eye contact

heißt ein Fotowettbewerb, zu dem ich 4 Arbeiten eingereicht habe.
Mich beschäftigt die plötzliche Präsenz von Augenkontakt und seiner Bewertung in meinem Leben. Vor der Autismusdiagnostik habe ich nie darüber nachgedacht, ob und wie oft und wie wirklich ich Augenkontakt aufnehme und halte.
Ich mag es nicht angeguckt zu werden, weil es mich beklemmt. Das fremde Auge auf mir entfremdet und verzerrt mich. Ich werde zu dem, was ich abwerte und habe keinen Raum für das, was andere von mir sehen. Ich bin nicht mehr ich, wenn man mich betrachtet.
Ich mag es nicht Menschen anzugucken, weil es mich von mir abtrennt. Wenn ich Menschen anschaue, werde ich verwundbar als hätte ich keine Haut, die mich davor bewahrt in alle Winde verweht zu werden. Irgendwie fehlt mir etwas, das mich zusammenhält, wenn ich Menschen so nah komme.
Das ist kein neues Wissen für mich – aber, dieses Wissen mit dem Wort „Augenkontakt“ zu verbinden, ist neu für mich.

Der Wettbewerb hat mich gefordert. Ich wollte mir beweisen, dass ich auch Menschen portraitieren kann. Wenn man eine Feder bei Windstärke 4 und einen Bussard mit einem KIT-Objektiv ordentlich abgelichtet bekommt, dann muss das doch gehen.
Dachte ich.
Ich traf also Menschen und fotografierte sie.
Und traute mich nicht Vorgaben zu machen. Gestellte, konstruierte Bilder seien nicht gut, habe ich gehört, gelesen, bei YouTube gesehen. Man sollte locker ins Gespräch gehen, Witze machen, irgendwo sein, wo die zu fotografierende Person gut sein kann.
Also sollte man genau machen, was ich noch nie konnte und auch noch nicht richtig verstanden habe, wie das überhaupt gehen soll.

Ich habe keine schlechten Fotos gemacht. Keines ist unscharf, fehlbelichtet oder flach. Aber es sind nur zwei wirkliche “Hannah-Fotos” entstanden.
Zwei. Von über vierhundert.

Ich hatte die Kamera noch zwei Tage, bevor ich sie wieder in der Schule abgeben musste und dachte darüber nach, ob eines der gemachten Bilder wirklich das zeigt, was Augenkontakt für mich ist.
Es war keins dabei.

Und dann habe ich mich selbst fotografiert, kam mir awkward vor und hoffte meine Wohnung mit meiner selbst gebastelten Softbox* [*drei weiße Styroporboxen, in die ich eine Tageslichtleuchte gestellt hatte] nicht in Brand zu setzen.
Ich war nicht locker, hab keine Witze gemacht, war in meinem Arbeitszimmer. Es war so, wie ich es brauche: fast ganz dunkel, still und mit einem klaren Rahmen.

waagererechtes Schwarz-Weißfoto. drei Viertel der Fläche sind Haare (dunkler Grund mit hellen Strähnen drauf) die von oben links nach unten rechts in sachten Wellenlinien verlaufen. im unten linken Viertel ist der Gesichtsbereich mit einem offenen Auge, dessen Iris nach oben rechts gerichtet ist

Es ist mein Blick an etwas vorbei, über etwas drüber, auf etwas, das niemand außer mir sieht.
Nicht dominant, nicht versteckt. Präsent, doch nicht inmitten.
Das Foto erzählt keine Geschichte und zeigt auch keine tiefe Wahrheit. Es ist einfach nur mein Blick in dem Kontext, in dem er ist.
Es gefällt mir.
Für den Gewinn des Wettbewerbs hat es nicht gereicht.
Aber für ein Foto, das ich als erstes richtig hart erarbeitetes Werkstück in meine Mappe aufnehme.
Die Eröffnung der Ausstellung “eye contact” ist am 2. 11. 2015 um 19 Uhr im Projekthaus von PhotoWerk Berlin.

das awkward-eiskalte Herz

Ob ich traurig bin, weiß nicht.
Wütend? Keine Ahnung.

Ich dachte lange, meine Unsicherheit in Bezug auf mein emotionales Empfinden, hinge damit zusammen, dass ich es immer dissoziiere oder, dass ich ein intellektualisierender Mensch bin. So sage ich erst, dass ich traurig bin, ich wenn ich die Situation auf Marker für Traurigkeit untersucht habe. Ich benenne meinen schnellen Puls und das Ziehen im Zwerchfell, erst dann als Wut, wenn ich eine Ungerechtigkeit, einen Wortbruch oder sinnlose Zerstörung wahrgenommen habe. Beschämung und Demütigung berührt mich, weil ich die Umstände, die mich beschämen in aller Regel nicht verändern kann, was mich ohnmächtig macht, was wiederum ein allgemeiner Marker für Verzweiflung und Wut ist.
Spontan in mir auftauchend habe ich das nicht auf diese Art.
Meine spontanen Empfindungen sind “Thiiii” oder “Gnah” oder “Hrgm” oder “Oharr”. Je nach Melodie sortiere ich sie dann in eventuelle Wut, Trauer, Unwohlsein oder Fröhlichkeit und prüfe darauf hin meine Umgebung.

Im Moment frage ich mich, ob ich nicht vielleicht doch eine Art eiskaltes Herz bin.
Ich benutze Menschen. Das ist nichts Neues und die Menschen, die mit mir arbeiten, wissen das. Manche glauben mir das nicht und sind gekränkt, wenn sie irgendwann feststellen, dass ich sie nicht angelogen habe, weil sie mir aus ihrer Kränkung heraus nicht mehr vorwerfen können, ich hätte sie angelogen und glauben lassen, es wäre mir ausschließlich um sie gegangen.
Niemand mit der_dem wir näher zu tun haben, hat von uns noch nicht gehört, dass wir komisch mit Menschen sind. Dass wir uns als Freundin nicht eignen und, dass wir sie vergessen, wenn wir nicht regelmäßig mit ihnen zu tun haben.

Und dazu kommt, dass uns nicht geglaubt wird, wenn wir sagen, dass uns die Menschen selbst in aller Regel egal* sind, weil sie allein uns nicht reizen.  Es gibt viele Dinge um Menschen herum, die uns reizen und beschäftigen, weil wir sie nicht verstehen, oder wir die Lässigkeit mit der sich manche Menschen auch mit unsinnigstem Zeug befassen nicht nachvollziehen können zum Beispiel.
Es gibt auch viele Dynamiken, die uns nicht gefallen und die wir für die Menschen gerne verändern, weil wir Handlungsoptionen sehen. Aber wären diese Dinge, um die Menschen herum nicht da, würden wir uns nicht mit ihnen befassen.

Ich habe eine Idee von der Kränkung, die damit einhergeht zu wissen, dass es mir im Kontakt nicht um den Menschen selbst geht, kann sie aber gleichsam nicht nachvollziehen. Gerade dann nicht, wenn ich von Anfang an sage, dass es so ist. Solche Kränkungen sind nicht rational genug für mich.

Vor ein paar Monaten haben wir gemerkt, dass wir uns an die Therapeutin gebunden haben. Dass unser Zutrauen zu ihr eine Ebene hat, die fremd ist.
Da hatten wir zum ersten Mal reflektiert, dass unsere noch am Einfachsten funktionierenden Beziehungen die zu unseren Therapeut_innen waren, weil die beiderseitige Be_Nutzung immanent ist. Wir brauchen uns nicht daran aufreiben Angst davor zu haben, dass wir die Therapeutin vergessen, weil sie sich schon auch mal selbst um den Kontakt zu uns bemühen wird. Wir brauchen keine Angst davor haben, dass eine Kränkung von uns in ihr auf eine Art vor sich hin wirkt, dass sie uns wegtreten muss, weil sie so etwas an sich zu reflektieren und zu kompensieren geübt ist.
Unsere Therapeutin braucht uns nicht und die einzige Dynamik, die uns um sie als Mensch herum reizt,  ist ihre Arbeit an/mit uns.

Ich denke, dass unsere Performance mit Menschen umzugehen zu wenig einbezieht, auf irrationales und radikal destruktives Handeln einzugehen.
Da gibt es nur das Schockdissoziieren, das uns den Moment überstehen lässt und reaktives Erfassen der Gesamtlage mit allen Komponenten, Dynamiken und inneren Mechaniken. Man streitet sich nicht gern mit mir, weil ich das, was ich sehe, meistens auch noch mitteile, weil ich in aller Regel das Moment verpasse, an dem meine Schilderungen als von den Menschen selbst losgelöst angehört werden können.
Ehrlich gesagt habe ich diesen Punkt noch nie erwischt und werde ihn vermutlich auch nie erwischen, weil radikal destruktiv handelnde Personen in einem irrationalen Modus sind, der keine Kapazitäten für mein – nun ja – intellektuelles Geschwafel  detailliertes Erklären meiner Sicht der Dinge, übrig lässt. Aber eine andere Art der Reaktion ist schlicht (noch) nicht in unserem Repertoire.

Klar schimpfen wir auch mal zurück, aber befriedigend ist das eher selten, weil ich meistens schon noch merke, was ich da für einen Quatsch sage.
Hat man sich eigentlich mal Gedanken darüber gemacht, warum ausgerechnet “Arschloch” beleidigen soll? Eigentlich ist es doch ein sehr wichtiges Körperteil – alle sollten froh sein eins zu haben und sich das Wort vielleicht eher in einem anerkennenden und wohlwollenden Kontext sagen.

Wir haben uns gestern überlegt, dass wir in Zukunft mit Dingen beleidigen könnten, die wirklich nicht toll sind. Sowas wie “Du Wurst mit 4 E-Stoffen drin!” oder “Du Sackgasse ohne Wendemöglichkeit!” Aber da merke ich wieder, wie wenig meine Sicht der Dinge passt. Niemand würde sich so beschämt fühlen wie ich, würde si_er von mir damit beleidigt.

Und dann ist da ja noch Versöhnung und Verzeihen. Oder Buße und Erbarmen.
Ich habe meistens keinen Anlass dazu, weil ich in so ziemlich allen Konflikten eher eine ganze Palette von logischen Folgen sehe (wenn ich sie denn sehen darf in einer Aussprache oder einer gemeinsamen Reflektion), als eine Palette von Schuldaspekten, derer man sich durch Buße, Sühne oder Entschuldigung entledigen muss. Schuld ist heutzutage reichlich irrational, wenn man sich außerhalb juristischer oder religiöser Kontexte bewegt.
Meine These: In Wahrheit weiß heute niemand mehr wirklich was Schuld ist und hält die verzerrte Kopie eines wahrhaft schuldhaften Aktes einer anderen Person für Schuld.
Die Irrationalität beginnt einfach schon genau damit, Schuld trotzdem zu benutzen. Auch wenn man eigentlich nicht weiß, was das ist und es keinerlei konkreten Konsequenzrahmen im Zivilleben dafür gibt. Wer mit Schuld arbeitet, macht sich zum Richter und das ist Gewalt. Wer sich in Schuldgefühlen wähnt, eröffnet eine Falle für jeden Mitmenschen über sich zu richten, ob die Menschen das wollen oder nicht. Auch das ist Gewalt.

Wir schweben nach Konflikten immer etwas desorientiert herum, weil wir uns nicht mit Schuldgefühlen oder Buße tun beschäftigen. Es gibt keinen Grund sich zu entschuldigen, denn Schuld können wir nicht sehen. Es gibt keinen Grund zur Trauer, denn wirklich verloren hat man nichts. Es gibt keinen Grund zur Wut, denn ohnmächtig im Schock sind wir ja nicht geblieben.

Eigentlich gibt es nur die Option zu merken:
“Ja Hannah, du bist ein wirklich awkwarder Mensch”.
Und das ist ja nun nicht wirklich neu.

Hm.

Es geht weiter. Alternativen sind gefunden, Wege werden gegangen, um sie irgendwann als Weg bezeichnen zu können.
Das Multiple lässt sich nicht aufhalten. Es windet sich entlang von Brüchen, fasert sich auf und umhüllt die Lücken mit zarten Strängen eines Ich.

Nichts ist so tragfähig wie das Ich in Menschen, die sich selbst haben retten müssen.
Menschen mit dissoziativer Identitätsstruktur gehen öfter Jahre verloren, Lebensqualitäten und Erfahrungen jeder Art flöten, weil sie selbst in der Reflektion einzig das spezifisch produzierte Ich über ihren Brüchen sehen können.

Ich bin schuld. Ich bin falsch.
Hätte ich, würde ich, könnte ich

So bekannt die eigene Awkwardness ist, so bekannt ist die Dynamik.
Es ist die Straße mit dem Loch, in das wir schon so oft hineingefallen sind.
Und die wir nun von der anderen Straße aus betrachten.

5 nach 3

[Telefontuten, jemand nimmt ab]

”Ja?”
– “Ich bins Rosenblatt-Salat”
”Ja? Alles okay bei euch?”
– “Ich glaub, ich bin krank.”
”Was hast du denn?”
– “Ich glaube, ich habe eine akute Reaktion auf die Heilung eines langanhaltenden Anfalls von Zutrauen in einen anderen Menschen. Vielleicht liegt aber auch eine Komorbidität mit der chronischen Gutmenschentumkrankheit vor. Man weiß es nicht. Ich fühle mich jedenfalls schwer naiv bis dumm und spüre Symptome aufkeimenden Fatalismus, die mit einem dringenden Wunsch nach Zigaretten und anderer Selbstverletzung einhergehen.”

”Hannah – wie lange seid ihr schon wach?”
– “Wie spät ist es denn jetzt?”
“5 nach 3.”
– ”Ist dann jetzt Freitag? Ja ne?”
“Hm.”
– ”Seit Mittwoch.”

”Orr.”
– “Ja – äh sorry? Musste dämliche Gutmenschensachen machen? You see my Krankheit?”
”Hannah –“
– “Ja?”

”Ihr geht jetzt sofort ins Bett und schlaft ein.”
– “Danke.”

[Telefontuten, Stille, Schlafgeräusche]

#6

Bank221

„Ich würde wirklich gern mit meiner Mutter sprechen.“
– „Warum?“
„Weil es angeboren ist.“

– „Es wird nichts verändern, Hannah.“
„Ja. Vielleicht.“

danach

“Hm, wollte ich am Ende eigentlich nicht eher fragen, ob sie uns jetzt anders sieht?”, frage ich mich und betrachte das rote Ampelfigürchen auf der anderen Straßenseite.  “Vor allens hast du vergessn zu fragen, ob sie uns jetz trotzden noch gern hat”, denkt es durch meinen Hinterkopf hindurch.

Die Ampel schaltet, ich zupfe ihm am Denken. Er stößt das Rad an und rollt über die Straße.
Während er und sein Begleiter sich bemühen, nicht im warmen Gegenwind zu versinken, drehe ich mich um.
“Das habe ich nicht vergessen. Die Frage ist irrelevant.”. Das Mädchen schüttelt den Kopf. “Stimmt nich.”, schiebt es hervor, “Es ists megaobersuperwichtig!”.

“Äh ja.”, ein Innen mit gekräuselter Stirn stützt sich auf den Kopf des Kinderinnens und wackelt mit seinen Fingern vor dessen Augen herum.  “Voll wichtig. Ph. Voll peinlich!”. Es fuchtelt mit den Armen durch meine Konzentration und ich merke, wie sich meine Ränder auflösen.

Ich verlasse die beiden und setze mich in den Fahrradkorb.
Der Wind streichelt mich und einen Moment lang bin ich gar nicht da.

Wir warten erneut vor einer Ampel und ich denke an Abendbrotgespräche.
Meine Mutter fragte, wie es im Kindergarten war. Mein Geschwist konnte nichts erzählen. Später verstand sie, dass es erzählen konnte, was es zu essen gab, wenn sie es aufzählte.
“Kartoffeln, Reis, Nudeln oder Suppe? Gemüse oder Fleisch? Pudding, Jogurt oder Obst?”.
Ich weiß nicht mehr, was ich auf die Frage antwortete. Ob sie mir gestellt wurde.

Ich denke darüber nach, ob das Erinnern daran, etwas verändern würde. Denke, dass es vielleicht diese Dinge sind, die Menschen, wenn sie in einer Familie erwachsen werden, einfach wissen, weil sie manche Geschichten und Begebenheiten immer wieder mal hören.

Was ich am Klarsten von dem, was ich in meinen Eltern bewegt habe, erinnere ist:
1) die Frage, ob mir klar ist, was ich ihnen mit meiner “Krankheit” antue
2) “Wir wussten ja nicht, ob wir dich am nächsten Morgen tot im Bett finden würden”

Er streckt die Hand aus, um sie durch einen Busch, dessen belaubte Äste auf den Weg ragen, gleiten zu lassen.

Ich glaube, meine Eltern sind sehr hilflose Menschen gewesen. Vielleicht sind sie es heute weniger, weil die Probleme, bei denen sie Hilfe – gute umfängliche Hilfe – gebraucht hätten, von ihnen wegkompensiert sind.

Die Kleine baumelt kopfüber in meine Gedanken hinein.
”Kannst ruhig weinen, wenn du willst. Is oke.”. Sie schaut einem Reiher hinterher, der über uns hinweg durch die Luft gleitet.

Ich überlege und merke, dass ich nicht weinen will.
Ich will eine Familie. Eine äußere Mehrsamkeit  zum erwachsen werden. Zum Aushalten des Umstandes erwachsen zu sein und doch noch immer weiter zu wachsen.

“Du willsts, dass dich jemand auch gern hat und bei dir is, ne?”, sie piekst mit ihrem Finger auf meinen Kopf und setzt sich dann neben mich.
Wir halten unsere Gesichter in den Fahrtwind und hören seinem wohligen Brummen zu.

“Bisschen is das schon wie Familie, wenn man weiß, da sinds welche Leute draußen, die haben einen gern.”. Sie hebt eine Augenbraue und öffnet sich vor mir, bis ich ihr Herz sehen kann.

“Wenn du willst, frage ich sie nächste Woche, ob sie uns trotzdem noch gern hat.”.
Sie lächelt und hält mir ihre Hand hin.

spontan

“Das ist doch die einzige wirklich gute Konvention in Psychogesprächen: dass manche Konventionen nicht sein müssen.”, sagt es ins Telefon und verabredet sich. Spontan.
Weil darum und weil. Und so.

Ich weiß nicht genau, wann wir zuletzt die Möglichkeit hatten, mehr oder weniger risikolos über unser Denken und Wahrnehmen zu sprechen. Eigentlich könnte man ja annehmen, dass wir das ständig in der Therapie tun, doch das ist nicht der Fall.
In unserer Therapie geht es auch darum zu schauen, wie der Umgang mit Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen aussehen kann. Könnte. Sollte.
Es geht um Selbstwahrnehmung. Nicht um die Qualität und die Wege dahin oder darum, wie man seine Kommunikation er- und bearbeitet.

Sie wartet an der verabredeten Stelle. Läuft ein Stück vor. Betrachtet das T-Shirt der Person im an ihr vorbei fahrendem Auto.
“Dunkel. Ein dunkles Shirt. Das ist er.”. Ich weiß nicht, ob sie mich hört oder bemerkt.
Es kommt keine Reaktion auf meinen Hinweis, dass dunkle Shirts kein Alleinstellungsmerkmal sind.

Das Auto kommt zurück. Der Mensch darinnen ist tatschlich die Person, mit der es sich verabredet hat, damit sie sprechen kann. Und die anderen auch. Wenn sie wollen.
Wenn es überhaupt geht.

Es ist seltsam, wie viele Schrauben an dem Treffen sind.
Wir begegnen uns auf einem der Friedhöfe, auf dem sie sich wohl fühlen und setzen uns auf die Wiese, die am wenigsten stresst.
Der Mensch fragt, was wir von ihm brauchen, damit es okay ist.
Mir fällt ein, dass wir uns die Frage in Bezug auf unser Sitzen im Therapieraum bis heute nicht zu Ende beantwortet haben.

Während sie und es einander die Brocken zuwerfen, um sie nach außen zu bringen, fangen wir die Worte des Menschen ein und breiten sie vor uns aus. Schnörkellos und linear.
Hm.
Komisch.

Vom Rand dringen Warnungen und ein dumpfes Weinen.
Donner rumpelt durch die Wolken und das Gewitter tanzt bereits durch die Haarspitzen.
Es beginnt zu regnen und wir setzen uns in einen überdachten Durchgang der Trauerhalle.

Der Regen rauscht und potenziert den Verkehrslärm zu einem reißenden Nervenfeuer unter der Haut. Der Hall des Tunnels zerrt an den Worten und mein Wunsch für sie den Faden nicht zu verlieren hält dagegen.
Ich halte einfach alles irgendwie zusammen, weil kein Gewitter endlos ist.

Man könnte meinen, wer so viel Ansprache und Widmung wie wir bereits erfahren hat, der hätte schon alles durch.
Ich denke oft, dass wir schon alles gesagt haben. Dass wir eigentlich leer sind.
Dass wir eigentlich nichts mehr zu geben haben.

Und dann sehe ich, wie groß die Kluft zwischen Geben und Annahme mitunter ist.
Und falle hinein.
Erinnere, dass ich sie mit aller Macht vergessen wollte, weil sie mir unüberbrückbar erscheint. Erinnere eine Episode nach der anderen, in der wir uns verausgabten um uns verstanden und angenommen zu fühlen. Erinnere wie viele in dieser scheinbar unsichtbaren Tiefe ertranken und verstarben.

Vielleicht war es eine gute Idee, die eigene Intelligenz endlich ernst zu nehmen und sich zu trauen, sie durch die eigenen Augen anzusehen. Sie orientiert am eigenen Er-Leben zu erkunden.

Ich erinnere mich an den Tag, an dem das Ergebnis mitgeteilt wurde und daran, was für eine seltsame Aufregung im Raum lag. Es war eine dieser erwartungsvollen Aufregungen, in der wir uns als im Auge eines Tornados sitzend erlebten und nicht wussten, welche Re_Aktion jetzt zu wählen sei.
Egal, was wir getan oder nicht getan hätten – unsere Rolle in dem Moment war ganz klar, es zu verderben. Aktiv – etwa, indem wir sagen, was wir sagten:”Okay.” oder passiv, indem wir waren, was wir damals schon waren: allein und ohne jede Möglichkeit nach außen dem zu entsprechen, womit andere Menschen ihre Zahlen, Worte und Werte aufladen.
Ich weiß noch, dass ich mich bei der Psychologin damals für ihren Aufwand, die Auswertung überhaupt machen zu können, entschuldigte und gleichzeitig dachte: “Ey – ja aber wieso glaubt sie mir denn auch nicht einfach und gut is?!”

Während der Mensch spricht und fragt, merke ich, wie dankbar sie ihm dafür sind.
Einfach fürs Fragen. Fürs wissen wollen.
Obwohl viele Obwohls ihre Ecken in die Schläfeninnenseiten bohren.

Es ist diese Verheißung des Loslassens, die da wieder auftaucht und von der wir dachten, im Laufe unseres Erwachsenwerdens, würde sie weniger verlockend auf uns wirken.
Wenn wir erwachsen seien, dachten wir, dann könnten wir besser mit dieser Kluft umgehen, mit Menschen umgehen, uns verstehbar machen, uns irgendwie soweit integrieren, dass es uns nicht mehr stört…
Das Erwachsensein würde alles ausgleichen, was wir als fehlend wahrnahmen.
Erwachsenwerden und Erwachsensein verlor damit seinen Status als Teil des Lauf der Dinge und wurde zum Werkzeug.

Der Mensch fragte, was es bedeuten würde, eine Aspergerdiagnose zu haben.
Und während sie und es sich auf Ebenen des Außen und des Mehr beschränken, wird mir klar, dass meine Ebene das Innen und das Weniger umfasst und ich vielleicht genau deshalb keinen Zugriff auf die Worte hatte, die sie nach außen fallen ließen.
Für mich würde es bedeuten: Loslassen und sein zu können.

Nicht viele, nicht ich, nicht etwas oder jemand zu sein, sondern einfach zu sein und diesen in meine Handinnenfläche gedrückten Faden, in diese so überbordend nicht- bis missverständliche Welt loszulassen.
Ich würde das Inmitten nicht mehr zusammenhalten, “weil man das so macht” und mir genau das zur kraftzehrenden Angewohnheit wie eine Sucht aus äußerem Zwang geworden ist.
Ich würde helfen einen Platz zu finden, in dem sie und ich und wir und die anderen auseinanderfallen könnten, damit wir uns in Ruhe erkunden können.

Ich glaube nicht, dass andere Menschen verstehen können, wie das ist, wenn man sein Leben lang etwas zusammenhält, das man nicht einmal kennt.
Nicht: “Sich zusammenreißt und sich anders verhält, als man vielleicht will.”
Ich meine das, was man für sein Selbst hält. Das, wo nie ein Trauma seinen Weg hinfinden konnte, weil es sich nicht dort befindet, wo ein Trauma allgemein verortet wird, wenn es nicht körperlich sichtbar ist.

Die Luft ist dicht und feucht, als sie auf der Bank sitzen.
“Ich halte es für wichtig, die Testung machen.”, sagt der Mensch und begründet sich mit einem Artikelabschnitt aus dem Blog von Vielen.

“Ich halte es für wichtig, die Testung zu machen.”, will sie nach vorn geben.
Ich fange es ab. Stopfe es zurück.
Sie wählt ein anderes Wort.
“Okay.”.

Autismus und DIS #2

Während mir der Schweiß an den Schläfen herunterrann, hörte ich dem Psychologen zu, der mir Zahlen sagte und diese in einen Zusammenhang setze.
Die Erde drehte sich, mein Herz klapperte im Brustkorb und in meinem Hinterkopf saß ein Typ mit einer 4-saitigen Gitarre.
Mein Heuschnupfenmittel und der von einem Hitzegewitter in der Nacht verursachte Schlafmangel, hielten mich gedämpft umherschwebend in der Mitte des Da und alles war in Ordnung.

Beziehungsweise hätte in Ordnung sein können, denn eigentlich ist nichts mehr in Ordnung seit gestern morgen.
Seit gestern morgen weiß ich, dass die Ergebnisse der Fragebögen und des Interviews auf ein Vorliegen von Störungen auf dem autistischen Spektrum zeigen.

Asperger-Syndrom, Asperger-Autismus, Autismus, ASS – ein Wesenszug, eine neurologisch spezifische Entwicklung, die anders ist als bei anderen Menschen – eine Behinderung, eine Krankheit… So richtig eindeutig ist für mich eigentlich gar nichts im Moment.

Es verwirrt mich nachwievor, dass ich meine Reizfilter- Kommunikations- und Interaktionsprobleme schilderte und dann psychologische Testfragebögen ausfüllen musste, um das eventuelle Vorliegen einer neurologischen Entwicklungsform zu überprüfen.
Die Schwierigkeiten erscheinen mir einfach nicht seelisch – obwohl es auch noch keine Antwort auf die Frage gibt, was “die Seele” in unserem Fall eigentlich ist.
Vielleicht müssten wir uns fragen, wer von uns “die Seele” ist. Oder war.

Ich bin versucht, dem Impuls in mir zu folgen, der mich anbrüllt, wie dumm es war den Test zu machen, denn ich hätte mir ja denken können, dass das Ergebnis positiv sein würde, weil _jeder_ Test auf A-Normalität – jeder Beklopptenscan an mir nur positiv sein _kann_.

Daneben äuge ich mich selbst argwöhnisch an und frage mich, ob ich diesem Impuls vielleicht nur deshalb folgen möchte, weil noch kein anderer da ist, auf den ich wirklich klar komme.
Und daneben frage ich mich, was mit mir nicht stimmt, weil doch jetzt eigentlich nur bestätigt ist, was uns schon lange immer im Kopf schwirrte: das Gefühl anders zu sein – auch anders anders als andere, die anders sind.

Und neben mir steht dieses hämisch abfällige Lächeln, dass mich nach dem “Und jetzt” fragt, auf das ich keine Antwort habe, weil der Psychologe mir keine geben konnte.

Ganz eigentlich hatten wir ja nur geschaut, ob es Möglichkeiten zur Förderung von hochbegabten Erwachsenen gibt, die einfach irgendwie so komisch sind, dass sie nicht dauerhaft mit anderen Menschen umgehen können.
Und dann war da dieser Blogartikel und das What the fuck?!-Moment, in dem wir einander anschauten und dachten: “Wären wir nicht viele – wären wir vielleicht diese Person.” und dann stand dort einfach der Begriff des Autismus im Raum und passte zu so vielen Aspekten, die sich einfach, trotzdem allem irgendwie doch nie “verwachsen” und “fertig entwickelt” haben.

Es gibt kein “Und jetzt” für uns.
Die Diagnose steht, genau wie die Hochbegabung und die DIS, auf unserem Zettel und bedeutet rein gar nichts, wenn wir niemanden finden, der uns glaubt, dass es etwas für uns bedeutet.

Scheinbar werden in unserer Welt weder Hochbegabte noch Autist_innen je älter als 18 Jahre, leben außerhalb von ihren Herkunftsfamilien (in Armut und außerhalb akademisch/wissenschaftlicher Kontexte) und brauchen dann noch Unterstützungen, die nicht auf eine Anpassung ans Außen abzielen, sondern auf eine Linderung des Leidensdrucks.

Seit gestern denke ich darüber nach, ob ich vielleicht ein bisschen weinen möchte, weil ich glaube, dass ich mich bemitleide.
Ich denke, dass ich mir wirklich leid tue, weil ich alleine bin mit etwas, dass ich noch weniger teilen kann als das, was uns hat viele werden lassen.

Und gleichzeitig denke ich: “Ey, wir teilen das schon so lange mit – wir sagen doch schon immer immer immer wieder, dass wir die Menschen einfach nicht verstehen. Dass wir an manchen Tagen absolut keine Haut haben und das nichts mit Traumareaktionen zu tun hat, sondern irgendwie einfach mit etwas was halt irgendwie einfach nur so DA ist. Dass da manche Dinge einfach anders sind. Anders anders einfach.”

Nur, dass ich das als Teilen einer Lebensrealität verstehe und der Rest der Welt als Mahnmal an die Schlechtigkeit und Abgründe der Gesellschaft, als Imperativ oder aufrüttelndes Irgendwas – oder schlicht als Blog mit Message, das der Menschen Horizont erweitern soll, ist halt auch da.
Ist einfach als ganz grundlegendes Missverstehen da und nicht zu ändern oder zu berichtigen, weil ich einfach nicht verstanden werde.
Weil das einfach so ist und für niemanden außer mich ein Problem ist.

Ich hatte gehofft, ich könnte Dinge erfahren wie “Wie macht man, dass Menschen aushaltbarer sind?” oder “Wie macht man, dass man verstanden wird?” oder – total profan: “Wie macht man, dass Essen, Situationen, Szenen mit Menschen drin nicht komisch gucken?”. Vielleicht hab ich das Wissen darum irgendwie als Belohnungsleckerchen nach den schwierigen Fragebögenfragen, an mich gedacht und bin nur traurig, dass ich in diesem Denken enttäuscht wurde.

Ich weiß es nicht.

irgendwo sein

upupandawayUnd dann ist es doch wieder eine Zeit, in der ich in einen Telefonhörer hinein sage: “Ich weiß ja auch nicht, was ich bei der Frau Doktor soll. Meine Therapeutin hat gesagt…”

Ich bin da. Ich bin präsent und verhalte mich. Und alles zieht an mir vorbei.
Ich bemerke das, bin bewusst dafür, dass ich zur Zeit so viel dissoziiere wie zuletzt vor Jahren. Ich habe Wörter. Ich habe Ressourcen. Ich stapfe durch die Tage und bin und bin und bin.

Ich sitze vor meiner Neurologin und sage ihr: “Ich glaube nicht, dass es epileptische Anfälle sind. Ich weiß doch, wie meine Traumametaphorik ist.”. Ich schüttle den Kopf und erwarte eine Art blechernes Scheppern, das die ganze Welt durch meine Ohren wahrnehmen kann.

Die Neurologin und ich gehen ins elfte gemeinsame Jahr und ich habe immer noch das Gefühl einen Fehler zu machen, wenn ich von “uns” statt von “mir” spreche. Ich muss mir noch immer mein Menschenkostüm über die Ellenbogen ziehen, weil sich meine Seelenphysis auf ein jugendliches Mädchen zusammenkrümelt.
Noch immer kämpfen wir um die Unantastbarkeit des Verbotes von Benzos jeder Art, wenn wir die Treppen zu ihrer Praxis hochgehen.

Während wir uns gegenüber anderen Helfer_Innen, Mediziner_Innen und gemochten Kontakten immer wieder so aktiv um Bindung und Beziehung bemüht haben, um letztlich zu scheitern, so irrelevant waren diese Kämpfe und Bemühungen bei ihr. Wir sind immer wieder als undefiniertes Wurschtelknäul bei ihr aufgeschlagen und als undefiniertes Wurschtelknäul wieder gegangen, ohne, dass es ihre Position als unsere behandelnde Ärzt_In oder unsere als Patient_In berührt hätte.

Sie sagt nicht so bohrende Dinge wie: “Das macht Ihnen Angst, nicht wahr?”, wenn ich sage, dass ich alle 2 bis 3 Tage die Kontrolle über meinen Körper verliere. Sie fragt, was ich davon merke, was ich dazu denke. Ich habe nie den Eindruck, dass ich mit ihr über meine Gefühle dazu reden müsste. Es ist irrelevant für unser Gespräch, unseren Kontakt, für ihr Bild von mir, ob ich das tue oder nicht.
Ich bilde mir ein, dass sie nicht über mich nachdenkt und das erleichtert mich.

Ich glaube, sie ist die einzige Helfer_In hier in der Stadt, die alle unsere Vermeidungstänze und Krankheits- oder auch Symptomkonstruktionen chronologisch mitbekommen hat.
Von “das sind die Anderen- ich weiß auch nicht” bis “vielleicht habe ich einen Tumor” bis “haben mich die Medis, die ich als Jugendliche kiloweise essen musste, vielleicht hirnkrank gemacht?” bis “ich bin Viele aber nicht die Anderen” – ist alles schon in Wörterschlangen aus unserem Kopf in ihren hineingekrabbelt und hat nichts bewirkt.

Am Montag haben wir unsere Akte bei ihr gesehen.
Ein ganz schmales Papierstäpelchen mit Klinikberichten und Konsiliarberichten drin.
Ich glaube, das ist die erste Akte zu uns, die ordentlich, sachlich, ganz und gar unbedrohlich ausgesehen hat.
Irgendwie einfach nur da. Nur präsent und weiter nichts.
Wir hatten auch schon Akten von uns in der Hand und vor Augen, die man mit beiden Händen tragen musste und aus denen an den Rändern Zettel herauslugten, wie Maden aus einer Biotonne.

Am Montag saß ich in ihrem Zimmer und bemerkte, dass es mir oft fehlt zu fühlen, dass nur relevant ist, was ich selbst auch weiß. Dass das gemeinsame Wissen das ist, was ich weiß. Über mich, über mein Viele sein, über die wissenschaftliche Seite der Dissoziation über meine Empfindungen dazu. Ich habe gespürt, wie viel freier ich Dinge bei ihr ausdrücke, gerade, weil sie nicht wie meine Therapeutin sagt (und sagen kann) “Ich weiß Dinge über dich und dein Leben, die du nicht weißt”.

Sie hat mich gefragt, ob ein Klinikaufenthalt eine Option wäre.
Ich erinnerte sie daran, dass sie mir vor einem halben Jahr gesagt hatte, die beste Option sei die ambulante Psychotherapie. Und sie sagte: “Wenn es Ihnen aber immer schlechter geht, dann stimmte das nicht.”. Einfach so.
Weil es mir ‘schlechter’ geht, ist ihre Annahme falsch gewesen. Nicht ich. Nicht das, was ich mit meiner Präsenz auslöse.

Irgendwie beruhigt das etwas und ein paar Jemande in mir.
Es gibt so viele Menschen, denen ich Angst mache. Die unruhig werden, wenn ich da bin. Es gibt so viel an mir, das Menschen einfach nicht stehen lassen können. Nicht bei sich selbst verorten möchten. Es gibt so viele Menschen, die mich irgendwohin schicken, ohne mir zu sagen, warum ich dort überhaupt hin und sein soll.

 

 

Selbst- Bilder

Es begann damit, dass die Therapeutin ihren Satz sagte. “Vielleicht ist es eigentlich kein Satz, sondern ein Sinnsubstitut. Ein Platzhalter, der hervorgeholt wird, weil er eigentlich eine Krücke über eine Eselsbrücke ist”, dachte ich.
Immer wieder diese Frage danach, wer die Verantwortung trägt.
Obwohl doch eine/r der VerantwortungsträgerInnen vor ihr saß.

Ich weiß, dass es bei den Bildern um Sichtbarkeit/ Klarheit geht. Vielleicht auch und immer mehr, seit die Themen konkreter werden, manche Dynamiken und auch Innens schärfer konturiert in klareren- logischen Kontexten wahrzunehmen sind. Die Logik der Mechanismen langsam logisch erscheint.
Ich weiß, dass es auch darum geht, zu sehen, dass es immer ein Körper ist.

Das Innen hatte sich fotografiert. Man sieht Wut und auch, wie offensiv und zeitgleich im Dunkeln zu bleiben bemüht es agiert. Es ist sichtbar.
Plötzlich erschien die Frage der Therapeutin nicht mehr kontextunabhängig, sondern nachvollziehbar. Auf den Fotos ist der Blick abgewendet, der Mund verschlossen, der Körper frei und dem Licht zugeneigt. Der Kopf ist zu, der Rest des Körpers bar jeder Verletzlichkeit.
Es gibt keinen äußeren Anhaltspunkt für das, was es für uns trägt.

Ich hatte mir einen großen Spiegel gewünscht und wollte sehen, was zu sehen ist.
Was heil geblieben ist. Was einen Wert hat. Wo keine Sollbruchreisslinien in meinen Hand-und Schulter, Hüft- und Fußgelenken sind, obwohl ich sie im Moment stetig knirschend oder grell aufreißend wahrnehme. Ich wollte sehen, wie es aussieht, wenn ich die Füße auf den Boden stelle. Ob ich meine Füße sehe.

Dann kam die Kunst als Möglichkeit Entlastung zu schaffen. Das Grafiktablet zog ein und mit ihm die Möglichkeit auch unter Schmerzen malen zu können, weil weniger Bewegung gebraucht wird.

Zwei andere Innens machten Fotos von sich. Das eine blitzt verschmitzt an der Kamera vorbei- so wie es immer an Menschen und ihren Augen, auch ihren künstlichen, vorbei blitzt. Das andere macht Quatsch. Kennt die Kamera genau, benutzt sie jeden Tag.
Und ich?

Die sich die ganze Zeit ansehen wollte; vielleicht sich sehen, in und an sich einen Wert sehen will; ein “das Leben wert sein” finden muss- Ich, die das “Sie wissen, sie wurden schwer missbraucht” mit sich in Verbindung zu bringen noch immer scheitert-
Ich schäme mich und halte dennoch gnadenlos drauf.

Ich wunderte mich, dass das Bild am Ende nicht unscharf war. Dass ich es ansehen konnte, nachdem ich wusste, dass ich mich gequält- mich verletzt hatte dafür.

Gestern Abend malte es dann jemand ab. Ich erinnere das Streichen des Stiftes, später auch der Finger über dem Tablet, so als würde ganz vorsichtig über meinen Kopf gestrichen. So als hätte ich mich berührt, obwohl nicht ich die Bewegung dazu ausführte.

Irgendwie war es ein Akt, ein Stück Nichtecht und doch real.
Als hätte das Innen, das mich malte mich gesehen. Nicht nur als das Foto, das dann doch eigentlich nur Haare zeigt, sondern ganz mich in meiner Scham, meinem Selbsthass, in all dem: “Ich will das, aber ich… ich bin so scheiße.”.

Es ist Kontakt.
eine Art Berührung, mit dem MirIchSelbstSein, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Das da bin ich, wie ich etwas auf genau meine Art tun will und daran scheitere. Das bin ich, wie ich mich beim Scheitern, beim mich selbst hassen fotografiere, um im Nachhinein so etwas, wie ein Michzeigen und Michsehen möglich zu machen.

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Ich verstehe jetzt, warum ich noch immer keinen großen Spiegel habe.

Aufwachen und frei sein…

Zwischendrin war ich aus etwas wach geworden, das ich Mischtraum nenne.
Hatte Angst gehabt und war verwirrt, bis die Gemögte vom Bett nebenan gefragt hat, ob sie etwas tun soll.
Da hatte es dann aber schon zu klickern angefangen.
Auch und obwohl der Angstmotor etwas später noch einmal hustend loszustottern Anlauf nahm, als laute Stimmen von im Hotel ankommenden GästInnen vom Flur her schallten.
Aber sie war ja da. Nicht allein ist gut.

Es ist kurz nach 8 Uhr morgens, als wir beide richtig aufwachen und beschließen doch zum Frühstück runterzugehen.
Das ist schon wieder so außenstrukturiertes Essen und im Innen äugt es misstrauisch, ob irgendwelcher Essenspläne und Klinikmarker.
Ich finds toll. Es ist ein Buffet und die Menschen, die im Hotel arbeiten, fragen, was wir trinken möchten.
Ich kann meinen ganzen Platz vollmüllen und jemand anders räumt es weg. Ich kann vieles durcheinander essen und einfach irgendwie testerisch wirken (nicht etwa so, als wenn ich mich in den Wünschen von innen nicht einschränke). Also gibt es Brötchen mit Honig und Schweizer Käse, Schokocornflakes, Kaffee und Saft gleichzeitig. Sonntagsfrühstück, wie im Fernsehen finde ich. Ich wollte schon immer mal Frühstücksfernsehen leben. Zack!

Dann drehen wir eine Runde durch Brugg bei Tageslicht und machen viele Fotos, die nun in unserem Fotoblog „Einfach mal angucken“ zu finden sind.

Wir laufen und reden. Zeigen einander Dinge. Lachen.
Es ist irgendwie nah mit Abstand ohne Markierung.
Sie fragt, was es heißt: „Sie weiß ja nicht, was sie tut.“.
Ob sie die Metapher vom fröhlich in die laufende Kreissäge hopsenden Hoppelhäschen verstanden hat, weiß ich nicht. Ich will sie nicht draufstoßen. Denke kurz, es könnte ein Moment sein, in dem ich es könnte.
Zeigen könnte, was ich meine; die Worte dazu, die ich in den 4 Jahren, die wir uns kennen, wie Steine immer wieder in meinem Mund hin- und her bewege, hervorhole.
Und dann bleibt es doch eingewolkt, wenn auch vielleicht etwas klarer in der Luft hängen.

Jetzt- ausgerechnet jetzt- so deutlich zu werden, dass sich bei ihr Platz für Angst und Bewusstsein über mich und mein Innenleben, ausbreiten könnten, wäre, wenn nicht ein Schuss ins eigene Knie, so doch einer ins eigene Fleisch. Von innen beruhigt es mich, sagt mir ihre Worte vom Nichtmüssen nochmal.

P1010262Gegen Mittag kommt unser Mensch und lädt uns zum Kaffee ein, nachdem wir Touristenschokolade gekauft haben.
Ich habe am Frühstückskaffee gemerkt, dass der Kaffee in der Schweiz nichts mit dem zu tun hat, was ich mir zu Hause literweise in den Bauch schütte. Also trinke ich eine Schokolade mit X. Eine Xocolate oder so ähnlich. Sie ist großartig. Einerseits, weil es halt Schokolade oder „Schoggi“, wie es hier heißt, ist und andererseits, weil dieses Getränk genauso intensiv schmeckt, wie das Koffeeinkonzentrat, das sie Kaffee nennen. Es ist wirklich flüssige Schokolade.
Ach, dieses Café ist schön.
Es heißt Café „Frei“, ich sitze hier und mache Freiheitspraxis, neben uns sitzen zwei kleine Kinder, deren Schweizer Dialekt so klingt, wie der Dialekt, den alle Kinder in dem Alter haben und für einen Moment ist es einfach nur gut.

Dann gehen wir in Richtung Hotel, wo wir auch schon die beiden Filmer treffen und uns zum zweiten Teil richten.
An meinem Schal wird ein Mikrophon mit Puschel befestigt und an der Rocktasche ein Funkdingsi.
Diesmal steht das Reden aber nicht so im Vordergrund.
Erst einmal sollen meine Gemögte und ich nebeneinander hergehen. Gässchen rauf und runter, Treppen rauf und runter, von links nach rechts, stehenbleiben, gehen.
Sie findets toll. Sagt, sie geht jetzt zum Film, weil es ihr Spaß macht.
Ich schnappe mir den Fotoapparat und filme sie alle für 30 Sekunden. Ha!

Die Fotos von der Stunde im Park sind, die Schönsten, die wir je gemacht haben, finde ich. Es sind lauter Detailaufnahmen in der Natur. „Nach und nach werde ich sie im Fotoblog veröffentlichen“, verspreche ich dem Innen, das schweigend fotografiert, während Aufnahmen ohne uns gemacht werden.

Worüber wir dann sprechen ist schwieriger.
An den Bereich tasten wir uns gerade selbst erst heran und haben noch nicht die ganz genau passenden Worte gefunden. Wissen noch nicht genau, was wichtig ist, wo das Gewicht liegt und was helfen könnte.
Die Kälte, das aufgelockerte Miteinander, das Sitzen hier unterm Himmel in auch räumlicher Freiheit ist gut.
Ich glaube, drinnen ginge das nicht. All die Innens, die mich beim Reden stützen und mit mir auf Signale der BÄÄÄMs achten; meine Gemögte und das Fünkchen G’tt, das ich um Anwesenheit gebeten habe- wir hätten doch gar nicht alle in den Raum gepasst, wo wir gestern gedreht haben!

Dann sind wir fertig.
Bereit alle zusammen noch etwas Warmes zu uns zu nehmen, bevor meine Gemögte und ich die Heimreise antreten.
Wir gehen in ein italienisches Restaurant, wo es Stoffservietten und Toilettenbeschriftungen mit „Uomo“ und „Donna“ gibt. „Uomo“ bedeutet „Männer“- ich hab das mal für euch erkundet.

Die Filmmenschen schenken uns Berge auf einer DVD  und unser Mensch ein geheimnisvolles Geschenk, worüber ich mich freue
Wirklich schade, dass das Wetter so war, wie es war. Richtige Berge haben wir nicht gesehen. Aber „Hügel“, wie unser Mensch und meine Gemögte die kleinen Bergli’s, die wir sehen konnten nennen, waren das jetzt auch nicht.

Als wir beide im Zug in Richtung Zürich sitzen und so langsam alles von uns abfällt, denke ich immer noch an den Namen des Cafés.
Was wir heute gemacht haben ging alles nur, weil wir frei sind.

P1010183Weil uns niemand mehr abpasst, anspricht und mit Versprechungen in gewaltvolle Situationen bringt.
Weil wir nicht mehr so funktionieren, wie früher.
Weil wir nicht mehr allein sind.

Fortsetzung folgt