12072020

Ein Ausflug. S. hat mich gefragt, ob ich Lust dazu habe. Eine Führung durch einen Permakultur-Garten mit dem Naturschutzverein. Ich hatte Lust und dann den Salat.

Ein Ausflug – jeder Ausflug – bedeutet: fremde Umgebung, ungewohnte Abläufe, Erwartungen, Erschöpfungen, keine gewohnten Möglichkeiten, damit umzugehen. Ich könnte auch schreiben „Stress bis zum Anschlag“, aber das klingt als würde ich keinen Spaß an Ausflügen haben. Ich bin gerne unterwegs. Unterwegs-Tage sind meistens AllesIstMöglich-Tage und bedeuten, dass ich mich lange vorher darauf eingestellt habe, Dinge anders zu machen. Akribisch durchdacht und geplant, abgewogen und bezogen auf jedes mögliche, katastrophisierte, wie schlichtweg unrealistische Szenario, damit ich mich entspannen kann. Ich gehe nicht einfach mal eben so los und nehme irgendwie einfach mal eben so an irgendetwas teil. Ich habe einen Ablauf, der gestört werden darf, weil an AllesIstMöglichen-Tagen eben auch die Störung möglich (und sehr wahrscheinlich) ist und ich habe Haltegriffe. Einen ganzen Rucksack voller Haltegriffe. Das sind Dinge, die mir Halt dabei geben mit diesen Störungen umzugehen. Also so etwas wie Taschentücher, Essen und Trinken für bis zu 24 Stunden, Regenzeug, Medikamente, 1 Tasse, 1 Besteck, 3 unterschiedliche Stimming-Tools, Flashback-Reorientierungshilfen, eine Powerbank, ein Ladekabel mit Steckdosendings, Deo auf Alkoholbasis, Wechselwäsche, Gehörschutz, Kopfhörer, Papier und Stift, seit Corona ein kleines Stück Seife und Desinfektionstücher. Das ergibt etwa 3 bis 5 Kilogramm Halt, die ich mir auf den Schoß stellen kann, um mich zu spüren, wenn das nötig ist.

Ich kann mich ohne Vorbereitung und Wappnung nicht entspannen. Wenn ich nicht weiß, was auf mich zukommt, bin ich nicht richtig dabei. Dann versuche ich, während alle um mich herum entspannt sind und alles aus den Angeln heben, noch zu verstehen, was gerade dran ist und wieso und was das für alle Dinge bedeutet, die aber eigentlich immer dran sind. Ich bin nicht entspannt. Nicht witzig. Nicht locker. Bin Spaßverderb und Sparren im Fluss.

S. ist ein neuer Kontakt. Wir kennen uns noch nicht gut. Sie weiß, dass manches für mich schwierig ist, aber ich hatte und habe keine Lust darauf, meine Grenzen mit einer Behinderung zu erklären, die sie nur in mir verorten kann, weil sie sie selbst ja nicht empfindet.
Für sie ist das ein Abenteuer. Mal raus aus dem Trott, mal was Neues, Schönes.
Ich kannte die Leute nicht. War noch nie in dem Ort. Sie weiß nicht, wie viele kommen, worum es bei der Veranstaltung gehen würde, wie lange wir da sein werden. Erst am Morgen schrieb sie auf meine Nachfrage, wann sie uns abholen käme. Halb 1 könnte ich mit ihr rechnen.
Da hatte ich schon mein gesamtes Sonntagsprogramm gemacht. Um 1 saß ich immer noch im Garten und war eigentlich schon fertig mit dem Tag. Zwei Minuten vor meiner Absagedeadline kam sie dann.

Ich wollte ihr schon lange unseren Garten zeigen. Doch jetzt hoffte ich, es würde reichen, wenn ich mit dem Arm schwenke und sage: „Das ist der Garten“, denn ich war schon gar nicht mehr in der Lage ganz locker darüber zu reden, wieso unsere Tomaten erst jetzt anfangen Früchte zu bilden; dass die ganzen Kartoffelkäfer nicht abzusammeln keine Option ist in einem Garten, von dem man essen möchte und, ob wir unseren Brokkoli an einem „Blattag“ oder einem „Fruchttag“ gepflanzt haben, weil wir das für esoterischen Kikkifax halten. Die Leichtigkeit ist raus, wenn ich im Overload bin und ich bins. Ich war es vermutlich schon kurz nach dem Aufstehen als mir klar wurde, dass S. uns keinen Halt bieten würde während des Ausflugs und wir jede wichtige Information über den Verlauf und Inhalt direkt abfragen müssen. Ihr damit also auch zeigen, was für uns wichtig ist, was wir brauchen – und damit nerven, denn es nervt irgendwie immer alle. Aber wenn es dann doch regnet, doch ein Unfall passiert, ich doch einen Krampfanfall kriege, doch nicht mehr sprechen kann, doch falle und liegen bleibe, dann sind sie doch alle froh, wenn ich vorbereitet und ausgestattet bin und sie nicht brauche.

Während der Fahrt frage ich mich, ob ein Overload, S.s Lieblingszustand ist. Sie hängt sich offenbar gerne in alles rein und reagiert auf Zeit_Druck von außen mit erstaunlicher Energie, findet schnell zu Lösungen, reagiert schnell, zeigt keinerlei Grenzen der Bereitschaft.
Damit ist für mich klar: Sie wird nie nachvollziehen können, was ein Overload bei mir macht. Dass er mir Schmerzen bereitet, dass mein schnelles Reagieren, Rödeln und Machen niemals ein „Aufblühen unter Druck (für andere oder eine Sache)“ sondern immer eine Art Überlebenskampf für mich selbst ist.
Ich sitze im Auto, erkenne die Landschaft kaum, weil die Sonne alles so erhellt und begreife praktisch nicht ein Wort von dem, was sie erzählt. Ich scripte und sie merkt es nicht. Ich habe Schmerzen, eine Vorstufe von Angst und das ist also „einen Ausflug mit S. machen“.

Im Garten wird es dann besser.
Niemand außer mir trägt eine Maske, alle stehen nah beieinander. Wir halten Abstand und klinken uns aus, wenn Menschen sprechen, während die Leute sprechen, die uns herumführen. Also praktisch die ganze Zeit.
Über uns fliegen Schwalben, überall flirren Insekten, die Luft riecht nach reifen Früchten, trockenem Gras und Blüten. Die Sonne scheint, es geht etwas Wind. Wir lernen etwas über einen Erdkeller, der auch ein Gewächshaus ist; dass es etwas gibt, das Terra preta heißt (CN rassistische Bezeichnungen) und wie man verschiedene gute Pflanzennachbarn kombinieren kann. Wir laufen 2 Stunden über das Gelände, merken schnell, dass wir uns nah an einer auch spirituellen Gemeinschaft bewegen, müssen zunehmend darauf achten, nicht von der Vorstufe der Angst in richtige Angst zu rutschen. Wir machen Fotos. Kaum eins wird wirklich gut. Ständig drängelt oder stört uns jemand, ohne direkt mit uns zu sprechen. Alles ist eine diffuse soziale Wolke der AllesIstMöglichkeit.

Dann gibt es Kaffeetrinken. Für alle außer uns. Sie gehen in einen Raum, der so extrem hallt, dass ich selbst mit dem Gehörschutz nicht zurechtkomme. Sie essen Kuchen. „Okay“, denke ich, „der wir sowieso nicht vegan sein, was solls.“ Ich bleibe draußen und esse von meinem Vorrat. Bin allein und denke darüber nach, ob behinderte Personen in heutigen Spirikommunen immer noch so pseudoinkludiert werden, wie wir das vor 10 Jahren mal bemerkt hatten, als wir noch dachten, es gäbe so etwas wie eine Chance auf ein Leben in größerer solidarischer Gemeinschaft für uns. Ein Flyer zur Gruppenmeditation gegen „die Massenhypnose“ beantwortet mir die Frage dann schon genug.

S. kommt raus und isst mit mir, weil sie es draußen schöner findet. Dann gehen wir nochmal allein in den Garten, während die Gruppe sich die Kommune anschaut. Allein mit S. kommt mein Sprechen wieder weniger angestrengt aus mir raus. Wir schauen und bewundern, naschen reife Früchte, zeigen einander Dinge, die wir bei uns im Garten auch ausprobieren wollen.
Auf der Rückfahrt denke ich, dass es so von Anfang an hätte sein sollen. Vielleicht eine oder zwei Personen, die uns herumführen, S. und ich. Ich hätte den Ausflug vorschlagen müssen. Ich hätte ihn planen müssen. Dann wäre er nicht mit so viel Kraftanstrengung, Schmerz und Unwohlsein verbunden gewesen.

Wieder zu Hause schaffen wir unsere Sonntagabend-Routine nicht mehr. Ich schaffe den emotionalen Kontakt zum Freund nicht mehr, will ihm mehr erzählen, als mir einfällt. Verschweige ihm nicht, dass ich eigentlich schon mittags hätte alles absagen müssen, erzähle dann aber doch nicht so richtig, wie schlimm das alles war. Es hat mich ja niemand dazu gezwungen und ich hätte mich anders entscheiden können. Im Grunde hab ich mir das ja selbst angetan. Ich weiß ja, dass die Welt nicht für autistische Leute gemacht ist. Weiß ja, dass ich die Probleme habe, weil die Behinderung in mir passiert. Zumindest aus Sicht aller Leute, die sie nicht selbst auch so empfinden.

Ich bin früh im Bett, liege unter der schweren Decke, weine aus Selbsthass und denke: „Ja, geil „Disability Pride Month.“ in meine Einsamkeit hinein.

10072020

Wir schauen “Black Mirror”, Staffel 4, Episode 1. “USS Calistor”
Ein Typ extrahiert aus der DNS seiner Kolleg_innen ihre Persönlichkeit und lädt diese in ein Computerspiel hoch.
”Ich fänds so mega, gäbs das in echt.”, erzähle ich dem Freund. “Ach”, sagt er, “Ihr würdet euch doch nur in Sims hochladen.” Ich strahle ihn an, weil ich mich freue, dass er mich so gut kennt. “Ja!” Er lacht und schüttelt den Kopf. “Ja, aber was wär denn da so anders als im echten Leben? Ihr würdet da doch das Gleiche machen wie hier.”

“Die Sims” ist eine Simulation. Das übt erheblichen Reiz auf mich aus. Es geht um nichts, es muss nichts gekämpft, ausstrategisiert und auch niemand überlistet werden. Neben der Entwicklung von effizientem Mikromanagement geht es um Interaktion und Kommunikation, die zum größten Teil vom Programm übernommen und gelenkt wird, in einigen Bereichen jedoch frei zu gestalten ist. Als Spielende_r wählt man aus Gesprächsart-Menüs – nicht aus den zig tausend Millionen von Wörtern, ihren Betonungen, ihren vielen unterschiedlichen Färbungen. Man klickt auf “Flirten” und dann flirtet man. Man klickt auf “Plaudern” und dann wird geplaudert. Je nachdem wie oft die Sims miteinander kommuniziert haben und in welcher Beziehung sie zueinander stehen, gibt es mehr oder weniger Auswahl der Menüs. In der neuesten Version kann man sogar eindeutig sehen, in welcher Grundstimmung die Sims sind und welche Interaktion besonders gut dazu passt.
Ein Traum.

Meine Sims sind auch nicht unordentlich. Sie räumen ihren Kram nach Benutzung immer gleich wieder weg, alles sieht immer übersichtlich aus. Nie muss man das Sofa putzen oder die Bettwäsche waschen. Die Gardinen müssen nicht gebügelt werden und Geschirr muss zwar in die Spülmaschine hinein- aber nicht herausgeräumt werden. Himmlisch!

Sims können jeden Job annehmen, der ihnen gefällt, nach einem Zeugnis oder einer Eignung wird nicht gefragt. Alle können alle anflirten, die sie sympathisch finden und sogar im Stehen pinkeln, während sie schwanger sind. Sie können Kinder adoptieren und niemand guckt komisch. Ein Sim kann heute dick, morgen dünn sein und übermorgen lila Haut zu einer neuen Frisur haben.

Bei dem Sims gibt es keine behinderten und nicht behinderten Personen.
Wenn etwas im Weg steht, kommt niemand dran vorbei.
Und es bedeutet 0 Komma 000000000000 gar nichts.

Ich würde hochgeladen in “die Sims” nicht machen, was ich hier auch mache.

09072020

Als ich aufwache, liegt die Wärmflasche neben mir. Das Wasser schütte ich direkt wieder in den Wasserkocher, die ganze Wohnung ist kalt. Morgenwäsche, Blick in den Garten, Regen, kalt, Wärmflasche am Bauch, kurze Prüfung an der Haut, ob zu heiß oder nicht. Was machen, was machen, was muss das muss, was will das kann, Donnerstag, Tag voller Leere, so kalt, so kalt. Ich besuche den Freund, füttere die Hunde, gehe wieder hoch, heute kommen die pflegeleichten Stauden mit der Post. Warten, frösteln, der Steifheit nachfühlen, ziellos am Schreibtisch schweben und sich an Unerledigtheiten stoßen.
Die Kälte nimmt mich ein. Das Warten auf den DHL-Wagen. Ich kann mich nicht konzentrieren. Alles ist steif und umständlich, ist mir unsortiert und unförmlich. Bin ich verdisst? Nein. Ich bin blockiert. Behindert. Mir geht es gut. Ich bin voll da. Nur nicht da, wo ich sein muss, um mit der Arbeit anzufangen. Was ist veränderbar? Die Kälte. Ich schalte zwei Heizungen wieder an und toaste mir Brotscheiben zum Frühstück mit Tee. Das klappt. Enthindert. Bringt einen Fluss in mich. Verändert meinen Aggregatzustand. Ist der DHL-Wagen schon da? War er schon da? Nein. Weiter warten. Der Zustellungsprozess passiert in einem anderen Lauf der Dinge, wir treffen uns nur. Ich habe hier einen eigenen Lauf. Wenn ich ihn mir herstellen kann.

Ich lese den Artikel „Asperger und Kommunikation“ und denke, dass ich vieles davon über mich gut weitergeben könnte. Obwohl mich die Bezeichnung „Asperger“ als Personenbezeichnung total ver.stört. „Der Asperger“. Ich mag nicht, dass Leute glauben, es wäre für alle okay so bezeichnet oder gedacht zu werden. Ich bin kein Asperger. Auch kein Aspie. Ich mag „Autie“, wie es Polly Samuel in einem ihrer Videos mal in einer Reihe von Selbstbezeichnungen erwähnte. Aber ich bin auch das nicht. Ich bin ich. Wir. Vielleicht. Auch. Egal.

Bald Mittag. Noch kein Handschlag Arbeit passiert. War DHL schon da? Nein. Es regnet wieder. Sicherlich sind einige Dinge von Wichtigkeit zu tun. Doch nichts überragt die anderen darin. Alles ist gleich wichtig, ich kann aber nicht alles gleichzeitig anfangen, ich weiß nicht einmal, wo ich anfangen könnte. Atmen. Konzentration. War das DHL-Auto schon da? Manchmal hilft es mir zu schauen, was am nächsten Tag fertig sein muss. Das erzeugt eine Deadline und der Aufgabenbrei bekommt mehr Konturen, an denen entlang ich dann nur noch die Abläufe herausschälen muss. Morgen ist das Treffen der E-Book-AG, ich wollte bis dahin herausfinden, wie man welche macht. Ich habe es aufgeschoben. Es ist komplex, helfen kann mir niemand. Aus irgendwelchen Gründen findet man zu allem Quatsch mehr gute Tutorials als übers E-Book-machen. Ich nehme einen Text und forme ihn zu einem E-Book. Fummle hier, klicke da. Lese, klicke, scrolle, prüfe, teste.

Halb 4 gehe ich mit den Hunden raus. Bin erschöpft.
Vor der Haustür steht das Paket mit den pflegeleichten Stauden. DHL war da und ich ganz woanders.

06072020

Ich sitze im Zug. Die Fahrt geht nach Bielefeld, wo meine Psychotherapeutin ihre Praxis hat.
Gut 120 Kilometer sind zu überwinden. Eineinhalb Stunden fahre ich Zug, 20 Minuten fährt der Freund mich vorher zum Bahnhof, manchmal hat er dabei selbst Arbeitstermine vor oder hinter sich.
Ich übernachte bei einer Freundin. Zwei Mal am Tag so eine Fahrt würde mich so erschöpfen, dass ich den Rest der Woche zur Erholung brauche. So dauert es nur 2 Tage bis ich wieder auf meine ganze Arbeitsfähigkeit von 3 Stunden am Tag komme.

Die Therapeutin und ich arbeiten seit 8 Jahren zusammen. Die Krankenkasse hat vielleicht 2 oder 3 davon bezahlt.
Sie ist keine DIS-Spezialistin und auch keine Autismus-Spezialistin. Sie ist eine gute Psychotherapeutin, die sich regelmäßig fortbildet, Supervision in Anspruch nimmt und in den Urlaub geht, wie sie ihn braucht. Wie selten das unter Psychotherapeut_innen ist, habe ich in aller Schmerzlichkeit erleben müssen.

Es gibt für die Psychotherapie der dissoziativen Identitätsstörung noch keinen einheitlichen Behandlungsstandard. Es gibt fundierte Empfehlungen, Behandlungserfahrungen, eine Leitlinie. Und die Behandlung, die jedes Arbeitsteam durch mühsames “Trial-and-Error” entwickelt.

Es gibt keinerlei Erwähnung von autistischen Menschen mit komplexer Traumafolgestörung in der Fachliteratur.
Bei Wirksamkeitsstudien werden Menschen mit ASS aufgrund ihrer Behinderung praktisch prinzipiell ausgeschlossen.

Wenn ich die Stufen zur Praxis hochlaufe, ist mein linker Fuß „Ich lass mich drauf ein“ und mein rechter Fuß „Ich lass mich nicht drauf ein“. In den letzten 8 Jahren endete ich immer auf dem linken Fuß vor der Tür mit ihrem Namen am Klingelschild. Die Praxis ist einige Male umgezogen. Jedes Mal hatte ich Panik, was passieren würde, wäre es eine Stufenanzahl, die mich auf rechts landen lässt.

Ich habe ihr nie davon erzählt.

05072020

Wir sitzen beim Frühstück. Es ist Sonntag und es kommt mir vor, als hätten wir ewig nicht so zusammengesessen. So richtig. So „Sonntag 11 Uhr Frühstück in unserer Küche“- richtig.
Ich mag das. Ich mag die Tischdecke unter unserem schönen Geschirr, ich mag unser Besteck, ich mag, dass alles so aufgeräumt ist, dass ich alles finden kann, weil ich mich auskenne. Wenn wir so frühstücken, kann ich mich entspannen und wirklich so richtig ganz da sein. Beim Freund, bei unseren Gesprächen, ich habe sogar Kapazitäten dafür, dass Kleckerunfälle auf den Stoff oder Abfallschlachten auf dem Teller des Freundes passieren und sich alles mit den Brotkrümeln vermischt.

„Wie viele Autist_innen gibt es denn so?“, fragt der Freund. Viele, finden wir heraus. Aber weniger als Menschen mit (komplexen) dissoziativen Störungen. Und sehr viel weniger als traumatisierte Menschen.
„Und das ist genetisch ~irgendwas~?“, fragt der Freund. „Ja“, sage ich, „das nimmt man neben vielen anderen Faktoren an. Eine möglicherweise vererbbare Prädisposition.“ Ich presse Luft gegen den Druck um mein Zwerchfell. Das Kinderthema. Für mich sofort da, in Worten nicht im Raum.

Ich sage, dass ich froh bin, möglicherweise nur den Autismus und nicht das Vielesein zu vererben. Merke, wie ich für einen Bruchteil einer Sekunde in Tränen zerfließen könnte, aber doch nichts passiert.

in der Stadt

In der Stadt ist man alleiner.
Als ich aus der Therapiepraxis gehe, kann ich im Getöse der Bahn, dem Rauschen der Straße verschwinden. Mich im Flackern der Lichter verstecken, meine Bröseligkeit lassen wie sie ist.

Dass es nicht ist wie immer, wie vorher, wie vor der Pandemie, merke ich an der Schließungszeit des Supermarkts. 20 Uhr. Das ist knapp, nicht genug Zeit zu wählen, zu prüfen, noch ein bisschen länger in dem Gefühl zu sein, dass alles da ist. Auf einem Haufen. Fußläufig, straßenbahnfahrig zu erreichen. Die Welt ist kleiner in der Stadt. Ich kann überall hin. Alles und alle sind erreichbar. Alle sind da und ich stehe allein an einer roten Ampel, links den Einkauf, rechts das Trauma in der Hand.
Es ist kongruent. Das macht viel. Ich will niemanden bei mir haben. Will und muss allein sein. Aber wahrnehmen will ich sie. Will die Gewissheit spüren, dass sie alle da sind. Fußläufig, straßenbahnfahrig erreichbar. Von mir allein. Wenn ich will. Und sie.

Der Krach scheppert an mir vorbei, so verdisst bin ich also wirklich. In mir schreit ein Kind, ich laufe im Kreis durch die Altstadt, vorbei an Kneipen, wo Fußball und Bier schon wieder auf 30 Zentimeter verbindet. Ich betrachte neue Graffitis und einen neuen Fitnesspark, schlucke Tränen runter an einer Gedenkstelle für die Menschen, die in Hanau getötet wurden. Scheiß auf meine weißen Tränen, denke ich und laufe weiter.
Mit jedem Schritt ist es besser. Der Boden unter mir, der Lärm um mich herum. Hallo Welt, ich kann dich fühlen. In der Stadt ist Inputseeking nicht stundenlang im Garten racken oder nur noch unter 25kg Quarzsand schlafen können. Es ist 45 Minuten in Stadtgetümmel baden bis die Nervenbahnen aufgeweicht und die eigenen Schritte, der eigene Atem, die alten anders als die gegenwärtigen Schmerzen spürbar sind.
War uns auch noch nie so klar.

Ich schlafe sofort, schlafe 6 Stunden. Das erste Mal seit einiger Zeit.

“gut gemeint” schützt nicht

Die Betreuerin will nicht mehr unsere Betreuerin sein.
Die Mail, in der sie mit uns Schluss macht, kommt nach einer Nacht, die von Angst und Flashbackrestschmerzen geprägt war. Wir sind nicht arbeitsfähig, hängen mit dem Freund auf dem Sofa, spielen später Phase 10. Während er mischt, lese ich, dass sie am Abend lange darüber nachgedacht hat und es nicht für sinnvoll hält.

Ich verstehe nicht, was sie nicht für sinnvoll hält. Die Arbeit mit und in meinen Angelegenheiten? Den Kontakt, der von viel Anstrengung in der Kommunikation für uns beide geprägt ist? Den Versuch zu verstehen und sich für mich verständlich zu machen? Oder zu kompensieren, dass mir egal ist, von wie viel Gutgemeint ihre Interaktion und Kommunikation angetrieben ist?

Wir wurden oft genug von Helfer_innen verlassen, um nicht weiter dran festzuhalten. Das würde wehtun. Altes mit Gegenwärtigem vermischen. Es ist okay loszulassen. Ausatmen und gehen lassen.
Wir gewinnen Phase 10 und rufen beim Gericht an, um zu erfahren, wie viel wir im weiteren Verlauf der Betreuer_innensuche jetzt bestimmen können. Es gibt keine Liste von Betreuer_innen, die rausgegeben werden darf. Wir werden Besuch bekommen und mit dem Mitarbeiter sprechen. Wir legen auf und schlucken mit Presslufthammerkraft die Furcht runter, einen Marathon der Sozialkontakte vor uns zu haben, bei dem wir immer wieder uns, unseren Fall, unsere Angelegenheiten ausbreiten müssen. Ins Leere raten müssen, ob die Person es packt oder nicht, ob sie viel oder wenig Eiei von uns abverlangt, um bei Laune zu bleiben. Ob sie flexibel oder starr ist, ob sie fähig ist, im richtigen Moment zu schalten, um unseren Schutz aufrechtzuerhalten oder nicht.

Dann kommt die Mail der Betreuerin, dass sie zufällig den Gerichtsmitarbeiter in der Stadt getroffen hat und ja jetzt alles klar ist. In mir öffnet sich eine Klappe und lässt mich ins Bodenlose fallen.
Klar, sie hat keine Peilung. Sie hat es in 10 Monaten nicht gerafft. Und wir haben ihr 10 Monate lang wichtige Aspekte unseres Schutzes anvertraut. Sie meint es gut und macht gleichzeitig sowas. Deshalb liebe Kinder, ist es manchmal scheiß egal, wie intensiv das Gutgemeint ist. Es schützt nicht.

Worte und Taten gut zu meinen, ist nichts Besonderes. Immer, wenn wir nicht schaden wollen, meinen wir es gut. Und wann will man schon schaden? Das ist sehr selten und noch seltener bewusst der Fall. Man muss also nicht permanent sagen, dass man irgendetwas gut meint, es sei denn, man braucht die Versicherung von außen darüber. Braucht zu hören: “Ja, ich sehe, dass du mir gut gesonnen bist und mir ohne böse Absicht begegnest.” oder braucht vielleicht sogar: “Ja, ich sehe, dass du ein guter Mensch bist.” Als würde das bei Anwesenheit von etwa 7,8 Milliarden anderen guten Menschen auf der Welt irgendetwas bedeuten.

Ich werde oft als misstrauisch und aggressiv wahrgenommen, weil ich nicht ständig sage, dass ich die guten Absichten anderer Menschen wahrnehme. Ich, wir können sie nicht ablesen, oder uns aus irgendwelchen Signalen ableiten – ich nehme sie einfach nicht wahr und lüge Menschen nicht an. Also sage ich, sagen wir, nicht ständig: “Ja, du meinst es ja gut. Du bist ja ein guter Mensch.” oder machen automatisch die sozialen Gesten und Gebräuche, um das verknörgelt auszudrücken.
Ich habe irgendwann verstanden, dass jeder Mensch so gut ist, wie er das für sich selbst, das direkte Umfeld und die gesamte Mitwelt ist. Mehr Information brauchte ich nie, um zu verstehen, dass die Gewalt an mir und uns, nicht im Kontext von Gut- oder Bösegemeint besprochen und die Welt mit ihrem sozialen Geschehen auch nicht daran beurteilt werden sollte. Selbst Menschen, die mir schaden oder geschadet haben, können gute Menschen sein und mir nicht geschadet haben wollen. So ist das, Punkt.

In der Betreuung war das noch nie ein Problem. Bis jetzt. Sie war die erste Betreuerin, die es so gut gemeint hat und gleichzeitig so einen Fehler machte.
Rechtliche Betreuung ist keine soziale Betreuung. Es geht nicht darum, wie ich mich mit Dingen fühle. Meine Anträge ans Jobcenter, an Ämter und Behörden müssen korrekt sein und im Bearbeitungsverlauf für mich erklärt werden, auch wenn ich keinen Dank kommuniziere oder sage:”Hey, ich habe nicht verstanden, du erklärst nicht gut genug für mich.” Das bedeutet keinen “Arschlochfreifahrtschein”, wie viele Menschen bei so einer Aussage vermuten. Es bedeutet für mich, für uns, dass wir in unserer Kommunikation und Interaktion so sein können, wie wir sind, um nicht enorm viel Kraft auf Kompensationsverhalten verwenden zu müssen und so mehr Kraft haben zu verstehen, was uns erklärt wird. Uns zu erlauben diese Ebene so rauszulassen, wie sie für uns draußen ist, ermöglicht es uns zu Wissen und Kompetenzen zu kommen, die eine Unterstützung langfristig obsolet macht. Und wenn sie obsolet ist, dann haben wir auch die Kapazitäten uns dieser Ebene für die Leute, denen sie sehr wichtig ist, zu widmen.

Der Begleitermensch hat uns mal gesagt, dass er schätzt, dass wir uns diese Mühe für andere Menschen machen, obwohl es für uns keine Rolle spielt. Für mich hat sich das gut angefühlt. Es war das erste Mal, dass ich mich getraut hatte das “zuzugeben”, denn ich habe es immer wieder verleugnet, weil die meisten Menschen uns deshalb für gefühlskalt, sozio- oder psychopathisch oder bis in die soziale Verkrüppelung gefoltert halten, was alles nicht wahr ist.
Es hat sich auch deshalb gut angefühlt, weil ich so wusste, dass er meine, unsere, Mühe bemerkt und als solche anerkennt und, weil er Wertschätzung für dieses Verhalten geäußert hat. Etwas, das die meisten Menschen nicht tun, weil es für sie weder Mühe noch (bewusstes) aktives Handeln ist. Etwas, das ihnen erst dann als Ausnahme vorkommt, wenn sie es ganz bewusst tun, um anderen ein gutes Gefühl zu machen.
Für viele Leute, mit denen wir bisher in egal welchen Kontexten zu tun hatten, sind wir die erste Person gewesen, die diese Ebene rauslässt. Wenn wir nicht als aggressiv und misstrauisch gelten, dann als erfrischend direkt, witzig naiv, schockierend ehrlich, entwaffnend analytisch oder schlicht einschüchternd “klug”.
Wir sind nie lieb. Nie “ein_e Gute_r”. Kein Kumpeltyp, kein “herzlicher Mensch”. Unsere Wärme zu erkennen ist Arbeit. Unsere liebevolle Zuneigung zu sehen, zwingt die Einnahme einer – unserer – Perspektive ab. Und zwar immer wieder und immer wieder mit genau der Mühe, die wir uns für andere Menschen machen. On the go. Jeden Tag. Egal, wie es uns geht. Egal, ob es uns “etwas bringt” oder nicht.

Ich will darüber nicht heroisch wirken – das zu machen ist unser Alltag und wir sind oft genug völlig überlastet damit, weshalb wir auch vertreten, das Autismus eine Behinderung ist.
In unserer Betreuung erst recht, denn dort gibt es nichts, was einfach ist oder wenig Mühe bedeutet. Nicht mal auf der sachlichen Ebene.
Wir sind vom Gesetz nicht gut geschützt, wir sind gleichzeitig arbeitsunfähig und chronisch erkrankt und schwerbehindert und arbeiten 2 bis 3 Stunden am Tag, wovon manches vergütet ist und manches nicht und manches über Aufwandsentschädigung und manches über Honorar und ach obendrauf trifft diese Lage auf eine Behördenlandschaft, die flexibel ist wie Stahlbeton.
Wer uns betreut, macht mehr als Formulare auszufüllen, die immer gleichen Verlängerungsanträge zu formulieren und uns in groben Zügen zu umreißen, was da läuft. Wir stellen Fragen, wir wollen mit_bestimmen, wir wollen verstehen, um später selbst zu können.
Wir sprengen.
Ob wir wollen oder nicht, ob wir lieblieb machen oder nicht, ob wir hudeln und mudeln oder nicht.

Ich glaube, dass unsere letzte Betreuerin uns nicht geglaubt hat, als wir ihr das gesagt haben. Als wir sie vorgewarnt haben. Ich glaube, dass sie sich das nicht vorstellen konnte. Und dass sie geglaubt hat, es würde reichen, wenn wir gut miteinander können.
Ich, wir können aber nicht gut mit anderen Menschen. Wir können angestrengt, wir können achtsam, wir können analytisch herleitend, wir können bemüht, wir können so gut wie wir können und das ist anders als bei den meisten anderen Menschen. Ja, auch wenn sie das nicht glauben, weil sie den Unterschied bei uns in aller Regel weder sehen, noch hören, riechen, schmecken oder fühlen können.

Deshalb braucht es mehr Bewusstsein, mehr Aufklärung, mehr Zeigen, was Autismus ist, was er aus_macht und was es bedeutet. Auch bei Leuten, die ganz viel mit behinderten Menschen zu tun haben.
Uns normal finden und alles immer gut meinen reicht einfach nicht.

die Puppe

Als ich durch das Zimmer schaue und überlege, welches kleine Nähprojekt einfach und erfolgversprechend sein könnte, fällt mein Blick auf unsere Baby Born Puppe. „Dir kann man echt nichts, aber auch gar nichts in die Hand geben. Alles machst du kaputt.“
Ich will nähen, weil es mir gerade hilft, Erinnerungen an schwierige Erfahrungen zu distanzieren. Und die Kinderinnens. Ich kann das immer noch nicht mit einer hübschen Idee von einem super sicheren Ort ganz für sie allein und seit einer Weile versuchen wir auch, sie nicht einfach immer wieder in das weiße Nichts des Schwans zu schieben, also eiere ich durch den Alltag. Tue kleine erfolgversprechende Dinge, arbeite mich müde und zufrieden und hoffe auf Nächte, die verkraftbar sind.

„Was hast du denn mit dem Ding gemacht?“
Die Puppe klappert, als ich sie hochnehme. „Du sollst mich angucken, wenn ich mit dir rede!“ Ich halte sie fest, verlasse das Schlafzimmer und die Erinnerung. Ich schaue aus dem Fenster und denke daran, dass ich später noch die Pflanzen gießen muss.
„Eigentlich mache ich gar nicht immer alles kaputt“ denke ich und bleibe ein bisschen länger in dem Gefühl des Schaffens, das der Garten in uns auslöst. Es hat sich schon viel darin verändert und das unter anderem deshalb, weil der Freund nicht glaubt, dass man uns nichts in die Hand geben kann.

Ich google nach Schnittmustern für Puppenkleidung und finde eins, das für Anfänger_innen geeignet ist. Die Puppe, die nie einen Namen hatte und nie mehr als ein Trainingsgerät für die Tätigkeiten war, die allgemein erwartet wurden, liegt in meinem Schoß und starrt in die Luft. Sie ist ziemlich verstaubt und dreckig. Auf dem Kopf sind Farbstreifen, die Kuppe eines Zeigerfingers fehlt, nachdem Fingernägelschneiden daran geübt wurde.

Während der Drucker röchelnd und ächzend das Schnittmuster aus sich rauswürgt, gehe ich in die Küche, wo die Nähsachen stehen. Sie wiegt vielleicht 400 Gramm und besteht komplett aus Kunststoff. Als ich sie aus dem selbstgestrickten Pullover friemele, klappert sie wieder. „Was hast du denn mit dem Ding gemacht?“
„Ja, was soll ich damit gemacht haben, du Arsch. Vermutlich habe ich damit gespielt. Mit diesem 100% Kunststoffscheiß, der doch ganz logisch irgendwann irgendwie auf jeden Fall kaputtgehen musste.“ Ich schüttle sie nochmal. Und nochmal. Und nochmal sehr kräftig. Es ist schon so lange her und immer noch so eine ungerechte Kackscheiße. „Arschloch bescheuertes“, denke ich und lege die halbnackte Figur auf den Küchentisch. Ich leuchte in die Löcher auf ihrer Rückseite und sehe, dass es Kreuzschlitzschrauben sind, die sie zusammenhalten .

Der Drucker ist längst fertig. Draußen zwitschert die Sperlingsgang, die Sonne scheint. Mir ist schlecht und ungreifbarer Erinnerungsmüll wabert mir entgegen wie eine Algenpest aus der Hölle. Ich schraube die Puppe auf und finde das Stück Plastik sofort. Einer der stabilisierenden Pfeiler im Korpus war offensichtlich nicht gut genug mit der Schale verklebt. Das war unmöglich unsere Schuld. Egal, was wir mit der Puppe gemacht hätten, wäre das passiert. Wir hätten sie natürlich auch nie anrühren können, klar. Aber das wäre sicherlich auch wieder als Zeichen von Undankbarkeit, Gefühlskälte oder was weiß ich gedeutet worden. „Beknacktes, dämliches Scheißarschloch.“ denke ich und schraube die Teile wieder zusammen. „Für die 4 Schrauben hats bei dir dann nicht gereicht. Aber sie zu schlagen und fertig zu machen schon. Das war drin.“

Wie sie so da liegt, macht mich fertig. So steif und starr, nackt und einfach nur präsent, weiter nichts. Man kann alles mit ihr machen. Alles, was man will. Sie wird nie irgendetwas sagen, nie irgendetwas ausdrücken, immer nur da sein und starren und Plattform für alles mögliche sein.
In einer Anwandlung fange ich an, sie sauberzumachen. Das hat etwas von Heilmachen und fühlt sich merkwürdig an. Ich bin gegenüber toten Gegenständen nicht fürsorglich, merke aber, dass ich hier gerade etwas Fürsorgliches tue, das ich so konkret nach innen nicht tun kann.

Einen Tag später sind Hose und Shirt fertig.
1992 ist 28 Jahre her. Unsere Baby Born Puppe klappert nicht mehr.

Fundstücke #74

„So will ich nicht sein.“ Das sagt Hannah immer wieder. Obwohl die Situation, in der sie das sagen wollte und auch gesagt hat, schon seit gut 3 Stunden vorbei ist. Draußen regnet es, eine große Fliege versucht sich durch die Schlafzimmerfenster zu bohren. Müdigkeit liegt wie eine Bleischürze auf mir. „So will ich nicht sein.“
Das sagt sie, weil sie nicht verletzen, irritieren, überraschen, überfordern, will. Weil sie „keine Situation entstehen lassen will“.
Ich hatte am Vormittag für unser nächstes Buch aufgeschrieben, wie Hannah entstanden war. Musste weinen, weil ihr keine Traumatisierung mit Todesgeschmodder und dramatische Szenen der Gewalt voranging, sondern einfach nur unsere Angst zu sterben, weil wir von jetzt auf gleich absolut allein auf der Welt waren. In der absoluten Frei_von_heit, wie sie viele Aussteiger_innen erleben, wenn ihre Verbündeten oder, wie in unserem Fall, Behandler_innen, nicht mehr (für sie) da sind oder sein können/wollen/dürfen.

Hannah kann Menschen. Sie ist unsere beste soziale Rechenmaschine und die einzige, die Ver_Bindungen nicht nur ertragen, sondern auch herstellen und gestalten kann. Was unser Leben nach der Gewalt angeht, trägt sie am meisten der Last, die damit einhergeht, es auch zu erhalten. Niemand von uns anderen hat Freund_innen. Niemand von uns kann Menschen. Wir haben Angst und können Menschen aushalten. Manche jedenfalls. Dass unsere Therapie einen anderen Menschen erfordert, war und ist bis heute eine der größten Barrieren der Traumatherapie für uns. Dass wir das Bedürfnis nach menschlicher Nähe, Verbundenheit und Kontakt haben, ist für manche von uns der schlimmste Verrat voreinander. Dass der Freund in unserem Leben ist, liegt an Hannah und ihrem Brückenschlag zwischen ihm und uns.

Warum Hannah so ist, wie sie ist und wir nicht, können wir nicht verstehen. Aber sie ist da und ohne sie wären wir es nicht mehr.

„So will ich nicht sein.“, das fühle ich wie etwas, das von innen durch meinen Kehlkopf nach außen will. Als die Fliege neben dem Lichtkegel der Leselampe landet, rinnt es mir aus den Augen. „Du solltest nie sein“, denke ich in ihre Richtung. Weine fertig, gehe ins Bad, wasche mir das Gesicht.
„Und doch sind wir hier.“

Maskenpflicht und Todesangst

Maskenpflicht.
Finden wir gut, wichtig, überfällig.
Und anstrengend, überfordernd, triggernd.

Für uns gibt es an der Stelle keine Diskussion. Kein “Ich will eine Ausnahmeregelung für mich, weil…” versus “Es muss auch andere Wege geben.”, denn es gibt andere Wege und in Kombination mit einer allgemeinen Maskenpflicht steigert sich deren Effizienz.

Ein Problem, das ich habe, ist, dass wir Gewalterfahrungen gemacht haben, an die wir erinnert werden, wenn wir etwas im Gesicht haben bzw. haben sollen und andere Leute uns dabei anschauen.
Und Asthma. Das obendrauf.  Jede Irritation der üblichen Atmung (die schon nicht “normal” ist, weil Asthma zu chronischer Hyperventilation durch unbewusste Anpassung der Atmung an die Erkrankung führen kann) bringt uns aus dem Tritt und damit einen Schritt näher an eine Attacke oder die Überblähung.
Und widersprüchliche Informationen. Hier lese ich dies, hier lese ich das, der Freund, der Krankenpfleger war, sagt jenes und draußen im Laden, auf der Straße passiert noch ganz anderes.
Und Autismus. Die Pandemie hat unsere Wochenroutinen zerstört. Wir brauchten und brauchen Zeit, um das zu realisieren und zu prozessieren. Und Kraft, um neue Routinen zu entwickeln, die sich nicht unsicher anfühlen, weil sie ja nur einen Übergang schaffen. Für uns ist die Pandemie aber eigentlich kein Übergang, sondern der Anfang von etwas Neuem, auf das wir uns nicht vorbereiten konnten, zu dem wir uns nicht entscheiden konnten, das wir in seinem Umfang und seiner Bedeutung für uns noch gar nicht erfassen können. Wir müssen uns davon lösen anzunehmen, dass wir bald wieder montags in der Schule Bücher binden und abends die Therapeutin sehen, dienstags mit C. arbeiten, beim Bäcker “unser Brot” kaufen und ein süßes Teilchen essen, während wir mit NakNak* auf dem Schoß im Zug nach Hause sitzen. Das ist alles vorbei. Es wird so sehr lange nicht mehr passieren. Selbst dann nicht, wenn alle schon fertig sind mit Lockdown und Abstand halten. Wir werden zu den letzten gehören, die sich ohne Ansteckungssorge in Bus und Bahn, Supermarkt oder Arztpraxis begeben können. Jetzt ist alles anders. Wir müssen uns daran anpassen und das kostet uns Kraft.  Der Übergang ist eigentlich nur die Zeit, die wir brauchen, um das zu akzeptieren.

Wir schauen uns deshalb genau an, was wir warum wie verändern sollen. Letzte Woche war eine Maske zu tragen noch freiwillig, jetzt soll es eine Pflicht sein. Wo die Masken für alle herkommen sollen, ist unklar. Zu lernen wie man eine Maske richtig und sicher trägt, pflegt und desinfiziert, gehört nicht zur Pflicht, wird auch nicht breit kommuniziert. Für mich sieht das nicht effizient aus. Eher wie etwas, das mir Kraft wegfrisst, die ich zum Ausgleich der Folgen der Ineffizienz brauche. Auch wie etwas, mit dem weiterhin konsequent zwischen “gesund” und “krank”, “arm” und “reich”, “be.hindert” und “be.hinderungen problemlos kompensieren können”, getrennt wird.

Es sieht mir auch nach etwas aus, das meine Probleme der Anpassung individualisiert und damit auch alle Verantwortung und weiter auch Schuld für mögliches Scheitern und dadurch eventuell entstehende Gefährdung Dritter. Und ja, sicherlich sind all die Dinge, die mir das Tragen einer Maske erschweren individuell – dass es mir schwerfällt eine zu tragen, ist es jedoch nicht. Damit sind aktuell eine ganze Menge Menschen konfrontiert und überfordert.
Es gibt im Moment so wenig, das hilft, sich anzupassen. Sich irgendwie einzufinden. Alle, die ich kenne, wurschteln sich irgendwie da durch, können gar nicht so richtig sagen, was ihnen hilft und was nicht. So oft enden unsere Gespräche mit der Feststellung, dass es ist, wie es ist, wir es akzeptieren und gucken müssen, wie wir durchkommen. Sie enden nie damit, dass wir mehr als symbolisch zusammenstehen müssen. Nie damit, dass man einander sagt, dass man Angst hat zu sterben. Man tröstet sich nicht. Man redet nicht über den Tod und die Angst davor. Immer noch nicht. Man redet darüber, wo man Masken kaufen kann. Dass man eine positive Einstellung haben muss. Dass es anderen viel schlechter geht. Dass man sehen wird, wie sich das alles entwickelt.

Die Angst ist für uns in allem. Unsere Gewalterfahrungen waren mit Todesangst verbunden. Jede Asthmaattacke ist mit Todesangst verbunden. Jeder Routinenbruch ist für uns mit der Angst verbunden, die Welt könnte zerbrochen sein und wir dadurch in Lebensgefahr. Eine Maske, eine Abstandsregel, eine Desinfektionsvorschrift berührt diese Angst nicht, eigentlich lenkt sie nur davon ab, verschiebt den Schwerpunkt der Vermeidung. Man hat einen Gesprächspunkt mehr, durch den man einander nicht sagen muss: “Ich weiß, dass du Angst hast, ich habe auch Angst. Mein Umgang damit ist…”

Wir trainieren uns das Tragen einer Maske jetzt an. Aus Gründen, die weniger mit Corona als damit zu tun haben, dass wir es für eine relevante Fertigkeit halten, eine Maske im Gesicht tolerieren zu können.
5 Minuten-YouTube-Video = 5 Minuten Maske im Gesicht aushalten. Das geht. Die Erinnerungen kommen, mit dem Ende des YouTube-Videos, enden auch sie. Imagination ist nichts anderes als gezielte Dissoziation. Es ist okay, sich durch die Tragezeit einer Maske zu dissoziieren. Es ist okay, Angst zu haben. Die Tragezeit ist begrenzt. Ihr Ende kann man sich deutlich machen, ihren Anfang kann man sich deutlich machen. Man kann kontrollieren, wann und wo und warum man sich ihr aussetzt. Und, ob es das wert ist. Die eigentliche Angst ist immer da. Ob mit oder ohne Maske, die triggert, die Atmung erschwert, den Ausnahmecharakter der Gesamtsituation extrem unterstreicht.

Gegen die Angst hilft nicht, sich gegen eine Maske zu entscheiden oder einfach nicht mehr rauszugehen (wenn man diese Option überhaupt (wirklich) hat). Gegen die Angst hilft nur Beruhigung, durch Sicherheit(sgefühl), durch Versorgung aller Bedürfnisse.
Wie immer.