Himmel und Boden

Irgendwann heute morgen sind die Schmerzen einen Schritt weiter gewachsen. Erst über sich, dann über mich hinaus.
Ich kann nicht sagen wo. Kann nicht sagen, was das für ein Schmerz ist.

Unser Hilfenetz greift nicht.

Es ist okay- ihr alle.
Ihr alle pfeift auf den letzten Löchern und euer Schmerz, eure Not, eure Hilflosigkeit und Ohnmacht vor dem was uns quält, kommt ohne Filter bei mir an.

Ich weiß, ihr lest mich hier- wenn nicht jetzt, dann irgendwann.
Ich weiß, ihr seid in Gedanken, in Gefühlen, mit Herzfasern bei mir und uns.
Das wickle ich mir auf eine Spule wie Zuckerwatte und esse davon. Langsam und bedächtig. Nicht alles auf einmal.

Ein kleines Herz- ihr kennt es alle- sagte etwas für uns Wichtiges und ich will es neben diesen Gefühlen von unfassbar furchtbarem Weh stehen gesehen haben.

Wir waren draußen.
Versicherten uns über den Boden, einander, das Leben, das Sein, den Hund.

BodenunterdenFüssen

Sie schaute an den roten Kämpfe_r_innenschuhen und NakNak*s Pfoten vorbei in den Himmel und sagte:
”Es ist auch wichtig, nicht das Stück Himmel über sich aus den Augen zu verlieren. Das ist bestimmt dieses mit “Kopf hoch” und so…”, während sie den Fotoapparat in die Luft hielt.

HimmelübermKopf

mein Schweigen und die Therapie

helldunkelmischNachdem ich in der letzten Woche so mit einem Schweigen rang, so sehr um meine Lautsprache kämpfen musste, saß ich in der Therapiestunde und versuchte das Schweigen weiter in Worte zu wickeln. So fest wie es ging, um es an einem Ende der Therapeutin in die Arme zu legen.

Hatte sie doch gesagt, sie könne etwas aus-halten.
Wollte ich doch nur, dass sie etwas mit mir hält, was mich drückt.

Mir fiel auf, wie viele Schichten Worte ich über die Jahre bereits darum gewickelt habe.
Und wie sie anfing eine Schicht nach der anderen abzutasten- lose Fäden ohne Sicherung herunter hängen zu lassen und das Bündel immer wieder zurückzuschieben, wenn der leere Kern erste Schatten voraus warf.
Immer dann wenn ich denke: „Jetzt ist es gut verpackt und liegt auch noch woanders- jetzt kann ich- jetzt darf ich das Verschwiegene bündeln und aus seinem Nest in meinem Bauch- und Rippenfell herausklauben.“, dann liegt mein Schweigen wieder unverpackt- unversichert- ungebunden auf meinem Schoß und versucht sich wie ein Korsett um meine Mitte zu legen.

Seine Fänge wandern meinen Hals hinauf und drücken zu. Stopfen mir Mund und Nase zu, bringen mich dazu durch die Augen atmen zu wollen. Mein Schweigen ist ein nebulösschwarzschreiendes Biest, das mir die Ohren rauschen macht und mir das Denken vernebelt.

Am Ende war ich dankbar um die Wut der verletzten Ungeholfenen hinter mir.
Ließ mich und meinen Mund sagen, dass es doch nicht die Hilfe der Psychologie- der Psychotherapie- sein kann, für alles ein Wort zu haben.
Sie begann einen Satz mit „Doch….“

und das Schweigen tötete mich für einen Moment.

Jetzt sind viele Stunden vergangen und ich halte es, wie auf eine Spindel gespießt, in der Hand und wickle erneut Worte darum herum.

Ein anderes Innen soll herausfinden, was gesagt werden darf.
Ich fange an zu zweifeln, ob je eines meiner gewickelten Worte gehört wurde.
Frage mich wieder, ob ich selbst das Schweigen bin.

Bin ich für sie?
Sichtbar?
Hörbar?
Warum sagt sie mir nicht, was sie hört, damit ich höre, ob sie mein Schweigebündel gehört hat und mit mir hält?

Ich fühle mich alleingelassen mit meinem Schweigen.
Und jetzt auch noch hilfe-los, weil ich beim „Therapie machen“ versage, obwohl ich mich an die Regeln halte.

Die Ungeholfenen brüllen und haben Recht.
Helfer sollen helfen. Sie sollen nicht lügen, dass man Hilfe bekommt, wenn es keine Hilfe ist. Hilfe ist nicht allein Erkenntnis. Sprache ist hilfreich- aber keine Hilfe.

Ich schweige- trotz funktionierender Sprache.

Und nun weiß ich endgültig nicht mehr, was ich dort in der Therapie soll.
Weiß nicht einmal mehr in welche Richtung ich überlegen soll, wenn sie immer wieder sagt, wir sollen uns überlegen, was wir bei ihr wollen.
Waren die Antworten darauf falsch oder hat sie sie nicht gehört?

Herbstsein

P1010134Zwischen fallenden Blättern stehen

den Wind umarmen

in Nebelschwaden tanzen

Auf Zehenspitzen, kaum den Boden berühren und doch…

mit

weg

aneinander vorbei

laufen

Angst?
Ich laufe mit dir mit
oder vor dir weg
oder an dir vorbei

Ich bin nicht verletzt
Hör doch mein Lachen im Rauschen an deinen Ohren
Ich blute nicht
Ich versprühe flüssiges Leben in alle Richtungen
In Tropfen und leuchtenden Schlieren hinter mir her.
Bin ich, bin ich da.

Ich mag den Herbst, denn er ist so wunderbar kräftig in seiner Art des natürlichen Mordens
Alles stirbt und wallt ein letztes Mal auf
P1010054Leuchtet wie ein letzter Versuch von einem Wunder zu zeugen

Ich kann noch so sehr versagen die Zeitfäden zu verwirren, ich kann immer sagen: Es ist Herbst
Ich gehe raus und bin sofort da
Hallo Welt! Wer will mit mir laufen?

Auf Zehenspitzen
entrückt im wundervollen Sterben der Welt
lebendig, sterbend, tot
und dabei mitten in der eigenen Geburt

Es ist ein Sein im Herbst
Vielleicht ist es meins
wenn ich den Boden berühre

Wenn

abnorme Achsen

Heute morgen rief meine Therapeutin an, um sich zu vergewissern, dass wir ihr die richtige Klinik genannt hatten, in der wir so lange waren und deren Bericht auch als, ich glaube, fast einziger einen umfassenden Abriss der Biographie und Krankengeschichte enthält.

Ich sagte ja und begann meine Unterlagen noch einmal durchzuschauen, ob ich nicht doch auch eine Kopie davon besaß. Ich weiß, ich hatte mal eine. Aber das Ganze ist jetzt 9 Jahre her. Wer weiß, ob nicht doch die erste Einrichtung, die uns gar nicht schnell genug loswerden konnte und nicht wieder zurückwollte, jede Menge unserer Sachen weggeschmissen hatte.
Oder, vielleicht ist er auch in dieser furchtbaren Klinik, in sie uns abschoben, verschwunden. Oder in der Wohngruppe. Oder ich habe ihn der ersten ambulanten Therapeutin gegeben. Oder in der Klinik abgegeben. Oder der Psychiaterin. Oder… vielleicht brütet er in irgendeinem Ordner vor sich hin, wie der Bericht, den ich dann heute wiederfand.

Er enthielt keinen biographischen Abriss, war nicht an eine behandelnde Instanz gerichtet, sondern an ein Amt.
Es ist eine Aufzählung meiner Defizite.
Eine Sichtbarmachung der „abnormen Achsen“.

Ich rief die Therapeutin an und… naja, eigentlich könnte hier jetzt gut stehen, dass ich darum bettelte dieses Ding nicht, wie einen heißen Stein, bei mir tragen zu müssen, bis wir uns morgen sehen. Eventuell vielleicht auch nicht, denn schon wieder wurde das Haus, in dem die Praxis ist, eingerüstet.
Ich sagte, ich fühlte mich angeditscht. Ich hätte eigentlich auch zugeben können, dass mir der Hulk die Faust in den Bauch gehauen hat.

Nicht, weil ich die Klinik furchtbar fand.
Sondern, weil mir heute zum ersten Mal klar wurde, was da eigentlich steht.

Da steht nicht: „Ach keine Bange- in 10 Jahren wird sie mehr schaffen als heute.“
Da steht: „Diese 17 Jährige ist tiefgreifend gestört, kaputt, dysfunktional auf vielen Ebenen, traumatisiert.“.

Ich weiß noch, dass mir damals das Gefühl von Unzulänglichkeit, vielleicht auch Unnormalität – Abgestoßenennormierung sehr nah war. So nah, dass ich oft diese Art kitschig aufdrängender Pseudogedichte schrieb. So etwas wie:
„Wieso ist mein Normal so unnormal für dich?
Wieso ist dein Biest mein Spiegelbild?“
mit Zeilen über mehrere Seiten.
Klar, ich saß permanent in irgendwelchen Kliniken oder Gruppen, wo man sich mehr über mich erschreckte, wenn ich etwas anderes tat, als die Milliardste Runde Phase 10 zu spielen oder eben eine dieser Pseudoblüten der Literatur zu verfassen.

Aber ich konnte nie genau sagen, was es ausgemacht hat.
Vielleicht das Gruppe sein. Das die Gruppe der Bekloppten, der Irren, der Auf-Ver-Abgestoßenen, der Ungebetenen zu sein… obwohl nein, das war normal. Es war ja eine Gruppe- eine Gruppe stellt die Norm. Eine Andere, als die der Menschen, die uns nicht haben wollten. Dies allein aber hatte mir nicht das Gefühl einer Unzulänglichkeit gegeben.
Ich hatte nicht das Gefühl, dass jemand in mir abnorme Achsen sah. Oder Defizite.
Oder ich wollte es nicht sehen.

Vermutlich wollte ich es nicht sehen. Wer weiß, ob ich die anderthalb Jahre in der Klinik so hätte nutzen können, wie ich es tat, wenn mir die ganze Zeit über klar gewesen wäre, was für ein Objekt der wissenschaftlich- psychologischen Neugier- was für ein Fall, dessen A-Normalität als Reaktion auf eine krankmachende Realität, irgendwie vage doch völlig normal erscheint und doch im letzten Schlenker der Definitionsmacht gänzlich unnormal benannt wird…,  ich vielleicht doch auch darstellte. Neben all der Normalität, die in mir drin ist und dort auch eben zu sehen, hören und spüren war.

Die Therapeutin sagte, es sei okay den Bericht direkt heute bei ihr vorbeizubringen.
Ich war froh, dass ich mich nicht in Erwachsensein üben und das jetzt aushalten musste, dieses schmerzende Zetteldings so bewusst zu haben und zu wissen, dass es da und bei mir ist. Anklagend vom Turm herunterdonnernd auf mich einbrüllend: Du unzulänglich defizitär- abnormes Ding!

Und dann stieg der Wegegänger zwei Stationen früher als sonst aus. Ich weiß nicht was ihn dazu getrieben hat. Ich verstehe ihn ja meistens nicht. Wir liefen fast den gleichen Weg, wie wir ihn mit der Kliniktherapeutin, die diesen schweren Papierklotz in meinem Rucksack geschrieben hatte, gegangen waren, bevor wir hier her zogen.

Ich versuchte mich zu erinnern, ob es damals auch geregnet hatte. Ich weiß nicht einmal mehr, welche Jahreszeit wir da hatten. Winter? Frühling? Ich weiß nicht einmal mehr wirklich, wie sie aussieht. Ich ertappte mich dabei wie ich dachte: „Ach- in 9 Jahren wird sie sicher einen wundervollen Wust weißer Haare bekommen haben und sitzt nun glücklich und zufrieden…“
Ja, es hätte auch ein Gong oder eines dieser Domgeläute sein können, dass mir den Kopf berührte.

9 Jahre. Und ich empfinde so eine Momentaufnahme von damals in Form eines Berichtes, als aktuell schmerzhaft?!
Suche immer noch den ultimativen Beweis für mein nichtreichen, mein nichtgutgenug, mein puttgehtnichtheilezumachen, mein letztes Quäntchen zur Legitimation meiner Selbstentsorgung?
Es hat sich doch soviel verändert, warum kann ich es nicht sein lassen?

Ist dies allein am Ende meine abnorme Achse? Einfach nicht glauben zu können, dass es nichts Abnormes an mir gibt, was meine Selbstzerstörung legitimiert?
Vielleicht ist es damals schon mit aufgelistet gewesen. Vielleicht gibt es dafür auch keine Bezeichnung außer „Selbsthass“. Vielleicht ist es alles der absolute Bullshit. Vielleicht hat sich in 9 Jahren bei mir eigentlich nichts verändert. Die meisten Dinge, die man dem Leben übergibt und von sich stößt, kommen in einer Maskerade wieder zurück. Oder in einer anderen Form. Manchmal kann man sie so versteckt oder in neuer Form leichter annehmen und verändern, als vorher.

Vielleicht ist der Bericht etwas, dass ich genau so brauchte, wie er war. Ich habe ihn in den Briefkasten meiner Therapeutin geschmissen und mich vom Wegegänger tragen lassen. Ich spüre ihn heute, während er damals einfach nur Löcher in meine Stadtbilder fraß. Ich spürte den Regen, die Kälte, die Schwere der Kleidung. Ich bewegte mich in der Stadt, die wir zuerst mit der Kliniktherapeutin zusammen betreten hatten. Alles das beachtete ich bewusster als sonst. Noch aktiver, vielleicht lauernder, als vor dem Moment, in dem ich den Bericht las.

Während einem Moment, in dem der Regen auf das Gesicht platschte, dachte ich: „Hauptsache da sind Achsen. Eigentlich ist es egal, für wen da was normal oder abnormal ist. Es ist fast 10 Jahre her. Für mich ist es normal, wie es ist.“.

Co-Therapeutin Sieglinde

391474_web_R_K_B_by_Heidi Apel_pixelio.deIch nenne es „posttherapeutisches Fieber“.
Nach jeder Sitzung dauert es ein zwei Stunden und der Körper läuft heiß.

Manchmal steigt es nur auf 38° hoch, manchmal kratzt es aber auch scharf an der 40° Marke.
Dann hilft nur liegen, ausruhen, dem Kopf zugucken, wie er zum heißen Pflaster der Gedanken und Gefühle wird. Tee trinken, NakNak* streicheln, Reize runterdimmen.
Oft wird Fieber mit einem Anzeichen für Überlastung gleichgesetzt, als sei der Prozess eine Reaktion, die sich wie ein Knüppel vor den Füßen ausmacht.

Wir nennen es auch „Sieglinde“. Ein sanfter Sieg. Eine Kuschelkämpferin.
Sie kommt, kämpft, siegt und geht wieder.

Was sie bekämpft, weiß ich nicht genau.
Tatsache ist, dass erlebte Traumatisierungen auch auf das Immunsystem einwirken.
Menschen mit Traumafolgestörungen haben, neben vielen anderen Folgebeschwerden durch die körperliche Reaktion auf traumatische Ereignisse, ein erhöhtes Risiko für Infektionskrankheiten und Probleme mit der Zellreparatur. (Literaturempfehlung: „
Das Gedächtnis des Körpers“ von Joachim Bauer)

Früher habe ich mir die Ruhe nicht zugestanden.
„Schwachfug, wegen so nem Gelaber mach ich doch jetzt nicht auf krank!“, dachte ich mir und ging nach dem Therapiestunden zurück in meinen Alltag. Nahm an Lerngruppen und Veranstaltungen teil, räumte in der Wohnung herum oder unternahm übermäßige Ausflüge mit dem Hund.
So provozierte ich öfter mal ein Wechselchaos und brachte mich in echte Überforderungssituationen.

Heute komme ich von der Therapie und will immer noch nicht so schwach sein, wie sich mein Körper anzufühlen beginnt. Also gehe ich mit NakNak* raus oder zum Schwimmen.
Nach manchen Stunden ist das sogar sehr hilfreich.
Etwa, wenn jemand von seinen Erlebnissen gesprochen hat und die Körperempfindungen von damals auch nach der Stunde noch spürbar sind.
NakNak* würde sich schütteln und ausrappeln, indem sie Windhund spielt und über Wiesen flitzt.
Wir machen mit ihr Wettrennen die Berge hinauf oder schütteln uns im Schwimmbad die Anspannung aus den Muskeln.
Wenn wir zurück nach Hause kommen, fällt es mir leichter zu sagen: „Phu- ich bin ganz schön erledigt. Waren ja auch 30 Bahnen/ 8 Kilometer, die ich gerade hinter mich gebracht habe. Erst mal eine Tasse Tee und ins Bett kuscheln.“.

Letzte Woche ging das nicht so schnell. Wir wollten Rosh Hashana mit unseren Gemögten feiern und dann in die Pause gehen. Es war eine schöne Feier und ich spürte Sieglinde nicht besonders.
Am Freitag aber blühte sie richtig auf und war erst heute fertig.

Offenbar hatte sie noch ein paar Viren gefunden, die auch NakNak* als Veranstaltungsort ihrer Party auserwählt hatten. Für uns beide war es aber auch eine große Woche, sodass ich mir nicht ganz sicher bin, ob es wirklich Viren gab.

Unseren Hund in die Hände anderer Menschen zu geben, wenn wir so weit weg sind, löste einiges an Ängsten aus, die sich irgendwo in mehr oder weniger gut verpackten Kisten austobten, neben den Kisten, in denen es sich Unsicherheiten auf die Reise und ihre Vorbereitungen so richtig gemütlich machten.

Wir haben viele Erwachsenensachen gemacht. Viel Freiheit praktiziert und vor sich hin brütende Konflikte angerührt. Obendrauf kam die erste Therapiestunde nach 4 Wochen Urlaub der Therapeutin und der Feiertag.

Die erste Therapiesitzung nach einem Urlaub ist für uns schwierig.
In 4 Wochen gibt es jede Menge Freiraum für die Therapeutin zu erkennen, dass wir ein hoffnungsloser Fall sind. Oder nervig. Oder übermäßig kräftezehrend. Oder eigentlich doch gar kein Mensch, den man sich freiwillig jede Woche in sein Zimmer holt. Es gibt auch Raum für die Erkenntnis, bisher Schrotttherapie gemacht zu haben.
Das sind jedenfalls die Ergebnisse zu denen wir immer kommen, wenn wir 4 Wochen Therapiepause haben.
Neben der fast noch schlimmsten Erkenntnis, sich ernsthaft an einen anderen Menschen gebunden zu haben, die in der ersten Woche, trotz aller Bemühungen ihn im Kopf sterben zu lassen, ihre Wellen auslöst.

Ich hatte eine Veränderung bemerkt im Vergleich zu früheren Therapeutinnen.
Da gab es das natürlich auch. Ängste, dass sie nicht wieder zurück kommen, uns für immer verlassen, nicht mehr haben wollen. Doch damals kippten diese Ängste dann leichter in ein Funktionieren, das eine stumpfe Ausrichtung auf den Alltag zur Folge hatte. Das dauerte eine Woche und schwupp war klar: „Sie kommt nicht wieder- vergiss sie- du hast hier zu tun- alles ist wie vorher.“ Das ging auch mit einem gewissen Schmerz einher. Einer Art Trauer und einem Hadern.
Aber ich habe nie erlebt, dass wir darüber geweint hätten, wie es diesmal passierte.
Das Kippen in den Funktionsmodus funktionierte nicht mehr rund. Plötzlich saßen da Innens, die auf sie gewartet haben. Auf einmal machten Innens Notizen zum Therapieverlauf und Themen, die zu besprechen sind, wenn der Urlaub vorbei ist.
Statt wie sonst in der dritten Woche, gänzlich an einem Punkt angekommen zu sein, an dem die Verbindung nach innen fast gänzlich gekappt ist und das reine Funktionieren abgespult wird, gab es die Erkenntnis, dass wir jemandem einen Platz nah an uns dran gewähren, der uns auch mit nur einem Satz zu Grunde richten kann.

Zum Glück hatten wir in der letzten Woche dann so eine Agenda umzusetzen. Keine Zeit sich in der Angst darüber zu verlieren, kein Platz für ein wirres Treiben zwischen Früher und Heute. Das Heute knallte in bunten Farben auf uns ein und riss uns mit.

Und dann stand das Mädchen in der Praxis, das uns in der Woche durch alle Erwachsenenchallenges getragen hatte, während wir im Hintergrund festhielten, was sich möglicherweise an die Beine der Therapeutin geklammert oder sonstige Peinlichkeiten produziert hätte.

Schon im Wartezimmer spürte ich die ersten Schritte von Sieglinde, auf ihrem Rundgang zur Zellenbefreiung.
Vielleicht von Ängsten.
Vielleicht von Vergangenheitsgift.

Ich glaube, Sieglinde kommt nur, um uns frei von allem, was uns schaden oder behindern könnte, der Freiheit und allem Neuem widmen zu können.
Wenn sie weg ist, fühle ich mich stark und bereit neue Erkenntnisse anzunehmen und umzusetzen.
Etwas, das die wahren Knüppel vor den Füßen, nämlich alle Ängste und alle alten Überzeugungen, nie tun.

Ich glaube Sieglinde ist unsere körpereigene Co- Therapeutin.
Auf sie müssen wir uns genauso einlassen, zu einer Verbündeten machen, wie unsere Therapeutin.

über etwas drübergelebt

Ich habe heute an „Superwomen, Möhrenwürfel und Heilung“ gedacht und daran, dass der Begriff des „Überlebens“ überbewertend besetzt ist.

Die Gewalt in unserer Geschichte, hätte uns tatsächlich töten können. Doch das war nie das Ziel und zum Glück hatten die Täter_innen auch nie soviel Angst vor Enttarnung und in der Folge, den Konsequenzen ihres Handelns, dass sie uns gezielt haben töten wollen.

In unserem Fall, war „überleben“ einfach nur schlichtes „weiterhin am Leben sein“. Vielleicht: „trotz Allem am Leben sein“.
Das ging einfach so weiter. Wir haben nie etwas dafür tun müssen oder gezielt (im Sinne von bewusst) tun können.
Wir haben die Gewalt erlebt und dann einfach weiter gelebt. Weiter metabolisiert und somit existiert.
Es ist nichts Besonderes zu überleben. Es ist einfach nur „weiterhin leben“.

Der Kampf ist das Innere. Das „sich erlauben, dies tun zu dürfen“. Das „immer wieder neu Schritt für Schritt vorwärts- Gehen“. Die Notwendigkeit darüber nachdenken und (neu) lernen zu müssen, wie die Qualität des eigenen Lebens sein soll.  Das ist das, was besonders ist, weil dies nicht für jeden Menschen von gleicher Bedeutung ist.

Alles andere ist einfach nur leben.
Weiter leben. Einfach so. Weil es eben geht. Weil es einfach so lebt.

Man kann für sein Überleben kämpfen, klar. Immer. Aber es ist ein Kampf, der nie ausschließlich von dem bestimmt wird, was man tut. Es ist Aktionismus, der manchmal die Chancen weiter zu leben erhöht oder einen dauerhaften Schutz davor generiert, in eine Situation zu kommen, die das Leben gefährdet, ja. Aber das Ende wird dadurch nicht kontrolliert. Ob man lebt oder nicht, liegt nicht in der Hand der Menschen, deren Leben von anderen Menschen oder Umständen gefährdet wird. Der Mensch hat ein Vetorecht. Und die Macht, sich so zu verhalten, dass sein Leben durch die eigene Hand beendet wird.

Aber letztlich… ist der Zustand zu leben, einfach nur der Zustand zu leben.
Über die Hürde- eine Gefahr- für selbiges hinweg gelebt zu haben, nennen wir überleben bzw. überlebt haben.

Es ist eine Zustandsbeschreibung.
Überlebt zu haben ist keine Auszeichnung für besondere Fähigkeiten.
Es ist nur eine Würdigung dessen, was dort so gefährdend war, das man über es drüber zu leben gezwungen war.

Das Überleben ist einfach immer nur das Leben was über ist.
Der Rest von vorher und das was dann kommt.

Die Sache mit der Integration

Weißt du  noch vor ein paar Jahren?

Da brannte unsere Welt, doch gewusst haben wir es nicht. Es waren Zeiten wie Wirbel.
Abgehackt, stockend, blubbernd. Mal hier etwas, mal da etwas. Doch nichts davon wirklich fest.
Keine Muster, keine Struktur.
Keine Sicherheiten.

Nie gab es “von Anfang bis Ende” – es gab nur “von Neuem”.

Dann kam der Gedanke. Es war nicht meiner. Doch er war da. Ganz klar und fest.
“Er wird mich beim nächsten Mal umbringen. Ich muss weg. Sachen zum Wechseln, etwas zu Essen, Geld. Rucksack. Hinter der Tür abstellen.”

Ein paar Monate später habe ich dich gespürt. Es war ein Wirbelmoment, doch er war anders. Ich dachte, sie wurde mich schlagen wollen, wie er es tat. Aber sie lächelte nur und streichelte meinen Arm und sagte, sie würde mir nichts tun.
Ich spürte dein Zittern, deinen angehaltenen Atem und den Impuls die Faust zu heben.
Dachte, ich hätte einen Teufel in meinem Körper wohnen.

Dann das Leben in den Heimen und Stationen. Der raue Ton, der lieblose Umgang, die ganze Kälte, die Drogen und doch aus allen Ecken und Winkeln diese Bedürftigkeit aller. Ich spürte dich, immer wenn ich Angst bekam, jemand würde seine Hand auf mich niedersausen lassen. Einmal habe ich dich an mir vorbeirasen sehen. Ich dachte, vielleicht seihst du doch kein Teufel, sondern ein Schutzgeist.

Ich schrieb dir Briefe in mein Tagebuch und deine Antworten erschienen mir logisch. Obwohl ich wusste, das Geister keine Dinge anfassen können.

Dann gab es diese Zeit in der die Welt nicht brannte und jemand sagte, dass du ein kein Geist bist, sondern ein Teil von mir. Ein 18 jähriger Anarchistenjunge in meinem 16 jährigen Mädchenkörper. Uff!
Ich war verwirrt und gleichzeitig aber dachte ich auch, dass es egal ist. Du warst mein Beschützergeist und das änderte sich nicht mit dem Wissen.
Ich konnte dich immer deutlicher wahrnehmen, manchmal konnte ich sogar schon ganz nah bei dir stehen, wenn du “vorsichtshalber mal da warst”. Einmal war sogar gar keine Gefahr und ich konnte dein Sein ganz deutlich an mir spüren.

Wir beide haben tapfer gekämpft, als es wieder um unser aller Leben und Zukunft ging. Doch war es in jener Zeit unmöglich einander weiter so nah zu sein. Du musstest mich ständig verlassen, um uns zu schützen, konntest gar nicht mehr zu unserem Ich-Du-Sein zurückkehren.
Doch wir siegten und konnten einander wieder die Hand reichen.

Ich lies sie nicht mehr los. 453633_web_R_K_by_Dieter Schütz_pixelio.de
Meine Haut wurde zu deiner Haut.
Meine Gedanken vermischten sich mit deinen Gedanken.
Unsere Wünsche und Erinnerungen gesellten sich nebeneinander und griffen ineinander.
Unsere Stimme wurde vom Duett zum Solo.
Niemand konnte uns mehr unterscheiden.
Sogar deine Männlichkeit wurde zum normalen Seelenton.
Es war, als wäre es nie anders gewesen.
Als wären wir schon immer Ich gewesen.

Eine M. vereint mit einem A. , der sich an einem Morgen sah und wusste, dass er nun eigentlich Ma. ist. Ein Ma. der nachwievor ein Schutzgeist ist, doch neben seinen Fäusten, auch den Kopf seiner inneren M.- Seite benutzen kann, ohne eine Amnesie zu erleben oder in Gefahr zu sein.

Nichts ging verloren.
Es ist nur verwachsen, was verwachsen konnte.

Aus zwei kleinen Spiegeln, wurde eine glatte Fläche.
Niemals haben wir das in der Therapie besprechen müssen. Es ist einfach passiert, weil wir die Möglichkeit hatten, einander in aller Ruhe und Sicherheit zu erspüren und zu erfassen.
Unsere Gemeinsamkeit zu zeugen.

Es ist einfach so passiert.
Die Sache mit der Integration.