Zeitlücken

Es ging mir besser, hatte ich gedacht.
Meine Zeichnungen waren ruhig und fließend, ich tröpfelte langsam in sie hinein.

Und dann verweigerte der Scanner den Dienst, weil er auch ein Drucker ist, dessen Tinte auch aufgebraucht werden kann.
Ich habe das Gerät von jemandem übernommen, mit dem ich heute keinen Kontakt mehr habe. Also nehmen Fragen wie: “Wo füllt man die Patronen am günstigsten auf, ohne extrem viel zahlen zu müssen? Wie macht man das? Wie entfernt man die Patronen? Wenn ich in den Drucker fasse, werde ich dann sterben?” viel Platz ein und irgendwo darinnen habe ich mein Bewusstsein für Körper, Raum und Zeit verloren.

Meine Zeitverluste merke ich nicht so, dass ich das Gefühl habe “da schiebt sich ein anderes Innen vor” oder “und dann wurde alles schwarz und plötzlich wieder hell” oder “ach da war ich ein bisschen konfus und ich weiß nicht mehr genau…”. Für mich ist es so, dass ich das Gefühl habe zu vergessen, dass ich da bin. Als würden solche Fragen, wie die nach den Druckerpatronen, mich aus dem Raum saugen, in dem mein Bewusst-sein für die eigene Existenz ist.

Früher habe ich nicht so deutlich gespürt, wann sie Zeit so eine Falte für mich geschlagen hatte. Da war ich irgendwie mal weg und irgendwann merkte ich mehr oder weniger überraschend, dass es mich ja gibt, ohne Zeit zu haben, mich darüber zu wundern oder zu erschrecken, weil ich damals noch zur Schule ging. Einen Tagesablauf mit Struktur im Außen hatte.
Ich hatte keine Zeit, keinen Raum und keinen Anlass mir Gedanken anzusehen wie: “Habe ich eine Familie? Was bedeuten die Worte Mutter, Vater, Familie, Liebe, Nähe, Zukunft und Vergangenheit für mich eigentlich?”. Heute weiß ich, dass das Teil der Funktionalitätserhaltung ist, die die DIS eben bedeutet.
Ich wäre zerfallen, wäre mir damals wie heute bewusst gewesen, dass ich keine Erinnerungen an meine Familie habe. Das ich nie geliebt habe und mein emotionales Spektrum zwischen Angst und Produktivität allein liegt. Wäre mir damals aufgefallen, dass ich mich nie erinnerte, wie, wo und wann – vielleicht mit wem zusammen – ich meine Hausaufgaben gemacht habe, hätte es mich zerrissen.

Heute ist mein Tagesablauf ein “unser Tagesablauf” und ich weiß das.
Dass ich Zeit verliere ist mir bewusst und den anderen auch. Wir wissen, dass wir auf Angstspitzen achten müssen – nicht auf konkrete Ereignisse im Außen. Es hat keinen Sinn ins Tagebuch zu schreiben, dass der Scanner nicht arbeitet, weil die Druckerpatronen leer sind. Das Innen, das statt mir an der Lösung des Problems arbeitet, muss notieren, dass es Überforderungsgefühle und Ängste gab [und vielleicht noch hochgetriggerte Reste- die wiederum aber nur mit Überschriften benannt werden] und zwar um XY Uhr in, zum Beispiel, der eigenen Wohnung.
Und dann geht die Listenschreiberei los. Das Innen notiert seine gemachten Etappen – wenn es denn schreiben kann* – neben seiner eigentlichen Aktivität.

Und genau so eine Liste habe ich mich gestern schreiben sehen.
Von mir, aber eben doch nicht mir.

Ich hatte nie das Gefühl, das ein anderes Alltagsinnen mal beschrieb, dass es sich wie ein Püppchen in eine fremdbekannte Welt gepflanzt fühlt, wenn es wieder bewusst für sich und uns wird. Aber diesmal hatte ich es und es war furchtbar mit einer neuen Dimension.
Normalerweise wäre so eine Episode so ausgegangen, dass ich vor dem Drucker verschütt gehe und Stunden später im Zeichnen/Schreiben/Lesen merke: “Oh, ich bin ja ganz schön steif geworden – ich mach mir mal einen Tee- Oh es gibt mich – Oh Mist – wie viel Zeit hab ich verloren? Wo ist die Liste? – Ah okay, es ist nichts sehr Außergewöhnliches passiert. Uff, okay Business as usual…”

Und diesmal saß ich in einem Café in der Altstadt, von dem ich weiß, dass wir es eigentlich boykottieren, weil es nicht barrierefrei und sowieso auch viel zu teuer für uns ist, vor einer Tasse Kakao und sah meine Hand aufschreiben, dass das Auffüllen der Druckerpatrone 25€ kostet und man sie in einer Stunde abholen kann.

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich war noch nie in einem Café drin. Als Gästin.
Was ich von der Innenstadt gesehen und erlebt habe, sind die Innereien von BehandlerInnen*praxen und dem KünstlerInnen*bedarfeladen.

Und dann saß ich eine halbe Stunde vor der Tasse, als wäre ich in einem Wartezimmer.
Und obwohl ich mich unwohl fühlte, hatte ich Angst rauszugehen und den Laden zu suchen, in dem ich die Patronen abholen konnte. Die Stunde war schon längst um, draußen dunkelte es Novemberdunkelheit, aber es war dieser Zustand des “da und doch weg” in dem ich mich der Stadt stellen sollte, der mich wieder in Angst fallen ließ.

Und als ich Stunden später dachte: “Hm, ich müsste den Drucker allgemein mal wieder reinigen” war schon alles vorbei.
Ich pustete meine Comicseite für mich auf. Machte sie nötiger fertig zu stellen, als eigentlich geplant, um nicht noch mehr zu denken oder zu fühlen. 

Ich erinnere mich nicht einmal, ob dieser Kakao gut geschmeckt hat. Habe ich ihn getrunken? Ich erinnere mich nicht.

Zeit verlieren ist nicht lustig. Meine Amnesien produzieren für mich nie irgendeine Situation, über die ich dann eine ach so lustige Episode schreiben könnte, die einen Platz im großen Märchenbuch der Multimythen bekommen könnte.
Es geht immer wieder um Angst, die für mein Gehirn nicht anders  kompensiert werden kann, als mit der Dissoziation.

Sein eigenes Dissoziieren spüren und beworten zu können, kann heißen, dass es einen Fortschritt gibt. Aber wenn sich dieser Fortschritt so stückig und schlimm anfühlt, vergeht mir schon der Impuls zum hoffnungsvollem Blick auf das Geschehen.
Dann geht es mir plötzlich doch nicht wirklich besser.
Dann bekomme ich auch Angst vor dem eigenen Heilen.

als sich einmal Parallelen verbanden…

P6190068“Seit in mir alles durcheinander brüllt und weint und schreit und krampft und zappelt, gehts mir so gut, wie lange nicht. “, dachte ich heute morgennacht, als ich auf meine Betäubung wartend im Bett lag und dem Hund beim Atmen zuhörte.

Ich denke, “Ich muss doch mal wieder was ins Blog schreiben.” Und dann: “Ja was soll ich denn da rein schreiben?
Die lesen doch eh, was sie lesen wollen oder können oder dürfen oder müssen, what ever.
Darf ich da reinschreiben, dass ich meinen Selbsthass gerade gut finde und einfach gar nichts anderes machen will? Oder kommt dann ein großer Zeigefinger aus meinem Bildschirm und schimpft mich “Du du du- das geht aber nicht, das ist gar nicht positiv und heilsam!”?”.

Ich hab auch über diese “das Böse in mir”- Geschichte nachgedacht und gemerkt, dass sie die “falschen” Leute gefragt haben. Und, dass es in dieser Frage niemand “richtigen” gibt.
Was auch immer DAS DA innen ist, es kann nur sein, was die Menschen und Mächte zu sein haben wollen oder müssen oder brauchen oder what ever.

Mit uns und mir hat das aber nichts zu tun. Es ist schlicht nicht die Wahrheit, weil es so etwas wie Wahrheit und Wahrhaftigkeit nur auf klitzekleinen subjektiven Inselparadiesen des Bewussten geben kann.
Ich weiß gar nicht, wie sie und wir und alles im Innen darauf gekommen sind, diesem Wahrheitending hinterher zu hechten. Das war nie unser Kurs und es war und ist immer klar, dass Wahrheiten keinen so großen Einfluss auf das Leiden an oder mit oder unter etwas oder jemanden haben, dass es sich für uns lohnt, dem im Hoffen auf Entlastung nachzukommen.

Ich weiß, was mich entlastet und das ist akut sehr hilfreich.
Ich denke mir, dass Köpfe geschüttelt oder Hände über eben jenen zusammengeschlagen werden, wenn man von den superdupermegaweiten und ja schon fast fertigen Rosenblättern liest, dass sie sich gerade nicht mit Skills oder anderen positiven Ressourcen helfen, sondern damit, einfach gar nichts mehr davon zu machen, was ihnen andere Leute irgendwann mal beigebracht haben.
Das ist als würde ich Zähmung loszuwerden versuchen und ich fühle mich gerade sehr gut damit.

Ich habe den nächsten Therapietermin abgesagt – das heißt wir müssen da erst in 3 Wochen wieder hin bzw. nö – eigentlich ist erst 3 Wochen wieder ein Termin vereinbart. Müssen muss ich und müssen wir gar nichts. Ich will mir überlegen, was wir da eigentlich machen und wozu. Ob das überhaupt noch unser Kurs ist oder zu einem wurde der uns nicht gut tut.
Wir haben in den letzten Monaten so viel angefasst und durchgeschüttelt, aber Zeit zum Verarbeiten und Sortieren war nicht genug und ich denke, dass da irgendwas schief ist, wenn die Frontgängerin, die eigentlich NIE irgendwas merkt, mehrfach sagt: “Ich bin müde, ich bin kraftlos blablabla…” und man dann doch in der nächsten Stunde wieder etwas Heißes anpackt, weil das Gespräch einfach irgendwie so verläuft.
Ich mag diese Therapie sowieso auch nicht. Ich war schon von Anfang an dagegen mich fragen zu lassen “Wer sind sie? Mit wem spreche ich?”, zu Gunsten von Gefühlen von Kontrolle und damit Macht über die Situation und irgendwie auch mich als eine Uns, nur damit man am Ende irgendwas Fremdes zu denken bekommt und das in sich selbst finden soll, obwohls vielleicht gar nicht da ist und auch nie war.

Ich hab keinen Bedarf an Labeln von außen für das, was uns hat viele werden lassen. Mich interessiert nicht, was eine Gesellschaft zu etwas sagt, das sie, wie es ihr beliebt “Gewalt” nennt oder “Notwendigkeit”. Mich kotzt die Verlogenheit dieser unserer Umgebung in Bezug auf Verletzung, Demütigung und Unterdrückung schon an, aber richtig schmerzlich und unaushaltbar wird sie, wenn sie unreflektiert bei uns landet und dann Teil einer Norm wird, die, wenn sie als solche in anderen Kontexten benannt wird, abgelehnt werden würde.
Zum Beispiel wenn ich eine Email schreibe, dass ich den Therapietermin absagen will und die Therapeutin erst einmal schreibt, sie würde den Termin verbindlich gelten lassen. Was soll das denn? Wenn ich beim Zahnarzt einen Termin absage, sagt auch niemand: “Nee, sie kommen gefälligst her, because Termin ist Termin”.

Es interessiert mich nicht, was da für Intensionen hinterstehen. Es interessiert mich nicht, in wie vielen anderen Fällen so eine Rückfrage SCHON LEBEN GERETTET hat. Mein Leben ist nicht mehr bedroht als sonst. Überraschung- es ist in echt immer gleich scheiße, gleich belastet, gleich schwierig, gleich kompliziert, gleich nicht nachvollziehbar.
Ich glaube, für manch eine Person ist es wirklich eine Überraschung, wenn sich herausstellt, dass wir ein Mensch sind und dann auch noch einer, dem es beschissen geht, auch wenn Twitter, Facebook und diverse andere Spuren des Wirkens das gar nicht vermuten lassen.
Dann ist es plötzlich ganz verwunderlich, wie schnell man die Stigmatisierung von Krankheit und Behinderungen aufgrund psychischer Faktoren überwunden hat, als die gegenseitige Ähnlichkeit sichtbar und bewusst wurde.

Und plötzlich ist es peinlich, dass man Sätze wie “Es geht mir nicht gut” oder “Ich brauche eine Pause” oder “Ich muss langsam machen” irgendwie immer hat untergehen lassen, wie Sahne in heißem Kakao.
Es ist peinlich- nicht schmerzhaft, nicht überfordernd, nicht enttäuschend wie für mich und uns.

Und dann sollen alle Seiten machen, dass es wieder ins Lot kommt, obwohl es nur um eine Seite geht.
Es hat nichts mit uns zu tun, wenn andere Menschen uns nicht auf die Art zuhören, wie man jemandem zuhört, der gerade Bedürfnisse äußert oder Schwierigkeiten schildert oder Anteil an den Kämpfen in seinem ganz realen, ganz greifbar auch schmerzvollem Leben gibt.

Alles, was wir sagen können ist das, was wir schon seit Monaten sagen: Wir trauern, wir sind ungerächt, wir sind überarbeitet und froh um jeden Tag an dem sich etwas, was auch immer, erfühlen lässt, am Leben zu bleiben.
Für jetzt ist es ein Herbstcomic jeden Tag und ein Vortrag, der hoffentlich anderen Menschen hilft, in 3 Wochen.
Und eben nicht: ein Seelenarbeits-  Seelenoptimierungs-  Seelenseziertermin nächste Woche, der wieder neu in Frage stellt, was man gerade noch irgendwie in den Händen hatte. Und eben auch nicht: das Blog, in das so viel Arbeit, Zeit und Herzblut fließt und doch nicht das ist, was hilft, wenn es mir und uns so geht, wie es uns gerade geht.

Kinderbücher mit Behinderung

Ich kann es so gut verstehen, wenn Kinder und ihre Eltern sich mehr Vielfalt in Büchern wünschen, wie Mareike das bei sich im Blog tut.

Für mich fängt es schon bei den Namen, der Hautfarbe und spezifischen Kultur- und/oder Religionseinflüssen in verschiedenen Alltagen an, die mir oft fehlen, aber natürlich fehlen auch die Leben von Kindern, die mit zum Beispiel Down Syndrom und und und und auf die Welt gekommen sind, in aller Regel in Kinderbüchern.
Für meine Eulengeschichte suche ich noch immer einen Verlag und arbeite nebenbei als kleines Ausruh-Eskapismus-Novemberüberstehdings an einer anderen Kindergeschichte. Deshalb stecke meine Nase gerade verstärkt in diese Szene und mir fallen da ein paar Dinge auf, die mitverantwortlich für wenig Diversität in Kinderbüchern sein könnten.

Meine Eulengeschichte ist so ein typisches Stück in Sachen “ein Kind bekommt etwas von einem Erwachsenen erklärt”. Davon gibt es ziemlich viele Kinderbücher, finde ich. Eigentlich kommt kaum ein Kind in Geschichten ohne elterliche/erwachsene Erklärung weg, was auf adultistischen Gesellschaftsstrukturen beruht. Erwachsene denken (und bekommen immer wieder von allen Seiten präsentiert), dass Kinder absolut hilflos sind und Dinge nicht verstehen oder nicht richtig verstehen und immer alles erklärt haben müssen.
Sicher ist das nicht nur falsch – aber in der Repräsentation schlägt es sich dann eben doch auch in Kinderbüchern nieder, in denen es so läuft, wie in meiner Eulengeschichte. Eltern wie Kinder finden sich darin wieder und kaufen solche Geschichten entsprechend (Überraschung- der Kreis ist geschlossen).

Die Eulengeschichte ist allerdings etwas philosophisch und sprachknickerig angehaucht. Da geht es um den Grat zwischen “ausgewachsen” und “erwachsen” sein – um Reife, die manchmal zu vermitteln schwierig ist. Für Kinder, die genau in dem Alter sind, in dem sie lieber stundenlang allein ein Treppenhaus hochklettern wollen, als wie “als sie noch klein waren” getragen zu werden, ist meine Geschichte vielleicht noch nichts. Für Jugendliche, die Dinge tun wollen, die den Handlungen von erwachsenen Personen nahekommen, ist der physische Aspekt des “Auswachsens” vielleicht nicht mehr so greifbar.
Das sind bis jetzt jedenfalls so die Rückmeldungen, die ich mit den Absagen erhalten habe. Es sind die Einschätzungen Erwachsener über die Rezeption von Kindern und Jugendlichen, die sicherlich auch begründet sind, keine Frage. Aber es sind eben nicht die Einschätzungen von den Personen, für die ich die Geschichte geschrieben habe und dieser Aspekt von Perspektive ist es, der eine Rolle spielt und den ich in der Geschichte, die ich jetzt angefangen habe, auch an mir selbst bemerke.

Es geht in der Geschichte um ein Kind, das sich etwas fragt und in einem Traum dann die Lösung findet.
Ich habe bemerkt, dass ich beim Schreiben und Zeichnen immer wieder mich selbst zum Vorbild nehme – obwohl es a) ein Kind ist, das b) einen Rollstuhl benutzt und, das c) in einer Familie (also nicht allein) lebt.
Meine Figur ist weit von meinem (Er-) Leben entfernt und ich sehe die Auswirkungen davon auf meine Ideen. Zum Beispiel wollte ich das Kind im Traum laufen lassen, weil es ja ein Traum ist und ein schöner Traum sein soll. In solchen Momenten bin ich dann froh darum, dass ich so viele Menschen, die Rollis und andere Hilfsmittel nutzen, direkt übers Internet erleben kann, sonst würde ich nicht den Impuls zur Reflektion bekommen haben, was das für eine Quatschidee ist.
Es gibt keinen Grund den Traum so weit von der (Er-)Lebensrealität meiner Figur zu entfernen und so nah an mich selbst heranzubringen, aber die “Verlockung” ist ganz klar da und kommt ja auch nicht aus dem Nichts.

Die “guten” Rolemodels für Menschen, die behindert werden, sind immer* die, die _trotzdem_ (nicht _auch_ ) klar kommen. Es sind immer die, die besonders strahlend von ihrer Lebensfreude und ihrer Kraft sprechen und natürlich “totaaaal normaaaaal” sind.
Sichtbar wird da nicht, dass es sich um Menschen handelt, die ohne (finanzielle) Unterstützungen gar niemals da angekommen wären, wo sie sind. Abhängigkeiten werden nicht als Abhängigkeiten benannt, sondern als Lebensstil oder großartig- fast unmenschlich aufopferungsvolle – Hilfe markiert. So, als hätten diese Personen die Wahl zur Hilfe getroffen, weil sie es wollten – nicht, weil ihr Überleben oder die Sicherung von Lebensqualität und Teilhabe an gesellschaftlichem Leben daran hängt. Also etwas, das man _braucht_ und deshalb will.
Das ist der Unterschied, den Behinderungen jeder Art einfach immer auch mit machen. Die Intension von Entscheidungen, die getroffen werden, haben immer auch mit dem Grad der Abhängigkeit von der Umgebung, in der diese Wahl getroffen wird, zu tun. Natürlich kann ein Rollifahrer zu den Paralympics fahren – wenn er genug UnterstützerInnen* hat, die die Ausrüstung, Hilfsmittel, Training, Transportkosten mitstemmen und er genug Resilienzfaktoren in sich hat, sich durch diese Herausforderung durchzubeißen.
Die Dynamik von Verwertungsinklusion, die derzeit überall gefördert (weil von KapitalistInnen* gefordert) wird, funktioniert auf Diskriminierungsachsen immer gleich und macht keinen Unterschied.

Ich glaube nicht (aber ich irre mich da gern), dass diese “Traum ohne Rollstuhl – Sequenz” bei einem Verlag direkt als schwierig markiert worden wäre, denn da ist ja noch “Heidi”.
Das Heidianime von 1989 – ich liebe es!
Klara war das erste Kind im Rollstuhl, mit dem ich als Grundschulkind in Berührung kam. Dass diese Figur durch das liebevolle Zuwenden und Üben; die gute Alpenluft und ihren Willen am Ende laufen konnte und alle Menschen damit glücklich macht, hat in meinem Bild von Menschen, die Rollstühle benutzen, bis heute eine Spur hinterlassen, an der ich nun als Kinderbuchautorin in Spee herumradiere.

Ich lebe heute allein und Rollstühle sind kein Alltagsgegenstand mehr für mich. Ich bin nicht mehr viel umgeben von Menschen, die körperliche Wuchsrichtungen mit Hilfsmitteln kompensieren (müssen), um sich an andere Menschen bzw. die auf sie und ihre Möglichkeiten ausgerichtete Lebensumgebung, anpassen zu können und ich merke, dass das etwas ist, woran ich mich jetzt aktiv erinnern muss, um nicht eine weitere Geschichte nach dem Heidistrickmuster bzw. mit einer Essenz von “Heidi” zu erzählen.

Das ist ein Faktor, der mich an der Darstellung auch meiner Behinderung nämlich sehr nervt: der Implizit der Veränderbarkeit der Behinderung (und nicht der Lebensumgebung).
Meine Behinderung aufgrund psychischer Faktoren wird immer und immer wieder als eine Phase, ein Lebensabschnitt, als krank (und deshalb von ÄrztInnen* “wegmachbar” oder zum Positiven veränderbar) dargestellt – nicht als etwas, das mich als jemanden sichtbar macht, der aufgrund bestimmter äußerer Faktoren so gewachsen ist. Es wird nicht klar, dass es sich um die Folge von Anpassungsreaktionen handelt, die bis heute und vielleicht auch für immer, wenn auch nicht immer gleich intensiv und umfassend, in mir und meinem Erleben wirken.

In meinen Fantasien über mich selbst, kommt nie drin vor, dass ich ohne Angst bin oder ohne Innens. Wenn ich mir ein Bild von mir in bestimmten Lagen mache – egal, wie fantastisch sie sind: “die Anderen” sind immer da, wie jetzt – meine Belastungsgrenze, meine emotionalen Kapazitäten, sind genauso ausgerichtet, wie jetzt. Meine Lebensumgebung verändert sich- aber ich selbst nicht.
Meine Fantasie sprengt immer nur die Grenzen, die ich auch real sprengen könnte (und sei es in Metaphern) und genau das jetzt bei dieser Kindergeschichte zu beachten.. woah- das ist wirklich überhaupt gar nicht so einfach, wie ich mir das am Anfang vorgestellt hatte.

Ich weiß, dass man in seine Figuren hineinschlüpfen muss, um sie voll und rund wirken zu lassen.
Es ist aber auch klar, dass ich nur so viel “Füllmaterial” mitbringen und positionieren kann, wie ich selbst wahrnehme.
So wird dieses kleine Ausruhprojekt auch eine Lektion in Demut vor meinen Fähigkeiten für mich.

Ich möchte keine Geschichte schreiben in der das Kind besonders ist, weil es den Rolli nutzt, sondern, weil es sich die Frage stellt, die es sich stellt und sich selbst beantwortet. Aber dadurch, dass es den Rolli nutzt (was es tut, gerade weil ich eben keine 08/15 Profitkindergeschichte schreiben möchte) wurde es für meine Vorstellung irgendwie doch wieder beinahe logisch, einen für viele junge wie alte Menschen alltäglichen Gegenstand zu etwas zu machen, das eben nicht so normal ist, dass er auch in einem Traum vorkommt.

Das ist, was Behinderungen zu Behinderungen im Sinne von Hindernissen macht: die eigenen (unreflektierten) Vorstellungen über die Lebensrealitäten anderer Menschen
und das ist, was Kinderbücher dann auch nicht divers macht.

ein weiterer Faden

Ich habe heute morgen gemerkt, dass ich gerade das 16-17-fast 18 jährige in mir betrauere und bemitleide. Nicht, weil es so lange in einer Klinik sein musste, sondern weshalb es dort sein musste.

Als ich meinen Artikel über die Wahl zum Suizid geschrieben habe, gab es einen Kommentar,  den ich nicht freischaltete, weil er mich angebrüllt hatte. Da ging es darum, was man denn meiner Ansicht nach machen sollte, wenn sich jemand suizidieren will und man damit konfrontiert ist (die von mir aufgeführten Vorschläge zählten offenbar nicht als Idee)
Heute würde ich antworten, dass man Menschen auch Gründe und Perspektiven für ein Leben geben
und dafür sorgen muss, dass sie diese Perspektiven auch verfolgen können, wenn man von ihnen zu leben verlangt. Ansonsten ist der Anspruch an suizidale Menschen, gefälligst am Leben zu bleiben, nichts weiter als ein reaktionärer, egoistischer Kackscheißanspruchhaufen, der nichts mit dem suizidalen Menschen zu tun hat.

Als ich Ende 2002 in diese Kinder- und Jugendpsychiatrie kam, hatte ich keinen Sinn frei für solche Dinge und auch das hatte Gründe, die ich bis heute gut nachvollziehen kann. Selbst heute habe ich in ähnlichgleichen Lagen noch immer eher Suizidgedanken, -pläne, -ideen , als die Selbst-Sicherheit und die Möglichkeit mich allein zum Weiterleben zu befähigen.
Dass Leben so wahnsinnig viel mit Befähigungen zu tun hat, die weit mehr als kognitive oder körperliche oder auch soziale Fähigkeiten, die man auf irgendeine Weise erlernen kann, meint, habe ich durch diese Reise und die Gespräche mit der Kliniktherapeutin und auch der Klinikschulenlehrerin aus der Zeit, einmal mehr verstanden.

Zu der Zeit _konnte_ ich nur noch nicht leben wollen.
Mir sind einige Situationen gefallen, in denen ich mich heute “reaktives Hörnchen” nenne. Oder “flattrig zittriges Espenblatt”.
Ich hatte ja keine Ahnung von Traumafolgen, von Stressphysiologie und der Mechanik des Grauens.
Wenn man 16 ist, dann ist man genau in dem Stück Entwicklung, in dem Geister als Unfug markiert sind – der Lauf der Dinge aber, vor allem an sich selbst, so voller Zauber, Magie, ungreifbarer Wunder ist, dass das eigene Wachsen und Erkennen nicht nur auf der sozialen Ebene absorbierend sein kann.

Ich hatte keine Worte dafür, weil ich dissoziierte, was da in mir waltet. Damals habe ich von einem Tag vielleicht 5 bis 10 % bewusst aufgenommen und vielleicht 1% als Idee von dem Hauch einer Ahnung der Essenz des Lebens als Lauf der Dinge, aktiv in mir gehalten. Ich war von Angst absorbiert und bin es bis heute in gewissem Maß.
Heute kenne ich die Graustufen meiner Angst – ich habe eine Skala von Panik & Knock out bis Unruhe & Anpfiff zum Vermeidungstanz.
Die Skala damals war von […Wortlos…] bis Tavor/Fixierung/Paniksymptome.

Sogar die Medikamente kann ich jetzt mehr als Hilfe stehen lassen.
Nach dem, was ich von den jugendlich kindlichen Innens hinter mir aus dem Gestern ins Heute schwingen fühlte, müssen sie sich oft als eine Insel dargestellt haben, was mir wiederum die Benzodiazepinabhängigkeit als junge Erwachsene noch besser erklärt.
Wenn es nichts und niemanden auf der Welt gibt, außer eine chemische Reaktion, die zum Atmen und Wahrnehmen befähigt, wie es “alle” verlangen – tja, dann eben chemische Reaktion und das Gefühl “alle” zu belügen in Sachen “sich keinen Schaden zufügen”.

“Die Umstände, in denen ich leben musste, waren oft lebensfeindlich.”
Das ist mir als Gedanke auch gekommen und erklärt mir die Selbst-Bilder einer Assel, einer Kakerlake, eines grüngesichtigen Mutanten unter einzelnen jugendlichen Innens. Auch da wieder: eigentlich wussten und wissen sie: “Ich bin ein Mensch” –  sie wussten und wissen aber auch: “Was ich damals zu leben – zu überleben gezwungen wurde, hatte nichts menschenwürdiges, nichts menschliches – erfordert aber bis heute zum Teil noch Fähigkeiten, die nicht mit Menschlichkeit benannt werden”.
Es bestärkt mich noch einmal mehr darin meine Armut auch Armut zu nennen. Diese Lebensumstände, in denen es eben doch noch existenzielle Angst und globales Ausgeliefertsein ganz real greifbar immer wieder gibt, nicht zu relativieren, weil irgendjemand anderes eine andere Sicht darauf hat. Es bestärkt mich in meiner eigenen Einschätzung über mein Leiden und auch Leben. Wenn ich es als furchtbar wahrnehme, dann ist es furchtbar. Wenn ich das Gefühl habe, es ist unaushaltbar, dann halte ich es nicht aus.

Ich erinnerte mich daran, wie es nach der Entlassung aus der Klinik dort war und ich umgeben von Menschen, die Forderungen an mich stellten, denen ich nicht gerecht werden _konnte_. Wie das war, als es plötzlich hieß, ich würde hysterische Rollenspiele abziehen, um betüddelt zu werden. Als “alle Welt” (und ja, so eine Welt kann auch nur eine kleine Kreisklapsenstation umfassen, wenn sich sonst niemand mehr nach einem erkundigt und die Welt hinter dem Klinikzaun endet) dachte, ich würde es nie raus schaffen. Als “alle” davon ausgingen, ich würde nie 19 Jahre alt werden.
Ich hatte mich in zurück in das reaktive Hörnchen verwandelt, das die Zeit vor dem langen Klinikaufenthalt so gut überstanden hatte.

Klar, brauchte es Jahre zu glauben, dass ich mich auch als Mensch wahrnehmen darf. Klar, habe ich mich an Menschen gehängt, die mir ihre Selbstzerstörung als selbstverständlich heldinnenhaft vorlebten und bis heute anderen hilflosen, verzweifelten Menschen vorleben. Klar, habe ich jahrelang versucht in Arbeit, Leben und Leben lassen zu kommen, wie es die Gesellschaft ™ verlangt.
Obwohl diese mein Fehlen nicht merken würde, wie sie das Fehlen aller, die ohne Stimme sind, nicht bemerkt.
Selbstverständlich verzweifle ich regelmäßig daran, dass Forderungen an mich gestellt werden, die eine Veränderung an oder in mir meinen und negieren, dass ich auch in Reaktion auf Dinge, die um mich herum verändert werden müssten, lebe.
War doch die Erkenntnis auf etwas zu reagieren so ein wichtiger Schritt zu verstehen, was mit mir passiert.

Das ist die Wahl, die die Menschen treffen, die mit mir zu tun haben.
Entweder erkennen sie die Mechanik des Grauens in mir an und sehen meine Reaktionen [das Symptomcluster das letztlich dann DIS heißt] oder bleiben bei einer Sicht auf mich, die einzig das Außen umfasst und implizieren einen Plan, einen Willen, eine Absicht.
Manche Menschen sind vielleicht auch mutig und trauen mir je nach Situation beides zu. Lassen beides in meinem Leben und meiner Er-Lebensrealität einen Platz haben und erkennen an, dass uns nicht sehr viel unterscheidet.

Ich bin traurig darüber, dass ich, die heute jungen Innens, damals so wahnsinnig viel Angst hatten und haben mussten, obwohl wir uns in relativer Sicherheit befunden haben.
Ich bin traurig darüber, dass ich eine Bewertungsdynamik von außen erst jetzt in mir merke. Nämlich, dass ich selbst so oft zwischen HelferInnen*seite und Seite derer, die Hilfe brauchen oder erbitten, trenne und auch werte.

So drücke ich auch deshalb den Wert meiner Arbeiten und verlange weder aktiv Honorare noch bestehe ich auf angemessene Beiträge zur Unterstützung, weil ich ja nur veröffentliche, was in meinem stinkenden Höllenloch des “Inmitten von mir” gereift ist und raus muss. Ich habe ja nichts gelernt, bin ja nur aus Versehen überhaupt noch da.

Zum ersten Mal bin ich auch traurig darüber, dass ich mich selbst noch immer so sehr hasse, widerlich finde und bis heute über Platz im Herzen anderer Menschen wundere, weil ich etwas anderes noch immer nicht _kann_ – obwohl ich inzwischen auch keine Gesten, die etwas mit Wertschätzung meiner Arbeit oder auch meiner Person zu tun haben, ablehne, weil ich sie zu (er)tragen gelernt habe.

Ich bin traurig, dass ich erst jetzt auch merke: mein Selbsthass war nie die Entscheidung, die mir unterstellt wurde mit jedem: “Du musst dich einfach mal toll finden- geh doch mal raus- der erste Freund macht das alles gut- du musst dich mal zurecht machen, dann siehst du wie schön du bist – du musst nur mal glauben, was andere Positives über dich sagen”.
Mein Selbsthass ist genauso sehr auch Reaktion auf den Hass, der in mich eingebracht wurde, wie eingeschliffenes Muster der Selbstbetrachtung.

Es ist traurig und bitter, Hass als Motiv neben Erklärungen wie “hat eben auf etwas Falsches von mir reagiert” , “ich bin eben…”, “ich hätte halt…”, “er/sie/* ist ein kranker Mensch, deshalb….”, “er/sie/* wusste es nicht besser…”, “er/sie/* hatte ja auch keine andere Wahl…”, “er/sie/* ist SadistIn* und deshalb…” und so viele mehr, die wie ein Karussell in mir herumkreiseln, zu stellen.

„Es ist okay zu trauern“, denke ich.
Und starre mich gleichzeitig fassungslos an.

„… dass ich sowas _kann_ …“

ein Faden

Zurück in die Vergangenheit

Heute vor 10 Jahren lebten wir in einer Wohngruppe, in der wir eigentlich nicht sein wollten, eigentlich gar nicht gewollt waren und, die für uns überhaupt nicht konzipiert war. Wir hatten einen dünnen Faden zu einer psychologischen Beraterin in der Hand, konsumierten permanent Kaffee oder Tabak. Hier und da fuhr man für ein zwei Stunden weg.
Ohne, dass es jemand merkte. Oder verhinderte. Oder sonst irgendwas.

In dem Jahr hatten wir so viele furchtbare (beziehungs)retraumatisierende Erfahrungen zu kompensieren, dass ich heute kaum noch Platz für Zweifel an einer massiven Fähigkeit zur Dissoziation in mir habe.
Nach 1,5 Jahren Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig Holstein, zogen wir für 3 Wochen nach NRW, wo man sich mit uns übernommen hatte. Falsche Versprechen, zu hohe Anforderungen an uns und letztlich Verrat und Verlassen waren die Folge.
Es folgten 5 Monate Kinder- und Jugendpsychiatrie unter der Diagnose “histrionische Persönlichkeitsstörung”.
Es grüßte die Jahrhundertwende und hakte sich bei struktureller Misogynie unter, um der Realität von systematischer Gewalt und Ausbeutung an einer minderjährigen, völlig isolierten und perspektivlosen Person, nicht begegnen zu müssen.
Auch nicht direkt nebenan. Auf Station.

Ja. Es war furchtbar.
Und ja, selbstverständlich glaubte ich allen “draußen”, die mir sagten, es gäbe ein Morgen und ich könne handeln.
Die Tatsache, dass ich mit meinen 17 Jahren als massiv gestörte kranke unglaubwürdige Irre, absolut gar nicht handeln konnte, haben diese Personen, von dort aus der Ferne, nicht im Blick gehabt.

“Ich darf nicht voraussetzen, dass irgendjemand parteiisch für mich ist und gleichzeitig auch so mächtig, über mein Leben in meinem Sinne zu entscheiden.” – Erkenntnis einer 15 Jährigen, die auf Bäumen schläft, um sicherer zu sein, die sich erneut bewahrheitete.

Irgendwann war dieses Jahr natürlich vorbei.
Ich wurde 18, 19, 20 … dieses Jahr, 28 Jahre alt.

In mir drin sitzen bis heute Innens, Jugendliche, wie einzelne Kinderinnens, die sich all das – all die Psychiatrieerfahrungen, all das Verlassen und Verratenwerden, die Gewalt durch Personen, von denen man abhängig war und vor denen man nicht fliehen konnte, sowie die Notwendigkeit von TäterInnen*kontakten und anderen Arten der Selbstzerstörung – mit “dem Bösen” in sich, unter uns, in mir als Einsmensch, erklären.

Morgen steigen wir in den Zug und machen eine Reise in die Vergangenheit, um ein paar Fäden ins Heute zu nehmen und damit am Morgen zu knüpfen.
Denn, wenn jemand „das Böse“ in uns gesehen hat, dann eine der Personen, die wir in den 3 einhalb Tagen dort treffen werden.

Es tut schon jetzt weh.
Lässt mich nachts aus Träumen von Kämpfen mit einer Fixierungsliege oder vielen Personen gleichzeitig hochschrecken. Ich muss immer wieder meine Anspannung runterschrauben. Das schrille Fiepen in meinem Kopf mit Watte und Federn einwickeln. Manchmal von NakNak* beruhigen lassen.
Ich schlafe ein und mir ist schwindelig. Ich wache auf und mir ist schwindelig.

Ich sehe keine andere Möglichkeit mich anzunähern.

 

 

 

Ich hoffe so sehr, dass wir das Meer sehen werden.
Und in den Zug zurück zu NakNak*, unseren neuen Herzmenschgemögten, unserer Therapeutin, unserer dreckigen Muchtelbude, den Mimosenbabys und all den Eulen, steigen.

Huch, mich gibt’s ja oder Trauma–Yoga Teil 1

Unsere Therapeutin ist vor ein paar Monaten mit der Praxis umgezogen. Wenn man jetzt aus einer Stunde wabert/schwabbelt/kullert/plumpst, dann läuft man immer erst mal gegen eine Wand aus Straßenlärm und dieser typischen Ignoranz, die der Lauf der Dinge neben einem her irgendwie an sich hat.
Heute fand ich das erstmals bewusst angenehm.
Manchmal komme ich aus der Therapie und das Gefühl im Zentrum einer Aufmerksamkeit zu sein, klebt noch eine Weile an mir. Es dauert bis diese Verschiebung nachlässt – außer, mir wird meine Egalheit so schön bewusst wie heute.

Egalheit ist gut. Auch.
Nicht immer. Manchmal kotzt mich meine globale Egalheit auch an.
Aber manchmal, wenn es um _mich_ geht – nicht um “Hannah C. Rosenblatt Einsmensch mit Funktion A B C und Labelpalette von –> bis “ – sondern um mich: Existenz, Präsenz, Metabolismus , dann ist es offenbar noch immer öfter sicherer für mich einfach egal zu sein. Also “egal” as in “gar nicht da”.

Ein Herz dort draußen hat mir das Buch “Trauma – Yoga – Heilung durch sorgsame Körperarbeit” von David Emmerson und Elizabeth Hopper von meiner Wunschliste zukommen lassen (Danke <3 ) und ich habe angefangen es zu lesen. Es ist ein Yoga – Übungsbuch, aber auch ein “Traumafolgen neu- verstehen”- Buch für mich, die bis jetzt nichts mit Yoga zu tun hatte.
Ich bin jetzt bis zur ersten Übung gekommen.
Mit Luft anhalten und Erinnerungen daran, dass es nur ein Buch ist und nichts woran Bedingungen geknüpft sind.

So ist das nämlich: Dann liest man “hat schon vielen Tausenden geholfen” und denkt “und? Muss es dann jetzt deshalb auch mir helfen? So wie dieses für mich nur stressige Stressbewältigen mit den sicheren Gärten und dem leisen Schnarchen vom Mitpatienten 2 Meter weiter, offenbar ALLEN und IMMER geholfen hat?” und auch: “Oh G’tt- ich habe eine Wunderwaffe in der Hand? – ist alles andere doch schon immer sinnlos gewesen? Habe ich Zeit verschwendet….?” und dann sind sie alle wieder da: die Zweifel, die Abwertung und das Vergessen der Entwicklungsschritte.

In dieser ersten Übung geht es darum die Verbundenheit mit dem Boden, auf dem man sitzt, oder mit dem man über Bett/Stuhlgestell verbunden ist, wahrzunehmen und schließlich mit dieser Verbundenheit zu interagieren.

Frau Rosenblatt hatte an der Stelle einen winzigkleinen Erkenntnis – meltdown, um vor sich irgendwie zu verpacken, dass es sie ja gibt.
Ich habe nicht weitergemacht, weil ich mich nicht schon wieder selbst auf Vermeidungstänze konditionieren will, wie ich das mittels Dialektisch- Behavioraler- Therapie gemacht habe, sondern lieber vorher so große Impulse hinterfragen.
Sehr hilfreich war dabei, dass der Übungstext schon genau so formuliert war, dass darin Raum für: “Ob sie das machen oder nicht, ist okay” war, denn “okay” ist nahe genug an “egal” für mich an Stelle, um mich dann auch darauf zu beziehen und mich sowohl zu trauen, aber auch wieder rauszuziehen.

Es ist jetzt nicht so, dass ich bisher durch die Welt gegangen bin und dachte ich sei inexistent, aber in meiner Sicht auf mich gibt es schon blinde Flecke, die eben genau da anfangen, dass ich vor weiten Teilen des Lebens eher “in Wahrheit gar nicht da bin” als wirklich präsent und verbunden mit irgendwas oder irgendwem. Und wenn ich dann verbunden bin, dann hat es einen Zweck, der mit einer Dualität bzw. Mehrsamkeit zu tun hat. Das ist in der Therapie mit der Therapeutin, mit meinen Gemögten im Gespräch oder mit NakNak* in manchen Situationen.
Das ist vom Spannungsgrad her schon etwas Anderes. Das ist BÄNG ICH BIN DA WO IST DIE KATASTROPHE DIE JETZT GLEICH SOFORT UND GANZ SICHER PASSIERT? KEINE PANIK ICH HAB ALLES IM BLICK – Präsenz, die der Logik des “in Wahrheit gar nicht da seins” Futter gibt, denn wer nicht da ist, der hat auch nicht alles im Blick.

Ich habe mir überlegt, dass ich erst einmal bei dieser Eröffnungsübung bleibe, bis sich der Gedanke “Ich bin” üblich in dem Zusammenhang anfühlt. Also nicht “normal” oder so, dass sich meine Spannungskurve nach oben schiebt “aber ja noch händelbar ist“, sondern so, dass mir gleich mit bewusst bleibt, dass ich mich gerade in meinem Da – sein wahrnehme, weil ich mich drauf konzentriere und nicht, weil gerade Alarm ist.

Vielleicht heißt es deshalb auch “Yoga üben” und nicht “Yoga machen”.
Erst mal üben, dass die eigene Existenz auch ohne Not oder Alarm wahrnehmbar ist.

was “Objektivität” mit Opferfeindlichkeit zu tun hat oder: Wovon die “false memory syndrome foundation” lebt

“Auch Jennifer Freyd hat ein wichtiges Buch zu diesem Thema geschrieben. Sie ist die Tochter der Eltern, welche die False Memory Syndrome Foundation gegründet haben, eine international sehr mächtige pressure group von angeblich zu Unrecht des Missbrauchs bezichtigten Eltern. Jennifer Freyd hat ihre Eltern nie öffentlich angeklagt. Die Eltern sind in die Offensive gegangen und haben eine Stiftung ins Leben gerufen, die ausschließlich mutmaßliche Täter verteidigt und mit sehr viel Geld eine pseudo-objektive, tatsächlich aber opfer-diffamierende Öffentlichkeitskampange finanziert.”
[aus “Wege der Traumabehandlung” v. Michaela Huber]

Im Blog von Paula und Co gibts heute einen Artikel zur FMSF, den ich wichtig finde, weil er sich an HelferInnen* und UnterstützerInnen* richtet, die sich mit der Frage befassen, ob denn wahr sein kann, was sie von Menschen erfahren, die von Gewalt berichten.

Es gibt wenig klar umrissene Punkte über die sich so offen (salonfähig, gesellschaftlich (heimlich) akzeptiert) opferfeindlich geäußert werden kann, wie mit der Frage nach der Wahrheit der Ereignisse, die jemanden offiziell zum Opfer erklären, denn Wahrheit, ist etwas, das zu definieren sehr schwer ist. Vor allem, weil sie etwas anderes als Fakten ist.

Die meisten Menschen, mit denen ich mich über rituelle und sexualisierte Gewalt unterhalten habe und, die selbst nicht diese Erfahrungen machen mussten, dachten, sie fragten sich: “Ist das denn wahr?”.
Sie würden diese Ereignisgewalten als wahrhaft anerkennen, wenn sie sie selbst (mit)erfahren hätten, oder wenn diese Ereignisse reproduzierbar wie Umstände wäre, die Fakten hervorbringen. Es sich also um etwas wie das Phänomen handelte, das Wasser zu Eis verwandelt, wenn man es in den Froster stellt.
Letzteres ist noch eine sehr junge Art Wahrheit zu betrachten und findet ihre Ursprünge darin, dass Wissenschaftler(Innen* –  es waren erst einmal nur Männer, was mit dem Patriarchat  in dem wir Menschen im Westen leben (bis heute!) zu tun hat ) als Personen gelten, die Wahrheiten erforschen und Glauben(sinhalte) widerlegen bzw. berichtigen. Darauf könne man sich verlassen, denn Wissenschaft sei objektiv.

Nun ist es aber so, das nichts objektiv ist. Objektiviert, ja. Objektifiziert, ja. Aber so etwas wie “die Objektivität” gibt es nicht. Kann es gar nicht geben, weil jeder Mensch auch Subjekt seiner eigenen Wahrheit, Ergebnis seiner eigenen Sozialisierung und gesellschaftlicher, wie auch kultureller Konvention ist.
RichterInnen* sprechen kein Recht, weil sie die Wahrheit objektiv erfasst haben, sondern weil es Gesetze gibt, für das, was die unparteilich richtende Person aus dem, was ihm die klagenden Parteien schildern, gemäß der eigenen Lebensrealität und daraus folgend: seiner eigenen Wahrheit, zu rezeptionieren fähig ist. Gleiches gilt für AnwältInnen* und nicht juristische FürsprecherInnen*.

Wenn ich mit Menschen über die Schilderung von Gewalt anderer Menschen spreche, dann sage ich, dass es sich immer und in jedem Fall um die Wahrheit der Menschen handelt und frage nach, ob sich die Frage nach der Wahrheit bzw. der Wahrhaftigkeit auf Fakten bezieht, oder darauf, vor etwas zu stehen, das nicht mit der eigenen Wahrheit (die sich aus einer bestimmten Lebensrealität speist) in Verbindung zu bringen ist.
Meistens sagen die Menschen dann, dass es tatsächlich mehr darum geht, dass für so furchtbare Ereignisse absolut kein Anknüpfungspunkt in der eigenen Lebensrealität gesehen wird und es deshalb schwierig ist, die Wahrheit anderer Menschen anzuerkennen.
Ich habe aber auch schon mit Menschen gesprochen, die nichts von eigenen Wahrheiten halten. Was für diese Menschen zählt ist “Objektivität”, was in aller Regel Fakten in Form von Studien- und Untersuchungsergebnissen meint und ganz eigentlich sogar nur eine Sicht meint: die es gut situierten, weißen, heterosexuellen Cis-Mannes (mittleren Alters), auf dessen Blick auf die Welt, sämtliche westliche Forschung aufbaut und aus dessen Wahrheit heraus sich die Mähr der Objektivität überhaupt erst hat entwickeln können.
Irgendwann ist es einfach passiert: aus der weißen männlichen Subjektivität, die mittels Wissenschaft hinterfragt und/oder bewertet werden sollte, wurde urmännliche Objektivität, die fortan zur Wahrheit im Gewand des Faktes auftreten sollte.

Es gibt diesen einen global blinden (obwohl heute oftmals schon einmal angeleuchteten) Fleck in der Wissenschaft und zwar Gewalt bzw. Diskriminierungen
Je kleiner und unfähiger zur Bildung einer allgemein wahrnehmbaren Masse, die zu untersuchende Gruppe ist, desto wahrscheinlicher wird diese nicht in den Genuss kommen, ihre Lebensrealität und die daraus entstehenden eigenen Wahrheiten in Form von Fakten abgebildet zu sehen.
So entstehen zum Beispiel gerade im Bereich der rituellen Gewalt, die mit explizit antichristlicher Ideologie durchzogen ist, einerseits Anerkennungsdynamiken in unserem christlich kultivierten Land, gleichzeitig aber genau auch nur daraus resultierende Blindheit für zum Beispiel christlich fundamentalistisch motivierte rituelle Gewalt, oder die Rezeption dieser Art Gewalt, als ein Angriff auf “die Grundwerte” Deutschlands. Da geht es in der Argumentation dann sehr schnell darum zum Beispiel satanistischen Kulten eine antidemokratische Haltung zuzusprechen, auch wenn solche Kulte sich selbst vorgeblich als lediglich antichristlich wahrnehmen und (zu recht) aufgrund der “Trennung” von Kirche und Staat in unserer Demokratie™ als nicht an staatliche (demokratische) Werte gebunden.

Das gleiche Muster ist in Bezug auf sexualisierte Gewalt (an Frauen und Kindern) zu finden.
Einerseits wird anerkannt, dass es Vergewaltigungen und Verletzungen von Personen aufgrund ihres Genitals und das daran geknüpfte soziale Geschlecht gibt- andererseits gebietet es die Abwertung dieses sozialen Geschlechtes “Frau” und der Adultismus, der sich auf Personen unter 14 ergießt, diese Verletzungen nicht selbst beurteilen zu können.
Die Definitionsmacht liegt in Bezug auf Personen, die als Frauen angesprochen werden darauf, das eine der Objektivität (und eben nicht dieser hysterischen Subjektivität) verpflichteten Person (am besten (cis-)männlich, mit Macht und Würde) diese physischen (genitalen) Verletzungen (etwas anderes zählt nicht, weil Psyche individuell und ergo nie mit 100%iger Sicherheit in objektive (wahrhaftige) Kategorien pressbar ist) als existent und ergo geschehen und ergo wahr markiert.
Bei Kindern ist es tendenziell jede Person, die erwachsen ist oder als erwachsen gelesen wird.

Gruppierungen wie die false memory syndrome foundation machen sich genau diese Diskriminierungsdynamiken zu eigen. Und zwar zum Einen, weil sie es (aus Gründen) wollen und zum Anderen, weil sie es können und zwar mit wenig Aufwand und unter Einbeziehung der gesamten westlichen Kultur, die die Wissenschaft als (einzigen) Wahrheitsträger, Wahrheitsfinder und Wahrheitsdefinierer anerkannt hat.
Interessenvertretungen wie die FMSF bilden keine pressure groups, weil sie basierend auf Fakten eine große Gruppe von Personen, die zu Unrecht angeklagt/ angezeigt werden darstellen [vgl. hierzu die polizeiliche Untersuchungskommission von New York, 1974 und die Untersuchungen zu Falschanzeigen von Vergewaltigungen in Deutschland von Volk, Hilgarth und Kolter 1979, die zu dem Schluss kommen, dass nur 2% falsche Anzeigen waren – ergo 98% aller Meldungen Anzeigen sexualisierter Gewalt tatsächlicher Taten sind], sondern, weil sie es schaffen die anzeigende Person nicht offen eine/n/* LügnerIn* zu nennen.

Das false memory syndrome wurde genau dazu erfunden, die Glaubwürdigkeit von Personen, die durch ihr soziales Geschlecht und/ oder ihre gesellschaftliche Position in ebendieser bereits als abhängig von der Definitionsmacht überlegener Personen stehen, herabsetzend darzustellen und zwar über das Mittel der Pathologisierung und/oder dem sehr wirksamen Mittel der Deutung und Bewertung der Kontexte, in denen sich diese abhängigen Personen befinden.
So wird vertreten, das Psychotherapie Misshandlungsideen kreiere und die PatientInnen zu krank/so kognitiv dissonant/ zu ungebildet/ zu verwirrt sind, diese vom eigenen Erleben (und ergo Erinnern) zu trennen oder zu (emotional) abhängig von ihren BehandlerInnen sind, um diese Ideen eben nicht offen von eigenem Erleben (und Erinnern) abzugrenzen.
Ich komme nicht umhin einen Puls durchs Dach und einmal um den Erdball kreisend zu haben, ob dieser Unverschämheit, sich über die Wahrnehmung (und das subjektive Selbst) von Personen zu stellen, die sich in psychotherapeutische Behandlung begeben, und dem Implizit, dass PsychotherapeutInnen sich gezielt, um anderen Menschen (die sie nicht einmal kennen oder von deren Leiden sie selbst in irgendeiner Form profitieren, außer in ihrer Fantasie- was aber auch ohne den Aufwand der PatientInnenmisshandlung funktionieren würde) zu schaden, die Mühe machen, ihren PatientInnen irgendwas einzureden.

Ich vertrete die steile These, dass Menschen, die tatsächlich zu krank/so kognitiv dissonant/zu verwirrt/zu ungebildet sind, um fremde Ideen nicht von sich selbst zu trennen sind, ebenfalls nicht in der Lage sind, das Unrecht an sich zu erkennen, eine juristische Vertretung für sich zu finden, Tathergänge zu schildern, Beweise zu liefern, Anzeigevernehmungen und Klageverfahren durchzustehen. Nicht alleine. Nicht ohne, dass noch eine unbeteiligte Person noch mal und noch mal auf die Beziehung in der Psychotherapie zu schauen wagt.
Vor allem an dieser Stelle zeigt sich die unterschiedliche Wahrnehmung von Vorgängen rund um Lebensrealitäten von diskriminierten Personen, die zu Opfern von Gewalt wurden.

Was für ein einfaches Leben muss jemand haben- wie viele Erfahrungen von “ich sage etwas- dann passiert auch etwas und in aller Regel genau das, was ich will”, eine Person gemacht haben muss, um zu dem Schluss zu kommen: “Es muss nur einziges Mal jemand sagen: “Ich wurde von XY misshandelt” und zack landet XY im Knast (und es hat genau die Auswirkungen, die dieses jemand wollte)” , kann ich mir nur aus der Ferne überlegen.

Einige Kritik an der FMSF wird meiner Ansicht nach auch fehladressiert.
Es ist natürlich zu kritisieren, dass diese Gruppe propagiert, Erinnerungen könnten produziert werden und es gäbe nicht so viele Fälle von sexualisierter Gewalt, wie immer und überall geschildert – andererseits gibt es auch für das öffentliche Bild keinerlei Entsprechung für das Gegenteil. Und es ist nun einmal das öffentliche Bild, welches die Subjekte produziert, die dann “objektiv” richten/werten sollen.

Natürlich taucht mit schöner Regelmäßigkeit eine Studie auf, die uns Alarme schlagen lässt. Selbstverständlich gibt es inzwischen neurophysiologische Belege für die Phänomene um Dissoziation, PTBS und komplexe wie chronische Traumatisierungen, aber welchen Effekt haben diese blitzblank objektivierten Ergebnisse auf die Lebensrealität der Menschen im Alltag?

Wenn ich mich als Opfer von Gewalt mit meiner Expertise als Opfer von Gewalt in Fachkreise einbringen will, gilt diese Expertise nicht. “Zu individuell” heißt es dann. “Wollen wir nicht, brauchen wir nicht. Nicht wissenschaftlich genug”.  Meine Gespräche mit HelferInnen*, JuristInnen*, RichterInnen*, BeraterInnen* und anderen Betroffenen gelten nicht etwa als fachliche Korrespondenz oder gar als Beratung.
Weil ich keine “objektive” Sicht habe, gilt sie nicht.
Sie gilt nur als Opferwahrheit und wird damit mehr oder weniger bewusst, abgewertet.

Als objektiv gilt, wer die Macht hat, seine subjektive Wahrnehmung um ein Objekt, als objektiv zu bezeichnen.

Deshalb ist auch der Anspruch an Menschen, die von anderen Menschen als FürsprecherInnen* oder BegleiterInnen* gewählt wurden, objektiv zu sein so falsch.
Dieser Anspruch zwingt MedizinerInnen*, JuristInnen*, (Psycho-) TherapeutInnen*, BeraterInnen*, Hebammen und überhaupt alle Menschen, die andere Menschen begleiten, in eine Position,in  der sie selbst unter Umständen, Menschen beistehen müssen, die sie aber selbst verachten, ablehnen, abwerten und von ihren zu Begleitenden nicht als verachtend, ablehnend, abwertend handelnd markieren können.

Objektivität ist also auch ein Wegbereiter in das silencing – ins Wort- und Stimmlos machen von Personen, die sich an Personen wenden, um durch ihre Stimme gehört zu werden, weil es die Abhängigkeit der Personen voneinander zementiert und immer wieder zu einem Schauspiel um (Definitions)Macht führt.

Personen, die Gruppen wie die FMSF unterstützen, begründen ihr Engagement damit, dass sie wollen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Dass niemand zu Unrecht einer Strafe zu geführt wird.
Das ist toll und etwas, was unser Rechtssystem und auch unsere Gesellschaft wünscht und ergo unterstützt. Zum Beispiel in dem man “False Memory Deutschland” eine Gemeinnützigkeit anerkennt, weil diese keine StraftäterInnen* unterstützt und/oder schützt.

Dass sie dieses aber auf dem Rücken von tausenden Personen, die es aufgrund der von dieser Gruppe verbreiteten Falschinformationen und Ausnutzung bestehender Diskriminierungsstrukturen, nie und nimmer nicht überhaupt jemals auch nur in die Nähe von Sichtbarkeit und Anerkennung ihrer Lebensrealität als zu Opfer von Gewalt gewordenen Menschen schaffen, ist verabscheuungswürdig und ein Skandal, wie er nur in Kulturen passieren kann, denen eben jene Lebensrealitäten mitsamt der damit einhergehenden Subjektivität wertlos sind.

der rosenblattsche Weg zur freiwilligen gesetzlichen Betreuung

Heute gabs mal wieder was aus der Serie “Frau Rosenblatt auf der Jagd nach dem goldenen Schnatz im Bereich Unterstützung und Fürsprache”

Kurzer Rückblick: August 2013 – Frau Rosenblatt möchte einen Abzweigungsantrag in Bezug auf das Kindergeld, das sie erhält, weil sie schwerbehindert und erwerbsunfähig ist, stellen, damit nicht jedes Jahr Post von der Herkunftsfamilie in ihre Kniekehlen tritt
– die folgenden 8 Monate verbringt Frau Rosenblatt damit, Menschen, die ihr Unterstützung und Fürsprache in ihren Belangen zugesichert haben, damit zu nerven, dass da was passieren muss, weil sie ohne Weiterbewilligung von 184€ weniger leben muss
– die Menschen versuchen und versuchen – lauschen gespannt Wartezeitenmelodien bis plötzlich … nun ja wahrscheinlich hatte man sich an die Unklärbarkeit und Unlösbarkeit gewöhnt oder das Rauschen, das aus Frau Rosenblatts Mund heraus kam, irgendwie auch einfach nicht mehr wahrgenommen. Kann ja passieren. Passiert ja allen ein “ich brauche Unterstützung- ich kann das nicht allein- es geht mir zu schlecht, ich habe keine Kapazitäten mitzuwirken- ich kann nicht helfen mir zu helfen” einfach irgendwann nicht mehr zu hören. That’s life und so was Frau Rosenblatts‘

Inzwischen schreibt man Mai 2014 – Frau Rosenblatt hat ein Riesenglück mit ihrem Jobcentermenschen: die Kindergelddifferenz wird ausgezahlt bis die Sache geklärt ist (das Jobcenter ist nicht verpflichtet das zu tun!)
– da ihre HelferInnen* taub für ihre Worte geworden und konfliktfähig wie ein Stück Landstraße sind, stellt sie einen Antrag auf eine freiwillige gesetzliche Betreuung

und wartet

meanwhile ist sie eigentlich eher Wrack als irgendetwas anderes und stemmt trotzdem ein Vorhaben nach dem anderen. Niemand soll ihr je nachsagen können, sie würde sich gehen lassen, würde schwach werden unter dem Verlust von Gemögten, Verbündeten und Gemochten, dem Infragestellen von Lebenssinn und Zukunftsperspektive. Sie verbringt viel Zeit damit Menschen zu sagen: Ich kann nicht mehr – ich bin müde – ich bin traurig – ich bin verletzt – ich bin ungerächt – ich bin überfordert , bis es auch in ihren Schädel geht: Es ist scheiß egal, was sie eben nicht kann. So lange sie es nicht für andere Menschen sichtbar nicht kann, kann sie eben doch alles.

Also atmet sie anders und beißt sich vorwärts bis in den Juli, wo ein Sozialbericht erstellt wird.
Man sagt ihr,
sie könnte noch immer eine Strafanzeige erstatten – bis die Gewalt an ihr verjährt ist, hat sie ja noch 4 Wochen.
Sie lacht die Frau fast aus und mariniert sich erneut in Bitterkeit.

“plätscher plätscher” machte die Zeit bis September, als Frau Rosenblatts Konto dann plötzlich leer blieb.
Überraschung. Nicht.
Das Jobcenter möchte selbstverständlich gerne endlich einmal Zettelage über das Kindergeld, die Frau Rosenblatt nicht hat. Aus Gründen.

Frau Rosenblatt hat inzwischen Kompetenzwut aufgebaut und ruft beim Gericht an. “Macht mal bitte schneller – ich habe kein Geld, bin zahlungssäumig und man will Zettel von mir, die ich nur mit eurer Hilfe bekommen kann”, sagt sie sinngemäß (und viel sachlicher, denn eigentlich war sie im September größtenteils tot).
Eine Woche später, bekommt sie Post zur Ansicht, die auch an die Medizinerin gegangen war, die sie begutachten sollte. “Machen sie mal schneller ihr Gutachtendings- Frau Rosenblatt hat Angst”.
Ja, es gab eine klitzekleine Hassexplosion in Frau Rosenblatts Bauch.

Dann die medizinische Begutachtung, die dankenswerterweise weder nervig noch schmerzlich noch sonst wie respektlos oder doof war.

Es folgte Warten bis heute.
9. Oktober: Anhörung bei Gericht. Nun gibt es die Erklärung vor dem Richter, warum Frau Rosenblatt denn gerne diese Betreuung möchte. An dieser Stelle kann ich es nicht lassen, darauf hinzuweisen, dass es immer wieder heißt: “Warum möchten Sie denn die Betreuung?” und nicht “Warum brauchen Sie denn die Betreuung?”.

Frau Rosenblatt braucht ja nie etwas- Frau Rosenblatt ist der wandelnde Imperativ – Frau Rosenblatt WILL immer etwas.
Das ist ja Nervige an ihr – STÄNDIG hat sie kein Geld – IMMER fehlt ihr irgendwas, will sie irgendeine Unterstützung, braucht Zuspruch, will Schutz – G’tt wie anstrengend!
Erst mal weggehen. Eine Rauchen… Kataloge blättern… sich gut fühlen, weil man nicht so ist, wie sie.

Scheibenwischer- Richteranhörung
Frau Rosenblatt erfährt, dass man eigentlich jemanden ausgesucht hatte, aber “in Anbetracht der Komplexität ihres Falls” sei eine volljuristische Betreuung, die sich engagiert, nötig.  Da müsse man jetzt aber nochmal schauen, wer sich das zutraut. Wer die Kapazitäten dafür hat. Kann noch mal 2 – 3 Wochen dauern.

“Ist diese Betreuung von jemandem anfechtbar?” – “Nein”.
”Schönen Tag  noch, ich danke Ihnen für die Zeit, die Sie sich für mich genommen haben”. Falten aus dem Mädchenkostüm gezupft und mit dem üblichen Gefühl nichts weiter als eine Last für sich und eine Belästigung für den Rest der Welt zu sein, stieg sie in die Bahn nach Hause.

Alleine, wie sie in dem Flur aus 50 shades of grey saß, gar nicht so weit weg von dort, wo man ihr alles Unrecht, dass ihr je widerfahren ist, anerkennen und als Unrecht markieren hätte würde wenn können. Hätte sie angezeigt. Würde sie das durchhalten. Wäre alles anders und ganz besonders sie nicht sie.

Als sie nach Hause kommt, erwartet sie eine bombastische Rechnung über säumige Zahlungen.
“Es war nicht Ihre Schuld – Sie haben getan, was Sie konnten”, sagt die Frau bei der Telefonseelsorge.

Schon wieder ihren Gemögten und Gemochten oder der Therapeutin mit ihrem Kummer auf die Nerven gehen, wollte sie nicht.
Also rief sie dort an und freute sich, die eine achte Anruferin zu sein, die dort überhaupt nur durchkommt.

zum Begriff “Überlebende”

Es war eine Frage bei der Openmind Konferenz. Wie ich zu dem Begriff “Überlebende” stünde.
Mich hat es noch ein bisschen beschäftigt und jetzt kommen nachträglich  ein paar Worte von mir dazu.

Ich habe mich von dem Begriff für mich gelöst. “Überlebende” ist keine Selbstbezeichnung mehr für mich.
Eine ganze Weile fand ich den Begriff gut, weil er mir als Alternative zum Wort “Opfer” erklärt wurde und er auch die Wucht dessen, was ich erfahren habe, damals irgendwie passend transportierte.
Ich hatte ein Wort gesucht, das nicht nach Passivität klingt oder darüber definiert wird.

Und dann hatte ich mich an etwas erinnert, das mir klar machte, wie profan Über- und Weiterleben eigentlich ist.

Es ist keine Leistung und auch keine Fähigkeit zu überleben oder überlebt zu haben.
Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber mich macht der Versuch des Empowerments mit dem Satz: “You are not a victim – you are a survivor” inzwischen richtig wütend, weil er sich der simpelsten aller Maschen bedient, die das Sprechen und Verdrängen um Gewalt und ihre Folgen an sich hat: Abwertung von Opferschaft und der Implizit diese wählen zu können.

Der Satz könnte besser heißen: “You were a victim and you survived”.

In meinem Vortrag sagte ich, dass es keinen einzigen Begriff gibt, der Menschen, die zu Opfern wurden, in ihrem Leben nach der Gewalterfahrung benennt, ohne sie immer wieder als eine Person, die akut etwas oder jemandem unterworfen ist, anzusprechen.
Das ist die “ganz oder gar nicht”- Logik, welche die Macht – Ohnmacht – Dynamik mit sich bringt: Einmal Opfer immer Opfer- oder es ist nie etwas passiert.
Genau daraus kommt aber eben auch die Notwendigkeit, immer wieder auf das Gewaltereignis hinweisen zu müssen, um es (mit) zu erwähnen, wenn man sich selbst als Mensch, der zum Opfer wurde, beschreiben möchte, oder seine Perspektive erklären will.

Mir ist es heute natürlich nicht unwichtig, dass ich zum Opfer von Gewalt wurde. Es ist mir aber nicht mehr für andere Menschen wichtig, die mich mitsamt meiner Erfahrungen und Wuchsrichtungen anerkennen sollen, sondern für mich, um meine Erfahrungen vor mir selbst zu bewerten und auch zu beworten.

Für mich war dieses Überleben, das so oft fast glorifiziert herausgestrichen wird, zum Teil fast schmerzhafter als die Nahtoderfahrung vorher.
Zugeschwollen und blutend zu sich zu kommen ist auch “überlebt haben”.
Das Moment in dem man seine Glieder einsammelt und an sich dranbewusstet; das sich fragen, ob man da ist, oder nur so tut, oder sich selbst gerade träumt. Das ist auch “überleben”.
Es tut weh. Es ist vielleicht mit dem größten Ekel, den man je empfunden hat, verbunden. Es ist ohne Hoffnung, ohne Gedanke … es ist so verdammt weit weg von einem warmen Licht am Ende eines Tunnels, der einen ins Überlebendenwunderland mit Bällebad und Zuckerwatte führt.

Ich war 21 Jahre lang genauso Opfer, wie Überlebende und keins der beiden Wörter reicht an das heran, was ich an mir in Bezug auf das, was diese Erfahrungen mit und an mir gemacht haben, wahrnehme.
Ich bin weder stärker geworden, noch zäher, noch bin ich davon gebrochen oder zerstört worden. Es war mein Leben. Nicht mehr und nicht weniger.

Ich bin eine “damit lebende”. Manchmal bin ich auch eine “damit versuchen zu lebende”, eine “damit hadernde” und manchmal bin ich auch eine “darunter leidende” Person.
Aber ich bin eine “Eine”. Ich bin immer ein Mensch, der unter bestimmten Bedingungen gewachsen ist, wie jeder andere Mensch auch.

Ich bin nicht an der Reihe mich und die Gewalt sichtbar zu machen.
Die Welt ist an der Reihe mich und andere Menschen, die zu Opfern wurden, die Gewalt und das Leben mit ihren Folgen zu sehen, auch wenn wir das nicht immer wieder sagen.