zahnarztschlimme Traumascheiße

„So ist das jetzt also. Wenn ich denke, dass nichts passieren wird, passiert was und ich bin allein. Damit und mit dem, was es mit mir macht. Aha.“ Und in mir drin klickt eins ins andere, als wäre das nie nie nie niemals anders gewesen. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Bin nicht mal wütend, bin Schock, Überwältigung, Not. Es weint und weint und krampft und ich mache Schritte durch die Stadt, die viel zu groß für mich und viel zu klein sind, um so schnell vorwärts zu kommen, wie ich und mein rasendes Herz das wollen. Brauchen.
Der Vertretungsarzt in der kieferchirurgischen Praxis hat uns beim Ziehen der Fäden von der Op vor 10 Tagen, wehgetan. Und weiter gemacht. Und weiter. Und uns angewidert? von den Tränen und der Sprachlosigkeit? weggeschickt.
Und nichts – kein Erklärungsversuch, keine Relation, kein „In Perspektive setzen“ hilft.
Es ist einfach scheiße. Nicht, weil ich das so finde, sondern weil es das immer ist, wenn jemand übergriffig ist. Ab da kann man die Scheiße nur noch aufquirlen, anheizen, verbreiten. Indem man so tut als wäre nichts. Zum Beispiel. Als wärs nicht schlimm, weils schlimmere Dinge gibt.

Unser Zahnarztschlimm hat fast 7 Jahre durchgehend Zahnschmerzen und 3 Zähne, eine Wurzelspitze und ein kreisrundes Stück Kieferknochen gekostet. Es hat bedeutet, keine 2 Minuten in einem Wartezimmer warten zu können – obwohl der Termin so hart umkämpft wurde. Es hat bedeutet über Wochen hinweg Pseudotermine zu brauchen, bei denen nichts passiert außer Konfrontation mit der Umgebung, Werkzeugschau, angucken und untersuchen lassen aushalten – üben! Um zu einer Basis zu kommen, die halbwegs stabil ist und Angst, Panik, rapid switching und andere Anpassungsreflexe aushalten kann. Um glauben zu können, dass diese dann neue Zahnärztin uns so lange Zeit gibt, wie wir brauchen.

Wir haben keine Zahnarztangst entwickelt, weil wir traumatisiert sind und sich unsere Ängste automatisch generell auf alles drauflegen. Wir haben sie entwickelt, weil wir uns zu lange nicht von einer Ärztin getrennt haben, die uns immer wieder wehgetan hat. Und weiter gemacht hat. Und weiter. Und weiter. Wir haben unser Bindungstrauma wiederholt.
Und danach haben wir unseren Ausstieg wiederholt. „Wenn du nicht verletzt werden willst, dann geh halt nicht hin. Zu niemandem von denen mehr. Jemals. Alle, die auch nur ansatzweise so sind wie diese Person, alle, die machen und bieten, was diese Person bietet: nie wieder.“

Wir haben lange mit Zahnschmerzen, Entzündungen und Löchern wie Einzimmerappartements gelebt.
Und als das von der neuen Zahnärztin in einer großen Behandlung unter Vollnarkose behandelt worden war, war das wie ein Sonnenaufgang.

Der Freund bot an, da anzurufen und den Arzt anzumeckern. Das war schön. Schöner Quatsch.
Und dann haben wir aufgelegt. Ich lief in die Innenstadt, fing die restlichen Tränen wie Erkältungsschnodder auf, spürte mich als Lücke zwischen Jahreswechselkälte und abgrundtiefer Kindernot. Dachte wieder: „So ist das jetzt also. Da schreit ein Kind, das niemand außer mir wahrnimmt. Aha.“
Ich konnte nichts tun. War bis spät in den Abend überwältigt. Plattgewalzt von der Willkürlichkeit des Arztes, der sich mit seinem Handeln in eine Reihe überwältigender Ereignisse des Tages, die in ihrer schockierenden Wirkung auf mich von anderen Menschen kaum nachvollziehbar sind, einreihte.

Am 7. haben wir den nächsten Zahnarzttermin.
Ich habe Angst, dass jetzt alles wieder so ist, als wäre nie nie nie niemals irgendetwas anders gewesen.
So ist das jetzt und es ist scheiße.

Traumascheiße.

13 thoughts on “zahnarztschlimme Traumascheiße

  1. ich habs gelesen und denke das hier: „oh, wie schlimm sie sich fühlen muss/müssen, jetzt. wenn traumascheiße und aktuelle scheiße zusammenkommen. das kann ich nachempfinden.“ hoffentlich kann sich diese aufruhr im innern nach und nach beruhigen und irgendwo und irgendwie erholung gefunden werden. und hoffentlich tut es an den zähnen nicht mehr so weh, ganz bald. und hoffentlich verschwinden alle beschissenen arschlochärzte an silvester mit mehreren raketen irgendwo im off und kommen nie mehr wieder.

  2. Es ist interessant, wie man mit Traumafolgen bezüglich Zahnarzt unterschiedlich umgeht…. Wir waren auch schon 3 Jahre nicht (pflegen akribisch unsere Zähne, reinigen den Zahnstein selbst, heilen unsere Zahntaschen mit Spülungen und vermeiden – weil es ein Horror ist zum Zahnarzt zu gehen, die Vermeidung machen wir wie Du früher) aber wenn ein Zahnarzt sich nicht an die Wahrheit hält, die er verspricht (z.B. das tut jetzt nicht weh und es tut weh, oder er behauptet, das ist gleich fertig und fummelt noch ewig rum) dann werden wir (wie früher als Kind) zornig und wehren uns, d.h. dann wir stoppen die Hand mit dem Gerät (einmal hat er uns deswegen versehentlich die Lippe aufgebohrt und es hat heftigst geblutet, aber danach war er wieder ehrlich und vorsichtig. Einmal hatten wir umgekehrte Maulsperre (ich konnte den Mund nicht mehr öffnen) weil der so grob war und wir gehen niemals mehr zu einem Quäle-Zahnarzt. Jetzt such ich schon nach Jahren nach einer verlässlichen Aussage wie „der ist ganz vorsichtig oder hat Verständnis“ – noch keinen gefunden. Eine soll ganz nett sein, aber um die mach ich immer noch einen Bogen – ziehe es hinaus…. Eine schlechte Einrichtung von unserem Schöpfer, dieser Beissapparat, hat er nicht gut gemacht, könnten doch unsere Zähne wie damals bei den Milchzähnen wieder nachwachsen – wahrscheinlich wurde er bei dieser Arbeit grad gestört 😉

    1. Wir haben gezielt nach Zahnärzt_innen bzw. Praxen gesucht, in denen behinderte Menschen und Angstpatient_innen explizit angesprochen werden – und sind fündig geworden. Aber die Vertretung dort war meeh. Ich glaub, das ist ein Großteil des Schlimmen – es ist wie ein Verrat oder auch eine Lüge.

  3. Es ist schon echt schlimm, was es für Ärzte gibt. Mein Sohn wurde von einem Zahnarzt psychisch so unter Druck gesetzt, als er eine Spritze bekommen sollte, um einen Zahn zu ziehen. Er hatte einfach Angst, denn die Spritze sah schon so echt fies aus. Der Arzt total im Zeitdruck wegen der folgenden Termine, hat dann angefangen ihm ein Szenario aufzuzeigen, bei dem ihn dann zwei Helfer fixieren würden, um die Spritze gewaltsam machen zu können..
    Ich stand völlig fassungslos daneben und dachte erst, dass könne doch hier gerade nicht wirklich passieren.
    Nachdem ich den Arzt verbal zur Schnecke gemacht hatte, verließ ich mit meinem Kind auf nimmer Wiedersehen die Praxis.

    Man darf sich so etwas übergriffiges nicht gefallen lassen.

    Was soll man mit einem Zahnarzt anfangen, dem jegliche Empathie für die Ängste seiner Patienten fehlt?

    Ich wünsche dir von Herzen, dass der Termin am 7. gut verlaufen ist.

    Ganz liebe Grüße

    Anna

    1. Oh man, wie schlimm. Gut, dass du dein Kind schützen konntest und die Lage sofort verändern. Das ist so viel wert.
      Mein Termin ist ausgefallen. Der nächste ist im Februar – genug Zeit für Mut ansammeln 🙂

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