Nicht-Entscheidungen

Am Ende bleibt die Frage, ob ich das darf.
„Darf ich meine dissoziativen Fähigkeiten nutzen? Darf ich Innere, die an Situationen wie diese gewöhnt sind, nicht orientieren, obwohl ich das könnte? Darf ich zurück in das so vertraute Sprechen, Denken und Fühlen von ‚Ich bin nicht die anderen Inneren‘? Darf ich solche Situationen so hinkriegen, wie ich sie hinkriegen kann, obwohl das für andere möglicherweise unangenehm ist und negative Eigenschaften von mir impliziert?“

Als ich von der Klinik nach Hause gehe, ist mein Tag gelaufen und vorbestimmt. Alles musste schnell gehen. Ich hatte keine Vorbereitungszeit, keine Alltagsplanung, keine Assistenz oder Begleitung für 4 Stunden Zug- und anderthalb Stunden Autofahren, Klinikbetrieb, Untersuchung, Gespräch, Termine machen, Medikamentenplan, Auslandsbestellung, Arbeitskommunikation, gesunde Ernährung, körperliche Auslastung und sich nicht stressen. Ich musste da durch. Nichts ums Verrecken, klar, aber … am Ende einer Kette, die ich aus Furcht, dass sie niemand versteht, nicht aussprechen will – schon.

Also bin ich ins Auto und weiß jetzt nicht über die gesamte Strecke, ob da alles richtig lief. Saß im Zug, ohne da zu sein. Joggte übers Gelände, um rechtzeitig da zu sein, nur, um ohne ganzes Ich anzukommen. Machte keine Sozialperformance, keine Bezugsgesten, griff einigermaßen wahllos nach Krankenhausfloskeln, um sie in die entsprechende Leere zu sprenkeln. Ich stimmte einer Untersuchung zu, die ich nicht wollte und brachte keinerlei Widerstand gegen den Wechsel auf. Nur in den Transitionsphasen, der flirrenden Auflösung zwischen zwei Aufgaben, versuchte ich, meinen starren, zeitweise sprachlosen Zustand zu entspannen. Mit gemischtem Erfolg. Einerseits kann ich mich daran erinnern und davon erzählen, andererseits kann ich nicht einordnen, was das für eine Erfahrung war. Wie sie sich angefühlt hat. Kann nicht gut sagen, ob und wenn ja, wie sich der Bezug zu den Menschen, mit denen ich im Kontakt war, verändert hat.

Das, dieser schwebende diffuse Zustand, ist mir sehr vertraut. Es ist, als könnte ich mich willkürlich entscheiden, ob dieses Geschehen wahr oder unwahr, real oder irreal, echt oder falsch, wichtig oder unwichtig, relevant oder irrelevant, gut oder schlecht war. Mit ein bisschen, ein ganz klein wenig Anstrengung sogar, ob tatsächlich ich es erlebt habe oder nicht.
Es ist eine Bewertungsentscheidung, aber auch eine Bezugsentscheidung. Will ich annehmen und mit mir in Bezug setzen, was passiert ist, oder nicht? Kann ich annehmen und in mein Bild von mir und der Welt integrieren, was ich erlebt habe, oder nicht?
Eine DIS entwickelt sich entlang von solchen Fragen und Zuständen. Unbewusst, blitzschnell, routiniert. Immer mit dem Ziel des Schutzes und der Bewahrung dessen, worum man sich sicher wähnt.
Dass es sich in diesem Moment weder unbewusst blitzschnell noch routiniert abwickelt, ist ein Therapieerfolg und Zufall. Diese Situation war krass, aber nicht extrem. Meine Reaktion war dissoziativ, aber nicht durchgehend. Ich konnte mich regulieren, konnte mich beobachten und mein Verhalten abgleichen, obwohl ich nicht ausgeglichen war und entsprechend auch nicht alle Informationen aus meiner Selbst- und Umweltbeobachtung ankamen.
Und zufällig war es eine neue Erfahrung. Eine neue Selbsterfahrung. Ich kenne mich hart und durchfunktionierend, aber nicht, um etwas für mich (allein) zu erreichen, das über die Rettung meines Lebens hinausgeht. Ich will Klimmbimm aus der Abteilung für Lebensgestaltung – das ist ziemlich weit aus dem Rahmen heraus, den ich für mein Handeln üblicherweise stecke. Für mich bedeutet das eine Lernherausforderung. Da sind neue Informationen, die mit bestehenden Informationen zusammengebracht werden müssen. Eigenschaften, die ich bisher noch nicht an mir wahrgenommen habe. Oder nicht wahrnehmen wollte oder konnte oder durfte. Eigenschaften, die ich selbst bewerten oder in ihrer Beschaffenheit erkunden kann.

So entstanden die Fragen am Anfang des Textes.
Ich erkunde und merke: Es ist schwierig.
Ich finde das Bild von Inneren, die andere Innere vorschieben, weil ihnen etwas zu viel ist, ungünstig, um zu illustrieren, wie Dissoziation in Momenten von Überforderung wirkt. Gleichzeitig habe ich aber doch genau das gemacht oder zugelassen?

Ich finde das Bild deshalb ungünstig, weil sich darin Aktiva und Passiva verbergen.
Innens, die schaffen, was ich nicht schaffe will, sind keine passiv vorgeschobenen Sacksäcke ohne Willen, Stimme oder Kompetenz. Ich, die_r von Dingen überfordert ist, entscheide in so einem Moment nicht, dass oder welches Innen lieber da sein soll, sondern verharre viel eher in einer Haltung, die ich ohnehin schon habe. Ich treffe in so einem Moment eine Nicht-Entscheidung.

Genauer: eine in traumatischen Erfahrungen eingeübte Nicht-Ich-Entscheidung und halte so sehr an meiner Vermeidungshaltung fest, dass es zu einem Wechsel meines Selbstzustandes kommt. „Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht – hm, und eigentlich … hab ich ja auch nicht, war ja auch nicht ich, ist alles gar nicht war nichts, war nie …“ – so kann man sich das vorstellen. Und Uneindeutigkeit hilft dabei. Wenn von vornherein nicht so klar ist, wie was war, dann kann ich mit einer solchen Nicht-Entscheidung etwas Unmögliches schaffen: sowohl beteiligt sein, als auch nicht beteiligt sein. Da sein, mitmachen, zustimmen – und gleichzeitig nicht mal wirklich existieren, mich bezuglos, körperlos, selbstlos, ichlos erleben. Zumindest in meiner Vorstellung, meinem inneren Bild von mir, in dem von mir präferierten Selbstzustand. Mein Bild von mir als eine_r von vielen, als eine_r, die_r Körper, Geist und Seele mit anderen tauschen kann, weil der Bezug dazu fluide, fragil, fragmentiert und praktisch jederzeit aufhebbar ist. Ohne Nachdenken. Ohne Anstrengung. Reflexhaft. Zuverlässiger als jede andere Selbsterfahrung.
Das ist so leicht, dass ich mich nicht wirklich dafür entscheiden muss. Ich muss das nicht wollen. Ich muss nur genug nicht wollen. Nur genug Angst haben, Ich zu sein. Nur genug verwirrt, entsetzt, überrascht, überfordert, angeekelt oder sensorisch geflutet sein.
Und nichts dagegen tun. Nicht in Kontakt gehen. Bezug ignorieren. Zeit als relative Konstante ignorieren. Traumalogischen Annahmen folgen. Skills nicht anwenden. Re-Orientierungsmaßnahmen nicht einleiten.
Nichts davon reflektieren, herausfordern, infrage stellen. Nichts systematisch erfassen, erkennen und verändern. Kurz: sehr aktiv, sehr passiv sein – als hätte ich keine andere Wahl. Als würde ich nicht aus traumareaktiver Vermeidungsgewohnheit reagieren, sondern in einer echten Bedrohungssituation sein.

Vielleicht war das Hinnehmen eines Wechselerlebens ein Rückfall. Vielleicht ein Versuch der Selbstregulation. Vielleicht konnte ich in diesem Moment einfach mal nicht die stets gegen die Krankheit anarbeitende Person sein. Vielleicht hats mir nicht ins Selbstbild gepasst, mich so ergeben hingegossen zu erleben, während ich doch so eine selbstbestimmte, erwachsen eigenverantwortliche Sache tue und will und ermöglicht bekomme. Vielleicht war mir der leichteste Weg einfach nur recht, weil an dem Tag insgesamt so wenig leicht war. Vielleicht konnte ich den Bezug auch einfach nicht halten. Vielleicht wollte ich kurz einfach nicht glauben, dass ich selbstbestimmt, erwachsen und eigenverantwortlich bin, weil es in dem Moment einfach scheiß schwer war und mich überfordert hat.
Letztlich ist es unbestimmbar für mich. Die Situation ist vorbei, sie wird sich wahrscheinlich nicht eins zu eins wiederholen. Ich habe alle Möglichkeiten, ähnliche Erfahrungen anders zu gestalten. Andere Entscheidungen zu treffen.

Aber die Unsicherheit bleibt.
Das Gefühl, etwas falsch zu machen, wenn ich Dissoziation nicht verhindere.
Die Idee, Innere zu quälen oder in Desorientierung zu halten, nur weil es für mich gerade praktischer, leichter, effizienter ist.
Das Wiederaufgreifen der Vermeidungsgewohnheit, die mit dem inneren Konzept von mir neben anderen Ichs einhergeht. Darf ich das nutzen, wenn ich mit allem anderen (erstmal) nicht weiterkomme?
Und wer soll es mir erlauben? Wer verbieten?
Wie kommt es, dass ich denke, es wäre falsch?

der „Ich bin erwachsen“-Kniff

Ich bin kein Fan von Komplexitätsreduktion.
Es gibt Dinge, die sind komplex, und sie zu verhandeln, als wären sie eigentlich ganz einfach, ist für mich falsch, weil es die Dinge falsch macht, wenn sie nicht vollständig sind. Kleiner, großer, vielleicht der für meine Mitmenschen nervigste Autiquirk an mir.
Gleichzeitig habe ich kürzlich an mir selbst etwas bemerkt, das mit einer unbemerkt übernommenen Abkürzung zu tun hat.
– mein Konzept von Erwachsensein.

Ich habe in den vergangenen Wochen mehrere Erfahrungen gemacht, die mich an vielen verschiedenen Stellen gleichzeitig gefordert haben. Weil es so viele waren, konnte ich mich immer erst hinterher wirklich damit befassen, was und wie ich da eigentlich erlebte. Soweit so üblich für mich.
Dann passierte etwas sehr Belastendes und das, was ich in den Wochen zuvor tat, funktionierte nicht. Was hatte ich getan? – Mich daran erinnert, dass ich erwachsen bin. Und damit die Abkürzung genommen, die ich nehme, seit ich volljährig bin:
Ich bin erwachsen – ich kann bestimmen. Ich bin erwachsen – ich bin unabhängig. Ich bin erwachsen – ich bin kein Kind. Ich bin erwachsen – ich brauche nichts, was ein Kind braucht, so dringend, wie es ein Kind braucht.

Diese Bewusstmachung ist wichtig in meinem Leben. Ganz klar. Meistens ist meine Erinnerung an mein Erwachsensein wichtig für mich, um bestimmte Regeln, die ich in meiner gewaltvollen Herkunftsfamilie als Kind aufgestellt habe, hinterfragen zu können. Etwa Regeln darüber, wann ich warum widersprechen darf oder wie ich bestimmte Alltagshandlungen gestalte.
Manchmal hingegen ist es eine Abkürzung. Eine alltagsverschleierte Dissoziationshilfe. Denn mein Erwachsensein richtet sich immer gegen meine kindlichen oder jugendlichen Anteile. Wo ich bin, ist Erwachsensein – und nichts anderes. Eine unglückselige Verbindung, die ich in einigen Jahren Traumatherapie eingeübt habe, um Flashbacks oder intrusives (Wieder-)Erleben oder Erinnern zu beenden oder die (von traumareaktiver Dynamik bestimmter) Beziehung zu meinen Behandler-, Unterstützer- oder Helfer_innen zu sichern.

Die Erfahrungen, die ich in letzter Zeit gemacht habe, haben fast immer auch viele andere Innere von mir angesprochen. Und immer habe ich das Bewusstsein um mein Erwachsensein benutzt, um mich sowohl mit dem Geschehen assoziiert, als auch von meinen inneren Vorgängen dissoziiert zu halten. Obwohl es nicht immer nötig war. Es war einfach nur leichter für mich.
So leicht und selbst.bewusst durch die Erfahrungen zu gehen, ermöglichte mir, so gut zu funktionieren, dass sich niemand noch mehr Sorgen gemacht hat. Denn wirklich niemand war unbesorgt um mich, das habe ich gespürt. Alle haben Anteil genommen, alle haben mir Hilfe angeboten. Zuhören, da sein, mitfühlen, ablenken, trösten … Ich hätte mit der gesamten Palette meines inneren Geschehens aufschlagen können und mein Netz hätte gegriffen.
Allein ich wäre darunter vielleicht nicht mehr zurechtgekommen. Denn ich bin ja nicht diese Palette. Ich bin ja nicht die Anderen. Ich bin ja erwachsen. Ich bin reguliert. Ich kann über die Dinge nachdenken. Ich kann sie reflektieren, analysieren und häufig auch kontrollieren. Ich bin die Hilfe, die Unterstützung für andere, und daher selten in der Situation des Hilfebedarfs im Sinne einer Abhängigkeit oder Angewiesenheit. In der Situation leide ich also auch überhaupt nicht darunter, selbstständig oder allein damit zu sein. Auf meine dissoziative Strategie zurückzugreifen, ist daher tatsächlich eher eine Effizienzentscheidung als ein aus Leiden provozierter Reflex, wie es die traumabedingte Dissoziation ist.
Und das ist die Stelle, an der sich die Komplexität des Er.Lebens mit DIS zeigt.

Für mich ist es eine Entscheidung zum Erwachsensein, meine traumatisierten kindlichen und jugendlichen Anteile zu dissoziieren. Es ist ein Verhalten von mir, das ich steuern kann. Ich kann mir sagen: „Jetzt bin ich nicht ich (verwirrt und immer ängstlich), jetzt bin ich erwachsen (klar geordnet und orientiert in der Realität)“ und feine DBT-Skills anwenden, um mich schneller oder langsamer in die Dissoziation rein- oder wieder rauszubringen. Ich habe jahrelang unter therapeutischer Aufsicht trainiert, Flashbacks hinter erwachsener Selbstbeherrschung zu maskieren. Und sehr schnell verstanden, dass kindliche oder jugendliche Impulse zwar nicht so grundsätzlich schlecht und gefährlich sind, wie ich sie damals empfand – aber schon lieber gerne irgendwie nicht so wirklich präsent sein sollten. Aber irgendwie auch doch. Manchmal. Unter Bedingungen, die mir bis heute nicht so klar sind, wie ich es brauche. In Umständen, die bestenfalls sicher sind durch Aspekte, die mir ebenfalls noch nicht so klar sind.

Gleichzeitig habe ich gar nicht so viel Kontrolle über meine reflexhafte Dissoziation. Wenn der Traumatrigger greift, greift er richtig. Und dann sind es kindliche Interpretationen aufgrund von traumatischen Erfahrungen, die meine Einschätzung und mein Handeln in einer Situation bestimmen. Und die gesamte innere Palette an Gefühlen und Gedanken, Traumawahrheiten und Logiken, die Gewalt und Leid legitim erscheinen lassen, entwickelt ganz eigene, zuweilen undurchschaubare oder auch nicht so leicht nachvollziehbare Dynamiken. Sowohl in sich selbst als auch mit dem Außen, also anderen Menschen.
In solchen Momenten ist meine Performance von Erwachsensein lächerlich ineffizient. Sie ist eine Lüge, die ich gerne wahr hätte, weil ich annehme, dass ich dann auch damit fertig werden würde, was mit mir passiert. Denn mit mehr als solcherart Annahmen ist Erwachsensein für mich gar nicht gefüllt. Wäre der Begriff für mich mit mehr als allgemeiner Handlungskompetenz, Klarheit und Bestimmungsrechten gefüllt, wäre er zu komplex, um mir eine Abkürzung, eine Dissoziationsbrücke, bieten zu können.

Umso heftiger traf mich die Erkenntnis, trotz aller Neigung zur Vervollständigung und einer grundsätzlich positiven Haltung gegenüber komplexen Sachverhalten, eine so unreflektierte und teilweise auch unkritische Akzeptanz dieser Unvollständigkeit zu haben.
Nach etwas mehr Auseinandersetzung damit, konnte ich jedoch auch eine Idee davon entwickeln, woraus sich diese Akzeptanz ergibt, und das war erneut das Konfliktfeld zu meinem Inneren.

Mein Zug in die Dissoziation ergibt sich immer und in allen Aspekten aus kindlichen Traumareaktionen und traumabedingten Überzeugungen (Traumawahrheiten bzw. Traumalogik). Und das, bevor ich die Chance habe, wie Menschen ohne DIS, auf kindliche Alltags- und Selbsterfahrungen zurückzugreifen.
Jeder erwachsene Mensch grenzt sich von sich selbst als Kind ab. Das ist normal und richtig so. Aber Abgrenzung ist nicht so umfassend wie Ablehnung und auch nicht so verlustreich wie Dissoziation. Abgrenzung zum früheren Kindsein führt dazu, dass man sich auch im hohen Alter noch jung fühlen kann. Dass man die eigene kindliche Neugier und diverse Freuden jederzeit in verschiedenen Alltagssituationen (wieder)erleben kann. Dass man konfrontiert mit neuen Erfahrungen noch weiß, was als Kind (und Jugendliche_r und junger erwachsener Mensch) geholfen hat, sie zu integrieren.
Ablehnung führt zu Scham. Zu Versteck- und Anpassungsbestrebungen. Dazu, dass man sich abwehrend gegenüber diversen Regungen, die mit Kindlich- oder Jugendlichkeit assoziiert sind, verhält. Kommt dazu noch Trauma, wird Vermeidung wichtig.
Und Dissoziation im Zusammenhang mit Trauma führt je nach Umfang zu einem Flickenteppich aus allem gleichzeitig. Hier Scham und Vermeidung, da allgemeine nicht näher bestimmbare Ablehnung, dort Ängste nicht näher definierbarer Herkunft, hier grenzenlos verwirrender Mischmasch der Meinung, Haltung und Emotionen zu unkontrollierbar auftauchenden Aspekten und Impulsfragmenten.
Für mich bedeutet das: Meine Kindlichkeit ist weitgehend überhaupt nicht korrekt erfass- und klärbar für mich. Ich kann überhaupt nicht wissen, wo meine Abgrenzung zum Erwachsensein angemessen ist und wo nicht. Ich kann mich aktuell gar nicht wahrhaft abgrenzen – ich kann mich nur (ab)dissoziiieren. Und das wiederum macht meinen kleinen Erwachsensein-Trick so … naja, in letzter Instanz einfach kindlich. Es ist der gleiche traumareaktive Kniff wie: „Ich bin die Große, ich kann das (aushalten, ertragen, so machen, wie die_r Täter_in das von mir erwartet, will, einfordert, mir abzwingt).“

Und das ist gar nicht mal so ’ne angenehme Selbsterkenntnis, ehrlich gesagt.

gebrauchte Grenzen

„Test ist da. Ich hab COVID.“
Eine Messengernachricht von meinem Mann. Am Dienstag. Mittags. Während ich mich durch meine Halsschmerzen hindurch in den zweiten Arbeitstag nach fast 8 Wochen Unterbrechung quetsche. Als hätte es mein Burn-out nie gegeben, als hätte mein Körper aktuell nicht alle Ruhe und Sanftheit der Welt nötig.
Als auch mein Test positiv war, brach für mich wieder alles in sich zusammen.
Meine Idee vom achtsameren Wiedereinstieg, meine Tagespläne, die ihn mir erleichtern, die so mühsam zurückeroberte Kochroutine, den Rhythmus von Pausen und Arbeiten bedarfsgerecht zu halten und auch die neuerliche Hoffnung auf eine Schwangerschaft. Alles kaputt. Keine Ruhe, keine Zeit der Sorglosigkeit außerhalb der Arbeit.

Am Ende war der Verlauf nicht so schlimm wie beim letzten Mal.
Und doch genauso belastend. Denn auch dieses Mal war ich in beständiger Sorge um meinen Mann und bin es noch. Während ich nach einer Woche wieder fit für geisttötende Arbeit am Computer bin, ist mein Mann noch krankgeschrieben und hustet mit seiner inflexiblen Lunge an Schleimbröckchen herum.
Und noch etwas beschäftigt mich, während ich in Trauer um meinen Embryo im Bett liege, als hätte ich ein echtes Kind verloren, und meine fiebrige Stirn kühle: die Frage, was ich eigentlich schaffen kann, wenn ich meine Grenzen ernstnehme. Und was das aus mir macht. Wo es für mich hingehen soll im Leben. Was ist, wenn da einfach nie ein Kind kommt. Und welche Grenzen ich in welchem Leben eigentlich wirklich brauche.

Es gibt die Phasen, in denen ich mich in einem Freilichtmuseum sitzen sehe, wo ich Strickwolle aus Floof herstelle oder Einkorn in einer Steinschale mahle. Oder meinem Lebenswunsch nach der Wanderung von Kreta nach Spitzbergen folge. Oder Katzenwelpen päpple oder Igel versorge. Messiwohnungen sortiere oder nachhaltige Häuser entwerfe. Seminare zu Trauma und Folgen gebe und Menschen zuhöre. Unterarmdicke Wälzer zu Gewalt und Gesellschaft durcharbeite und eigene Theorien ausformuliere. Die Projekte, in denen ich arbeite, mit einer guten und sicheren IT ausstatte. Manuskripte prüfe oder Bücher setze. Ein eigenes tiny Einsiedel im Selbstversorgergarten mit Katzenbesuch und sookieartigem Hund baue und jeden Winter ein neues Buch schreibe. Tagsüber mit meiner Kamera unterwegs bin und abends in der Dunkelkammer werkle.

In diesen Visionen sehe ich nie, wie ich die Arbeit anfange und aufhöre. Wie ich mir dann Frühstück, Mittag, Abendbrot mache und meine Wäsche wasche oder im Arbeitszimmer staubsauge. Die ganze Logistik des täglichen Lebens fehlt in meinen Überlegungen, und mir ist  auch absolut klar, warum. Diese Alltagslogistik ist bis heute weitgehend dissoziiert in mir, während sie auch gesellschaftlich für die meisten Menschen eher abstrakt und unbewusst ist. Wir hätten keine Debatte über Mental Load oder unbezahlte Carearbeit, wäre das anders.

Ich habe bis heute nicht durchgehend die Fähig- und Fertigkeiten, um dissoziatives Wegdriften im Alltag zu verhindern. An manchen Tagen beginnt die sensorische Überreizung mit dem Aufmachen meiner Augen – noch vor irgendeinem Traumatrigger oder Gedanken an eine Belastung. Das sind die Tage, an denen ich rate, ob ich gewaschen und gepflegt bin; meinen Körper auf Hunger- und andere Bedarfszeichen abscannen und mich in die Vernunft zwingen muss, Termine abzusagen. Einfach weil ich nicht weiß, wie gut meine Grundversorgung gelaufen ist. Weil ich weiß, dass ich inzwischen zwar nicht mehr sofort Krampfanfälle bekomme, wenn ich mal ein bisschen übers Limit gegangen bin, aber im Grunde nach wie vor keinen blassen Dunst davon habe, was mein Limit eigentlich ist.

Und dann sind da noch die vielen kleinen Traumasprengsätze im sozialen Leben unter anderen Menschen. Im letzten halben Jahr war ich in einen Konflikt verwickelt, der mit wochen-, teils auch monatelangem Warten auf kommunikative Interaktion einherging. Was mir dermaßen viel Kraft geraubt hat, weil ich mich ständig aktiv reorientieren musste, obwohl es keinen akuten äußeren Auslöser (also Kontakt mit der Person) gab. Weil ich so viel mit so vielen unterschiedlichen Menschen sprechen musste, um diesen Kraftfresser (neben anderen) überhaupt erst als triggernd zu identifizieren. Allein das – so eine ganz objektiv betrachtet: Lappalie – kann ich bis heute nicht verarbeiten und in mein Leben integrieren, ohne bewusst und gezielt dafür zu arbeiten.
Und Konflikte sind dafür noch ein sehr eindeutiges Beispiel.

Viel häufiger noch habe ich es mit der Frage zu tun: „Was wird hier erwartet – dieses alles oder DIESES alles? Das alles, in dem ich mich verliere, weil ich versuche, alles richtig zu machen, weil ich die Person mag oder es für die Arbeit erforderlich ist oder es einfach cool von mir wäre?
Oder DIESES alles, in dem ich eine seelische Entbeinung erlebe, weil ich weder weiß, was alles genau sein soll, noch wozu, und deshalb nur verlieren kann, was wiederum alles bis hin zu akuter Lebensbedrohung zur Folge haben kann?“
Der Eigenverantwortung nachzukommen, über wirklich jede soziale Interaktion und Kommunikation in meinem Lebensumfeld das Raster der Realitätsüberprüfung zu legen, ist eine große Herausforderung für mich. Besonders dann, wenn es um soziale Situationen geht, in denen ich ebenfalls alleinverantwortlich mein autistisches Verarbeiten von Sprache kompensieren muss. Also parallel zur Traumareorientierung auch noch, möglichst schnell und unbemerkt vom Gegenüber, damit es sich weder verletzt noch ignoriert fühlt, übersetzen und analysieren muss.

Der Begleitermensch hat mir in unserer gemeinsamen Zeit oft gesagt, dass ich auch ohne Lohnarbeit extrem viel mehr arbeite, als die meisten anderen Menschen, einfach um diese gewisse Baseline des Alltags zu halten.
Als er das zum ersten Mal gesagt hat, hätte ich heulen können, weil ich mich so gesehen fühlte. Später heulte ich dann tatsächlich oft, einfach, weil sich in dieser Arbeit gesehen zu fühlen, überhaupt nicht dabei hilft, sie jeden Tag zu schaffen. Geschweige denn, sich von den Ansprüchen anderer Menschen und auch unserer Gesellschaft nach noch mehr als nur dem Schaffen einer Baseline, abzugrenzen.
Und dann war da ja noch dieses Narzissmus-Thema.
Diese Situation, an deren Ende ich erst durch einen Klinikabschlussbericht nach 3 katastrophal überanstrengenden Wochen in einer Tagesklinik, verstand, dass meine Grenzen zu kommunizieren für andere Menschen auch so wirken kann, als würde ich meine Grenzen für wichtiger halten als die von anderen Menschen. Und also mich selbst für besser und wichtiger als andere Menschen halte. Das Ereignis war bereits als Behandlungserfahrung massiv retraumatisierend. Da hätte ich noch so fit und stabil an mir reorientieren können, diese umfassende Missachtungserfahrung hat nie nicht verletzend und mich negativ beeinflussend sein können. Dazu war mein Verhältnis zu mir und meinen persönlichen Limits einfach viel zu dissoziiert. Ich konnte nur traumalogisch annehmen, dass meine Grenzen nicht da waren, wo ich sie wahrnahm und kommunikativ markierte, sondern da, wo sie die Behandlerin damals festgeschrieben hat.
Meine bereits damals bestehenden Ängste, missverstanden zu werden oder Eindrücke von mir als Person zu vermitteln, die ich nicht vermitteln möchte, wurden um dieses Ding erweitert. Ich muss bis heute noch eine Stufe mehr schaffen, eine Arbeit mehr leisten, um nicht entweder sprechstarr oder traumareaktiv im Kontakt zu sein, sondern wach, orientiert, fokussiert und korrekt übersetzend. All das in dem Wissen, dass ich mir diese Arbeit auferlege, um die Grenzen anderer Menschen nicht zu verletzen, während meine schon in dem Moment irrelevant werden, wenn ich sie als traumalogisch begründet oder aufgrund meiner Behinderung entstanden erkenne. Und zwar nicht von meinen Mitmenschen, sondern ganz allein mir.

Denn auch das gehört zur Wahrheit von Therapie im Leben nach dem Trauma und mit Behinderung: Alles, was davon kommt, gehört kompensiert oder überwunden beziehungsweise mindestens mal in Funktion und Wirkung verstanden und umfassend reflektiert.
Klar reden wir auch von liebevoller Anerkennung und Dankbarkeit. Und üben Akte der Würdigung. Aber seien wir ehrlich – am Ende ist es doch einfach geil, wenn weder Trauma noch Behinderung großartig beim Leben stören. Da sind sich wohl alle Menschen einig.

Nach einem komplett entgrenzten Juli musste ich anerkennen, dass ich tatsächlich niemals allein leben sollte. Ich bin nicht in der Lage, mich selbst zu organisieren, mein Handeln zu strukturieren und meine Baseline als solche überhaupt im Bewusstsein zu haben, wenn ich keinen äußeren Anreiz durch andere Menschen oder Tiere sowie eindeutige Vorgaben zur Reaktion habe. Ich würde auf lange Sicht verhungern, Krankheiten entwickeln, Verletzungen nicht bemerken oder fremde Gefahrensituationen nicht adäquat beantworten – aber voll konzentriert auf etwas sein.
Meine Grenzen, meine Limits und meine Baseline, werde ich also immer als etwas behandeln müssen, das andere Menschen und die Belastungen, die damit für mich entstehen, beinhaltet, wenn ich lange und unversehrt leben möchte.
Eine Realität, die ich zum Kotzen finde, denn ganz authentisch in mir drin, würde ich lieber einfach ganz allein mit mir sein. Nicht weil ich andere Menschen in Wahrheit kacke finde oder gruselig oder gefährlich. Oder weils mir zu anstrengend ist. Manchmal (inzwischen sogar meistens) ist es ja ganz toll für mich. Aber es gibt da immer diese Kluft, diesen immer offenen Spalt, weil ich meine Grenzen und die von anderen Menschen nie nahtlos aneinandergelegt bekomme. Und selbst wenn es mir mal leicht fällt darüber hinwegzugehen – ich einfach immer und immer und immer und immer drüber hinweggehen muss. Weil es einfach kein Leben, keine gemeinsame Realität ohne diesen Schritt von mir zu anderen Menschen hin gibt. Und damit gewissermaßen auch kein Leben ohne einen gewissen Grad von Selbstaufgabe, ohne Verzicht auf die Ausentwicklung meiner ganz eigenen Kultur, meines ganz ungestörten Selbsts.

Aus Erfahrung weiß ich, dass ich diese Dinge nicht schreiben kann, ohne dass sich meine Freund_innen von Absätzen wie diesen betroffen fühlen. Oder persönlich benannt fühlen. Ich weiß, dass ich allen nach der Lektüre sagen muss: Nein, es geht dabei nicht um dich. Du bist gut und richtig, so wie du bist. Worauf ich mich da beziehe, ist eine Ebene, auf der wir nicht miteinander zu tun haben. Die ich dir nicht beschreiben kann. Auch wenn wir sonst alles teilen. Wir vieles voneinander mitkriegen.
Dass ich das so empfinde, ist auch überhaupt keine Aussage über die Qualität unseres Kontaktes oder meiner Aufrichtigkeit im Kontakt. Es ist viel mehr eine Aussage darüber, wie wichtig du mir als Resonanzpunkt außerhalb von mir bist. Sowohl für mein Überleben, aber auch in Bezug auf mein Anliegen, meine Lebendigkeit zu gestalten. Ich gehe diesen Extraschritt nicht, weil ich muss, sondern weil er von einem von uns beiden zu machen ist. Und ich gehe ihn auf dich zu, weil ich lieber ganz ohne mich mit dir sein will, als ganz mit mir, aber ohne Bezug zu dem, was meine Lebendigkeit in diesem Universum kontextualisiert und bedeutsam macht.

Das Thema ist komplex.
Ich habe noch nicht mal darüber geschrieben, wie easy ich mich aufs Opfermitleid drauflegen könnte. So nach dem Motto: „Ich hab genug gelitten, jetzt zählt nur noch, was ich vom Leben will und das ist … schlafen, essen, ausscheiden, es warm und sicher haben sowie Spaß und Liebe nach meinem Begehr haben – aufstampf, Tür knall, warten, wer mir das ermöglicht, weil sie_r denkt, ich hätte das doch mehr als verdient.“
Oder wie es dem Staat, der mich nicht geschützt hat, gegenüber nur fair wäre, wenn ich ihn jetzt einfach komplett und für immer auffordere, meinen Lebensunterhalt angemessen zu finanzieren, sodass ich wirklich einfach komplett whatever whenever machen kann.

Die Anfangsfrage ist für mich weiterhin nicht abschließend beantwortet.
Vielleicht ist sie auch einfach zentraler Bestandteil des Lebens. Vielleicht kann man sie sich immer nur situativ beantworten. Vielleicht denke ich das aber auch nur, weil es das ist, was ich gerade tun kann und es ganz gern hab, wenn ich Dinge tun kann.
Wer weiß.

Wieder Kunst machen. Vielleicht.

„Das ist so eine Sache, da sind Trauma und ihr Autismus, so richtig SO“, meine Therapeutin verschränkt ihre Hände fest ineinander und deutet an, dass eine Trennung kaum möglich ist.
Wir sprechen über den Kunst-Konflikt. Den Klinik-Gau. Dass sich manche Innere ausdrücken wollen und ich es nicht zulasse. Obwohl ich ein ganzes Zimmer voller Gestaltungsmaterial, eine komplette analoge Foto- und Laborausrüstung, Unmengen an Papier und Werkzeugen besitze. Ich maximal geschützt loslegen könnte. Und darunter leide, dass ich es nicht zulasse.

Ich bin meine erste Woche im Urlaub, nachdem ich 4 Wochen krankgeschrieben war. Erschöpfungsdepression. Meine Essstörung entfesselt. Die Arbeit im Zusammenspiel mit Kinderwunschbehandlung, Traumatherapie und Selbsthilfe im Umkreis von 100 bis 130 Kilometern auf Dauer entkernend.
Also fahren wir die Ressourcenrunde.
Ich habe keine echten Pausen. Und dadurch zu wenig Raum für Selbstwahrnehmung, Selbstausdruck und Selbstverwirklichung in dem Sinne, dass ich selbst begreifen kann, dass ich wirklich bin.
Meine Krankschreibung, sie führt zu selbstgemachten Therapieanwendungen.
Statt Mandalas bei Panflötenmusik spiele ich Sims 4, statt Gruppentherapie telefoniere ich lange mit Freund*innen. Ich schlafe auch am Tag. Zwinge mich nicht in eine Konzentration, die ich sowieso nicht aufbringen kann.
Nach 3 Wochen habe ich den ersten eigenen Gedanken mit Anfang, Inhalt und Ende. Nach 4 schaffe ich den Dreh zurück ins Essen ohne erweiterte Funktion. Die Therapie ist nicht mehr fast überanstrengend, sondern wieder eher meine Vermeidungsbequemlichkeiten herausfordernd.

So sitze ich da also und beobachte meine Therapeutin mit ihrer erklärenden Geste. Kurz vorher habe ich erst verstanden, dass dieses Thema wichtig ist, weil es mich von positiven Ressourcen trennt. Nicht, weil meine Therapeutin sich bei den Jugendlichen einschmeicheln will, wie R. argwöhnt, ich befürchte und hinter der Nebelwand zu Kindlichem alle Alarme kurz vor Auslösung bringt.
Zuvor wollte sie verstehen, wo das Problem liegt. Ist es Perfektionismus? Ist es Öffentlichkeit? Ist es Angst davor, abgezwungenes Schweigen zu brechen?
Nein, nein, nein.
Es ist viel banaler. Und gleichzeitig überhaupt nicht banal.
Es ist auch meine eigene Schuld. Und gleichzeitig, ein bisschen, auch nicht.
Und es ist mein Autismus. Und die Logik des Traumas.

An diesem Tag im Mai 2016 verließ ich das Besprechungszimmer der Ärztin mit den Worten: „Ich habs immer überlebt.“
Und dann hab ichs überlebt.
Ich bin da raus und wähnte mich in Lebensgefahr, vor der mich niemand schützt. Also bin ich, wie immer, erstarrt. Und gleichzeitig, dank der direkten Intervention meiner ambulanten Therapeutin, funktional in Bewegung geblieben.
Das – solche psychischen Scherkräfte, also parallel und gegensätzliche Kräfte – sind die Zutaten für funktionelle Dissoziation. Die Gleichzeitigkeit, die Trauma und das Leben danach so widersprüchlich und belastend macht. Auf der einen Seite die Todesangst (für die man sich vielleicht selbst verantwortlich macht) und auf der anderen Seite der Alltag. Hier die globale und unendliche Isolation und da Menschen, die mit einer_m sprechen. Oder zusammen in der Bahn sitzen. Oder im Laden stehen. Dieses Spannungsverhältnis führt zu der reaktiven Inflexibilität, die viele traumatisierte Menschen irgendwann in Bezug auf irgendetwas bei sich feststellen.
Dieses Spannungsverhältnis und der Druck, der dabei entsteht, können folgenden Gedanken logisch machen: „Was ich getan habe, um hier hineinzugeraten – das mache ich nie wieder.“
Ich überlebte den Klinik-Gau, diese Retraumatisierung im Hilfekontext, indem ich Entscheidungen traf und dabei blieb. Konsequent wie Stahlbeton. Nicht, weil ich so einen starken Willen habe, sondern weil toxisches Stressniveau und autistische Trägheit zusammen einen unfassbaren Superkleber und in der Folge eine unerschütterliche Inflexibilität produzieren.

Erst verließ ich das Klinikgebäude und beschloss, nie wieder mit irgendjemandem zu sprechen. Ein kindlicher Beschluss. Der hielt bis zum Kontakt mit meiner Therapeutin. „Nie wieder mit irgendwem“ ging also nicht.
Aber „nie wieder so“ und „nie wieder das“, das ging. War sogar gut. Meine Therapeutin kannte sich nicht mit Autismus aus. Ich hatte eine komplementäre Begleitung, die es nicht erforderlich machte, dass sie sich auskannte. Den Begleitermenschen nämlich. Auch der Kontakt zu ihm brauche nicht mehr „so“ zu sein. Und „das“ mit ihm zu besprechen, rückte durch den Ausbildungsalltag an der Berufsschule ohnehin in den Hintergrund. Und irgendwann endete unser Verhältnis auch.

Es dauerte 4 Jahre, bis ich meine an dem Tag getroffene Entscheidung, meine Therapie vom Thema Autismus („das“) und damit aus dem Großteil meiner Wahrnehmungsrealität und dem, was sich daraus für mein Erkennen und Verstehen meiner Selbst ergibt (und mich „so“ sein (interagieren und kommunizieren) lässt), rauszuhalten, revidierte. In Teilen. Unter einem absoluten Vorsichtsdiktat, das ich bis heute halte.
Auch das tat ich wieder in einer brutalen Krise, die mich in ungeheure Spannung brachte. Hier die Therapeutin, die sich bemüht und mit der ich mich überhaupt nicht mehr unsicher fühle – da die Erfahrungen mit sehr vielen Psychotherapeut_innen und ganz speziell der letzten, nach denen es sich immer logischer darstellte, einfach auf etwas von mir zu verzichten. Irgendwas einfach nicht mehr zu machen.
Hätte ich nicht den Eindruck gehabt, dass es mich das Leben kosten könnte, würde ich die Therapie nicht richtig machen, meiner Therapeutin nicht sagen, dass sie Murks macht, wenn sie meinen Autismus mit Fragezeichen versehen am Rand stehen lässt, hätte ich das nicht an sie herangetragen.

Keine meiner Entschlussrevisionen hatten jemals irgendwas mit „mal in Ruhe und ganz objektiv mal drüber nachdenken und dann halt mal anders machen“ zu tun. So wie man sich das von Therapie verspricht oder es in weniger drastischen Situationen im Alltag erlebt.
Meine Generalisierungen sitzen. Und zwar immer und überall. Mein Platz, mein Besteck, mein Geschirr, meine Kleidung, meine Tagesabläufe, meine Leute, meine Themen, meine Interessen, meine Offenheiten – hinter allem stehen bewusste Entscheidungen und „Für immer“-Entschlüsse. Entscheidungen für die Ewigkeit. Es erfordert absolut uneigennützige Bereitschaft, mit mir sachlich und zieldefiniert zu verhandeln, ob ich irgendetwas daran verändere. Kommt auf diese autistische Eigenschaft der Stress des Traumas, bin ich absolut darauf angewiesen. Denn an diesem Baustoff aus Traumastarre und autistischer Trägheit prallt jeder „Wägen Sie vielleicht mal ab, ob …“-Pinsel ab.

Manche meiner generellen Entscheidungen kann ich schnell revidieren. Besonders, wenn mir auffällt, dass ich eine traumalogische Basis dafür hatte. Wenn eine Entscheidung nur in einem einzigen Zusammenhang wirklich sinnvoll war, dann ist es ineffizient und unlogisch, sie auf alle anderen Lebensbereiche auch anzuwenden.
Die Entscheidung gegen meinen authentischen Selbstausdruck hingegen, die habe ich nicht nur im Zusammenhang mit dem Klinik-Gau getroffen. Diese Entscheidung habe ich bis dato in so vielen verschiedenen Momenten getroffen, dass es keinen Bereich mehr gibt, der frei davon ist. Das ist, was man heute so positiv hinzufügend als „Maskierung“ benennt. Und eben nicht negativ als „Verzicht auf sich selbst für andere“.

Der Klinik-Gau war für mich so belastend, weil ich vor der Autismusdiagnose nicht wusste, weshalb ich verschiedene Dinge nicht anspreche oder nur verschleiert und heimlich mit mir allein verhandle. Ich lebte wie ein Salamander mit abnorm gefärbten Körperteilen, die ihm immer erst dann auffielen, wenn andere negativ darauf reagiert haben.
Beim Klinik-Gau kannte ich diese Stellen und wusste, woher sie kamen. Meine Erwartung an diesen „geschützten Rahmen“, diesen Ort, an dem psychologische Exzellenz, psychotherapeutische und soziale Kompetenzen von den Autoritäten vorauszusetzen, logisch und auch gewollt ist, war zu keinem Zeitpunkt überzogen oder grundlegend falsch gesetzt. Sie wurde einfach nicht nur nicht erfüllt, sondern auch noch benutzt, um mich zu demütigen und mich glauben zu lassen, ich sei an meinem Empfinden von Auslieferung, Ohnmacht und Lebensbedrohung selbst schuld, denn ich hätte diese abnorm gefärbten Körperteile. Und die wiederum seien gar nicht das, was ich annahm, sondern etwas noch viel Abstoßenderes, was meine Gewalterfahrungen noch viel stärker zu etwas macht, das ich nie anders verdient und immer selbst verursacht hatte.
Als ich der Ärztin damals sagte: „Ich habs immer überlebt“, war für mich bereits absolut klar, dass ich mir so viele dieser abnorm gefärbten Körperteile wie möglich abhacken muss. Mein Leben voller Verdeckungs- und Vermeidungsperformance war ja offensichtlich nicht genug. Nicht das Richtige. Nichts, was mich als jemanden sichtbar macht, die_r es richtig wirklich und echt doll versucht okay für andere zu sein. Okay genug, um nicht von ihnen verletzt zu werden. Ich war zu dem Schluss gekommen, dass ich selbst nichts bin, mit dem ich jemals irgendwo sicher einfach sein kann.

Meine Kunst, die einzige Möglichkeit für jüngere Innere, sich auszudrücken, ihre Geschichte zu teilen und sich in der Gegenwart zu orientieren, war nur ein Opfer dieser Abhack-Entscheidung. Das zweite Opfer war eine Freiheit, um die ich mit meiner Entdeckungsangst ringe – die Freiheit, nicht vermeiden zu müssen. Ich habe mir damals auch abgehackt, mir zu wünschen, dass ich Kunst mache. Irgendwie okay zu finden, was ich früher mal gemacht habe. Mich mit Menschen zu verbinden, die diese Wünsche in mir wecken könnten. Ausstellungen, Werkstätten, Projekte zu besuchen, die mich an dieser Stelle reaktivieren könnten. Mein ganzer Materialkram ist da, weil mein Entschluss, nicht zu verschwenden, besteht. Die Kisten und Ordner sind heute in einem Raum, den ich nur öffne, um ihn zu durchlaufen. Die Tür ist immer zu. Ich gehe da nicht rein, weil ich mir nicht trauen kann, dass nicht doch irgendein Innen irgendetwas macht, was mir und dem Rest der Welt meine abnorm gefärbten Körperteile aufzeigt. Denn klar, als Salamander kann man sich Körperteile abhacken – die kommen aber wieder. Man muss in der Angelegenheit sehr konsistent sein. Was wiederum nicht sehr schwer ist, wenn es sich um eine Sache handelt, die in Auti-Trauma-Beton gegossen ist. Jeder nette Kommentar über meine Kreativität führt zu einem präventiven Hack an mir. Jede Rückmeldung zu einem Text als „selbstdarstellend“ – hack of the doom. Jede Erwähnung meiner Arbeiten früher – hack hack hack.

Mag sein, dass ich damals, 2016 in der Klinik, ganz viel komplett falsch verstanden habe. Und niemand jemals von mir erwartet hat, dass ich mich für mich selbst schäme. Ich bin geübt genug in Reparations-/Entschuldigungs-/Wieder-gut-mach-/Klärungsgesprächen mit nicht autistischen Menschen, um zu wissen, dass am Ende IMMER ich die Person bin, die da was nicht richtig verstanden hat. Die irgendwas zu ernst nimmt. Die sich auf eine Art fühlt, die nicht die Intention war und deshalb halt Pech hat, weil da ja nun wirklich niemand was für kann. Außer mir.
In Bezug auf diesen Klinik-Gau, werde ich zu keinem Zeitpunkt jemals einen Moment haben, in dem die Last, der Schmerz, die Angst, die Verletzung von mir genommen wird. In ihrer Natur ist diese Erfahrung damit meinen Gewalterfahrungen in der Herkunftsfamilie und jedem anderen sozialen Nahfeld gleich. Infolge dessen sehe ich keinen Grund, meine daraus folgenden Entscheidungen nicht zu generalisieren.
Ja, die Ärztin war nicht meine Herkunftsfamilie, alle meine anderen Mitmenschen zwischen 1986 und 2016, oder irgendjemand anders, die_r mich wegen meiner abnormen Färbung verletzt hat. Aber sie hatte den gleichen Bezugspunkt, um mich zu verletzen und mich in das Erleben einer Lebensgefahr zu bringen.
Es wäre unlogisch, das zu ignorieren. Traumalogisch ausgedrückt: lebensgefährlich dumm.

Meine Therapeutin beendet ihre Geste und spricht eine Weile. Sie sagt, ich könne mich fragen, ob ich das Ereignis mein Leben so umfassend bestimmen lassen will. Ob ich dem weiter so viel Macht geben will.
Diesen Ansatz finde ich unsinnig. Es ist ja nicht das Ereignis, dem ich Macht gebe, sondern die Beschämung, von der ich weiß, dass sie praktisch automatisch kommt, egal von wem und in welcher Absicht. Das Ding ist nicht, dass das passiert ist, sondern, dass es passiert ist, obwohl ich mich so unfassbar aufgerieben und angestrengt habe, dass es nicht passiert. Eine Klinik für Psychosomatik ist der einzige gesellschaftlich gewollte Rahmen und Ort, von dem man annehmen darf, dass man dort nicht wegen sich selbst verletzt wird. Darum war ich da. Ich brauchte Hilfe und war abnorm. Nirgendwo sonst, dachte ich, könnte ich mich risikoarm und sicher damit befassen und arbeiten.
Das Ereignis hat eine Generalisierung, die ich vorher bereits hatte, bestätigt und erweitert. Es hat nicht mehr Macht über mich, als jeder belustigte Kommentar über mein wörtliches Verstehen, jedes amüsierte Nachmachen meines Körperausdrucks, jede Demütigung nach einem Missverständnis, jede soziale Dynamik, die entsteht, weil nicht oder auch anders behinderte Menschen Behinderung mit aufwertender Sonderstellung verwechseln oder Autist_innen (oder auch Menschen mit DIS) als interessant mystische Sonderlinge einordnen.
Jetzt, wo ich weiß, dass sich in diesen Dingen mein Autismus zeigt und Autismus etwas ist, das ich, im Gegensatz zu anderen Dingen, nicht verlernen oder „einfach nicht machen“ kann, sondern ich selbst bin – jetzt ist es unmöglich, dass es keine Macht über mich hat. Es trifft immer mich. Es geht immer um mich. Ich bin immer das Problem der Witz  Trigger Auslöser ja, verdammt, ich kann das nicht einmal sachlich, nicht selbstabwertend benennen, wenn ich es versuche.

Ich habe zu viel Angst, einfach wieder anzufangen und es zuzulassen. Ich weiß, dass es nicht nur wieder passieren kann, ich weiß, dass es mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit auch wieder passieren wird. Aber ich weiß, was ich tun kann, damit es mir nicht wegen etwas passiert, das ich sicher auch lassen kann.
Das ist nicht nur Traumalogik.
Das ist auch die Logik der Gewalt.
Beschämung ist Gewalt. Beschämung ist ein Machtinstrument. Sie hat Macht. Es ist irrelevant, ob ich ihr die zuschreibe oder nicht. Ich gebe sie ihr nicht. Sie hat sie. Sie hatte sie schon immer.

Meine Therapeutin redet weiter. Ich antworte und beobachte, wie unsere Worte im Raum, zu einem Bild verwachsen. „Ich könnte es ausdifferenzieren wie beim Schreiben“, denke ich. „Statt mich darzustellen, stelle ich meine Themen und Perspektiven dar. Wer sich daraus ein Bild von mir macht, ist selbst dafür verantwortlich. So hab ich das ja immerhin trotz allem Abhackdruck halten können. Aber geht das beim Fotografieren? Beim Malen? Zeichnen? Comics machen? Drucken?“
Das könnte ich versuchen.
Vielleicht.
Wenn ich mich traue.

Todesangst

„Wovor hast du denn Angst, es passiert doch nichts.“ Das, diese Frage ohne Fragezeichen, diese Aussage mit Lüge drin, ist mir im Leben bereits sehr oft begegnet. So oft, dass ich sie nicht mehr hasse. So oft, dass ich sie behandle wie viele andere Versatzstücke von Gesprächen, die ich weder wirklich durchdringe noch wahrhaft als Marker für die Natur des Gesprächs nutze. Denn es tut mir nicht gut, mit Menschen über Angst zu sprechen, die Angst nur als periodisches Erleben besonderer Situationen kennen und den Lauf der Dinge, in dem immer irgendetwas irgendwie passiert, ebenfalls nicht stets und ständig, sondern nur dann und wann überhaupt wahrnehmen.
So bleibt es, was ist: eine Mikroaggression, eine Alltagsignoranz.

Und ein Marker für eine soziale Falle. Denn die meisten Menschen sagen das, um zu vermitteln, dass man (mit ihnen) sicher ist. Dass alles okay ist. Es ist aber nicht alles okay, wenn eine Person Angst kommuniziert und die andere nicht einmal eine Idee davon hat, worum es bei der Angst geht. Diese Person irrt sich. Sie bemerkt etwas nicht, sie ist nicht im Bilde über die Lage und möchte ihr Sicherheitsgefühl natürlich auch nicht verlieren. Deshalb sagt sie diese Phrase. Diese Floskel. Diesen kleinen sozialen Abwatscher, der der anderen Person vermittelt, sie würde etwas sehen, fühlen, bemerken, das nicht da ist.
Und die andere Person? Vielleicht versucht sie nochmal, zu schildern, was ihr Angst macht. Vielleicht erklärt sie. Doch je weiter ihre Ängste, ihr Erleben von Angst, die Rolle von Angst in ihrem Leben, von der der anderen Menschen abweicht, desto häufiger wird genau diese Erfahrung der Abwehr, der Mikroaggression und des Infragestellens der eigenen Wahrnehmung.
Und dadurch werden andere Menschen oder auch nur der Kontakt mit ihnen einfach grundsätzlich immer unsicher. Auch die Netten. Die Lieben. Die Vertrauenswürdigen. Die ganz wirklich überhaupt nichts Böses wollen. Die nur helfen möchten. Die nicht einen Hauch von Negativität in sich haben.

*

Ich habe geträumt, ich hätte Sookie erschossen.
Meine Assistenzhündin, mein erster echter emotionaler Spiegel, das Wesen, die Entität, mit der ich mich rückhaltlos verbunden gefühlt habe. Sookie, die letztes Jahr gestorben ist.
Es war die Art Traum, gegen die ich mich entscheiden konnte. Ich hob meine rechte Hand und drückte damit meine linke Schulter, um mich aufzuwecken. Das ist meine Traumunterbrechungsgeste. Wenn ich mich an die erinnern kann, während ich träume, weiß ich, dass ich sie ausführen kann und alles Schlimme oder Unangenehme unterbrechen.
Doch als ich aufwachte, war da keine lebende Sookie. Kein warmer, weicher Brustkorb, der sich an meine Seite schmiegt. Da war nur die Tatsache, dass sie tatsächlich tot ist und nie wieder lebendig sein wird.

Nach Sookies Tod hatte ich nicht viel Raum für die Verarbeitung ihres Todes. Ich hatte viel zu viel Angst, meine neue Arbeitsstelle nicht behalten zu dürfen. Ich hatte die Fahrschule, die mit viel Angst einherging. Neben dem Podcast, der Verlagsarbeit, den Projekten, an denen ich mich privat beteilige.
Damals habe ich ein Mal geweint. Direkt noch mit Sookie im Arm auf der Wiese. Reflexhaft, als würden sich meine Tränendrüsen übergeben müssen. Und ein Mal brach F., ein Kinderinnen, weinend aus mir heraus, als ich meine Therapeutin in einem Notfalltelefonat hatte.
Die Trauer um meine so nahe Begleiterin zeigte sich im Alltag eigentlich nur in einem Fähigkeitsverlust. Ich war nicht traurig und auch nicht sicher, ob ich trauern würde. Wenn ich in der Zeit danach mal nicht von Angst über für andere unsichtbaren, irrelevanten Kleinscheiß des Alltags umgetrieben wurde, dann hatte ich Sehnsucht nach Sookie. Nach den langen Wanderungen im Wald. Sie in ihrem unermüdlichen Weg vor und wieder zu mir und vor und wieder zu mir, Anspielen, Dinge beriechen, Schauen, Teilen, vor und zurück. Nach dem Gefühl, dass wirklich alles okay ist, weil wir so viel miteinander teilen, was der Moment in sich hat. Eine Sehnsucht, die ich sonst nur habe, wenn ich mir eine Freundin wünsche, obwohl ich schon welche habe. Oder eine Familie, obwohl ich schon eine habe. Nur eben nicht so.

In der Nacht des Traums, dem Moment der Orientierung in die Realität, kam die Traurigkeit, wie etwas, das mich töten könnte.
Ich konnte kaum noch atmen, meine Brust war so zusammengepresst, dass weder Töne heraus noch Luft hinein kam. Mein Weinen hatte meine Augen so anschwellen lassen, dass es sich anfühlte, als hätte ich Steine darauf liegen. Ich konnte kaum sehen, kaum atmen und das, während der emotionale Schmerz mich in einer Radikalität erfüllte, die ich nicht anders als grenzenlos beschreiben kann. Etwas, das ich nur von Kinderinnens kenne. Ganz entfernt. Eher theoretisch als je selbst erlebt. Ich dachte, ich bekäme einen Herzinfarkt. Mehr fremd als selbst ging ich zu meinem Mann runter. Er verstand sofort, dass es sich schlimm anfühlen würde, so einen Traum gehabt zu haben und dann in eine so gleich schlimme Realität aufzuwachen. Er tröstete mich. Und ich? Ich bin nicht in einer warmen Wolke der Liebe gelandet und fühlte mich besser. Ich bin emotional, seelisch, ichlich gestorben. Meltdown, Krampfanfall. Der erste große, den mein Mann direkt miterlebt hat. Das reine Wahrnehmen der Traurigkeit hat mich getötet.

Am Ende der Shutdown. Das dissoziative Nachwehen als diffuse Masse aus Reiz und Reaktion, ein Ich im Wiederaufbau. Das Ausgeliefertsein an die Umwelt, während das Fühlen der Angst darüber noch gar nicht wieder möglich ist. Wie auch Gefühle von Sicherheit und Liebe. Geborgenheit und Nähe.
Wir lagen zu dritt auf dem Bett, wie ein ganz intimes Familiensandwich. Bubi an meinem Bauch, mein Mann an meinem Rücken.
Ich konnte nichts empfinden. Nicht einen Gedanken halten. Nur meinen Körper entlang ihrer Atmung rekonstruieren und warten, bis ich mich als lebend wiedererkenne.

*

Vor solchen Momenten habe ich Angst.
Solche Momente habe ich fast jeden Tag in abgeschwächter Form. Nicht immer mit einem Krampfanfall. Immer wieder jedoch mit einem innerlichen Meltdown. Der absoluten Ohnmacht und der im Grunde fast immer bestehenden, sehr umfassenden, Einsamkeit wegen der für andere Menschen offenbar unmöglichen Nachvollziehbarkeit dessen, was in mir vorgeht, wenn ich mein Leben, aber auch meine eigene Lebendigkeit erlebe.
Da geht es nicht um Vertrauen oder Nichtvertrauen, wen ich lieb finde und wen nicht. Ob ich mir genug oder zu viel zutraue, ob ich zu wenig soziale Codes verstehe oder hinnehme. Ob ich mich meinen Ängsten stellen, sie mir abtrainieren oder als in der Regel unbegründet akzeptieren muss oder nicht.

Es geht darum, dass ich mich daran sterbend erlebe und weiß: Wer noch nie an seinen eigenen Gefühlen gestorben ist – wer sich noch nie an Verzweiflung, an Not, an innerer Spannung so umfassend selbst verloren hat – wird immer denken: „Ach komm. So schlimm ist das nicht.“

Gleichzeitigkeiten

Manchmal sind es Gleichzeitigkeiten, die es mir schwer machen, Auslöser für Traumareaktionen und meine eigenen Fehlschlüsse zu erkennen, obwohl sie mit nur ein wenig veränderter Perspektive unübersehbar sind.
Gleichzeitigkeiten in der Bedeutung von Dingen, um genau zu sein.

Erklärender Ausschwiff, was ich damit meine:
Dass man auch „Verbrenner“ zu bestimmten Autos sagt. Da hatte ich mal eine einigermaßen fürchterliche Zeit, weil ich Verbrennungsvorgänge im Zusammenhang mit Autos nicht vereinbar mit der üblichen Funktionsweise eines Autos empfand. Wenn ein Auto verbrennt, fährt man nicht damit, denn das wäre potenziell tödlich.
Dann habe ich gelernt: Die Fahrzeuge nennt man „Verbrenner“, weil sie im Motor etwas verbrennen, um zu fahren.
Was ich aber brauchte, um eine unfassbare Angst während des Autofahrens nicht mehr zu haben, war eine Einordnung darüber, dass man in einem „Verbrenner“ – ja – in einem Auto sitzt, in dem es brennt (genauer: es einen Verbrennungsvorgang gibt), aber nein – das Auto deshalb nicht automatisch eine Feuerfalle wird, wenn man zu lange damit fährt.
Ja, nein, man macht nicht deshalb eine Rast an Raststätten. Ja, nein, wenn „der Motor überhitzt“, ist das kein erstes Zeichen für eine unkontrollierte Verbrennung, sondern eins für fehlerhafte Kühlung. Ja, wenn die Sonne stark auf die Metallkarosserie scheint, wird sie sehr heiß, aber, nein, der Kraftstoff im Auto kann deshalb weder ausdünsten und wie Gas im Auto entflammt werden – vom Zündschlüssel, den man in das Auto steckt – noch von der Hitze entzündet werden.

Die Gleichzeitigkeit ist in dem Beispiel sowohl die Bedeutung des Wortes, als auch der Schlüsse, die ich damals gezogen hatte. Ich war kein irrational bockiges Kind, das rumspinnt und sich aus Lust am Horror in ein absolutes Katastrophenszenario reinsteigert. Ich habe aus den mir vorliegenden Informationen etwas geschlossen und eine absolut logisch nachvollziehbare Todesangst gehabt, die ich – anders als die Erwachsenen in meinem Leben – weder mit Erfahrungswissen konfrontieren noch mit Vertrauen in meine Bezugspersonen beruhigen konnte.
Bei dem Auto-Feuer-Thema war informierende Differenzierung wichtig, gerade weil es stimmt, dass mit dem Autofahren Feuergefahren bestehen, nur eben nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte.

Ähnliche Differenzierungsbedarfe habe ich bis heute, wenn es um Trigger für traumareaktives Verhalten geht. Nur dass das noch insofern einen weiteren Komplikationsgrad hat, als dass mir meine eigenen Schlüsse aufgrund der strukturellen Dissoziation nicht immer gleich bewusst sind.

Ich habe jetzt den Auslöser für meinen Rückfall in die Essstörung gefunden.
It’s a classic. Drohender Kontrollverlust aufgrund meines aktuellen BMI während meiner Schwangerschaft und unter der Geburt
Für mich mit meinem medizinisch vorbelasteten Autibrain eine absolut klare Kiste: Mediziner *innen haben ihre Werttabellen und daran orientieren sie sich. Punkt. Keine Diskussion. Meine Selbstbestimmung der hill, auf dem ich alleine sterben gelassen werde, weil natürlich niemand jemals wirksam gegen das widerspricht, wozu Ärzt *innen raten. Würde mir ein *e Behandler *in sagen, dass mein BMI irgendetwas nicht zulässt, würde mir niemand beistehen. Ich wäre alleine. Mit einem ausgesprochenen Risiko, das mich vielleicht noch nicht einmal wirklich betrifft, weil der BMI einfach viel mehr zur Messung sozio-ökonomischer und anderer sozialer Diskriminierungsfaktoren taugt als sonst irgendwas. Und es wäre komplett egal, ob ich damit recht habe oder nicht.
Ich wäre allein. Niemand würde mir mehr helfen. Ich wäre in Lebensgefahr.

Schon beim Aufschreiben dieses Absatzes habe ich, ohne es bewusst zu merken, mehrfach geschrieben: „Ich wäre alleine“. Und das, was ich nicht aufgeschrieben habe, hat einfach alle Traumaflaggen auf jedem Erker: „Andere würden mit mir machen, was sie wollen können für richtig/wichtig/angemessen/(mich zwingend) nötig halten, ganz egal, wie das für mich ist.“ „Ich müsste alles mit mir machen lassen, damit mich niemand alleine lässt.“

Da ist sie, diese tückische Gleichzeitigkeit von Gewalt-Trauma und Gewalt-Realität.
Ich habe wirklich und echt so gar keinen Grund, dem medizinischen Apparat grundsätzlich vertrauensvoll zu begegnen. Null. Und gerade im Themenkreis „Schwangerschaft und Geburt“ haben Menschen, die Kinder bekommen können, noch x-mal weniger Grund zur Annahme, im Fall des Falls wäre ihre Selbstbestimmung für irgendwen von Wert. Fast jeder Geburtsbericht einer traumatischen Geburt schreit zwischen den Zeilen in die Welt: „Ich hab zugestimmt, damit ich nicht allein sterbe.“
Da ist immer der Wunsch (und Auftrag und Pflicht und Eid) von Behandler*innen nicht zu schaden und von Angehörigen nur das Beste zu wollen. Und gleichzeitig eine Person, die genau deshalb zu Schaden kommt und die eigene Lebendigkeit (und/oder die des Kindes) als das Beste begreifen soll und in vielen Fällen auch muss.

In genau diesem Dreieck fand das statt, was ich heute als Helfertrauma aufarbeite.
Also jetzt gerade ganz akut. In jeder der letzten Therapiestunden. Ich, Hannah, bin immer wieder extrem aufgemacht an dem Komplex, an dem mein Ich entstanden ist. Als Schutzsystem für eine_n Jugendliche_n, die_r am Helfen anderer Schaden nimmt.
Logisch kommt es zu spontanen Querschlägern, unbewussten Schnellschlüssen, erst einmal nicht nachvollziehbaren Reaktionen, die auch aufgrund des Autismus nicht mal eben einfach mit ein bisschen mehr Reorientierung als sonst containt kriege. Ich bin gleichzeitig in der autistischen Kompensation (die ehrlicherweise auch weitgehend Retraumatisierungsvermeidung ist), der Traumaverarbeitung und in der Traumareaktion.

Ich bin gerade in einem Momentum des Traumaverarbeitungschaos. Das entsteht aus mehr Alltagsamnesien als sonst. Dadurch mehr Anspannung. Dadurch mehr Herausforderung an meine Autismuskompensation im Alltag. Die mich so schon oft über meine Grenzen bringt und mich dünnhäutig macht. Meine Dünnhäutigkeit bietet jüngeren Inneren unerwartet große Fenster in die Gegenwart. Meine Ängstlichkeit über das Gefühl ihrer Blicke durch mich hindurch wird zu einem paradoxen Helfer für mich. Ich habe Angst, sie zu spüren, aber durch meine Angst fühle ich mich sicher. – Wieder so eine Gleichzeitigkeit – Angst haben und so daran gewöhnt sein, dass es mehr Angst machen würde, wäre sie weg, weil ich mich dann nicht mehr sicher im Sinne von zuverlässig fühlen kann.
Und gleichzeitig zu all dem, was allein schon wirklich richtig schwer und zuweilen auch schmerzhaft ist, gehört ein Trigger, der mir – obwohl er mir jetzt unübersehbar erscheint – noch nicht wirklich bewusst war: „Jetzt geht DAS wieder los. Die Klapse und alles. Weil ich mitgemacht hab, aber nicht gut genug. Jetzt knall ich komplett unrettbar durch. Jetzt kann mir niemand mehr helfen.

Jetzt werde ich alleine gelassen.
Eingesperrt.
Mir selbst überlassen.

Ohne jede Möglichkeit, über mich zu bestimmen.

Weil ich zeitweise nicht mal mehr weiß, was ich will.
Was wollen ist.
Wie bestimmen geht.

Es wird eben doch nie enden.

Andere müssen vor mir geschützt werden.
Egal, wie das für mich ist.

Es ist das Beste, wenn ich nicht mehr hier bin.
Ich sollte weg.
Ich muss weg.“

Das hat dann alles gar nichts mehr mit der Verarbeitung von schwierigen Erfahrungen zu tun, sondern mit der Verarbeitung eines Selbstzustandes, in dem die schwierige Erfahrung nicht mehr nur in mir drin ist, sondern auch im Raum, im Kopf, im Herz meiner Therapeutin und dadurch mit einer anderen Perspektive angeschaut.
Ein Selbstzustand mit neuen bisher ungelebten inneren Zusammenhängen, Selbsterfahrungen und Handlungsmöglichkeiten.
Ich, wir alle als Einsmensch, könnten alles Mögliche machen. Da ist ja was zusammengekommen. Mehr verfügbar als vorher. So ganz objektiv draufgeschaut. Heute ist ja, auch wenn ich mich in diesem inneren Chaos befinde, alles sicher. Alles okay soweit. Und gleichzeitig können wir das noch nicht. Wir können gerade nur, was wir als System jeweils können.

Ich kann richtig kompetent Angst haben und meine Therapeutin anrufen und auf alle ihre Fragen „Ich weiß nicht antworten“, darüber komplett verzweifeln und genau deshalb aber auch präsenter und alltagshandlungsfähiger werden.
Die Anderen können die Kämpfe wieder aufnehmen, die sie damals gegeneinander geführt haben, weil sie gegen nichts und niemanden außen kämpfen konnten. In Form von der Essstörung. Das ist ihr Ding. Ihr Lösungsweg.

Ein Lösungsweg, der schon damals überkomplex war und über zwei andere Systeme hinweg überhaupt gar nichts verbessert hat. Aber etwas sichern konnte. Selbstbestimmung als aktiver Akt. Also etwas, das jeden Tag in bestimmten Handlungen gemacht werden kann.
Selbstbestimmtes nicht alleine Verhungern. Selbstbestimmtes hoffentlich vielleicht an Erbrochenem ersticken. Selbstbestimmter Magendurchbruch. Selbstbestimmter Dauerbauchschmerz. Selbstbestimmte Heimlichkeiten. Selbstbestimmte Schamgrenzen. Selbstbestimmt weggegebene Würde. Selbstbestimmte Zahlenziele. Selbstbestimmte Ideale. Selbstbestimmter Zeitlupensuizid.
0 % Angst. 100 % Kontrolle über die Inneren anderer Systeme, die immer wieder aus ihnen rausbrechen, weil sie um ihr Überleben kämpfen.

Vielesein ist genau diese Art der Gleichzeitigkeiten immer und auf so vielen Ebenen.
Alles ist immer irgendwie verbunden und gleichzeitig komplett voneinander abgetrennt.
Ich kann das alles wissen und trotzdem von genau den Dingen, die ich weiß und über die ich schon tausend Mal gesprochen habe, radikal geschnetzelt werden, einfach nur, weil irgendein bisher nicht so präsentes Innen durch meine Haut sieht und versteht, dass Gewicht immer noch Relevanz in Bezug auf die Selbstbestimmung hat.

„Ja, so wie damals, aber nein, nicht so.“, in einem anderen Szenario könnte ich mich hinsetzen, mich konzentrieren und die Sicherheit vermitteln, das zu erklären. „Schau hier sind die Unterschiede, das läuft so und so … deshalb ist es zwar gleich, aber nicht gleich.
In diesem heutigen Jetzt müssen wir alle, die anderen Inneren und ich alle zusammen, das von anderen Menschen erklärt kriegen. Ich brauche Sicherheiten, die anderen das konkrete Erleben von Selbstbestimmung durch für sie so radikale Akte wie selber etwas (anderes als den Essens/Selbstverletzungs/Suizidschissel) wollen und es dann tun. Wie das geht, müssen wir lernen. Mit Anleitung, denn so etwas hat noch kein Mensch von alleine gelernt.

Starre unterscheiden

Es gibt an meinem autistischen und komplex traumatisiertem Er.Leben etwas, das im Konfliktfall oft falsch verstanden oder eingeordnet wird:
Meine autistische Trägheit. Und meine traumabedingte (Angst)Starre.

Was beide gemeinsam haben, ist die relative Starre. Sie zeigt sich in allgemeiner Inflexibilität. Verlangsamter Anpassung an neue Umstände. Aber auch Schwierigkeiten dabei, Neubewertungen vorzunehmen und Verhalten entsprechend zu ändern. „Relativ“, weil die Umstände und Hintergründe eine große Rolle dabei spielen, in welchem Umfang und in Bezug worauf die Starre besteht. Ob sie eine Funktion hat oder nicht.

Meine Angststarre hat immer eine Funktion und mehr oder weniger definierte Auslöser. In der Podcastepisode „Viele-Sein“ 99 mit Felice über Innenkinder kann ich das gut an meinen Aussagen zeigen. Dort erkläre ich, dass meine phobische Vermeidung einen direkten Zusammenhang mit der Wahrnehmung von (früher kindlichen) Grundbedürfnissen hat. Die Logik, in der meine phobische Vermeidung passiert, ist der absolute Klassiker: Es war früher ein lebensbedrohliches Problem, Grundbedürfnisse auszudrücken und um den Bezug zum Umfeld, das man nicht kontrollieren kann, zu erhalten, kontrolliert man sich selbst und erklärt es zum Problem überhaupt Grundbedürfnisse zu haben. Da man als Mensch nicht ohne Grundbedürfnisse existieren kann, unterdrückt und verleugnet man sie und damit das auf Dauer nicht übermäßig viel Kraft kostet und immer wieder neu erforderlich wird, vermeidet man alles, was damit zu tun hat. Man „vergisst“ es einfach.
Das waren unbewusste Entscheidungen, getroffen in Momenten, in denen es um den Lebenserhalt ging. Sie sind in gewisser Weise so steif und starr in mir drin verankert, wie es mein Kinderkörper in der Situation war. Die gleiche Energie, die bei einer anderen Stressreaktion in Todesangst zu großer Kraft für Flucht oder Kampf geführt hätte, hat bei mir zu innerer Aufteilung, Abgrenzung, Dissoziation geführt. Meine Angst ist praktisch, was diese innere Struktur zusammenhält und entsprechend immer funktional erforderlich. Fange ich an, daran rumzuwackeln oder etwas aufzulösen – meine Ängste zu reflektieren, auf ihren Nutzen heute zu prüfen und wenn möglich abzulegen, verändert sich diese innere Struktur natürlich. Die Starre lässt nach. Es kommt zu Verbindungen, die vorher nicht möglich waren. Mit diesen Verbindungen kommen neue Selbst- und Umwelterfahrungen. Die führen zu neuen Bewertungen des Selbst- und Um.Weltbildes. Und diese führen zu Impulsen, die die Gestaltung des Lebens insgesamt betrifft.

Dieser Prozess – dieses Auflösen und mit den Folgen klarkommen – erfordert eine sichere Umgebung. Sichere Begleitung. Versicherung über Bezug, Hier und Jetzt, Möglichkeiten und Grenzen. Praktisch das Gegenteil von dem, was früher da war. Ist es nicht sicher, passiert da auch nichts. Punkt.

*

Meine autistische Trägheit hingegen geht mit einer relativen Starre in Bezug auf sich selbst einher. Das führt dazu, dass sie primär für den Selbster.halt im Zusammenspiel mit der direkten Umgebung funktioniert. Da geht es darum, dass ich überhaupt mit der Umwelt interagieren (kommunizieren) kann und weiß worum es geht, wer was sagt; ich mich selbst in Bezug setzen kann. Diese Starre verändert sich nicht durch psychische Vorgänge oder soziale Umstände, sondern die Ressourcen, die für die kognitive Verarbeitung bereitgestellt werden können.

Im Gespräch mit meiner ADHS-Freundin, die ihre inneren Prozesse und Gedanken mal mit vielen Zügen, die gleichzeitig nach autonomen Plänen fahren und sich gegenseitig ständig verändernde Gleise streitig machen, verglich, kam ich zu dem Bild von meinem Gedankenzug und mir.
Ich habe nämlich genau einen Zug und ein Gleis. Die anzufahrenden Ziele liegen jedoch nie in einer geraden Linie. Es wäre effizienter, flexibler, schneller, bedarfsgerechter für sämtliche Abläufe, mehrere Gleise und mehrere Züge zu kontrollieren. Ich habe aber nur einen Zug und ein Gleis zur Verfügung. Ich kann mir mehr wünschen. Kann Fähigkeiten erlernen, mehr zu bedienen. Kann so tun, als ob da mehr Züge und Gleise wären. An der Realität verändert das aber nichts.

Viele meiner nicht autistischen Mitmenschen übersetzen sich diese Konstitution mit „Scheuklappen aufhaben“, „Tunnelblick“, „(extremer) Fokus/(extremes) Ausblenden“, „Dissoziation“, „Konsequenz“, „Zwanghaftigkeit“, „Sturheit“, „Uneinsichtigkeit“, „Verbissenheit“, „eigensinnig“, „rechthaberisch“, „kompromisslos“, „dogmatisch“, „spitzfindig“, „aggressiv“, „unerbittlich“, „streng“, „tyrannisch“.
Die meisten Konflikte, die ich mit anderen Menschen habe, kommen am Ende auf diese Eigenschaft und ihre überwiegend negative Konnotation bzw. bedingte Einordnung zurück. Wer sich mit mir streitet und meine autistische Trägheit nicht versteht, denkt in der Regel, dass ich Recht haben will. Nicht zuhören. Keine Kompromisse finden. Meine Meinung durchsetzen. Keine Rücksicht nehmen wollen. Unangenehme Wahrheiten nicht annehmen. Oder auch, dass ich meine Ziele und Wünsche wichtiger, wertvoller, relevanter finde als die (Gefühle) von anderen Menschen.

Für mich sind Konflikte – ich bleibe mal bei dem Bild mit dem Zug – plötzlich hinzukommende Haltestellen, die nicht nur erfordern, dass ich sie anfahre, sondern, dass ich vorher noch bestimmte andere Haltestellen anfahre, dort ganz bestimmte Fahrgäste (Informationen) aufnehme, mit ihnen spreche (die Informationen richtig aufnehme und verstehe) und zum richtigen Zeitpunkt an eben jene neu hinzugekommene Haltestelle bringe – wo sie einen ebenfalls von mir gestellten Anschlusszug bekommen müssen.
Ich habe aber nur einen Zug. Ein Gleis. Und sehr viele für mich unvorhersehbare „plötzlich einfach da-Haltestellen“, die sehr viele special wichtige Fahrgäste erwarten. Meine alltägliche Trägheit (nur langsam oder sehr angestrengt aufgelöste Starre) und die entsprechende Unflexibilität erhöht meine Chancen auf unvorhersehbare Anforderungen überhaupt reagieren zu können und garantiert mir in gewissem Umfang ein grundsätzliches Verständnis und Möglichkeiten des Überblicks. Das sind die im ICD 10 beschriebenen „anhaltend eingeschränkte, sich wiederholende und unflexible Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten (…)“.
Im Bild mit dem Zug ausgedrückt: Ich habe einen Fahrplan, der zwingend bestehen muss, weil der Zug sonst niemanden mehr aufnehmen oder gezielt irgendwo hinbringen kann. Verlasse ich die übliche Strecke, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich den Überblick verliere. Mir Informationen zur Beurteilung einer Situation fehlen. Ich falsch oder verletzend für andere Menschen priorisiere. Meine Grundversorgung nicht mehr gewährleistet ist. Mein Bezug zu mir selbst verloren geht. Ich mich als Quant erlebe, wie ich es im letzten Blogtext beschrieb.

Das heißt nicht, dass ich wirklich niemals von meinem Fahrplan abweiche. Als Kind in einer Gewaltfamilie und später Empfänger_in von Hilfe(dienst)leistungen konnte ich mir das überhaupt nicht leisten. Ich musste mein Grundbedürfnis nach Sicherheit (durch Überblick durch Verstehen der Situation) dissoziieren, um nicht (das Empfinden zu haben, in Gefahr zu sein und) zu sterben.
Ich musste lernen, fraglos, klaglos ohne jedes Belastungsgefühl hinzunehmen, dass ich den Großteil meines Lebens mit all seinen Vorgängen und Geschehnissen einfach nicht verstehe oder ihren Bezug zu mir nicht durchdringe. Und dass die Menschen in meiner Umgebung immer wieder (emotional aufgeladene, lebensbedrohliche, emotional vernichtende, demütigende) „Rückmeldung“ dazu geben.
Ich habe mein Nichtverstehen maskiert. Ich habe meine Verwirrung versteckt, habe meine Mustererkennungsfähigkeiten trainiert und die unbeworteten Skripte meiner Umgebung herausgearbeitet. Wer sagt wann was, wer macht wann was, wie muss ich X in Situation A, B, C machen … Der Rest ist copy und paste mit besserer Trefferquote, je älter ich wurde.

Ich arbeite bis heute damit. Dieses Vorgehen, das ich für mich als „letzte Rettungs-Fahrplan“ bezeichne, habe ich nie verändert. Obwohl ich weiß und immer wieder merke, dass es im Kontakt mit anderen Menschen der ungünstigte Fahrplan ist.
Darin fehlt es praktisch nie an Information und Reaktionszeit, aber praktisch immer an Emotion und Beziehungsperformance. Übersetzt in das Bild mit dem Zug: Mit diesem Fahrplan kriege ich nur bestimmte Fahrgäste rein – an der Zielhaltestelle braucht es aber alle für diese Haltestelle relevanten Fahrgäste.
Entsprechend groß ist die Unzufriedenheit anderer Menschen in so einer Situation mit mir. Sie sind nicht froh, dass ich überhaupt komme – ich meinen Fahrplan extra für sie von „meine basale Grundversorgung“ zu „letzte Rettung“ umgestellt habe. Sie sind pissed, weil sie annehmen, ich wäre emotional kalt und auf meinen eigenen Vorteil aus. Und verhalten sich mir gegenüber entsprechend.

Und da beginnt die Mischung, die es schwierig macht, mein Verhalten und seine Ursachen richtig einzuordnen.
Meine „Fahrplanänderung“ führt dazu, dass ich nicht grundversorgt bin und in meinem Bezug zu mir selbst bereits weniger stabil bin, als es ein Konflikt eigentlich erfordert. Denn sie hat enorme Energie gekostet. Physik-Grundkurs: Trägheit zu überwinden, kostet Kraft.
Diese erforderliche Kraft ziehe ich aus der Todesangst, die sich durch den Traumatrigger „zwischenmenschliche (Konflikt)Situation“ ergibt.

Auf eine Art bedingt meine Angst in dem Moment, dass ich annehme, ich müsse jetzt ganz zwingend und auf jeden Fall meinen „letzte Rettung-Fahrplan“ einstellen. Geht ja schließlich um alles. Angst bedingt einen starren Tunnelblick.
Allerdings habe ich, selbst wenn ich nicht in Todesangst bin, als Reaktionsmöglichkeit für besondere Vorkommnisse/Abweichungen im Alltag keinen anderen Fahrplan. Selbst wenn ich wollte. Ganz doll motiviert bin. Ganz eindeutig sehe: Jetzt wäre es besser, mehr Züge und Gleise zu haben.
Ich hab sie nicht. Sie sind mir einfach nicht gegeben und weder äußere Notwendigkeit noch innere Motivation, emotionale Situierheit oder psychische Konstruktion stellen sie für mich her.

Was ich kann und mache ist, mich diesbezüglich mitzuteilen.
Ich demaskiere mich. Lege dar, dass mir Informationen fehlen, indem ich vermittle, was ich wie verstehe und was nicht. Lebe damit, dass man mich nicht (mehr) für einigermaßen clever hält. Vor allem, wenn sich zeigt, dass das, was ich nicht verstehe, für andere so klar ist, dass sie es manchmal nicht sofort benennen oder erklären können.
Ich lasse mich außerdem von anderen in Konfliktfragen beraten, frage nach ihrer Sicht darauf und gleiche sie mit meiner ab. Diese Gespräche helfen mir, den Konflikt weniger als plötzlich über mich hereinbrechendes Ereignis zu erleben, das mich wie in traumatischen Situationen isoliert und wortlos (also wehrlos) machen könnte.
Und ich übe mich darin, die Angst zu beruhigen, die bei mir aufkommt, wenn ich merke, dass man von mir erwartet, schneller zu sein als ich bin, wenn ich keine Todesangst habe. Sondern versorgt. Mir meiner selbst bewusst. Im Überblick darüber, was ich tue, wo ich bin, warum ich was tue, möchte, brauche will. Weil ich meinen ganz eigenen – ja, total unflexiblen, rigiden und für andere widersinnigen – Routinenfahrplan verfolge. In meinem Zug auf meinem Gleis.

Nicht, weil der wichtiger ist. Besser. Relevanter. Sondern, weil das der Plan ist, den ich ohne Komplextrauma, ohne die Gewalt an mir, schon immer hätte abfahren können. Meine autistische Trägheit, meine Ein-Zug-ein-Gleis-igkeit war und ist immer nur dann ein echtes Problem, wenn man sie für etwas hält, das ich mir antrainiert habe, wie meine posttraumatische Angstkompensation. Wenn man von mir erwartet, dass ich diese Funktionsart verändern kann, wenn ich nur wollte oder die passenden Umstände erlebe.
Wenn mein Gegenüber sich nicht die Mühe macht, die Unterschiede der Starre an.zu.erkennen und zu akzeptieren, so wie ich sie selbst anerkennen und akzeptieren muss.

einfach immer nur geradeaus

Alle habens gesehen. Und mich gefragt, obs geht.
So alleine sein. So lange.
Jetzt. Kurz vor einer für mich berufs- und also zukunftsrelevanten Prüfung.
Jetzt, in dieser Zeit der Auseinandersetzung. Erinnerung. Inneren Konfrontation.
Und ich konnte mir nichts Entlastenderes vorstellen, als wirklich ganz für mich zu sein. Keine Unterbrechung. Keine Rücksicht. Nur mein Gedankenzug und ich. Immer geradeaus.

Ich habe meine letzten Aufträge abgearbeitet. Alles, was zur Kinderwunschbehandlung gehört, auf ein geistiges Nebengleis gestellt.
Der Podcast ist bis zum Hörer_innentreffen vorproduziert, Freund_innen wissen alle, dass das Examen bevorsteht, Therapie hat auch eine Pause – Arschbombe in die ungeteilte Aufmerksamkeit für das, was jetzt wirklich wichtig ist!

Und dann, jetzt, bin ich alleine.
Nicht nur Sookie und ich-alleine.
Nicht Pflegestellen-alleine.
Nicht ambulant betreut-alleine.
Nicht obdachlos-alleine.

So richtig alleine.
Kein Prompt von Außen zur gezielten Umwelt- und Selbstwahrnehmung. Kein Signal zur Prüfung irgendwelcher Parameter meiner Existenz. Verstreute Wecker, die mich zu einem Menschen mit abstraktem Funktionsvermögen zusammenpressen. Konfusion über Wahrhaftigkeit, Konsistenz und Vertrautheit der Momente, in denen wir Nachrichten bekommen. Das sind meine Freund_innen? Echt – ja, ja klar, ich fühls doch, sehs doch, weiß es doch – hä? Im Ernst? Aber, ähm – Bezug? Was haben wir miteinander zu tun, wieso wissen die alles von mir, ich bin doch hier und die da? Ach so, ja ja ich erinnere mich, ja ja ach – das hat alles mit allem zu tun aha, ja. Ja klar. Was hab ich – hä, was sind eigentlich gerade meine Gedanken? Bin ich? Ahja, ja da war was. Kann ich deshalb nicht, wie ich will? Was zum, wieso, aber – ach ja. Ja. Menschlichkeit. Grenzen. Oben, unten dies das, ja ja klar, ich erinnere mich. Ja. Das hat mit mir zu tun. Ich bin kein Quant. Ja. Nicht vergessen.

Und dann vergesse ich es doch. Bis zum Wecker. Oder dem grauenhaften Empfinden meine Existenz nicht auszuhalten. Wenn es extrem wird. Extrem hungrig. Extrem traurig. Extrem verwirrt. Extrem ängstlich. Extrem müde. Extrem belastet.

So brüchig ist das. Ich.
Und:
Mir geht es gut.
Ich bin dem nicht ausgeliefert, nur weil ich es nicht verhindern kann.
Ich habe mir mehr Wecker gestellt. Mit Prompts, die sonst von meinem Mann und Bubi, früher von Sookie, Betreuer_innen oder Pfleger_innen, anderen Menschen in meinem direkten Umfeld kommen.
Ich kann alles, was ich können muss, um nichts Extremes zu empfinden.

Ich muss nur dran denken.
Bevor ich mich in einen Fokuspunkt verwandle und in meinem Gedankenzug einfach immer nur geradeaus fahre.

mit Ableismus gegen Ableismus

Wilde Zeiten.
Vor einiger Zeit habe ich mir den Film „blinder Fleck“ angesehen. Ich wollte eine Besprechung schreiben, an deren Ende die Frage steht: Ist mit Ableismus gegen Ableismus anzugehen das, was Opfer von Gewalt brauchen?
Dann haben Paula ihren Text „Blinder Fleck“: Wenn Fragezeichen bleiben, die aufgelöst werden könnten“ veröffentlicht und mein Draft landete im Papierkorb.
Kurz darauf sprach ich mit meiner Freundin und meiner Therapeutin über zwei für mich sehr prägende und schwierige Situationen. Die Auseinandersetzung damit bringt mich dazu, meinen internalisierten Ableismus zu reflektieren. Diesen so DIS-typischen Ableismus der Opferschaft von Kämpfer_innenanteilen, die denken (und fühlen und sich selbst auch so erfahren haben): „Ich kann gar kein Opfer sein, denn ich kann ja alles (und die Anderen nicht)“.
Und dann kommt der Disability Pride Month und mit ihm der Hashtag #IchLeideNicht ins Fediverse.

Ich verstehe den Gedanken dahinter. Aurora hat in einem Trööt beschrieben, was sie*r damit meint. Das macht es nur leider überhaupt nicht besser, sondern noch viel schlimmer.
Die Idee ist aufzuzeigen, dass das Leben mit Behinderung nicht per se Leiden verursachend ist, sondern der Ableismus, der behinderte Menschen auf jeder Ebene im Leben negativ trifft. Was sich unter dem Hashtag sammelt, sind Inhalte wie: „Jede Treppenstufe ohne Alternative verursacht mehr Leiden als der Umstand, keine Treppen steigen zu können.“, „Jeder fehlende Untertitel ist schlimmer als nicht hören zu können.“, „Hey Ableds, eure Vorstellung von unserem Leiden ist falsch.“, „Ich leide nicht unter meiner Behinderung, sondern deiner negativen Bewertung.“

Ich finde keine dieser Aussagen falsch oder schlecht. Wir könnten darüber sprechen, wie sinnvoll es ist, die ableistisch gewaltvolle Trennung von „behindert/disabled“ und „nicht behindert/abled“ weiterzuführen und darüber Identitäten zu konstruieren – aber grundsätzlich ist es meiner Meinung nach nicht problematisch, Barrieren und diskriminierende Strukturen auch als Quellen des Leids zu benennen.

Nur …
Hier sitze ich und leide. Unter meiner Behinderung. Per se.
Denn dank meiner gesetzlichen Betreuerin, meiner Assistenzperson, meinem Arbeitsplatz in einem Inklusionsbetrieb, der therapeutischen Unterstützung und der Wertmarke zu meinem Schwerbehindertenausweis kann ich strukturelle und logistische Barrieren sowie einen gewissen Anteil der sozialen Barrieren in meinem Leben kompensieren.
Die größte Barriere – in meinem Fall der Großkomplex „Kommunikation und Interaktion im Zusammenhang mit Reizaufnahme und -verarbeitung“ im Gesamtkontext „Menschen“ – ist nicht primär aus ableistischer Grundhaltung oder Legitimation heraus entstanden, wie etwa Dauerbeschallung im Supermarkt oder der Umstand, dass Behinderung offiziell anerkannt werden muss, um offizielle Leistungen zur Bewältigung des Lebensalltages überhaupt beantragen zu können.
Diese meine größte Barriere führt nicht zur gleichen Kategorie Ausschluss, wie es fehlende Hörfassungen für blinde Menschen im Kino oder verweigerte Gebärdenübersetzung in der Schule für muttersprachlich gebärdende Menschen tun.
Meine Behinderung besteht auch dann noch, wenn alle Gebäude, alle Bildung, alle Versorgung für alle zugänglich ist.
Ich bewerte das nicht. Mache hier keine „dies ist schlimmer als das“-Geschichte auf. Wirklich nicht. Ausschluss ist Ausschluss und das ist immer ein Problem, das in unserer Gesellschaft lebensbedrohliche Konsequenzen hat.

Was ich hier ausdrücken möchte ist, dass meine Behinderung eine Ebene betrifft, die gerade deshalb zu Leiden führt, weil sie nicht performativ zu lösen ist. Gerade, weil ich mich für meine komplette Enthinderung nicht irgendwo dranketten und neue Gesetze fordern kann. Weil es nicht damit getan ist, dass mehr Leute mit Leuten wie mir in Kontakt kommen, um Vorurteile abzubauen. Weil das, was mich behindert, nicht (nur) ist, wie wir Menschen in aller Unterschiedlichkeit miteinander leben, sondern (auch) dass wir miteinander in aller Unterschiedlichkeit leben (müssen).

Ich erlebe mich sehr oft gefangen in meinem behinderten Körper (genauer: Gehirn/Denken) und entsprechend auch gefangen in meinem behinderten Er.Leben. Merke sehr oft sehr deutlich, entlang welcher Grenzen diese Barriere für mich verläuft und wie schwierig es ist, anderen Menschen eine zutreffende Idee davon zu vermitteln.
Und wie unfassbar schmerzlich es ist zu merken, dass es mir bisher noch nicht gelungen ist, gerade weil es nicht Ableismus oder Ignoranz oder böser Wille oder bloße Empathielosigkeit ist, was das verhindert, sondern schlicht der ganz individuelle menschliche Selbst- und Umwelt(wahrnehmungs)erfahrungshorizont anderer Menschen. Etwas, das natürlich davon geformt wird, wie wir leben und was wir (glauben) gelernt haben, aber in weiten Teilen auch einfach ist, wie es ist.

Mein Leiden ergibt sich aus der Einsamkeit, die für mich schon immer war und immer sein wird. Obwohl ich in weitaus weniger Bereichen als andere behinderte Menschen ausgeschlossen werde. Mich in vielen Bereichen weitaus umfassender kompensierend anpassen kann. Meine Menschlichkeit weitaus häufiger für mich selbst infrage steht als für andere Menschen – was auch etwas ist, das bei sehr vielen anderen behinderten Menschen genau andersherum der Fall ist.
Ich brauche in ganzen vielen Bereichen nicht unter Beweis stellen, dass ich es wert bin, versorgt, gebildet, eingebunden zu werden. Aber diese Versorgung, Bildung, Eingebundenheit führt nicht zu der angestrebten Gleich- und Miteinanderheit. Zu einem Sein an gleicher Stelle. Einem gemeinsamen, miteinander verbundenen Er.Leben der Situation. Es führt viel mehr dazu, dass die Bereitschaft anzuerkennen, dass ich diese eine Barriere weiterhin erlebe, immer weiter abnimmt. Man mir immer weniger glaubt, dass es sie überhaupt gibt. Und dadurch das Risiko für Aggression und Gewalt an mir (aufgrund meiner Behinderung) steigt.

Deshalb bin ich Selbstvertreter_in geworden.
Ich bin jeden Tag in eigener Sache präsent. Hier im Blog. Bei Mastodon. Im Podcast. In meiner Tätigkeit als Speaker_in. Als Autor_in. Als behinderte Person. Als Viele.
Ich will weder, dass andere autistische Menschen noch Menschen mit DIS, noch dass Journalist_innen, Unterstützer_innen, Psychotherapeut_innen oder Behandler_innen anderer Professionen sich als Vermittler_innen meines Leidens gerieren.
Denn was dadurch passiert ist, dass aus meinen Gewalterfahrungen und meiner Traumafolgestörung lediglich das für „nicht gleichermaßen betroffene“ Menschen allgemein nachvollziehbare Leiden anerkannt (und verwertet) wird. Und in der Folge auch nur die Anerkennung, die Unterstützung, die (Wieder)Einbindung in die Gemeinschaft passiert, soweit wie sie allgemein nachvollziehbar nötig, richtig und wichtig erscheint.
Mit allen sozialen Fallstricken, für die unsere westliche Gesellschaft bekannt ist.

Zum Beispiel dem, dass von mir als Person mit DIS nach organisierter Gewalt eine gewisse Dankbarkeit, grundsätzliche Zustimmung oder freundliche Anerkennung des Films von Liz Wieskerstrauch erwartet wird. Sie hat ja hart darum gekämpft, ihn machen zu können. Die ableistische Annahmenkette, die dem folgt: „Sie hat das für die Öffentlichkeit erarbeitet, aber auch ganz besonders für Leute wie mich, die ihre Gewalterfahrungen gar nicht konkret äußern können (bzw. aus Angst nicht wollen). Die (aufgrund der Krankheit) wehrlos waren (und/oder es jederzeit wieder sein könnten) und des Unwissens der Gesellschaft wegen gar nicht genug Schutz und Wiedergutmachung erhält.“ – diese Annahmen aufzuzeigen und zu kritisieren ist sozial unerwünscht. Das wird als Undankbarkeit wahrgenommen. Selbst dann, wenn Dankbarkeit gar nicht bewusst oder gefordert ist als gewünschte Reaktion.
Was mir auch schon passiert ist: Menschen sagen mir, dass ich gar nicht zu diesen Opfern/Betroffenen gehöre, für die „blinder Fleck“ wichtig oder hilfreich sein soll. „Die, um die es geht, denen gehts ja noch total schlecht. Die sind ja ganz am Anfang. Die brauchen ja noch sehr viel Hilfe, Beistand und Zuspruch.“ – auch das ist Ableismus. Es ist die gleiche ableistische Legitimationsgrundlage dafür, dass andere als die Betroffenen selbst über ihr(e) Leiden und Bedarfe sprechen.
Und ein Argument, das mich aufwerten soll. Ich soll mich als „weiter“, „gesünder“, „weniger gefährdet“ einordnen und von anderen Betroffenen abgrenzen. Ganz so als wäre es richtig, wenn Betroffene nicht aufgrund ihrer Erfahrungen und Kämpfe zusammenkommen und sich organisiert in ihren Anliegen vertreten, sondern aufgrund ableistischer Grundannahmen und Vorurteile voneinander fernbleiben und anderen die Vertretung überlassen.

Ich bin Selbstvertreter_in geworden, weil ich zwischen politischen Anliegen und persönlicher Vermittlung meiner Er.Lebensrealität trennen muss.
Für mich ist absolut klar, dass mein politisches Engagement für Opfer von Gewalt meine persönliche Lage als behindertes Opfer von Gewalt nur bedingt verändern kann. Das heißt nicht, dass ich das, was gerade gemacht wird, immer schlecht finde oder unvollständig, nur weil meine spezielle Schneeflocken-Konstellation nicht mitbedacht wird. Überhaupt nicht.
Ich bin geübt darin, die Perspektive der „nicht direkt selbst Betroffenen“ Filmemacher_innen, Journalist_innen, Unterstützer_innen und Behandler_innen einzunehmen und als Arbeit und Teil der Bewegung wertzuschätzen. Dazu gehört für mich aber zwangsläufig auch immer und immer wieder zu sehen und zu kritisieren, was diese Menschen offensichtlich überhaupt nicht sehen. Nämlich, dass sie mit Ableismus gegen Ableismus kämpfen.
Und damit zwar Bewegung generieren – aber keinen Fortschritt.

die Ausnahme, Teil 2

Ich hatte keine Ahnung, was mich so irritierte, aber immerhin altbewährte Reaktionswege. Angst. Die bekomme ich einfach immer unter.
Mir war schon am nächsten Tag klar, dass ich Hilfe brauchen würde. Noch konnte ich meine geistige Verfusselung auf Reisemüdigkeit und Erschöpfung von der vergangenen Woche zurückführen. Aber als ich am Abend merkte, dass ich überlegte, im Büro statt im Schlafzimmer zu schlafen, war klar, dass ich auf direktem Weg auf die Tanzfläche für einen Vermeidungstanz war.

Der informierte Traumamensch denkt in dem Zusammenhang an Trigger. Was ist mit der Puppe? Habe ich mal was Schlimmes mit Puppen erlebt? Gibt es in mir drin Täter_innenintrojekte, die das Objekt nutzen, um Gewalt im Inneren zu wiederholen? Habe ich mich in Traumawahrheiten verstrickt, nach denen ich nichts Schönes haben darf oder nicht es nicht wert bin?
Ich wusste, dass meine Therapeutin mit mir diese Schiene abfahren würde. Und ich wusste, dass ich ihr keine dieser Fragen ohne größere Tiefenwanderung beantworten könnte. Ich müsste mich für Kinderinnens und andere Seiten öffnen, um das Problem wenigstens eingrenzen zu können. Aber hier zu Hause, unbegleitet, unstrukturiert und spontan, machen wir sowas nicht.
Wir haben trotzdem miteinander telefoniert und versucht, eine erste grobe Idee zu bekommen. Am Ende hatte ich keine grobe Idee. Aber ich konnte die Angst teilen und wissen, dass wir beim nächsten Termin daran arbeiten würden, würde ich keine eigene Lösung finden.

Vor ein paar Jahren hätte ich in so einer Situation auch noch den Begleitermenschen anrufen können.
Der ist aber seit einigen Jahren nicht mehr Teil meines Hilfenetzwerks. Deshalb habe ich versucht, seine Fragenstruktur anzuwenden.
Was genau löst die Angst aus? Ist es die Präsenz des Objektes oder seine Beschaffenheit oder virtuelle (implizite oder theoretische) Elemente, die dadurch zum Tragen kommen? Wäre die Angst weg, wäre das Objekt nicht mehr da?

Die Frage hat mir dann weitergeholfen.
Ein bisschen „Erstangst“ wäre dann zwar weg, aber das auslösende und noch unbekannte Problem bestünde weiterhin und das würde zu meinem täglichen Grundrauschen der Unsicherheit (und Angst) beitragen.
Es waren also mehrere Punkte.
1. Ich weiß den Auslöser nicht. (Kontrollverlust)
2. Ich weiß nicht, was ich machen soll. (Ohnmacht)
3. Ich fühle mich nicht sicher damit, etwas auszuprobieren – einfach irgendwas zu machen, ohne zu wissen oder gesagt zu bekommen, ob und wenn ja, wie es wirken würde. (Hilflosigkeit)
4. Die Menschen in meinem Leben müssen konkret gesagt und erklärt bekommen, was mich belastet und warum (und wie sie mir helfen können), damit sie mich nicht ungewollt verletzen oder Überanstrengung auf beiden Seiten entsteht. (zwischenmenschliche Trigger- und Belastungssituation für mich, Verzweiflung)

Mit meiner Therapeutin landete ich am Telefon bei der Frage, ob ich schöne Dinge wirklich haben darf oder ob Erwachsene Geld für eigene Spielsachen ausgeben dürfen, dies das. Nach der Analyse ausgehend von der Angst als solcher, war mir sehr klar, dass es damit wenig zu tun hatte und ich jetzt akut erst einmal ins Angstmanagement gehen musste. Die Analyse gehört bereits dazu – mir hilft ein klarer Überblick eigentlich immer, um mich etwas sicherer zu fühlen.
Dann bin ich am Tag öfter als sonst durch das Schlafzimmer und an der Tüte vorbeigegangen. Wenn ich telefoniert habe, wenn ich meine Wäsche eingeräumt habe. Wenn ich mal zufällig einfach so aus dem Fenster schauen wollte. Meine Dehnübungen gemacht habe. Gezielte Desensibilisierung. Absichtliches Aussetzen, um zu begreifen, dass der Gegenstand unabhängig von mir und nur ein Gegenstand ist, der aus sich selbst heraus nichts macht. Also ich ihn mehr kontrollieren kann, als er mich.

Erst war es schwierig, weil es Zitat „umständlich behämmertes Rumgetue, wegen nichts ist“. Dann wars egal und die Angst eigentlich nur noch da, wenn ich mich darauf vorbereitet habe, sie in die Therapiestunde mitzunehmen. Wo ich mir einen Umgang erarbeiten wollte, aber noch nicht wusste, wie genau, weil ich noch weniger als sonst wissen konnte, ob meine Therapeutin mich überhaupt versteht oder wenigstens das Problem sieht, das ich noch nicht sehen kann. Weshalb ich es ihr nicht schildern und erklären kann, weshalb wir diffus herumsondieren und probebohren würden und es ein gewisses Absturzrisiko für mich dabei gibt.

Solche Stunden hatten wir vor der Autismusdiagnose und ihrer Anpassungsarbeit daran ständig und das war fürchterlich. Fürchterlich anstrengend. Frustrierend. Wenig hilfreich und in manchen Aspekten eine Weiterführung meiner früheren Therapieerfahrungen. Damals habe ich versucht, dem diffusen Rumgebohre zu entgehen, in dem ich das Gespräch vorher in alle Richtungen in meinem Kopf geführt habe, um nicht von mir selber überrascht zu werden und dann nicht zu wissen, was ich machen soll.  Was natürlich fast nie funktioniert hat. Aber Teil meines Angstmanagements war. Auf diese Weise hatte ich die Stunde jeweils schon einmal durchgearbeitet und mich auf alles (wirklich alles) Mögliche vorbereitet – sie dann wirklich zu machen, war so kein Gang ins absolut Ungewisse, keine Auslieferungssituation mehr.

Heute bereite ich mich anders auf die Stunden vor. Nach 12 Jahren gemeinsamer Arbeit wartet in mir niemand mehr darauf, dass meine Therapeutin mir ungefragt und sexuell motiviert (körperlich) nahekommt, Partei für meine Eltern ergreift oder Druck darüber aufbaut, wie schnell oder in welcher Art irgendwelche Fortschritte für sie erkennbar sein sollten. Wir kennen ihre Gesprächsführung und können in den letzten Jahren auch viel besser abschätzen, was sie meint oder worauf sie sich bezieht. Wir haben einen für mich guten Grad an Konkretheit gefunden, der mich enorm entlastet und entsprechend auch viel weniger Versagensängste und Stress produziert.
Ich kann mich heute darauf konzentrieren, worüber ich reden will und brauche nicht mehr zu verstecken, wenn ich meine Therapeutin nicht verstehe oder unter Druck gerate oder Angst bekomme oder mich generell hilflos fühle. Und trotzdem möchte ich mich natürlich nicht so fühlen. Vor allem nicht im therapeutischen Setting, das für mich so vorbelastet ist.
Und doch lässt es sich in manchen Momenten nicht verhindern. Diesen Momenten, wo Autismus und Komplextrauma so wirklich überhaupt gar nicht voneinander zu trennen sind. Weder für mich noch für sie.

Als ich die Treppen zur Praxis meiner Therapeutin hochging, hatte ich eine Woche hinter mir, in der ich bewusst nicht weiter ins Vorausdenken der Stunde gegangen bin. Ich wollte darüber reden, was ich denke und was ich von mir wahrnehme – Punkt. Bedeutung dies das – diese Ebene kann meine Therapeutin schneller sehen als ich und mich entsprechend befragen. Ich kann dann selbstbestimmt prüfen, ob da was dran ist oder nicht.

Die Stunde wurde so lang und anstrengend, wie erwartet. Aber kurz vor ihrem Ende wurde mir mein Problem klar:
Mir fehlte ein Handlungsskript für Neuheiten dieser Art in meinem Leben und ich musste es mir alleine erarbeiten. Und jetzt doppelneu – möglichst nicht komplett brutal entkoppelt von Kinderinnens oder anderen Inneren, die sonst überhaupt nichts in meinem Dunstkreis zu suchen, finden, wollen oder besitzen haben. Und trotzdem mittendrin sind. Und ihrerseits auch versuchen, mit meiner Therapeutin in Kontakt zu kommen.
Ja.
Es ist einerseits so banal (einfach nur auf etwas Neues, Ungewohntes, mit unvorhersehbaren Auswirkungen auf mich klarkommen müssen) und andererseits so eine komplexe Herausforderung.

Neues ist für mich sauschwer. Neues kenne ich nicht. Ich bin noch nicht daran angepasst, nicht vertraut damit, nicht vertraut mit mir darin und entsprechend weder sicher noch kontrolliert. Und Neues ergibt sich für mich sehr schnell, weil ich Unterschiede sehr schnell erkenne und die betrachteten Dinge, Gegenstände, Situationen entsprechend als komplett unterschiedlich einordne.
So habe ich schon oft Puppen gekauft und fühle mich gut damit – sogar so gut, dass ich mich komplett in die Überheblichkeit aufschwingen kann.
Ich habe aber noch nie eine Puppe für mich gekauft, was es für mich insgesamt zu einer komplett anderen Sache macht, die ich noch nicht kenne und für die ich noch kein Handlungsskript von Anfang bis Ende, keine Selbsterfahrung und Erfahrungskompetenz habe. Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll oder tun könnte. Geschweige denn, wie genau. Mein Kopf ist diesbezüglich einfach leer. Ich kann nichts umsetzen.
Das ist kein bockiger Quirk, keine Folge von Todesangst. Das ist ein angestrengtes gegen das eigene Gehirn ankämpfen. Das ist eine exekutive Dysfunktion. Die mich wiederum an Todesängste bringt, weil es mich an sämtliche Erfahrungen erinnert, in denen ich in meiner Hilflosigkeit und Ohnmacht einfach nicht gesehen, erkannt, aufgefangen oder begleitet wurde.
Erfahrungen, wegen derer ich heute selber denke, ich würde mich anstellen. Könnte doch, wenn ich nur würde oder wollte. Wegen derer ich überhaupt nur den Impuls habe, solche Schwierigkeiten und Kämpfe zu verschweigen oder unsichtbar zu halten, obwohl es mich viel Kraft kostet und auch meinen Raum für mich selbst total verkleinert und das Bild anderer Menschen über meine Fähig- und Fertigkeiten enorm verzerrt. Überwiegend zu meinem Nachteil übrigens.

An jenem Ende der Therapiestunde fragte meine Therapeutin im Hinblick auf unsere verbleibende Zeit und das bisher ergebnislose Gespräch: „Was machen wir jetzt?“
Für mich war es gut, dass sie das genau so formuliert hat. Wir – was machen wir jetzt?, da war die Erinnerung für mich drin, dass sie da war und ich nichts allein versuchen müsste. Also überlegte ich noch einmal, was ich mich auszuprobieren trauen würde, jetzt, wo eine ganz andere Sicherheit über die Gesamtlage bestand.
Ich schlug vor, eine Erwachsenensache daraus zu machen. Ich könnte den Schritt des Auspackens hier machen und dann gucken, wie es zu Hause ist, damit wir das Thema nicht in die nächste Stunde mitnehmen müssten. Dann müsste das Kinderinnen, das ihr die Puppe auch zeigen wollte, halt damit leben, dass der Kontakt so nicht geht. Mir wäre das auch ganz recht … 1, 2, 3 Vermeidungstanzschritt nach links 2, 3 …

Meine Therapeutin hatte vergessen, dass sie eine Nachricht mit dem Wunsch bekommen hatte, als wir in Italien waren. Ich nicht. Ich wusste, dass sie die Nachricht überhaupt nur bekommen hatte, weil die Ausnahme bestand und war ganz froh darum, dass sie bisher überhaupt nicht weiter darauf eingegangen war, außer nach Erhalt der Nachricht positiv zu antworten.
Grundsätzlich gilt: Ausschließlich in Situationen, die von uns aus innerlich zu lebensgefährlichen Situationen werden könnten, darf exakt ein Kinderinnen (nämlich das, was ich nicht unterdrücken kann und bereits Kontakt mit meiner Therapeutin hatte) Nachrichten an sie schreiben. Für Killefit und Scheiß (also alles andere) bedarf es einer Ausnahme.

Sie verfolgte den Faden um die Nachricht weiter und drückte aus, dass es ihr wichtig wäre, diesen Anteil nicht auszuschließen. Ich entgegnete, dass sie die Nachricht ja nur wegen der Ausnahme über die Zeit in Italien bekommen hatte. „Und jetzt ist ja keine Ausnahme, jetzt ist hier Erwachsenenalltag, um den es geht, ALSO GEHT DAS ALLES GAR NICHT“, schrie ich* (*definitiv nicht nur ich) inzwischen maximal frustriert. In meinem Kopf. Natürlich. Sicher ist sicher.

Wir haben dann noch mal eine Weile gebraucht, bis wir eine Ausnahme als nötig und den Umständen angemessen beschließen und von meiner Seite aus auch bewilligen konnten.
Und im Nachhinein betrachtet sehe ich selber, was für eine logische Fortführung das war. Obwohl wir bisher keine Ausnahmen in der Ausnahme gemacht haben. Denn Therapiestunden sind ja bereits eine kommunikative Ausnahme, weil (und je nachdem wie) der Arbeitsraum das erfordert.
Ich konnte an dem Punkt anerkennen, dass ich es anders nicht lösen können würde.

Die Sache – Italienreise, Puppenkauf für mich – ist an sich extrem außergewöhnlich gewesen für mich.
Ich war nicht zu Hause. Alles war anders. Ich habe (für mich) komplett andere Sachen gemacht als sonst. Und das alles ist in dieser Ausnahmenblase geblieben. Bis auf die Puppe und die Nachricht an meine Therapeutin. Ich musste für die Erarbeitung des inklusiven Umgangs damit einen Ausnahmeraum erlauben.

Und als wir an dem Punkt waren, ging es ganz leicht. Extrem merkwürdig, ungewohnt und teilweise ich-fremd, aber absolut nicht so schwer wie alles in den anderthalb Stunden davor, um überhaupt dahin zu kommen.
Es hat geholfen, dass meine Therapeutin das nicht extra kommentiert hat. Für mich war wichtig und gut, dass sie akut mit mir in dem Moment war, für mich ansprechbar war, für mich die Situation absichernd, mich in dem, was ich da tat, versichernd war. Wie es Lisa in dem Laden übrigens auch war. Wie es Daniela und Matthias, das Team in der Hilfeeinrichtung in der ganzen Ausnahmesituation in Italien auch waren. Sie wussten das nicht so in dem Zusammenhang, aber vielleicht war das auch genau gut für mich.

Die Ausnahme hat mir diese Art der Verbundenheit, des Kontaktes ermöglicht. Gleichzeitig hätte ich niemals irgendeine Ausnahme zugelassen, hätte es weder Kontakt noch Verbundenheit gegeben.
Weil alles anders war als sonst, konnte ich etwas anderes als sonst tun – das ist, weshalb die Therapie mein einziger konstanter Ausnahmeraum ist und bis zum Ende der Behandlung auch bleiben wird.
Vielleicht – wahrscheinlich – egal, wie viele Ausnahmen ich in dieser Ausnahme noch brauchen werde, um mich neuen Dingen, Umständen, Selbsterfahrungen anzunähern und darin er.kennen, verstehen und meine Handlungsoptionen zu lernen.

Bis zu dieser Stunde war mir das nicht bewusst.
Und was das für mich bedeutet, wie es sich anfühlt, wie wer in mir darüber denkt – darüber kann ich nachdenken, wenn ich mich daran gewöhnt habe, dass es jetzt einen ersten Gegenstand in meinem Haushalt gibt, der eine außerordentlich weitreichende Ausnahme bezeugt.