ein System nicht mehr perfekt funktioniert. Ich kann jetzt also leichter anfangen zu schauen, welche Funktion dieses wütende Innen für sein System hat und dann überlegen, ob ich diese Information für etwas nutzen kann, das Verbindung herzustellen hilft.

Also, wenn ich fertig bin mit der Angst vor dem Falschmachen, weil ich nicht über eine Aufgabe nachdenke, sondern eine Funktion.

Rückzug

Vor 4 Wochen ist mir etwas passiert.

So wie dieser Satz ist, fühlt es sich an. Banal und undefiniert konkret.
Ich glaube nicht, dass ich je öffentlich darüber schreibe oder spreche. Aber es ist passiert, es wirkt und auch das schreibe ich hier auf.
Auch, weil es zeigt, dass viel über Trauma und seine Folgen zu wissen im Fall einer erneuten Traumatisierung bzw. einer Re-Traumatisierung wenig zu Entlastung beiträgt einerseits und andererseits eine Reflexion ermöglicht, die eine Kontextualisierung erleichtert. Also dann doch – irgendwie – entlastet.

Zum Beispiel war mir schon in der Situation klar, dass ich traumareaktiv reagiere.
Dass ich auf Ressourcen zugreife, die mich geistig („frontalhirnig“) an meine gegenwärtige soziale Umgebung binden, weil sie eine gewisse Identität (im Sinne einer Übereinstimmung) haben. Ich habe mich absolut darauf konzentriert, dass ich erwachsen bin, weil ich weiß, dass die Menschen in meiner Umgebung daran keinen Zweifel haben. Ich wusste ganz genau, dass ich, wenn ich mich daran halte und dementsprechend erwartungsgemäß re.agiere, mit mehr Empathie, Hilfsbereitschaft und Fürsorge rechnen kann, als wenn ich re.agiere, wie ich kongruent mit meinem Selbstgefühl bin.

Mir war aber auch klar: Wenn ich „erwachsen re.agiere“ können andere Menschen nicht mehr erkennen, dass ich in Bezug auf die Erfassung der Situation, die Einordnung und die Anbahnung eines Handlungsablaufs hilflos bin.
Sie sprechen mich nicht an, als hätte ich eine wie auch immer gelagerte Verletzung. Sie bieten mir keine Unterstützung an, sondern fragen mich, warum ich welche von ihnen brauche. Wenn es vorbei ist, bietet mir niemand Fürsorge für mich an. Wund_Pflege.

Nun war mein Partner zu dem Zeitpunkt noch auf der Intensivstation und erlebte einen ganz eigenen verletzenden, todes.ängstigenden Horror. Keine_r meiner Freund_innen oder Gemögten konnte zu mir kommen. Nicht allen konnte ich überhaupt davon schreiben. Meine Therapeutin war im Urlaub – und krank. Sie telefonierte kurz mit mir, das ging fürchterlich schief und schon beim Auflegen war ich innerlich absolut blank.

Die nächste Traumareaktion.
Ich habe mich nicht mehr nach außen orientiert. Keine Kongruenz mehr gesucht, kein Trauen und auch keine Kraft mehr für die Angleichung gehabt.
Ich wurde von traumatischen Erinnerungen geflutet und das war die Kongruenz, die ich in mir selbst haben konnte. Gewissermaßen hat in der Situation also die Tatsache, dass ich nicht zum ersten Mal so unversorgt verletzt geblieben bin, mehr zu innerem Zusammenhalt (Assoziation) beigetragen als alle Skills, alles empowernde Wissen, auf das ich zugreifen hätte können.
Weird.

Dieses traumabedingte „nur in sich selbst zu Hause sein“ ist die Schnittstelle, die viele Menschen mit Autismus in Verbindung bringen, weil man über autistische Menschen bis heute noch denkt, sie wären in ihrem Körper oder einer inneren Welt gefangen.
Ich habe da eine Grenze.

Nach traumatisierenden Erfahrungen ist der Rückzug eine bio.logisch absolut perfekte Strategie. Das gesamte System „Körper“ war mehr oder weniger lange überfordert und wurde verletzt. Die Energiereserven sind aufgebraucht. Alle. Sich auszuruhen, ist zwingend notwendig. Es ist wichtig, dass man im Anschluss mehr von allem bekommt als sonst. Mehr Zuwendung, mehr Nahrung, mehr Schutz, mehr Unterstützung. Kein Körper kann aus „nichts“ „etwas“ machen. Er braucht das Außen, er braucht den Input, um Output zu generieren. Gefühle und Gedanken sind Output. Sie sind Körperprodukte. Lebenszeichen.

In einer Gesellschaft, in der das unversorgte Verletztsein die Norm ist, wird Rückzug oft nicht mehr intuitiv als Marker für Fürsorgebedarf verstanden. Also als ein Hinweis darauf, dass eine Person andere Personen zum Überleben braucht. Viel häufiger wird er als Abgrenzung verstanden. Als Akt der Individualisierung, der Betonung des Selbst oder auch der Konzentration auf sich selbst.
Deshalb erscheint es logisch in so einer Phase zu sagen: „Komm erstmal klar – du musst nicht zur Arbeit kommen, du musst nicht zum gemeinsamen Hobby kommen, du musst nicht zum üblichen Treffen kommen – sei unbesorgt, krieg dich erstmal auf die Reihe, wenn was ist, melde dich.“ Was man sagen will ist: „Wir verstehen, dass du im Ausnahmezustand bist – wir warten hier auf dich, bis wieder alles in Ordnung ist.“ Was man aber miteinander macht ist, die Wiederherstellungsarbeit zu verwalten. Die soll der verletzte Körper aus sich selbst heraus schaffen. In vollem Bewusstsein dafür, dass andere Körper erreichbar sind, wenn sie denn erreicht werden können. Mit den richtigen Worten, zur richtigen Zeit, der richtigen Ressourcenlage. Man kann also die Fürsorge bekommen, die man braucht – aber nicht sicher und schon gar nicht bedingungslos.

Vor allem nicht als autistische Person.
Meine autistische Isolation begann schon 2 Minuten nach der Realisation, dass ich gerade von etwas verletzt wurde. Nämlich in dem Moment, in dem mir klar wurde, dass ich jetzt etwas tun musste, das ich noch nie getan hatte. Ich war noch nie in der Situation. Ich habe noch nie gefühlt, gedacht, gemacht, was in dem Moment alles da war. In dieser Konstellation. Der Partner im Krankenhaus, ich alleine mit den Hunden, auf dem Land, zig Kilometer von allen entfernt, zu denen mir der Kontakt nicht so schwerfällt. Ich hatte kein Skript dafür. Und das einzige Skript, das mir einfiel, wurde quasi sofort niedergeschlagen. Und als ich es dann doch anbahnen konnte, nicht erfolgreich im Sinne von wie erwartet, erwünscht und erhofft, abarbeiten. Was zu einer ganzen Reihe von Unklarheiten führt, die meine Rolle in der Situation, meine Pflichten, meine Verantwortungen betreffen und dem nicht-autistischen Außen jetzt mühsam vermittelt werden müssen. Ohne in Gänze geklärt werden zu können.
Es bleibt gewissermaßen ein offener Topf, eine unfertige Sache, wie das unfertig abgearbeitete Skript. Für mich ist auch das ein Stück „offene Wunde“. Denn ich weiß, dass ich mit bestimmten offenen Stellen immer übrig bleibe. Dass ich damit allein klarkommen muss, obwohl ich nicht kann. Und in Bezug auf manche Aspekte auch nicht will.

Die oft fast romantisierte autistische Isolation ist die spezielle Hölle des Minderheitenstresses. Der sich in traumatischen Situationen vervielfacht. Zum Erleben der traumatischen Situation selbst kommt die stets potenziell traumatisierende Interaktion und Kommunikation mit nicht-autistischen Menschen, die ohnehin schon tendenziell nicht erkennen können, was für Bedarfe bestehen. Auch deshalb habe ich in der Situation „erwachsen“ gehandelt. Und nicht „ich (in einer überfordernden Situation, die Unterstützung von Außen nötig macht)“. Ich brauchte die größtmögliche Annäherung an die Erwartungen und Lesbarkeiten der nicht-autistischen Umwelt. Und wie schon im Supermarkt, bei der Arbeit, beim Hobby, im Ehrenamt habe ich also umgeschaltet. Ich habe mich rausgeschnitten. Dissoziiert und in mir selbst isoliert. Nur krasser. Dringlicher. Todes_Ängstlicher. Kontakt_Unterstützungs_Hilfe_Bedürftiger.

Ich habe mich zurückgezogen in den letzten Wochen. Obwohl ich im Kontakt mit anderen Menschen war. Gearbeitet habe. Spaß hatte. Kurzkettenproduktiv war. Mich auf eine Reihe gekriegt habe. Nämlich die, in der diese Erfahrung keine Rolle spielt. Nichts weiter bedeutet. Und auch nichts weiter bedeuten muss, denn so leben wir ja schließlich alle irgendwie – weshalb es für mich gerade auch Kongruenz herstellt. Obwohl es mir überhaupt nicht guttut. Und auch nicht richtig ist. Es ist nur normal.

und langsam auch Freude

Am Mittwoch war das Paket angekommen. Die ersten Rezensionsexemplare meines Buches. Kurzer Schnack mit „unserem“ Postboten, Werbung auf den Küchentisch, hoch ins Büro. Die Hunde hoben ihre Köpfe, beobachteten mich beim Öffnen.

Ich hatte mich enorm unter Druck gesetzt. Wollte, dass sie am Montag ankommen, damit ich sie sofort an die Menschen weiterschicken kann, die eine Rezension schreiben möchten. Obwohl ich am Montagmorgen noch voller Dormicum von der kleinen Kiefer-Op war. Dem Montag nach dem 4 Tage-Trip nach München, bei dem ich meine Arbeit vor und nach der Veranstaltung machte.
Drei Tage warten zu müssen, hat mich umgetrieben. Meine Pufferzeit für eventuelle Eventualitäten fies zusammengeschrumpft. Denn natürlich ist die ganze Buchsache von allen möglichen Katastrophen bedroht. Druckfehler, Satzfehler, inhaltliche Fehler, Produktionsmängel … jemandem könnte auffallen, dass ich das aufgeschrieben habe und mich deshalb beschämen, abwerten, hassen …

Dabei ist das alles Lauf der Dinge und ich hätte mich ausruhen können. Nichts tun. Verarbeiten. Vertrauen. Aber dann hätte ich meine Müdigkeit gespürt. Und die Kontrolle über meine Gedanken schleifen lassen. Ich hasse es, müde zu sein. Und ich hasse es, wenn meine Gedanken ohne mich weiterziehen, weil ich weiß, dass ich sie nur selten wiederfinde.

Mein Buch in den Händen begriff ich, dass ich noch etwas hasse: Den Umstand, nie on track zu sein mit der Kommunikation meiner Gedanken. Dass da immer etwas fehlt. Etwas nicht mit erwähnt ist. Ich irgendein Detail zurückhalten muss, weil etwas anderes mehr Raum braucht oder erfahrungsgemäß mehr Aufmerksamkeit bindet. Schön blöd, dann Bücher zu schreiben. Kleiner, beengter und umständlicher geht es heute eigentlich nur noch im direkten Gespräch.

Dann bemerkte ich das Pochen im Hals, das sich zu meiner Wunde im Oberkiefer hochwand und mein Zittern. Freudestahlender Egostolz war das nicht. Aber gleichzeitige Aufregung und Erleichterung. Und dem folgend natürlich: Angst.
Klar. When in doubt …

Ich lenkte mich damit ab, ein Foto zu machen und es bei Instagram zu teilen. Es wurde das erfolgreichste Bild seit meinem ersten Maskenselfie und damit nicht wirklich so richtig ganz hilfreich gegen die Angstgefühle.
Was geholfen hat, war wie immer: Banalität.
Das Lektorat mit Deadline bei der Arbeit, die Hunderunde im Modder von Niedersachsen, die Projektbaustellen von „Viele Stimmen“, die Doppelfolge „Viele Leben“ im April. Der Abwasch, die Wäsche, die halbe Stunde zwischen Pantoprazol und Ibuprofen. Die Tatsache, dass es nur ein Buch ist. 144 Seiten, die niemand braucht, aber vielleicht manche wollen. Nichts weiter.

Inzwischen habe ich eine Örtlichkeit in Bielefeld gefunden, wo ich lesen werde. Im Mai. Mehr dazu bald.
Jetzt kommt langsam auch Freude auf. Dass es geschafft ist. Der Pflichtteil. Und dass es ab jetzt vor allem Spaß machen und insgesamt auch etwas für mich sein darf.

Worum es geht“ erscheint am 15. März.
Ihr könnt es im analogen Buchhandel oder im Onlineshop des veganen Kollektivs „roots of compassion“ vorbestellen.

Wer eine Rezension schreiben möchte, kann sich bei mir melden und bekommt ein Exemplar zugeschickt.

k.eine Lawine

Es ist Jahre her, dass mich mein Shampoo zum Kotzen gebracht hat. Und wie lange Jahre vorbei fühlt es sich an, dass ich zuletzt unter so einer massiven Lawine von Erinnerungen begraben wurde. Vorbei ist mein eitler Höhenflug, bald wäre ich durch. Nicht mehr lange. Bald bin ich fertig mit der Therapie. In Kürze nur noch little fires everywhere und ich wie Fiona Feuerwehr kompetent und alltagsnormal am Start.
Jetzt saß ich am Fenster, mein Telefon noch in der Hand. Meine schwere Decke auf den Beinen, müde, das Nachgespräch mit meiner Therapeutin prozessierend.
Ich kam mir so dumm vor, dass ich nicht damit gerechnet habe. Das Prinzip, dass man irgendwo rüttelt und aus dem Unsichtbaren fällt etwas runter, so unbemerkt ist meine Angst davor geschrumpft.

Aber „Lawine“ ist eigentlich das falsche Wort. Das Problem mit Lawinen ist, dass sie viele wichtige Dinge begraben. Sie rollen sich aus und die Arbeit danach ist restaurativ. Man verliert Dinge, die man kennt und bekommt jede Menge Material dazu, aus dem man sie sich nicht wiederherstellen kann.
Bei Erinnerungen an Erlebnisse in meiner Kindheit ist es eher so, dass ich ganz vorsichtig an einem Stück Erinnerung zupfe und dann durch den Boden breche. Tausend Jahre falle und in einer Dimension lande, über die mir niemand etwas sagen kann. Ich kann nicht wissen, ob das echt ist, nur ob es sich echt anfühlt. Ich kann nicht wissen, wie die Abläufe sind, nur wie ich sie verstehe. Keiner meiner üblichen Maßstäbe wird meinem Erleben gerecht, die Orientierung ist praktisch unmöglich. Es geht nur vorwärts oder weg. Bis man raus hat, wie man im Übergang stehen kann. Wenn es einen Übergang gibt.

Und dann das Material. Ich kann nichts damit anfangen. Vielleicht kam ich deshalb auf das Bild der Lawine.
Eine Bemerkung der Therapeutin war, dass niemand von uns Mitgefühl mit ihnen hat. Ihnen, Kindern, die wir nicht wie Kinder erleben, nicht wie Kinder fühlen, nicht wie Kinder denken. Die sie aber als Kinder identifiziert. Das ist die schwierige Ebene. Ich habe Erinnerungen bekommen. In Form von Traumascheißekonfetti. Wild umherwirbelnd, verwirrend in seiner Mischung der Emotionen, Impulse und Gedanken_reste_stücke_anfänge. Das ist etwas, was diese so eingeordneten Kinderinnens betrifft, aber nicht sie selbst sind. Das ist etwas, was ich wahrnehme, aber nicht ich bin.
Identität vs. Erfahrungshintergrund. Hat beides miteinander zu tun, ist aber nicht das Gleiche. Mitgefühl erfordert ein Miteinander, in dem man einander fühlt und das ist nicht da. Auch jetzt nicht. Ich kann die Gefühle nicht benennen und einordnen, ich kann die Gedankenfitzel nicht sinnig mit dem Erlebnis verbinden, fühle mich elend, verlassen und hilflos, wenn ich versuche Ordnung hineinzubringen und es nicht schaffe. Fühle mich von der Therapeutin abhängig, wenn ich denke, dass ich das lieber nur noch versuchen will, wenn sie dabei ist. Bekomme Angst während der Überlegung, wie ich das in einer Therapiestunde machen will, wenn sie immer wieder Fokus auf die Kinderinnens legt, während ich versuche deren Erinnerungen zu etwas zu ordnen, das Sinn ergibt und Bedeutung hat. Beides ist wichtig, ich weiß. Aber gleichzeitig? Das ist zu viel.

Zum Glück war es keine Lawine. Mein Alltag läuft weiter, praktisch unberührt von all dem. Manchmal flackert eine Geräuscherinnerung bis zu mir. Manchmal ein Bild. In der nächsten Zeit benutze ich wieder festes Shampoo. Mein nächster Therapietermin ist in 3 Wochen.
Vielleicht ist es eher eine Welle gewesen.

Schmerzfamilie

Ich habe mir einen Vortrag zum Zusammenhang von Schmerz und Trauma im Kontext von Traumafolgen angesehen.*
Neben mehr Ansätzen zur Erklärung meiner Schmerzen ging ich mit dem neuen Wort „Schmerzfamilien“. Damit sind Familien gemeint, in denen Schmerzen das einzige oder das effektivste Mittel der Kommunikation sind. Statt Dinge auszusprechen, haben einzelne oder auch alle Familienmitglieder unterschiedlich gelagerte Schmerzproblematiken und entwickeln mehr oder weniger effektive Strategien des Umgangs und der Ver_Bindung.

Ein jugendliches Innen reagierte auf meine Erklärung des Wortes: „Dann war meine Familie voll die Unschmerzfamilie, haha.“ Eine kleine Erinnerungsblase öffnete sich erneut für mich, etwas erweitert durch die Verbindung zu der Jugendlichen. Meine Mutter, wie sie sich vor Schmerzen in der Küche krümmt. Die Hände um den Bauch, schwer atmend, über ihr stechend brizzelndes Essen in der Pfanne. Ihr Kopf ohne Gesicht, die Anspannung im Raum, Zeitlupe und Lichtgeschwindigkeit. Das Innen im Heute neben mir sagt: „Sieht aus wie in „Alien“, ne?“
Ich gehe weiter. Sehe, wie die Mutter sich aufrichtet, wegdreht, die Pfanne schüttelt. Mich, die_r immer noch starr im Türrahmen steht, zur Seite schiebt und meinen Schmerz der Berührung genauso ignoriert wie ihren eigenen keine fünf Minuten vorher. Da ist die Verbindung zum Innen schon wieder weg.

Im Nachdenken über meine Schmerzwahrnehmung und Einordnung tauchten weitere Blasen auf. Wie ich in meinen Führerschein von der Legoland-Fahrschule unter „Überempfindlichkeiten“ „Schmerz (Weh-Wehchen)“ schreibe und es absolut ernst meine.
Wie stolz ich bin, meine Selbstverletzung zu schaffen, um mich anschließend mit Grund zu verbinden. Mit wie viel, ja, euphorischer Freude ich mich gegen Wände werfe, meinen Kopf anschlage, mich vom höchsten Punkt des Klettergerüsts fallen lasse, weil es sich so gut, so körperhaft – und eben nicht schmerzhaft – anfühlt. Obwohl ich doch so überempfindlich bin. Wenn mich jemand ganz ~“normal“~ berührt, einfach mal anspricht, ich mich an- oder ausziehe, wasche oder die Kleidung wechsle.

Was ich nach dem Vortrag denke ist, dass mein Körper einerseits gelernt hat, dass es von Vorteil ist, so schnell wie möglich zu erfahren, wann es potenziell gefährlich für ihn wird. Er ist sehr sensibilisiert und leitet alles schneller weiter, um entsprechend schneller in die Selbstschutzkaskade gehen zu können.
Andererseits kann mein Körper auch nur mit dem Input umgehen, der bei ihm als Schmerz ankommt bzw. von ihm als Schmerz erkannt wird. Entsprechend begreife ich einfach nur selten und wenn dann stark verzögert Verspannungsschmerzen oder so Dinge wie schmerzende, weil entzündete Organe. Aber lande praktisch sofort in – ich weiß, dass das übertrieben klingt, aber so ist es für mich – schlimmen Schmerzzuständen, wenn es sensorische Ausreißer in der üblichen Alltagskakophonie gibt. Ich also unerwartet angefasst oder angesprochen oder mit lauten Geräuschen (Sirenen, Klingeln, z. T. das Tuten beim Telefonieren) konfrontiert werde.

Irgendwie bin ich sowohl überempfindlich als auch unterempfindlich. Schon im Normalzustand. Kommt Stress dazu, verstärkt sich alles und löst dissoziative Mechanismen aus. Und wird unterscheidbar. Für mich jedenfalls. Ertauben, betäubt sein, ist sehr anders für mich als unempfindlich sein. Dissoziation verändert die Wahrnehmung, die man üblicherweise hat.
Ich habe gelernt, dass meine Wahrnehmung nicht richtig ist. Und ich kann an dieser Stelle nicht sagen: „Weil die Täter_innen das so wollten.“ Ich will es auch nicht. Denn viel häufiger war ich in meinem Leben mit einer ganz normalen, ganz alltagsgewaltvollen Abwehr meiner Empfindlichkeiten konfrontiert. Ganz üblich hat mir die Schulglocke den Schädel zersägt. Voll normal haben mir die Sockennähte die Zehen aufgeschnitten. Easypeasy mit Lächeln im Steingesicht habe ich mich jahrelang durch Händeschütteln, Freundschaftsumarmungen und mein ganz eigenes Desensibilisierungstraining gequält. Immer mit dem Gedanken: Irgendwann werde ich mich daran gewöhnen, dass es sich anfühlt, als würde meine Haut aufreißen. Weil ich nicht wusste, weil niemand in meinem Leben wusste, dass es bei den meisten Menschen anders ist als bei mir.

Bisschen paradox vielleicht – ich wollte gerade schreiben, dass die Gewalt an mir eigentlich immer eher die dankenswerte Ausnahme-Schmerzerfahrung war. Weil der Schmerz in diesen Situationen von allen Beteiligten erwartet war. Aber naja, „dankenswert“, hm. Das macht es irgendwie noch trauriger und schlimmer alles. Hm, hm, hm.

Jedenfalls.
Ich gehe auch mit dem Gefühl aus dem Vortrag, dass ich mit dem Schwimmen als Ausgleich und den Radtouren im Sommer tue, was sich therapeutisch an der Front anbietet. Defokussierung üben, andere Körpergefühle kennenlernen, die Schmerzerwartung aktiv reflektieren und beobachten, was passiert. Sich immer wieder darin verwurzeln, dass jetzt darauf reagiert wird und gut tuende Umgänge probiert werden können. Heute darf es sich auch gut anfühlen – es gibt einen Raum über „Schmerz“ und „Geht“ hinaus. Wir können ihn erforschen.
Und verteidigen. Gegen die Schmerzerwartungen anderer Menschen.

* der Vortrag wurde vom THZ München angeboten und ist Teil eines kontinuierlichen Angebotes – reinschauen lohnt!

Zeit für Grenzen

Ich hatte es eingepreist – Kontakt mit anderen Menschen erfordert Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen.
Und am Ende ist es der Anfang einer Schleife, deren Verlauf ich gut voraussagen kann.
Nicht mehr so bodenlos verzweifelt wie als Kind, so frustriert wie als Jugendliche und auch nicht mehr mit so viel Selbsthass wie vor der Autismusdiagnose als 30-jährige_r – aber auch nicht gelassen. Neutral, okay damit. Mit Gefühlen von Kontrolle.
Jetzt ist es bewusst. Als Trigger, als äußere Dynamik, als etwas, das ich zu beeinflussen versuchen kann, aber mehr auch nicht. Ich spüre meine Scham, ich spüre Frustration, ich spüre Not und meinen Grad des Gefordertseins.
Und meine Einsamkeit.

Konflikte sind für alle schwierig. Das schreibe ich auf, weil ich weiß, dass hier Menschen mitlesen, die es wichtig finden, so etwas immer auch zu sagen. Weil sie mir sonst nicht glauben, dass ich das weiß und mitbedenke, wenn ich von meinen Schwierigkeiten schreibe. Oder mir sonst unterstellen, ich würde meine Schwierigkeiten für außergewöhnlich schlimm halten. Oder mir unterstellen, ich würde die Schwierigkeiten anderer nicht erkennen können. Und um mich vor solcherlei Vorwürfen zu schützen, habe ich nun also diesen überflüssigen Kram aufgeschrieben, der am Ende doch nie einen Schutz bietet, weil es nicht meine Entscheidung ist, wie ich gelesen und verstanden werde; was mir wann wieso und aufgrund welcher Worte geglaubt, zugetraut und anerkannt wird.
Was für eine Verschwendung. Was für ein Aufriss. 30 Sekunden Lebenszeit dahin für eine nutzlose Geste. Wofür? – Um ein Beispiel zu produzieren.

Denn mir erscheint die Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen oft voll mit unnötigen Gesten. Trotzdem mache sie oft mit. Bestimmte prosoziale Phrasen, Sätze, Bemerkungen, Witze, (Nach)Fragen baue ich in meine Kommunikation ein, um sympathisch, empathisch, zugewandt, freundlich auf andere Menschen zu wirken. Nicht immer, weil mir das wichtig ist, sehr oft aber, weil ich weiß, dass meine Mimik und/oder mein Ton mit einem gewissen Stresslevel nicht mehr als freundlich oder zugewandt, empathisch oder generell sympathisch eingeordnet wird. Besonders in angespannten Situationen oder bei Problemen, die nicht leicht zu lösen sind. Da werde ich oft aggressiv genannt. Dominant. Und damit implizit gewaltvoll.
Vor allem dann, wenn ich, wie es mein Bedürfnis ist, bei der Sache bleibe. Sachorientiert zu denken und handeln, wird von den meisten Menschen nicht auch als sachlich kommunizierend eingeordnet, sondern – besonders in emotional aufgeladenen Situationen als absichtlich ignorierend. Ausgrenzend, kalt, emotional distanziert – so als verwehre man der anderen Person die emotionale Verbindung und damit eine wichtige Grundlage für den sozialen Kontakt.
Meiner Erfahrung nach ist es unerheblich, ob ich mich in solchen Situationen erkläre oder nicht. Die meisten Menschen wollen in solchen Situation vor allem eins: die Ver_Bindung prüfen.
Sie wollen wissen, ob ich gefährlich für sie bin oder nicht. Sie wollen sich sicher fühlen. Und dafür brauchen sie prosoziale Performance. Sie brauchen Versicherung von mir, brauchen prosoziale Phrasen, prosoziale Lügen, prosoziale Nachfragen, Entschuldigungen. Manchmal, aber leider selten, auch prosoziales Handeln von mir. Diese Bedürfnisse richten sie in der Regel als Anspruch, als basale Grundanforderung des Miteinanders an mich.

Was sie nie auch einfordern, ist mein Konsens zu dieser Art des prosozialen Miteinanders. Sie setzen ihn voraus, weil es keinen Moment der Frage gibt, ob das Miteinander, das wir haben, eines ist, das auf der gleichen Ebene läuft. Ob wir auf Augenhöhe miteinander in Kontakt sind, ob wir den gleichen Energieaufwand zur Herstellung und Aufrechterhaltung dieses Kontaktes haben, ob die Ziele unseres Kontaktes die gleichen sind, wie die unseres gemeinsamen Handelns.
In meinen Freund_innenschaften und allgemein allen Kontakten, die ich pflege, ist es erst ein Konflikt, der meine Arbeit an dem Kontakt aufdeckt und mich gewissermaßen outet oder auch „demaskiert“. Denn Konflikte entstehen aus gegenseitigem Missverständnis. In der Regel aufgrund fehlerhafter oder ausgebliebener Kommunikation.

Dies ist ein Grund für meine Tendenz zu „Projektfreund_innenschaften“ oder auch „Themenfreund_innenschaften“. Der gemeinsame Sachbezug trägt meine Beziehungen sehr lange, oft über Jahre hinweg, über die Gefühle von Missachtung meiner kommunikativen Bedürfnisse im sozialen Kontakt und entspricht generell eher meinem Lern- und Bindungsstil. Ich lerne orts- und kontextbezogen sowie detailorientiert; es fällt mir leichter eingehende Reize zu verarbeiten, wenn ich mich bewegen bzw. handeln kann. Kontakte, die ich also aufsuchen muss, um etwas mit ihnen zu tun, haben die höchste Chance auf Haltbarkeit und bieten mit höchster Wahrscheinlichkeit auch den Zugang, um die Personen über ihre Funktion im gemeinsamen Handeln hinaus überhaupt zu erfassen, kennen zu lernen und in ihrer Persönlichkeit empfinden zu können. Das bedeutet: Um zu wissen, ob ich mit den Menschen „kann“, ob ich sie sympathisch finde oder empathisch oder freundlich – oder eben auch nicht, vergeht Zeit. Viel Zeit. Mitunter Jahre. Unter anderem deshalb, weil ich nicht offen damit umgehe im Alltag und, wie oben angedeutet, von mir auch nie abgefragt wird, wie ich die Menschen finde oder ob das gegenseitige Miteinander für mich so in Ordnung ist. Man fragt mich durchaus, ob „alles okay“ ist – der nicht-autistischen Diffusität entsprechend bleibt „okay“ jedoch stets undefiniert. Meine Definition von „okay“ im sozialen Miteinander ist in etwa: „Ich kanns aushalten.“ Und als autistische Person mit DIS ist mein Rahmen für „Aushalten“ mitunter etwas größer als der vieler anderer Menschen.

„Aushalten“ klingt mir oft zu sehr danach, als würde ich leiden, deshalb verwende ich im Kontext meiner alltäglichen Lebensrealität lieber „kompensieren“.  Unter anderem, weil Kompensation, auch die ständige Kompensation von mehr oder weniger unangenehmen Reizen oder Situationen oder Umständen, ein Kernmerkmal des Lebens ist. Ohne Kompensation keine Weiterentwicklung, ohne Weiterentwicklung entsteht Stasis.
Jedoch kann jedes Lebewesen nur im Rahmen der ihm inne liegenden Fähig- und Fertigkeiten, der genetischen Ausstattung, sowie in Abhängigkeit von den generell wirkenden Umgebungsfaktoren, kompensieren. Das bedeutet: Es gibt Grenzen. Und die liegen nicht nur darin, was man (noch) nicht kann, sondern auch darin, was man (noch) nicht darf, soll, will – und zu welchem Zeitpunkt und in welcher (sozialen) Situation man aktivieren kann, darf, soll, will, um zu kompensieren.

Viele Menschen werden an diesen Grenzen jeden Tag herausgefordert und häufig auch überfordert. Oft ganz unbemerkt, da wir in einer ableistischen Gesellschaft leben, in der unser sozialer Status von unserem (stets und immer alles) Können abhängt und das Überwindenwollen menschlicher Unzulänglichkeiten als selbstverständliches Ziel aller Menschen vorausgesetzt wird. Es gilt als normal, sich stets zu überwinden. In vielerlei Hinsicht.

Und so wachsen wir alle auf. Müde, Hunger, Pipi, kalt, das wägen wir alle ständig ab mit unserem Umfeld. Geht das jetzt gerade? Ist es sicher genug? Sind genug Ressourcen dafür da? Wie ist die Bedürfnislage des sozialen Umfeldes – wird es von meinen Bedürfnissen gerade berührt? Wen muss ich wie mitdenken, um den Frieden zu bewahren? Dieser Prozess läuft in der Regel unbewusst ab, intuitiv. Wird geformt von Bindungserfahrungen, auch traumatischen. Wird beeinflusst vom aktuellen Geschehen, dem Normen- und Wertekonzept unserer direkten Umgebung.
Praktisch in diesem Zusammenhang ist die Fähigkeit, stets verlässliche Antworten auf solche Fragen finden zu können. Stets eine angepasste Reizverarbeitung gewährleisten zu können, um schnell und häufig genug richtig zu erfassen, wie die Lage ist. Worum es geht. Wer wie mit wem, was wann wer warum, wo womit was wie … passiert.

Meine Reizaufnahme ist schneller als meine Reizverarbeitung. Jedes Gespräch ist eine Herausforderung für mich. Denn ich nehme jedes Wort auf – kann es fehlerlos erinnern und wiedergeben – aber nicht gleich schnell oder ähnlich schnell wie die meisten anderen Menschen auch verstehen. Meine Kompensationsstrategie ist die Konzentration auf die Sachinhalte, denn das ist ein viel zuverlässigerer Punkt im Miteinander als die sozialen und emotionalen Informationen eines Gesprächs.
Das bedeutet, dass ich in rein emotionalen Gesprächen – oder prosozialen Gesprächen, die der emotionalen Fürsorge dienen – oft praktisch aufgeschmissen bin. Denn das Wissen um die Grund_Emotionen und ihre Bedeutung des Gegenübers muss ich mir aus einem Gespräch ohne zuverlässigen Punkt herausarbeiten. Meistens in Real-Time, während ich die prosoziale Performance vormache, damit die andere Person sich sicher mit mir fühlt (und mich entsprechend nicht angreift) – und eigentlich aber noch gar nicht verstanden habe, was das Ziel des Gesprächs eigentlich ist (und woran ich erkenne, dass es erreicht ist), was der Auftrag an mich ist (und wann dieser erfüllt ist oder erfüllt sein soll) – und selbstverständlich die ganze Zeit über meine Grenzen gehe.
Denn diese Gespräche finden nie mit autistischen Menschen statt, sondern mit nicht-autistischen. Also sprechen wir „nicht-autistisch“. In meinem Fall casual gezwungenermaßen, weil es nie überhaupt zur Debatte steht, wessen kommunikative Bedürfnisse erfüllt werden. Nie mein Konsens dazu abgefragt wird, nie die Zeit, der Raum, die Kapazitäten, die Bereitschaft dafür da ist, Gespräche mit mir vorzubereiten, damit ich überhaupt eine Chance darauf habe, sie mit dem gleichen Energieaufwand wie die andere Person zu führen.

Ganz normal wird von mir verlangt, mich über meine Möglichkeiten hinaus anzupassen.
In der Regel aus Gewohnheit. Und ja, vielleicht auch, weil ich mich nicht dagegen wehre. Was ich aus Angst vor Ausgrenzung nicht tue. Und wegen gemachter Ausgrenzungserfahrungen nach vielfältig vorgetragener Bitte um an mich angepasste Kommunikation.
Es gilt als egozentrisch, als egoistisch, einmal wurde es als narzisstisch gerahmt, dass ich darum bat mich nicht zu überfordern. Mich nicht auszugrenzen. Mich nicht dazu zu zwingen, so zu kommunizieren und interagieren, wie es sich für mich intuitiv richtig, gut, sinnvoll, effektiv, effizient anfühlt.

Doch worum ich bitte, ist keine Rücksicht auf eine Befindlichkeit oder die Anerkennung eines Persönlichkeitsmerkmals. Ich bitte um Teilhabe. Ich bitte um Kontakt, um Miteinander, das ich mir nicht erst verdienen muss.
In dem Konflikt, der diesem Text vorausging, ist mir aufgefallen, dass ich mich in diesem Wunsch selbst nicht ernst genug genommen habe. Nach wie vor sind die nicht-autistischen Menschen in meinem Leben meine kommunikative Norm, der zu entsprechen ich mich zwinge, bis es nicht mehr geht. Obwohl ich weiß, dass das nie geht, ohne meine Grenzen zu übergehen, meine geistigen wie emotionalen Kapazitäten, oft bis aufs letzte auszuschöpfen. Für – am Ende – Basics. Dinge, die sie sich mit praktisch keinem Energieaufwand kommunizieren können, um dann erst wirklich loszulegen.

Ich bin oft teilweise ausgeschlossen in der Kommunikation mit meinen eigenen sozialen Kontakten und kann das nicht aufschreiben, ohne alle Menschen in meinem Leben irgendwie zu verletzen, zu verunsichern – herauszufordern, dass sie mich kontaktieren und fragen „Wieso denn?“ – um wieder auf ihre Art darüber zu sprechen. Wieder für ihren Rahmen perfekt zugeschnitten zu erklären, was bei mir denn alles komisch, anders … autistisch läuft, ohne, dass sie wirklich begreifen. Weil das einfach nicht geht und nie gehen wird. Denn so wie ich mich nicht in sie und ihr Verstehen hineinversetzen kann, können sie es nicht in meins. Sie werden nie in der Lage sein, unseren Kontakt und alles, als ich wahrzunehmen. Sie können sich nur annähern und ob sie wollen oder nicht werden sie scheitern. Und scheitern und sich lächerlich machen, peinlich versagen oder einfach nicht verstanden werden. Aber 37 Jahre lang, so wie ich, werden sie sich das nicht geben. Sie haben die Wahl, die ich nicht habe und sie werden sie treffen. Und zwar nicht so, dass ich es irgendwie leichter habe. Barrierefreier. Zugänglicher. Chancengleich.

Kann ich das verstehen? Ja.
Aber mehr auch nicht (mehr).

Zeit für Grenzen. Und ihre Wahrung.

Sometimes you have to do things scared

Es ist 5 Uhr, mein Wecker klingelt. Heute fahre ich zur anderen Schwimmhalle. 8 Kilometer mehr, 30 Kilometer weniger, die ich allein auf überwiegend landwirtschaftlich genutzten Straßen fahre.
Kaffee, Sportfrühstück, letzter Check des Rucksacks und los. Es regnet, ist so dunkel, dass ich zum ersten Mal vorsichtig zum Auto tapse.

Das Schwimmen gibt mir viel Kraft, sonst würde ich das hier nicht auf mich nehmen. 30 Minuten weniger Schlaf, weniger Sicherheit über die Reichweite des Autoakkus, einen neuen Ort so ganz allein erforschen. „Sometimes you have to do things scared“ – wahrscheinlich eine völlig bescheuerte Instagramwahrheit, aber treffend ist sie. Ja, manchmal, oft, vielleicht in Wahrheit immer muss man Dinge tun, während man Angst hat. Nicht obwohl und auch nicht weil, sondern mit.
Also fahre ich los und schon 10 Minuten später kommt mir jemand entgegen, der sein Fernlicht nicht ausschaltet. Der erste Flashback. Ich zwänge mich darunter, um den rechten Seitenstreifen nicht aus den Augen zu verlieren, während ich den Rest meines Körpers starr halte, um das Auto nicht aus der Spur zu bringen, nur weil ich es bin. Es dauert bis es vorbei ist. Der Krampf im Zwerchfell, der saure Geschmack unter der Zunge, der Druck über den Augen. Die Angst, die Dinge, die sich mir mental aufdrängen, könnten Bilder, könnten geistige Fotografien der Realität sein, mischt sich in meine Fahrangst.

Noch fahre ich auf bekanntem Terrain, neu ist hier nur die Nachtansicht. Ich halte an, lasse vor, halte mich rechts, lasse sie alle ziehen. Bitte fahrt von mir weg, denke ich. Lasst mich hier langkrebseln, ich will nur Abstand von euch. Jemand in mir fängt an, aus dem Satz einen Songfetzen zu reimen, wie es der Partner oft tut. Mit ausladender Helene Fischer-Geste trällert es: „Ich will nichts außer Abstand zu dir my daaaaaarling …“
Das ist lustig. Hilft.

In der nächsten halben Stunde werde ich noch zweimal geblendet und dreimal gefährlich überholt. Ein Mal fährt mir jemand in einer 30er-Zone fast vorne rein, weil sie_r dachte, man könne die scharfe Doppelkurve durch die Ortschaft schneiden. Der Abstand-Schlager in meinem Kopf ist ein Rap geworden und wird von wüsten Gesten begleitet. Meine Erwartungen an die Schwimmhalle steigen. War es mir vorhin noch egal, wie sie ausgestattet und finanzierbar ist, so will ich jetzt mindestens eine halbe Bahn für mich allein und einen Ticketpreis unter 4 €. Meine Angstüberwindung soll sich lohnen, ich bin zu einem Psychokapitalisten geworden. Ohne Gewinnaussicht keine Bereitschaft zur Angstaushaltung – no gain, no service. Ob ich langfristig damit durchkomme?

Ich denke an die Therapie und daran, dass ich in nächster Zeit, in Wahrheit schon morgen, etwas in Angst tun muss. Und dass ich differenzieren muss. Hier auf der Straße kann mir meine Angst das Leben retten – in der Therapie jedoch das Leben kosten, das ich führen könnte, wenn ich bearbeitet habe, was dafür nötig ist.
Meine Angst im Straßenverkehr ist oft Todesangst. In der Therapie habe ich es mit Angst zu tun, die mich vor Todesangst schützt. Vordergründig habe ich Angst, angsteinflößend zu sein. Angst, die Kontrolle zu verlieren. Angst vor Entblößung. Angst vor Un- oder Missverständnissen. Angst vor mir. Angst vor einer Angst der Therapeutin zu schaden. Angst vor Flashbacks, vor Panikgefühlen, vor Angst. Vor der Auflösung von Zeit und Raum, die mich schluckt und vielleicht nie wieder ausspuckt.
Ich weiß, dass das alles Todesängste sind. Weiß, dass ich meine Therapie nie ohne Angst gemacht habe und sich das vielleicht auch nie ganz ändert. Aber ich erlebe sie oft als Grundlage, selten als Zusatz. Mir ist selten wirklich bewusst, dass ich aus Angst die Konfrontation mit meinen Traumata vermeide, Gedanken verschweige, Themen unterschlage, Richtigstellungen aufschiebe – es ist einfach so viel leichter auf der Oberfläche der Psychologisierung zu bleiben und es „Vermeidung“ zu nennen. Eine extrem funktionale Komfortwahrheit ist das. Sich selbst des Vermeidens für schuldig erklären, um nicht in aller Angst erkannt zu werden, die so viel tiefgreifender, wortloser, ohnmächtig machend wirkt.

„let’s talk about Abstand baby – let talk about your abstand to me – let’s talk about you need an MPU …“ Ich stelle das Auto auf dem Parkplatz ab und atme durch. 10 Minuten zu früh, der Regen hat nicht aufgehört. Kurzer Infoschnack mit den Frühschwimmer_innen und schon geht es weiter. Die Halle enttäuscht mich, aber das war ja klar. Es ist voll, viel enger als in der anderen. Die Dusche ist scheiße, aber die Schränke sind größer. Ich kaufe mir viel Schwimmzeit, um mich zur Wiederkehr zu zwingen. Der Winter wird lang, der Stress nicht weniger.
Auf dem Nachhauseweg ist mein Körper weich und warm, ich fühle mich stark und fähig. Jetzt kann ich things auch scared machen, diesmal ist die Rechnung aufgegangen.

alle sind immer genug

Es berührte mich mit Verspätung und unerwartet. Unerwartet, weil ich dachte, schon alles erfasst, verstanden und ins Außen gebracht zu haben. Aber vielleicht auch nicht? Ich kann mich nicht darauf verlassen und das ist ein Trigger. So offensichtlich wie ein 500 Kilo-Findling auf englischem Rasen. Jetzt.

*

Ich bin sehr froh darum, mit meiner Therapeutin sprechen zu können und einen Raum zu haben, in dem ich von Dingen befreit bin, wie „DIE Wahrheit“, „den Leuten“ oder „DER Normalität“. Ich vergesse manchmal, dass das nicht bedeutet, auch einen Raum zu haben, in dem ich nicht ganz genau darauf achten muss, was wie verstanden wird. In dem ich nicht einfach annehmen kann, dass ich in allen Selbstzuständen schon richtig verstanden werde. Ohne nochmal zu prüfen. Nochmal zu fragen. Und dann nochmal, weil es einfach nicht so einfach ist, sondern viel, komplex, alles.

Manchmal denke ich, dass sie mir in allem voraus ist, weil sie viel schneller als ich versteht oder einfach weiß?, welche Gefühle mit Geteiltem einhergehen. Dann aber gibt es diese Momente, in denen ich merke: Das sind oft Annahmen. Annahmen, die ebenfalls oft passen und wichtig sind und eigentlich ist alles gut damit, aber … es sind Glückstreffer. Glück für mich, weil ich so über die Therapeutin in Kontakt mit mir komme, aber sollte das nicht mehr sein?
Vielleicht nicht. Ich habe für mein Buch so viele Studien zur Kommunikation zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen gelesen, dass ich fast sagen würde: Jo, das ist typisch. Der Großteil der nicht-autistischen Kommunikation fußt auf routiniert getroffenen Annahmen über mehr oder weniger diffuse Reize. Glück ist darin nur, dass es mehr nicht-autistische als autistische Menschen gibt, die miteinander kommunizieren. So fällt es nicht auf. Und wenn doch, kann es jedem passieren. Nicht schlimm. Bis sich herausstellt, dass man (sich) als nicht-autistischer Mensch mit dem autistischen Gegenüber einfach sehr sehr oft nicht (richtig) versteht. Dann wirds anstrengend. Oft zu anstrengend.

Da ist die Gefahr von routinemäßigem Erfolg. Die Gewohnheit, immer richtigzuliegen. Das Sicherheitsgefühl. Die Überzeugung: „Ich weiß schon Bescheid, hier Checkbox 1 bis 5 passt, es kann nur Tor 3 sein, ein Zonk ist nicht dahinter zu erwarten.“ Aber dann ist da einer. Und es ist nicht einfach nur ein Irrtum oder ein Missverständnis, das man einfach ausräumen kann, indem man etwas auf andere Art formuliert oder strukturiert, sondern etwas, das aufzeigt, dass Checkbox 1, 3 und 4 doch nicht passen. Dass es nicht nur um ein Missverständnis geht, sondern um vier.
Ich weiß nicht, wie das für meine Therapeutin ist. Ich hoffe, dass sie Umgänge damit gefunden hat, die sie nicht entmutigen, frustrieren oder an sich selbst anzweifeln lassen. Hoffe einfach ins Tiefblaue hinein, dass sie nicht glaubt, ich könne ihr (ableistisch-) eigentlich besser helfen zu verstehen oder „in Wahrheit“ ja doch alles einfach aufklären.
Das ist nämlich meine Angst. Dass sie meine Fähigkeiten zur Auflösung ihrer Frustration oder Anstrengung in solchen Missverständnissen braucht, um dranzubleiben, aber ich kann sie nicht geben, weil ich wirklich und echt und tatsächlich – like profoundly, bottomline of all – nicht kann. Weder als Hannah, erwachsen, alltagsfähig und voller Bemühen um funktionierende Kommunikation mit dem Außen – noch in kindlichen oder jugendlichen Selbstzuständen, die weder erwachsen, noch in meinem Alltag problemlos fähig sind und in der Regel mehr oder weniger verzweifelt, frustriert, gekränkt, hoffnungslos, ohnmächtig, hilflos, überanstrengt vor den Herausforderungen der Kommunikation mit dem Außen stehen.

In den letzten Monaten waren wir so gut in der Arbeit zusammen. Und jetzt ist da wieder so eine Schleife. Eine etwa 30 Jahre alte in mir und eine, die ich mir als nachhaltig für immer aufgelöste und nie wieder auftauchend gewünscht hatte, in unserem Gespräch. Und vor beidem stehe ich mit so wenig. Kann ich so ganz offenkundig wenig tun, dass es möglicherweise nichts ist.
Ich könnte alles verlieren, denke ich. Alles könnte kaputtgehen. Es hängt alles von mir ab und ich versage. Ich bin schuld. Ich habe es ausgelöst, ohne es auflösen zu können. Wie unbedacht, unvorsichtig, dumm kann man sein. Ich habe nicht anders verdient, als dass alles kaputtgeht. Ich habe nicht genug getan. War nicht eindeutig, nicht eindeutlich genug. Bin einfach nicht genug. Das ist die nächste Schleife. Meine schöne Coping-Strategie aus autopoietischem Selbsthass, um bloß nicht zu viel Raum für die Möglichkeit entstehen zu lassen, dass es vielleicht natürlich, logisch, einfach so ist, dass man dann nicht viel tun kann. Oder auch nichts.

Neulich habe ich meinen ersten Wildunfall mit dem Auto gehabt. Ich habe einen Sperling angefahren. Sah ihn im Rückspiegel noch auf der Fahrbahn wild flattern, doch als ich umgekehrt war, hatte ein anderes Auto ihn schon totgefahren. Tagelang hatte ich das Bedürfnis, nochmal in die Situation zu können. Vor ihm abgebremst zu haben, sofort angehalten zu haben. Ich hätte ihn hochnehmen können – mich hätte das andere Auto nicht überfahren. Ich hätte ihn retten können, konnte aber nicht. Ich konnte in dem Moment noch nicht und ich kann jetzt nicht mehr. Es ist passiert und für immer so wie es war. Schlimm, traurig, tödlich, unbeabsichtigt.

Miss- und Unverständnisse erlebe ich nicht so selten wie Wildunfälle, aber ihre Wirkung in Bezug auf meine Ohnmachtsgefühle sind sich sehr ähnlich, nämlich traumanah. Ich denke mich darin automatisch ganz allein. Allein verantwortlich, allein betroffen, allein gelassen. Obwohl das nur in Bezug auf die traumatisierende Situation stimmt.
Ich kann durchaus sehen, dass ich nicht alleinverantwortlich für die Kommunikation in der Therapie bin. Dass ich schon getan hab, was ich konnte, weil ich mehr nicht kann. Ich weiß, dass es nicht meine Aufgabe als Patientin ist, passend für die Therapeutin oder das Therapiekonzept zu sein. Aber die Konsequenz dieses Wissens ist, dass ich etwas von meiner Therapeutin erwarten könnte. Und das macht mir Angst. Wieder irgendwas Traumanahes. Die nächste Kaskade, die mich erniedrigt, allein, weil da die Gefahr besteht eine Möglichkeit ist, dass unser Kontakt nicht nur für mich mit Anstrengung, Arbeit, dem Stoßen an Grenzen des Könnens verbunden ist, sondern auch für sie. Ich sie also nicht geschützt, nicht bewahrt, nicht verschont habe zu empfinden, was mich so oft im Leben schon gequält hat. Als wäre das etwas, das ich könnte. Das irgendwer könnte.
Kurz bin ich in dem Gedanken, dass der Kontakt mit mir einfach immer schwer ist. Immer anstrengend und viel. Wie unfassbar leid mir tut, dass es mich überhaupt noch gibt, obwohl das doch niemand wollen kann. Niemand kann doch wollen, dass so eine Belastung weiter besteht. Ich merke, wie es an mir zieht, das zu beenden. Aus dem Kontakt zu gehen, die Therapie zu beenden, meine Campingausstattung zusammenzupacken und wegzugehen. Fernwandern. Raus, weg, vielleicht plumpse ich unterwegs in eine Gletscherspalte oder werde von einem Problembären gegessen. Mutter Erde knows best how to manage Ballastexistenzen, darum brauche ich mich dann nicht mehr kümmern.

Da ist sie also. Die Gewalt, die ich mir selbst antue, um meine Gefühle der Trennung kongruent zur Situation zu machen. Gewalt kann das einfach so gut. Trennen, spalten, dissoziieren. Das funktioniert so zuverlässig.
Aber das ist nicht, was ich will. Für kurz war es jetzt aber vielleicht wichtig das zu glauben. Um es zu wissen.

*

Vielleicht muss man den Trigger manchmal ganz durchfühlen. Bis zum Schluss durchmachen – so weit, bis man wirklich kurz davor ist, die Koffer zu packen oder sich das Leben zu nehmen, um leichter an den Punkt zu kommen, an dem man sich fragt, was man eigentlich wollte. Ob man das wollte – getrennt sein von allen und allem – oder doch etwas anderes. Was man sich (noch) nicht zu wünschen traut, erlaubt oder zu wünschen aushalten kann. Oder, was (möglicherweise nur jetzt gerade in diesem Moment) einfach noch nicht funktioniert. Oder insgesamt unmöglich ist, aber nicht unersetzbar.

Ich wünsche mir, dass meine Therapeutin mit mir im Kontakt ist. Nicht mit Ideen von mir, die sie sich macht, weil sie Annahmen folgt, die sich aus Begriffen entwickeln, die wir unterschiedlich mit Bedeutung füllen. Wenn wir das hinkriegen (und wir haben das schon hingekriegt), dann fühle ich mich verbunden mit ihr. Nicht allein. Nicht getrennt. Sehr eindeutlich anders als traumanah. Das will ich. Das will ich nicht kaputtmachen, nicht verlieren. Das würde niemand verlieren wollen. Niemand hätte es verdient, das zu verlieren. Egal, wie viel oder wenig sie_r dafür tun kann. Alle sind immer genug für Kontakt, Beziehung, Verbindung.
Alle sind immer genug.