Niemand ist frei.

Es war der stillste Moment in meinem Leben, als ich damals aus dem Haus trat und meinen Haustürschlüssel in den Briefkasten warf.

Ich ging also. Ich ging einfach weg. Nicht obwohl ich wusste, dass nichts und niemand da draußen auf mich wartete, sondern weil ich mir sicher war, dass ich sterben würde, bliebe ich. Nicht, weil meine Eltern es drauf angelegt hätten. Nicht, weil mich die ganze Welt hasste. Nur, weil ich es nicht aushalten würde, so weiterzuleben.

In den folgenden Tagen strolchte ich in der Gegend herum. Ernährte mich von halbvollen Tabletts in der McDonalds-Abgabe, von Zigaretten und Angst. Ich dachte nicht an die Familie, dachte nicht an mich. Zukunft, Vergangenheit, das war alles ein dichter, kloßiger Brei, der mich in eine Gegenwart betonierte, in der ich ausschließlich reagieren konnte.
Ich habs mir nicht leicht gemacht. Es wurde mir nicht leicht gemacht in den Jahren darauf.

Die eigene Familie zu verlassen ist kein Akt der Erleichterung. Kann es gar nicht sein. Vor allem dann nicht, wenn es um Befreiung geht. Freiheit ist nicht leicht. Freiheit ist nicht einfach. Freiheit ist eine Anforderung, eine Aufgabe, der gerecht zu werden sehr viel Zeit, Kraft und Selbst_Bewusstsein abverlangt.
Vielen Menschen ist das nicht bewusst. Vielleicht wird Freiheit deshalb bis heute als Gegenstück von Gefangenschaft gedacht und verhandelt. Tatsächlich aber ist wer Gefangene macht nicht frei, sondern mächtig. Das ist etwas völlig anderes.

Als ich damals ging, wollte ich über meinen Tod bestimmen. Ich war mir sicher, dass ich bald sterben würde. Ich hab mich nie als den Überlebenskämpfer gesehen, zu dem ich in späteren Traumatherapien konstruiert werden sollte, um den anderen meine Funktion leichter integrierbar zu machen. Aber ich war frei. Ich war nicht gefangen in einer Familienideologie, nicht ein.gebunden in schulische Kontexte, in gesellschaftliche Erwartungen (ein Junge im „Mädchenkörper“ ha, damit rechnet doch niemand, also kann auch niemand irgendwas erwarten!), ja, nicht einmal in das allgemeine, lineare, Verständnis von Zeit und Raum.
Hier schlug mich ein Mann, der größer und schwerer war als ich, da hörte ich Männern zu, die von Sozialismus und Globalisierung sprachen. Dazwischen Punk- und Ska-Musik, Rauchen, Kaffee und Radikalisierung zum Babyanarchisten. Ich hatte keinen Anlass, je auf die Uhr zu gucken. Mich anzugucken und zu verstehen, wen oder was ich da sah. Ich hab nie mehr als bloße Freiheitspraxis gemacht, also gelebt. Und so, wie ich lebte, wollte ich auch sterben. So will ich bis heute sterben. Nicht durch irgendeinen Affekt, durch irgendeinen banalen Moment, in dem das Ego von jemandem eine Kränkung in Schläge, eine Machteuphorie in meine Vernichtung umwandelt. Wenn es enden sollte, dann weil ich einfach nicht mehr lebe.

Heute erscheint mir dieser so umfassend dissoziierte Zustand ultimativ einsam und ich kann verstehen, warum wir in den Jahren danach so willig in verschiedene Kontexte der Unfreiheit gingen. Auch ich.
Ohne das Andere gibt es einfach nicht genug Wahrnehmung des Eigenen. Ohne Wahrnehmung des Eigenen gibt es kein Empfinden von Freiheit oder Unfreiheit. Für das Leben in Freiheit braucht es Frieden. Für Frieden braucht es gleich ermächtigtes Miteinander.
Kein Mensch auf dieser Welt lebt in Frieden. Niemand ist frei. Freiheit ist eine Phantasie.
Jedenfalls jetzt.

hypo

„Was ist denn los mit euch?“, fragt er und hält sich selber an Dingen, die ich nicht sehen kann.
Was ist denn los mit euch, die Frage rutscht Bissen für Bissen weiter runter. Ich esse und esse und später esse ich weiter. Dopamin-Spirale, selbstverletzendes Stimming, eine Essstörung, die so eng mit all dem verbunden ist, ist das mit uns los oder ist das nur der Schaum; die Krone auf einem gärenden, Blasen treibenden Sifftümpel irgendwo in mir drin?
Aber

mir gehts ok.
Ich bin nicht traurig. Spüre die fremde Wut nicht mehr und dieses Gefühl der Zerrissenheit aus Entscheidungsdruck und Anspruch, sich gefälligst dann auch richtig und endgültig zu entscheiden – alles weg. Nicht dissoziiert auf eine Entfernung, die mir genehmer ist, nein, weg.
Ich muss nicht funktionieren, ich tus einfach. Nichts wird von mir verlangt, es kommt einfach so aus mir raus, wie das Essen in mich rein. Eins nach dem anderen. Rein, rein, rein, Leistung, Präsenz, Fertigkeit raus, raus, raus. Nicht belastend. Nicht schlimm. Überhaupt nicht abgerungen oder erkämpft. Wirklich nicht.

Einen Tag später liege ich im Bett und lasse mich von Medikamenten und den letzten Wehen eines Orgasmus schaukeln, der meinen Bauch mit meinem Hals verbunden hat.
Es ist Hyposensibilität. Das Ding, das macht, das man das Tiefe, das Körperinnere nicht gut fühlt, es macht alles kompliziert.
Ich kann meine Haut kaum ertragen und füge mir gleichzeitig Muskeldaueranspannungsschmerzen zu, weil mein Körper, ich, natürlich versuche mich wahrzunehmen. Anspannung ist einfach nicht immer nur ängstliches Hocken im Busch, es ist auch der Versuch die scheinbar unkontrollierbaren Fleischwürste, die mir an Schultern und Rücken hängen, zu fühlen, zu bewegen, mir glaubhaft eigen zu machen.
Das ist nicht nur belastend, weil ich mich trainiert wie ein Hund frage: „Dissoziation oder ein echtes Problem?“, sondern auch, weil es dissoziatives Erleben überhaupt erst auslöst und ich selbstverständlich versuche, das zu unterbinden.
Es ist als würde ich mich mit den falschen Körperfunktionen zusammenhalten. Als würden meine Muskeln die Aufgabe von Nerven übernehmen. Als müsste ich meine Muskeln festhalten, damit sie aufhören etwas für mich erfühlen zu wollen.

Das Pochen im Hals ebbt ab, ich will mich in Wellen werfen, gepresst, begraben und gestampft werden, will das orgastische Krampfmoment in jedem Körperteil haben.
Während ich die Gewichtsdecke aufs Bett hebe, denke ich, dass das mit uns los ist. Fehlende Tiefenwahrnehmung. Kleiner Neuroquirk, großer Kackscheiß.
Stimulation ist alles was hilft, aber ich kann nicht den ganzen Tag masturbieren und danach 8 Stunden unter 28 Kilo Quarzsand begraben sein. Also fresse ich bis mein Magen von innen gegen Dinge drückt, trinke ich bis meine Blase von innen auf Dinge drückt, ballere ich mich mit Inhalten zu bis mein Denken gegen meine Lebenswelt drückt. Es ist kein echt selbstverletzendes Verhalten, keine Kommunikation, kein Problem. Es ist Stimulation, die die meisten anderen Menschen nicht brauchen und für die ich noch keine anderen Wege gefunden habe.

Was das eigentliche Problem ist.

Und was, wenn..?

Ganz oder gar nicht, das ist etwas, was uns häufig als problematische Haltung eingeordnet wird. Oft, weil man denkt, wir würden traumalogisch urteilen, manchmal weil man selbst mehr als zwei Optionen zu sehen glaubt und uns diese Alternativen vorschlagen möchte.

Ja, wir sind ein rigider Mensch. Sehr scharf, sehr klar, sehr starr in unseren Entscheidungen. Einmal etwas angenommen, wird es schwierig etwas davon wieder aufzulösen. Das gilt im Positiven wie im Negativen. Wir sind konsequenter als viele andere Menschen und hartnäckiger. Damit sind wir aber auch nerviger und verursachen mehr Umstände als viele andere Menschen.
Wenn wir wissen, was wir wollen, dann tun wir alles, was nötig ist, um es zu erreichen. Auch, wenn wir eigentlich nicht mehr können. Auch, wenn es vielleicht für alle anderen Menschen als zum Scheitern verurteilt erscheint. Wir ziehen durch, weil wir uns durchzuziehen vorgenommen haben.

Wir haben uns vorgenommen zu leben, also sind wir ausgestiegen, haben angefangen zu essen, zu trinken, uns zu versorgen. Obwohl es weh getan hat, obwohl es schlimm war und manchmal noch heute ist. Wir ziehen das durch mit allen Konsequenzen. Das war eine Entscheidung und damit in unserem Empfinden keine Wahl mehr. Wir hätten wählen können, ob wir uns entscheiden oder nicht, aber einmal entschieden ist ent_schieden, also vereint auf die eine Linie.

Fehlannahmen sind für uns schwierig, aber lösbar. Wir treffen unsere Entscheidungen in der Regel basierend auf Fakten und Erfahrungswerten. Stimmen die Fakten nicht oder sind unvollständig, fällt es leicht, die darauf beruhenden Entscheidungen zu widerrufen und zu neuen Einsichten zu gelangen.
Was aber bei Dingen, die eine Folge unserer Entscheidungen sind und selbst eine Entscheidung abverlangen?

Wir können bei unserer Entscheidung für das Leben bleiben, sind aber dennoch mit den Entscheidungen über unsere Lebensqualität konfrontiert. Ist unsere Lebensqualität nicht gut, müssen wir unsere Entscheidung für das Leben neu überdenken, was wir nicht mehr wollen. Wir wollen nicht mehr infrage stellen, ob wir leben wollen, können, dürfen, sollten. Und doch müssen wir auch diesen Strang immer mitdenken. Denn entweder wir denken vollständig über Dinge nach oder nicht. Wie tragisch wäre ein halb durchdachter Suizid, wie grauenhaft ein halb erfülltes Leben?

Unsere Neurologin regte mich, in Bezug auf unser Therapie~ding~, dazu an, auch daran zu denken, dass die von uns gewollte Traumaverarbeitung als Therapieziel vielleicht nicht erreichbar ist. Ein Gedanke, den wir von Beginn der Therapie an vermeiden, um so wenig Raum wie möglich dafür entstehen zu lassen, dass das, was wir da tun sinnlos, falsch, zum Nachteil von anderen belasteten Menschen und der Therapeutin sein könnte. Wir wissen, dass, sobald wir dem Raum geben, der Fall in Altes sofort folgt. Traumawahrheiten wie „Du kannst nichts dagegen tun“, „Es wird nie aufhören“, „Was hast du gedacht – hast du gedacht, du könntest irgendwas bestimmen/kontrollieren.“ und Ähnliches senken unsere Therapiearbeitsmoral, lassen uns Kraft verlieren und am Ende auch Lebensqualität. Es wird schwierig nach innen zu motivieren und unmöglich innere Bünde aufrechtzuerhalten, die komplett auf Hoffnung und Vertrauen in die Möglichkeit der Zielwerdung beruhen.

Seit wir mit der DIS diagnostiziert sind, haben wir als Therapieziel, das Erfahrene zu verarbeiten. Seit 18 Jahren trägt uns diese Entscheidung und seitdem nehmen wir es als Auftrag an uns als Patient_in an. Wir müssen wollen, wir müssen therapiearbeitsfähig sein, wir müssen unsere Vermeidungsstrategien erkennen und auflösen, denn das ist unser Ziel. Traumaverarbeitung, um klarzukommen, um ein insgesamt befriedigendes, erfülltes, selbstbestimmtes Leben führen zu können.
Weil in den letzten Jahren vor allem die Vorarbeiten für dieses Ziel im Vordergrund standen, war nie Thema, ob es überhaupt wirklich erreichbar ist. Was wenn nicht? Was machen wir dann? Sind wir bereit unser Leben lang, mit unverarbeitetem Trauma zu leben? Mit Flashbacks, mit Alpträumen, mit dissoziativen Brüchen, mit biografischer Amnesie, mit all dem psychosomatischen Kladderadatsch? Als wir uns für das Leben entschieden haben, haben wir uns nicht für so ein Leben entschieden, sondern für eines, das wir uns gut gestaltet haben würden. Eins ohne Trauma als alles bestimmende Größe.

Ich bin nicht bereit für so ein Leben. Für irgendeine funktionale Vermeidungsstrategie. Für dunkle Geheimnisse oder unberührbare Themenzonen haben wir nicht Kraft, nicht dauerhaft, nicht den Rest unseres Lebens.
Ja, „der Rest unseres Lebens“ ist wieder eine sehr absolute Aussage. Ja, wer weiß, was in 10 Jahren ist blablabla – aber die 10 Jahre müssen erstmal gelebt werden. Irgendwie muss man ja aushalten, zu leben ohne Aussicht auf eine Veränderung oder natürliche Auflösung der Schwierigkeiten. Ich bin nicht bereit, mich durch 10 scheiß Jahre zu quälen, nur weil danach eventuell vielleicht irgendetwas passiert, das alles anders macht als jetzt.
Wir sind Mitte 30, wir haben noch so viel mehr Zeit für ein geiles Leben mit ordentlich aufgeräumter Traumascheiße auf dem Dachboden, wie um alles in der Welt könnte ich mich damit ok kriegen, das nicht zu erreichen? Und wozu? Und für wen?

Ich würde damit sagen: „Ja, gut, gibt halt keine oder nicht die richtigen Therapieformen oder -mittel, dass ich das hinkriege“ und die Hände in den Schoß legen, weil ich halt kein_e Therapieform- und mittel-Ausdenker_in bin, sondern irgendwelche Leute, die bei ihren Formungen nicht an autistische traumatisierte Menschen denken.
Und wie zum Henker soll mich das kaltlassen. Warum um alles in der Welt soll ich das ok finden und mich halt damit abfinden, dass es ist wie es ist, kann man nix machen, muss man halt leiden.
DAS IST DOCH DER GLEICHE SCHEIß WIE FRÜHER UND OB ICH DAFÜR 18 JAHRE PSYCHOTHERAPIE GEMACHT HAB WILL ICH WISSEN

Atmung

Nein, es ist keine Option. Kann es nicht sein.
Wir haben uns für etwas anderes entschieden und vielleicht schützt uns, unsere Rigidität an dieser Stelle vor etwas, das uns das Leben kurz erleichtert, weil es uns einen Kampf abnimmt, aber auf lange Sicht nicht dazu beiträgt überhaupt für sich einzutreten, sich um sich zu kümmern und also an der eigenen Lebensqualität mitzuwirken.

stabilisierte Instabilität

Zwei Tage später wird mir klar, dass es ok ist. Dass sie Abstand nimmt und nicht dranbleibt. Die Therapeutin mit Kapazitäten ohne Kassenzulassung, die nach dem ersten Ruckeln im Kostenerstattungsverfahren mit der Krankenkasse glaubt, da würde gar nichts gehen.
Ich hätte mich in den Kampf geworfen, weil ich von der Betreuerin, die wir jetzt haben, so gut vertreten werde und ansonsten erodiere. Ich fühle die Jugendlichen, ich fühle die Kinder, ich fühle meine Gedanken und wie ich unter dem Druck der letzten Wochen an Konsistenz verliere. Es ist der perfekte Zeitpunkt für irgendeinen beknackten Bürokratiescheiß, von dem ich mich verletzen lassen kann, um nicht selber zur Klinge greifen zu müssen.
Aber nein, sie steigt aus. Einige Tage nach dem Termin mit der letzten Therapeutin und dem Begleitermenschen, in einem inneren Zustand, den ich weder überschauen, noch sortieren, noch beworten kann.

Sie ist die zweite Person, der ich davon erzähle, dass die Therapeutin uns ein Angebot gemacht hat, unser Kommunikationsproblem anzugehen und die dritte, die uns sagt, dass das doch prima ist und wir das annehmen sollten.
Plötzlich bin ich die Person vor einem Tisch voller Optionen, die nur zugreifen müsste, aber zu keiner Regung fähig ist.

Denn da ist sie wieder. Die Hilfe-Falle.
Mein Zustand jetzt ist mit „stabilisierte Instabilität“ am besten zu beschreiben, ich habe keine eigene, erwachsene, Haltung zur Lage, möchte, dass alles ~einfach irgendwie gut wird~ und keine 2 Millimeter hinter mir passiert alles von Traumawiedererleben bis kalte Ordnung, um möglichst glatt abzuschließen.
Das ist nicht der Zustand, in dem ich mich für irgendeine Hilfe oder Unterstützung oder irgendwas, das mich persönlich betrifft entscheiden kann und sollte. Und gleichzeitig ist es der Zustand, in dem ich Hilfe oder Unterstützung dringend brauche.

Eine Woche später wird klar, dass sie Krankenkasse vielleicht nicht mal die Kosten für die probatorischen Sitzungen bei der privat behandelnden Therapeutin übernimmt und R., die mir nun seit Monaten mit ihrem „Menschen sowieso aber Therapeuten ganz besonders-Misstrauen“ im Ohr, im Hirn, im Sein hängt, wird zu einem glühenden Stahlgerüst entlang meiner Knochen. Unfassbar schmerzhaft, ständig präsent und starr.
Das kenne ich von K., aber meine Lösungsversuche scheitern. Es ist, als wäre da etwas eingerastet, das ich nun wirklich nicht mehr allein frei kriege und meine Motivation nach einer neuen Therapeutin zu suchen, hat ihren Tiefpunkt erreicht.

Ich glaube nicht, dass wir in dieser Zeit jetzt jemanden finden. Ich sehe auch nicht, woher ich noch einmal Kraft nehmen könnte, noch einmal alles zu erklären, noch mal alles zu erzählen, noch mal eine Schicht mehr über R. und damit eins der wichtigsten inneren Systeme zu legen, die kennen zu lernen doch so ein großer Fortschritt war.

Also entscheide ich gar nichts. Dass ich bleibe, ist wichtig und das merke ich auch. Früher wäre schon längst niemand mehr da gewesen. R. hätte geregelt, bis sie nicht mehr kann, dann K., bis das, was durch ihre traumalogische Regelei nötig wird, ein Ich ist, das auch ohne sie funktioniert. Jetzt regle ich, indem ich gar nichts regle und mich auf den Lauf der Dinge verlasse. Not sure if win.

Diagnosen, Kontext, Autismus-Lifestyle

In der ASS-Bubble wird schon wieder über „Lifestyleautisten“ geredet und darüber, dass auch Selbstdiagnosen valide seien. Es scheint die Faker-Diskussion zu sein, die wir bis heute auch in der DIS-Bubble immer wieder beobachten.
Wer ist echt, wer hat wirklich ASS – wie echt ist die Person, die über sich schreibt, sie hätte eine DIS aber keine Diagnose bliblablö
Als Person mit offiziellen Diagnosen ist es natürlich immer leicht, sich dazu so genervt und abwertend zu äußern, wie ich das hier tue. Ich hab die Diagnosen ja, ich muss ja nicht um Anerkennung meiner Probleme/Symptome kämpfen. Ich muss ja nie damit rechnen, dass jemand kommt und mich einen Fake oder eine_n Lifestyleautist_in nennt (und mich damit beleidigt? abwertet?)

LOL
als ob

Als ob es in diesen Diskussionen jemals wirklich um die Diagnosen geht.
Als ob es je wirklich bloß um die Anerkennung der Sorgen, Nöte, Probleme, Besonderheiten oder Individualitäten geht.

Wäre dem so, dann würde es diese Diskussion einmal geben und dann nie wieder, weil es ganz praktische Lösungen für diese Ansprüche gibt. Es geht aber nicht darum und es ist hochproblematisch dies zu negieren oder zu missachten.

Diagnosen sind Begriffe aus dem medizinischen Kontext und in diesem allein funktionieren sie so wie sie sollen.
Ärzt_innen müssen einander vermitteln können, was sie wann wie wo wahrgenommen haben und den Kolleg_innen mit aller den Umständen gebotenen Präzision kommunizieren, in welchen darüber liegendem Kontext sie diese Beobachtungen (am ehesten) einordnen.
Es geht also um zwei Dinge: die an einem Objekt wahrgenommenen Eigenschaften und dessen Verwaltung. Nicht mehr, nicht weniger. Es ist relevant, einen Beinbruch diagnostisch von einer Prellung zu unterscheiden, weil die Verwaltung, also der Umgang mit dem Befund jeweils ein anderer sein muss, um das definierte Hauptziel von Behandler_innen zu erreichen: Heilung und, wo diese nicht möglich ist, Palliation.
Die Diagnose „Beinbruch“ sagt nichts über das subjektive Empfinden dessen aus. Sie sagt nicht: „Tut mehr weh als eine Prellung“ und auch nicht „Birgt schlimmere Konsequenzen als Prellung, Verstauchung, Abschürfung…“ Sie sagt nicht einmal „Dr. XY hat auf dem Röntgenbild einen gebrochenen Knochen gesehen.“, sondern „Dr. XY hat das, was sie_r auf dem Röntgenbild gesehen hat, als Bruch eines Knochens interpretiert.“

Damit sind Diagnosen keine Fakten. Egal, ob sie zutreffend sind oder nicht. Egal, wer sie wann nach welcher Untersuchung/Diagnostik wie und warum formuliert hat, hat keine unumstößlichen Fakten oder Wahrheiten geschaffen, sondern eine Beobachtung zusammengefasst, die von vielen Faktoren beeinflusst wurde und auch nach der Diagnostik weiter beeinflusst wird.

Im Lebensalltag sind Diagnosen gewissermaßen Werkzeuge in Laienhänden. Manche benutzen sie genauso effizient und effektiv wie Mediziner_innen oder auch Forscher_innen und manche benutzen sie, um Probleme zu benennen oder auch zu lösen, die mit anderen Werkzeugen besser zu lösen und auch zu benennen sind. Diagnosen sind extrem präzise, Menschen hingegen extrem diffus. Das, was im medizinischen und auch therapeutischen Bereich mit Diagnosen gemacht wird, ist im Alltag nicht gleichermaßen umsetzbar, weil der gesamte Kontext ganz grundlegend anders funktioniert.
Die (westliche) Medizin ist einer extremen Ordnung unterworfen. Das zeigt sich am weißen Kittel und der Personalhierarchie im Krankenhaus genauso wie daran, dass jede Zelle, jeder körperliche wie seelische Vorgang eine eigene, extrem präzise Bezeichnung, Kategorie und Umgangsvorgabe hat. Jemand sagt jemandem ein Wort und ein Zahnrad greift in das andere, damit eine bestimmte Funktion erfüllt werden kann. Es geht immer um befundete Eigenschaften und ihre Verwaltung. Erkenntnis und Ordnung.
Der zivile Alltag hingegen enthält neben Erkenntnis und Ordnung auch noch die individuelle Bedeutung dessen, da hier der soziale Status miteinander verhandelt wird, der maßgeblich zum Erhalt von Macht ist.

Da Diagnosen im medizinischen und therapeutischen Kontext, der an sich bereits vielen Menschen Autorität und also Macht ver_ortet, so eine im wahrsten Sinne des Wortes bestimmende Funktion hat, erscheint es vielen Menschen logisch, diese Funktion könne genau so auch in den Alltagskontext übertragen werden. Die (vermeintliche) Eindeutigkeit von Diagnosen wird als der Diagnose zu eigen betrachtet – nicht dem medizinischen Kontext, die diese Eindeutigkeit erforderlich macht und entsprechend produziert.
Nun führen Diagnosen aber keinesfalls zu bedeutungslosen Wertungen und Einordnungen im Alltagsleben. Schon gar nicht in einem Alltagsleben, das von Gewalt in verschiedensten Formen definiert ist.

So kann es nicht verwundern, dass die gleichen Diagnosen in den unterschiedlichen sozialen Klassen, Schichten, Gruppen… unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben werden.
Wer prekär lebt und entsprechend kaum Zugang zu adäquater Versorgung/Therapie aber auch zu dem Wissen um die mit der Diagnose benannten Beobachtungen hat, bewertet eine Diagnose ganz anders als Menschen, die selbst Mediziner_innen sind oder Zugang zu Geldmitteln haben, die ihnen Zugänge verschaffen. Aber auch soziale Peergroups bewerten sowohl den Umstand, dass man eine Diagnose hat als auch verschiedene Diagnosen unterschiedlich. Vielleicht ist in einer Gruppe eine DIS zu haben ganz üblich und hat die Bedeutung eines Markers für Zugehörigkeit – in ebendieser Peergroup aber ist es vielleicht ein Ausschlussgrund daneben noch eine andere Diagnose zu haben oder ein anderes Symptomwirken als die meisten in der Gruppe zu haben.

So muss die Diskussion um „Lifestyleautist_innen“ und „DIS-Faker“ als etwas (für) wahr.genommen werden, das mit der Gruppenzugehörigkeit der Diskutanten zu tun hat, aber auch mit der Bedeutung von Diagnosen in diesen Kontexten.

Ich habe meine ersten DIS-Fake-Diskussionen als arme, alleinstehende Person Anfang 20 geführt. In Foren, die praktisch mein einziger Sozialkontakt neben denen zu Täter_innen, Psychotherapeut_innen und unsicher gebundenen Betreuer_innen waren. Ich musste meine DIS sehr eindeutig für diese Gruppe kommunizieren – diese Eindeutigkeit war erforderlich, denn menschliche Diffusion war für die ebenfalls komplex traumatisierten Menschen mit DIS in dieser Peergroup nicht auszuhalten. Ein Trigger, der immer, bei wirklich jedem einzelnen Post mit im Raum stand und von allen mit großem Kraftaufwand vermieden wurde. Jede Person, die diesen Code in, sagen wir, zwei, drei Posts nicht zu übernehmen vermochte, wurde mit einem (traumabedingten) Misstrauen beäugt und oft auch schon des Fakes bezichtigt. Und da man nichts beweisen kann, das man nicht ist, blieb dieses Forum auch immer sehr klein. Sehr exklusiv. Die Administratorin dieses Forums hatte irgendwann eine Hierarchie etabliert, die man, wenn es um andere Inhalte gegangen wäre, sehr leicht als faschistoid erkennen hätte können. Man durfte als „normale_r User_in“ gar nicht mehr anders ein.ordnen als in „Fake“ und „echt“ und selbst „richtig“ eingeordnet zu sein war enorm wichtig. So wichtig, dass man Klinikberichte und Überweisungszettel vorzeigen musste, um nicht gebannt zu werden.
Ich konnte mich dem erst entziehen als mir klar wurde, dass ich in dieser Gruppe für meine Heilung mit Ausschluss bestraft werden würde, denn dann stünde in meinen Zetteln nicht mehr DIS, sondern entweder etwas anderes oder auch gar nichts mehr. Und was sollte ich dann in diesem Forum? Ich war da nicht, um meine Diagnose zu zelebrieren.

Sogenannten „Lifestyleautist_innen“ wird genau das übrigens unterstellt:
Sie wollen „den Lifestyle“, aber ohne die Diagnose. Sie wollen behandelt und anerkannt werden als hätten sie eine, aber haben vielleicht gar keine. Sie wollen für Autist_innen reden, aber die Kämpfe von Autist_innen nicht kämpfen (z. B. den Kampf darum überhaupt gehört (und verstanden) zu werden).
Soweit die Vorwürfe, die ich bisher so wahrgenommen habe.
Für mich zeigen sich darin sehr viele interessante Annahmen. Allein schon die Idee mit einer Diagnose sei ein (erstrebenswerter?) Lifestyle verknüpft, den man wählen könne, weil er sich durch die Diagnose ergibt und nicht durch die Schwierigkeiten/Besonderheiten/Behinderungen/Notwendigkeit zur Kompensation der Dinge, die beobachtet und mit einer Diagnose mit.teilbar gemacht wurden.
Es zeigt sich aber auch hier die soziale Bedeutung der Diagnose. Es gibt Menschen für die eine ASS-Diagnose die gleiche Eindeutigkeit wie Fakten und also gewisse Wahrheiten hat. Und viele dieser Menschen verknüpfen diese Eindeutigkeit mit Autorität und damit der Macht Anspruch auf Vorrechte zu erheben; der Macht (über) andere Menschen zu be.stimmen; der Macht andere Menschen mit der gleichen absoluten Gewalt zu ordnen, wie es die Medizin zum Beispiel tut, um systematisch Wissen zu schaffen und mitzu.teilen.

An dieser Stelle ist wichtig zu verstehen, warum ich immer wieder auf die Autorität der Medizin zu sprechen komme.
Die Medizin und ihre Fachgebiete (zu denen ich hier die Psychologie hinzuzähle, obwohl sie üblicherweise anders kategorisiert wird) sind nicht und waren nie gewaltfrei, heile heile Segen und warme Worte zum Geleit, deshalb haben sie den Stellenwert, den sie heute haben. Ja, Medizin macht vieles gut, was vorher schlimm war, Mediziner_innen sind extrem gut ausgebildete Menschen mit enorm viel Wissen, von dem alle profitieren und die meisten Mediziner_innen setzen ihr ganzes Wissen und Können ein, um zu helfen und zu heilen.
Das löst sie jedoch nicht aus dem Kontext einer Ordnung, in der menschliche Diffusion missachtet, beschnitten, zuweilen sogar negiert werden muss, um zu funktionieren. Und auch nicht aus der Autorität, zu der Mediziner_innen gemacht werden und die manche von ihnen auch wollen/wünschen/einfordern/als natürliches Recht wahrnehmen.
Aber auch nicht aus dem Kontext des Alltagslebens, in dem die Medizin einen auch sozial ordnenden Platz hat.

Medizinisches Wissen gibt Sicherheit durch den Eindruck von Orientierung (durch ihre Ordnung). Menschen, die schwer verständliche medizinische Inhalte vermitteln können, Menschen, die als Erfahrungsexpert_innen sowohl die eigene Erlebenswelt mit einer Krankheit/Störung/diagnostizierbaren Varianz als auch dessen Verortung in der Medizin kennen und mit.teilen können, profitieren von der Rolle der Medizin im Alltagskontext. Sie werden von Geordneten zu Ordnenden. Vom Objekt zum Subjekt in einem Gebilde, das zu Tode erschrecken würde, hätte es nicht schon so viel Gutes für Menschen ermöglicht.

Wer Menschen Diagnosen abspricht oder zuweist, tut das praktisch nie aus Gründen der Verbindung oder Einung, sondern immer aus Notwendigkeiten heraus. Etwa, weil man Diagnosen mit Charaktereigenschaften oder Markern für soziale Zugehörigkeit verwechselt oder weil man die Macht der Autorität ge.braucht. Oder, weil eine Diagnose möglicherweise das einzige ist, das man mit anderen Menschen teilt (oder glaubt zu teilen) und sich (und den eigenen Lifestyle) darüber definiert. Das erscheint manchen Menschen vielleicht erbärmlich, weil eine Diagnose in der Regel sehr wenige Eigenschaften umfasst – aber im Fall einer ASS (und auch einer DIS und anderen „Störungen“) handelt es sich um Clusterdiagnosen, die sehr viel vom Er_Leben einer Person umfassen und benennen.

Problematisch in der Lifestyleautist_innen-Debatte ist für viele Leute der Alltagskontext, in dem sie passiert. In diesem als Betroffene_r (oder Angehörige_r die_r entitled genug ist, sich wie selbst betroffene Menschen zu äußern) aufzutreten und zu bestimmen, wer autistisch ist und wer nicht, negiert, dass Diagnostik eine soziale wie medizinische Ressource ist, die ungleich verteilt und ungleich zugestanden wird – aber auch ein Instrument der Ordnung und damit Gewalt ist.
Menschen, die wissen, dass sie autistisch sind, aber keine Diagnose darüber wollen existieren und die haben jedes Recht sich zu verweigern – und jede Unterstützung zu erhalten, die sie brauchen, um gut zu leben.
Ja, Formalitätendeutschland mit seiner Zettelgewaltwirtschaft konditioniert lehrt uns, dass wir ohne Autorität (ohne Experteninstrumente wie eine Diagnose zum Beispiel) keine Ansprüche erfüllt bekommen, das ist aber keine Aussage über die Legitimität von Ansprüchen an sich. Einigt man sich darauf, dass alle Menschen das Recht auf ein gutes Leben haben, kommt man nicht umhin festzustellen, dass bürokratische Strukturen allein nicht das Mittel sein können dieses Recht durchzusetzen. Schon, weil es auch hier um präzise Ordnung geht, die menschlicher Diffusion nicht entspricht, sie wohl aber verwaltet und also ordnet.

Dies gilt übrigens auch für Menschen, die sich selbst diagnostiziert haben und Menschen, die eine Diagnose erhalten haben, für die ihrer Ansicht nach nicht genug oder die falschen Aspekte ihres Leidens oder Seins einbezogen wurden.
Ja, man bekommt keine kassenfinanzierte Therapie ohne Diagnose, man bekommt aber auch keine Schokolade ohne zu bezahlen. Sich für oder gegen eine Diagnose zu entscheiden bedeutet also auch, sich für oder gegen eine Einbeziehung in Kontexte, die, ob krass oder nicht krass, schmerzhaft oder hilfreich für eine_n selbst, gewaltvoll sind, zu entscheiden.
Es hat derzeit, in diesen unseren gesellschaftlichen Verhältnissen, keinen Sinn sich ohne offizialisierte Diagnose hinzustellen und Umgänge mit sich zu fordern, die Behandlung, Unterstützung oder auch professionelle Pflege beinhalten, wenn man sie vom Staat oder der Krankenversicherung bezahlt bekommen muss. Eine von Expert_innen gestellte Diagnose ist in diesen Kontexten ein Marker mit Funktion – sagt aber wiederum nichts über die Menschen, die sie bekommen haben. Mit allen schlimmen wie vorteilhaften Konsequenzen.

Wo aber hat es Sinn Umgänge zu fordern, ohne eine solche Diagnose vorzuweisen?
Richtig: im nicht medizinischen oder bürokratischen Alltagskontext. In der eigenen Familie, bei Freund_innen, bei Kolleg_innen, in den Bereichen des Lebens, die man selbst mit anderen Menschen gestaltet, ohne von medizinischer oder bürokratischer Ordnung eingeschränkt zu werden.
Diese Kontexte sind die letzten kleinen Räume für Freiheitspraxis, die man in unserer Gesellschaft noch hat und man sollte sie sich meiner Meinung nach unbedingt freihalten von gewaltvoller Ordnung und Gewalt.
In diesen Räumen muss Diagnosen nicht das gleiche Gewicht, die gleiche Bedeutung, zukommen wie im medizinischen oder bürokratischen Kontext. Es muss okay sein, Diagnosen zu benutzen, um sich der eigenen Diffusion anzunähern oder eigene Eigenschaften zu benennen oder zu verstehen und gleichzeitig muss man sich bewusst sein und anerkennen, dass eine Diagnose in diesem Kontext einfach nicht mehr leisten kann als das. Sie kann einfach nicht bedeuten, dass alle Freund_innen darauf reagieren wie Diagnostiker_innen oder Behandler_innen oder, dass Menschen, die ihre Diagnose ausschließlich im Behandlungskontext nutzen oder benutzt erleben, sich den Menschen gleich fühlen, die sie nur im freien, privaten Alltagskontext ge.brauchen.

Ich merke bei mir selbst, dass ich meine ASS Diagnose und ihre Bedeutung für mich im Alltagskontext besonders gut mit erwachsenen Autist_innen besprechen kann, die wie ich erst später im Leben diagnostiziert wurden. Nicht, weil ihre ASS meiner gleicht, sondern weil sich die Erfahrung der Konfrontation und zuweilen radikalen Umdeutung einiger Eigenschaften ähnelt. Es geht also nicht um die Diagnose an sich, erfordert aber die Erfahrung des spät diagnostiziert worden seins. Damit sagen wir nicht, dass andere Leute mit ASS nichts mit uns zu tun haben sollen und erst recht nicht, dass wir Selbstdiagnostik für Lifestyle-Seeking halten, weil nur Autist_in ist, wer vor dem fünften Geburtstag von zwei Psycholog_innen und drei Psychiater_innen diagnostiziert wurde – damit wollen wir aber auf jeden Fall sagen, dass wer dies vertritt, sich aus unserem Freiraum raushalten soll. Denn ja, sicher gibt es irgendwo irgendwen die_r das aus Gründen behauptet, aber hier bei uns, in unserem kleinen Raum für Freiheitspraxis und Leben um des Lebens willen, spielt das keine Rolle und soll auch nie eine spielen.
Das haben wir so entschieden, weil wir das hier so entscheiden können und niemand dabei zu Schaden kommt.
Ja, damit machen wir etwas an der Repräsentation von autistischen Menschen; ja, damit stellen wir uns nicht immer an die Front aller Versorgungskämpfe und ja, vermutlich kreieren wir damit einen ziemlich netten Lifestyle, um den uns andere beneiden. Aber ey – was ist kaputt in deinem Life, wenn du anderen Leuten neidest, dass es ihnen einfach ok geht, sie einfach eingebunden werden, sie einfach mit.teilen dürfen, wie es ihnen mit Dingen geht und was sie sich wie wünschen?

Sicher nicht, dass du eine offizielle Diagnose hast und sie (vielleicht) nicht.

Vorbereitung mit dem Begleitermensch

Ist es eine Angewohnheit oder beobachte ich gerade wie ihre Selbstverletzung aussieht, ich weiß es nicht. Und egal ist es mir eigentlich auch. Wir sind nicht mehr an eine Therapie gebunden, in der es zu den Regeln gehört, Selbst_Verletzungen zu versorgen und zu besprechen.
Sie beißt sich in die Fingerkuppen, quetscht sich die Lippen an den Zähnen taub und beobachtet die Bilder, die wir beide sehen.
Fünf Erwachsene mit Zetteln auf dem Tisch, im Halbkreis vor ihr, das Fenster im Rücken, dessen Licht sie blendet. Ich merke, dass sie voll in ihrem Ding ist und ich nicht. Für mich ist das ein Stummfilm, den ich ähnlich künstlich nachvollziehe, wie sie meinen Heutealltag.
Ich warte auf einen Anruf vom Begleitermensch. Wir sind verabredet, um einen Termin mit der Therapeutin vorzubesprechen. Ich weiß nicht mehr, wieso ich dachte, das wäre eine gute Idee. Weiß nicht mehr, was mein erwachsenes Ziel an dem Termin war. Und als ich darüber nachdenke, was die Ziele der anderen gewesen sein könnten, stoße ich an ihr Trauma und rutsche ab.

Sie fragt ihn, wozu wir den Termin denn machen. Kriegt die Antwort nicht prozessiert. Wackelt zwischen Abwehr dieses Erwachsenen, der diesen Termin ermöglicht hat und Ab_Tasten nach einer Ver_Bindung. Ihr Stress spült mich immer weiter weg und macht es ihr gleichzeitig immer schwerer sich zu halten. Dann fällt mir auf, dass er ihr eine Brücke zu bauen versucht. Das löst mich aus ihrem Erinnerungssturm.
„Was soll denn nicht passieren?“, fragt er. „Sie solln nich so reden und dann hängt alles an mir und ich bin selber schuld, dass es nicht aufhört. Ich weiß, dass es nicht meine Schuld ist. Sie soll nich sagen es ist nicht meine Schuld, aber es ist doch meine Schuld, weil sie wegen mir weg ist.“
Ich merke, dass sie mit ihrer Antwort nicht unbedingt etwas für ihn erklärt, aber ein Stück Brücke zu ihm angelegt hat. Er wird antworten und sich sichtbar machen, da bin ich sicher. Sie werden sich irgendwie verbinden, ohne sich gegen die Therapeutin zu verbünden. Das ist anders und gut. So als ob man etwas mit Kraft und Gewalt stemmen könnte, aber dann eher im richtigen Winkel hebt.

Sie glaubt nicht daran, dass es klappt und ich lasse ihr das, um den Kontakt nicht zu zerstören. Ich glaube selber nicht daran. Weiß, dass ich hingehe, weil ich keine andere Möglichkeit habe, wenigstens für mich irgendetwas an der Sache zu verstehen.

Aber ja, es ist wie die Hilfeplangespräche, die Klinikvisiten, die Patienteninquisitionen zur Besiegelung jedes Abbruchs, der uns mit allem allein gelassen hat. Ohne Halt, ohne Hilfe, ohne Perspektive und viele Male auch zurück in die Gewalt, von der alle wussten, die aber niemand zu beenden fähig oder willens war.

Dass ich verstehen will, ist neu. 2016 Klinikkonfliktrest-neu.
Aber kein Raum für Hoffnung oder Illusion. Am Ende bleiben wir allein und müssen aus uns selber entwickeln, woraus wir Halt und Kraft, sich halten zu können, ziehen. Zu verstehen, warum das so ist, wird mit aller Wahrscheinlichkeit alles noch viel unerträglicher machen. Denn Wissen ist eben nicht gleich Macht.

die letzten Stunden des Jahres

Am Vormittag ruft der Begleitermensch an.
Wir sprechen über meine Emotionsverwirrung. Über meine Wut, die eine andere ist, als Außenstehende zu erwarten scheinen. Über mein Überarbeiten, um mir das Gefühl von Kontrolle zu erhalten und darüber, dass ich, deren Magen ein unendlich großer, unendlich unempfindlicher Ballon ist, zum dritten Mal in diesem Jahr Gastritis habe.
Einen Tee in der Hand höre ich ihm beim Denken zu und schaue auf die letzten Stunden des Jahres, die von wenigen Autos und vielen Rabenvögeln auf dem wintergrünen Feld begleitet werden. Er fragt, was helfen würde und ich lasse etwas los. Vielleicht ein Stück Maske, die mich flexibler darstellt als ich bin. „Na, wenn sie noch da wäre, würde das helfen. Wenn wir einen ordentlichen Übergang machen könnten. Wenn es nicht so eine Situation wäre, in der wir uns zu großen Teilen für eine neue Arbeitsbeziehung entscheiden müssten, weil die Situation mit ihr alles schlimmer macht, als es müsste.“ antworte ich. „Du abartiges Mistvieh, jämmerliches Heulbaby bescheuertes“, antwortet es mir von innen.
Die Dynamik meiner geistigen Starre ist so verlässlich wie eindeutig. Ich wollte nie, dass wir nicht mehr miteinander arbeiten, sie hat das entschieden, ich habe maskiert, kompensiert, so getan, als wäre die Veränderung etwas, womit ich Schritt halten kann, denn ich bin ja kein Heulbaby, ich bin ja erwachsen, von mir kann man erwarten, dass ich Schritt halte, mich bewege, mitgehe, dem Strudel der Veränderungen folge, wie ein Grashalm im Wasser. Dass es mich und meine Kraft zersetzt, dass ich leide, wird angenommen, weil Scheiden schmerzt, nicht, weil sich damit mein ganzes Leben auf allen Ebenen verändert und ich für die Neuanpassung so unfassbar viel mehr aufbringen muss, als in mir ist.
Dass es nicht mehr so wird, wie es mal war, ist gerade in mir angekommen und passt zum Jahreswechsel, wie die Farben in einer perfekten Komposition. Aber die Akzeptanz dessen ist nicht gleich der Akzeptanz ihrer Wirkungen. Die überfluten mich, schieben mich in immer größere, immer drängendere Arbeitsprojekte, während meine Leistungsfähigkeit spürbar abnimmt. Ich verliere mehr Zeit, beobachte mich öfter, verliere häufiger den Faden in der eigenen Organisation. Das ist inakzeptabel, macht mich inakzeptabel, bringt uns in Gefahr, noch mehr zu verlieren als eine Arbeitsbeziehung.

Eine Stunde später schreibe ich einen Termin meinen Kalender. Dann merke ich, dass der Partner und die Hunde nicht da sind. Ein letzter Einkauf und eine Hunderunde stand noch auf seinem Zettel.
Ich lese die Diskussion unter dem letzten Blogartikel und frage mich, wie dick die Haut wirklich ist, die das Außermir vor meinem Leiden unter Missinterpretation und nicht erkannten Verbindungsversuchen schützt. Dann fange ich an zu putzen.
Wäsche zu machen, den Abwasch abzutragen, zu saugen, zu wischen, während der Partner Brühe für etwas kocht, das man „Hot Pot“ nennt. Es funktioniert wie ein Fondue. Man gart kleine Stücken Gemüse oder auch Fleisch und Tofu in würziger Brühe, die man dann mit einem kleinen Kescher herausfischt und mit verschiedenen Soßen isst. Sehr lecker.

Nach dem Essen schauen wir Filme, dann spielen wir Phase 10 und erzählen uns, was 2020 gut war.
Draußen knallt ab und zu eine verirrte Eigenverantwortung, halb 12 öffnen wir den Sekt. Wir haben Wunderkerzen und einander. Dass wir uns nicht infiziert haben, ist unter den Top 3 der besten Dinge, die passiert sind.

Warum es als Viele nicht unsolidarisch ist, bei sich selbst sogenannte „false memories“ anzunehmen.

Als aktivistisch agierende_r Üb.erlebende_r von Gewalt hört man immer wieder, dass „die Opfer“ doch wenigstens untereinander solidarisch sein sollen, weil sich sonst nie etwas ändert.
Das hatten wir während der Produktion der 8. Vielzimmerwohnung ständig im Hinterkopf.
In dieser Episode sprechen wir über „falsche Gedächtnisinhalte“, die False Memory-Foundation, die False Memory-Bewegung und wissenschaftliche Daten zur Thematik. Für manche Menschen heißt das übersetzt, dass wir über den Feind gesprochen haben. Den gemeinsamen Feind, der nichts anderes im Sinn hat, als Menschen wie uns zu diskreditieren, uns der Lüge zu bezichtigen, uns unser Leid abzusprechen und als Gewinner aus dem Ring zu gehen.
Eine total schwierige Episode.

Auch, weil unsere Solidarität mit anderen Menschen, die Gewalt üb.erlebt haben, weder bedingungs- noch grenzenlos ist. Dies aber oft von uns erwartet wird.
Wir sind schon lange genug dabei um zu wissen, dass man von früheren Gewaltopfern vor allem deshalb Solidarität fordert, weil man annimmt, dass Opferschaft in irgendeiner Form homogen sei und man entsprechend als Personengruppe funktionieren könne – und eben dies auch sein müsste, um gesellschaftlich wie gesellschaftspolitisch etwas zu bewegen.
Gleichzeitig reden und schreiben wir auch schon lange genug, warum das eine falsche Annahme ist und Gewalt als in unsere Gesellschaft hinein funktionalisiert ignoriert. Meine Gewalterfahrungen als weißes Kind sind ganz profund und ohne jeden Raum für auch nur ein einziges „Ja, aber“ andere, als die eines schwarzen Kindes oder die eines behinderten Schwarzen Kindes oder die eines Kindes aus der Oberschicht. Diese Unterschiede – diese Achsen, auf denen Menschen leben, von Gewalt betroffen werden und sind – definieren maßgeblich ihre Perspektiven auf die Gewalt und auch ihre politischen wie gesellschaftlichen Forderungen diese zu verfolgen, zu bestrafen, zu verhindern, zu transformieren. Dies zu vereinheitlichen und einen Konsens zur Bedingung für Veränderungen zu machen, ist Gewalt. Zum einen auf der abstrakten Ebene, weil es dem Machterhalt derer dient, die davon profitieren und zum anderen auf der konkreten Ebene, weil es extrem begrenzt, was wer wie wann und an welcher Stelle fordern, aber auch bewirken kann.

Wir sind solidarisch mit Menschen, die zu Opfern wurden, weil wir Gewalt für Unrecht halten. Nicht, weil sie Opfer waren oder sind.
Denn: Wann ist ein Opfer ein Opfer? – Wenn ein_e Richter_in das juristisch anerkennt? Wenn man der Erzählung einer Geschichte glaubt? Wenn man etwas erlebt hat, das global ohnmächtig gemacht hat? Wer bestimmt, wann wer wieso global ohnmächtig war oder sich so wahrgenommen hat? Opferschaft hat so viele Definitionen, so viele soziale wie politische Implikationen – man macht unfassbar viele Aussagen über einen Menschen, wenn man ihn als Opfer bezeichnet, aber nicht alle treffen zu. Nicht alle sind angemessen. Viele widersprechen einander sogar oder sind gänzlich fiktional und/oder basieren ausschließlich auf Konstrukten, die man sich aus vielen Quellen, sowohl bewusst als auch unbewusst kreiert hat.

Dies erscheint vielen Menschen, die sich als Opfer einordnen, als Verrat. Als würden wir ihnen ihre Leiden nicht glauben oder vertreten, es gäbe bestimmte Gewaltformen gar nicht. Oder als würden wir Opfer unserer Solidarität nicht für würdig halten.
Das trifft aber nicht zu.
Was wir sagen ist, dass Gewalt nicht nur ist, wenn Täter_innen Menschen zu Opfern machen, sondern dass Gewalt etwas ist, das alle Menschen immer machen und also alle Menschen immer Täter_in und Opfer sind. Und zwar auf so vielen Achsen, dass es unlogisch ist, Opferschaft ausschließlich auf einer Ebene zu definieren und auch nur auf dieser Solidarität zu üben.
Das ist überhaupt niemals eine Aussage darüber, wie unfassbar schlimm oder nicht, egal oder nicht, real oder nicht die Gewalterfahrungen und -taten einzelner Menschen waren oder sind. Es ist lediglich eine Aussage darüber, dass Gewalt alle Menschen immer betrifft.

Dieser Annahme folgen wir konsequent, indem wir Solidarität von allen Menschen fordern und uns in erster Linie auf Gewalt als Instrument der Macht und Macht als stets und ständig umkämpfte Grundressource unserer Gesellschaft konzentrieren.

An der Stelle endet in der Regel jede Diskussion, jede Auseinandersetzung, die wir in der aktivistischen Community führen können. Denn da geht es meistens um ganz konkrete Fragen der Versorgung, der Gesetzgebung, der Strafe, der Anerkennung, der Wiedergutmachung und Entschädigung – und zwar wieder in einem Gewaltkontext, der als solcher niemals angepackt wird, weil man einfach nicht anerkennen will, dass man mit diesen Instrumenten von Gewalt profitiert. Man will das einfach nicht so sehen. Man will Recht und Gesetz, Verwaltung und staatliche, soziale, politische Ordnung für naturgegeben und also unproblematisch halten.
Das ist sie aber nicht. Sie ist das Ergebnis von Macht durch Gewalt und nichts daran ist unproblematisch. Es ist nur für eine Mehrheit der Menschen nicht zum Nachteil, was keine Aussage über die Richtigkeit ist.

Wir haben nach der Veröffentlichung der Podcastepisode auch die Rückmeldung bekommen, dass es erstaunt, dass wir in Bezug auf unsere Erinnerungen unter anderem auch sogenannte „false memories“ annehmen. Diese Haltung hat sich ebenfalls aus dieser Annahme herausentwickelt.
Wir müssten extrem ablehnen, dass wir in den letzten 18 Jahren möglicherweise nicht nur gut und richtig, sondern auch falsch behandelt wurden, dass wir Erlebtes falsch erinnern, aber auch Falsches als erlebt erinnern, wären wir darauf angewiesen, objektiv und zu absolut 100 % Opfer geworden zu sein. Das sind wir aber nicht.
Wir beziehen kein OEG, wir werden zu keinem Zeitpunkt jemanden anzeigen und beim FSM konnten wir alles darlegen, was wir wissen und annehmen und glauben und die Entscheidung über die Glaubhaftigkeit dessen abgeben. Wenn wir uns also täuschen oder getäuscht wurden oder in 20 Jahren erforscht würde, wie man unser Störungsbild auch ohne Trauma durch Gewalterfahrung entwickeln kann, dann haben wir uns weder allein getäuscht noch in irgendeiner Form von einem Status profitiert, der uns nicht zusteht.
Für uns ist das in Ordnung so. Für uns, ganz individuell, ist das entlastend. Wir können uns so ermöglichen, uns ganz auf uns zu konzentrieren. Wir können uns anschauen, was uns belastet und warum und wie genau. Und dann können wir daran arbeiten, es zu verändern. Sogenannte „false memories“ sind keine absichtlich vorgetragene Lügen oder Zeichen für böse Absichten und wir finden es wichtig, dass das endlich auch mal in der Community ankommt.

So viele Viele zerreißen sich oft jahrelang darüber, was von ihrer Erinnerung wahr ist und was nicht. Oft für Autoritäten, die sich für sie als Individuen überhaupt nicht interessieren oder aus einer internalisierten Abwehrhaltung den Annahmen gegenüber, die sie selbst in Bezug auf Opfer haben. Und das ist ein so kraftraubender, so unnötiger Nebenschauplatz.

Es gibt im Leben viele Dinge, die man als wahr oder unwahr einordnen kann. Die Anwesenheit dieser beiden Größen schließt allerdings weder Widerspruch noch Unbeweisbarkeit aus. Es gibt Dinge über die wir heute, hier und jetzt in unserer Lebenszeit nur sagen können, dass es sie gibt und vielleicht noch was sie auszeichnet, aber nicht, ob sie wahr sind oder nicht. Zudem muss man manchmal auch einfach genug Demut aufbringen, sich einzugestehen, dass kein System über sich selbst hinaus wahre Aussagen treffen kann, weil jedes System Wahrheit für sich selbst – und auch nur für sich selbst funktional – definiert.
Welchen Wert und welche Funktionen hat Wahrheit also für uns? Für uns als System „Individuum“, für unser direktes Umfeld und jenes, das uns verwaltet, weil es die Macht dazu hat?

Wir haben festgestellt, dass wir für uns allein, für unser Leben als Individuum, keine objektive Wahrheit brauchen, sondern Strategien nicht unter unseren Wahrheiten zu leiden. Das schließt die Akzeptanz der Möglichkeit, sogenannte „false memories“ zu haben zwingend mit ein und hat uns ermöglicht, diesen unerträglichen Nebenschauplatz zu verlassen.
Eine Strategie, der sich alle berauben, die sich der Thematik verweigern, nur weil sie vom „Feind“ kommt bzw. von ihm missbraucht wird, um Gewalt auszuüben oder zu legitimieren oder zu leugnen.

Kein Schicksal, keine Herzensgüte

„Haben Sie sich gestritten?“, fragt meine Neurologin auf der Suche nach einem Grund für das Ende der Therapie. „Nein, gar nicht“, antworte ich, „Das ist ja das schlimme. Das wär ja einfach.“
Weiter hinten tobt es. Ist wütend, obwohl es überhaupt keinen Sinn hat.

Zwei Tage vorher hatten wir mit der Therapeutin telefoniert. Das war so verabredet, weil ich mit der Wut nicht zurechtkam. Fürchtete, an einem nicht vorhersehbaren Punkt, die Ohnmacht hinter der Wut als unaushaltbar zu empfinden. Weiß, dass ich mich kümmern muss. Verantwortung übernehmen muss. Was in meinem Fall bedeutet, genau nicht zu tun, was das bindungszerstörte Innere will: Dissoziation, Trennung, Vernichtung bis (es) nicht.s mehr ist.
Sie hatte eine lange E-Mail von uns bekommen und war nicht darauf vorbereitet, dass ich mich damit befasst haben würde. Dass ich nicht zulassen würde, dass wir darüber reden. Dass ich ihr keinen Raum für eine Verdrehung unserer Beziehung geben würde – und uns keinen für eine Reinszenierung.

Ich sagte ihr, dass ich glaube, dass sie uns das, was die Inneren sich, uns, von der Auseinandersetzung wünschen, nicht geben kann, selbst wenn sie wollte, weil sie noch zu nah dran ist und ich, Hannah, die funktionale Helfertraumaschale, gar nicht nah genug dran bin. Und dass wir nichts von einer Auf.arbeit.ung mit ihr haben, wenn sie nicht mehr mit uns arbeiten will.
Therapie ist Beziehung, Beziehung ist Arbeit, Arbeit war die Grundlage unseres Kontaktes. Sie hat uns genauso wenig wie viel einen Gefallen damit getan, mit uns zu arbeiten, wie es mir, uns, Kraft gekostet hat, mit ihr zu arbeiten. Es ist ihr Job und meine Existenz. Kein Schicksal, keine Herzensgüte – mein Versuch unser AmLebensein aushaltbar zu machen und all die Unterstützung und Begleitung, die sie bieten konnte. Nicht mehr, nicht weniger und davon vieles, was ich als Erfahrungswissen nie verlieren möchte, gerade weil es kein Geschenk von ihr, sondern das Ergebnis meiner, unserer, Arbeit, unseres Mutes, unserer Anstrengungen ist.

Um einen Rahmen zu spannen, schlug ich vor, in einem halben Jahr einen Termin für einen Abschied zu vereinbaren. Wir sollen sie anrufen, um ihn zu vereinbaren und sind damit wieder die Person, von der alles ausgeht, die vorgeblich alles in der Hand hat, obwohl völlig klar ist, dass das nicht stimmt.

Ich glaube nicht, dass ich diejenige sein werde, die sie in 6 Monaten anruft.

der dritte Sprechstundentermin

Im Zug gehe ich meine Gesprächspunkte noch einmal durch. „Guten Tag“ – „Guten Tag. Die Versichertenkarte bitte“ – „Ja, hier.“ – „Danke, nehmen Sie schon mal Platz.“ – „So. Ja. Was führt Sie denn zu mir?“ – „Ich suche eine neue Therapeutin für mich“ …
In meinem Kopf ist das Gespräch schon da. Ich weiß, was ich sagen muss und halte mich an diesem Wissen fest, damit meine Angst darum, dass dieses Gespräch anders laufen wird, so lange wie möglich unterdrückt bleibt.
Ich habe wirklich Angst. Das fällt mir während dieser Fahrt zum ersten Mal ganz bewusst auf. Es ist keine Furcht. Keine Sorge. Es ist Angst mit allem Zipp und Zapp.

Wir fahren eine neue Station in Hannover an, ich kenne mich dort nicht aus, konnte keinen begleiteten Testvorlauf machen. Von da aus fahren wir mit dem Bus weiter, ich kenne das System der Busfahrer in Hannover nicht. Weiß nicht, ob sie ein Stationsansagesystem haben, ob es Baustellen gibt, ob ich Empfang für mobiles Internet und GPS habe, wo ich aussteigen muss. Werden die Stationen, an denen niemand ein- oder aussteigt, vielleicht überfahren und die Ansage – so es denn eine gibt – und ich sie verstehen kann – kommt falsch? Wie erfahre ich, ob der Bus vielleicht ganz ausfällt? Was, wenn ich es nicht erfahre und die Strecke laufen muss? Dann verspäte ich mich. Kann ich dann noch bei der Therapeutin klingeln? Oder besser anrufen und sagen, dass ich später komme? Was, wenn ich keinen Empfang da habe? Ich schwitze und zittere gleichzeitig.
Bis ich vor der Praxistür stehe, werde ich nicht ein Mal dazu kommen zu prüfen, ob ich das hier eigentlich wirklich will, oder mache, weil ich muss, weil nicht wollen eine Option ist, die ich nicht wählen kann, weil ich nicht weiß wie man sie lebt.

Es ist der dritte Termin über die zentrale Terminvergabestelle und der vierte Kontakt mit einer fremden Person, die Psychotherapie anbietet, seit die Therapie mit der bisherigen Therapeutin zu Ende ist.
Ich bin pünktlich. Habe die Busfahrt geschafft, die Praxis gefunden. Die Tür geht auf, ich trete einer Welle entgegen, in deren Wasser ich die nächste dreiviertel Stunde rumschwimme. Ich finde Halt in meiner Vorbereitung, kann die Satzteile, die die Therapeutin sagt, erkennen und daran ableiten, wo im Verlauf des Gespräches wir sind. Trotzdem denke ich die ganze Zeit an den Film „Titanic“ und daran, dass ich bei der bisherigen Therapeutin irgendwann immerhin eine Tür hatte, auf die ich klettern konnte, wenn mich das schwimmen erschöpft hat.

„Was haben Sie denn für Beschwerden?“, fragt sie, „Ich habe keine Beschwerden, nur Symptome“ antworte ich und merke keine Sekunde später, wie ich wieder in eine Sprachfalle tappte, die ich schon ganz genau kenne. Jetzt zieht auch noch mein Selbsthass an mir und jede weitere Frage, jeder noch so banale Punkt wird schwieriger. Krankheiten, Medikamente, frühere Diagnosen, das plötzliche Ende der letzten Therapie.
Da kommt die Wut wieder. Die Wut auf die Therapeutin, auf die Umstände, die Wut auf mich, für alles und alle immer Verständnis und Mitgefühl zu haben, außer für meine Wut, keine Unfähigkeit nicht mehr zu wollen, meine Überforderung und Angst, dass das für immer so bleibt. Das hier ist aber nicht der Ort und auch nicht der Zeitpunkt darüber zu reden. Bald. Irgendwann.
Vielleicht kann es einen Termin mit der letzten Therapeutin geben, in dem wir darüber reden können. Über meine Wut und meine Überforderung damit, anderen Menschen die Frage zu beantworten, warum sie unsere Arbeit beendet hat.

„Wie sind Sie aufgewachsen?“, fragt sie. Ich weiß es nicht.
Und ich weiß einfach nicht, wie ich diese Frage beantworten soll. Welches Aufwachsen meint sie denn? Und welche Qualitäten beschreibt man denn für ein Aufwachsen? Ich weiß nicht, wonach ich in meinem nebligen Erinnern fischen soll und verstehe generell einfach nicht, wozu diese Frage wichtig ist. Ich habe ihr bereits gesagt, dass ich mich nicht an meine Kindheit und Jugend erinnere bzw. dass sich das, was ich erinnere, nicht wie von mir erlebt anfühlt. Wofür also die Frage nach dem Aufwachsen?
„Und wie war die Beziehung zu ihrer Mutter?“, fragt sie. Da merke ich, wie fremd mir vorkommt überhaupt eine Mutter zu haben. Dass ich eine Beziehung haben könnte, aber keine mehr habe, nachdem ich jahrelang versucht habe eine zu entwickeln und die, die sie zu mir hat zu verstehen.
Ich löse mich auf. Es ist zu viel, ich bin am Ende. Der Termin aber auch.

Sie gibt uns alle nötigen Zettel mit. Ein PTV 11-Formular, einen Konsiliarbericht, eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung. Sogar eine Vorlage zum Antrag auf Leistungen über das Kostenerstattungsverfahren.
Als ich draußen bin, weine ich. Vielleicht vor Erleichterung. Mit diesen Zetteln habe ich alles, was ich für das Kostenerstattungsverfahren brauche. Vielleicht hab ichs jetzt geschafft. Vielleicht kann ich mich bald ganz darauf konzentrieren, ob die Therapeutin mit Kapazitäten und ohne Kassensitz, die wir gefunden haben, gut zu uns passt.
Vielleicht kann ich bald verarbeiten, was diese Termine bei mir aufgewühlt haben. Vielleicht kann es bald nicht mehr weh tun, dass es so ist, wie es ist.