Schlagwort: Michaela Huber

“Wir sind Viele” ~ Teil 4 ~

 ent-wicklung Karl Heinz Brisch war akut verhindert, so dass sein Vortrag “Täter oder bindungsgestörte Kinder?” leider entfiel.
Für ihn trat Michaela Huber auf das Podium mit ihrem Beitrag “Viele im Netz der Pädokriminalität”.

Ich nehme die Vorträge von Michaela Huber immer sehr klar und rund wahr. Es ist gut zu unterscheiden, wann sie Perlen und Edelsteine aus ihrem 30 jährigen Erfahrungsschatz in der Behandlung und Auseinandersetzung mit dem Themenbereich der Folgen schwerer Traumatisierungen beschreibt und wann sie diese mit Sachinformationen, auch anderer ForscherInnen und BehandlerInnen zusammenfügt, um ein wenig starres Bild entstehen zu lassen.

Sie setzt nicht auf dramatische Schilderungen, um große Gefühle zu erzeugen, sondern benennt, was andere nicht zu benennen wagen.
Für mich persönlich, bildet genau dies den wertvollen Kern auch dieses Vortrages, der wie viele ihrer Vorträge auf ihrer Homepage zu finden sein wird.

 

Nach einer Kaffeepause referierte Prof. Dr. Plassmann, Leiter der Kitzbergklinik, Bad Mergentheim, über die “stationäre Therapie bei Komplextrauma”.
Es wurde ein Vortrag dem zu folgen war, dem aber meiner Meinung nach, einige Stichworte und Schemata auf Folie wirklich gut getan hätten.

Er benannte eine Form der Dissoziation, die seiner Auffassung nach, noch nicht genug aufgegriffen wird und zwar die Dissoziation, die mit kompensatorischen Verhaltensweisen wie zum Beispiel Süchten hervorgerufen und aufrecht erhalten wird.
Ein spannender Ansatz, den ich persönlich gerne weiter verfolgt hätte, der aber in seinem losen Faden irgendwo mitten im Vortrag endete und nicht mehr aufgegriffen wurde. Er beschrieb das Konzept “seiner” Klinik zur Behandlung dissoziativer Störungen und Traumafolgestörungen allgemein.
Ernüchterung bei mir: 4 Phasen- Modell und Protokolle zur Symptomassoziation.

Das 4 Phasen- Modell klingt für mich im Grundsatz hilfreich und als logische Konsequenz aus dem, was posttraumatische Belastungsstörungen mit sich bringen. So wird in Phase 1 stabilisiert; in Phase 2 Ressourcen in den Überlebenden (wieder)entdeckt und als Hilfe zur Selbsthilfe etabliert; während in Phase 3 die Traumaexposition ansteht und in Phase 4 die Reorientierung in den Alltag und innere Neukonstruktion Thema wird.
Schöne, wirklich wunderschöne Theorie – die Praxis raucht vor der Eingangstür und lacht, dass ihr Bauch wackelt.
Letztes Jahr erst, sprach die Psychologin Sabine Drebes in einem Vortrag zur stationären Behandlung bei komplexen Traumatisierungen (dort die Klinik für Psychotherapie und psychosomatischer Medizin des evangelischen Johanneskrankenhaus Bielefeld) an, dass durch die begrenzten Finanzierungen der Kassen derzeit nur etwa 30% der PatientInnen überhaupt die Phase 3 durchlaufen. Sie werden entlassen und zu einem späteren Zeitpunkt (aktuell allgemein Wartezeit zwischen zwei Aufnahmen 1 bis 1,5 Jahre!) zur eben jener Behandlung nach Phase 3 wieder aufgenommen – wo sie sich in welchem Zustand befinden? Richtig- mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem, der eher eine Behandlung nach Phase 1 oder 2, als Phase 3 oder 4 nötig macht.
Ich bin nach meinen Aufenthalten in der Bielefelder Klinik immer halbwegs stabil und wach für meine eigenen Ressourcen entlassen worden- doch in der Zeit zwischen Behandlungen erforderte das nachwievor bestehende Trauma in all seiner Toxizität neue oder neuaufgelegte Anpassungsmechanismen, die sich zu immer komplexeren (chronifizierten) Süchten und anderen destruktiven Verhaltensweisen entwickelten. Wenn die Wartezeit um war, mussten immer wieder erst ein mal diese Symptome wieder runterreguliert werden- bis zur nächsten Entlassung. Und ich bin eine von Vielen und immer mehr werdenden- doch dazu später mehr.

Punkt zwei: Symptomprotokolle
Ich dachte, dass inzwischen allgemein bekannt sei, dass DBT mehr Dressurinstrument als Integrationshilfe von Verhalten als Symptom sei.
Hab ich wohl falsch gedacht.
Wenn ich Herrn Plassmann richtig verstanden habe, werden die Protokolle geführt, mit der/ dem behandelnden Psychotherapeuten durchgesprochen und dann Strategien erarbeitet, diesen anbei zu kommen. Was sich bei lauten Verhaltensweisen (für mich “offenem Dissoziieren”) wie selbstverletzendem Verhalten, Essstörungen, Süchten oder riskantem (Bindungs) Verhalten noch gut funktionieren kann (und sicherlich wird), stelle ich mir für leises Verhalten (“verborgenem Dissoziieren” bzw. bei Menschen mit “systemimmanenter Überlebensstrategie”) mindestens schwierig- allein von den PatientInnen durchgeführt- unmöglich vor.

Würde ich jedes Mal merken, wann ich dissoziiere, dann hätte ich keine dissoziative Störung im Sinne einer DIS.
Ich behandle natürlich keine Menschen mit dissoziativen Störungen und kann nicht auf 30 Jahre Erfahrungen zurückblicken, denn ich bin nicht einmal so alt. Aber ich bin schon kaputt gegangen an solchen Protokollen als einziges Mittel die Dissoziation meiner Selbst- und Umweltwahrnehmung für mich begreifbar zu machen. Einfach, weil ich ihnen nie entsprechen konnte. Meine Symptome haben verhindert, dass ich meine Symptome hübsch in eine Liste schreiben konnte. Ich (und andere Viele, die ich inzwischen kennenlernen durfte) brauch(t)en intensive Begleitung und viele Rückmeldung von außen, um dissoziative Symptome überhaupt erst einmal dokumentieren zu können.

Mit der Einführung von Fallpauschalen in Krankenhäusern, kam es zum verschärften ökomischen Wandel in unserem Gesundheitssystem und mit ihm wurden auch die Betreuungschlüssel in Kliniken verändert. Konzeptionelle Anpassungen daran heißen vollmundig “Wir fördern die Eigenverantwortung unserer PatientInnen”.
Praktisch heißt das, dass 10- 15 PatientInnen, zum Beispiel in der Psychiatrie, von 2 KrankenpflegerInnen betreut werden. Prima Voraussetzungen um Patienten sorgfältig zu beobachten, (dissoziierte Brüche wahrzunehmen und rückzumelden)- selbstverständlich zum Hungerlohn und neben dem bürokratischen Aufwand und anderen Verpflichtungen.

Diese strukturellen Bedingungen, die in psychosomatischen Kliniken nicht viel anders sind bzw. heute sein werden, wurden in dem Vortrag von Prof. Dr. Plassmann, kurz streifend erwähnt, um sich dann thematisch nicht näher beschriebenen Hilfen zur Symptombewältigung zu widmen. Immer wieder mit den Begrifflichkeiten “normal” und “krank” (wer hier öfter liest, wird sich vorstellen können, wo in dem Raum Frau Rosenblatt Teil der Deckendekoration war…)

Am Ende gab es die Möglichkeit Fragen zu stellen und einzelne Punkte weiter auszuführen.
Ich meldete mich und fragte, wie auf das traumareaktive Muster der Vermeidung in der Klinik bzw. dem Konzept reagiert wird. Wenn in den Protokollen also eigentlich etwas stehen müsste, aber nicht steht, zum Beispiel, weil der/ die PatientIn die Angst vor der Angst mit Dissoziation vermeidet.
Eine fundamentale Frage, wie ich finde- haben wir doch gerade in dem Vortrag vorher gehört, dass sogenannte ANP’s (Alltagsnahe, (rein) funktionale Persönlichkeitsanteile/Innens/Innenpersonen/ etc. ) genau dieses Muster in sich tragen, um die Vermeidung der Annäherung an EP’s (Emotionen und Traumamaterial tragende Anteile/etc.) aufrecht zu erhalten (also strukturell zu dissoziieren, was man dann DIS nennt, was wiederum eine Folge von komplexer Traumatisierung ist, die dort in der Klinik behandelt wird).
Ich empfand die Antwort als ignorant und kann das auch jetzt, 4 Tage später, nicht anders nennen.
“Wir können nur mit dem arbeiten, was da ist”.
Meine Entgegnung jetzt: Ja, kann man- muss man aber nicht! Zumindest nicht, wenn man sich vielleicht mal fragen möchte, wem man eigentlich hilft und wem nicht. Wenn man sich mal kurz de Frage stellt, welche Menschen man allein lässt. Wieder. Nach all dem, was sie bereits allein durchstehen mussten.

So komme ich zu meinem eigenen “Vortrag”.

Ich persönlich, habe überhaupt gar keine Zweifel daran, dass solche Klinikonzeptionen Menschen helfen können und von Menschen auch als hilfreich wahrgenommen werden, selbst wenn keine Traumaexposition im stationären Rahmen passieren kann. Ich bin davon überzeugt, dass diese Konzepte keine Luftschlösser sind und sicherlich auch ausführlich evaluiert wurden – allerdings nur mit PatientInnen, die da waren.

Die PatientInnen, die sich von vornherein gegen dieses Konzept entscheiden, nach Vorgesprächen gegen eine Aufnahme entscheiden und auch die PatientInnen, die an den Bedingungen zur Aufnahme scheitern (ihr erinnert euch an diesen Artikel? Das ist Bad Mergentheim gewesen), stehen für solche Erhebungen nicht zur Verfügung und ganz offensichtlich besteht auch kein Interesse daran, sich diesen zu widmen, zu befragen und Klinikkonzepte für komplex traumatisierte Menschen zu entwickeln, die auch mit (oder trotz?) kranker Kassenbegrenzung von einem stationären Rahmen der Psychotherapie bzw. psychosomatischer Medizin profitieren könnten.

Ich habe den Verdacht – oder vielleicht sollte ich von einer These, einer Idee sprechen, dass hier an diesem Vortrag sichtbar wurde, wie versucht wird, als unnormal definierter Dissoziation mit als normal definierter Assoziation zu begegnen.
Aufgegriffen wird, was der/ die PatientIn assoziiert und äußert – nicht was er/sie dissoziiert und ergo nicht konkret äußern/ benennen kann. Hilfreich ist, was da gewesene PatientInnen belegen- nicht das, was nicht dort behandelte PatientInnen als fehlend bezeichnen würden.

Wir haben ein Existenzproblem in unserer Gesellschaft. Ein Problem damit Minderheiten als sichtbar und existent und genauso wichtig, wertvoll, gewichtig wahrzunehmen und anzuerkennen, wie Mehrheiten. Es reicht nicht zu sagen: “Wir können nicht allen helfen.” um sich dann zu seinem Schreibtisch zu drehen und sich den Problemen, die seit Jahren als die Gleichen bestehen zu widmen. Ja, das wichtig. Ja, da muss auch etwas passieren und ja, es prima, dass es Menschen gibt, die das mit viel Kraftaufwand, Zeit und Herzblut tun. Vielen Menschen wurden so schon Leben gerettet, ermöglicht und/ oder verbessert.

Der Anspruch muss aber sein, dass tatsächlich alle Menschen die gleiche Chance auf Hilfe haben. Auch wenn es sich um eine – ausschließlich im Vergleich! – kleine Gruppe von Menschen handelt. An der Stelle beginnt moralische Verantwortung, der alle Menschen, meiner Meinung nach, nachzukommen haben, wenn das Ziel ein lebenswürdiges, lebenswertes Leben für alle Menschen gleich ist.

Es kann und darf nicht sein, dass wer nicht sichtbar ist, als inexistent gilt und zu bleiben verdonnert ist, weil es sich so leicht gemacht und nur Sichtbares aufgegriffen wird.
Es kann nicht sein, dass von hochdissoziativen Menschen gefordert wird, hochassoziativ zu agieren, wenn sie dieses als massiv lebensbedrohlich wahrnehmen (müssen- denn sonst hätten sie diese Struktur nicht entwickelt). Es kann nicht sein, dass Todesangst zum immanenten Teil des Heilungsbemühens in der Psychotherapie für auch nur einen einzigen Menschen gehört.

Ich will das vorgestellte Konzept wirklich nicht schlechtreden. Wirklich nicht.
Es wird Menschen helfen und so hatte es seine Berechtigung dort auf der Tagung gehört zu werden. Es wird aber den vielen die Viele sind und massive (von DBT- Elementen und Stabilisierungs-Intervalltherapiekreiseln in psychosomatischen Kliniken massiv verstärkten) Vermeidungsmustern der Persönlichkeitsstruktur nicht helfen. Und das nicht mindestens traurig zu nennen und zu Veränderungen in der konzeptionellen Gestaltung und auch der Kassenfinanzierungsgegebenheiten aufzurufen, ist ein Versäumnis, das ich in gar keinem Fall so stehen lassen will.

Vielleicht kann der Herr Prof. Dr. Plassmann in seiner Klinik nicht allen helfen.
Andere aber könnten das wollen.
Und genau diese Menschen sollten, meiner Meinung nach, gestärkt aus solchen Vorträgen heraus gehen.

Ich bin nur ernüchtert und wütend aus der Aula gegangen.

Buchbesprechung: „Der Feind im Innern- Psychotherapie mit Täterintrojekten“ von Michaela Huber

„Wie finden wir den Weg aus Ohnmacht und Gewalt?“, fragt die deutsche 9783873875838
Diplompsychologin, Psychotherapeutin, Supervisorin und Ausbilderin für Traumatherapie Michaela Huber in ihrem Ende April 2013 im Junfermann Verlag erschienen Buch „Der Feind im Innern- Psychotherapie mit Täterintrojekten“.

Zwischen diesen Buchdeckeln finden Opfer, TäterInnen und HelferInnen einen Platz, was in dieser Form einmalig ist. Die Autorin schafft es, mit zahlreichen Interviews, einer ausführlichen Falldarstellung sowie ihren Erfahrungen professioneller, aber auch persönlicher Natur, den Einfluss früherer (Bindungs -)Traumatisierungen als gewichtiges Element im Kreislauf der zwischenmenschlichen Gewalt im Großen wie im Kleinen klar darzustellen.

So wird zum Beispiel im Kapitel „Krieg im Alltag – und was wir tun sollten“ anhand der Wirtschaftsbörse dargestellt, welches Maß an gewaltätigem Potenzial den darin arbeitenden Menschen abverlangt wird, um überhaupt erfolgreich zu sein. Eine Skizzierung der Weitergabe von Traumatisierungen und der Wirkung kompensierender Verhaltensmuster sowie der Veränderung selbiger finden sich im Kapitel „Kleine Studie in Bösartigkeit – und ihrer Verwandlung“ und auch „Cherchez la Femme – Frauen transportieren die Gewalt weiter“.

Um die Darstellung von Ursache, Wirkung und Folgen von Gewalt geht es in weiteren Kapiteln mit jeweils unterschiedlichem Schwerpunkt. So finden sich Erkenntnisse der Neurobiologie und Psychologie, ohne jedoch „eingleisig“ zu erscheinen. Immer wieder wird auf andere Zusatzfaktoren hingewiesen. Zum Beispiel die unzureichende Finanzierung und den grundsätzlichen Mangel von ausreichend (intensiven) therapeutischen Angeboten im Interview mit Karl Heinz Brisch (Traumaforscher und Kindertherapeut sowie leitender Oberarzt im Dr. von Haunerschen Kinderspital München), welches den treffenden Titel „Es gibt keine kindlichen Psychopathen – aber bindungsgeschädigte Kinder!“ trägt, sowie immer wieder in vielen anderen Kapiteln.

Der wiederkehrenden Forderung „alle Täter raus – alle wegsperren – die sind alle krank“ begegnen sowohl Michaela Huber als auch die von ihr interviewten Kollegen Marianne Wick (deliktorientiert arbeitende forensische Psychotherapeutin in der Schweiz) und Frank Urbaniok (Chefarzt der größten forensischen Institution Schweiz sowie Professor in den Universitäten von Zürich, Bern und Konstanz) mit Einblicken in ihre Beobachtungen und Erfolge ihrer Arbeit mit Straftätern, als auch mit der Beleuchtung der Steuerungsfähigkeit von Menschen und des Schuldprinzips in Bezug auf die Prävention von Gewalt(wiederholung).

Über psychotherapeutische Methoden und Heilungs- bzw. Veränderungswege gewähren das Fallbeispiel der „Frau K.“, zu welchem auch Renate Stachetzki (leitende Psychologin und Kunsttherapeutin im Plankrankenhaus des PTZ Kitzbergklinik in Bad Mergentheim) interviewt wurde, als auch der Austausch mit der sog. „Innenperson“ Sandra in einer Klientin mit dissoziativer Identität und dem selbst zum Straftäter gewordenen „Herrn L.“ sehr gute und durch ihre Vielschichtigkeit wertvolle Einblicke.

Zahlreiche Studien sowie Literaturverweise im Anhang ermöglichen zudem jederzeit ein „Abbiegen“ in einen weiteren Teilbereich des Themenkomplexes um die Frage, wie man Ohnmacht und Gewalt beenden kann.
Die alltagsnahe Sprache sowie die klare Textstrukturierung ermöglichen eine leichte Annäherung an das Thema und werden seiner Komplexität und Tiefe dennoch gerecht.
So wird ein breiter Zugang zum Themenkomplex auch für Menschen ohne viele Vorkenntnisse ermöglicht.

Es ist ein Werk, das sowohl Fachwissen verschiedener Professionen als auch Mut zur Begegnung und Veränderung vermittelt.
Das Buch enthält auch einen Appell an die Politik sowie den, an die Courage des lesenden Menschen. Es ist Literatur, die allgemein mutig macht, weil sie sowohl Menschen, die an der Veränderung eigener Gewaltmuster und dem Kontakt mit den eigenen „inneren Oppositionellen“ oder auch Täterintrojekten arbeiten (wollen), als auch PsychotherapeutInnen und den Verbündeten in anderer Funktion, eine Positionierung durch Verständnis ermöglicht, ohne auf die verbreitete „Gut -Böse“-Dualität allein zurückgreifen zu müssen.
Eine Positionierung zu finden, bedeutet „Boden unter den Füßen“ zu haben. Einen Boden, der einen selbst trägt. Einen Boden, auf den man auch aufstampfen kann. Eine Grundlage, auf der man aktiv für eine Veränderung eintreten kann.

Das alles macht den Titel „Der Feind im Innern – Psychotherapie mit Täterintrojekten“ zu einem wertvollen Stück Fachliteratur, aber auch Wegweiser im großen Rhizom der Frage: „Wie finden wir den Weg aus Ohnmacht und Gewalt?“

Ich persönlich bin froh und dankbar es gelesen haben zu dürfen.
Einfach schon, weil ich im Anschluss an die Lektüre ein Gefühl von Boden unter den Füßen und klarer Stärkung meiner Veränderungsimpulse feststellen durfte. Etwas, das mir für meine eigene Psychotherapie weiterhelfen wird.

 

 

Kurzsteckbrief zum Buch:
Michaela Huber
„Der Feind im Innern- Psychotherapie mit Täterintrojekten“
Erschienen am: 23.04.2013
Seitenanzahl: 368 Seiten
Umschlag: Kartoniert
Format: 17.0 x 24.0 cm
ISBN: 978-3-87387-583-8
Preis: 36,90€
Bestellmöglichkeit: Junfermann Verlag

die Tagung

Gestern kamen wir der herzlichen Einladung der katholisch sozialen  Akademie des Franz Hitze Haus und der Fachstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen des Bistums Münster nach, an der Fachtagung mit dem Titel „rituelle Gewalt in satanistischen Sekten“ teilzunehmen.

Als Referenten sprachen als Überlebende ritueller Gewalt „Nickis“  (Nicki und die Bärenbande) über ihren Ausstieg aus dem Kult in dem sie aufwachsen mussten, sowie auch über ihre Therapie und OEG- Erfahrungen.
Über die Hintergründe, die Diagnosen und die Behandlung hochdissoziativer Persönlichkeiten referierte Michaela Huber. Ihres Zeichens Psychotherapeutin und Ausbilderin in Traumabehandlung mit langjähriger Erfahrung auf diesem Gebiet.
Als weitere Sprecher traten Prof. Dr. Adolf Gallwitz von der Polizeihochschule und Kommissar a. D. Manfred Paulus aus Villingen- Schwenningen auf, welche Einblicke in die (Un-)Möglichkeiten der Polizeiarbeit gewährten.

Der Saal war voll belegt. Innerhalb kurzer Zeit sei diese Veranstaltung, laut verschiedener Beteiligter ausgebucht gewesen. Kein Wunder- so ist es wohl meistens wenn Menschen beginnen Dunkelfelder menschlichen Elends zu beleuchten: Man ist so froh um jede Möglichkeit des Austauschs und Abgleichs der Wahrnehmungen, dass man sich wie die Wespen auf alles stürzt war nach Zucker riecht.

Den Anfang machten Nickis und gaben so offen wie es ihnen möglich war, einen Einblick in ihr System und alles was ihnen geholfen hat den Ausstieg zu schaffen. Was für eine innere Stärke dazu gebraucht wurde und wie wichtig der Wille war, haben sie sehr gut verdeutlicht, was uns gefallen hat.
Sie sprachen durchgehend für sich und ließen nie die Möglichkeit entstehen, von ihnen auf alle Betroffenen zu schließen- außer dort, wo es Häufungen gibt. So zum Beispiel erwähnten sie, dass sie es geschafft haben während der 20 jährigen Therapiezeit (die sie nicht gänzlich integriert beendeten) zu arbeiten und ihre Psychotherapie selbst zu finanzieren, doch dass dies etwas ist, das nicht alle schaffen.

Mir hat ihre Sprachführung sehr gefallen, denn sie sprachen von Überlebenden.
Etwas, das dann im Anschluss auch Michaela Huber übernahm und gleich auch weiterleitete auf die vielen kleinen Sprachfallen, in die die breite Masse leider immer wieder tappt. Sie prangerte die Begriffe des „sexuellen Missbrauchs“ („Denn sie wissen ja: Wo ein Missbrauch- da ein Gebrauch und kann es wirklich einen richtigen Gebrauch von Menschen geben?“) und der „Kinderpornographie“, sowie der „Kinderprostitution“ an und schlug, wie damals zu ihrer Lebzeit noch Monika Gesterndörfer in ihrem Buch „Der Kampf um die verlorenen Wörter“, die Begriffe der „sexualisierten Gewalt“, der „Kinderfolterdokumentation“ und der „organisierten Kinderfolter“ vor.

Der Vortrag zu den diagnostischen Hintergründen und der Behandlung von Menschen mit DIS ergab einen runden Gesamtüberblick über die Mechanismen der menschlichen Psyche, die zu erst dafür sorgen, dass die Betroffenen die Gewalt, der sie ausgesetzt waren, überlebten und dann in der Folge leider aber auch dafür sorgen, dass der Ausstieg aus diesen Täterkreisen sehr schwierig und zäh sein kann.
Positiv ist mir dabei aufgefallen, dass zu keinem Zeitpunkt der Mythos des „weltumspannenden Netzes der Satanisten“ bedient wurde. Sehr schnell wurde klar, dass es um schwere Gewaltverbrechen an Menschen geht, die sowohl spirituelle als aber auch sehr weltliche Interessen befriedigen können.
Es wurde sehr eindrucksvoll klar, dass es bei Gewalt um Macht geht. Einzig an der spirituell-geistigen Note zusätzlich, welche die rituelle Gewalt mit sich bringt, wurde ein Unterschied zu anderen Formen von Gewalt gegen Menschen gemacht.
Diese Differenzierung so deutlich vor Augen zu haben, war für mich als Betroffene sehr klärend und ich wünsche dies den vielen TeilnehmerInnen, die vielleicht ähnlich verwischt empfanden wie ich vorher, ebenso.

Nach der Mittagspause trat Herr Prof. Dr. Gallwitz ans Mikrophon, um einen Einblick in die Polizeiarbeit im Dunkelfeld der rituellen Gewalt zu gewähren. Es wurde deutlich, dass es sich um einen akademischen Vortrag zum Thema der Hindernisse bei der Anzeigeerstattung von Menschen mit DIS allgemein und leider nur am Rande die Handlungsmöglichkeiten der Polizei handelte, der eher ungünstig für das Publikum aufbereitet und vorgetragen wurde.
Dies spiegelte auch das Publikum. Der Vortrag endete leider ohne leicht nachvollziehbares Fazit und hinterließ spürbares Gefühl der Ohnmacht und Enttäuschung bei mir. Hatte ich doch nun gerade wieder das „typische“ Verhalten von Vertretern der Polizei gesehen. Nur diesmal noch obendrauf akademisch vorgetragen und mit der Ahnung, das genau diese Haltung und Raster offenbar auch so gelehrt werden.

In diese Stimmung hinein trat der Kommissar außer Dienst, Herr Paulus aufs Podium.
Seine emotionale Beteiligung an dem Thema nach 30 Jahren im Dienst war gleichsam unüberhörbar, wie sein Wunsch nach mehr Handlungsmöglichkeiten der Polizei im Angesicht dessen. Ihm gelang es deutlicher sein Mitgefühl und Verständnis für die Position der Überlebenden zum Ausdruck zu bringen. Doch auch nach diesem Vortrag in dem viel Kritik am „runden Tisch sexueller Missbrauch“, an den derzeitigen Täterschutzgesetzen und Leitlinien zur Prävention und Aufdeckung von sexualisierter Gewalt an Kindern angebracht wurde, entspann sich in meinem Gefühl folgendes Schlussfazit für die Vorträge der beiden Polizeivertreter:
„Wenn ihr Überlebenden die Täter nicht anzeigt, können wir nichts für euch tun. Wenn ihr es doch tut, aber auch nicht, weil ihr durch die Folgen nicht ganz so zuverlässig seid, wie ihr müsstet.“

Das „selber Schuld“ schwang in meinem Kopf hin und her- abwechselnd mit einem Gefühl der absoluten Hoffnungslosigkeit von der Polizei zum jetzigen Zeitpunkt, und entsprechend ihrer Mittel und Möglichkeiten, die Hilfe zu erfahren, die sie zu stellen verpflichtet ist.
Ich, als Betroffene fühlte mich auch auf der sprachlichen Ebene nicht angemessen angesprochen von diesen Vorträgen. Die gerade 2 Stunden vorher negativ konnotierten Begriffe wurden durchgehend verwendet, genauso wie der Begriff des „Opfers“ immer wieder fiel. Auch wurde nicht darauf geachtet, Gewaltschilderungen herauszustreichen oder auf evtl. visuelle Trigger in der Overhead- Präsentation hinzuweisen.

Es war sehr deutlich, wie weit sich allein schon der normale Umgang mit dem Thema und dem Publikum in der Wertschätzung der Begegnung unterschied.

Nach einer 10 minütigen Pause schloss die Tagung mit einer einstündigen Podiumsdiskussion in der einige Fragen an die Referenten der Tagung gestellt werden konnten.
Sehr positiv fiel mir die Wortmeldung einer Teilnehmerin und dem folgend einer Vertreterin des „runden Tisch sex. Missbrauch“ dabei auf, die auf die Forderung von Herrn Paulus nach einer Anzeigepflicht reagierten.
So wurde die Notwendigkeit von Opferschutz vor Anzeigeerstattung unterstrichen. Doch auch hier war wieder sehr deutlich spürbar, dass es eben diesen Opferschutz in der Bundesrepublik Deutschland bis heute nicht ohne die auslösende Gefahr der Anzeigeerstattung an sich gibt.

Ich habe mich zum Ende hin immer ohnmächtiger und trauriger gefühlt.
Immer weiter häuften sich Aussagen, die einen nur unbefriedigenden Schluss übrig ließen:
Du bist ganz allein
Keiner kann dir helfen
Du bist machtlos

Für mich sind das Schlüsse, die meine ganze Kindheit und Jugend durchzogen. Wir haben uns als Mensch genau deshalb so aufgespalten, weil wir in einer Realität gelebt haben, in der diese Aussagen wahr waren.

Doch diese Tagung zu besuchen war uns nur möglich, weil diese Sätze eben nicht mehr wahr sind. Weil wir eben nicht mehr allein sind und es auch nie wieder sein müssen. Weil die Menschen da draußen, die sich so sehr für ihre Klienten einsetzen, eben doch helfen können und wollen. Und weil wir alle, die wir hier in Deutschland leben und diese Gewalt ablehnen, eben nicht hilf- und machtlos sind.

Und so kam es zu unserer Wortmeldung an Ende der Tagung.
Ich dachte: „Wenn all das so in mir arbeitet und mich irgendwo zwischen „schreien gen Himmel“ und „Weinen im Innen“ flattern lässt- wie muss es in jenen nun aussehen, die herkamen und sich dessen als BehandlerIn noch nicht so sicher sind, in dem was sie für ihre Klienten tun und in Bezug zu ihren eigenen Motiven?“.

Ich weiß nicht mehr wortwörtlich was wir gesagt haben, aber das Wichtigste wurde zum Ausdruck gebracht und ich hoffe, dass die an die es gerichtet war, dies eine Weile bewahren können.
Ja, BehandlerInnen und auch die Polizei stehen der Gräuel in den meisten Fällen auf eine Art gegenüber, die sie sich ohnmächtig und hilflos fühlen lässt, doch zumindest ich, als Überlebende, bin bis heute für jede gereichte Hand, für jede gezeigte Präsenz, für jede Geste der Hoffnung unglaublich dankbar.
Das ist soviel mehr als das, was wir als Kind erlebt haben und auch manchmal noch soviel zu viel Gutes für mich, dass ich oft noch gar nicht richtig damit umgehen kann.

Doch es ist nicht umsonst, denn genau das hat mein Leben so oft gerettet und genau das ist es, was immer möglich ist- auch wenn die Gewalt weiter geschieht und auch wenn die Polizei nichts dagegen tun kann.
Da sein und sich zeigen und kämpfen geht trotzdem.

Für uns war es ein großer Tag. Wir haben unsere Freiheit aus den Täterkreisen zum ersten Mal genutzt und Dinge getan, die für uns bis dato mit einem Machtgefälle zu tun hatten (Erwachsenensachen eben). Um dann eine Entwicklung zu spüren aus einer tiefen Ecke im Innern. Wir taten etwas, das wir in den ganzen Jahren seit der Befreiung niemals von uns aus getan haben: Wir forderten die Hand einer Verbündeten und hielten sie einfach fest, als wir das Veranstaltungsgelände verließen.

Ich weiß es nicht genau- aber irgendwas ist bei uns an dem Tag einen Zentimeter gewachsen.

Danke dafür an alles und alle!

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