Grenzen

Vor 11 oder 12 Jahren war das Wort „Grenze“ etwas, das ich nur im psychiatrischen Kontext kannte. Grenze war, wo Pfleger- und Aerzt_innen stehen. Grenze war von Autoritäten konstruierte Fremdheit.
Dann machten wir die erste Traumatherapie in einer Tagesklinik und sollten mit einem Seil eine Grenze markieren. Mehr, als dass es um ein Seil ging und ich unangenehm leer aus der Sitzung taumelte, erinnere ich heute nicht mehr. Aber das Wort und Kenntnis um die Möglichkeit, Grenzen selbst herstellen zu können, sind geblieben.
Die Transferleistung in unseren Einsmenschalltag blieb damals völlig aus. Ich war nur in therapeutischen Kontexten. Mein Alltag war zu tun, was Therapeut_innen vorschlugen, Klinikroutinen mit meinen Routinen zu synchronisieren, die permanente Vermessung, Beurteilung und Kontrolle von Leib und Seele zu ertragen. Mein Alltag war, die Grenzen der anderen in mir durch meine Anwesenheit vor dem Außen zu schützen. Sobald wir die Klinik verließen, waren ich und meine Schatten nicht mehr und damit auch die meisten Inhalte aus Gruppen- und Kreativtherapien.

Es war die selbstbestimmte Psychoedukation und das zunehmende Bewusstsein für die Traumatisierungen in psychiatrischen Kontexten, die mich den Anderen näher gebracht hat.
Zwischen mir und den Anderen war eine Grenze. Ich war die Fremdheit auf der anderen Seite.
In den letzten Jahren haben uns aneinander gewöhnt. Sie sind mir nicht mehr fremd, ich bin ihnen nicht mehr fremd. Wir haben eine gemeinsame Grenze gefunden. Meine Schatten. Wir sprechen nicht über sie. Wir sprechen nicht mit ihnen. Und jede weitere Psychoedukation verwenden wir, um mehr Abstand zu ihnen zu bekommen. Wir nutzen meine Erfahrungen und die Kraft der Anderen, um eine Grenze aufrecht zu erhalten, das Fremde fremd zu lassen.

Wir haben gelernt unsere eigenen Grenzen zu umfließen. Es werden Ressourcen entwickelt, man verteilt sie bedarfsgerecht und schon verschieben sie sich. Nie stellen wir Bedarfe grundsätzlich in Frage. Niemals tasten wir an, warum eine Grenze da ist und ob es vielleicht nur die Grenze ist, die uns Fremdheit empfinden lässt. Vor der Therapie, weil wir sie als natürlichen Teil unserer Er_Lebensrealität nicht hinterfragten und nun, nach vielen Jahren in Therapie, weil wir mehr über ihre Natur wissen, als Praxis zu haben sie aufzulösen.

Doch heute leben wir nicht mehr allein. Wir spüren Grenzen nach außen, die gar nicht von uns kommen, sondern uns lediglich betreffen. Mit ihnen umzugehen ist eine Herausforderung. Denn es geht nicht darum, ob und wann wir sie übergehen, sondern um ihre Wahrnehmung und Einordnung als nicht akut lebensbedrohlich.

Die Menschen in unserem Leben heute sind keine Autoritäten. Es ist nicht nötig ihre Grenzen zu erahnen, zu erraten, aus sämtlichen Informationen, die sie verbal wie nonverbal produzieren, zusammenzurechnen und zu einem belastbaren Ergebnis zu konstruieren. Wir können sie einfach fragen.
Doch in dieser Neuheit sind wir nicht allein. Es ist schwierig eine Grenze zu benennen, die man selbst an sich noch nie gespürt hat. Man kommt nicht umhin, die eigenen Grenzen zu überqueren oder überquert zu erleben, um sie zu empfinden.

In dieser Auseinandersetzung merke ich, dass meine Schatten viel gemeinsam haben mit denen, die von den Anderen ins Inmitten verbannt sind. Ich sehe, wie die Nowendigkeit der Trennung jeder neuen Lebenserfahrung von den alten traumatischen Lebenserfahrungen, unsere inneren Grenzen verstärkt.
Jedes Mal, wenn wir feststellen, dass Heute Heute ist, stellen wir auch fest, dass meine Schatten und das Inmitten Früher ist. Vergangen. Weg. Nicht hier. Nicht heute.
Die Balance wird schwieriger, je fester wir diese Einordnung vornehmen.

Es kommt die Frage, wo die Grenzen der Balance liegen. Wo ist die Grenze mit der wir nicht mehr okay sind? Welche Grenzen müssen wir zu hinterfragen beginnen, um einander näher zu kommen?

zahnarztschlimme Traumascheiße

„So ist das jetzt also. Wenn ich denke, dass nichts passieren wird, passiert was und ich bin allein. Damit und mit dem, was es mit mir macht. Aha.“ Und in mir drin klickt eins ins andere, als wäre das nie nie nie niemals anders gewesen. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Bin nicht mal wütend, bin Schock, Überwältigung, Not. Es weint und weint und krampft und ich mache Schritte durch die Stadt, die viel zu groß für mich und viel zu klein sind, um so schnell vorwärts zu kommen, wie ich und mein rasendes Herz das wollen. Brauchen.
Der Vertretungsarzt in der kieferchirurgischen Praxis hat uns beim Ziehen der Fäden von der Op vor 10 Tagen, wehgetan. Und weiter gemacht. Und weiter. Und uns angewidert? von den Tränen und der Sprachlosigkeit? weggeschickt.
Und nichts – kein Erklärungsversuch, keine Relation, kein „In Perspektive setzen“ hilft.
Es ist einfach scheiße. Nicht, weil ich das so finde, sondern weil es das immer ist, wenn jemand übergriffig ist. Ab da kann man die Scheiße nur noch aufquirlen, anheizen, verbreiten. Indem man so tut als wäre nichts. Zum Beispiel. Als wärs nicht schlimm, weils schlimmere Dinge gibt.

Unser Zahnarztschlimm hat fast 7 Jahre durchgehend Zahnschmerzen und 3 Zähne, eine Wurzelspitze und ein kreisrundes Stück Kieferknochen gekostet. Es hat bedeutet, keine 2 Minuten in einem Wartezimmer warten zu können – obwohl der Termin so hart umkämpft wurde. Es hat bedeutet über Wochen hinweg Pseudotermine zu brauchen, bei denen nichts passiert außer Konfrontation mit der Umgebung, Werkzeugschau, angucken und untersuchen lassen aushalten – üben! Um zu einer Basis zu kommen, die halbwegs stabil ist und Angst, Panik, rapid switching und andere Anpassungsreflexe aushalten kann. Um glauben zu können, dass diese dann neue Zahnärztin uns so lange Zeit gibt, wie wir brauchen.

Wir haben keine Zahnarztangst entwickelt, weil wir traumatisiert sind und sich unsere Ängste automatisch generell auf alles drauflegen. Wir haben sie entwickelt, weil wir uns zu lange nicht von einer Ärztin getrennt haben, die uns immer wieder wehgetan hat. Und weiter gemacht hat. Und weiter. Und weiter. Wir haben unser Bindungstrauma wiederholt.
Und danach haben wir unseren Ausstieg wiederholt. „Wenn du nicht verletzt werden willst, dann geh halt nicht hin. Zu niemandem von denen mehr. Jemals. Alle, die auch nur ansatzweise so sind wie diese Person, alle, die machen und bieten, was diese Person bietet: nie wieder.“

Wir haben lange mit Zahnschmerzen, Entzündungen und Löchern wie Einzimmerappartements gelebt.
Und als das von der neuen Zahnärztin in einer großen Behandlung unter Vollnarkose behandelt worden war, war das wie ein Sonnenaufgang.

Der Freund bot an, da anzurufen und den Arzt anzumeckern. Das war schön. Schöner Quatsch.
Und dann haben wir aufgelegt. Ich lief in die Innenstadt, fing die restlichen Tränen wie Erkältungsschnodder auf, spürte mich als Lücke zwischen Jahreswechselkälte und abgrundtiefer Kindernot. Dachte wieder: „So ist das jetzt also. Da schreit ein Kind, das niemand außer mir wahrnimmt. Aha.“
Ich konnte nichts tun. War bis spät in den Abend überwältigt. Plattgewalzt von der Willkürlichkeit des Arztes, der sich mit seinem Handeln in eine Reihe überwältigender Ereignisse des Tages, die in ihrer schockierenden Wirkung auf mich von anderen Menschen kaum nachvollziehbar sind, einreihte.

Am 7. haben wir den nächsten Zahnarzttermin.
Ich habe Angst, dass jetzt alles wieder so ist, als wäre nie nie nie niemals irgendetwas anders gewesen.
So ist das jetzt und es ist scheiße.

Traumascheiße.

10 Jahre

Das ist ein Meme. Heute vor 10 Jahren.
Ich habs bei Twitter gesehen. Manches ist witzig, manches boxte mir unvermittelt in den Bauch. Nun, wo 2019 fast ausgetrunken ist und im Hinblick auf so manche üble Entwicklung wenn nicht nach Schierling so doch bittersüß schmeckt, nehme ich mir die Zeit, meine letzten 10 Jahre zu überfliegen.
Wirklich – nur überfliegen.

Die ältesten Beiträge hier bei WordPress beginnen im November 2010.
„Multipel zu sein ist nichts womit man nicht leben kann. Es geht. Es gibt ein Heilen. Es gibt eine Normalität und es gibt eine Zukunft.“, das steht in einem der ersten Beiträge. Manchmal denke ich, dass wir vielleicht nie mehr als das hätten schreiben müssen. Weil: es ist so und alles mehr ist vielleicht einfach nur mehr, aber nicht nötig. Was weiß ich.

Vor 10 Jahren war NakNak* noch ein Hundekind, wir waren am Anfang ihrer Ausbildung. Jemand, die_n wir dieses Jahr zum ersten Mal persönlich getroffen haben, hat uns das ermöglicht und H. hat uns ermöglicht, dass sie_r uns das ermöglichen konnte.
H. ist vorbei. Vor – ich weiß das Datum nicht – vielleicht 6 oder 7 Jahren? – zum ersten Mal, letzte Woche zum zweiten Mal. Schmerzhaft. Obwohl es gut und richtig war. Wer weiß, wem wir außer uns noch geschadet hätten.

Die Therapeutin. Ist immer noch unsere Therapeutin. Es hilft nachwievor, mit ihr zu arbeiten. Es war ein Weg zueinander und ist es für manche von uns noch.
Wir Rosenblätter sind nicht mehr ausschließlich das „Therapiemach“-System. Suizidalität ist nicht mehr normal für uns. Einsamkeit ist nicht mehr normal für uns. Allerdings ist es normal geblieben mit manchen Viele-Dingen allein zu sein und normal geworden, keine stationäre psychotherapeutische Hilfe mehr in Anspruch nehmen zu können. Bitter.

Und auch etwas, was wir verstanden haben, weil Selbstbestimmung für uns kein abstrakter Kampfbegriff mehr ist, sondern ein allgemeines Menschenrecht. Der ganze politische Aktivistenklops. Der hat heute eindeutigere Formen. Mehr Hintergrundwissen, mehr Auseinandersetzungs- und Reibungsfläche als je zuvor. An uns, an unserem Leben, an allem, was wir tun. Es hilft unglaublich zu verstehen, was da passiert ist, wenn uns ältere, erfahrenere Frauen zur Selbstbestimmung verholfen, aber sofort von ihrer (zweiten) Welle geschubst haben, sobald wir über uns selbst bestimmt haben.
Es hilft zu verstehen, dass es nie nur therapeutisch war, sondern immer auch persönlich und deshalb politisch.
Es ändert nichts, aber hilft.

Seit 10 Jahren nehmen wir unser Schreiben ernst genug, um es zu tun. Regelmäßig. Nur ein Mal in den letzten 10 Jahren ging es nicht. In der großen Krise nach der Autismusdiagnose. Wie heftig, krass, schlimm – akut lebensbedrohlich – diese Zeit war, das habe ich erst einige Monate später verstanden. Nämlich dann, als man uns das Schreiben verbieten wollte und damit die letzte eigene Ressource, um mit dem umzugehen, was wir gerade erfuhren.
Unser Leben hat sich damals grundlegend für uns verändert und es wäre schön gewesen, diese Veränderung in aller Ruhe willkommen heißen zu können. Mit traumasensibler Unterstützung einordnen zu können. So wie es dann lief, war es re-traumatisierend. Unnötig schmerzhaft. Nicht fair. Gewaltvoll. 2016 war entsprechend das schwierigste der letzten 10 Jahre.

Auch wegen der Schule. Die Berufsausbildung mit Fachabitur. Typische Verzweiflungsüberforderung.
Es hat sich gelohnt, war eine tolle Erfahrung, ist ein persönlicher Triumph. Aber der Preis war hoch, sehr viel höher, als wir das kommuniziert haben und kommunizieren.
Wir würden es nicht noch einmal machen und sagen das nicht, weil wir den Abschluss und die Erfahrungen nicht wertvoll finden oder nichts davon haben. Wir würden heute unsere Grenzen nicht mehr so weit übergehen. Nicht so und nicht nur für eine Chance auf etwas, das man uns strukturell, gesellschaftlich, manchmal auch persönlich schlicht nicht zugestehen will.

Wir haben uns in den letzten 10 Jahren in eine Lebensrealität eingefunden, die voller Zwänge und Barrieren ist, die aufzuzeigen, zu erklären und zu diskutieren einen großen Teil unserer Arbeit ausmacht. Dass wir nicht aufgeben ist viel. Dass wir uns selbst darin Raum nehmen und gestalten noch viel mehr. Wir wollen dafür kein Lob, wollen keinen Orden für Durchhalten trotz allem am güldenen Band.
Es ist leben. Unser Leben. Es ist nichts besonderes, sondern etwas normales. Das ist in uns angekommen und zu einer stabilen Ressource gworden. Es geht nicht mehr um Leben oder Tod, es geht um das Leben und wie wir es er_leben wollen.

Wir sind nicht mehr die außerordentliche Betreute, von der man so mega viel lernen kann, dass man sich klemmt, beim Chef um angemessene Fortbildungen zu kämpfen. Wir sind nicht mehr der skurrile Fall, der irgendwie unterhaltsam und inspirierend zugleich ist, so dass man die Realität der Not dahinter gar nicht an sich ranlässt. Vor 10 Jahren waren das die Gründe, weshalb Menschen mit uns zu tun hatten. Sie haben uns betreut, sie haben unser Leben verwaltet, sie haben uns gerettet und manche haben uns deshalb ausgenutzt.
Heute werden wir respektiert, gemocht, geachtet und geliebt von jemandem, der das gar nicht muss.
Heute werden wir um Einschätzungen zu für Traumaüb.erlebende und ihre Behandler_innen relevanten Themen gefragt. Werden als Autorin geschätzt und werden für Analysen, die noch vor einigen Jahren als (zu) hochgeistige Vermeidungstendenzen nicht einmal angehört wurden, gelobt, belohnt und gezielt angefragt. Wir sind stolz auf unsere Arbeit und lassen uns das nicht mehr pathologisieren.

Der letzte Punkt ist der Name. Wir heißen nun anders und spüren, dass damit ein neuer Abschnitt beginnt. Es ist ein zweiter Ausstieg, das lässt sich nicht von der Hand weisen. Wir gehen seit der Namensänderung durch Prozesse, die vorher nicht möglich waren, fühlen uns okayer als je zuvor. Nicht alles wird einfach werden, schon jetzt zeichnet sich auch viel Schmerz und Trauer ab, doch wir fühlen uns auch stark und sicher genug, dem begegnen zu können.

Zum Abschluss dieses Textes, vielleicht das, was mir für andere Viele, die es bis hierhin zu lesen geschafft haben, wichtig ist. 10 Jahre sind eine lange Zeit. 10 Jahre sind für manche Innens ihr ganzes Leben. Wie viele Prozesse und Ereignisse in 10 Jahre passen, hat mir dieser Text deutlich aufgezeigt und wieder eine Idee zu den inneren Kosmen der Kinderinnens und jugendlichen Innens gegeben. Sie tragen so unfassbar viel unserer Leben, wenn sie 10 sind. Oder 5. Oder 13. Sie sind mehr als ein Speicher, mehr als eine Datenbank, eine Sedimentschicht von allem, was uns ausmacht.
Eine Angabe von Jahren – auch über die Jahre, in denen man therapeutisch daran arbeitet, die erfahrenen Traumatisierungen zu erinnern und/oder zu verarbeiten – ist der Versuch, etwas einzugrenzen, was in sich keine Grenzen kennt. Nämlich Prozess. Entwicklung.

Wir möchten hier keine 10 Jahre Erfolgsgeschichte präsentieren. Sondern die Erfolge, die wir in den letzten 10 Jahren hatten. Aus Gründen. Einer davon ist, dass wir das im Moment für uns brauchen.
Es wird dir, euch, in 10 Jahren vielleicht ähnlich gut bis besser gehen. Vielleicht auch nicht. Aber Prozesse, Entwicklungen wird es gegeben haben und darum geht es in dieser Rückblende.
Prozess spüren, um ihm im Alltag mehr und mehr zu vertrauen.
Denn neben allem was war, ob es schlecht war oder nicht, wird es immer Prozess in dir, in euch, gegeben haben und vielleicht ist das etwas, das als Wissen Platz bei dir, bei euch, bekommen darf und zu einer Kraftquelle werden kann.

Schale

Ich fühle mich geschält. Wie diese Kartoffeln im Glas, nur dass der Zug, in dem ich sitze, das Glas ist und in kein Supermarktregal passen würde. Aber ich. Ich fühle mich so klein geschält, dass ich froh bin um diese große Hülle. Es ist Dienstagabend, reichlich spät, denn wieder hat mein Zuganschluss in Minden nicht geklappt. Wieder warten wir im Dunkeln, im Kalten, im Alleinen zwischen zwei Welten und sind dabei selbst weder fest noch flüssig.

NakNak* atmet auf meinen Schoß, in ihrem Fell wuseln die Anderen wie Flöhe auf der Suche nach Nähe, Wärme, Halt. Alles ist schwer, sogar an meinen Wimpern hängen Senklote.
Als wir aus dem vorletzten Zug aussteigen wollen, spricht mich eine Person an. Ich reagiere nicht, bin verzehrfertige Kartoffel-klein. Denke, soll er sich große Leute suchen, um zu sprechen. Er winkt mir zu, tritt näher an mich heran. Ich höre zu. Dann doch. Weil ich mich ohne Schale einfach nicht abgrenzen kann. Und weil ich keine Kraft mehr habe. Für Widerspruch, für meine eigenen Grenzen, für nichts und niemanden. „Wobei würde der Hund denn assistieren?“ fragt die Person und ich höre wieder weg. Dafür – für all das, was an dieser Situation falsch ist – habe ich erst recht keine Kraft. „Das ist eine extrem private Frage.“. Sagt eine andere. Dann hält der Zug und wir steigen aus.

Es ist kalt. Es ist dunkel. Ich bin allein.
Und trotzdem gibt es Dinge, die total privat sind.
Und eine andere, die noch eine Schale hat. Oder ist.

24

Irgendwann in meinem Leben will ich es schaffen, dass Leute sehen, wenn wir mit einer Akku-Ladung zwischen 5 und 10 Prozent versuchen, dieses Ding namens „Alltagsleben“ geschissen zu kriegen.

10% fühlen sich für mich gerade an wie 100%. Weil ich die meiste Zeit mit 2% rummache.
Vielleicht wirke ich deshalb nicht so schlapp. Ich habe keine Ahnung.
Und eh – wie verwirrend ist das alles. Von allen Seiten wird mir angetragen, doch zu machen und zu tun und werden und zu sein, doch was ich tue ist entweder das Falsche machen, nicht zur richtigen Zeit machen oder irgendwie nicht nachvollziehbar oder „Das musst du selber entscheiden, ich kann dir nur sagen, was ich denke“. Uff. Ja was denn nun. Darf ich, was ich will oder soll ich „das Richtige“ machen?

Ich weiß es wirklich nicht. Denke so oft: Du hast keine Ahnung.
Und verkrieche mich hinter der Härte von K., die macht, was wir wollen, wie wir können, so lange bis von 10 noch 0.2% übrig sind. Weil ich nicht weiß und merke, niemand sonst weiß, aber meint oder glaubt oder wünscht oder will oder findet.

Plötzlich sind da wieder Dinge zu sagen wichtig wie: „Du bist nicht, was du tust.“, „Wenn dir jemand irgendetwas sagt, das dich nominalisiert, dann ist es sehr wahrscheinlich emotional übergriffiger Mist“, „Es ist okay, nicht zu entsprechen.“, „Streiche alles, was dir von anderen angetragen wird, auf die wenigen Dinge zusammen, mit denen du konkret etwas anfangen, verändern, beenden kannst.“

Jetzt Abstand machen können, ohne persönlich zu kränken, ohne irgendwelche Dinge zu verkomplizieren. Einfach ein Fenster ins Jetzt ritzen, durchklettern und nahtlos hinter sich verschließen. Ganz leise. Damit es nicht auffällt, kommentiert wird, bewertet oder zu einer Eigenschaft erklärt wird. Das wär gut. Kurz mal weg sein für eine Weile. Nur kurz. Eine Woche vielleicht. Ohne, dass das was bedeutet oder bewirkt oder erklärt oder gerechtfertigt oder irgendwie mit irgendwas aufgeladen werden muss.

Einfach nur so. Eine Woche nicht sprechen. Nicht außen sein müssen. Nur dem Ladebalken nachspüren. Merkwürdig, was das plötzlich für ein Privileg ist.

17

Es war das Wort „Kinderzimmer“.
Erst in einer Therapiestunde, in der es DARUM ging und ich der Therapeutin und einem Innen dabei zugehört habe und dann bei der Anhörung am Freitag nochmal.
In dem Gespräch mit der Therapeutin hatte es mich stutzig gemacht, aber irgendwie Sinn ergeben. Das Innen, das mit ihr gesprochen hat, hatte ein Kinderzimmer. War ja ein Kind. Ist es ja jetzt noch.
Bei der Anhörung fiel das Wort auch und hebelte mich irgendwie neben den Inhalt.

Heute morgen hab ich mich gefragt, wieso und die Antwort kam dann jetzt.
Ich hatte nie ein Kinderzimmer. Ich hatte Wohngruppenzimmer und Klinikzimmer und dann 2-Zimmer-Küche-Bad.

DAS DA ist wo passiert, wo es mich auf mehreren Ebenen nicht gab.
Ich war nie Kind und ich war nie das Kind, dem DAS DA passiert ist. Geschweige denn dort, denn meine Zimmer hießen „die 4“, „im 3er“ oder „das, wo vorher X drin war“. Das entfernt die Gewalt, die da passiert ist, für mich doppelt.

Und da ist es wieder. Das Ding, das dazu verleitet von Vielen zu denken, sie hätten unterschiedliche Realitäten oder Welten in sich. Tatsächlich sind es die verschiedenen Lebensabschnitte, die zu eigenen Er_Lebenswelten werden, weil sie nicht miteinander verbunden und integriert sind.
Ich weiß, dass ich mal ein Kind war. Ich weiß, dass nicht nur den Anderen DAS DA passiert ist.
Aber so habe ich das nicht erlebt. So fühlt sich das nicht an.
Und toll ist das auch nicht für mich.

Man könnte ja denken: „K. die Dancefloorqueen im Vermeidungstanz, ist doch sicher total froh darum“. Aber so ist es nicht. Ich empfinde das als Verlust. Es macht mich traurig, ich habe das Gefühl, dass mir da mehr fehlt als die Erinnerung an eine Gewalterfahrung. Ein Kinderzimmer haben ist ja nicht nur das, was man darin erlebt. Es ist ja auch, was man selbst darin macht und auch, was es für den sozialen Status bedeutet, ein eigenes Zimmer zu haben bzw. ein Zimmer zu haben, in dem man Kinderkram, also eigenen Kram haben kann. Und vielleicht auch irgendwie so etwas wie eine eigene Welt haben kann? Kinderkram ist kleiner als Erwachsenenkram. Bunter. Schriller. Wenn ein Raum damit gefüllt ist bzw. insgesamt an die Bedürfnisse eines Kindes angepasst, dann gibt es nochmal ganz andere Optionen der Selbst_Erfahrung, als in der Welt, in der alles auf Erwachsene (Körper) ausgerichtet ist.

Tja. Dissoziative Amnesie.
Again: Kein ausgestanzter Shit, der ausschließlich das Schlimme wegnimmt.

15

3 Dinge, die mir jetzt durch den Kopf schwirren.

Erstens, die Frage der einen Person bei der Anhörung: „Wollen Sie sich eigentlich wirklich daran erinnern? Wie geht man denn damit um?“
Zweitens, die Frage danach, was ich mir denn für meine Zukunft wünsche.
Und Drittens, die Erkenntnis, dass ich, wir Rosenblätter, unerwartet von unserem eigenen Traumading eingeholt wurden.

Zu allem würde ich gerade unheimlich gern alle meine Gedanken aufschreiben, Aber wofür. Ich hab das alles hier schon tausend Mal hingeschrieben. Vielleicht nicht so schmissig wie ich das jetzt, einen halben Liter Cola im Bauch und noch eine Menge Gilmore Girls-Schwung unter der Haut hinfetzen könnte, aber doch eben schon mal gesagt. Und trotzdem schreibe jetzt manches davon auf.

Ich will mich nicht erinnern, ich tus aber dauernd. Und niemals ist es eine Wahl. Eine Wahl ist, die Erinnerung einzuordnen. Sich zu widmen, sie in Bezug zu mir zu setzen.
Es geht mir besser wenn ich zulasse, dass es Erinnerungen sind. Deshalb wähle ich die Arbeit daran, damit, an mir, an meinen Möglichkeiten des Umgangs.
Ich verstehe, wo die Frage herkam. Verstehe auch, dass so einiges im Leben von Vielen so erscheint als gäbe es die Option, dass sich die einen für dies und die anderen für das entscheiden können. Tatsächlich bedeutet Vielesein aber, dass sich immer alle für alles gleichzeitig entscheiden. Selbst dann, wenn die einen etwas machen, was die anderen nicht wollen, so machen die, die es nicht wollen ja eben doch genau das, was die anderen wollen. Weil alle Eine_r sind. Es gibt nie entweder oder. Es gibt immer Leben mit innerem Widerspruch. Mal laut, mal leise, mal mit guten, mal mit unangenehmen Konsequenzen.
Ich will mich nicht erinnern. Aber es erinnert sich. Und mich und die anderen. Ich habe keine Wahl – nur Umgangsmöglichkeiten. Manchmal denke ich, dass das sogar gut ist. Denn wenn es mich zum Umgang bringen kann, dann bringt mein Umgang vielleicht an irgendeiner anderen Stelle irgendwas. Zum Beispiel, dass andere Leute in der gleichen Lage sehen, dass man das überleben kann. Obwohl es sich meistens nicht so anfühlt und der Sache, dem Leben in dieser Zeit, dieser Gesellschaft, auch nicht immer wirklich so richtig doll wert erscheint.

Womit wir beim Zweiten wären. Zukunft.
Sie hat gefragt, was ich mir für mich wünsche und ich hatte meinen ersten Gedanken und dachte, wie scheiße bin ich eigentlich. Was für eine egoistische oberflächliche Person. Ich schreibe das nicht hier auf, werde auch nicht mit jemandem darüber reden, es ist peinlich und bescheuert.
Aber – da war ein Wunsch und er ging über bloßen Überlebenswillen hinaus. Weit hinaus.
Und was bedeutet das? Sind wir im Leben angekommen? Sind wir fertig mit dem Überlebendsein? Bereit für die Phase, in der man nicht mehr permanent am seidenen Faden hängt, weil da einfach endlich mal sowas ist wie Lebens_Raum, in dem man sich selbst an einer Zeitachse entlang verortet und entsprechend irgendwie anfängt sowas wie Visionen für sich zu entwickeln?
Was ist das für eine Zukunft, in die ich uns das reingewünscht hab? Ist das eine, für die sich das alles gelohnt hat? Das ganze Kämpfen ums Über_Leben?

Und schlussendlich: Kämpfen ums Überleben
Es ist spät, gibt jetzt keine Brücke mit Tüll drauf und Schwänen drunter, dieser Aspekt kommt jetzt einfach so. Bumms.
Die Anhörung lief gut, wir haben geredet und wir wurden gehört.
Exakt wie in jedem Hilfeplangespräch, jedem Erstgespräch für eine Therapie, jedem ersten Beratungstermin in den Jahren von 2001 bis 2012.
Wir haben uns eine Über-uns-Reden-Routine antrainiert und wir haben das vergessen. Oder verdisst oder wollten nicht glauben, dass uns das nochmal einholen könnte. Aber es hat und zwar gründlich. Nicht in allen Aspekten, aber es hätte mir früher auffallen können und das ist es nicht.
Ich ärgere mich und jede_r die_r mir hier drunter schreibt oder irgendwann mal sagt, dass ich nicht so einen hohen Anspruch an mich, uns, stellen soll, kriegt von mir Pickel an den Arsch geflucht.
Denn was außer der Anspruch an mich, an uns, soll es denn sein, der uns zu irgendwas hinbringt?

Niemand stellt Ansprüche an uns. Niemand erwartet von uns „gesund“ zu werden. Niemand erwartet so richtig von uns, dass wir „weiter“ kommen. Alle sind immer froh und freuen sich mit uns, wenn wir mal was schaffen. Wenn wir weiter kommen, obwohl nicht so wirklich kommuniziert ist, was das eigentlich konkret bedeuten soll.
Mir kommt es manchmal so vor, als ob der Umstand, dass wir da sind, dass wir noch leben, dass wir in Kontakt gehen und bleiben irgendwie genau das von uns erwartete Optimum ist. Und ja, vielleicht ist das an manchen Tagen und in manchen Aspekten auch alles, was wir erfüllen können und wollen, aber ganz sicher nicht in Bezug auf alles.
An uns werden bestimmte Forderungen einfach nicht gestellt. Niemand erwartet von uns, dass wir bestimmte Dinge einfach mal sagen. Niemand stellt sich hin und sagt: „Ja ja Rosenblatt das ist deine Lebensgeschichte, was ist mit deiner Gewaltgeschichte?“ N I E M A N D und wir sind selber schuld. Beziehungsweise, wir produzieren das selber mit. Seit Jahren. Weil es schützt. Weil es dafür sorgt, dass man neben Erwachsenwerden mit komischer Skandalkrankheit und bizarrer Symptomatik ohne familiäre oder monetäre Sicherheiten inmitten von verantwortungsscheuen und/oder lichterloh brennenden Erwachsenen nicht auch fühlen, „sehen“, spüren muss, was sich da alles mitbewegt, wenn man mehr als „3 Wochen in XY gewohnt, Suizidversuch, Klapse“ sagt.

Wir arbeiten uns seit Jahren daran ab, einerseits unseren Schutz durch unser Rosenblättersein zu behalten und gleichzeitig eben nicht mehr rumzueiern und Dinge auszusprechen. Und gleichzeitig ist da niemand die_r das von uns erwartet. Es ist keine Bedingung in der Therapie, es ist nur klug, es genau hier nicht zu tun, es ist kein Teil irgendeines unserer Kontakte.
Und das ist toll, bitte versteht das nicht als Aufruf, die ihr das lest und ihr wisst, wer ihr seid.
Es ist nur so, dass durch so einen Nichtanspruch auch das Gefühl entsteht, dass es unwichtig ist, was da passiert. Aber das ist es nicht, denn es quält. Es ist da, es will gesagt werden, oft genug ist auch alles dazu da. Wissen, Gedanken, Sicherheit, Vertrauen – das ganze Paket – aber dann fehlt ein Anfang. Oder ein Anfangsatz. Oder Wörter insgesamt. Dann ist da die Dissoziation oder aber – wie jetzt bei dieser Anhörung – einfach keinerlei Alternative zu dem eingeübten Sprechen, von dem man weiß, dass es genug Informationen sind, um einem „keine Anforderungen“-Anspruch gerecht zu werden.

T. hat später am Telefon etwas Gutes gesagt. Nämlich, dass es nicht um Vollständigkeit geht. Ich glaube das ist wirklich gut. Tröstet auch. Nimmt Druck und löst das Gefühl irgendwie nicht gut genug mitgemacht zu haben, weil man andere relevante Aspekte nicht eingebracht hat.
Andererseits ist es  auch wieder ein Keine-Erwartungen-Anspruch, der damit erfüllt wird und damit auch wieder etwas, das mir das Gefühl gibt von mir, von uns, sei ja auch nichts zu erwarten. Nicht mal so etwas, wie die eigenen Lebenserfahrungen in wenigstens annähernder Gänze aussprechen zu können. Nicht mal das.

Und das ist knallbitter.
Denn am Ende dieser Gedankenkette sitze ich da und denke: „Okay, niemand erwartet was von mir. Wieso bin ich hier. Was mach ich das hier. Wozu das alles.“ Die ganze Bindungstraumakette einmal rauf und runter. Suizidmambo Nr. 5.

Und gleichzeitig hab ich jetzt diese Idee bewusst, wie es in einer okayen Zukunft sein könnte. Und den Anspruch an mich, an uns, aus uns selbst heraus genau da zu hinzukommen, wo wir dann sein wollen. Obwohl das niemand von uns erwartet.

Damit jetzt ins Bett. Schlafen für morgen, weitermachen für viele weitere Morgens. Morgene. Zukunft.

 

12

U., unsere Buchbinderei-Lehrerin, hat mich gefragt, wie Wien war und später dachte ich darüber nach, ob ich im Blog eigentlich darüber geschrieben hatte. Und konnte mich nicht dran erinnern.
Ich weiß nicht, ob es an den Anstrengungen und der Erschöpfung liegt, dass es mir so fern vorkommt. Das Schreiben ist gerade keine “die Intuition laufen lassen”-Routine, es ist echte Arbeit, richtiges sich an die Tastatur schleifen und alles Wortartige festhalten.

Ich hab mich gefragt, ob ich keine Themen mehr habe, ob die Steady-Unterstützung mehr Druck auslöst, ob die zunehmende Bekanntheit des Blogs mich bremsen. Aber nein, das ist es alles nicht.
Es ist die Redundanz. Ich kotze mich selber damit an, seit Jahren immer das Gleiche zu schreiben und es damit zu banalisieren noch lange bevor andere Leute überhaupt verstanden haben, was ich ausdrücken will oder analysiert habe. Und gleichzeitig – wir müssen hier ja nicht ständig unsere Analysen teilen oder irgendwelche Debattenbeiträge schreiben – ist es die neue Bewusstheit für uns.
Seit wir den Freund im Leben haben, versuchen wir uns vorzustellen, wie wir auf ihn wirken, wie das, was wir tun aussieht, ob es nachvollziehbar ist oder komplett w.irr wirkt.
Uns fallen dabei immer mehr Bereiche im Leben auf, die schwierig sind. Aspekte des Alltags für die wir nicht mehr so umfänglich amnestisch sind und deshalb in ihrer Problematik für uns bewusster werden. Ich weiß, dass es schwer zu glauben ist für manche Leute, die uns hier, zum Teil schon seit Jahren, lesen, aber wir Rosenblätter er.leben vielleicht 25- 40% des Alltags und davon nicht einmal alles direkt im Sinne von “als selbst er_lebt”.
Zu merken, wie viel da noch ist, ist heftig. Das war nie anders und hat eigentlich nie den Schrecken verloren.
Und jetzt merken wir noch dazu, wie viel da noch sein könnte, würden wir nicht so phobisch sein. Wäre unsere Phobie nicht so tief in uns hineingewebt, dass sie wie ein unwillkürlicher Reflex funktioniert.

Da tauchen immer wieder Themen auf, die wir hier gar nicht aufschreiben können, weil es uns wegreißt, sobald wir nur dran denken. Der Abstand ist noch nicht da. Und wenn er mal da sein wird, dann werden wir merken, dass wir wieder im rosenblattschen Analysemodus landen, der uns wieder wie jemand wirken lässt, die_r alles schon durch hat. Das ist unglaublich frustrierend. Und ja auch nicht nie dagewesen.

Wir wollens anders hinkriegen. Machen Dinge anders als sonst.
Das beansprucht uns. Deshalb fallen manche Dinge weg. Zum Beispiel ein Reisebericht oder ein Einblick da hinein, wie das ist, aus “aufgeschrieben” zu lesen und so anspruchsvolle Themen zu bearbeiten, während man allein, im Ausland, schon ziemlich weit erschöpft nach Schulabschluss, Umzug und viel Arbeit, ist.

Es ist Prozess. Mein, unser Frust am Blog, an uns auch. Das alles.
Verdammte Axt.

9

Nightwish. Klapskindjahre. Es ist jetzt 16 Jahre her.
Und dann: wir hier in dieser großen Wohnung ganz allein, der Freund flauscht NakNak* nach dem Spaziergang, wir können hier schalten und walten, wie wir wollen.
Das ist alles be.merk.würdig.

Wie er seine CD’s durchwühlt, die bunten Haare im Gesicht, in meinem Schlafanzug, mein Abendbrot für den Freund und mich auf dem Herd. Er ist älter geworden, hat aufgehört zu rauchen, will im Frühling nicht mehr raus raus raus weglaufen. Seine Spannung ist eine andere als damals und doch noch immer irgendwie verloren. Er beobachtet mich und wackelt den Kopf mit dem Takt der Musik. Wartet auf mein Unbehagen über die Lautstärke. Ich deute auf das Umunsherum und sage ihm, dass auch um dieses Haus herum nicht viel ist. Wir wissen beide nicht, was das genau bedeutet, nur, dass es für jetzt okay ist.

Die Klapsmusik in laut anhören. Das bricht etwas auf, ohne, dass ich sagen könnte was. Es macht einen Unterschied, ob man sich in dem Raum zwischen zwei Kopfhörern versteckt oder eine Wohnung zu eben diesem Raum macht. Zu dem Raum für sich allein.

 

6

Geschafft, was geschafft werden musste. Danach Sims 3.
Das war wichtig und gut wie immer. Runterfahren, absolute Redundanz, Vorhersehbarkeit, ein Ablauf nach dem anderen, 100% Erfolgsgarantie. Soziale Interaktion, die keine ist, aber doch so wirkt.
Sims 3 zu spielen, ist Stimming für uns. Die schwere Decke dabei auf den Beinen, NakNak* im Sessel neben uns. Für einige Stunden ganz allein. So gehts.

Uns gehts nicht gut gerade. Aber es – das Leben, der Lauf der Dinge – geht gut. Es ist kein Stillstand. Nur langsamer. Mit mehr Schlafen, mehr Ruhe, mehr langsam, mehr eins nach dem anderen, damit der Salat kein Feuer fängt.