10 Jahre

Das ist ein Meme. Heute vor 10 Jahren.
Ich habs bei Twitter gesehen. Manches ist witzig, manches boxte mir unvermittelt in den Bauch. Nun, wo 2019 fast ausgetrunken ist und im Hinblick auf so manche üble Entwicklung wenn nicht nach Schierling so doch bittersüß schmeckt, nehme ich mir die Zeit, meine letzten 10 Jahre zu überfliegen.
Wirklich – nur überfliegen.

Die ältesten Beiträge hier bei WordPress beginnen im November 2010.
„Multipel zu sein ist nichts womit man nicht leben kann. Es geht. Es gibt ein Heilen. Es gibt eine Normalität und es gibt eine Zukunft.“, das steht in einem der ersten Beiträge. Manchmal denke ich, dass wir vielleicht nie mehr als das hätten schreiben müssen. Weil: es ist so und alles mehr ist vielleicht einfach nur mehr, aber nicht nötig. Was weiß ich.

Vor 10 Jahren war NakNak* noch ein Hundekind, wir waren am Anfang ihrer Ausbildung. Jemand, die_n wir dieses Jahr zum ersten Mal persönlich getroffen haben, hat uns das ermöglicht und H. hat uns ermöglicht, dass sie_r uns das ermöglichen konnte.
H. ist vorbei. Vor – ich weiß das Datum nicht – vielleicht 6 oder 7 Jahren? – zum ersten Mal, letzte Woche zum zweiten Mal. Schmerzhaft. Obwohl es gut und richtig war. Wer weiß, wem wir außer uns noch geschadet hätten.

Die Therapeutin. Ist immer noch unsere Therapeutin. Es hilft nachwievor, mit ihr zu arbeiten. Es war ein Weg zueinander und ist es für manche von uns noch.
Wir Rosenblätter sind nicht mehr ausschließlich das „Therapiemach“-System. Suizidalität ist nicht mehr normal für uns. Einsamkeit ist nicht mehr normal für uns. Allerdings ist es normal geblieben mit manchen Viele-Dingen allein zu sein und normal geworden, keine stationäre psychotherapeutische Hilfe mehr in Anspruch nehmen zu können. Bitter.

Und auch etwas, was wir verstanden haben, weil Selbstbestimmung für uns kein abstrakter Kampfbegriff mehr ist, sondern ein allgemeines Menschenrecht. Der ganze politische Aktivistenklops. Der hat heute eindeutigere Formen. Mehr Hintergrundwissen, mehr Auseinandersetzungs- und Reibungsfläche als je zuvor. An uns, an unserem Leben, an allem, was wir tun. Es hilft unglaublich zu verstehen, was da passiert ist, wenn uns ältere, erfahrenere Frauen zur Selbstbestimmung verholfen, aber sofort von ihrer (zweiten) Welle geschubst haben, sobald wir über uns selbst bestimmt haben.
Es hilft zu verstehen, dass es nie nur therapeutisch war, sondern immer auch persönlich und deshalb politisch.
Es ändert nichts, aber hilft.

Seit 10 Jahren nehmen wir unser Schreiben ernst genug, um es zu tun. Regelmäßig. Nur ein Mal in den letzten 10 Jahren ging es nicht. In der großen Krise nach der Autismusdiagnose. Wie heftig, krass, schlimm – akut lebensbedrohlich – diese Zeit war, das habe ich erst einige Monate später verstanden. Nämlich dann, als man uns das Schreiben verbieten wollte und damit die letzte eigene Ressource, um mit dem umzugehen, was wir gerade erfuhren.
Unser Leben hat sich damals grundlegend für uns verändert und es wäre schön gewesen, diese Veränderung in aller Ruhe willkommen heißen zu können. Mit traumasensibler Unterstützung einordnen zu können. So wie es dann lief, war es re-traumatisierend. Unnötig schmerzhaft. Nicht fair. Gewaltvoll. 2016 war entsprechend das schwierigste der letzten 10 Jahre.

Auch wegen der Schule. Die Berufsausbildung mit Fachabitur. Typische Verzweiflungsüberforderung.
Es hat sich gelohnt, war eine tolle Erfahrung, ist ein persönlicher Triumph. Aber der Preis war hoch, sehr viel höher, als wir das kommuniziert haben und kommunizieren.
Wir würden es nicht noch einmal machen und sagen das nicht, weil wir den Abschluss und die Erfahrungen nicht wertvoll finden oder nichts davon haben. Wir würden heute unsere Grenzen nicht mehr so weit übergehen. Nicht so und nicht nur für eine Chance auf etwas, das man uns strukturell, gesellschaftlich, manchmal auch persönlich schlicht nicht zugestehen will.

Wir haben uns in den letzten 10 Jahren in eine Lebensrealität eingefunden, die voller Zwänge und Barrieren ist, die aufzuzeigen, zu erklären und zu diskutieren einen großen Teil unserer Arbeit ausmacht. Dass wir nicht aufgeben ist viel. Dass wir uns selbst darin Raum nehmen und gestalten noch viel mehr. Wir wollen dafür kein Lob, wollen keinen Orden für Durchhalten trotz allem am güldenen Band.
Es ist leben. Unser Leben. Es ist nichts besonderes, sondern etwas normales. Das ist in uns angekommen und zu einer stabilen Ressource gworden. Es geht nicht mehr um Leben oder Tod, es geht um das Leben und wie wir es er_leben wollen.

Wir sind nicht mehr die außerordentliche Betreute, von der man so mega viel lernen kann, dass man sich klemmt, beim Chef um angemessene Fortbildungen zu kämpfen. Wir sind nicht mehr der skurrile Fall, der irgendwie unterhaltsam und inspirierend zugleich ist, so dass man die Realität der Not dahinter gar nicht an sich ranlässt. Vor 10 Jahren waren das die Gründe, weshalb Menschen mit uns zu tun hatten. Sie haben uns betreut, sie haben unser Leben verwaltet, sie haben uns gerettet und manche haben uns deshalb ausgenutzt.
Heute werden wir respektiert, gemocht, geachtet und geliebt von jemandem, der das gar nicht muss.
Heute werden wir um Einschätzungen zu für Traumaüb.erlebende und ihre Behandler_innen relevanten Themen gefragt. Werden als Autorin geschätzt und werden für Analysen, die noch vor einigen Jahren als (zu) hochgeistige Vermeidungstendenzen nicht einmal angehört wurden, gelobt, belohnt und gezielt angefragt. Wir sind stolz auf unsere Arbeit und lassen uns das nicht mehr pathologisieren.

Der letzte Punkt ist der Name. Wir heißen nun anders und spüren, dass damit ein neuer Abschnitt beginnt. Es ist ein zweiter Ausstieg, das lässt sich nicht von der Hand weisen. Wir gehen seit der Namensänderung durch Prozesse, die vorher nicht möglich waren, fühlen uns okayer als je zuvor. Nicht alles wird einfach werden, schon jetzt zeichnet sich auch viel Schmerz und Trauer ab, doch wir fühlen uns auch stark und sicher genug, dem begegnen zu können.

Zum Abschluss dieses Textes, vielleicht das, was mir für andere Viele, die es bis hierhin zu lesen geschafft haben, wichtig ist. 10 Jahre sind eine lange Zeit. 10 Jahre sind für manche Innens ihr ganzes Leben. Wie viele Prozesse und Ereignisse in 10 Jahre passen, hat mir dieser Text deutlich aufgezeigt und wieder eine Idee zu den inneren Kosmen der Kinderinnens und jugendlichen Innens gegeben. Sie tragen so unfassbar viel unserer Leben, wenn sie 10 sind. Oder 5. Oder 13. Sie sind mehr als ein Speicher, mehr als eine Datenbank, eine Sedimentschicht von allem, was uns ausmacht.
Eine Angabe von Jahren – auch über die Jahre, in denen man therapeutisch daran arbeitet, die erfahrenen Traumatisierungen zu erinnern und/oder zu verarbeiten – ist der Versuch, etwas einzugrenzen, was in sich keine Grenzen kennt. Nämlich Prozess. Entwicklung.

Wir möchten hier keine 10 Jahre Erfolgsgeschichte präsentieren. Sondern die Erfolge, die wir in den letzten 10 Jahren hatten. Aus Gründen. Einer davon ist, dass wir das im Moment für uns brauchen.
Es wird dir, euch, in 10 Jahren vielleicht ähnlich gut bis besser gehen. Vielleicht auch nicht. Aber Prozesse, Entwicklungen wird es gegeben haben und darum geht es in dieser Rückblende.
Prozess spüren, um ihm im Alltag mehr und mehr zu vertrauen.
Denn neben allem was war, ob es schlecht war oder nicht, wird es immer Prozess in dir, in euch, gegeben haben und vielleicht ist das etwas, das als Wissen Platz bei dir, bei euch, bekommen darf und zu einer Kraftquelle werden kann.

6 thoughts on “10 Jahre

  1. Ich danke euch für diese Zeilen. Sie machen etwas mit mir. Neben einerArt innerem Innehalten für mich persönlich, macht es mich dankbar, zu sehen, was sich bei euch doch in Richtung Lebensqualität getan hat.
    Danke!

  2. Ich möchte Dir ganz herzlich gratulieren!!! Ich meine das wirklich ernst. Seit 5/6 Jahren verfolge ich nun Deine Beiträge und nahm teil an Deinen Kämpfen und Lernen. Ich spürte den Schmerz mit Dir, ich freute mich über Deine Erfolge, fand Deine Beiträge hilfreich (für mich) und bewunderte Dich für Deine Sprachausdrucksfähigkeit, Deine Kreativität und Deine Art die Dinge anzugehen. Ein paarmal habe ich noch als Melina (im alten Blog) versucht mit Dir Kontakt aufzunehmen, was ich schnell wieder ließ, weil es da eine Verständigungsbarriere gab, die ich nicht überbrücken konnte…. so las ich Dich all die Jahre gründlich weiter – ganz still. Heute gab ich meinem Impuls nach, Dich zu beglückwünschen zu Deinem Ziel – Selbstwirksamkeit erreicht zu haben.

  3. Innehalten, mal zurück sehen, vergleichen, würdigen, was ist.
    Das tun wir auch immer mal wieder, weil wir spüren, das es so hilft, so wichtig ist für das Weitergehen, Weiterleben.
    Eure Worte zu lesen ist schön.
    Weil es so besondere Worte sind, wir mögen die Art, wie ihr Euer Denken, Fühlen, Erleben, Fragen, …. in Worte fasst, sehr. Weil diese Art uns ermöglicht, ein wenig Teil haben zu können, ermöglicht, mit Eigenem abzugleichen und so Anregungen zu bekommen, Schwingungen zum sich selber vielleicht ein wenig anders sortieren. Entwickeln.
    Weil es freut, was ihr für Euch erreichen konntet.
    Auch wir möchten Euch dazu gratulieren. Dass ihr durchgehalten habt und so viel hart erarbeitet, erreicht habt.
    Danke für die Chance, als Lesende an all dem teilnehmen zu dürfen.

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